Christmette 2008 2008 - St. Jakobus Versbach

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Christmette 2008 2008 - St. Jakobus Versbach

Christmette 2008 – B – 25.12.2008

Edwin ERHARD

Gefängnispfarrer

Dienst: Friedrich Bergius Ring 27

Tel.: 0931 / 27 02-336

97076 Würzburg

Lk 2, 6 – 7

Als sie dort waren kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den

Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der

Herberge kein Platz für sie war.

Liebe Schwestern und Brüder!

„Mit einer Kindheit voller Liebe kann man es ein ganzes Leben lang aushalten.“ Wenn ich es

richtig weiß, stammt dieser Satz von dem berühmten Kinder- und Jugenderzieher Johann

Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827) aus dem 18. Jh. Eine Kindheit voller Liebe war damals

keine Selbstverständlichkeit und ist es heute auch nicht. Da erzählt ein junger Mann von

seiner Kindheit voller Hiebe, voller körperlicher und seelischer Schläge: „Meine Kindheit hat

nicht stattgefunden, Familie und Heimat kenne ich nicht.“ So beginnt er seinen Lebensbericht.

Seinen Vater kennt er bis heute nicht. Seine Mutter war von allem Anfang an überfordert.

Das Jugendamt hat ihr das Kind weggenommen, was für alle Beteiligten das kleinere Übel

war. Er war ein schwieriges Kind, hat mehrere Heime kennen gelernt und einige Pflegefamilien

„verschlissen“, wie er es nennt. „Manche Erzieher und Pflegeeltern haben sich

durchaus Mühe gegeben“ sagt er anerkennend, „aber es waren halt nicht meine Eltern.

Ich war nirgendwo daheim.“ Wie ein roter Faden läuft dieses Empfinden durch sein ganzes

Leben: Er sucht Heimat und Geborgenheit und verprellt genau die Menschen, die ihm gut sein

wollen, weil er nicht glauben kann, irgendwo dazu zu gehören. Die Nähe, die er sich

verzweifelt wünscht, ist ihm zugleich unheimlich und er kann das nicht zulassen, was er so

dringend braucht. Ein seelischer Teufelskreis! Mehrmals hat er versucht, daraus

auszubrechen. Mit zwei verschiedenen Frauen hat er zwei Kinder, denen er nicht wirklich

Vater sein kann. Das Strickmuster seiner Eltern setzt er fort, obwohl er selber so hart darunter

gelitten hat. Seine Kindheit ohne wirkliche Liebe setzt er fort in einem Leben ohne wirkliche

Erfüllung. –

Jeder Mensch weiß, wie prägend für unseren Lebensweg der Start in der Kindheit war. Muss

der Weg zwingend so weiter gehen, wie die Weichen für die Fahrt durch’s Leben am Anfang

gestellt wurden? Heißt Mensch-Sein nicht auch: Anders können? Wie dem auch sei: Die

Kindheit hat existenzielle Bedeutung für das Leben des Menschen.

Das Fest der Geburt des göttlichen Kindes gibt Anlass darüber nachzudenken, wie die Geburt

und Kindheit Jesu diesen Menschen und seine Botschaft geprägt hat. Das Kind von Bethlehem

hat die Menschheitsgeschichte geprägt, die Welt verändert, und beeinflusst auch unseren

persönlichen Lebensweg, die wir die Lebenseinstellung und die Glaubensausrichtung dieses

Kindes zu verstehen und zu leben versuchen. Nach Aussage der Bibel kennt und versteht

Jesus das Gefühl, in einer ungewöhnlichen, ja schwierigen Familiensituation zu leben.

„Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria.“ So beschreibt die

Theologie die Situation einer unehelichen Geburt in einer Partnerschaft, in der Josef sich


überlegt, sich zu trennen und Maria ihre Zweifel und Fragen hat bezüglich ihrer Schwangerschaft.

Längst nicht jedes Kind wird aus purer Liebe gezeugt und wenn die Schwangerschaft festgestellt

wird, kann das in einigen Fällen Erschrecken, große Sorgen, sogar Panik auslösen. Eltern,

denen das geschieht, sind bei Maria und Josef in bester Gesellschaft und wenn ich deren Sohn

Jesus richtig verstehe, dann hat man solchen Eltern nicht mit der moralischen Keule und nicht

mit vorschnellen Lösungen zu kommen, sondern mit hilfreichem Verständnis, mit einer sensiblen

Hilfe bei der Herbergssuche für dieses Kind und seine Eltern. Das nenne ich weihnachtliches

Leben: Ein Kind, das sich ankündigt, nicht als eine Katastrophe zu empfinden und seine

Eltern bei der Herbergssuche mit liebevollen Herzen zu unterstützen durch ein kinderfreundliches

Klima und durch familienfreundliche Bedingungen in unserer Gesellschaft.

Es gibt so viele Menschen, die auf Herbergssuche sind und Sehnsucht nach einem Menschen

haben, der ihnen liebevoll zuhört, der herzlich und gütig sich verhält, der Verständnis und

Vertrauen in die Welt bringt. Weihnachten ist keine Gefühlsseligkeit – so schön das natürlich

auch ist – sondern die Fähigkeit, echte Gefühle von Geborgenheit und Heimat zu schenken.

Unsere Welt hat großen Bedarf nach ehrlichen Gefühlen!

Außerhalt der Stadt, in einem Stall wird dieses Jesuskind geboren. Außerhalb der Stadt, am

Galgenberg wird dieser Jesus einmal sterben. Er hat ein abgrundtiefes Verständnis für

Menschen, die aus der Bahn geraten sind oder niemals eine richtige Spur für einen erfüllten

Lebensweg gefunden haben. Er ist nicht in erster Linie auf Seiten der Reichen und der

Erfolgreichen, der Cleveren und Tüchtigen. Diese Leute kommen auch ganz gut alleine klar.

Er ist bei denen, die Leid ertragen und Lebenslast zu schleppen haben, die unter der Schuld

der Anderen gebeugt sind oder selber Schuld auf sich geladen haben. „Nicht die Gesunden

brauchen den Arzt, sondern die Kranken“ (Mk 2, 17) sagt dieser Jesus, der schon als Kind

kaputte Verhältnisse auf dieser Welt mit erlitten hat. „Barmherzigkeit will ich, nicht

Zeremonien“ (vgl. Mk 9, 13) gibt er seinen Gläubigen mit auf den Weg.

Natürlich ist ein schöner Weihnachtsgottesdienst wertvoll. Natürlich soll sich der Mensch

freuen über seine Erfolge, sein Glück und seine Liebe und alles das genießen. Aber es ist nicht

alles und es ist nicht das Wesentliche. Ob ein Mensch dieses Kind von Bethlehem verstanden

hat, zeigt sich an seinem Verhalten den Menschen gegenüber, die an Last und Leid zu tragen

haben oder gar daran zerbrechen. Der liebevolle Blick auf die, die „außerhalb“ sind, gehört zum

Wesen des Christentums und zum Sinn der Weihnachtsbotschaft.

Den armen Hirten, den einfachen, ja den verachteten Leuten in der damaligen Gesellschaft

wurde diese Botschaft zuerst verkündet. Sie waren die ersten an der Krippe. Menschen, die tief

unten liegen, haben ein ganz feines Gespür dafür, ob sie noch tiefer nach unten gedrückt und

getreten werden, oder ob da jemand da ist, der ihre Würde achtet und sie aufrichtet und ihnen

einen Platz gibt, der ihnen gut tut. Solche Menschen spüren sehr genau, ob jemand ein guter

Hirte ist, oder ein böser Menschenschinder.

Mit einer Kindheit voller Liebe, mit einem Leben voller Liebe, öffnet sich bisweilen ein Stück

weit der Himmel. Dann ist zu spüren, wozu der Mensch eigentlich geschaffen ist: Dass er die

Botschaft einer Welt versteht, die über ihm ist und größer als er selbst. Im Bild gesprochen,

dass er die Engel versteht, die uns klar machen: Wer Gott im Himmel die Ehre gibt, in dem er

die Menschen auf Erden in Liebe und Friede so behandelt, wie er selber behandelt werden

möchte, wer denen Heimat gibt, die ein Herz voller Liebe brauchen, der legt nicht drauf!

Er versteht was Weihnachten ist: Mit einem Herzen voller Liebe das Leben auf dieser Welt

aushalten und so seinen Frieden finden.