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LUZERN1/2010lokalPro Natura Luzernerhält den «Lebensraumpreis 2009»


2 IM FOKUSQuerdenker für die Natur –leise, aber beharrlichDer Lebensraum-PreisUnter dem Motto «quer» fördert undanerkennt die Stiftung «Luzern –Lebensraum für die Zukunft» seit1992 Initiativen und Leistungen, die– Zitat – «etwas quer in der Landschaftstehen». Preiswürdig seien«Projekte, die das Lebendige, Kreativeumsetzen wollen» sowie «Querköpfe,die risikofreudig das Ungewohntewagen» und «mit querenIdeen sich selber und andere herausfordern».Die Stiftung verleiht ihrenLebensraum-Preis seit 1992. Siewurde im Jubiläumsjahr 1991 (700Jahre Eidgenossenschaft) durch denRegierungsrat gegründet und ist seitherunabhängig tätig.Pro Natura Luzern ist die 16. Organisationbzw. Person, die mit demPreis ausgezeichnet wird. Die Preissummevon 30000 Franken fliesstlaut Präsident Stefan Lauber in dieProjektarbeit im Seetal. Erste Preisträgerwaren 1992 die LuzernerBiobauern und Ständerätin JosiMeier; später kamen so unterschiedlichePersonen und Einrichtungenwie der Theologe und SozialarbeiterSepp Riedener (Luzerner Gassechuchi),das Luzerner Tauschnetzoder der Entlebucher Kunstvereinzu Ehren.Pro Natura Luzern gelinge es,die Interessen der Natur und ihrerNutzer zu versöhnen, meintdie Stiftung «Luzern – Lebensraumfür die Zukunft». Sie hat ihrdeshalb den Anerkennungspreis2009 verliehen. Die Übergabefeierfand am 8. November in Baldeggstatt, weil das Wirken von ProNatura im Seetal beispielhaft zumAusdruck komme.Pro Natura Luzern werde für ein Wirkengewürdigt, das immer wieder sichtbareSpuren hinterlasse, ohne dabei vielAufhebens zu machen, sagte StiftungsratspräsidentBeat Bucher. «Ein Wirken,das den öffentlichen Raum massgeblichmitgestaltet, ohne dabei grosseöffentliche Aufmerksamkeit anzustreben;ein Wirken, das über die vielenJahre so selbstverständlich gewordenist, dass es an der Zeit ist zu sagen, wiewenig selbstverständlich, ja, wie queres im Grunde ist.» Dafür, solches öffentlichzu sagen, sei die Lebensraum-Stiftung da (siehe Kasten).Ein Auslaufmodell?Der Baldeggersee gehört Pro Naturaseit 1940; er ist gesamtschweizerischihr grösstes Schutzgebiet. Bucher hobinsbesondere hervor, wie der Verbandseine Anwaltschaft für die Natur wahrnehme:«Nicht einfach im heroischenAlleingang, sondern gemeinsam mitMenschen, die diesen Lebensraumebenfalls nutzen wollen, manchmal indurchaus entgegengesetzter Absicht.Zusammen mit Exponenten aus Landwirtschaft,Gemeinden und Kantonschafft es Pro Natura Luzern, die verschiedenenInteressen in eine Art Gesamtkunstwerkrund um den Baldeggerseeüberzuführen.»Präsident Stefan Lauber bedankte sichfür die Ehrung mit einem Satz, den erwohl ebenso ironisch wie optimistischverstanden wissen wollte: «Sie investierenheute in ein Auslaufmodell»,wandte er sich an den Stiftungsrat, in20 Jahren brauche es gemäss einer vonPro Natura in Auftrag gegebenen Studiekeine Naturschutzorganisationenmehr. «Dann regelt alles der Markt.»Schön wärs. Dabei wirft die Natur füreinen Bruchteil der Beihilfen, wie sieder Staat derzeit der Wirtschaft zukommenlässt, eine ungleich grössereRendite ab. Was Niklaus Troxler, Geschäftsführervon Pro Natura Luzern,anhand seiner wunderbaren Bilder ausdem Ronfeld, am Südufer des Baldeggersees,bewies. Hier ist binnen wenigerJahre ein ungemein vielfältiger Lebensraumentstanden. 110 Vogel-, 40Libellen-, 7 Amphibien- und 3 Reptilienartenhabe er nebst Dutzenden seltenerPflanzen hier mittlerweile gezählt.«Sensationell» sei dies, sagteTroxler, «und das auf nur drei Hektaren».Dies beweise, wie viel sich mitverhältnismässig wenig Land und Mittelnbei geeigneter Umgestaltung erreichenlasse.Ein See, der Ruhe ausstrahlt«Ein Quantum Querköpfigkeit» freilichbrauche die konsequente Arbeiteiner Naturschutzorganisation schon,sagte Adrian Borgula, Kantonsratspräsidentund Biologe, in seiner Laudatio.Pro Natura sei die Garantin dafür,dass der Baldeggersee kein Rummelplatzwerde und von der Bevölkerungtrotzdem angemessen genutzt werdenkönne. «Wenn ich mir das Seetal vorstelle,habe ich immer als Erstes denSee vor Augen und fühle dann die Ruhe,die von ihm ausgeht. Ich denke, dasgeht vielen so.» Wer wollte, hörte ander Preisübergabe auch die mahnendenWorte – angesprochen waren damitvorab die recht zahlreich anwesendenGemeinde- und Kantonspolitikerinnenund -politiker (Laudatio im Wortlautauf den Seiten 4 bis 7).


4 IM FOKUSLaudatio von Adrian BorgulaBruchwasserläuferKurzgranniger FuchsschwanzAm 8. November 2009 wurde ProNatura Luzern der mit Fr. 30 000.–dotierte Lebensraum-Preis 2009überreicht. Die Stiftung Luzern –Lebensraum für die Zukunft – würdigtedamit das Engagement vonPro Natura Luzern im Seetal. AdrianBorgula, Biologe und Kantonsratspräsident,hielt die Laudatio.Sehr geehrte Damen und HerrenSehr gerne habe ich die Anfrage der«Stiftung Luzern – Lebensraum für dieZukunft» angenommen. Auf ihrer Suchenach Querköpfen, die im Kanton Luzernetwas bewegen und im besten Sinne«anstössig» sind, hat die Stiftung einmalmehr eine ausgezeichnete Wahl getroffen.Ich darf diese Laudatio in doppelterFunktion halten: Als Kantonsratspräsidentmöchte ich den PreisträgerInnenGratulation, grosse Anerkennung unddie besten Wünsche des Luzerner Kantonsparlamentsüberbringen. Wir sindfroh und dankbar für alle Aktivitäten,die den Kanton Luzern als Lebensraumfür die Zukunft vorwärtsbringen. Als Naturschutzbiologestehe ich beruflich undpersönlich den Geehrten nahe.Organisationen sind Ideen getragen vonMenschen, die zusammen etwas erreichenwollen. Diese Laudatio soll ProNatura Luzern und das Projekt «KulturlandschaftKULA Seetal» anhand vondrei Personen ins Licht stellen. Wennich dabei am längsten bei Niklaus Troxlerverweile, dann ist das keinesfalls einVerkennen der Verdienste aller anderen,sondern gründet darin, dass ich ihn schonseit 37 Jahren kenne, dass er exemplarischfür modernen Naturschutz steht,vor allem aber, dass er es verdient, einmalbesonders hervorgehoben zu werden,gerade weil er es überhaupt nichtdarauf angelegt hat.Die Anstellung Niklaus Troxlers alsers ter Geschäftsführer von Pro NaturaLuzern fällt in eine Umbruchzeit desNaturschutzes. Entzündet durch die Rothenthurm-Initiative,setzte sich damalsnaturschutzintern in hitzigen Diskussionendurch, dass es nötig und konsequentwar, auch politisch und öffentlichPosition zu beziehen. Gleichzeitig wurdeerkannt, dass eine gewisse Professionalisierungunumgänglich war, um demanhaltenden Verlust von Lebensräumenund Arten mehr entgegenzusetzen.Niklaus Troxler ist ein Mann mit grosserBeharrlichkeit, die seinem tiefen Engagementfür die Sache der Natur entspringt.Angesichts einer manchmalüberwältigend erscheinenden Gegenentwicklungbraucht es Ausdauer und einedicke Haut, aber auch die Fähigkeit offenund kooperativ in Verhandlungen zugehen, sich die Offenheit für das Gegenüberund für neue Ideen zu bewahren.Niklaus Troxler tut dies.Die Kraft dazu schöpft er aus Quellen,die ich für exemplarisch halte, fürviele, die im Naturschutz arbeiten. Erstensist da die tiefe Überzeugung, dassder Mensch bei seinem Wirken Rücksichtnehmen muss auf alle die anderenMillionen Arten, mit denen er diese Erdeteilt, dass er kein Recht hat, diesen dieLebensgrundlage zu entziehen, und dassdie ausgeprägte Fähigkeit und Freiheit,zu denken und Einsicht zu haben in dieFolgen des eigenen Tuns, entsprechendeVerantwortung fordert. Zweitens ist Naturschutznicht nur Defensive, sondern inunserer stark ausgeräumten Landschaftganz entscheidend auch mit Neuschaffungund Wiederherstellung naturnaherLebensräume und Prozesse beschäftigt.Das ist konstruktiv und motivierend.Und drittens ist es ein unheimliches Faszinosum,die Kraft der Natur mitzuerleben,ihre Schönheit, Bewegung und Ruhezu geniessen. Besondere Befriedigunggibt es, wenn man selber viel dazu beigetragenhat, dass diese natürlichen Prozesseerhalten blieben oder wieder inGang kommen. Das geht dem Bauern,


IM FOKUS 5der Bäuerin auf dem Feld nicht anderswie Niklaus Troxler im Ronfeld – unweitvon hier gelegen: Das beste Beispiel, wieim Seetal aus einer artenarmen Fettwieseein reich blühender, ungemein vielfältigerLebensraum entstehen kann. VieleStunden verbringt Niklaus Troxler hier.Er hat in vielen Schutzgebieten schonSpuren hinterlassen, aber in den letztenJahren ist das Ronfeld zu seinem speziellenAugapfel geworden. Ruhe im Ausgleichzu einer oft aufreibenden beruflichenTätigkeit.Mit der Fotografie hat Niklaus Troxlerdie Möglichkeit gefunden, seine Faszination,seine Liebe zum Detail auch anderenMenschen erlebbar zu machen.Niklaus Troxler ist ein grosser Naturschutzpraktiker.Dass er gerne kräftigeMaschinen bedient und den Lastwagenausweisbesitzt, passt nicht ins oberflächlicheCliché des «handgelismeten»Naturschützers. Das ist gut so. In den Umbruchjahrenwurde klar, dass Naturschutznicht nur den Schutz der Relikte der Naturlandschaftzum Ziel haben kann. Erhaltungder Biodiversität bedeutet auch, dasswertvolle Elemente der traditionellen Kulturlandschaftgesichert werden müssen,was aber meist nur geht, wenn eine angemessenePflege aufrechterhalten werdenkann, nachdem die Landwirtschaftdas Interesse an der extensiven Nutzungund die Arbeitskräfte dafür verloren hatte.Damit war aus der Notwendigkeit dieReservatspflege geboren. Niklaus Troxlerhat viele Pflegearbeiten angestossen oderselber durchgeführt.Naturschutz ist kein fertigesKonzeptSchutzziele und Strategien müssen immerwieder kritisch überprüft, diskutiertund präzisiert werden. Auch wenndie naturschutzbiologische Forschung inder heutigen Forschungslandschaft leiderschon selbst sozusagen eine Art derRoten Liste ist, da rein ökonomisch andereForschungsfragen scheinbar lukrativersind, wissen wir heute über die Biologieseltener und gefährdeter Populationendoch ein bisschen mehr und könnenSchutz- und Pflegekonzepte präzisieren.Da in der Schweiz die Schutzgebiete besondersim Mittelland inselhaft auf ganzkleine Flächen reduziert sind und unterdieser Isolation auch zusätzlich leiden,müssen wenigstens diese optimal gestaltetund gepflegt sein und besser vernetztwerden, damit ihr Wert erhalten bleibt.Niklaus Troxler ist nicht einer, der «immerschon gewusst hat, wie es geht»,sondern immer darauf bedacht, neue Erkenntnisseaufzunehmen und praktischumzusetzen.Als zweite Person möchte ich BrunoMuff hervorheben. Er war der erste Geschäftsführervon Pro Natura Seetal. Alsunabhängiger, innovativer Denker undausgezeichneter Kommunikator hat er einenGrundstein gelegt zum Projekt KU-LA Kulturlandschaft Seetal. Naturschutzhatte früher manchmal unter dem «Käseglockenssyndrom»gelitten: Ein Gebietwurde unter Schutz gestellt ohne vielRücksicht auf die Beteiligten und ohnePerspektive, wie es weitergehen soll.Dies galt es aufzubrechen, die Direktbeteiligtenmit einzubeziehen, den Gedankender Förderung der Biodiversität vonden kleinen Reservaten zu lösen und aufdie ganze Landschaft inklusive die Siedlungenauszudehnen. Bruno Muff kannwie sein Nachfolger Roger Hodel sehrgut auf die Landwirtinnen und Landwirtezugehen und gemeinsam Projekteentwickeln, mit denen sich schliesslichalle Beteiligten identifizieren können.Das Projekt heisst ja bewusst nicht Naturlandschaft,sondern KulturlandschaftSeetal. Das entspricht der Realität unddem partnerschaftlichen Ansatz. Zudemlehrt uns die Ökologie, dass die Quelleeiner Beeinträchtigung oft weit entferntliegt. So helfen die Retentionsweiher anden Talhängen der Gesundung des Baldeggerseesund sind selber wiederumwertvolle Lebensräume.LungenenzianBruno Muff ist einer, der sehr engagiertin verschiedenen Welten daheimist. Mit seinem Bruder leitete er ein innovativesKartografie-Unternehmen, dasschliesslich so erfolgreich war, dass esvon Google aufgekauft werden musste.Dass er jetzt Bauer in Weggis gewordenist, macht ihn zum Quereinsteiger in dieLandwirtschaft. Was auf den ersten Blicküberraschen mag, ist durchaus auf der Linie.Und es gibt im ganzen Seetal heutewohl kaum einen Obstgarten, der seinemdreihundertköpfigen das Wasser oder,sagen wir mal, den Most reichen kann.Als dritte zentrale Figur nenne ich RogerHodel, der die Seetaler Geschäftsstelleseit bald 10 Jahren führt. Er istein sehr begeisterungsfähiger, bodenständigerund ideenreicher Mensch, einer,der anpackt, der Schwung hat undgerne Projekte von der Planung zur Umsetzungbringt. Einer, der die Ausdauerhat, die Ideen auch durchzuziehen. Unterseiner Ägide hat das KULA-Projekt


6 IM FOKUSdie Konsolidierungsphase erreicht. Erbeschrieb vor kurzem, dass Pro Naturaim Seetal von vielen mittlerweile alsPartnerin betrachtet werde: Das ist auchsein Verdienst. Und zur Kulturlandschaftgehört eben auch Kultur auf der Landschaft,z. B. Theater: Roger Hodels Darstellungdes Querkopfs Dällebach Kariim Theater Altishofen war eindrücklich.SumpfheidelibelleEin Quantum Querköpfigkeit brauchtdie konsequente Arbeit in einer Naturschutzorganisation.Man muss sich rechtoft quer zum Strom stellen. Die Organisationensind Anwältinnen einer Natur,die ihre eigenen Ansprüche nicht selbervertreten kann. Es braucht Mut, mit einerEinsprache im medialen Gegenwindzu stehen. Ich kenne keine und keinen,die/der solches gerne macht. Im Gegenteil.Mit einer Einsprache etwa gegendie Auswüchse des an und für sichspannenden Kultur-Projekts Tempelhofin Uffikon holt man sich keine Lorbeeren,aber wahrscheinlich Recht, wie meistens,wenn sich die Organisationen zueiner Einsprache entscheiden. Und immerwieder gegen die unsäglichen undbösartigen Unterstellungen anzukämpfen,dass die Organisationen Einsprachengegen Geld zurückziehen würden, kannschon ermüden. Es ist halt manchmalso, dass die Überbringerin der schlechtenNachricht – bedrängte Landschaft,bedrohte Artenvielfalt – anstelle der VerursacherPrügel bezieht. Das Beschwerderechtist wirkungsvoll für die Durchsetzungvon Umweltnormen, vor allempräventiv, denn der Respekt vor der Einsprachemöglichkeitlässt manchen Projekterarbeiterdie gesetzlichen Vorgabengenauer beachten oder die Organisationenschon von Anfang an mit einbeziehen.Die Umwelt- und Naturschutzgesetzesind ja nach wie vor wesentlichschärfer als die Umsetzung.Naturschutzorganisationen und lokaleGruppen sind für mich die Flaggschiffeim Naturschutz: Sie segeln voraus, nehmenImpulse von Interessierten und Naturschutzfachleutenauf, zeigen Notwendigkeitenauf und setzen sie um. Siekönnen dies aber nicht flächendeckendtun. Naturschutz ist Sache der Kantone.Flächendeckend sind sie verantwortlichund übernehmen oft diese Vorarbeit derOrganisationen oder wenigstens die Finanzierung.Aber unter der Finanzknappheitder öffentlichen Hand – im KantonLuzern mit Steuersenkungen immerwieder künstlich angeheizt – besteht diegrosse Gefahr, dass staatliche Aufgabenan private Organisationen oder Gemeindenausgelagert werden. Zudem gibt esinnerhalb der Verwaltung widerstreitendeInteressen, wobei Naturschutz nichtdie stärkste Position hat. Nicht minderwichtig ist der Beitrag der Naturschutzorganisationenin der Öffentlichkeitsarbeit,in der Jugendarbeit und in der Begeisterungder Menschen für die Natur.Ich habe einmal eine Übersichtsfotodes Seetals aus den 1930er-Jahren gesehen:Unglaublich! Da war den Hängenentlang ein durchgehender Obstbaumwaldzu sehen, aus dem vereinzelteKirchtürme ragten, im Tal die offeneGraureiherRiedlandschaft. Dahin zurück gehen wirnicht mehr. Aber die typischen Elementeaus der Naturlandschaft – See, Verlandungsmoore,Fliessgewässer, Wälder,Tobel – und aus der traditionellen artenreichenKulturlandschaft – Streue- undMagerwiesen, Hecken, Hochstammobstgärten– sind die Richtschnur für die Naturschutzarbeit.Deshalb hat Pro NaturaSeetal mit Beharrlichkeit und guter Zusammenarbeitmit allen Beteiligten inden letzten 13 Jahren an beiden SeeendenFeuchtgebiete aufgewertet und wiedergeschaffen, 3000 Hochstammobstbäumegepflanzt, sich kritisch mit derzu rigorosen Feuerbrandbekämpfungauseinandergesetzt, die Baldeggersee-Ufer wieder aufgelichtet, 3 KilometerHecken gepflanzt oder Most-Marketingbetrieben. Deshalb ist es richtig, dass ProNatura den Baldeggersee nicht verkauft.Sie ist Garantin, dass dieser kein Rummelplatzwird und von der Bevölkerungangemessen genutzt werden kann. Wennich mir das Seetal in Gedanken vorstelle,ist immer zuerst der See und dann die


IM FOKUS 7Ruhe auf dem See. Ich denke, das gehtvielen so. Der mittlerweile abgewehrteKaufangriff des Kantons war doppelzüngig,denn derzeit verkaufen Regierungund Parlament grundsätzlich alles,was nicht niet- und nagelfest ist. Und10 Millionen oder wie viel auch immerauszugeben, um dann dasselbe zu garantieren,was Pro Natura schon von sich ausmacht, klingt in den Ohren eines Sparpaketgeeichten Politikers nicht wirklichglaubwürdig. So viel Sozialverantwortlichkeit,wie Pro Natura für ihr Eigentumzeigt, würde ich mir von anderen Landeigentümernauch wünschen. Und suchenSie den Landeigentümer, der trotz«Eigenbedarf» die Mieterinnen, wie inden Familiengärten Ronfeld, rücksichtsvollnoch acht Jahre lang weiter gärtnernlässt, damit sie ausreichend Zeit haben,etwas anderes zu finden!Wer Bauzonen sät, erntet Verkehr und Zersiedelung.Das Seetal setzt auf Wohntal.Gemeint sind nicht diejenigen, die schonda sind, sondern ZuzügerInnen sollen angelocktwerden, vor allem reiche. Parlamentund Verwaltung stützen diesenWeg, obwohl er eigentlich nicht mit denGrundsätzen des Bundes für die Neue Regionalpolitikvereinbar ist. Im ländlichenRaum wären Nachhaltigkeit und regionaleWertschöpfungsketten gefordert undnicht Villen- und Einfamilienhauszonen.Landschaftsschutz und haushälterischerUmgang mit dem Boden sind im KantonLuzern in der Praxis leider an einem kleinenOrt geschrieben. Im Standortwettbewerbdroht die Qualität, mit der man sichselbst anpreist und definiert, geopfert zuwerden. Die baldige Eröffnung der AutobahnKnonaueramt ist für die Landschaftdes Seetals ein Trauertag, für den Klimaschutzsowieso. Da ist es äusserst wohltuend,gibt es mit Pro Natura im Seetal eineKraft, die sich kritisch querstellt undbeharrlich mit der Vision einer naturnahenLandschaft und eines zukunftsfähigen Lebensraumsdagegen hält, konstruktiv «anstössig»bleibt.Was Pro Natura besonders auszeichnet,ist die unspektakuläre und beharrlicheArt, mit der sie ihre gemeinnützigenZiele verfolgt. KULA Seetal isteine langfristige Sache. Kein schneller,mediengerechter Erfolg, wenig «action».Nicht, dass solches nicht auch mal wichtigwäre. Pro Natura hat mit dem VorzeigeprojektRonfeld das Wesen der Naturernst genommen: Ruhig auf das Landschafts-und Regionstypische setzen, dieVoraussetzungen für natürliche Prozesseschaffen, aber es selber werden lassen.Selbstorganisation als Prinzip. Selbstverständlichmit der ausreichenden Pflege,wo nötig.Klar, in der Natur wirken oft auch gigantischeKräfte wie in den Flussauen.Der Mangel an landschaftlicher Dynamikist heute ein grosses Problem imNaturschutz. Ich gehe aber davon aus,dass das Seetal auch natürlicherweise zuden eher ruhigen, sanften Landschaftengehört. Das Einzugsgebiet ist klein, dieHügel sanft. Die Ron ist nur selten einFurcht erregendes Gewässer. Eine Dynamikist aber noch da: Der See ist – eineRarität in der Schweiz – noch unreguliert,was ihm viele spezialisierte undgefährdete Arten danken.Und wenn ich der Landschaftsvisionnoch etwas hinzufügen darf: Ich träumevon ausgedehnten, unzerschnittenenRiedebenen an beiden Seeenden. Die Voraussetzungensind eigentlich sehr gut.Ich wünschte mir die Schliessung derStrasse Baldegg–Nunwil, damit am südlichenSeeende Ruhe einkehrt, Tiere ohneGefahr ihre Wanderungen vollziehenkönnen. Und wie wäre es, die Strassean der Westseite des Sees auf den Zubringerverkehrzu beschränken, bevores zu spät ist. Die 5000 Amphibien, dieam nördlichen Seeende auf dem Weg zuden Laichgebieten über die Strasse wandernund seit zwei Jahren von Freiwilligengeschützt werden, hätten wieder einetwas gefahrloseres Leben. Keine Inselträume,sondern der Traum der Wiedervernetzung.Hinter Pro Natura Seetal stehen nochviele andere, etwa Bruno Jans als KULA-Mitstreiter der ersten Stunde, Jörg Baumannals langjähriger Präsident von ProNatura Luzern, Heinz Bolzern als naturschutzfachlicherIdeengeber, Ueli Berchtoldals Partner bei Pro Natura Schweizoder Brigitt Brünisholz als Organisatorinder Amphibienrettungen von Ermensee,um nur einige wenige «Anstössige»zu nennen. Pro Natura ist viel Ehrenamtlichkeitund eine Idee, für die es sich einzusetzenlohnt. Ich beglückwünsche dieStiftung «Luzern – Lebensraum mit Zukunft»für die Anerkennung dieser Idee,gratuliere den PreisträgerInnen und dankeallen Beteiligten herzlich!EisvogelSchwebfliege auf Teufelsabbiss


8 LANDSCHAFTSSCHUTZKeine Schlaumeiereiauf Kosten der LandschaftHinweisDie Generalversammlungfindet am Mittwoch, 5. Mai2010, statt.2010 InternationalesJahr der BiodiversitätPro Natura Luzern engagiert sichu. a. an folgenden Tagen für dieseKampagne:Sonntag, 30.5. in HochdorfSamstag, 26.6. in Vitznau/WeggisMittwoch, 15.9. in WillisauNähere Einzelheiten finden Sie unterwww.pronatura.ch/luImpressumMitgliederzeitschrift vonPro Natura LuzernErscheint 3–4-mal jährlichTitelbild: BaldeggerseeFoto: Roger HodelDie Bilder auf den Seiten 4–7 stammen vonNiklaus Troxler, aufgenommen im Ronfeldbei Hochdorf. Sie bildeten einen Bestandteilder Preisverleihung.Herausgeberin:Pro Natura LuzernGeschäftsstelle:Mühlemattstr. 28, 6004 LuzernTel. 041 240 54 55,Postkonto 60-17029-7www.pronatura.ch/luE-Mail: pronatura-lu@pronatura.chRedaktion und Gestaltung:Karin Voegelin, Niklaus TroxlerDruck und Versand:Schlaefli & Maurer AG, 3800 InterlakenAuflage: 4500Die Gemeinde Dagmersellen willin der Landwirtschaftszone eineSonderbauzone schaffen. Pro NaturaLuzern und die SL haben gegendiese Pläne Einsprache erhoben.Einst war der Tempelhof, nordöstlich vonUffikon in der Gemeinde Dagmersellengelegen, ein Bauernbetrieb, vor derHaustüre die besten Böden des KantonsLuzern, ein Kapital für den Bewirtschafter.Dann zog Bernhard Zemp auf seinemHof einen Kulturbetrieb auf, veranstaltetezonenfremde Ausstellungen undAnlässe. Die Gemeinde Dagmersellenbewilligte diese befristet und als Ausnahmen.Türöffner zum WildwuchsDoch jetzt will die Gemeinde einenSchritt weitergehen: So soll innerhalb derLandwirtschaftszone ohne Anbindungan bestehende Baugebiete die Sonderbauzone«Erli» von 6,5 Hektaren Grösseeingerichtet werden. Damit will derEigentümer noch mehr kulturelle Anlässerealisieren und Wohnfläche von 400Quadratmeter Grösse schaffen können.Gegen diese Zonenplanänderung habenPro Natura Luzern und die StiftungLandschaft Schweiz (SL) rekurriert. Diebeiden Organisationen sehen nicht ein,weshalb für ein Einzelinteresse besterAckerboden geopfert und weshalb einnegatives Signal in Sachen Raumplanunggesendet werden soll. Denn mitder Schaffung einer Sonderbauzone öffnetsich die Türe zum Wildwuchs in derRaumplanung ein grosses Stück – nichtnur im Kanton Luzern, sondern schweizweit.Pro Natura gehe es nicht gegen Kulturschaffende,aber auch sie hätten sichan geltendes Recht zu halten, begründetNiklaus Troxler, Geschäftsführer von ProNatura Luzern, die Einsprache.Regierung setzt sich über StellungnahmenhinwegMit ihrer Kritik an der Umzonung stehenPro Natura und die SL nicht alleineda. Auch die involvierten Amtsstellendes Kantons äusserten sich negativdazu. Sie bemängelten insbesondere denverschwenderischen Umgang mit demBoden, dass die Sonderbauzone bis anden Waldrand reicht, eine Grundwasserschutzzoneberührt sowie ein Landschaftsschutzgebietin der GemeindeDagmarsellen beeinträchtigt. Gegen dieUmzonung protestieren auch Nachbarn.Sie beklagen sich über Lärm, zunehmendenVerkehr und auch darüber, dassmit der Sonderbauzone eine Rechtsungleichheitgeschaffen wird.Brisant: Das Departement für Bau-, Umwelt-und Wirtschaft schlug die ablehnendenStellungnahmen seiner eigenenFachstellen in den Wind. Der vom zuständigenRegierungsrat Max Pfister unterschriebeneBericht begründet nichteinmal, weshalb er vom Urteil der Fachstellenabweicht. Der Vorprüfungsberichterwähnt zwar die kritischen Punkte, berücksichtigtdiese jedoch nicht und verzichtetdarauf, die verschiedenen Interessenabzuwägen.Kampf gegen ZersiedlungIn der Schweiz wird pro Sekunde einQuadratmeter Boden verbaut. Damitwird auch der Lebensraum von Tierenund Pflanzen immer kleiner. Pro NaturaLuzern setzt sich deshalb dafür ein, dassmit der Ressource Boden, besonders demunverbauten Landwirtschaftsland, sorgfältigumgegangen wird.Peter Rüegg

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