1 Berlin, den 11. Dezember 2012 P. Frido Pflüger ... - Jesuitenmission

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1 Berlin, den 11. Dezember 2012 P. Frido Pflüger ... - Jesuitenmission

Das Lager Melkadida in Dollo AdoIn meinem letzten Rundbrief hatte ich von den Anfängenunseres neuen Projektes in Dollo Ado (Äthiopien) mit densomalischen Flüchtlingen berichtet. Die Zahl derFlüchtlinge ist seither immer weiter gestiegen und es sindinzwischen etwa 175.000 in 5 Lagern. Das Projekt ist mitIhrer Hilfe sehr schnell gewachsen und kann nun denMenschen helfen, in dieser Wüstengegend zu überleben.Da etwa 70 % der Leute im Lager Melkadida unter 18Jahre alt sind, haben wir uns auf Jugendarbeitkonzentriert: sportliche Aktivitäten („Melkadida ChampionsLeague“), kulturelle Tänze und traditionelle Lieder,Schneider-Kurse, und sehr gefragt: Rechen- und Schreib-Kurse. Die Menschen sind sehr glücklich darüber, dass es dieseMöglichkeiten gibt, da dadurch das Leben im Lager auch etwassinnvoller gestaltet werden kann. Die Situation hat sich in Somalianicht verbessert. Es herrscht nach wie vor Bürgerkrieg. DieMenschen im Dollo Ado-Gebiet müssen sich also noch auf sehrviele Jahre Lagerleben einstellen. Nach den aktuellen UN-Erhebungen ist die durchschnittliche Zeit eines Lagers 20 Jahre!!Kinder vor ihrer UnterkunftAuch Männer müssen nähen könnenNeue PrimarschuleDie große Halle bietet Schutz vor der SonneJugend-TreffEs ist eine riesige Herausforderung in einer solch unwirtlichen Gegend ohne gutes Straßennetz,ohne größere Städte in der Nähe, wo man einkaufen kann, solche Gebäude zu errichten.Jesuiten-Flüchtlingsdienst, Witzlebenstr. 30a, 14057 Berlin; www.jesuiten-fluechtlingsdienst.deOffice phone: 030 32602590; e-mail: pflueger@jesuiten-fluechtlingsdienst.de; www.facebook.com/fluechtlinge3


Ein guter Anteil der Spenden ging auch nach Kampala, Uganda. Dort arbeiten wir ja seitJahrzehnten schon mit den sogenannten städtischen Flüchtlingen, mit Menschen also, die es direktin die Großstadt verschlagen hat. Und es kommen immer neue Menschen nach Kampala. Vor vielenJahren kamen die Menschen aus Ruanda, dann ausdem Sudan; und immer mehr kommen aus demKongo. Der Ost-Kongo ist ein Krisengebiet, das immerwieder neu von sich reden macht durch seine vielenRebellengruppen, die durch die Zentralregierung nichtbefriedet werden können. Zu viele Interessen, auchder benachbarten Länder, an dieser rohstoffreichenRegion lassen die Menschen nicht zur Ruhe kommen.Gerade jetzt sind wieder Zehntausende Menschen aufder Flucht vor der Rebellengruppe M23. Und vieleverschlägt es dabei nach Kampala. Wir unterstützendie Menschen dort mit Sprachkursen in Englisch, mitGrundausbildungen, wie sie sich einen Lebensunterhaltverdienen können, mit Nahrungsmitteln für eineLebensmittelausgabe an neu angekommene Flüchtlinge inKampalaÜberbrückungszeit. Und es ist sehr schwierig, dafürSpender zu finden, da für viele diese langfristigenProgramme nicht „attraktiv“ sind. Daher habe ich einenTeil Ihrer Spenden nach Kampala gegeben, um diesen Menschen zu helfen.Wenn Sie diesen Rundbrief erhalten, dann sind alle unsere Projekte im Südsudan geschlossen.Fünf Jahre lang haben wir mit den Rückkehrern aus Uganda, Kenia und Kongo in den Gebieten vonYei, Kako Keji, Nimule und Labone mitgeholfen, ein gut funktionierendes Schulsystem auszubauen.Dies ist jetzt keine Flüchtlingsarbeit mehr, deshalb haben wir nach einem langen und gutdurchdachten Übergabeprozess unsere Projekte an die staatlichen oder kirchlichen Stellenübergeben, die jetzt weitermachen müssen. Einige 100.000 Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnenund Lehrer haben von unserem Einsatz profitiert. Sie werden ihr Land, den Südsudan wiederaufbauen - daran habe ich keinen Zweifel. Vielleicht erinnern Sie sich noch an Florence, die seit2005 von uns in Adjumani gefördert wurde. Ich hatte mehrfach über sie berichtet. Letztes Jahr hatsie ihr Studium der Agrikultur erfolgreich beendet und arbeitet jetzt mit einer großen Hilfsorganisationin ihrem Land, um die Menschen zu einer effektiven Landwirtschaft zu befähigen. Und inzwischenunterstützt sie mit ihren 24 Jahren selber junge Menschen, die sich sonst eine Ausbildung nichtleisten könnten. Eine geglückte Förderung!Florence beim Vortrag Florence (3.vl) mit Kursteilnehmern Es gibt noch viel zu tun!Seit 1. September bin ich in Berlin und arbeite dort ebenfalls wieder mit dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst. Wir sind ein Team von 5 Hauptamtlichen (meist Teilzeit in Berlin und München)und 9 Ehrenamtlichen. In Deutschland setzt sich der JRS seit 1995 vorwiegend ein fürAbschiebehäftlinge, Geduldete und Menschen ohne Papiere („Illegale“) durch Seelsorge, rechtlicheJesuiten-Flüchtlingsdienst, Witzlebenstr. 30a, 14057 Berlin; www.jesuiten-fluechtlingsdienst.deOffice phone: 030 32602590; e-mail: pflueger@jesuiten-fluechtlingsdienst.de; www.facebook.com/fluechtlinge4


Beratung und politische Fürsprache. Ich muss mich dabei auch an völlig neue Zahlen gewöhnen. InOstafrika war klar, dass der Großteil der Flüchtlinge aus den Krisengebieten von den ebenso armenNachbarländern aufgenommen wird Allein die Somalia-Krise hat bis heute zu über eine MillionFlüchtlinge geführt, Kenia hat davon über 500.000 aufgenommen, Äthiopien 200.000, Jemen über200.000. Und diese Länder gehören alle zu den armen Ländern dieser Welt. Verglichen damit sinddie Zahlen, über die wir hier in Deutschland reden, ja lächerlich klein, aber die Probleme, die wirdamit haben, scheinen riesig. Daran musste ich mich zuerst einmal gewöhnen.Es war für mich als Deutschen immer sehr beschämend, wie großzügig diese Länder mit ihrenFlüchtlingen umgehen. Als ich in Nord-Uganda 3 Jahre mit sudanesischen Flüchtlingen arbeitete, dahat jede Familie Land erhalten, damit sie ein relativ normales Leben führen konnten. Davon sind wirhier noch weit entfernt. Wir versuchen nach wie vor, die Menschen eher abzuschrecken, zu uns zukommen, und haben jetzt europäische Regelungen gefunden, die sie uns vom Hals halten. Wirgehen nicht gerade freundlich um mit den Menschen, die doch auch viele lieber zuhause gebliebenwären, wenn sie dort in Frieden leben könnten. Da können und müssen wir noch sehr viel lernen.Aber die Angst vor den Fremden oder die Sorge um unsere Sicherheit lässt uns manchmal sogarden Anstand verlieren.Sie haben ja sicher auch gelesen vom Protest der Asylsuchenden beim Brandenburger Tor, denendie Polizei in der ersten kalten Nacht die Decken weggezogen hat. Stellen Sie sich doch einfach malvor, die Berliner Polizei hätte gleich in der ersten Nacht Decken und Isomatten an die frierendenMenschen vor dem Brandenburger Tor verteilt. Welche Achtung könnte man da vor einermenschenfreundlichen Haltung verspüren! Und es hätte dem polizeilichen Auftrag nicht geschadet.Wir haben uns aber ja auch schon daran gewöhnt, dass unsere europäischen Aussengrenzenwächterdie Menschen ja auch im Mittelmeer ertrinken lassen. Wir arbeiten für diese Freundlichkeitgegenüber den Menschen, die wegen Not und Gewalt ihre Heimat verlassen mussten. Dies ist dochcharakteristisch für die hohe menschliche Kultur eines Landes. Die Freundlichkeit undBarmherzigkeit gegenüber den Leidenden ist doch ein Kernstück unserer christlichen Tradition unddaher werden wir als Jesuiten-Flüchtlingsdienst nicht müde, diese immer wieder einzufordern, vorallem aber auch selber zu leben.Seit Beginn vertrete ich das Erzbistum Berlin in der Härtefallkommission des Landes Berlin. Hierwenden sich Menschen an uns, die meist schon seit vielen Jahren in Deutschland leben, oft nur mitDuldungen, und die schon alle rechtlichen Möglichkeiten zu bleiben ausgeschöpft haben. Sie habenmanchmal noch eine Chance aus humanitäten Gründen.Unser Engagement in der Härtefallkommission des Landes Berlin hat allein in diesem Jahr 19Anträgen zum Erfolg verholfen, davon vielen Familien mit Kindern. Und wir haben noch weitere 50Anträge eingebracht, damit Menschen aus humanitären Gründen bleiben können. Es ist toll, dassder Gesetzgeber ein solches Instrument in jedem Bundesland geschaffen hat, das den humanitärenGedanken so betont. - Andererseits kann man natürlich auch sagen, dass wir eine solche Regelungbrauchen, weil unsere Gesetze dem humanitären Anspruch nicht genügen. Wir hatten Ende Juni2012 rund 85.000 Menschen in Deutschland, die nur mit einer Duldung leben, fast die Hälfte längerals 6 Jahre. Und häufig haben sie keine Erlaubnis zu arbeiten. Wir werfen ihnen dann vor, dass sieuns auf der Tasche liegen. Was für ein Zynismus.Wir treten dafür ein, dass Menschen, die seit Jahren ihren Lebensmittelpunkt bei uns gefundenhaben, hier auch ein Recht auf Aufenthalt und eine Chance sich in unsere Gesellschaft einzubringenbekommen. Dies ist auch die Position in der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes fürMenschenrechte, die bei uns aber nur mit großen Einschränkungen umgesetzt wird.Die Aufnahme von etwa 60.000 Asylsuchenden in diesem Jahr stellt Deutschland sicher nicht vorunlösbare Probleme. Sicher sind es etwa 15.000 mehr als letztes Jahr, aber keineswegs zuvergleichen mit den 400.000 Asylanträgen in den frühen 90er Jahren. Nebenbei bemerkt: in derZwischenzeit ist ja auch die Zahl der Flüchtlinge weltweit nicht gesunken, sondern liegt immer beietwa 42 Millionen. Die Schwierigkeiten, die wir heute haben, sind entstanden, weil man sich ganz aufdie Abschottungspolitik verlassen hat und dann wegen der niedrigeren Zahlen die Kapazitätenabgebaut worden sind. Auch die absoluten Zahlen der Asylsuchenden aus Serbien und Mazedoniensind in keiner Weise bedrohlich, denn wir reden hier ja nur von 11.000 Anträgen aus diesen Ländernim Jahr 2012. Hier von Asylmissbrauch durch Roma aus Serbien und Mazedonien zu sprechen, istvollkommen unangebracht. Vielmehr berichten Menschenrechtsorganisationen wie AmnestyInternational über schwere Diskriminierungen von Roma, über Zwangsumsiedlungen,niedergebrannte Häuser und progromähnliche Übergriffe. Auch die EU-Kommission berichtete im5Jesuiten-Flüchtlingsdienst, Witzlebenstr. 30a, 14057 Berlin; www.jesuiten-fluechtlingsdienst.deOffice phone: 030 32602590; e-mail: pflueger@jesuiten-fluechtlingsdienst.de; www.facebook.com/fluechtlinge


August, „dass die Roma in allen Balkanstaaten einer umfassenden Diskriminierung ausgesetzt sind,die sie an der Ausübung grundlegender Rechte wie beispielsweise dem Zugang zu Bildung undAusbildung, Gesundheitsversorgung und Arbeitsmarkt hindert“.Abschiebungshaft in BerlinFamilie Baijric bei unserer PressekonferenzIn diesem Zusammenhang freut es mich natürlich ganz besonders, dass einer unserer „Härtefälle“,die Familie Baijric, eine Roma-Familie, nun eine Aufenthaltsrecht in Deutschland erhalten hat. SeitJahren sind sie hervorragend integriert, die Kinder gehen zur Schule bzw. in die Kita. Es wäre für sieein Katastrophe gewesen, wenn sie ausgewiesen worden wären.Ein weiterer Bereich, in dem wir uns engagieren, ist die Abschiebungshaft in Berlin, Brandenburgund München. Unsere Seelsorger besuchen die Menschen in der Haft jede Woche, sprechen mitihnen, geben Rat, vermitteln juristischen Beistand. Wir haben eine Rechtshilfe-Fonds gegründet, umdiese Hilfe den Flüchtlingen zukommen zu lassen. Der Staat ist bei Abschiebungshäftlingen nichtverpflichtet, einen Pflichtverteidiger bereitzustellen. Auch stellen wir fest, dass immer wiederHafturteile der Gerichte sehr mangelhaft sind, daher gewinnen wir auch viele Fälle.Wir sind gerade in einer sehr interessanten Diskussion übere Alternativen zu Abschiebungshaft, daunsere Untersuchungen gezeigt haben, dass Menschen, die keine Straftäter sind, großen Schadennehmen, wenn sie eingesperrt werden und nicht einmal verstehen, warum. Auch die Politik scheintjetzt an dieser Frage interessiert zu sein, da wir mit unserer Studie ins Justizministerium eingeladenwaren.Liebe Freunde, ich muss nun zum Ende meines Briefes kommen. Ich danke Ihnen von Herzen fürdiese vielen Jahre der Solidarität und Unterstützung. Da ich mich nach wie vor dem JRS in Ostafrikasehr verbunden fühle, möchte ich ihn auch gerne weiterhin unterstützen. Wenn Sie mir dabei helfenwollen, dann geben Sie als Spendenzweck X42570 A an. Ansonsten X42570, dann helfen Sie unsals JRS Deutschland, bzw. für Projekte mit großer Not. Ich möchte Sie auch auf unseren Infobriefaufmerksam machen, den wir als JRS Deutschland vier Mal im Jahr herausgeben; Sie können ihnauch abonnieren (per Post oder Mail) unter info@jesuiten-fluechtlingsdienst.de.Ich wünsche Ihnen/Euch allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest. Was kann uns besser dieFreundlichkeit unseres Gottes aufzeigen als ein kleines, verletzliches Kind, das selber auf der Fluchtist. Wenn wir selber nur ein wenig von seiner Freundlichkeit aufnehmen können, dann wird es auchin dieser Welt wieder etwas wärmer werden, vor allem für die, die am Rand leben. Wahre Kultur undHumanität zeigt sich nun einmal am deutlichsten gegenüber den Schwachen.In alter Verbundenheit und mit viel neuer Hoffnung grüße ich Sie/Euch alle herzlich mit gutenWünschen und Segen für 2013!Ihr/EuerFür alle, die die Arbeit mit den Flüchtlingen in Ostafrika oder meine Arbeit des JRS Deutschland auch finanziellunterstützen wollen, hier die Kontoverbindung. Wenn Sie bei der Überweisung Ihre Anschrift angeben, erhalten Sieautomatisch eine Spendenbescheinigung.Missionsprokur der Deutschen Jesuiten - Ligabank Nürnberg (BLZ 750 903 00)Kontonummer: 5 115 582 - Zweck: X42570 Pflüger (Nur für Ostafrika: X42570 A)Jesuiten-Flüchtlingsdienst, Witzlebenstr. 30a, 14057 Berlin; www.jesuiten-fluechtlingsdienst.deOffice phone: 030 32602590; e-mail: pflueger@jesuiten-fluechtlingsdienst.de; www.facebook.com/fluechtlinge6

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