Krieg den Christen

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Krieg den Christen

Krieg den ChristenOb in Ägypten, Syrien, im Irak, in Indien oder Nordkorea – die Lage der Christen weltweit hat sich in denletzten zwei Jahren sukzessive verschlechtert. In einem neuen Buch spricht John L. Allen Jr. von einem«globalen Krieg» und untersucht die Gründe für das Schweigen darüber im Abendland. Von Urs GehrigerEgoistisch, zynisch, menschenfeindlich. Gehtes in diesen Tagen um die FlüchtlingspolitikEuropas, fallen Worte wie diese. Dass sich inden Gewässern vor dem Kontinent Tragischesabspielt, bestreitet nach den Vorfällen vonLampedusa niemand. Das nun ostentativ ausgeschütteteMitleid wirkt dennoch befremdendwohlfeil. Betroffenheit kommt inWellen. Sie wird immer dann gern bekundet,wenn sie medial opportun erscheint und sichpublikumswirksam inszenieren lässt.Während sich Europa an Themen wieFlüchtlinge, Migration und Fremdenfeindlichkeitabarbeitet, findet das Los andererVerdammter dieser Erde kaum Erwähnung –selbst wenn diese der abendländischenGesellschaft durch religiöse Bande eng verbundensind.Über das Schicksal Hunderttausender verfolgterChristen wird – wenn überhaupt – meistensin Randnotizen oder Kurzmeldungen berichtet.In den letzten Wochen erlangten zweiEreignisse kurz die öffentliche Aufmerksam-Nebst ausführlichen Augenzeugenberichtenund eigener Anschauung an zahlreichenBrennpunkten verweist Allen auf zwei Studien,um uns das Ausmass der aktuellenChristenverfolgung vor Augen zu führen:_ Die Internationale Gesellschaft fürMenschenrechte (IGFM), eine säkulare Menschenrechtsorganisationmit Sitz in Frank-furt, kommt zum Schluss, dass sich heuteachtzig Prozent der religiösen Diskriminierungin der Welt gegen Christen richten. «DasChristentum ist weltweit die am meistenverfolgte Religion», konstatierte die BundeskanzlerinAngela Merkel letztes Jahr auf derSynode der Evangelischen Kirche in Deutschlandfolgerichtig._ Die zweite Studie, die Allen ins Feld führt,stammt vom Center for Study of Global Christianitydes Gordon-Conwell Theological Seminaryin Massachusetts. Danach wurden imletzten Jahrzehnt jährlich rund 100 000 Christenwegen ihres Glaubens getötet. Nimmt mandie Zahlen des Center zum Nennwert, werdenpro Stunde weltweit elf Christen getötet –Stunde für Stunde.«Das Blutbad ereignet sich in einem derartgrossen Ausmass, dass es nicht bloss fürChristen ein Drama darstellt», sondern auch«die grösste Herausforderung ist, was dieVerletzung von Menschenrechten betrifft»,bilanziert Allen.Wesentlich zum Leiden der Christen beigetragenhat der arabische Winter, welcher nachdem vermeintlichen Frühling islamistischenGruppierungen Auftrieb verlieh.Ägypten _ Die rund acht Millionen Koptenerleben derzeit die schlimmsten Angriffe seitdem 14. Jahrhundert – besonders von Seitender radikalen Muslimbrüder. Mehr als 100 000Christen haben ihre Wohngebiete verlassen,schätzen Hilfswerke. Nach der Absetzung vonPräsident Mursi Mitte August kam es zu einerverheerenden Gewaltwelle. Ein entfesselterMob habe insgesamt 200 koptische Geschäfteund Gebäude angegriffen, berichtet AmnestyInternational. Vier Menschen seien dabeigetötet, 43 Kirchen beschädigt worden.Den Geiseln wurden Fragen zumIslam gestellt. Wer keine Antwortwusste, wurde hinge richtet.Allein die Offenbarung, an diechristliche Dreifaltigkeit zuglauben, gilt als Blasphemie.keit: das Selbstmordattentat vor einer Kircheim pakistanischen Peschawar, wo über achtzigGläubige getötet wurden. «Sie sind Feinde desIslam, deshalb nehmen wir sie ins Visier», begründetendie Attentäter den schwersten Anschlagauf Christen in Pakistan seit Jahren. Diezweite Nachricht, die kurz Schlagzeilen machte,stammt aus Kenia. In der Hauptstadt Nairobi,wo Mitglieder der somalischen Al-Schabaab-Miliz ein Einkaufscenter überfielen, trenntendie Attentäter Muslime von Christen, mit tödlicherAbsicht: Den Geiseln wurden Fragenzum Islam gestellt. Wer keine Antwort wusste,wurde hinge richtet.Es sind kleine Puzzlestücke, diese aus derAktualität gegriffenen Gräueltaten, Fragmentebloss eines weltumspannenden Phänomens.Es sei ein «globaler Krieg gegenChristen» im Gang, so der US-amerikanischeKirchenspezialist John L. Allen, Vatikan-Korrespondentverschiedener US-Medien undAutor des eben erschienenen Buchs «TheGlobal War on Chris tians». Gleichzeitig sei dieChristen verfolgung «die grösste Katastrophedes frühen 21. Jahrhunderts, über die nichtberichtet werde».Die grösste Katastrophe, über die nicht berichtet wird.Irak _ Auf 40 der 65 Kirchen in Bagdad wurdeseit der US-Invasion im Irak 2003 mindestensein Anschlag verübt. Vor dem ersten Golfkrieg1991 lebte im Stammland Abrahams noch eineflorierende Gemeinde von 1,5 Millionen Christen.Heute sind weniger als 500 000 ver blieben.Syrien _ Mit rund 1,9 Millionen Gläubigenbilden die Christen Syriens die zweitgrösstechristliche Minderheit im Nahen Osten (nachÄgypten). Bis vor zwei Jahren waren sie etablierterTeil der Gesellschaft. Aus Furcht vorRepression und Vertreibung durch islamistischeRebellen hätten sich seit Ausbruch desBürgerkriegs mehrere hunderttausend Christenins Ausland abgesetzt, so das katholischeHilfswerk Kirche in Not, vor allem in denbenachbarten Libanon.Pakistan _ Was den Christen im biblischenKerngebiet seit neustem droht, ist in anderenislamischen Staaten längst Alltag. Für dieChristen in Pakistan stellen nicht nur Terroristen,sondern auch der Staat eine virulente Bedrohungdar. Die sogenannten Blasphemiegesetzewerden häufig willkürlich gegen44 Weltwoche Nr. 42.13Weltwoche Nr. 42.13Illustration: Morten Morland45


Christen eingesetzt, die rund fünf Prozent derBevölkerung stellen. Allein die Offenbarung,an die christliche Dreifaltigkeit zu glauben,wird als Blasphemie angesehen, da sie dertheologischen Doktrin der muslimischen Bevölkerungsmehrheitwiderspricht.Saudi-Arabien _ Mehr als eine Million Christenleben in dem Land als Fremdarbeiter.Trotzdem sind Kirchen, Taufen, Krankensalbungenund sogar private Treffen zurVerrichtung des christlichen Gebets verboten.Der Einfluss der radikalen Staatsreligion(Salafismus) endet nicht an den Grenzen desKönigreichs. «Saudi-Arabien ist der grössteFörderer des islamischen Extremismus weltweit»,sagt Nina Shea, Leiterin des Center forReligious Freedom. In den staatlich finanziertenLehrmitteln werden Christen als Schweineund Juden als Affen sowie als «von Natur ausverräterisch, betrügerisch und wortbrüchig»bezeichnet.Antichristliche Gewalt könne man jedochnicht auf den «Kampf der Zivilisationen»zwischen Christentum und Islam reduzieren,schreibt Allen. In Burma und China werdenstrenggläubige Christen als Dissidenteneingestuft und unterdrückt. Im indischenOrissa ereignete sich das gewalttätigste antichristlichePogrom des jungen 21. Jahrhunderts.Und Nordkorea gilt als das gefährlichsteLand für Christen überhaupt. Ein Viertel der200 000 bis 400 000 Christen werde in StrafundUmerziehungslagern festgehalten,schreibt Allen. Seit der Spaltung Koreas 1953seien im Norden 300 000 Christen verschwundenoder getötet worden.Die Liste der Länder und Übergriffe kannschier endlos fortgeführt werden. In 139 Staaten– drei Viertel aller Länder der Welt – sindChristen Diskriminierungen ausgesetzt, bilanziertdas Pew Forum, ein renommiertesMeinungsforschungsinstitut mit Sitz inWashington, D. C.Für die zaghafte Berichterstattung derMedien über die Christenverfolgung nenntAllen zwei Gründe: Erstens seien die christlichenOpfer oft nicht weiss und arm undhätten deshalb keinen hohen Newswert.Zweitens «passen die Fakten nicht in dasveraltete Stereotyp» aus der Zeit der Kreuzfahrer,der Inquisition und der Hexenjäger,«wonach die Christenheit eher auf der Seiteder Unter drücker als der Unterdrückten» zufinden sei.Ein weiterer Grund für das Schweigen seiAngst, sagen Religionsforscher. In KirchenundPolitikerkreisen fürchte man, durch dieThematisierung der Christenverfolgung weitereGewalt zu provozieren. Die Problematiksei «zu sensibel», als dass sie offiziell angeprangertwerden könne, sagen Bundesbeamteund Geistliche im vertraulichen Gespräch.«Feinde des Islam»: Nach dem tödlichen Anschlag vor einer Kirche im pakistanischen Peschawar.Papst und Würdenträger der christlichenKirche bemühen sich in ihren öffentlichenAppellen, im Sinne der Nächstenliebe, auf dasSchicksal aller Leidenden in der Welt hinzuweisen.Dabei wird demonstrativ der Fehlerzuerst im eigenen Versagen gesucht. So brandmarktPapst Franziskus die Bootstragödie als«Schande» für das reiche Europa, als Resultatder «Globalisierung unserer Gleichgültigkeit».Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedelnsekundiert: «Lampedusa liegt auch inder Schweiz.» Wir müssten uns «von der‹Schande› von Lampedusa beschämen lassenund unsere Haltung ändern hin zu mehrAnteilnahme statt Abschottung».In umgekehrter Richtung ist von Nächstenliebeund Brüderlichkeit wenig zu spüren.Man mag sich nicht erinnern, dass Vertretereines nichtchristlichen Glaubens die Christenverfolgungprominent thematisiert, geschweigedenn angeprangert oder sogarMassnahmen dagegen ergriffen haben.Er habe auch keine schlüssige Antwort auf dasSchweigen im Westen über die Christenverfolgung,sagt Walter Müller, Sprecher der SchweizerBischofskonferenz. Die Bischöfe würdenimmer wieder auf die Notlage der Christen hinweisenund an die Solidarität appellieren. Sohabe Bischof Markus Büchel, Präsident derSchweizer Bischofskonferenz, jüngst den Bundesratgebeten, «alle diplomatischen Möglichkeitenauszuschöpfen, um die unhaltbare Situationzu befrieden und das grundlegende Rechtder Religionsfreiheit zu garantieren».Schämen, Bitten, Beten – bei all den salbungsvollenWorten wird man den Eindrucknicht los, das Thema werde auch in Kirchenkreisennicht mit der gebotenen Dringlichkeitbehandelt.Dem widerspricht Gottfried Locher, Ratspräsidentdes Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes,vehement. «Die Situation derChristen im Nahen Osten ist bei uns seitAnfang Jahr Chefsache.» Seither sei er nachKairo und nach Beirut gereist, um sich selberein Bild zu verschaffen. «Die Diskriminierungder Christen ist eine himmelschreiende Tatsache.Das muss klar gesagt sein, auch im Gesprächmit dem Islam.»Im Sommer habe der Kirchenbund einenAufruf zum Schutz der Christen im NahenOsten verabschiedet – «einstimmig», wieLocher betont. «Diesen Aufruf überbringe ichdem zuständigen Bundesrat [AussenministerBurkhalter, Red.] Anfang November persönlich.»Ausserdem organisiere der Kirchenbundim November ein Treffen mit ägyptischenParlamentariern in Bern. Dabei vertretensei auch Deza-Direktor Martin Dahinden.Thema sei die Menschenrechtslage in Ägypten.«Ich verspreche mir in Bundesbern dadurchmehr Aufmerksamkeit für das Leidender Christen.»Dass sich eine Verbesserung mittels Mahnenund Dialog allein bewerkstelligen lässt, wirdvon Menschenrechtsaktivisten wie AyaanHirsi Ali bezweifelt. Die streng islamisch erzogenegebürtige Somalierin ist überzeugt, dasswirtschaftliche Druckmittel nötig sind, umdas Leid der Christen zu lindern. Sie empfiehlt,die Finanzhilfe für die betroffenen Länderals Hebel zu nutzen. «Der Westen solltebeginnen, die Milliarden Dollar an Hilfsgeldern,die er an die Unterdrückerstaaten liefert,an Bedingungen zu knüpfen.»John L. Allen Jr.: The Global War on Christians:Dispatches from the Front Lines of Anti-ChristianPersecution. Image. 320 S., Fr. 28.9046 Weltwoche Nr. 42.13Bild: Khuram Parvez (Reuters)

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