Trendsport Klettern Ein Diskussionspapier Ein Fussabdruck in den ...

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Trendsport KletternEin Fussabdruck in den Schweizer Alpen?Ein DiskussionspapierVon Ute SchnabelFebruar 2004keepwild! Umweltfachstelle TrendsportartenPostfach 1622, 8040 Zürich, Fon 0041 (0)1 461 39 45Fax 0041 (0) 1 461 39 49 , info@keepwild.chwww.keepwild.ch


Inhalt1 Einführung.................................................................................................... 32 Hintergrund .................................................................................................. 53 Klettern ist ein Trendsport.............................................................................. 84 Multiplikatoren des Trendsports Klettern .......................................................... 95 Konfliktbereiche .......................................................................................... 105.1 Schäden an Natur und Landschaft.............................................................. 105.2 Veränderung der lokalen Infrastruktur..................................................... 115.3 Störung des Erlebniswertes....................................................................... 115.4 Verletzung der lokalen Kletterethik ............................................................ 126 Die Zukunft des Kletterns im Alpenraum gestalten ...................................... 137 Diskussionsthesen und Plädoyer.................................................................... 148 Begriffsdefinitionen...................................................................................... 169 Verwendete Literatur ................................................................................... 17


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -1 EinführungSzenario I: Die Stadt Zürich zahlt den Alpbauern im Umkreis attraktiverKletterfelsen in den Nordalpen Abfindungen in Millionen Höhe. Die erkauftenAlpmatten werden mit Parkplätzen, Campingplätzen, Herbergen, Hotels und ggf.Seilbahnen zu den jeweiligen für Kletterer und Boulderer attraktiven Felswändenerschlossen. Die Alpbauern erhalten die Möglichkeit bei der Stadt Zürich imTransportwesen oder der Gastronomie angestellt zu werden. Der Kanton Züricherrichtet weitere infrastrukturelle Einrichtungen in den betroffenen Tälern, um dengesteigerten Bedarf der Freizeitsportler zu decken. Der Bau von Kletterhallen wird inden nächsten 5 Jahren realisiert, um den Tälern, die eine enorme Belebung durchden Bergsport erfahren, ein _berleben auch im Winter zu sichern.Szenario II: Klettern ist in der Schweiz ein Breitensport geworden und in denLehrplan für Primar- und Sekundarschulen integriert. Im Alpenraum stecktdurchschnittlich auf jedem Quadratmeter Fels – ob Granit oder Kalk – einBohrhaken, was die Zugänglichkeit für Kletterer jedes Könnens und Altersermöglicht. Für die Begehung von Routen ist bei den zuständigen Gemeinden oderRegionen eine Anmeldung erforderlich. Für berühmte und beliebte Routen raten derSchweizer Alpen-Club und der Schweizer Tourismusverband zu einer Anmeldungdrei Monate im Voraus. Billets können aber auch an der Tageskasse vonTankstellen, Kiosken und dazu autorisierten privaten Verkäufern bezogen werden.3


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -Szenario III: Die Schweizer Alpen sind für Kletter in verschiedene Zoneneingeteilt, die die unterschiedlichen Spielarten dieser Sportart repräsentieren. Nacheiner langen Diskussion über die Verteilung von Sportklettergebieten,Bouldergebieten, alpinen Gebieten und Gebieten ohne jeglichen Eingriff konntenunterschiedliche Interessen der Kletternden zufriedenstellend über den SchweizerAlpenraum verteilt werden. Die Anzahl der Klettermöglichkeiten wurde dadurch fürjede einzelne Spielart limitiert. Letztlich konnte so aber ein Freiraum für alleFormen des Bergsteigens erhalten bleiben.Noch ist es nicht soweit ... oder doch?Noch ist in den Schweizer Alpen nicht auf jedem Quadratmeter ein Bohrhaken zufinden und auch eine Einmischung der „Unterländer“ in die Belange der einzelnenTalgemeinden erscheint unwahrscheinlich. Dennoch ist die Tendenz zu solchenSzenarien schon heute sichtbar. An Wochenenden mit sonnigem und schönemWetter tummeln sich in nahezu allen Moderouten mehrere Seilschaften. Alpweidenweisen teilweise massive Trittschäden auf, Alpbauern sehen ihre privatenZufahrtswege durch Autos versperrt. Alpbauern, Hüttenwarte und die zuständigenGemeinden entdecken den Bedarf des Kletterers an möglichst bequemer, saubererund doch natürlicher Umgebung und bieten entsprechende Infrastruktur wieUnterkünfte, Verpflegungsmöglichkeiten, sanitäre Anlagen und spezielleEinrichtungen für Kinder (bspw. Fritzwand, Engstlenalp).Na und ...!?keepwild! ist der Ansicht, dass diese Entwicklung diskutiert und gelenkt werdensollte. Die meisten Kletterer gelten als naturverbundene Sportler, die neben demsportlichen Ehrgeiz eine hohe Motivation aus dem Erleben der Bergwelt beziehen.Dieses Erleben der Bergwelt ist jedoch durch eine grosse Masse an Menschen, diedieses Bedürfnis gleichzeitig versucht zu befriedigen, einerseits stark eingeschränkt.Andererseits führt diese Entwicklung zu Nutzungskonflikten.4


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -In der Schweiz ist derzeit unter Kletterern eine unbewusste Geisteshaltung zubeobachten, welche die eigene Verantwortlichkeit für ein sicheres Bewegen im Felsan die Erschliesser und Sanierer abgibt. Oder wer hat nicht schon mal über denverdammt langen Hakenabstand geflucht, anstatt das eigene Können und Tun inFrage zu stellen? Gut erschlossene Routen in den Alpen (bspw. Furkapass,Ueschenen) können ohne kritische Selbsteinschätzung und ohne alpine Erfahrunggeklettert werden. Ohne diese Eigenverantwortung wird dann unbewusst dieForderung erhoben, dass sich die Absicherung – nicht aber das eigene Können –ändern muss, um das Ziel zu erreichen. So wird einerseits das „Abhaken“ vonRouten und andererseits die sportliche Leistung (der Schwierigkeitsgrad) zumwichtigsten Gegenstand des Kletterns. Zusammen mit dem aktuellen hohenBeliebtheitsgrad des Kletterns befinden wir uns damit mitten in einem Konfliktzwischen den Ansprüchen unterschiedlicher Nutzer (Nutzer-Nutzer Konflikt) und derForderung die Natur zu schützen (Nutzer-Natur Konflikt).2 HintergrundDer Paradigmenwechsel vom technischen Klettern über das Freiklettern zumSportklettern führte in den letzten 20 Jahren zu einer veränderten Grundeinstellungdes Kletternden und damit auch zu einem veränderten Umgang gegenüber seinerUmwelt, den Routen und der Absicherung. Das Sportklettern rückte - zunächst inden voralpinen Mittelgebirgen, später auch in den Alpen - die sportlicheKomponente des Kletterns stärker in den Vordergrund. Das _berwinden einzelnerschwieriger Passagen wurde zur sportlichen Herausforderung, die mittels neuerKlettertechniken, Kraft und Geschicklichkeit überwunden wird. Die Steigerung derklettertechnischen Schwierigkeiten war aber nur möglich, indem schwierigePassagen durch den Einsatz von Bohrhaken gesichert werden konnten.Zunächst nur in den Klettergärten des Alpenvorlandes verbreitet, wurden nach undnach auch alpine Routen mit Bohrhaken versehen. Bohrhaken wurden insbesonderein alpinen Routen spärlich eingesetzt und ein sicherer Umgang mit Klemmkeilen warimmer noch überlebensnotwendig. Bohrhaken wurden an Stellen gesetzt, die mitnatürlichen Mitteln nicht abzusichern waren (Bsp. ‚Supertramp’, am Bockmattli oder5


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -‚Locker vom Hocker’ im Wetterstein). Die Routen wurden in der Regel von untenerschlossen, d. h. die Bohrhaken wurden im Vorstieg gesetzt.In den achtziger Jahren nahm die Anzahl an Bohrhaken auch in alpinen Gebieten zuund Routen wurden vermehrt durch Abseilen erschlossen. Zunehmend wurdenBohrhaken an Stellen gesetzt, die auch mit mobilen/temporären Sicherungsmittelnabzusichern sind. In den neunziger Jahren schliesslich setzte sich unter dem Namen„Plaisir“ eine Absicherung in alpinen Klettergärten und Routen durch, die mobileSicherungsmittel wie Klemmkeile und Normalhaken überflüssig macht.Insbesondere durch eine schnelle Rückzugsmöglichkeit von jedem Stand und dieAbseilmöglichkeit über die Route, werden die Touren auch Anfängern und Kletterernmit wenig alpiner Erfahrung zugänglich.Durch diesen Trend erfahren die alpinen Wände einen vermehrten Zulauf anKletterer, so dass ein einsames Durchsteigen einer Route auf Plaisirniveau derzeitkaum noch möglich scheint. Gleichzeitig werden immer mehr klassische, alpineRouten auf Plaisirniveau saniert (bspw. Salbitschijen Südgrat), da der Trend zumGenussklettern auch eine finanzielle Einnahmequelle für Bergführer, Hüttenwarteund die touristischen Regionen im Allgemeinen bedeuten. Dabei geht so mancheklassische Route unwiderbringlich verloren und damit auch die Möglichkeit einerklassischen Begehung. Bereits heute ist es in der Schweiz schwierig, lohnendeRouten zu finden, die nur mit mobilen Sicherungsmitteln abgesichert werdenkönnen. Das beschränkt die historisch gewachsene Spielart des Bergsteigens, diesich hauptsächlich auf die eigene Absicherung innerhalb einer Route verlässt.keepwild! betrachtet im Sinne der Tirol Deklaration (verabschiedet durch den KongressFuture of Mountains Sports im September 2002) den Fels und die Berge als eine begrenzteRessource, die von Kletterern unterschiedlichster Neigungen über vielen Generationengeteilt werden muss. Das manifestiert sich in den Artikeln 7, 8 und 9 der Tirol Deklaration(Zitate):6


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -• Zur Naturverträglichkeit im Bergsport und zum aktiven Schutz der Natur„ Wir [die Gemeinschaft aller Bergsportler] betrachten den verantwortlichen Zugang zuBerg- und Felsgebieten als ein Grundrecht. ... Wir respektieren die zwischenBergsportlern, Naturschutzorganisationen und Behörden vereinbarten Regelungen.“(Artikel 7)• Das WIE ist wichtiger als das WAS des Erschliessen und Kletterns„Die Qualität der Erfahrung sowie die Art und Weise, wie wir ein Problem lösen, sindwichtiger als dass wir es lösen. Wir bemühen uns keine Spuren zu hinterlassen.“(Artikel 8)• Die Kletterethik bewahren und Verantwortlichkeit zeigen„Die Erstbegehung einer Route ist wie die Erstbesteigung eines Berges ein kreativerAkt. Sie sollten in einem Stil durchgeführt werden, der zumindest der in derjeweiligen Region üblichen Kletterethik entspricht und Verantwortung zeigengegenüber der örtlichen Bergsportgemeinschaft sowie den Bedürfnissenkommender Generationen.“ (Artikel 9)In Anlehnung an die zitierte Tirol Deklaration ist keepwild! der Auffassung, dass denkommenden Generationen die Möglichkeit erhalten werden muss, ihre eigenen Formen desAbenteuers im Rahmen der begrenzten Ressourcen die der Alpenraum bietet, zuverwirklichen. Das erfordert einen verantwortungsvollen Umgang mit Fels, Landschaft und denanderen Nutzern.7


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -3 Klettern ist ein TrendsportDass Sport – und Outdoorklettern eine Trendsportart ist, lässt sich mit den vonEgner, Escher und Kleinhans (2000, S. 9-15) aufgestellten Kriterien zeigen:Kriterien für TrendsportartenNachweis für den KlettersportVon den Ausübenden werdenkontrastierende Erlebnisse gesucht umunterschiedliche physische ZuständehervorzurufenDie Ausübung basiert auf einer starkenindividuellen Basis ohne fest organisierteSportgruppenKörperbetonung, der Einsatz vonkostenintensiven Sportgeräten undpassender Kleidung sowie dieSelbstinszenierung sind unerlässlichEinsatz von technischen HilfsmittelnZunehmende ExtremisierungHohe räumliche Mobilität derSporttreibendenAusdifferenzierung zu Unter- und SpielartenZunehmende Verzahnung mit Industrie,Handel und TourismusDie körperliche Bewegung in der Vertikalen alskonstrastierendes Erlebnis, der Umgang mit der Angstals körperliche und seelische HerausforderungZwar ist ein Grossteil der Kletternden in einerOrganisation (SAC, Umweltorganisation) Mitglied(Saladin, 2002, S.62), die Ausübung des Sportes istjedoch nicht durch die Interaktion in der Gruppe,sondern individuell geprägtKlettern ist nur mit einer speziellen, individuellenAusrüstung wie Kletterschuhe und Klettergurt möglich,der eigene Körper steht im Mittelpunkt derAuseinandersetzungSeil, Karabiner und andere Hilfsmittel sind für dieAusübung des Klettersportes unerlässlichStändig steigende Schwierigkeitsskala vom VI Grad biszum XI Grad in den letzten 20 JahrenDie Kletternden fahren bis zu 400 km (und manchmalmehr) für nur kurze Zeiträume von wenigen TagenDifferenzierung in Bouldern, Speedklettern, Eisklettern,Mixedklettern, Wettkampfklettern, etc.Schlüsselpersonen werden gesponsert, Kletterer sindWerbeträger für Mut, Ausdauer und Leistung, gesamteIndustriezweige leben von dem Bedarf für KlettererDass sich Klettern zu einem Trendsport entwickelt hat, zeigt auch die hohe Frequenzan Kletternden in Out- und Indoorräume. In den alpinen Regionen verteilt sich diehohe Frequenz an Kletternden jedoch nicht über den gesamten Alpenraum, sondernist auf bestimmte Klettergebiete beschränkt. Dies sind hauptsächlich diejenigen8


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -5 Konfliktbereiche5.1 Schäden an Natur und LandschaftGut abgesicherte Routen sprechen das Können einer grossen Masse an Kletterernan. Das führt in vielen Gebieten zu einer hohen Konzentration an Klettern aufengem Raum. Dadurch werden quantitative Schäden an der Natur initiiert, die erstdurch die Häufigkeit des Auftretens eine negative Wirkung haben. Zu nennen sindhier Trittschäden, die neben dem Verlust der Vegetation eine Bodenverdichtungund/oder Erosion auslösen. Besonders in den Gebieten der alpinen Höhenstufe (abca. 2000 Meter Höhe) ist die natürlich gewachsene Umwelt sehr empfindlich, daaufgrund der kurzen Vegetationsperiode (3 Monate) und der besonderen Physiologieder Pflanzen (siehe Reisigl, Keller, 1994) eine Regeneration in kurzen Zeiträumennicht möglich ist. Die Gefahr von Trittschäden ist nicht nur beim Zustieg zubeachten, sondern auch am Wandfuss.Eine Störung der Fauna kann grundsätzlich bei jeder Erschliessung und Sanierungauftreten und ist nicht direkt abhängig von der Masse an Kletterern. Eine Störungder Fauna kann auch beim Zustieg erfolgen. Hier können (Winter-) Einstandsgebietevon empfindlichen Arten wie bspw. Rebhühnern und/oder Gemsen betroffen sein.Diejenigen Tiere, die sich – wie die Kletterer auch – gerne ausschliesslich im Felsaufhalten (wie Vögel und Steinböcke), fühlen sich durch eine optische undakustische Präsenz gestört, dies insbesondere durch eine hohe Frequenz anStörungen. Andere Tierarten zeigen bereits durch die Präsenz, den Geruch und dasGeräusch des Menschen die von den Menschen selber nicht wahrgenommenwerden, ein bestimmtes Störverhalten (Wessely, 2000). An dieser Stelle soll nichtvon den zahlreichen Kleinstlebewesen gesprochen werden, es soll aber daraufhingewiesen werden, dass es zahlreiche Insektenarten gibt, die nur im Alpenraumvorkommen (Graf & Kestenholz, 2002) 1 .101 Einige wenige kommen sogar nur auf einem eng begrenzten Raum vor wiebeispielsweise die Schweizer Goldschrecke, die weltweit (!) einzig und alleine auf zweiGipfeln der Churfirsten vorkommt, der Mohrenfalter, der nur im Simplongebiet vorkommtund der Laufkäfer Trechus laevipes, der nur auf dem Gipfel des Monte Generoso imTessin zu finden ist.


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -Während die Beseitigung eines höheren Abfallaufkommens durch eine grössereMasse an Kletternden durch Appellationen an die Kletternden selbst gelöst werdenkann (und wird), stellt die Beseitigung der Fäkalien am jeweiligen Wandfuss undZustieg ein grösseres Problem dar. Durch das Vergraben der Fäkalien wird zwar dasProblem der Geruchs-und Sichtbelästigung gelöst, dennoch findet aber einerheblicher Nährstoffeintrag in das lokale Ökosystem statt. Eine hohe Konzentrationan Kletternden kann hier dauerhaft zu einem öffentlich-rechtlichen Regelungsbedarfseitens der zuständigen Gemeinden führen.5.2 Veränderung der lokalen InfrastrukturDie ansässige Bevölkerung kann sich durch auffälliges Verhalten einer grossenGruppe oder Konzentration von Kletterern gestört fühlen. Störungen treten immerdann auf, wenn sich Einzelne oder Mehrere rücksichtslos – und das heisstselbstbezogen – verhalten. _bertritte oder Fehlverhalten, die früher wenigBedeutung hatten, da sie Einzelphänome waren, erhalten heute Wirkung durch dieMasse, in der sie auftreten. Beispiele hierfür sind optische und akustischeAuffälligkeiten und die Inanspruchnahme öffentlicher und lokaler (Park-)Plätze undWege. Jedoch kann eine hohe Anzahl Kletterer auch einen positiven Einfluss auf dielokale Infrastruktur haben, wenn die Kletternden als ökonomische und lenkbareKraft für die Region entdeckt werden. Dann können Läden, Restaurants undÜbernachtungsmöglichkeiten entstehen, die einen positiven Impuls für die Regiondarstellen. In diesem Fall kommt es erst dann zu Konflikten wenn die Kletterroutenplötzlich nicht mehr besucht werden und der positive Impuls versiegt.5.3 Störung des ErlebniswertesDurch den stetig steigenden Beliebtheitsgrad des Kletterns treten auch Konflikte imErlebniswert für jeden Einzelnen auf. Langes Anstehen am Wandfuss undStandplätzen sowie andere Unannehmlichkeiten, die durch eine zu hohe Anzahl anKletterenden in einer Route verursacht werden, vermindern das Erlebnis einerDurchsteigung für jeden Einzelnen erheblich. Saladin (2002) konnte zeigen, dass11


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -Ruhe und Erholung vom Alltag sowie die schöne Landschaft eine wichtige Motivationfür Kletternde sind. Tatsächlich fühlen sich aber 61 % aller SchweizerErholungssuchenden durch Gedränge und Schlange stehen gestresst (Müller,Kramer, Ferrante, 1997).Der gesuchte Erholungswert (und wichtiger Motivationsgrund zum Klettern imAlpenraum) ist langfristig durch die Entwicklung zum Trendsport starkgefährdet. Felsen sind nicht nur eine ökologisch begrenzte Ressource, sondernauch als Erlebnisraum nicht unendlich reproduzierbar.5.4 Verletzung der lokalen KletterethikDurch den steigenden Bedarf an gut zugänglichen und gut abgesicherten Routen,werden Gebiete in der Schweiz oftmals nach dem Prinzip Angebot und Nachfrageerschlossen. Dabei werden die Ansprüche und Kenntnisse lokaler Kletterer undErschliesser oft nicht berücksichtigt. Das führt nicht nur zu einem respektlosenUmgang miteinander, sondern auch zu einem uneinheitlichen Erschliessungsstil mitinhomogener Absicherung. Die Einzigartigkeit einzelner Gebiete wie siebeispielsweise im Val di Mello (Tessin), in den Dolomiten (Italien), aber auch an denWendenstöcken (Kanton Bern) zu finden ist, läuft Gefahr verloren zu gehen. Bereitsheute sind in der Schweiz lohnende Felsrouten, die weitesgehend selber oder„clean“ abgesichert werden müssen, kaum noch zu finden. Stattdessen finden sichallzu oft rostfreie Bohrhaken neben Rissen und Verschneidungen, welche perfekt mitKeilen, Friends und Bandschlingen abgesichert werden könnten. Sportklettern,alpines Sportklettern und Bergsteigen können sehr wohl von einander profitieren,wenn sie gleichberechtigt nebeneinander vorkommen und ein konstruktiverAustausch und eine gelebte Akzeptanz zwischen Anhängern aller Disziplinenstattfindet. Die Kletterethik ist jedoch dann verletzt, wenn der Erschliessungstilnicht respektiert wird und „alpin“ erschlossene Routen durch künstliche Griffe oderBohrhakenleitern saniert werden, so dass der ursprüngliche Charakter einer Routegänzlich verloren geht.12


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -6 Die Zukunft des Kletterns im Alpenraum gestaltenKletterer, Erschliesser und Sanierer stehen in einem Spannungsfeld zwischennaturräumlichen, ökonomischen und gesellschaftlichen Ansprüchen (siehe Grafik).keepwild! möchte in diesem Spannungsfeld zwischen den Ansprüchen derverschiedesten Parteien vermitteln und somit die Diskussion in der Kletterszeneentfachen und in Gang halten.Auf diese Art und Weise können Reglementierungen von aussenmöglicherweise vermieden werden, indem Sie innerhalb der Kletterszeneselbst thematisiert und gelöst werden. keepwild! sieht sich in diesemSpannungsfeld auch als Informationslieferant und Ideengeber.Zusammenfassend sieht keepwild! in der Entwicklung des Kletterns zumBreitensport ein Konfliktpotential durch Schäden an der Natur und verschiedensteNutzer-Nutzer Konflikte. Dabei werden die Konflikte in der Regel durch eineKonzentration von Kletterern ausgelöst. Diese wiederrum werden durchMultiplikatoren wie Erschliesser, Sanierer und Medien (Bücher, Internet) gelenkt.keepwild! möchte diese Lenkung diskutieren und wirft darum folgende Fragen auf:• Welche Verantwortung tragen Erschliesser, Sanierer, und Kletterer für diezukünftige Entwicklung des Klettersports in den Alpen?• Ist die aktuelle Entwicklung der Erschliessung eine von allen Bergsportlerngewollte Tendenz oder wird dieser Stil durch wenige Erschliesser und Sanierergelenkt und vorgegeben?• Dürfen und sollen die Alpen „verbohrt“ werden? Gibt es Rechtszustände, diebeachtet werden sollten, um zukünftige Konflikte zu vermeiden?13


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -UmfeldErholungsraum,AlpenraumLandschaft,(Reliefenergie)NaturKletterszeneGebirgsökologieAnspruchInteressen vonKletterer,Erschliesser, Sanierer,Autoren, Bergführer,Hüttenwarte,SAC Sektionenund JugendgruppenAnspruchAnspruchKonfliktpotential internAnspruchLokale InfrastrukturLokale KletterethikRegionale WirtschaftAnsässige BevölkerungKonfliktpotential extern7 Diskussionsthesen und Plädoyerkeepwild! ist der Ansicht, dass jeder einzelne Kletterer neben der sportlichenSelbstbestätigung, ebenso eine hohe Motivation zum Klettern aus dem Erleben derBergwelt zieht. Deshalb ist es notwendig, dass Felsen als ein ursprünglicher undansonsten ungenutzter Teil der Bergwelt, Kletterern unterschiedlichster Neigungüber Generationen uneingeschränkt und unverbraucht zur Verfügung stehen. Auchin Zukunft muss beim Klettern im Alpenraum die Auseinandersetzung mit demUnbekannten und Unvorhersehbarem möglich sein. Eine ganz bewussteDiversifizierung der Spielarten des Kletterns kann zu einer Entzerrung desMassenphänomens in Schweizer Klettergebieten führen und darüberhinaus dasErlebnis Bergwelt als wichtiges Element des Kletterns erhalten. keepwild! möchtenicht lehrmeisterlich den Zeigefinger erheben und auf etwaige Bösewichte zeigen!14


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -keepwild! möchte aber dafür sorgen, dass das Klettern in den Schweizer Bergenauch in 20 Jahren noch in jeder Spielart und für jedermann möglich ist.keepwild! regt mit folgenden Thesen die Diskussion an: Konsumierende, sportliche Motivation ist zum wichtigsten Gegenstanddes Kletterns geworden Erschliesser, Sanierer und Medien haben eine wesentlicheLenkungsfunktion und sind für die konsumierende Haltung derKletternden verantwortlich Die Motivation zum Klettern ist durch die Breitenwirkung desTrendsports eingeschränkt Der Klettersport wird zu einem öffentlich-rechtlichenPlanungsgegenstand15


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -8 BegriffsdefinitionenAbenteuerrouten: Die Routen kommen mit einem Minimum an fixenSicherungspunkten aus und die Fähigkeit Keile und Friends zu legen istVoraussetzung um diese Routen zu klettern. Der Kletter muss sich selbsteinschätzen können und wissen wo seine Grenzen liegen (frei zitiert nach SteveMonks 1996)Gute Absicherung: Unter einer guten Absicherung der Routen wird hier eindurchschnittlicher Bohrhakenabstand von max. 4 Metern in allen Routen verstandenPlaisirrouten: Routen mit einer guten Absicherung im obigen Sinne. Die Zustiegesind meistens kurz und der Abstieg erfolgt in der Regel mittels Abseilen über dieRoute.Klettergebiete: Gebiete mit Felswänden, in denen Kletterrouten erschlossenworden sind, die in der Regel nicht die Besteigung eines Gipfels bezwecken. DieAnstiege führen durch kompakten Fels und sind meistens vollständig mittelsBohrhaken abgesichert (zitiert nach Mosimann,2000)16


keepwild! Trendsport Klettern - Diskusssionspapier -9 Verwendete LiteraturGraf, R., Kestenholz, M. (2002). Vögel im Alpenraum. Schweizerische Vogelwarte Sempach,Luzern, 33 S.Müller, H., Kramer, B., Ferrant, C.L. (1997). Schweizer und ihre Freizeit. Facts und Figuresaus zehn Jahren Freizeitforschung. Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus derUniversität Bern (Hrsg.), BernMonks, S. (1996). Plädoyer für das Abenteuer. Interview in Ravage 6/95Mosimann, U. (2000). Routensanierung im alpinen Gelände. Alpen 4, S. 14-20Saladin, R. (2002). Die Rolle von Natur und Landschaft beim Sportklettern. Ort derGeborgenheit oder Mittel zum Zweck? Diplomarbeit am Geographischen Institut derUniversität ZürichDie Tirol Deklaration zur Best Practice im Bergsport, verabschiedet durch den KongressFuture of Mountain Sports, Innsbruck (2002)http://www.mountainfuture.at/deutsch/the_mountain_code/tdendfassung_deutsch.pdfWessely, H. (2000). Ueberblick über die Auswirkungen von Outdoorsportarten auf Artenund Lebensgemeinschaften in den Alpen. In. Jahrbuch des Vereins zum Schutz der Bergwelt,Jahrgang 65, S. 53-6317

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