11. Sonntag im Jahr B - St. Jakobus Versbach

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11. Sonntag im Jahr B - St. Jakobus Versbach

11. Sonntag im Jahr B – 14.06.2009

Mk 4, 26 – 29

In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein

Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und

wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt von

selbst ihre Frucht. Zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.

Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.

Liebe Schwestern und Brüder!

„Um ein Kind zu erziehen, dazu braucht man ein ganzes Dorf.“ Ein Sprichwort aus Afrika

behauptet das. Klar ist: Die Eltern sind nicht die einzigen Erzieher ihrer Kinder. Die ganze

Gesellschaft erzieht mit. Der Zeitgeist prägt uns alle, Jung und Alt. Eltern können und müssen

sich bemühen, ihren Kindern gute Grundlagen für’s Leben mitzugeben, aber sie können es

nicht erzwingen, dass alles gut geht im Leben ihrer Kinder. Der Zeitgeist, das sind wir alle

und es gilt für die ganze Gesellschaft, was für jeden Einzelnen gilt: Was der Mensch sät, das

wird er auch ernten. Wir selber – jeder Einzelne von uns – wir prägen das Gesicht dieser Welt

und gestalten unsere Zeit. Es kann uns also nicht gleichgültig sein, welches Dorf unsere

Kinder miterzieht, um im Bild des afrikanischen Sprichwortes zu bleiben.

Was braucht unsere Zeit und die Welt von heute wirklich? Da nenne ich als erstes:

Selbstbewusstsein. Wir konsumieren heutzutage sehr viele Informationen, haben Zugriff auf

viel Wissen, bekommen eine Menge Unterhaltung angeboten und können blitzschnell Kontakt

herstellen mit Menschen auf der ganzen Welt. Dabei fangen wir uns oft eine Menge

Halbwissen oder falsche und gefährliche Ideologien ein, können abhängig und süchtig werden

von Internet- und Spielkonsum, können vereinsamen vor den technischen Geräten und die

vorgespielten Inhalte mit der tatsächlichen Wirklichkeit immer mehr verwechseln. Da ist

Selbstbewusstsein gefragt: Die Fähigkeit, gründlich nachzudenken, vernünftig argumentieren

und selbstbestimmt handeln zu können.

Was Kinder heute vor allem brauchen, sind Erwachsene, die zuhören können, die die

Maschinen ausschalten und Herz und Verstand einschalten, Erwachsene, die sich selber und

ihre Kinder in gleicher Weise ernst nehmen, die geben und nehmen können. Wir dürfen

unsere Lebensinhalte nicht der Unterhaltungsindustrie und nicht den technischen

Möglichkeiten der Computer überlassen. Wir müssen bei uns selber zuhause sein, unsere

eigenen Gefühle und Bedürfnisse spüren und pflegen, unser Leben, das wir haben – es ist

unser einziges! – sorgsam wahrnehmen und liebevoll leben.

Zum Selbstbewusstsein gehört das Mitgefühl. Mit scheint, daran krankt unsere Welt wirklich!

Es ist unfassbar, wie viel Brutalität, Bosheit, Perversionen und Unmenschlichkeit uns

dargestellt und als Unterhaltung angeboten wird. Eine Gesellschaft, die das Leid anderer

Menschen als Unterhaltung konsumiert, ist psychisch krank. Ein Mensch, der etwas auf sich

hält, hat hier den Fernseher auszuschalten und Herz und Verstand einzuschalten und dafür zu

sorgen, dass er nicht mit der Zeit Hornhaut auf seiner Seele wachsen lässt und gefühlsmäßig

abstumpft und verroht.

Was den Menschen vom Unmenschen unterscheidet, ist sein Mitgefühl, seine Sensibilität für

die Nöte und Schmerzen, Hoffnungen und Freuden seines Mitmenschen. Da hat unsere

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moderne Zeit ein Defizit und muss aufpassen, dass sie sich nicht verliert in die Kälte und

Einsamkeit der Masse, in der der Einzelne verloren geht. Mitgefühl kann nur ein Mensch

entwickeln, der sich selber spürt und seine eigenen Gefühle wahrnimmt und zulässt. Cool-

Sein führt dazu, dass Kälte einzieht in die Welt. Wer sein eigenes Leben nicht schätzt, in dem

er es liebevoll und verantwortungsbewusst lebt, kann auch nicht voller Wertschätzung mit

dem Anderen umgehen.

Die Grundlage für diese Lebenseinstellung liegt letztlich in der Ehrfurcht vor Gott. Je

gottloser eine Gesellschaft wird, desto unmenschlicher wird sie. Doch Vorsicht! Nicht alles,

was fromm daherkommt, hilft dem Menschen wirklich, sein Leben zu meistern. Es gibt auch

eine Frömmigkeit, die nutzlose Ideologie und Flucht vor dem wirklichen Leben ist. Ob eine

Religion wirklich etwas taugt, zeigt sich immer daran, ob sie Menschen gegeneinander

aufbringt und die Gesellschaft spaltet, oder ob sie Menschen hilft, sich selber besser zu

verstehen, und das Leben miteinander friedlicher zu leben. Sicher: Nur wer einen eigenen

Standpunkt hat, kann auch die Überzeugung des Anderen verstehen und achten. Klar ist aber

auch: Frieden erreicht man nicht durch Beliebigkeit, sondern durch Festigkeit und Klarheit.

Der Glaube muss die Spannungen des Lebens aushalten und nicht sie missbrauchen zu

Gewalt und Kampf in Rechthaberei und Unterdrückung.

Das Leben ist viel zu kompliziert, als dass man es mit einigen simplen Glaubenparolen

meistern könnte. Gleichzeitig gibt es keinen einfacheren Nenner, auf den sich alles

menschliche Leben bringen lässt, als den Grund – Satz: „Du sollst Gott lieben aus ganzem

Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.“ So einfach ist das Leben – und so schwierig

zugleich!

Liebe Schwestern und Brüder! Was der Mensch sät, was die Menschheit sät, wird sie auch

ernten. Wer nichts sät, kann nichts ernten. Wer Falsches, Böses, Unmenschliches sät, muss

mit Zerstörung und Untergang rechnen. Andererseits: Eine gute Ernte lässt sich nicht

erzwingen! Zum Leben gehören Geduld und Zuversicht, Selbstvertrauen und Gottvertrauen.

Wir sind es den Generationen nach uns schuldig, ein Dorf zu sein, das seine Kinder erzieht

und ihnen die Möglichkeit gibt, selbstbewusste, mitfühlende und gläubige Menschen zu

werden. Die Zeit der Ernte kommt nicht erst am Ende aller Tage. Zeit der Ernte ist jeden Tag,

wenn wir spüren, es lohnt sich zu leben, es gibt Menschen, die zu mir gut sind und ich kann

daran glauben, dass Gott alle Wege mitgeht und deshalb auch das Ziel aller Wege ist.

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