Journal Riga 2011 - Heinrich - Humboldt-Universität zu Berlin

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Journal Riga 2011 - Heinrich - Humboldt-Universität zu Berlin

JournalStudentenaustauschNetzwerk Ost-WestLatvijas Universitāte RigaHumboldt-Universität zu Berlin„Freiheit oder Sicherheit - ein unüberwindbarer Gegensatz?"vom 30.07. bis 12.08.2011


Förderer:Besonderer Dank gilt dem FördererDr. Meyer-Struckmann-StiftungHeinrich-Heine-UniversitätGebäude 23.11Universitätsstraße 140225 DüsseldorfZimmer | Dr. WalterRechtsanwälte und NotareFriedrichstraße 15410117 BerlinBetreuer:Prof. Dr. Bernd HeinrichLehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrechtund UrheberrechtHumboldt-Universität zu BerlinJuristische FakultätUnter den Linden 610099 BerlinRedaktion:Lena Larissa HantschkeSusann SteineckeDruck:Universitätsdruckerei der Humboldt-Universität zu Berlinwww.netzwerk-ost-west.de


InhaltVorwort..................................................................................................................................5Mitwirkende...........................................................................................................................6Tagesberichte........................................................................................................................7Samstag, 30. Juli.............................................................................................................9Sonntag, 31. Juli............................................................................................................11Montag, 1. August..........................................................................................................12Dienstag, 2. August........................................................................................................13Mittwoch, 3. August........................................................................................................15Exkurs: Latvijas Nacionālā Opera..................................................................................17Donnerstag, 4. August...................................................................................................18Freitag, 5. August...........................................................................................................20Samstag, 6. August........................................................................................................22Sonntag, 7. August.........................................................................................................23Montag, 8. August..........................................................................................................25Dienstag, 9. August........................................................................................................26Mittwoch,10. August.......................................................................................................27Donnerstag, 11. August..................................................................................................28Seminararbeiten..................................................................................................................29Die Methodik der Rechtsvergleichung am Beispiel des VerfassungsvergleichsDeutschland und Lettland – insbesondere des Artikels 104 GG i.V.m. Art. 2 II 2 GG....31Zwischen Abwehr- und Schutzanspruch – Das Verhältnis des Bürgers zum Staat in derStaatsrechtslehre...........................................................................................................33Die wehrhafte Demokratie – Mechanismen des Selbstschutzes in der Verfassung......34Gibt es eine allgemeine Pflicht zur Verfassungstreue?..................................................36Sicherheitsrechtsraum Europa.......................................................................................38Sicherheitsrechtliche Entwicklungen in Deutschland seit dem 11. September 2001.....40Internet – Das Ende der Staatlichkeit? Das Internet als sicherheitsrechtlicheHerausforderung............................................................................................................41Der Umgang mit gefährlichen Individuen als Herausforderung für Staat undGesellschaft...................................................................................................................43Rechtlicher Schutz vor den Medien – Der Staat zwischen Gefahrenabwehr undGesellschaftserziehung..................................................................................................45


Moot Court...........................................................................................................................47Sachverhalt 1 - Rettungsfolter.......................................................................................49Sachverhalt 2 - Versammlungsverbot............................................................................58Sachverhalt 3 - Alkoholverbot........................................................................................65Interview..............................................................................................................................73Interview..............................................................................................................................75


VorwortIm Rahmen der Arbeit des Netzwerkes Ost-West als Verbund studentischer Projektgruppenfinden jährlich bilaterale Austauschseminareder Humboldt-Universitätzu Berlin in Kooperation mit ausländischenPartneruniversitäten statt. Seit 1992 werdenim Zuge dessen Seminare zu strafrechtlichenThemen mit mittel- und osteuropäischenUniversitäten veranstaltet. Diese studentischorganisierten Seminare finden zurHälfte im Land der jeweiligen Partneruniversitätund zur anderen Hälfte in Berlin statt.Als wir Teilnehmer im Januar zum erstenMal von diesem Seminar des NetzwerkesOst-West erfuhren, hatte für unsere OrganisatorenTheresa Beyer und Sebastian Adamaschekdie Vorbereitung schon längst begonnen.Die Tutoren Eva Schnelle undRené Bahns hatten zugesagt und das Themawar bereits ausgewählt. Die Organisatorenkamen in die Vorlesungen der unterschiedlichenSemester, um das Rigaseminarvorzustellen. Am 26. Januar fand danndas Bewerbertreffen mit ungefähr 50 Studentenstatt. Nun galt es zu überzeugen, davon den Tutoren und Organisatoren nurzehn Teilnehmer ausgewählt werden konnten.Ein paar Tage später bekamen die Teilnehmerper E-Mail die Zusage. Auch dasnächste Treffen zur Vergabe der Seminarthemenfolgte bald. Im Sommersemesterbegann schließlich die Arbeit für uns Teilnehmer.Wir verbrachten viele Stunden inder Bibliothek, um unsere Seminararbeitenzu schreiben. Dabei konnten wir uns mit unserenFragen jederzeit an die Tutoren wenden.Und wie immer, wenn eine Menge zutun ist, verging die Zeit besonders schnellund schon ging es am 30. Juli los nachRiga.5


MitwirkendeBERLINRIGARené BahnsEva SchnelleTutorenChristoph ScheweSebastian AdamaschekTheresa BeyerOrganisatorenAnete BožeKristīne MarkusDaurén AissabayClemens BerningChristopher GardtLena Larissa HantschkeThomas HohendorfNicole KlärJonas LammersJohannes RauchfußSusann SteineckeTeilnehmerJānis BorbalsInga EglīteLaura EmseAleksejs KetovsIeva KudureGints MetālsĢirts StrazdiņšRomāns VīķisMarija Zadevasere6


Tagesberichte


Samstag, 30. JuliEs ist 10 Uhr früh, ein grauer Samstagmorgen.Es ist verhangen, kühl und leichter Nieselregenbildet eine konstante Wand kleinsterRegentropfen. Beim ersten Zusammentreffender deutschen Seminarteilnehmerwirken alle noch etwas verschlafen undmüde. Bei vielen gehört neben der Reisetascheauch noch ein Pappbecher mit Kaffeezum notwendigen Begleiter. Einige kennensich bereits, andere lernen sich grade kennenoder unterhalten sich schon angeregt.Nachdem alle angekommen und die Kofferaufgegeben sind, wird die Wartezeit bis zumAbflug mit Zeitung lesen und Croissant essenüberbrückt. Dann endlich wird der FlugBerlin-Riga von AirBaltic ausgerufen. ZumErstaunen aller fliegen wir mit einer Propellermaschine– das Abenteuer beginnt!Nachetwa zwei Stunden Flug landen wir in Riga.Beim Einschalten der Handys erreichen unsdie SMS, welche man bei der Ankunft imAusland empfängt: „Willkommen in der EU.Sie nutzen den Auslandstarif.“Als alle ihre Koffer wieder bekommen haben,kommt es zum ersten Aufeinandertreffenmit den lettischen Organisatoren. Wirwerden direkt am Flughafen von Kristīneund Anete und von dem Teilnehmer Jānisabgeholt. Dann noch schnell Geld wechseln,Fahrkarte kaufen und ab in den BusRichtung Innenstadt. Die ersten Eindrückevon Riga sind sehr positiv. Nur die Busfahrerfahren genauso ruppig wie in Berlin.In der Innenstadt angekommen, machen wiruns auf den Weg zum Hostel, um unsereTaschen abzustellen und uns frisch zu machen.Das Hostel ist zentral neben dem9


Samstag, 30. JuliHauptbahnhof und in Fußweite zur Universitätgelegen.Danach brechen wir zu einer Stadttour auf,schauen uns die Sehenswürdigkeiten derStadt an und gewinnen erste Einblicke indas Leben in Riga. Neben dem Schwarz-häupterhaus, dem Marktplatz und dem Parlamentzeigen uns unsere lettischen Partnerauch die Reste der Stadtmauer und denPulverturm und beantworten ausführlich unsereFragen. Auch die Jugendstilbauten, fürdie Riga so bekannt und wegen denen RigaUNESCO-Weltkulturerbe ist, werden unsgezeigt.Nach einem kurzen Abstecher zur Universitätgehen wir gemeinsam in einem Restaurantessen. Bei dem hervorragenden, ausdrei Gängen bestehenden Essen, werdendie ersten Eindrücke über Lettland, dieStadt und die Kultur diskutiert. Schließlichlassen wir den Abend in einer Bar bei einemersten deutsch-lettischen Biervergleich entspanntausklingen.(Clemens Berning)Schwarzhäupterhaus10


Sonntag, 31. JuliAm nächsten Morgen treffen wir uns nachdem Frühstück mit den lettischen Partnernam Hauptbahnhof, um gemeinsam an denStrand zu fahren. Um 11 Uhr geht es losund nach etwa 30 Minuten Zugfahrt in einemZug, der, wie der deutschen Seite direktkritisch auffiel, absolut nicht barrierefreiwar, sondern einem vielmehr einen kleinenKletterakt abverlangte, erreichten wir dieKüste Lettlands.Um am Strand gemeinsam picknicken zukönnen, mussten wir in einem, einen kurzenFußmarsch entfernten, Supermarkt noch einigeSachen einkaufen. Bei strahlendemSonnenschein erreichten wir dann mittagsden Strand. Von nun an hieß es abwechselndins Meer zu stürmen und sich in dieWellen zu werfen, auf dem Handtuch zu dösen,zu lesen oder sich mit dem Rest derGruppe zu unterhalten.Abgesehen davon, dass wir alle Juristensind, haben wir auch festgestellt, dass wireine ganz passable Volleyballmannschaftdargestellt hätten. Außerdem lernten wirbeim Volleyball spielen sehr schnell unserelettischen Partner kennen. Nach Stundendes Rumliegens oder Sportmachens begabenwir uns dann am späten Nachmittagwieder, teilweise mit Sonnenbrand, auf denRückweg in die rigaer Innenstadt.Während die lettischen Organisatoren nochmalzum Flughafen gefahren sind, um dendeutschen Tutor René Bahns abzuholen,fahren wir zum Hotel, um uns den Sand unddas Salzwasser abzuduschen und uns fürdas Abendessen frisch zu machen.Das Abendessen selbst gab es dann in einemRestaurant etwas außerhalb der Innenstadt,so dass wir so auch einen Eindruckvon den Randbezirken Rigas bekommenhaben. Das Restaurant lag in der Nähe eineskleinen Vergnügungsparks und bot vorallem heimisches Essen an. Nach diesemkulinarischen Genuss fuhren wir zurück insHostel, um dort dann nochmal richtig auszuschlafen.(Clemens Berning)11


Montag, 1. AugustNach einem deftigen Frühstück mit Bratkartoffelnund Ketchup trafen wir unsere lettischenPartner zum ersten Mal offiziell in derlettischen Universität. Nachdem sich alleerst einmal kurz vorgestellt hatten, zogenwir uns mit unseren Partnern ein wenig zurück,um unsere Arbeiten gegenseitig zustudieren und schon einmal zu beraten, wiewir unser Thema am besten darstellenkönnten. Zum Mittagessen gingen wir in den„Folkklubs ALA“ und genossen ein typischlettisches Gericht. Es gab Sauerkrautsuppeals Vorspeise und etwas Getreideähnlichesmit Schnitzel und Salat als Hauptspeise.Danach arbeiteten wir alle noch einmal mitunseren Partnern intensiv an den Vorträgen,so dass wir am Nachmittag unserewohlverdiente Freizeit genießenkonnten.Nach zwei Kugeln Eis beschlossendie Jungs, sich in einem nahe gelegenenPark niederzulassen und sichauszuruhen. Die Mädchen hingegengingen einer für sie typischen Tätigkeitnach und suchten das nächstgelegeneEinkaufszentrum auf, dasGalleria Center.Am Abend führten uns unsere lettischenOrganisatoren auf ein Schiff,auf dem wir unser Abendessen zuuns nahmen. Danach fuhren wir zurOstsee hinaus. Es herrschte eineangenehme Stimmung und es bildetensich kleine gemischte Grüppchenzum Unterhalten. Als wir wiederfesten Boden unter den Füßenhatten, entschloss sich ein Teil nochetwas zu unternehmen, währendder andere Teil zurück ins Hostelgegangen ist, um den Abend dortetwas ruhiger ausklingen zu lassen.(Nicole Klär)12


Dienstag, 2. AugustAm Dienstagmorgen wurde es zum erstenMal ernst. Die ersten zwei Vorträge für unserSeminar standen an. Den Anfang machtenThomas und Ģirts mit dem Thema „DieMethodik der Rechtsvergleichung am Beispieldes Verfassungsvergleichs Deutschlandund Lettland“, gefolgt von Lena undInga mit „Zwischen Abwehr- und Schutzanspruch– Das Verhältnis des Bürgers zumStaat in der Staatslehre“. Auf die beidenVorträge folgten kritische Diskussionen, dieuns die Sichtweisen der jeweils anderenKultur näher brachten.Nach diesen anstrengenden Stunden begabenwir uns dann alle erst einmal gemütlichzum Mittagessen. Dieses Mal gab es Rote-Beete-Suppe und Fisch. Bis wir uns mit demElektrobus auf den Weg zum Expertisenzentrummachten, konnten wir noch für einpaar Minuten das gute Wetter in einem dervielen Parks nutzen.Im forensischen Forschungszentrum angekommen,wurden wir in eine lettische undeine deutsche Gruppe aufgeteilt. Erste Stationwar der „chemische Bereich“. Wir sahen,wie die Identifizierung von Fingerabdrückenund der Vergleich von Glaspartikelnfunktioniert. Uns wurde auch gezeigt, wieFasern von Kleidungsstücken abgezogenund mit anderen Fasern unter dem Mikroskopverglichen werden.Weiterhin wurde uns präsentiert, wie ExpertenSchmauchspuren auf Oberflächen abgleichenund anhand von Unterschriftenprüfen, ob ein Dokument gefälscht ist odernicht. So wurde uns erklärt, dass die Pigmenteeiner Unterschrift, die schon vor demDruck auf dem Papier war, in das Blatt hineingepresstwerden, was sie von einer normalenUnterschrift differenzierbar macht. Ineiner anderen Abteilung wurden uns gefälschteDokumente, wie z.B. ein polnischerPersonalausweis und ein 100-Mark-Scheingezeigt. Zudem erfuhren wir, wie Handschriftenidentifiziert werden.13


Dienstag, 2. AugustAuf unserer letzten Station im forensischenForschungszentrum lernten wir einen Mitarbeiterkennen, der aus PolizeiberichtenComputersimulationen anfertigt, um bspw.Unfälle besser vor Gericht darstellen zukönnen. Diese Simulationen dienen in denmeisten Fällen dem Nachweis, dass ein Unfallbei Einhaltung der Geschwindigkeitsbeschränkungennicht vorgefallen wäre.Nach diesem sehr interessanten Nachmittagtrafen wir Herrn Pastille, einen unsererwichtigsten Sponsoren, abends zum Essen.Es war ein beschaulicher Abend mit interessantenGesprächen, der den Tag abrundete.(Nicole Klär)14


Mittwoch, 3. AugustDass bereits das Frühstück uns einen Vorgeschmackauf das bietet, was uns späternoch erwarten würde, damit hätte wohl keinergerechnet. Alles begann mit einerSchüssel Haferschleim beim Frühstückscaféunseres Vertrauens. Einige scherzten daschon, „Gewöhnt euch schon mal an denGefägnisfraß später...!“, andere wiederumfreuten sich über die Abwechslung zu demtraditionellen „Ei-in-welcher-Art-und-Weise-auch-immer-Frühstück“,jedoch bliebauch deren Freude über das eher unkonventionelleFrühstück mäßig.An diesem Morgen des zweiten Tages derVorträge starteten wir mit dem Thema „Diewehrhafte Demokratie – Mechanismen desSelbstschutzes in der Verfassung“, gefolgtvon der Präsentation des Themas „Gibt eseine Pflicht zur Verfassungstreue?“. Nacheiner sehr konstruktiven Diskussion ging esdann zunächst zum Mittagessen um nocheinmal Kraft zu tanken für den anschließendenGefängnisbesuch.Nach einer kurzen Wartezeit im Schatten eineslettischen Tiefkühlspeisetransportersging es dann endlich los. Die Gefängnistoreöffneten sich und wir wurden in eine Sicherheitsschleusegeleitet, wo wir letztlich auchdurch einen sogenannten Nacktscannermussten – unzensiert wohlbemerkt. Diemeisten Inhaftierten saßen in Untersuchungshaft,diese kann auch schon malzwei bis drei Jahre dauern, so die Wärter.Vor dem EU-Beitritt Lettlands vergingenauch schon mal zehn Jahre, bis der Prozesseröffnet wurde. Das lokale Gefängnismuseumlieferte uns dank zahlreicher Bilderund Ausstellungsstücke einen ausreichendtiefen Einblick in die Zustände des Gefängnisses,als dieses noch von der Sowjetuniongenutzt wurde. Seitdem wurde es umfassendsaniert. Während wir im Hof standen,hatten einige Gefangene ihren einstündigen„Freigang im Hof“, worauf wir auch maleinen Blick werfen durften. So stiegen wireine Aluminiumtreppe zum Betonklotz nebenuns hoch und liefen auf einer Art Aluminiumreling.Links und rechts unter uns warenca. fünf bis sechs Gefangene in einemAreal eingesperrt, das so groß war wie einhalbes Volleyballfeld, seitlich begrenzt durchBetonmauern, von oben durch Metallgitter,ähnlich wie die „Tigerkäfige“ im Stasi-GefängnisHohenschönhausen. Der Vergleich„Zoobesuch“ sollte nicht zum letzten Mal gefallensein.Unter Zurufen der Gefangenen traten wirden schnellen Rückweg zurück auf den Bodendes Innenhofes an. Während wir nocheinige Fragen klärten, wurden die Gefangenenin nur wenigen Metern Abstand an unsvorbei zurück in ihre Zellen gebracht.Im Trakt wurde dann auch eine Zelle für unsgeöffnet. Jedoch war die Zelle nicht wie erwartetleer, sondern bewohnt, sodass unszwei Insassen hinter einer Gittertür entgegenschauten. Eine weitere Situation, dievon vielen später als unangenehm beschriebenwurde. Neben der Doppelzelle gab esauch Zehnmannzellen, die uns ebenfalls genausounvorbereitet vorgeführt wurden.Diesmal mussten sich die Insassen teilweiseerst noch anziehen. Nicht gerade überraschendwenn man die warmen Temperaturenund den Fakt berücksichtigt, dass nureinmal die Woche die Duschen benutzt werdendürfen. Wir wurden trotz des noch nichtabgeschlossenen Ankleidevorgangs schonan der Zellentür vorbeigeführt. Den Traktder verurteilten Straftäter haben wir nicht zu15


Mittwoch, 3. AugustGesicht bekommen.Im Anschluss an die Führung gab es nochRaum für eine Fragerunde im Ausbildungszimmer.Ob es Gewaltprobleme gibt? - Nein,gibt es nicht. Gangs? - Nein, auch nicht.Seit dem EU-Beitritt wurden die Bedingen liberalisiert,das Drogenproblem ist nunzehnmal so schlimm wie früher! Wie vielman hier verdient? - Das Einstiegsgehalt einesWärters liegt bei 400 € im Monat. Zurkleinen Aufheiterung wurden wir noch anden Schießstand geführt, wo wir mit einerauf Luftdruck und Laser umgerüstetenPistole auf eineZielscheibe schießen durftenund den Treffer auf demComputer angezeigt bekamen.Auch eine Kalaschnikowmit wahlweise HalboderVollautomatik durftenwir ausprobieren.Nach dem Abendbrot ginges dann in die Lettische Nationaloperzum Ballett vonDornröschen im adäquatenAusgehoutfit – Männer imAnzug, Frauen im Kleid.Bildlicher hätte das Seminarthema„Freiheit und Sicherheit– ein unüberwindbarerGegensatz“ wohlkaum sein können...(Johannes Rauchfuß)16


Exkurs: Latvijas Nacionālā OperaBei einer Reise nach Riga ist auch ein Besuchder Lettischen Nationaloper sehr zuempfehlen. Das eindrucksvolle Operngebäudeim Stil des Neoklassizismus, das zwischen1860 und 1863 erbaut wurde, hießursprünglich „Deutsches Theater“. Das Gebäudewurde von dem deutschen ArchitektenLudwig Bohnstedt entworfen, der 1822als Sohn deutscher Eltern in St. Petersburggeboren wurde und einer der namhaftestendeutschen Architekten des 19. Jahrhundertist. Typisches Merkmal für die Bauweise zurZeit des Neoklassizismus ist die Verwendungvon Schmuckelementen, die stark andie Antike erinnern, wie zum Beispiel dieVerwendung von Säulen, wie es auch beider Lettischen Nationaloper in Riga der Fallist. Seit 1919 beherbergt das Gebäude dieLettische Nationaloper.In der Saison von September bis Ende Maiwerden hier klassische und moderne Ballett-Inszenierungen aufgeführt. Den Höhepunktbildet das Opernfestival in Riga, das seit1997 jährlich im Juni veranstaltet wird undOpernliebhaber aus der ganzen Welt anzieht.Der Spielplan umfasst zahlreiche Operndeutscher, französischer, italienischer undrussischer Komponisten. Allerdings wirdauch ein hoher Wert auf den Erhalt und dieWeiterführung lettischer Operntradition gelegt.Aus diesem Grunde befanden und befindensich im Spielplan der Oper auch heutenoch Werke namhafter lettischer Komponistenwie Janis Medins, Jazep Medins oderJanis Kalnins.17


Donnerstag, 4. AugustAm vorletzten Tag in Riga starteten wir miteinem Vortrag der besonderen Art. Jens-Christian Pastille, Rechtsanwalt und Niederlassungsleitervon Rödl & Partner Lettland,hielt einen sehr anschaulichen und lebhaftenVortrag zu unserem Seminarthema„Freiheit und Sicherheit“ anhand des Strafrechts,da dieses der erste und deutlichsteIndikator von rechtlichen Grundänderungensei. Einleitend gab es eine allgemeine Einführungund Wiederholung über den Zweckeines Strafverfahrens, der Frage warum eigentlichgestraft wird, strafprozessualeGrundsätze und dass eine Strafe inDeutschland der Schuld angemessen seinsoll. Der EMRK-Grundsatz, dass jederMensch ein Recht auf einen fairen Prozesshat, wurde dann im Lichte der strafrechtlichenEntwicklung beleuchtet. Vor allem die§§ 129a und 129b StGB, Bildung einer terroristischenVereinigung, wurden kritisch besprochen.Insgesamt konnte festgestelltwerden, dass der Tatbestand einer Straftatimmer weiter ins Vorfeld der eigentlichen Tatrückt. Also bereits dann eine strafrechtlicheSanktion möglich ist, bevor eine Tat überhauptbegangen wurde und dass einmalaufgegebene Freiheiten mit an Sicherheitgrenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehrzurückerlangt werden können.Nach dem Vortrag ging es dann in das rigaerZentrum der Psychiatrie und Narkologie.Dort sind schwere Straftäter inhaftiert, beidenen eine psychiatrische Unterbringunggerichtlich angeordnet wurde. Von außenglich die Einrichtung mit den hohen Mauernund Stacheldraht einem Gefängnis, von innenjedoch war man dann positiv überrascht.Zwar musste man den Personalausweisim Gegensatz zum Gefängnis diesmalan der Sicherheitsschleuse abgeben, jedochstieß man im Innenhof auf Bäume, Wieseund sogar einen Basketballkorb. Dass dieserOrt eine freiheitsentziehende Einrichtungund kein Erholungsort ist, daran erinnertendie hohen Maschendrahtzäune mitdem umfassenden Stacheldraht und diePflegekräfte, die die sedierten Insassen imInnenhof begleiteten. Im Hof gab es aucheinen kleinen Garten, in dem Gemüseselbst angebaut und verwertet wurde. Auchdie Blumenlandschaft wird von den Insassengepflegt.Derzeit sind in der Einrichtung 46 Menschenuntergebracht. Viele von ihnen sind Schwerverbrecher– Mörder, Sexualstraftäter undsogar Kannibalen. Über deren Freilassungentscheidet das Gericht nach Anhörung derPsychiater. Die Insassen der Untersuchungshaftwaren in einem separaten Komplexuntergebracht, den wir nicht zu Gesichtbekamen.18


Donnerstag, 4. AugustWir wurden durch die Arbeitsräume der Insassengeführt, wo sie Handarbeit wie sticken,nähen und töpfern lernen, sowieKorbflechten unter Anleitung eines Insassen.Während wir durch die genanntenRäumlichkeiten geführt wurden, waren teilweiseauch noch Insassen anwesend. Allerdingswaren diese so voll mit Medikamenten,dass wir relativ ruhig neben ihnen stehenkonnten, ohne Angst haben zu müssen,es würde gleich etwas passieren. Beeindruckendwar, dass trotz des ruhiggestelltenZustandes noch gewisse Mimik und Reaktionenfeststellbar waren. So senkte dereine Insasse seinen Kopf und schaute nurnoch auf den Boden, als wir alle in denRaum kamen und wirkte leicht beschämtbzw. nervös. Andere schienen uns gar nichtwahrzunehmen,während andere wiederum in die andereEcke der Turnhalle gingen, um sich danndort an einem Sportgerät zu beschäftigen.Im Anschluss an die Führung gab es nochjede Menge Fragen, die uns von den geduldigenPsychiaterinnen beantwortet wurden.In der späteren Diskussion und dem Austauschvon Eindrücken kam vermehrt zumAusdruck, dass es als eine gute Erfahrunggesehen wurde, während seiner juristischenAusbildung auch einmal solche Einrichtungenzu besuchen, in denen die Menschenuntergebracht sind, die man eventuell vertretenwird oder aber sogar dort unterbringenlässt.(Johannes Rauchfuß)19


Freitag, 5. AugustJeder Abschiedsabend hat auch einen Morgendanach. So hieß es dann am Freitag füralle Seminarteilnehmer früh aufstehen, Kofferpacken und die letzte Mahlzeit in LettlandsHauptstadt Riga genießen. Zum Abschlussgab es zum Frühstück noch einmalEi. Nur die Kartoffeln haben gefehlt, um zubehaupten: Typisch Riga! Danach wurdendie letzten Reisevorkehrungen getroffen.Manch einer ging in ein schönes Café, umnoch einmal einen Kaffee zu genießen undsich auf die Heimfahrt einzustimmen. Manchanderer durchstreifte die Innenstadt vonRiga zum letzten Mal, um das letzte Geldauszugeben oder um die Sehenswürdigkeitenin den ersten Sonnenstrahlen des Tagesmit der Kamera einzufangen. Letztendlichtrafen sich dann alle Seminarteilnehmer um11.20 Uhr vor dem Hostel respektive an derBushaltestelle, an der uns der Bus der Linie22 abholen sollte.Am Flughafen angekommen, wurde eingechecktund die Koffer den Fluglinienbetreibernübergeben. Das war dann auch derZeitpunkt, an dem alle Teilnehmer begriffen,dass nun eine Woche dieses Seminars vorbeiist und ihnen nur noch eine weitere verbleibt.Doch schon dort konnte man auf allerhandErlebnisse und Erfahrungen zurückblicken,deren Intensität und Fülle sich inder Müdigkeit aller widerspiegelte. Dementsprechendwurde die Zeit zwischen Checkinund Abflug zum Schlafen genutzt. Nurwenige hatten noch den Elan, ihren Seminarvortragweiter vorzubereiten oder das immernoch vorhandene lettische Geld im Duty-Free-Shopauszugeben.20


Freitag, 5. AugustCa. 14.15 Uhr hieß es dann: Boarding Time.Der Flieger, der uns auf dem Rollfeld bereitserwartete, glich innerlich und äußerlich dergleichen Maschine vom Hinflug, sodassman auch hier wieder die Köpfe beim Einsteigeneinziehen musste, um unbeschadetsein Plätzchen einzunehmen. Nach ungefährzwei Stunden Flug erreichten die Seminarteilnehmerunbeschadet den FlughafenBerlin-Tegel. Der augenscheinlich größteUnterschied zwischen Riga und Berlinschien anfangs das Wetter zu sein: Rigagleich Sonnenschein; Berlin gleich bewölktund Regen. Das sollte aber nicht der letztesein.Am Abend gingen alle Seminarteilnehmergemeinsam im „Aufsturz“ in der OranienburgerStraße essen. Der Verzehr der am Vortaggewählten Speisen bedeutete zeitgleichdas Ende des offiziellen Seminarprogrammsfür diesen Freitag.Danach gingen einige Teilnehmer mit vollerVorfreude auf den Beginn der neuen Fußballsaisonin eine benachbarte Kneipe. Anderebesorgten sich Getränke und vergnügtenund entspannten sich auf einer Wiesean der Spree.Das war der einzige Freitag des gesamtenSeminars. Das war auch der Tag, der denUmbruch/Wechsel darstellte. In der Summeein ruhiger, stressfreier Tag.(Thomas Hohendorf)21


Samstag, 6. AugustSamstag. 9 Uhr. Humboldt-Universität. DieSeminarteilnehmer treffen sich zum erstenMal in dem Raum, welcher die nächstenTage die zweite Heimat sein wird. Und daszu einer Uhrzeit, zu der die meisten Berlinernoch schlafen oder sich gerade von derletzten Nacht erholen. Zwar sieht man auchden Teilnehmern die Müdigkeit an, doch hörensie fleißig den Vorträgen „SicherheitsrechtsraumEuropa“ und „SicherheitsrechtlicheEntwicklungen in Deutschland bzw.Lettland seit dem 11. September 2001“ zu,um anschließend darüber zu diskutieren.Nach einer kleinen Stärkung zur Mittagszeitund dem Besichtigen der Museumsinsel mitpassendem Kurzvortrag einer Teilnehmerinsteht am Nachmittag der zweite Punkt aufder Tagesordnung: Gemeinsames Gesprächüber die gesammelten Eindrücke aus Riga.Insbesondere der Besuch der Psychiatrie,des Gefängnisses und des Expertisenzentrumsbeschäftigten die Seminarteilnehmerlanganhaltend, sodass der Austausch derEindrücke zu einer besseren Verarbeitungdes Erlebten und nicht zuletzt zur intensivereninterkultureller Kommunikation führte.Am Abend ging es dann in das „Alarabi“ inBerlin-Friedrichshain zum gemeinsamen Essen.Die Zeit zwischen der Universität unddem Abendessen stand zur freien Verfügung.Diese wurde unterschiedlich genutzt.Manch einer nutzte sie zum Erholen undSchlafen. Manch anderer besuchte ein inBerlin stattfindendes Kulturfest. Und anderewiederum gingen einkaufen.Nach dem Ende des offiziellen Seminarprogrammsgingen alle in eine nahe gelegeneBar, um sich gemeinsam auf die Nacht einzustimmen.Ein Teilnehmer hat es der Gruppeermöglicht, den Tag im „Spindler & Klatt“mit Feiern und Tanzen ausklingen lassen.Somit stellte dieser Samstag einen wenigeranstrengenden Seminartag dar, an dem dieBalance zwischen Arbeiten und Vergnügennahezu perfekt eingehalten worden ist.(Thomas Hohendorf)22


Sonntag, 7. AugustAm Sonntag den 07.08.2011 begann dasSeminar etwas später, so dass die Tutorenund die Seminarteilnehmer die Erlebnisseaus den vorangegangenen Tagen verarbeitenkonnten. Die Hauptstadt von Lettland,Riga, hatte sowohl historisch als auch rechtlichbei allen deutschen Studenten viele unterschiedlicheEindrücke hinterlassen. Undauch die lettischen Kommilitonen sollten diepulsierende Schlagader Europas, in der sowohltiefgreifende geschichtliche Ereignisseals auch die sich stetig verändernden Lebensartenaufeinandertreffen, kennenlernenund verstehen, wie rasant sich die deutscheGesellschaft in den vergangenen Jahrenverändert hat. Berlin hat zahlreiche Orte, diesich hervorragend für ein vertiefendes Verständniseignen würden. Die Organisatoren,Theresa Beyer und Sebastian Adamaschek,haben den am Güterbahnhof der Nordbahnliegenden Mauerpark ausgewählt, den wirauch besuchten.Auf dem Gelände des Mauerparks lag im19. und 20. Jahrhundert einer der zahlreichenberliner Kopfbahnhöfe. Auf dem Stadtplankann man noch gut erkennen, wie dieBahnstrecke von Norden her geradlinig biszum Bahnhof Bornholmer Straße verläuft,um dann nach Osten und Westen auf dieRingbahn einzubiegen. Der Personenverkehrder Nordbahn wurde jedoch bereitsEnde des 19. Jahrhunderts in den größerenund zentraler gelegenen Stettiner Bahnhofverlegt, der dann 1950 aus politischenGründen ebenfalls in Nordbahnhof umbenanntwerden musste. Der alte Bahnhof derNordbahn wurde bis nach dem ZweitenWeltkrieg für den Güterverkehr genutzt undtrug den Namen Güterbahnhof der Nordbahnoder Güterbahnhof Eberswalder Straße.Auch wurde der Todesstreifen, der dieGrenze zwischen West-Berlin und Ost-Berlinbildete, besichtigt und in den zeitlichenKontext eingebracht und erläutert. DieserGrenzpunkt am Mauerpark stellte nämlichdurch die Höhenunterschiede, die in derEbene vorhanden waren, eine enorme Belastungfür die Wachen der DDR dar, da esdie Grenzkontrollen erschwerte.Nach der interessanten Führung und derdoch etwas bedrückenden Atmosphäre entschiedenwir uns vor Ort niederzulassenund uns mit einer Mahlzeit zu stärken, bevorwir den Ausflug ins Schloss Sanssouci antraten.Das Schloss selbst liegt im östlichenTeil des gleichnamigen Parks und ist einesder bekanntesten Hohenzollernschlösserder brandenburgischen LandeshauptstadtPotsdam. Nach eigenen Aufzeichnungenließ der preußische König Friedrich derGroße in den Jahren 1745 bis 1747 ein kleinesSommerschloss im Stil des Rokoko errichten.Unter Friedrich Wilhelm IV. wurdeSchloss Sanssouci 1840 bis 1842 durchUmbau und Verlängerung der zwei Seitenflügelerweitert. Seit 1990 steht der Park mitseinen Schlössern und dem weitläufigenSchlosspark als Weltkulturerbe unter demSchutz der UNESCO.23


Sonntag, 7. AugustDie Seminarteilnehmer erhielten einigeStunden Freizeit, damit sie ihren eigenen Interessennachgehen konnten und verabredetensich für eine Theatervorstellung. Der„Hexenkessel“ ist ein dem griechischen Amphitheaterähnelndes Gebilde, in dem vieleaufstrebende Künstler ihre Werke vorstellen.Um 19.50 Uhr begann die auf Improvisationausgerichtete Vorstellung. Es wurdenviele dem Comedy und Kabarett gleichendeSketche aufgeführt. Mit dem Besuch desTheaters sollten die Letten einen kleinenEindruck des deutschen Humors kennenlernen.Nach dem Ende der Vorstellung, wurdenalle Teilnehmer freigestellt.(Daurén Aissabay)24


Montag, 8. AugustAm Montag begann der Tag pünktlich um10.30 Uhr mit dem Vortrag zweier Seminarteilnehmer,einem lettischen und einemdeutschen, über das Thema: „Der Umgangmit gefährlichen Individuen als Herausforderungfür Staat und Gesellschaft“. Der deutscheReferent schilderte dabei in einer eindrücklichenVortragsweise, welche Regelungenund Neuregulierungen es in Deutschlandim Bereich der Sicherheitsverwahrunggibt. Dabei ging er vor allem auf die Frageein, ob sich die Sicherheitsverwahrung tatsächlichmerklich von der üblichen Haftstrafein deutschen Gefängnissen unterscheidet.Auf der lettischen Seite sprach der Referentüber die lettische Sichtweise auf dasumstrittenen Thema der Sicherheitsverwahrung.Die beiden Referenten ergänzten sichin ihrem Vortrag gut und vermittelten erfolgreichein umfangreiches Bild über die Sicherheitsverwahrungin Deutschland und inLettland. Im Anschluss fand wie schon nachden anderen Vorträgen eine Gruppendiskussionstatt, die sich vor allem um den Gefängnisbesuchin Riga drehte.Nach der Diskussion trug die zweite Referentengruppeihren Vortrag vor, zum Thema„Internet – Das Ende der Staatlichkeit? DasInternet als sicherheitsrechtliche Herausforderung“.Die Referenten stellten zunächstdie rechtlichen Probleme dar, welche dasInternet heutzutage aufwirft. Sie gingen sodanndazu über, die unterschiedlichenrechtlichen Regulierungen zur Bekämpfungvon Kriminalität im Internet zu erläutern. DerVortrag endete schließlich mit einemRechtsvergleich der lettischen und deutschenGesetzeslage. Die anschließendeGruppendiskussion drehte sich vor allemum die Frage, auf welche Weise Internetkriminalitätam besten bekämpft werden könnte.Nach der Diskussion brach die Gruppeder Seminarteilnehmer und der Tutoren zumMittagessen auf, wo die Diskussion überRecht im Bereich des Internet von den Studentenweitergeführt wurde.Am Nachmittag besuchten die Seminarteilnehmerdas ehemalige Staatssicherheits-Gefängnis in Hohenschönhausen. Der vomMuseum für uns abgestellte Führer führtedie Studenten durch die verschiedenenTrakte des Zuchthauses und erläuterte dabeiauf ergreifende Weise, welches Schicksaldie oft unschuldigen Gefangenen in diesembekannten Gefängnis einst ereilte. Besondersüberwältigend war die Erkundungder Folterzellen, in denen Menschen auf unwürdigsteWeise misshandelt wurden. Nachdem Besuch des Gefängnisses fuhren dieSeminarteilnehmer nach Hause, um sichabends zum gemeinsamen Abendessen zutreffen. Dort wurden die Erfahrungen desTages miteinander diskutiert, um sie auf dieseWeise zu erarbeiten. Gegen 21.00 Uhrmachten sich die Teilnehmer auf den Wegnach Hause, um sich am nächsten Tag wiederin der Universität zu treffen.(Christopher Gardt)25


Dienstag, 9. AugustAm Dienstag den 09.08.2011 startete dasProgramm um 10:30 Uhr wie üblich mit einemVortrag. An diesem Tag waren NicoleKlär (Humboldt-Universität zu Berlin) undLaura Emse (Latvijas Universitate Riga) mitdem Thema: „ Rechtlicher Schutz vor denMedien – Der Staat zwischen Gefahrenabwehrund Gesellschaftserziehung“ an derReihe. Im Anschluss an den letzten Vortragdes Seminars, folgte eine lebhafte Diskussion,die vor allem durch die Aktualität derThematik völlig kontroverse Ansichten undVorgehensweisen hervorrief. Die Diskussionorientierte sich sowohl an der gegenwärtigenpolitischen Lage als auch an den derzeitigenGesetzen. Schlussendlich musstevon allen Seminarteilnehmern festgestelltwerden, dass die empfindliche Balance zwischenFreiheit und Sicherheit nur sehrschwer zu gewährleisten ist und die Suchenach einer befriedigenden Lösung weitergehenmuss.Nach dem gelungen Start in den regnerischenTag begaben sich alle Teilnehmer gemeinsamin die „Mensa Süd“ der Humboldt-Universität, um sich für die nächsten Programmpunktezu stärken. Als nächstes trafensich alle Studenten in dem Seminarraum,um von den Tutoren die Sachverhaltefür den bevorstehenden Moot Court (simuliertesGericht) zu erhalten. Sie wiesen jedemTeilnehmer Rollen zu, so dass dreiGruppen entstanden. Die Aufgabe jederGruppe war es den Sachverhalt so zu bearbeiten,dass eine richtige Gerichtsverhandlungdurchgeführt werden könnte. JedeGruppe wurde von den Tutoren und den jeweiligenRichtern, die Studenten aus denhöheren Semestern, koordiniert und kompetentbetreut. Die Vorbereitung beanspruchtemehr als zwei Stunden, als die Teilnehmersich entschieden ihre schriftlichen Beiträgein aller Ruhe zu Hause zu verfassen und amnächsten Tag gemeinsam zu besprechen. Indem Zeitraum von 16.00 bis 19.00 Uhr hattenalle Teilnehmer die Möglichkeit ihre freieZeit nach eigenem Belieben zu gestalten.Am Abend trafen sich alle Studenten in derGastronomie „Pizzadach“ in der Wühlischstraßein Friedrichshain und verbrachteneine weitere gemeinsame Mahlzeit, die fernvon dem rechtlichen Aspekt auch einen kulturellenAustausch ermöglichte.(Daurén Aissabay)26


Mittwoch,10. AugustAm Mittwoch den 10.08 begann der Tag füralle Seminarteilnehmer um 9.00 Uhr in derjuristischen Fakultät mit den letzten Vorbereitungenfür den am folgenden Tag stattfindendenMoot Court. Im Mittelpunkt der letztenVorbereitungen standen vor allem dieErarbeitung der gerichtlichen Formalia undAbläufe wie zum Beispiel die Gestaltung einerAnklageschrift, der Aufbau eines Plädoyersoder die richtige Vereidigung einesZeugen.Nachdem die Vorbereitungen abgeschlossenwaren und alle drei Fälle ausführlich erarbeitetund vorbereitet waren, aßen die Seminarteilnehmerin der Mensa zu Mittag undbrachen Richtung Bundestag auf. Der Wegdorthin wurde durch zwei Kurzreferate deutscherTeilnehmer begleitet. Das erste Kurzreferatbefasste sich mit der historischenund politischen Bedeutung des BrandenburgerTors für Deutschland. Der zweite Kurzvortragdrehte sich um das Regierungsviertelin der Nähe des Bundestages. Dabeiwurde vor allem die Bedeutung des Bundeskanzleramtessowie des Paul-Löbe-Hausesvorgetragen. Um ca. 15.30 Uhr beganndie geplante Führung durch das Reichstagsgebäude.Die sehr interessante undaufschlussreiche Führung umfasste vor allemdie Erläuterung der Geschichte desReichstagsgebäudes und die Erklärung derpolitischen und juristischen Strahlkraft desBundestages.Nachdem die Führung zu Ende war, trafensich alle Seminarteilnehmer zum gemeinsamenGrillabend in der Fakultät. Im Verlaufdes Abends durfte sich die Gruppe über denBesuch von Prof. Dr. Bernd Heinrich, demDekan der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universitätund Schirmherr des Ost-West Netzwerkes freuen. In einer angeregtenDiskussion mit Prof. Dr. Heinrich erzähltendie deutschen und lettischen Teilnehmervon ihren Erfahrungen und Eindrücken, diesie durch das Seminar gewonnen hatten.(Christopher Gardt)27


Donnerstag, 11. AugustAm Donnerstag fing der Tag um 9 Uhr mitdem ersten Moot Court an. Vor dem Gerichtwurde der Fall des ehemaligen stellvertretendenPolizeipräsidenten Daschner ausFrankfurt nachgespielt. Der Strafverteidigerversuchte alles um eine Verurteilung zu vermeiden.Er war aber zum Scheitern verdammt.Der zweite Moot Court behandelteein Demonstrationsverbot, anschließendwurde noch über die Zulässigkeit eines Alkoholverbotsauf der Admiralbrücke verhandelt.Die Gerichtsverhandlungen bildeteneinen würdigen Abschluss des akademischenTeils des Seminars. Sie boten nocheinmal die Möglichkeit am konkreten Falleine Abwägung zwischen Sicherheit undFreiheit vorzunehmen. Nach dem Mittagessenin der Musikermensa ging es in das„blaue Ungeheuer“. In der Humboldtbox informiertenwir uns über das neue Stadtschloss.Interessant war insbesondere wiedie Humboldt Universität an dem neu entstehendenHumboldt Forum beteiligt seinwird. Nach einem leckerenEis hieß es dann nochmalFreizeit. Die deutschenTeilnehmer nutzen die Zeitum Kraft für den letztenAbend zu tanken, währenddie lettischen Teilnehmersich mit Andenken von einemschönen Aufenthalt inBerlin eindeckten.Am Abend trafen wir unszur gemeinsamen Bootsfahrtauf der Spree. Losging es am Plänterwald,durch Friedrichshain, ander Museumsinsel entlangbis zum Innenministeriumin Moabit und wieder zurück.Später beim Essen ließ man die vergangenzwei Wochen noch einmal Revuepassieren. Die Stimmung war sehr gut, fastschon melancholisch. Es herrschte Einigkeitdarüber, dass das Seminar ein voller Erfolgwar. Das Seminar war zwar intensiv unddementsprechend anstrengend, aber dieKräfte sind gut investiert wurden. Die Diskussionenhaben gezeigt, das es neben einigenunterschieden im Rechtssystem vorallem Gemeinsamkeiten gibt. Im Anschlussan die Bootsfahrt haben wir zusammen imBerliner Nachtleben den Abschied gefeiert.Nach einer kurzen Nacht brachten die deutschenTeilnehmer die Letten zum Flughafen.Es wurden E-Mail-Adressen ausgetauschtund dann hieß es Lebewohl sagen. ZweiWochen, in denen man wirklich viel gelernthat und neue Freundschaften geschlossenhat, gingen so zu Ende.(Jonas Lammers)28


Seminararbeiten


Die Methodik der Rechtsvergleichung am Beispiel desVerfassungsvergleichs Deutschland und Lettland – insbesonderedes Artikels 104 GG i.V.m. Art. 2 II 2 GGThema 1Thomas HohendorfI. AllgemeinDie Verfassungsvergleichung hat die wissenschaftlicheErhebung und das Zueinander-Inbezugsetzenvon Ähnlichkeiten undDifferenzen der Grundlagen einer Rechtsordnungzum Gegenstand. Sie zielt auf diegeschriebenen und ungeschriebenen Normender Institutionen, Organe, Prinzipienund Grundrechte in den zu untersuchendenRechtsordnungen.Ihren Ursprung findet die Verfassungsvergleichungin der verschollenen Verfassungssammlungvon 158 griechischen Verfassungendes Philosophen Aristoteles. Imdeutschsprachigen Raum begann eine umfangreicherewissenschaftliche Rechtsvergleichungerst im Konstitutionalismus des19. Jahrhunderts mit der Untersuchung undDarstellung der zahlreichen nationalen Kodifikationender deutschen Bundesstaatenund ausländischen Staaten. Nach einigerZeit einer introvertierten, nur mit der Auslegungund Interpretation der eigenenRechtsordnung befassten deutschenRechtswissenschaft sind in den letzten dreiJahrzehnten des 20. Jahrhunderts wiedervermehrt Schriften zur Methodik derRechtsvergleichung im öffentlichen Rechterschienen.II. Ziel und FunktionenDie Rechtsvergleichung als Erkenntnismethodehat als solche in erster Linie dieRechtserkenntnis und die Rechtsfortentwicklungzum Ziel, d.h., das grundlegendeZiel besteht darin, ausländische Rechtsordnungenausgehend von der eigenen verstehenzu lernen und wiederum von den ausländischenRechtssystemen Rückschlüsseauf das eigene zu machen. Des weiterenhilft die Rechtsvergleichung im öffentlichenRecht bei der Auslegung bestehendenRechts und als Erkenntnisquelle supranationalenRechts.III. DurchführungDie Vorgehensweise bei der Durchführungeines Verfassungsvergleichs sollte an demzu erzielenden Untersuchungszweck ausgerichtetsein. Es bestehen nur methodischeGrundregeln zur besseren Strukturierungeines Vergleichs; eine strikte Vorgehensweiseanhand eines festen Mustersverbietet sich zwecks wissenschaftlich genauerLösung.Bezüglich des Vergleichsmaßstabs unterscheidetman zwischen der strukturellenVerfassungsvergleichung (Betrachtung derVerfassung mehrerer Staaten im Gesamten)und der funktionellen Verfassungsvergleichung(Gegenüberstellung von einzelnenRechtsproblemen oder -instituten). Fürdie Vorgehensweise sind zwei Modelle entwickeltworden: das 3-Phasen-Modell vonConstantinesco und das 4-Ebenen-Modellvon Wahl. Das Ebenen-Modell stellt eineKonkretisierung des Phasenmodells dar.Die Durchführung eines Verfassungsvergleichserfordert das Bewusstsein, welches31


Die Methodik der Rechtsvergleichung am Beispiel desVerfassungsvergleichs Deutschland und Lettland – insbesonderedes Artikels 104 GG i.V.m. Art. 2 II 2 GGErkenntnisziel man mit welcher Grundhaltungerreichen will. Unterschieden wird zwischender Suche nach Ähnlichkeiten undDifferenzen in den Verfassungen, wobei beieinem wissenschaftlich exakten Verfassungsvergleichbeide Ausrichtungen kumulativangewendet werden sollten.V. Beispiel einer VerfassungsvergleichungAnhand von Art. 5 Abs. 1 EMRK wird einVerfassungsvergleich der nationalen Umsetzungdieses internationalen Vertragseinführend dargestellt. Dabei wird sich andem 4-Ebenen-Modell orientiert.IV. Eigenheiten und ProblemeDie Verfassungsvergleichung als Unterformder Rechtsvergleichung weist einige Besonderheitenbei der Durchführung auf.Zum einen muss man im Vorfeld der Untersuchungeneine Überprüfung der ansatzweisenÜbereinstimmung der Lebenssachverhalteund der Rechtsstruktur möglicherVergleichsstaaten vornehmen, um dasFehlgehen der Vergleichung oder die Verwerfungvon bereits gebildeten Vergleichbarkeitshypothesenzu vermeiden. Zum anderenkönnen Unterschiede in den Begrifflichkeitengleicher Wörter in verschiedenenRechtsordnungen bestehen. Insbesonderebei der funktionellen Verfassungsvergleichungist außerdem eine sprachliche Verallgemeinerungvon Begriffen notwendig,um das Finden einer Vielzahl von passendenVergleichsobjekten zu ermöglichen.Letztlich impliziert und erfordert die Durchführungeines nicht rein deskriptiven Verfassungsvergleichseine Bewertung der eigenenRechtsordnung und der Vergleichsobjekte.Bei fehlender Distanz können soBewertungsprobleme entstehen.VI. FazitDer einführend erarbeitete Verfassungsvergleichund die dargestellte Methodik zeigen,wie und an welchen Orientierungspunktenein Verfassungsvergleich durchzuführenist, um mit Hilfe dieser juristischenMethode Forschungsaufgaben rechtswissenschaftlichzufriedenstellend zu bearbeitenoder den Wahrheitsgehalt von Arbeitshypothesenanhand von wissenschaftlichenKriterien zu überprüfen. Ebenso verdeutlichtder Vergleich, welche Chancen er bietetund vor welchen Problemen sich derverfassungsvergleichende Wissenschaftlerbefindet. Das gewählte Beispiel zeigt, dasssich schon in eigentlich übereinstimmendenGebieten, die durch völkerrechtliche Verträgeund supranationale Organisationen vorgegebenwerden, doch gewisse Unterschiedein deren Auslegung und Realisierungoffenbaren und diese schon in einemweniger erschöpfenden Überblick aufgezeigtwerden können.32


Zwischen Abwehr- und Schutzanspruch – Das Verhältnis desBürgers zum Staat in der StaatsrechtslehreThema 2Lena Larissa Hantschke1. Der FreiheitsbegriffDer Begriff der Freiheit lässt sich differenzierenin den der subjektiven und den derobjektiven Freiheit.Der subjektive Freiheitsbegriff umfasst dabeidie Abwesenheit von äußerem physischenoder psychischen Zwang. Das Rechttritt dabei lediglich von außen an die Freiheitssphärender Einzelnen, um diese voneinanderabzugrenzen. Inhaltlich ist dieFreiheit jedoch frei von rechtlichen Bestimmungen.Der objektive Freiheitsbegriff sieht im Gegensatzzu Ersterem eine Lenkung und Bestimmungder Freiheitsinhalte durch dasgeltende Recht vor. Dies soll die Freiheitnicht einschränken, sondern als gezielteFörderung der Freiheitsausübung des Einzelnendienen.Der moderne Freiheitsbegriff besteht aus einerVermittlung von subjektiver und objektiverFreiheit, indem der Staat verbindliche inhaltlicheOrientierungspunkte der Freiheitvorgibt. Das Verständnis von innerstaatlicherFreiheit in Deutschland ist vor allemauch durch eine Veränderung des Freiheitsverständnissesim 20. Jahrhundert durchdie Erfahrungen mit dem nationalsozialistischenRegime geprägt.2. Die Bedeutung der SicherheitEin Sicherheitsanspruch des Einzelnen gegenüberdem Staat ist im Vergleich zu derSicherung der Freiheitssphären nicht derartkonkret im Grundgesetz angelegt. Er ergibtsich jedoch vorwiegend aus der Verschränkungund der realen Ausgestaltung einesrechtlich festgeschriebenen Freiheitsanspruches,da dieser ohne ein Mindestmaß anphysischer Sicherheit keine reale Bedeutungentfalten könnte. Die Existenz einergrundrechtlichen Verpflichtung des Staatesdurch ein „Grundrecht auf Sicherheit“ imSinne eines subjektiven Rechtes auf einebestimmte Maßnahme ist jedoch eher zuverneinen.3. Aktuelles Beispiel: Urteil des BVerfG zumLuftsicherheitsgesetzDie Aktualität der Problematik zwischenFreiheits- und Sicherheitsanspruch zeigtsich sehr deutlich an dem Urteil des Bundesverfassungsgerichteszum Luftsicherheitsgesetz.An der Urteilsfindung und denzahlreichen Diskussionen hierüber zeigtsich, dass vor allem neue Bedrohungsszenariendas Recht vor eine neue Herausforderungder Gewichtung von Sicherheit undFreiheit stellen.4. FazitDie Debatte und Gewichtung über und vonSicherheits- und Freiheitsansprüchen iststets von konkreten Umständen der jeweiligenZeit abhängig und ein Gleichgewichtdieser Ansprüche muss im Hinblick dererständig neu definiert werden.33


Die wehrhafte Demokratie – Mechanismen des Selbstschutzes inder VerfassungThema 3Johannes RauchfußDie wehrhafte Demokratie, auch streitbareoder abwehrbereite Demokratie genannt,stellt ein Selbstschutzinstrumentarium derDemokratie dar. Die in einer Demokratie garantiertenFreiheiten sollen nicht dazu missbrauchtwerden, genau diese Freiheitenwieder abzuschaffen. Mit dem Hintergrundder Erfahrung in der Weimarer Republik unddes anschließenden Nationalsozialismussollte von der Entstehung des Grundgesetzesan ein solcher Missbrauch für die Zukunftausgeschlossen werden. Durch dieEwigkeitsklausel in Art. 79 Abs. 3 GG ist esverboten, Art. 1 und 20 GG abzuschaffen.Ferner können gem. Art. 9 Abs. 2 GG Vereineund gem. Art. 21 Abs. 2 GG ganze Parteienverboten werden. Auch ermöglicht Art.18 GG die Grundrechtsverwirkung von Individuen.Der Begriff der wehrhaften Demokratietauchte erstmals im Verbotsurteil der KPDauf. Das BVerfG war in diesem langwierigenVerbotsverfahren gezwungen, präzisere Tatbestandsvoraussetzungenzu formulieren.Demnach müsse die Partei nicht nur gem.Art. 21 Abs. 2 GG nach ihren Zielen odernach dem Verhalten ihrer Anhänger daraufausgehen, die freiheitlich demokratischeGrundordnung zu beeinträchtigen oder zubeseitigen, vielmehr müsse noch eine aktivkämpferische Haltung gegenüber der bestehendenOrdnung hinzukommen. Der Begriffder freiheitlich demokratischen Grundordnungfindet sich als Legaldefinition nicht inder Verfassung und wurde somit erstmalsim SRP-Verbotsurteil formuliert. 1Problematisch ist jedoch, ab wann eine Parteidiese aktiv kämpferische Haltung annimmt.Außerdem steht dies in einem Spannungsverhältniszur Meinungsfreiheit gem.Art. 5 Abs. 1 GG, da die Partei durch ihreSchriften, Reden und Propagandamaterialschon die Tatbestandsvoraussetzungen fürein Parteienverbot erfüllen könnte, sofernsolche Ziele dann überhaupt so offen publiziertwerden.Auch das Verhalten der Anhänger der Parteizuzurechnen, stellt eine besondere Herausforderungdar. Schließlich lässt sich somitlediglich eine Grundtendenz zeichnen. Dader Einzelne keine Treuepflicht zur Verfassunghat, stellt sich die Frage, inwieweit diepersönliche Einstellung zur Verfassung fürdas Gesamtbild der Partei maßgeblich seinkann. Jedoch gibt Art. 21 Abs. 2 GG dasVerhalten der Anhänger und nicht die persönlicheEinstellung als Tatbestandsmerkmalvor.Eine Partei geht dann auf die Beeinträchtigungbzw. auf die Beseitigung aus,wenn sie bewusst, dauernd und planmäßigeinen Feldzug der Verleumdung und Verhöhnungdieser Werte und der sie verkörpertenOrdnung unternimmt. 2 Worin dieserSchaden in der freiheitlich demokratischenGrundordnung liegen soll, lässt sich nurauf der immateriellen Ebene feststellen,sodass man auch von einem ideologischenHochverrat sprechen kann. 3 Parteien, dienicht durch das Verbotsmonopol des BVerfGverboten wurden, unterliegen im Umkehrschlussdem Parteienprivileg.1 Vgl. BVerfGE 2, 1 [12f.].2 Vgl. BVerfGE 5, 85, Rn. 250.3 Vgl. Meier, KJ 1987, 464 ff.34


Die wehrhafte Demokratie – Mechanismen des Selbstschutzes inder VerfassungDie von einer Partei maßgeblich genutzteMeinungsfreiheit kann gem. Art. 5 Abs. 2GG durch ein allgemeines Gesetz eingeschränktwerden. Im Wunsiedel-Entscheidging es darum, ob § 130 Abs. 4 StGB einallgemeines Gesetz sei und somit zulässigeSchranke der Meinungsfreiheit ist. DasBVerfG sah entgegen dem BVerwG in demVerbot, die nationalsozialistische GewaltundWillkürherrschaft zu rechtfertigen, billigenoder zu verharmlosen, gerade kein allgemeinesGesetz. Es rechtfertigte dieseAusnahme vom Gebot des allgemeinen Gesetzesmit der identitätsprägenden VergangenheitDeutschlands.Kritisiert wird am Instrumentarium der wehrhaftenDemokratie, dass dieses ja geradedem Gedanken des pluralistischen Staateszuwiderläuft und eine Demokratie auch anderebzw. unliebsame Strömungen aushaltenmüsse, die sich dann im öffentlichenMeinungskampf selbst auslöschen.35


Gibt es eine allgemeine Pflicht zur Verfassungstreue?Thema 4Jonas LammersIm Folgenden wird untersucht, inwieweit dieHerleitung einer Verfassungstreue des Bürgersmöglich ist.Der Art. 5 Abs. 2 S. 2 GG führt aus, dass dieLehrfreiheit nicht von der Treue zur Verfassungentbindet. Wenn die Lehrfreiheit nichtvon der Treue zur Verfassung entbindet,scheint dieser Artikel auf eine allgemeinePflicht zur Verfassungstreue hinzuweisen.Eine Herleitung aus Art. 5 Abs. 3 S. 2 GGkommt jedoch entgegen dem Wortlaut nichtin Betracht. 4 Zum einen ist schon aufgrundseiner Entstehungsgeschichte klar, dass erprinzipiell eng auszulegen ist. Zudem beschränktesich die Intention des Grundgesetzgebersauf die Verhinderung, dass dieLehre zum Kampf gegen die freiheitlich demokratischeGrundordnung missbrauchtwird. 5 Art. 5 Abs. 3 S. 2 GG verpflichtet daherdie Lehrenden, ihre Position nicht zumKampf gegen die freiheitlich demokratischeGrundordnung zu missbrauchen, gibt ihnenaber trotzdem die Möglichkeit, polemischeund auch einseitige Kritik an der Verfassungzu äußern, solange sie sachlich begründetist. 6Eine Pflicht zur Verfassungstreue erwächstauch nicht aus Art. 20 Abs. 4 GG. Bei demArt. 20 Abs. 4 GG handelt es sich ausdrück-4 Luchterhandt, Grundpflichten alsVerfassungsproblem in Deutschland, S. 469;Götz, Grundpflichten alsverfassungsrechtliche Dimension, VVDStRL,Heft 41 S. 22.5 Hollmann, Der parlamentarische Rat 1948 –1949 Akten und Protokolle, Band 7, S 449.6 Hollmann, Band 9, S 450; Kempen,Epping/Hillgruber, Grundgesetz Kommentar,München 2009, Art. 5 Rn. 199.lich um ein Recht und nicht um eine Pflicht. 7Teilweise wird zwar auch vertreten, dass essich nur um ein Ermessensrecht handelt,bei dem das Ermessen auch auf null reduziertwerden kann, sodass es eine Handlungspflichtzum Schutz der Verfassung gibtund damit eine Pflicht zur Verfassungstreue.8 Dagegen spricht, dass eine solcheAuslegung eindeutig dem Wortlaut des Art.20 Abs. 4 GG widerspricht und auch gegenden Willen des Gesetzgebers, der einePflicht zum Verfassungsschutz bei der Änderungdes Grundgesetz mitdachte, sichaber bewusst dafür entschied nur ein Rechtzum Verfassungsschutz einzufügen. 9Auch aus der Staatsangehörigkeit kann keinePflicht zur Verfassungstreue hergeleitetwerden, unter anderem weil sie bei Mehrfachstaatlernzu dem Problem der Pflichtenkollisionführen würde. 10Eine Pflicht zur Verfassungstreue könntesich aber aus Art. 18 GG ergeben, der bestimmt,dass bestimmte Grundrechte, wennsie zum Kampf gegen die freiheitlich demokratischeGrundordnung verwendet werden,verwirkt werden. Freilich nur in der Form eszu unterlassen die Grundrechte zum Kampfgegen die freiheitliche demokratischeGrundordnung zu missbrauchen. 11 Eine solchePflicht zur Unterlassung hätte zur Folge,dass Handlungen, die sich gegen die frei-7 Sommermann, Mangoldt/ Klein/Starck,Grundgesetz Kommentar, 6 Auflage, Art. 20Rn. 354; Luchterhandt, S. 470; Schmidt,Grundpflichten, S. 196.8 Stober, Grundpflichten und Grundgesetz, S.52.9 Luchterhandt, S. 470; Sommermann, M/K/S,Art. 20 Rn. 354; zur Entstehungsgeschichtedes Art. 20 Abs. IV GG siehe: Isensee, Daslegalisierte Widerstandsrecht, S. 67.10 Schmidt, S. 76; S. 190.11 Schmidt, S. 190; Luchterhandt, S 469.36


Gibt es eine allgemeine Pflicht zur Verfassungstreue?heitlich demokratische Grundordnung richten,nicht vom Schutzbereich der einzelnenGrundrechte umfasst sind. 12 Diese Pflichtsoll für alle Einwohner, unabhängig davonob sie deutsche Staatsangehörige sind, bestehen.Dies wird damit begründet das Art.18 GG auch die Verwirkung des Asylrechtskennt. 13Auf eine solche Unterlassenspflicht scheintauch das BVerfG hinzuweisen, wenn esausführt, dass das Grundgesetz „einen Mißbrauchder Grundrechte zum Kampf gegendiese Ordnung nicht hinnimmt“. 14Eine solche Schutzbereichsbegrenzungdurch eine Pflicht zur Verfassungstreuekann jedoch nicht angenommen werden.Entscheidendes Argument ist wohl, dass dieGrundrechtsverwirkung des Art. 18 GGüberflüssig würde, wenn Handlungen, diesich gegen die freiheitlich demokratischeGrundordnung richten, sowieso nicht vomSchutzbereich der einzelnen Grundrechteumfasst wären. Der besondere Schutz, dassdie Verwirkung nur durch das BVerfG ausgesprochenwerden kann, würde dann umgangenwerden.So ist auch die Rechtsprechung des BVerfGzu verstehen, das ausführt, dass es demBürger freisteht „die verfassungsmäßigeOrdnung abzulehnen und sie politisch zubekämpfen, solange er es innerhalb einerPartei, die nicht verboten ist, mit allgemeinenerlaubten Mitteln tut“. 15Da der Bürger nach dieser Rechtsprechung12 Schmidt, S. 190; Stober, S. 51; Kobor, JuS2006, S. 695 (698); Für die Meinungsfreiheitmit anderer Begründung auch Battis/Grigoleit,NJW 2001, 2051; Volkmann, NJW 2010, 417(418).13 Schmidt, S. 190; Stober, S. 51.14 BVerfGE 28, 36 (48).15 BVerfGE 39, 359.gegen die Verfassung vorgehen darf, solangesein Verhalten nicht verboten ist, kannnicht von einer Pflicht zur Verfassungstreueausgegangen werden. 16 Eine Pflicht zurTreue gegenüber der Verfassung kann fürden Bürger daher lediglich aus staatsethischerSicht bestehen. 1716 Luchterhandt, S. 473.17 Luchterhandt, S. 473.37


Sicherheitsrechtsraum EuropaThema 5Susann SteineckeIm Jahr 2007 unterzeichneten die StaatsundRegierungschefs der EuropäischenUnion in der portugiesischen Hauptstadteinen Reformvertrag, welcher die EU grundlegendmodifizieren sollte: den Vertrag vonLissabon. Von Relevanz war in diesem Vertragswerkauch das Gebiet des Strafrechts,da Zuständigkeiten in eben diesem Bereichvermehrt auf die europäische Ebene übergehensollten.Um einen Überblick über die Organisationdes Strafrechts auf europäischer Ebene zugeben, lag der Fokus dieses Vortrags aufden Instrumentarien der polizeilichen undjustiziellen Zusammenarbeit in Strafsachen.Die PJZS ist neben den weiteren Kompetenzendes Bereiches Justiz und Inneres inTitel V des AEUV „Raum der Freiheit, derSicherheit und des Rechts“ geregelt. Hiererhält die Union in Art. 82 ff. unter der Überschrift„Justizielle Zusammenarbeit inStrafsachen“ Zugriffskompetenzen auf dasStrafrecht mit dem Ziel einer Harmonisierungund Effektivierung des Straf- und Strafprozessrechtsin der EU. Es werden verschiedeneBereiche aufgeführt, in denenMaßnahmen zur gegenseitigen Anerkennunggerichtlicher Urteile und Entscheidungensowie der Angleichung der Rechtsvorschriftender Mitgliedstaaten möglich sind.Während des Vortrags wurden überdies dieweiteren Instrumentarien Europäischer Haftbefehlsowie Eurojust (Art. 85 AEUV) alsKeimzelle einer möglichen EuropäischenStaatsanwaltschaft (Art. 86 AEUV) erläutert.Wie die justizielle Zusammenarbeit inStrafsachen untersteht auch die polizeilicheZusammenarbeit der Gemeinschaftskompetenz(Art. 87 – 89 AEUV). In diesem Zusammenhangwurde das Europäische PolizeiamtEuropol thematisiert, da diesem institutionelleine zentrale Position zuteil wird.Sowohl für Regelungen zur polizeilichen alsauch zur justiziellen Zusammenarbeitkommt grundsätzlich das ordentliche Gesetzgebungsverfahrenzur Anwendung. Hierentscheiden Rat und Europäisches Parlamentnach Art. 289 Abs. 1, 294 AEUV gemeinsam.Jedoch kann ein Mitgliedstaateine Aussetzung des ordentlichen Gesetzgebungsverfahrensim Bereich der Anerkennunggerichtlicher Urteile und Entscheidungenbeantragen und sich einer Rechtsangleichungentziehen, wenn grundlegendeAspekte seiner Strafrechtsordnung berührtwerden. Gleiches gilt auch bei der Befugnisder EU, eine Mindestharmonisierung zurFestlegung von Straftaten und Strafen inBereichen besonders schwerer Kriminalitätfestzulegen. Bei dem gerade geschildertensogenannten Notbremsmechanismus ausdem jeweiligen Abs. 3 der Art. 82 und 83AEUV wird jedoch nicht deutlich, welche Anforderungenan die grundlegenden Aspektegestellt werden. Grundsätzlich kann jederMitgliedstaat nur für sich abwägen, welcheMerkmale seines Strafrechts so elementarsind, dass er nicht auf sie verzichten kann.Abschließend wurden die in der Lissabon-Entscheidungdes Bundesverfassungsgerichtsvom 30.6.2009 aufgeführten Auslegungsansätzezu den vorher erläuterten Instrumentarienvorgestellt. Das Gericht führteaus, dass das Parlament auch nach dem Inkrafttretendes Lissabon-Vertrags die Letztentscheidungskompetenzin zentralen Lebensbereichenerhalten müsse. Neben denAußenwirtschaftsbeziehungen, der Verteidigungs-und der Sozialpolitik zählt dasBVerfG zu diesen Kernaufgaben eines Staatesinsbesondere auch die Strafrechtspfle-38


ge. Aufgrund dieses Leitprinzips erklärtedas BVerfG das Gebot der restriktiven Auslegungstrafrechtlicher Harmonisierungskompetenzen,deren Gebrauch stets einerbesonderen Rechtfertigung bedürfe. Zudemsetzten die karlsruher Richter jeglicherStrafrechtsangleichung eine absolute Grenze.Demnach dürfen europäische Vorschriftendie Bundesrepublik nicht zur Aufgabedes verfassungsrechtlich verankertenSchuldprinzips zwingen, da das Schuldprinzipzur wegen Art. 79 Abs. 3 GG unverfügbarenVerfassungsidentität gehört.Generell ist festzustellen, dass die im Vertragvon Lissabon vorgesehenen Verfahrenund Instrumente des Strafrechts, insbesonderedie justizielle Zusammenarbeit inStrafsachen, eine wesentliche Stärkung erfahrenhaben. Zwar stellen weite Teile ehereine Absichtserklärung dar und zudem wurdendie Mitwirkungskompetenzen der Mitgliedstaatenin der europäischen Gesetzgebungverstärkt, dennoch wächst der europäischeEinfluss auf die nationalen StrafundStrafprozessrecht kontinuierlich. DasBVerfG verlangt daher von allen Akteurenauf europäischer wie deutscher Ebene besondereSensibilität bei strafrechtlich relevantenMaßnahmen der EU.Anders als in Deutschland liegt der Schwerpunktdes Themas Sicherheitsrechtsraum inLettland weniger auf der inneren als vielmehrauf der äußeren Sicherheit. Dies istvor allem der geographischen Lage mitGrenzen zu Nicht-EU-Mitgliedern wie Russlandgeschuldet. Die unterschiedlichen Herangehensweisenan den weiten Oberbegriffwurden in der dem Vortrag folgenden Diskussionvertieft.Sicherheitsrechtsraum Europa39


Sicherheitsrechtliche Entwicklungen in Deutschland seit dem 11.September 2001Thema 6Daurén AissabayDer 11. September 2001 ist ein weitererschwarzer Tag in der Geschichte derMenschheit, der nach fast zehn Jahrennoch immer unschuldige Opfer fordert.Doch bis heute ist der Begriff des Terrorismushoch umstritten und es lässt sich nursehr schwer definieren. Da der Druck zuHandeln enorm ist, haben sich die Expertenfür eine Definition entschieden, die eine internationaleKooperation ermöglichen soll.So wird der Begriff versuchsweise als bewussteErzeugung und Ausbeutung vonAngst durch Gewalt oder die Drohung mitGewalt zum Zweck der Erreichung politischerVeränderung definiert. Diese Begriffsbestimmungist jedoch nur der erste Schrittvon vielen. Denn die deutsche Regierunghat die von George W. Bush Junior verabschiedeteUSA Patriot Act (Uniting andStrengthening America by Providing AppropriateTools Required to Intercept and ObstructTerrorism Act of 2001; zu deutschetwa: „Gesetz zur Einigung und StärkungAmerikas durch Bereitstellung geeigneterInstrumente, um Terrorismus aufzuhaltenund zu blockieren“) in ihren Grundzügenübernommen. Dabei kommt der „Blitzgesetzgebung“,die eine übereilte Gesetzgebungdarstellt, eine enorme Rolle zu. Dieunmittelbare Reaktion auf den internationalenTerrorismus führt in Deutschland zuzahlreichen Gesetzesänderungen. So wurdedas Strafgesetzbuch um den § 129 b erweitertund das Religionsprivileg abgeschafft.Auch wurden den Geheimdienstenweitreichende Kompetenzen eingeräumt, dadie öffentlichen Behörden im Kampf gegenden Terrorismus keine effektiven Möglichkeitenbesitzen. Diese Regelungen werfenim Rahmen des Seminars „Freiheit und Sicherheit– Ein unüberwindbarerGegensatz?“ viele Fragen auf. So wird inder Seminararbeit darauf hingearbeitet, diesicherheitsrechtlichen Entwicklungen inDeutschland kritisch zu betrachten, da dasfeinfühlige Gleichgewicht zwischen Freiheitund Sicherheit zugunsten der Sicherheitverändert wird, indem weitreichende Eingriffein die Grundrechte der deutschen Bürgerverübt werden. Angesichts dieses Gefahrenpotentialsist nicht mehr die Frage, welcheGrundrechte aufzugeben seien, um den Terrorismuseffektiv bekämpfen zu können,sondern vielmehr, welche Grundrechte wiruns noch leisten können. Ein Argument gegendie Einschränkungen der Freiheit stelltein Zitat von Benjamin Franklin dar: „Werdie Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen,der wird am Ende beides verlieren.“ –Denn das Bedürfnis nach Schutz findet keinEnde, so lange die Gefahr stets allgegenwärtigist.40


Internet – Das Ende der Staatlichkeit? Das Internet alssicherheitsrechtliche HerausforderungThema 7Christopher GardtDurch die Erfindung des Internets im Jahr1969 wird unser Leben von Grund auf verändert.Aus einem schlichten, auf einen kleinenRaum begrenzten Kommunikationssystemist 42 Jahre später eine virtuelle Weltgeworden, die heute nicht nur in den Ländernder westlichen Welt einen nicht mehrwegzudenkenden Bestandteil des täglichenLebens darstellt. Vorzug und Problem desInternet zugleich ist, dass es sich nichträumlich begrenzen lässt. Es stellt sich alsodie Frage, ob es in Deutschland überhauptMöglichkeiten gibt, den Gefahren des internationalenInternet aus juristischer Sichtentgegentreten zu können.Zunächst stellt sich die Frage wann dasdeutsche Strafrecht im Bereich des Internetüberhaupt angewendet werden kann undwelche Sicherheit es dadurch bietet. Gemäߧ 3 StGB gilt das deutsche Strafrechtfür alle Straftaten, die im Inland begangenwerden. Dafür muss eine Straftat gemäß § 9StGB entweder in Deutschland ausgeführtwerden (Handlungsort) oder ihren Erfolg inDeutschland haben (Erfolgsort). Problematischist vor allem die Frage nach dem Erfolgsort,wenn in Deutschland ausländischeillegale Internetinhalte betrachtet werden.Strittig ist dabei, ob alleine das Betrachtender illegalen ausländischen Internetangebotebereits einen Erfolg im Sinne des § 9 IStGB darstellt, oder Betrachten nicht als Erfolgqualifiziert werden kann. Nach der vermittelndenLösung der Rechtsprechungstellt das Schaffen der Möglichkeit, illegalenicht-deutsche Internetinhalte in Deutschlandbetrachten zu können ein abstraktesGefährdungsdelikt dar, das seinen Erfolgsortin Deutschland hat. Die Rechtsprechunggrenzt seine Theorie allerdings dadurch ein,dass sie einen Erfolgsort unter den genanntenVoraussetzungen nur dann erkennt,wenn die Möglichkeiten der Betrachtungvorsätzlich für den deutschen „Markt“ geschaffenwird.Eine Internetstraftat ist gemäß § 7 II, 1 StGBdarüber hinaus auch dann nach deutschemStrafrecht strafbar, wenn sie von einemDeutschen unabhängig vom Begehungsortbegangen wird.Im Anschluss an die Feststellung, welcheSicherheit das deutsche Strafrecht im Bereichder Internetkriminalität bietet, stelltsich die Frage welche Freiheiten des Bürgersdurch den Versuch, die Sicherheit herzustellen,eingeschränkt werden. Bei derBeantwortung dieser Frage eignet es sichdie Maßnahmen der Online-Durchsuchungund der Vorratsdatenspeicherung genauerzu betrachten.Bei der staatlichen Online-Durchsuchungwird auf dem zu durchsuchenden Zielrechnerein Programm installiert, das alle Informationen,die der Rechners enthält, an diejeweilige staatliche Behörde weiterleitenkann. Diese Vorgehensweise durch denStaat greift in das Grundrecht auf informationelleSelbstbestimmung nach Art. 2 I inVerbindung mit Art. 1 I Grundgesetz, welchesdie Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischerSysteme gewährleistet,ein. Durch die hohe Eingriffsintensität ist einsolcher Eingriff nur schwer zu rechtfertigen.Lediglich § 20k Bundeskriminalamtgesetzentspricht nach der Auffassung des Bundesverfassungsgerichtesden strengen Voraus-41


Internet – Das Ende der Staatlichkeit? Das Internet alssicherheitsrechtliche Herausforderungsetzungen für eine staatliche Online-Durchsuchung.Gemäß § 20k BKAG darf eine Online-Durchsuchungvon der Seite des Staatesunter anderem nur dann vorgenommenwerden, wenn sie dem Schutz vor internationalemTerrorismus dient. Eine Online-Durchsuchung ist also verfassungsrechtlichmöglich.Bei der staatlichen Vorratsdatenspeicherungwerden verdachtsunabhängig die Internetverkehrsdatenaller Bürger der Bundesrepublikgespeichert und so für den Staat zugänglichgemacht.Die Anwendung der Vorratsdatenspeicherunggreift in das Grundrecht auf Wahrungdes Fernmeldegeheimnisses nach Art. 10 IGrundgesetz ein, das die Vertraulichkeit derunkörperlichen Übermittlung von Informationenmit Hilfe des Telekommunikationsverkehrsschützt.Die Vorratsdatenspeicherung wird durch dieUmsetzung der Richtlinie 2006/24/EG desEuropäischen Parlaments in §§ 113a, 113bTelekommunikationsgesetz festgehalten.Eine Rechtfertigung des Grundrechtseingriffsdurch die Vorratsdatenspeicherungnach §§ 113a, 113b TKG ist nach der Auffassungdes Bundesverfassungsgerichts allerdingsverfassungsrechtlich nicht möglich,weil die Normen den Ansprüchen an dieVerhältnismäßigkeit des Grundrechtseingriffsnicht genügen. Die Vorratsdatenspeicherungist in Deutschland daher zur Zeitverfassungswidrig.Trotz der grenzüberschreitenden Nutzungdes Internets kann das deutsche Strafrechteinen Großteil der Internetkriminalität sanktionierenund bietet daher eine gewisse Sicherheit.Bei dem Versuch der Herstellungdieser Sicherheit werden die Freiheiten derBürger in Form von Grundrechtseingriffenallerdings oft eingeschränkt. Es liegt daheram Gesetzgeber einen Ausgleich zwischenSicherheit und Freiheit zu schaffen, der beidenGütern eine möglichst große Geltungzukommen lässt.42


Der Umgang mit gefährlichen Individuen als Herausforderung fürStaat und GesellschaftThema 8Clemens BerningDas Thema „Der Umgang mit gefährlichenIndividuen als Herausforderung für Staatund Gesellschaft“ ist vor allem nach den Besuchenin dem Gefängnis und der psychiatrischenAnstalt gut veranschaulichbar undsehr plastisch. Vor allem bei der Frage derSicherungsverwahrung waren diese Erfahrungenwertvoll.Der Vortrag begann mit einer kurzen Einführungund der Vorstellung der Gliederung.Daraufhin wurde zunächst der Begriff „gefährlichesIndividuum“ versucht zu definieren.Neben einer medizinischen Herangehensweise,die dann vor allem auf psychologischenErkenntnissen beruht, bietet sich insbesondereeine gesellschaftliche Betrachtungüber den Begriff der Sozialschädlichkeitan.Eine juristische Definition von gefährlichenIndividuen gibt es indes nicht, sondern nureine Einstufung nach Anlasstaten. Letztlichbleibt es jedoch dabei, dass es ein Feststellungsproblembei der Gefährlichkeit von gefährlichenIndividuen gibt.Nach dem Versuch festzustellen, was überhauptalles gefährliche Individuen sind, wurdesich danach der Frage gewidmet, mitwelchen Reaktionsmitteln der Staat auf dieGefährlichkeit der Individuen einwirkenkann.Zunächst ist hierbei auf die unterschiedlichenStraftheorien abzustellen. Gemäß derSchuld- oder auch Sühnetheorie, die unteranderem von Kant und Hegel begründetwurde, hat die Strafe an sich keinen Zweck.Ihre einzige Funktion ist die Vergeltung desbegangenen Unrechts. Die Strafe ist alsoschuldangemessen. Die Schuldangemessenheitbedeutet, dass die Höhe der Strafedas Maß an Schuld nicht überstiegen darf.Sie stellt somit eine wichtige rechtsstaatlicheSchranke dar.Demgegenüber steht die Spezialprävention,die den Täter durch individuelle Angeboteresozialisieren möchte und die Generalprävention,die durch allgemeine Abschreckungeine Erziehung der Gesellschaft zur Gesetzestreueerreichen will. In Deutschland werdenalle diese Theorien parallel als Strafzweckgenannt, wobei der Schwerpunkt jedochimmer noch auf der Schuldtheorieliegt.Aus diesen Schuldtheorien ergeben sichgrundsätzlich zwei Möglichkeiten der Reaktionsmittelauf eine Straftat, die einspurigenund die zweispurigen Systeme. Die zweispurigenSysteme zeichnen sich dadurchaus, dass sie nur eine schuldangemesseneStrafe kennen. Diese muss dann gegebenenfallsdie Funktionen der Prävention mitübernehmen.Demgegenüber gibt es diezweispurigen Reaktionssysteme die sowohleine schuldangemessene Strafe kennen, alsauch eine davon unabhängige gefährlichkeitsangemesseneMaßregelung. InDeutschland gibt es ein solches zweispurigesSystem.Als ein konkretes Beispiel wurde dann imAnschluss die deutsche Sicherungsverwahrungund die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtesund des EGMR dazuerläutert. Insbesondere die Grundrechtseingriffeund die Verstöße gegen die EMRK43


Der Umgang mit gefährlichen Individuen als Herausforderung fürStaat und Gesellschaftwurden besprochen. Gerade die Doppelbindungder deutschen Rechtsprechung aufgrundder voneinander abweichenden Urteiledes Bundesverfassungsgericht und desEGMR stellten sich als sehr interessant heraus.Schließlich wurde zusammenfassend nocheinmal auf die Grundproblematik verwiesen,was nun letztlich mehr überwiege, das Sicherheitsbedürfnisder Allgemeinheit oderdie Freiheitsinteressen des Einzelnen.44


Rechtlicher Schutz vor den Medien – Der Staat zwischenGefahrenabwehr und GesellschaftserziehungThema 10Nicole KlärZu den Aufgaben des deutschen Staatesgehört es, das Staatsvolk vor Angriffen zuschützen. Jedoch kann es nicht Aufgabedes Staates sein, den Menschen vor sichselbst zu schützen. Deshalb übernimmt erdiesen Auftrag lediglich, um die Jugend vordem einflussreichen Instrument der Medienzu schützen. Jugendschutzrechtliche Bestimmungenlassen sich u.a. im Strafgesetzbuch,Jugendschutzgesetz und Jugendmedienschutz-Staatsvertragfinden.Der Kinder- und Jugendschutz beschränktsich im Strafgesetzbuch auf besonders sozialschädlichesVerhalten. Die meisten diesbezüglichenBestimmungen betreffen denBereich der Sexualdelikte, §§ 174 – 184 f.StGB, Verbreitung pornografischer Schriftenund Gewaltdarstellungen gem. § 131 StGB.Besondere Aufmerksamkeit beanspruchte inden letzten Jahren die Verbreitung solcherDarstellungen im Internet. Gewaltdarstellungengem. § 131 StGB zählen zu den Straftatengegen die öffentliche Ordnung. Diesefinden sich insbesondere im Kontext modernerMedien wie Musik-CDs oder im Internetwieder und werden dort verbreitet. Weiterhinschützt § 131 StGB die Allgemeinheit vorsozialschädlicher Aggression und Hetze. Esist anerkannt, dass die Medien auf dasmenschliche Zusammenleben wirken unddiese Wirkung erheblich, weitreichend, vielschichtigund verhaltensbeeinflussend ist.Insbesondere bei Kindern und Jugendlichenwird die potentiell aggressionssteigerndeWirkung der Mediengewalt durch Lieferungvon Vorbildern und Inspiration angenommen.Das neue Jugendschutzgesetz beinhaltetden Jugendmedienschutz. Dieser umfasstalle rechtlichen Regelungen zum Schutz vormedialer Gefährdung im Bereich Literaturund der Druckmedien, im Bereich der Musikmediensowie Video, Fernsehen und Internet.Dabei kommt dem Bund die Zuständigkeitim Bereich der verkörperten Trägermedien(Druckerzeugnisse, Video, DVD,CD) und den Ländern die Zuständigkeit fürden klassischen Rundfunkbereich und nunmehralle Formen elektronischer Kommunikation,also auch Internetinhalte, zu. Es istdie Aufgabe des Jugendmedienschutzes,Medieninhalte aufgrund ihres Gefährdungspotenzialszu beurteilen und deren öffentlicheVerbreitung zu regeln. Deshalb müssenalle Medien für eine bestimmte Altersgruppefreigegeben und dementsprechend gekennzeichnetwerden. Diese Klassifizierungenerfolgen gem. §§ 12, 14 JuSchG durch dieoberste Landesbehörde oder eine Organisationder freiwilligen Selbstkontrolle, bspw.der Kommission für Jugendmedienschutz,der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaftoder der Freiwilligen SelbstkontrolleMultimedia-Dienstanbieter e.V. Dabei wirdauf das System der regulierten Selbstregulierunggesetzt. Darunter wird eine Selbstregulierungder beteiligten Privaten verstanden,die an einen staatlich gesetzten Rahmenangepasst wird.Das Internet enthält eine Fülle jugendgefährdenderInhalte. Problematisch ist hierdie Anwendbarkeit des deutschen Strafrechts,das nur greift, wenn publizierte Internetinhaltein den Geltungsbereich der §§ 3– 7, 9 StGB fallen. Nach einer Entscheidungdes BGH vom 12.12.2000 ist das deutscheStrafrecht jedoch auch auf solche Internet-45


Rechtlicher Schutz vor den Medien – Der Staat zwischenGefahrenabwehr und Gesellschaftserziehungpublikationen anwendbar, die aus dem Auslandheraus erfolgen und in Deutschlandabrufbar sind. Das entscheidende Argumentdes BGH ist, dass auch abstrakte Gefährdungsdelikteeinen Erfolgsort haben unddort ihre Gefährlichkeit entfalten. Dieses Ergebnislässt sich auch auf weitere Tatbeständeübertragen. So unterliegen alle extremistischenund pornografischen Inhalte,egal von wo aus sie ins Internet gestelltwerden, dem Anwendungsbereich des deutschenStrafrechts.Zusammenfassend ist zu sagen, dass obwohlgefährdende Internetinhalte mit demdeutschen Strafrecht und der reguliertenSelbstregulierung bekämpft werden, dieDunkelziffer an Internetstraftaten noch immerzu hoch ist. Das Internet ist ein schnelllebigesMedium, dessen Inhalte sich schnelländern, weshalb das Verfahren zur Bekämpfungdieser Inhalte beschleunigt werdenmuss. Hierfür müssen vor allem derStaat und die freiwilligen Selbstkontrollenstärker zusammen arbeiten und der Staateine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit leisten,um bspw. auch die Eltern vor den Gefahrenim Internet aufzuklären.46


Moot Court


Sachverhalt 1 - RettungsfolterDer G bringt den elfjährigen J in seine Gewalt und tötet ihn. Anschließend erpresst er vonder Familie des Kindes, die davon ausgeht, dass er noch lebt, ein Lösegeld. Bei der Abholungdes Lösegelds wird G jedoch von der Polizei beobachtet und kurz darauf festgenommen.Die anschließenden Ermittlungen konzentrieren sich nun darauf, das Versteck des vermeintlichnoch lebenden Jungen zu finden. G leitet dabei durch seine Aussagen die Nachforschungender Polizei mehrfach bewusst fehl. Deshalb droht Kommissar D ihm an, sollteer weiterhin kein brauchbares Geständnis ablegen, unter ärztlicher Aufsicht körperlicheSchmerzen zuzufügen und auf diese Weise erneut zu befragen. Er ist der Auffassung,dass der Feststellung des Aufenthaltsortes des entführten Kindes keinen weiteren Aufschubdulde, da das Leben des Kindes unmittelbar in Gefahr sei. Deshalb diene die Befragungennicht der Aufklärung der Straftat, sondern ausschließlich der Rettung des Jungen.Insoweit bestehe für die Polizei eine Pflicht, im Rahmen der Verhältnismäßigkeit alle zurVerfügung stehenden lebensrettenden Maßnahmen zu ergreifen.Daraufhin räumt G ein, dass J auch bereits tot sein könnte und nennt eine Hütte, in der wenigspäter tatsächlich die Leiche des Kindes gefunden wird. Es kommt deshalb nicht zumEinsatz des von D angedrohten physischen Zwangs.Hat sich D strafbar gemacht und ist entsprechend zu verurteilen?AnklageschriftDie Staatsanwaltschaft legt aufgrund ihrer Ermittlungen dem Angeschuldigten folgendenSachverhalt zur Last:Der Polizeibeamte Wolfgang Daschner hatte am 12.02.2011 Magnus Gäfgen aufgefordertein Geständnis für seine Handlungen abzulegen sowie den Aufenthaltsort von Jakob vonMetzler kundzutun. Im Zusammenhang mit dieser Aufforderung drohte Daschner Gäfgenvorsätzlich und unmissverständlich mit dem Zufügen von Schmerzen unter ärztlicher Aufsicht,falls das Geständnis und die Kundgabe des Aufenthaltsortes des Kindes ausblieben.Diese Handlungen fanden im Vertrauen auf die Möglichkeit statt, das Leben von Jakob vonMetzler auf diese Weise retten zu können.Der Angeschuldigte wird daher beschuldigt den Gäfgen rechtswidrig durch Drohung mitkörperlicher Folter zu der Kundgabe des Aufenthaltsortes des Kindes sowie zu einem Geständnisgenötigt zu haben und dabei seine Befugnisse und seine Stellung als Polizeibeamtermissbraucht zu haben, strafbar als schwere Nötigung gemäß §§ 240 Abs. 1 i.V.m.Abs. 4 Nr. 3 StGB.Ich beantrage daher die Anberaumung der Hauptverhandlung.49


Plädoyer StaatsanwaltSachverhalt 1 - RettungsfolterHohes Gericht, Herr Verteidiger Berning,die heutige Beweisaufnahme hat den Sachverhalt, so wie er in der Anklageschrift niedergelegtist, bestätigt. Für die Staatsanwaltschaft ist daher folgender Sachverhalt erwiesen:Der Angeklagte Polizeibeamte Wolfgang Daschner suchte am 12.02.2011 Magnus Gäfgenauf und drohte diesem mit physischer Folter unter ärztlicher Aufsicht, falls er kein umfangreichesGeständnis ablegen und den Aufenthaltsort des Jakob von Metzler kundtun würde.Magnus Gäfgen war in Folge der Androhung von physischer Folter psychisch so beeinträchtigt,dass er der Drohung durch den Angeklagten Daschner nachgab und den Aufenthaltsortedes zu diesem Zeitpunkt bereits toten Jakob von Metzler bekannt gab.Dieser Sachverhalt steht zur Überzeugung der Staatsanwaltschaft fest aufgrund des Geständnissesdes Angeklagten Wolfgang Daschner sowie der übrigen Beweisaufnahme.Der Angeklagte hat sich aufgrund des festgestellten Sachverhaltes einer schweren Nötigunggemäß §§ 240 Abs.1 Halbsatz 1, 2. Alternative, Halbsatz 2, 1. Alternative i.V.m. Abs.4 Nr. 3 StGB strafbar gemacht. (Die Drohung mit physischer Folter stellt wie in der Anklageschriftangenommen eine schwere Nötigung dar. )Der Angeklagte drohte Gäfgen mit Folter, was nach gefestigter höchstrichterlicher Rechtsprechungeinem gefährlichen Übel gem. § 240 Abs.1 Halbsatz 1, 2. Alt. StGB entspricht.Der Angeklagte Daschner geht dabei wissentlich und willentlich vor, mit dem Ziel den Aufenthaltsortdes zu diesem Zeitpunkt schon toten Jakob von Metzler in Erfahrung zu bringen.Er missbraucht darüber hinaus bewusst seine Befugnisse und seine Stellung alsAmtsträger als Polizeibeamter, indem er sich Informationen zu Nutzen macht, die er nuraufgrund seiner Stellung als Polizeibeamter hat. Diese Vorgehensweise qualifiziert die Nötigungals schwere Nötigung im Sinne des § 240 Abs. 4 Nr. 3 StGB.Die Handlungen des Angeklagten zur Durchsetzung seiner Ziele stellen durch die Androhungvon Folter einen erhöhten Grad an sozialethischer Missbilligung dar und sind somitals verwerflich im Sinne des §240 Abs. 2 StGB zu betrachten.Eine Berufung auf § 32 StGB als Rechtfertigungsgrund für die Tat des Angeklagten scheidetaus, weil zum Zeitpunkt der Tathandlung des Angeklagten der Jakob von Metzler bereitsverstorben ist und somit der Angriff auf sein Leben durch Gäfgen nicht mehr gegenwärtigist. Ein möglicher Entfall des Tatvorsatzes des Angeklagten durch einen Irrtum überdie Voraussetzungen der Nothilfe gemäß § 32 StGB scheidet aus folgenden Gründenebenfalls aus:Unter der Annahme einer Putativnotwehr müsste sich der Angeklagte Umstände vorgestellthaben, die bei tatsächlichem Vorhandensein seine Handlungen rechtfertigt hätten. Die Putativnothilfehandlungdes Angeklagten verstößt allerdings schon gegen das Gebot, das mildesteMittel einzusetzen. Dem Angeklagten haben zum Tatzeitpunkt mildere Mittel als dieAndrohung von Folter zur potentiellen Gefahrenabwehr zur Verfügung gestanden, weil die50


Sachverhalt 1 - RettungsfolterErmittlungsmaßnahmen gegen den Gäfgen noch nicht hinreichend ausgeschöpft waren.Die Putativnothilfehandlung verstößt weiterhin gegen den Grundsatz der Gebotenheit derNothilfehandlung. Eine Androhung von physischer Folter kann schon deswegen nicht gebotensein, weil darin ein klarer Verstoß gegen Art.1 Abs.1 GG liegt, der die Würde desMenschen für unantastbar erklärt. Der Bürger soll gerade davor geschützt werden, dass ernicht als Träger von Wissen behandelt werden kann, das der Staat aus ihm herauspressenkann.Eine mögliche Abwägung der Menschenwürde des Jakob von Metzler mit der Menschenwürdedes Gäfgen, um so ein Einfallstor für eine Bejahung der Gebotenheit der Notwehrhandlungdes Angeklagten herzustellen, ist verfehlt. Bei einer Abwägung der Menschenwürdezweier Personen in Form einer praktischen Konkordanz wird einer Person zwangsläufigein höheres Geltungsrecht seiner Menschenwürde gegenüber der Menschenwürdeder anderen Person zugesprochen. Die Behauptung, die Menschenwürde einer Personmehr als die Menschenwürde einer anderen Person schützen zu müssen, durchbricht dieGarantie der Absolutheit der Menschenwürde als oberstes Schutzgut der deutschen Verfassungund ist somit höchst verfassungswidrig.Der Versuch der Rechtfertigung der Nothilfehandlung scheitert also an dem Gebot des mildestenMittels, spätestens aber am Grundsatz der Gebotenheit der Handlung. Das Folterverbotist durch seine Menschenwürde-Nähe ein Rechtsgut von hoher verfassungsrechtlicherBedeutung und kann nicht durch Rechtfertigungs- und Entschuldigungsmöglichkeitenreduziert werden. (Da bei der Betrachtung der §§ 33, 34, 35 StGB als mögliche Rechtfertigungs-und Entschuldigungsgründe das Grundsatzproblem der Rettungsfolter in gleicherWeise wie bei § 32 StGB auftritt, muss eine Entschuldigung der Tathandlung unter Verweisauf die oben aufgeführten Gründe ausgeschlossen werden.)Bei der Strafzumessung ist zu Gunsten des Angeklagten zu berücksichtigen, dass seineHandlungen durch den Willen das Leben von Jakob von Metzler zu retten motiviert waren.Ebenfalls bedacht werden muss die Tatsache, dass der Angeklagte zum Tatzeitpunkt keingeringeres Mittel seiner Putativnothilfehandlung erkannte. Unter Abwägung aller Strafzumessungspunktehält die Staatsanwaltschaft für den Angeklagten Daschner eine Freiheitsstrafevon 6 Monaten für tat- und schuldangemessen.(Christopher Gardt)51


Plädoyer VerteidigerI. TatbestandSachverhalt 1 - Rettungsfoltera) D könnte sich der (schweren) Nötigung gemäß § 240 I, IV S. 2 Nr. 3 an G strafbar gemachthaben. Dafür muss er objektiv und subjektiv tatbestandlich gehandelt haben.D hat G keinesfalls durch Gewalt genötigt. Gewalt setzt eine physische Einwirkung voraus.Dazu ist es jedoch nicht gekommen. D könnte G jedoch durch die Androhung eines empfindlichenÜbels genötigt haben. Eine Drohung ist jede in Aussicht Stellung eines Übels,auf das der drohende Einfluss hat oder das vorgibt. D hat G Schmerzzufügung durch einenKampfsportler angedroht und mithin ein Übel auf das er Einfluss hatte in Aussicht gestellt.Dadurch muss ein Nötigungserfolg eingetreten sein. G hat den den Aufenthaltsort des Kindespreisgegeben und somit ist er zu einer Handlung genötigt worden.b) Subjektiv hat D ausdrücklich mit Vorsatz gehandelt.D hat also zusammenfassend tatbestandlich gehandelt.II. Rechtswidrigkeita) Gemäß § 240 II StGB ist die Tat nur rechtswidrig, wenn die Zweck-Mittel Relation alsverwerflich anzusehen ist. Die Androhung von Schmerzen ist auf jeden Fall als verwerflichanzusehen. Allerdings steht dem das Leben des Kindes gegenüber.b) Die Tat könnte jedoch aus Notwehr gemäß § 32 StGB gerechtfertigt sein. Dafür musseine Notwehrlage und eine Notwehrsituation vorliegen.aa) Es muss ein Angriff vorliegen. Ein Angriff ist jede Bedrohung rechtlich geschützter Interessendurch menschliches Verhalten, dass sich gegen die Rechtsgüter eines anderenrichtet. Vorliegend liegt unzweifelhaft ein Angriff auf das Leben des J vor.Der Angriff muss auch gegenwärtig sein. Gegenwärtig ist ein Angriff, der kurz bevorsteht,schon begonnen hat oder noch nicht beendet ist. J ist zum Zeitpunkt der Androhung allerdingsbereits tot, so dass der Angriff auf das Rechtsgut Leben bereits beendet ist. Mithinliegt also keine Notwehrlage mehr vor. Somit scheidet eine Notwehr zunächst aus.bb) D wusste jedoch zum Zeitpunkt der Androhung nicht, dass das Kind schon tot ist undder Angriff beendet ist. Er könnte somit einem Erlaubnistatbestandsirrtum erlegen sein. EinErlaubnistatbestandsirrtum liegt vor, wenn der Täter irrig Umstände annimmt, die beim tatsächlichenvorliegen seine Handlung rechtfertigen würden. Nach der Vorstellung des D istJ zum Zeitpunkt der Androhung der Schmerzen noch am Leben. Somit liegt in der Vorstellungdes D ein gegenwärtiger Angriff auf das Rechtsgut Leben des J vor. Dieser Angriffwäre auch rechtswidrig gewesen.Damit D durch Notwehr gemäß § 32 StGB gerechtfertigt ist, muss weiterhin eine Notwehrhandlungvorliegen. Die Androhung der Schmerzzufügung muss geeignet sein den Angriff52


Sachverhalt 1 - Rettungsfolterzu beenden. Geeignet ist jede Handlung, die den Angriff beendet oder ihm zumindest einHindernis in den Weg stellt. Die Handlungen des D haben zum gewünschten Erfolg geführtund sind somit zweifelsohne geeignet.Die Handlung muss weiterhin erforderlich gewesen sein. Erforderlich ist sie, wenn kein milderesMittel in Sicht ist. Es muss jedoch nicht auf ein weniger geeignetes Mittel zurückgegriffenwerden. Vorliegend hat G die Polizei schon mehrfach in Vernehmungen in die Irregeführt. Es ist also offensichtlich, dass weitere Vernehmungen nicht zum gewünschten Erfolggeführt hätten und auf jeden Fall weniger geeignet sind. Es muss ebenfalls der enormeZeitdruck, unter dem D stand, berücksichtigt werden. Die Wahrscheinlichkeit J lebendzu Retten ist mit dem Verstreichen der Zeit sowieso schon gesunken, so dass eine zeitnaheLösung des Problems absolut notwendig war. Die Androhung der Folter war mithin erforderlich.Zuletzt muss die Handlung auch geboten sein. Geboten ist eine Handlung so lange, wiesie nicht in einem krassen Missverhältnis zum geschützten Rechtsgut steht. Es wird einesozialethische Abwägung verlangt. Hiervon umfasste Klassiker sind etwa Fälle der Absichtsprovokationoder von Kindern oder Geisteskranken. Zusammenfassend lässt sich sagen,dass keine krass unverhältnismäßige Abwehrhandlung auf unerhebliche Angriffe gerechtfertigtist.Gegen die Gebotenheit lässt sich jedoch eine Menschenwürdeverletzung an G einwenden.Durch das Androhen der Folter könnte er in seiner Würde verletzt worden sein, sodass dadurchdie Handlung des D nicht mehr geboten wäre. Bei einer solchen Argumentation wirddie Menschenwürde jedoch vorschnell als „Totschlagargument“ herangezogen und somitein sinnvoller und nötiger juristischer Diskurs unterbunden. Eine Absolutierung der Menschenwürdeist hier weder angebracht noch konstruktiv.Unter Anwendung des Auslegungskanons stellt man schnell fest, dass die grammatikalischeAuslegung anhand des Wortlautes nicht weiterführt, da der Begriff „Menschenwürde“dafür zu unbestimmt ist. Die systematische Auslegung führt zu dem Ergebnis, dass dieWürde des Menschen das oberste Verfassungsprinzip ist. Allerdings ist genauso anerkannt,dass die Menschenwürde immer auch mit dem Recht auf Leben einhergeht, da sieohne dieses wirkungslos wäre. Zu beachten ist hierbei dann, dass der G eventuell in seinerMenschenwürde verletzt wurde, das Kind jedoch in seiner Menschenwürde und einhergehendin seinem Recht auf Leben. Weiterhin hatte der Täter selbst die Möglichkeit desGrundrechtseingriffs in der Hand. Durch ein einfaches Verraten des Aufenthaltsortes desKindes hätte er die Nötigung abwenden können. Das Kind hingegen hatte diese Chancenicht. Es hatte keine Möglichkeit den Eingriff in seine Grundrechte zu verhindern.Bei der historischen und teleologischen Auslegung wird nun häufig aufgeführt, dass dieWürde des Menschen als oberstes unverletzliches Verfassungsprinzip die Lehre aus derGewaltherrschaft des Nationalsozialismus ist. Das ist jedoch nur bedingt richtig. Vielmehrist die Lehre, grausame unmenschliche Verbrechen durch ein Mehr an Menschlichkeit undgerade nicht durch das strikte Befolgen von Grundsätzen zu verhindern. Lehre aus dem53


Sachverhalt 1 - RettungsfolterNationalsozialismus kann nicht sein eine absolute Dogmatik durch eine andere absolute zuersetzen. Ziel der Menschenwürde ist es also zuerst grausame Verbrechen zu verhindern.Somit dient die Menschenwürde auch nicht vorrangig dem Täter- sonder dem Opferschutz.Bei der Frage, ob die Handlung des D geboten war, ist also eine Einzelfallentscheidungnötig, um zu einem gerechtem Ergebnis zu gelangen. In Anbetracht der außergewöhnlichenSituation und der bedrohten Grundrechte des Kindes kann die Handlung des D nurals geboten angesehen werden. D handelt weiterhin nur um das Kind zu retten und hatdeswegen auch den notwendigen subjektiven Rettungswillen.Somit liegt in der Vorstellung des D eine Nothilfesituation vor, auf die er mit einer Nothilfehandlungreagiert. Es liegt also ein Erlaubnistatbestandsirrrtum vor, der bei einer analogenAnwendung des § 16 StGB den Vorsatz entfallen lässt. D ist folglich freizusprechen.(Clemens Berning)Landgericht Berlin7/24 KLs 843 Js 3965/11Im Namen des Volkes ergeht folgendesUrteil 18In der Strafsache gegenWolfgang Daschner, geboren am 7.9.1955 in Berlin, deutscher Staatsangehöriger, verheirateterPolizeikommissar, wohnhaft in Berlin, Barbarossastr. 108,wegen Nötigunghat das Landgericht Berlin in der öffentlichen Sitzung vom 11.8.2011, an der teilgenommenhaben:1. Richterin am Landgericht Steinecke als vorsitzende Strafrichterin2. Richter am Landgericht Romans Vikis als Strafrichter3. Richterin am Landgericht Laura Emse als Strafrichterin4. Staatsanwalt Gardt als Vertreter der Anklagebehörde18 Das Urteil entspricht im Wesentlichen dem LG Frankfurt a.M., Urt. v. 20.12.2004 – 5/27 KLs 7570Js 203814/03.54


Sachverhalt 1 - Rettungsfolter5. Rechtsanwalt Berning als Verteidigerfür Recht anerkannt:1. Der Angeklagte wird wegen Nötigung an Magnus Gäfgen zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzenzu 100 € verurteilt.2. Dem Angeklagten werden die Kosten des Verfahrens auferlegt.Angewandte Strafvorschriften: § 240 I, IV StGB.Gründe:I.1. Der Angeklagte Wolfgang Daschner besuchte nach dem Abitur an einem berliner Gymnasiumdie Polizeiakademie und ist seit seinem Abschluss im Jahr 1978 als Polizeikommissartätig. Er ist verheiratet und wohnt zusammen mit seiner Ehefrau in einer Mietwohnungin der Barbarossastraße in Berlin. Die drei gemeinsamen erwachsenen Kinder sindbereits ausgezogen.2. Der Angeklagte war im Februar 2011 Kommissar bei den Ermittlungen zur Erpressungder Familie von Metzler durch Magnus Gäfgen. Gäfgen brachte den elfjährigen Sohn Jakobin seine Gewalt und tötete ihn. Anschließend erpresste er von der Familie des Kindes,die davon ausging, dass es noch lebte, ein Lösegeld. Bei der Abholung des Lösegeldswurde Gäfgen jedoch von der Polizei beobachtet und kurz darauf festgenommen.Die anschließenden Ermittlungen konzentrierten sich darauf, das Versteck des vermeintlichnoch lebenden Jungen zu finden. Gäfgen leitete dabei durch seine Aussagen die Nachforschungender Polizei mehrfach bewusst fehl. Deshalb drohte der Angeklagte ihm am Morgendes 12.2.2011 an, sollte er weiterhin kein brauchbares Geständnis ablegen, unter ärztlicherAufsicht physische Schmerzen zuzufügen und auf diese Weise erneut zu befragen.Er war der Auffassung, dass die Feststellung des Aufenthaltsortes des entführten Kindeskeinen weiteren Aufschub duldete, da das Leben des Kindes unmittelbar in Gefahr gewesensei. Deshalb diente die Befragung nicht der Aufklärung der Straftat, sondern ausschließlichder Rettung des Jungen. Daraufhin räumte Gäfgen ein, dass das Kind auch bereitstot sein könnte und nannte eine Hütte, in der wenig später tatsächlich die Leiche desKindes gefunden wurde. Es kam deshalb nicht zum Einsatz des vom Angeklagten angedrohtenphysischen Zwangs.II.Dieser Sachverhalt steht zur Überzeugung des Gerichts fest aufgrund des glaubwürdigenGeständnisses des Angeklagten und der Aussagen des Zeugens Gäfgen.III.Der Angeklagte hat sich einer Nötigung i.S. des § 240 I StGB strafbar gemacht. Er drohteGäfgen am Morgen des 23.4.2010, man werde ihm unter ärztlicher Aufsicht körperliche55


Sachverhalt 1 - RettungsfolterSchmerzen zufügen, um ihn zur Preisgabe des Aufenthaltsortes des entführten Kindes zubewegen. Dadurch hat er ein empfindliches Übel in Aussicht gestellt. Die vorbeugende Anwesenheiteines Arztes signalisiert körperliche und gesundheitliche Beeinträchtigungen,die der ärztlichen Überwachung bedurften. Die angekündigte Schmerzzufügung sollte soerheblich sein, dass sie für einen entgegenstehenden Willen von Gäfgen keinen Raummehr ließ. Die Drohung hatte den gewünschten Erfolg. Sie war ursächlich dafür, dass Gäfgenden Verwahrort des Kindes angab. Dies ist daraus zu schließen, dass Gäfgen zuvordie Nachforschungen der Polizei mehrfach bewusst fehlleitete. Der Angeklagte war sichseiner Tat bewusst und wollte den eingetretenen Erfolg.Es liegen keine Rechtfertigungsgründe vor und die Androhung des Übels war zu dem angestrebtenZweck als verwerflich anzusehen (§ 240 II StGB). Das Verhalten des Angeklagtenist weder durch Nothilfe (§ 32 StGB) noch durch rechtfertigenden Notstand (§ 34 StGB)gerechtfertigt.Für eine Nothilfe nach § 32 StGB bedarf es objektiv einer Notwehrlage zur Tatzeit. Dieselag nicht vor, weil das entführte Kind zu diesem Zeitpunkt bereits tot war. Der Angeklagtehielt es jedoch für möglich, dass der Junge noch lebte. Dennoch lag kein vorsatzausschließenderIrrtum über die tatsächlichen Voraussetzungen eines Rechtfertigungsgrundes vor:Eine Verteidigung ist erforderlich, wenn sie geeignet sowie das mildeste Mittel ist. Die Androhungvon physischen Schmerzen war jedoch nicht das mildeste Gegenmittel, da einlangjähriger Polizist auch andere Maßnahmen wie eine Konfrontation Gäfgens mit der Familiedes Opfers hätte in Betracht ziehen müssen. Überdies war das Verhalten nicht geboten,da es mit Art. 1 I GG nicht vereinbar ist.Nach Art. 1 I GG ist die Menschenwürde unantastbar. Keine Person darf durch die staatlicheGewalt zum Objekt gemacht werden. Der Bürger soll davor geschützt werden als Trägervon Wissen behandelt zu werden, das der Staat aus ihm herauspressen kann. Art. 1 IGG ist nach Art. 79 III GG unabänderlich. Ein wesentlicher Grund hierfür ist der Schutz unddie Funktionstüchtigkeit der Strafrechtspflege. Die Entscheidungen der Strafgerichte sollenauf korrekten Polizeiermittlungen in einem rechtsstaatlichen Verfahren beruhen. Eine Abwägungder Menschenwürde Gäfgens mit der des entführten Kindes in Form einer praktischenKonkordanz kann nicht erfolgen, da die Absolutheit der Menschenwürde als oberstesSchutzgut der deutschen Verfassung durchbrochen würde, was einem Tabubruchgleichkäme.Eine Rechtfertigung nach § 34 StGB setzt voraus, dass die Gefahr für das Leben des entführtenKindes nicht anders abwendbar ist und die Handlung ein angemessenes Mittel darstellt.Diese Voraussetzungen sind nicht erfüllt, da dem Angeklagten weniger einschneidendeMittel zur Verfügung standen. Zudem ist die Tat nicht angemessen, weil sie gegendie Menschenwürde verstößt.Die Androhung von Schmerzen mit dem Ziel, den Aufenthaltsort des Kindes zu erfahren,war verwerflich. Die innere Verknüpfung von Nötigungsmittel und Nötigungszweck (Zweck-Mittel-Relation) stellt auf einen erhöhten Grad sittlicher Missbilligung und sozialwidrigenVerhaltens ab. In diesem Wertbegriff sind ebenso die Gebote des Grundgesetzes und da-56


Sachverhalt 1 - Rettungsfoltermit auch die unumstößliche Wertigkeit des Art. 1 I GG enthalten. Ein Verstoß gegen dieAchtung der Menschenwürde ist daher auch als verwerflich anzusehen, wenn dieser –subjektiv – zu dem Zweck erfolgt ist, das Leben eines Kindes zu retten.Entschuldigungsgründe liegen ebenfalls nicht vor.Ein entschuldigender Notstand i.S. des § 35 StGB ist zu verneinen. Zwischen dem Angeklagtenund dem entführten Kind bestand kein Näheverhältnis. Nach § 35 StGB sind jedochnur Angehörige und Personen, die dem Opfer nahe stehen, wegen der persönlichenBeziehung und Konfliktsituation entschuldigt, nicht hingegen der Polizeibeamte.Da weitere Entschuldigungsgründe nicht ersichtlich sind, liegt eine Strafbarkeit gemäß §240 I StGB vor.Die Voraussetzungen für einen besonders schweren Fall der Nötigung i.S. des § 240 IV Nr.3 StGB sind erfüllt, da der Angeklagte dem Zeugen Gäfgen bei Ausübung seiner Tätigkeitals Kriminalbeamter drohte. Jedoch liegen massive mildernde Umstände vor, die gegen dieAnwendung des erhöhten Strafrahmens von sechs Monaten bis zu fünf Jahren sprechen.Die Handlungen des Angeklagten zielten ausschließlich darauf hin, das Leben des Kindeszu retten. Als Vater von drei Kindern machte ihn der Gedanke, dass das Opfer möglicherweiseelend umkommt, in besonderem Maß betroffen. Ferner ist zu berücksichtigen, dassGäfgens bewusstes Fehlleiten der Nachforschungen die Ermittler aufs Äußerste strapazierte.Der Angeklagte stand unter hohem Erfolgsdruck gegenüber der Familie des Opfersund der Öffentlichkeit.Die Nötigung kann insgesamt nicht als besonders schwer beurteilt werden. Daher ist derStrafrahmen des § 240 I StGB anzuwenden.IV.Im Rahmen der Strafzumessung waren die vorstehend angeführten strafmildernden Gesichtspunktezu berücksichtigen.Unter Abwägung aller für und gegen den Angeklagten sprechenden Aspekte hielt die Kammereine Geldstrafe für den Angeklagten in Höhe von 60 zu je 100 Euro Tagessätzen fürtat- und schuldangemessen.Die Kostenentscheidung beruht auf §§ 464, 465, 467 StPO.V.(Susann Steinecke)57


Sachverhalt 2 - VersammlungsverbotMit Schreiben vom 12. August 2010 zeigt der Antragssteller dem Polizeipräsidenten an,dass er beabsichtige, am 14. August 2011 einen Demonstrationszug unter dem Motto: „Tagder deutschen Zukunft – Ein Signal gegen Überfremdung“ durchzuführen. Der Aufzug sollum 12 Uhr mit einer Kundgebung von ca. 45 Minuten auf dem Bebelplatz in Berlin beginnenund anschließend folgenden Verlauf nehmen: Behrensstraße, Wilhelmstraße, BrandenburgerTor, Unter den Linden, Karl-Liebknecht-Straße, Alexanderplatz, mit etwa 90-minütigerZwischenkundgebung und Live-Musik auf dem Pariser Platz (vor dem BrandenburgerTor) und Abschlusskundgebung sowie Verabschiedung der Teilnehmer auf dem Alexanderplatzan der Weltzeituhr (ca. 45 Minuten). Das voraussichtliche Ende der Kundgebungsei um 17.30 Uhr. Der Antragssteller rechne mit 800 Teilnehmern, Versammlungsleiterinsei seine Ehefrau.Der Antragssteller und seine Ehefrau sind bei der Polizei als Angehörige der rechtsextremenSzene bekannt. Als sogenannter freier Nationalist ist der Antragssteller nach demWissen der Polizei in dieser Szene gut vernetzt und als Führungsperson akzeptiert. Aufgrundseiner Redegewandtheit ist er in der Lage, aufputschende Ansprachen zu halten,welche oft die Grenze zu beleidigenden und volksverhetzenden Inhalten berühren. EinAuszug aus dem Bundeszentralregister weist für ihn 14 Eintragungen auf. Die Polizei rechnetbei Durchführung der angezeigten Versammlung mit einem Treffen von Rechtsextremenaus dem gesamten Bundesgebiet.Am 4. Februar 2011 zeigt Herr E für die L-Partei einen Aufzug mit Kundgebung für den 14.August 2011 unter dem Motto: „Kein Fußbreit den Nazis!“ an. Die Veranstaltung solle um10 Uhr beginne und teilweise denselben Verlauf wie der Marsch des Antragsstellers nehmen.Eine anfängliche Kundgebung sei ebenfalls auf dem Bebelplatz und einer weitere aufdem Pariser Platz geplant. Er rechne mit 2.000 Teilnehmern. Der Deutsche Gewerkschaftsbundzeigt mit Schreiben vom 25. März 2011 unter anderem eine Kundgebung aufdem Alexanderplatz zu dem Thema „Demokratie und Zivilcourage“ für den 14. August 2011um 13 Uhr an. Daraufhin nimmt die zuständige Polizeidirektion eine Gefährdungseinschätzungzu den am 14. August 2011 geplanten Veranstaltungen vor. Neben den drei angezeigtenDemonstrationen berücksichtigt sie dabei, dass in langjähriger Tradition an diesemTag auf dem Gendarmenmarkt und der weiteren Umgebung des Platzes ganztägig dasKulturfest „Berlin International“ als eines der größten multikulturellen Feste in Berlin stattfindet.Sie kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass die Durchführung der Aufzüge und diehierfür erforderlichen Sicherungsmaßnahmen die Veranstaltung „Berlin International“ fürdie Teilnehmer nahezu unerreichbar machen. Außerdem seien erhebliche Auswirkungenauf den viel besuchten Zentrumsbereich von Berlin zu erwarten. Es sei erfahrungsgemäßdavon auszugehen, dass sich – im Einzelnen beschriebene – umfassende Protest- undBlockadeaktionen zutragen werden, weshalb mit einem sehr hohen polizeilichen Kräfteeinsatzzu rechnen sei.Nach erfolgter Anhörung des Antragsstellers untersagt der Polizeipräsident in Berlin mitBescheid vom 17. Mai 2011 die Durchführung der von ihm für den 14. August 2011 geplantenDemonstration und ordnet den sofortigen Vollzug der Untersagungsverfügung an. Zur58


Sachverhalt 2 - VersammlungsverbotBegründung führt er unter anderem aus, dass Versammlungen nach § 15 Abs. 1 VersGverboten werden könnten, wenn ihre Durchführung die öffentliche Sicherheit unmittelbargefährde. Dies sei hier der Fall, weil bei Durchführung der angezeigten Versammlung dasKulturfest „Berlin International“ massiv beeinträchtigt würde. Das Motto des Aufzuges würdefür Aussteller und Besucher des Kulturfestes abschreckend wirken. Außerdem würdenlagebedingt erhebliche taktische Schwierigkeiten bei der praktischen Durchführung desFestes entstehen. Auch die bereits angezeigten und polizeibekannten Gegendemonstrationenund andere Aktionen gegen den Nazi-Aufmarsch ließen ein Blockadeverhalten befürchten,das zu einer regelrechten polizeilichen Abriegelung des Zentrums führen müsste.Damit würde der Zugang zu dem Fest „Berlin International“ unmöglich gemacht oder jedenfallserschwert.Hiergegen erhebt der Antragssteller am 16. Juni 2011 Klage und stellt gleichzeitig einenAntrag auf Gewährung vorläufigen Rechtsschutzes, mit dem er die Wiederherstellung deraufschiebenden Wirkung seiner Klage begehrt. Von dem Fest „Berlin International“ habe ererst in der Anhörung erfahren und eine Störung dieser Veranstaltung keineswegs geplant.Er bestreite überhaupt, dass sie bereits vorher angemeldet worden sei. Soweit außerdemProtestkundgebungen gegen seine Demonstration angezeigt würden, sei vorrangig gegendiese vorzugehen. Die von der Polizeidirektion zugrunde gelegte Annahme, dass die Teilnehmersolcher Aktionen nicht von den Besuchern des Kulturfestes zu unterscheiden seien,stimme nicht. Insbesondere gewaltbereite Linksextreme seien äußerlich sehr gut auszumachen.Etwaig erforderliche polizeiliche Absperr- und Sicherungsmaßnahmen seiendeshalb nicht ihm entgegenzuhalten, sondern allenfalls Folge von Gegenveranstaltungenund Blockadeaktionen. Das Verbot seines Aufzuges sei deshalb unverhältnismäßig undverletze sein Grundrecht der Versammlungsfreiheit.Auf die Zulässigkeit des Antrages ist nicht einzugehen.59


AntragSachverhalt 2 - VersammlungsverbotHiermit stelle ich einen Antrag nach § 80 V 2. Alt. VwGO i.V.m. § 80 II Nr. 4 VwGO auf dieWiederherstellung der aufschiebenden Wirkung meiner Klage gegen das von der Polizeipräsidentinvon Berlin am 17.05.2011 ausgestellten Untersagungsverfügung mit der Begründung,dass die rechtmäßig angekündigte Demonstration unmittelbar bevorsteht undnicht auf ein ausstehendes Urteil warten kann.Das Verbot meines Aufzugs ist unverhältnismäßig und verletzt meine Grundrechte auf Meinungsfreiheitund insbesondere auf Versammlungsfreiheit.Nach Art. 8 I GG haben alle Deutschen das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnisfriedlich und ohne Waffen zu versammeln. Dieses Recht ist von besonderem Rang. In derDemokratie des Grundgesetzes, die als ein parlamentarisches Repräsentativsystem mitgeringen plebiszitären Mitwirkungsrechten des Volkes geschaffen wurde, hat die Versammlungsfreiheitdie Bedeutung eines grundlegenden und unentbehrlichen Funktionselements.Die Möglichkeit auf die Straße zu gehen gestattet es Unzufriedenheit, Unmut undKritik öffentlich kundzugeben und zu verarbeiten. Dadurch werden Defizite der Politik sichtbar,so dass politische Kurse korrigiert werden können, die der deutsche Bürger zwischenden Wahlen nicht beeinflussen kann. Somit ist dieses Grundrecht als ein Frühwarnsystemanzusehen, das geeignet ist, den politischen Betrieb vor Erstarrung in geschäftiger Routinezu bewahren.Die Einflussnahme auf die Politik ist nicht nur, aber in besonderem Maße für Minderheitenvon großer Bedeutung, welche von der Mehrheit im Parlament und der Regierung am wenigstenvertreten werden. Deswegen kann man hier von einem mir zustehenden Abwehrrechtsprechen, das auch vor allem andersdenkenden Minderheiten zukommt.Die mit der Ausübung dieses Grundrechts zwangsläufig verbundenen Belästigungen müssenDritte so lange ertragen, als keine unmittelbare Gefährdung anderer gleichwertigerRechtsgüter gegeben ist. Zudem hat die Polizei, die zum Schutz der rechtsstaatlichen Ordnungberufen ist, die Aufgabe in unparteiischer Weise auf die Verwirklichung des Versammlungsgrundrechtshinzuwirken.Die Demonstration wurde rechtzeitig am 12.08.2010 angekündigt, so dass der Polizeipräsidentinmehr als genug Spielraum eingeräumt wurde, um auf die Situation zu reagieren.Auch wurde meine Veranstaltung unabhängig von dem „Berlin International“ Fest, von demich keine Kenntnis hatte, da diese nicht angemeldet war, organisiert. Dementsprechendbestand von vornherein keine Intention das Fest zu stören. Des Weiteren sind die Ankündigungender anderen Beteiligten mehr als ein halbes Jahr nach der meinen erfolgt, so dassuns das Recht nicht verwehrt werden kann. Die Unverhältnismäßigkeit zeigt sich in einemkompletten Verbot, statt die geplante Route zu verlegen. Ich rechne mit 800 Teilnehmernaus dem gesamten Bundesgebiet, die aufgrund der geringen Personenanzahl flexibel sind.Zudem ist der Zugang auf das Fest weder unmöglich noch erschwert, da wir dem Zeitplanfolgend in Bewegung sind.(Daurén Aissabay)60


Sachverhalt 2 - VersammlungsverbotArgumentation des AntragsgegnersDer Klage des Antragsstellers ist nicht stattzugeben. Das Verbot seines Aufzuges ist verhältnismäßigund ein Eingriff in sein Grundrecht der Versammlungsfreiheit gemäß Art. 8Abs. 1 GG kann gerechtfertigt werden.Nach § 15 Abs. 1 VersG können Versammlungen verboten werden, wenn ihre Durchführungdie öffentliche Sicherheit unmittelbar gefährdet. Hiervon ist auszugehen, da der vomAntragssteller geplante Demonstrationszug unter dem Motto „Tag der deutschen Zukunft –Ein Signal gegen Überfremdung“ die öffentliche Sicherheit enorm gefährdet. Der Ablaufdes traditionellen Kulturfestes „Berlin International“ ist durch die vom Antragssteller geplanteDemonstration stark beeinträchtigt. Dies liegt unter anderem darin begründet, dass dasMotto des Demonstrationszuges auf Besucher des traditionellen Kulturfestes eine abschreckendeWirkung entfalten kann. Außerdem ist davon auszugehen, dass der Antragstellerwährend der Kundgaben aufputschende Ansprachen halten wird, welche auch schon inder Vergangenheit von einem beinahe beleidigenden und volksverhetzenden Inhalt gekennzeichnetwaren. Diesbezüglich ist anzuführen, dass der Antragsteller bereits 14 Eintragungenin das Bundeszentralregister hat und auch in Zukunft nicht zu erwarten ist, dassdieser in seinen Reden weniger aufputschende und die Gewaltbereitschaft seiner gleichgesinntenZuhörer steigernde Inhalte und Formulierungen wählen werde. Des Weiteren istder Antragsteller nach unserem Wissen als Führungsperson in der rechtsextremen Szeneakzeptiert, wodurch möglichen Äußerungen großes Gewicht zukommt. Da weiterhin davonauszugehen ist, dass zu der Demonstration Rechtsextreme aus dem gesamten Bundesgebietanwesend sein werden, ergibt sich auch hier eine enorme Gefährdung der öffentlichenSicherheit. Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Reden des Antragsteller aufdie potentiell gewaltbereiten angereisten Rechtsextremen eine aufputschende beziehungsweisedie Gewaltbereitschaft fördernde Wirkung haben kann, sind die Besucher des traditionellenKulturfestes auch konkret gefährdet. Dies sind sie vor allem auch deswegen, dadas Kulturfest gerade unter dem dem Motto des Antragstellers gegenteiligen Inhalt stattfindet,nämlich der Feier der Internationalität und der multikulturellen Vielseitigkeit Berlins. Aufeinem derartigen Fest ist vor allem auch mit der Anwesenheit einer großen Anzahl an Kindernund Jugendlichen zu rechnen, die ebenfalls durch den Demonstrationszug des Antragstellersgefährdet würden.Letztendlich würde der Schutz vor durch den Demonstrationszug ausgelösten Gewalttatenin der Berliner Innenstadt ein enorm hohes Polizeiaufgebot erfordern und zu einer praktischenAbriegelung der Innenstadt führen. Dies würde wiederum weiterhin den Ablauf desin einer langjährigen Tradition stehenden Berliner Kulturfestes beeinträchtigen beziehungsweiseeinen ungehinderten Ablauf dessen unmöglich machen.(Lena Larissa Hantschke)61


Sachverhalt 2 - VersammlungsverbotL 1108/11BeschlussIn dem verwaltungsgerichtlichen Verfahrendes Herrn Karl-Heinz von Wagenknecht, Antragstellers,- Verfahrensbevollmächtigter: Herr Karl-Heinz von WagenknechtBreite Str. 710319 Berlin – Lichtenberggegendas Land Berlin Antragsgegner,- Beigeladener: Frau Lena Larissa HantschkeNeue Str. 3113002 Berlin – Heiligenseewegen polizeilicher Untersagungsverfügung der Durchführung der vom Antragsteller beantragtenDemonstrationhier: Verfahren nach § 80 V 1 2. Alt. VwGOhat die 3. Kammer des Verwaltungsgerichts Berlin am 11.08.2011 durch Vorsitzender RichterThomas Hohendorf, Richterin Marija Zadevasere und Richter Janis Borbals beschlossen:1. HauptsacheentscheidungDie aufschiebende Wirkung der Klage des Antragstellers gegen die Untersagungsverfügungdes Antragsgegners vom 17.05.2011 wird wiederhergestellt. Die Anordnung der sofortigenVollziehung wird aufgehoben.2. KostenDer Antragsgegner trägt die Kosten des Verfahrens einschließlich der außergerichtlichenKosten des Beigeladenen.62


Sachverhalt 2 - VersammlungsverbotGründe1. Der Antrag auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der eingereichtenKlage des Antragstellers vom 16.06.2011 ist zulässig. Der Verwaltungsrechtswegist eröffnet. Der Antrag auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung derKlage ist statthafte Antragsart. Der Antragsteller ist nach § 42 Abs. 2 VwGO analogantragsbefugt. Die Klagefrist nach § 74 Abs. 1 VwGO im Hauptsacheverfahrenwurde eingehalten.2. Der Antrag ist begründet.1. Die Anordnung der sofortigen Vollziehung des Antragsgegners vom17.05.2011 ist formell rechtmäßig. Das Polizeipräsidium des Landes Berlin istzuständig. Verfahrens- und Formvorschriften wurden eingehalten.2. Das Aussetzungsinteresse des Antragstellers überwiegt das behördliche Vollzugsinteresse.Eine Interessenabwägung wird hauptsächlich nach einer summarischenPrüfung der Erfolgsaussichten des Hauptsacheverfahrens durchgeführt:Die Untersagungsverfügung des Antragsgegners vom 17.05.2011 stellt sichals offensichtlich rechtswidrig dar, denn der Antragsteller wird mit der vollständigenUntersagung der Durchführung der am 12.08.2010 angemeldeten,öffentlichen Versammlung für den 14.08.2011 unverhältnismäßig in seinemRecht auf Versammlungsfreiheit aus Art. 8 Abs. 1 GG beschränkt.- Das Verbot der öffentlichen Versammlung entlang der vom Antragsteller geplantenRoute erscheint formell und materiell rechtmäßig.- § 15 Abs. 1 VersG ist die richtige Ermächtigungsgrundlage für die Untersagungsverfügungdes Polizeipräsidenten vom 17.05.2011.- Der Polizeipräsident von Berlin ist gem. § 2 IV 1 ASOG i.V.m. Nr. 23 IIZustKatOrd zuständig. Die Verfahrens- und Formvorschriften, insbesonderedie Anhörung nach § 28 Abs. 1 VwVfG i.V.m. § 1 Abs. 1 VwVfG Bln.des Antragstellers sind eingehalten worden.- Eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit scheint durch die sich überschneidendenVeranstaltungen vorzuliegen. Eine Beeinträchtigung vonIndividualrechtsgütern durch kollidierende Versammlungen, zu erwartendeAuseinandersetzungen und durch die unmittelbare Nähe der Veranstaltungenist nicht ausgeschlossen. Eine Beeinträchtigung der Veranstaltung„Berlin International“ als staatliche Veranstaltung erscheintebenso wenig ausgeschlossen. Der Antragsteller erscheint als richtigerPflichtiger.- Die Untersagung der Durchführung der öffentlichen Versammlung ent-63


Sachverhalt 2 - Versammlungsverbotlang der vom Antragsteller geplanten Route ist verhältnismäßig. Einestärkere Beeinträchtigung der Besucher der parallel stattfindenden, inlangjähriger Tradition bereits durchgeführten und auch für den14.08.2011 angemeldeten Veranstaltung „Berlin International“ ist nichtausgeschlossen. Ebenso scheinen notwendige Zu- und Abgangsmöglichkeitenzum Fest bei Durchführung der geplanten Versammlung nichtgewährleistet zu werden. Umfangreiche Absperrungen zum Schutz derDemonstranten und umstehender Personen würden diesen Notwendigkeitenzuwiderlaufen.Eine einzelne Untersagungsverfügung über die Durchführung der vonder L-Partei angekündigten Gegendemonstration vom 04.02.2011 stelltnicht ein ebenso effektives Mittel dar.- Die vollständige Untersagung ist dahingehend nicht angemessen. Eine Zuteilungeines anderen, ähnlichen, aber weniger stark frequentierten Gebietsscheint von vornherein nicht in Betracht gezogen worden zu sein. Es ist nichtersichtlich, dass es dem Antragsteller für die Durchführung der Versammlungexplizit auf die geplante Route ankommt. Ein besonderer Bezug zwischendem Motto der Veranstaltung und der geplanten Route ist nicht ersichtlich.Der besonders hohe Wert der Versammlungsfreiheit aus Art. 8 Abs. 1 GG fürdie Demokratie erfordert in diesem Fall eine Alternativroute für den Antragstellerzur Wahrung seines Grundrechtes.3. Entgegenstehende Gründe, die von dem Antragsgegner in der mündlichenVerhandlung vorgebracht wurden, sind nicht entscheidungsrelevant.Berlin, 11.08.2011Marija ZadevasereThomas HohendorfJanis Borbals64


Sachverhalt 3 - AlkoholverbotDie Admiralbrücke in Berlin Kreuzberg ist schon lange ein beliebter Treffpunkt insbesondereauch für jüngere Leute. So traf sich in den letzten Jahren regelmäßig abends eine Vielzahlvon Menschen, um gemeinsam zu reden, Musik zu machen und zu trinken. Nachdemdie Brücke als Geheimtipp in jedem Reiseführer stand, kamen auch immer mehr Touristendazu. Zuletzt wuchs die abendliche Menge auf bis zu 800 Menschen an.Die Anwohner beklagen sich seitdem wegen des Lärms von der Brücke und den Verunreinigungenin der Umgebung. Außerdem kam es im Bereich der Admiralbrücke in der letztenZeit vermehrt zu Vandalismus und Gewaltdelikten. Im Vergleich zum Rest von Kreuzbergist die Anzahl der Gewaltdelikte überproportional hoch: Fast 40 % aller Gewaltstraftatenwurden im Umfeld der Admiralbrücke begangen. Dabei standen ca. 50 % der Tatverdächtigenunter erheblichem Alkoholeinfluss.Der Berliner Senat reagierte daraufhin mit dem Erlass einer Polizeiverordnung zur Begrenzungdes Alkoholkonsums. Darin wird ein örtlich und zeitlich begrenztes Alkoholverbot fürden Bereich der Admiralbrücke angeordnet. Die Verordnung hat folgenden Wortlaut:§ 1 GeltungsbereichDiese Polizeiverordnung gilt in einem Radius von 500 m rund um die Admiralbrücke.§ 2 Alkoholverbot(1) Im Geltungsbereich der Verordnung ist es auf öffentlich zugänglichen Flächen außerhalbkonzessionierter Freisitzflächen verboten− alkoholische Getränke jeglicher Art zu konsumieren− alkoholische Getränke jeglicher Art mit sich zu führen, wenn aufgrund derkonkreten Umstände die Absicht erkennbar ist, diese im Geltungsbereich der Verordnungkonsumieren zu wollen(2) Dieses Verbot gilt täglich jeweils von 22:00 Uhr bis 6:00 UhrDie Polizeiverordnung wird ordnungsgemäß bekanntgemacht und ist auch sonst formellrechtmäßig.Anwohner A, der schon seit vielen Jahren an der Admiralbrücke wohnt, besucht regelmäßigabends die Brücke, um sich dort auch zum – nicht an einen Gastronomiebetrieb gebundenen– Alkoholgenuss niederzulassen. Er ist der Auffassung, dass die Polizeiverordnungmateriell rechtswidrig ist und stellt deshalb beim zuständigen Oberverwaltungsgerichteinen Normenkontrollantrag nach § 47 VwGO.65


Sachverhalt 3 - AlkoholverbotAntrag auf Einleitung eines Normenkontrollverfahrens hinsichtlich der Polizeiverordnungzur Begrenzung des AlkoholkonsumsHiermit beantrage ich die Einleitung eines Normenkontrollverfahrens hinsichtlich der Polizeiverordnungzur Begrenzung des Alkoholkonsums, da ich als Anwohner und geselligerMensch, der sich gerne mal auf der Admiralbrücke zum nicht gastronomischen Alkoholkonsumniederlässt, auch unmittelbar von dem Verbot betroffen bin.Die Polizeiverordnung ist materiell rechtswidrig aus folgenden Gründen:Ziel der Polizeiverordnung soll sein, den Alkoholkonsum in einem Umkreis von 500 m derAdmiralbrücke zu begrenzen. Allerdings verfehlt diese Verordnung ihren legitimen Zweck.Sie ist außerdem nicht geeignet, zu unbestimmt und auch nicht verhältnismäßig im engerenSinne.Als legitimer Zweck kommt nur eine gefahrenabwehrtechnische Maßnahme in Betracht.Jedoch liegt schon keine Gefahr vor, vor allem keine abstrakte, die eine solche Verordnungrechtfertigen würden. Es ist nicht feststellbar, dass mit hinreichender Wahrscheinlichkeitdurch den Alkoholkonsum Vandalismus und vor allem Gewaltdelikte entstehen. Zwar wurden40 % aller Gewaltstraftaten im Umfeld der Admiralbrücke verübt, diese können jedochnicht auf den Alkoholkonsum zurückgeführt werden. Schließlich waren lediglich 50 % derTatverdächtigen erheblich alkoholisiert, sodass eine große Zahl nicht alkoholisierter Personenebenfalls als tatverdächtig eingestuft wurden. Es lässt sich somit feststellen, dass esan einem speziellen Kausalzusammenhang fehlt. Das Trinken von Alkohol kann nicht automatischeine hinreichende Wahrscheinlichkeit auf das Begehen von Gewalttaten darstellen.Dafür spricht auch die 50 %-Quote, die eine Prognose über die Verübung von Gewaltdeliktendurch alkoholisierte Personen zum russischen Roulette machen. Daher liegt schonnicht eine hinreichende Wahrscheinlichkeit vor, sodass es an einer abstrakten Gefahr fehlt,die zu einer Gefahrenabwehrmaßnahme berechtigt. Vorsorgemaßnahmen zur Abwehr einermöglichen Beeinträchtigung im Gefahrenvorfeld werden durch die polizeiliche Ermächtigungsgrundlagenicht gedeckt.Außerdem ist die Polizeiverordnung ungeeignet. Denn selbst wenn der Alkoholkonsum ineinem Zusammenhang mit den Gewaltdelikten steht, ist daraus noch nicht ersichtlich, dassdies auch auf den Konsum an der Admiralbrücke zurückzuführen ist. Die Admiralbrücke istschon lange ein beliebter Treffpunkt für junge Leute, Musiker, Künstler, Gesprächspartnerund andere Teilnehmer vom gesellschaftlichen Leben. Viele „glühen“ auch schon Zuhausevor und kommen dann alkoholisiert zur Admiralbrücke. Oder sie betrinken sich in Gaststätten,von denen auch einige im Geltungsbereich der Allgemeinverfügung liegen. Zwar hatder Wirt eine gewisse Aufsichtspflicht und muss den Ausschank an stark Alkoholisierte verweigern,jedoch ändert dies nichts daran, dass auch diese dann im Geltungsbereich derPolizeiverordnung möglicherweise Gewaltdelikte oder Sachbeschädigungen begehenkönnten. Das Verbot in diesem Bereich Alkohol zu konsumieren ist daher auch nicht geeignetum die bereits alkoholisierten Menschen zu erfassen.66


Sachverhalt 3 - AlkoholverbotVon der Ungeeignet abgesehen, ist es außerdem auch viel zu unbestimmt und verstößt somitgegen Art. 103 GG. Vor allem der Lärm und die Verunreinigungen in der Umgebungwaren Anlass zur Erteilung der Polizeiverordnung. Verbote, die an Behinderungen oderBelästigungen anknüpfen, erscheinen in diesem Zusammenhang als äußerst problematisch.Aber auch der zweite Teil der Verordnung verstößt in besonderem Maße gegen dasBestimmtheitsgebot. Demnach ist es verboten alkoholische Getränke jeglicher Art mit sichzu führen, wenn aufgrund der konkreten Umstände die Absicht erkennbar ist, diese im Geltungsbereichder Verordnung konsumieren zu wollen. Ja bitte wann liegen denn solchekonkreten Umstände vor? Und wie wird hierbei zwischen demjenigen unterschieden, derzum einen seinen Alkohol in der Nähe der Admiralbrücke trinken möchte, und demjenigen,der mit seinem mitgeführten Alkohol vielleicht auf dem Weg auf eine Party in der Gegendist und daher auch durch den Geltungsbereich gehen muss. Wo und wie soll hier bitte unterschiedenwerden? Oder wenn ich mit dem gekauften Alkohol in meine Wohnung gehenmöchte? Dies wird mir durch die Unbestimmtheit der Verordnung ebenfalls versagt.Unabhängig davon verstößt die Verordnung auch gegen höherrangiges Recht.Der Verordnungsgeber hat bei Erlass der Verordnung nicht in ausreichender Form die Vereinbarkeitmit höherrangigem Recht geprüft.So verletzt das Verbot, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort Alkohol zu trinkendie allgemeine Handlungsfreiheit aus Art. 2 Abs. 1 GG. Die Verordnung fördert jedochnicht die legitimen Ziele, denn die Gesundheit anderer Bürger wird durch die Verordnungnicht besonders geschützt. Wie bereits erwähnt sind 50 % der Tatverdächtigen alkoholisiert.Dass die Tatverdächtigen sich jedoch explizit an der Admiralbrücke in einen Rauschzustandversetzt haben, kann nicht nachgewiesen werden. Vielmehr können die Personensich auch zuhause oder in den umliegenden Gaststätten betrunken haben.Ferner ist das Verbot auch nicht angemessen, da eine hohe Zahl an friedlich feierndenMenschen ebenfalls von der Verordnung betroffen sind und in ihre allgemeine Handlungsfreiheiteingreift, ohne dass dieser Eingriff in diesem konkreten Fall gerechtfertigt ist.Die Verordnung ist aus den eben genannten Gründen materiell rechtswidrig. Es ist nichthinnehmbar, dass das Polizeirecht wieder Aufgaben übernehmen soll, die ihm seit dergrundlegenden Kreuzberg-Entscheidung des preußischen Oberverwaltungsgericht geradeversagt sind, nämlich jenseits der Gefahrenabwehr für eine wie auch immer geartete positiveOrdnung zu sorgen.(Johannes Rauchfuß)67


AntragsgegnerSachverhalt 3 - AlkoholverbotSehr geehrte Damen & Herren,ich vertrete das Land Berlin und beantrage, den Antrag abzulehnen.In den letzten Jahren hat sich die Admiralbrücke in Berlin Kreuzberg zu einem stark besuchtenTreffpunkt entwickelt. Nachdem die Admiralbrücke in immer mehr Stadtführern alsAttraktion angepriesen wird, versammeln sich zusätzlich auch immer mehr Touristen dort,so dass die abendliche Menge an Menschen auf teilweise bis zu 800 Personen anwächst.Dabei hat sich eine erschreckende Tendenz entwickelt. Fast 40 % aller Gewaltstraftaten inKreuzberg werden im Umfeld der Admiralbrücke begangen, dabei standen ca. 50 % derTatverdächtigen, die von der Polizei festgenommen wurden, unter erheblichem Alkoholeinfluss.Es kam weiterhin auch zu Vandalismus im Bereich der Admiralbrücke. Die Alkoholisierungder Beteiligten spielt bei der Entstehung von Straftaten eine mitursächliche, auslösende,begünstigende oder begleitende Rolle.Um diese Ausschreitungen einzuschränken, hat der Berliner Senat veranlasst, dass in einemRadius von 500 m rund um die Admiralbrücke das Konsumieren alkoholischer Getränkevon 22 bis 6 Uhr verboten wird. Das Verbot stellt ein legitimes Ziel dar, um dadurch weitereAusschreitungen innerhalb der Gruppe zu verhindern und die Verletzung der körperlichenUnversehrtheit zu wahren. Die Anzahl an Körperverletzungen wird rückläufig seinebenso der aus dem Alkoholkonsum hervorgehende Vandalismus um die Admiralbrückeherum, die durch den mitgeführten Alkohol in Zusammenwirkung mit gruppendynamischenBegleitfaktoren unmittelbar ursächlich sind. Die angegriffene Regelung stellt ein geeignetesMittel dar, welches den Gefahren der körperlichen Unversehrtheit begegnet und insoweiterforderlich ist.Die Handlungsfreiheit der sich dort treffenden Menschen wird nicht gänzlich eingeschränkt,sondern ihnen wird lediglich untersagt, das Trinken mitgeführten Alkohols zu unterlassen,um Gewaltdelikte und Vandalismus zu verhindern. Es ist ihnen weiterhin gestattet, sich inden dortigen Gegebenheiten aufzuhalten und etwas zu trinken. Weiterhin bedeutet dasVerbot keine willkürliche Ungleichbehandlung.Der Alkoholkonsum auf öffentlichen Plätzen kann als abstrakte Gefahr für die öffentlicheSicherheit und Ordnung betrachtet werden, denn die Anwohner rund um die Brücke beklagenseit langem den von der alkoholisierten Menschengruppe ausgehenden Lärm sowiedie von ihnen verursachten Verunreinigungen in der Umgebung. Dies ist selbst dann vertretbar,wenn ein Zusammenhang zwischen dem öffentlichen Alkoholkonsum und den Gewaltdeliktennicht eindeutig nachgewiesen werden kann.Aus diesen Gründen beantrage ich den Antrag abzulehnen.(Nicole Klär)68


Sachverhalt 3 - Alkoholverbot- OVG 12 S 41.11 -Oberverwaltungsgericht Berlin-BrandenburgIm Namen des VolkesUrteil 19In dem VerwaltungsrechtsstreitAntragssteller: Andreas Frege, Admiralsstr. 5, 10559 BerlinAntragsgegnerin: Land Berlin, Vertreten durch Frau Klärwegen Normenkontrollverfahren der Polizeiverordnung zur Begrenzung des Alkoholkonsumsim öffentlichen Straßenraumhat die 4. Kammer des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburgaufgrund der mündlichen Verhandlung vom 11.08.2011durchVorsitzende Richterin am OVG Kipp,Richter Emsig,Richterin Fleißig,ehrenamtliche Richterin Hausfrau Willig,ehrenamtlicher Richter Metzgermeister Gnädigfür Recht erkannt:Tenor§ 2 i.V.m. § 1 der Polizeiverordnung des Landes Berlins zur Begrenzung des Alkoholkonsumsim Bereich der Admiralbrücke ist unwirksam.Die Antragsgegnerin trägt die Kosten des Verfahrens.19 Das Urteil entspricht im wesentlichen dem Beschluss vom VwG Baden-Württemberg (1 S2200/08).69


Sachverhalt 3 - AlkoholverbotDie Revision wird nicht zugelassen.EntscheidungsgründeDer Antrag ist zulässig (1) und begründet (2).1. Der Antrag ist gemäß § 47 Abs. 1 Nr. 2 VwGO i.V.m. § 4 AGVwGO statthaft und auch imÜbrigen zulässig. Die Antragsfrist des § 47 Abs. 2 Satz. 1 VwGO von einem Jahr ist gewahrt.Der Antragsteller ist gemäß § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO antragsbefugt. Die Antragsbefugniswird nach dieser Regelung jeder natürlichen oder juristischen Person eingeräumt, die geltendmacht, durch die Rechtsvorschrift oder deren Anwendung verletzt zu sein oder in absehbarerZeit verletzt zu sein oder verletzt zu werden. Es genügt dabei, wenn die geltendgemachte Rechtsverletzung möglich erscheint. Davon ist immer dann auszugehen, wenndie Polizeiverordnung oder der auf sie gestützte Vollzugsakt an den Antragssteller adressiertist, d.h. für diesen ein polizeiliches Verbot und oder Gebot statuiert. Dies ist hier derFall. Der Antragsteller wohnt in der unmittelbaren Umgebung der Admiralbrücke und bringtvor regelmäßig selbst die Brücke zum – nicht an einen Gastronomiebetrieb gebundenen -Alkoholgenuss zu nutzen. Er wird dabei in dem von der Polizeiverordnung zeitlich umfasstenUmfang mit dem Alkoholverbot konfrontiert und kann daher geltend machen, in seinerallgemeinen Handlungsfreiheit (Art. 2 Abs. 1 GG) betroffen zu sein.2. Der Normenkontrollantrag ist auch begründet. Die zur Überprüfung gestellten Vorschriftendes § 2 i.V.m. § 1 der Polizeiverordnung zur Begrenzung des Alkoholkonsums im öffentlichenStraßenraum ist zwar ordnungsgemäß zustande gekommen und verstößt auchnicht gegen das Bestimmtheitsgebot. Sie ist aber nicht durch die polizeiliche Generalermächtigung§ 55, § 1 Abs. 1 ASOG gedeckt, weil sie nicht der Gefahrenabwehr, sondernder Gefahrenvorsorge dient.Die Regelung genügt entgegen der Auffassung des Antragstellers dem verfassungsrechtlichenBestimmtheitsgebot. Die darin verwendeten Begriffe und Tatbestandsmerkmale sindhinreichend bestimmt bzw. bestimmbar.Die angegriffene Bestimmung des § 2 i.V.m. § 1 PolVO ist jedoch deshalb unwirksam, weilsie sich nicht im Rahmen der gesetzlichen Ermächtigung des § 55 i.V.m. § 1 ASOG hält.Denn das verbotene Verhalten stellt entgegen der Auffassung der Antragsgegnerin einehinreichende Gefahr für die öffentliche Sicherheit nicht dar.Eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit ist gegeben, wenn bei bestimmten Arten von Verhaltensweisenoder Zuständen nach allgemeiner Lebenserfahrung oder fachlichen Erkenntnissenmit hinreichender Wahrscheinlichkeit ein Schaden für die polizeilichen Schutzgüterim Einzelfall, d.h. eine konkrete Gefahrenlage, einzutreten pflegt. Dabei hängt der zufordernde Wahrscheinlichkeitsgrad von der Bedeutung der gefährdeten Rechtsgüter sowiedem Ausmaß des möglichen Schadens ab. Geht es um den Schutz besonders hochwerti-70


Sachverhalt 3 - Alkoholverbotger Rechtsgüter, wie etwa Leben und Gesundheit von Menschen, so kann auch die entferntereMöglichkeit eines Schadenseintritts ausreichen. Schadensmöglichkeiten, die sichdeshalb nicht ausschließen lassen, weil nach dem derzeitigen Wissensstand bestimmteUrsachenzusammenhänge weder bejaht noch verneint werden können, begründen keineGefahr, sondern lediglich einen Gefahrenverdacht oder ein „Besorgnispotential“. Vorsorgemaßnahmenzur Abwehr möglicher Beeinträchtigungen im Gefahrenvorfeld werden durchdie polizeiliche Ermächtigungsgrundlage nicht gedeckt.Maßgebliches Kriterium zur Feststellung einer Gefahr ist die hinreichende Wahrscheinlichkeitdes Schadenseintritts. Eine abstrakte Gefahr ist gegeben, wenn eine generell-abstrakteBetrachtung für bestimmte Arten von Verhaltensweisen oder Zuständen zu dem Ergebnisführt, dass mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ein Schaden im Einzelfall einzutretenpflegt und daher Anlass besteht, diese Gefahr mit generell-abstrakten Mitteln, also einemRechtssatz zu bekämpfen. Auch die Feststellung einer abstrakten Gefahr verlangt mithineine in tatsächlicher Hinsicht genügend abgesicherte Prognose: es müssen - bei abstraktgenerellerBetrachtung - hinreichende Anhaltspunkte vorhanden sein, die den Schluss aufden drohenden Eintritt von Schäden rechtfertigen. Der Schaden muss regelmäßig und typischerweise,wenn auch nicht ausnahmslos zu erwarten sein. Denn es liegt im Wesen vonPrognosen, dass die vorhergesagten Ereignisse wegen anderer als der erwarteten Geschehensabläufeausbleiben können. Von dieser mit jeder Prognose verbundenen Unsicherheitist die Ungewissheit zu unterscheiden, die bereits die tatsächlichen Grundlagender Gefahrenprognose betrifft. Ist die Behörde mangels genügender Erkenntnisse über dieEinzelheiten der zu regelnden Sachverhalte und/oder über die maßgeblichen Kausalverläufezu der erforderlichen Gefahrenprognose nicht im Stande, so liegt keine Gefahr, sondern- allenfalls - eine mögliche Gefahr oder ein Gefahrenverdacht vor.Nach den dargelegten Grundsätzen kommt es entscheidend darauf an, welche konkretenZustände die Antragsgegnerin zum Erlass der angegriffenen Polizeiverordnung bewogenhaben. Dabei sind grundsätzlich auch fachliche Erkenntnisse wie diejenigen der örtlichenPolizei zu berücksichtigen. Die Antragsgegnerin will mit der Polizeiverordnung der Gewaltdelinquenzbegegnen; damit ist die öffentliche Sicherheit betroffen. Sie beruft sich darauf,dass auf der Admiralbrücke der Konsum von mitgebrachtem Alkohol zur Begehung vonKörperverletzungsdelikten führe; der Alkoholkonsum stelle - zwar nicht grundsätzlich, aberin diesem räumlich abgegrenzten Bereich - eine abstrakte Gefahr für das hochrangigeRechtsgut der körperlichen Unversehrtheit dar. Zwischen Alkoholkonsum und Gewaltkriminalitätbestehe ein Wirkungszusammenhang. Der Alkoholkonsum führe zur Enthemmungund damit auch zur Steigerung der Gewaltbereitschaft Einzelner. Nach den Erfahrungender Polizei sei Alkoholisierung häufig die Ursache für gewalttätige Auseinandersetzungen.Die Antragsgegnerin stützt die dargelegten Erwägungen auf eine polizeiliche Untersuchung,die zu folgendem Ergebnis kommt:Fast 40 % aller Gewaltstraftaten von Kreuzberg wurden im Umfeld der Admiralbrücke begangen.50 % der Tatverdächtigen standen unter erheblichen Alkoholeinfluss.71


Sachverhalt 3 - AlkoholverbotDiese von der Antragsgegnerin zugrunde gelegten polizeilichen Erkenntnisse lassen nichtden Schluss zu, dass gerade das verbotene Verhalten - der Genuss mitgebrachten Alkoholsim Geltungsbereich der PolVO - regelmäßig und typischerweise die Gefahr von Körperverletzungenmit sich bringt. Aufgrund der polizeilichen Studien sind zwar Ursachenzusammenhängezwischen Alkoholkonsum und Gewaltdelikten nicht auszuschließen; sie begründenjedoch allenfalls einen Gefahrenverdacht, nicht aber eine abstrakte Gefahr imoben dargelegten Sinne.Dass Alkoholgenuss generell zu Aggressivität führt, widerspricht schon der Lebenserfahrungund wird von der Antragsgegnerin auch nicht behauptet. Vielmehr hängt es von denäußeren Umständen, den individuellen Gegebenheiten und Befindlichkeiten sowie den situativenEinflüssen ab, welche Wirkungen der Alkoholgenuss bei dem Einzelnen zeigt.Schließlich kann, bei der Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik nicht unterschiedenwerden, ob die Delikte im öffentlichen Raum oder in einem Gebäude begangen wurden.Ebenso sind Fälle häuslicher Gewalt erfasst, die mit dem verbotenen Verhalten in keinerleiZusammenhang gebracht werden können. Entsprechendes gilt, soweit die registriertenGewalttaten auch Personen umfassen, die, wie in der Beschlussvorlage ausgeführt, alkoholisiertder dortigen Kneipen verwiesen werden und hierauf aggressiv reagieren. Die Anzahlder unter Alkoholeinfluss begangenen Gewaltdelikte gibt daher keinen Aufschluss darüber,ob der Gewalttäter bereits zu Hause „vorgeglüht“ hat und sich in alkoholisiertem Zustandauf die Admiralbrücke begibt oder in den dortigen Kneipen und VergnügungsstättenAlkohol zu sich nimmt und anschließend aggressiv und gewalttätig wird oder tatsächlich zuder Gruppe der Normunterworfenen zählt.Ist die Antragsgegnerin daher mangels genügend abgesicherter Erkenntnisse über die Einzelheitender zu regelnden Sachverhalte bzw. über die maßgeblichen Kausalverläufe zuder erforderlichen Gefahrenprognose nicht im Stande, so liegt allenfalls ein Gefahrenverdachtvor.Der Senat verkennt nicht, dass die sich häufenden Alkoholexzesse gerade unter jungenMenschen ein gesellschaftliches Problem darstellen, denen auf verschiedenen Wegen begegnetwerden muss. Dies setzt aber eine Risikobewertung voraus, zu der nur der Gesetzgeberberufen ist.Die Revision ist nicht zuzulassen, da keiner der Gründe des § 132 Abs. 2 VwGO vorliegt.(Jonas Lammers)72


Interview


InterviewDa der Austausch lettischer und deutscherJura-Studenten wesentlich für das Seminarist, haben wir abschließend einige lettischeTeilnehmer zu ihrem Studium sowie denEindrücken von Berlin befragt.Redaktion: Wie ist das Jura-Studium inLettland aufgebaut?Laura Emse: Zuerst lernt man drei Jahre imBachelorstudiengang (6 Semester), danachzwei Jahre (4 Semester) im Magisterstudiengang.In den ersten vier Jahren gibt essowohl die Pflichtfächer als auch die Wahlfächer.Um einen Bachelorstudiengang abzuschließen,schreibt man die Bachelorarbeitin dem sechsten Semester. Aber in demletzten (fünften) Jahr hat man 3 verschiedenePraktika und muss die Magisterarbeitschreiben. In Lettland gibt es keine Staatsexamen.Momentan beginnt eine Diskussiondarüber, vielleicht wird sich das in dennächsten Jahren ändern. Aber die meistenHochschulen organisieren im zehnten Semesterverschiedene Examen über alle Themenfür ihre Studenten und Studentinnen.Redaktion: Wie finanziert Ihr Euer Studium?Gibt es Stipendien oder staatlicheUnterstützung oder ist es üblich nebendem Studium arbeiten zu gehen?Laura Emse: Es gibt staatliche Unterstützungfür die Studenten, die die besten Ergebnissehaben (zum Beispiel werden ander Universität Lettlands etwa 70 Plätze bezahlt).Alle zwei Semester findet ein neuerWettbewerb zwischen Studenten und Studentinnenstatt, bei dem die Ergebnisse verglichenwerden. Viele Studenten habeneinen Kredit bei einer Bank, um das Studiumzu finanzieren. Viele Studenten arbeitenauch, hauptsächlich ab dem dritten odervierten Semester. Ich beispielsweise habeimmer staatliche Unterstützung erhalten,aber ich arbeite auch seit dem fünften Semester.Redaktion: Wie stehen in Lettland die Berufschancenfür Juristen? Welche Berufewollt Ihr ergreifen?Laura Emse: Viele Leute sagen, dass es zuviele Juristen in Lettland gibt. Trotzdembraucht der Staat immer neue und besserausgebildete Juristen und diese Berufe sindimmer gut bezahlt. Wenn man gut ausgebildetist (besonders, wenn man den Magisterabschlussim Ausland gemacht hat) undgute Fremdsprachkenntnisse (russisch,englisch, deutsch) hat, hat man immer vieleBerufschancen. Viele Jurastudenten undStudentinnen arbeiten als Gehilfen/Gehilfinnenin den Rechtsanwaltskanzleien. Ich arbeiteseit 2010 als Gehilfin eines Richters imVerwaltungsgericht. Ich finde diesen Berufsehr nützlich, dynamisch und interessant.Hoffentlich werde ich irgendwann einmalRichterin im Verwaltungsgericht. Aber bisdahin habe ich noch Zeit und andere Möglichkeiten.Redaktion: Wie schätzt Ihr den LeistungsdruckEures Studienganges ein?Kristīne Markus: Ich würde sagen, dassdas doch von den Studierenden abhängt.Der Leistungsdruck ist nicht zu groß, da esfür jeden Studenten immer eine Auswahlgibt, was er vom Studium erhalten will. Da-75


Interviewmit meine ich, dass der Student entwederdas Minimum vom Studium bekommenkann, indem er nur die Kurse besucht undmit minimalen Kenntnissen und entsprechendauch mit minimalen Noten alle 3 (fürden Bachelor) oder 5 (für den Master) Jahreabschließt. Oder aber hat ein Student immerdie Möglichkeit, das Maximum von seinemStudium zu erreichen. Aber dafür sollteman mehr als die minimale Anzahl an Kursenbesuchen, oder besondere Kurse auswählen(auf deutsch oder englisch), speziellmit Professoren reden, auch an MootCourts teilnehmen. Der Student hat immerdie Auswahl. Natürlich hängt es auch vomLehrstuhl ab, weil es auch Professoren gibt,deren Ansprüche wirklich viel höher als diedurchschnittlichen sind. Aber das merkt manspäter auch an den Ergebnissen der Studenten,die im Vergleich immer besser sind.Redaktion: Ist neben dem Studium Zeitfür ein richtiges Studentenleben?Kristīne Markus: Doch, wir sind Studenten.Natürlich gibt es Zeit für ein richtiges Studentenleben.Wenn man will, kann man dasimmer schaffen. Allgemein feiert ein Studentin Lettland freitags. Das bedeutet aber nicht,dass man an den anderen Tagen die Zeitnicht genießen kann, aber Freitag ist fast offiziellerTag für das Nachtleben. Ich denkenicht, dass sich das Studentenleben derLetten sehr von dem Studentenleben derDeutschen unterscheidet. Für einen Studentensind immer alle Türen offen, deshalbgibt es so viele verschiedene Möglichkeitenseine Zeit zu verbringen. Jeder Menschkann etwas für sich finden. Studenten inLettland sind auch außerhalb des Studiumswirklich sehr aktiv, deshalb wird das Studentenlebenauch als die beste Zeit des Lebensbezeichnet.Redaktion: Werden von der UniversitätFreizeitangebote bereitgestellt?Kristīne Markus: Eigentlich ja! Es gibt eineziemlich gute Auswahl, z.B. an Sportarten,die man treiben kann, man muss nur einensymbolischen Betrag dafür bezahlen. Jederkann etwas für sich selbst auswählen -Schwimmen, Aerobic, Fußball, Basketball,Kendo, Handball usw. Es gibt auch die Möglichkeitdurch spezielle Programme, wieErasmus Couple Learning, Fremdsprachenzu lernen. Das Studentenparlament in jederFakultät und auch in der Uni allgemein sorgtaußerdem für verschiedene Freizeitaktivitäten,z.B. Filmabende, Spielabende, speziellePartys und allgemeine Diskussionen. Aufjeden Fall gibt es immer einige Möglichkeiten,wie sich die Studenten beschäftigenkönnen. Ich kann Ihnen einen Erasmusaustauschnach Lettland nur empfehlen, damitSie das erleben können!Redaktion: Ģirts, Du hast als Erasmusstudentschon ein halbes Jahr in Berlinverbracht. Wie lässt sich deiner Meinungnach das Studentenleben in Berlin undRiga vergleichen?Ģirts Strazdiņš: Die Studenten in Berlinwidmen dem Studium mehr Zeit, währenddie Letten in der Regel gleichzeitig arbeiten.Das führt dazu, dass die Letten das Studiumbesser mit der Praxis vergleichen können,die Deutschen aber mehr Zeit für das wissenschaftlicheArbeiten aufbringen können.Noch ein Unterschied liegt darin, dass es in76


InterviewBerlin Studierende aus vielen verschiedenenOrten gibt, was sehr interessant ist. InLettland gibt es nur zwei Gruppen - russischsprachigeund lettischsprachige Studenten.Also ist Berlin auch wegen dieses(internationalen) Aspektes interessant fürdie Letten.Zu den Unterschieden könnte man noch sagen,dass Berlin sehr groß ist und deshalbweniger "gemütlich" ist als Riga. Zum Beispielfinden in der Altstadt Rigas alle Partysstatt und man trifft dort Freunde auch wennman nicht verabredet ist. In Berlin wäre dasunvorstellbar, da Berlin die doppelte Anzahlder Einwohner Lettlands hat.Ein bemerkenswerter Unterschied liegt inden Öffnungszeiten der Bibliotheken. InLettland stehen die Bibliotheken in der Regelhöchstens bis 18.00 Uhr zur Verfügung.Wie es in Deutschland ist, wisst Ihr schon.Dazu kann man noch erwähnen, dass dieBibliotheken in Berlin so groß sind, dassman gerne eine Karte hätte, während es inLettland kleine, gemütliche Räume sind, indenen grundsätzlich jedem Fachbereich einkleiner Raum zugeordnet ist.Zu den Ähnlichkeiten könnte man sagen,dass das Studium grundsätzlich gleich abläuft- große Räume, viele Studierende unddaher wenig persönlicher Kontakt zu denProfessoren, wenig effektive Teilnahme anSeminaren.Berlin ist groß und schön. Ich würde sehrgerne wiederkommen und einige Zeit in soeiner Stadt verbringen, weil ich nicht so vieleMöglichkeiten hatte die Stadt anzusehen,wie ich es mir gewünscht hätte.Wenn man Berlin mit Riga vergleicht, dannist natürlich das Erste, was man merkt, dassBerlin so riesig ist. Für mich ist es ungewöhnlich,da ich aus einer nicht so großenStadt komme. Auf den Straßen gibt es soviele Leute und das nicht nur am Tag, sondernauch nachts, was ich eigentlich toll gefundenhabe. Ich hatte den Eindruck, dassdiese Stadt nie schläft. Aber manchmal wurdeich auch müde von so vielen Menschen.Mir ist noch aufgefallen, dass die Stadt imVergleich zu Riga nicht so sauber ist, aberdas ist ja auch verständlich. Die Städte, diekleiner sind, sind meistens auch saubererals so große Städte wie Berlin.In Berlin hat mir noch der öffentliche Verkehrgefallen. Er ist pünktlich, schnell, bequem.Man kann leicht verstehen, was manbenutzen muss. Anders als in Riga steht eraußerdem fast die ganze Nacht zur Verfügung.Und was mir noch gefallen ist, sind natürlichdie Menschen, die hilfsbereit und freundlichsind.Redaktion: Wie war Dein Eindruck vonBerlin und inwiefern lassen sich dieStädte Berlin und Riga vergleichen?Marija Zadevasere: Ich war zum ersten Malin Berlin und die Stadt hat mir sehr gefallen.77

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