Jahreswechsel 2007 - St. Jakobus Versbach

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Jahreswechsel 2007 - St. Jakobus Versbach

Jahreswechsel 2007 / 2008

Gal 4, 4 – 7

Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz

unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohn-

schaft erlangen. Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser

Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater. Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist

du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.

Liebe Schwestern und Brüder!

Auf einer Reise durch Australien war ich eines Abends in der Nähe des weltberühmten Ayer

Rock bei einem „Sound of Silence – Dinner“ dabei. Draußen in der Landschaft, weit weg von

jeder Stadt oder Dorf, wo keine Straßenbeleuchtung zu sehen und kein Straßenlärm zu hören

war, in einer kleinen Talsenke, waren Tische aufgestellt und es gab ein vorzügliches 5-Gang

Menu. Von der Anhöhe ertönte dezente Musik der australischen Eingeborenen. Es war ein

Genuss für alle Sinne. Nach dem Dinner wurden sämtliche Lichter gelöscht und es kam der

„Sound of Silence“, das Lauschen auf die Stille. Minutenlang schwiegen alle Teilnehmer und

beobachteten still den südlichen Sternenhimmel, der ganz anders ist als bei uns. Ein Experte

erklärte dann die Sternbilder, erzählte dazu australische Märchen und mischte sie mit

wissenschaftlichen Fakten und ließ uns dazwischen Zeit, der Stille der australischen Weite

draußen im „Outback“ zu lauschen. Drei Stunden vergingen wie im Flug und auf dem

Rückweg zum Hotel dachte ich mir: „Was für eine erfüllte Zeit!“

Um die Frage nach der „erfüllten Zeit“ geht es uns jedes Mal auch beim Jahreswechsel. Hat

sich die Zeit des Jahres 2007 gelohnt? Empfinden wir unser Leben als erfüllt und das, was wir

mit unserer Zeit anfangen, als sinnvoll? Da wird wohl jeder seine eigene Bilanz ziehen über

das vergangene Jahr – wenn er denn überhaupt den Mut hat, Bilanz zu ziehen. Manche

spüren, dass ihr Leben geprägt ist von so viel Chaos, Schuld, Versagen und Sorgen, dass sie

am liebsten gar nicht darüber nachdenken und ihre Zuflucht in einer heftigen Silvester-Party

suchen, oder einfach im Vergessen und Verdrängen. Der Mensch kann machen, was er will,

vor sich selber kann er nicht weglaufen. Er spürt seine Lebensbilanz und er weiß ganz genau:

Die Wahrheit ist dem Menschen zuzumuten!

Irgendwann wird Bilanz gezogen! Wenn nicht am Jahresende, dann spätestens zum Lebens-

ende. Krisenzeiten hat jeder, der alt genug ist, auch schon erlebt und erlitten. Wenn das Leben

schwierig geworden ist, der Mensch aus der Bahn zu geraten droht oder ganz und gar am

Scheitern ist, dann sortieren sich die Freunde. So mancher, der bisher freundlich gesonnen

war – oder wenigstens so getan hat – fängt nun an, besserwisserisch und schadenfroh zu

reden, lieblos und verurteilend zu werden und böse zu reden. „Nichts ist verborgen, was nicht

offenbar wird“ sagt die Bibel ganz treffend, sowohl von den Problemen, die der Einzelne hat

als auch von dem Gerede, das darüber nun entsteht.

Was soll man da machen? Die Tatsachen so sehen, wie sie nun mal sind! Derjenige, der seine

Probleme hat, seine Fehler macht, seine Erfahrungen sammelt und mühsam dabei seinen Weg

sucht, der weiß, dass er sein Leben zu verantworten hat. Und die anderen haben ihr

Geschwätz und ihre Lieblosigkeit zu verantworten. So hat jeder mit sich zu tun! „Erfüllte

Zeit“ heißt nicht, dass Gott uns vor unseren Fehlern bewahrt, uns vor Schmerz und Leid,

Irrwegen und Umwegen schützt, sondern dass er alle Wege mitgeht und uns auch dort

begleitet, wo Menschen uns verlassen, vergessen oder gar verraten. Gottes Treue ist

C:\Pfarrgemeinderat\Homepage\Jahreswechsel 2007.doc


unerschütterlich und ein Mensch, der etwas vom Glauben an Gott versteht, der richtet nicht,

sondern hilft und heilt.

Warum? „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn!“ Immer dort, wo es wirklich

darauf ankommt, ist Gott zur Stelle, anders als manche Menschen, die bei Sturm und Wind

sich selber erst in Sicherheit bringen und dann sich nicht die Hände schmutzig machen

wollen. Jedoch: Wer mit Dreck wirft, bleibt ja selber nicht sauber. Gott aber geht in die

Abgründe von uns Menschen mit hinein, „geboren von einer Frau und dem Gesetz

unterstellt“. Gott ist nichts Menschliches fremd und das ist unser Glück. Nach fünfunddreißig

Jahren im Priesterberuf und vor allem nach acht Jahren Seelsorge im Gefängnis ist mir nichts

Unmenschliches mehr fremd und – was soll ich sagen – meine Liebe zu den Menschen ist

dadurch nur noch gewachsen! Alles ist auch in mir! Es gibt nichts, wozu ein Mensch nicht

fähig ist, im Großartigen und im abgrundtief Bösen.

Wer von einer Frau geboren ist – und das sind wir alle – ist dem Gesetz unterstellt, dem

Gesetz von Leben und Sterben, von Lieben und Hassen, von Versuchen und Versagen, von

Wagen und Gewinnen. Wir hatten oft auch Glück, dass unsere Startbedingungen durch das

Elternhaus nicht schon völlig kaputt und chaotisch waren. Das Leben hat uns Probleme

erspart, die andere Menschen einfach nicht verkraften und sie aus der Bahn werfen. Es ist

nicht alles unser Verdienst, was in unserem Leben gut gegangen ist und es ist nicht alles die

Schuld und die Bosheit von denen, die im Leben gescheitert sind. Gott sieht genauer hin. Er

fällt andere Urteile als die Justiz und völlig andere als das Stammtisch-Gerede von angeblich

Wohlanständigen.

Mensch, du bist nicht Sklave, der sich vor Gott zu fürchten hat. Erst recht nicht bist du

abhängig vom Urteil von Menschen, die sich das Maul zerreißen und selber jede Menge

Probleme, Lieblosigkeit und Sinnlosigkeit aufzuweisen haben. Du bist Kind Gottes, von Gott

ohne Wenn und Aber akzeptiert und geliebt, Also: Kopf hoch und gerade aus weiter! Deine

Würde liegt in deiner Freiheit, die dir niemand nehmen kann, die Freiheit, gut zu sein und

Gutes zu tun. Diese Freiheit ist und bleibt deine Verantwortung. Gott zählt bei deiner

Lebensbilanz nicht die Menge deines Versagens, auch nicht die Größe deiner Schuld, sondern

die Ehrlichkeit deiner Liebe und die Glaubwürdigkeit deines menschlichen Bemühens. Gott

zählt nicht dein Bankkonto und auch nicht deine Schulden, er fragt nach der Bilanz deines

Herzens: War das Jahr 2007, war dein Leben bisher eine „erfüllte Zeit“? Nicht nur erfüllt von

Arbeit, Terminen, Leistung, Anerkennung und Erfolg, sondern mehr noch erfüllt von

Zufriedenheit, Genuss, Lebensfreude und Lebenssinn? Erfüllt auch von Stille, Nachdenken,

Dankbarkeit für Gottes Führung und Fügung, erfüllt von der Freude am Dasein? Bist du

einigermaßen zufrieden mit deiner Bilanz? Oder grüßt der, der du bist, traurig den, der du sein

könntest? –

Wie dem auch sei: Auf in das neue Jahr! Gottes Güte ist ohne Grenzen und Gott hat alle Zeit

der Welt!

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