B I L D U N G S C H W E I Z - beim LCH

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BILDUNG SCHWEIZ 11 I 2010 ................................................... PäDAGoGIK

gesinnten austauscht, er setzt die Ideen

Freinets auch aktiv mit seiner Mehrjahrgangsklasse

an der Primarschule Bühl

in Nesslau um.

Dies wird bei einem Besuch in seinem

Klassenzimmer schnell sichtbar: Nachdem

er im Morgenkreis mit seinen Schülerinnen

und Schülern festgelegt hat,

welche Aufgaben zu erledigen sind, machen

sich sofort alle an die Arbeit. Allerdings

sieht diese längst nicht für alle

Kinder gleich aus: Während sich Honegger

mit einer Gruppe von Erstklässlern

im Kreis beschäftigt, setzen sich die restlichen

Kinder mit Zahlenfolgen auseinander,

lesen oder schreiben freie Texte.

Die Kinder arbeiten eifrig und konzentriert.

Es wird jedoch kein ständiges

Stillsitzen gefordert, vielmehr können

sie sich frei bewegen und auf die verschiedenen

Arbeitsplätze im Schulhaus

verteilen. Dem Kind und dessen Bedürfnissen

gerecht zu werden, wie es Célestin

Freinet immer wieder gefordert hat,

scheint hier tatsächlich im Zentrum des

Unterrichts zu stehen.

Vom Bleibuchstaben zum Buch

Dieser Ansatz zeigt sich auch in zwei

weiteren Aspekten, welche auf Ideen

Freinets zurückgehen und bei Andi Honegger

fester Bestandteil des Unterrichts

sind. «Die Kinder sollen in allen Fächern

die Gelegenheit bekommen, sich frei

und kreativ auszudrücken», betont er.

Dies geschieht unter anderem mit Hilfe

der Schuldruckerei, in welcher die 22

Schülerinnen und Schüler selber ihre eigens

verfassten Texte setzen, drucken

und illustrieren. Die Resultate erscheinen

in einer gebundenen Klassenausgabe,

die zusammen mit früheren Exemplaren

gut sichtbar im Klassenzimmer

aufgestellt und von den Kindern

immer wieder gern gelesen wird.

Sich frei auszudrücken bedeutet für

Andi Honegger aber nicht nur, schriftlich

kommunizieren zu können, viel

mehr sollen seine Schülerinnen und

Schüler bereits auf der Unterstufe lernen,

auch mündlich für ihre Meinung

einzustehen und Konflikte auf friedliche

Art zu lösen. Dafür bietet der Klassenrat

eine wichtige Plattform, die ebenfalls

bereits von Freinet und seinen damaligen

Schülerinnen und Schülern genutzt

wurde.

In Andi Honeggers Klasse übernimmt

ein Schüler der dritten Klasse die Leitung,

nachdem sich alle im Kreis versammelt

haben. Die Kinder äussern sich

Die Kinder arbeiten bei Andi Honegger

häufig selbständig. Dabei sind sie meist

eifrig bei der Sache.

aktiv dazu, was ihnen während der letzten

Woche gefallen hat und was nicht,

und bringen Verbesserungsvorschläge

an.

21

Wie dieses Beispiel auf eindrückliche

Weise belegt, werden die Ideen Célestin

Freinets auch an Schweizer Schulen

nach wie vor umgesetzt, erprobt und

weiterentwickelt. Und im Gespräch mit

Andi Honegger wird deutlich, dass nicht

nur für seine Schülerinnen und Schüler,

sondern auch für ihn das entdeckende

und lebensnahe Lernen im Zentrum seiner

Tätigkeit steht. Oder, wie Freinet es

einmal ausgedrückt haben soll: «Wir

werden das Leben entdecken, und

dieses Entdecken des Lebens wird das

entscheidende Ereignis in unserer Pädagogik

sein.»

Weiter im text

Harald Eichelberger (Hrsg.): «Freinet-

Pädagogik und die moderne Schule»,

2003, Studien Verlag Innsbruck/Wien/

München, 178 Seiten, Fr. 34.90, ISBN

3706514907

Weiter im Netz

www.freinet.ch – Informationen über

die Freinet-Bewegung und ihre Regionalgruppen

in der Schweiz

www.blikk.it/angebote/reformpaedagogik/rp10043.htm

Zentrale Elemente der Freinet-Pädagogik

– Individuelles und entdeckendes Lernen/Selbsttätigkeit: Die Kinder arbeiten

mit individualisierten Arbeitsplänen und werden selber forschend und entdeckend

tätig.

– Klassentagebuch: 2 bis 3 Kinder dokumentieren freiwillig im Klassentagebuch

wichtige Geschehnisse in der Klasse.

– Zeitung/Korrespondenz: Mit PC und Druckerpresse werden Zeitungen und

Briefe gestaltet und mit anderen Klassen ausgetauscht.

– Schuldruckerei: Durch die Gestaltung und Vervielfältigung der Texte sollen

Kinder erfahren, dass sie sich mitteilen können und dürfen.

– Atelier: Im Klassenzimmer werden Arbeitsateliers zu verschiedenen Themen

eingerichtet.

– Klassenrat: Die Kinder lernen, Entscheidungen nach demokratischen Regeln

zu fällen, Verantwortung für das soziale Miteinander zu übernehmen und ihre

Meinung auszudrücken.

– Freier Ausdruck und freier Text: Alle Unterrichtsfächer werden nach dem

Prinzip des freien Ausdrucks gestaltet. Zentral ist das Verfassen von freien

Texten.

– Morgenkreis: Im Morgenkreis werden in Form eines freien Gesprächs zwischen

Kindern und Lehrperson aktuelle Unterrichtsthemen festgelegt.

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