Ernest Mandel Zur Verteidigung der sozialistischen ... - attac Marburg

attacmarburg.de

Ernest Mandel Zur Verteidigung der sozialistischen ... - attac Marburg

Ernest Mandel

Zur Verteidigung

der sozialistischen

Planwirtschaft

Eine Kritik der Theorie des

„Marktwirtschaftlichen Sozialismus“

1


Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Redaktion: Markt und Sozialismus

Eine Debatte um Plan und Markt ........................... 5

Über Ernest Mandel ................................................................... 6

Ernest Mandel:

Zur Verteidigung der sozialistischen

Planwirtschft - Eine Kritik der Theorie des “Markwirtschaftlichen

Sozialismus” ...................... 7

Einleitung..................................................................................... 7

I. Die objektive Vergesellschaftung der Arbeit ........................ 8

Planung ......................................................................................... 10

Die Debatte ................................................................................... 12

Einwände ...................................................................................... 14

II. Mangel und Überfluß ........................................................... 17

Noves Fehlschlüsse ...................................................................... 18

III. Die Rangordnung der Bedürfnisse .................................... 21

Verbraucherverhalten.................................................................. 24

Tyrannei über die Bedürfnisse? ................................................. 27

Formen und Folgen ...................................................................... 28

IV. Tyrannei über Produzenten ................................................ 30

V. Objektive informelle Kooperation ....................................... 33

Ein Einwand .................................................................................. 34

VI. Innovation und Motivation ................................................. 36

VII. Organisierte Selbstverwaltung ........................................ 38

Die Überlegenheit der Selbstverwaltung ................................ 41

Der Aufbau des Sozialismus ...................................................... 45

VIII. Gemischte Wirtschaft ist doppeltes Elend ..................... 46

Ein falsches Dilemma .................................................................. 49

3


Alec Nove:

Antwort auf Ernest Mandel .................................... 54

Tertium datur? (Gibt es eine dritte Lösung?) ......................... 57

Ernest Mandel:

Antwort auf die Kritik Noves .................................. 62

Marktwirtschaft und Wirtschaftsschwankungen ................... 63

Die Grenzen der „Marktregulierung“ ..................................... 65

Gesellschaftliche Prioritäten und begrenzte Res-sourcen ... 68

Geld, Bedarfsdeckung und gesellschaftliche Prioritäten .... 72

Es gibt eine dritte Lösung! ....................................................... 77

Über die menschliche Freiheit ................................................. 78

Anmerkungen .............................................................. 80

4


Vorwort der Redaktion

Markt und Sozialismus: Eine Debatte um

Plan und Markt

Im Jahre 1985 veröffentlichte Alec Nove, Professor an der Universität Glasgow,

sein Buch The Economics of Feasible Socialism („Die Wirtschaft des machbaren

Sozialismus“, Allen & Unwin, London). Wie er im Vorwort selbst erklärt, ist Nove

der Sohn eines nach der Revolution von der bolschewistischen Regierung inhaftierten

Menschewiken und in der Emigration in einem reformistischen Milieu aufgewachsen.

Während eines Vierteljahrhunderts hat er die Probleme der Sowjetunion

studiert, und sein Buch ist weitgehend das Ergebnis dieser Studien. Ein großer Teil

dieses Buches analysiert eben auch die Probleme und Widersprüche der bürokratisierten

Übergangsgesellschaft der Sowjetunion, während sich ein anderer Teil mit

„Reformmodellen“ befaßt, d. h. mit den Erfahrungen von Ungarn, Jugoslawien,

Polen und China. Der letzte Teil skizziert die wesentlichen Züge dessen, was Nove

den „realisierbaren Sozialismus“ nennt, den er sowohl dem „real existierenden Sozialismus“

als auch dem von Marx konzipierten Sozialismus, den Nove für utopisch

hält, gegenüberstellt. Noves Entwurf greift in der Tat im großen und ganzen die

früheren Vorstellungen der sozialdemokratischen Parteien aus der Zeit auf, ehe diese

jeglichen noch so geringen ernsthaften reformistischen Anspruch auf dem Altar

politischer Selbstbeschränkung geopfert hatten. Wie der hier leicht gekürzt veröffentlichte

Artikel beweist, verwirft Nove jede Möglichkeit des Aufbaus eines anderen

Wirtschaftssystems als das der Marktwirtschaft, und er akzeptiert politisch die

Wertvorstellungen und Mechanismen der bürgerlichen Demokratie.

Noves Buch hat ein beachtliches Echo gefunden und zahlreiche Diskussionen ausgelöst.

Die von ihm angesprochene Problematik ist kürzlich infolge des von der

sowjetischen Bürokratie unter Gorbatschow eingeschlagenen Reformkurses wieder

ins Blickfeld geraten. Wir bestreiten nicht, daß dabei echte Probleme angesprochen

werden. Aber eine Klärung tut not. Man kann und man muß in der Arbeiterbewegung

diskutieren, in welchem Maße und in welchen Formen der Markt in einer

Phase des Übergangs ersetzt werden soll. Es sei daran erinnert, daß Trotzki in seiner

Auseinandersetzung mit der Konzeption und der Praxis der Stalinschen Industrialisierung

und Kollektivierung selbst im gegebenen Rahmen eine Ausweitung

des Marktes ins Auge gefaßt hatte. Aber das hat nichts zu tun mit der Herangehensweise

jener, die wie Nove über die historische Überlegenheit und Unersetzlichkeit

der Marktwirtschaft theoretisieren. Nove und alle, die seine Auffassung teilen, umgehen

das wesentliche Problem, nämlich die Frage welche Klasse die Macht ausübt.

Wir veröffentlichen hier eine Kritik von Ernest Mandel an dem Buch von Nove. Die

englische Fassung dieser Kritik war zuvor in Nr. 150 von New Left Review, London

erschienen, in Nr. 161 erschien eine Antwort von Nove, und in Nr. 169 eine erneute

5


Erwiderung von Ernest Mandel. Die Übersetzung von Mandels Kritik erschien auf

deutsch zuerst in der Nr. 200 (Februar 1988) der Zeitschrift Inprekorr; Noves Antwort

und Mandels Erwiderung in der Nr. 209 (November 1988) der Inprekorr.

Über Ernest Mandel

Ernest Mandel, angesehener marxistischer Ökonom und eines der bekanntesten

Leitungsmitglieder der IV. Internationale. Geboren 1923 in Frankfurt a. M. Seine

Jugend verlebe er in Antwerpen und schloß sich mit siebzehn Jahren der belgischen

Organisation der IV. Internationale an. Wegen seiner Aktivitäten im antifaschistischen

Widerstand wurde er mehrmals verhaftet und saß von 1944 bis April 1945 in

verschiedenen Konzentrationslagern. Seit 1946 gehört er den Leitungsorganen der

IV. Internationale an. Nach dem Krieg arbeitete er als Journalist für verschiedene

Tages- und Wochenzeitungen, von 1954 bis 1963 als Wirtschaftswissenschaftler für

den belgischen Gewerkschaftsdachverband FGTB. Seit 1971 lehrt er als Dozent an

der Freien Universität Brüssel, wo er seit 1982 einen Lehrstuhl für Politische Wissenschaften

hat. 1972 wurde er vom Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin

für eine ordentliche Professur vorgeschlagen; der West-Berliner Senat lehnte die

Berufung aus politischen Gründen ab; die Bundesregierung unter Willy Brandt erteilte

ein Einreiseverbot, das erst 1978 wieder aufgehoben wurde. Anfang November

1989 besuchte er auf Einladung der Humboldt-Universität zum ersten Mal die

DDR. Ernest Mandel starb im Jahr 1995.

Veröffentlichungen auf deutsch (eine Auswahl):

Einführung in die marxistische Wirtschaftstheorie,

Frankfurt a. M. 1967

Marxistische Wirtschaftstheorie,

2 Bände, Frankfurt a. M. 1972

Der Spätkapitalismus,

Frankfurt a. M. 1972

Entstehung und Entwicklung der ökonomischen Lehre von Karl Marx (1843-1983),

Reinbek b. Hamburg 1982

Über die Bürokratie,

Frankfurt a. M. 1976

Revolutionäre Strategien im 20. Jahrhundert,

Wien 1978

6


Kritik des Eurokommunismus,

Westberlin 1978

Einführung in den Marxismus,

Frankfurt a. M. 1982

Leo Trotzki. Eine Einführung in sein Denken,

Westberlin 1981

Revolutionärer Marxismus heute

Frankfurt a. M. 1982

Die Langen Wellen im Kapitalismus,

Frankfurt a. M. 1983

Karl Marx—Die Aktualität seines Werks,

Frankfurt a. M. 1984

Börsenkrach und Krise

Frankfurt a. M. 1988

Das Gorbatschow Experiment

Frankfurt a. M. 1989

Ernest Mandel:

Zur Verteidigung der sozialistischen

Planwirtschft - Eine Kritik der Theorie

des “Markwirtschaftlichen Sozialismus”

Einleitung

In seinem Buch The Economics of Feasible Socialism (Die Ökonomie des

machbaren Sozialismus) kritisiert Alec Nove die Methoden marxistischer Wirtschaftswissenschaftler

als für den Aufbau des Sozialismus irreführend und

belanglos; er verwirft das Ziel der marxistischen Politik—ein Sozialismus ohne

Warenproduktion—als nicht realisierbar. Um ernsthaft auf seine Einwände zu

antworten, muß man die gleiche Herangehensweise anwenden, die Marx in

7


seiner Untersuchung über die Entstehung des Kapitalismus angewandt hat.

D.h. man darf nicht von einem letztlich zu erreichenden Ideal oder einem normativen

Ziel ausgehen, sondern muß von den Elementen der neuen Gesellschaft

ausgehen, die bereits im Schoße der alten heranwachsen, von den

Bewegungsgesetzen und inneren Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise

und der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft.

Was war der grundlegende historische Trend der kapitalistischen Entwicklung

seit der Industriellen Revolution? Eine wachsende objektive Vergesellschaftung

der Arbeit. Alle miteinander verknüpften Bewegungsgesetze der kapitalistischen

Produktionsweise: die ständige Suche nach höherer Intensität und Produktivität

der Arbeit; die unaufhörliche Jagd nach neuen Märkten; der Druck,

arbeitssparende neue Technologien einzuführen; die immer stärkere Konzentration

und Zentralisation des Kapitals; das Wachstum der organischen Zusammensetzung

des Kapitals; der tendenzielle Fall der Profitrate- das Ausbrechen

periodischer Krisen der Überproduktion und Überakkumulation; der unerbittliche

Trend zur Internationalisierung des Kapitals—all das zusammen

mündet letztlich in dem einen Ergebnis: der wachsenden objektiven Vergesellschaftung

der Arbeit.

I. Die objektive Vergesellschaftung der Arbeit

Was bedeutet sie? In erster Linie bedeutet sie eine wachsende gegenseitige

Interdependenz von beidem: der Arbeitsprozesse und der Auswahl und Produktion

der Güter, die wir verbrauchen. Solch eine Interdependenz galt im

14.Jahrhundert bezogen auf den durchschnittlichen Einwohner eines europäischen

oder asiatischen Landes vielleicht für einige hundert Menschen. Heute

gilt sie buchstäblich für Millionen von Menschen. Aber objektive Vergesellschaftung

der Arbeit bezeichnet noch etwas viel Weitergehendes. Sie bedeutet

eine dramatische Ausweitung der geplanten Organisation der Arbeit. Unter

den Bedingungen der Industrialisierung herrscht innerhalb der Fabrik nicht der

Markt, sondern die Planung. Je größer die Fabrik, desto größer das Ausmaß,

der Umfang einer solchen Planung. Mit dem Beginn des Monopolkapitalismus

dehnt sich die Planung von der Fabrik auf die Firma aus, d.h. auf Institutionen,

die eine Vielzahl von Betrieben umfassen. Mit der Entwicklung multinationaler

Konzerne heutzutage ist die Planung international geworden; juristisch gesprochen

bezieht sie sich oft auf eine Mehrzahl von Firmen.

Die Folge dieses jahrhundertelangen Prozesses war eine radikale Verringerung

der über den Markt vermittelten Arbeit im Spätkapitalismus zugun-

8


sten unmittelbar zugewiesener Arbeit. Die hauptsächliche Ursache für diesen

Niedergang der Vermittlung von Arbeit über den Markt liegt nicht in den

wachsenden Eingriffen der öffentlichen Hand in die Wirtschaft oder in der

Entstehung des Wohlfahrtsstaates oder in den Errungenschaften des Klassenkampfs—obwohl

dies alles zu diesem Ergebnis beigetragen hat. Die Hauptursache

liegt in der inneren Logik des Kapitalismus selbst und in seiner besonderen

Dynamik von Akkumulation und Wettbewerb. Natürlich kann unmittelbar,

direkt zugeteilte Arbeit begleitet sein von Finanzbuchhaltung; das ist in den

bürokratisch geplanten Wirtschaftssystemen der UdSSR, Chinas oder Osteuropas.

der Fall. Das aber bedeutet keineswegs Zuteilung über den Markt.

Wenn die Ersatzteile für Lastwagen bei General Motors im Betrieb X, die

Karosserien für die Fahrzeuge im Betrieb Y hergestellt werden und die Montage

im Betrieb Z durchgeführt wird, dann bedeutet die Tatsache, daß die

Computerausdrucke, die den Transport der Ersatzteile begleiten und bis ins

Kleinste gehende Kostenberechnungen enthalten, keineswegs, daß der Betrieb

X Ersatzteile an den Betrieb Y „verkauft“. Verkauf beinhaltet einen Wechsel

des Eigentümers und zugleich eine tatsächliche Aufsplitterung der Entscheidungsgewalt,

die eine wirkliche Autonomie der Eigentums— und der finanziellen

Interessen widerspiegelt. Nicht der Markt, sondern das geplante Ziel der

Lastwagenproduktion bestimmt die Anzahl der herzustellenden Karosserien.

Die Karosseriebau-Werkstatt kann nicht „bankrott“ gehen, weil sie „zu viele“

Einheiten an die Montage-Werkstatt geliefert hat.

Natürlich herrscht nach wie vor eine kapitalistische Marktwirtschaft in dem

Sinne, daß alle diese Vorgänge typischerweise auf das Stadium der

Zwischenverarbeitung von Waren beschränkt sind—d.h. der Waren, bevor sie

den Endkunden erreichen. (Wir sagen hier Kunde statt Verbraucher, weil der

Kunde auch eine andere Fabrik sein kann, die Maschinen, oder der Staat, der

Waffen kauft). Aber ihre Wirkungsweise beruht mehr und mehr auf Mechanismen,

die nicht vom Markt ausgehen, und zwar nicht nur auf dem Gebiet der

Produktion, sondern auch auf dem der Zirkulation. Die Tatsache, daß die ökonomische

Vergesellschaftung der Arbeit unter der Herrschaft des Kapitals begleitet

wird von und verflochten ist mit zunehmend politischen Formen der

Arbeitszuteilung, die nicht dem Markt entspringen, macht die Widersprüche

im ganzen Prozeß nur noch explosiver.

9


Planung

Wir haben das Wort „Planung“ gebraucht. Aber der Begriff selber muß bestimmt

werden. Planung ist nicht gleichzusetzen mit „perfekter“ Zuteilung von

Ressourcen, auch nicht mit „wissenschaftlicher“ Zuteilung, nicht einmal mit

„humaner“ Zuteilung. Planung bedeutet schlicht „direkte“ Zuteilung, ex ante

(im vorhinein). Als solche ist sie das Gegenteil von Zuteilung über den Markt,

die ex post (im nachhinein) stattfindet. Dies sind die beiden grundsätzlichen

Arten der Zuteilung von Ressourcen; sie unterscheiden sich wesentlich voneinander,

obwohl sie gelegentlich in prekären und hybriden Übergangsformen, die

sich nicht automatisch selbst reproduzieren, kombiniert auftreten können. Sie

folgen jedoch einer von Grund auf verschiedenen inneren Logik. Sie setzen

verschiedene Bewegungsgesetze in Gang. Sie schaffen andere Motivationen

unter den Produzenten und Organisatoren der Produktion, und sie schlagen

sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Werten nieder.

Beide Arten der Arbeitszuteilung hat es im breitesten Umfang im Verlauf der

Menschheitsgeschichte gegeben. Beide sind also durchaus „machbar“. Beide

sind auf die verschiedenste Art und mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen

angewandt worden. Es gibt „despotische“ Planung und „demokratische“ Planung

(wer letzteres leugnet, hat sich niemals mit einem Bantudorf in der vorkolonialen

Zeit befaßt). Es gibt eine Planung, die auf Routine, Gewohnheit,

Tradition, Magie, Religion und Unwissenheit beruht und den Regeln von Regenmachern,

Schamanen, Fakiren und Analphabeten aller Art gehorcht. Schlimmer

noch: es gibt eine Planung, die von Generälen bestimmt wird; denn jede

Armee beruht auf einer Zuteilung von Ressourcen a priori. Es gibt auch eine

Planung, die auf halb rationale Weise von Technokraten organisiert wird, oder

auf höchster Ebene von wissenschaftlicher Intelligenz, von Arbeitern und uneigennützigen

Spezialisten. Doch was auch immer die Form der Planung sein

mag, sie bedeutet stets Zuteilung von Ressourcen a priori (einschließlich der

Arbeitskräfte), durch die vorsätzliche Entscheidung irgendeines gesellschaftlichen

Organs. Im Gegensatz dazu steht die Zuteilung von Ressourcen über

objektive Marktgesetze, die a posteriori vorher zersplitterten Entscheidungen,

die getrennt voneinander oder autonom von privaten Körperschaften getroffen

wurden, entgegenwirken oder diese korrigieren.

So gesehen hat es Marktwirtschaften im Sinne einer Zuteilung von Ressourcen

ex post historisch in den unterschiedlichsten Formen gegeben. Im Prinzip kann

es Marktwirtschaft mit „perfekt“ freiem Wettbewerb geben, obwohl dies in der

10


Praxis kaum jemals verwirklicht worden ist. Es kann Marktwirtschaften geben,

die durch die Vorherrschaft mächtiger Monopole in eine Schieflage geraten,

weil diese weite Bereiche der wirtschaftlichen Aktivität kontrollieren und

über lange Zeiträume damit die Preise festlegen. Freie Märkte können mit brutalen

Formen der Selbstherrschaft und des Despotismus einhergehen, wie dies

unter dem Absolutismus im 18.Jahrhundert der Fall war, oder unter dem Zarismus

im 19. Jahrhundert, ganz zu schweigen von den verschiedensten Formen

der Militärdiktatur oder der faschistischen Diktaturen im 20.Jahrhundert.

Sie können aber auch mit fortgeschrittenen Formen parlamentarischer Demokratie

kombiniert sein, wie das in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts der

Fall war — wenn auch in weniger als zwanzig von den einhundertfünfzig Ländern,

die die kapitalistische Welt ausmachen.

Marktwirtschaften können das Elend breiter Massen verschärfen, indem sie

ihren Lebensstandard absolut senken, wie dies in den meisten Ländern des

Westens den größten Teil des 18. und des 19. Jahrhunderts hindurch der Fall

war, in Osteuropa bis ins 20. Jahrhundert hinein, und wie es heute noch für

mindestens die Hälfte, wenn nicht mehr, der Einwohner der südlichen Hemisphäre

zutrifft. Sie können auch, unter anderen Umständen, zu einer erheblichen

Steigerung des durchschnittlichen Lebensstandards der Bevölkerung führen,

wie dies im Westen in den dreißig Jahren der Fall war, die dem Ersten

Weltkrieg vorangingen, und in dem viertel Jahrhundert, das auf den Zweiten

Weltkrieg folgte. Aber in all diesen gegensätzlichen Fällen ist es immer das

Marktprinzip, das herrscht, d.h. eine Zuteilung der Ressourcen a posteriori,

bestimmt durch den Verkauf und den Gewinn (im Kapitalismus: Profit).

Historisch betrachtet erreichte die Marktwirtschaft den Höhepunkt ihrer Verbreitung

in der Zeit des Übergangs von der kleinen Warenproduktion zur Anfangsphase

des Kapitalismus mit relativ kleinen Betrieben, in der laissez-faire-Welt

der Mine des 19.Jahrhunderts. Danach gerieten rein marktwirtschaftliche Grundsätze

der Zuteilung zunehmend mit den Erfordernissen einer rational geplanten

Produktion innerhalb der großen Fabrik und des Großunternehmens in Konflikt.

Engels formulierte diesen Widerspruch in einer berühmten Passage des

Anti-Dühring eindrucksvoll so: „Je mehr die neue Produktionsweise auf allen

entscheidenden Produktionsfeldern und in allen entscheidenden ökonomischen

Ländern zur Herrschaft kam und damit die Einzelproduktion bis auf unbedeutende

Reste verdrängte, desto greller mußte auch an den Tag treten die Unverträglichkeit

von gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung....

11


Dieser Widerspruch zwischen vergesellschafteter Produktion und kapitalistischer

Aneignung stellt sich jetzt so dar, daß die gesellschaftliche Organisation

der Produktion innerhalb der Fabrik sich zu dem Punkt entwickelt hat, wo sie

unverträglich geworden ist mit der neben und über ihr bestehenden Anarchie

der Produktion in der Gesellschaft. „ 1 Wir haben selber im Spätkapitalismus

das Argument angeführt, daß man aus diesem grundlegenden Widerspruch ein

allgemeineres Bewegungsgesetz der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt (des

gesellschaftlichen Überbaus wie auch der Basis) ableiten könne, und zwar den

Widerspruch zwischen den gleichzeitigen Tendenzen zu Teilrationalität und zu

globaler Irrationalität im Kapitalismus.

Die beiden verschiedenen Systeme der Zuteilung von Ressourcen stehen in

struktureller Beziehung—sie sind sogar weitgehend identisch—mit zwei entgegengesetzten

Arten der Anpassung der Produktion an die Bedürfnisse. Denn

jede menschliche Gesellschaft ist letztendlich auf Verbrauch ausgerichtet, da

es ohne den Verbrauch der Produzenten, also der Reproduktion ihrer Arbeitskraft,

keine Produktion, keine Arbeit oder menschliches Überleben überhaupt

geben könnte. Nun gibt es aber grundlegend nur zwei Wege, die laufende Produktion

den Bedürfnissen anzupassen. Entweder nimmt man diese Bedürfnisse

als etwas von vornherein gegebenes an, als ex ante von welcher gesellschaftlichen

Körperschaft auch immer gesetzt, so daß die Produktion so organisiert

wird, daß diese Bedürfnisse befriedigt werden. Oder aber sie gelten als unbekannt

oder jedenfalls als ungewiß, so daß der Markt gezwungen ist, sie ex post

durch die Ausgaben für die „effektive Nachfrage“ zu enthüllen.

Die Debatte

Nach dem Zweiten Weltkrieg vertrat die herkömmliche bourgeoise Auffassung

die Meinung, die Nachfrage selbst sei in der Epoche der antizyklischen

Wirtschafts- und Wohlfahrtspolitik in gewissem Maße durch Gestaltung und

Intervention der öffentlichen Hand beeinflußbar. Aber im vergangenen Jahrzehnt

hat es gegen keynesianische Ideen und Techniken in der kapitalistischen

Welt eine scharfe Reaktion gegeben und eine zügellose Rehabilitierung des

Marktes und der Warenproduktion als zivilisatorische Werte an sich. Dieser

Wandel beeinflußte auch weitgehend die Linke. Heute besteht die Gefahr, daß

das gesamte sozialistische Gedankengebäude, das älter ist als Marx, dem er

aber wissenschaftlichen und systematischen Ausdruck verliehen hat, das eine

Kritik der Warenproduktion und des Marktes an sich darstellt und eine gründliche

historische Entmystifizierung der theoretischen Annahmen von Hobbes,

12


Locke und Smith, unterschiedlos über Bord geworfen wird. Denn es sind nicht

nur konservative Akademiker oder Politiker, sondern immer mehr Sozialisten,

vor allem auch zahlreiche linke Sozialdemokraten und Eurokommunisten, die

jetzt in ihrem gesellschaftlichen Denken bürgerliche Axiome wiederentdecken

und wieder aufnehmen, obwohl sie keinerlei wissenschaftlichen oder empirischen

Gehalt haben: sie sind schlicht Gegenstand blinden Glaubens oder Aberglaubens.

Der logische und weitverbreitete Schluß, der aus diesem Meinungsumschwung

gezogen wird, ist der Unglaube auch nur an die Möglichkeit bewußter

Planung und die Übernahme, wenn nicht gar Kultivierung, der Marktideologie,

die sich direkt gegen die Sache des Sozialismus richtet. Bei den

aktuellen Diskussionen geht es in Wirklichkeit nicht um die kurzfristige Frage,

wie weit man in der Zeit unmittelbar nach einer antikapitalistischen Revolution

gezwungen ist, auf Warenaustausch zurückzugreifen, sondern ob es sich

überhaupt lohnt, für das langfristige Ziel des Sozialismus, die klassenlose

Gesellschaft, die aufzubauen man vielleicht hundert Jahre braucht, einzutreten,

und warum dies Ziel verwirklicht werden soll. Das war es, worum es jener

langen Reihe von Denkern ging, die von Babeuf und SaintSimon bis zu Engels

und Rosa Luxemburg reicht und auch für uns heute die zentrale Frage bleibt,

wenn wir Alec Noves „Ökonomie des machbaren Sozialismus“ lesen.

Das bringt mich in eine Schwierigkeit, in die jeder gerät, der versucht, auf Alec

Nove und andere Verfechter des „marktwirtschaftlichen Sozialismus“ einzugehen.

Sie möchten die ernsthaften Funktionsmängel der Übergangswirtschaften

in der Sowjetunion, Osteuropa und China analysieren und korrigieren, was an

sich eine legitime und notwendige Aufgabe ist. Wir glauben nicht, daß diese

Gesellschaften in irgendeiner Hinsicht sozialistisch sind. Noch glauben wir,

daß der Sozialismus, wie Marx ihn definiert hat, in diesen Ländern kurz vor

seiner Verwirklichung steht. In keinem dieser Länder ist die radikale Abschaffung

der noch bestehenden Marktverhältnisse im Augenblick wünschenswert

oder praktikabel. Aber die ganze Stoßrichtung von Noves Buch geht dahin zu

argumentieren, daß „marxistischer Sozialismus“, wie er klassisch definiert

wurde, nirgendwo auf der Tagesordnung steht und von Anfang an eine utopische

Vorstellung war. Mit anderen Worten: Noves Argumente beziehen sich

nicht nur auf die Übergangsperiode mit ihren besonderen wirtschaftlichen Problemen,

sondern auf den Charakter, die Natur des Sozialismus selbst. Beweise,

die aus der Erfahrung der Sowjetunion abgeleitet werden, auf der die ganze

historische Last der Rückständigkeit, Kriegszerstörung und bürokratischer

Mißwirtschaft lag, werden angeführt, um den klassischen Argumenten gegen

13


sozialistische Planung als solche Gewicht zu verleihen. Muß man aber nicht

fragen, ob die besonderen Probleme in den Wirtschaften sowjetischen Typs

nicht teilweise auf die unreifen Bedingungen für eine Verallgemeinerung der

Vergesellschaftung zurückzuführen sind? Ich glaube sogar, daß man beweisen

kann: es gibt objektive Tendenzen in den fortgeschrittensten Ländern, die darauf

hinweisen, daß es dort die materiellen, technischen und menschlichen Ressourcen

gibt, die für eine Planung notwendig sind; und in diesen fortgeschrittenen

Gesellschaften zeigt sich auch, wie hoch die Kosten sind, die dafür gezahlt

werden. daß es dort keine Planung gibt.

Ganz sicher muß sich doch jedes realistische Programm, das mit der Massenarbeitslosigkeit,

mit der Überausbeutung weiblicher Arbeitskräfte oder ethnisher

Minderheiten, mit der gewaltigen ökologischen Verantwortungslosigkeit der

Konzerne und Regierungen fertig werden. will, auf völlig neue gesellschaftliche

Prioritäten stützen, die mit Hilfe wirklicher Vergesellschaftung und

demokratischer Planung festgelegt werden müssen. Marx selbst hat die Warenproduktion

(„Marktwirtschaft“) im Sozialismus nicht nur aus Gründen der

wirtschaftlichen Effizienz verworfen, oder aus blindem Glauben in das Proletariat.

Es wäre absolut falsch, das gewaltige Gebäude an sozialistischer Tradition,

das in seinen Schriften gipfelt, einfach deswegen beiseite schiebcn zu

wollen, weil sein Werk auch fälschlicherweise von den sowjetischen Verfechtern

der bürokratischen Zentralisierung in Anspruch genommen wird, die sich

auf Marx berufen. Dies zu tun, wäre ebenso falsch wie die Verwerfung des

Grundsatzes der Menschenrechte, nur weil auch reaktionäre Kapitalisten sich

darauf berufen.

Einwände

Versuchen wir nun, auf einige der zentralen Einwände einzugehen, die Alec

Nove gegen das erhebt, was er für die klassische marxistische Auffassung von

sozialistischer Planung hält. Ausgehend von seiner unbestrittenen Kenntnis

der Sowjetwirtschaft lautet sein Argument, in der Sowjetunion würden wahrscheinlich

zwölf Millionen verschiedene Güter produziert. Nur der Markt könne

deshalb die Funktion ausüben, diese nach rationalen Kriterien zuzuteilen,

weil die Zahl der zu treffenden Entscheidungen sonst einfach zu groß sei, als

daß sie von irgendeiner Form der demokratischen Assoziation der Produzenten

getroffen werden könnten 2 .

14


Was fangen wir mit diesem Argument an? Zunächst sei ein Mißverständnis

geklärt. Die Zahlen, die Nove angibt, umfassen eine gewaltige Anzahl von

Zwischenprodukten und Ersatzteilen, ebenso wie besondere Sorten von Ausrüstungsgütern,

mit denen der normale Bürger niemals etwas zu tun hat und

die er nie konsumiert. Die Zahlen umfassen auch außerordentlich viele Varianten

des gleichen Verbrauchsgutes. In den westlichen Gesellschaften reichen

diese von zehn verschiedenen Arten von Reinigungsmitteln bis hin zu dreißig

Sorten von Brot usw. Gewöhnlich werden die Menschen wohl nur eine oder

zwei Sorten konsumieren, aber nicht alle. Sich dies klarzumachen ist wichtig,

um die Schwierigkeiten zu definieren, vor denen Nove steht. Denn in Wirklichkeit

ist es nicht so, daß der Markt in den fortgeschrittenen kapitalistischen

Ländern Millionen von Waren „verteilt“ — seien es Verbrauchs— oder Produktionsgüter.

Im alleräußersten Fall dürften private Verbraucher in ihrem ganzen

Leben wohl nur einige tausend verschiedene Waren kaufen (und selbst dies

dürfte für viele von ihnen eine übertrieben hohe Schätzung sein). Sie haben gar

keine Zeit, „Millionen“ verschiedener Waren zu konsumieren oder auf „Marktsignale“

zu reagieren, wenn sie diese Güter „auswählen“. Die von liberalen

Wirtschaftswissenschaftlern und seinerzeit von Stalin gehegte Vorstellung, es

gebe einen „unbegrenzten Bedarf an Verbrauch“, dessen Befriedigung eine

„unbegrenzte Anzahl von Gütern“ notwendig mache, ist schlicht dumm. Man

kann keine unbegrenzte Anzahl von Gütern in einer begrenzten Zeit verbrauchen,

und unglücklicherweise ist unser Verweilen auf dieser Erde absolut begrenzt!

Die Lage ändert sich nicht wesentlich, wenn man auch die Produktionsgüter

(einschließlich der Zwischenprodukte) mitberücksichtigt. Die Masse der

Zwischenprodukte wird, wie bereits bemerkt, überhaupt nicht über den Markt

zugeteilt. Sie wird auf Bestellung gefertigt. Das ist offensichtlich. Weniger

beachtet wird aber, daß dies heute auch auf die meisten größeren Maschinen

zutrifft. Man geht doch nicht in den Supermarkt, um dort hydroelektrische

Turbinen für eine Talsperre zu kaufen; diese werden unter Angabe sehr genauer,

bis ins kleinste Detail gehender Präzisierungen bestellt. Sogar wenn das

durch eine öffentliche Ausschreibung geschieht, ist es doch nicht das gleiche

wie die „Zuteilung über den Markt“. Die verschiedenen Kostenvoranschläge

bedeuten doch nicht, daß tatsächlich verschiedene Produkte hergestellt werden,

unter denen man eine Auswahl treffen kann. Sie führen doch dazu, daß

nur ein Produkt wirklich hergestellt wird, das dann automatisch gebraucht

wird. Das gleich Verfahren kann natürlich auch angewandt werden, ohne daß

15


ein Marktmechanismus dazwischentritt. Statt miteinander konkurrierende Angebote

zu vergleichen, könnte man die unterschiedlichen Produktionskosten in

den verschiedenen Produktionseinheiten berechnen und dem billigsten Lieferanten

den Zuschlag geben, vorausgesetzt. daß sowohl die gewünschte Qualität

als auch die technischen Details eingehalten werden.

So gelangen wir zu einer ziemlich verblüffenden Schlußfolgerung. Bereits heute

wird in den fortgeschrittensten kapitalistischen Ländern die Masse der Verbrauchs—wie

auch der Produktionsgüter keineswegs als Reaktion auf „Marktsignale“

produziert, die sich von Jahr zu Jahr, oder gar von Monat zu Monat

änderten. Die Masse der heutigen Produktion richtet sich nach Verbrauchsmustern,

die sich eingependelt haben und nach im vorhinein festgelegten

Produktionstechniken, die weitgehend, wenn nicht gar vollständig vom Markt

unabhängig sind. Wie ist es dazu gekommen? Es ist genau das Ergebnis der

objektiv zunehmenden Vergesellschaftung der Arbeit.

Warum soll denn die Zuteilung der Ressourcen, die für die Produktion dieser

Güter benötigt werden und die im großen und ganzen im voraus bekannt sind,

nicht durch die assoziierten Produzenten mit Hilfe moderner Computer erfolgen

können, die durchaus mit den „Millionen von Gleichungen“ fertig werden

können, die Nove so entmutigend findet? Sicher ist richtig, daß Verbrauchsgewohnheiten

sich ändern. Ein langfristiger Wandel in der Technologie kann

zu einer radikalen Änderung in der Zusammensetzung der Verbrauchsgüter

führen und zur Veränderung der Art und Weise ihrer Herstellung. Vor einem

Jahrhundert gehörten Pferdewagen mit allem Zubehör zu den Standard-Produktionsgütern.

Heute sind Autos an ihre Stelle getreten, mit den entsprechenden

Folgen (Benzin, Autobahnen, Ersatzteile, usw.) Vor einem Jahrhundert

wurde für den Häuserbau kaum Zement, Stahl oder Glas und überhaupt

kein Aluminium verwandt. Heute spielen Holz und Ziegel beim Bau der

meisten Wohnungen eine viel geringere Rolle.

Aber Veränderungen dieser Art erfolgen in breitem Umfang nur langfristig.

Außerdem wird der Anstoß dazu niemals vom Markt oder vom Verbraucher

gegeben. Er geht von Neuerern aus und von mit ihnen verbundenen Produktionseinheiten.

Es gab nicht zehntausend Verbraucher, die händeringend herumgelaufen

wären und gerufen hätten: „Lieber Henry Ford, gib uns Autos! Liebe

Freunde vom Apple Konzern, versorgt uns doch bitte mit Personalcomputern!“

Es gab Geschäftszweige (erfinderische, in der Tat!—Marx hat auf den Druck

16


zu steter technologischer Veränderung und Innovation, der durch die innerkapitalistische

Konkurrenz und den Klassenkampf zwischen Kapital und Arbeit

hervorgerufen wird, über ein halbes Jahrhundert vor Schumpeter hingewiesen),

die neue Produkte für den Konsum lancierten, um so die notwendige

Nachfrage zu schaffen, die es erlaubt, daß sie möglichst viele von ihren Waren

verkaufen.

II. Mangel und Überfluß

Die Kompliziertheit der „Zuteilung“ in einer fortgeschrittenen industriellen Wirtschaft,

wie sie Nove darstellt, ist also weitgehend ein Scheinproblem. Niemand

wird leugnen, daß eine demokratische sozialistische Planung auf praktische

Schwierigkeiten stößt, von denen wir heute schon einige voraussehen können,

andere noch nicht. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, daß es technisch

unmöglich sei, sie zu überwinden, wie Nove es darstellt. Seine Kritik der

marxistischen Auffassung vom Sozialismus beschränkt sich jedoch nicht auf

die Methoden, die diese für den Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft vorschlägt,

sondern richtet sich gegen das Ziel des Sozialismus selbst. Denn der

Überfluß, der nach der Marxschen Vorstellung vom Kommunismus die Vorbedingung

für diesen ist, ist, wie Nove behauptet, völlig utopisch. Hierzu sagt er:

„Überfluß sei definiert als das, was nötig ist, um Bedürfnisse zum Null-Tarif

zu befriedigen, so daß kein vernünftiger Mensch unzufrieden bleibt oder von

irgend etwas mehr verlangt (zumindest von dem, was reproduzierbar ist). Diese

Vorstellung spielt in der Marxschen Vision vom Sozialismus/Kommunismus

eine entscheidende Rolle. Überfluß beseitigt den Konflikt über die Zuteilung

von Ressourcen, da es ja der Definition nach für jeden genug gibt, so daß es

keine einander ausschließenden Entscheidungen gibt.... Darum gibt es auch

für die verschiedenen Menschen oder Gruppen keinen Grund, miteinander zu

konkurrieren, für sich selbst in Besitz zu nehmen, was für alle frei verfügbar

ist. Laßt mich als Beispiel die Wasserversorgung in schottischen Städten anführen.

Natürlich gibt es sie nicht umsonst; sie verursacht Kosten. Arbeit muß

verausgabt werden für den Bau von Wasserreservoirs und Rohren zur Reinhaltung

des Wassers, für Reparaturen, Instandhaltung usw. Es gibt jedoch sehr

viel Wasser. Es ist nicht nötig, den Verbrauch des Wassers durch „Rationierung

über den Preis“ zu regeln, denn es ist für alle Zwecke in ausreichender

Menge vorhanden. Es wird nicht in irgendeiner Hinsicht „vermarktet“, noch

auch wird die Versorgung durch irgendein „Wertgesetz“ oder das Kriterium

des Profits bestimmt. Es gibt keine Konkurrenz um das Wasser, keinen Konflikt....

Wären andere Güter ebenso leicht und frei erhältlich wie das Wasser in

17


Schonland, dann könnte sich ein neues menschliches Verhalten entwickeln: die

Gewinnsucht würde absterben; Besitzrechte und Verbrechen, die Eigentumsdelikte

sind, würden ebenso verschwinden.“ 3

Noves Fehlschlüsse

Es gibt in dieser Schlüsselpassage eine ganze Reihe von Ungereimtheiten. Nove

beginnt damit, daß er uns sagt, „Überfluß“ bedeute fehlender Konflikt über die

Zuteilung von Ressourcen. Damit aber reduziert er stillschweigend die „Zuteilung

von Ressourcen“ auf die Bedürfnisse der Konsumenten, denn natürlich

würde es keinen „Überfluß an Wasser“ in Schonland geben, wenn dort fünfzig

Kraftwerke errichtet würden. In anderen Worten, Nove geht von der stillschweigenden

Annahme aus, daß der „Überfluß“ bestimmt wird durch die aktuellen

lokalen Bedürfnisse der Verbraucher und nur durch sie, während alles andere

gleich bleibt. Anders ausgedrückt: er hält die augenblicklichen

Verbrauchergewohnheiten (und Produktionsmuster) für gegeben und stabil. Aber

er legt diese Annahme nicht offen. Würde er es tun, würde er damit selber seine

ursprüngliche Behauptung widerlegen, Überfluß sei unmöglich und Marxscher

Sozialismus darum nicht machbar.

Es gibt noch einen weiteren Widerspruch in seiner Argumentation. Einerseits

vermerkt Alec Nove, daß um den „Überfluß an Wasser“ für die Einwohner

Schonlands bereitzustellen, Arbeit für Rohre, Reservoirs, Unterhalt usw. verausgabt

werden muß. Nun ist aber Arbeit „relativ knapp“. Die gleiche Arbeitskraft,

die in Wasserrohre und Reservoirs investiert wird, könnte auch für

eine ganze Reihe von Alternativen aufgewendet werden: z.B. für den Bau von

Golfplätzen, Kraftwerken oder sogar Raketen. Dennoch kann auf geheimnisvolle

Weise, trotz des im allgemeinen unvermeidlichen „Konflikts über die

Zuteilung von Ressourcen“ Wasser in Schottland zum Null-Tarif verteilt werden

und offenbar entsteht kein Konflikt über die Zuteilung der Arbeit, die dazu

notwendig ist. Die Verbindung, die Nove ebenso wie unzählige andere Ökonomen,

ganz zu schweigen von Soziologen und menschenfeindlichen Philosophen,

zwischen allgemeiner Knappheit und spezifischen Verhaltensmustern herstellt,

ist also nicht bewiesen, das ist das mindeste, was man sagen kann. Denn sein

eigenes Beispiel beweist, daß Menschen sich in Bezug auf bestimmte Güter,

unter besonderen Umständen, durchaus auf nicht gewinnsüchtige Weise verhalten

können, vorausgesetzt, es sind eine Anzahl von Bedingungen erfüllt.

18


Welches sind diese Bedingungen? Warum ist die „Rationierung über den Preis“

beim Verbrauch von Wasser durch die schottischen Bürger nicht nötig? Überraschenderweise

erwähnt Alec Nove nicht den offensichtlichen wirtschaftlichen

Grund dafür, obwohl es marxistischen und liberalen Wirtschaftswissenschaftlern

nicht schwer fallen würde, hierin übereinzustimmen. Derselbe Grund

erklärt auch, warum das gleiche nicht zuträfe, wenn die Anzahl von Kraftwerken

in dieser Gegend vervielfacht würde. Die „Rationierung über den Preis“

ist deshalb nicht nötig weil die Veränderung der Nachfrage nach Wasser für

den privaten Durchschnittsverbraucher gegen Null geht. Wahrscheinlich gibt

es infolge der Belieferung mit Wasser zum Null-Tarif sogar eine leichte „Verschwendung“.

Aber die Verschwendung fällt weniger ins Gewicht als es eine

„Festsetzung der Kosten“ dieses Verbrauchsgutes wäre (durch Installation von

Wasseruhren, die Einstellung und Kontrolle von Personal, die Ausstellung von

Rechnungen usw.). Unter diesen Bedingungen macht es sich schlicht nicht bezahlt,

für Wasser einen Preis zu fordern. Die voraussehbare feste (tendenziell

sinkende) Nachfrage ist das empirisch bestimmende Schlüsselelement. Alles

andere ergibt sich daraus.

Wenn aber ein Überfluß an Wasser trotz fortbestehender Knappheit an Ressourcen

insgesamt vorstellbar ist, warum kann dann das gleiche nicht auch für

andere Güter und Dienstleistungen unter ähnlichen Umständen gelten? Ist es

wirklich möglich, daß schottisches Wasser das einzige Gut ist, für das die

Veränderung der Nachfrage gegen Null geht? An dieser Stelle bewahrheitet

sich die Marxsche „Vision vom Sozialismus/Kommunismus“. Denn mit fortschreitendem

gesellschaftlichen Reichtum, dem Wachstum der Produktivkräfte

und der Entfaltung von nachkapitalistischen Einrichtungen kann die Anzahl

von Waren und Dienstleistungen, für die bislang eine Inelastizität der Nachfrage

gilt, die aber dann umsonst verteilt werden könnten, allmählich zunehmen.

Wenn sagen wir bis zu 60 oder 75 % aller Verbrauchsgüter und Dienstleistungen

auf diese Weise zugeteilt werden, wird das steigende Anwachsen der kostenlosen

Versorgung die „menschlichen Verhältnisse“ dramatisch verändern.

In Noves Schlußfolgerungen hat sich auch eine andere petitio prinicipii (logischer

Beweisfehler) eingeschlichen. Er scheint anzunehmen, daß „Eigentumsrechte“

die unvermeidliche Folge von „Knappheit“ sind. Damit Knappheit solche

Rechte aber überhaupt hervorbringt, muß es doch erst besondere gesellschaftliche

Einrichtungen geben, die die private Aneignung von Produktionsmitteln

und die Trennung der Produzenten vom freien Zugang zu ihnen ebenso

19


wie zu den natürlichen Grundlagen ihres Lebensunterhalts (Land, Wasser, Luft)

ermöglichen, erleichtern, aufrechterhalten, verteidigen. Diese wiederum hängen

mit der Herausbildung bestimmter Gesellschaftsklassen zusammen, die

besondere Interessen verteidigen im Gegensatz zu anderen Gesellschaftsklassen,

die andere Interessen verteidigen. „Knappheit“ war in einem traditionellen

Bantu-Dorf durchaus eine Realität. Dennoch führte sie Jahrtausende hindurch

nicht zu „Eigentumsrechten“ an Land. Würden die Menschen in Schottland

(oder Großbritannien, oder Europa oder in einem Sozialistischen Weltenbund)

beschließen, potentiellen Investoren in hydroelektrische Energie keine Eigentumsrechte

einzuräumen, dann könnte kein ökonomisches Gesetz auf geheimnisvolle

Weise das Wasser, das sich im öffentlichen Besitz befindet, einfach

infolge von Knappheit in Privatbesitz verwandeln. Sie müßten vielleicht die

„Kosten tragen“ für teurere Energie (d.h. für einen größeren Einsatz von verfügbarem

Material und menschlichen Ressourcen zur Erzeugung von Energie),

weil sie es vorziehen, den Verbraucher im Überfluß mit sauberem, kostenlosen

Wasser zu versorgen. Das aber wäre ihre Entscheidung und ihr Recht,

als Verbraucher und als Bürger.

Aus dem gleichen Grund ist es nicht weniger falsch, aus der Knappheit eine

allgemeine „menschliche Gewinnsucht“ abzuleiten. Eher gibt es eine Neigung

zur Gewinnsucht; diese hat ihren Grund jedoch nicht so sehr in der Knappheit

an Gütern im allgemeinen, oder sogar in der Knappheit an bestimmten Gütern,

sondern in der relativen Intensität bestimmter Bedürfnisse. Ein Rolls-Royce ist

ein sehr schönes Auto. Es gehört auch zu den knappen Gütern. Viele Autofahrer

(und gewiß auch die meisten Autoliebhaber) würden liebend gern einen

Rolls Royce besitzen. Aber die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung schlägt

sich nicht darum, einen .Rolls Royce zu ergattern. Es zahlt sich nicht aus,

jeden Pfennig zu sparen, um um jedem Preis einen „knappen Rolls“ zu bekommen.

Die Bevölkerung verspürt keinen mächtigen „Trieb“, um in den Besitz

dieses Wagens zu gelangen. Sie ist nicht neurotisch frustriert, wenn sie weiß,

daß sie niemals einen bekommen wird. So kann also der „Besitztrieb“, die

„Gewinnsucht“ absterben, lange ehe die „Knappheit überhaupt“ verschwunden

ist —genauso wie er bei den Menschen in Schottland hinsichtlich des

Wassers abgestorben ist. Es genügt, daß die stärksten Bedürfnisse befriedigt

werden, oder daß der Hunger der Verbraucher auf diesem Gebiet

gesättigt wird. Das ist die grundlegende Annahme, auf der Marx seine Vision

vom Sozialismus aufgebaut hat. Sie ist absolut realistisch und vorstellbar.

20


III. Die Rangordnung der Bedürfnisse

Als Antwort auf Noves Kritik am marxistischen Erbe haben wir den Begriff

der „relativen Intensität der Bedürfnisse“ eingeführt. Dieser Begriff enthält

eine Reihe von Implikationen für die Diskussion um die sozialistische Planung,

die wir nun behandeln wollen. Im Westen findet die veränderliche Intensität

der Bedürfnisse der Verbraucher heute ihren Ausdruck in ihrem unterschiedlichen

Verhalten Gütern und Dienstleistungen gegenüber, die einen Preis

haben, auch wenn sie kein „Preisschild“ tragen. Das muß nicht indirekt in

Geld gemessen werden. Die Bedürfnisse können empirisch festgestellt werden,

z.B. indem man die Veränderungen der physischen Verbrauchergewohnheiten

untersucht, wenn das Einkommen plötzlich sinkt (wie es für erhebliche Teile

der Bevölkerung während der jetzigen Depression der Fall war). Bestimmte

verbreitete Muster werden dann deutlich erkennbar. Denn einige Ausgaben

werden früher als andere gekürzt. Bestimmte Sorten von Gütern innerhalb einer

größeren Kategorie von Verbrauchsgütern werden eingeschränkt, während

andere zunehmen (z.B. wird mehr Schweinefleisch und weniger mageres Rindfleisch

verbraucht). Die Ausgaben für die Gesundheit sind gleichbleibender

als die für Toilettenartikel. Das sind keine willkürlichen Vorlieben. Einer der

wichtigsten Erkenntnisfort schritte, die im Kapitalismus erzielt wurden—in

gewissem Sinn ist das ein Kompliment für das Kapital—ist, daß es heute wegen

des gestiegenen Lebensstandards zuerst der Mittelklassen, dann breiter

Bevölkerungsschichten eine große Anzahl an empirischen statistischen Daten

über die Verbrauchergewohnheiten gibt, die - in zahlreichen Ländern einander

auffallend ähnlich sind. Sie legen eine objektive Rangfolge für hunderte Millionen

Menschen über mehrere Jahrzehnte bloß. Jede ernsthafte Untersuchung

der menschlichen Bedürfnisse muß von diesen Tatsachen ausgehen.

Aus dieser Untersuchung ergibt sich ein Muster, das der preußische Statistiker

Engel bereits vor 150 Jahren festgestellt hat. Wenn mit dem Wachstum der

Wirtschaft die Bedürfnisse mannigfaltiger werden, kann man unter ihnen eine

bestimmte Rangfolge festmachen. Es gibt Grundbedürfnisse, zweitrangige

Bedürfnisse; es gibt auch Luxus- oder marginale Bedürfnisse. In einer groben

Einteilung—und hier lassen wir uns gern von empirischen Daten, nicht aber

von metaphysischen Spekulationen korrigieren— würden wir in die erste Kategorie

einreihen: die Grundnahrungsmittel und Getränke, Kleidung, Wohnung

und den dazugehörigen Standardkomfort (Heizung, Elektrizität, fließendes

Wasser, sanitäre Anlagen, Möbel); Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen;

garantierter Transport vom und zum Arbeitsplatz; und ein Mindestmaß an

21


Erholzeit und Muße, die erforderlich sind, um die Arbeitskraft bei einem gegebenen

Ausmaß an Arbeitstempo und Streß zu reproduzieren. Das sind die Bedürfnisse,

die nach Marx befriedigt werden müssen, wenn ein durchschnittlicher

Lohn—und Gehaltsempfänger bei einem gegebenen Maß an Leistung seine

Arbeit fortsetzen soll. Man kann sie in ein physiologisches Minimum und eine

historisch-moralische Komponente unterteilen. Sie variieren je nach Raum und

Zeit. Sie verändern sich nicht nur mit der Veränderung der durchschnittlichen

Arbeitsproduktivität. Sie verändern sich auch mit den großen Verschiebungen,

die im Kräfteverhältnis zwischen den Gesellschaftsklassen eintreten. Aber zu

jedem gegebenen Zeitpunkt, in jedem gegebenen Land sind dies objektive Daten,

die auch deutlich im Bewußtsein der großen Mehrheit der Bevölkerung

präsent sind. All das kann nicht wirklich verändert werden (auch nicht durch

das Wirken der „Marktkräfte“), ohne gewaltige Störungen im gesellschaftlichen

und wirtschaftlichen Gefüge insgesamt hervorzurufen.

In die zweite Kategorie von Gütern und Dienstleistungen würden wir die meisten

der anspruchsvollen Speisen. Getränke, Kleidungsstücke und Haushaltsgeräte

(außer den besonders ausgefallenen) einreihen, die verfeinerteren .,kulturellen’’

und für die „Muße’’ bestimmten Güter und Dienstleistungen sowie

die Privatautos (im Unterschied zum öffentlichen Transportwesen). Alle anderen

Verbrauchsgüter und Dienstleistungen würden wir in die dritte Kategorie

der Luxus-Ausgaben einordnen. Sicher ist es schwierig, eine genaue Grenze

zwischen diesen drei Kategorien von Bedürfnissen zu ziehen. Die erste kann

man am leichtesten abstecken. Der allmähliche Übergang der Bedürfnisse von

der zweiten in die erste Kategorie (einschließlich der Güter und Dienstleistungen,

die diese Bedürfnisse befriedigen) ist eine Folge des wirtschaftlichen Wachstums

und des sozialen Fortschritts (insbesondere auf Grund des proletarischen

Klassenkampfs). Bezahlter Urlaub für alle ist erst seit kurzem eine Errungenschaft

der Arbeiterklasse; sie datiert von der großen Welle von Betriebsbesetzungen

der Jahre 1936-37 (in Frankreich) und deren Nachwirkungen in der

industrialisierten Welt. Die Unterscheidung zwischen der dritten und der zweiten

Kategorie ergibt sich eher aus sozio-kulturellen Präferenzen, als daß sie ein

Massenphänomen widerspiegelte.

Bei all diesen Unterscheidungen ist das allgemeine Muster doch ziemlich deutlich.

Die Rangordnung der menschlichen Bedürfnisse ist offensichtlich durch

beides bestimmt: durch physiologische und durch gesellschaftlich-historische

Momente. Diese sind weder willkürlich noch subjektiv. Man kann dieses Mu-

22


ster auf allen Kontinenten unter den verschiedensten Umständen antreffen,

wenngleich nicht synchron, wegen der ungleichen und kombinierten Entwicklung

des wirtschaftlichen Wachstums und des sozialen Fortschritts. Die Rangordnung

der Bedürfnisse ist nicht das Ergebnis irgendeines Diktats, weder der

Marktkräfte, noch einer despotischen Bürokratie oder aufgeklärter Experten.

Sie findet ihren Ausdruck im spontanen oder halbspontanen Verbraucherverhalten

selbst. Der einzige „Despotismus“, den es gibt, ist der der „großen

Mehrheit“. „Exzentrische“ Minderheiten, die in absoluten Zahlen meist gar

nicht so klein sind, passen in dieses allgemeine Muster nicht hinein: Abstinenzler

versus Konsumenten alkoholischer Getränke; Raucher versus Nichtraucher;

Vegetarier versus Fleischesser; Menschen, die sich weigern, fernzusehen oder

keine Zeitungen oder Bücher lesen können oder wollen; andere, die es ablehnen,

einen Arzt aufzusuchen oder sich prinzipiell weigern, ins Krankenhaus zu

gehen. Dennoch—angesichts der Tatsache, daß es um sehr viele Menschen

geht, Hunderte von Millionen,—werden diese Ausnahmen durch das Gesetz

der großen Zahl aufgewogen, und über Zeit und Raum hinweg zeichnet sich

ein Muster ab, das eine bestimmte Rangordnung von Bedürfnissen unter der

überwiegenden Mehrheit der Verbraucher ergibt.

Diese Rangordnung hat noch einen weiteren, sogar bedeutenderen Aspekt. Nicht

nur tendiert die Veränderung der Nachfrage gegen Null; rücken Güter, die ganz

oben auf der Prioritätenliste stehen, mit jedem Schub wirtschaftlichen Wachstums

Stufe um Stufe in der Rangordnung nach unten. Dies geschieht auch mit

ganzen Kategorien von Bedürfnissen. Der pro Kopf-Verbrauch an

Grundnahrungsmitteln (Brot, Kartoffeln, Reis, usw.) in den reichsten Industriestaaten

ist heute im Sinken begriffen, und zwar sowohl dem absoluten

Volumen nach wie auch ihrem Anteil an den nationalen Geldausgaben nach.

Das gleiche gilt für den Verbrauch von einheimischen Früchten und Gemüsen

und—zumindest dem Geldwert nach —für den Verbrauch an Unterwäsche

und Strümpfen sowie an der Grundausstattung mit Möbeln. Die Statistik zeigt

auch, daß trotz der zunehmenden Differenzierung der Geschmäcker und der

Produkte (viele Arten von Brot und Kuchen, eine viel größere Auswahl an

Nahrungsmitteln und Kleidern allgemein) der Gesamtverbrauch an Nahrungsmitteln,

Kleidung und Schuhen tendenziell einen Sättigungsgrad erreicht hat

und beginnt, sich rückläufig zu entwickeln, wenn man ihn in Kalorien, Quadratmetern

Stoff und Paar Schuhen mißt.

23


Verbraucherverhalten

Diese Tatsachen widerlegen den bürgerlichen und stalinistischen Glauben an

das grenzenlose Wachstum der Bedürfnisse des Durchschnitts der Menschen.

Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt, wenn man das am gegenwärtigen

Konsumverhalten mißt. Im Westen kann man eine Tendenz zur Sättigung der

Grundbedürfnisse feststellen, nicht nur, weil die Intensität des Wunschs nach

Befriedigung der Bedürfnisse abnimmt, wenn eine gewisse Schwelle einmal

überschritten ist, sondern auch weil sich die Motivation ändert. Rationales

Verbraucherverhalten tritt allmählich mehr und mehr an die Stelle des angeblich

instinktiven Wunsches, immer mehr zu konsumieren. Was hier als „rational“

bezeichnet wird, wird nicht diktiert, vorgeschrieben (sollte es auch nicht!),

weder durch Marktkräfte, noch durch bürokratische Planung oder allwissende

Experten. Es entwickelt sich infolge einer größeren Reife der Verbraucher selbst,

wenn die Prioritäten der Menschen sich verändern und sie sich ihrer eigenen

Interessen bewußter werden.

Der Verbrauch von Nahrungsmitteln liefert für diesen Prozeß ein schlagendes

Beispiel. Seit undenklichen Zeiten wandelt die Menschheit am Rand von Hunger

und Hungertod. Sogar im 20.Jahrhundert ist das erzwungenermaßen die

Lage der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung auf unserem Planeten. Unter

solchen Umständen ist es nur natürlich, daß Menschen nach Essen gieren.

Fünf Jahre akuten Lebensmittelmangels im kontinentale Europa während des

Zweiten Weltkriegs genügten, eine wirkliche Explosion der Völlerei zu entfesseln,

als so etwas wie ein „unbegrenzter Verbrauch“ von Nahrungsmitteln nach

1945 wieder möglich geworden war (in einigen Ländern Europas begann diese

Phase erst sehr viel später). Aber wie lang hat dieses Zechgelage gedauert?

Weniger als zwanzig Jahre nachdem Nahrungsmittel wieder in Fülle vorhanden

waren - nur eine Generation lang! - und schon begannen sich die Prioritäten

drastisch zu verschieben. Es wurde zur Regel, weniger und nicht etwa

mehr zu essen. Gesundheit wurde wichtiger als satt sein. Diese Veränderungen

verdankten sich nicht der „Auferlegung“ eines neuen Verbraucherverhaltens

durch Ärzte oder die „Gesundheitsindustrie“ Es war der Instinkt zur Selbsterhaltung

der dazu führte. Lange bevor es eine „Gesundheitsindustrie“ gab, konnte

man schon ähnliche Veränderungen im Verbraucherverhalten der Reichen beobachten,

die „für sich den Sozialismus bereit verwirklicht“ hatten. Zwischen

den beleibten englischen und französischen Angehörigen der herrschenden

Klassen anno domini 1850 und den schlanken amerikanischen Millionären ein

Jahrhundert später hat es einen ganz schöne gastronomische Umwälzung gegeben.

Heute finden gewöhnliche Bürger im Westen mehr Genuß an abwechs-

24


lungsreicheren Mahlzeiten. Für sie ist die Kochkunst sogar zum Zeitvertreib

geworden. Dennoch neigen sie dazu, ihre absolute Aufnahme an Kalorien zu

senken, um zwanzig Jahre länger zu leben, statt vor der Zeit an übermäßigem

Eßgenuß und Arterienverkalkung zu sterben.

Die Verbrauchergewohnheiten der Kranken oder an einer Krankheit leidenden

Menschen zeigen ein ähnliches Muster. Daß sich niemand gern seine Gliedmaßen

hintereinander wegoperieren läßt, nur weil dies nichts kostet, liegt auf der

Hand. Aber der scharfe Anstieg im Verbrauch von Medikamenten nach dem

Krieg — ebenso wie die Zunahme an Zahnprothesen und Brillen nach der

Einführung eines Nationalen Gesundheitsdienstes in Großbritannien — war

nicht hauptsächlich Ausdruck der passiven Unterwerfung unter den Reklamedruck

der pharmazeutischen Industrie, sondern vor allem Ausdruck angestauter

unbefriedigter Grundbedürfnisse. Wenn dieser Stau einmal verschwindet

und ein gewisser Grad der Sättigung erreicht ist, wird jede sorgfältige und

gründliche Aufklärungskampagne, die die schädlichen Auswirkungen des ungezügelten

Verbrauchs von Medikamenten aufzeigt, Wirkung haben. Der Konsum

von Medikamenten wird sich auf einem bestimmten Niveau einpendeln

und sogar zurückgehen (bei begüterten Schichten der Gesellschaft kann man

diesen Verlauf bereits feststellen). Es ist wirklich nicht übertrieben optimistisch,

wenn man feststellt, daß die systematische Aufklärung der Öffentlichkeit

über die Schädlichkeit des Rauchens zu einem deutlichen Rückgang des

Zigarettenverbrauchs geführt hat, trotz aller Bemühungen der Tabakindustrie,

das Gegenteil zu erreichen.

Aus diesen Überlegungen lassen sich zwei Schlußfolgerungen ziehen. Erstens:

Da „Knappheit“ mehr und mehr für immer weniger lebenswichtige Güter gilt,

wird es durchaus möglich sein, die Rolle des Geldes in der Wirtschaft insgesamt

zurückzudrängen, weil Waren und Dienstleistungen, die kostenlos zur

Verfügung gestellt werden, zahlreicher sein werden als solche, die man kaufen

muß. Die Annahme, daß Verbraucher ihre Bedürfnisse nur indirekt artikulieren

können, indem sie ihr Geld für verschiedene Güter und Dienstleistungen

ausgeben, ist absurd. Warum sollten Menschen den Umweg über das Geld

nehmen, um festzustellen, was sie brauchen? In Wirklichkeit ist es doch genau

umgekehrt. Sie möchten eine bestimmte Menge an Nahrungsmitteln, Kleidern

oder Freizeitangeboten haben, wobei sie für bestimmte Sachen eine besondere

Vorliebe haben, und dann sagen sie sich: „Ich habe soundsoviel Geld, um meine

Bedürfnisse zu befriedigen. Das bedeutet, daß ich mir nicht alles leisten

25


kann und darum muß ich eine Auswahl treffen.“ Es ist doch nicht so, daß sie;

erst das Geld haben, damit herumlaufen und sagen: „Weil ich soviel Bargeld

der Tasche habe und die Fensterauslagen der Läden vor mir sehe, weiß ich

jetzt, daß ich Hunger habe.“ Der einfachste und auch demokratischste Weg,

die materiellen Ressourcen mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen in Einklang

zu bringen, ist nicht, das Medium Geld dazwischenzuschalten, sondern herauszufinden,

welche Bedürfnisse die Menschen haben, indem man sie danach

fragt.

Zweitens: Natürlich bestehen die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder heute,

die morgen alle zusammen ein sozialistisches Gemeinwesen bilden könnten,

aus Millionen verschiedener Menschen je mit ihren eigenen individuellen Vorlieben

und Neigungen. In der Phase des Übergangs zum Sozialismus würde

jegliche uniforme Standardisierung von Produkten, wie sie im Kapitalismus

eingeführt wurde, nach und nach abnehmen. Ab einem gewissen Grad der

Bedürfnisbefriedigung bzw. der Sättigung gibt es natürlich einen Wechsel vom

passiven zum aktiven Konsum und zu einer stärkeren Individualisierung der

Bedürfnisse, was mehr Kreativität erfordert, sie zu befriedigen. Im großen und

ganzen würden neue Bedürfnisse wahrscheinlich in zwei Kategorien einzuteilen

sein: die Bedürfnisse, die von risikofreudigen und phantasievollen Minderheiten

geweckt werden, die darauf erpicht sind, mit neuen Produkten und Dienstleistungen

zu experimentieren. Doch die Massenproduktion neuer Güter würde

sich nicht automatisch nach diesen neuen Erfindungen richten. Sie wäre

Resultat der bewußten Entscheidung der Mehrheit. Zwanzig Prozent der Bevölkerung

hätten nicht das Recht, allen Bürgern neue Güter als „Allgemeingut“

aufzuzwingen, obwohl sie ihren eigenen Arbeitseinsatz erhöhen könnten,

um sicherzugehen, daß diese neuen Güter hergestellt werden. Auf der anderen

Seite kann es auch Fälle geben, wo die Mehrheit sich: für eine Reihe von neuen

Gütern und Dienstleistungen entscheidet und der allgemeine Wirtschaftsplan

von Grund; geändert werden muß, um ihn den neuen Bedürfnissen anzupassen.

In der Geschichte des Kapitalismus im 20. Jahrhundert hat es solch große

Umwälzungen Verbrauchergewohnheiten relativ selten gegeben. Drei größere

stechen hervor: das Auto, die elektrischen Haushaltsgeräte und Plastikwaren.

Sie haben das Leben von hunderten Millionen Menschen radikal verändert. Im

Sozialismus würden solche Umwälzungen auf Massenebene nicht rücksichtslos

und anarchisch erfolgen, sondern rational und human, und zum erstenmal

auf Verlangen und unter der Kontrolle der Betroffenen selbst.

26


Damit würde die objektive Grundlage für das Absterben der Warenproduktion

und der Geldwirtschaft geschaffen. Zugleich könnte sich die Intensität

gesellschaftlicher Konflikte vermindern, vorausgesetzt, es gibt Institutionen,

die die Erfüllung der Grundbedürfnisse aller zu einer Gewohnheit, Selbstverständlichkeit,

alltäglichen Erfahrung machen. Dadurch würde die subjektive

Basis für das Absterben der Geld—und Warenwirtschaft geschaffen. Denn der

soziale Kampf ist furchtbar bitter und heftig, wenn es um Nahrungsmittel, um

Land, um die grundlegenden Arbeitsbedingungen, die elementaren Grundsätze

der Erziehung und der Gesundheit, um grundlegende Menschenrechte und Freiheiten

geht. Es gibt allerdings kein Beispiel dafür, daß Millionäre sich tagtäglich

gegenseitig umgebracht hätten, um den Zugang zu den Stränden der Bahamas

nur für sich allein zu haben, oder daß Weltkriege ausgebrochen wären um

Bilder alter Meister oder gar um den Zugang zur Chicagoer Börse (so schmerzlich

es auch immer sein mag, wenn man das nicht hat und es haben möchte). Es

können sogar gelegentliche politische Intrigen, massenhafte Korruption oder

sogar Mord eingesetzt werden, um Konflikte über die Zuteilung „knapper Ressourcen“

zu lösen. Aber solchen Streit kann man nicht vergleichen mit den

Schrecken der irischen Hungersnot, der großen Depression oder des indischen

Kastensystems. Würden Konflikte, die durch Hungersnot, Arbeitslosigkeit und

Diskriminierung hervorgerufen werden, verschwinden, dann hätten wir eine

andere Welt, mit anderen Verhaltensweisen und einer anderen Geisteshaltung.

Wenn der „Besitztrieb“ sich auf Luxusgüter beschränkt und der Konkurrenzkampf

sich um kubanische Zigarren dreht, dann hat das eine grundsätzlich

andere Qualität als heutzutage. Es steht außer Zweifel, daß eine solche Welt

für 99% der Erdbewohner eine bessere Welt wäre.

Tyrannei über die Bedürfnisse?

Dennoch wird es einige geben, die diese Schlußfolgerungen ablehnen. Denn

sobald wir den Begriff „Rangordnung der menschlichen Bedürfnisse“ gebrauchen,

was bedeutet, daß einige von ihnen einen höheren Stellenwert besitzen

als andere, kommt ein schrecklicher Verdacht auf— insbesondere aufgrund

der bürokratisch zentralisierten, d.h. bürokratisch gelenkten und miserabel

geleiteten Wirtschaftssysteme unserer Tage. Mit welchem Recht, im Namen

welcher Autorität und mit welch unmenschlichen Ergebnissen können solche

„Prioritäten“ den Menschen aufgezwungen werden? Ist das nicht ein „Weg in

die Sklaverei“?

27


Das ist ein Argument, das Sozialisten, die sich für die menschliche Emanzipation,

d.h. die Freiheit, mehr engagieren als die Verfechter jeder anderen Philosophie

oder politischen Theorie, sehr ernst nehmen müssen. Es ist wichtig,

damit sorgfältig und gewissenhaft umzugehen. In einer von Nove empfohlenen

Veröffentlichung, „Diktatur über die Bedürfnisse“, klagt Ferenc Feher die

Herrscher in der UdSSR, China und Osteuropa rundheraus an, sie praktizierten

eine absolute Tyrannei über die Bedürfnisse der jeweiligen Bevölkerung.

Der Standpunkt, den er vertritt, hat durchaus etwas für sich. Er ist aber auch

einseitig, denn er enthält einen wichtigen eigenen Widerspruch. Die Quelle

dieses Widerspruchs liegt in einer Auffassung, die in den Werken nicht nur von

Ferenc Feher und Agnes Heller, sondern auch von Ota Sik, Branko Horvath,

Wlodimierz Brus und vielen anderen Verteidigern einer „sozialistischen Marktwirtschaft“

4 immer wiederkehrt. Es ist kein Zufall, daß der gleiche Begriff

auch in den Schriften der theoretisch anspruchsvolleren und intellektuell konsequenten

Neo-Liberalen zu finden ist, so etwa bei von Mises, Hayek oder

Friedman. Der Begriff, um den es geht, ist der der „gesellschaftlich anerkannten

Bedürfnisse“. Für alle diese Theoretiker, was immer auch ihre sonstigen,

größeren Differenzen sein mögen, bildet die Knappheit der Ressourcen die

Grundlage, auf der die Wirtschaftstheorie -jede Wirtschaftstheorie - zu

fußen hat. Knappheit von Ressourcen bedeutet jedoch automatisch, daß nicht

alle individuellen Bedürfnisse befriedigt werden können. Das ist die stillschweigende

Voraussetzung, die sich hinter der Formel „gesellschaftlich anerkannte

Bedürfnisse“ versteckt: die individuellen Bedürfnisse werden nicht automatisch

von der Gesellschaft anerkannt. Das gilt für die Marktwirtschaft ebenso

wie für die Planwirtschaft. Die Tyrannei ist also unvermeidlich. Die einzige

Frage ist, welche spezifische Form sie annimmt und welche gesellschaftspolitischen

Folgen daraus jeweils entstehen.

Formen und Folgen

Für Liberale und Verfechter dersozialistischen Marktwirtschaft“ scheint es

in gleicher Weise offensichtlich, daß der Despotismus des Marktes—die „Rationierung

über den Geldbeutel“-für das Individuum weniger schmerzlich und für

die persönliche Freiheit weniger schädlich ist als der Despotismus des Plans—

oder schlicht die Rationierung. Das erscheint durchaus überzeugend, wenn

man besondere Extreme auf der nördlichen Halbkugel—z.B. die Rationierung

über Einkommensunterschiede im Wohlfahrtsstaat Schweden mit der Rationierung

über den Gosplan im Rußland unter Stalin vergleicht. Aber solche

Extreme sind historisch eher die Ausnahme denn die Regel. Nimmt man jedoch

28


den historischen Durchschnitt der kapitalistischen Rationierung über Marktbeziehungen

und Einkommensunterschiede, der sich durch große Massenarmut

und extreme Ungleichheit der Einkommen auszeichnet (das ist der Durchschnitt

der gesamten kapitalistischen Welt in den letzten 150 bis 200 Jahren), dann

sieht die Schlußfolgerung ganz anders aus.

Je weniger die Grundbedürfnisse über die Einkommensverteilung befriedigt

werden, desto gleichgültiger werden den Menschen auch die besonderen Formen,

die dieser Mangel an Befriedigung annimmt. Nachrichtenagenturen berichteten

kürzlich, ein katholischer Priester in Santiago habe festgestellt, nach

der letzten Abwertung des chilenischen Peso hätten die Armen in der Stadt

(das sind mehr als 50% d r Einwohner der Hauptstadt) nicht einmal mehr Brot

von ihrem Geld kaufen können. Milton Friedman und die Chicago Boys hätten

Schwierigkeiten, sie davon zu überzeugen, daß sie „freier“ sind als Bürger der

DDR, die nicht unter dem Mangel an den wichtigsten Lebensmitteln leiden,

gleich welche Tyrannei auch immer über ihre anderen, weniger grundlegenden

Bedürfnisse ausgeübt werden mag. Das heutige Afrika liefert ein anderes Beispiel

für die Bestätigung dieser Wahrheit. Wenn der Sahel von Hungersnot

verwüstet wird, wer würde dann die Verteilung von Nahrungsmitteln an Verhungernde

durch physische Rationierung als „diktatorische Zuteilung“ verurteilen,

weil sie sie zu „Sklaven“ machte, während es sie „freier“ machte, wenn

die Nahrungsmittel an sie verkauft würden? Wenn in Bangladesch eine schwere

Epidemie ausbricht, wird dann die direkte Verteilung von Medikamenten im

Vergleich zum Verkauf von Medikamenten über den Markt als schädlich empfunden?

In Wirklichkeit ist es sehr viel billiger und vernünftiger, Grundbedürfnisse

nicht über den indirekten Weg der Zuteilung über den Markt und den

Geldbeutel zu befriedigen, und statt dessen über die direkte Verteilung, oder

Umverteilung, aller vorhandenen Lebensmittel.

Geld— und Marktverhältnisse erweisen sich hingegen als vorteilhafte Instrumente,

um eine größere Verbraucherfreiheit in dem Maße zu ermöglichen, wie

die Grundbedürfnisse bereits befriedigt sind. Denn Verbraucherfreiheit bedeutet

Auswahlmöglichkeit für den Verbraucher, und wenn es um wirklich grundlegende

Bedürfnisse geht, hat der Verbraucher eben keine Wahl. Im allgemeinen

„wählt“ man nicht zwischen Grundschule und einem zweiten Fernseher,

zwischen Gesundheitsversorgung und einem Perserteppich. Geld ist als Instrument

der Verbraucherfreiheit nur wirkungsvoll, wenn man zwischen relativ

überflüssigen Dingen zu entscheiden hat, wenn es einen hohen Grad an Ein-

29


kommensgleichheit gibt. Als Mittel, um die Grundrichtung der Zuteilung gesellschaftlicher

Mittel zu bestimmen, ist Geld sowohl ungerecht als auch unwirksam

Wenn eine Gesellschaft demokratisch entscheidet, bei der Zuteilung der Ressourcen

der Befriedigung der Grundbedürfnisse Priorität einzuräumen, verringert

sie automatisch dadurch die verfügbaren Mittel für die Befriedigung zweitrangiger

Luxusbedürfnisse. In diesem Sinn wird man einer „Diktatur über die

Bedürfnisse“ nicht entkommen, solange wie unbefriedigte Bedürfnisse nicht

eine völlig randständige Erscheinung geworden sind. Aber gerade hier offenbaren

sich die politischen Vorzüge des Sozialismus. Denn man muß sich fragen,

ob es gerecht ist, die Grundbedürfnisse von Millionen den zweitrangigen

Bedürfnissen von Zehntausenden zu opfern! Diese Frage wird nicht gestellt,

um die Frustration der gehobeneren Bedürfnisse zu predigen, die mit der Entwicklung

der Industriellen Revolution entstanden sind. Das Ziel des Sozialismus

ist die allmähliche Befriedigung von immer mehr Bedürfnissen, nicht allein

die Beschränkung auf die grundlegenden Bedürfnisse. Marx war niemals

ein Anwalt von Asketentum und Sparpolitik. Im Gegenteil, die Auffassung

von einer vollentwickelten Persönlichkeit, die seiner Vision des Kommunismus

zugrundeliegt, geht von einer großen Mannigfaltigkeit menschlicher Bedürfnisse

und ihrer Befriedigung aus, nicht von einer Verengung unserer Bedürfnisse

auf lebensnotwendige Nahrungsmittel und auf Wohnraum. Das Absterben

der Markt—und Geldverhältnisse, das Marx vorausgesagt hat, bedeutet

eine allmähliche Ausweitung des Prinzips der Zuweisung von Mitteln zur Befriedigung

dieser Bedürfnisse ex ante auf eine stetig wachsende Zahl von Gütern

und Dienstleistungen, in einer größeren, nicht geringeren Mannigfaltigkeit,

als sie heute unter dem Kapitalismus existiert.

IV. Tyrannei über Produzenten

Bis hierher sind wir Alec Nove und anderen Kritikern des Marxschen Sozialismus

gefolgt und haben die Probleme des Konsums in den Mittelpunkt gestellt.

Aber das ist natürlich recht einseitig. Denn die Durchschnittsbürger eines industriell

fortgeschrittenen Landes sind nicht nur und sogar nicht einmal vorwiegend

Verbraucher; das gilt für den größten Teil der Erwachsenen. Sie sind

immer noch vor allem Produzenten. Sie verbringen immer noch neun bis zehn

Stunden pro Tag, fünf Tage in der Woche damit, zu arbeiten und zur Arbeit

30


und wieder nach Hause zu fahren. Wenn die meisten Menschen acht Stunden

schlafen, dann bleiben alles in allem sechs Stunden für Konsum, Ruhezeit,

Erholung, Sexualleben und gesellschaftliche Beziehungen.

An dieser Stelle ergibt sich ein zweifacher Zwang, mit dem sich die Verfechter

der „Konsumfreiheit“ schwer tun. Denn je mehr man die Zahl der zu befriedigenden

Bedürfnisse einer gegebenen Bevölkerung steigert, desto größer ist die

Arbeitsbelastung, die man dem Produzenten bei einem gegebenen Niveau der

Technologie und der Arbeitsorganisation abverlangt. Wenn Entscheidungen

hinsichtlich der Arbeitsbelastung nicht bewußt und demokratisch von den Produzenten

selbst getroffen werden, dann werden sie ihnen aufgezwungen: entweder

durch unmenschliche Arbeitsgesetze wie unter Stalin oder durch die

unbarmherzigen Gesetze des Arbeitsmarktes mit seinen Millionen Erwerbslosen,

die es heute gibt. Sicherlich muß sich ein Anwalt einer gerechteren, humaneren

Gesellschaft von dieser Tyrannei über die Produzenten ebenso abgestoßen

fühlen wie von der Tyrannei über die Verbraucher. Denn das System der

„Belohnung und Bestrafung“, das den Markt beherrscht und von den Linken

heutzutage so naiv gepriesen wird, ist nichts anderes als die kaum verhüllte

Tyrannei über die Zeit und die Leistungen des Produzenten und damit über

sein ganzes Leben.

Dieses System von „Belohnung und Bestrafung“ bezieht sich nicht nur auf

höhere bzw. niedrigere Einkommen, auf „bessere“ bzw. „schlechtere“ Arbeitsplätze.

Es bezieht sich auch auf periodische Entlassungen, auf das Elend der

Arbeitslosigkeit (einschließlich des demoralisierenden Gefühls, ein nutzloses

Mitglied der Gesellschaft zu sein), auf die Beschleunigung des Arbeitstempos,

die Unterwerfung unter das Diktat der Stoppuhr und des Fließbands, die Autorität

und Disziplin von Produktionsgruppen, auf nervöse und physische

Gesundheitsschäden, Geräuschbelästigungen, Entfremdung von jeglicher Kenntnis

über den Produktionsprozeß als Ganzes, auf die Verwandlung der Menschen

in Anhängsel von Maschinen und Computern. Warum sollte es natürlich

sein. daß Millionen Menschen sich einem solchen Zwang unterwerfen, nur

damit 50 oder gar nur 20% der Mitbürger zehn Prozent mehr „Konsumbefriedigung“

haben? Aber genau dazu zwingt sie die Marktwirtschaft,

wenn sie nicht hilflos oder unfähig werden wollen, für ihre Familie und sich

selbst zu sorgen. Ist das wert, den Preis der völligen Entfremdung im Produktionsprozeß

zu zahlen? Das geringste, das sich dazu sagen läßt, ist, daß das

noch lang nicht bewiesen ist. Wäre es nicht besser, auf den Betamax, den

31


Zweitwagen (vielleicht sogar den Erstwagen, wenn angemessene öffentliche

Verkehrsmittel zur Verfügung stehen), auf das elektrische Fleischmesser zu

verzichten und dafür zehn Stunden pro Woche weniger zu arbeiten, mit bedeutend

weniger Streß—wenn dadurch die Befriedigung der Grundbedürfnisse

nicht gefährdet wird? Wer weiß, wie die Produzenten entscheiden würden, wenn

sie wirklich die freie Wahl hätten, d.h. wenn die Alternative nicht lautete:

Einschränkung der Befriedigung der Grundbedürfnisse oder katastrophale

Zunahme der Existenzverunsicherung?

In einer Marktwirtschaft, d.h. in jeder auf den Markt orientierten Wirtschaft,

wie „gemischt“ sie auch immer sein mag, einschließlich dersozialistischen

Marktwirtschaft“ — können die Produzenten diese Entscheidung nicht nach

freiem Ermessen treffen. Sie wird hinter ihrem Rücken gefällt, entweder weil

die Unternehmer an ihrer Stelle entscheiden, oder weil es „objektive Gesetze“

gibt, auf die sie keinen Einfluß haben. Doch diese Tyrannei ist keineswegs

schicksalhaft. Der vermeintliche Kaiser ist tatsächlich ohne Kleider. Es gibt

keinen zwingenden Grund, der die Produzenten in einer freien Gesellschaft

daran hindern könnte zu sagen: „Wir sind eine Million Menschen. Wenn wir

zwanzig Stunden in der Woche arbeiten und dabei zwanzig Millionen Stunden

damit zubringen, eine gegebene Ausrüstung zu gebrauchen bei einer gegebenen

Arbeitsorganisation, dann sind wir in der Lage, beim jetzigen Stand und

für die absehbare Zukunft die Menge X an Grundbedürfnissen zu befriedigen,

nicht mehr und nicht weniger! Wir können versuchen, durch Rationalisierung

unserer Technik und unserer Arbeitsorganisation diese Arbeitslast in den nächsten

zwanzig Jahren auf sechzehn Stunden wöchentlich zu reduzieren. Das hat

für uns absolute Priorität. Es gibt zwar noch weitere Bedürfnisse zu befriedigen,

aber wir sind nicht bereit, z.Zt. fünf Stunden wöchentlich, und in zwanzig

Jahren vier Stunden wöchentlich zusätzlich für die Befriedigung dieser zusätzlichen

Bedürfnisse zu arbeiten. Somit legen wir heute eine gesetzliche Wochenarbeitszeit

von fünfundzwanzig Stunden und eine wöchentliche Tarifarbeitszeit

von zwanzig Stunden fest, die innerhalb der nächsten Jahre schrittweise

eingeführt wird, auch wenn dies bedeutet, daß dann einige Bedürfnisse unberücksichtigt

bleiben.“ Durch welchen Grundsatz der „Fairneß“, der „Gerechtigkeit“,

der „Demokratie“ oder der „Menschlichkeit“ kann den Produzenten

das souveräne Recht verwehrt werden, darüber zu befinden, wieviel Zeit und

Mühe sie der Befriedigung von Konsumwünschen opfern sollen?

32


V. Objektive informelle Kooperation

Nove befaßt sich nicht direkt mit dieser Frage. Aber er wird sicher erwidern,

daß sein Buch eine unausgesprochene Antwort auf diese Frage enthält. In „Die

Ökonomie des machbaren Sozialismus“ argumentiert er, obwohl der Markt

Nachteile habe, sei die einzige Alternative dazu— im Sinne einer geschlossenen,

wirtschaftlich organisierenden Kraft—eine mächtige zentralisierte Bürokratie.

Das ist ein Leitmotiv seines Buches. Aber es ist ein dogmatisches Vorurteil,

das bislang unbewiesen geblieben ist. Tatsächlich kann empirisch nachgewiesen

werden, daß diese Behauptung sich gerade heute in 0st und West

zunehmend als unwahr herausstellt, noch bevor eine dem Marxismus adäquate

Form von Sozialismus verwirklicht worden ist. Nove hat übersehen, daß weder

der Markt noch zentralisierte bürokratische Planer den zunehmenden Widerspruch

zwischen der objektiven Vergesellschaftung der Arbeit und der fortbestehenden

Zersplitterung der Entscheidungsgewalt in den Griff bekommen. Was

törichte und irrationale Systeme am Zusammenbruch hindert, ist die Tatsache,

daß dieser Widerspruch in Wirklichkeit täglich millionenfach durch Akte der

objektiven informellen Kooperation umgangen wird.

Was meinen wir damit? Um zu verstehen, worum es hier geht, muß man einen

wichtigen Unterschied machen. Geldbeziehungen sind nicht einfach identisch

mit Marktbeziehungen; sie können quasi— oder pseudo—Marktbeziehungen

sein. In solchen Fällen verbirgt sich hinter derselben monetären Form ein ganz

unterschiedlicher Inhalt. Eine Marktwirtschaft wird von Preisschwankungen

geleitet. Die „Wirtschaftsagenten“, gleich ob Verbraucher oder Firmen, reagieren

auf Signale des Marktes. Wenn es keine solche Reaktion gibt, dann ist

es schwierig zu beweisen, daß das Signal ökonomisch relevant war (es sei

denn, es handelt sich um ein Axiom, das keines Beweises bedarf, d.h. ein verhülltes

Dogma). Aber was sagen uns diesbezüglich die Untersuchungen über

das heutige Verbraucherverhalten und über den Konsum der Arbeiterklasse in

den fortgeschrittenen Ländern? Sie zeigen, daß die große Mehrzahl der laufend

produzierten Güter im Laden oder beim Versandhandel gekauft werden,

unabhängig von den Schwankungen der Preise. Es ist nicht übertrieben zu

sagen, daß dieses Verhalten auf mindestens 80% des Konsums der

Durchschnittsverbraucher zutrifft.

Keine gewöhnliche Preisfluktuation wird den normalen Kunden veranlassen,

plötzlich seinen Bäcker, Lebensmittelhändler, den Bus, die U-Bahn, seinen

Friseur, Supermarkt oder Kurzwarenhändler zu wechseln, geschweige die Schule

33


der Kinder oder das Krankenhaus. Der gewöhnliche Käufer läuft nicht von

einem Obsthändler zum anderen, um herauszufinden, wo das Pfund Äpfel fünf

Pfennige billiger ist. Seine Zeit (und vielfach auch seine Gewohnheit, sein

Wunsch, mit ihm bekannten Verkäufern oder anderen Kunden zu plaudern) ist

ihm mehr wert als diese geringen Preisdifferenzen. Nur wenn wirtschaftliche

Katastrophen eintreten (z.B. die Ölpreise um 300% steigen oder das Einkommen

infolge Arbeitslosigkeit um 30% sinkt) ist es üblich, daß sich das

Verbraucherverhalten ändert und auf die Marktsignale reagiert; aber selbst

dann betrifft dies bei weitem nicht alle Güter und Dienstleistungen. Das beweist,

daß marktunabhängiges Verhalten in vielen Bereichen des täglichen

Wirtschaftens die Überhand über marktorientierte Reaktionen gewonnen hat.

Sogar in Arbeitervierteln wird mit Argwohn reagiert, wenn Äpfel plötzlich

billiger angeboten werden („geringere Qualität?“, „ein Reklametrick?“); von

diesen Früchten werden weniger, nicht mehr verkauft als von den etwas teureren.

Eine relativ bescheidene Preiserhöhung bei Pauschalreisen, um sagen wir

10%, kann die Ausgaben für den Urlaub eher fördern als drosseln, solange

Einkommen und Beschäftigung unverändert bleiben.

Wirtschaftliche Beziehungen dieser Art sind weder typisch für eine wirkliche

Marktwirtschaft noch für eine bürokratisch zentralisierte Planwirtschaft. Sie

sind einfach elementare Formen spontaner Kooperation. Sie können oft über

Jahre, wenn nicht Jahrzehnte relativ stabil bleiben. Natürlich sind sie veränderbar,

je nach dem Belieben des Individuums oder des Haushalts; das geschieht

oft, aber ohne daß von außen ein Zwang ausgeübt wird, der solche

Veränderungen diktierte, oder daß dies große wirtschaftliche Konsequenzen

hätte. Das gleiche gilt für viele Lieferungen von Firma zu Firma. Die emsige

Suche unter einer Vielzahl von Lieferanten nach dem, der die Materialrechnung

um 5% verbilligt, rentiert sich für eine große Firma nicht, wenn ihr Lieferant

erfahrungsgemäß angemessene Lieferfristen und eine ordentliche Qualität der

Ware garantiert; kleine Preisunterschiede werden dadurch mehr als ausgeglichen.

In dieser Art und Weise werden heute die meisten Geschäfte in den kapitalistischen

und in den sog. „sozialistischen“ Ländern abgewickelt.

Ein Einwand

Nun mag man einwenden: diese Millionen Akte freiwilliger Kooperation, die

weder von Marktsignalen, noch von bürokratischen Direktiven gesteuert werden,

werden dennoch ermöglicht und gestützt durch die mächtigen Kräfte der

wirtschaftlichen Zentralisierung, sei es der Markt oder die Planung. Routine-

34


mäßiges Zusammenwirken reguliert nur relativ kleine dezentrale Handlungen,

aber nicht solche von hohem Zentralisationsgrad. Dieser Einwand enthält ein

Stück Wahrheit. Es ist jedoch geringer, als es auf den ersten Blick aussehen

mag. Seine Aussagekraft beruht auf dem Gegensatz zwischen sagen wir einerseits

Millionen Kunden, die gewöhnlich in einen kleinen Laden oder Supermarkt

gehen, um dort ihre Kondensmilch zu kaufen, ohne mit Adleraugen auf

geringfügige Preisänderungen zu achten, die sie veranlassen könnten, die Milch

in einem anderen Laden billiger zu kaufen; und andererseits der Firma Nestle

oder Carnation, die durch die Kräfte des Marktes gezwungen sind, tatsächlich

mit Adleraugen über die Produktionskosten und Gewinne bei der Herstellung

der Kondensmilch zu achten, bei Strafe des Bankrotts. Hat hier nicht der Markt

gerade die beiden Giganten gezwungen zu fusionieren, oder war es nicht der

Markt?

Nun, Nestle hat ein eigenes Vertriebsnetz mit tausenden von Einzelhandelsgeschäften,

das völlig durchrationalisiert ist. Der Ausstoß an Dosenmilch wird

hochgradig automatisiert und standardisiert sein. Der Markt greift kaum in

ökonomisch relevanter Weise in diesen Ablauf ein, da Nestle als Monopolunternehmen

die Preise auf der Basis der durchschnittlichen Produktionskosten

plus einer vorher festgelegten Gewinnmarge diktieren kann. Die Leute brauchen

in jedem Fall Milch und sie konsumieren sie in mehr oder weniger feststehenden

Mengen, sodaß die einzige wirtschaftlich bedeutsame Frage die ist, wie

hoch der Teil des Nationaleinkommens (oder der nationalen Ausgaben) ist, der

für Milch ausgegeben wird, und welcher Anteil an produktiven Ressourcen für

die Produktion und Verteilung von Milch unter optimalen Bedingungen der

Ernährung und Hygiene zur Verfügung steht. Angesichts der bereits gegebenen

hochentwickelten Technik sind alle anderen Schwankungen belanglos.

Ein noch eindrucksvolleres Beispiel liefert die Energiewirtschaft. Ein nationales

Energienetz - z.B. das internationale Energienetz der EG incl. einiger Anrainerstaaten

- funktioniert reibungslos auch ohne Markt und ohne zentrale Bürokratie.

Die geringen Schwankungen im Bedarf an elektrischer Energie können

anhand von Statistiken ganz genau ausgeglichen werden. Die Höchstlast zu

bestimmten Zeiten des Jahres ist im voraus bekannt. Ausreichende Reserven

gegen die Gefahr eines plötzlichen Zusammenbruchs des Netzes oder eines

sprunghaft ansteigenden Bedarfs können bereit gehalten werden. Das Ergebnis

ist, daß für eine dauerhafte Versorgung von Millionen von Abnehmern mit

Strom weder Marktkräfte noch eine aufgeblähte Bürokratie benötigt werden.

35


Sie kann weitgehend von Computern anhand der verfügbaren Daten errechnet

werden 5 . Die „Preisgestaltung“ dieser Ware wird zunehmend irrational (zumindest

für private Verbraucher und mittlere Unternehmen, während die wenigen

industriellen Großverbraucher von Elektrizität ohne weiteres mehr zahlen

könnten). Wenn sie abgeschafft würde, könnten bis 90% der in der Energiewirtschaft

tätigen Bürokraten in 0st und West entlassen werden.

Solche Fälle können nicht für alle Güter und Dienstleistungen in jeder Branche,

Industrie oder in jedem Bereich der Gesellschaft verallgemeinert werden.

Einige Probleme der Zentralisierung sind derart, daß Entscheidungsgremien

tatsächlich nicht durch Routine ersetzbar sind. Die grobe Aufteilung der

wirtschaftlichen Ressourcen (auf nationaler und internationaler Ebene) zwischen

den verschiedenen Tätigkeitsfeldern und Bereichen der Gesellschaft muß

bewußt durch eine entsprechende Instanz erfolgen. Aber gerade der Trend zu

einer zunehmend umfangreichen de facto-Kooperation zwischen einfachen

Leuten, die sich parallel zur objektiven Vergesellschaftung der Arbeit entwikkelt

hat, zeigt, daß es zwischen der Scylla der blinden Marktkräfte und der

Charybdis einer überzentralisierten Bürokratie einen Ausweg gibt: die demokratisch

zentralisierte, organisierte Selbstverwaltung auf der Grundlage

bewußter und freier Kooperation.

VI. Innovation und Motivation

Führt diese „dritte Lösung“ nicht zur Idealisierung von Routine und Gewohnheit

und damit zur wirtschaftlichen Stagnation? Gewiß nicht im Bereich der

Produktion, wo das Interesse der Produzenten für die Minderung ihrer Arbeitslast

und die Verbesserung der menschlichen Umwelt einen inneren Antrieb

zur Kostensenkung darstellt. Vielleicht würde die Nachfrage nach neuen

Konsumgütern sinken. Eine Änderung der Warenströme wäre an sich kein großes

Unglück, denn auch die reichsten Verbraucher haben früher glücklich gelebt

ohne elektronische Spiele und Autotelefon. Nur Misanthropen können den

relativen Fortschritt und das Heil der Menschheit daran messen, daß die Bürger

eine wachsende Menge zunehmend nutzloser Dinge konsumieren. Eine

sozialistische Demokratie wird einen Zuwachs an Zivilisation bringen, nicht

einfach mehr Konsum, d.h. ein Mehr an sinnvollen menschlichen Aktivitäten

und Beziehungen: in der Erziehung der Kinder und der Massenbildung, der

Fürsorge für die Kranken und Behinderten, der kreativen Arbeit, der Pflege

von Kunst und Wissenschaft, der Erfahrung der Liebe, der Erforschung der

Erde und des Universums. Wäre eine Gesellschaft, die dem Kampf gegen Krebs

36


und Herzkrankheiten höchste Priorität einräumt. die sich mehr um das Studium

der Entwicklung des Charakters und der Intelligenz der Kinder kümmert,

die sich um das Verständnis und den Abbau von Neurosen und Psychosen

bemüht, langweilig und reizlos verglichen mit der angeblich freudvollen, dynamischen

Welt, in der wir heute leben? Ist die Freiheit, bei geistiger und körperlicher

Gesundheit länger zu leben, weniger wichtig als die Freiheit, einen zweiten

Fernseher zu kaufen?

Das Fehlen der Konkurrenz bedeutet nicht notwendig einen Mangel an Innovationen

im Produktionsprozeß. In der bisherigen Geschichte wurden die meisten

entscheidenden Entdeckungen und Erfindungen ganz ohne kommerziellen

Anstoß gemacht. Es gab noch keinen Profit, als das Feuer zum erstenmal konserviert

wurde. Landwirtschaft und Metallurgie wurden nicht durch den Markt

entwickelt. Der Buchdruck wurde nicht erfunden, um damit Gewinn zu machen.

Die meisten großen Fortschritte in der Medizin - von Jenner bis Pasteur,

von Koch bis Fleming - wurden nicht von der Hoffnung auf eine finanzielle

Belohnung angeregt. 6 Der Elektromotor wurde im Labor einer Universität und

nicht eines Unternehmens entwickelt. Sogar der Computer, geschweige die

Raumfahrt, waren ursprünglich für öffentliche (wenngleich militärische) Nutzung

gedacht, nicht für die Bereicherung privater Anteilseigner. Es gibt nicht

den geringsten Grund anzunehmen, daß das Absterben der Marktbeziehungen

und finanzieller Belohnung zum Verschwinden von technischen Neuerungen

führen würde. Denn deren Impulse liegen viel tiefer als der gewinnsüchtige

Wettbewerb: nämlich in der natürlichen Neigung der einfachen Produzenten,

Arbeit zu sparen, und in der ungezwungenen wissenschaftlichen Neugier der

Menschen.

Ebensowenig ist die weitverbreitete Meinung begründet, daß soziale Gleichheit

ein Hindernis für wirtschaftliche Effizienz sei. Im israelischen Kibbuz läßt

sich ohne weiteres der Nachweis für das Gegenteil finden; dort wächst heute

eine dritte Generation von Menschen in einer Umgebung auf, die sowohl in der

Produktion wie auch im Verbrauch grundsätzlich keine Geldbeziehungen kennt.

Natürlich ist der Kibbuz keine sozialistische Gemeinschaft. Im Gegenteil, er

ist ein militärisches Siedlerdorf, das als kolonialistischer Keil gegen das palästinensische

Volk gedient hat, mit all den damit verbundenen Spannungen und

Korruption. Außerdem ist der Kibbuz in eine kapitalistische Wirtschaft eingebettet,

die ihn subventioniert und nach außen zunehmend verflicht mit Lohnund

Kapitalbeziehungen. Aber gerade wegen dieser ungünstigen äußeren Be-

37


dingungen ist es umso bemerkenswerter, daß die Abschaffung von Geld- und

Marktbeziehungen allein schon zu vielen sozio-ökonomischen Ergebnissen im

Kibbuz geführt hat, die Marx und Engels vorausgesagt haben. Trotz des völligen

Verschwindens finanzieller Belohnung und Bestrafung produzieren die

Menschen im Kibbuz normal, und in Wirklichkeit leisten sie im Durchschnitt

mehr als die umliegende Marktwirtschaft. Es gibt keine neue „nicht-monetäre“

Form der ökonomischen Ungleichheit, Privilegien, Ausbeutung oder Unterdrückung.

Gewalt und Verbrechen sind fast völlig verschwunden. Es gibt keine

Gefängnisse oder „Umerziehungslager“. Der durchschnittliche Zustand der

Gesundheit, Kultur und des Wohlstands ist viel besser als in der restlichen

israelischen Gesellschaft. Es besteht unbegrenzte politische und kulturelle Freiheit.

All das wird nicht nur von Anhängern des Kibbuz-Systems bestätigt,

sondern auch von sehr kritischen Beobachtern wie dem Psychoanalytiker Bruno

Bettelheim, dem Liberalen Dieter Zimmer oder dem Soziologen Melford

Sipro 7 . Natürlich gibt es viele Konflikte zwischen den Generationen und Geschlechtern,

das zum einen. Der Kibbuz ist keine erfüllte Utopie. Individualistische

Neigungen und individuelles Verhalten sind infolge der sozio-ökonomischen

Gleichheit durchaus nicht verschwunden Warum sollten sie? Das

non plus ultra in der Entwicklung einer klassenlosen Gesellschaft ist nicht die

Gleichheit der Individuen, sondern die größtmögliche Entfaltung der größtmöglichen

Anzahl von Individuen. Das Ziel des Sozialismus ist nicht so sehr

die Sozialisierung des Menschen, sondern die Vermenschlichung der Gesellschaft

- die umfassendste Entwicklung der einmaligen Persönlichkeit eines jeden

Individuums.

VII. Organisierte Selbstverwaltung

Die Motivation — zur Wirtschaftlichkeit, Kooperation und Innovation— ist

also für die sozialistische Demokratie kein unlösbares Problem. Größere

Schwierigkeit bereitet die Institutionalisierung der Volkssouveränität als solche.

Wie kann ein Maximum an Konsumbefriedigung mit einem Minimum an

Arbeitsbelastung der Produzenten verbunden werden? Alec Nove verweist

zurecht auf diesen Widerspruch, den kein ernsthafter Marxist leugnen wird.

Aber diesen Widerspruch zur Kenntnis nehmen—daß man nicht unendlich Güter

und Dienstleistungen bereitstellen kann, wenn die wöchentliche Arbeitszeit sich

gegen 1 oder 0 Stunden bewegt, es sei denn mithilfe einer noch in der fernen

Zukunft liegenden „totalen“ Automatisierung - bedeutet nicht, daß man die

Befriedigung der Konsumwünsche aller Menschen nicht beträchtlich steigern

kann, bei gleichzeitiger spürbarer Verminderung der Arbeitslast und -entfrem-

38


dung für die unmittelbaren Produzenten. Ein System organisierter Selbstverwaltung

könnte dieses Ziel weitgehend erreichen. Seine grundlegenden Mechanismen

und Institutionen würden folgendermaßen funktionieren:

Regelmäßig - sagen wir der Einfachheit halber einmal jährlich - tagende Kongresse

nationaler (und sobald wie möglich internationaler) Arbeiter- und Volksräte

würden anhand vorliegender Alternativen, die zuvor anläßlich der Wahlen

zu diesen Kongressen von allen Bürgern diskutiert wurden, die grobe Verteilung

des Nationalprodukts festlegen. Die Entscheidungen, d.h. die wichtigsten

voraussehbaren Folgen jeder Option würden deutlich herausgearbeitet: die damit

verbundene durchschnittliche Arbeitsbelastung (die Länge der Wochenarbeitszeit);

die vorrangigen Bedürfnisse, die mittels einer gesicherten Zuteilung

der Ressourcen (ihrer „freien“ Verteilung) zu befriedigen sind; der Umfang

der für das „Wachstum“ bereitzustellenden Mittel (ein Reservefond +

dem Konsum der zuwachsenden Bevölkerung + den Nettoinvestitionen infolge

der technologischen Entscheidungen, die ebenfalls deutlich herausgearbeitet

werden müssen); der Umfang der für die „nicht wesentlichen“ Güter und Dienstleistungen

bereitzustellenden Ressourcen, die über den Markt verteilt würden.

Der globale Rahmen des Wirtschaftsplans wird dabei durch eine bewußte

Auswahl von einer Mehrheit der Betroffenen abgesteckt.

Ausgehend von den so getroffenen Entscheidungen würde dann der allgemeine

Plan erstellt, wobei man sich der input-output-Tabellen und der Materialaufstellungen

bedienen kann, die für jeden Produktionszweig (Industriesektoren, Transportwesen,

Landwirtschaft und Distribution) und für das gesellschaftliche Leben

(Erziehung, Gesundheit, Nachrichtenwesen, Verteidigung, falls noch erforderlich,

usw.) die zur Verfügung stehenden Ressourcen angeben. Der nationale

und internationale Kongreß würde diesen allgemeinen Rahmen nicht überschreiten

und würde keine besonderen Festlegungen für die einzelnen Branchen oder

Produktionseinheiten oder Regionen treffen.

Die Selbstverwaltungsorgane - z.B. Arbeiterräte und Kongresse in der Schuh-

, Lebensmittel-, Elektro- und Stahlindustrie oder Energiewirtschaft - würden

dann den aus diesem allgemeinen Plan sich ergebenden Arbeitsanfall auf die

vorhandenen Produktionseinheiten verteilen und/oder die zusätzlich zu schaffenden

Produktionseinheiten für die nächste Periode planen, wenn die Verwirklichung

der Produktionsziele bei dem gegebenen Arbeitseinsatz dies erforderlich

macht. Sie würden den technologischen Durchschnittsstandard für die

39


Produktion der Güter herausfinden, also die durchschnittliche Arbeitsproduktivität

oder durchschnittlichen ;,Produktionskosten“ (und damit schrittweise

auf der Grundlage des bestehenden Wissens an das technische Optimum herankommen).

Sie würden jedoch die Einheiten mit der niedrigsten Produktivität

solange nicht schließen, wie der gesamte Ausstoß in den anderen Einheiten

nicht die Gesamtmenge der Bedürfnisse deckt, und solange nicht neue Arbeitsplätze

für die Produzenten unter für sie zufriedenstellenden Bedingungen

garantiert sind.

In den Einheiten, die Produktionsmittel herstellen, würde die Produktionspalette

weitgehend von den technischen Vorgaben bestimmt, die sich aus den vorangegangenen

Entscheidungen ergeben haben. In den Fabriken, die Konsumgüter

herstellen, würde der Produktionsumfang durch vorhergehende Beratung zwischen

Arbeiterräten und den von der Masse der Bürger demokratisch gewählten

Verbraucherversammlungen ermittelt. Ihnen würden verschiedene Modelle

vorgelegt, z.B. verschiedene Schuhmodelle, die von den Verbrauchern begutachtet,

kritisiert und durch andere ersetzt werden könnten. Ausstellungsräume

und öffentliche Anschlagtafeln wären die Hauptinstrumente für solche

Verbrauchertests. Es könnte eine Art „Referendum“ stattfinden, indem ein

Verbraucher, der Anspruch auf sechs Paar Schuhe im Jahr hat, sechs Modelle

auf einer Liste ankreuzt, die einhundert oder zweihundert Wahlmöglichkeiten

aufweist. Das Modellangebot würde vom Ausgang dieses Referendums bestimmt

und zusätzlich ein Mechanismus eingebaut, der die Produktion im Nachhinein

der Verbraucherkritik aussetzt. Verglichen mit dem Marktmechanismus

hat dieses System den großen Vorteil, daß der Verbraucher einen viel größeren

Einfluß auf das Produktionsangebot hat und daß Überproduktion vermieden

wird. Der Ausgleich zwischen den Verbraucherwünschen und der Produktion

erfolgt vor der Produktion, nicht nach dem Verkauf, wobei zusätzlich eine

gesellschaftliche Reserve produziert würde, die als Nachfragepuffer auf Lager

genommen wird und deren Größenordnung nach einigen Jahren empirisch (statistisch)

optimal bestimmt werden kann. Die Arbeiterräte in den Betrieben wären

dann frei, diese Branchenentscheidungen nach ihrem Belieben auf die Ebene

ihrer Produktionseinheiten zu übertragen und die Produktion und den Arbeitsprozeß

so zu organisieren, daß sie dabei die für sie größtmögliche Arbeitszeitökonomie

realisieren können. Wenn sie das Produktionsziel in 20 Stunden pro

Woche statt 30 Stunden erreichen, können sie sich nach Überprüfung der Qua-

40


lität der von ihnen hergestellten Güter eine entsprechende Herabsetzung der

Arbeitszeit leisten, ohne daß der gesellschaftliche Verbrauch eingeschränkt

werden muß.

Die Überlegenheit der Selbstverwaltung

Alec Nove vermerkt an einer Stelle: „In keiner Gesellschaft ist es möglich, daß

eine gewählte Versammlung mit 115 zu 73 Stimmen darüber entscheidet, wem

10t Leder zuzuteilen sind, oder ob weitere 100t Schwefelsäure hergestellt werden

sollen.“ 8 unserem Modell der organisierten Selbstverwaltung hätte keine

Versammlung zwei derartige Entscheidungen zur gleichen Zeit zu treffen; und

keine „zentrale“ Versammlung oder Planungsgruppe sähe sich vor solche

Entscheidungen gestellt. Aber aus welchem Grund sollte ein Kongreß von

Arbeiterräten der Lederindustrie nicht mehrheitlich (oder nach vorheriger Diskussion

einstimmig) über die Zuteilung von Leder entscheiden können (ob die

Entscheidung über so kleine Mengen, wie sie in dem Beispiel angeführt sind,

dem Fabrikrat überlassen bleiben sollte, ist eine andere Frage), nachdem das

Verbraucherziel für Ledererzeugnisse zuvor von anderen Organen festgelegt

wurde? Warum könnte er nicht die Gesamtmenge von sagen wir 50.000 t jährlich

produziertem Leder auf mehrere Betriebe verteilen (wie es heute ein Leder

verarbeitender Konzern auch tut), indem er jeder Produktionseinheit ihre „Kunden“

zuweist (d.h. die Endverbraucher der geforderten Mengen an Leder)?

Wären die Delegierten eines solchen Kongresses in der Tat nicht besser in der

Lage, eine solche Zuteilung vorzunehmen als irgendein Technokrat oder Computer,

weil sie ihre Branche besser kennen und eine Menge von Imponderabilien

berücksichtigen können, die kein Markt und keine zentrale Stelle in ihre

Kalkulation einbeziehen kann, bestenfalls durch Zufall?

Tatsächlich geschehen bei der Zuteilung der Ressourcen ständig riesige „Fehler“,

die eine aufgeschlossene Arbeiterversammlung niemals machen würde.

Kapitalistische Planer haben die Baukosten des Itaipu-Staudamms in Brasilien

mit fünf Milliarden Dollar veranschlagt. Nach dem heutigen Stand kostet er

achtzehn Mrd. Dollar, und der Staudamm ist noch nicht fertig. Der

Landwirtschaftsmaschinenkonzern John Deere mußte trotz der scharfen Konkurrenz

neue Produkte mehrmals neu zeichnen, wegen der immer wieder auftretenden

Diskrepanz zwischen den fachlichen Kenntnissen und Interessen der

Konstrukteure und den in der Produktion tätigen Ingenieuren. In der gegenwärtigen

Rezession hat die bayrische Automobilfirma BMW plötzlich entdeckt,

41


daß man die Lagerbestände von einem elf-Tage-Ausstoß auf einen fünf-Tage-

Ausstoß reduzieren konnte, d.h. mehr als 50%. Solche Beispiele ließen sich

nach Belieben vermehren.

Nationale Selbstverwaltungsorgane können darüberhinaus die Leitung der

öffentlichen Dienste übernehmen: Wohnung, Erziehung, Gesundheit,

Nachrichtenwesen, Transport und Distribution. Auch hier würden die betroffenen

Bürger Räte wählen, die zu konsultieren wären, bevor endgültige Beschlüsse

gefaßt werden. Regionale und lokale Organe würden die zugeteilten

Ressourcen ausgeben und zwar unter Entfaltung wiederum eines Maximums

an freier Initiative, um den besten Gebrauch davon zu machen, einerseits im

Interesse der Befriedigung der Verbraucherwünsche, andererseits der Verringerung

der Arbeitsbelastung der Produzenten. Ein solches System würde die Marxsche

Vorstellung vom Absterben des Staates mit konkretem Inhalt füllen. Dadurch

würde es möglich, daß mit einem Schlag mindestens die Hälfte der heute

amtierenden Minister durch Selbstverwaltungsorgane ersetzt würden. Die Folge

wäre außerdem eine radikale Verminderung der Zahl der Beamten, einschließlich

derer in den Planungsbehörden. Das würde zugleich bedeuten, daß

buchstäblich Millionen von Menschen nicht nur „konsultiert“ werden, sondern

tatsächlich an den Entscheidungen und an der direkten Leitung von Wirtschaft

und Gesellschaft mitwirken. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung zwischen denen,

die verwalten, und denen, die verwaltet werden—zwischen Bossen und

Untergebenen— würde anfangen zu verschwinden.

Die Verwaltung würde nicht mehr auf der „zentralen Ebene“ monopolisiert

und das Selbstmanagement bliebe nicht auf die betriebliche Ebene beschränkt.

Beide würden sich auf der zentralen und auf der lokalen Ebene miteinander

vermischen. Die meisten an der Entscheidungsfindung beteiligten Bürger würden

diese Tätigkeit nicht als Beruf ausüben und dabei ihre ganze Zeit auf

Versammlungen oder auf Reisen zu diesen verbringen. Da die anstehenden

Entscheidungen ihr Wohlergehen und ihre Arbeitsbedingungen direkt betreffen,

kann man annehmen, daß sie ihre Verantwortung nicht formal oder indifferent

wahrnehmen würden, sondern daß sie sich ihrer Aufgabe ernsthaft

widmeten. Die Herabsetzung der Arbeitszeit und das Informations- und

Kommunikationspotential der Computer würde die wichtigste materielle Grundlage

für eine erfolgreiche Streuung der Macht liefern 9 .

42


Wie müßte das zusätzliche Geldeinkommen der produzierenden und verteilenden

Einheiten über ihren garantierten Anteil an freien Gütern und Dienstleistungen

hinaus kalkuliert werden? Es könnte einem Index der Qualitätskontrolle

und der Zufriedenstellung der Verbraucher folgen, der einen Koeffizienten

für Arbeitsstreß enthält ( besonders in Bergwerken und an anderen Arbeitsplätzen,

wo schwere Arbeit verrichtet wird, die eine höhere Entlohnung

erfordert). Für Zwischenprodukte wäre die pünktliche Lieferung ein Bestandteil

dieses Index. Der Vorteil eines solchen Systems läge darin, daß es keine

eingebauten Hindernisse für einen ehrlichen Informationsfluß über die Ressourcen

und Kapazitäten der Produktions— und Distributionseinheiten enthielte,

da die die Selbstverwaltung ausübenden Arbeiter kein Interesse daran

haben, die Fakten zu verschleiern. Nove macht einen starken Einwand gegen

die Vorstellung geltend, ein ehrlicher Informationsfluß könne selbstverständlich

sein. Aber er übersieht, daß die Hauptursache für die Verwendung falscher

Daten in Gesellschaften wie der Sowjetunion die materiellen Interessen

der Fabrikdirektoren sind, die auf einen bestimmten materiellen Produktionsausstoß

festgelegt sind. Man kann die Folgen nicht vermeiden, wenn man die

Ursachen nicht unterbindet. Hinzu kommt natürlich noch, daß ein computerisierter

Informationsfluß, der den Güterstrom begleitet, auf lange Sicht zur Eingabe

korrekter Daten für eine demokratisch zentralisierte Planung zwingt.

Wie könnte solch ein System im Weltmaßstab aussehen? Zunächst muß man

betonen, daß demokratische Selbstverwaltung nicht bedeutet, daß jeder über

alles entscheidet. Nimmt man das an, ist die Schlußfolgerung offensichtlich:

Sozialismus ist nicht möglich. Denn Milliarden Menschen können in ihrer Lebenszeit

nicht einmal einen Bruchteil der alle Menschen betreffenden Angelegenheiten

in ihrem Sinne regeln. Das ist aber auch nicht nötig. Einige Entscheidungen

können am besten auf der Ebene von Abteilungen getroffen werden,

andere auf der des Betriebs, wieder andere auf der der Stadtteile, Ortschaften,

Regionen, Kontinente und wieder andere schließlich weltweit. In der

Auseinandersetzung mit Nove dreht sich unsere Diskussion bisher hauptsächlich

um die nationale Ebene. Welche Entscheidungen könnten und sollten aber

im weltweiten Maßstab getroffen werden? Hier bieten sich sofort vier Entscheidungsfelder

an. Das erste umfaßt sämtliche Entscheidungen, die eine globale

Umverteilung der menschlichen und materiellen Ressourcen bedeuten, zur

schleunigen Beseitigung der sozialen und kulturellen Mißstände, die die Ursache

für Unterentwicklung, Hunger, Kindersterblichkeit, Krankheit und

Analphabetismus in der Dritten Welt sind.

43


Das zweite wäre die Festlegung der Prioritäten für die Zuteilung wirklich knapper

natürlicher Ressourcen, solcher Ressourcen, die absolut zu versiegen drohen

und die keine Minderheit der Menschheit das Recht hat, den kommenden

Generationen zu rauben: hierüber kann nur die Gesamtheit der heute lebenden

Weltbevölkerung von rechts wegen entscheiden.

Das dritte betrifft alles, was die natürliche Umwelt und das Klima auf dem

Planeten als ganzes beeinträchtigt.: all jene Prozesse, die die Meere verschmutzen

oder umkippen lassen können, die Polargebiete und die Atmosphäre gefährden

oder das ökologische Gleichgewicht in solchen, für die gesamte Welt wichtigen

Regionen zerstören wie die Amazonaswälder. Schließlich müßte natürlich ein

universelles Verbot der Herstellung von Massenvernichtungswaffen, toxischen

Drogen u.ä. erlassen werden.

Aus diesen globalen Bestimmungen ergeben sich Zwänge für die Zuteilung der

kontinentalen und nationalen Ressourcen, die dann noch verfügbar bleiben für

die Planung und Erfüllung der Bedürfnisse; diese wiederum muß jeder Kontinent

und jedes Land selbst festlegen. So wären z.B. nach der Festlegung der

Tonnen Stahl, die jeweils für Amerika, Europa oder Asien zur Verfügung stehen,

die Produzenten und Konsumenten auf diesen Kontinenten frei, die jeweiligen

Kontingente nach ihren eigenen Beschlüssen weiter aufzuteilen. Würden

sie trotz aller Argumente über Umwelt— und andere Schäden an der Priorität

für Privatautos festhalten wollen, die weiterhin ihre Städte verpesten würden,

müßten sie hierzu berechtigt sein. Änderungen im eingefleischten Verbraucherverhalten

vollziehen sich im allgemeinen nur langsam. Kaum jemand

wird glauben, daß die Arbeiter in den USA am Tag nach der sozialistischen

Revolution ihre Vorliebe für das Privatauto aufgeben werden. Das Ansinnen,

Menschen zu zwingen, ihr Verbraucherverhalten zu ändern, ist weitaus schlimmer,

als einige Jahrzehnte lang den Smog in Los Angeles zu ertragen. Die

Emanzipation der Arbeiterklasse, die allen gegenteiligen Ansichten zum Trotz

zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit die absolute Mehrheit der

Weltbevölkerung ausmacht, kann nur durch die Arbeiter selbst erreicht werden,

und zwar so, wie sie sind: nicht Menschen aus einer anderen Welt, sondern

Menschen mit ihren Schwächen, wie wir sie alle haben.

44


Der Aufbau des Sozialismus

Solch ein Komplex bewußter Zuteilung von Ressourcen, demokratisch zentralisierter

Planung und Selbstverwaltung wäre viel wirkungsvoller als eine (monopolkapitalistische)

Marktwirtschaft oder eine (bürokratisch zentralisierte)

Befehlswirtschaft. Denn es gäbe dann einen machtvollen, eingebauten Mechanismus

der Selbstkorrektur von Fehlentscheidungen, den es in den beiden heute

vorhandenen Alternativen nicht gibt. Wir glauben nicht, daß „die Mehrheit

immer recht hat“, ebensowenig wie wir glauben, daß der Führer, der Papst

oder die Partei immer recht haben. Fehler macht jeder. Das gilt auch für die

Mehrheit der Bürger, der Produzenten und ebenso für die Mehrheit der Verbraucher.

Aber es wird einen grundlegenden Unterschied zwischen ihnen und

früheren Mehrheiten geben. In jedem System mit ungleicher Machtverteilung—

gleich ob diese auf wirtschaftlicher Ungleichheit, politischem Monopol oder

einer Kombination von beiden beruht —bezahlen die, die falsche Entscheidungen

über die Zuteilung von Ressourcen treffen, selten den Preis für die Folgen

ihrer Fehlentscheidung; niemals zahlen sie den höchsten Preis.

Wenn Vorstandsmitglieder einer großen Monopolgesellschaft über eine wichtige

Investition entscheiden, die sich einige Jahre später nicht auszahlt, werden

sie nicht selbst zu Empfängern von Arbeitslosenunterstützung und ihre Wohngebiete

verfallen nicht. Aber die Arbeiter, die sie entlassen haben und deren

Wohngebiete erleiden genau dieses Schicksal, obwohl sie an der Entscheidung

völlig unschuldig sind. Genauso müssen weder die Mitglieder des Präsidiums

der KPdSU, noch des Ministerrats noch die Verantwortlichen für den Gosplan

auf den Genuß von Fleisch verzichten, wenn sie eine Fehlentscheidung in der

Landwirtschaftspolitik treffen, während Millionen Menschen jahrelang an

mangelhafter Ernährung leiden und ganze Gebiete verseucht oder zerstört werden

können. Im Gegensatz hierzu werden die Masse der Produzenten und Konsumenten,

wenn sie eine Fehlentscheidung bezüglich der Zuteilung der Ressourcen

getroffen haben, die ersten sein, die für ihren Irrtum zu bezahlen haben.

Vorausgesetzt es gibt eine wirkliche politische Demokratie, eine wirkliche

kulturelle Wahl— und Informationsmöglichkeit, ist schwerlich anzunehmen,

daß sie lieber ihre Wälder dahinsiechen, ihren Verbrauch an Fleisch sinken,

ihren Wohnraum zerfallen, ihre Krankenhäuser ohne ausreichendes Personal

lassen, als die falsche Zuteilung von Mitteln rasch zu korrigieren.

Das System, das wir beschrieben haben, wäre noch nicht der „reine Sozialismus“,

den Marx und Engels sich vorgestellt haben. Es wäre immer noch eine

45


Übergangsgesellschaft zum Sozialismus — obwohl sie tatsächlich und definitiv

auf dem Weg zum Sozialismus wäre und nicht auf dem in eine unbekannte

Zukunft oder zurück zum Kapitalismus. Denn es würde immer noch ein Bereich

bestehen bleiben, der vom Geld und vom Markt beherrscht wird. Private

und genossenschaftliche Unternehmen würden in der Kleinproduktion weiterbestehen

(Landwirtschaft, Handwerk, Dienstleistungen, usw.). Privates Unternehmertum

wäre nicht verboten. Da alle Bürger ein gesichertes Mindestniveau

an Verbrauch hätten, gäbe es keine wirtschaftliche Notwendigkeit, die eigene

Arbeitskraft an diese Unternehmer zu verkaufen; Arbeitsverträge mit ihnen

wären also wirklich freiwillig. Die „Arbeit auf eigene Rechnung“ könnte zunehmen,

wenn Bürger eine Ausstattung an Heimwerkzeugen bekommen, die es

ihnen ermöglicht, Dinge für ihren eigenen Bedarf oder den ihrer Familien, ihrer

Freunde und Nachbarn herzustellen, und zwar in ihrer Freizeit. Autos, die

alle gleich aussehen, machen die Städte häßlich. Sie könnten anders aussehen,

wenn die Autobesitzer schöpferische Maler würden und ihre Phantasie darauf

verwendeten, ihre Autokarosserien entsprechend zu gestalten. Der Bereich praktischer

„do-it-yourself“-Initiativen würde sich erheblich ausweiten.

VIII. Gemischte Wirtschaft ist doppeltes Elend

Alec Nove hat ein Modell eines machbaren Sozialismus vorgeschlagen, das

sich aus fünf Segmenten zusammensetzt: eine Kombination von staatlichen,

vergesellschafteten, genossenschaftlichen, kleinen privaten und individuellen

Unternehmen 10 . Auf den ersten Blick mag der Unterschied zwischen diesem

Schema und dem Modell, das wir gerade skizziert haben, relativ geringfügig

erscheinen. Doch obwohl sich die Modelle in einigen Punkten überschneiden,

weichen sie in drei Punkten wesentlich voneinander ab.

Der erste betrifft den Charakter der vorherrschenden Produktions—bzw. Distributionsweise.

Für Nove bedeutet individuelle Kostenberechnung auch individuelle

Rentabilität der Einheiten. D.h. die Einkommen der jeweiligen Gruppen

oder Personen sollen abhängen von der rechnerischen Differenz zwischen den

Kosten von Input und Output (in Geld oder Wert ausgedrückt). Mit anderen

Worten: diese Einheiten sind unabhängige Firmen. Damit sind wir nicht einverstanden.

Unserer Ansicht nach bedeutet das, das Einkommen der Gruppen

oder Personen an den „Profit“ zu binden, und damit mächtige Impulse wirtschaftlicher

Irrationalität fortbestehen zu lassen, die sich gesellschaftlich verheerend

auswirken können, da zahlreiche Entscheidungen in Abhängigkeit von

besonderen, partiellen Interessen getroffen werden. Aus dem gleichen Grund

46


glauben wir nicht, daß Übereinkünfte zwischen Produzenten und Konsumenten

auf Belohnung oder Bestrafung mit Geld beruhen sollten. Anders ausgedrückt:

wirkliche Marktverhältnisse, also Warenaustausch, der in Geldform abgewickelt

wird, sollte im wesentlichen begrenzt sein auf die Beziehungen zwischen dem

privaten bzw. genossenschaftlichen Bereich einerseits und dem individuellen

Verbraucher bzw. dem vergesellschafteten Bereich andererseits. Das würde

bedeuten. daß in den fortgeschrittenen Industrieländern solche Marktbeziehungen

nur ein untergeordnetes Gewicht hätten im Verhältnis zum gesamten

Ausstoß und Verbrauch. Die Dynamik des Übergangs würde sich in

Richtung auf das Absterben der Warenproduktion bewegen, nicht in Richtung

auf ihre Ausweitung.

Zweitens macht Alec Nove einen Unterschied zwischen dem zentralisierten

.,staatlichen Sektor“, wo der Umfang des Einsatzes der Technik und ihre

Kompliziertheit seiner Meinung nach eine Selbstverwaltung der Produzenten

unmöglich machen, und einem „vergesellschafteten Sektor“ von Unternehmen

mit einer weniger aufwendigen Produktion, wo eine solche Selbstverwaltung

eingeführt werden könnte. Er scheint auch anzunehmen, daß Einkommensunterschiede

in beiden Sektoren unerläßlich wären; möglicherweise gelte das

auch für den genossenschaftlichen Bereich. So schreibt er: „Einkommensunterschiede

(eine Art Arbeitsmarkt) sind die einzig bekannte Alternative

zur Lenkung der Arbeit durch Befehle. Es ist wichtig, hier eine geistige Konfusion

zu vermeiden: manche mögen einwenden, daß es innerhalb einer Kommune

oder eines Kibbuz völlige Gleichheit oder auch Rotation der Arbeit geben

kann ... Das kann man aber nicht auf die ganze Gesellschaft übertragen, zum

Teil deshalb, weil dies nur bei kleinen Einheiten möglich ist, wo die Anzahl der

Menschen beschränkt ist, sie sich untereinander kennen und täglich treffen

können; und zum Teil deshalb, weil solche Kommunen nur Enthusiasten anziehen,

die eine solche Lebensform mögen.“ 11

Dies Argument entspricht scheinbar dem gesunden Menschenverstand, in Wirklichkeit

beruht es auf einer Reihe von unbewiesenen Dogmen und Vorurteilen.

Es stimmt nicht, daß es nur die Wahl gibt zwischen einer despotischen „Leitung

der Arbeit“ und einem Arbeitsmarkt. Kooperativ verteilte Arbeit ist eine

echte Alternative. Noch auch ist es richtig, daß sich sehr große Einheiten nicht

ohne Einkommensunterschiede verwalten lassen. Im 19. und im frühen 20.

Jahrhundert wurden Gewerkschaften und Kirchen, die zehn— und hunderttausende

Mitglieder umfaßten, oft von Menschen geleitet, die keine ernsthaften

47


materiellen Privilegien dafür erhielten. Das trifft auch auf große wissenschaftliche

Organisationen zu, darauf weist Alec Nove selbst hin, ganz zu schweigen

von den großen Produktionsgenossenschaften. Nove weist zu Recht an anderer

Stelle darauf hin, daß nur wenige Professoren lieber Müllmänner wären, auch

wenn sie hierfür besser bezahlt würden. Das steht aber doch eher im Widerspruch

zu seiner allgemeinen Annahme. Es ist ein Argument dafür, unangenehme,

schmutzige oder Schwerarbeit, nicht Verwaltungstätigkeit oder Facharbeit

besser zu entlohnen, vorausgesetzt, die Gesellschaft bezahlt für den Einsatz

der Qualifikation.

Aber der vielleicht bedeutendste Fehler in Noves Argumentation liegt woanders.

Er liegt in dem Gegensatz, den er zwischen „der kleinen Anzahl von

Menschen“ und der „Großorganisation“ annimmt. Denn es gibt nicht so etwas

wie eine unstrukturierte, also atomisierte Großorganisation. Eine moderne

Fabrik oder Bank, ein Hospital oder eine Hochschule sind sicher nichts dergleichen.

Alle Einrichtungen dieser Art beruhen in Wirklichkeit auf kleinen

Einheiten, die objektiv gesellschaftlich zusammenarbeiten: Arbeitsteams, Büros,

Abteilungen, Klassen usw. Warum sollte es undenkbar sein, daß sich diese

kleinen Einheiten selbst verwalten? Daß sie Delegierte wählen (auch solche die

rotieren), die dann größere Einheiten verwalten, die ihrerseits das Ganze verwalten?

Die Voraussetzungen für demokratische Selbstverwaltung findet man

in den Bedingungen, unter denen die heutigen Keimzellen bestehender undemokratischer

Institutionen funktionieren: d.h. in den Arbeitsbeziehungen einer

kleinen Anzahl von Leuten, die einander kennen, sich täglich treffen und einander

brauchen, anders ausgedrückt: die ihre Arbeit ohne gegenseitige Zusammenarbeit

überhaupt nicht verrichten können. Darum glauben wir im Gegensatz

zu Alec Nove, daß der Wirkungsbereich der Selbstverwaltung grundsätzlich

eher ein universeller als ein sektorieller ist, und daß der Anreiz durch Geld

und materielle Privilegien nicht unverzichtbar, sondern eher hinderlich ist für

eine demokratische Ausübung administrativer Aufgaben.

Der dritte grundlegende Unterschied zwischen Noves Modell und dem unsrigen

betrifft die Rolle des Wettbewerbs. Nove ist sich der destruktiven und

korrumpierenden Auswirkungen des Konkurrenzkampfs im heutigen Kapitalismus

bewußt. Er möchte dennoch den Geldanreiz im Sozialismus aufrechterhalten.

Er argumentiert, man müsse zwischen „gutartigen“ und „unerwünschten“

Formen des Wettbewerbs unterscheiden

48

12 . Aber die Beispiele, die er anführt,

um diesen Unterschied zu verdeutlichen, beweisen in Wirklichkeit, welch


geringe Bedeutung er im wirtschaftlichen Leben hat. Es ist offensichtlich, daß

der „Wettbewerb“ um einen Sitz im schottischen Nationalorchester, um den

Sieg auf der Olympia-Bahn oder sogar um die Wahl in den Arbeiterrat eines

„vergesellschafteten Dupont-Konzerns“ mit dem Wettbewerb um den Verkauf

von Erdöl, Stahl, Schwermaschinen, Flugzeugen oder Raketen auf dem Markt

sehr wenig zu tun hat. Die erste Art von „Wettbewerb“ hat unseres Wissens

nach noch nie Millionen Menschen Elend gebracht (sie hat sehr viel persönliches

Leid gebracht—der Marxsche Sozialismus hat allerdings nie von sich

behauptet, er könne alles individuelle Leid aufheben). Die zweite Art von Wettbewerb

hingegen hat nicht nur immer wieder Massenerwerbslosigkeit und sinkenden

Lebensstandard hervorgerufen, wenn nicht gar völlige Armut, sondern

auch Kriege, die Millionen Tote kosteten.

Ein falsches Dilemma

Nove wird jedoch unfreiwillig spitzfindig, weil er der konventionellen Sicht

des Marktes verhaftet bleibt. Die Kombination von „Markt“ und „Sozialismus“

in seinem Denken verwickelt ihn unvermeidlich in verwirrende Widersprüche.

Nove wirft wiederholt Marxisten eine utopische Vision des Sozialismus

vor. Er sieht jedoch nicht, daß die von ihm benannten Voraussetzungen:

eine höhere Stufe an freiwillig von Individuen übernommener, sozialer Verantwortung

und zugleich gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die von Wettbewerb,

Geldentlohnung und materiellem Gewinn geprägt sind, in höchstem Maße

utopisch sind. Sie erinnern abgemildert an die naive (oder zynische) Behauptung

der sowjetischen Bürokratie, daß die UdSSR den „neuen Menschen“ schaffen

kann unter Aufrechterhaltung gewaltiger Unterschiede im Einkommen und

im Machteinfluß und bei fortbestehendem allgemeinem Streit um materielle

Vorteile. Nove treibt es in seine Widersprüche, weil er Gefangener eines falschen

Dilemmas ist. Die Logik seines Irrtums wird in folgender Passage deutlich:

„Nehmen wir an, es gäbe sechzehn oder mehr Unternehmen (vergesellschaftete

und genossenschaftliche), die das gleiche Produkt oder die gleiche Dienstleistung

herstellen. Das mag ein Wolltuch, Zahnpasta, ein Kugellager, Urlaubshotels

oder sonst etwas sein. Ihre Aktivität als Produzenten beruht auf

Verhandlungen mit den Konsumenten. Letztere können wählen, von wem sie

die Güter und Dienstleistungen anfordern. Alle können von ihrem Zulieferer,

den sie wählen, die Güter erhalten, die für die Produktion nötig sind. Sie haben

ein inhärentes Interesse daran, ihre Kunden zufriedenzustellen ... Wir können

hoffen, daß die Motivation zum Wettbewerb nicht in erster Linie darin liegt,

49


mehr Geld zu verdienen.... Aber wir können nicht annehmen, daß die Masse

der Bevölkerung nur um des Erfolgs willen handelt, und daß es keines materiellen

Anreizes oder materieller Abschreckung bedarf. „ 13

Mit dem ersten Teil der Argumentation stimmen wir völlig überein. Wir würden

noch einschränkend hinzufügen, daß es für die meisten anspruchsvollen

oder größeren Ausrüstungsgüter keine sechzehn Lieferanten geben wird. Aber

der zweite Teil folgt keineswegs logisch aus dem ersten. Er stellt eine Art

Zusatz oder Nachtrag dar, steht aber mit dem ersten Teil in keinem Zusammenhang

und entbehrt auch der Begründung. Nove tut so, als könnten Menschen

entweder nur völlig uneigennützig handeln oder infolge eines finanziellen

Anreizes. Diese Wahlmöglichkeit ist jedoch nicht erschöpfend. Warum soll es

nicht Anreize oder Abschreckungen geben, die nicht auf Geld beruhen und

keinen Marktcharakter tragen? Die alltägliche Erfahrung lehrt uns, daß diese

sogar im Kapitalismus Bedeutung haben. Wenn über 99% der Autofahrer die

Verkehrsampeln beachten, so doch nicht in erster Linie deshalb, weil sie der

Geldstrafe entgehen wollen, die bei Übertretung dieses Gebots droht, sondern

weil sie länger leben wollen. Dieser gesunde Selbsterhaltungstrieb ist durchaus

verwandt mit einem anderen menschlichen Impuls: dem Wunsch, unangenehme,

mechanische, langweilige und unschöpferische Arbeit zu reduzieren, -

Arbeit, die nur vollbracht wird, um Verbrauchsgüter und Dienstleistungen zu

beschaffen und die verlorene Lebenszeit bedeutet. Es gibt immer einen potentiellen

Anreiz, die Arbeitsbelastung zu verringern, indem man die Arbeit besser

organisiert - das ist ein sehr mächtiger Anreiz. Vor allem aber und darüberhinaus

scheint Nove vergessen zu haben, daß auch eine „gesellschaftliche Dividende“

einen Anreiz darstellen kann. Warum sollte eine zusätzliche Menge

an kostenlos zugeteilten Gütern und Dienstleistungen nicht an die jährliche

wirtschaftliche Gesamtleistung geknüpft werden und dies durch eine öffentliche

Debatte und Telekommunikation publik gemacht werden? Wäre es nicht

für alle Produzenten und Distributoren von Gütern ein Anreiz, die Quantität

zu steigern, die Qualität der Leistungen zu verbessern und ihre Arbeitsorganisation

zu rationalisieren, wenn eine bestimmte Steigerung des Güterausstoßes

und der Dienstleistungen, die tatsächlich produziert und verbraucht werden,

z.B. verbunden würde mit einer zusätzlichen Verlängerung des bezahlten Urlaubs

und kostenloser Reisen für alle (wenn dies von der Mehrheit gewünscht

wird)? Nachdem Nove auf diese Weise einen künstlichen Gegensatz zwischen

subjektiven Motivationen geschaffen hat, der ihn zwingt, den finanziellen Anreiz

zu verteidigen, läßt er die objektiv irrationalen Folgen außer acht, die sich

50


aus der Kombination einer verbreiteten Marktwirtschaft mit einem Sektor kostenloser

Güter und Dienstleistungen bei gesellschaftlichem Eigentum ergeben.

Denn natürlich ist es so, wenn der Profit der grundlegende Mechanismus

für die Zuteilung der Ressourcen bleibt, dann gibt es keinen Grund, warum die

sich daraus ergebenden negativen Folgen, die im Kapitalismus so deutlich auftreten,

nicht wieder auftauchen sollten. Es ist bezeichnend, daß Nove, wenn er

auf die Risiken der Zuflucht zum finanziellen Anreiz aufmerksam macht, nur

sehr geringfügige Beispiele dafür anführt, nicht die gewaltige Vergeudung, zu

der die Produktion für den Profit führt: Überkapazitäten, Überproduktion,

Arbeitslosigkeit, Vernichtung von Ausrüstungsgütern und Produkten. All diese

typischen Erscheinungsformen beeinträchtigen Produzenten und Konsumenten

zugleich viel ernstlicher als die angeblich überzogenen Kosten, die durch

das Fehlen der „Disziplin von Gewinn und Verlust“ entstehen. Diese Lehre

erfährt man nicht nur tagtäglich unter dem Kapitalismus. Man erfährt sie auch

schmerzlich in den nachkapitalistischen Gesellschaften. Die praktische Erfahrung

auch dort - vor allem in Jugoslawien und Polen, aber andere Beispiele

werden noch folgen - beweist, daß Versuche, die Verzerrungen und die Unwirksamkeit

der bürokratisch zentralisierten Planung durch verstärkte Zuflucht

zu Marktmechanismen auszugleichen, nach einigen Anfangserfolgen nur zu

einer wachsenden Kombination der Übel der Bürokratie mit denen des Marktes

führen, wobei sie sich gegenseitig verstärken, nicht etwa abschwächen.

Dies wird auch für China gelten, obwohl China für die Befürworter eines „marktwirtschaftlichen

Sozialismus“ das günstigste Beispiel darstellt, denn je rückständiger

ein Land, desto unerläßlicher bleiben Marktmechanismen, vor allem in

der Landwirtschaft. Es gibt keinen Zweifel, daß die Überwindung der katastrophalen

Fehler des „Großen Sprungs nach vorn“ —ein völlig irrationaler

und mystischer Begriff für den Versuch der sofortigen Einführung des Kommunismus

— auf dem Land in China zu beträchtlichen Fortschritten geführt

hat. Die Produktion und Produktivität sind in die Höhe geschnellt, auf dem

Land wird jetzt ein wachsender Überschuß erzeugt. Das war das Ergebnis der

Freisetzung gewaltiger produktiver Energien der chinesischen Bauernschaft,

die wahrscheinlich fähigste Bauernschaft der Welt, mit einer zweitausend Jahre

alten Tradition im intensiven Landbau, die in vielen Teilen Westeuropas,

ganz zu schweigen von Osteuropa, nicht ihresgleichen hat. Aber der wachsende

Überschuß an Getreide wird zu einem wachsenden Überschuß an landwirtschaftlichen

Arbeitskräften führen, da weniger Menschen mehr Nahrungsmittel

erzeugen. Was wird mit dieser zusätzlichen Bevölkerung in fünfzehn,

51


zwanzig oder dreißig Jahren sein? Bleibt sie dem Markt überlassen, führt das

zu einem gewaltigen Anstieg der Arbeitslosigkeit in China—ein Problem, das

in den Großstädten bereits empfindlich spürbar geworden ist. Nur eine geplante

Industrialisierung kann diese überschüssige Bevölkerung auf dem Land absorbieren

und nur eine demokratisch, nicht bürokratisch geplante Industrialisierung

kann dies fertigbringen, ohne daß es zu solchen Erschütterungen auf

dem Land kommt, wie sie die Zwangskollektivierung in der Sowjetunion darstellte,

die wiederum selber ein panische Reaktion auf die Ausweitung der

Marktverhältnisse in der Sowjetunion war.

In seiner Zusammenfassung aller negativen wirtschaftlichen Konsequenzen aus

dem Markt bietet Nove eine positive, politisch rationale Erklärung dafür: daß

der Markt die Entscheidungsgewalt streut und damit zu einem Bollwerk gegen

die Tyrannei wird. Das ist natürlich die traditionelle liberale Rechtfertigung

des Marktes. Aber auch in sozialistischem Gewand ist diese Auffassung nicht

weniger falsch. Das wird daran deutlich, daß Nove zugleich erhebliche

Einkommensunterschiede für Verwalter akzeptiert. Wenn Verwalter aus ihrer

Stellung materielle Vorteile genießen, werden sie unvermeidlich versuchen, diese

in einen dauerhaften Besitztitel umzuwandeln, d.h. sich an sie zu klammern

samt allem wirtschaftlich irrationalen und politisch repressiven Verhalten, das

damit verbunden ist. Die Macht neigt zum Monopol. Die Streuung von Macht,

für die Nove eintritt, kann nur verwirklicht werden, wenn ihre Ausübung

von Privilegien getrennt wird. Das ist kein Glaubenssatz, sondern eine empirische

Tatsache, die sich aus der gesamten schriftlich überlieferten Geschichte

der Menschheit ergibt. Wenn Macht und Privileg zusammenfallen, dann ist die

Konsequenz daraus die Entfernung von der Demokratie und die Tendenz zum

Monopol der Information und des Wissens und der Kontrolle durch eine Minderheit.

Nove möchte einen demokratischen Sozialismus. Wenn er aber für

Geld als Form der Entlohnung von administrativen Leistungen eintritt, dann

ist es kein Zufall, daß er schließlich mit der Notwendigkeit eines starken Staates

aufhört 14 . Trotz aller Schärfe seiner Kritik am „real existierenden Sozialismus“

gelangt er auf diesem Weg zu zwei Schlußfolgerungen, die sehr viel

näher an die Realität der bürokratischen sowjetischen Ordnung herankommen,

als an den marxistischen Sozialismus. Es ist bezeichnend, daß Nove Solidarnosc

mit ganz ähnlichen Argumenten wie die polnische Bürokratie dafür kritisiert,

daß sie sich geweigert hat, Einschränkungen im Lebensstandard der polnischen

Arbeiter zuzustimmen 15 . Dabei vergißt er, daß die Verantwortung für den Zerfall

der Wirtschaft nicht bei den Forderungen der Arbeiter und ihren Streikak-

52


tionen liegt, sondern beim ganzen System der bürokratischen Mißwirtschaft

vor und nach l980 16 . In ähnlicher Weise berücksichtigt er nicht den unauflösbaren

Widerspruch zwischen der Arbeiterselbstverwaltung und dem „Marktsozialismus“,

der heute in Jugoslawien zu explosiven Situationen führt. Wenn

„objektive wirtschaftliche Gesetze“, die hinter dem Rücken der Produzenten

wirken—und das ist das, was Wertgesetz wirklich bedeutet— letztendlich über

Produktion und Beschäftigung entscheiden, dann können die Arbeiter weder in

ihrem Betrieb, noch in ihrem Wohnbezirk noch auf nationaler Ebene bestimmen,

was zu geschehen hat.

Gibt es denn keine Alternative? Das Leitmotiv des vorliegenden Artikels lautet

eben, daß es glücklicherweise einen Ausweg gibt: die demokratische und zentralisierte

Selbstverwaltung, die geplante ,Selbstherrschaft“ der assoziierten Produzenten.

Souveränität des Volkes hängt nicht davon ab, daß man eine

prästabilisierte oder perfekte Harmonie zwischen dem allgemeinen und den

besonderen Interessen in der Gesellschaft voraussetzt. Sie geht im Gegenteil

davon aus, daß es unvermeidlich Interessenskonflikte gibt zwischen Produzenten

und Konsumenten, technisch mehr oder weniger fortgeschrittenen Produktionseinheiten,

gesellschaftlich aktiveren und weniger aktiven Menschen, wirtschaftlich

und kulturell mehr oder weniger entwickelten Gebieten. Demokratische

Selbstverwaltung bedeutet eben ein System eingebauter Sicherungen,

die verhindern, daß diese Widersprüche jegliche Art rationaler Planung

und gesellschaftlicher Kooperation untergraben und so erneut Klassenkampf

und mörderische Gewalt auslösen. „Marktsozialismus“ hingegen ist

weder eine Lösung gegen die Übel des sog. freien Marktes noch gegen die

bürokratische Karikatur des freien Sozialismus. Gemischte Wirtschaft bedeutet

nur gemischtes Elend. Die reale Wirtschaft eines machbaren und wünschenswerten

Sozialismus wäre eine Alternative zu beidem. Im Gegensatz zu Alec

Noves erklärtem Glauben gibt es ein Drittes.

Unsere Debatte dreht sich letztlich um ein Problem, das das zentrale Problem

der Menschheitsgeschichte ist: ob und unter welchen Bedingungen die Menschheit

die Möglichkeit hat, ihr eigenes Geschick zu lenken oder ob Selbstemanzipation

und Selbstbestimmung für alle ein ewig unerfüllter Traum bleiben

wird. Wenn es den Gesellschaftswissenschaften und der gesellschaftlichen

Praxis nicht gelingt, eine Kontrolle über die gesellschaftlichen Prozesse zu

erlangen ähnlich der, die die Naturwissenschaften bisher über die Natur errungen

haben, dann drohen auch die Fortschritte in den Naturwissenschaften ge-

53


gen uns zurückzuschlagen. In der uralten Debatte zwischen der Kraft der Vernunft

und der Last des Schicksals—letzten Endes ein Wettstreit zwischen Wissen

und Aberglauben—stellen die „Marktkräfte“ nichts anderes dar als das

blinde Schicksal, durchsichtig verkleidet als Teil-”Rationalität“. Ist die menschliche

Erkenntnis der Gesetze ihrer eigenen Entwicklung wirklich eine Frucht,

deren Genuß verboten sein sollte?

Alec Nove:

Antwort auf Ernest Mandel

Ich bin Ernest Mandel für seine ernsthafte Kritik meiner Ideen über den

.,Marktsozialismus“ dankbar. Zufällig habe ich am selben Tag einen Text erhalten.

der einen Angriff auf meine Auffassungen seitens der Neuen Rechten

darstellt: Socialism. The Grand lllusion von Crozier und Selden. Die Autoren

bedauern, wie Mandel, die Vermengung von Plan und Markt, aber natürlich

von einem entgegengesetzten Standpunkt. Ich sage dies mit der Absicht, deutlich

zu machen, daß ich kein Anhänger des Laisser-faire bin und daß ich mir

völlig der Unzulänglichkeiten und Grenzen des Marktes bewußt bin. Eine minimale

Rolle des Staates und die grenzenlose Suche nach privatem Profit sichern

nicht den Wohlstand der Gesellschaft, und tatsächlich müssen diejenigen, die

derartige Konzepte verteidigen, die wirklichen Ideen von Adam Smith verfälschen,

während sie sich auf seinen Namen berufen.

Mandel leugnet nicht, daß sich der Warenaustausch unmittelbar nach einer

antikapitalistischen Revolution als notwendig erweisen kann und daß in dieser

Phase Plan und Markt in „hybriden Übergangsformen“ koexistieren können.

Für ihn, wie auch für Marx, scheint der Übergang zum Sozialismus somit

durch ein graduelles Verschwinden des Marktes gekennzeichnet zu sein. Darin

liegt unsere Meinungsverschiedenheit. Möglicherweise hat sie ihren Ursprung

in einem definitorischen Mißverständnis von seiner Seite. Er hat völlig Recht,

wenn er behauptet, daß in der Epoche des “Spätkapitalismus” gigantische

Gesellschaften existieren, mit verschiedenen Abstufungen vertikaler Integration,

innerhalb derer die „direkte“ hierarchische „Zuteilung“ den Markt ersetzt.

Ich habe dieses Problem selber in meinem Buch The Economics of Feasible

Socialism behandelt und dabei betont, daß zur gleichen Zeit Tausende und

Abertausende kleiner und mittlerer Unternehmen fortbestehen. Wir müssen von

der Auffassung ausgehen, daß die Ökonomie der Staffelung—auf dem Gebiet

der Technologie, der Informatik und der Organisation — zahlreiche Varianten

54


kennt und dasselbe sich sehr wahrscheinlich auch im Rahmen des Sozialismus,

den man sich in realistischer Weise vorstellen kann, fortsetzen wird. Deshalb

erscheint es uns korrekt, mehrere Kategorien von Produzenten in Betracht

zu ziehen. Aber Mandel irrt sich, wenn er die Trennungslinie zwischen Plan

und Markt, zwischen ex ante und ex post zieht. Selbstverständlich wird eine

große Zahl von Gütern vor der Bestellung produziert! Und sicherlich ist die

Trennlinie zwischen Plan und Markt nicht gleich der Trennlinie zwischen

Konfektionsware und auf Bestellung gefertigter Kleidung! Mandel sagt, daß

nicht der Markt, sondern das geplante Ziel der Produktion von Lkws die Anzahl

der Teile bestimmt, die hergestellt werden müssen. Jedes Lehrbuch erklärt

uns jedoch, daß die Nachfrage nach Einzelteilen (oder anderen Bestandteilen)

von der Nachfrage nach Lkws auf dem Markt abhängt. Offensichtlich ist eine

Planung im voraus, d.h. eine Vorwegnahme ex ante, die Regel in einer kapitalistischen

Marktwirtschaft, die auf Marktanalysen oder vorher ausgehandelten

Verträgen basiert. Auch in einer sozialistischen Wirtschaft kann man sich vorstellen,

daß Schiffe und die technische Einrichtung in den Elektrizitätswerken

auf Bestellung hergestellt werden und daß andererseits Schuhe, Hemden und

Gemüse in Hinblick auf eine angenommene Nachfrage der Konsumenten produziert

werden, wobei sich diese Annahmen als falsch erweisen können und

eine Überprüfung ex post erfordern werden. Natürlich existieren der Markt

und die Warenproduktion, wenn Güter für den Markt, für den Tausch und

nicht für den Gebrauch produziert werden, und dies ist unabhängig vom Grad

der vertikalen Integration im Produktionsprozeß des einen oder anderen Produkts.

Mandel fragt: ist es zulässig, Beweise anzuführen, die aus der sowjetischen

Erfahrung abgeleitet sind? Gewiß haben einige spezielle russische oder sowjetische

Faktoren—die Rückständigkeit, die „schlechte bürokratische Herrschaft“

—eine Rolle gespielt. Aber es sind Lehren aus den Erfahrungen zu ziehen, die

(z.B.) den Grad, das Ausmaß und die Komplexität der Konflikte zwischen den

Sonderinteressen und den Allgemeininteressen betreffen, die Indikatoren der

Planerfüllung, die Investitionskriterien, die Preise vom theoretischen wie vom

praktischen Gesichtspunkt aus, die Arbeitsanreize, die Ungleichgewichte in

der Landwirtschaft, der Einfluß der Verbraucherwünsche auf die Pläne und

den Produktionsausstoß, die Rolle der regionalen Politik usw. Während die

sowjetische Bilanz bei der Behandlung dieser und auch anderer Probleme (ein-

55


schließlich der Umweltverschmutzung) viel zu wünschen übrig läßt, wäre es

absurd, die sowjetische Erfahrung zu ignorieren, weil man sich im voraus entschlossen

hat, sie als „nichtsozialistisch“ zu bezeichnen.

Wenn es heute in der Sowjetunion mehrere Typen und Varianten von Gütern

und Dienstleistungen gibt, die von Hunderttausenden von Unternehmen (aus

den Bereichen Industrie, Bau, Landwirtschaft, Transport usw.) hergestellt und

geliefert werden, und wenn die bloße Komplexität einer Planung ohne Markt

sowohl die Bürokratie als auch die Ineffizienz hervorruft, so ist es tatsächlich

nicht sehr sachdienlich, an die „Demokratie“ als Heilmittel zu appellieren. Das

Recht verschiedener gesellschaftlicher Schichten, sich in pressure groups zu

organisieren, so wünschenswert es an sich auch ist, kann die Aufgabe der Planung

nur noch mehr komplizieren. Mandel erklärt uns, daß die meisten Menschen

in Wirklichkeit ihre Wahl nicht zwischen Millionen von Gütern und Dienstleistungen

treffen und daß die Ansprüche der Leute dieselben bleiben und weitgehend

voraussehbar sind. Sicher, eine totale Unvorhersehbarkeit würde das

Leben in jeder Gesellschaft unmöglich machen! Aber man muß sich folgende

Frage stellen: warum gibt es in der Sowjetunion (und im Westen) Millionen

von Produkten? Das Problem besteht darin, daß, während Mandel und ich

selbst nicht zwischen Tausenden von Schuhen und Tausenden von Urlaubsorten

wählen, diese Tausende von Schuhen und Urlaubsorte tatsächlich für andere

zur Auswahl da sind. Sobald die Wirtschaft über die Ebene der Subsistenz

hinausgeht, wünschen die Leute eine vielfältigere Ernährung (um einen Gedanken

von Mandel selbst aufzugreifen), und gleiches gilt hinsichtlich der Schuhe

und des Urlaubs usw. Je größer die Vielfalt der Outputs (Produkte) ist,

umso größer ist die Vielfalt der Inputs (der Produktionsmittel) und umso schwieriger

sind die Aufgaben der zentralen Planer. Mandel fragt: warum der zentralen

Planer? Warum mein Beharren auf die Staffelung im allgemeinen? Wissen

wir nicht, daß sich das Ganze aus mehreren Teilen zusammensetzt, denen die

Entscheidung zukommt? In dieser Frage glaube ich, daß Mandel und diejenigen,

die so wie er denken, an einer besonderen Art der Blindheit leiden. Ich

werde es im folgenden erläutern.

Zunächst gibt es in einer modernen industriellen Wirtschaft mit ihren vielfältigen

Verflechtungen eine Logik der Zentralisierung der Planung auf der Grundlage

einer bewußten Einschätzung der Bedürfnisse der „assoziierten Produzenten“.

Die Entscheidungen, die sich hinsichtlich der Produktion und der

Zuteilung ergeben, müssen (mit welchen Mitteln auch immer) die von der „Ge-

56


sellschaft“ oder ihren Repräsentanten festgelegten Prioritäten widerspiegeln.

Sind die Entscheidungen einmal getroffen, so müssen sie durchgeführt werden,

was den Einsatz von in zahlreichen Regionen eines Landes oder außerhalb des

Landes produzierten Ressourcen beinhaltet. Wenn man nicht von der Hypothese

ausgeht, daß der „Überfluß“ bereits existiert und das Problem der alternativen

Wahl sich somit nicht stellt, muß ein Organismus existieren, der die

Ressourcen zuteilt und sich dabei zwischen alternativen Einsätzen der Ressourcen

entscheidet. Ja, es ist der Markt, der dies tut, und er tut es in einer

unvollkommenen Weise. Aber die Existenz zahlloser horizontaler, frei ausgehandelter

vertraglicher Verbindungen befreit das Zentrum von einer andernfalls

untragbaren Last, und es ist somit nicht erstaunlich, daß in diesem Sinne seitens

der Gorbatschow am nächsten stehenden sowjetischen Reformer Vorschläge

gemacht werden.

Tertium datur? (Gibt es eine dritte Lösung?)

Mandel kritisiert mich, weil ich nur zwei Alternativen in Betracht ziehe, die

administrative Zuteilung und den Markt (Kauf und Verkauf). Er besteht darauf:

tertium datur. Er unterstreicht auch, daß der Mensch sowohl Konsument

als auch Produzent mit der freien Auswahl in beiden Fällen ist. Sicher, aber

man muß sich der Implikationen bewußt sein. Es gibt bereits jetzt Tätigkeiten,

die aufgrund ihrer eigenen Natur nicht dezentralisiert werden können, z.B. das

Elektrizitäts- und das Eisenbahnnetz. Die „Selbstverwaltung“ auf lokaler Ebene

(ein Elektrizitätswerk, der Abschnitt einer Eisenbahnlinie) muß aus

augenscheinlichen Gründen rigoros begrenzt werden. Die Frage der Kenntnis,

ob es einen Anstieg der Nachfrage nach Elektrizität oder Transport gibt und ob

es nötig ist, entsprechende Entscheidungen zu ergreifen, muß einer viel höheren

hierarchischen Ebene unterbreitet werden sowohl heute als auch in einer

möglichen sozialistischen Gesellschaft. Das ist der Grund, warum ich diese

Sektoren als Sektoren behandele, die zentral geplant werden müssen. Dennoch

glaube ich, daß im wesentlichen die Wirtschaft in einer Weise dezentralisiert

werden muß, daß die Leute sowohl als Verbraucher als auch als Konsumenten

soweit wie möglich frei sind. Es ist erstaunlich, daß laut Mandelder einfachste

und auch demokratischste Weg, die materiellen Ressourcen mit den

gesellschaftlichen Bedürfnissen in Einklang zu bringen, nicht ist, das Medium

Geld dazwischenzuschalten, sondern herauszufinden, welche Bedürfnisse die

Menschen haben, indem man sie danach fragt.“ Die Schwierigkeiten sind jedoch

ziemlich offenkundig. Wie kann man durch dieses Mittel die relative Intensität

der Bedürfnisse der Leute, die, wenn auch unvollkommen, durch die

57


Absicht zu bezahlen enthüllt wird, herausfinden? Wie wird man mit dem vorhersehbaren

Resultat umgehen, nach dem die Wünsche in ihrer Gesamtheit in

Gefahr geraten, die zu ihrer Befriedigung nötigen Mittel zu übersteigen? Welche

Lösung wird man den Bürgern anbieten, die der Meinung sind, daß ihre

Bedürfnisse nicht befriedigt werden? Und welche Machtmittel werden den Planern

erlauben, die Anwendung ihrer Entscheidungen sicherzustellen? Es ist

keine Antwort zu sagen, daß manche dringende Bedürfnisse klare Prioritäten

darstellen: Nahrungsmittel für Hungernde und Medikamente für Kranke müssen

gegenüber Luxusgegenständen Vorrang haben. Absolut einverstanden. Aber

die Welt ist ein wenig komplizierter. Wie Mandel selbst erklärt hat, haben wir

gerne eine vielfältigere Nahrung.

(...) Betrachten wir die Logik eines dezentralisierten Entscheidungsmechanismus

näher, unabhängig von der Tatsache, ob die Entscheidung dem Konsumenten,

dem Produzenten, einer Gemeinde oder einem besonderen lokalen Planungsbüro

zukommt. Sie haben alle eines gemeinsam, eine Anforderung: sie benötigen

eine gewisse Anzahl von Inputs. Einige, z.B. Wasser oder elektrische

Energie, können zentral in leicht voraussehbaren Mengen geliefert werden.

Andere, Tausende und Abertausende von Inputs, müssen von einer Unmenge

anderer Unternehmen produziert und geliefert werden. Diese können sie nur

unter der Bedingung liefern, daß sie die erforderlichen Produktionsmittel erhalten

und über eine Kontrolle der Güter und Dienstleistungen, die sie produzieren

werden, in einer Weise verfügen, die es ihnen ermöglicht zu liefern, was

der Kunde wirklich verlangt. In diesem Zusammenhang können wir die, an

sich wichtige, Frage der Bedingungen, unter denen die Entscheidungen tatsächlich

getroffen werden, den Grad der Selbstverwaltung oder der Beteiligung

im Rahmen der Produktionseinheit, beiseite lassen. Der wesentliche Punkt

ist, ob es sich um eine dezentralisierte Entscheidung handelt, die Inputs benötigt,

um verwirklicht zu werden. Wie werden sie in Mandels Welt erlangt? Wie

kann man die enormen Schwierigkeiten, die entstehen, nicht begreifen, wenn

man in Rechnung stellt, daß jede Entscheidung zahlreiche verschiedene Inputs

impliziert, die von einer gewissen Anzahl verschiedener Unternehmen geliefert

werden, von denen jedes seinerseits verschiedene Inputs benötigt? Der Gebrauch

von Computern kann die Berechnungen beschleunigen und helfen, ein

materielles Gleichgewicht zu erreichen. Aber es sind menschliche Wesen und

nicht Computer die über die Prioritäten und in bezug auf neue Vorschläge und

Innovationen entscheiden werden. (...)

58


Sicher, der Mensch ist sowohl Konsument als auch Produzent. Deshalb habe

ich mich in meinem Buch mit dem Konzept der „Präferenzen der Produzenten“

beschäftigt. Ja, es ist möglich, daß die Leute es vorziehen mehr Freizeit zu

haben, wenn die menschliche Neigung, Dinge zu erlangen, nicht mehr seitens

der kommerziellen Öffentlichkeit angereizt wird. (...) Mandel setzt voraus, daß

selbst die begrenzte Existenz von Marktbeziehungen zu einer Reihe von unerwünschten

Folgen führt. Ich will gerne zugeben, daß diese Gefahr existiert,

genauso wie eine nicht auf dem Markt basierende Zuteilung eine bürokratische

Deformation hervorrufen kann. In der Tat ist mein Argument, daß sie dies

nicht nur kann, sondern daß sie sie hervorrufen muß. Wie ich in meinem Buch

zu zeigen versucht habe, stellen so unterschiedliche Marxisten wie Charles

Bettelheim und Isaak Rubin übereinstimmend fest, daß die „Warenproduktion“

eng mit der Autonomie, dem getrennten Charakter der Produktionseinheiten

verbunden ist. Umso mehr der Plan vorgibt, alles zu umfassen umso weniger

ist es möglich, hinsichtlich der Inputs, der Outputs und der Partner auf der

Ebene des Produktionsbetriebes zu wählen und dies gilt unabhängig vom Grad

der Demokratie bei der Wahl der Versammlung, die über den Plan entscheidet.

Jeder Bürger oder jede Gruppe von Bürgern, die es wünscht, auf eigenes Risiko

ein Produkt oder eine Dienstleistung anzubieten, die sie für notwendig hält

muß grundsätzlich die Freiheit haben, in Besitz der dazu erforderlichen materiellen

Mittel zu gelangen und im Falle des Erfolgs einen Gewinn (Profit) zu

erzielen. Das ist ein integraler Teil von Rechten und Freiheiten als Produzent,

Rechte, die verletzt werden würden, wenn man einer „sozialistischen Polizei“

befehlen würde, sie daran zu hindern. Wenn diese Güter und Dienstleistungen

vom öffentlichen Sektor in zufriedenstellender Weise bereitgestellt würden,

bestünde keine Möglichkeit, Profit daraus zu ziehen. Ich habe festgestellt, daß

in der Sowjetunion die Bauern ihre Butter nicht auf dem Markt anbieten, wenn

es genug davon zum offiziellen Preis in den staatlichen Läden gibt. (...)

Mandel erklärt richtigerweise, daß viele Erfindungen zum Wohle der Menschheit

ohne den Anreiz durch Marktbeziehungen oder monetäre Entschädigungen

gemacht worden sind, und ich bin damit einverstanden, daß Pasteur und

Fleming von den edelsten Beweggründen angetrieben wurden. Auf viel niedrigerer

Ebene führen weder Mandel noch ich diese Debatte mit dem Ziel, Geld

zu verdienen. Jedoch erfordert die Anwendung von Entdeckungen im großen

Maßstab und selbst die Produktion von New Left Review den Kauf und den

Gebrauch materieller Mittel, Produktionsmittel, die einen alternativen Gebrauch

zulassen. Mandel berührt niemals wirklich die Frage wie die Produktionsmit-

59


tel produziert oder bereitgestellt werden können. Sicherlich kann man sich eine

Versammlung von Delegierten vorstellen, die z.B. über die Verwendung von

Leder diskutiert. Aber selbst ganz einfache Produkte erfordern eine ganze Reihe

von oft sehr speziellen Elementen; wie könnte garantiert werden, daß eine

Delegiertenversammlung, die über Tausende solcher Elemente zu befinden hat,

ohne eine hierarchische Autoritätspyramide einen zusammenhängenden Input/

Output des Ganzen gewährleistet—es sei denn, diese Einzelteile können gekauft

werden, und die ganze Pyramide wird überflüssig? Leider, tertium non

datur!

Wir brauchen nicht über die Bedeutung der Sektoren zu sprechen, wo das

Kriterium des Profits nicht angewandt werden darf: das Gesundheitswesen,

die Erziehung, die öffentlichen Bauten, die Post, der öffentliche Transport in

den Städten, der Schutz der Umwelt, die Versorgung mit Wasser, die Beleuchtung

und Reinigung von Straßen, die Parkanlagen usw. sind nicht dazu da (und

sollten auch nicht dazu da sein), um damit Geld zu verdienen. Jedoch auch zu

diesem Thema müssen wir feststellen, daß die öffentlichen Behörden über die

notwendigen materiellen Mittel verfügen müssen um ihre demokratischen Entscheidungen

umsetzen zu können. Wenn nicht, wie es in der Sowjetunion der

Fall ist, entscheidet ein lokaler Sowjet über den Bau oder die Reparatur einer

Schule, aber er findet nicht das erforderliche Baumaterial, da das Angebot

begrenzt und von einer entfernten Behörde rationiert ist. (...)

Irrtümer können in jedem System begangen werden. Darüber sind Mandel und

ich einer Meinung. Ich bin auch damit einverstanden, daß ein ungeregelter

Markt Zusammenbrüche großen Ausmaßes und eine große Arbeitslosigkeit

hervorrufen kann, die zwar ruinöse Mittel sind, es aber erlauben, sich über

begangene Irrtümer klar zu werden. Ich polemisiere deshalb u.a. mit den

Ideologen der Chicagoer Schule und all jenen, die an der Krankheit der Privatisierung

leiden. Aber es ist völlig phantastisch zu glauben, wie es Mandel tut,

daß eine reale Demokratie garantiert, daß die Mehrheit sich für notwendige

Korrekturen ausspricht. Dies setzt voraus, daß die erforderliche Handlungsweise

klar ist. In einer zentralisierten Wirtschaft ist es äußerst schwierig zu

wissen, wer oder was für diese oder jene Funktionsstörung verantwortlich ist,

und die Korrekturen (bei Abwesenheit eines Überflusses) implizieren normalerweise

einen Transfer der Ressourcen von einer Zuteilung zu einer anderen.

Ohne Zweifel teilt Mandel die Illusion Bucharins, nach der die „assoziierten

Produzenten“ klar verstehen werden, was auf der Basis der von den „nüchter-

60


nen Daten der Statistik“ gelieferten Indikatoren getan werden muß. In Wirklichkeit

ist es ein Rezept, das die Politisierung der konfliktgeladenen Nachfrage

hinsichtlich der Ressourcen riskiert. Mandel jedoch setzt dem die Zerstörung

entgegen, die er voraussieht, wenn „unabhängige Gesellschaften“ ihre

Entscheidungen in bezug auf „zersplitterte spezifische Interessen“ treffen. Wenn

die Interessen spezifisch sind—normalerweise sind sie es—und wenn die Leute

auf der Grundlage eines notwendigerweise begrenzten und partiellen Verständnisses

handeln, was ihnen als das Beste erscheint, werden daraus auf

jeden Fall Widersprüche resultieren, und die Alternative zur Unabhängigkeit

ist die Abhängigkeit, die hierarchische Unterordnung. Meiner Meinung nach

ist dies in einem gewissen Grade unvermeidlich, aber ich sehe die Mittel, die

Auswirkungen einer solchen Situation auf ein Mindestmaß zu begrenzen, in

einer Autonomie in Zusammenhang mit dem Markt.

Mandel liebt die Konkurrenz nicht, die jedoch, wie ich des öfteren betont habe,

eine unvermeidliche Folge der Wahlmöglichkeit für den Verbraucher ist. Die

New Left Review konkurriert mit anderen Zeitschriften, um Leser zu gewinnen.

Ein Restaurant, ein Theater, diejenigen, die Hemden produzieren oder

elektronische Bestandteile, brauchen Kunden, und diese müssen das Recht

haben, sich bei anderen zu versorgen, wenn sie nicht zufrieden sind. Mandel

wartet ungeduldig auf die Abschaffung monetärer Anreize. Auch ich ziehe

erhabenere Formen der Motivation wie Engagement, Fairneß, den Stolz auf

eine gute Arbeitsleistung, das Gefühl, der Gemeinschaft zu dienen, vor. Ich

teile mit ihm die Verachtung der Yuppie-Mentalität. Aber die Verfügbarkeit

über die Kaufkraft ist und bleibt wahrscheinlich einer der wichtigsten Anreize,

wenn nicht gar der einzige. Das Geld liefert auch eine unersetzliche Maßeinheit,

um das Verhältnis zwischen den Kosten und dem Resultat sowie die Intensität

der Bedürfnisse zu messen. Warum ist es „utopisch“, sich eine Kombination

aus dem „Wunsch nach materiellem Gewinn“ und einer „freiwillig akzeptierten

sozialen Verantwortung“ vorzustellen? Was mich betrifft, so fühle

ich mich durch beides motiviert! Warum sollte ein fähiger und gewissenhafter

Chirurg nicht sein Bestes tun, um seine Patienten zu versorgen, ohne zunächst

zu fragen, wieviel sie ihm zahlen werden, während er gleichzeitig den Wunsch

hat, mit seiner Familie Ferien auf Madeira zu verbringen? Mandel spricht von

einer „sozialen Dividende“, die für das gesamte Gemeinwesen zunimmt, wenn

gut gearbeitet wird. Dies kann für ein kleines Gemeinwesen zutreffen, in dem

jede(r) jede(n) kennt. In einem Land mit hundert Millionen Einwohnern gibt es

61


das Problem der Trittbrettfahrer; es gibt keine sichtbare Verbindung zwischen

der Anstrengung und dem Resultat, und die Wirkung des Anreizes verflüchtigt

sich.

Mandel glaubt, daß selbst ein begrenztes Vertrauen auf den Markt unerbittlich

zu „Überkapazitäten, Überproduktion und Erwerbslosigkeit“ führt. Doch dies

ist nicht notwendigerweise der Fall, wenn der Staat seine Möglichkeiten zur

Planung bewußt einsetzt, um diese Gefahren zu vermeiden. Ich leugne nicht,

daß diese Gefahren existieren. Und ich sehe auch nicht, warum „monetäre

Zuwendungen für Manager“ zu „permanentem Festhalten an Posten und repressiven

Verhalten“ fuhren sollten, insbesondere wenn die Manager gegenüber

der Arbeitskraft verantwortlich sind (die bereit sein könnte, für einen guten

Manager einen Extrabetrag zu zahlen!). In der UdSSR hat man betont, daß die

relative Unterbezahlung von Managern es erschwert hat, Leute davon zu überzeugen,

diese Tätigkeit anzunehmen. Mein Argument besteht darin, daß nur

Belohnungen und Lohndifferenzierungen (ob nun für Manager, Mechaniker,

Müllkutscher oder Professoren) die gewünschte Anstrengung hervorbringen,

nicht mehr und nicht weniger. Letztlich ist die „Selbstherrschaft der assoziierten

Produzenten“ im Rahmen eines großen Landes, und erst recht in der ganzen

Welt, für mich eine Losung und kein praktisches Programm. In dieser

ziemlich wesentlichen Frage haben wir weiter Meinungsverschiedenheiten. (...)

Ernest Mandel:

Antwort auf die Kritik Noves

Wir müssen Professor Nove dafür dankbar sein, daß er die Debatte auf das

Wesentliche beschränkt hat, daß er Abschweifungen und zweitrangige Fragen

vermieden hat. Unsere Diskussion betrifft nicht die am besten geeignete Strategie

zur Sicherung eines schnellen wirtschaftlichen Wachstums und einer zunehmenden

sozialen Gleichheit in relativ wenig entwickelten Ländern. Sie befaßt

sich auch nicht mit dem immer schlechteren Funktionieren der in der Sowjetunion

und in den anderen osteuropäischen Staaten bürokratisch geleiteten

Volkswirtschaften, nicht mit den nächsten Schritten dieser Länder nach vorne

oder den unmittelbar zu ergreifenden Maßnahmen, um den Kapitalismus in

den industrialisierten Ländern zu überholen, oder gar der Entdeckung eines

allgemeinen Gesetzes, das den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus

regelt.

62


Unsere Diskussion befaßt sich mit zwei Fragen: ist es möglich, den Sozialismus,

so wie ihn Marx konzipiert hat, d.h. als eine von freien und assoziierten

Produzenten geführte Gesellschaft, in der die Warenproduktion (Marktwirtschaft),

die sozialen Klassen und der Staat verschwunden sind, zu verwirklichen;

ist er als notwendige Voraussetzung für die Befreiung und Entwicklung

der meisten Menschen wünschenswert? Meine Antwort auf diese zwei Fragen

ist ein kategorisches „Ja“. Professor Nove antwortet auf die erste Frage mit

einem kategorischen „Nein“ und mit einem eher zögernden „Nein“ auf die

zweite.

Das bedeutet nicht, daß die oben erwähnten Probleme für die Diskussion über

das relative Gewicht, das man den Marktmechanismen jetzt sowohl im Osten

als auch im Westen beimessen muß, nicht von Belang sind. Es ist durchaus

möglich, daß sich die überzeugten .Verfechter des „Marxschen Sozialismus“,

der als eine Gesellschaft ohne Warenproduktion gedacht ist, zugunsten einer

Ausweitung und nicht einer Einschränkung der Marktmechanismen in der nachkapitalistischen

Gesellschaft aussprechen, wie es Trotzki zu Beginn der dreißiger

Jahre getan hat. Wir werden noch darauf zurück kommen. Aber das ist eine

Frage, die sich ganz und gar von der Frage unterscheidet, ob eine Gesellschaft

ohne Warenproduktion möglich und wünschenswert ist. Wenn wir nicht zuerst

auf diese Frage antworten, d.h. auf das Problem des Endziels der sozialistischen

Bestrebungen, werden wir uns in der Lage des Herzogs von Richelieu wiederfinden,

der zwar nicht wußte, wohin er zu gehen im Begriff war, der sich aber

dennoch entschlossen hatte, dorthin zu gehen.

Marktwirtschaft und Wirtschaftsschwankungen

Professor Nove beginnt mit einer Erklärung über die Lehren aus der sowjetischen

Erfahrung. Er schreibt: „Mandel fragt: ist es zulässig, Beweise anzuführen,

die aus der sowjetischen Erfahrung abgeleitet sind? Gewiß haben einige

spezielle russische oder sowjetische Faktoren — die Rückständigkeit, die

‘schlechte bürokratische Herrschaft’ — eine Rolle gespielt. Aber es sind Lehren

aus den Erfahrungen zu ziehen, die (z.B.) den Grad, das Ausmaß und die

Komplexität der Konflikte zwischen den Sonderinteressen und den Allgemeininteressen

betreffen, die Indikatoren der Planerfüllung, die Investitionskriterien,

die Preise vom theoretischen wie vom praktischen Gesichtspunkt aus,

die Arbeitsanreize, die Ungleichgewichte in der Landwirtschaft, der Einfluß

der Verbraucherwünsche auf die Pläne und den Produktionsausstoß, die Rolle

63


der regionalen Politik usw. Während die sowjetische Bilanz bei der Behandlung

dieser und auch anderer Probleme (einschließlich der Umweltverschmutzung)

viel zu wünschen übrig läßt, wäre es absurd, die sowjetische

Erfahrung zu ignorieren, weil man sich im voraus entschlossen hat. sie als

‘nichtsozialistisch’ zu bezeichnen 17 .

Niemand kann behaupten, daß man die sowjetische Erfahrung „ignorieren“

müsse, weil sie offensichtlich nicht sozialistisch ist, d.h. weil die Entwicklung

nicht zu einer klassenlosen Gesellschaft geführt hat. 18 Im Gegenteil, man muß

sie in der Tat aufs sorgfältigste studieren, sei es auch nur, um sich zu bemühen,

die vielfältigen Fallgruben zu vermeiden, in die die schlechte bürokratische

Lenkung die sowjetische Wirtschaft und Gesellschaft stürzte.

Unsere Meinungsverschiedenheiten mit Nove zu diesem Thema betreffen besonders

die Tatsache, daß die meisten Lehren, die er aus der sowjetischen Erfahrung

ziehen will, im Rahmen der relativen Rückständigkeit, der Isolierung

und der bürokratischen Führung der Sowjetunion anzusiedeln sind. Das Problem

ist, festzustellen, inwieweit sich die Mängel der sowjetischen Wirtschaft

aus den „Prinzipien der zentralistischen Planung“ als solche ergeben und in

welchem Maße sie vielmehr das Ergebnis der Rückständigkeit und der bürokratischen

Gewaltherrschaft sind, die unter reiferen Bedingungen vermieden werden

können.

Ein Beispiel: inwieweit sind die berühmten Schlangen das Produkt der angeblich

durch irgendwelche Formen der „zentralistischen Planung“ verursachten

relativen Knappheit, oder bis zu welchem Grad sind sie vielmehr durch Fehlinvestitionen

hervorgerufen, die die Warenverteilung und die Landwirtschaft

im Vergleich zur Industrie, besonders zur Schwerindustrie, systematisch benachteiligt

haben. Ein solches Mißverhältnis ist wirtschaftlich unrationell. Es

ist aber keineswegs die automatische Folge jeder zentralen Planung. Sie ist im

Gegenteil der Beweis einer falschen bürokratischen, ungleichgewichtigen, unzusammenhängenden

und „planlosen“ Leitung, die zur Verschwendung führt,

d.h. einer fehlenden oder unzureichenden Planung. Sie kann in einem System

der demokratisch geplanten Arbeiterselbstverwaltung verhindert werden, also

einer zentralisierten Planung in industriell fortgeschritteneren Ländern und auf

internationaler Ebene.

64


All das hat nichts zu tun mit einer Weigerung, den konkreten Erfahrungen

Rechnung zu tragen und ihnen einen „sozialistischen“ Dogmatismus (der gewiß

nicht marxistisch ist!) entgegenzuhalten. Im Gegenteil. Aber um mögliche

Verhaltensmuster in einer sozialistischen Welt entwerfen zu können, muß man

auch die beachtliche Menge statistischer Daten über das Verhalten von Verbrauchern

und Produzenten in den am meisten entwickelten Ländern berücksichtigen

und nicht nur die der Sowjetunion im Auge haben. Wir glauben,

daß man die Dinge umgekehrt betrachten muß. In der Diskussion über den

„realisierbaren“ Sozialismus sind es die Fanatiker der „ewigen“ Überlegenheit

der Marktwirtschaft, die einen hartnäckigen Dogmatismus an den Tag legen,

indem sie zunehmend unwichtigere Erscheinungen (sei es aus der Vergangenheit

oder den rückständigeren Ökonomien) dem entgegenhalten, was in der

Wirtschaft der am weitesten fortgeschrittenen Länder im Laufe der letzten vierzig

bis fünfzig Jahre geschehen ist. Das hat übrigens einen weiteren Bumerangeffekt

für Noves Thesen.

Nach ihm kann „ein ungeregelter Markt Zusammenbrüche großen Ausmaßes

und eine große Arbeitslosigkeit hervorrufen, die zwar ruinöse Mittel sind, es

aber erlauben, sich über begangene Irrtümer klar zu werden. Ich polemisiere

deshalb u.a. mit den Ideologen von Chicago und all jenen, die an der Krankheit

der Privatisierung leiden.“ (Von mir hervorgehoben.) Aber warum vergißt Nove

die mehr als zweihundert Jahre alten Versuche, die Märkte zu „regeln“, Versuche,

die alle die periodischen Krisen und die periodische Massenarbeitslosigkeit

nicht verhindern konnten? Warum versteckt er sich hinter der apologetischen

Formel, nach der „ein ungeregelter Markt dies und jenes hervorrufen kann

usw.“, während wir dieses Phänomen in allen Marktwirtschaften der westlichen

Länder gekannt haben, und zwar in mindestens 21 Zyklen seit 1825 und

es jetzt zum 22. Mal erleben? Ist es also logisch, Lehren aus 60 Jahren „realer“

Planwirtschaft in der Sowjetunion zu ziehen, und sich zu weigern, Lehren aus

160 Jahren internationaler „realer“ Marktwirtschaft in den westlichen Ländern

zu ziehen?

Die Grenzen der „Marktregulierung“

Die Tatsache, daß keine Marktwirtschaft periodische Katastrophen und massive

Zusammenbrüche verhindern konnte (Zerstörung und Entwertung von

Kapital und Anlagegütern), sowie die massive Arbeitslosigkeit, die periodische

65


Senkung des Lebensstandards und eine wiederholte moralische Verelendung

von Millionen von Menschen sind kein Zufall. Sie ergeben sich aus der ureigenen

Natur dieses Wirtschaftssystems.

Die Produktion für den Markt ist eine Produktion für unbekannte Verbraucher,

von unbekannten Mengen und mit unbekannten Ergebnissen (Verkaufspreis

und Profit). Nove ist der Meinung, daß dies nicht die Ursache für die

Differenz zwischen einer Zuteilung ex ante (von vornherein geplant, d.Übers.)

sämtlicher vorhandener gesellschaftlicher Ressourcen für die anerkannten gesellschaftlichen

Bedürfnisse oder deren Befriedigung ex post (im nachhinein

über den Markt, d.Übers.) ist. Unserer Auffassung nach handelt es sich hier

zumindest um eine seltsame Schlußfolgerung. Es ist doch gerade die Eigenheit

des Marktes, daß weder die Produktionseinheiten noch die Verbrauchseinheiten

die jeweiligen Entscheidungen im voraus kennen. Aber kennt das Werk, das

Achsen für eine Automobilfabrik herstellt, nicht im voraus die Anzahl der von

der Fabrik benötigten Achsen?

Wenn Adam Smith und andere Klassiker erklären, daß „die unsichtbare Hand“

des Marktes es ermögliche, ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage

herzustellen, gehen sie davon aus, daß dies im nachhinein, a posteriori,

geschieht. Wenn die frei festgesetzten Preise für die „wirtschaftlich wirksamen

Kräfte“ keine Signale sind, die sie veranlassen, ihr Verhalten zu ändern, worin

läge dann ihr Nutzen in den Augen der Verfechter der Marktwirtschaft? Aber

eine Änderung des Verhaltens impliziert die Notwendigkeit, vorausgegangene

Entscheidungen zu korrigieren, und somit auch eine grundlegende Ungewißheit

der a priori getroffenen Entscheidungen.

Nove betont, daß das Endprodukt einer Automobilfabrik vor allem eine Ware

ist, die auf dem Markt verkauft werden muß, wobei es ungewiß ist, ob sie

verkauft werden kann. Das ist vollkommen richtig. Aber weit davon entfernt,

unsere Argumentation zu widerlegen, bekräftigt sie diese Tatsache hinsichtlich

der Differenz zwischen der Zuteilung der Ressourcen a priori und der Zuteilung

der Ressourcen a posteriori oder, wenn man will, einer direkt bestimmten

Zuteilung und einer Zuteilung im nachhinein über den Markt.

Wenn der Absatz von Autos von 2 Millionen auf 1,5 Millionen zurückgeht,

erzwingt der Markt eine Umverteilung der Ressourcen. Aber der Markt kann

nicht die Produktion von einer Million Achsen oder von sieben Millionen Rä-

66


dern für eine Million Autos erzwingen. Innerhalb eines Unternehmens bestimmt

der technische Faktor und nicht der Markt. Die Bereitstellung der Ressourcen

ergibt sich automatisch und zwingend aus der Entscheidung, eine bestimmte

Anzahl von Fahrzeugen herzustellen. Sie schwankt weder als Funktion der

Verkaufsstatistiken der einzelnen Abteilungen noch als Funktion der „Profite“.

Und innerhalb der Privatwirtschaft insgesamt ergibt sich die Bereitstellung der

Mittel a priori aus den beabsichtigten gesellschaftlichen Prioritäten.

Es ist die mit der Marktwirtschaft untrennbar verbundene Ungewißheit, aus

der sich die wirtschaftlichen Zyklen unvermeidlich ergeben. Man kann nicht

die Produktion drosseln oder neue, Arbeit sparende revolutionierende Produktionstechniken

19 einführen, ohne Arbeitslosigkeit hervorzurufen. Man kann

nicht plötzlich einen beträchtlichen Preissturz (oder einen Sturz der Profitmarge

oder der Profitrate) provozieren, ohne daß Zusammenbrüche erfolgen.

Alle diese aus der Ungewißheit des Marktes unvermeidlich resultierenden Übel

werden durch das Privateigentum und die Konkurrenz zusätzlich verschlimmert.

Das macht die „Exzesse“ und die Irrtümer der Revision von Investitionsentscheidungen

unausweichlich, die ihrerseits wiederum das Ausmaß der

Schwankungen vergrößern.

Kein Unternehmen kann es sich leisten, zum Zweck der Sicherung des „Allgemeinwohls“

oder der maximalen „sozialen Dividende“ zu handeln. Unter dem

Zwang der Konkurrenz müssen alle Unternehmen die Investitionen erhöhen,

so lange die Dinge gut laufen (d.h. wenn der Markt und die Gewinne expandieren),

und sie halten sie zurück, wenn eine Krise ausbricht, ohne sich um die

globalen Auswirkungen zu kümmern, die dieses Verhalten auf die Gesamtwirtschaft

hat. So bewegt man sich periodisch zwischen übertriebenen (Vollbeschäftigung

oder beinahe Vollbeschäftigung) und unzureichenden Investitionen

(mit massiver Erwerbslosigkeit).

Eine „Marktregulierung“, d.h. eine Intervention des öffentlichen Sektors, kann

diese Schwankungen nur in zwei möglichen Fällen neutralisieren. Im ersten

Fall korrigiert diese Intervention die Schwankungen, nachdem sie stattgefunden

haben. Sie werden also nicht vermieden, sondern sie sind nur geringer

geworden, als sie ohne das Eingreifen des Staates gewesen wären. Außerdem

ist die Korrektur nur wirksam, wenn die öffentlichen Investitionen einen großen

und wachsenden Teil der Gesamtinvestitionen ausmachen und der öffentliche

67


Sektor weitgehend gegen die Rückwirkungen des ökonomischen Zyklus abgeschirmt

ist, wenn er also, mit anderen Worten, nicht mehr im wesentlichen vom

Markt bestimmt wird.

Im zweiten Fall verhindert die Intervention solche Übel wie die Arbeitslosigkeit

durch eine Steigerung der privaten Investitionen. Aber abgesehen von den

perversen Folgen, die ein solches Verhalten auf die Gesamtwirtschaft hätte, ist

es unmöglich, genau (und beizeiten!) vorauszusehen, wann die privaten

Investitionen zurückgehen—eben aufgrund ihres ungewissen Charakters.

Deshalb ist eine wirksame „Marktregulierung“ einfach unmöglich; die theoretische

Analyse bestätigt die geschichtliche Erfahrung. Eine Marktwirtschaft

auf einem bedeutenden Niveau halten und zugleich massive Erwerbslosigkeit

und zahlreiche Zusammenbrüche verhindern wollen, heißt zu wollen, was miteinander

unvereinbar ist. Man kann keine Marktwirtschaft haben, ohne daß

sich die Logik des Marktes durchsetzt. Und diese Logik schließt unvermeidlich

wirtschaftliche Schwankungen ein.

Die Schlußfolgerung ergibt sich von selbst: der „Marktsozialismus“ ist ein

Mythos, der weder heute existiert noch in Zukunft Wirklichkeit werden kann.

In dem Maße, wie der Markt noch ein bedeutendes Gewicht hat, gibt es noch

keinen Sozialismus. Und in dem Maße, wie es Sozialismus gibt, sterben die

Warenverhältnisse ab.

Gesellschaftliche Prioritäten und

begrenzte Ressourcen

Das ist umso mehr wahr, als die globalen Ressourcen immer begrenzt sind.

Jede Nutzung dieser Ressourcen durch den öffentlichen Sektor oder zur direkten

Befriedigung von Bedürfnissen außerhalb des Marktes reduziert automatisch

ihren Einsatz zur Produktion für den Markt.

Nun hat aber Nove selbst erklärt, daß das „Gesundheitswesen, die Erziehung,

die öffentlichen Bauten, die Post, der öffentliche Transport in den Städten, der

Schutz der Umwelt, die Versorgung mit Wasser, die Straßenbeleuchtung und

reinigung, die Parkanlagen usw. nicht dazu da sind (und auch nicht da sein

sollten), um Geld zu verdienen.“ Wenn man die Dienstleistungen auf dem Gebiet

der Kultur und der Information hinzufügt, dazu die Ernährung und not-

68


wendige Kleidung, dann hat man 70 bis 80% der zivilen Ausgaben in den

meisten industrialisierten Ländern beisammen. Somit bleibt nur noch ein begrenzter

Teil der Ressourcen zur Verfügung des Marktes übrig.

Wir sind fest davon überzeugt, daß aus sozial und psychologisch äußerst wichtigen

Gründen die Hauptnahrungsmittel, Kleidung, eine für jeden passende

Wohnung und die kulturellen Güter in der Liste der Güter und Dienstleistungen

enthalten sein müssen, deren Verteilung zur Befriedigung der Bedürfnisse

in Form von Gebrauchswerten vorgesehen sein sollte, d.h. ohne an Geld-Markt-

Beziehungen gebunden zu sein.

Jahrtausendelang hat die Menschheit unter der ständigen Bedrohung durch

Hunger, Krankheit, Epidemien, Naturkatastrophen und eines jähen verheerenden

Niedergangs des Ausmaßes der Befriedigung ihrer Bedürfnisse gelebt. Es

gibt nur zwei grundverschiedene wirtschaftliche Mechanismen, die auf lange

Sicht die ökonomische Sicherheit garantieren können: entweder das Anhäufen

großer Geldsummen (Vermögen) durch individuelle Anstrengung oder eine

soziale Organisation, die jedem Individuum automatisch die Befriedigung seiner

wesentlichen Bedürfnisse unabhängig von seiner Stellung oder von seinen

persönlichen Anstrengungen sichert.

Der erstgenannte Mechanismus fördert ein soziales Verhalten (auch gesellschaftliche

Wertvorstellungen und, wenn man will, eine soziale Ethik), das auf

Konkurrenz, Egoismus, Aggressivität, wachsender Entfremdung, kurz: auf dem

Gesetz des Dschungels beruht. Das gilt nicht nur für die kapitalistische Gesellschaft,

doch, wenn dies zutrifft, besonders für diese. Es gilt aber ebenso für die

vorkapitalistische kleine Warenproduktion, und es gilt unbestreitbar für die

partielle nachkapitalistische Warenproduktion, wie es die Entwicklung in der

UdSSR, in Osteuropa und in China beweist. 20

Das kann solange unvermeidlich sein, wie die materiellen Verhältnisse ein radikales

Absterben der Ware-Geld-Beziehungen nicht erlauben. Aber es ist unbestreitbar

ein soziales Übel, das Millionen und Abermillionen von Menschen

ernsthafte physische, geistige und moralische Entbehrungen auferlegt. Das führt

auch zu einer zunehmenden Desorganisation und birgt tödliche globale Gefahren.

Wenn die vier apokalyptischen Reiter — die atomare Vernichtung, die

Zerstörung der Ökosysteme und der Biosphäre, der Hunger in der Dritten Welt,

die massive Verarmung der Opfer der „dualen Gesellschaft“ in den Industrie-

69


ländern — uns immer mehr bedrohen, so kann die Menschheit das derzeitige

oder ein ähnliches Ausmaß an Konkurrenz- und Aggressionsverhalten nicht

mehr hinnehmen. Eine gesellschaftliche Organisation, die ein entgegengesetztes

sittliches Verhalten fördern, nämlich Kooperation, Solidarität und universell

angewandte moralische Normen (an erster Stelle die vollständige Abrüstung),

ist zu einer unerläßlichen Bedingung für das physische Überleben der Menschheit

geworden. Ein kooperatives Verhalten—d.h. Sozialismus—oder Tod, so

lautet heute die Wahl, vor der die Menschheit steht. Es ist die schlimmste aller

Utopien, wenn man glaubt, daß weltweit ein kooperatives Verhalten ohne materielle

Sicherheit und ohne Befriedigung der elementaren Bedürfnisse aller

Menschen systematisch gefördert werden kann. Die Annahme, die ausreichende

Güterversorgung durch individuelle Habsucht oder durch allgemeinen Wettbewerb

auf allen Gebieten erreichen und zugleich die Kooperation, die Solidarität

und die Beachtung universeller moralischer Normen anregen zu können,

bedeutet ebenfalls, an den Weihnachtsmann zu glauben.

Dasselbe Argument zugunsten gesellschaftlich relevanter und gegen die vom

Markt erzwungenen Prioritäten läßt sich auf die von Nove beschworenen Initiativen

privater Produzenten anwenden: „Jeder Bürger oder jede Gruppe von

Bürgern, die es wünscht, auf eigenes Risiko ein Produkt oder eine Dienstleistung

anzubieten, die sie für notwendig hält, muß grundsätzlich die Freiheit

haben, in Besitz der dazu erforderlichen Mittel zu gelangen und im Falle des

Erfolgs einen Gewinn (Profit) zu erzielen. Das ist ein integraler Teil von Rechten

und Freiheiten als Produzent, Rechte, die verletzt werden würden, wenn

man einer „sozialistischen Polizei“ befehlen würde, sie daran zu hindern. Wenn

diese Güter und Dienstleistungen vom öffentlichen Sektor in zufriedenstellender

Weise bereitgestellt würden, bestünde keine Möglichkeit, Profit daraus zu

ziehen.“

Es ist erstaunlich, daß Nove, der sich am liberalen Credo berauscht, nach

zweihundert Jahren der sozialistischen Kritik der Lohnarbeit nicht die offensichtliche

Verbindung zwischen den verschiedenen Mechanismen erfaßt, die es

dem „freien Unternehmen“ erlauben, in befriedigender Weise für einige, d.h.

für eine kleiner werdende Minderheit zu funktionieren. 21 Lassen wir die Fälle

der landwirtschaftlichen Eigenbedarfswirtschaft oder der handwerklichen Arbeit

auf kleiner Stufenleiter, die mit der Entwicklung der modernen Technologie

nur einen bescheidenen Platz einnehmen können, beiseite. Die kleine individuelle

und kooperative Produktion zu kreativen, wissenschaftlichen, ästheti-

70


schen, spielerischen oder ökologischen Zwecken ist per definitionem keine

Tätigkeit um des Profits willen. Solche Aktivitäten werden in einer sozialistischen

Gesellschaft gefördert werden. Sobald erst die elementaren Bedürfnisse

aller befriedigt sind, werden solche Aktivitäten wahrscheinlich einen immer

größeren Teil der den Menschen zur Verfügung stehenden Zeit und der materiellen

Ressourcen in Anspruch nehmen. Allein deshalb werden sie die für die

private Produktion für den Markt und den Profit zur Verfügung stehenden

Ressourcen verringern und bedeutungslos machen.

Die wirkliche Geschichte der Entstehung des „freien kapitalistischen Unternehmens’’

mit hochwertiger Technologie und Lohnarbeit bedeutet nicht, daß

immer mehr Leute die für diesen Zweck notwendigen materiellen Mittel erhalten.

Im Gegenteil: immer mehr Menschen werden der für die Produktion auf

eigene Rechnung „notwendigen Mittel“ beraubt (vor allem werden sie vom

freien Zugriff auf ein Stück Land abgeschnitten) Das „freie Unternehmen“ mit

Lohnarbeit im Interesse einer kleinen Minderheit ist durch die Zerstörung des

„freien Unternehmens’’ ohne Lohnarbeit im Interesse der breiten Massen entstanden.

Ehe wirtschaftliche Mechanismen—die Gesetze der Aneignung der

Produkte und die der kapitalistischen Produktionsweise eigene Verteilung der

Einkommen—die normale Reproduktion der massenhaften Lohnarbeit sicherten,

wurde diese durch Gewalt, Krieg, Eroberungen, Plünderung, Raub, Piraterie

und allgemeine Unterdrückung erzwungen. Die Ersetzung der direkten

physischen Gewalt durch ökonomischen Zwang ändert nichts an der ungerechten

Natur des Prozesses, umso mehr als der ökonomische Zwang ohne ständig

wiederkehrende physische Unterdrückung nicht funktionieren kann.

Was gestern wahr gewesen ist, wird auch morgen wahr sein. In einer sozialistischen

Gemeinschaft wird keine Wiedereinführung eines wirklichen Arbeitsmarktes

möglich sein, ohne gegen die Masse der Produzenten wirtschaftlichen

und politischen Zwang auszuüben. Insofern diese Produzenten ein garantiertes

durchschnittliches, angemessenes Konsumniveau haben werden - d.h. die Befriedigung

ihrer Grundbedürfnisse und einen wachsenden kulturellen Komfort

-, wird es weder Ressourcen noch Anreize geben, um die „notwendigen materiellen

Mittel“ für „freie kapitalistische, Lohnarbeit ausnutzende Unternehmer“

bereitzustellen, die sich von individuellen, mit eigenen Händen arbeitenden

Unternehmern klar unterscheiden .

71


Um ein solches Regime zu sichern, bedarf es keiner „sozialistischen Polizei“.

In einer sozialistischen Gemeinschaft wird das ganze System der Institutionen

und der gesellschaftlichen Wertvorstellungen die Menschen zweifellos dahingehend

beeinflussen, daß sie das Streben nach individueller Bereicherung ablehnen.

Aber die stärkste Garantie hierfür wird von der wirklichen Macht der

auf allen Ebenen der Produktion frei assoziierten Produzenten ausgehen, die

die Produktion von Produktionsmitteln selbst bestimmen, und von ihrer Entscheidung,

jedem einen anständigen minimalen Lebensstandard zu sichern. Die

kapitalistischen Kandidaten müßten Löhne bieten, die wesentlich höher sind

als das den Arbeitern garantierte Jahreseinkommen. Es wird nicht sehr viel

Angebot oder Nachfrage hierfür geben. Nur durch die Zerstörung dieser „Freiheit

der Bedürfnisbefriedigung“ der großen Mehrheit könnten einige Unternehmer

eine ausreichende Anzahl von Lohnarbeitern finden.

Wäre das ein „Despotismus der Mehrheit“? Man kann es nennen, wie man

will. Vom Standpunkt der Minderheit kann man jedes mehrheitliche Regime

„despotisch“ nennen. Aber die den Anwärtern auf kapitalistisches Unternehmertum

auferlegten „Beschränkungen“ sind bescheiden, zumindest im Vergleich

zu den Entbehrungen, die der Kapitalismus der Menschheit aufzwingt.

Auch ihnen wird ein durchschnittliches Niveau der Lebenshaltung garantiert

werden. Sie müssen nur auf einigen zusätzlichen Luxus verzichten. Auch sie

werden über immer mehr freie Zeit verfügen, die sie für individuelle oder kollektive

Aktivitäten, einschließlich individueller oder kollektiv-individueller

Betätigung, nutzen können. Da die alternative Despotie der Lohnarbeit mit

ihrer infernalischen und zerstörerischen Logik dem größten Teil der Welt viel

schlimmere Entbehrungen auferlegt, ist der „Despotismus der Mehrheit“ das

kleinere Übel im Bemühen, eine perfekte Gesellschaft aufzubauen.

Geld, Bedarfsdeckung und gesellschaftliche Prioritäten

Professor Nove bekräftigt wiederholt, daß die Marktverhältnisse nur bei sozialen

Dienstleistungen und bei einigen gleichartigen Gütern wie Wasser oder

elektrische Energie ausgeschaltet werden können. Er geht nicht auf unser Argument

ein, daß die Marktverhältnisse auch bei all jenen Gütern verschwinden

können, deren Nachfrageelastizität gegen Null tendieren oder gar negativ ist.

Die Tatsache, daß es Dutzende von Brotsorten gibt oder Hunderte von Strumpfmodellen

hindert niemand daran, den globalen Verbrauch dieser Güter nach

72


den vorhandenen statistischen Angaben vorauszuschätzen. Wenn ihre Produktion

nicht mehr nach den Prinzipien des Profits organisiert ist, sondern auf der

Grundlage der Wahl und der Vorbestellungen der Verbraucher— überdies bei

öffentlich diskutierter Qualitätskontrolle—, wird das zu einer weitgehenden

Befriedigung der Käuferwünsche und zu einer größeren Vielfalt von Produkten

führen als bei der Marktwirtschaft. Wir könnten hierzu zahlreiche Beispiele

anführen; wir beschränken uns darauf, nur einige aufzuzählen.

Zunächst einmal sind im Marktsystem die Verteilungskosten zu Lasten der

Verbraucher wesentlich höher, weil die verschiedenen Zwischenhändler ihre

Gewinne einheimsen und die Kosten einer oft irreführenden, manipulativen

und frustrierenden Werbung auch auf den Verbraucher zurückfallen. Kürzlich

hat der Verband der belgischen Hotels, Restaurants und Bars (HORECA) zugegeben,

daß der echte Preis für eine Tasse Kaffee, die 35 belgische Francs

kostet, nur sage und schreibe 50 Centimes beträgt! Laut der französischen

Monatsschrift Science et vie economique (März 1988) bringt ein Kilo grüne

Bohnen, das dem Verbraucher für 25 Francs verkauft wird, den Produzenten

nur 2,5 Francs, und 12,7 Francs gehen an den Zwischenhandel, von den Transportkosten

abgesehen. Eine Reduzierung der Verteilungskosten auf die materiell

nötigen Ausgaben und das Verbrauchereinkommen der in diesem Bereich

Beschäftigten würde es ermöglichen, die Verteilungsstellen wesentlich zu vermehren,

so daß die Verbraucher diese leichter erreichen könnten. Außerdem

würden die ermittelten Bedürfnisse der Verbraucher besser zufriedengestellt

werden, weil die Vielfalt des Angebots größer wäre als im auf Profit ausgerichteten

System, und dies auch noch zu geringeren Kosten für die Allgemeinheit.

Ein zweiter Punkt ist, daß im Profitsystem die Gewinnspanne - und nicht die

durchschnittlichen Kosten - darüber entscheidet, ob ein Produkt hergestellt

wird oder nicht. Unvorsichtiger Weise greift Nove das Problem der Publikation

von New Left Review auf, d.h. der Pressefreiheit, die „den Kauf und den

Gebrauch materieller Mittel erfordert, Produktionsmittel, die einen alternativen

Gebrauch zulassen“. Aber wenn der Staat heute bestimmen kann, 6% seiner

Mittel für die Produktion und Unterhaltung von Waffen bereitzustellen,

wenn in Noves „Marktsozialismus“ das Gemeinwesen bestimmt, x oder y Prozent

der materiellen Mittel für Erziehung, Gesundheitswesen, Transport oder

öffentlich geförderte Wohnungen und anderes zu bewilligen, warum soll man

es dann dem Markt überlassen, die für eine freie und vielfältige Presse erforderli-

73


chen Mittel bereitzustellen? Warum kann die Gemeinschaft nicht von vornherein

festlegen, daß 0,5 oder 1,5% der zur Verfügung stehenden Mittel eingesetzt

werden, um genügend Druckereien, Drucker, Papier usw. zu haben, so daß

jede Gruppe von Konsumenten die Tages- und Wochenzeitungen oder

Monatsschriften seiner Wahl beziehen kann, um sogar mit geringeren Auflagen

eine größere Vielfalt der Presse (Pluralismus) zu erreichen, als sie heute

gegeben ist?

Die Alternative hierzu ist gerade eine Beschränkung der Pressefreiheit durch

zentralisierte Kontrolle, sei es durch das Großkapital, sei es durch den Staat

oder durch beide. Vor etwa zwei Jahren ist der mit dem Marktsystem verbundene

Widersinn in einer für die Pressefreiheit in Frankreich besorgniserregende

Weise demonstriert worden. Ein Rückgang von knapp 5% des Absatzes

einer großen Zeitung wie Le Monde hat gedroht, mehr als ein Million Leser um

die von ihnen bevorzugte tägliche Lektüre zu bringen. Ist dies wirklich die

beste Art und Weise, die Wahl des Konsumenten und die Vielfalt der Presse

sicherzustellen?

Ein drittes Beispiel. Bei einer auf Profit ausgerichteten Produktion sind monopolistische

oder oligopolistische Gesellschaften daran interessiert, ein Produkt

durch ein anderes zu ersetzen, unabhängig von den Wünschen der Verbraucher,

wenn das zweite Produkt einen höheren Gewinn verspricht, selbst wenn

das erstere noch rentabel ist. Auf diese Weise kann den Verbrauchern eine von

ihnen gewünschte Ware allein dadurch vorenthalten werden, daß sie nicht mehr

hergestellt wird. Das fängt bereits an, bei den herkömmlichen Langspielplatten

zu geschehen, die den Compact Discs geopfert werden.

Es stimmt also nicht, daß in einer reichen Gesellschaft der Markt eine größere

Souveränität der Verbraucher garantiert, sobald die elementaren Bedürfnisse

befriedigt sind. Genau das Gegenteil ist richtig.

Es ist bezeichnend, daß sowohl Nove als auch andere Verfechter des „Marktsozialismus“

kein Wort über die unvermeidliche Tendenz der Konkurrenz auf

dem Markt verlieren, die darauf abzielt, den schwächeren Konkurrenten zu

verdrängen, d.h. die Tendenz zur Bildung von Monopolen, was wiederum dazu

führt, noch größere Monopole zu bilden (heute vorwiegend Multis). Dieser

Prozeß der Konzentration und Zentralisation des Kapitals hat die Entwicklung

74


der Marktwirtschaft stets begleitet—bereits vor dem Entstehen des industriellen

Kapitalismus, d.h. seit mindestens 400 Jahren. Kann man diese praktische

Erfahrung einer „echten Marktwirtschaft“ einfach ignorieren? 22

Nove wiederholt, daß „das Geld auch eine unersetzliche Maßeinheit liefen, um

... die Intensität der Bedürfnisse zu messen“. Aber selbst vom individuellen,

mikroökonomischen Standpunkt aus ist diese Behauptung zumindest zweifelhaft.

Ob jemand ein zusätzliches Einkommen lieber für einen teureren Urlaub aufwenden

als für ein Klavier für seine Kinder, hängt von mehreren Faktoren ab,

wobei die Gestehungskosten der verschiedenen Güter eine entscheidende Rolle

spielen. In dieser Beziehung ist die Werttheorie durchaus zutreffend. Die Tatsache,

daß man für Bücher weniger Geld aufwendet als für ein Klavier, beweist

nicht, daß der Wunsch nach einem Klavier mehr oder weniger stark ist

als das Verlangen nach Büchern; sie beweist nur, daß die Kosten für die Herstellung

eines Klaviers viel höher sind.

Wenn Noves Behauptung schon auf mikroökonomischen Ebene zweifelhaft

ist, dann ist sie aus makroökonomischer Sicht vollkommen falsch. Solange die

Kaufkraft - die globale Nachfrage - ungleich verteilt ist, richtet sich die Produktion

nicht nach dem stärksten Bedarf, sondern nach jenen Bereichen, wo

mehr Geld vorhanden ist und wo man schneller Profit machen kann. Niemand

wird ernsthaft behaupten, daß der Bedarf an Zweitwohnungen dringender sei

als der Bedarf derer, die keine Wohnung haben. Dennoch werden Zweit- und

Luxuswohnungen in großer Zahl gebaut, während es selbst in den reichsten

Ländern noch Millionen von Menschen ohne Wohnung gibt, vom Rest der

Welt ganz zu schweigen. Und was soll man zum Nahrungsmittelbedarf der

Armen in der Dritten Welt im Vergleich zur Intensität des Bedürfnisses nach

einem zweiten Fernsehgerät oder einem Personal Computer bei den reichen

Mittelklassen der westlichen Länder sagen? Aber die Mechanismen des Marktes

sorgen dafür, daß viel mehr Mittel eingesetzt werden, um den letztgenannten

Bedarf zu decken.

Wenn obige Behauptung vom makroökonomischen Standpunkt aus falsch ist,

dann ist sie vom makrosozialen Standpunkt aus erst recht falsch; denn hier

müssen alle gesellschaftlichen vom Markt auferlegte Kosten für eine bestimmte

Wahl und deren Folgen zusammengezählt werden, wenn es verschiedene

gleichzeitig vorhandene Bedürfnisse gibt, d.h. hier wird das Problem der ge-

75


sellschaftlichen Prioritäten berührt. Geld ist hierfür keine rationelle Maßeinheit,

es sei denn, man akzeptiert die letztlich inhumane Logik der Analyse von

„Kosten/Geldgewinn“, indem man den „Wert“ von Leben und Tod Tausender

Menschen aufgrund der „Kapitalisierung“ ihrer zukünftigen „Einkommen“

berechnet (einschließlich derer von Kindern, von denen noch gar nicht bekannt

ist, welchen Beruf sie ergreifen und was sie verdienen werden).

Das in dieser Hinsicht katastrophalste Beispiel ist das der Privatautos. Die

Benutzung eines Privatwagens als Transportmittel zwischen Wohnung und

Arbeitsplatz sowie zwischen Wohnung und Einkaufszentren 23 stellt eine monströse

Vergeudung dar, umso mehr als die Plätze im Wagen meist nicht alle

besetzt sind. Das Ergebnis dieses Verhaltens ist eine dauernde Verstopfung der

Straßen und eine Zunahme der Luftverschmutzung in den Städten, ganz abgesehen

von den kriegsähnlichen Massakern, die von verantwortungslosen Fahrern

verschuldet werden. 24

Wäre es nicht besser, den städtischen Verkehr derart zu organisieren, daß sich

die Verkehrsteilnehmer kostenlos in kleinen Bussen mit hoher Verkehrsfrequenz

oder, noch besser, mit elektrisch angetriebenen Bussen fortbewegen? Warum

soll es nicht möglich sein, 2 bis 3 % der zur Verfügung stehenden gesellschaftlichen

Ressourcen für Gratistransporte einzusetzen? Wenn das geschähe, wer

würde dann noch Privatautos kaufen und Geld für Benzin ausgeben? Es bedürfte

keiner „Polizei“, um solche Käufe zu „verbieten“.

Selbst wenn dies von ernsten Ungleichgewichten zwischen der Produktion von

Omnibussen und Pkws begleitet wäre und die öffentlichen Unternehmen vom

makroökonomischen Standpunkt aus weniger effizient arbeiten würden als heute

die privaten Automobilfabriken —eine Hypothese, die unserer Meinung nach

noch zu beweisen wäre—, würde eine derartige radikale Reduzierung des verrückten

Rennens, das nur zu Paralyse durch Luftverschmutzung führt, riesige

materielle Ressourcen ersparen und viele Menschenleben retten. Die Befriedigung

der Verbraucherwünsche wäre gesichert. Das Geld würde eine genau

umgekehrte Rolle spielen als die, die man ihm zuschreibt, d.h. es würde abschrecken

anstatt anzureizen .

Noch einmal: mit welchem Recht könnte ein tyrannischer Verfechter des

„Marktsozialismus“ einer Gemeinschaft verbieten, sich mehrheitlich für ein

öffentliches, kostenloses, komfortables und sicheres Transportsystem zu ent-

76


scheiden, das weitgehend dezentral organisiert wäre und in jedem Fall viel

weniger Bürokraten erfordern würde als die riesigen privaten Monopole der

Automobilindustrie —falls es überhaupt einer bürokratischen Struktur bedarf?

Es gibt eine dritte Lösung!

Nove leugnet, daß es eine brauchbare und wünschenswerte Alternative sowohl

zur bürokratischen Zentralisierung als auch zum „Marktsozialismus“ gibt. Er

verwirft eine dritte Möglichkeit, weil nach seiner Auffassung eine Bereitstellung

der zentralisierten Ressourcen (vor allem für die Produktionsmittel) in

einer modernen Wirtschaft unvermeidlich ist. Er schreibt: „Aber selbst ganz

einfache Produkte erfordern eine ganze Reihe von oft sehr speziellen Elementen;

wie könnte garantiert werden, daß eine Delegiertenversammlung, die über

Tausende solcher Elemente zu befinden hat, ohne eine hierarchische Autoritätspyramide

einen zusammenhängenden Input/Output des Ganzen gewährleistet—

es sei denn, diese Einzelteile könnten gekauft werden, und die ganze Pyramide

wird überflüssig? Leider, tertium non datur!“

Das ist eine Rückkehr zum Ausgangspunkt, als ob die vorangegangene Diskussion

überhaupt nicht stattgefunden hätte. Zunächst führt der Markt nicht

notwendiger Weise zu einer „lnput/Output-Kohärenz“. Überschüssige Produktionskapazität

und Mangel existieren periodisch nebeneinander und rufen

laufend Boom und Börsenkrach hervor. Die der seit zweihundert Jahren „real

existierenden Marktwirtschaft“ eigenen wirtschaftlichen Schwankungen liefern

den Beweis für eine gigantische „lnput/Output-lnkohärenz

Zweitens werden die meisten dieser Elemente (die großen Produktionsmittel)

nicht in bezug auf die Preisschwankungen geliefert. Der „Kauf“ ist nichts als

eine Formsache, er beeinflußt in keiner Weise die verschiedenen Auswahlmöglichkeiten.

Die Dinge werden auf Bestellung produziert, und zwar in der Regel

ohne Konkurrenz auf dem Preissektor, und sie hängen von vertraglichen technischen

Abreden und von zuvor festgelegten gesellschaftlichen Prioritäten 25

ab. Streitigkeiten gibt es nur bei gravierenden Mängeln (schlechte Qualität,

Nichteinhaltung von Lieferfristen, empfindliche Preiserhöhungen). In 99% der

Fälle ist das nicht die Frage von plötzlichen „Signalen“ des Marktes.

Drittens ist eine zentrale Bereitstellung der Mittel—die angesichts der Beschränktheit

der Ressourcen und der Notwendigkeit, Prioritäten zu setzen, tatsächlich

unverzichtbar ist— keineswegs identisch mit einer „detaillierten“

77


Zuteilung, wie sie als Funktion von Preisbewegungen, d.h. des Marktes, erfolgt.

Nove geht nicht auf unser Argument ein, demzufolge eine „elastische“

Selbstverwaltung absolut möglich ist. Ein nationaler (oder internationaler)

Delegiertenkongreß wird nur demokratisch darüber entscheiden müssen, welcher

Anteil von Mitteln aus dem Nationaleinkommen für jede der, sagen wir,

zwanzig Schlüsselsektoren zur Verfügung gestellt werden muß. Dabei wird er

seine Wahl zwischen den verschiedenen zusammenhängenden „Input/

Output-Varianten „ treffen müssen. Die detaillierte Planung je Branche, z.B.

der Stahl- oder Lederindustrie, wird den Delegiertenkongressen dieser Industrien

überlassen (wo auch die Verbraucher vertreten sind). Noch mehr ins

Detail gehende Entscheidungen werden von Delegiertenräten auf regionaler,

lokaler oder betrieblicher Ebene getroffen. Alternative Möglichkeiten im Hinblick

auf begrenzte Ressourcen werden dabei keineswegs ignorieren. Sie werden

auf den verschiedenen Ebenen demokratisch diskutiert werden.

Ein solches institutionelles System bringt keine hierarchischen Strukturen hervor.

Es sichert im Gegenteil die Souveränität der Produzenten-Verbraucher,

d.h. die Selbstbestimmung und Freiheit im echten Sinne des Wortes sowohl

hinsichtlich der Tyrannei blinder Marktkräfte als auch arroganter Bürokraten.

Man soll uns doch sagen, warum das nicht funktionieren kann. Würde das eine

übermäßige Politisierung hervorrufen? Vielleicht. Aber eine Politisierung in

einer freien Gesellschaft mit politischem Pluralismus, freiem Zugang zu den

Medien und öffentlich kontrolliertem Nachrichtenwesen wäre unbestreitbar ein

geringeres Übel als die riesige, durch die jetzige Erwerbslosigkeit oder die

schlechte bürokratische Leitung bedingte Vergeudung. 26

Über die menschliche Freiheit

Wir kommen jetzt auf den Kern der Auseinandersetzung zurück. Wir sind der

Meinung, daß die Diskussion das Maximum der möglichen wirtschaftlichen

Effizienz nicht wesentlich berührt (ist diese Effizienz überhaupt meßbar, wenn

es keine Definition gibt, die genauer ist als die im allgemeinen von den Ökonomen

gegebenen?). Die Diskussion dreht sich um das Höchstmaß an möglicher

menschlicher Freiheit oder um die Befreiung von den dem Individuum von

außen auferlegten Zwängen wirtschaftlicher, politischer oder soziokultureller

An. Es ist eine Diskussion über die als Ziel der menschlichen Existenz verstandene

Selbstbestimmung .

78


Es versteht sich von selbst, daß, wenn die elementaren menschlichen Bedürfnisse

aller Menschen nicht befriedigt sind, es keine Freiheit und keine Selbstbestimmung

geben kann. Die wirtschaftliche Effizienz als Mittel zur Sicherung

der Bedürfnisbefriedigung aller ohne Unterschied und ohne Diskriminierung

erhält in diesem konzeptionellen Rahmen ihren Sinn. Aber als dauerndes

Ziel menschlicher Anstrengung jenseits jeder anderen Erwägung oder Motivation

wird sie irrational und schlägt ins Gegenteil um.

Die Auseinandersetzung berührt somit eine präzise Frage: soll die maximale

wirtschaftliche Effizienz, sobald die Grundbedürfnisse befriedigt sind, weiterhin

souverän und ohne Rücksicht auf die individuellen und gesellschaftlichen

Kosten herrschen oder muß sie anderen Zielen untergeordnet werden wie etwa

der radikalen Herabsetzung der Arbeitszeit (der Arbeitszeit während des ganzen

Erwachsenenalters), dem radikalen Abbau der gesellschaftlichen Arbeitsteilung

zwischen Verwaltern und Verwalteten, der automatischen Freisetzung

von Zeit für freie schöpferische Tätigkeit, dem Schutz der Umwelt, dem Kampf

gegen körperliche und seelische Krankheit usw.?

All jene, die behaupten, daß das utopisch sei, beharren in Wirklichkeit darauf,

daß die Menschheit verurteilt ist, der Tyrannei der „objektiven ökonomischen

Gesetze“ und der sozialen Ungleichheit in welchem Zusammenhang auch immer

unterworfen zu sein. Nicht genug damit meinen sie, daß die Ablehnung

dieser Zwänge zu einem unannehmbar hohen Niveau der Bedürfnisbefriedigung

führen muß

Hier haben wir eine neue Version des Aberglaubens von der Erbsünde. Dieses

Vorurteil entstammt dem Mythos vom Homo oeconomicus, ein Mythos, der

nur ein Versuch ist, den konkurrierenden Bourgeois (Groß- und Kleinbürger)

als typisches Verhaltensmuster der menschlichen Existenz außerhalb von Zeit

und Raum darzustellen, der in Wirklichkeit nur eine relativ späte Erscheinung

in der menschlichen Geschichte ist

Der Marxsche Sozialismus, wie ihn Professor Nove und ich selbst ihn interpretieren,

bedeutet im wesentlichen die Emanzipation der frei assoziierten Produzenten

vom Zwang, die materiellen und menschlichen Ressourcen nach „ewigen

ökonomischen Gesetzen“ nutzen zu müssen. Es handelt sich um eine Gesellschaft,

in der die Produzenten-Konsumenten frei darüber entscheiden, welche

Gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prioritäten sie setzen. Wenn sie

79


auf ein zweites Fernsehgerät verzichten wollen, um mehr Freizeit zu haben

oder weniger hart zu arbeiten, werden sie ohne Einschränkung das Recht haben,

dies zu tun. Niemand wird sie zwingen, der einen oder der anderen Sache

Vorrang einzuräumen, weder Experten noch weise Philosophen, auch keine

charismatischen Führer oder Parteien. Die ganze Geschichte hat gezeigt, daß

all diese Leute weit davon entfernt sind, allwissend zu sein. Die Produzenten

werden die Freiheit haben müssen, gemäß ihrem Wissen und Gewissen zu entscheiden.

Wenn wir von sozialistischer Planung sprechen, so meinen wir genau

dies.

Anmerkungen

1 MEW, Bd.20, Dietz-Verlag Berlin 1962, S.252 und 258

2 The Economics of Feasible Socialism, London 1983, S.33. Ich werde mich in

diesem Artikel auf die wichtigsten kritischen Einwände von Nove gegen die marxistische

Vorstellung vom Sozialismus konzentrieren und nicht so sehr auf seine Meinungsverschiedenheiten

mit der marxistischen Wirtschaftstheorie im allgemeinen.

Letztere werde ich in meinem in Erscheinung begriffenen Buch Marxist Theoretical

Legacy - -Restatting the Case for Socialism at the End of the Twentieth Century,

London, Verso 1987, behandeln.

3 The Economics of Feasible Soaalism, S. 15-16

4 s.u.a. Wlodimierz Brus, The Market Socialist Economy, London 1972; Branko

Horvath, The Political Economy of Socialism, London 1976; R.Sezucky, Marxism,

Socialism and Freedom, London 1979; Ferenc Feher und Agnes Heller, Dictatorship

over Needs, London 1984.

5 Zum Einsatz von Computern für ein vollautomatisiertes Managementsystem in

der UdSSR s. Martin Cave, Computers and Economic Planning, Cambridge 1980,

S. 153-67

6 Cesar Milstein, Nobelpreisträger für Medizin im Jahr 1984, hatte sich geweigert,

für seine Entdeckung, die bis 1990 einen milliardenschweren Markt erschlossen

hätte, ein Patent zu erwirken. “,Ein Patent hätte bedeutet, alles geheim zu halten,

während wir uns Gedanken über die Anwendungsmöglichkeiten machten—eine

schändliche Beleidigung der Wissenschaft. Patente sind intellektueller Schwindel.“

Sunday Times vom 23.10.1984

80


7 s.u.a. Bruno Bettelheim, The Children of Dream, New York 1969, Rabin-Beit

Hallahmi, Twenty Years Later, New York 1982, Gunar Heinsohn (ed.), Das Kibbutz-

Modell, Frankfurt 1982, Dieter Zimmer, Die Form des neuen Menschen, in Zeitfragen,

vom 12.10.1984

8 The Economics of Feasible Socialism, S.77

9 Ein intensives Forschungsprojekt unter Prof. Dörner, einem deutschen Konservativen,

hat experimentell nachgewiesen daß einfache Menschen mit Hilfe des Computers

viele komplexe Probleme der sozio-ökonomischen Planung einer mittelgroßen

Stadt lösen können. Sie brauchten dazu keine überdurchschnittliche Intelligenz

oder fortgeschrittene Kenntnisse. Der Schlüssel zu dieser ihrer Befähigung war das

Gefühl, daß sie wirklich Kontrolle ausüben, die Überzeugung, daß sie über echte

Entscheidungsgewalt verfügen, s. Dörner (hrsg), Lohausen. Vom Umgang mit Unbestimmtheit

und Komplexität, Bern, Stuttgart, Wien 1983

10 The Economics of Feasible Socialism, S.200-201

11 a.a.O. S.215

12 a.a.O. S.204-205

13 a.a.O. S.204

14 a.a.O. S.229

15 a.a.O. S.178

16 Andreas Hössli hat eine bemerkenswerte Analyse und Kritik über die Mißwirtschaft

der polnischen Bürokratie verfaßt, Die planlose Wirtschaft. Man kann hoffen,

daß dieses Buch, das bald in deutsch herauskommt, rasch ins Englische übersetzt

wird.

17 Alle Bezüge auf Alec Nove betreffen seinen Artikel, der in Nr.161 von New Left

Review (Januar/Februar 1987) erschienen und in der vorliegenden Ausgabe von

Inprekorr leicht gekürzt abgedruckt ist.

81


18 Die Frage, ob man sich an die klassische marxistische und sogar vormarxistische

Definition hält, nach der der Sozialismus eine klassenlose Gesellschaft ohne

Warenproduktion ist, oder ob man eine eingeschränktere Definition akzeptieren,

die den Sozialismus mit dem Verschwinden des Privateigentums an den Produktionsmitteln

gleichsetzt, wurde in unserem Artikel „Warenproduktion und Bürokratie

bei Marx und Engels“ behandelt (siehe: E. Mandel, Karl Marx - die Aktualität

seines Werkes, Frankfurt 1984, S. 137-138).

19 Das schließt fast immer auf mittlere und auf lange Sicht eine substanzielle Erhöhung

der Menge der Produkte ein, die zu einem Durchschnittsprofit verkauft werden

müssen. Daher rührt der Doppelcharakter jeder Krisentheorie, die nicht nur die

Produktion von Werten, sondern auch die Realisierung von Profit, nicht nur die

Dynamik und die Struktur des Wertes (die Quantität an Arbeit, die in ihnen steckt),

sondern auch die durch die Dynamik der Produktion und ihre Klassenstruktur verursachte

Geldnachfrage (die Kaufkraft) wie auch die proportionalen (oder disproportionalen)

Beziehungen zwischen ihnen analysieren muß.

20 Die Sunday Times vom 28.Februar 1988 meldete, daß man laut einer Erklärung

eines hohen Repräsentanten der VR China 1987 5200 Mädchenhändler abgeurteilt

habe, 150% mehr als 1986, und diese Zahl sei nur ein Bruchteil aller vorhandenen

Mädchenhändler. Wir haben hier also einen Fall von Mädchenhandel im „Marktsozialismus“

mit steigender Tendenz! Muß man sich darüber wundern, wenn die

Verkäufer junger, aus rückständigen Gebieten stammender Frauen 5000 Yuan für

jedes Mädchen erzielen können, während der durchschnittliche Monatslohn 20 Yuan

beträgt? Ist es realistisch anzunehmen, daß ein solches Verhalten verschwinden wird,

solange private Habsucht und individueller Aufstieg durch Geld noch vorherrschend

sind?

21 Denken wir daran, daß in den USA, in Großbritannien und in Schweden die

unabhängigen Produzenten und Unternehmer weniger als 10% der aktiven Bevölkerung

ausmachen und weniger als 15 % in mehreren anderen Ländern.

22 Die Fälle häufen sich, daß Monopolfirmen Waren verkaufen, die gesellschaftliche

Bedürfnisse befriedigen sollen, womit ein verbreiteter Mythos widerlegt wird.

Ihr Eindringen in diesen Bereich und ihre potentielle Dynamik sind alarmierend. In

der New York Review of Books vom März 1988 erklärt Professor M.F. Perutz, daß es

im Jahre 1964 in den USA 20 Firmen gab, die Impfstoffe herstellten. 1984 war ihre

Zahl auf fünf gefallen. Dieser Rückgang vollzog sich, obwohl der Fortschritt auf

dem Gebiet der Molekularbiologie es ermöglicht, Impfstoffe gegen Malaria, Hepatitis

B, Cholera und andere in der Welt verbreitete Krankheiten herzustellen und eine

verzweifelte Suche nach einem Impfstoff gegen AIDS im Gange ist. Ihre monopol-

82


artige Stellung hat den noch verbliebenen Firmen erlaubt, unter verschiedenem

Vorwand die Preise für den Impfstoff gegen Diphterie, Tetanus und Keuchhusten

von 16 Cents auf 10 Dollar zu erhöhen.

23 Vom Standpunkt der Freizeit sind die Privatwagen ein Mittel der Autonomie

(Freiheit). Aber dieses Bedürfnis könnte mit nichtprivaten Fahrzeugen befriedigt

werden, indem man sie jenen zur Verfügung stellt, die sie wirklich benutzen, wenn

sie sie brauchen. Das hätte allerdings eine makroökonomisch spürbare Reduzierung

der für diesen Zweck bereitzustellenden Mittel zur Folge.

24 Eine umfassende und ausgezeichnete Kritik der Benutzung von Privatfahrzeugen

findet sich in dem Buch von Winfried Wolf Eisenbahn und Autowahn (Hamburg:

Rasch & Röhring,1987), das es verdient, in andere Sprachen übersetzt zu werden.

25 Die im Gang befindlichen Vorbereitungen zur Schaffung des „freien gemeinsamen

Marktes“ von zwölf westeuropäischen Ländern machen deutlich, wie sich die

gesellschaftlichen Prioritäten im Kapitalismus durchsetzen und bis zu welchem Punkt

der Gedanke einer vom Markt gesteuerten Wirtschaft unrealisierbar und somit falsch

ist. Diese Vorbereitungen betreffen u.a. die Festlegung von 300 „internen Marktdirektiven“,

die das tägliche Leben und den Handel von 350 Millionen Menschen

regeln sollen und solch unterschiedliche Gebiete umfassen wie Veterinärkontrollen,

Kosmetika, Pestizide, Hebekräne, Wasserqualität, die Tiefe der Reifenprofile, das

Gewicht der Kraftwagen, die Sicherheit von Spielzeug, Lebensversicherungen,

Asbestvergiftung, mobile Telefone, Geräuschpegel von Rasenmähern, Sicherheitsvorschriften,

Ausbildungsqualifikationen usw.

26 Der ehemalige Vizepräsident von Procter & Gumble, M. Eberle, hat gesagt: „In

einer Fabrik der gewerblichen Wirtschaft stehen den Leuten, die die Maschinen

bedienen, plötzlich Informationen zur Verfügung, die nicht mehr nur für diejenigen

reserviert sind, die in der Hierarchie zwei oder drei Ebenen höher stehen. Die Kontrolleure

haben keine Vorstellung von der Macht dieser Informationen, bevor sie

den Arbeitern zur Verfügung stehen. Dann aber wird ihr Widerstand gewaltig sein.“

(international Herald Tribune, 15.Februar 1988.) Hier haben wir eine Bestätigung

der Tatsache, daß das Zeitalter der Großrechenanlagen, d.h. die dritte technologische

Revolution, die Arbeiterselbstverwaltung in hohem Maße begünstigt.

83

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine