Absolut respektlos - Hessischer Rundfunk

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Absolut respektlos - Hessischer Rundfunk

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backstage

Gewinnt Ullrich?

Tour de France: Florian Naß ist der neue ARD-Kommentator. Der hr-Sportjournalist

über Doping, Stimmengewirr in der Sprecherkabine und Jan

Ullrichs Chancen auf das Gelbe Trikot.

Die Tour de France ist der Ritterschlag für Radsport-

Kommentatoren. Wie bereiten Sie sich vor?

Florian Naß: Wochenlang. Da kommt man vom

Hundertsten ins Tausendste: Wie viele Doping-Fälle gab

es? Wann hat welcher Akteur aus welchem Land welche

Etappe gewonnen? Die Zuschauer erwarten auch

kulturelle Informationen: Durch welche Region fahren

wir? Wie heißt die Kirche rechts am Straßenrand? An

Tagen, bevor ich kommentiere, werde ich die letzten

100 Kilometer abfahren – allerdings mit dem Auto.

Wo sitzen Sie während des Rennens, wie informieren

Sie sich?

Die Kommentatoren sitzen am Ziel in einem doppelstöckigen

Bus, nach Ländern sortiert eng nebeneinander

in Kabinen, 70 bis 80 Nationen – ein unglaubliches

Stimmengewirr. Ich habe nur die TV-

Bilder vor mir, die der Zuschauer

auch sieht. Auf dem Kopfhörer höre

ich den Kommentator des französischen

Fernsehens, außerdem den

Tour-Funk, die Informationsquelle

für die sportlichen Leiter in den

Begleitautos. Dazu noch meinen

Mitkommentator Herbert Watterott,

der bereits über seine 41. Tour berichtet.

Er wird an seinem letzten

Tag als Reporter natürlich auch den

Zielsprint auf den Champs Elysées

übernehmen.

In den vergangenen Jahren haben

stets die gleichen Titanen gewon-

nen. Nun ist Lance Armstrong nicht

mehr dabei. Steigt die Spannung

wieder?

Ja. Fast täglich fragen Bekannte und

Freunde: „Und? Gewinnt ‚Ulle‘?“ Ich sage:

Er hat eine gute Chance. Auch im

Fahrerlager sind alle froh, dass Armstrong

weg ist. Nicht, weil sie ihn nicht

leiden konnten, sondern weil es nun

wieder etwas Neues, Offenes gibt.

Wie werden Sie auf Dopingfälle reagieren?

Wir – aber vor allem auch die Veranstalter

– müssen uns stärker mit Doping

auseinandersetzen. In der Vergangenheit

ist man mit positiven

Doping-Proben

nicht offen genug

umgegangen. Man hat

sie veröffentlicht, als

die Tour de France

vorbei war. Ich habe

den. Keiner darf

mehr rein, keiner

mehr raus. Bis der

Präsident über den

Irak geredet und

Hände geschüttelt

hat. Näher als zehn

Meter ist an den

Weltmacht-Chef

nicht heranzukommen,

da ist der Secret Service davor. Ein

typischer Washington-Termin. Weltpolitik,

mediengerecht präsentiert, Fragen

durften nur zuvor ausgewählte Besucher

stellen.

Untypischer ist eine Verabredung im

berüchtigten Washingtoner Stadtteil

Anacostia. Dort treffe ich einen Aktivi-

schon zu vielen Radsportlern

gesagt: „Ich

bin mit dem Herzen

immer bei den Sportlern.

Aber wenn du gedopt bist, breche

ich mit dir.“ Ich verachte jegliche Form

von Doping. Liegen Fakten vor, sollte

dies bis ins letzte Detail berichtet werden.

Gewinnt ein Fahrer eine Etappe,

der vor zwei Jahren gedopt war, werde

Zwischen Capitol und Armenviertel

Berichtet aus den USA:

Jens Borchers

G anz Amerika soll es sein. Nicht nur

George W. Bush, sondern die USA

mit ihren vielen Facetten. Die große Politik

und der Präsident sind eine davon.

Bush hält eine Rede, ich will als Journalist

dorthin. Die Universitätsaula wird

fast anderthalb Stunden vor Beginn der

Rede geschlossen – aus Sicherheitsgrün-

Foto: hr

Radsport-Experte: Florian Naß

Zur Person: Florian Naß kommentiert

seit 1998 für den hr alle großen Radrennen

wie „Rund um den Henninger-Turm“ .

Der 38-Jährige spielte Handball in der

zweiten Bundesliga bei Eintracht Wiesbaden

und wohnt mit seiner Familie in

Ober-Mörlen/Wetterau.

04 | JULI/AUGUST | 2006

Einblicke in ein Korrespondentenleben: Seit einem halben Jahr berichtet

hr-Hörfunkreporter Jens Borchers für die ARD aus dem Studio Washington.

Zur Person: Jens Borchers (46) arbeitet seit

1990 für den hr, unter anderem als Korrespondent

in Bangkok und Madrid, zuletzt als

Teamchef Planung bei hr1. Seit Februar leitet

der promovierte Politikwissenschaftler

das Hörfunkstudio Washington der ARD-

Sender Hessischer Rundfunk, Rundfunk

Berlin-Brandenburg, Radio Bremen

und Saarländischer Rundfunk. Weitere

Borchers-Berichte unter www.hr1.de

Foto: hr/Timo Melk

Nach rund 3500 Kilometern: Jan Ullrich bei der Zieleinfahrt in Paris

sten, der sich für eine aktive Politik im

Stadtteil mit der höchsten Mord-Rate

und der schlimmsten Drogenkriminalität

einsetzt. Er zeigt mir den Kinderspielplatz,

der abends ein Drogenmarkt ist. Er

erzählt von überforderten Schulen und

von den Bürgern in Anacostia, die versuchen,

mitten in diesem sozialen Brennpunkt

ein normales Leben zu führen.

Solche Treffen sind ein Rechercheansatz,

um mehr über die Lebenswirklichkeit

im „schwarzen” Washington zu erfahren.

In Arizona, an der Grenze zu Mexiko,

sehe und erlebe ich, was Amerika verändert:

Überforderte Grenzpolizisten versuchen,

den Strom der Einwanderer ohne

gültige Papiere einzudämmen. Die

Stadt Tucson, die, wie inzwischen viele

ich das spätestens im dritten Satz erwähnen. [Corinna Tertel] ■

Tour de France im Fernsehen: mehrstündige Live-Übertragungen

vom 1. bis 23. Juli tageweise wechselnd im

Ersten und im ZDF. Mehr Infos: www.sport.ard.de

Im Radio: Live-Einblendungen in hr-info (stündlich von

12 Uhr an), hr1 und hr3 berichten

US-Städte, zweisprachig ist: englisch

und spanisch. Die Einwanderer aus Südamerika

sind mittlerweile die größte

Minderheit in den USA. Sie wollen Rechte

und politischen Einfluss, um schrittweise

aus ihrer Rolle als billige und weitgehend

rechtlose Schwarzarbeiter heraus

zu kommen. Das löst Ängste und

Widerstand bei der unteren Mittelklasse

Amerikas aus – die Globalisierung

kommt zu ihnen ins Land.

Das sind nur wenige Facetten aus dem

riesigen Land, über das es so viel zu erzählen

gibt. Amerikaner lassen sich bereitwillig

fragen, kaum jemand hat in

diesem Medienland Scheu vor einem

Mikrofon. Die Schwierigkeit ist nicht,

an Informationen zu kommen, sondern

aus der Informationsflut auszuwählen,

damit ein Bild vom ganzen Amerika entsteht.

Nicht nur von George W. Bush.

[Jens Borchers, Studio Washington] ■

Foto: pa/dpa