B I L D U N G S C H W E I Z - beim LCH

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BILDUNG SCHWEIZ 11 I 2010 ............................................................

Bernadette Suter

Untergang und

Neuentstehung

einer Welt

Es war die schlimmste Demütigung

ihres Lebens, als

sie damals in der Unterstufe

von einem ihrer Lehrer auf

unglaubliche Weise vor der

ganzen Klasse blossgestellt

wurde. Heute sagt Bernadette

Suter (49), dass sie nicht

zuletzt dank der Liebe ihrer

Eltern überlebt habe.

Für unser Gespräch sucht

Bernadette Suter erstmals

seit 41 Jahren den Tatort wieder

auf. Als sie auf das Primarschulhaus

in Oberuzwil

zugeht, schleichen sich mulmige

Gefühle ein. Obschon

sie zuvor gesagt hatte, es sei

längst verarbeitet, was sie

hier als Neunjährige erlitten

hatte. Doch jetzt überfallen

sie Knieschlottern und Herzklopfen.

Schritte in eine schmerzhafte

Vergangenheit. Auf dem Pausenplatz

sagt sie: «Hier wurde

ich von Mitschülern häufig

geplagt; der Platz ist ziemlich

negativ belastet.» Sie sei wohl

einfach zu früh eingeschult

worden, noch nicht reif

genug gewesen. Man hätte

sie besser ein Jahr länger

im Kindergarten behalten.

«Denn dort war die Welt für

mich noch in Ordnung. Nachher

nicht mehr.» Weil sie dem

Lerntempo nur mit Mühe zu

folgen vermag, muss Bernadette

Suter die zweite Klasse

wiederholen. «Obwohl der

Notendurchschnitt erreicht

war», sagt sie. Sie nimmt an

Gewicht zu, wird etwas mollig.

Dann bleibt sie sitzen.

Das sitzt. «Meine alte Klasse

lachte mich aus und die neue

auch. Alle fanden, ich sei

dumm.» Ein Stempel, der bis

zum Schulende drückt.

Wie oft steht sie am Morgen

auf und denkt sich: Wenn ich

nur nicht in diese Schule

Bernadette Suter heute und als Primarschülerin. Schritte in eine schmerzhafte Vergangenheit.

müsste und: «Wenn ich nicht

leben würde, müsste ich

nicht zur Schule.»

Und dann eine weitere Katastrophe.

Bernadette Suter erzählt:

«Der erste Schultag in

der zu repetierenden zweiten

Klasse begann mit der Bibelstunde.

Wir traten ins Klassenzimmer,

der Lehrer befahl

uns aufzustehen und im

Chor ‹Guten Morgen!› zu rufen.

Dann: ‹Jetzt dürfen alle

absitzen. Die Bernadette

bleibt stehen.› Alle andern

Kinder setzten sich und starrten

mich an. Dann sagte der

Lehrer: ‹So, und hier seht ihr

ein leuchtendes Beispiel von

Dummheit und Faulheit.

Deshalb ist sie hocken geblieben

und wenn auch ihr

dumm und faul seid, bleibt

ihr sitzen wie sie.› – Ja, und

dann stand ich da. Alle Köpfe

drehten sich zu mir. Ein Gelächter

ging los. Die ganze

Klasse hat einfach nur gelacht

und mit dem Finger auf

mich gezeigt. Auch der Lehrer

lachte. Für mich stürzte

eine Welt zusammen.»

Es sei der Tag gewesen, an

dem sie den Glauben an die

Gerechtigkeit verloren habe

und das Vertrauen in die Lehrer

zerstört worden sei. «Die

Schule wurde für mich zum

Horror.» Etwas besser wird es

erst in der Oberstufe.

Sie erinnert sich, wie sie die

Bibel gepackt und dem Lehrer

vor die Füsse geschmissen

habe. «Ich stand auf, ging

hinaus und sagte: Ausgerechnet

Sie wollen Bibelunterricht

geben! Nie wieder

komme ich zu Ihnen in die

Schule!» Keine zehn Pferde

hätten sie nochmals in dieses

Schulzimmer gebracht. Dank

dem Einsatz ihrer Eltern

muss sie dann tatsächlich nie

mehr in den Bibelunterricht

dieses Lehrers.

Bernadette Suter zieht sich

nach diesem psychischen

K.-o.-Schlag mehr und mehr

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in eine eigene Welt zurück,

Freunde und Freundinnen

findet sie nicht. Sie beginnt

viel zu lesen, erfindet Geschichten,

musiziert. «So entstand

eine ganz eigene Kreativität,

eine, die kein Lehrer

je bemerkte. Ich galt ja einfach

als dumm.» Dass sie das

nicht ist, das zu realisieren

habe ziemlich lange gedauert.

Heute ist Bernadette Suter

eine erfolgreiche, selbständige

Berufsfrau. Sie ist

ausgebildete Krankenpflegerin,

hat eine Ausbildung als

technische Kauffrau gemacht,

arbeitete jahrelang

mit Menschen mit einer Behinderung.

Voraussichtlich

im Januar erscheint ein Buch,

in dem sie über aktuelle

Lebensfragen schreibt. «Über

die Beziehung zwischen

Mensch und Erde, über das

Sterben, über Mensch und

Tier und über die Liebe.»

Vor allem ihren Eltern und

auch der eigenen starken

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