210 - Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V.

kleingarten.bund.de

210 - Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V.

210

Biologischer Pflanzenschutz


Schriftenreihe des Bundesverbandes

Deutscher Gartenfreunde e.V., Berlin

( BDG )

Heft / 2010

32. Jahrgang

Tagung: Fachberatung II

vom 10. bis 12. September 2010 in Mönchengladbach

Herausgeber: Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V.

Platanenallee 37, 14050 Berlin

Telefon 030/ 30 207 140/141

Telefax 030/ 30 207 139

Präsident: Dr. sc. agr. Achim Friedrich

Seminarleiter: Jürgen Sheldon

Präsidiumsmitglied des Bundesverbandes

Deutscher Gartenfreunde e.V.

Redaktion: Dr. Norbert Franke

Präsidiumsmitglied des Bundesverbandes

Deutscher Gartenfreunde e.V.

Zusammenstellung: Ute Gabler

Nachdruck und Vervielfältigungen (fotomechanischer und anderer Art) - auch

auszugsweise - dürfen nur mit Genehmigung des Bundesverbandes Deutscher

Gartenfreunde erfolgen.

ISSN 0936-6083


Die Grüne Schriftenreihe ist ein verbandsinternes Arbeitsmaterial und darf nicht zu

Zwecken der Veröffentlichung – auch Teile aus ihr – vervielfältigt werden.


Bundesministerium für

Ernährung, Landwirtschaft

und Verbraucherschutz

Dieses Projekt wurde finanziell vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

(BMELV) gefördert.

Der Förderer übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben sowie

für die Beachtung privater Rechte Dritter. Die geäußerten Ansichten und Meinungen müssen nicht

mit denen des Förderers übereinstimmen.

INHALTSVERZEICHNIS SEITE

Vorwort 5

Jürgen S h e l d o n

Präsidiumsmitglied des Bundesverbandes

Deutscher Gartenfreunde e.V.

Gesetzliche Grundlagen und anstehende Änderungen im 7

Rahmen der neuen EU-Verordnung Nr. 1107/2009

Dr. Martin H o m m e s

Julius-Kühn-Institut (JKI)

Braunschweig

Die Entwicklung unserer Vogelwelt und die Ansiedlung von 27

nützlichen Arten im Garten

Prof. Dr. rer. nat. Peter B e r t h o l d

Emeritiertes Wissenschaftliches Mitglied der

Max-Planck-Gesellschaft

Direktor i.R. der Vogelwarte Radolfzell

Schnecken – unsere Freunde und die Gegenspieler 35

Klaus-Dieter K e r p a

Münster

Fachberater der Firma Neudorff GmbH KG

Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V. – Grüne Schriftenreihe 210


Nützlingseinsatz – Möglichkeiten und Grenzen 77

Dipl.-Ing. Markus W i n n i g

– Insekten schützen Pflanzen –

Berlin

Aromastoffe in Pflanzen – Funktion und Wirkung 89

Dr. Detlef U l r i c h

Julius-Kühn-Institut (JKI)

Quedlinburg

Mäuse, Wühlmäuse und Co – was hilft? 101

Thorsten M e n k e

Julius-Kühn-Institut (JKI)

Münster

Was sind Pflanzenstärkungsmittel und was können sie? 105

Dr. Alexandra M a k u l l a

Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

Braunschweig

Arbeitsgruppe 1 Ist aktiver biologischer Pflanzenschutz im 118

Kleingarten mit Nützlingen wie z. B. mit

Vögeln oder Nematoden möglich?

Leiter der Arbeitsgruppe: Peter S p e r l i c h

Landesverbandes Bayerischer Kleingärtner e.V.

Arbeitsgruppe 2 Können Veränderungen der gesetzlichen Grundlagen 120

mit dem Einsatz von Pflanzenstärkungsmitteln im

Kleingarten ausgeglichen werden?

Leiterin der Arbeitsgruppe: Claudia H e g e r

Landesverband Braunschweig der Gartenfreunde e.V.

Arbeitsgruppe 3 Ist Geschmack messbar? – Qualität aus dem 121

Kleingarten, ein Beitrag zur Biodiversität

Leiter der Arbeitsgruppe: Dr. Eckhard K n u t h

Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V.

Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V. – Grüne Schriftenreihe 210


Vorwort

- 5 -

Das BDG-Seminar Fachberatung II fand in der Zeit vom 10. bis 12.09.2010 in Mönchengladbach

statt.

Die Seminarteilnehmer wurden durch das Präsidiumsmitglied für Fachberatung, Jürgen Sheldon,

begrüßt, wobei durch ihn noch einmal auf die Bedeutung des Pflanzenschutzes im Haus- und

Kleingartenbereich hingewiesen wurde.

Der Stadtverband Mönchengladbach der Kleingärtner war ein sehr guter Gastgeber für das zweite

Fachberaterseminar des Jahres 2010 mit dem Gesamtthema „Biologischer Pflanzenschutz“. Im

Rahmen des Seminars wurden 45 Teilnehmer als Multiplikatoren für die Stadt- und Kreisverbände

der einzelnen Landesorganisationen über bestehende und neue Fakten auf diesem Gebiet unterrichtet.

Gesetzliche Grundlagen und anstehende Änderungen im Rahmen der neuen EU-Verordnung Nr.

1107/2009 wurden durch Dr. Martin Hommes vom Julius-Kühn-Institut, Institut für Pflanzenschutz

im Garten, Bau und Forst, Braunschweig, vorgetragen. Die jetzige Situation für die Verwendung

von Pflanzenschutzmitteln im Haus- und Kleingartenbereich war der zentrale Schwerpunkt des

Vortrages. Insbesondere die Auswirkungen des Pflanzenschutzgesetzes für den Haus- und Kleingartenbereich

sowie die Eigenschaften der Wirkstoffe und die anstehenden Änderungen mit neuen

Symbolen wurden ausführlich dargestellt.

Eine technische Neuerung mit dem Klick + Go – System kann den Kleingärtnern aus einer zu erwartenden

Einengung bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln helfen.

Die neue Verordnung gilt ab dem 14. Juni 2011 und legt drei Zonen für Europa fest; wobei

Deutschland in der Zone B- Mitte erfasst wird.

Die Entwicklung der Vogelwelt und die Ansiedlung von nützlichen Arten im Garten war ein eindrucksvoller

Beitrag durch Professor Dr. rer. nat. Peter Berthold, Max-Planck-Gesellschaft, Radolfzell.

Die Ursachen des Artenrückganges sowie gezielte Maßnahmen, um diesem Umstand entgegen

zu wirken, wurden differenziert und anschaulich aufgezeigt. Wobei die Aussagen zu einer

durchgehenden Fütterung der Vogelwelt über das ganze Jahr bei den Teilnehmern großes Erstaunen

hervorrief.

In dem Beitrag von Klaus-Dieter Kerpa wurden die Vielfalt und die Lebensformen der Schnecken

mit ihrer Biologie und ihren natürlichen Gegenspielern vorgestellt. Die vorbeugenden kulturtechnischen,

mechanischen, biotechnischen und chemischen Bekämpfungsmaßnahmen im Pflanzenschutz

(nach den Grundsätzen des integrierten Pflanzenschutzes), hatten dabei immer den Vorrang.

Die bildlichen Darstellungen verschiedener Schnecken waren ein Mittelpunkt des Vortrages und

wurden von den Zuhörern mit Interesse betrachtet.

Markus Winnig, Berlin, konnte den Nützlingseinsatz in seinem Vortrag für den Pflanzenschutz im

Garten aufzeigen, wobei die Möglichkeiten und Grenzen deutlich herausgestellt wurden.

An einzelnen Beispielen zeigte er dabei auf, wie und wo einzelne Nützlinge wirken können und

welche Fehler man beim Einsatz machen kann.

Dr. Detlef Ulrich vom Julius-Kühn-Institut, Quedlinburg, zeigte die Funktion und Wirkung von

Aromastoffen in Obst und Gemüse auf. Der Geschmack von Obst und Gemüse gehört zu den

Qualitätsparametern, die die Verbraucher als kaufentscheidend ansehen. Die Pflanzenzüchtung ist

aufgerufen, nicht auf die Ertragsparameter und auf äußere Merkmale allein zu achten. Sie führen

zu einer Verringerung der genetischen Vielfalt, der Aromastoffgehalte und zu einer Erosion des so

wichtigen sensorischen Aroma-Schlüssels.

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- 6 -

Den Mäusen bzw. den Wühlmäusen im Garten widmete sich der Beitrag von Thorsten Menke vom

Julius-Kühn-Institut, Münster. Im Vortrag wurde vorgestellt, wie man in einem Forschungsvorhaben

die Verhaltensweisen dieser Tiere untersucht und Möglichkeiten der Schadensabwehr im Garten

in alten und neuen Formen entwickelt.

Pflanzenstärkungsmittel und ihre Bedeutung für den Pflanzenschutz im Garten waren Schwerpunkte

des Beitrages von Dr. Alexandra Makulla, Bundesanstalt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit,

Braunschweig. Der Vortrag stellte die wissenschaftlichen Grundlagen und den Einsatz

von Pflanzenstärkungsmitteln in der Praxis im Garten vor und gab den Seminarteilnehmern Hinweise

für die Wirkungsweise der Stoffe.

Jürgen Sheldon

Präsidiumsmitglied Fachberatung im Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V.

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Gesetzliche Grundlagen und anstehende

Änderungen im Rahmen der neuen

EU-Verordnung Nr. 1107/2009

Dr. Martin Hommes

Julius-Kühn-Institut (JKI)

Braunschweig

- 7 -

Mit dem novellierten Pflanzenschutzgesetz (PflSchG) vom 14. Mai 1998 wurden erstmals die Zulassung

und Anwendung von Pflanzenschutzmitteln für den Haus- und Kleingartenbereich bundeseinheitlich

geregelt. Der Gesetzgeber geht davon aus, dass der Haus- und Kleingärtner in der

Regel nicht die erforderliche Sachkunde für die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln besitzt und

deshalb von der Zulassungsbehörde besondere Vorkehrungen zu treffen sind. An die Eignung eines

Pflanzenschutzmittels für die Anwendung im Haus- und Kleingartenbereich werden daher besondere

Anforderungen gestellt. Hierbei sind insbesondere die Eigenschaften der Wirkstoffe, die

Dosierfähigkeit, die Anwendeform und die Verpackungsgröße zu berücksichtigen (§ 15 Abs. 2 Nr. 3

PflSchG).

In gemeinsamen Beratungen mit den am Zulassungsverfahren beteiligten Behörden (Bundesinstitut

für Risikobewertung, Umweltbundesamt sowie ehemalige Biologische Bundesanstalt für Land-

und Forstwirtschaft) wurden nach der Verabschiedung des novellierten Pflanzenschutzgesetzes

Kriterien für die Beurteilung eines Pflanzenschutzmittels für den Haus- und Kleingartenbereich

erarbeitet und veröffentlicht (Nachrichtenblatt des Deutschen Pflanzenschutzdienstes 1999, 51, 23

- 24).

Unter Haus- und Kleingartenbereich werden nicht nur die Freilandflächen des Gartens sowie Pflanzen

auf Terrassen und Balkonen verstanden, sondern auch Räume im Haus- und Kleingartenbereich,

in denen Pflanzen vorhanden sind oder Räume, die von Schadorganismen (z. B. Nagetieren)

besiedelt werden können.

Der Haus- und Kleingartenbereich ist von den seit dem 1. Juli 2001 geltenden Neuregelungen im

Bereich des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln wie folgt betroffen:

1. Pflanzenschutzmittel dürfen nach § 6a Abs. 1 Satz 1 des PflSchG im Haus- und Kleingartenbereich

nur noch angewandt werden, wenn sie mit der Angabe "Anwendung im

Haus- und Kleingartenbereich zulässig" gekennzeichnet sind. Werden nicht entsprechend

gekennzeichnete Pflanzenschutzmittel trotzdem in diesem Bereich angewandt, handelt

es sich um eine Ordnungswidrigkeit im Sinne des § 40 Abs. 1 Nr. 4 PflSchG, die mit einer

Geldbuße bis zu 50.000 € geahndet werden kann.

2. Für den Haus- und Kleingartenbereich gilt selbstverständlich auch, dass Pflanzenschutzmittel

nur in den mit der Zulassung festgesetzten und in der Gebrauchsanleitung

aufgeführten Anwendungsgebieten angewandt werden dürfen. Darüber hinaus

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- 8 -

sind die angegebenen Anwendungsbestimmungen genau zu beachten. Dies bedeutet,

dass auch der Haus- und Kleingärtner in vollem Umfange an die sogenannte “Indikationszulassung”

gebunden ist. Daraus folgt z. B., dass ein Präparat, welches ausschließlich

gegen Blattläuse an Kopfsalat zugelassen ist, in keiner anderen Kultur und auch

gegen keine anderen Schädlinge an Kopfsalat eingesetzt werden darf. Auch hier können

Zuwiderhandlungen mit einer Geldbuße von bis zu 50.000 € geahndet werden.

3. Die eigene Herstellung von Pflanzenschutzmitteln ist nach § 6a Abs. 4 Nr. 3 PflSchG

für den Haus- und Kleingartenbereich nicht gestattet, da diese Erlaubnis nur für landwirtschaftliche,

forstwirtschaftliche oder gärtnerische Zwecke im eigenen Betrieb gilt.

Dies bedeutet, dass die vielfach in der einschlägigen Fachliteratur angegebenen Anleitungen

zur Selbstherstellung von Pflanzenschutzmitteln nicht in die Tat umgesetzt

werden dürfen. Pflanzenstärkungsmittel können dagegen weiterhin selbst hergestellt

und angewandt werden.

Hier ist im PflSchG § 31 nur das Inverkehrbringen und nicht die Anwendung geregelt.

4. Ferner können nach § 18 genehmigte Anwendungen nicht vom Anwender im Haus-

und Kleingartenbereich in Anspruch genommen werden, da diese Indikationen nach

§ 18 Abs. 4 Nr. 2 PflSchG ebenfalls nur für die Anwendung in Betrieben der Landwirtschaft,

einschließlich des Gartenbaus und der Forstwirtschaft gelten. Ein Großteil der

Zulassung für den Obst- und Gemüsebau erfolgt inzwischen fast ausschließlich nach

diesem vereinfachten Antragsverfahren (siehe Tabelle 4).

Sämtliche für den Haus- und Kleingartenbereich ausgewiesenen Pflanzenschutzmittel sind mit den

dazugehörigen Verpackungen in einem separaten Mittelverzeichnis (Teil 7) des Bundesamtes für

Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) aufgeführt. Dort ist auch das Zulassungsende

der einzelnen Mittel angegeben. Präparate, deren Zulassung abgelaufen ist, dürfen noch bis

zum Ablauf des zweiten auf das Ende der Zulassung folgenden Jahres eingesetzt werden. Ein Mittel,

dessen Zulassung z. B. in 2010 ausläuft, darf danach noch bis zum Ende des Jahres 2012 eingesetzt

werden. Dies sollte im Haus- und Kleingartenbereich nur noch äußerst selten der Fall sein,

da die maximale Verpackungsgröße sich an einem Jahresbedarf orientiert und auf eine einmalige

Behandlung von 500 m² begrenzt wurde.

Das Mittelverzeichnis erscheint in jährlichem Abstand und kann über den Saphirverlag (Gutsstraße

15, 38551 Ribbesbüttel, Tel.: 0 53 74 / 65 76 Fax: / 65 77 E-Mail: verlag@saphirverlag.de) in gedruckter

Form bezogen werden. Darüber hinaus wird vom BVL (www.bvl.bund.de) im Internet eine

elektronische Version als pdf-Datei kostenfrei als Abruf zur Verfügung gestellt. Ebenfalls im Internetangebot

des BVL besteht unter „Pflanzenschutz – zugelassene Pflanzenschutzmittel – Online Datenbank“

die Möglichkeit, sich online über den aktuellen Zulassungsstand von Pflanzenschutzmitteln

zu informieren. Dort sind auch gezielte Recherchen nach zugelassenen Präparaten mit ausgewählten

Anwendungen (Kombination von Schadorganismus und Kultur), wie z. B. Blattläuse an

Rosen, möglich.

Nach Angaben des Industrieverbandes Agrar (www.iva.de) und nach Informationen des BVL

(www.bvl.bund.de, Berichte über Inlandsabsatz und Export von Pflanzenschutzmitteln) wurde im

Inland für den Haus- und Kleingartenbereich im Jahr 2008 eine Wirkstoffmenge von insgesamt 379

t abgesetzt (siehe Tabelle 1). Dies entspricht einem Anteil von weniger als einem Prozent der in

Deutschland insgesamt abgesetzten Wirkstoffmenge von 43.420 t.

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*ohne Vergrämungsmittel (Quelle: www.iva.de)

Tab. 1: Abgesetzte Wirkstoffmenge von Pflanzenschutzmitteln für den Garten

- 9 -

Einen aktuellen Überblick über die Anzahl der für den Haus- und Kleingartenbereich ausgewiesenen

Pflanzenschutzmittel und Wirkstoffe für verschiedene Wirkungsbereiche sowie ein Vergleich

mit der Situation nach der gesetzlichen Neuregelung im Jahre 2002 findet sich in Tabelle 2 wieder.

Zurzeit sind insgesamt 136 verschiedene Pflanzenschutzmittel mit 73 Wirkstoffen bzw. Wirkstoffkombinationen

für den Haus- und Kleingartenbereich ausgewiesen. Während im Vergleich zum

Jahr 2002 die Anzahl der Pflanzenschutzmittel bis 2010 leicht (7 %) abgenommen hat, stieg die

Zahl der Wirkstoffe bzw. Wirkstoffkombinationen deutlich (14 %) an. Zunahmen waren hier insbesondere

in den Bereichen Fungizide, Insektizide und Herbizide zu verzeichnen.

PSM 1 WS 2

Wirkungsbereich

2002 3 2010 4 2002 3 2010 4

Mittel zur Wundbehandlung und zur Veredelung an Obst- und Ziergehölzen

23 17 5 3

Mittel gegen pilzliche und bakterielle Krankheitserreger (Fungizide und

Bakterizide) sowie gegen Viren und Viroide

20 22 14 18

Mittel gegen schädliche Milben (Akarizide) und Schadinsekten (Insektizide)

45 48 19 24

Mittel gegen Unkräuter (Herbizide) 24 28 12 19

Mittel gegen Schnecken (Molluskizide) 6 8 3 3

Mittel gegen schädliche Nagetiere (Rodentizide) sowie zur Verhütung

von Wildschäden

27 13 10 6

Mittel zur Bewurzelung von Stecklingen 1 0 1 0

Summe 146 136 64 73

1 2 3 4

PSM ohne Übertragungen u. Vertriebserweiterungen Wirkstoffe bzw. Wirkstoffkombinationen Stand: 27.08.2002 Stand:

18.08.2010

Tab. 2: Anzahl der für den Haus- und Kleingartenbereich ausgewiesenen Pflanzenschutzmittel

(PSM) und Wirkstoffe für verschiedene Wirkungsbereiche

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- 10 -

Wirft man einen Blick auf die Anzahl ausgewiesener Anwendungen von zugelassenen Pflanzenschutzmitteln

in den verschiedenen Einsatzgebieten, so fällt auf, dass das Einsatzgebiet Zierpflanzen

für den Haus- und Kleingartenbereich die größte Bedeutung hat (siehe Tabelle 3).

Mehr als die Hälfte der Anwendungen (56 %) im Gebiet Zierpflanzen sind aktuell für den Haus-

und Kleingartenbereich ausgewiesen. Die Einsatzgebiete Obst (21 %), Weinreben (13 %) und Gemüse

(10 %) folgen mit größerem Abstand.

Einsatzgebiet

Anzahl Anwendungen

gesamt

Anzahl HuK-

Anwendungen

Anteil in %

Zierpflanzen 959 538 56

Obst 779 164 21

Gemüse 1474 147 10

Weinreben 201 26 13

Ackerbau 2139 13


- 11 -

Mit dieser Richtlinie soll erstmals die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln auf europäischer

Ebene harmonisiert werden.

3. Verordnung (EG) Nr. 1185/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25.

November 2009 über Statistiken zu Pestiziden.

Auf dieser gesetzlichen Grundlage sollen auf Gemeinschaftsebene detaillierte, harmonisierte

und aktuelle statistische Daten über Verkäufe und Verwendung von Pestiziden

erhoben werden.

4. Richtlinie 2009/127/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 21. Oktober

2009 zur Änderung der Richtlinie 2006/42/EG betreffend Maschinen zur Ausbringung

von Pestiziden.

Diese Richtlinie führt europaweit einen einheitlichen Standard für Pflanzenschutzausbringungsgeräte

mit Überprüfungsintervallen ein.

Der Haus- und Kleingartenbereich wird von diesem Pflanzenschutzpaket in erster Linie nur von der

neuen EU-Zulassungsverordnung 1107/2009 betroffen sein. Sie löst weitgehend die bestehende

Richtlinie 91/414/EWG des Rates vom 15. Juli 1991 über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln

ab und gilt ab dem 14. Juni 2011. Die Verordnung ist in allen ihren Teilen verbindlich

und gilt unmittelbar in jedem Mitgliedstaat. Einige der zahlreichen Gründe für die neue Verordnung

sind:

1. Um die Anwendung der neuen Vorschriften zu vereinfachen und eine einheitliche Anwendung

in allen Mitgliedstaaten zu gewährleisten, wurde die Form einer Verordnung

gewählt.

2. Die Gewährleistung eines hohen Schutzniveaus für die Gesundheit von Mensch und

Tier sowie für die Umwelt; besondere Aufmerksamkeit soll dabei dem Schutz gefährdeter

Gruppen in der Bevölkerung gelten, insbesondere von Schwangeren, Säuglingen

und Kindern.

3. Die Verbesserung des freien Verkehrs der entsprechenden Produkte und die Verfügbarkeit

dieser Produkte in den Mitgliedstaaten.

4. Die Schaffung von Anreizen für das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln mit

geringem Risiko.

5. Die Verbesserung der verwaltungstechnischen Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten in

allen Phasen des Zulassungsverfahrens.

6. Die Gewährleistung des freien Warenverkehrs innerhalb der Gemeinschaft durch den

Grundsatz der gegenseitigen Anerkennung sowie die Unterteilung der Gemeinschaft in

Zonen mit vergleichbaren Bedingungen.

7. Um sicherzustellen, dass die Diversifizierung von Landwirtschaft und Gartenbau nicht

durch die mangelnde Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln behindert wird, werden

für geringfügige Verwendungen besondere Regelungen getroffen.

8. Festlegung von Bestimmungen zur Führung von Aufzeichnungen und zur Information

über die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln, um das Schutzniveau für die Gesundheit

von Mensch und Tier sowie für die Umwelt durch die Rückverfolgbarkeit einer

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möglichen Exposition zu erhöhen, die Effizienz der Überwachung und Kontrolle zu

steigern und die Kosten für die Überwachung der Wasserqualität zu verringern.

In Anhang I der Verordnung sind die Zonen für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln gemäß

Artikel 3, Absatz 17 festgelegt. Der Zone A (Norden) gehören die Länder Dänemark, Estland, Finnland,

Lettland, Litauen und Schweden an. Zone B (Mitte) besteht aus den Ländern Belgien,

Deutschland, Irland, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien,

Tschechische Republik, Ungarn und Vereinigtes Königreich Großbritannien. Der Zone C (Süden)

umfasst die Länder Bulgarien, Frankreich, Griechenland, Italien, Malta, Portugal, Spanien und Zypern.

Keine Zonen gibt es für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln für die Verwendung in Gewächshäusern,

der Behandlung nach der Ernte, der Behandlung leerer Lagerhäuser sowie der Behandlung

von Saatgut. Hier ist die gegenseitige Anerkennung über alle Zonen hinweg möglich. Die Einführung

der zonalen Zulassung dürfte sich langfristig positiv auf die Anzahl der ausgewiesen

Pflanzenschutzmittel für den Haus- und Kleingartenbereich auswirken.

Zusammenfassend betrachtet haben die Neuregelungen des Pflanzenschutzgesetzes die Zulassungssituation

im Haus- und Kleingartenbereich nicht so dramatisch verschärft, wie ursprünglich

befürchtet wurde. Vielmehr wurde mehr Klarheit geschaffen, z. B. wurden Sonderregelungen in

einzelnen Bundesländern aufgehoben bzw. geplante verhindert. Die Industrie hat sich mittlerweile

auf die neuen Bedingungen eingestellt und vielfach spezielle und sehr innovative Verpackungen

und Geräte entwickelt, die eine Gefährdung des Anwenders im Haus- und Kleingartenbereich beim

Umgang mit den Pflanzenschutzmitteln weitgehend ausschließen. Für den Haus- und Kleingartenbereich

ausgewiesene Mittel können heute ohne Vorbehalte eingesetzt werden, da jetzt alle Auflagen

zum Schutz des Anwenders auch auf die Verhältnisse im Haus- und Kleingartenbereich überprüft

und abgestimmt werden.

Früher konnten viele der auf den alten Verpackungen für den Erwerbsanbau vorgesehenen Auflagen

vom Haus- und Kleingärtner nicht eingehalten werden, weil die entsprechende Schutzausrüstung,

z. B. Universalschutzhandschuhe (Pflanzenschutz), Standardschutzanzug (Pflanzenschutz)

oder eine spezielle Halbmaske, fehlte. Ob und inwieweit sich die anstehende Ablösung der Richtlinie

91/414/EWG des Rates über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln durch die neue

EU-Verordnung 1107/2009 zukünftig auf den Haus- Kleingartenbereich auswirkt, ist derzeit noch

unklar. Durch die Einführung der zonalen Zulassung dürfte dies jedoch langfristig positiv sein.

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- 13 -

Gesetzliche Grundlagen und anstehende

Änderungen im Rahmen der neuen

EU-Verordnung Nr. 1107/2009

Teilweise große Schäden, wenn keine

Pflanzenschutzmittel verfügbar sind

Schäden durch Andromeda-

Netzwanze

Schäden durch

Mehlige

Kohlblattlaus

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- 14 -

Gesetzliche

Grundlagen und

Ist-Situation

Gesetzliche Regelungen für

Pflanzenschutzmittel im Haus- und

Kleingarten-Bereich

1968 Erstes Pflanzenschutzgesetz

1986 Gesetz zum Schutz der Kulturpflanzen

(Pflanzenschutzgesetz -PflSchG)

1990 Erste einschränkende Länderregelung für HuK-Bereich

1990 Herbizidverbot und Positivliste in Baden-

Württemberg

1992 Herbizidverbot in Berlin

1998 Pflanzenschutz im HuK-Bereich erstmals im

Pflanzenschutzgesetz geregelt

2010/11 Neues Pflanzenschutzgesetz aufgrund der

notwendigen

Übernahme der EU-Verordnung 1107/2009

§ 2 Begriffsbestimmungen:

„Pflanzenschutzmittel“

Pflanzenschutzmittel sind Stoffe, die dazu bestimmt sind

� Pflanzen oder Pflanzenerzeugnisse vor

Schadorganismen zu schützen,

� die Lebensvorgänge von Pflanzen zu beeinflussen,

ohne ihrer Ernährung zu dienen (Wachstumsregler),

� das Keimen von Pflanzenerzeugnissen zu hemmen,

� Ausgenommen sind Wasser, Düngemittel im Sinne

des Düngemittelgesetzes und

Pflanzenstärkungsmittel

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- 15 -

Auswirkungen des PflSchG für den

Haus- und Kleingarten-Bereich

1. Einführung einer Kennzeichnungspflicht:

� Pflanzenschutzmittel dürfen nach § 6 aim Haus- und

Kleingartenbereich nur noch angewandt werden, wenn

sie mit der Angabe

"Anwendung im Haus- und

Kleingartenbereich zulässig„

gekennzeichnet sind.

Auswirkungen des PflSchG für den

Haus- und Kleingarten-Bereich

2. Einführung einer Eignungsprüfung

� Nach § 15des PflSchG werden an die Eignung eines

Pflanzenschutzmittels für die Anwendung im Haus- und

Kleingartenbereich besondere Anforderungen gestellt.

� Bei dieser Prüfung sind insbesondere die Eigenschaften

der Wirkstoffe, die Dosierfähigkeit, die Anwendeform

und die Verpackungsgröße zu berücksichtigen

Eigenschaften der Wirkstoffe und

Pflanzenschutzmittel*

Grundsätzlich nicht geeignet

für die Anwendung im HuK sind Pflanzenschutzmittel,

die nach der Gefahrstoffverordnung einzustufen sind

mit

• T+ (sehr giftig)

• C (ätzend)

• T (giftig),

sofern diese Einstufung aufgrund krebserzeugender,

erbgutverändernder oder fortpflanzungsgefährdender

Eigenschaften erforderlich ist.

* Nachrichtenblatt des Deutschen Pflanzenschutzdienstes 1999, 51, 23 - 24

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- 16 -

Eigenschaften der Wirkstoffe und

Pflanzenschutzmittel

Nach Einzelfallprüfung geeignet sein können

Pflanzenschutzmittel, die nach der Gefahrstoffverordnung

einzustufen sind mit,

• T (giftig), sofern diese Einstufung nicht aufgrund der vorher

genannten Gründe erforderlich ist,

• Xn (gesundheitsschädlich),

• Xi (reizend),

oder die ein besonderes Gefährdungspotential für den

Naturhaushalt und das Grundwasser aufweisen,wenn durch die

Art der Formulierung sowie durch die Dosiereinrichtung,

Verpackung und Anwendeform sichergestellt wird, dass bei

bestimmungsgemäßer und sachgerechter Anwendung oder als

Folge einer solchen Anwendung eine Gefährdung von Mensch,

Tier, Naturhaushalt und Grundwasser ausgeschlossen wird.

Beispiel für Einschränkung

durch EU-Wirkstoffprüfung

RICHTLINIE 2006/131/EG DER KOMMISSION vom 11. Dezember 2006

zur Änderung der Richtlinie 91/414/EWG des Rates zwecks Aufnahme

des Wirkstoffs Methamidophos

• Nur Anwendungen als Insektizid für Kartoffeln dürfen zugelassen werden.

• Die folgenden Anwendungsbedingungen müssen eingehalten werden:

— Dosierungen von höchstens 0,5 kg Wirkstoff/Hektar je Ausbringung;

— höchstens drei Ausbringungen je Saison.

• Folgende Anwendungen dürfen nicht zugelassen werden:

— Ausbringung mit tragbaren Rücken- und Handgeräten, weder durch

Hobbygärtner noch durch professionelle Anwender;

— Anwendungen in Haus- und Kleingärten.

Anstehende Änderungen bezüglich

der Eigenschaften der Wirkstoffe und

Pflanzenschutzmittel

Ab 01.12.2010 wird die Gefahrstoffkennzeichnung nach der GHS

Verordnung (Globally Harmonized System)* für Stoffe und ab

01.06.2015 für Gemische verbindlich:

•Neue Piktogramme

Die bisherigen orangefarbenen Quadrate mit den Gefahrenzeichen werden durch

rautenförmige Symbole ersetzt, teilweise neue Symbole und neue Einstufungskriterien

•Signalwort

Zusätzlich enthält jedes Gefahrstoffetikett ein Signalwort: „Achtung“ oder „Gefahr“.

•Gefahrenhinweise

H-Sätze (engl. Hazard) ersetzen die bisherigen R-Sätze größtenteils mit ähnlichem

Wortlaut. Sie beziehen sich auf physikalische Gefahren, die von ihnen ausgehen können

(Druck, Feuer), auf Gesundheitsgefahren sowie Umweltgefahren.

•Sicherheitshinweise

P-Sätze (engl. Precaution) ersetzen die bisherigen S-Sätze. Sie sind unterteilt in Sätze zur

Vorbeugung, zum Verhalten im Gefahrenfall (z.B. erste Hilfe bei Exposition) sowie

Hinweise zum Umweltschutz.

*Global harmonisiertes System zur Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien

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Anstehende Änderungen bezüglich

der Eigenschaften der Wirkstoffe und

Pflanzenschutzmittel

Alte Symbole Neue Symbole

Dosierfähigkeit

Für alle Pflanzenschutzmittel, die nicht anwendungsfertig formuliert

sind, muss eine

Dosiergenauigkeit von ± 10 %

gewährleistet sein.

Das Dosiersystem

zur Herstellung eines anwendungsfertigen Mittels (z.B.

Spritzflüssigkeit) im HuK

muss so beschaffen sein, dass der Anwender

bei bestimmungsgemäßer und sachgerechter Anwendung

nicht gefährdet werden kann.

Probleme bei der Anwendung

von PSM im HuK-Bereich

• Genaues Abschätzen der Bedarfsmenge für kleine

Flächen oder Einzelpflanzen

• Exakte Dosierung

• Entsorgung des Restgemisches im Behälter

• Reinigung des Sprühgerätes

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Technische Neuerungen:

z.B. das Klick & Go - System

Vorteile des

Klick & Go - Systems

Beispielverpackung

• Automatische Dosierung; das Mischverhältnis ist

immer korrekt

• Kein Hautkontakt mit dem Pflanzenschutzmittel

selbst; problemlose Aufbewahrung und gefahrlose

Entsorgung der Mittel

• Nur reines Wasser im Druckbehälter; kein Entsorgen

des Restgemisches; kein Reinigen des Sprühgeräts

erforderlich

Verpackungsgröße

Für die Eignung eines Pflanzenschutzmittels im Haus- und Kleingarten

darf eine

maximale Verpackungsgröße

nicht überschritten werden.

Grundlagen für die Berechnung der maximalen Verpackungsgrößen

sind:

die einmalige Behandlung einer Fläche von 500 m²,

die niedrigste für ein Anwendungsgebiet vorgesehene

Aufwandmenge

Wenn nur eine Verpackungsgröße für die Behandlung einer Fläche

von 400 – 500 m² vorgesehen ist, muss mindestens eine

weitere Verpackungsgröße für die Behandlung einer kleineren

Fläche angeboten werden.

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- 19 -

Verteilung der zugelassenen

Pflanzenschutzmittel und Wirkstoffe

in 2002 und 2010

Wirkungsbereich

PSM 1 WS 2

2002 3 2010 4 2002 3 2010 4

Wundbehandlung 23 17 5 3

Krankheitserreger (Fungizide) 20 22 14 18

Milben (Akarizide) und Insekten

(Insektizide)

45 48 19 24

Unkräuter (Herbizide) 24 28 12 19

Schnecken (Molluskizide) 6 8 3 3

Nagetiere (Rodentizide) und Wildschäden 27 13 10 6

* 1 Bewurzelung von Stecklingen 1 0 1 0

Summe 146 136 64 73

Pflanzenschutzmittel ohne Übertragungen u. Vertriebserweiterungen

2Wirkstoffe bzw. Wirkstoffkombinationen 3 Stand: 27.08.2002 4Stand: 18.08.2010

Weitere Auswirkungen des

PflSchG für den HuK-Bereich

� Die eigene Herstellung von Pflanzenschutzmitteln ist

nach § 6afür den Haus- und Kleingartenbereich nicht

möglich. Diese Erlaubnis gilt nur für landwirtschaftliche,

forstwirtschaftliche oder gärtnerische Zwecke im

eigenen Betrieb.

☺ Pflanzenstärkungsmittel können dagegen weiterhin

selbst hergestellt und angewandt werden, da im

Gesetz (§ 31) nur das Inverkehrbringen und nicht die

Anwendung geregelt ist.

Weitere Auswirkungen des PflSchG für

den Haus- und Kleingarten-Bereich

� Nach § 18 a und b genehmigte Anwendungen

können nicht vom Anwender im Haus- und

Kleingarten in Anspruch genommen werden.

Diese gelten nach § 18 Abs. 4 Nr. 2 nur für Betriebe

der Landwirtschaft, einschließlich des Gartenbaus

und der Forstwirtschaft

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- 20 -

Ausgewiesene Anwendungen in

zugelassenen PSM

Einsatzgebiet AW HuK %

Zierpflanzen 959 538 56

Obst 779 164 21

Gemüse 1474 147 10

Weinreben 201 26 13

Ackerbau 2139 13 1

Gesamt 6073 922 15

Stand: 18.8.2010

Ausgewiesene Anwendungen

und Anteil Genehmigungen

Einsatzgebiet AW G18 %

Zierpflanzen 959 126 13

Obst 779 326 42

Gemüse 1474 1019 69

Weinreben 201 40 20

Ackerbau 2139 272 13

Gesamt 6073 1783 29

Stand: 18.8.2010

Absatz Wirkstoffmenge Garten

Inlandsabgabe in 2008 insgesamt : 43.420 t (HuK-Anteil = 0,87 %)

Quellen: www.iva.de und www.bvl.bund.de

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- 21 -

Anstehende

gesetzliche

Änderungen

2009 EU–Pflanzenschutzpaket

verabschiedet (1)

• EU-Zulassungsverordnung

Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 des Europäischen Parlaments

und des Rates vom 21. Oktober 2009 über das

Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln und zur

Aufhebung der Richtlinien 79/117/EWG und 91/414/EWG des

Rates.

• EU-Rahmenrichtlinie

Richtlinie 2009/128/EG des Europäischen Parlaments und des

Rates vom 21. Oktober 2009 über einen Aktionsrahmen der

Gemeinschaft für eine nachhaltige Verwendung von

Pestiziden. Mit dieser Richtlinie soll erstmals die Anwendung

von Pflanzenschutzmitteln auf europäischer Ebene

harmonisiert werden.

2009 EU–Pflanzenschutzpaket

verabschiedet (2)

• EU-Pflanzenschutzmittel-Statistikverordnung

Verordnung (EG) Nr. 1185/2009 des Europäischen Parlaments und

des Rates vom 25. November 2009 über Statistiken zu Pestiziden.

Auf dieser gesetzlichen Grundlage sollen auf Gemeinschaftsebene

detaillierte, harmonisierte und aktuelle statistische Daten über

Verkäufe und die Verwendung von Pestiziden erhoben werden.

• EU-Maschinenrichtlinie

Richtlinie 2009/127/EG des Europäischen Parlaments und des Rates

vom 21. Oktober 2009 zur Änderung der Richtlinie 2006/42/EG

betreffend Maschinen zur Ausbringung von Pestiziden.

Diese Richtlinie führt europaweit einen einheitlichen Standard für

Pflanzenschutzausbringungsgeräte mit Überprüfungsintervallen ein.

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- 22 -

59 Gründe für die

EU-Verordnung 1107/2009

Auswahl (1):

• Form einer Verordnung wurde gewählt:

– um die Anwendung der neuen Vorschriften zu

vereinfachen,

– eine einheitliche Anwendung in allen Mitgliedstaaten zu

gewährleisten.

• Gewährleistung eines hohen Schutzniveaus für die

Gesundheit von Mensch und Tier sowie für die Umwelt;

notwendige Aufmerksamkeit soll dem Schutz gefährdeter

Gruppen in der Bevölkerung gelten, insbesondere

Schwangeren, Säuglingen und Kindern.

Gründe für die

EU-Verordnung 1107/2009

Auswahl (2):

• Verbesserung des freien Verkehrs der entsprechenden

Produkte und der Verfügbarkeit dieser Produkte in den

Mitgliedstaaten.

• Schaffung von Anreizen für das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln

mit geringem Risiko.

• Verbesserung der verwaltungstechnischen Zusammenarbeit

der Mitgliedstaaten in allen Phasen des Zulassungsverfahrens.

• Gewährleistung des freien Warenverkehrs innerhalb der

Gemeinschaft durch den Grundsatz der gegenseitigen

Anerkennung sowie der Unterteilung der Gemeinschaft in

Zonen mit vergleichbaren Bedingungen.

Gründe für die

EU-Verordnung 1107/2009

Auswahl (3):

• Um sicherzustellen, dass die Diversifizierung von

Landwirtschaft und Gartenbau nicht durch die mangelnde

Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln behindert wird, werden

für geringfügige Verwendungen besondere Regelungen

getroffen.

• Festlegung von Bestimmungen zur Führung von

Aufzeichnungen und zur Information über die Verwendung von

Pflanzenschutzmitteln, um das Schutzniveau für die Gesundheit

von Mensch und Tier sowie für die Umwelt durch die

Rückverfolgbarkeit einer möglichen Exposition zu erhöhen, die

Effizienz der Überwachung und Kontrolle zu steigern und die

Kosten für die Überwachung der Wasserqualität zu verringern.

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- 23 -

Übersicht

EU-Verordnung 1107/2009

• KAPITEL I

ALLGEMEINE BESTIMMUNGEN

-Artikel 3 Begriffsbestimmungen

25. „beruflicher Verwender“ berufliche Verwender im

Sinne von Artikel 3 Absatz 1 der Richtlinie

2009/128/EG;

=> „beruflicher Verwender“ jede Person, die im Zuge ihrer

beruflichen Tätigkeit Pestizide verwendet, insbesondere

Anwender, Techniker, Arbeitgeber sowie Selbständige in

der Landwirtschaft und anderen Sektoren;

Übersicht

EU-Verordnung 1107/2009

• KAPITEL II

WIRKSTOFFE, SAFENER, SYNERGISTEN UND

BEISTOFFE

- Artikel 22 Wirkstoffe mit geringem Risiko

- Artikel 24 Substitutionskandidaten

• KAPITEL III

PFLANZENSCHUTZMITTEL

- ABSCHNITT 1 Zulassung

-Artikel 40 Gegenseitige Anerkennung

Übersicht

EU-Verordnung 1107/2009

• KAPITEL IV

ZUSATZSTOFFE

• KAPITEL V

DATENSCHUTZ UND GEMEINSAME

DATENNUTZUNG

• KAPITEL VI

ÖFFENTLICHER ZUGANG ZU

INFORMATIONEN

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- 24 -

Übersicht

EU-Verordnung 1107/2009

• KAPITEL VII

VERPACKUNG UND KENNZEICHNUNG VON

PFLANZENSCHUTZMITTELN UND

ZUSATZSTOFFEN UND WERBUNG DAFÜR

• KAPITEL VIII KONTROLLEN

- Artikel 67 Aufzeichnungen

- KAPITEL IX NOTFÄLLE

- Artikel 69 Notfallmaßnahmen

• KAPITEL X VERWALTUNGS- UND

FINANZBESTIMMUNGEN

- Artikel 72 Sanktionen

Übersicht

EU-Verordnung 1107/2009

• KAPITEL XI

ÜBERGANGS- UND

SCHLUSSBESTIMMUNGEN

-Artikel 80 Übergangsmaßnahmen

-Artikel 84 Inkrafttreten und Anwendung

Diese Verordnung gilt ab dem 14. Juni 2011.

Diese Verordnung ist in allen ihren Teilen

verbindlich und gilt unmittelbar in jedem

Mitgliedstaat.

Übersicht

EU-Verordnung 1107/2009

• ANHANG I

Festlegung der Zonen für die Zulassung von

Pflanzenschutzmitteln gemäß Artikel 3 Absatz 17*

• Zone A — Norden

Dänemark, Estland, Finnland, Lettland, Litauen und Schweden

• Zone B — Mitte

Belgien, Deutschland, Irland, Luxemburg, Niederlande, Österreich,

Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Tschechische Republik,

Ungarn, Vereinigtes Königreich

• Zone C — Süden

Bulgarien, Frankreich, Griechenland, Italien, Malta, Portugal, Spanien,

Zypern.

*Zur Verwendung in Gewächshäusern, der Behandlung nach der Ernte, der Behandlung leerer Lagerhäuser und der

Behandlung von Saatgut bezeichnet der Ausdruck „Zone“ sämtliche in Anhang I festgelegten Zonen

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- 25 -

Einführung einer zonale Zulassung

nach EU-Verordnung 1107/2009

4 Klimazonen der EPPO

(EPPO PP1/241, 2005)

Übersicht

EU-Verordnung 1107/2009

Zone A Zone B Zone C

Norden Mitte Süden

Dänemark Belgien Bulgarien

Estland Deutschland Frankreich

Finnland Irland Griechenland

Lettland Luxemburg Italien

Litauen Niederlande Malta

Schweden Österreich Portugal

Polen Spanien

Rumänien

Slowakei

Slowenien

Tschechische

Republik

Ungarn

Vereinigtes

Königreich

Zypern

• ANHANG II

Verfahren und Kriterien für die Genehmigung von

Wirkstoffen, Safenern und Synergisten gemäß

Kapitel II

• Wirkstoffe mit geringem Risiko

Ein Wirkstoff gilt nicht als Wirkstoff mit geringem Risiko, wenn er gemäß der Verordnung

(EG) Nr. 1272/2008 als mindestens eine der folgenden Eigenschaften innehabend

eingestuft ist oder so einzustufen ist:

karzinogen, mutagen, reproduktionstoxisch, sensibilisierende chemische Stoffe,

sehr giftig oder giftig, explosionsgefährlich, ätzend.

Er gilt ferner nicht als Wirkstoff mit geringem Risiko, wenn

• er persistent ist (Halbwertszeit im Boden über 60 Tage),

• der Biokonzentrationsfaktor höher als 100 ist,

er negative endokrine Eigenschaften hat ,

• er neurotoxische oder immuntoxische Wirkungen hat.

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- 26 -

Übersicht

EU-Verordnung 1107/2009

• ANHANG III

Liste der Beistoffe, deren Verwendung in Pflanzenschutzmitteln

gemäß Artikel 27 nicht zulässig ist

• ANHANG IV

Vergleichende Bewertung gemäß Artikel 50

• ANHANG V

Aufgehobene Richtlinien und ihre Änderungen gemäß

Artikel 83

Änderung Richtlinie 91/414/EWG ….

Neues Pflanzenschutzgesetz

ist in Arbeit

• Zur Zeit wird an einem Gesetzesentwurf zur

Neuordnung des Pflanzenschutzrechts gearbeitet, der

die EU-Verordnung 1107/2009 in nationales Recht

umsetzen soll.

• Da die EU-Verordnung ab dem 14. Juni 2011 in allen

ihren Teilen verbindlich ist und unmittelbar in jedem

Mitgliedstaat gilt, gibt es keine allzu großen

Handlungsspielräume und die Zeit für eine Umsetzung

drängt.

• Das neue Pflanzenschutzgesetz wird vermutlich Ende

2010 bzw. Anfang 2011 verabschiedet werden.

Zusammenfassung und Ausblick

☺ Die Anwendung von PSM im HuK-Bereich ist in

Deutschland klar geregelt

� PSM für den HuK-Bereich müssen spezielle

Eignungskriterien erfüllen und gekennzeichnet sein

� Problemfelder im aktuellen Pflanzenschutzgesetz

- keine Erlaubnis zum Selbstherstellen von PSM im

eigenen Garten

- keine Inanspruchnahme von Genehmigungen für

den HuK-Bereich

� Aussichten für PSM im HuK-Bereich durch Umsetzung

der EU-Verordnung 1107/2009 zurzeit noch unklar,

vermutlich eher positiv als negativ

Hommes 42 Institut für Pflanzenschutz in Gartenbau und Forst www.jki.bund.de

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- 27 -

Die Entwicklung unserer Vogelwelt und

die Ansiedlung von nützlichen Arten

Prof. Dr. rer. nat. Peter Berthold

Emeritiertes Wissenschaftliches Mitglied der

Max-Planck-Gesellschaft,

Direktor i.R. der Vogelwarte Radolfzell

Einleitung

Vögel beleben jeden Garten, mehr noch als Blumen – sie sind nicht nur bunt, sie singen zudem

und zeigen oft ein interessantes Verhalten. Zudem sind sie seit eh und je als Helfer bei der Bekämpfung

von Gartenschädlingen beliebt. Wie willkommen war der früher häufige Wiedehopf, v. a.

in den sogenannten Krautländereien der Allmende, wo er nahezu als Einziger in der Lage war, mit

seinem gebogenen Pinzetten-Schnabel die verhassten Maulwurfsgrillen aus ihren Gängen zu ziehen.

Oder auch der Star, wenn er erfolgreich Engerlinge aus dem Boden zirkelte. Da wurde dann

auch meist toleriert, wenn er später Kirschen oder Weinbeeren stibitzte. In dieser Zeit wurde er

häufig maßvoll vertrieben, aber nur selten getötet. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich heute

viele Gartenfreunde Sorge machen, wenn sie feststellen, wie mehr und mehr Vögel aus ihren Gärten

verschwinden.

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- 28 -

Amsel (Turdus merula) – hier ein Männchen – bei der Futtersuche, © Thomas Wagner, BDG

Der Naturschutzbund Deutschland ruft inzwischen sogar zu jährlichen Zählungen in einer „Stunde

der Gartenvögel“ auf, um feststellen zu lassen, was an Gefiederten in Gärten noch „kreucht und

fleucht“. Will man verstehen, warum Vögel aus den Gärten verschwinden, muss man sich kurz die

Entwicklung der Vogelwelt Mitteleuropas vor Augen führen.

Die Vogelwelt – von der Eiszeit bis heute

Die Vogelwelt ist ständig starken Veränderungen unterworfen, auf die sowohl wechselnde Umweltbedingungen

als auch menschliche Aktivitäten starken Einfluss haben. Nach der Eiszeit war das

weitgehend vegetationslose Mitteleuropa zunächst arm an Vögeln. Aber das hat sich in den letzten

rund 10.000 Jahren rasch geändert. In der mittelalterlichen Buchenzeit lebten in den großen Waldgebieten

schon rund 50 Arten, die aus mediterranen und asiatischen Refugien wieder eingewandert

waren. Diese Zahl hat sich mehr als verfünffacht, nachdem der Mensch im Mittelalter Schritt für

Schritt eine an Lebensräumen reichhaltige Mosaik-Kulturlandschaft geschaffen hatte, die sich aus

restlichen Waldgebieten, aber nun auch aus Feldern, Wiesen, Weinbergen usw. zusammensetzte.

In diese neuen Lebensräume konnten aus dem Süden und Osten viele neue Arten einwandern, so

v. a. Lerchen, Ammern, Sperlinge, Stare, Rebhühner und Rotschwänze, die z. T. bis in die Hausgärten

und sogar bis in die Häuser vorrückten – wie die Rauchschwalben.

Diese Entwicklung erreichte ihren Höhepunkt um 1800 – danach ging es zunächst langsam, dann

aber immer schneller bergab. Insbesondere die immer intensiver betriebene Landwirtschaft führte

zu einem Artenrückgang, der ab den 1960er Jahren regelrecht dramatisch wurde. Er hat inzwischen

dazu geführt, dass mehr als 50 % der ehedem bei uns beheimateten Vögel nun im Fortbestand

bedroht sind, und dasselbe gilt für alle anderen Gruppen von Tieren und Pflanzen, ganz augenfällig

für jedermann bei Schmetterlingen, Heuschrecken oder Wildblumen. Von diesem Artensterben

sind nicht nur seltene Formen betroffen, sondern inzwischen auch ehedem sehr häufige „Allerweltsarten“

wie Feld- und Haussperling, Star, Feldlerche u. a., bei denen die Bestände allein in

Deutschland von ursprünglich über 10 Millionen Individuen auf weniger als die Hälfte zusammengeschrumpft

sind.

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Hauptursachen des Artenrückgangs

- 29 -

Die Ursachen für den Artenrückgang bei Vögeln und anderen Gruppen von Tieren und Pflanzen

sind für Biologen wie interessierte Amateure leicht ersichtlich. Hauptursache ist die vielerorts bis

an das maximal mögliche intensivierte Landwirtschaft.

Monokulturen von z. B. Mais, Getreide,

Zuckerrüben, aber auch niedrigstämmigen Obstkulturen

und dicht bestockten Weinanbaugebieten bedecken

zu nahe 100 % die vorgesehenen Flächen, ohne

das zwischen den Nutzpflanzen Platz bliebe für Wildkräuter

und die meisten Wildtiere. Die früher in Hülle

und Fülle vorhandenen Wildkräuter wie Korn- und

Mohnblumen, Kornraden, Feldstiefmütterchen u. v. a.

waren Lebensraum von Hunderten von Insektenarten,

die wiederum Vögeln als Nahrung dienten und

für die Aufzucht von Nestlingen unerlässlich waren.

Wenn heute in den dichten Nutzpflanzen-

Monokulturen Reste dieser Wildkräuter aufkommen,

werden sie nahezu vollständig durch Herbizide abgetötet,

ebenso die als „Ungräser“ bezeichneten Wildgräser.

Die Pflanzungen selbst sind so dicht angelegt,

dass sich zwar Rehe und Wildschweine noch Wege

hindurch bahnen können, aber Arten wie Star, Feldlerche

oder auch Rebhuhn bringen in den dichten

Monokulturen im wahrsten Sinne des Wortes keinen

Fuß mehr auf den Boden. Neben den intensiven

Landwirtschaft hat das meist mit ihr zusammenhängende

Trockenlegen von Feuchtgebieten unserer Ar-

Getreideanbau in Monokultur, © Thomas Wagner,

BDG

tenvielfalt enorm geschadet, ebenso der Flächenverbrauch

durch Siedlungen und die Anlage von Verkehrswegen,

und ein Übriges tut die zunehmende

Verunruhigung unserer Landschaft, in jüngster Zeit v.

a. durch Aktivitäten wie Joggen, Mountainbike-Fahren, Schneeschuh-Laufen oder auch das Ausführen

von Hunden bis in die entlegendsten Winkel unserer eng gewordenen Naturlandschaft. Generell

betrachtet ist den bis gegen 1800 blühenden Wildtier-Beständen einschließlich der Vögel zweierlei

verloren gegangen: Zum einen Lebensraum mit geeigneten Strukturen zum Aufenthalt und

zur Fortpflanzung, etwa zum Nestbau, und zum anderen die Nahrungsgrundlage. Allein die Wildkräuter

in den Feldfluren haben in Deutschland bis gegen Ende der 1950er Jahre Samen in der

Größenordnung von einer Million Tonnen produziert, von denen fast nichts mehr übrig geblieben

ist.

Auch die Gräser unserer Wiesen produzieren kaum noch Samen, weil sie nicht mehr wie früher nur

zweimal, sondern inzwischen bis zu fünfmal im Jahr gemäht werden. Der Schwund an Wildpflanzen

hat dazu geführt, dass Insekten insgesamt, durch alle systematischen Gruppen hindurch, um

mehr als 50 % abgenommen haben, womit den meisten Vogelarten auch wesentliche Teile ihrer

Nahrung und vor allem ihres Futters für die Jungenaufzucht fehlen. Die dramatischen Bestandsrückgänge

bei Vögeln haben sich bis in die Hausgärten ausgewirkt, sodass heute vielerorts Arten

wie Gimpel, Stieglitz, Hänfling, aber auch Star, Feld- und selbst Haussperling nur noch in geringer

Anzahl vorkommen oder gänzlich fehlen.

Gartenvögel – lassen sie sich gezielt fördern?

Die Antwort auf die gestellte Frage ist ein klares Ja!

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- 30 -

Noch ist dieses Land nicht so „ausgeräumt“, wie z. B. weite Teile Chinas, wo selbst die Anlage

eines wunderschönen Gartens meist kaum etwas bewirken würde, weil im Umfeld von Hunderten

von Kilometern Vögel praktisch vollständig fehlen. Wenn auch hier die Bestandsrückgänge inzwischen

alarmierend und dramatisch sind, so sind viele Arten trotzdem immer noch erfreulich regenerierfähig.

Grüne, gartenreiche Städte wie Berlin oder Stuttgart zeigen, dass sie reichhaltige Vogelwelt

beherbergen können, oft arten- und individuenreicher als die sie umgebende „Naturlandschaft“;

eben wegen des bereits genannten Struktur- und Nahrungsangebots.

Für einen vogelfreundlichen Garten, der möglichst viele Arten und Individuen anlocken und auch

dauerhaft beherbergen kann, ist dreierlei notwendig:

• Eine reichhaltige, möglichst naturnahe Struktur, d. h. Vegetation mit reichlich Kräutern,

Stauden, aber auch Büschen und wenn irgend möglich, auch Bäumen, einschließlich

Kletterpflanzen an Hauswänden, Nebengebäuden wie Garagen usw. Welche Pflanzen

sich dafür ganz besonders eignen, ist in dem Buch Berthold & Mohr „Vögel füttern – aber

richtig“ dargestellt (Kosmos 2008, Quelle s. u.).

Der vogelfreundliche Garten muss

• ausreichend Nistmöglichkeiten bieten – dazu gehören neben dicht wachsenden Büschen,

Kletterpflanzen usw. vor allem auch künstliche Nistgelegenheiten, also Nistkästen.

Dabei ist Sparen fehl am Platz. Ein Garten von etwa 500 m 2

sollte mindestens 15

Nistkästen bereitstellen; und zwar Standardkästen für Meisen und Feldsperlinge, aber

auch Spezialkästen für Stare, Halbhöhlenbrüter wie Rotschwänze, Niststeine für Haussperlinge

und Mauersegler, Halbschalen für Mehlschwalben, Nistkugeln für Rotkehlchen

und Zaunkönig, wie sie in Spezialkatalogen angeboten werden. Nur wenn man Nistmöglichkeiten

reichlich anbietet, kann man auch mit einer größeren Population verschiedener

Arten im Garten rechnen, zumal potentielle Brutvögel nicht jede Nistgelegenheit akzeptieren,

sondern nach eigenen Gesichtspunkten auswählen.

• Ein Eckpfeiler für eine reichhaltige Vogelwelt im Garten ist eine Vogel-Futterstelle, die

unbedingt ganzjährig betrieben werden sollte. Wie oben dargestellt, ist einer der wesentlichen

Hauptgründe für den Rückgang unserer Vogelwelt die dramatische Abnahme sowohl

pflanzlicher (Sämereien) als auch tierischer (Insekten) Nahrung. Sie ist nicht einfach

durch einen „naturnahen“ Garten zu ersetzen, wie immer wieder von Vogelschutzverbänden

behauptet wird. Rechnet man nach, was Vögel im Jahresverlauf brauchen,

dann ernährt ein recht naturnah betriebener Hausgarten mit seinen Sämereien gerade

mal etwa eine Handvoll Grünlinge das ganze Jahr über – der Rest muss sich anderswo

umsehen. Da naturnahe Gärten die Ausnahme sind, müssen Gartenvögel, die nicht gefüttert

werden, meist weit umherstreifen. Damit dünnt sich der Vogelbestand eines Gartens,

auch wenn er eine noch so gute Oase darstellt, rasch wieder aus. Durch ganzjährige

Vogelfütterung im Hausgarten erhält man nicht nur viele Nahrungsgäste, sondern

auch überdurchschnittlich viele Brutvögel.

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- 31 -

Nisthilfen und eine reichhaltige, möglichst naturnahe Biotopstruktur sind Voraussetzungen für eine artenreiche Vogelwelt

in der Kleingartenanlage, © Thomas Wagner, BDG

Kosten-Nutzen – eine Bilanz

Nun wird sich vielleicht mancher sagen, wenn ich Vögel erst füttern muss, um sie in größerer Zahl

in den Garten zu bekommen, dann ist das mit Kosten verbunden, und sind denn dann die Vögel

für den fütternden Kleingärtner – außer, dass sie ihn vielleicht erfreuen – überhaupt von Nutzen?

Auch hierauf ist die Antwort ein eindeutiges Ja! In einem naturnah angelegten Garten, kann man

selbst im Stadtbereich mit etwa 10 bis über 30 erscheinenden Vogelarten rechnen, wovon rund 20

im Gartenbereich auch brüten.

Feldsperling (Passer montanus) an Futterquelle,

© Thomas Wagner, BDG

Bei günstiger Lage mit vogelfreundlichem Umfeld

können in einem Hausgarten von etwa 500 m 2 Fläche

alljährlich 10 bis 15 Paare von Singvögeln brüten; und

bei einer ganzjährig betriebenen Futterstelle können

bis kurz vor der Brutzeit und alsbald danach täglich

100-1000 Individuen den Garten besuchen.

Zu den häufigsten Brutvögeln und Gästen der Gartenanlagen

gehören Kohl-, Blau- und Sumpfmeise,

Amsel, Grünling, Kleiber, Rotkehlchen, Hausrotschwanz,

Haus- und Feldsperling, vielfach auch Star,

Singdrossel, Buchfink, Girlitz, Gimpel, Stieglitz,

Mönchs- und Gartengrasmücke, Heckenbraunelle,

Zilpzalp, aber auch Spechte, Schnäpper, Wildtauben

u. a. Die meisten dieser Arten besuchen nicht nur die

im Garten angelegten Futterstellen, sondern suchen

in der Regel tagtäglich, ausdauernd und in jedem

Winkel nach Fressbarem – von der Laubstreu am

Boden, die häufig gewendet wird, über die Kraut- und

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Staudenschicht sowie die Büsche bis hinauf in die Kronen der Bäume. Dabei werden – je nach Art –

kleine

Gehäuseschnecken, Käfer, Raupen, Blattläuse usw. in

Menge verzehrt, sodass viele der potentiell gefährlichen

Gartenschädlinge verschwinden, bevor sie überhaupt

wirksam werden können.

Lagen früher nur wage Schätzungen über den Nutzen

von Singvögeln in den Pflanzenkulturen der Kleingartenanlagen

vor, so verfügt man heute über verlässliche

Untersuchungsergebnisse aus umfassenden Studien.

So haben beispielsweise führende Meisenforscher

aus Holland 2005 berichtet, dass schon drei

Kohlmeisen-Brutpaare mit ihren Bruten auf einem

Hektar ökologisch betriebener Apfelbaumplantage 23

bis 49 % der Schädlings-Raupen vertilgen können.

Ähnliche Ergebnisse wurden in Ostdeutschland mit

der Ansiedlung von Feldsperlingen erzielt. Natürlich

kann man mit einem Garten voller Vögel keine Pilzkrankheiten

von Kartoffeln oder Tomaten oder Mehl-

tau von überzüchteten Rosensorten fernhalten, aber bei Obst und auch bei den meisten Gemüsesorten

kann man weitestgehend auf den Einsatz von Pflanzenschutz-Chemikalien verzichten.

Fazit:

Auch in der gegenwärtig vogelarmen Zeit lohnt es sich noch, möglichst viele gefiederte Freunde in

den Gartenbereich zu holen. Sie lassen sich in der Tat auch noch anlocken und ansiedeln, wenngleich

mit mehr Aufwand als noch vor 50 Jahren.

Weiterführende Literatur

Vogeljunge vertilgen Gartenschädlinge in erheblichen

Mengen, © Photocase/Dina

Bauer, H.-G. & P. Berthold (1997): Die Brutvögel Mitteleuropas. Bestand und Gefährdung. Aula,

Wiesbaden. 2. Aufl.

Berthold, P. (1990): Die Vogelwelt Mitteleuropas: Entstehung der Diversität, gegenwärtige Veränderungen

und Aspekte der zukünftigen Entwicklung. Verh. Dtsch. Zool. Ges. 83: 227-244

Berthold, P. (2003): Die Veränderung der Brutvogelfauna in zwei süddeutschen Dorfgemeindebereichen

in den letzten fünf bzw. drei Jahrzehnten oder: verlorene Paradiese? J. Ornithol. 144: 385-

410

Berthold, P. (2008): Vogelzug. Eine aktuelle Gesamtübersicht. Wiss. Buchges. Darmstadt. 6. Aufl.

Berthold, P. & G. Mohr (2008): Vögel füttern – aber richtig. Kosmos. 2. Aufl.

Berthold, P. (2009): Vögel füttern und ansiedeln. Nützliche Helfer im Garten. Schwäbischer Bauer

49: 54-55

Deckert, G. (1968): Der Feldsperling. Die Neue Brehm-Bücherei, Wittenberg Lutherstadt

Mols, C. M. M., van Noordwijk A. J. & Visser M. E. (2005): Assessing the reduction of caterpillar

numbers by Great Tits Parus major breeding in apple orchards. Ardea 93: 259-269

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Singvögel und Spechte im Kleingarten

- 33 -

Erlenzeisig (Carduelis spinus), © Thomas Wagner, BDG Kohlmeise (Parus major), © Photocase/Suze

Buntspecht (Dendrocopos major), © Photocase/Mella Star (Sturnus vulgaris), © Thomas Wagner, BDG

Blaumeise (Cyanistes caeruleus), © Thomas Wagner, BDG Fitis (Phylloscopus trochilus), © Photocase/Mella

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Strukturreiche Biotope in Kleingartenanlagen

Trockenbiotop mit vielfältigem Bewuchs (KGA* Eichelberg,

Bayreuth)

Naturnaher Garten mit abwechslungsreicher Bepflanzung

(Privatgarten, Lübbenau)

- 34 -

Fotos (1-4): Thomas Wagner, BDG, | * KGA: Kleingartenanlage

Weg durch Kleingartenanlage mit strukturreicher Randbepflanzung

(KGA Bühlauer Waldgärten, Dresden)

Freiwachsende Hecke mit Wild- und Obstgehölzen als

Wegebebleitgrün (KGA Fasanenhain, Halle)

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Schnecken – unsere Freunde und die

Gegenspieler

Klaus-Dieter Kerpa

Münster

Fachberater der Firma W. Neudorff GmbH KG

Einleitung

Der Titel des Beitrages mag manchen Gartenfreund zum „Kopfschütteln“ verleiten. Dem Verfasser

ging es da zunächst nicht anders. Welch kühne Behauptung steckt in dem Satz – Schnecken unsere

Freunde –. Richtiger müsste es heißen „Schnecken, der Schrecken aller Gärtner“; zumal sich

„Schnecken“ auch viel besser auf „Schrecken“ reimt.

Schließlich sind Schnecken für die meisten Gartenfreunde Tiere, die zu den schlimmsten Gartenschädlingen

gehören. Selbst mancher sonst noch so besonnene Biogärtner verliert leicht die Contenance,

wenn die schleimigen Gesellen in die Kulturen einfallen und in einer Nacht das Beet mit

den zarten Salatpflänzchen kahlfressen. Wer sich jedoch mit dem Thema Schnecken etwas intensiver

beschäftigt wird, schnell feststellen, dass man diesen Tieren Unrecht tut, wenn man sie durchweg

nur als eklige, schleimige Schädlinge betrachtet.

So soll dieser Vortrag die allgemein sehr negativen Urteile über die Schnecken relativieren und

dabei informieren über

• Schneckenarten,

• die Biologie der Schnecken,

• natürlichen Gegenspieler,

• Bekämpfungsmaßnahmen.

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- 36 -

„Schnecken,- unsere Freunde,

Schneckenarten,

über die Biologie der Schnecken, -

über natürliche Gegenspieler,

und über

Bekämpfungsmaßnahmen

und die Gegenspieler“

Schnecken,

das reimt sich auf Schrecken !

Schnecken unsere Freunde?

Alles Ansichtssache !

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Die Einordnung der Schnecken im Tierreich

Ihr gehören weltweit über 40.000 Arten an,

In der Systematik des Tierreiches bilden Schnecken

eine der acht Tierklassen aus dem Stamm der

Weichtiere (Molluska).

Die Klasse wird als Gastropoda (=Bauchfüßler)

bezeichnet.

Erstaunliches zu Schnecken:

Schnecken sind die einzige Tierart, von denen es

Vertreter im Wasser (sowohl in Salz- als auch in

Süßwasser) auch an Land gibt.

Es gibt Schneckenarten von gerade mal einem Millimeter

Größe bis hin zu einer Größe von ca. 70 cm

Von den über 40.000 Schneckenarten leben ca. 25.000

Arten an Land.

Davon sind nur ein kleiner Anteil als „Gartenschädlinge“

zu betrachten.

Die Vielfalt der Schnecken

Im Rahmen dieses Vortrages ist es unmöglich auch nur

annähernd der Vielfalt und Schönheit der Schnecken

gerecht zu werden.

Die nachfolgenden Beispiele mögen den interessierten

Gartenfreund anregen, sich tiefer mit dem Thema

„Schnecken“ auseinander zu setzen.

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Die Vielfalt der Schnecken

Meeresschnecken

Süßwasserschnecken

Landschnecken

Meeresschnecken

sind als „Meeresfrüchte“ beliebt und gelten als

kulinarische Delikatessen, was ihren Bestand teilweise

stark gefährdet.

Unter ihnen gibt es Pflanzenfresser und räuberisch

lebende Arten. Auch bei den Meeresschnecken gibt

es Nacktschnecken.

Meeresschnecken

An den Stränden der Meere findet man angespülte,

leere Schneckenhäuser und Muscheln.

Oftmals werden die Schneckenhäuser der Meeresschnecken

als Muscheln verkannt.

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Unterschied zwischen Muschel und Schnecke

Das Gehäuse einer Muschel besteht immer aus einer

zweiteiligen Muschelschale.

Die beiden Hälften sind unterschiedlich geformt und an

der Rückenseite durch eine Art elastisches Gurtband

miteinander verbunden.

Schnecken weisen bestenfalls ein Gehäuse auf.

Die Gehäuse von Meeresschnecken sind oftmals

überraschend bunt und in haben teilweise sehr bizarre

Formen.

Gehäuse einer Meeresschnecken-Art

Die Gehäuse bestimmter Arten, z.B. der

Kauri‐ oder Porzellanschnecke

Cypraea moneta

galten in der Vergangenheit in Afrika, in Ost-und

Südasien und in der Südsee als vormünzliches

Zahlungsmittel („Kaurigeld“ ).

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Purpurschnecken (Herkuleskeule)

sind marine Schnecken, die aus einer Drüse einen

gelblichen Schleim absondern aus der sich

Purpurfarbstoff herstellen lässt. Für ein Gramm

Purpur mussten ca. 10.000 Schnecken ihr Leben

lassen.

Die Farbe war u.a. Statussymbol Deutscher Kaiser

und die offizielle Farbe katholischer Kardinäle. Bis

heute ist dieser Farbstoff der teuerste der Welt. Es

gibt eine deutsche Firma, bei der man ihn für einen

Preis von ca. 2.500 € / g beziehen kann.

Verwendung findet er heute hauptsächlich bei

Restaurierungsarbeiten.

Gehäuse der Purpurschnecke

Die Vielfalt der Schnecken

Meeresschnecken

Süßwasserschnecken

Landschnecken

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Süßwasserschnecken leben in Seen, Teichen

und Flüssen. Es gibt Gruppen von „Kiemenatmenden“

und „Lungenatmenden“ Süßwasserschnecken.

In den Gruppen gibt es beträchtliche Unterschiede in

der Biologie, die auch abhängig vom Verbreitungsgebiet

ist..

Leben in einem Fluss beinhaltet andere beeinflussende

Ökofaktoren als in einem kleinen Teich.

Für Teichliebhaber und Aquarienbesitzer sind einige

dieser Schneckenarten zur Wasserklärung von großer

Bedeutung.

Insbesondere Sumpfdeckelschnecken sind unter diesem

Aspekt für Gartenteiche interessant.

Manche Süßwasserschneckenarten fressen auch gerne

Wasserpflanzen, dann werden sie schnell zu

„Schädlingen“.

Auch Spitzhornschnecken sind

typische Teichbewohner,

sie ernähren sich von Aas, Algen,

faulenden Pflanzenresten, sowie

vom Laich anderer Wassertiere.

Posthornschnecken fressen u. a.

Algen und faulende Pflanzenteile,

Sie werden häufig in Garten‐

teichen oder Aquarien gehalten.

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Die Vielfalt der Schnecken

Meeresschnecken

Süßwasserschnecken

Landschnecken

Landlungenschnecken

Landschnecken, auch als Landlungenschnecken

bezeichnet, sind wieder Name sagt, Schneckenarten,

die andauernd an Land leben.

Die Anzahl der Landschneckenarten wird in der

Literatur mit ca. 25.000 angegeben.

Einige wenige dieser vielen Arten haben sich in

Gärten breit gemacht.

Sie werden von vielen Haus- und Kleingärtnern fast

alle als Schädlinge betrachtet und rigoros bekämpft.

Gemeinsamkeiten der Landlungenschnecken

• Leben dauerhaft an Land

• Atmen über sehr gefäßreiche Lungenhöhlen

• Besitzen zwei paar griffelförmige Fühler

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sie besitzen zwei paar griffelförmige Fühler

An dem oberen, längeren Fühlerpaar sitzen an der

Spitze die Augen. Das Sehvermögen ist nicht sehr

ausgeprägt. Es reicht gerade für Hell-Dunkel-Kontraste.

Das untere, kürzere Fühlerpaar dient dem Tasten,

Riechen und Schmecken. Hindernisse werden

vorsichtig betastet. Wird die Berührung zu stark, zieht

die Schnecke erschrocken ihre „Antennen“ zurück.

In dem längeren Fühlerpaar befinden sich die Augen

Foto: M. Schultze

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Alle Landlungenschnecken haben einen gut

ausgeprägten Geruchssinn.

Sie können Nahrung bis zu 100 Meter Entfernung

riechen.

Das Riechen - wie übrigens auch das Schmecken -

erfolgt nicht nur über die Fühler. Sie benutzen dafür

Geruchs- und Geschmackssinneszellen, die über den

gesamten Körper verteilt sind.

Gehäuseschnecken

Wieso gibt es eigentlich

Schnecken

mit „Eigenheim“ und

Schnecken ohne Haus?

Lustiger Versuch zur Erklärung!

Die Schnecke

Landlungenschnecken

Mit ihrem Haus nur geht sie aus!

Doch heut lässt sie ihr Haus zu Haus,

es drückt so auf die Hüften.

Und außerdem — das ist gescheit

und auch die allerhöchste Zeit:

sie muss ihr Haus mal lüften!

Nacktschnecken

- Heinz Erhardt -

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Das Gehäuse der Schnecken ist wohl ein

ursprüngliches Merkmal aller Schnecken.

Es diente ursprünglich als Schutzgehäuse.

Im Laufe der Evolution erfuhr dieses

Schutzgehäuse äußerst vielfältige

Abwandlungen, wie z.B. eine Reduzierung der

Gehäuse bei Landschnecken.

Der Prozess der Gehäusereduzierung verlief in den

einzelnen Gruppen sehr unterschiedlich.

So gibt es Schneckengruppen, die am hinteren Teil

des Mantels stark reduzierte Gehäuse aufweisen

(z.B. bei den Rucksackschnecken).

Andere, wie die Egelschnecken, besitzen noch eine

kleine, flache Gehäuseplatte, während

Wegschnecken nur noch einige nicht

zusammenhängende Kalkkörnchen in ihrem

Mantelschild haben.

Diese Reduktion des Gehäuses bietet den

Nacktschnecken einige Vorteile.

Zum Beispiel Einsparung von Energie, die für den

Aufbau und das Tragen der Schneckenhäuser

benötigt wird.

Auch sind die Schnecken ohne Häuschen deutlich

beweglicher, können über verhältnismäßig längere

Strecken wandern und sich so relativ schnell neue

Biotope erschließen.

Quelle: www.weichtiere.at

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Nacktschnecken können Nahrungsquellen

erschließen, die Gehäuseschnecken nicht erreichen.

Einige Schneckenarten leben unter der

Erdoberfläche, da würde ein Häuschen nur

behindern.

Auch können sich gehäuselose Schnecken zum

Schutz in enge Ritzen und Spalten zurückziehen, die

für Gehäuseschnecken unzugänglich bleiben.

Quelle: www.weichtiere.at

Fortbewegung im „Schneckentempo“

Je nach Art können sich Schnecken mit einer

Geschwindigkeit von 2,5 bis 5 m / Std. vorwärts

bewegen.

Schnecken bewegen sich mithilfe ihrer Kriechsohle fort.

Durch Kontraktion der Fußmuskeln, die in wellenartigen

Bewegungen von hinten nach vorne laufen, schieben

sich die Schnecken vorwärts.

Die Kriechsohle hat dabei aber nie direkten Kontakt mit

dem Untergrund, da die Schnecke über Drüsen

permanent Schleim ausscheidet.

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Eine schleimige Angelegenheit, der Schneckenschleim.

Schnecken produzieren permanent eine schleimige

Absonderung, den Schneckenschleim. Er wird mittels

Drüsen an der Sohle produziert.

Der Schleim schützt die Schnecken vor Austrocknung, vor

Bakterien und vor manchem Fraßfeind, weil er die

Mundwerkzeuge von Räubern verkleben kann.

Den meisten Schleim benötigt die Schnecke aber um

vorwärtszukommen.

Sie produziert quasi ihren eigenen Straßenbelag.

Der Schleim besteht zum größten Teil aus Wasser

und enthält Zucker und verschiedene Eiweißmoleküle.

Das Gemisch bildet ein Gel mit fantastischen

Eigenschaften, die sich je nach Belastung verändern.

Bei Bewegung der Schnecke wird es zum Gleitmittel, im

Ruhezustand wird es fast fest und dient der Schnecke als

Klebstoff, so kann sie sich auch an glatten Untergründen

festhalten.

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Der Schleim ermöglicht den Schnecken sogar über

scharfe Gegenstände (z.B. ein Messer) zu kriechen,

wie auf den nachfolgenden Bildern von Robert

Nordsieck, Verfasser der hervorragenden

Homepage: www.weichtiere.at zu sehen ist.

Hierbei spielt die Muskulatur des Schneckenfußes

eine wesentliche Rolle. Mit ihrer Hilfe können

Schnecken unter der Fußsohle einen Unterdruck

produzieren, sodass es zu keinem direkten Kontakt

mit der Klinge kommt. Die Schleimschicht zwischen

Fußsohle und

Messer bietet zusätzlichen Schutz.

„Auf Messers Schneide“

Das Liebesleben der Schnecken

Foto: © Robert Nordsieck

http://www.weichtiere.at

Alle Landlungenschnecken sind Zwitter

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Bei den Landlungenschnecken besitzt jedes Tier sowohl

männliche als auch weibliche Genitalien.

Bei der Kopulation, einem hochkomplexen Vorgang, der

zudem weitgehend artspezifisch ist, überträgt jedes Tier auf

das andere sein Sperma, welches zunächst gespeichert wird.

Sind später die eigenen Eizellen herangereift, wird das

Sperma zur Befruchtung benutzt.

Bei den meisten Nacktschnecken sondert ein

geschlechtsreifes Tier aus einer Hinterleibsdrüse Schleim ab,

der von paarungsbereiten Artgenossen abgenagt wird.

Dem Partner hinterher. „Verfolgung“ vor der Paarung.

Paarung der Weinbergschnecke

Bild: Monika Kleymann

und der Nacktschnecke

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Jedes Tier legt innerhalb mehrerer Wochen Eier in Häufchen

ab. Die Anzahl der Eier und die Gelegegrößen variieren stark

je nach Art.

Die Eiablage erfolgt in kleine Hohlräume im Boden, unter

Brettern, Steinen, oder gerne auch unter Abdeckungen der

Kompostmiete.

Je nach Schneckenart sind die Eier kugelrund bis oval.

Manche Arten legen durchsichtige, geleeartige Eier ab;

andere wiederum Eier mit einer harten kalkigen Schale.

Eiablage der

Weinbergschnecke

in Erdhöhle

Eiablage der

Nacktschnecke

Schlupf aus dem Ei

Schlupf aus dem Ei

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Vorstellung einiger Gehäuseschnecken‐Arten

Die Weinbergschnecke Helix pomatia

Die Weinbergschnecke (Helix pomatia) ist die größte hier

heimische Gehäuseschnecke.

Sie kann mehrere Jahre alt werden und kommt nicht nur

in Weinbergen, sondern auch in vielen anderen Bereichen

der Kulturlandschaft vor. Bevorzugt werden kalkreiche

Böden, da Kalk Baustein der Häuschen ist.

Die Schäden durch Weinbergschnecken sind weitgehend

tolerierbar und sollten kein Grund dafür sein, dass

diese schönen, zudem unter Naturschutz stehenden Tiere,

getötet werden.

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Fraglicher Genuss: Weinbergschnecken mit Knoblauchbutter

Gartenbänderschnecken

Bänderschnecken (Gartenbänder‐ und Hainbänderschnecke)

gehören wie die Weinbergschnecken zu den Schnirkel‐

schnecken.

Die kleinen, kugelförmigen Schneckenhäuschen gibt es in

zahlreichen Farbtönen; mal mit, mal ohne Bänder.

Der Schaden, den sie an Zierpflanzen und anderen Kulturen

anrichten, ist vergleichsweise gering und sollte kein Grund

sein, diese schönen Schnecken zu töten.

Vielfalt und Schönheit der Bänderschnecken

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Nacktschnecken

Mit Nacktschnecken werden

Schnecken bezeichnet, die ihr

Gehäuse weitgehend reduziert

haben.

Die Vielfalt der Nacktschnecken

Nacktschnecken gehören zur Ordnung der Lungenschnecken

(Pulmonata).

Beispiele für einige in dieser Ordnung enthaltenen Familien

sind:

Mantelschnegel, Kielschnegel, Egelschnecken,

Ackerschnecken, Glasschnecken, Wegschnecken und viele

weitere Familien mit jeweils mehreren Arten.

Jede Familie hat ihre Eigenarten und Besonderheiten und

nur einige wenige Arten spielen als Schädlinge eine

bedeutsame Rolle in den Gärten.

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Nacktschnecken gelten durchweg als Schädlinge.

Sie sind der Schrecken aller Gärtner !!

Doch halt! Nicht jede Nacktschneckenart richtet solche Schäden an

Große Egelschnecke / Tigerschnegel

(Limax maximus)

Familie: Egelschnecken

Diese auffällig gemusterte

Nacktschnecke kann bis 20

cm groß werden. Sie ernährt

sich u.a. von Pilzen und

abgestorbenen Pflanzenteilen.

Der Schaden, den sie

anrichtet, ist verhältnismäßig

gering.

In der Literatur finden sich

Hinweise, dass sie Eier von

anderen Nacktschneckenarten

und sogar andere

Nacktschneckenarten

vertilgt.

Bei den vielen Schnegel-Schnecken gibt es interessante Arten wie z.B. den Bierschnegel, der

2005 nach 90 Jahren in Deutschland (in der Bierstadt Einbeck!) wiederentdeckt wurde.

Bild und ausführliche Beschreibung hierzu siehe:

http://www.nabu.de/tiereundpflanzen/sonstigetiere/weichtiere/04187.html

Wegschnecken – Schnecken, die keiner so

richtig mag

In der Familie der Wegschnecken, die auch zu den

Nacktschnecken zählen, kommen Arten vor, von

denen viele zu den bedeutenden

Gartenschädlingen gerechnet werden.

Einige Arten erreichen aufgrund ihrer hohen

Vermehrungsraten hohe Populationsdichten und sind

dadurch in den Gärten zu bedeutenden

Kulturschädlinge geworden.

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Abwechslungsreiches Nahrungsspektrum der Wegschnecken

Bild: Monika Kleymann

Wegschnecken sind in ihrer Nahrung nicht wählerisch.

Frische, zarte Pflanzen aller Art, Pilze u.a.m. gehören ebenso

dazu wie Aas.

Ihre Nahrung zerkleinern Schnecken mit Hilfe einer

Raspelzunge, der „Radula“ . Diese ist quer und längs

mit winzigen „Chitinzähnchen“ besetzt.

Die Schnecken saugen ihre Nahrung in den Schlund und

zerreiben sie mit der Radula.

Raspelzunge („Radula“)

Längsschnitt durch den Kopf

Bild: Neudorff

„Gartenwegschnecke“ (Arion hortensis)

Diese Gartenwegschnecke ist ausgewachsen nur ca.

3-5 cm groß, typisch ist die gelbbraun bis orange

. gefärbte Fußsohle.

Sie . lebt bevorzugt unter der Bodenoberfläche und

ernährt sich hauptsächlich von Wurzeln, Knollen,

und Pflanzensamen. Sie zählt zu den bedeutenden

Gartenschädlingen.

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Ebenso rechnet man die Genetzte Ackerschnecke

(Deroceras reticulatum) auch als Ackernetzschnecke

bezeichnet, zu den bedeutenden Schadschnecken.

Die Tiere sind 4 bis 6 cm lang und weisen eine

bräunliche Grundfarbe auf. Sie sind mit einer dunklen,

netzartigen-gefleckten Zeichnung versehen.

Große Wegschnecke,

Schwarze Wegschnecke,

Große Schwarze Wegschnecke.

Arion ater

Drei Namen für eine Schneckenart !

Die Bezeichnung „Schwarze Wegschnecke“ ist für

Arion ater sehr passend.

Das Tier, was ausgewachsen und ausgestreckt 10 bis

13 cm lang sein kann, hat meist eine tiefschwarze

Farbe.

Manchmal findet man Exemplare, die nur dunkelbraun

oder grau sind. Auch die Fußsohle ist sehr dunkel. Die

Jungtiere sind zunächst sehr hell, werden dann aber

schnell grau und sind dann schon schnell tiefschwarz.

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„Schwarze Wegschnecke“ (Arion ater)

Die zwittrigen Tiere befruchten sich gegenseitig.

Nach der Kopulation legt jedes Tier bis 150 Eier ab, die im

Boden versteckt werden.

Die Jungtiere schlüpfen nach etwa 4 bis 6 Wochen in

Abhängigkeit von der Temperatur.

Die Schneckenart lebt bevorzugt in feuchten Wäldern,

Wiesen, Mooren und Gärten.

Nahrung sind welke oder frische Pflanzen, aber auch

Aas.

„Rote Wegschnecke“ (Arion rufus)

Die Rote Wegschnecke (Arion rufus) ist ausgestreckt 12

bis 15 cm lang (in Ausnahmefällen auch bis 20 cm).

Ihr Körper ist von länglichen Runzeln bedeckt. Das Mantelschild

ist relativ groß und nimmt über 1/3 der gesamten

Körperlänge ein.

Die Färbung der Roten Wegschnecke kann sehr

unterschiedlich ausfallen, von dunkel-braun über grau,

rotbraun, rot und orange, ja sogar tiefschwarze

Exemplare kommen vor.

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Farbvariationen der Roten Wegschnecke

Die „Katastrophe“

Bildquelle: © Iris Rezk-Salama

http://www.schweineban.de/

Spanische Wegschnecke

( Kapuzinerschnecke )

Arion lusitanicus,

(Arion vulgaris)

Die Spanische Wegschnecke, Arion lusitanicus, (in der

Literatur auch unter Arion vulgaris zu finden), wurde in

den 60er Jahren aus Portugal eingeschleppt.

Sie verbreitet sich unaufhaltsam. Das feuchte Klima

kommt ihr dabei zugute.

Die Spanische Wegschnecke hat eine enorme

Vermehrungsrate. Nach der Paarung der zwittrigen Tiere

legt jedes Tier bis zu 400 Eiern in Gruppen von 30 bis 50

Eiern ab.

Sie ist die mit Abstand bedeutendste Schadschnecke in

den Gärten.

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Spanische Wegschnecke bei der Eiablage

Die spanische Wegschnecke ist nur schwer von der

Roten Wegschnecke zu unterscheiden, da sie ebenso

wie die Rote Wegschnecke farblich sehr variabel ist.

Am besten gelingt das anhand der Jungtiere bis ca. 1

bis 2 cm Größe:

charakteristisch für Kapuzinerschnecken im „Baby-

Alter“ sind die graubraun bis gelblich orange gefärbten

Streifen an den Seiten.

Die Spanische Nacktschnecke ist in ihrer

Nahrung nicht wählerisch.

Zum Nahrungsspektrum gehören, neben

frischen zarten Pflanzensetzlingen und

anderen Pflanzen, angefaultes Fallobst,

Vogel- und Hundekot sowie auch tote

Artgenossen.

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Auch tote Artgenossen werden nicht verschmäht.

Ungebetener Besuch nach Grillparty

Cartoonistin: Renate Alf, http://www.renatealf.de/illus.htm

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Die natürlichen Gegenspieler der Schnecken

Viele Nacktschneckenarten werden kaum oder nur

ungern von unseren natürlichen Schneckenvertilgern

angenommen, weil sie ziemlich bitter schmecken

sollen.

Das trifft in besonderem Maße auf die Spanische

Nacktschnecke zu, die wesentlich zäher und

schleimiger als die heimischen Nacktschneckenarten

sind.

Zu den natürlichen Gegenspielern der Schnecken gehören:

Igel:

Die meisten Menschen zählen den Igel zu den

Schneckenvertilgern schlechthin. Das trifft jedoch

nur bedingt zu. Igel sind Allesfresser, die

Regenwürmer, Asseln, Laufkäfer und andere

Bodentiere fressen. Sie verschmähen auch Süßes

wie Erdbeeren und Fallobst nicht. Einen Teil ihrer

Nahrung wird zwar auch durch Schnecken gedeckt,

aber die sehr bittere Spanische Nacktschnecke

gehört nicht zu ihrer Lieblingsspeise. Nach eigener

Beobachtung wälzen Igel diese Schnecken in der

Erde, damit sie ausschleimen und dadurch etwas

„schmackhafter“ sind.

Maulwürfe:

Der Maulwurf ist ein reiner Fleischfresser der seine

Nahrung meist unter der Bodenoberfläche erbeutet.

Darunter befinden sich auch Schnecken, besonders

die Gartenwegschnecke Arion hortensis.

Spitzmäuse:

Diese kleinen Tiere mit der rüsselartigen Schnauze

haben nichts mit normalen Mäusen, die ja Nagetiere

sind, gemeinsam. Sie gehören zur selben Tiergruppe

wie Igel und Maulwürfe und weisen ein „Insektenfressergebiss“

auf, welches sich auch hervorragend

zur Erbeutung von Nacktschnecken eignet.

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Vögel:

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Amseln und Stare fressen kleine Nacktschnecken.

Drosseln zerschmettern kleine Gehäuseschnecken

(meistens Bänderschnecken), indem sie diese auf

einen Stein fallen lassen bzw. schlagen.

Oft findet man regelrechte Häufchen von

zertrümmerten Schneckenhäusern neben einem

Stein. Solche Stellen werden als „Drosselschmiede“

bezeichnet.

Gliederfüßer:

Viele Laufkäferarten (adulte Tiere und Larvenstadien)

sind auf Schnecken spezialisiert. Besonders frisch

geschlüpfte Nacktschnecken, die noch keine

schützende Schleimschicht haben, fallen ihnen zum

Opfer. Hier sind besonders die Larven der Leuchtkäfer

zu nennen.

Einige Käferarten fressen auch gerne Eier von

verschiedenen Schneckenarten.

Spinnentiere:

Hier sind besonders die Weberknechte und

Raubspinnen zu nennen.

Amphibien:

Lurche, Frösche, Kröten und Salamander fressen

Nacktschnecken. Besonders nützlich ist hier die

Erdkröte, die auch vor der Spanischen

Nacktschnecken nicht haltmacht.

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Echsen:

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Blindschleichen (fußlose Echsen) nehmen als

Nahrung neben Regenwürmern auch verschiedene

Schneckenarten zu sich. Neben den Gartenweg- und

den Ackernetzschnecken gehört hierzu auch die

Spanische Nacktschnecke.

Schnecken:

Einige Schneckenarten machen auch vor ihren

Artgenossen nicht halt. Neben adulten Tieren werden

besonders Schneckeneier vertilgt.

Besonders erwähnt sei hier noch einmal der

„Tigerschnegel“.

Häufig findet man in der Literatur Hinweise, dass auch

Weinbergschnecken die Eier von Nacktschnecken

vertilgen. Viele Autoren widersprechen aber dieser

Aussage, und auch eigene Beobachtungen können

nicht bestätigen, dass Weinbergschnecken

Schneckeneier fressen. Sie halten sich lieber an

zartes Grün.

Laufenten (Indische Laufenten):

Die Lieblingsspeise dieser Entenart sind

Schneckeneier und Nacktschnecken aller Art, hierzu

zählt auch die Spanische Wegschnecke.

Die Haltung der Tiere ist nicht ganz problemlos. Wie

alle Entenarten benötigen sie Wasser zur

Nahrungsaufnahme, zur Gefiederpflege und zum

Schwimmen. Hier ist es mit einem kleinen Gartenteich

nicht getan. Des weiteren brauchen sie einen kleinen

Stall, in dem sie bei Nacht vor Füchsen sicher sind.

Da die Tierhaltung in Kleingärten nicht gestattet ist,

erübrigt sich dieses Thema von allein.

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Den Garten für natürliche Schneckenvertilger

attraktiv machen!

Das Zauberwort:

„Vielfalt der Kleinstrukturen”

durch das Anlegen von

Kleinstlebensräumen.

Eine Totholzhecke

oder ein Reisighaufen

fördert viele Nützlinge.

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Trockenmauern oder ein

Steinhaufen bieten

Unterschlupf für

viele Schneckenvertilger.

Igelhaus

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Quelle: Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft,

Info-Broschüre: „Nützlingshecke“

Ein Gartenteich fördert

verschiedene

Froscharten.

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Auch eine Aufgabe für die Fachberatung:

Kleinstbiotope in der Kleingartenanlage planen!

Boden

Ziel:

Ein feinkrümeliger, humoser Boden ohne Spalten

und Risse; damit die Schnecken wenig Versteck finden

Von Flächenkompostierung ist abzuraten

Mulchen nur mit angerottetem Material, nur dünne

Schichten

Düngung

Vorbeugen und abwehren

Nicht überdüngen (= weiches Gewebe)

Organische Düngung bevorzugen

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Zuwanderung zu den Kulturen erschweren

Zwischen Kompostplatz und Gemüsebeeten

unwirtliche Bereiche anlegen,

z.B. Rindenmulchweg, Kiesweg, Lavagranulat

Das erschwert die Zuwanderung der

Schnecken zu den Kulturen.

Barrieren schaffen

Schutzstreifen von ca. 50 cm Breite um

Gemüsebeete anlegen.

Hierfür eignet sich saugfähiges, staubiges oder

scharfkantiges Material wie Sägemehl,

Holzasche, Tannennadeln, Gesteinsmehl,

Lavagrus.

Nachteil: Wirkung lässt beim Feuchtwerden nach

Schneckenzäune

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„Elektrozäune“

Schneckenkragen

Pflanzenhüte

Viel gepriesene Hausmittel

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nicht so sinnvoll

wie vielfach geglaubt

Cartoonistin: Renate Alf

http://www.renatealf.de/illus.htm

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Bierfallen

Vertreibung durch Jauchen u.a. Mittel

Vertreibung

nix wie weg!

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Jauchen aus

Efeu,

Lavendel,

Wurmfarn,

Holunderblätter,

Wermut

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Kräuterjauchen

Der Versuch macht klug!

haben zumindest eine Zeitlang einen

abwehrenden Effekt auf Schnecken.

Bohnenkaffee soll Schnecken den Garaus machen.

Es wird die Verwendung von „normal starkem“

Filterkaffee empfohlen.

Quelle:

http://www.nabu.de/oekologischleben/balkonundgarten/gartentipps/00546.html

Geruchspflanzen zur Abwehr

Es gibt ganze Listen von Empfehlungen was Schnecken

„nicht riechen“ können und was sie vom Naschen an

Lieblingspflanzen oder vom Salat fernhalten soll.

Häufig genannt werden hierbei:

Thymian, Lavendel, Akelei, Kapuzinerkresse,

Bartnelke, Fingerhut, Storchschnabel,

Purpurglöckchen, u.a.m.

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„Quedlinburger Saatgut“ aus Aschersleben

z.B.:

schneck-resist, Pflanzen die Schnecken nicht mögen

Frühmorgens und abends Schnecken absammeln unter zuvor

ausgelegten:

großen Blättern, (z.B. Rhabarberblätter)

feuchten Tüchern

alten Brettern

Zum Absammeln Einweghandschuh,

alte Würstchenzangen o.ä. verwenden

Der Handel bietet sogar spezielle Zangen hierfür an.

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Nichts für Empfindsame:

Schneckenjauche

(stinkt bestialisch)

( 100 Schnecken sollten es schon sein !)

Achtung: Keine Pflanzen damit benetzen, besonders keine

essbaren Kulturen. Die Jauche ist giftig!

Wohin mit den Schnecken?

Nicht in den Wald, denn dort gehören Sie nicht hin.

Nicht zum Nachbarn, dann sie kommen zurück!

Schnecken nicht durchschneiden, und nicht mit Salz bestreuen

(Tierquälerei).

Ein schnellen Tod bringt das Überbrühen mit kochendem Wasser.

Die toten Tiere vergraben, damit keine Artgenossen zur

„Beerdigung“ angelockt werden (der Geruch von toten Schnecken

zieht Artgenossen an).

Bekämpfung mit einem Molluskizid

Zur Zeit werden folgende drei zugelassene

Substanzklassen angeboten:

• Metaldehyd

• Methiocarb

• Eisen (III)-phosphat

• Metaldehyd ist in vielen Schneckenkornarten enthalten.

Das Produkt wird schon seit langer Zeit zur Schneckenbekämpfung

angewandt.

• Der Wirkstoff Metaldehyd ist ein Kontakt- und Magengift.

• Metaldehyd verstärkt die Schleimproduktion und entwässert

dadurch die Schnecken sehr stark. Die ausgeschleimten

Schnecken sterben an Ort und Stelle.

• Bei feuchter Witterung, wie bei Regen oder Tau, können sich

die Schnecken manchmal wieder erholen und überleben.

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Metaldehyd ist z. B. enthalten in:

- 73 -

• Methiocarb ist ein stark wirkendes Nervengift mit einem

breiten Wirkungsspektrum.

Der Wirkstoff gilt als giftig bis sehr giftig für Wasserorgansimen

und Bodenlebewesen (z.B. Regenwürmer).

Gefährdet sind auch Haustiere, wie Hunde und Katzen.

Methiocarb wirkt auf das Nervensystem der Schnecken.

Sie sterben an Ort und Stelle.

• Methiocarb ist z.B. enthalten in Mesurol Schneckenkorn

von Bayer.

Um sicher zu stellen, dass Mesurol nicht versehentlich von

Kindern oder Haustieren aufgenommen wird, hat es der

Hersteller mit einem Bitterstoff versetzt.

• Der Wirkstoff Eisen (III)- phosphat ist seit cirka 10 Jahren

auf dem Markt.

• Eisen (III)-phosphat kommt natürlich im Boden vor

Eisen und Phosphat spielen eine wichtige Rolle im

Metabolismus von Pflanzen und Tieren.

• Menschen und Tiere sind seit Generationen mit Eisen-IIIphosphat

in direktem Kontakt, ohne Schaden zu nehmen.

(Eisen (III)-phosphat ist als Zusatzstoff in Brot, Nudeln, Reis

und in diversen Getreideprodukten enthalten).

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- 74 -

Eisen III- phosphat ist enthalten in:

Das Produkt ist

unbedenklich für Haustiere,

aber auch für Regenwürmer,

Vögel, Kröten und Igel.

Die Firma Bayer bietet

seit Kurzem unter dem Namen

„BIOMOL“ ebenfalls ein

Eisen (III)-phosphat haltiges

Mittel an.

Ferramol ® Schneckenkorn ist laut EG-Verordnung für den ökologischen

Landbau für biologisch wirtschaftende Betriebe zugelassen.

Wirkungsweise

Ferramol ® Schneckenkorn wird von den Schnecken gefressen und bewirkt

nach der Aufnahme einen schnellen Fraßstopp. Der Wirkstoff führt zu Zellveränderungen

im Kropf und der Mitteldarmdrüse. Kurz nach Aufnahme des

Wirkstoffs hören die Schnecken auf zu fressen und ziehen sich in ihre

Verstecke zurück, wo sie nach einigen Tagen verenden.

Da die Wirkung nicht auf einem Wasserentzug der Schnecken beruht, kommt

es zu keiner Beeinträchtigung der Wirksamkeit bei feuchter Witterung.

Quelle: Das Neudorff Profi-Portal

http://www.neudorff-profi.de/index.php?id=135 0

Anders als bei metaldehydhaltigen Ködern, schleimen die

Schnecken bei der Anwendung von Eisen III-phosphat nicht aus,

und es sind kaum verendete Schnecken im Garten zu sehen.

Schnecken, die den Wirkstoff aufgenommen haben, reagieren kaum

noch auf Berührungsreize und haben oft eine lederartig trockene

Haut.

Quelle: Das Neudorff Profi-Portal

http://www.neudorff-profi.de/index.php?id=135 0

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Ökologische Bedeutung der Schnecken

Manch einer wird es nicht glauben, aber auch Schnecken

haben ihren Sinn. So spielen Schnecken in den Nahrungsnetzen

des Naturhaushaltes eine wichtige Rolle.

Für viele Tiere sind Schnecken unentbehrliche Nahrung (wenn

auch nicht alle Schneckenarten gleich gern gefressen werden).

Schnecken sind wichtige „Recycler“ im Naturhaushalt. Viele Arten

fressen nur angerottete Pflanzen und leisten so wertvolle

Dienste bei Zersetzungsvorgängen.

Im Komposthaufen helfen sie bei der Umwandlung der

organischen Substanzen zu Humus.

Am Kompostplatz

leisten sie wichtige

Dienste.

Viele Schneckenarten

fressen

nur angerottete

Pflanzen.

Ökologische Bedeutung der Schnecken

Selbst verlassene Schneckenhäuser sind nicht nutzlos.

Sie dienen vielen kleinen Tieren als Unterschlupfmöglichkeit

und als Versteck.

Für bestimmte Wildbienenarten sind diese leeren Schneckenhäuser

unentbehrlich. Sie benutzen sie um darin „Kinderzimmer“

für ihre Nachkommen anzulegen.

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Schnecken werden

sicher nie besondere

Sympathie beim

Menschen erlangen,

und doch hat man

nicht das Recht sie

rigoros auszurotten.

Hierzu abschließend ein Zitat von Albert Schweitzer,

dem berühmten „Urwaldarzt von Lambaréné“

„Ich bin Leben, das Leben will,

inmitten von Leben, das Leben will“.

Literatur‐ und Quellennachweis

Empfehlenswerte Literatur:

Wenn Schnecken zur Plage werden, R. Sulzberger;

Verlag: BLV; ISBN 3‐405‐14987‐8

Schadschnecken, Biologie, Arten u. Bekämpfung.

AiID Infodienst ISBN 978‐3‐8308‐0753‐7

Schneckenalarm, Sofie Mays (Pala Verlag), aus diesem wunderbaren Büchlein

stammen auch die beiden in der Präsentation enthaltenen Cartoons („Große

Gartenparty“ und „Frische Bierfallen“.

Die Cartoonistin ist Renate Alf (www.renatealf.de) der ich für die Zustimmung zur

Verwendung ihre Cartoons herzlich danke.

Die Bilder stammen soweit nicht anders vermerkt vom Verfasser.

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Nützlingseinsatz – Möglichkeiten

und Grenzen

Dipl.-Ing. Markus Winnig

– Insekten schützen Pflanzen –

Berlin

Gezüchte Nützlinge sind Insekten und Milbenarten, die allein für den biologischen Pflanzenschutz

gezüchtet und gehandelt werden. Seit vielen Jahren werden sie in vielen Kulturen im Erwerbsgartenbau

(im Gewächshaus, aber auch im Freiland) eingesetzt. In Deutschland werden derzeit etwa

60 verschiedene Nützlingsarten für den Profibereich angeboten.

Auch für den Kleingärtner steht seit einigen Jahren eine kleine Auswahl verschiedener Nützlinge

zur Verfügung. Sie werden von einer stetig wachsenden Zahl von Kleingärtner gezielt gegen bestimmte

Schädlinge im Garten und im Kleingewächshaus eingesetzt.

Grundidee des gezielten Nützlingseinsatzes ist, den Gegenspieler unabhängig vom natürlichen, oft

geringen Nützlingsbestand, direkt zum Schädling am Befallsort zu bringen. Anders als die Kollegen

in der freien Natur, stehen gezüchtete Nützlinge zu einem früheren Zeitpunkt, in einem längeren

Zeitraum und auch in größeren Mengen zur Verfügung.

Der Einsatz von Nützlingen ist, anders als herkömmliche Bekämpfungsmethoden, wie z. B. der

Spritzung, eine aktive Bekämpfung. Denn die Gegenspieler, z.B. der Marienkäfer, gehen regelrecht

auf Jagd nach den Schädlingen. Oder sie legen ihre Eier, wie die Encarsia-Schlupfwespe, in die jungen

Larven des Schädlings. Einige tragen, wie die Nematoden, Bakterien in sich, die den Schädling

ganz gezielt von innen befallen.

So unterschiedlich die Nützlinge in ihrer Art und Wirksamkeit sind, so unterschiedlich sind auch

ihre Lebensweisen, ihre Ausbringung und die Ansprüche an Klima und Pflanzenbestand. Bevor

man sich für einen Nützlingseinsatz entscheidet, müssen diese Faktoren positiv geklärt sein, denn

Nützlinge können nur dann wirken, wenn das Umfeld für sie stimmt. So kann es bei ungünstigen

Bedingungen z.B. durchaus Sinn machen, nach anderen Bekämpfungsmittel zu schauen.

1. Grenzen und Einschränkungen beim Nützlingseinsatz

Wie jedes herkömmliche Bekämpfungsmittel, stoßen auch „lebende Insektizide“ bei ihrem Einsatz

im Kleingarten an Grenzen. So brauchen z.B. einige Nützlinge ein bestimmtes Umfeld, um sich

optimal entwickeln zu können. Ein Umfeld, das nicht jeder Kleingarten hergibt.

Immer wieder werden auch Fehler im Umgang mit den lebenden Tieren gemacht. Sei es, weil nicht

ausreichend Kenntnisse über die Lebensweisen von Nützling und Schädling vorhanden sind oder

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weil sich der Anwender schlicht nicht darüber im Klaren ist, dass er es bei Nützlingen mit lebenden

Tieren zu tun hat.

Ein weiteres Problem ist, dass viele Nützlinge in einem sehr jungen Lebensstadium (als Ei oder

Larve) geliefert werden. In dieser Lebensphase reagieren sie anfällig auf negative klimatische Einflüsse.

Diese lassen sich aber mit ein paar Tricks minimieren.

Die meisten Fehler im Nützlingseinsatz beruhen allerdings auf Missverständnissen bzw. Fehlern

bei der Ausbringung.

Im Nachfolgenden sollen noch einmal die typischen Grenzen und Fehler im Umgang mit Nützlingen

dargestellt werden.

• Nützlinge werden trotz einer vorher erfolgten chemischen Vorbehandlung ausgebracht und

sterben ab.

• Die klimatischen Bedingungen wie zu niedrige Außen- oder Bodentemperaturen, starke

Regenfälle, ausgetrocknete Böden wirken sich ungünstig auf den Nützlingseinsatz aus.

• Art und Aufbau der Kulturen bzw. Pflanzen (z. B. zu dünnes Blattwerk) bieten dem Nützling

keinen Schutz und Rückzugsort.

• Bei der Ausbringung werden für den Nützlingserfolg entscheidende Faktoren wie Temperatur,

Dosierung, Nachbereitung missachtet.

• Die zu hohen Erwartungen und eine gehörige Portion Ungeduld führen dazu, dass die

notwendigen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Nützlingseinsatz schlicht ausgeblendet

werden.

2. Was gezüchtete Nützlinge grundsätzlich leisten können – Möglichkeiten im Nützlingseinsatz

• Nützlinge können biologische (gelegentlich auch chemische) nützlingsschonende

Bekämpfungsmittel ergänzen.

• Nützlinge können chemische bzw. biologische Bekämpfungsmittel ersetzen.

• Nützlinge können als alleinige Bekämpfungsmethode zum Einsatz herangezogen werden.

3. Nützlingseinsatz im Kleingarten (Freiland) - Ausgewählte Beispiele

Wie bereits beschrieben, haben viele Schädlingen unterschiedliche Gegenspieler, die wiederum

ihrerseits unterschiedliche Ansprüche an ihr Umfeld und die Ausbringung haben. Im nachfolgenden

soll anhand vier bekannter Schädlinge der Nützlingseinsatz mit seinen Möglichkeiten und

Grenzen noch einmal detailliert dargestellt werden:

• Steinernema feltiae-Nematoden gegen Apfelwicklerlarven,

• Hainschwebfliegenlarven gegen Blattläuse,

• Heterorhabitis-Nematoden gegen Gartenlaubkäferlarven im Rasen,

• Steinernema carpocapsae-Nematoden gegen Erdraupen an Gemüse.

3.1. SF-Nematoden gegen Apfelwicklerlarven

Der Apfelwickler ist ein kleiner grau/schwarz/braun gemusterter Kleinschmetterling. Dieser Schädling

befällt in erster Linie Apfelbäume. Die Falter der ersten Generation fliegen etwa Mitte/Ende

Mai in der Dämmerung. In dieser Zeit legen die Weibchen bis zu 80 Eier einzeln auf die noch jungen

Früchte ab. Je nach Temperatur schlüpfen nach ca. 2 Wochen die ersten Raupen und bohren

sich in die Früchte ein. Pro Frucht frisst jeweils eine Larve eins bis zwei Gänge bis hin zum Kernge-

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häuse. Der Befall führt zum vorzeitigen Fruchtfall. Nach drei bis vier Wochen verlässt eine ca. 20

mm lange, blassrosa gefärbte Raupe zwecks Verpuppung den Apfel. In warmen Jahren verpuppt

sich die Raupe noch im Juli und so beginnt ein zweiter Falterflug ungefähr Anfang August. Diese

Generation bereitet die größten Schäden, da hier bereits reifende bzw. reife Früchte befallen werden.

Biologische Bekämpfung von Apfelwicklerlarven mit gezüchteten SF-Nematoden (Steinernema

feltiae)

Herkömmliche Mittel zielen in der Bekämpfung auf das aktive Stadium der Larven. Bei der biologischen

Bekämpfung mit SF-Nematoden hingegen

konzentriert man sich auf das „unbewegliche“

Überwinterungsstadium. Ab Ende August überwintern rund

70 % der Apfelwickler als Larven am Stamm. Der Rest

überwintert im Boden unter den Bäumen. Hier leisten nun

SF-Nematoden ganze Arbeit.

Abb.1: Apfelwicklerlarven im Überwinterungsstadium (Quelle: e-nema

GmbH)

Versuche im Erwerbsgartenbau zeigten hohe Wirkungsgrade. Ausgebracht mit Wasser suchen die

mikroskopisch kleinen Nematoden (Durchmesser von nur 0,03 mm) selbstständig den Schädling

auf, dringen in ihn ein und geben dort ein Symbiose-

Bakterium aus ihrem Darmtrakt frei.

Durch die bakterielle Infektion werden innerhalb weniger

Stunden die Apfelwicklerlarven infiziert und abgetötet. Für

Mensch, Tier und Pflanzen sind diese Nematoden sowie

deren Bakterien komplett unschädlich.

Abb. 2: SF-Nematoden (Mikroskopansicht) (Quelle: e-nema GmbH)

Die Nematoden können nach der Apfelernte zwischen Ende August bis max. Ende Oktober ausgebracht

werden. Notwendig dafür ist eine Außentemperatur

von mindestens 10° C während des Einsatzes sowie zwei

bis drei Stunden danach. Geliefert werden die Nematoden

als Pulver und sind für Kleingärtner in zwei Größen erhältlich:

Abb. 3: Hobbypackung SF-Nematoden gegen

Apfelwicklerlarven (Quelle: Insekten schützen

Pflanzen, Berlin)

• 20 Mio. Tiere für 3 Hoch/Halbstämme. Kostenpunkt

16,- Euro.

• 50 Mio. Tiere für 15 Hoch/Halbstämme.

SF-Nematoden sind reine Bodenbewohner. Damit sie auch am Stamm wirken können, müssen sie

entsprechend vorbereitet werden. Dazu werden sie in Wasser aufgelöst, dem ein spezielles mitgeliefertes

Netzmittel beigefügt wird. Dieses Mittel sorgt dafür, dass die Nematodenlösung in die

Rindenrisse des Baumes eindringen kann und die Feuchtigkeit länger erhalten bleibt.

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- 80 -

Die Nematodenlösung wird bei jungen Bäumen mit einer Pflanzenschutzspritze bzw. einem Kleisterpinsel

auf den Stamm ausgebracht. Leitäste, Pfähle bzw.

Spaliere werden mit behandelt. Am Boden wird der

gesamte Bereich unterhalb der Baumkrone mit Hilfe der

Pflanzenschutzspritze oder Gießkanne behandelt.

Möglichkeiten:

Abb. 4: Spritzung von SF-Nematoden gegen Apfelwicklerlarven (Quelle:

Insekten schüetzen Pflanzen, Berlin)

SF-Nematoden können biologische (Granulose-Virus, Trichogramma-Karten) und chemische Bekämpfungsmittel

gut ergänzen. Dafür sprechen der entfernte Bekämpfungszeitraum sowie das

unbewegliche Stadium des Schädlings.

Grenzen

Falsche Vorbehandlung: Ein hoher Grasbewuchs ist hinderlich für das Eindringen der Nematoden

in den Boden. Für einen sicheren Bekämpfungserfolg sollte das Gras vor dem Einsatz gemäht werden.

Ist das nicht möglich, muss der Rasen nach der Behandlung gründlich nachgewässert werden.

Befinden sich Zier- und Gemüsepflanzen unter dem Baum, müssen die Pflanzen ebenso gut abgespült

werden.

Schlechte klimatische Bedingungen

Der Bekämpfungszeitraum erstreckt sich von Ende August bis Ende Oktober. Nicht immer liegen

daher am Einsatztag die notwendigen Außentemperaturen ausreichend vor. Wird in den frühen

Abendstunden gespritzt, sollten die behandelten Stämme, Boden etc. mit Vlies oder Folie abgedeckt

werden. Diese Maßnahme verhindert auch an trockenen, windigen Tage die zu schnelle Abtrocknung

der Einsatzorte.

Zu geringer Bekämpfungsradius

Der Einsatz begrenzt sich auf den überwinternden Apfelwicklerbestand am Behandlungsort. Gegen

die fliegenden Falter im Frühjahr aus der Umgebung haben sie keinen Einfluss. Die aus den unbehandelten

Bäumen geschlüpften Apfelwicklerfalter fliegen bis zu 100 Meter weit. Ein alleiniger Einsatz

der Nematoden ist daher sinnlos. Das gilt besonders innerhalb einer Kleingartenanlage. Aufgrund

der lückenhaften Bekämpfung im Sommer ist dort der Schädlingsdruck oft sehr hoch.

Unsachgemäße Anwendung

Befragungen zeigen immer wieder, dass eine unsachgemäße Ausbringung oft zum Misserfolg

führt. Für die Spritzung der Nematoden eignen sich fast alle handelsüblichen Drucksprüher und

Rückengeräte. Wichtig ist hier der Einsatz einer Spritzdüse mit einem Durchlass ab 0,5 mm. Je

nach Hersteller schwankt diese zwischen 0,4 bis 1,5 mm. Bei den Geräten muss unbedingt der

Spritzmittelfilter entfernt werden. Die Nematoden bleiben sonst dort hängen und verenden. Ebenso

muss im Laufe der Spritzung der Drucksprüher öfter geschüttelt werden, damit die Nematoden

nicht zu Boden sinken. So kann man das Problem der schwankenden Dosierung und Verteilung

der Nützlinge minimieren.

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Ignoranz der realen Bedingungen

Eine hohe Erwartungshaltung und der Wunsch nach schneller Hilfe, führen in nicht wenigen Fällen

zur Ignoranz der realen, oft ungeeigneten Standortbedingungen. So werden z. B. die unbehandelten

Apfelbäume der Nachbarschaft gern ausgeblendet. Oft wird aber auch die notwendige, zusätzliche

Bekämpfung der aktiven Larven im Sommer vernachlässigt. Viele glauben trotz entsprechender

Hinweise, dass die Herbstbekämpfung ausreicht.

3.2. Blattläuse an Obst, Gemüse und Zierpflanzen im Freiland

Blattläuse gehören zu den bekanntesten Pflanzenschädlingen. Auf Gemüse, Sommerblumen und

Stauden sind sie in der Regel ab Mai im Freiland zu finden. Sie siedeln bevorzugt an den Blattunterseiten

junger Blätter sowie an den ersten jungen Trieben und Knospen. Sie bilden sehr schnell

große Kolonien, denn eine einzige weibliche Laus kann bis zu 150 Jungtiere ohne Befruchtung lebend

gebären. Unter günstigen Bedingungen können sie alle 7 bis 10 Tage neue Nachkommen

hervorbringen. Typisch für einen Blattlausbefall sind Kräuslungen und Rollungen an den Blättern.

Sie werden verursacht durch den Speichel der Blattlaus, der auch noch Viruskrankheiten überträgt.

Weitere Schäden sind verkrüppelte Triebe und Spitzen, der Abfall von Knospen sowie die zuckerhaltigen

Ausscheidungen auf den Blättern.

Biologische Bekämpfung mit gezüchteten Larven der Hainschwebfliege (Episyrphus balteatus)

Bei der Hain-Schwebfliege (Episyrphus balteatus) handelt es sich um die früheste einheimische

Schwebfliegenart.

Sie ist bereits im März/April aktiv. Die erwachsenen Tiere ernähren sich von Pollen und Nektar.

Ihre zwei bis drei cm, milchig-glasigen Larven hingegen von

Blattläusen. Jede Hainschwebfliegenlarve frisst zwischen

800 bis 1.000 Blattläuse innerhalb von ein bis zwei

Wochen. Bezüglich der Blattlausbekämpfung ist die

Hainschwebfliege einer der effektivsten Schwebfliegenarten

in Deutschland.

Abb.5: Larve der Hainschwebfliege zwischen Wickenblattläusen (Quelle: Katz

Bioech AG)

In gezüchteter Form wird sie daher auch gezielt zur Blattlausbekämpfung

im Erwerbsgartenbau und Hobbygartenbereich

eingesetzt. Geliefert werden die Tiere als Eier auf

Blättern. Eine Hobbypackung enthält 500 Eier, die

ausreichend für 10 qm mit niedrigen Pflanzen sind.

(Kostenpunkt: 11,- Euro).

Abb. 6: Hobbypackung mit Hainschwebfliegeneier auf Blättern (Quelle:

Insekten schützen Pflanzen, Berlin)

Der Einsatz im Freiland erfolgt im April bzw. Mai, denn zum Schlupf der Eier ist eine Temperatur

von 20 o C erforderlich. Allerdings nur für 1 bis 2 Tage, dann sind die Larven geschlüpft. Danach

sind sie auch bei Temperaturen ab 8 o

C aktiv. Der Aussatz der Tiere sollte immer in den frühen

Abend- bzw. Morgenstunden erfolgen.

Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V. – Grüne Schriftenreihe 210


Abb. 7: Ausbringung der Hainschwebfliegeneier

(Quelle: Insekten schützen Pflanzen, Berlin)

Möglichkeiten

- 82 -

Dazu werden die einzelnen Blätter mit den Schwebfliegeneiern

in Nähe des Blattlausbefalls gelegt. Zum Schutz vor

Hitze und Wind sollten die Blätter möglichst in das

schattige Pflanzeninnere abgelegt werden. Da die anfangs

ein Millimeter großen Tiere sich erst auf eine Größe von 1

bis 3 cm fressen müssen, ist ein sichtbarer Bekämpfungserfolg

erst nach 7 bis 10 Tagen sichtbar.

Gezüchtete Hainschwebfliegenlarven können biologische Bekämpfungsmittel sehr gut ergänzen.

Denn Hainschwebfliegenlarven spüren in der Dämmerung genau die Tiere auf, die eine übliche

Spritzung unbeschadet überstehen. Hainschwebfliegenlarven können aber durchaus auch chemische

bzw. biologische Bekämpfungsmittel komplett ersetzen. Dafür spricht nicht nur die hohe Bekämpfungsleistung

der Tiere (pro Larve zwischen 800 bis 1.000 Blattläuse), sondern auch die Besonderheit,

dass Hainschwebfliegenlarven alle Stadien der Blattläuse (geflügelte und ungeflügelte

Tiere, Larven und Eier) komplett wegfressen.

Die ortstreuen Hainschwebfliegenlarven wandern erst ab, wenn ihr Revier komplett blattlausfrei ist.

Da Hainschwebfliegenlarven bereits bei 8 o

C aktiv und unempfindlich gegen Regen und Wind sind,

ist ihr Einsatz im Freiland recht problemlos. Sie werden in der Regel von den Schutzfeinden der

Blattläuse, den Ameisen, wenig verdrängt.

Ein besonderer Pluspunkt ist aber die Sicherung eines langfristigen großen Bekämpfungspotenzials.

Hainschwebfliegen bilden bis zu drei weitere Generationen im Freiland. Jedes erwachsene Tier

legt rund 100 - 300 Eier in Blattlauskolonien ab. Dafür sind Lock- und Nahrungspflanzen (Korb –

und Doldenblütler) im Garten notwendig. Auch eine langfristige Ansiedlung ist möglich. 1/3 aller

Tiere überwintert als eiablagebereites Weibchen in Deutschland. Hierzu braucht sie Überwinterungsplätze

wie Trockenmauern, Totholz- und Falllaubhaufen.

Grenzen

Falsche Vorbehandlung

Hauptsächlich beim Einsatz an Zierpflanzen kommt es zu Fehlschlägen. Ursache dafür ist meist

ein vorheriger Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln. Gerade systemische wirkende Mittel

sind auch in niedrigen Dosen häufig eine tödliche Gefahr für die Larven. Als Faustregel sollte der

letzte Einsatz mindesten sechs Wochen zurückliegen. Bei Unsicherheiten sollte man einen Nützlingsanbieter

direkt kontaktieren.

Schlechte klimatische Bedingungen

Niedrige Temperaturen, starker Wind und Regen wirken sich negativ auf die empfindlichen Eier

aus. Können die Eier für 2 bis 3 Tage nicht durch das natürliche Blattwerk geschützt werden, sollte

der Kleingärtner für 2 bis 3 Tage über die Pflanzen Vlies oder Folie legen. Das gilt auch bei drohenden

niedrigen Temperaturen. Sollten beim Einsatz sehr tiefe Temperaturen vorliegen, kann man

die Eier im warmen Raum in der Verpackung schlüpfen lassen.

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Ungeeignete Kulturen und Pflanzenaufbau

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So verlockend es für viele Kleingärtner auch ist, für Obst- und Ziergehölze über 1,50 m Höhe ist

der Einsatz von gezüchteten Blattlausgegenspielern eher ungeeignet. Aufgrund der notwendigen

Mengen gibt es hier preiswertere Lösungen.

Hainschwebfliegenlarven sind ideal für Gemüse, Kübelpflanzen sowie Beet- und Balkonpflanzen.

Allerdings sind die Tiere bei Pflanzen mit behaarten Blättern und Trieben wenig erfolgreich. Hier

sollten andere Nützlinge wie Siebenpunktmarienkäfer oder Florfliegenlarven eingesetzt werden.

Auch auf Kulturen mit lichtem, spärlichem Blattwerk ist oft kein optimaler Einsatz der Larven möglich.

Der Einsatz von Vlies oder Beetfolie kann dieses Manko aber ausgleichen.

Da die Tiere einen geringen Aktionsradius haben, sollte der Befallsort nicht zu weit vom Aussatzort

entfernt sein. Als absolute Grenze sollten zwei, besser ein Meter eingehalten werden. Für hohe

Kletterpflanzen eignen sich daher mobilere Nützlinge, wie Siebenpunktmarienkäfer oder Florfliegenlarven.

Begrenzte Nachhaltigkeit/ hohe Kosten

Aufgrund des ständigen Zuflugs von geflügelten Blattläusen muss, genau wie beim chemischen

oder biologischen Spritzmittel, die Behandlung mit Nützlingen wiederholt werden. Der mehrmalige

Einsatz von gezüchteten Hainschwebfliegen ist daher auf den ersten Blick nicht der Preisgünstigste.

Wer aber die Tiere nicht als Einweg-Bekämpfungsmittel anwendet, sondern gezielt die sehr

hohe Vermehrungsfreudigkeit der Tiere fördert und nutzt, kann ein sehr preiswertes Bekämpfungsmittel

langfristig im Garten ansiedeln.

3.3 Gartenlaubkäferlarven im Rasen

Der Gartenlaubkäfer ist vielen Kleingärtnern ein noch wenig bekannter Rasenschädling. Bei dem

Tier handelt sich um einen 8 bis 11 mm kleinen Käfer mit metallisch grün bis schwarzem Kopf und

gelb bis rotbraunen Flügeln. Die Käfer fliegen in der Regel tagsüber von Mitte Mai bis Anfang Juni

in Schwärmen. Ihr Ziel: Wiesen und Rasenanlagen. Jedes Weibchen legt dort ca. 40 Eier in 5 bis 10

cm Tiefe ab.

Die daraus entstehenden, bis zu 18 mm langen, cremigweiß

gefärbten Gartenlaubkäferlarven mit ihren hellbraunen

Kopf, stark verdickten braun-schwarzen Hinterteil (Kotsack)

sowie ihren 6 kleinen Beinstummeln sind die eigentlichen

Schädlinge.

Abb. 8: Gartenlaubkäferlarven (Quelle: e-nema GmbH)

Diese Larven leben direkt unter der Grasnarbe und fressen an den Rasenwurzeln. Die Folge: Die

Gräser nehmen kaum noch Wasser und Nährstoffe auf,

welken und sterben letztendlich vollkommen ab. Bis etwa

Mitte Oktober fressen Gartenlaubkäferlarven an den Wurzeln.

Dann wandern sie zur Überwinterung in tiefere Bodenschichten

ab. Im April des kommenden Jahres erfolgt

dann die vierwöchige Verwandlung (Verpuppung) zum

erwachsenen Käfer.

Abb. 9: Rasenschäden durch Gartenlaubkäferlarven (Quelle: Insekten schützen

Pflanzen, Berlin)

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Biologische Bekämpfung mit gezüchteten Heterorhabditis-Nematoden (Heterorhabditis bacteriophora)

Bilder Nematoden, Produkt, Ausbringung

Golfplätze und Rasenproduzenten setzen gegen Gartenlaubkäferlarven gezielt Heterorhabitis-

Nematoden (H-Nematoden) ein. Die nur 0,03 mm mikroskopisch kleinen Fadenwürmer spüren in

der Grasnarbe den Schädling auf und dringen über Haut- und Körperöffnungen in die Käferlarve

ein.

Dort angekommen, geben sie Bakterien aus ihrem

Darmtrakt ab. Innerhalb von zwei bis drei Tagen werden

durch diese Bakterien die ersten Schädlinge abgetötet.

Zudem vermehren sich die Nematoden im Kadaver. Ein

sichtbarer Bekämpfungserfolg stellt sich ca. drei Wochen

nach der Ausbringung ein.

Abb. 10: H-Nematoden (Mikroskopansicht) (Quelle: e-nema GmbH)

H-Nematoden sind nur im Boden aktiv und für Mensch, Tiere, Rasen und andere Pflanzen völlig

ungefährlich. Sie eignen sich daher auch zum Einsatz im Kleingarten. Eingesetzt werden H-

Nematoden von Mitte Juli bis maximal Ende September. Für den Einsatzzeitraum (2 bis 3 Wochen)

sind eine stundenweise Bodentemperatur von mindestens 12 o

C, sowie das leichte Feuchthalten

des Rasens notwendig. Geliefert werden die Nematoden in

Mineralpulver, eingeschweißt in Plastikbeutel. Die Nützlinge

sind für unterschiedliche Flächengrößen erhältlich.

(Der Kostenpunkt für 20 qm liegt bei 11,- Euro, für 50 qm

bei 17,-Euro sowie für 100 qm bei 22,- Euro.)

Abb. 11: Hobbypackung H-Nematoden gegen Gartenlaubkäferlarven

(Quelle: Insekten schützen Pflanzen, Berlin)

Zur Ausbringung werden die Nematoden in Wasser aufgelöst und je nach Fläche weiter verdünnt.

Mit der Nematodenlösung werden alle Befallsstellen direkt

sowie der ein Meter breite Radius um die Befallsstelle

herum abgegossen. Ausgebracht werden die Nematoden

mit einer Gießkanne oder einem speziellen Sprühgerät. Vor

und nach der Behandlung wird der Rasen leicht gewässert.

Möglichkeiten

Abb. 12: Nematodensprühgerät (Quelle: Katz Bioech AG)

Für den Kleingärtner ist gegen den Gartenlaubkäfer kein chemisches Bekämpfungsmittel erhältlich.

Vielen ist als Bekämpfungsmethode einzig das Durchfräsen der Schadstellen bekannt.

Der gezielte Einsatz von gezüchteten Heterorhabditis-Nematoden ist das einzige direkte Bekämpfungsmittel

gegen Gartenlaubkäferlarven. Neben dem Fehlen einer wirkungsvollen Alternative,

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- 85 -

sprechen der hohe Wirkungsgrad (über 90 %), die Ungefährlichkeit für Menschen, Tiere und Pflanzen

und die einfache und schnelle Ausbringung für diese Form der Schädlingsbekämpfung..

Grenzen:

Falsche Vorbehandlung

Nicht wenige Kleingärtner hegen und pflegen ihren Rasen mit verschiedenen Mitteln. Das kann für

Nematoden durchaus gefährlich werden, denn sie reagieren recht empfindlich auf viele der chemischen

Pflanzenschutzmittel. Daher sollten mindestens drei Monate vor dem Einsatz von H-

Nematoden keine chemischen Pflanzenschutzmittel mehr in den Boden gegossen werden.

Fachgerechte oberirdische Spritzungen mit chemischen Mitteln haben dagegen keinen negativen

Einfluss auf die Nematoden. Ebenso Düngergaben vor und nach dem Einsatz. Mit Ausnahme von

Kalk. Hier reagieren die Tiere empfindlich.

Falsche Diagnose

Die Schadbilder der unterschiedlichen Rasenschädlinge ähneln sich sehr. Auch die genaue Bestimmung

des Schädlings ist etwas kompliziert. So unterscheiden sich die Larven von Gartenlaubkäfer,

Juni- und Maikäfer in jungen Lebensstadien auf den ersten Blick nur sehr wenig. Zur sicheren

Diagnose sollten daher der Nützlingsanbieter oder Pflanzenschutzämter angefragt werden.

Schlechte klimatische Bedingungen

Je näher der Bekämpfungstermin Richtung September geht, umso größer ist die Gefahr geringer

Bodentemperaturen.

Grundsätzlich sollte in Regionen mit niedrigen Herbsttemperaturen der Einsatz noch im August

erfolgen, denn die Bodentemperaturen haben einen großen Einfluss auf Bekämpfungserfolg. Bei

Temperaturen unter 10°C verringert sich die Aktivität und Wirkung der H- Nematoden. Um den

negativen Kälteeinfluss zu vermeiden, kann der Rasen mit Folien oder Vlies abgedeckt werden.

Ebenso benötigen die Tiere eine gewisse Bodenfeuchtigkeit, um sich im Boden zu bewegen. Während

der Behandlung darf daher der Boden mindestens zwei Wochen lang nicht austrocknen.

Staunässe sollte genauso verhindert werden. Beides wirkt sich tödlich auf die nützlichen Larvenjäger

im Boden aus.

Falsche Anwendung

Die größten Erfolgseinbußen haben Kleingärtner bei der nicht fachgerechten Ausbringung der Nematoden.

Nach dem Einrühren des Nematodenpulvers in Wasser müssen die Nematoden innerhalb

einer ½ Stunde ausgebracht werden. Längere Zeiten unter Wasser vertragen die Tiere nur

schlecht.

Das Problem der schwankende Dosierung und Verteilung der Nützlinge ist durch wiederholtes

Umrühren der Nematodenlösung minimierbar.

Für einen erfolgreichen Einsatz ist es notwendig nicht nur die befallenen gelb/grauen Rasenflecken,

sondern auch den gesunden Bereich um den Befall herum in einer Breite von einem Meter abzugießen.

Die meisten Larven sitzen im gesunden Bereich – nicht, wie viele annehmen im abgestorbenen

Bereich.

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Begrenzte Nachhaltigkeit

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H-Nematoden vermehren sich in den Gartenlaubkäferlarven und wirken über eine längeren Zeitraum.

Aufgrund dieser bemerkenswerten Eigenschaften verzichten viele Kleingärtner auf eine notwendige

Wiederholung im Folgejahr. Zwar können die Nematoden einige Zeit im Boden auch ohne

Nahrung überleben, aber Frost und langer Nahrungsmangel reduzieren die Zahl erheblich. Ein

Neuaussatz von Nematoden ist daher notwendig.

Erdraupen an Gemüse im Freiland

Unter dem Sammelbegriff „Erdraupen“ verbergen sich die Larven von verschiedenen Nachtfalterarten.

Im Kleingarten häufig anzutreffen sind z. B. die Saateule (Agrotis segetum), die Ypsiloneule

(Agrotis ipsilon) und das Ausrufungszeichen (Agrotis exclamationisen).

Der Falterflug und die Eiablage (200 bis 2.000 Eier pro Tier) erfolgt je nach Art von Mai bis Juli. Je

nach Art treten bis zu drei Generationen pro Jahr auf. Die im Boden lebenden Erdraupen sind dicke,

haarlose, glänzende, ca. drei bis fünf cm lang und grau-grünlich gefärbte Larven. Die sehr lebendigen

Tiere rollen sich bei jeglicher Berührung spiralförmig ein. Anfangs sind sie für kurze Zeit

oberirdisch aktiv.

Ihr Schadbild sind unregelmäßig geformte Fraßlöcher an den Außenblättern. Später leben die Larven

nur im Boden und fressen an Wurzeln, Wurzelhälsen und Knollen. Die Folge ist Unverwertbarkeit

und Kümmerwuchs bis hin zum Totalausfall bei Jungpflanzen.

Erdraupen befallen sehr häufig Salat, Spinat, Radieschen, Karotten, Kohl, Porree und Zwiebeln,

gelegentlich auch Erdbeeren, Dahlien und Chrysanthemen. Die Larven der Ypsiloneule sind sogar

im Rasen aktiv.

Biologische Bekämpfung von Erdraupen mit Steinernema carpocapsae-Nematoden

Zur gezielten Bekämpfung von Erdraupen im Boden eignen sich Steinernema carpocapsae-

Nematoden (SC-Nematoden). Eine nützliche Nematodenart, die auch bei der Bekämpfung von

Maulwurfsgrillen eingesetzt wird. In den Boden gebracht, lauern die SC-Nematoden auf die vorbeiziehenden

Schädlinge, springen auf sie auf und dringen über den Mund und Magen-Darm-Trakt in

die Blutbahn ein. Dort geben sie Bakterien ab, an denen die Erdraupen innerhalb von 2 Wochen

verenden.

Abb. 13: SC-Nematoden (Mikroskopansicht)

(Quelle: e-nema GmbH)

Die Nematoden dagegen vermehren sich in den Kadavern

weiter. Drei Wochen nach der Ausbringung strömen junge

Nematoden in die Erde. Für Mensch, Tier und Pflanzen

sind diese Nematoden sowie deren Bakterien völlig ungefährlich.

Im Kleingarten können die SC-Nematoden von

Ende Mai bis in den August eingesetzt werden. Für den

Einsatzzeitraum (zwei Wochen) ist eine stundenweise

Bodentemperatur von mindestens 12 o C erforderlich.

Ebenso sollten die behandelten Beete nicht austrocknen.

Die mikroskopisch kleinen Tiere werden in einem Tonpulver, eingeschweißt in einer Plastikfolie

geliefert. Die SC-Nematoden sind für Kleingärtner in 2 Größen erhältlich.

(Der Kostenpunkt für 20 qm liegt bei 11,- Euro, für 100 qm bei 22,- Euro).

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Möglichkeiten:

- 87 -

Zur Ausbringung werden die Nematoden in Wasser aufgelöst

und je nach Fläche weiter verdünnt. Ausgebracht werden

die Nematoden mit einer Gießkanne. Mit der Nematodenlösung

werden alle gefährdeten sowie befallenen

Beete abgegossen. Vor und nach der Behandlung müssen

die Beete leicht gewässert werden.

Abb. 14: Hobbypackung SC-Nematoden gegen Erdraupen Quelle: Insekten

schützen Pflanzen, Berlin

SC- Nematoden können die bisherigen Bekämpfungsmethoden wie z. B. den Einsatz von Kulturschutznetzen

und den Einsatz von BT-Präparaten(Bacillus thuringiensis var. aizawai) gegen die jungen

Raupen sehr gut ergänzen. Dafür sprechen, dass die Nematoden die schwer erreichbaren älteren

Raupenstadien im Boden bekämpfen.

Aufgrund des hohen Wirkungsgrads (über 90 %), der Ungefährlichkeit für Menschen, Tiere und

Pflanzen sowie die einfache und schnelle Ausbringung können SC- Nematoden auch als alleiniges

Bekämpfungsmittel im Kleingarten eingesetzt werden.

Grenzen

Falsche Vorbehandlung

Auf Gemüsebeeten kommen in den meisten Kleingärten nur sehr wenige chemische Mittel zu Einsatz.

Der negative Einfluss ist daher eher gering. Bei Düngergaben vor und nach dem Einsatz von

Nematoden sollte auf Kalk verzichtet werden, da die Tiere empfindlich darauf reagieren.

Schlechte klimatische Bedingungen

Da sich der Einsatz von Mai bis in den August erstreckt, sind zu niedrige Bodentemperaturen eigentlich

kaum ein Problem. In den wenigen Regionen, wo im Mai noch mit tiefen Nachtemperaturen

gerechnet werden muss, sollten die Kulturen mit Folien oder Vlies abgedeckt werden. Häufiger

ist gerade in der Urlaubszeit die Gefahr des Austrocknens oder (in wenigen Fällen) der Staunässe.

Beides wirkt sich tödlich auf die nützlichen Larvenjäger im Boden aus.

Falsche Anwendung

SC-Nematoden werden hauptsächlich im Sommer eingesetzt. Hierbei ist zu beachten, dass die

Nematodenpackungen nicht in der Sonne liegen dürfen und die Nematodenlösung auch nicht in

praller Sonne ausgebracht werden soll. Nematoden sind reine Bodenbewohner und reagieren sehr

empfindlich auf UV-Strahlung. Vor der Ausbringung sollte man eventuelle Mulchmaterialien kurzzeitig

entfernen. Die ansonsten sehr nützliche Mulchschicht wirkt wie eine Filterschicht. Das Wasser

dringt langsam durch, aber die unsichtbaren Nematoden verenden an der Mulch-Oberfläche.

Zu hohe Erwartungen

SC-Nematoden vermehren sich in den Erdraupen und können auch einige Zeit im Boden ohne

Nahrung überleben. Bis zum nächsten Einsatz im Folgejahr dürften durch Frost und Nahrungsmangel

zu wenige Tiere überleben, um einen vergleichbaren Bekämpfungserfolg zu gewährleisten.

Ein Langzeitschutz über die nächste Saison ist leider nicht möglich!

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- 89 -

Aromastoffe in Pflanzen – Funktion

und Wirkung

Dr. Detlef Ulrich

Julius-Kühn-Institut (JKI)

Quedlinburg

1. Einleitung

Der Geschmack von Obst und Gemüse gehört zu den Qualitätsparametern, die die Verbraucher als

kaufentscheidend ansehen. Einerseits haben Umfragen ergeben, dass die geschmackliche Qualität

sogar gegenüber den in den letzten Jahren in den Medien intensiv diskutierten positiven Gesundheitsaspekten

den Vorzug erhält. So nannten in einer EU-weiten Verbraucherumfrage von über

14.000 Personen als Entscheidungskriterium zum Kauf von Nahrungsmitteln 38 % der Befragten

den Geschmack und 32 % den gesundheitlichen Aspekt der Ernährung (zitiert in (Schreiner,

Schonhof et al. 2000). Andererseits ist aber die Kritik an der Qualität der im Handel befindlichen

Produkte allgegenwärtig. Nicht nur in der Tagespresse, sondern auch in der Fachliteratur wird dieses

Problem seit vielen Jahren thematisiert (z. B.: Jones and Scott 1983 oder Sturm, Koron et al.

2003).

Das Angebot von besserschmeckendem Obst und Gemüse ist somit ein Argument für einen höheren

Verbrauch, der im Interesse der Erzeuger, des Handels und natürlich der Gesundheit und dem

Genuss der Verbraucher liegt. Eine stärkere Beachtung der Geschmacksqualität in der gesamten

Prozesskette ist also dringend empfohlen. Diese muss sowohl die Sortenwahl als auch die Vor-

und Nachernteproblematik umfassen.

Die sensorische Qualität ist ein extrem komplexes Merkmal, dass neben dem eigentlichen Grundgeschmacksnuancen

(süß, sauer, salzig und bitter), dem sogenannten Mundgefühl (Textur, Saftigkeit,

Schärfe, Adstringenz…) auch die bis zu 10 000 unterschiedlichen Geruchseindrücke (Aroma)

umfasst, die ein Mensch in der Lage ist, beim Verzehr zu empfinden. Während im deutschsprachigen

Raum diese Eigenschaften üblicherweise unter dem Terminus „Geschmack“ zusammengefasst

werden, wird im angelsächsischen der exaktere Begriff „Flavour“ für den sensorischen Gesamtsinneseindruck

verwendet. Von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus muss man darüberhinaus

grundsätzlich zwischen den subjektiven Empfindungen des Menschen (hier die Präferenz

oder auch Beliebtheit) und den objektiven chemisch-physikalischen Eigenschaften unterscheiden.

Während die persönlichen Vorlieben einer vollkommen individuellen Ausprägung unterliegen, gibt

es im Bereich der Geschmacksforschung etablierte Methoden der Humansensorik und der instrumentellen

Analytik, die eine Objektivierung der genannten chemisch-physikalischen Eigenschaften

erlauben.

Im vorliegenden Beitrag wird insbesondere auf die Aromastoffe von Obst und Gemüse eingegangen,

da diese anerkanntermaßen den Hauptbeitrag zum Flavour liefern.

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- 90 -

2. Die Qualitätsanforderungen an Obst und Gemüse sind vielfältig und widersprüchlich

In den letzten 50 Jahren hat es entscheidende Veränderungen in der Art und Weise des Anbaus,

der Ernte, der Lagerung und des Absatzes von Obst und Gemüse gegeben. Die Pflanzenzüchtung

hat mit der Erzeugung neuer Sorten reagiert, die in ihren Eigenschaften an die veränderten Bedingungen

bei den Erzeugern sowie bei den Groß- und Einzelhändlern angepasst sind, z. B. höherer

Ertrag, Resistenz, hervorragendes Aussehen, bessere Lagerfähigkeit (Wyllie 2008).

Wegen der Besonderheiten und Komplexität des Merkmals Geschmack wurde in den Züchtungszielen

dieser Eigenschaft jedoch nicht immer die erforderliche Aufmerksamkeit geschenkt.

Abb. 1: Qualitätsanforderungen am Beispiel der Erdbeere

In Abbildung 1 sind einige der wichtigsten Qualitätsparameter für Erdbeeren zusammen gefasst,

die für die jeweilige Klientel von vorrangiger Bedeutung sind. Das für den Verbraucher prioritäre

Merkmal Geschmack besitzt aber für Produzenten, den Handel oder die verarbeitende Industrie

nicht unbedingt die gleiche hohe Rangigkeit. So sind beispielsweise in den nationalen oder EU-

Handelsnormen fast ausschließlich äußere Qualitätsmerkmale festgeschrieben.

Der immer wieder vermutete antagonistische Zusammenhang zwischen gutem Erscheinungsbild

oder hoher Lagerfähigkeit und gutem Geschmack ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt. Beispielsweise

haben Tomatensorten mit höherem Ertrag geringere Konzentrationen an Zuckern, Säuren

und Aromastoffen (Goff and Klee 2006). Für die besonders in Nordamerika bevorzugte Apfelsorte

Red Delicious konnte eine negative Korrelation zwischen der Intensität der roten Schalenfarbe

und der Aromastoffsynthese nachgewiesen werden (Fellman, Miller et al. 2000).

3. In der Pflanzenzüchtung kann der Trichtereffekt zu einer Verringerung der Aromastoffgehalte

führen

Die oben genannten Veränderungen der Inhaltsstoffe in neuen Sorten sind ein Aspekt der in der

Pflanzenzüchtung auftretenden sogenannten genetischen Erosion oder des Trichtereffektes

(Ulrich, Olbricht et al. 2008). Die Konzentration der Pflanzenzüchter auf Ertragsparameter oder

äußere Merkmale hat bei vielen Kulturarten zu einer Verringerung der genetischen Vielfalt in Kultursorten

geführt (Goff and Klee 2006, Aharoni, Giri et al. 2004, Ulrich, Komes et al. 2007). Dass

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- 91 -

diese Erosion auch die sensorisch wichtigen Aroma-Schlüsselkomponenten betreffen kann, wurde

erstmals an Kulturerdbeeren nachgewiesen (Ulrich, Hoberg et al. 1997). Abbildung 2 zeigt die Aromaprofile

von zwei Erdbeersorten. Die in den 1920er Jahren gezüchtete Sorte Mieze Schindler

mit ihrem exzellenten, an Walderdbeeren erinnernden Aroma ist der Hochleistungssorte Elsanta

gegenübergestellt. Im Aromaprofil der modernen Sorte sind sensorische Schlüsselkomponenten

wie die Fruchtester verarmt. Der für das Walderdbeeraroma verantwortliche Ester Methylanthranilat

fehlt in der Sorte Elsanta vollständig. Vergleichbare Veränderungen der Inhaltsstoffe werden

inzwischen auch für andere Kulturarten diskutiert.

Durch die immer stärkere Urbanisierung unserer Gesellschaft hat schon heute die Mehrheit unserer

Bevölkerung niemals die Chance, wirklich frische Produkte aus Kleingärten oder lokalen Märkten

zu kosten oder die Vielfalt unterschiedlicher Sorten einer Kulturart zu erfahren. Die möglicherweise

mit den inhaltsstofflichen Veränderungen verbundenen Probleme für eine gesunde Ernährung

werden nachfolgend diskutiert.

Abb. 2: Aromaprofile einer alten und einer modernen Erdbeersorte in einem dreijährigen Anbauversuch.

1 - Mieze Schindler,

2 - Elsanta.

(Die Substanznummern 2, 3, 4, 6, und 8 sind Fruchtester der Acetate, Butanoate und Hexanoate mit frisch-fruchtigen Geruchsnoten.

Substanz 19 ist Methylantranilat mit einem typischen Walderdbeergeruch).

4. Aromastoffe besitzen neben ihrem Geruch vielfältige wichtige Bioaktivitäten

Aromastoffe sind chemische Substanzen mit kleinem Molekulargewicht und hoher Flüchtigkeit, die

in der Lage sind, mit den Riechzellen im menschlichen Nasenraum zu interagieren. Üblicherweise

werden diese Substanzen in der Aromaforschung lediglich unter zwei Gesichtspunkten gesehen:

• Natürliche (genuine) Aromastoffe als wichtigster Bestandteil des Flavours eines Lebensmittels,

• die Isolierung und Herstellung von Aromen zur „künstlichen“ Aromatisierung.

Obwohl die Beeinflussung bestimmter Denk- und Sinnesleistungen durch Duftstoffe lange bekannt

ist, wurde erst in jüngster Zeit auf eine weitere, wichtige Bioktivität der Aromastoffe aufmerksam

gemacht, die mit dem gesundheitlichen Aspekt gutschmeckender Nahrung gekoppelt ist. Offensichtlich

haben sich in der langen Koevolution der Menschen mit ihren Nahrungspflanzen die A-

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- 92 -

romastoffe als Signalstoffe sowohl für den Reifezustand als auch für gesundheitliche und ernährungsphysiologische

Eigenschaften herausgebildet (Goff and Klee 2006).

Im Stoffwechselsystem des Menschen spielen Aromastoffe vermutlich eine entscheidende Rolle.

Sie agieren in der Koordinationszentrale des Gehirns, das Signale der sensorischen Sinne (Aroma,

Geschmack, Mundgefühl) und des Verdauungstraktes (Sekretion) gemeinsam verarbeitet. Diese

Koordinationszentrale ist das Limbische System, das auch für die Ausbildung der Gefühlswelt verantwortlich

ist. Hier ergibt sich ein Zusammenhang zum Genusswert. Ein wichtiges Argument für

die Signalstoffthese ist die Tatsache, dass Aromastoffe mit einer als angenehm empfundenen Note

sowohl sehr niedrige Geruchsschwellenwerte aufweisen (d. h. extrem potente Duftstoffe darstellen)

als auch über Biosynthesewege gebildet werden, die ihren Ausgangspunkt in essentiellen Nährstoffen

und/oder gesundheitlich vorteilhaften Inhaltsstoffen von Obst und Gemüse haben. Beispielsweise

wird beta-Ionon in Erdbeeren oder rohen Möhren als angenehm blumiger Aromastoff empfunden,

der in der Pflanze aus gesundheitlich wichtigen Vorstufen, den Karotenoiden, gebildet

wird. Diese flüchtige Substanz stellt mit einem Geruchsschwellenwert von 0.002 ppb (2 billionstel

Volumenanteile in Luft) einen der potentesten Aromastoffe überhaupt dar.

Neben dem gesundheitlichen Aspekt der Aromastoffe wird in der Ernährungswissenschaft natürlich

auch der Einfluss des Genusswertes oder der sogenannte Pleasureeffektes diskutiert. Hier gilt

sinngemäß, was der Glücksforscher Warburton (Warburton 1996) publiziert hat. Lustvoll essen ist

essentiell für unser Wohlbefinden und damit für unsere Gesundheit!

5. Die Geschmacksverbesserung von Obst und Gemüse ist eine komplexe Aufgabe

Der mit dem Trichtereffekt einhergehende Verlust an Vielfalt in unserer Nahrung kann neben den

diskutierten Einflüssen auf unser Wohlbefinden und die Gesundheit langfristig natürlich auch einen

Einfluss auf unsere Ernährungsgewohnheiten haben. Im DGE-Ernährungsbericht 2008 (N.N.

2008) wird die sogenannte perinatale Programmierung oder metabolische Prägung diskutiert.

Langfristig wird es eine „Gewöhnung“ an die sensorisch mangelhaften Eigenschaften der Nahrung

geben, die mit ihrem sub-optimalen Inhaltsstoffprofil dauerhaft natürlich auch einen Beitrag zur

Fehlernährung (die insgesamt aber einen weitaus komplexeren Prozess darstellt) liefern könnte.

Die Geschmacksverbesserung von Obst und Gemüsesorten gehört damit zu einer dringend gebotenen

Aufgabe.

Die Bereitstellung von besser schmeckendem Obst und Gemüse für die Verbraucher auch in bequemer

Form (convenient food) und zu erschwinglichen Preisen kann zu einem erhöhten

Verbrauch dieser gesunden Nahrungsmittel beitragen (Kader 2008). Zur Erreichung dieser Ziele ist

verstärkt Forschung und Entwicklung – unter anderem in den nachfolgend aufgeführten Bereichen

– erforderlich:

• Pflanzenzüchtung

Die Grundlage für die Qualität unserer der pflanzlichen Produkte, einschließlich der Inhaltsstoffprofile,

wird im Prozess der Pflanzenzüchtung gelegt (Ulrich 2008). Der Züchter bestimmt

letztendlich mit den von ihm realisierten Zuchtzielen den Charakter der Produkte, im Extremfall

für Jahrzehnte. So rechnet man in der Apfelsortenzüchtung mit einer Zyklusdauer von mindestens

30 Jahren, bei Erdbeeren etwa 8 bis 10 Jahre. Die meisten der Geschmackscharakteristika

(Flavours), die man in Nahrungspflanzen bevorzugt, findet man heute in alten Sorten, die aber

für eine landwirtschaftliche Großproduktion ungeeignet sind (Alston 1992). Deshalb sollten die

Geschmacksprofile alter exzellent schmeckender Sorten als Zuchtziel für moderne Sorten herangezogen

werden, die dann Sorten mit schlechter Geschmacksqualität ersetzen können. Wertvolle

Geschmacksmerkmale können durch Einkreuzung von Wildarten in Kultursorten erhalten

werden (Ulrich, Olbricht, and Staudt 2008). Allerdings sind die Wildarten selbst, entgegen der

üblicherweise romatisierenden Erinnerung an den Verzehr wilder Früchte, sensorisch nicht optimal

(Ulrich, Komes, Olbricht, and Hoberg 2007). So weisen Wilderdbeeren zwar ein intensives

Aroma auf, sind darüber hinaus aber bitter oder adstringierend. Das harmonische Zucker/Säureverhältnis

der Kulturerdbeere wurde erst durch Selektion erzielt. Ähnliches gilt für

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- 93 -

Kulturmöhren, deren Wildformen zwar hohe Konzentrationen an gesundheitlich positiven Terpenen

und Bitterstoffen aufweisen aber sensorisch schlichtweg ungenießbar sind.

• Züchtungsbegleitende Analytik

Für die meisten Kulturarten sind die Profile der geschmacksbestimmenden Substanzen bevorzugter

(alter) Sorten bisher nicht ausreichend untersucht. Hier gibt es Bedarf an analytischer

Forschung im Bereich der Aroma- und Geschmacksstoffe in Hinsicht auf die Belange der Pflanzenzüchtung.

Instrumentelle und humansensorische Methoden müssen für die Besonderheiten

des Züchtungs- und Ausleseprozesses optimiert werden (Hoberg, Quilitzsch et al. 2004; Hoberg

and Ulrich 2008). Fortschritte der modernen Aromaforschung im Bereich der Molekularbiologie

wie die Kartierung von sensorischen Merkmalen kann eine markergestützte Selektion auf guten

Geschmack, insbesondere bei sehr langandauernden Zuchtprogrammen wie Apfel, unterstützen

(Dunemann, Ulrich et al. 2009).

• Vor- und Nacherntetechnologie

Kulturpraktiken und Nachernteprozesse müssen zusätzlich zu Parametern wie Ertrag auch auf

die Entwicklung und Erhaltung des Aromas optimiert werden. Es müssen Technologien entwickelt

werden, die es gestatten, Früchte zu einem optimalen Reifezeitpunkt zu ernten und zu

vermarkten. Die Haltbarkeitsdauer (shelf life) sollte auch anhand des Geschmacks anstelle allein

über das Erscheinungsbild bestimmt werden.

(Quelle: Gekürzte Fassung aus Julius-Kühn-Archiv (2009) Band 422, S. 65-69)

Literatur

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Einerseits ...

Andererseits ...

- 95 -

Das Geschmacksproblem

Für Verbraucher ist die sensorische Qualität von

Obst und Gemüse ein wesentliches Kriterium für die

Kaufentscheidung.

• In den Medien und der Fachliteratur gibt es seit langem Diskussionen über die Unzufriedenheit mit

der geschmacklichen Qualität von Obst und Gemüse (R. A. JONES, 1983; K. STURM, 2003).

• „Die meisten der heutzutage bevorzugten Aromen in pflanzlichen Produkten sind in alten Sorten

zu finden, die nicht für eine agrar-industrielle Produktion geeignet sind" (F. H. ALSTON,1992).

• Es existiert eine negative Korrelation zwischen wichtigen Qualitätseigenschaften und der

Lagerfähigkeit sowie dem Aussehen und dem Geschmack (S. G. WYLLIE, 2008).

• Die Erhöhung der Lagerfähigkeit durch Züchtung oder Gentechnik hat zu einer ‚starken

Verringerung der Aromastoffe in Melonen‘ (EL-SHARKAWAY, 2005) und Tomaten (GOFF,

Science 2006) geführt.

Ist Geschmack messbar?

Geruchs- und Geschmacksempfindung

sind individuelle Sinnesleistungen und

nicht objektivierbar.

Mensch:

- 1000 Gene für Geruchsrezeptoren

- 300 sind aktiv

- individuell unterschiedlich

- Geruchswahrnehmung wird geprägt

Nobelpreis 2004 für R. AXEL and L. BUCK

Das Geschmackserleben ist

hochgradig subjektiv !

Ist "Geschmack" messbar?

10 000 Gerüche

4 Geschmacksarten

Geruch und Geschmack beruhen auf der

Wechselwirkung von Pflanzeninhaltsstoffen

mit unseren Sinnesorganen.

2

3

78

6

4

5

IST

14

10

13

GCMS

17

Humansensorik

Inhaltsstoffmuster und

sensorische Parameter sind

objektivierbar !

Aroma-Typ 2b

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100

50

0


Sensorische Methoden:

- Profilanalyse (QDA),

- Duo-trio-Test

- Präferenztest

- Deskriptive Sensorik

= Referenz für instrumentelle Analyse

- 96 -

Humansensorik

Design des Labors: BAZ, IPA;

Software: FIZZ, Biosystems, France

Gaschromatographie-Olfaktometrie (GCO)

Kombination der instrumentellen Analyse mit dem menschlichen Geruchssinn

Detektor 2

(Nase)

Druckknopf zur Digitalisierung von Geruchseindrücken

Schnüffelanalyse

GC

Detektor 1

(FID)

Ursachen für das Geschmacksproblem

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Produzenten

- 97 -

Qualitätsanforderungen an Erdbeeren im Spannungsfeld

zwischen Erzeuger und Verbraucher

- Eignung für Standort (Licht, Boden, Klima)

- Anbautechnische Eignung

- Hoher Ertrag und Ertragssicherheit

- Resistenzen (Krankheiten, Schädlinge)

- Wuchsform (Blatt-Frucht-Verh., Blütenstellung)

Industrie

- Eignung für maschinelle Verarbeitung

- Entkelchbarkeit

- Farbe

- Farbstabilität

- Sitz der Nüsschen

- Inhaltsstoffe

relative Konzentration

10

8

6

4

2

0

10

8

6

4

2

0

Trichtereffekt

alte Sorte

O

O

O

O

O

O

Handel

- Transporteigneung

- Lagerstabilität

-Größe

- Aussehen (Form, Farbe, Homogenität)

- Geruch

Verbraucher

- Aussehen (Form, Größe, Glanz)

- Farbe (außen, innen)

- Geruch

- Geschmack

- Inhaltsstoffe (Gesundheitswert)

- Haltbarkeit

O

O O

O

1 3 5 8 11 13 16 19

Substanz #

„neue“ Sorte

O O

NH2 1 3 5 8 11 13 16 19

Substanz #

Genetische Erosion

Typische Aromamuster von zwei Erdbeersorten

(Mittelwert von 3 Erntejahren mit jeweils 2 Wiederholungen; grün = aromaaktive Ester)

Aromatyp:

MA+; Ester+

Aromatyp:

MA-; Ester-

Ulrich D, Hoberg E, Rapp A and Kecke S (1997), ‘Analysis of strawberry flavour - discrimination of aroma types by analysis of volatile compounds’,

Z. Lebensm. Unters. Forsch., 205, 218 - 223.

Trichtereffekt

• Die pflanzengenetischen Ressourcen (PGR) umfassen das gesamte ... Reproduktionsmaterial von

Pflanzen mit ... Wert für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.

Als Folge der Intensivierung der Agrarproduktion ist ... ein erheblicher Teil der PGR bedroht bzw.

verloren gegangen. Die noch vorhandenen PGR sind unzureichend erfasst, charakterisiert und

evaluiert.

(R. Meyer, C. Revermann, A. Sauter: Biologische Vielfalt in Gefahr?, Ed. Sigma 1998, S. 11)

Nachweis des Trichtereffektes bei Erdbeeraromastoffen:

Ulrich D, Hoberg E, Rapp A and Kecke S (1997), ‘Analysis of strawberry flavour - discrimination of

aroma types by analysis of volatile compounds’, Z. Lebensm. Unters. Forsch., 205, 218 - 223.

Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V. – Grüne Schriftenreihe 210


Quelle: A. Graner, IPK Gatersleben

Wildtypen

Lokalsorten

Landrassen

Flüchtige

Ertrag, Größe Lagerfähigkeit...

Zeit

- 98 -

Trichtereffekt

Der Trichtereffekt

Erdbeere ~1759

Änderungen im Gehalt an

flüchtigen Inhaltsstoffen

Standard- und

Hochleistungssorten

Abnahme der (Agro-)biodiversität = Verlust besonderer Aromen (Flavours)

„Die meisten der heutzutage bevorzugten Aromen in pflanzlichen Produkten sind in alten Sorten

zu finden, die nicht für eine agrar-industrielle Produktion geeignet sind.“ (F. H. ALSTON, 1992).

Geschmacksforschung des

Julius Kühn-Institut

in der

Ulrich D, Komes D, Olbricht K and Hoberg E (2007)

'Diversity of aroma patterns in wild and

cultivated strawberry accessions',

Genet Resour Crop Evol, 54, 1185-1196.

Pflanzengenetik, Züchtungsforschung und

Sortenzüchtung

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- 99 -

Aromastoffe übermitteln für Menschen wichtige Informationen

über die Qualität der Nahrung

(Genusswert, Nährwert, Gesundheitswert)

Reifung Aroma

~400 Flüchtige

in der Literatur

bevorzugtes

Aroma

Goff, S. A. and Klee, H. J., 2006 Science 311, 815-819

Geschmacksforschung am Julius Kühn-Institut, ÖPVQ

• Sensoriklabor

(Vorbereitung, Küche,

Prüfraum mit 19

Kabinen + PC)

• Geschultes Panel

(etwa 15 Mitarbeiter)

• 3 x GC/MS, EI, Quad.

• 1 x GC FID

• 1 x GC PFPD + PND

• 2 x GCO

ab 2010:

GC-TOF-MS

Vorteile für Menschen

- essentielle Nährstoffe

- antimicrobielle,

- antioxidative,

- anticarcinogene Verbindungen

Vorteil für die Pflanzen

- Samenverteilung

Julius Kühn-Institut,

Arbeitsgruppe Aroma,

Geschmack und Sensorik

Geschmacksforschung bei:

- Erdbeere

-Apfel

-Kirsche

- Weinrebe

-Möhre

- Kartoffel

-Spargel

-Petersilie

- Melone

-Salak

- Papaya

...

Geschmacksforschung am Julius Kühn-Institut, ÖPVQ

In der Züchtungsforschung und in den Züchtungsprogrammen

des Institutes (Erdbeere, Kirsche, Apfel,

Weinrebe, Möhre...) steht der "Geschmack" an

herausragender Stelle.

Gut schmeckendes Obst und Gemüse unterstützt eine

gesunde Ernährung besser als 'functional Food'.

Julius Kühn-Institut

Einsatz der Aromaanalytik in der Züchtungsforschung und

als Selektionshilfe in der Züchtung von leistungsfähigen

Sorten.

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- 101 -

Mäuse, Wühlmäuse und Co – was hilft?

Thorsten Menke

Julius-Kühn-Institut (JKI)

Münster

Heimische Nagetiere sollten nicht generell als Schädlinge eingestuft werden, denn nicht jede Art

verursacht im Garten merkliche Schäden. Dazu gehören z.B. Waldmäuse, Gartenschläfer oder

Gelbhalsmäuse. Einige von ihnen gehören sogar zu den geschützten Arten und leben oft unbemerkt

in den und um die Gärten. Wenn aber erhebliche Nageschäden an Gartenkulturen auftreten,

dann sind in der Regel Wühlmäuse (Familie Cricetidae) die Verursacher. Dazu gehören im Garten

hauptsächlich die Schermaus (Arvicola amphibius, vormals Arvicola terrestris) oder die Feldmaus

(Microtus arvalis). Aber auch der Maulwurf (Talpa europaea) ist als Insektenfresser im heimischen

Garten zu Hause; gehört jedoch nicht zu den Wühlmäusen.

Die Schermaus ist nach dem Bisam (Ondatra zibethicus) die größte Wühlmaus. Sie kann bis 200g

schwer werden (semiaquatischer Ökotyp). Der in den Gärten hauptsächlich vorkommende terrestrische

Ökotyp wird in der Regel nicht schwerer als 150g. Zu den Nahrungsstellen gelangt sie durch

ihre unterirdischen Gangsysteme, die sie mit den Zähnen wühlt (Zahnwühler). Durch dieses Grabverhalten

entstehen hochovale Gänge. Dabei wirft die Schermaus maulwurfsähnliche Haufen auf,

die lästig sein können. Gerne läuft sie aber auch durch die Gänge des Maulwurfs, der als ihr Wegbereiter

gilt. Wenn sie im Garten auftritt, so können die Schäden erheblich sein. Sie nagt gerne an

Möhren, Kartoffeln und anderen unterirdischen Gemüsen. Aber auch die Wurzelballen und

Stammbasen von Obstbäumen sind vor ihr nicht sicher. Schäden werden oft erst zu spät sichtbar,

so dass die Pflanze verloren ist. Die Schermaus lebt überwiegend solitär in ihren subterrestrischen

Gangsystemen. Die Schermaus hat einen polyphasischen Aktivitätsrhythmus. D.h. sie ist einige

Stunden aktiv, worauf Stunden der Ruhe folgen.

Die Feldmaus gehört ebenfalls zu den Wühlmäusen. In die Gärten fällt sie oft aus benachbarten

Flächen ein. Dazu gehören das Grünland und die Ackerrandstreifen. Auch sie lebt in unterirdischen

Gangsystemen, jedoch ist sie auch vermehrt oberirdisch zu sehen. Auf Rasenflächen sind ihre

Laufwege deutlich sichtbar. Sie wird in der Regel bis 40g schwer und ist damit deutlich kleiner und

so von der Schermaus unterscheidbar. Feldmäuse leben in Gruppen zusammen in ausgedehnten

Gangsystemen. Auch die Feldmaus zeigt einen polyphasischen Aktivitätsrhythmus. Sie frisst Gräser,

Kräuter, Sämereien, Früchte, Getreide und nagt gelegentlich an Baumrinde. Bei ihr treten in

Abständen und regional unterschiedlich Massenvermehrungen auf, die von Jahren geringer Feldmausvorkommen

gefolgt werden.

Der Maulwurf ist wohl der häufigste und bekannteste Gartenbewohner, über dessen Lebensweise

aber erstaunlich wenig bekannt ist. Auch er lebt subterrestrisch und gräbt sein Gangsystem mit

den Vorderextremitäten ebenfalls zum Nahrungserwerb. Durch dieses Grabverhalten entstehen

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querovale Gänge. Dabei presst er gelockertes Erdreich rundherum fest an die Gangseiten, überschüssiges

Material wird als Hügel aufgeworfen. Das so entstehende Gangsystem nutzt er zum

Leben. Bestimmte Gangabschnitte sind sogenannte Fanggänge. Besonders Regenwürmer (Familie

Lumbricidae) fallen in diese Gänge und können sich wegen der festen Gangwände nicht mehr ins

Erdreich graben. Der Maulwurf muss nur noch durch die Fanggänge laufen und seine Beute sammeln.

Für den Winter legt der Maulwurf eine Vorratskammer mit Regenwürmern an, indem er sie

ohne Kopf in die Erdwände steckt und bei Bedarf verzehrt. Er richtet somit keine Fraßschäden an

und wird nur wegen seinen Erdhaufen als lästig empfunden. Der Maulwurf gehört deutschlandweit

laut Bundesartenschutzverordnung zu den besonders geschützten Arten. Deshalb ist seine Bekämpfung

mit Fallen und Giften nicht zulässig.

Schadensvermeidung

Fallen

Fallen sind im Handel in den verschiedensten Bauformen erhältlich. Die Schermaus sollte bei den

ersten Anzeichen für Befall bekämpft werden. Das Auffinden der Gänge wird durch den Einsatz

eines Suchstabs erleichtert. Werden Gänge gefunden, so stellt man zuerst eine sogenannte Verwühlprobe

an. Werden die geöffneten Gänge innerhalb von ein bis zwei Stunden von einer Maus

verwühlt, wird dort ein geeigneter Fallentyp nach Anleitung angewendet. Geködert wird mit Apfel

oder Möhre. Selbstschussgeräte, die nur an Anwender ab einem Alter von 18 Jahren verkauft werden,

sollten aber mit der gebotenen Vorsicht verwendet werden, denn auch Menschen können sich

mit diesen Geräten schwere Verletzungen zufügen. Feldmäuse können mit Schlagfallen aus dem

Handel gut bekämpft werden. Die Fallen werden z.B. mit Nuss-Nougatcreme oder Erdnussflips

beködert und vor die Gangöffnungen gestellt. Es bietet sich an, zuvor alle Löcher zuzutreten. Nur

vor die wieder geöffneten Löcher werden dann Fallen positioniert. Sie sollten abgedeckt werden,

damit keine Vögel in die Fallen geraten. Dazu können beispielsweise leere Getränkekartons benutzt

werden.

Pflanzkörbe

Einzelpflanzen oder kleine Pflanzengruppen werden effektiv durch Maschendraht geschützt. Der

Maschendraht wird wie ein Korb gebogen und in das Pflanzloch eingebracht. Danach wird gepflanzt

und der Korb dann oben zugebogen, um auch das oberirdische Eindringen der Tiere zu

verhindern. Damit das Drahtgeflecht oberirdisch nicht zu sehen ist, wird auch an der Oberfläche

der Drahtschutz mit Erde abgedeckt. Die Maschendrahtweite sollte nicht größer sein als 13 mm.

Hochbeete können ebenfalls nach unten mit Maschendraht geschützt werden.

Zäune und Barrieresysteme

Für größere Flächen ist ein Barrierezaun ein nachhaltiger Schutz. Er verhindert die Zuwanderung

von Mäusen. Dies gelingt, indem ein engmaschiger Drahtzaun mindestens 30 cm besser 50 cm in

den Boden eingelassen wird und oberirdisch eine Höhe von mindestens 50 cm hat. Sowohl die

untere Seite im Erdreich als auch die obere Seite sollten ca. 10 cm nach außen umgebogen werden.

An der unteren Seite im Erdboden verhindert dies die Zuwanderung von Maulwürfen. Die obere

umgebogene Seite verhindert das Überklettern von Schermäusen. Neuere Systeme weisen neben

dem Draht in der Erde an der Oberfläche Fangrinnen auf und sind im Fachhandel erhältlich. Die

Mäuse können nicht unter dem Zaunsystem hindurch schlüpfen. Ein Überklettern des Zauns ist

ebenfalls nicht möglich. Durch Schleusen können sie aber ins Innere der Fangrinne gelangen und

werden dort gerne von Fressfeinden (Prädatoren) entnommen. Damit verbindet dieses System

einen Barriereschutz mit der indirekten Förderung von Fressfeinden.

Fressfeinde

Es gibt eine Vielzahl von Beutegreifern zur Tag- und Nachtzeit. Hierzu gehören unter anderem

Eulen, Bussarde, Graureiher und Turmfalke. Aber auch der Fuchs oder Marderartige (wie Steinmarder

und Mauswiesel) fressen gerne Kleinnager. Die Schleiereule z.B. fängt täglich bis zu sechs

Mäuse. Hat sie Jungtiere zu versorgen, kann die Zahl erbeuteter Mäuse auf 40 ansteigen. Um die

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Wirkung von Fressfeinden zu fördern, sollte auch deren Lebensraum entsprechend gestaltet werden.

Dazu gehören eine niedrige Randstreifenvegetation und Nistkästen oder Unterschlupfmöglichkeiten.

Diese einfachen Maßnahmen lassen sich in jedem Garten verwirklichen. Beobachtungen

frei lebender Tiere entlohnt für den erbrachten Einsatz.

Hausmittel (Vibration und Schall)

Es wird regional von verschiedenen Hausmitteln zur Abwehr von Nagerschäden im Garten berichtet.

Tatsächlich sind diese Wirkungen nur unzureichend. Schall und Vibrationsgeräte, die in der

Vergangenheit mit wissenschaftlichen Methoden getestet wurden, zeigten keine hinreichende Wirkung.

Eine Neuentwicklung, die gerade als Patent angemeldet wurde, nutzt ein neues akustisches

Verfahren, um Schermäuse zu vergrämen. Die bisherigen Ergebnisse aus Labor-, Gehege- und Freilandversuchen

sind vielversprechend. Dieses Gerät könnte in Zukunft dazu beitragen, eine wirkungsvolle

alternative physikalische Vergrämungsmethode für den Kleingärtner zu bieten.

Repellents und Rodentizide

Am Markt gibt es ein reichhaltiges Produktangebot im Haus- und Kleingartenbereich. So ist zum

Vertreiben von Schermäusen Calciumcarbid zulässig. Bei der Anwendung gegen Feldmäuse gibt es

Rodentizide mit dem Wirkstoff Zinkphosphid (Stand 14.09.2010), bei Schermäusen Mittel mit

Zinkphosphid, Aluminiumphosphid und Calciumphosphid (Stand 14.09.2010).

Alle Wirkstoffe führen zum schnellen Tod der Tiere. Außerdem ist für die Anwendung gegen

Schermäuse der Wirkstoff Warfarin zugelassen. Er wirkt blutverdünnend, wobei die endgültige tödliche

Wirkung erst nach einigen Tagen eintritt. Köderaufnahme und Wirkung können nicht in Verbindung

gebracht werden und Köderschau tritt nicht auf.

Anwendungshinweise von den Herstellern sind unbedingt strikt einzuhalten. Außerdem ist zu bedenken,

dass die o.g. Wirkstoffe nicht nur auf Nager, sondern auch auf alle anderen Wirbeltiere

wirken.

Begasung

Begasungsgeräte arbeiten mit einem Industriemotor, der Abgase durch einen Schlauch in die zuvor

freigelegten Gangsysteme bläst. Solche Geräte werden in der Regel bei Wühlmausschäden auf

großen Flächen angewendet und kommen kaum im Kleingarten zum Einsatz.

Abb. 1) Die Schermaus

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Abb. 2) Fraßschäden von Schermäusen an einem Abb. 3) Greifvögel können durch Sitzkrücken

Apfelbaum gefördert werden.

Abb. 4) Jungpflanzungen durch Drahteinfassungen geschützt.

Autoren: Dr. Jens Jacob, Thorsten Menke

Abb. 5) Barrieresystem zum Schutz größerer Flächen.

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Was sind Pflanzenstärkungsmittel

und was bewirken sie?

Dr. Alexandra Makulla

Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

Braunschweig

Die Frage „Was sind Pflanzenstärkungsmittel und was können sie?“ kann aus verschiedenen Perspektiven

beantwortet werden.

Was Pflanzenstärkungsmittel sind, ist vor allem gesetzlich definiert; was sie können, kann aus

Sicht der Wissenschaft und aus Sicht der Praxis beantwortet werden.

Gesetzliche Definition

Pflanzen sollen gestärkt werden – aber wie und wozu? Bei einer unvoreingenommenen Annäherung

an den Begriff kommen zunächst zwei Rechtsbereiche in Frage; Das Pflanzenschutzrecht und

das Düngemittelrecht.

Maßgeblich zur Zuordnung von Produkten ist die Zweckbestimmung, d. h. geht es bei der Anwendung

des Produktes um den Schutz der Pflanze vor Schaderregern oder um die Versorgung mit

Nährstoffen? Tatsächlich wird im Pflanzenschutzgesetz definiert, was Pflanzenschutzmittel sind

(Eigenschaften) und wie sie gesetzlich geregelt sind (Verkehr, Legalisierung und Anwendung).

Nach dem Pflanzenschutzgesetz (§ 2 Nr. 10 PflSchG) sind Pflanzenstärkungsmittel Stoffe, die ausschließlich

dazu bestimmt sind,

• die Widerstandsfähigkeit von Pflanzen gegen Schadorganismen zu erhöhen, z. B. Resistenzinduzierer,

• Pflanzen vor nichtparasitären Beeinträchtigungen zu schützen, z. B. Wundverschlussmittel,

• für die Anwendung an abgeschnittenen Zierpflanzen außer Anbaumaterial (Blumenfrischhaltemittel).

Im Düngegesetz sind hingegen Bodenhilfsstoffe und Pflanzenhilfsmittel folgendermaßen definiert

(vgl. § 2 DüngG).

Bodenhilfsstoffe sind Stoffe ohne wesentlichen Nährstoffgehalt sowie Mikroorganismen, die dazu

bestimmt sind,

• die biologischen, chemischen oder physikalischen Eigenschaften des Bodens zu beeinflussen,

um die Wachstumsbedingungen für Nutzpflanzen zu verbessern,

• die symbiotische Bindung von Stickstoff zu fördern.

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Pflanzenhilfsmittel sind Stoffe ohne wesentlichen Nährstoffgehalt, die dazu bestimmt sind, auf

Pflanzen biologisch oder chemisch einzuwirken, um einen pflanzenbaulichen, produktionstechnischen

oder anwendungstechnischen Nutzen zu erzielen, soweit sie nicht Pflanzenstärkungsmittel

im Sinne des § 2 Nr. 10 des Pflanzenschutzgesetzes sind.

Pflanzenstärkungsmittel sind also Produkte, die vorbeugend gegen Schaderreger eingesetzt werden

(oder vor abiotischen Beeinträchtigungen schützen und Blumenfrischhaltemittel). Durch die

Definition im Pflanzenschutzgesetz ist ausgeschlossen, dass Pflanzenstärkungsmittel direkt gegen

Schaderreger wirken dürfen, d. h. sie dürfen keine insektizide, fungizide oder repellierende Wirkung

entfalten. Solche Wirkungen werden durch das Pflanzenschutzgesetz den Pflanzenschutzmitteln

zugesprochen.

Wissenschaftliche Grundlagen

Insbesondere bei der Kategorie „Erhöhung der Widerstandsfähigkeit von Pflanzen gegen Schadorganismen“

stellt sich die Frage nach den naturwissenschaftlichen Grundlagen. Es ist bekannt, das

es Pflanzen gibt, die gegen Schaderreger resistent sind, z. B. gegen Mehltau resistente Rosensorten,

gegen die Reblaus resistente Weinstöcke. Meistens handelt es sich dabei um Eigenschaften,

die in der jeweiligen Sorte permanent vorhanden sind und vererbt werden können (konstitutive

Resistenz). Pflanzen können aber auch tatsächlich von außen angeregt werden, (z. B. durch Pathogene

oder Herbivore), Verteidigungsmechanismen in Gang zu setzen. Der Vorteil ist, dass die

Pflanze diese postinfektionellen Verteidigungswege nur dann beschreitet, wenn sie tatsächlich benötigt

werden, denn auch die Pflanze steht vor dem Problem, Ressourcen sinnvoll einzusetzen –

verteidigen oder wachsen?

Dass Pflanzen Schaderreger abwehren können als Reaktion auf eben diesen Schaderreger ist seit

mehr als 100 Jahren bekannt. Der Begriff der sogenannten erworbenen oder induzierten Resistenz

wurde in den 30er Jahren des vergangenen Jahrshunderts geprägt. Mit den molekularen Nachweismethoden

der letzten Jahrzehnte wird seither immer deutlicher, wie die Pflanze bei Kontakt

mit Schaderregern reagiert und welche Reaktionen in Folge ablaufen, dass z. B. bestimmte Gene

erst abgelesen werden, wenn die Proteine, die sie kodieren, gebraucht werden.

Resistenz aufgrund von Abwehrreaktionen

Reaktionen der Wirtspflanze werden durch eine molekulare Interaktion ausgelöst, z. B. durch spezifische

Rezeptoren an der Außenseite der Zelle. Versucht eine Pilzhyphe in eine Pflanzenzelle einzudringen,

trifft sie auf das Plasmalemma. In dieser Membran sitzen Rezeptoren. Bei einer Interaktion

zwischen Pilz und Rezeptor verändert sich der Rezeptor, was unmittelbar zu einer Veränderung

der Durchlässigkeit der Membran führt. Bestimmte Ionen strömen in die Zelle ein, andere

heraus. Dies wiederum ist das Signal für weitere Reaktionen. Beim sogenannten „oxidative burst“

werden starke Oxidantien freigesetzt werden (z. B. Wasserstoffperoxid). Diese wirken unmittelbar

auf den Angreifer, allerdings auch auf die Pflanzenzelle. Wasserstoffperoxid löst lokal eine Verstärkung

der Zellwand aus, ist aber auch an der sogenannten hypersensitiven Reaktion beteiligt, bei

der um die Infektionsstelle herum Pflanzenzellen absterben, damit der Pilz sich nicht weiter im

Blatt ausbreiten kann (Abwehrnekrose). Oxidantien signalisieren auch, dass bestimmte Abwehrgene

aktiviert werden müssen.

Weitere wichtige Schlüssel-Stoffe bei induzierter Resistenz sind die Salicylsäure, Jasmonat und

Ethylen. Salicylsäure wird zunächst lokal an der Infektionsstelle akkumuliert und dann vermutlich

mit dem Phloemstrom transportiert; sie wirkt also systemisch. So kommt es, dass Abwehrreaktionen

in der gesamten Pflanze beobachtet werden können und nicht nur begrenzt an der Infektionsstelle.

Methyl-Jasmonat und Ethylen sind flüchtige Stoffe, die besonders bei Verwundung, (z. B.

durch Insektenfraß), freigesetzt werden und sogar benachbarte Pflanzen warnen können.

Unter dem Begriff Phytoalexine werden antimikrobielle, überwiegende meist niedermolekulare Substanzen

zusammengefasst. Es handelt sich dabei z. B. um Terpenoide, Phenole, Alkaloide und

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andere Stoffgruppen, die durchaus spezifisch für Pflanzenfamilien sind, da sie – wie andere sekundäre

Pflanzenstoffe – auf speziellen Synthesewegen hergestellt werden. Diese Stoffe sind auch unter

den konstitutiven Abwehrstoffen bekannt, z. B. in Vakuolen akkumuliert. Bei einer Abwehrreaktion

werden sie allerdings de novo an der Infektionsstelle gebildet.

Eine wichtige Rolle spielen auch PR-Proteine (pathogenesis-related proteins). Das sind Enzyme, die

Schaderreger angreifen, z. B. Proteinasen, Chitinasen und ß-1,3-Glucanasen. Letztere sind Enzyme,

die die spezifisch aufgebaute Zellwand pilzlicher Schaderreger verdauen.

Die Resistenz der Pflanzen wird gelegentlich auch als „Immunsystem“ der Pflanzen bezeichnet.

Allerdings gelingt der Vergleich nur im Groben, da sich die Physiologie von Pflanzen und Tieren

doch erheblich unterscheidet.

Bestimmte Resistenzmechanismen können also durch Stoffe angestoßen werden. Die Auslöser

dieser Abwehrkaskade werden auch Elicitoren genannt. Dies ist ein Sammelbegriff für chemisch

definierte Substanzen, darunter auch Signalstoffe aus pathogenen Organismen, oder Stoffe, die

der Pflanze selbst entstammen, wie z. B. Polysaccharide, die als Bausteine der Zellwand bei einem

Angriff durch Pathogene freigesetzt werden.

Da es sich um eine Kaskade von komplexen Reaktionen handelt, spielt auch der Zeitfaktor eine

Rolle. Da liegt der Gedanke nicht fern, die Pflanze schon vor dem erwarteten Angriff so zu sensibilisieren

oder konditionieren, dass sie einem Mehltau-Pilz mit allen Abwehrstoffen aus dem pflanzlichen

Waffenarsenal begegnen kann. Diese Konditionierung (oder priming nach Conrath et. al

2001) soll mit Elicitoren erreicht werden. Tatsächlich sind Wirkstoffe von Pflanzenstärkungsmitteln

häufig Elicitoren.

Pflanzenstärkungsmittel in der Praxis

Das Wissen um die Mechanismen der induzierten Resistenz hat teilweise sogar zur Entwicklung

von Produkten geführt, mit denen Pflanzen auf den eigentlichen Angriff durch Schaderreger vorbereitet

werden. Für den Anwender bedeutet das, dass Pflanzenstärkungsmittel (Resistenzinduzierer)

vorbeugend angewendet werden müssen.

Woran Pflanzenstärkungsmittel erkannt werden können

Pflanzenstärkungsmittel tragen eine sechsstellige Listungsnummer, z. B. 1234-00. Sie müssen in

der Liste der Pflanzenstärkungsmittel des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

(BVL) enthalten sein. Nachzulesen ist die amtliche Liste im Internetangebot des BVL

unter:

www.bvl.bund.de > Pflanzenschutzmittel > Pflanzenstärkungsmittel und Zusatzstoffe > Liste der

Pflanzenstärkungsmittel (wird monatlich aktualisiert).

Bevor ein Pflanzenstärkungsmittel in die Liste aufgenommen wird, begutachtet das BVL das Produkt

in Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), dem Julius Kühn-

Institut (JKI) und dem Umweltbundesamt (UBA). Die Behörden prüfen die beantragte Rezeptur

darauf, ob es Anhaltspunkte für schädliche Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt gibt. Nur

risikorarme Produkte dürfen gelistet werden.

Wirksamkeit

Die Wirksamkeit von Pflanzenschutzmitteln wird behördlicherseits nicht überprüft, allerdings bietet

das Julius-Kühn Institut eine Datenbank an, in der Versuchsergebnisse mit Pflanzenstärkungsmitteln

zusammengestellt sind:

www.pflanzenstaerkungsmittel.jki.bund.de

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- 108 -

Wirkungsweise

Ausführlich wurde bereits die resistenzinduzierende Wirkung beschrieben.

Es gibt aber noch die Pflanzenstärkungsmittel, die vor nicht-parasitären Beeinträchtigungen schützen

sollen – damit ist der Schutz vor abiotischen Einwirkungen gemeint, wie Trockenheit und

Frost.

Wundverschlussmittel verschließen größere Schnittflächen von Gehölzen; weiße Anstriche sorgen

dafür, dass bei Frost und gleichzeitiger Sonneneinstrahlung die Borke kleiner Baumstämme nicht

aufreißt.

Zu guter Letzt gibt es die Pflanzenstärkungsmittel, die an abgeschnittenen Zierpflanzen zur Anwendung

kommen (Blumenfrischhaltemittel). Floristen geben ihren Kunden häufig kleine Tütchen,

damit die Blumensträuße zu Hause lange ansehnlich bleiben. Es gibt allerdings auch Mittel für die

professionelle Anwendung, die ein Schnittblumenerzeuger benötigt, um die Blumen auf den

Transport vorzubereiten.

Informationsquelle

www.bvl.bund.de > Pflanzenschutzmittel > Pflanzenstärkungsmittel und Zusatzstoffe

Literatur

Conrath, U., Thulke, O. Katz, V., Schwindling, S. und Kohler, A. (2001): Priming as a mechanism in

induced systemic resistance of plants.– Europ. J. Plant Pathology 107: 113-119.

Heß, D. (2004). Allgemeine Botanik.– Ulmer 319 S.

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- 109 -

Was sind Pflanzenstärkungsmittel

und was können sie?

Dr. Alexandra Makulla

� Was sind Pflanzenstärkungsmittel?

� Frage an die Behörden

� Was können Pflanzenstärkungsmittel?

� Frage an die Wissenschaft

� Nutzen für den Anwender

� Informationsquellen

� Rechtsbereiche

� Pflanzenschutzrecht

� Düngemittelrecht

� Zweckbestimmung

� Schutz der Pflanzen vor Schaderregern und Konkurrenten

– oder –

� Düngewirkung, Bodenverbesserung, Fruchtqualität

� Definitionen

� Pflanzenstärkungsmittel

� Bodenhilfsstoff

� Pflanzenhilfsmittel

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- 110 -

� § 2 Nr. 10 PflSchG: Das Pflanzenschutzgesetz

definiert Pflanzenstärkungsmittel

� Pflanzenstärkungsmittel sind Stoffe, die

ausschließlich dazu bestimmt sind,

� die Widerstandsfähigkeit von Pflanzen gegen

Schadorganismen zu erhöhen, z. B.

Resistenzinduzierer ,

� Pflanzen vor nichtparasitären Beeinträchtigungen zu

schützen, z. B. Wundverschlussmittel,

� für die Anwendung an abgeschnittenen

Zierpflanzen außer Anbaumaterial

(Blumenfrischhaltemittel).

� § 2 DüngG: Das Düngegesetz definiert

Bodenhilfsstoffe und Pflanzenhilfsmittel

� Bodenhilfsstoffe: Stoffe ohne wesentlichen

Nährstoffgehalt sowie Mikroorganismen, die

dazu bestimmt sind,

� die biologischen, chemischen oder physikalischen

Eigenschaften des Bodens zu beeinflussen, um die

Wachstumsbedingungen für Nutzpflanzen zu

verbessern,

� die symbiotische Bindung von Stickstoff zu fördern.

� § 2 DüngG: Das Düngegesetz definiert

Bodenhilfsstoffe und Pflanzenhilfsmittel

� Pflanzenhilfsmittel: Stoffe ohne wesentlichen

Nährstoffgehalt, die dazu bestimmt sind, auf

Pflanzen biologisch oder chemisch

einzuwirken, um einen pflanzenbaulichen,

produktionstechnischen oder

anwendungstechnischen Nutzen zu erzielen,

� soweit sie nicht Pflanzenstärkungsmittel im Sinne

des § 2 Nr. 10 des Pflanzenschutzgesetzes sind

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- 111 -

� Pflanzenstärkungsmittel dürfen nicht direkt

gegen Schaderreger wirken!

� Wissenschaftliche Grundlagen

� Resistenz

� Induzierte Resistenz

� Pflanzenstärkungsmittel in der Anwendung

� Die Pflanze wird von außen angeregt, eigene

Abwehrmechanismen in Gang zu setzen (z. B.

durch Pathogene oder Herbivore)

� CHESTER (1933) prägte diesen Begriff

� Interessant: 4 44eine Sensibilisierung ist

möglich!

(priming)

� Reaktionen der Wirtspflanze werden durch

eine molekulare Interaktion ausgelöst, d. h. die

Pflanze erkennt den Parasiten.

� Nach der Erkennung werden verschiedene

Abwehrmechanismen in Gang gesetzt, wie

rasch aufeinander folgende chemische und

physikalische Verteidigungsmechanismen.

� „Immunsystem“ der Pflanzen?

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� oxidative burst

- 112 -

� Eine rasche Reaktion, bei der starke Oxidantien

freigesetzt werden (Superoxid, Wasserstoffperoxid)

� Direkte toxische Wirkung auf den Angreifer

� Initiierung der Zellwandverstärkung

� An der hypersensitiven Reaktion beteiligt

� Aktivierung von Abwehrgenen

� Salicylsäure

� Zunächst lokal an der Infektionsstelle akkumuliert

und dann mit dem Phloemstrom transportiert

� Auch die exogene Applikation von Salicylsäure setzt

die Mechanismen der Resistenz in Gang

� SAR - Salicylsäure-abhängige systemische Resistenz

� Methyl-Jasmonat und Ethylen

� Besonders bei Verwundung, z. B. durch

Insektenfraß

� Benachbarte Pflanzen werden durch diese flüchtigen

Stoffe informiert

� Salicylsäure-unabhängige induzierte Resistenz

� Phytoalexine

� Antimikrobielle, meist niedermolekulare

Substanzen

� Spezifisch für Pflanzenfamilien, spezielle

Synthesewege (sekundäre Pflanzenstoffe)

� Flavonoide, Terpenoide, Phenole, Alkaloide,

Stilbenoide…

� werden de novo gebildet und treten lokal auf im

Gegensatz zu den konstitutiven Abwehrstoffen, die

z. B. in Vakuolen akkumuliert werden

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- 113 -

� PR-Proteine = pathogenesis-related proteins

� Kleine Proteine mit Molekulargewichten um 15 bis

40 kD,

säurestabil, wenig empfindlich gegenüber

Proteinasen

� Proteinasen

� Chitinasen und ß-1,3-Glucanasen - lysieren

Zellwände von pilzlichen Schaderregern

� ….und weitere Enzyme, deren genaue Funktion

noch unbekannt ist

Pathogen

E

R

Abwehrreaktionen*

* Phytoalexine

Zellwandverstärkung

PR-Proteine

Phosphatasen,

Kinasen

K + H + Cl - Ca ++

Ethylen

Genaktivierung

Was passiert bei einem Angriff?

Ox

Nukleus

oxidative

burst

Pl

Jasmonatsynthese

Zellwand

Pflanzenzelle

(Wirtszelle)

� Komplexe Reaktionen, die im Bedarfsfall abgerufen

werden

� Im Bedarfsfall ─ wegen der Kosten!

� verteidigen oder wachsen

� Auslöser der Abwehrkaskade sind Elicitoren

� Chemisch definierte Substanzen

� Stammen meist von pathogenen Organismen

� Manchmal auch von der Pflanze selbst, z. B. Polysaccharide, die

als Bausteine der Zellwand bei einem Angriff durch Pathogene

freigesetzt werden.

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- 114 -

� Was bedeuten diese wissenschaftlichen

Erkenntnisse für den Anwender?

� Wirkstoffe von Pflanzenstärkungsmitteln sind

häufig Elicitoren

� Pflanzenstärkungsmittel (Resistenzinduzierer)

müssen vorbeugend angewendet werden, um die

Pflanze auf Abwehrrektionen einzustimmen!

� Pflanzenstärkungsmittel sind frei verkäuflich

� Pflanzenstärkungsmittel sind risikoarme Produkte

� Pflanzenstärkungsmittel werden vom BVL gelistet

� Prüfung der Zusammensetzung (Rezeptur) und

� Überprüfung auf Anhaltspunkte für schädliche Auswirkungen

auf Mensch, Tier und Umwelt

� in Zusammenarbeit mit Bundesinstitut für Risikobewertung

(BfR), Julius Kühn-Institut (JKI) und Umweltbundesamt (UBA)

� Pflanzenstärkungsmittel sind an der Listungsnummer

zu erkennen

� LS 1234-00 oder LS 1234-60 (Vertriebserweiterung)

� Einteilung der Pflanzenstärkungsmittel nach

Gruppen

� 526 Mittel sind beim BVL gelistet (Stand: 1. September

2010)

� Chemische Reize/ Signalstoffe

� Silizium- und Kalzium-Verbindungen

� Wirkungsweise

Hömöopathika

13%

Wachse

3%

überwiegend

anorganischer

Herkunft

16%

biotechnologisch

hergestellte

Proteine

1%

pflanzlicher

Herkunft

46%

Mikroorganis-

men

8%

Algenextrakte

8%

tierischer

Herkunft

5%

n = 346

Stand: August 2006

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- 115 -

� Einteilung der Pflanzenstärkungsmittel nach der

Wirkungsweise A B C

� 526 Mittel (Stand: 1. September 2010)

159

Erhöhung

der

Widerstandsfähigkeit

gegen

Schaderreger

183

46

Schutz vor

nicht-parasitären

Beeinträchtigungen

5

40

2

85

Blumen-

Frischhaltemittel

� Amtliche Liste: www.bvl.bund.de

> Pflanzenschutzmittel > Pflanzenstärkungsmittel und Zusatzstoffe >

Liste der Pflanzenstärkungsmittel (wird monatlich aktualisiert)

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- 116 -

� Versuchsergebnisse:

www.pflanzenstaerkungsmittel.jki.bund.de

(wird vierteljährlich

aktualisiert)

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- 117 -

� BVL-Projekt, Projektnehmer: Julius-Kühn

Institut

� Laufzeit: 2007-2009

� Entwicklung einer einfachen Methode

� Radieschen, Falscher Mehltau

� Anwendung des Präparates

(Pflanzenstärkungsmittel) im Keimblattstadium

� 24 Std. / 48 Std. / 72 Std. nach der Anwendung des

Präparates Infektion mit Falschem Mehltau

� Bonitur nach ca. 9 Tagen (50 % Sporulation bei

Kontrolle)

[ x 1000 Sporen ml -1 ]

14

12

10

8

6

4

2

0

Gruppe 1 (24 h)

12500

2500

10000

Dichte der Sporenlösung

Gruppe 2 (48 h) Gruppe 3 (72 h)

10000

0

5000

Kontrolle Baba Präparat

12500

5000

2500

Quelle: Vortrag Dr. Peggy Marx et al., 57. Dt. Pflanzenschutztagung, Berlin 2010

� Pflanzenstärkungsmittel (Resistenzinduzierer)

müssen vorbeugend angewendet werden, um

die Pflanze auf Abwehrrektionen

einzustimmen!

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- 118 -

Ist aktiver biologischer Pflanzenschutz im Kleingarten

mit Nützlingen wie z. B. mit Vögeln und Nematoden

möglich?

Arbeitsgruppe 1

Leiter der Arbeitsgruppe: Peter Sperlich

Landesverband Bayerischer Kleingärtner e.V.

Diese Frage muss kurz und eindeutig mit „Ja“ beantwortet werden. Damit wäre die Angelegenheit

eindeutig und unmissverständlich erledigt.

Allerdings sollen doch einige Ausführungen gemacht werden, um dieses „Ja“ zu untermauern.

Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Population und die Vielfalt unserer heimischen und

auch der Zugvögel in den letzten Jahren immer mehr zurückgegangen ist. Zurückzuführen ist dies

auf die intensive Landbewirtschaftung durch die Agrarindustrie, die sowohl über Unkrautvernichtungsmittel

wie auch durch die Schädlingsbekämpfung in den Monokulturen dafür gesorgt hat,

dass die Nahrungsgrundlage für viele Vogelarten nicht oder nur wesentlich geringfügiger vorhanden

ist.

Auf der anderen Seite werden Gelege von Bruträubern vernichtet, so dass eine ausreichende oder

besser gesagt eine wie vor vielen Jahren noch vorhandene Vielfalt in der Population nicht mehr

stattfinden kann. Schließlich wird auch durch verschiedene Thesen über die Fütterung unserer

heimischen Vogelarten dafür gesorgt (im negativen Sinne), dass verschiedene Vogelarten durch

den Mangel an Nahrung nicht mehr in dieser Vielzahl für Nachwuchs sorgen, wie es eigentlich

erforderlich wäre. Die mancherorts vorherrschende Meinung, dass nur in sehr strengen Wintern

oder gar nicht gefüttert werden soll, weil „die Guten überleben es und um die Schlechten ist es

ohnehin nicht schade“, in den Köpfen der Bevölkerung herum geistert. Nein, es ist das ganze Jahr

– zwar mit durchaus unterschiedlichen Fütterungsmitteln – zu füttern. Unterstützt werden können

diese Fütterungsmaßnahmen mit der Anpflanzung bzw. der Aussaat von geeigneten Futterpflanzen

(wie Dolden- und Korbblütler). Aber auch mit der Bereitstellung von Nisthilfen, damit die heimischen

Vogelarten die Möglichkeit haben, ihre Brut zu pflegen und damit zu einer Vergrößerung

der Population beizutragen.

Wenn der Gartenfreund schon nicht bereit ist, derartige Maßnahmen in seiner Parzelle vorzunehmen,

so sollte dies doch wenigstens auf den Gemeinschaftsflächen einer Kleingartenanlage geschehen.

Dabei ist darauf zu achten, dass Schnittmaßnahmen an Hecken usw. erst zu einem Zeitpunkt

vorzunehmen sind, wenn das Brutgeschäft der Vögel nicht mehr gestört wird.

Durch das zunehmende Vorhandensein heimischer Vogelarten in Kleingärten ist es weit weniger

notwendig, mit der „chemischen Keule“ dem Schädlingsbefall auf den Nutzpflanzen Einhalt zu

gebieten. Wie viele Schädlinge (Gibt es eigentlich Schädlinge? Für den Menschen ist das eine oder

andere Getier als wenig nutzbringend zu betrachten, obwohl auch dieses seine Daseinsberechtigung

hat) werden z.B. von brütenden Meisen gesammelt und verfüttert. Ob es sich hier um Rau-

Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V. – Grüne Schriftenreihe 210


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pen an den Obstgehölzen oder um Blattläuse an den so geliebten Edelrosen handelt, ist dabei unerheblich.

Wie vielen heimischen Vogelarten könnte durch diese nur beispielhaft aufgezählten Maßnahmen

geholfen werden, eine erhöhte Population aufzubauen und dadurch die Vielfalt der Landschaft zu

vermehren?

Die Bekämpfung nicht erwünschter Schädlinge könnte dann weitaus geringer ausfallen und das

Image der Kleingärtner, sie würden zu schnell zur „Giftspritze“ greifen, würde dadurch zumindest

etwas verbessert.

Ob Ernteverluste durch Vogelfraß der besonderen Fürsorgepflicht gegenüber der Vogelwelt entgegenstehen,

sei dahingestellt. Es gibt eine Fülle von Maßnahmen, dass diese Verluste, ob bei den

Kirschen oder auch bei den Weintrauben, in einem erträglichen Maß bleiben. Zumeist sind ohnehin

auch viele Kirschen in einer Höhe an den Kirschbäumen, wo sich eine Ernte nicht mehr gefahrlos

rentiert. Sollen doch auch die Vögel einen (kleinen) Anteil an den Erträgen der Obst- und Beerengehölze

haben.

Nematoden im Boden – wer hat sie schon gesehen? Diese winzig kleinen Lebewesen sind aber

trotzdem unersetzlich für den Kleingärtner, überhaupt für jeden Nutzboden. Sie beseitigen im Gartenboden

unerwünschte Bewohner und tragen mit dazu bei, dass Kleingärtner weniger „Ärger“ mit

Schädlingen haben. Wenn man zudem bedenkt, dass diese Nützlinge in nur äußerst geringen

Mengen im Boden vorhanden sind (etwa 10 „Tierchen“ auf einen Quadratmeter) – und trotzdem

so wichtig sind – dann ist auch der gezielte Einsatz von Nematoden eine Verpflichtung für die

Kleingärtner. Es wird aber nur da nutzbringend sein, wo der Einsatz vorhandene Schäden bzw.

Schädlinge vermeiden oder verringern kann.

Nematoden sind bei Spezialisten zu einem erschwinglichen Preis zu erwerben, wenn man sich

daran machen will, deren Nutzen im eigenen Garten zu ergründen.

Nicht zuletzt sollte man daran denken, auch andere Nützlinge – wie Schweb- oder Florfliegen –

dort gezielt einzusetzen, wo sie die Kleingärtner bei der Schädlingsbekämpfung unterstützen können.

Insgesamt ist zu vermerken, dass sowohl der Vogelschutz wie auch der Einsatz von Nematoden

und anderen Nützlingen in hohem Maße dazu beitragen, das Leben und die Natur auf dieser Erde

zu schützen und zu bewahren!

Denn es ist eine feststehende Tatsache, dass der Mensch die Vielfalt in der Natur braucht – die

Natur aber den Menschen nicht!

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- 120 -

Können Veränderungen der gesetzlichen Grundlagen

mit dem Einsatz von Pflanzenstärkungsmittel im

Kleingarten ausgeglichen werden?

Arbeitsgruppe 2

Leiterin der Arbeitsgruppe: Claudia Heger

Landesverband Braunschweig der Gartenfreunde e.V.

Eine Frage, die sehr schwierig zu beantworten ist, denn man muss hier Äpfel mit Birnen vergleichen.

Pflanzenschutzmittel werden in der Regel eingesetzt, wenn ein Befall beginnt oder schon vorhanden

ist. Normalerweise sind Pflanzenschutzmittel in der Anwendung auf einen Schadorganismus

zugeschnitten und sehr spezifisch in der Anwendung (z.B. Herbizide, Fungizide und Insektizide);

d.h. aber auch, dass sie in konzentrierter Form für den Anwender nicht ungefährlich sind.

Pflanzenstärkungsmittel dagegen können ausschließlich vorausschauend angewendet werden,

denn sie sollen den Befall schon von Anfang an verhindern. Das hat den Nachteil, dass die Wirkung

nicht direkt kontrolliert werden kann und man sie immer vorbeugend anwenden muss. Die

Inhaltsstoffe bestehen meistens aus für den Anwender unschädlichen Pflanzenextrakten und sind

daher leichter zu handhaben. Ihre Wirkung ist nicht spezifisch, sondern wirkt gegen viele Schadorganismen.

Man muss nicht streng trennen zwischen Herbiziden, Fungiziden und Insektiziden.

Sinnvoll ist eine Anwendung, wenn man im Garten ökologisch wirtschaften will. Es gibt genügend

Kleingärtner, die den Einsatz von chemischen Spritzmitteln prinzipiell ablehnen. Gerade in der

heutigen Zeit, in der sich die Umweltskandale häufen, sind viele Menschen sensibilisiert für das

Thema Umweltschutz. Pflanzenstärkungsmittel geben dem Gartenfreund die Möglichkeit, mit ruhigem

Gewissen etwas gegen Schaderreger zu unternehmen, ohne die Umwelt und sich selbst zu

schädigen.

Einhergehen sollte die Anwendung jedoch mit einer umsichtigen Bearbeitung des einzelnen Gartens.

Dazu gehört eine gute Kompostwirtschaft mit entsprechender Bodenpflege, wie Mulchen und

Gründüngung. Vor allem sollte die Artenvielfalt und damit die Nützlinge im Garten gefördert werden.

Diese werden durch die Pflanzenstärkungsmittel nicht beeinträchtigt. Außerdem sorgen

Mischkultur und Fruchtfolge für ein optimales Wachstum der Pflanzen. Bereits beim Kauf des

Saatgutes kann man auf Resistenzen achten. Exoten, die an das heimische Klima nicht gut angepasst

sind, können schnell Probleme bereiten. Eine gute Wasserversorgung und mechanische Bodenbearbeitung

gehören außerdem zu einer umweltschonenden Bewirtschaftung.

Fazit:

Pflanzenstärkungsmittel können chemische Spritzmittel nicht ersetzen, sie aber überflüssig werden

lassen. Außerdem sind sie für den umweltbewussten Kleingärtner eine gute Möglichkeit, schon im

Voraus gegen Krankheiten und Schädlinge etwas zu unternehmen ohne einen Totalausfall in Kauf

nehmen zu müssen. So ist ein echter „Ausgleich“ im Sinne von „Ersatz“ nicht möglich, jedoch

kann durch die vorbeugende Wirkung dasselbe Ziel erreicht werden – und das auf sanfte, umweltfreundliche

Art und Weise.

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- 121 -

Ist Geschmack messbar? – Qualität aus dem Kleingarten,

ein Beitrag zur Biodiversität

Arbeitsgruppe 3

Leiter der Arbeitsgruppe: Dr. Eckhard Knuth

Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V.

Der Vortrag von Herrn Dr. Detlef Ulrich aus dem Julius Kühn-Institut, Quedlinburg, zeigte, dass

• der Geschmack von Obst und Gemüse für die Verbraucher in starkem Maße entscheidend für

ihr Kaufverhalten ist,

• Geschmack und Geruch sind messbar, sind,

• organische Verbindungen, z. B. Methylanthranilat für das Walderdbeeraroma der Erdbeersorte

„Mieze Schindler“ verantwortlich für den Geschmack sind.

Es ist festzustellen, dass in neuen Sorten, die insbesondere in der gewerblichen Obstproduktion

zur Anwendung kommen, weniger Aromainhaltsstoffe enthalten sind.

Kleingärtner können und sollten durch den Anbau alter Ost- und Gemüsesorten entscheidend zur

Biodiversität beitragen. Massenproduktion in Monokulturen sind mit kleingärtnerischer Aktivität

nicht vereinbar. Kleingärtner brauchen keine Erzeugnisse mit langer Lagerfähigkeit und mit langen

Transportwegen. Die Wege vom Anbau bis zum Verbrauch bzw. zur Verarbeitung sind sehr kurz.

Erntefrische ist das entscheidende.

Kleingärtner leben gesünder mit schmackhaften Obst- und Gemüsesorten.

Die Arbeitsgruppe unterbreitete folgende Vorschläge zum verstärkten Anbau alter Obst- und Gemüsesorten

in Kleingärten:

1. Durch Weiterbildungsveranstaltungen im Rahmen der Gartenfachberatung sollte das im Seminar

erworbene Wissen an Kleingärtnerinnen und Kleingärtner in unterschiedlichen Ebenen

von den Verbänden und Vereinen verstärkt herangetragen werden.

2. In Weiterbildungsveranstaltungen sollte auch das Wissen zur Samengewinnung und zur Aufbereitung

von Samen vermittelt werden.

3. Durch fachgerechten Schnitt alter Obstgehölze muss eine Revitalisierung dieser Bäume erreicht

werden.

4. Durch Umveredlungen von Obstgehölzen unter Beachtung der Unterlagen-Sorten-

Beziehungen und der regionalen Standortbedingungen können alte Sorten erhalten werden.

5. Bei der Neuverpachtung von Kleingärten sollte die Neupflanzung von Obstgehölzen aus dem

Bereich der alten Sorten angeregt werden.

6. In Verantwortung der Landes-, Stadt- und Kreisverbände sollten Tauschbörsen für Reiser alter

Obstsorten und für Gemüsesamen organisiert werden. Dazu könnten auch Winterschulungen

genutzt werden.

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- 123 -

Impressionen aus dem Seminar Fachberatung II

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- 124 -

Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V. – Grüne Schriftenreihe 210


Leitthemen der Schriftenreihe ab 1996

115 1996 Würzburg Aktuelle Fragen des Vereins- und Kleingartenrechts

115a 1996 Cottbus Das Bundeskleingartengesetz in seiner

sozialpolitischen und städtebaulichen Bedeutung

116 1996 Lünen Die Position des Kleingartens im Pflanzenschutz

117 1996 Osnabrück Ehrenamtliche Tätigkeit - Freizeit – Kleingarten

118 1996 Nürnberg Die Novellierung des § 3, 1 Bundeskleingartengesetz

und deren Auswirkungen auf die Nutzung und

Bewirtschaftung des Kleingartens

119 1996 Grünberg Die Rolle der Stauden und Küchenkräuter im

Kleingarten

120 1996 Gera Natur- und Umweltschutz in Kleingärten

121 1996 Erfurt Probleme des Kleingartenrechts in Theorie und Praxis

122 1997 Schwerin Haftungsrecht und Versicherungen im

Kleingartenwesen

123 1997 St. Martin Pflanzenschutz und die naturnahe Bewirtschaftung im

Kleingarten

124 1997 Berlin Lernort Kleingarten

125 1997 Gelsenkirchen Möglichkeiten und Grenzen des Naturschutzes im

Kleingarten

126 1997 Freising Maßnahmen zur naturgerechten Bewirtschaftung und

umweltgerechte Gestaltung der Kleingärten als eine

Freizeiteinrichtung der Zukunft

127 1997 Lübeck-Travemünde Der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen

128 1997 Karlsruhe Aktuelle Probleme des Kleingartenrechts

129 1998 Chemnitz Aktuelle kleingartenrechtliche Fragen

130 1998 Potsdam Die Agenda 21 und die Möglichkeiten der Umsetzung

der lokalen Agenden zur Erhaltung der biologischen

Vielfalt im Kleingartenbereich

131 1998 Dresden Gesundes Obst im Kleingarten

132 1998 Regensburg Bodenschutz zum Erhalt der Bodenfruchtbarkeit im

Kleingarten

Gesetz und Maßnahmen

133 1998 Fulda Der Kleingarten - ein Erfahrungsraum für Kinder und

Jugendliche

134 1998 Wiesbaden Aktuelle kleingartenrechtliche Fragen

135 1998 Stuttgart Kleingärten in der / einer künftigen Freizeitgesellschaft


136 1998 Hameln Umsetzung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU

von 1992 im Bundesnaturschutzgesetz und die

Möglichkeiten ihrer Umsetzung im Kleingartenbereich

137 1999 Dresden (Kleine) Rechtskunde für Kleingärtner

138 1999 Rostock Gute fachliche Praxis im Kleingarten

139 1999 Würzburg Kind und Natur (Klein)Gärten für Kinder

139 1999 Würzburg Kind und Natur (Klein)Gärten für Kinder

140 1999 Braunschweig Zukunft Kleingarten mit naturnaher und ökologischer

Bewirtschaftung

141 1999 Hildesheim Biotope im Kleingartenbereich

- ein nachhaltiger Beitrag zur Agenda 21

142 1999 Freiburg Zukunft Kleingarten

143 2000 Mönchengladbach Recht und Steuern im Kleingärtnerverein

144 2000 Oldenburg Pflanzenzüchtung und Kultur für den Kleingarten

von einjährigen Kulturen bis zum immergrünen Gehölz

145 2000 Dresden Die Agenda 21 im Blickfeld des BDG

146 2000 Erfurt Pflanzenschutz im Kleingarten unter ökologischen

Bedingungen

147 2000 Halle Aktuelle kleingarten- und vereinsrechtliche Probleme

148 2000 Kaiserslautern Familiengerechte Kleingärten und Kleingartenanlagen

149 2000 Erfurt Natur- und Bodenschutz im Kleingartenbereich

150 2001 Rüsselsheim Vereinsrecht

151 2001 Berlin Kleingartenanlagen als umweltpolitisches Element

152 2001 Mönchengladbach Natur- und Pflanzenschutz im Kleingarten

153 2001 St. Martin Das Element Wasser im Kleingarten

154 2001 Gelsenkirchen Frauen im Ehrenamt - Spagat zwischen Familie, Beruf

und Freizeit

155 2001 Erfurt Verbandsmanagement

156 2001 Leipzig Zwischenverpachtungen von Kleingartenanlagen -

Gesetzliche Privilegien und Verpflichtungen

157 2002 Bad Mergentheim Kleingartenpachtverhältnisse

158 2002 Oldenburg Stadtökologie und Kleingärten – verbesserte Chancen

für die Umwelt

159 2002 Wismar Miteinander reden in Familie und Öffentlichkeit – was

ich wie sagen kann

160 2002 Halle Boden – Bodenschutz und Bodenleben im Kleingarten


161 2002 Wismar Naturnaher Garten als Bewirtschaftsform im

Kleingarten

162 2002 Berlin Inhalt und Ausgestaltung des

Kleingartenpachtvertrages

163 2003 Dessau

Finanzen

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2003 Rostock Artenvielfalt im Kleingarten – ein ökologischer Beitrag

des Kleingartenwesens

2003 Hamburg Rosen in Züchtung und Nutzung im Kleingarten

2003 Rostock Wettbewerbe – Formen, Auftrag und Durchführung

2003 Limburgerhof Die Wertermittlung

2003 Bad Mergentheim Soziologische Veränderungen in der BRD und mögliche

Auswirkungen auf das Kleingartenwesen

2004 Braunschweig Kleingärtnerische Nutzung (Rechtsseminar)

170 2004 Kassel Öffentlichkeitsarbeit

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2004 Fulda Kleingärtnerische Nutzung durch Gemüsebau

2004 Braunschweig Mein grünes Haus

173 2004 Dresden Kleingärtnerische Nutzung durch Gemüsebau

174 2004 Magdeburg Recht aktuell

175 2004 Würzburg Der Kleingarten als Gesundbrunnen für Jung und Alt

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182

2004 Münster Vom Aussiedler zum Fachberater – Integration im

Schrebergarten (I)

2005 Kassel Haftungsrecht

2005 München Ehrenamt – Gender-Mainstreaming im Kleingarten

2005 Mannheim Mit Erfolg Gemüseanbau im Kleingarten praktizieren

2005 München Naturgerechter Anbau von Obst

2005 Erfurt Naturschutzgesetzgebung und Kleingartenanlagen

2005 Dresden Kommunalabgaben

183 2005 Bonn Vom Aussiedler zum Fachberater – Integration im

Schrebergarten (II)

184 2006 Dessau Düngung, Pflanzenschutz und Ökologie im Kleingarten

– unvereinbar mit der Notwendigkeit der

Fruchtziehung?

185 2006 Jena Finanzmanagement im Verein

186 2006 Braunschweig Stauden und Kräuter


187

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2006 Stuttgart Grundseminar Boden und Düngung

2006 Hamburg Fragen aus der Vereinstätigkeit

189 2007 Potsdam

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Deutschland altert – was nun?

2007 Jena Grundseminar Pflanzenschutz

2007 Jena Insekten

2007 Celle Grundseminar Gestaltung und Laube

193 2007 Bielefeld Rechtsprobleme im Kleingarten mit Verbänden lösen

(Netzwerkarbeit)

Streit vermeiden – Probleme lösen

194 2008 Potsdam Pachtrecht I

195 2008 Neu-Ulm Pflanzenverwendung I – vom Solitärgehölz bis zur

Staude

196 2008 Magdeburg Soziale Verantwortung des Kleingartenwesens – nach

innen und nach außen

197 2008 Grünberg Pflanzenverwendung II – vom Solitärgehölz bis zur

Staude

198 2008 Gotha Finanzen

199 2008 Leipzig

200 2009 Potsdam

201

202

203

204

205

206

207

208

209

2009 Erfurt Vereinsrecht

Kleingärtner sind Klimabewahrer – durch den Schutz

der Naturressourcen Wasser, Luft und Boden

Wie ticken die Medien?

2009 Bremen Vielfalt durch gärtnerische Nutzung

2009 Schwerin Gesundheitsquell – Kleingarten

2009 Heilbronn Biotope im Kleingarten

2009 Potsdam Wie manage ich einen Verein?

2010 Lüneburg Kleingärten brauchen Öffentlichkeit und Unterstützung

auch von außen

2010 Magdeburg Zwischenpachtvertrag – Privileg und Verpflichtung

2010 Bremen Umwelt plus Bildung gleich Umweltbildung

2010 Kassel Der Fachberater – Aufgabe und Position im Verband

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