B I L D U N G S C H W E I Z - beim LCH

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BILDUNG SCHWEIZ 11 I 2010 .................................................. PäDAGoGIK

mehr in diesen Hosen zur

Schule. Hast du nicht einen

Jupe für mich?› Sie gab mir

einen ihrer eigenen Jupes.

Der war viel zu gross und ich

musste ihn oben mehrmals

eindrehen, damit es einigermassen

funktionierte. Aber

er war noch immer zu lang.

Doch ich war dermassen

froh, dass ich nicht mehr in

diesen Hosen zur Schule

musste.

Das war für mich ein prägendes

Erlebnis. Ich merkte: Da

kannst du machen, was du

willst, du bist schüchtern, du

bist vielleicht abhängig davon,

dass du von Mitschülern

akzeptiert wirst, und dann

wendet sich plötzlich alles

gegen dich. Ich fühlte mich

so stark ausgegrenzt, dass ich

nur noch hätte heulen können.

Es war die schlimmste

Erfahrung während meiner

Primarschulzeit.

Die Art, wie ein Lehrer sich

in mich einfühlen konnte

oder nicht, beinflusste sehr,

wie ich mich verhielt, ob ich

gern zur Schule ging oder

nicht. Und natürlich wirkte

sich dies auch auf meine

Leistungen aus.»

Hugo Jaeggi

Eine unangenehme

Zeitreise

Hugo Jaeggi (74) gehört zu

den führenden Fotografen

unseres Landes. Bekannt geworden

ist er vor allem mit

seinen tiefgründigen Menschenporträts.

Er lebt in Burg

im Leimental und er erzählt

uns eine Geschichte, die er als

Fünft- und Sechstklässler in

Solothurn erlebte, wo er seine

Kindheit verbrachte.

«Kaum ein Tag vergeht, ohne

dass ich eine unfreiwillige

Zeitreise ins Hermesbühlschulhaus

Ende der vierziger

Jahre unternehme. Wenn mir

etwas zu Boden fällt, zucke

ich oft zusammen. Das hat

Fotograf Hugo Jaeggi: «Wenn mir etwas zu Boden fällt, zucke ich oft zusammen.»

mit Erlebnissen von damals

zu tun. Wenn uns in der

Klasse ein Bleistift oder sonst

etwas zu Boden fiel, mussten

wir nämlich nach vorne und

wir kriegten eine Tatze. Das

ging soweit, dass man automatisch

und unaufgefordert

nach vorne marschierte,

nachdem einem etwas hinunterfiel.

Das Schlimmste war

die ewige Angst während

dieser zwei Primarschuljahre.

Dieser Lehrer war

einfach sehr brutal, ja unmenschlich.

Ich hatte stets

das Gefühl, man wird bestraft

und bestraft. Er trug eine

Art nach aussen gestülpten

Ring am Mittelfinger, fast wie

ein Schlagring sah er aus.

Wenn man zum Beispiel auf

dem ‹Hüselipapier› daneben

schrieb, kriegte man eine

Kopfnuss. Ich hatte oft eine

schmerzende Einbuchtung

auf dem Kopf und konnte

nachträglich die Kruste der

Wunde spüren.

Gemein war auch, dass er

Kinder aus besser gestellten

Schichten bevorzugte. Er

hielt sie ausserdem dazu an,

uns auszuspionieren. Er

wollte wissen, welcher Bub

mit welchem Mädchen Hand

in Hand den Schulweg zurücklegte.

Tags darauf wurde

bestraft, wer denunziert

wurde.

In derselben Klasse hatte ich

einen Freund, der es daheim

sehr schwer hatte, von seinem

Vater oft verhauen

wurde und häufig bei mir

heulte. Ihn hatte dieser Lehrer

‹schaurig auf der Latte›.

Mein Freund sass zuhinterst

im Schulzimmer. Manchmal

und aus geringstem Anlass

hiess ihn der Lehrer, nach

vorne zu kommen. Es sind

Bilder, die mich auch heute

noch quälen: Mein Freund

rutscht auf den Knien durch

den Korridor zwischen den

Bänken nach vorne zum Lehrer.

Die Hände reckt er flehend

in die Luft, zusammengefaltet.

Während er derart erniedrigt

nach vorne rutscht, sagt er:

Hugo Jaeggi als Zweitklässler.

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‹Bitte nicht, bitte, bitte nicht!›

Dann musste sich mein

Freund vor der ganzen Klasse

bäuchlings auf einen Stuhl

legen und der Lehrer verhaute

ihn mit einem Meerrohrstock.

Noch heute höre

ich dieses Heulen, das durch

Mark und Bein drang.»

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