josef gabriel rheinberger briefe und dokumente seines lebens

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josef gabriel rheinberger briefe und dokumente seines lebens

JOSEF GABRIEL RHEINBERGER

BRIEFE UND DOKUMENTE SEINES LEBENS

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Herausgegeben von

Harald Wanger und Hans-Josef Irmen

PRISCA VERLAG, VADUZ

1984


© 1984 by PRISCA VERLAG, VADUZ

(Prisca Verlag, Vaduz, Fürst Johannesstrasse 25, FL-9494 Schaan)

Alle Rechte vorbehalten / Printed in Liechtenstein


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Orgel in Vaduz / Kostenbcrechnung im Notizhuch Rheinbergers

Original: Privatbcsitz

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Vorwort

Der Ausbruch des deutsch-französischen Krieges im Sommer

1870 und der Tod der Mutter im Herbst 1873 bilden die beiden

Eckpunkte dieses 4. Bandes der Brief e und Dokurnente zu

Josef Gabriel Rheinbergers Leben und Werk. Dazwischen liegt

sein zweiter grosser Versuch, sich auf dem Gebiet der Oper

zu etablieren. In Briefen, vor allem von Fannys Hand, lässt

sich das Ringen des Komponisten urn Form und Gestalt des Werkes

erahnen, auch wenn zu oft das Wunschdenken von Rheinbergers

Gattin den Inhalt der Dokurnente pragt. In Hedwig von

Holstein, der Gattin des Komponisten Franz von Holstein,

fand sie eine artverwandte Seele, die in Bezug auf die Kornpositionstätigkeit

und die labile Gesundheit ibres Mannes

mit ähnlichen Problernen belastet war wie Fanny selbst.

Durch die bittere Erfahrung, die Rheinberger auf dern Gebiet

der dramatischen Musik trotz mehrheitlich wohlwollender

Kritiken auch mit seiner zweiten Oper machen musste, erkannte

der Komponist die Grenzen seines künstlerischen Schaffens,

nicht zuletzt auch deshaib, weil sichauf dem Gebiete

der Instrumental- und Chormusik jene Erfolge boten, die

ibm, dem Lyriker, bei der dramatischen Musik versagt waren.

Seine Stellung als Lehrer an der königlichen Musikschule in

München wie als Komponist war gefestigt, der Schriftverkehr

mit Amtsstellen, Verlegern und Musikerkollegen erscheint

sicherer und selbstbewusster als in früheren Jahren. Bedeutende

Namen, wie etwa Johannes Brahms, erscheinen unter

den Korrespondenten Rheinbergers.

Neben all dern aber stehen die oft banalen Tagesereignisse,

die richtungsweisend sein kännen: Krankheiten, welche das

Schopferische hemmen, die Schwierigkeiten wit dern taglichen

Krarn, die Zeit und Kraft fordern. Der Ausbruch des deutschfranzösischen

Krieges setzt patriotische Gefiihle frei, und

die Dokumente aus jener Zeit spiegein jene nationale Begeisterung

wider, weiche in allen deutschen Landen bis in

das kleine Fürstentum Liechtenstein die Bevölkerung erfasst

hatte. Aber auch lokale Ereignisse, wie etwa der Bau der

Pfarrkirche in Rheinbergers Geburtsort Vaduz, warfen ihre


II

Wellen und runden mit ihrem ausgesprochenen Lokalkolorit des

Bud jener Zeit innerhaib dieser Dokumentensammiung.

Wiederum haben wir jenen Stellen und Institutionen zu danken,

ohne die eine Herausgabe dieses Bandes nicht möglich

gewesen ware: Die Familie Rheinberger in Vaduz, die Bayerische

Staatsbibliothek in München und das Josef Rheinberger-

Archiv, Vaduz, steilten die Briefe und Dokumente für die

Veröffentlichung zur Verfügung; die Fürstliche Regierung

in Vaduz, Rheinbergers Heimatgemeinde Vaduz und die "Stiftung

fürstl. Kommerzienrat Guido Feger" sicherten durch

finanzielle Unterstützung die Edition dieses Bandes.

Schaan (Liechtenstein), im Frühjahr 1984

Die Herausgeber


BRIEFE UND DOKUMENTE

4. Teil:

13.7.1870 - 31.12.1873

ANHANG:

"Thtirmers Töchterlein"

Rezensionen des Werkes in:

Unterhaltungsblatt der

"Neuesten Nachrichten"

MUnchen, Nr. 25 (1.5.1873)

und

"Ailgemeinde Musikalische

Zeitung" Leipzig, Nr. 26

(25. 6. 1873)


Am 13. Juli 1870 löste Bismarck mit der verstUmmelten

Emser Depesche den deutsch-französischen Krieg aus.Am

16. Juli gab König Ludwig II. den Befehi zur Mobilmachung

der bayerischen Armee.Die bayerische Abgeordnetenkammer

lehnte am 19.Juli den Antrag des Parteivorsitzenden

der Ultramontanen, Dr. Jörg, der bewaffnete

Neutralität verlangte, ab und bewilhigtedie Mitteizur

AusrUstung und Unterhaltung der Armee. Die Reichsratkammer

stimmte diesem Beschluf3 einstimmig zu.

Die folgenden politischen Ereignisse spiegein sich in

den Tagebtichern, die Franziska für ihren Gatten Josef

Rheinberger fUhrte:

/T.B.2,20/ Mittwoch, 13. Juli 1870.

Es sind gewaltige Kriegsaussichten zwischen Frankreich

und Preussen, weiche bereits Curt die Lust am Componiren

nehmen. Ich arbeite heute den 4.Akt der Barden für

Franz Lachner .fertig und schreibe an David, damit die

trüben Vaduzer auch eine kleine Freude haben.

Juli. Kriegsaussichten!

Juli. Kriegserklärung Frankreichs an Preussen.

Juli. Brief an Forberg. Er nimmt doch die Mannerchore

trotz der Kriegsaussichten. Curt hat sie ibm

ohne Honorar gegeben, da er sie jetzt druckt.

Juli. Zwei Schüler Curt's aus Sachsen sind bereits

einberufen wegen des Krieges. Anderen droht anderes

Unheil.

Curt spielte Abends seine synfonische Sonate.

Es ist keine gute Zeit zum Arbeiten, jetzt . -

Juli. Curt arbeitet an der Instrumentirung von

Justina /aus der Musik zu Calderons "Der wundertätige

Magus". /

Im Ganzen liegt auch ihm der bevorstehende Krieg in

den Gliedern.-

Rheinberger arbeitete datnals an einer Neuinstrumentierung

der Magus-Musik, die er bereits fünf Jahre zuvor

komponiert hatte.

Juli.

Curt hat Justina fertig.Er hat nicht viel innere Ruhe


-2-

zum Arbeiten. Wir waren viel im Freien. Abends spielte

er wunderschän seine melancholischen 4-stimmigen Liedes

Gedächtnisses. Em Exemplar davon schenkte er Peter

Cornelius, der zufällig auch das Media vita componirt

hat te.

Am 20. Juli 1870 führte die Städtische Singschule in

Nünchen Rheinbergers Kantate für Kinder "Das Töchterchen

des Jairus", op. 32, auf. Der Komponist wohnte der

Aufführung nicht bei.

/T.B.2,26/

Curt hat bisher noch niemals Jairi Töchterlein gehört,

obgleich es so vielfach schon gegeben wurde.

Es gibt jetzt auf der Stral3e sehr erregte Kriegsgesichter

und viele traurige Abschiede! -

Samstag, 23. Juli /1870/.

Heute speiste Johannes Brahms bei uns. Er kam zum ersten

Male in unser Haus. Vor Tisch spielte er mit Curt seine

ungarischen Tänze. Dann spielte ihm Curt aus der Partitur

sein Requiem vor. Recht munter waren wir bei Tisch,

und Brahms erzählte manches Interessante. Er findet

Curt so geistesverwandt mit Franz Schubert. Ich glaube,

es liegt in den pldtzlich sehnsüchtigen Zügen, in dem

tiefen Aufathmen, die Curt fast in jeder Composition

hat.

Nun sind schon so ziemlich alle Componisten zu Curt gekornmen:

Friedrich Kiel, Otto Grimm, Auber, Holstein,Lachner,

heute Brahms, etc. Curt ist von alien weitaus der

Jüngste.

Sonntag, 24. Juii /1870/.

Die Kriegsverháltnisse lassen keine frische That aufkommen.

Gleich Gewitterwoiken lagern sich die feindlichen

Heere langsam - je länger die Sarnmlung, je schrecklicher

der Ausbruch. -

In Zurich wurde Curt's Wallenstein/s/ Lager gegeben.

Den 25. /Juli 1870/.

Curt hatte Prüfungen. Sehr heil3er Tag.


-3-

Den 27. /Juli 1870/.

Curt sitzt Vor- und Nachmittags in den Prüfungen. Seine

Schüler haben sie vorzüglich bestanden und er wurde

vielfach darüber beglückwünscht. Im Ubrigen interessirt

ihn natürlich die Politik am l4eisten. -

David Rheinberger, der Bruder des Komponisten in Vaduz,

erhält folgende Zeilen:

'tLieber Bruder!

Da13 ich so lange nicht zum Schreiben kam, daran trägt

wohl hauptsächlich die ailgemeine Kriegsaufregung schuld,

die natürlich Alles andere in den Hintergrund drängt.

Aus Deinem Briefe ersehen wir den Vorschiag, uns nach

Vaduz zu fitichten; Du scheinst also zu glauben, man befUrchte

hier elne Invasion der Franzosen; man fürchtet

zwar den Krieg (nicht die Franzosen), wenn er droht,

wenn er aber da ist, zeigt sich eine gehobene Stimmung,

überali, in alien Schichten, die verbohrtesten Ultramontanen

vieileicht ausgenoimnen, die Uberhaupt kein Flerz

für em geeintes Deutschiand haben. -

Heute schlie2t die kgl. Musikschule. Montag den 1. Aug.

gehen wir nach Kreuth, da elne weitere Entfernung von

der Heimath in dieser Zeit nicht angezeigt ist und die

Pflicht gebietet, auch die ailgemeinen Lasten mitzutragen.

-

Wie geht es der SchwRgerin Therese? 1st Maly wieder

ganz wohi? Den nächsten Brief werde ich von Kreuth aus

an Peter schreiben.

An die lieben Eltern und Alie die herzlichsten Grüf3e,

bis auf Weiteres

Dein Bruder

Josef Rheinberger

München den 29.17. 70."

Hedwig von Holstein, die Cattin des Komponisten Franz

von Holstein, schreibt an Franziska Rheinberger in

München:


Geliebte Freundin!

-4-

"Carlsbad, den 27.July 70.

Längst hätte ich Ihnen danken sollen, daIs Sie meinen

Franz wieder so freundlich aufgenommen, Sie seien Beide

so 'herzlich' gewesen, sagte er! Anfangs wartete ich

auf einen Brief von Ihnen, well Sie es meinem Mann gesagt,

daf Sie schreiben würden, jetzt aber wissen Sie

nicht mehr, wohin adressiren, & so sage ich Ihnen denn,

da wir in Carlsbad sind, trotz allem Kriege, & trotz

der schweren Sorgen, die er auferlegt. Mein Mann brauchte

die Kur zu nöthig, & für mich 1st die Entfernung von

der Heimath körperlich auch em Heilmittel, & jetzt

hätte mir doppelt & dreifache Arbeit bevorgestanden,

der ich freilich nicht gem entlaufen bin - ems der

gr5ten Lazarethe soll wieder in L/eipzig/ errichtet

werden.

Wo sind Sie? Haben Sie sich auch nicht abhalten lassen

& sind in Kreuth? Uns 1st es hier sehr wunderlich zu

Muthe. Wir stehen mit unsern warmen Herzen, mit unsrer

Begeisterung allein & augerhalb, wir fUhlen uns wie Entlaufene,

die das Recht an der Heimath aufgegeben haben,

well wir ihre Noth nicht theilen. Doch sind das ja alles

nur Nebenempfindungen.

Die Gröl3e der Zeit trägt über alles hinweg & jedes Emzelschicksal

verschwindet. Ich weig nicht, wie Sie empfinden,

aber von uns Norddeutschen werden Sie es begreiflich

finden, da wir schwelgen & Gott danken für

das Gefühl der Einigkeit Deutschlands, dieses lang ersehnte

Ziel, das mir früher immer nur im Märchenlande

zu liegen schien, 1st wirklich erreicht! Diese Opferfreudigkeit!

Dieses Herzudrängen zuin Heldentode! Unsre

Sachsen haben gebeten, in der Avant-garde sein zu dürfen,

brUderlich 1st der Wunsch bewilligt worden. Die

grolen Summen, die von jenseits des Oceans zu uns kommen,

diese Freiwilligen in den unterjochten Ländern,

die Studenten von Göttingen, von Kiel, die a 1 1 e

ihr Schwert ziehen! -

Aber die armen Süddeutschen, wie dauern sie mich. Sie

fühlen sich als Deutsche & sie thun, was die Ehre gebietet,

aber dieAntipathiegegen Preuf3en ist doch kaum

möglich zu besiegen, & gerade für ihre Besieger von 1866


-5-

müssen sie Land & Leben opfern! Wie ist die Stimmung in

MUnchen? Ich lese zwar die Zeitungen mit Leidenschaft,

denn was kann man andres thun, wenn man nicht die Hände

faltet, aber es ist doch noch anders, wenn man an Ort &

Stelle die Stimmung mitempfindet. Bitte geliebte Freundin,

schreiben Sie mir bald hierher, in soicher Zeit

hängt man mit besonderer WHrme aneinander & möchte sich

aussprechen. -

Die Meinigen sind auf neutralem Boden in Aussee, und

unsre Helene auf einem Rittergut bei ihrer Tante im

Braunschweigischen. Wer weit3, wann & wie wir uns wiedersehen.

Wohin wir selbst nach beendigter Kur gehen, davon

sprechen wir garnicht.

Ich habe geradezu Gewissensbisse, da2 wir hier. so ruhig

& sicher leben & nur den Geldbeutel öffnen für die allgemeine

Noth. Was thun Sie? Wenn wir nur jetzt beleinander

wären, Sie & ich!

Gott befohlen

Ihre H/edwig/ v/on! holstein!."

Vier Wochen später schreibt Hedwig von Holstein an

Franziska Rheinberger:

"Carlsbad, d. 22. August 70.

Liebe Freundin!

Vor lauter Zeitungslesen & Aufregung bin ich whhrend des

Aufenthalts in Carlsb/ad/ leider nicht wieder dazu gekommen,

Ihnen zu schreiben, & jetzt geschieht es erst,

nachdem ich keine Mul3e mehr dazu habe. Donnerstag Abend

8 lJhr kommen wir, so Gott will, nach München, bleiben die

Nacht im Marienbad & reisen vormittags nach Immenstadt.

Wir sind so unbescheiden, Ihnen (sic) dies wissen zu lassen

für den Fall, daf3 Sie bereits wieder in der Residenz

wären, & uns am Abend vielleicht aufsuchen wollten. Haben

wir irgend Zeit, so kommen wir Freitags morgens zu

Ihnen. -

Mein Mann soll nhmlich nach der anstrengenden Kur nicht

gleich in die Kriegsaufregung hinein, sondern einige Wochen

noch in Gebirgsluft erstarken, & da haben wir

Oberstorf im Allgäu gewahlt, wo eine uns nahe befreun-


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dete Leipziger Farnilie sich em Landhaus gebaut hat &

7 Zeitungen halt. Sie sind politisch sehr gebildet &

interessiren sich dergestalt für die gro2en Ereignis-

Se, daB wir rnehr als Anklang mit unserm Patriotismus

finden. Ohne diesen Verkehr rnöchten wir jetzt urn keinen

Preis in's Gebirge gehn, haben wir uns doch hier schon

recht losgetrennt & weggesetzt gefuhlt, & nur die Zeitungen

waren unsre Freunde. -

DaB wir uns auf dem RUckwege in München fröhlich wiedersehen,

das gebe Gott. Da diese Zeit kommen m u B t e,

so freue ich rnich, sie zu erleben. Nie habe ich gewuBt,

was es heiBt, sein Volk lieben, sich Ems fühlen mit

ihm, ihm danken, unendlich dankbar sein - stolz sein,

daB man ihm zugehort - wie aus einem Traume wacht man

auf, wie auf Bergeshöhen schaut man urn sich in em weites,

reiches Land, dessen Grenzen unabsehbar sind. -

Und daB wir noch dazu berufen sind, das Babel, Frankreich

genannt, zu zerstören, die Lügenbrut auszurotten,

das 1st ja elne doppelte Lust und em wahrer Trost in

dem tragischen Geschick, das wir dern Nachbarvolk zufügen

rnüssen. Ich glaube,daB der Krieg i n d e r F o 1g

e für Frankreich ebenso segensreich sein wird, wie

für uns, und ich bitte nur Gott, daB wir uns nicht Uberheben

& das bescheidene Volk bleiben, das semen Werth

& seine Kraft nicht kannte! -

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Nit Sabatiers war es diesmal em wunderbarer Verkehr.

Wir lieben uns herzlich, aber wenn w I r uns freuten,

so weinten s I e , & wenn w I r bangten, so triumphirten

s i e. Herr S/abatier/ benahrn sich mit äuBerstem

Zartgefühl & war von einer merkwurdigen Objectivitat.

'Warum besiegen uns die Deutschen?' sagte er eines

Tages. 'Weil es die gebildetste & beste Nation ist.'

Er 1st Republikaner von jeher gewesen, glaubt aber nur

an die Republik, wie man an em Ideal glaubt. Er haBt

den Kaiser & halt ihn sogar für unbedeutend, er habe nur

die Schlauheit, die em falscher Spieler vor einem redlichen

voraus habe, höher verstiege sich seine Intelligenz

nicht einmal. -

Wir sind aber trotzdem froh, daB der Verkehr mit S/abatier/s

dies Jahr em Ende hat, denn es war sehr peinlich,


-7-

da s I e garnicht so mild war & uns immer em grofes

horristes (sic) Preufen in Aussicht stelite, das Sachsen,

Bayern & WUrtemberg verschlingen werde, wie es Hannover

und Hessen verschlungen. Glauben Sie das? -

Es ist Frevel, nur daran zu denken! Die Völker wiirden

es nicht leiden, wenn die Fürsten es woilten. Diese BrUderlichkeit

ist jetzt unzerstörbar. Können Sie es lesen

& hören, wie Bayern & PreuBen zusammen kämpfen, ohne

Freudenthränen zu vergiet3en? Nein, wir sind Em Volk von

Brüdern, & em groi3es deutsches Kaiserreich! Träumen Sie

nicht von Barbarossa? Gott sei tausend Mal gedankt, daB

es s o gekommen! -

Mein Mann ist zum Finale der Kur elend geworden, mu2

Chinin nehmen & hat abwechselnd seine Schmerzen im Kopfe

& in den ZEhnen. Er niacht em Kriegslied nach dem andern

& hat von zweien 1000 Exemplare dem Heer nachgeschickt.

Ich woilte Ihnen ems schicken, er verbot mir's

aber. Die Lieder seien alizu simpel für den Theoretiker

& nur für brUllende Soldatenkehien gedacht. -

Franz grül3t herzlich; also doch dies Jahr auf Wiedersehen!

Ihre

Hedwig v/on! H!olstein/.

Unsre Adresse ist vom 27. Aug/ust! bis Ende September:

Oberstorf bei Sonthofen im AllgEu, via Inimenstadt."

Em weiterer Brief von Hedwig von Holstein an Frau Rheinberger

hat folgenden Wortlaut:

Liebe Freundin!

I...!

"Oberstorf bei Sonthofen

imAllgäu, d. 7.9.1870

In der nächsten Stunde erwarte ich Freunde, da besinne

ich mich, von was die mich abhalten könnten, & alle

Briefschulden fallen mir em. Unter diesen günstigen

Umständen, & aus so liebevollem Drange hole ich mein

TintenfaB in den Grasgarten, das ungezogene Ding hatte


-8-

sich erst so herzlich über Ihre Empfehlung gefreut! -

& nun verweht mir der Wind in einem Moment hundert Mal

das Blatt. Das soil Alles nichts schaden, gelt? -

Sie kommen her, sobald Sie flott sind & von oder nach

Oberammergau reisen. Sie haben nur noch 1 1/2 Monat,

verschieben Sie es nicht zu lange. Die Schneeschauer

im Gebirg kommen gar früh & sind doch nicht angenehm.

Auch solien die Vorstellungen, wie ich höre, an Unmittelbarkeit,

Frische & Einfalt verlieren, was durch die

often Wiederhoiungen & durch das Einreden der fremden

Zuschauer wohl denkbar ist. -

Die kleine Reise von Oberammergau hierher 1st gerade

sehr anziehend, mitten durch's Gebirge, per Einspännerle,

em Päärchen wie Sie - können Sie sich was verlokkenderes

denken? Sie fahren Ammergau, Reute, Schattenwald,

Hindelang, Oberstorf - wenn Sie Pferde wechsein,

in E i n e m Tag bei frühem Aufstehen; behalten Sie

dasselbe Gefährt, in 1 1/2 Tag mit lieblichem bescheidenen

Nachtquartier in Tannheim oder Schattenwald oder

Hindelang. Leider können Sie nun nicht mehr bei uns

wohnen - ich spreche wie der Fuchs von den Trauben (denn

ich wei8 noch nicht, ob Sie gewollt hätten), weil jetzt

Susette Hauptmann & Töchterchen auf 14 Tage kommen, &

dann mein Mutterl, so Gott will, & Mitte Sept/ember/

corrigirt Ihr Gemahl wahrscheinlich schon wieder falsche

Quinten & Octaven & verbietet, den Leitton zu verdoppeln.

Aber Wohnung giebt es jetzt noch in Oberstorf

& wenn Sie auf einem Hügel wohnen mögen, so 1st ganz nahe

bei uns em prachtvoll gelegenes Bauernhaus mit zwei

bescheidenen Stuben. Ich wUrde Ihnen gar zu gerne Wohnung

besorgen. Es 1st gar herrlich hier, nicht so lieblich,

wie in Tegernsee, aber groartig & vielseitig. Man

kann 5 Wochen lang tägiich einen anderen Gebirgsweg machen,

wenn man gut zu Fu2 1st. Mein Franz 1st Gott sei

Dank glUcklich & wohl hier, hat seine 20 Flaschen Sprudel

verschlungen & ist 2/3 mit seinem letzten Act fertig.

Das Instrumentiren freut ihn aber nicht, er macht sich

oft einen freien Tag, nur um loszukommen.

Gestern sind wir 8 1/2 Stunden gelaufen, auf Schnee, Felsen

& grünem 'Wasen' herum, haben Genzianen gepflUckt &

mitten in Aipenrosen geschlafen, nach einem Diner in der

SennhUtte von mir bereitet. Unsre Wohnung 1st gar lieb-


-9

lich, wir hoffen, sie auf mehrere Jahre zu mieten; Herr

'Zu' hat nicht recht gehabt mit semen Nahrungssorgen,

wir sitzen an den Flelschtöpfen Agyptens & mästen uns.

1st das nicht lockend? Ich bin schon so materiell geworden,

dal3 mir alles Gedankliche vergangen 1st, wie Sie

an diesem Brief e merken werden. Wo wird er Sie treffen?

Lassen Sie Gnade für Recht ergehen & schreiben Sie bald

Ihrer.

Hedwig von Holstein"

September

Lange Pause. Sieg der Deutschen - Napoleon gefangen. In

Frankreich Republik. Heute erst am 9. September /1870/

hat Curt wieder etwas componirt, nämlich in einem A themzug

em Scherzoso /op.45, Nr.1/.

/T.B.2,26//9. September 1870/.

Wie wir in Kreuth lebten, sagt mein Tagebuch vom Monate

August und auch vom herrlichen Tag, den wir in Tutzing

zubrachten. Ja! das war wahrhaft schön. Die Ossians-

Natur in Bernried, die "musikalische" Kirchhofsecke an

der Mauer mit dem alten Fenster und epheuumrankten Wappen

- mit dem Sturme auf dem See und dem Voilmonde. Es

war herrlich!

Heute wurde Curt von Bernhard Scholz besucht; auch erhielt

er em Programm eines Concertes in Zurich, wo H.

Nägeli die Jagd von Rheinberger spielte.

Den 10./September 1870/.

Curt arbeitet an einem Männergesang. Es würde mich freuen,

wenn er das Schlacht-Gebet von Mosen aufnähme, das

er schon früher einmal in Musik gesetzt /hat/.

/T.B.2,30/. Wir sind betrübt, weil wir hörten, daB Theodor

Auracher verwundet sei. Em hartes Geschick, diese

Ungewif3heit!

11./September 1870/,Sonntag.

Curt nahm heute das Schlachtgebet vor, spielte es auf

meiner Orgel und fand es so entsprechend, daB er es


- 10 -

mit em paar kleinen Anderungen an die Verlagshandlung

Sonderegger in St. Gallen schicken wird, da ihn diese

urn eine Männergesangscothposition ersuchte. In Leipzig

wurde "Wallensteins Lager" in einem Volksconcerte zu

Ehren der Verwundeten aufgeführt. Es freute rnich.

/September 18 70/, Montag.

Heute erschien die Concertfuge, weiche Rubinstein gewidmet

ist /op.33/; auch kamen die Druckbogen des Ciavierquartetts

lop. 38/.

/Septernber 1870/, Dienstag.

Curt reiste in seine Heimath, urn, wie alljä.hrlich, seine

alten Eltern zu besuchen. Ich schrieb an Fritzsch

und legte die Correcturbogen bei. Curt ging ungerne fort.

/Septernber 1870/, Sonntag.

Von Vaduz zurückgekehrt fand Curt heute Morgen beirn ersten

Aufschlagen der neu ausgegebenen Handel 'schen Partitur

em Thema, das ibm so wohi gefiel, daB er darüber

eine Clavierfantasie zu schreiben begann. Abends härten

wir zusammen mit theilweise herzlichem Wohigefallen die

neue Oper: Morgiane von B. Scholz, hier zum 1. Mal gegeben.

-

/Septernber 1870/, Montag.

Die Chorlieder 1. "Alt Heidelberg", 2. Lind duftig" von

Scheffel /op.4i1/ und der Zopf von Charnisso sind angekommen

und im Druck erschienen. Er machte aus jedem Liede

em Heft. Curt bekam je 6 Exemplare.

Das Chorlied "Schlachtgebet" /op.48,l/ heute an die Sonderegger'sche

Verlagshandlung in St. Gallen eingeschickt.

Curt arbeitete das Capriccio über das Händel'sche Therna

/op.45,2/ vollständig fertig und schreibt sie eben in

das Reine.

1. October /1870/.

Durch die frische und liebenswürdige Art der Gesangsakademiker

angeregt, hat Curt nun wieder zwei neue Lieder

cornponirt, wovon das eine Mailied von Scheffel ist. Ich

suchte ihrn dann einen Text von Lingg aus: "Heerbannlied

der Deutschen", welches Curt sogleich componirte. Es


wird eine heilige Freude sein, diese Lieder von den jungen

Leuten sin gen zu hören, die noch aus der Schlacht

zurückkomrnen.

Heute 1st eine Besprechung des "armen Heinrich" in dem

Musik/alischen/ Wochenblatt, die uns sehr heiter stimm-

te.

Ich bin begierig, ob Forberg die Passions-Musik drukken

wird, Curt schickte ihm auch die 2 Clavier-Vorträge:

Scherzoso und Capriccio /op.45/. Nun wird die Opuszahi

wohi im nächsten Jahre die Zahi 50 erreicht haben.

/T.B.2,34//3. October /1870/.

Kaum hatte Curt das Heerbannhied fertig, so fing er

schon em neues C'horlied an, das ich Elegie nennen machte.

Es 1st zu Hermann Lingg's Gedichte: einern Todten.

Curt hat es der Erinnerung des jungen, blühenden Landwehrlieutenants

Hofmann gewidmet, der als Held vor Sedan

.fiel. Er war der Vorstand des akademischen Gesangvereins.

Forberg will den Passionsgesang drucken /op.46/.

/Oktober 1870/.

Als beiliegender Brief kam, suchten wir im Notenschrank

nach Manuskripten, doch waren wir gleich einer Ansicht,

daB nehmlich die sinfonische Sonate zuerst nach Hamburg

wandern soilte und ich verpackte dieselbe, da sie bereits

copirt war.

Curt schrieb an die Verlagshandlung nach St. Gallen,

weil er gerne das Schlachtgebet wieder zurückbekäme,

urn es den andern Chorliedern beizugeben. Diese wären

dann em opus: 1) Schlachtgebet von Mosen; 2) Heerbannlied

von Hermann Lingg; 3) Einem Todten von H/ermann/

Lingg; 4) Mailied von V. Scheffel aus dern Trompeter von

Säckingen.

Vorigen Montag, den

/Oktober 1870/,

hat ten wir zum ersten Male wieder Oratorienverein und

wir sangen Brahms & Rheinberger. Von letzterem zum erstenmale

die 5 Quartetten im Volkston und die Lieder

des Gedächtnisses. In letzteren ist der schwermüthige

Ton vortrefflich ausgeprgt. Wie reizend, wie wahrhaft


- 12 -

schön, wenn man im Frieden Ort und Stelle kennt und miterlebt

hat, wo und wie soiche Werke entstanden.

13. October /1870/.

Curt hat heute einen neuen Fiügel bekommen. Einen Stutzflügel

von Blüthner aus Leipzig. Möge er lange und glücklich

darauf spielen und schöne Einfälle bei ibm haben.

Das erste Stuck, das er auf ihm spielte, war das "Waldmärchen".

Er triumphirte, daB ich in die Meistersinger

ging und er mittlerweile zu Hause spielen konnte. -

Etude & Fugato op. 42, bei Schmidt in Nürnberg & München

verlegt, /ist/ angekommen; /es/ kam in neuen rosenroten,

geiben und grünen Gewandunqen an. Die sinfonische Sonate

bekommt den Opustitel 47. -

Curt arbeitet gegenwärtig an der Instrumentirung des

Thales des Espinqo und frug mich heute urn Rath. Ich

kann ihm durch meine Kritik, die ich doch nur von ihrn

gelernt babe, bisweilen nutzen. Ich giaube, daJ3 dies

em sehr gelun genes Werk wird. -

15. /Oktober 1870/.

Heute wurde ich wieder feierlich von Curt eingeladen,

die letzte Note an seinem Thai des Espingo zu schreiben.

Wie freue ich rnich, es zu hören, wo es auch sei! -

Curt schrieb an E.W. Fritzsch und hot ihm das Thai an,

da er es schon vorher ohne Instrumentirung in Händen gehabt.

Heute kamen auch die Correcturstimrnen des grol3en Ciavierquart

etts.

Curt, der Nimmersatt-Componist, hat bereits angefangen,

das Hermann Lingg'sche Lanzknechtslied (sic) zu componiren.

Ich freue rnich so, daB ich beim Thai des Espingo

gegen den SchluJ3 bin einen guten rnusikalischen Rath

geben konnte! -

T.B.2,35/ 17. October /1870/.

II. dieBherbstiiche Probe im Oratorienverein. Die Herren

kommen spärlich. Viele sind noch im Kriege. Leipold Vater

und Sohn haben sich angemeldet. Wir studirten heute

Mendelssohn's Psalm: Wie der Hirsch schreit nach Wasser.

Es wurde gut gesungen. An Marie Schrnidtlein haben wir

einen guten Alt gefunden. -


- 13 -

Curt spielte heute sein Variationen-Clavierwerk durch.

Es ist doch sehr schön. Lieber Brief der Klosterfrauen

aus Beuersberg, die so entzückt sind über den Rheinberger

Margarethen-Lobgesang. Sie wollen dort für ihn

beten - bitten aber noch urn weitere Musik; vielieicht

schreibe I c h ihnen eine Litaney coll'ajuto di Dio

e del caro Kurri. -

Copie des Briefes an Fritzsch, wegen Thai des Espingo.

"MUnchen, 24./10.70.

Geehrtester Herr Fritzsch!

Beifoigend erhalten Sie mein neuestes opus, 'Das Thai

des Espingo', weiches ich Ihnen für 28 Thir. 22 gr. =

50 f 1. zum Veriage anbiete. Zur Beantwortung Ihrer Frage

wegen der noch ausstehenden Honoraria habe ich in

meinem Tagebuche nachgesehen und ais nicht berichtigt

gefunden die op. 30, 36, 33, 38. Soilte dies mit Ihrem

Buche nicht stimmen oder ich mich sonst irren, so bitte

ich, es mir mitzutheiien, da ich in meiner Krankheit

geirrt haben könnte. Neine Frau hat grol3e Freude

an Ihrem schönen Fideiio.

Nit herziichem Gru8

Ihr

J. Rheinberger.

WUrde sich op.SO nicht in kieinem Formate besser machen?"

Mittwoch, 26. /Oktober 1870/.

Ich habe Curt vorgeschlagen, ich wolie ihm sein Clavierquartett

4-händig arrangiren; er glaubte aber, ich könnte

einige Stellen nicht bezwingen und hat nun gleich

seibst angefangen, es zu bearbeiten. Gestern spielten

wir zusammen auf 2 Flügeln. Em reizender Genuf3. Erst

Curtis Duo, dann des ewig jungen Mozart ewig schöne, gernüthvolie,

kiare, tiefe, humorreiche Ciavier-Concerte,

die in einer Pariser Ausgabe für 2 Pianos erschienen

sind.

Montags (= 24. October 1870) sangen wir zum ersten Male

im Oratorienverein einen Theil von Curt 'S grol3em Requiem.

Man ahnte die Intention des Componisten, aber nach und

nach, mühsam, wie Alles in diesem Leben erkauft und er-


- 14 -

rungen werden muJ3, wird man erst zum vollen Genusse kommen.

Curt war sehr geduldig, aber ich empfand es mit

ihm, wie viel Gewalt er sich anthat, seine Gedanken so

vorbuchstabirt zu bekommen. - Es meldeten sich wieder

neue Mit glieder zu dem Vereine.

27. /Oktober 1870/, Donnerstag.

Curt hat am Clavierquartett-Arrangement gearbeitet und

mich von Zeit zu Zeit zum Spielen geholt, ob es gut und

bequem spielbar 1st.

Angefangen, das Clavierduo von Hiller zu spielen, aber

aus Ursachen nur wenige Seiten gespielt. Es ist Gemsheim

gewidmet - wahrlich em schlimmer Gefallen - soilte

es Sarcasmus sein von Seite Hillers? Einen soichen

Bombast kann er doch selbst nicht für ernst nehmen.

Abends mit Curt in einem Wohlthätigkeitsconcert, das

uns Heimweh nach Bülow machte und uns gamnicht wohi that,

/T.B. 2,37/

denn Fräulein Aub spielte das Es-dur-Concert von Beethoven.

Sie kam mir vor wie Kinder, die auf P1 erden Sprünge

machen und keine Ahnung haben von der eigentlichen

Kraft und Bedeutung - oder wie soiche, die mit einer Muschel

einen See ausschöpfen wollen und keine Ahnung von

dessen Tiefe haben. Des übrige Programm bestand aus Mondschein

und, wie Ett von Donizetti sagte, aus gezuckerter

Wassersuppe. Lieder von Abt, Esser, Wüllner, und Horn-

Solo von Strauss! Wir schoben zeitig ab. Fast hätte uns

Scarli die Schande angethan, in den Saal zu laufen; bereits

murrten die Diener im Vorzirnmer.

Der Kontakt zu einem neuen Verleger läl3t sich gut an,

er wurde für den Komponisten eine lebenswichtige Verbindung.

"Leipzig, den 28./10.1870.

Geehrter Herr Professor!

Die mir vor einiger Zeit gütigst Ubersandten Manuscripte

befinden sich bereits im Stich und werden Ende dieses

oder Anfang nächsten Jahres die Presse verlassen.

Zugleich erlaube ich inir die ergebene Bitte an Sie zu

richten, mir in Zukunft Ihre fertigen Manuscripte gef 1.


- 15 -

zu of feriren, mögen es nun Claviersachen, vierstimmige

Lieder etc. etc. sein.

Sie dUrf en versichert sein, dal3 ich meine Verlagswerke

stets elegant und zeitgemäB ausstatte.

Ihrer gefl. Antwort entgegensehend, zeichnet

Hochachtungsvo 11

Rob. Forberg."

Rheinberger antwortet Forberg:

"Da ich gelegentlich meines op.44 in den Männergesang

gerieth, so folgten noch einige Nachzügler, die ich

unter op.48 zusammenfafte und Ihnen ebenfalls zum Verlage

anbiete. UnzeitgemäB sind diese Gesänge gewiI

nicht.

Urn baldige Antwort ersuchend mit freundlichem Gruf

Ihr ergebener

Jos. Rheinberger.

München, 29.110.70."

29. October 1870.

Em netter Zufall, daI3 em paar Stunden nach Abgang

der deutschen Gesànge em Brief von Forberg kam, won

er Curt ersuchte, ibm von nun an all seine Manuskripte

zumVerlage zu senden. Curt war froh, daB er

ihm die Lieder bereits geschickt hatte, denn es wird

ihn freuen. Ich habe heute wieder viel Material gesammelt

für meinen Orlando. Ich bin gerechtfertigt durch

den Erfolg, daI3 ich Curt die Passions-Musik und die

deutschen Gesänge eigenmächtig verpackte.

Halb und haib war davon die Rede, daB wir heute Abend

ins Volkstheater gingen, zu "Gute Nacht, Herr Pantalon",

Curt ist aber so unendlich gerne zu Hause, daB er nicht

gehen mochte. Wir spielten auf zwei Clavieren die Chaconne

von Raff (unsympathisch) und das Duo von Rheinberger.

Curt hat heute an seinem Clavierquartett arrangirt.

Wir konnten bereits den ersten Theil des ersten

Satzes spielen.


- 16 -

Der Verleger Forberg erhält folgende kurze Mitteilung:

"Sehr geehrter Herr Forberg!

Der Zufall wolite, daf3 Ihr vorletzter

soda1 ich mit der

zuvorkam. Da Ihnen

Ihnen dasselbe für

als mein op. 48 an Sie expedirt war,

Einsendung threm Wunsche in Wahrheit

das opus convenirt, so tiberlasse ich

em Honorar von 24 Thir. 42 f 1.

Nit freundlichem Grul3 hochachtend

Ihr

J. Rheinberger.

M/ünchen/, den 3./l1.70".

Dr. Adolf Str5ll, SchUler Rheinbergers und späterer

Direktor der Bayer.Hypoth.-u.Wechsel-Bank in MUnchen,

schreibt an semen Lehrer aus Orleans:

"30 October 1870

Brief eben eintrf,

Hochverehrter Herr Professor!

Oft und viel habe ich wHhrend meiner dornenvollen überrheinischen

Kreuz- und Querztige an Sie gedacht und mehr

als einmal die Feder in der Hand gehabt, urn Ihnen em

Lebenszeichen aus dern w1schen Land zu senden, aber in

diesen gro8en, schweren Tagen 1st es gewif3 das erste

und nHchste Recht der bekümmerten Angehorigen, ihre Sorgen

gestilit zu wissen und so war es inir fast in jeder

freien i4inute Gewissenspflicht, den Meinigen Nachricht

zu geben, dat3 meine 'Feuertaufe' bisher fortdauernd von

gutem Gltick begleitet gewesen.

Mit namenlosem Bedauern erfuhr ich von meinern Bruder,

dal3 Sie gleich in den ersten Tagen des Feldzugs einen

freundschaftlichen Gruf3 an mich abgehen lieBen. Da13 es

doch mit unserer Correspondenz gar so wenig kiappen

will. Ich erhielt bis zur Stunde Ibren Brief noch nicht,

vermutlich in Folge irgend einer unbedeutenden Ungenauigkeit

der Adresse. Wie sehr erwilnscht wHren mir gerade

in jenen Tagen Ihre Zeilen gekommen, die mir physisch

und moralisch entschieden die allerbittersten waren.

Briefe waren mir dazumal der einzige Trost in meiner

vol1stndigen Verwaistheit und sind überhaupt zu jeder

Zeit eine HauptstUtze für mich gewesen, wenn die Kräf-


- 17 -

te im Ubermal3 der Anstrengungen oder unter dem Drucke

eines saftigen moralischen Katers zu erlahmen drohten.

Jetzt, in Orleans, meiner mit allen materiellen Annehmlichkeiten

wolversehenen und trotz aller Requisitionen

und Contributionen noch lange nicht erschöpf ten Stadt

verschnaufe ich etwas von dem grenzenlosen Trubel melnes

bisherigen Feldzugslebens. Er erreichte gerade in

den letzten Tagen meines Dienstes beim II. Corps selnen

Culminationspunkt, und an den perfiden Abschiedsgruf3,

den mir die Pariser durch den schlimmen Ausfall

bel Chatillon und Bagneux mit auf den Weg gaben, werde

ich mit Respekt mein Leben lang denken.

Die Ruhe hier in Orleans, freilich auch nur in relativem

Sinne, thut mir unbeschreiblich wohi. Sie steht in

einem ganz fabeihaf ten Contrast zu den ebenso aufregenden

als auch aufreibenden Strapazen, die den Dienst vor

Paris zu einer fast unerträglichen. Höllenmarter machen.

Ich merke an derauffallendwohlthatigen Wirkung, die

der bisherige kurze Aufenthalt in Orleans auf mein ganzes

Sein ausUbt, erst recht, wie sehr ich einer kleinen

Ruhepause bedurfte.

Orleans selbst nimmt mehr und mehr eine Friedensphyslognomie

an. Morgens auf der Wachparade bummelt man Unter

elner Unmasse bekannter Gesichter aus den Tagen des

unvergef3lichen Tombosi, bei der Abendmusik am Platze

der 'Jungfrau' entdeckt man einen neuen guten Bekannten

nach dem andern, den man auch weiB Gott wo anders gesucht

hatte, nur nlcht In Orleans. Wenn nicht die zerschossenen

Häuser der Faubourgs, sowie die Verwundetentransporte,

die Tag für Tag mehr oder weniger stark von

unsern Vorposten zu den hiesigen Ambulancen kommen, den

fortdauernden Ernst der Situation kennzeIchneten, man

könnte wirklich meinen sich inmitten einer friedlichen

Garnisonsstadt aufzuhalten.

Mein gegenwärtiger Dienst ist ebenso leicht als monoton.

Tägliches Exerciren auf den Boulevards vor den neuglerig

gaffenden Massen, häufige Wachen, Paraden und ähnliche

Freuden eines steifleinenen Garnisonsdienstes. Jeden

Sonntag ist groBe Kirchenparade aller hier liegenden

Truppenabtheilungen in der herrlichen Cathedrale.

Die Anwesenheit der gesamten Generalltät, die Massen

der Uniformen, dazu die Choralklänge der coinbinirten


- 18 -

Musikkorps, Alles das verleiht dem Ganzen eine eigenthümlich

weihevolle Stimmung.

Die Verpflegungs- und Einquartierungsverhältnisse sind

recht zufriedenstellend. Der Offizier wird vorn Hauswirt

selbst verpflegt oder bezieht im Falle nachgewiesener

Unmoglichkeit 10 francs taglich von der Stadt. Bei mir

ist erstres der Fall und ich befinde mich höchst wohl

dabel, denn ich würde in hiesigen Hotels urn 10 francs

gewiB nicht halbwegs die Verpflegung finden, die rnir

die alte Köchin meines Hauses unter Zittern und Zähneklappern

(vor rneinern Lieutenantsstrich allein natürlich)

bereitet! Der Besitzer des Hauses ist verduftet und ich

hause somit mit meinem Famulus vollständig selbständig.

So würde ich herrlich und in Freuden leben, wenn nicht

e i n e schwere Calamität über uns alien waltete, und

das 1st der permanente Cigarrenmangel. Alles lechzt

nach einem Glimmstengel und ware er noch so niedertrachtig

schlecht. Ich hoffe, daB in den nächsten Tagen

mein ununterbrochenes Winseln nach diesern unentbehrlichen

Gut von zu Hause gestillt wird. Denn cigarrenloses

Leben ist halbes Leben. Im Ubrigen rufe ich Ihnen

em herzliches 'auf Wiedersehen' zu, darüber zwar bin

ich längst resolvirt, daB ich mir meinen Weihnachtsbaum

auch heuer wieder in der Fremde aufputzen werde. Aber

dafUr wird, so Gott will, geschmuckt sein mit einer

Reihe herrlicher, denkwürdiger und ruhmreicher Erinnerungen,

wie die Geschichte sie in unseren Tagen nicht

so leicht em zweitesmal verzeichnen wird.

Nach der gestrigen Jubelnachricht von der Capitulation

von Metz bin ich überdies Optimist, wie es in der ganzen

deutschen Armee vielleicht keinen zweiten gibt. Moge

meine Hoffnung auf elnen endlich sehnsüchtigst erwarteten

Frieden nicht enttäuscht werden.

Mit den allerwärinsten Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin

Ihr

ewig dankbarer

Adolf Str011".


- 19 -

November

Curt arbeitet: am Clavierarrangement seines Quartetts.

Es gewährt uns groi3e Freude, die Mozart'schen Clavierconcerte

im Herbert 'schen Arrangement für zwei Flu gel.

zu spielen. Curt improvisirt da ganz wunderschöne Cadenzen

und hilft mir auch liebenswürdig bei den Tutti

mit. Forberg wird wahrscheinlich die "Deutschen Gesänge"

drucken.

Wenn es nur keine Unannehmlichkeiten mit Sonderegger

in St. Gallen gibt.

Robert Forberg,Musikverleger in Leipzig, an Josef

Rheinberger:

"Leipzig, den 1.Nov. 1870

Geehrter Herr Professor!

Im Besitz Ihres Geehrten vom 29. October nebst Manuskrlpt

von Ihrem op.48 bin ich mit VergnUgen zum Verlage

dieses Werkes geneigt und bitte mir die Bedingungen

gef 1. recht bald mitzutheilen, worüber wir uns hoffentlich

elnigen werden.

Ihrer gef 1. baldigen Antwort entgegensehend,

zeichnet

Hochachtungsvoll

Rob. Forberg".

/T.B.2,40/, Sonntag, 6. November 1870.

Curt hat den ersten Satz des Clavierarrangements vom

Quartett fertig geschrieben und das ganze Fritzsch ohne

Honorarforderung zum Druck angeboten, weil er ja auch

die Partitur des Quartetts druckte. -

Das Musikalische Wochenblatt enthält eine Kritik der

Hymne für 4 Stimmen und Harfe von Rheinberger.

Curt's Abscess eitert noch immer. Ich fange an besorgt

zu sein. Ware nur Nussbaum hier.

Gegen Abend spielten wir em Clavierkonzert von Mozart

zu zwei Flügeln.


Brief an Robert Forberg:

- 20 -

"Sehr geehrter Herr!

Indem ich Ibnen durch Ubersendung des quittirten Verlagsscheines

die Empfangnahme des Honorars für op.48 anzeige,

erkläre ich mich gerne einverstanden mit der von

linen gewUnschten Dedication. Ihre weitere Anf rage beantwortend,

so besitze ich allerdings eine 'sinfonische

Sonate' für Clavier, die ich Ihnen, wenn und sobald Sie

es wünschen, zu denselben Bedingungen übersenden werde.

In Betreff von No. 1, op.48 (Schlachtgebet) gestatten

Sie mir eine Bemerkung. /Das Folgende, zum Teil unleserlich,

bezieht sich auf das frühere Angebot Rheinbergers

an Sonderegger in St. Gallen, der das Werk drucken soilte./

Ich hielt es für alle Flle korrekt, Sie davon in Kenntnif

zu setzen.

Nit freundlichem Grub hochachtungsvoll

Jos. Rheinberger.

München, 7. Nov. 1870".

Montag, 7. November /1870/.

Heute Abend war der Oratorienverein stark besucht. Wir

sangen Curt's Requiem ganz durch und es rief unter den

Singenden eine tiefe Begeisterung hervor. Das Werk ist

edel und Herz und Verstand haben dabei ihr volles Recht!

Die herrlichen, heimatlichen Worte! Ich kännte mich dem

Genusse noch vollständiger hingeben, wenn ich mir nicht

immer sagte, daf3 ich ja nicht partheiisch sein, Curt

nicht überschätzen will. Hätte es em Anderer gemacht,

so dürfte ich laut und voll mein Entzücken aussprechen.

Die Stelle in Sopran supplicante ist einzig. Gebe Gott,

daB wir gesund bleiben bis zur Aufführung. -

Brief an die Buchhandlung Sonderegger in St. Gallen:

"Nachdem mir auf wiederholtes Schreiben eine Antwort Uber

einen im September eingesandten Chor von Ihrer Seite eine

Antwort (sic) nicht geworden 1st, so theile ich Ihnen

mit, dal3 erwähnter Chor nun Eigenthum des Veriegers Rob.


- 21 -

Forberg in Leipzig ist, welcher sich das ausschliegliche

Verlagsrecht desselben erworben hat, womit ich nun

die ganze Angelegenheit für erledigt halte.

Ergebens t

Josef Rheinberger.

München, 11. Nov. 1870".

Brief an die Verlagshandlung Rob. Forberg:

"Da Sie Bedenken tragen, eine Claviersonate grol3eren Urnfangs

zu verlegen, so sende ich Ihnen dieselbe zur Ansicht

zu, indern ich nicht weil3, wie eng oder wie weit

Sie den Ausdruck 'umfangreich' fassen. Auch erlaube ich

mir hier die Bemerkung, da2 erwähntes Werk sich nicht

eignet, prima vista von einern Clavierspieler vorgespielt

zu werden, sondern eines tieferen Studiums bedarf. Soilte

Ihnen dasselbe nicht gefalien, so senden Sie es mir

ganz ungenirt wieder zurück.

Mit dern Ersuchen urn baldige Antwort

ergebenst

Josef Rheinberger.

München, 11. Nov. 1870".

/T.B.2,42/.

Nachmittags trafen auch die bei Fritzsch gedruckten Freiexemplare

des Clavierquartetts /op.38/ em, das Curt

Nussbaum gewidmet hat. 0 käme er doch bald zurück, daB

man für Werke des Friedens wieder die rechte, wahre Begeisterung

haben könnte. -

Hedwig von Holstein an Franziska Rheinberger:

"Leipzig, d. l2ten Nov. 70.

Liebe Freundin!

Zwar schreibe ich Ihnen auf einem goldgeränderten Wappenbogen,

aber trotzdern bin ich nicht verrückt oder abgeschmackt

worden, sondern habe dies Papier aus nicht verwandter

Hand geschenkt bekommen.

Meinen letzten GruB & Bericht schickte ich Ihnen rnünd-


- 22 -

lich., durch Prof. Schne, der sich sehr freute, Sie aufsuchen

zu dürf en, leider aber nachher keine Spur von

Ihnen oder Threm lieben lvlann erblickt hat, wovon er angenommen,

er sei doch. mit seinem Besuch zudringlich gewesen.

Ich glaube das nicht, sondern ich denke mir, Cornponisten

haben selten Gelüste, Besuch zu erwidern,

schieben dergleichen bis in die aschgrauste Ferne hinaus,

& endlich denken sie, es sei nun doch zu spat &

lassen's gut sein. -

Alfred Sch3ne ist em Intimus von uns, & em guter Kritiker,

der in einer Musikzeitschrift & in der brockhauseschen

Zeitung tiber die Nusik berichtet. Der anne

Scheim hat tiefen Herzenskummer, & au2erdern vor kurzern

seine heiBgeliebte Nutter verloren, & daIs er nicht

mehr unter uns (er war em Kränzchen-Nitglied), sondern

in dem einsamen, krähwinkligen Erlangen ist, macht

ihm auch. kein piacere. Seinetwegen gaben wir dies Jahr

NUnchen auf & reisten über Erlangen, zurnal wir auch hof ften,

un Lauf des Winters nach Mtinchen zu kommen wegen

des Haideschachtes. Es verlautet aber nicht einmal etwas

von der Judith, die doch vorausgehen solite, also

wer wei, oh die Sache wirklich noch wird, denn beim

Theater is,t alles rnöglich oder unniöglich. Noch irn Anfang

dieses Herbstes erschien es mir recht gleichgültig, was

Theater & Musik betraf, well die Weltereignisse doch

das einzige Interesse war, was die Seele ausfüllte. Nach

und nach macht aber der Winter seine Rechte geltend, und

ich habe mich schon einige Male in der Musik ganz vergessen.

Jetzt bangt man wieder für das geliebte Balern.

Wir finden es unsäglich traurig, wenn diese grol3en Ereignisse

keine Einigung zu Stande bringen, nicht allein

traurig für Baiern, auch für uns Norddeutsche ist der

Freudenkelch bitter geworden.

den 14 ten.

Ich wurde unterbrochen, das unglUckliche Gefecht -

man könnte wohl besser sagen, die Schlacht - bei Orleans

liegen dazwischen. Die armen Baiern! 1st mir's

doch wie eine Mahnung Gottes an sie. Ihre Siege machten

sie so selbständig, da sie nicht aufgehen woliten

im grol3en Ganzen. Gerade in der Zeit, wo die bairische

Antwort alien Deutschen so tief in's Herz schnitt, da


- 23 -

ereilte sie das erste Unglück. Mein Mann schilt mich

wegen dieser Auffassung & sagt, Gottes Art sei es nicht,

soiche Fingerzeige zu geben. - Inzwischen soil sich die

bairische Politik auch wieder zu unsern Gunsten gewendet

haben; gebe es Gott! Als wir diesen Sommer in Baiem

lebten, welche schöne Stimmung fanden wir da, welche

Sehnsucht nach der Einigung, weiche Liebe & welches

Vertrauen zu den Norddeutschen! Das arnie Volk, besonders

die Soidaten würden mich namenlos dauern, wenn

der Bruderbund zerrissen würde! -

Doch nun zu uns. Mein Franz konnte sich dies Jahr garnicht

erholen, ich glaube nicht, daf3 ihm Carlsb/ad/

gut gethan. Von den 3 Wochen in Oberstdorf war er nur

2 ohne Schmerzen, die waren aber auch unsäglich schön.

Er arbeitete so leicht und gliicklich wie noch nie zuvor

& konnte die strömende Queue der Production kaum

fassen. Dazu war er nicht so isolirt und brummig, wie

sonst in solcher Zeit, sondern machte weite Wege von

4 & 5 Stunden mit mir in's Hochgebirge, Tag für Tag.

Wir kehrten in BauernhBusern em & genossen die Natur

in Land und Leuten. Der Herbst kann überirdisch schön

sein! Kaum konnten wir uns in Kunst & Stadt wieder zurecht

finden, obgleich uns das Beste davon empfing; Joachims

waren bier & wohnten bei meiner Schwester, auch

Max Bruch war viel bel uns, der talentvolle, aber eitle

Mensch. -

Meine Augen sind schlecht geworden & wollen geschont sein,

deshaib versage ich mir em zweites Blatt. Lassen Sie

bald von sich hören & seien Sie von Herzen gegrül3t

von

Franz und Hedwig lyon Holstein!.

In Oberstdorf lasen wir Ihre hübsche biographische Skizze

in der Süddeutschen Zeitung, haben Sie Dank dafür & lassen

Sie bald mehr folgen".

13. November 1870.

Heute besuchte Carl Genth aus St. Gallen Curt. Curt hatte

etwas Kopfweh!

Curt schrieb heute noch an Fritzsch, daB das Quartett

em paar Druckfehler enthalte.


- 24 -

Mittwoch, 16. November /1870/.

Es karnen die Druckbogen von Forberg; nehrnlich Passionsgesang

nebst Stimmen und die zwei Capriccio für Clavier

in A-moll und zum Alexander-Balus-Thema. Curt corrigirte

sie und ich verpackte sie dann an Forberg. Curt war

sehr überrascht über die prornpte Fertigung von Forberg.

Novitäten von Holstein in das Haus bekommen, von denen

Curt gerade nicht entzückt war, besonders nicht über

die sehr schiechte Declamation der Lieder.

Abends war Max Stahl da, urn sich mit Curt wegen seiner

Oper zu besprechen. Wir nahrnen die einzelnen Figuren

durch und suchten ihnen mehr Farbe zu geben. Z.B. soll

der Wildenbrandt nicht em leer dahergelaufener Bursche

sein, sondern em genialer junger Goldschrnied, oder

sonst Kunsthandwerker, der sich in Gertraud veriiebt,

dessen Liebe sie aber nicht begünstigt, weil sie so sehr

an ihrern Vater hängt, der etwas abgeschieden von der

Wolt ais Thürmer em rnehr betrachtendes, in seiner Art

philosophisches Leben tührt. - Das Mädchen darf garnicht

coquett sein, sondern, als Tochter ihres etwas eigenthümiichen

Vaters, einen kleinen schwärmerischen Zug haben,

der ihr wohi ansteht, da sie ihre ganze Kindheit

auf dem Thurrne zubrachte und nicht wie andere Kinder in

die Schule ging. Ihr Vater hat sie ailein unterrichtet.

Sie hat aber doch eine Neigung zu Heinrich.

Die Scene in dem Thurrnzimmer muJ3 rnöglichst kornisch werden

- besonders wie sich Wurzel in die Giockenkammer

fiüchtet und dort auf elnen Balken zu sitzen kornmt, der

sich plötzlich bewegt, wie die Uhr zu schiagen anfängt.

Heiterkeit und Gemüth müssen in dieser Oper vorherrschen.

Ich bat Stahl, Curt hie und da in lustige Herrengeselischaft

zu holen, weil er doch sehr empfàngiich ist für

soiche anregenden Eindrücke; wenigstens entstanden viele

seiner Werke in Folge einer gehabten Anregung. -

/T.B.2,44/ 17. /Novernber 1870/.

Für die sinfonische Sonate zahite heute Forberg 24 Tha-

1 er.

Die 7 Raben waren für heute im Hoftheater angesagt,

wurden aber in die Lustigen Weiber von Windsor getauscht,

well Fri. Stehie sich irn Tannhäuser am Sonntag überanstrengt

hatte.


- 25 -

Hedwig von Holstein schreibt an Franziska Rheinberger

in München:

"Leipzig, d. l9ten Nov. 70.

Liebe Freundin,

auch wenn Ihr Brief heute nicht gekoinmen ware, mül3te

ich in meiner Herzensfreude Ihnen schreiben. Bayern hat

eingewilligt! PreuI3en hat nachgegeben, wir werden em

elniges, gro1es Vaterland haben! Ach, diese Nachricht,

als ich aus der Missa solemnis kam - es war überwältigend

schön & grol3! - Mein armer Franz mul3te wieder emmal

zu Haus bleiben, er hatte sich - auf e I n e n

Sitz - 9 ZHhne ausziehen lassen!! Sie schaudern, wenn

Sie das lesen, nicht wahr? Gott sei Dank 1st es aber besser

gegangen, ais es klingt. Er hat sich zeitlebens mit

Zahnweh herumgeschlagen, & dieser Sommer wurde ihm wieder

grUndlich dadurch verdorben. Da kam em berUhmter

amerikanischer Zahnarzt hierher, den consuitirte mein

Mann, & der hat ihm gleich auf der Stelle, ohne daf ich

eine Ahnung davon hatte, 9 herausgezogen ohne zu chloroformiren.

Er hat es so geschickt gemacht, daIs Franz

geglaubt hat, es ist immer noch der erste, als er schon

den 3ten heraus gehabt hat. Natürlich 1st aber der arme

Liebe vom Blutverlust sehr geschwacht, & nHchste Woche

kommt erst die Marterei mit den künstlichen Zähnen. Es

will aber überstanden sein, & ich hoffe dann auf einen

ewigen Frieden mit diesen Störenfrieden, die uns manchen

schönen Tag gekostet haben! Natürlich dachten wir in

diesen Stunden auch Ihres lieben Gatten, der so schwer

& so bedenklich dabei zu leiden hatte. Ihr Nul3baum soil

ja Wunder Im Kriege, d.h. unter den Verwundeten gethan

haben, & Unzahlige danken ihm das Leben.

Ach, dieser schreckliche Krieg! Gestern habe ich mir so

viele Einzelheiten davon erzählen lassen, daB ich noch

ganz voll davon bin. Die Verwundeten hatten Frelbillets

für das Riedel'sche Concert zu der Missa solemnis bekominen

& wir saBen mitten unter ihnen, neben mir em

Preu2e mIt 6 Orden. Ich redete ihn an & iernte einen

prachtigen Menschen kennen. Ich konnte nun endlich emmal

Elnem dieser Tapferen mit Hand & Mund danken & wurde

verstanden. Er erzählte mir so wunderbare Einzelheiten

& mit der ganzen NaivitEt der Volksweise, daB mir


- 26 -

die Thränen immer über die Backen roilten, u.a. von seinem

Regimentsarzt, dem gleich zu Anfang bei der Schlacht

von Gravelotte em Auge ausgeschossen worden, & der den

ganzen Tag lang die Verwundeten mitverband, als sei ihm

nichts geschehen! Und von einem Professor aus Bonn 'mit

grauen Haaren', der den ganzen Tag seinem Regiment mitten

in die Schlacht hinein Wasser zum Trinken gebracht

hat & em unsägliches Labsal dadurch gereicht. Die Soldaten

haben mimer in liegender Stellung geschossen und

haben erst am Abend, als die Schlacht vorüber war, aufstehen

dUrf en, weil das Stehen viel groBere Gefahr herbeigeführt,

- der alte Professor aber sei wie em Held

hin & her gegangen durch den dicksten Kugelregen, & keine

habe ihn berührt! Am Abend, als commandirt worden sei,

aufzustehen, sei die Hälfte von diesen Centrum-Truppen,

die k e i n e Bewegung zu machen gehabt, auf das Commandement

n i c h t aufgestanden, sondern am andern Morgen

von den Kameraden begraben worden, unter einem schweren

Gewitter, & an diese Stunde konnte der bärtige Krieger

nicht ohne Thränen zurückdenken.

Darauf nun das Kyrie - das Credo mit dem incarnatus est,

das Begrabensein & das Auferstehen - es war mir, als

wenn ich als Geist das Alles von oben herab sähe oder

miterlebte! Dann, die ganze Seele voll Ton, nach Hause

geeilt, & unterwegs erhielt ich das Telegramm mit dem

Sieg bei Dreux, was aber viel mehr, mit der Nachricht

von der deutschen Einheit. Ich stürmte mit dem Zettel

meines Franzen Zinimer, & wir weinten Beide vor Freude.

Es wird doch nicht verfrüht sein, es wird uns doch nicht

wieder genommen werden? Stellen Sie sich nur vor, wie

schrecklich es ware, wenn die verbündeten Truppen wieder

auseinandergerissen werdén soliten, & in wenigen

Jahren g e g e n einander kämpf ten, was g e w i 2

kommen würde! Und der ganze Traum von der alten Grö2e,

vom deutschen Kaiser, verschwunden! -

Am Abend.

Lassen wir das. An dem Tage, an welchem Ihr Francesco

oder mein Franz sich die 9 Zähne ausziehen liet3, haben

wir noch aus den 7 Raben musicirt! Er konnte nicht arbeiten,

& als ich ihm etwas singen wolite, sagte er mit

einigem Ekel: nur nichts von mir. Was denn? f rug ich

kleinlaut, & er legte die 7 Raben auf's Clavier. Hier


- 27 -

am Theater schweigt alles davon. Der bose Geist, Capellmeister

Schmidt, hat wieder alle Gewalt in Händen, & als

mein Mann ihn nach der langen Abwesenheit wiedersah,

hat er sich gefreut, daf er nicht etwa wieder mit einer

neuen Oper käme, denn er habe all' das Zeug abweisen milssen,

es sei eben Alles nicht zu gebrauchen. Nach diesem

Eingange hat sich F/ranz/ garnicht mit einer Frage nach

den 7 Raben herausgetraut.

In Weimar verlautet auch nlchts, Franz thut dort keinen

Schritt mehr. Neulich war Herr v. Milde hier - an der

Oper in W/eimar/ angesteilt & von Einflu2 - Franz fragte

nach unsern beidenOpern,d.h. ob in W/eimar/.an die Aufführung

gedacht werde - er hat gesagt, vom Haideschacht

sei vorubergehend die Rede gewesen, von den 7 Raben wisse

er garnicht! Das sind schöne Erfolge nach einem so

hoffnungsvollen Anfang! Sie wissen doch, daB der 1. Capelimeister

Lassen in W/eimar/ ganz Wagnerianer ist &

nichts andres aufkommen lassen will, &dassMUller-Hartung,

der 2., viel conservativer & em guter Musiker

1st, der den Haideschacht zu dirigiren sich ausgebeten

hat, & darum schon hat Lassen ihn zu ewiger Finsternil3

verdammt. Sie können sich doch mit dem Requiem trösten,

es ist gewiB ganz herrlich! Ich beneide Sie sehr darum,

daB Ihr Gatte die Harf en im Allerheiligsten ertönen

läBt: Gott zu loben in geistlichen Gesängen ist Engelsbeschäftigung

im Jenseits & bringt den Himmel auf Erden.

Und Sie mit Ihrem Latein und all' den ernsten Studieri,

und auch dabei die Nähmaschine? Wo nehmen Sie die Zeit

nur her W i r haben gewiB viel zu viel Verbindungen,

die zersplittern. Ja, wenn man mehr Zeit hätte! Und das

Innere Gejagtsein durch Pflicht und Neigung darf man

sich nicht einmal merken lassen, sonst wird man auf belden

Seiten unbehaglich & ungenieBbar. -

Wir freuten uns herzlich, daB es zwischen Ihnen & Alfred

Schöne noch em gutes Ende genommen, er schrieb uns aus

München & seitdem nicht wieder. Volkland wird sich sehr

über Ihren GruB freuen, wir sehen ihn jetzt fast taglich,

da der anne Schelm um seine Direction an der Euterpe

gekommen ist. In Folge des Krieges haben sich so

wenige Abonennten für die Euterpe gefunden, daB sie aufgehort

hat, zu existiren, & Volkiand, der fest engagirt

war, hat sich jedes andere Engagement deshaib entgehen


- 28 -

lassen & nimmt nun aus Generosität auch keine pecuniäre

Entschädigung an. Er 1st em nobler, stoizer Charakter,

trotz seines JugendUbermuths. Urn ihn em klein wenig zu

stützen, babe ich Begleitstunde bei ibm, d.h. ich singe

& er spielt, was uns beiden groe Freude macht, denn er

weil3 mich so zu begeistern, daB mir die Stimme auf meine

alten Tage wieder kommt & wächst. Ich darf aber nur singen,

wenn Franz turnt, in der Dämmerstunde, sonst darf

ich nie einen Ton anschlagen. -

Unsre Morgenwege in's 'Rosenthal', so heiBt em naher

Wald bei Leipzig, mit Parkwegen, die sich stundenweit

hinziehen & sehr reizvoll sind, haben wir wieder aufgenommen.

Wir frühstücken dort, lesen Zeitungen & gehen

politisirend oder auch ganz stillschweigend in dem rascheinden

Laube & an dem stillen Wasser dahin. So verspaziere

ich die beste Arbeitszeit, aber ich habe dafür

den Geliebten ganz & ungetheilt, wie zu keiner andern

Zeit des Tages. -

Neulich f and ich eine herrliche Photographie von Ihrem

Gatten bei Franz, ich ärgere mich, daB von Ihnen kein

gutes Bud existirt, auBer in meiner Fantasie oder in

meinem Herzen. Können Sie sich nicht selbst zeichnen?

Bitte thun Sie das für

Thre

H/edwig/ v/on! H/olstein/.

Ich wundere mich, daB Ihnen 'klein Anna Cathrein' gefällt.

Mogen Sie nicht 'Augen sagt mir, sagt was sagt

ihr' lieber?"

21. November /1870/.

Morgens mit Curt in der Cäcilienfeier der Theatinerkirche

gewesen. Sie sangen em süI3liches Offertorium von

Lachner, das mit der katholischen Anschauung n i c h t s

gemein hat. Nachmittag gingen wir zusammen in der Maximiliansstraf3e

spaziren. Die vielen "aufgedonnerten", neugierig

starrenden Personen wurden uns bald zuwider, sodaB

wir in eine Nebenstraf3e bogen und den englischen Garten

suchten. Dort wurde es uns plötzlich so wohl, denn

obgleich der Herbst schon fast vorüber ist und die Wiesen

kaum mehr grün sind, so rauscht doch das Wasser so

wie es Gott gewollt, die Möwen umfiattern es, und tau-


- 29 -

chen in fröhlichem Leben kreischend ihre Flu gel em und

fliegen dann wonnig unter dem blauen Horizont. Curt sah

ihnen sehnsüchtig zu und beneidete sie, daB sie fliegen

können. Nur selten zeigt er in Worten den sehnsüchtigen

Drang seines Innern, desto concentrirter 1st seine Musik.

Vormittags hatten wir im Kunstverein em vollendetes

Bud von Anton Seitz gesehen, dem Münchener Meisonnier.

Curt war ganz entzückt davon und beklagte, dai3 em Musiker

seine Schöpfung nicht auch in so vollendeter Weise

ausstellen könne, wie em Maler sein selbstgeschaffenes

Bud. Auch eine Landschaft von Meermann hängt oben,

"Parthie bei Regensburg", die in ihrer poetischen Stimmung

etwas sehr Anziehendes für Curt bot. Ich muI3 ihn

bitten, mir em Clavierstück darüber zu schreiben, das

"Morgen" heil3t.

IT. B. 2,46/.

Abends war ich allein in der Zauberfldte, sehnte mich

aber dabei nach Curt, denn ich glaube, unter alien, wenn

auch entzückten Zuhörern hätte e r doch das meiste Verständnis

für die naive Unschuld Mozart's, für seine wahre

Empfindungsweise gehabt. Was kann man sich Kindlichgläubigeres

denken. Mir fielen Riehi's Worte em, die er

zu Curt sagte, als er ihrn die Ouverture zum armen Hemrich

vorspielte: Die Componisten geben dann ihr Bestes,

wenn sie sich auf den Standpunkt der Kinder stellen.

Friedrich Gernsheim, seit 1865 Lehrer am Konservatorium

zu Köln, schreibt an Josef Rheinberger:

"Werther Herr College!

In der Hoffnung, daI3 Sie meiner noch nicht ganz vergessen

haben, wende ich mich in folgender Angelegenheit an

Sie. Ich bin eingeladen, Ende Dezember mein Clavierconcert

in Wien zu spielen und beabsichtige, meine Rückreise

Uber Mtinchen zu machen. Es ware mir nun sehr angenehm,

mich auch dort ktinstlerisch bekannt zu machen & erlaube

inir daher die Frage, ob sich in der ersten Woche Januar

etwa elne Gelegenheit finden wurde, mein Concert zu spielen?

Es ist mir völlig unbekannt, wer jetzt die Odeon-


- 30 -

concerte dirigirt, und habe ich mich vor einigen Wochen

in dieser Angelegenheit bereits an H/errn/ Hofkapellmeister

Wüllner gewendet, den ich von früher her persönlich

kenne. Da mir derselbe jedoch bis heute nicht

geantwortet hat, so erlaube ich mir, Sie mit diesen Zeilen

zu belästigen, hof fend, Sie finden es nicht gar zu

unbescheiden. Sie haben wohi die Güte und geben mir einige

Winke, wie ich zum Ziele komme. Vielleicht bedarf

es auch nur einer kleinen Unterredung zwischen Ihnen &

Baron von Perfall, mit dern Sie ja befreundet, urn die

Sache zu ermöglichen.

Jedenfalls seien Sie meines Dankes im voraus versichert.

Da8 ich rnich sehr darauf freue, endlich Ihre & Ihrer

Frau Gemahlin persönliche Bekanntschaft zu machen, dies

bedarf wohl kaum der Versicherung.

Mit den besten Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin und

freundlichen Grül3en an Sie bin ich

mit voller Werthschätzung

Ihr ergebener

Fr. Gernsheim.

Cöln, 22.11.70.

/Nachschrif t/ Es interessirt Sie wahrscheinlich, zu erfahren,

da8 für den nächsten Abend des hiesigen Tonkünstlervereins

Ihr Duo in A moll auf dem Programm steht. Ich

werde das Vergnügen haben, es mit einem Collegen zu

spielen.

Die "Neue Berliner Musikzeitung", XXIV. Jahrgang Nr. 47,

23. November 1870, S. 370, berichtet:

"Mit au8erordentlichem Interesse und wirklicher Freude

habe ich die 6 fugirten TonstUcke von Josef Rheinberger

Op.39 durchgesehen; mit Interesse, weil man Seite für

Seite gefesselt wird durch die, eine Meisterhand verrathende,

contrapunktische Technik, - mit Freude, well

ich glaube, den Clavierspielern, die ihren Concertprogrammen

auch Fugen anreihen, elnen Dienst erwelsen zu

können, indem ich sie auf diese Rheinberger'schen Stükke

aufmerksam mache. Der Componist tritt in denselben

keineswegs in die gefährliche Concurrenz mit dem Fugenriesen

Johann Sebastian Bach, dessen Riesenfugen ja


uberhaupt keinen Vergleich zulassen, es 1st vielmehr

Mendelssohn, wie mir scheinen will, zu dessen op.35

dieses Rheinberger'sche op.39 em wirksames Pendant

bildet. Rob. Schumann vergleicht in seiner Beurtheilung

die Mendelssohn'schen Fugen gegenuber den Bach'schen,

mit Blumen, auf demselben Felde entsprossen,

das der alte Meister mit riesenarmigen Eichenwäldern

bepflanzt hatte; ich möchte diesen Vergleich auch auf

die Rheinberger'schen StUcke ubertragen, und nur noch

hinzufugen, daa diese 6 Blumen einen prächtigen, duftenden

Straul3 bilden, an dem Jeder, der Uberhaupt von

der Sache etwas versteht, sich gleich mir ergötzen möge.

Eine Modernisirung der strengen Form, die der gesang-

und empfindungsvollen Melodie in der Weise Rechnung

trägt, daf die Hörer, nicht ausschlie6llch die Leser

zur vollen Befriedigung gelangen, kann durch Arbeiten,

wie die in Reden stehenden nur gefördert werden,

und ich halte es für einen thatsächlichen, der Kunst

zu Gute kommenden Fortschritt, diejenige Form, die im

grofen Ganzen bisher die ausschliealiche Domaine des

Verstandes und der Kunstfertigkeit war, auch dem Herzen

näher zu bringen."

/T.B.2,46/.

Als ich heimkarn,

Mozart. -

Die 7 Raben sind

strichen! - Curt

- 31 -

plauderte ich noch

wieder (weI3halb?)

kaufte sich heute

buch: Der ächte Gregorianische Gesang.

lange mit Curt über

vom Repertoire ge-

Schafhäutl 's Pracht-

24. /November 1870/, Donnerstag.

Geistlicher Rat Niessi von der johanniskirche war da,

urn in seinem und des Erzbischofs Namen für die Widmung

von Jairi Töchterlein semen Dank auszusprechen und zugleich

seine Chorknaben für den Oratorienverein anzubieten.

Vielleicht für das übernächste Concert, weil es

uns dief3mal am Raum fehlen wird. -

Gestern nachmittag war Riehi da und Curt spielte ihm zu

dessen Entzücken seine beiden Hefte Kindermusik vor.

Auch spielten wir ihm Curt's Duo, wobei ich anfänglich

aus Angst vor Curt umschlug. Das Andante (Canon) mul3ten


- 32 -

wir zwei mal spielen. Riehi war ungemein lustig und lud

Curt em, nächstens mit ihm in eine Gungl-Soirée in der

Westendhalle zu gehen, wo sie oft hübsche Serenaden von

Mozart oder sonst selten Gehörtes spielen. -

25. November /1870/.

Brief von Fritz Gernsheirn aus Coin, worm er Curt ersucht,

ibm künstierjsche Auskunft zu geben, was Curt urngehend

that. Es handeit sich urn das Gernsheim'sche Ciavierconcert,

das dieser hier in einem Odeonsconcerte

spielen mOchte. Nächstes Tonkünstierkränzchen wird in

COin Curt's Duo für 2 Ciaviere bringen. Die neue Zeitschrift

für Musik bespricht die ietzten Lieder Curt's

(an Hedi Pacher) lobend. -

Johann Georg Herzog, elner der bedeutendsten Orgelvirtuosen

und -lehrer seiner Zeit, Rheinbergers Lehrer und

Freund, der 1854 als Universitätsgesang- und Musiklehrer

nach Erlangen gegangen war und 1866 dort den Titel

eines Dr.rnus.h.c. erhalten hatte, bat Rheinberger für

die 2. Auflage seiner Orgelschule op.41 urn einen Beitrag.

Rheinberger sandte ibm gleich em ganzes Heft mit Orgeltrios

und Herzog antwortet darauf:

"Erlangen, den 25. Nov. 1870.

Lieber und geehrter Freund!

Sei nicht bose, da8 ich Deinem lieben Brief so spat Folge

leiste. Ich hatte sehr lange an den Folgen meiner

schweren Krankheit, einer recht heftigen Diphteritis,

zu leiden, und auch jetzt habe ich mich noch nicht ganz

erholt. -

Und nun zum eigentlichen Zweck rneines Schreibens. Es ist

mir nicht rnOglich, alle Trios, die Du mir geschickt hast,

zu benutzen, so vorzüglich und herrlich dieselben sind.

Der Verleger geht narnlich auf keine b e d e u t e n d e

Vermehrung des Werkes em urn des einmal festgesetzten

Preises willen. Darnach mul3 ich mich nun richten. Deshaib

habe ich mir zur Benutzung die letzte Numrner (VIII)

Deines Heftes abgeschrieben, urn sie in dem Werke seiner

Zeit zu benutzen. Ich kann gerade diese Nummer prächtig

verwenden. Es wird Dir nicht schwer werden, einen Satz


- 33 -

dafür zu schreiben. Deinem herrlichen Talent 1st ja alles

mögiich. Geht das nicht, so kannst Du ja imrnerhin

auch diese Nummer mitdrucken lassen. Denn jedenfails erscheint

Dein Heft frUher als die II. Auflage der Orgelschule,

und dann kann nicht leicht der Verleger etwas

dagegen haben, wenn diese Nummer ais einzeine Piece Aufnahme

findet. Bei S c h u 1 e n hat man, so viel ich

weia, dieses Recht.

Und nun nehme mir halt, lieber Freund, diese lange Saumseiigkeit

nicht Ubel. Ich habe em rechtes Verlangen darnach,

Dich einmal wieder zu sehen. Du bist eigentiich

doch em recht giUcklicher Mensch nach alien Seiten hin;

darum sei ja recht fröhlich und zufrieden. Wenn Du Fri.

Schmldtlein siehst, so grtiI3e sie recht schön von mir und

sage ihr, daB der Trennungsschmerz noch lange nlcht tiberwunden

sei. An Deine verehrte Frau die herzlichsten

GrüBe.

In ailer Liebe

Dein treuer Freund

J.G. Herzog."

26. /November 1870/.

Curt componirte zwei neue Orgeltrios, weil das Ste von

Herzog für em Schulheft benutzt wird. Statt einem cornponirte

er gleich 2 nach.

Das vollständige Heft bietet Rheinberger mit folgenden

Worten dem Verleger Forberg an:

.Hiedurch tibersende ich Ihnen mein op.49 'Neun Trios

für Orgel' zum gefälligen Veriage. Da Jedermann, der Orgelunterricht

gegeben oder erhalten hat, weiB, wie wefig

umfangreich dieser Zwelg unsrer Musikliteratur 1st,

so dürfte dieB Heftchen Manchem erwUnscht sein.

Ihre gefällige Rückantwort baidigst erwartend,

J/osef/ Rh/einberger/.

Nünchen, d. 27. Nov.70."

Mittags war sein ehernaliger Lehrer Julius Jos. Maier da,


- 34 -

dem Curt sein Thai des Espingo spieite und ich die Hedi-

Lieder sang. Sie bringen mir die Vergangenheit vor die

Seele; denn diese Lieder sind doch aile nur für mich und

wegen mir geschrieben. Maier war besonders entzückt von

dem kieinen:

Was in der Brust mir schiägt,

das ist mein Herz nicht mehr (op.26/2)

Was in der Brust mir schiägt, das ist mein Herz nicht

mehr...

Heute Donnerstag, den 8. Dezember /1870/ war die erste

Qrchester-Correkturprobe des Requiems. Cavaiio und ich

hdrten zu mit der Partitur in der Hand und verfoigten

mit grol3er Wärme jede Note. Ais die Probe beendet war,

brachen die Hofmusiker in lautes Bravo aus, was für

diese bequemen musikverhärteten Manner staunenswert

ist. Die Instrumentation ist geistvoii und innig. Wie

freute ich mich, das Ganze zu hären. Der treue Cavalio

blieb bis zum Schiui3 und half die Noten aufzuräumen,da

unser Diener nicht da war. Vorher hatte ich in der Theatinerkirche

em Ave Maria von Curt mit Hieber's Begieitung

gesungen, das em paar Choristinnen zu Thränen

rührte.

Abends war Carl Stieier da. Von Zeit zu Zeit seh ich

"den Alten" (er ist zwar noch jung) gem. Heute waren

abermals die "Sieben Raben" auf dem Repertoire, wurden

aber wegen piötzlichen Unwohlseins (Bockbeinigkeit)

Herrn Kindermanns, weicher leidend wurde, ais man seine

Tochter nicht ais Papa gena auftreten iiel3, aufgeschoben.

/T.B.2,49/ 11. Dezember 1870.

R e i C h e T a g e von Sonntag Morgen bis Montag

Abend.


- 35 -

Sonntag, den liten, Vormittags 11 Uhr, Hauptprobe im Oratorienverein

des groI3en Requiems. Der Gesamteindruck war

überwältigend. Orchester, Sänger und Zuhórer brachen nach

dem Schiusse in begeistertes Bravo aus.

Ich sah nächst den Noten fast nur auf Curt, der ganz

durchgeistigt und blaB an seinem Dirigentenpult stand.

Beim Benedictus zuckte es durch ihn wie em elektrischer

Strom. Er sagte mir, es habeihnplätzlich gepackt.

Die Chore gingen vorzüglich. Eine Dame im Saale kam derartig

ins Weinen, daB sie den Saal verlassen muBte. Alle

Musiker und Schriftsteller waren im Saale vertreten. Ich

habe das Gefühl, daI3 d i e s e s Werk noch of t und vor

vielen Theilen der gebildeten Welt erklingen wird. Ich

hatte leider scharfe Migräne, sang aber doch aus Leibeskräf

ten mit. Den übrigen Tag war Curt recht erschOpft und

das Warten auf die Oper peinigte ihn. Wir gingen zusammen

auf die Galerienoble und hatten unsere Plätze neben Franz

Lachner und Moritz Schwind. Es war hier in München die

V. Vorstellung der 7 Raben.

Fräulein Stehie war geradezu himmlisch, so geistvoll,edel,

warm, innig und seelenvoll in Gesang und Spiel, daJ3 sie

unser Ideal erreichte. Man kann Unschuld und Treue nicht

liebenswürdiger darstellen, als sie es thut von Anfang bis

zu Ende. Das liebreizende, anmutige GeschOpf. Sie hatte

sehr groBen Beifall. Auch Frau Diez und Herr Vogl waren

eminent in ihren Leistungen, obgleich Frau Diez sich emmal

verspätete - gerade im Quartett des letz ten Aktes

(dem Zankapfel Kindermanns), daI3 sie in Folge dessen auch

schlecht sangen. Die ChOre gingen sehr schlecht und waren

schwach besetzt, ebenso die Ausstattung des Marsches so

mager und schofel, daB sich eigentlich Perfall in die

Haut vor uns schämen müBte - wenn man sich nicht zur Beruhigung

sagen kOnnte, daB man hier gleiches Loos mit 2'idelio

hat!- Die SchluBdecoration war übrigens reizend u.

der SchluB-Chor riB die Leute zu grol3er Begeisterung hin.

Wie müBte es wirken, wenn Chor und Orchester so reich besätz

wären wie Wagnersche Opern. So aber haben sie nur

die Hälfte der Mitglieder bel "gewOhnlichen" Vorstellungen.

Und das thut natürlich einigen Eintrag. Aber die

Leute gin gen doch sehr befriedigt heim. Es war em reicher

Tag.


- 36 -

Max Stahl übersandte seine Visitenkarte mit folgenden

Zeilen an Rheinberger:

"Herr Professor werden von mir morgen, Samstag Abends

8 Uhr zu 'trink'-lichen Geschäf ten entfUhrt."

Fanny ergänzt dazu:

Lustige Monatskneipe im Akademischen Gesangverein, wobei

sich Curt sehr unterhielt. Viele von den jungen Leuten

stehen in diesem Augenblicke vor Paris! Die jungen Leute

freuten sich über Curt's Gegenwart.-

/T.B. 2, 53/ 12. Dezember 1870.

I. Aufführung des Requiems von Rheinberger durch den

Oratorienverein.

Sopransolo: Fräulein Leonoff

Alt: Fräulein W. Ritter

Tenor: Herr Secr. Gebhardt

Bass: Herr Rüber.

Es ging vorzüglich und zündete. Mehr kann ich nicht sagen.

Paul Heyse's Brief mag einiges andeuten. Bei jeder besonderen

Stelle sah mich Curt an. -

Nur wer so glaubt, wie Curt, und wer so viel gelitten hat,

wie Curt, kann so schreiben.

Nach dem Concerte waren Buonamici aus Florenz ("Credevo,

essere in paradiso"; sagte er) und Guido Stieler da. Curt

bekam einen neuen, stolzen Pelzrock zum Geschenke von

Mietz, der ihn sehr freute.-

Alle geistigen Notabilitäten waren im Concerte: Riehl -

Kaulbach - Heyse - Lachner - Schwind - Windscheid und

viele andere. Die Hofmusiker boten sich an, das Werk bei

anderer Gelegenheit ohne Honorar zu beanspruchen zu wiederholen.

Der Dichter Paul Heyse schrieb an den Komponisten:

Ich will nicht bis zu mündlichem Wiedersehen warten, verehrtester

Freund, urn Ihnen zu sagen, wie sehr mich Ihr

Werk ergriffen, erbaut und in einem höher und höher anschwellenden

Strome von Kraft und Schönheit mitfortgerissen

hat.


- 37 -

Man wird Ihnen von Seiten der Kenner und Fachgenossen

zu dieser herrlichen Schöpfung GlUck gewunscht und Dinge

gesagt haben, an denen Ihnen mehr liegen mu2 als am warmsten

Beifall eines Laien. Da Sie aber nicht bloB für Musikanten

Musik machen, lassen Sie sich wohi auch den Dank

eines simplen Hörers gefallen, dem sie gestern eine unvergessliche

Stunde bereitet haben. Ich freue mich, wenn mir

der Genuss heute noch einmal bevorsteht.

Mit herzlichen GrüBen und Händedruck

Ihr

Paul Heyse

München, 12. Dezember 1870 "

Bemerkung am Rande:"Ich hatte gestern un der Generalprobe!

angefangen, einzelne Stellen mir anzumerken, die

mich besonders entzUckt hatten. Es ist mir aber bald jede

kritische Wahi vergangen in der Hingabe an das Ganze."

Die Augsburger Ailgemeine Zeitung schreibt in ihrer Ausgabe

vom 14.12. 1870,Nr.348,S.5547:

Das Requiem zum Gedächtnis der im deutschen Kriege gefallenen

Helden, componirt von Joseph Rheinberger, welches

der Oratorienverein in seinem ersten Concerte (12.

Dezember 1870) auffUhrte, 1st em in Conception und Durchfuhrung

wahrhaft groBartiges und stylvolles Werk, auf das

wir umso eifriger aufmerksam machen, weil in der Gegenwart

sich selten mehr der fromrngläubige Sinn, gepaart mit

musikalischer Schöpferkraft findet, welche im Stande ware,

eine ergreifend schöne kirchliche Komposition zu schaffen.

Das Tonwerk hat in den Proben bei allen Sachverständigen

aul3erordentlichen Beifall gefunden und wird seine Wirkung

nicht verfehien, wenn es seiner Zeit elnem gröt3eren Publikum

zugänglich gemacht wird.

Die Neuesten Nachrichten, MUnchen, vom 15.12.1870, Nr.100,

S. 1200 berichten, da Rheinbergers Requiem "das ailgemeinste

Interesse erregte. Es 1st edel und groBartig konzipirt,

stylvoll und geistreich ausgefuhrt; in der Mache

verräth es den Meister der Form, aus dem ganzen spricht

em milder, frommgläubiger Sinn, eine tiefe Empfindung,


- 38 -

em unerschütterliches Vertrauen auf die Vorsehung.

Das sind Vorzüge, welche die Komposition den besten

Werken kirchlicher Tonkunst beizählen lassen und in

der That dUrfte es wenige Werke geben, weiche sich

an imponierender Gröf3e und dramatischer Wucht dem Dies

irae oder an seelenvollem Ausdruck und kunstreicher

Faktur dem Libera in Rheinbergers Requiem an die Seite

stellen könnten.

Der Oratorienverein hatte das Verdienst, diese schöne

Komposition seines Dirigenten in glücklichster Weise

in die öffentlichkeit eingeführt zu haben."

Nach Vaduz richtet Rheinberger selbst folgende Zeilen:

"Lieber Bruder David!

Lngst bin ich Dir wiederholt Antwort schuldig, und nur

die wirklich gehäuf ten Geschäfte, welche ich in der letzten

Zeit hatte, mögen vor dem Richterstuhl der brüderlichen

Liebe (eine ebenso schöne als neue Wendung) als

MilderungsgrUnde dienen. Du wirst schon aus meiner Ausdrucksweise

erkennen, da6 ich mehr mit Juristen als /mit/

Musikanten verkehre, ganz entgegen dem Sprichworte, daB

gleich und gleich sich gesellt; es mU2te denn sein, daB

in mir em Stuck "Rechtsmann" (und doch bin ich links!)

steckt, der nur nicht zum Durchbruch kam.

Vergangene Woche kamen zwei meiner gröBeren Werke vors

groBe Publikum - Sonntags die "Raben" (bei vollem Haus

und viel Beifall) und Montags mein groBes Requiem "zum

Gedächtni6 der im deutschen Kriege gefallenen Helden"

vorgetragen unter meiner Direktion vom Oratorienverein

und dem Hoforchester. Die Wirkung war eine gro2e und

mächtige; Du hast vielleicht die Notiz darüber in der

Aligemeinen Zeitung gelesen. Für Maly fUge ich bei, daB

alle Damen des Vereins schwarz erschienen, etwas das Dich

allerdings weniger interessirt, da der weise Mann, der

Herr der Schöpfung, mehr auf den Kern als die Hülle.

schaut. (Siehe Sprüche Salomonis über die Eitelkeit der

irdischen Dinge.) In der Postzeitung war auch eine kleine

Notiz . -

DaB die Stimmung daher infolge des lang andauernden und

so opferreichen Krieges eine ernste ist, kannst Du Dir


- 39 -

vorstellen; fast alle meine Bekannten bei der Armee

sind todt oder verwundet. Für Maly die Notiz, daf3 Herr

Landwehrlieutenant Arnold, den sie gewit3 auch kennt,

auch verwundet 1st, ebenso mein früherer Schüler K.

Bürkel. Auracher 1st wieder geheilt - Adolf Stroll, der

in den Tagen vom 1. - 11. Dez/ember/ neun Gefechte und

Schlachten mitgemacht hat, ist bisher wunderbarerweise

unversehrt geblieben; er schrieb mir einmal aus 0rle

ans. Reichardts, die in unserm Hause wohnten, und welche

Maly gewi2 auch kannte, haben zwei Söhne in einer

Schlacht verloren, einer todt, der andere schwer verwundet.

Hauptmann Jetze neben uns 1st auch todt. Baligand

ist verwundet; kurzum eine ganze Legion - wie mu2

es dort bei den Franzosen sein! Doch muB dieser schreckliche

Krieg ausgekämpft werden, bis die Franzosen genug

haben, das 1st das allgemeine Gefuhl; 1st es doch

für die Deutschen eine Abwehrung für Jahrhunderte.

Die Kreirung des Kaiserthums hat hier aligemein befriedigt,

doch keine Spur von Enthusiasmus hervorgeruf en.

Nan 1st zu ernst dazu. Die benachbarten österreicher

sind aber sehr bös über das neue Kaiserthum, nun - frUher

oder später müssen sie auch herüber und wir Vaduzer ebenfalls

- die Lawine 1st im Rollen und wird alles Deutsche

in sich aufnehmen.

I...!

München, den 19. Dezember 70."

Karl Greith, der seine Ausbildung durch Caspar Ett und

J.G. Herzog in München erhielt, war Domkapellmeister und

Kathedralorganist in St. Gallen und siedelte zu dieser

Zeit nach München über, wo er 1877 Domkapellmeister wurde.

Sein folgendes Urteil über Rheinbergers Requiem 1st

von besonderem Gewicht, well Greith selbst gediegene

Kirchenmusik komponierte:

"Hochgeachteter Herr Professor!

Hem herzlicher Dank für die freundliche Einladung zu

Ihrem Ehrentage hätte Sie schon eher aufgesucht, wEre

es nicht mein Wunsch gewesen, Ihnen mit dem Danke für

die Blüthe Ihres Talentes zuglelch auch einen musikalischen

Gru8 zu senden. Da2 das nun gerade heute geschieht,


- 40 -

da alle Welt sich bescheert, wollen Sie mir nicht als

Prätension auslegen.

Da heute Bescheerungsabend ist, so darf ich urn so eher

elnen Wunsch laut werden lassen, als dessen Gewährung

nicht mir zu Gute kornmen wird.

Ihr Werk sagt rnir, da1 auch Sie als eines der höchsten

Ziele des schaffenden Ktinstlers das erkannt haben, was

R. Schumann als das höchste in dern kirchlichen Kunstwerk

ersehen. Wenn nun aber das Wort Hauptmanns wahr

1st, daB das höchste der Kunst überall nicht für den

Künstier und Kunstkenner a u s s c h 1 1 e B 1 1 c h

da 1st, - wenn Sie das wahr lassen können, - dann begreifen

Sie, wenn ich hoffe, der Mann von Geist und youendeter

Technik, der Cornponist des Requiems rnöchte im

neuen Jahre der Kirche, d.h. den Kirchenchören in ihrer

wenn auch nicht groBen, so doch rnöglichst weiten Allgemeinheit

sein Talent nicht vorenthalten. Da Sie auch

ieicht ausführbar zu schreiben verstehen, so soil Ihnen

der EntschluB zu diesem Ziele gewiB em leichter sein.

Nit Ernpfehlungen meiner Frau an Ihre Gnädige,

in Verehrung Ihr ergebener

C. Greith.

München, d. 24ten Dez. 70."

Des Jahr 1870 im lieben Freundeskreis beschlossen. Meine

Mutter war da, Dr. Guido Stieler und seine Mutter. Der

letzte Ton, den wir in diesem Jahre spielten, war em

Intermezzo aus der Unheilbringenden Krone und dann der

Tanz. Vorerst spielten wir den Sturm aus Magus. So war

auch das Jahr. Stürrnisch und für uns doch friedvoll.

Curt hat in diesem Jahre zahireiche Werke componirt und

verlegt und sein Requiem zur Aufführung gebracht. Durch

sein langes Leiden also künstlerisch nichts verloren -

seelisch desto mehr gewonnen. Zum Schiusse des Jahres

wurde er noch Inspektor des theoretischen Orgel- &

Clavierfaches an der kgl. Musikschule.

Gott, wir danken Dir für alle Gnade, die Du uns in diesem

Jahre gewährt hast! -

Am Jahresende schreibt Rheinberger nach Vaduz:


- 41 -

"Theuerste Eltern!

Bei dem gegenwErtigen Jahreswechsel drEngt es mich,

Ihnen in meinem und Fannys Namen die herzlichsten

GlUckwilnsche auszusprechen, und den Himmel anzuflehen,

uns die lieben Eltern noch recht lange in voller Gesundheit

zu erhalten. Da wir recht oft Ihrer gedenken,

wissen Sie - und wenn auch der brief liche Verkehr

mit Vaduz mehr durch meine Frau und Maly aufrecht erhalten

wird, so konimt dies ja aufs Nämliche heraus,

indem Familienbriefe doch Gemeingut der Familie sind.

Wie Maly schrieb, sind Sie theuerster Vater! unwohl gewesen

- Gott sei Dank, daB es nur vorUbergehend war;

es wird wohl der etwas hart auftretende Winter Schuld

gewesen sein. -

Mit Neujahr haben wir an der Kgl. Musikschule eine Anderung

eingefUhrt; dieselbe 1st in zwei Departements

eingetheilt: die Orgel-, Klavier- und Theorle-Klassen

sind mir, die Orchester- und Gesangsklassen dem Hofkapeilmeister

Wüllner untersteilt, womit auch für mich

eine Gehaltserhohung von 200 fi verbunden 1st.

Von der Aufführung meiner Oper und des Requiems werden

Maly und David berichtet haben. -

Der Krieg drückt sehr auf alle Verhältnisse; man will

ihn eben gründlich führen und thut recht daran, denn

schlieBlich werden die Franzosen doch genug bekonunen.

Eben sind wieder 8000 handfeste Bayern nach Frankreich

abgezogen und werden noch immer weiche ausgehoben. Wenn

unser Ländchen im Verhältnis wie Deutschland im Krieg

betheiligt ware, so mUBten wir gegen 200 Mann im Felde

haben, deswegen 1st es am Ende für uns besser, wenn wir

erst später an Deutschland fallen, denn früher oder spater

muB und wird das doch sein. -

1st Peter in seinem BrUckenbau schon weit voran? Der

lieben Mutter em spezielles gutes Neujahr!

Mit den herzlichsten GrUBen und ClUckwilnschen an Alle

Ihr dankergebener Sohn

Josef Rheinberger.

München, den 30.12.70."


T.B.2,59/ 1 8 7 1

- 42 -

"Zu Deiner Ehre, o Gott, mäge dieses Jahr verfliei3en".

Gib uns Gesundheit an Leib & Seele, gib uns Willenskraft

und in schweren Tagen Ergebung und Geduld. Erleuchte

Curt mit Deinem ewigen Geiste, daI3 er seine

Kunst zum Bel3ten wende - dew Vaterlande aber gieb Frieden!

Jan ua r

/Januar 1871/.

Curt hat von Stahl den fertigen Stoff zur komischen Oper

bekommen. Glaubst Du, dai3 ich Talent für Comik habe?

frug er mich. Ich kann ihn nur auf den armen Heinrich

und auf den "Der Zopf, der hängt ihm hinten" /op.44,

Nr.3, "Tragische Geschichte"/, hinweisen! -

Heute Abend hat er Oratorienverein. Ich habe Kopfweh &

Husten und durfte nicht mit, brachte zu Hause Rechnungen

in Ordnung etc. -

/Januar 1871/.

Curt hat bereits eine Menge Motive für seine komische

Oper notiert. Jetzt ist es Zlbend, da liest er Auerbach's

Barfüi3ele.

Mittwoch, 4. /Januar 1871/.

Brief von Forberg. Das Honorar zu 24 Thalern für die Fantasie

über die Zauberflöte ist gegeben und die zehn Orgeltrios

kamen bereits im Druckbogen. Curt freut sich,

an Forberg einen so prompten Geschäftsmann gefunden zu

haben. Curt gab heute viele Stunden und hat sonst nichts

gearbeitet. - Auch von Holstein Briefe bekommen. -

Donnerstag, 5. /Januar 1871/.

Die Orgeltriodruckbogen wieder an Forberg zurückgeschickt.

Curt componirte schon heftig an seiner "Gertrud" und

auch ich wurde bereits mit em paar Anderungen betraut.

Ich werde es vor Max Stahl verantworten können, da mich

dieser selbst um meine Mithülfe bat. Der Intendant gratulirte

heute nochmals Curt zu Requiem und gut im Stande

stehenden Oratorienverein und erkundigte sich, wie weit


- 43 -

Curt mit der comischen Oper sei, auf die er sich freut.

Wir waren im englischen Garten spazieren und erfreuten

uns an der Winter-Märchenpracht des Waldes; besonders

entzückten uns Eingangs des Gartens einige niedere, junge

Tannenbäumchen, weiche wie Christbäumchen in weif3em

Flaumkleide aussahen. Wir blieben stehen und sahen sie

liebend an. Dieser Friede hier - dief3 Elend auI3en. Man

nennt bereits600 Erfrorne in Frankreich. - Gott, wie

lange noch?!! -

Curt's Vater fängt zu siechen an!!! Er ist 81 Jahre!! -

Heute wurde Curt in seiner neuen Würde als halbseitiger

Direktor den Schülern und Lehrern der Musikschule vorgesteilt.

-

/T.B.2,60/ 10. Januar /2871/.

Curt hat heute 2 Stunden eifrigst an seiner Oper compoflirt

und em lebens.frisches Stuck geschaffen. Es wechselt

prachtvoll ab. Als ich heimkam, spielte er es mir in vollem

Jubel vor. Es sind herrliche Momente.

Inzwischen den Componisten Gernsheim kennengelernt, der

Curt viel vorspielte, auch sein neuestes Werk: Nordische

Sommernacht. -

Donnerstag,12. Januar 1871.

Curt hat wieder stark an seiner komischen Oper gearbeitet.

Er war aber mit dem ersten Auftreten der "Rothkopfin"

nicht zufrieden und ich mul3te ihm schnell einen neuen

"Ratschtext" schreiben, den er auf dem Flecke componirte.

Freitag, 13. /Januar 1871/.

Generaldirektor Lachner war da und bat Curt, ihm etwas

vorzuspielen. Curt spielte ihm die 24 Präludien-Etuden

und Lachner lobte sie ungemein. Die Passacaglien nannte

er em Meisterwerk, ebenso staunte er über die eine Etude,

die man ganz mit unveránderten Noten auf zweierlei

Rhythnius spielen kann. Lachner sagte, es seien ihm schon

vielfache Kunststücke vorgekommen, allein em soiches

noch niemals. - Er lobte bei aller Kunst technischer Behandlung

den Reichthum und die Kiarheit der musikalischen

Ideen Curt's. -


- 44 -

22. /Januar 1871/.

Es kamen von Forberg aus Leipzig die Druckbogen der Iraprovisation

über Themen aus der Zauberflöte, die ich sogleich,

nachdem sie gepackt waren, wieder zurückschickte.

Ich neckte Curt damit, daB ihn die Critik über seine

Verarbeitung des Paminathemas mit Recht vermeubein würde

trOtz aller Geistreichigkeit. Spöttisch weinerlich

frug er mich: warum ich ihm das nicht früher gesagt?

Wollen sehen, ob ich recht babe.

Julius Jos. Maier war da, urn mit mir über den Ossiantext

zu sprechen, der ibm theilweise sehr gefiel. (Dem Maier

gefällt alles nur theilweise). Er sagte, Curt solle doch

ja eine komische Oper schreiben, besonders, solange in

der grof3en Oper die W a g n e r - E p i d e rn i e herrsche.

Em prchtiger Ausdruck! -

Martin Greif (1839-1911) an Josef Rheinberger:

"Sehr geehrter Herr!

In der Anlage erlaube ich mir, den Entwurf zu einer

'Deutschen Nationaihymne' mit der Bitte zu übersenden,

denselben Ihrer Beachtung zu unterziehen und Ira Falle

er Ihren Beif all findet eine zutreffende Melodie dazu

zu ersinnen.

BezUglich des Druckes und der Herausgabe tiberlasse ich

Ihnen jede Entscheidung und bemerke ich nur, dal3 ich

gleichzeitig auch an andere hervorragende Liederkomponisten

mich ich gleicher Angelegenheit gewendet, indem

ich auf eine Disposition zu dieser Arbeit bei einem Emzelnen

njcht sicher rechnen konnte.

Genehmigen Sie, sehr geehrter Herr, den Ausdruck meiner

vollkommenen Hochachtung, womit die Ehre hat zu zeichnen

Ihr ganz ergebener

Martin Greif,

Mitarbeiter der 'Presse'.

Wien, den 24ten Januar 1871.

Adresse: Martin Greif, Redaktion der 'Presse' in Wien."

Die Anlage enthält das nachfolgend wiedergegebene Gedicht.


- 45 -

Entwurf

zu einer deutschen Nationaihymne

von

Martin Greif

Sei gegrti1t, Du Heldenwiege,

Land der Milde, Land der Kraft!

Stets erringe neue Siege,

So im Frieden wie im Kriege,

Durch den Geist, der in Dir schafft!

Ehre dem erles'nen Helden,

Den des Reiches Wille kUrt,

Der, gestHrkt vom Herrn der Welten

Treu' mit Treue zu vergelten

Hohen Sinn's das Scepter fUhrt!

Alle FUrsten, wohl berathen,

Folgen ihm mit Herz und Hand,

Und sie segnen seine Thaten,

Wenn sie Uber reiche Saaten

Schauen in ihr glUcklich Land.

Wohl ergeh' es Deinen StHmmen,

Die ihr freies Feld bebau'n

Von der Alpen wilden Kämmen

Zu der Marschen letzten Dämmen:

Gott mit alien deutschen Gauen!

Er behüte Deine Masten,

Die auf schwanker Woge geh'n,

Wo die ferusten Schiffe rasten

Einzutauschen fremde Las ten

Lass' auch Deine Wimpel seh'n!

Ruhm bedecke Deine Heere,

Deiner Marken trutz'gen Wall!

Hort des Friedens, Hort der Ehre,

Durch die Lander, durch die Meere,

Gehe Deines Namens Schall!


- 46 -

/T.B. 2, 61/ Donnerstag /26. Januar 1871/.

Morgens /d.i. 25.1.1871/ erhielt Curt beiliegenden Brief

von Martin Greif in Wien; Nachmittags componirte er den

Text und jetzt ist er bereits auf der Rückfahrt nach Wien.

Ich copirte das Lied nur schnell in das Buch.

Marcato

-- -- -- -- -

tr 11


- 47 -

So einfach es scheint, hat Curt doch ernst darüber nachgedacht

und mir zugesprochen, ihm da und dort meine Ansicht

zu sagen. Ich babe jetzt noch em kleines Bedenken

- es ware vielleicht hübsch gewesen, den 6. Takt nach

a-moll gehen zu lassen:

Curt findet es aber so strammer und für eine Hymne geeigneter.

Drei Hymnen hat Curt nun für verschiedene Gel egenheiten

gemacht und bis jetzt für seine Bereitwilligkeit wenig

Dank geärndtet. Die erste Hymne wurde zur Göthe- Enthüllungsstatue

(sic!) vom König bestelit, die zweite zur Enthüllung

der Madonna auf dem Marienplatz (sic!) vom Magistrat

und der Geistlichkeit besteilt und mit Grobheit belohnt

- und diese von Künstlerhand erregt - was wird sie

für Früchte tragen? - Die schönsten wären es, wenn das

deutsche yolk sie sänge...

Man erwartet täglich die Capitulation von Paris. Ware es

so!

Rheinberger übersandte seine Komposition am 26.1.1871 mit

folgenden Zeilen an Martin Greif in Wien:

"Wie mir Ihre prächtige Hyinne gefallen und auch Ihr Vertrauen

mich erfreut hat, glaube ich Ihnen am Besten dadurch

zu beweisen, daB ich Ihnen umgehend meine Composition derselben

zusende.

Wenn Sie gesonnen sind, das kielne Opus zu veröffentlichen,

so ertheile ich Ihnen hiermit die Erlaubnis, soweit sie die

Musik betrifft; nur würde ich in diesem Falle gebeten haben

mir die Correctur zuzusenden.

Indem ich die Gelegenheit ergreife, Sie meiner Hochachtung

zu versichern,

Ihr Jos. Rheinberger."

MUnchen, 26./1.71


- 48 -

Martin Greif anwortet Rheinberger postwendend:

"Sehr geehrter Herr!

Soeben erhalt' ich Ihre treffliche Composition meiner

Nationaihyinne. Das heil3' ich prompt u. vom Genius gesegnet

arbeiten!

Sie ermächtigen mich, unsere nunmehr gemeinsame Arbeit

in mir geeignet erscheinender Weise zu veröffentlichen.

Nun glaube ich, da8 es am gerathensten sein wird, solche

vorerst in einer vielgelesenen Zeitschrift anzubieten.

Zu diesem Zweck hab' ich Ihr Manuskript sofort an

Herrn Ernst Keil resp. an die GARTENLAUBE eingeschickt,

der ich das Gedicht schon vorher übermittelte. Woilten

Sie nun die Freundschaft haben, gleichfalls einige verbindliche

Worte an die glèiche Adresse zu richten, so

hoffe ich, daB wir unsern Zweck erreichen. Auch bezuglich

der Correktur könnten Sie sich mit der Redaktion

ins Benehmen setzen. RefUsiert dieselbe, so bleibt uns

meiner Ansicht nach nichts ubrig, als die Selbstherausgabe

der Hymne im Druck, was natürlich in Deutschland

geschehen mtiBte u. gem erklär' ich mich bereit, mich

für diesen Fall I h r e r Fürsorge zu unterwerfen, natürlich

auf jeden Honoraranspruch zu verzichten u. äul3ersten

Falles selbst die Hälfte der Druckkosten zu tragen.

Hoffen wir aber, daB dieser Ausweg nicht nöthig wird.

Nochmals meinen Dank. Mit dem Ausdruck rneiner ausgezeichneten

Wertschätzung zeichnet

Hochachtungsvoll Ihr ergebener

Martin Greif

Wien, den 27. Jan. 1871."

Rheinberger schreibt an die Redaktion der GARTENLAUBE in

Leipzig unter dem 28. Januar 1871:

"Martin Greif sandte mir vor elnigen Tagen den Text einer

deutschen Hymne mit der Aufforderung, sie mit elner Tonweise

zu versehen. Im EinverstEndnis mit Harm Greif würde

as mich freuen, wenn diese Hymne in Ihrern Weltblatte erscheinen

wUrde. Urn baldige gütige Antwort ersucht

amer geehrten Redaction hochachtungsvoll ergebener

Jos. Rhainberger."


- 49 -

In einem Brief vom 3. Januar 1871 hatte Hedwig von Holstein

Franziska Rheinberger mitgeteilt, daa sich Ihr Gatte

Franz von Holstein bei Carl Riedel (1827-1888), dem

Begründer und Leiter des "Riedelschen Vereins für ältere

Gesangswerke" in Leipzig für die Aufführung von Rheinbergers

Requiem op.60 verwendet hatte.

Rheinberger übersendet die Partitur seines Werkes mit folgenden

Zeilen an Professor Riedel in Leipzig:

"Hochgeehrter Herr!

Wie Sie vielleiht wissen, habe ich vor nicht langer Zeit

em Requiem meiner Komposition dahier zur AuffUhrung gebracht.

Da sich das Publikum über mein Erwarten davon angesprochen

zeigte und ich wel8, wie sehr Sie sich auch für

alles Neue interessieren, so übersende ich Ihnen die Partitur

zur gefälligen Einsicht mit der Bitte, mir gelegentlich

Ihre Meinung dahin mitzutheilen, ob Sie glauben, dass

das Werk sich für eine Aufführung durch Ihren Verein eigne.

Da ich selbst an der Spitze eines Chorvereins die Schwierigkeiten

rechtgut kenne,welche mitVorführung eines gröl3eren

Werkes immer verbunden sind, so bitte ich Sie, mir ganz

ungenirt zu schreiben, ob sich dasselbe für Ihren Verein

und dessen Publikum anziehend genug zeige oder nicht.

Solite Ihr Programm für diese Saison schon feststehen, so

stelle ich Ihnen mein Opus für kommenden Herbst zur Verfügung.

Hochachtungsvollst u. mit freundlichen GrüBen

sehr ergebenst

Josef Rheinberger

München, 25.11.71"

Carl Riedel bestatigt den Erhalt der Partitur des Requiem

mit folgendem Schreiben an Rheinberger:

"Leipzig, den 2. Februar 1871

Sehr geehrter Herr Professor!

Ihr schönes Werk (für weiches ich das gUnstigste Vorurtheil

hege) mir anzusehen, habe ich in der That noch keine Minute

Zeit gefunden. Es wird mir eine hohe Freude sein, mich mit

demselben bekannt zu machen, obgleich ich eine Stelle dafür

in einem Conzerte bis jetzt noch nicht zu finden wei8,zumal


- 50 -

in diesem Jahr 71, wo ich bereits nach aliseitiger Erwägung

verfugt habe. Eine ganze Anzahl Partituren, Hillers

Tedeum, Deprosses Salbung Davids, Danowichs Friedenspsalm,

Kiels Requiem, Brahms Requiem sind mir theils von den Cornponisten,

theils von deren Freunden vor- und nahegelegt

worden. Wie Sie indessen ganz richtig bemerken, sind leider

so viele äu1ere Umstände zu berucksichtigen, dass ich

bei nur wenigen Conzerten mit Orchester mir die Freude

versagen mut, so manches uns interessante u. selbst ans

Herz gewachsene Werk vor die öffentlichkeit zu bringen.

Seien Sie aber überzeugt, dass ich jedepassende Gelegenheit

benutzen werde, Ihrer schönen Composition gebuhrend

Eingang zu verschaffen.

Mit vorzUglicher Hochachtung

Ihr sehr ergebener C/an! Riedel."

/T.B.2, 66/ Sonritag, 29.1. /1871/ abends.

Heute war gegen Abend Wüllner da und brachte Curt eine

Composition von sich mit der Bitte, Curt möge sie durchsehen,

bevor er sie in Druck gibt. Den umgekehrten Fall

könnte ich mir nicht denken. Mir brachte er einen Psalm

mit der Bitte, ihn aus dem Latein zu übersetzen.-

Curt hat für Krempelsetzer bei Heyse gesprochen und von

ibm 10 fl. erhalten. Curt gibt auch 10 11. "Wir lassen

Dich nicht darben, lieber Freund", schrieb ibm Curt in

rührendster Weise.

Die Straf3en Münchens sind alle beflaggt und folgendes

Telegramm angeschlagen:

PARIS CAPITULIRT,

Waffenstillstand für 3 Wochen mit Ausnahme

der Armee Bourbaki's und Belfort's. Paris

zahit 200 Millionen Fanken.

Die Tragweite ist nicht zu fassen. Man steht wie am FuJ3e

eines hohen Berges und hat so keine Ubersicht des Riesigen.

-

Erst wenn man den Ereignissen ferner steht, kann man sie

übersehen.

Heute den 31.Januar 1871 vom Drucke angekommen von Forberg:

Vier deutsche Gesänge für Männerchor /op.48/;

Sinfonische Sonate für Clavier /op.47/;

Improvisation überMotive a.d. Zauberflôte /op.5l/;


- 51 -

Zwei Claviervorträge /Johannes Brahms gewidmet/ op.45/

Passionsgesang /op. 46/

10 Orgeltrios lop. 49/

Zum Schiusse des Januar /1871/ wurde Curt heute geimpft.

Rheinberger wurde damals von Prof. Dr. Nepomuk Nut3bauin

ärztlich betreut. Der Komponist bedankte sich mit der

Widmung seines Klavierquartetts in Es-dur, op.38, an den

Arzt. Nui3baum schreibt darauf an Rheinbergers Gattin:

"MUnchen, 15. II. 1871

Gnadige Frau!

Mit seltener Freude empfing ich das liebe Geschenk Ihres

hochverehrten Gemahies. Sagen Sie ihm meinen aufrichtigen

u. besten Dank dafür, welchem Dank ich den herzlichen

Wunsch beifuge, er möge noch oft und oft Melodien schaffen,

die unsere Herzen gegen Himmel ziehen, wie seine bisherigen

tief eindringenden Schöpfungen.

Nit unbegrenzter Verehrung gehore ich

Ew. Hochw. ergebenster Diener

Dr.v. Nu2baum."

Den unermUdlichen Bemühungen Martins Greifs war es endlich

gelungen, nachdem die GARTENLAUBE und UEBER LAND UND MEER

den Druck der Nationaihymne abgelehnt hatten, die Veröffentlichung

der Hymne "An Deutschland" in der NATIONALZEITUNG

durchzusetzen.

Greif übersendet den Zeitungsausschnitt an Rheinberger mit

folgendem Kommen tar:

"Sehr geehrter Herr!

In der Anlage sende ich Ihnen einen Ausschnitt aus der

'Nationaizeitung', der Sie interessieren wird. I...!

Gedenken Sie die Herausgabe der Composition zu bewerkstelligen?

Wenn Sie einmal einige freie Minuten haben, so bitte

ich, mir diese neugierigen Fragen zu beantworten. Zu jedem

Gegendienst mich bereit erklärend verbleibe ich

mit volikommener Hochachtung Ihr ergebener

Wien, 21.2.1871 Martin Greif."


- 52 -

Rheinberger widmete Johannes Brahms die beiden Kiaviervorträge,

op. 45, die soeben bei Robert Forberg in Leipzig

erschienen waren. Das Thema des zweiten Stückes

"Capriccio" ist dem Händelschen Oratorium "Alexander

Balus" (1747) entnommen. Rheinberger knüpft damit an

Brahms Händel-Variationen, op. 24, an, geht aber in der

Variationstechnik eigene Wege.

Johannes Brahms schreibt unter dem 28.Februar 1871 an

Josef Rheinberger:

"Geehrtester Freund,

Sie haben mir eine so herzliche Freude durch Ihre

Sendung u. Widmung gemacht dal3 ich mich recht schäme

zunächst den späten Dank entschuldigen zu mü2en.

Nun klingt mir grade vom gestrigen Abend Ihr schönes

Duo für 2 Klav: so lebhaft in den Ohren da8 ich den

Anla8 benutze - meine Scheu vor dem Papier überwinde -

u. Ihnen recht von Herzen Dank sage für Ihre Musik

Uberhaupt u. für die mir zugeschriebenen reizvollen

Stücke im Besonderen.

Ich mag bekennen, dal3 ich beim Durchspielen wohl

zuweilen etwas seufze. Man empfindet so angenehm die

schöne Häuslichkeit in der Sie leben u. schaffen.

Unsereins denkt wohl: Aber abseits, wer ist's ?

Ich hoffe bald nach Deutschland zu reisen, u. auf der

Hin- oder Herreise hoffe ich auf em Plauderstündchen

bei Ihnen.

Mit bestem Gru2 an Sie u. Ihre Frau Gemahlin

Ihr herzlich ergebener

J/ohannes/ Brahms."

Das Verhältnis beider Komponisten bleibt von gegenseitiger

Hochachtung gekennzeichnet, wenngleich man

die ironischen Anspielungen zwischen den Zeilen des

Brahmsschen Brief es nicht Uberhören darf. Brahms

führte 1874 in Wien Rheinbergers Vorspiel zu den "Sieben

Raben" auf und Rheinberger widmete dem Brahmsschen Andenken

später seine Messe op. 187 :"Sincere in memoriam".


Johannes Brahms an Josef Rheinherger (28. 2. 1871)

(Bayerische Staatsbibliothek, Mhnchcn)


- 55 -

Franziska Rheinberger deutete den Brahms-Brief auf Ihre

Art, wie aus Ihrem Bericht an Johann Peter Rheinberger

in Vaduz hervorgeht, der über das Handleiden des Komponisten

wichtige Aufschlüsse erteilt:

"München, d. 1. März 1871

Theurer Vater!

Mit so grol3er Zufriedenheit entnehmen wir aus den verschiedenen

Briefen von Vaduz, daI3 es Ihnen, theurer Vater,

sowie auch der lieben Mutter gut geht, daB ich

Ihnen heute diese Freude wieder einmal schriftlich aussprechen

muI3, obgleich ich Ihnen sonst nicht viel Neues

mittheilen kann.

Curt hat wieder eine kielne Geduldsprobe auszuhalten,

well er an der rech ten Hand, gerade an der Wurzel des

Zeigefingers seit mehreren Wochen eine Geschwulst hat,

die ihn nicht nur am Clavierspielen, sondern auch am

Schreiben und Componiren sehr hindert.

Wir waren del3halb auch vor einer Woche bei Generalarzt

von Nussbaum, der ihm jedoch sagte, daB er kein scharfes

Mittel dagegen gebrauchen dürfe; es müsse sich langsam

wieder verlieren und sei nicht beunruhigend, nur

etwas langweilig. Es käme öfters vor, dai3 in Folge von

Kreuth und früheren Brustentzündungen zum Schlusse des

Leidens solche Erscheinungen kämen, wozu Nussbaum meinem

Mann eher gratuliren könne, da sich auf diese Weise

jeder Krankheitsstoff verlöre. Jedenfalls solle er

aber wieder nach Kreuth gehen. -

Curt ist wieder starker geworden und sieht, Gott sei

Dank, sehr gut aus. -

Heute kam em Brief aus Wien an ihn, von einem der ersten

Componisten dort, Johannes Brahms, welchem Curt em

paar Cia vierstücke widmete.

Dieser schrieb: 'Wenn ich Ihre schäne Musik spiele, muJ3

ich oft dabei seufzen; man fühlt Ihren Compositionen an,

wie sie in schöner und glücklicher Häuslichkeit geschaffen

sind - ich arbeite wohi auch - aber was habe ich

sonst?' Ich schreibe Ihnen dieI3 nicht aus Eitelkeit, lieber

Vater, sondern well es Ihnen wohl thun wird, daB

Curt's Talent und zufriedne Lage von den ersten Künstlern

anerkannt - ja beneidet wird. Mir 1st irnmer die


- 56 -

Hauptsache, seine liebe, schöne Seelel An die dart

nichts Trübes kommen, diese muI3 glänzen und leuch ten

wie ei'n kiarer Diarnant.

Vorgestern dirigirte er sein II. Oratorienvereins -

Concert, das sehr gut ausuiel weil es em vorzüglich

zusammengesteiltes Programrn hatte. Unter Anderm wählte

Curt cinen sehr lieben Chor von Haydn: 'wider den Ubermuth'.

Er fängt so an: 'was ist mein Stand, mein Glück

und jede gute Gabe? Em unverdientes Gut. ' Weii3t du,

sagte Curt zu mir, das hären die Leute nicht gerne,

def3halb rnüssen sie es hären. Am Liebsten ware es mir

gewesen, wenn Richard Wagner es hörte, der den 'grossen

Haydn' in einer gedruckten Broschure eine Lakeyen-

Natur nennt! -

Auch von einem Schüler Curt's rnachten wir em schönes

Chorlied. Dieser junge Mann, Narnens Ernst Sachs, em

armer Bauernssohn, dankt Curt seine musikalische Laufbahn.

Nachdem er sich für ihn verwendet, daB er unentgeltlich

an die Musikschule kam, unterrichtete ihn Curt

so, daJ3 er bereits im Stande ist, sich durch qute Privatstunden,

die ihrn Curt in den vornehms ten Häusern

verschaffte, sowie durch Aushilfsunterricht an der Musikschule

sein Lebensbrod reichlich zu verdienen. -

Sie sehen also lieber Vater, daB Ihre strenge, gute

Erziehung bei Curt gute Früchte trägt. Mäge Gott seinen

Segen auch weiter geben. -

Mit Freude hören wir von dern herrlichen Vaduzer Kirchenbau.

Ich woilte, Curt könnte zur Einweihung desselben

die Orgel spielen. Aus dem jüngst erhaltenen Brie.fe H.

Hofkaplan's, für weichen ich Sie einstweilen den Dank

zu sagen bitte geht hervor, daB es Schwägerin Therese

etwas besser geht. Peter's Geschick geht mir sehr zu

Herzen und ich flehe zu Gott urn Einsicht auf weiche Weise

ich ihm meine Theilnahme zeigen kann! -

Ich freue mich, in diesern Jahre die ganze Familie wieder

zu sehen und vielleicht ist bis dahin auch wieder

Glück und Freude in das 'rothe Haus' eingekehrt. Meine

Mama ist wieder etwas unwohi, was mir stets em Schmerz

ist, da sie sich Kranksein so sehr zu Gemüthe nirnmt.

Mit der Bitte Curt's und meine GrüJ3e der ganzen Familie

auf das herzlichste zu vermitteln bittet urn die

Fortdauer Ihrer Liebe Ihre Sie herzlich verehrende

Tochter Fanny."


- 57 -

Feb r u a r

/T.B.2,66/ 2. /Februar 1871/.

GroI3e Stadtbeieuchtung. Siegesfest. Wir hatten em

Transparent: Fiat pax. -

3. /Februar 1871/, Freitag.

Es kamen Druckbogen vom Thai des Espingo in Partitur

(Fritzsch), dann Druckbogen der 7 Lieder "Zeiten &

Stimmungen" sowie das Capriccio giocoso für Ciavier

(Siegel). Curt freute sich herziich darüber, ich auch

- s e h r. Curt schrieb heute em Briefchen an Brahms

mit Zusendung der 2 Ciaviervorträge, und auch an Forberg

mit Meldung und Dank des überschickten Cyclus

der neuen Compositionen. Ich arbeite jetzt an der (Jbersetzung

von 6 lateinischen Hymnen, die druckfertig daliegen.

Auch will Curt sein Variationenwerk bald erscheinen

lassen. Morgen heirathet Johnie Mayer in Wien.

14. /Februar 1871/.

Es sind Recensionen aus der Berliner Musikzeitung gekommen.

Aberids machte Curt em Clavierstück .fertig, wobei

ich ihm rathen dur.fte, während ich neben dem CIavier

auf dem Boden saI3. Später kam Buonamici. Wir wollen

em paar Quartette von Curt in das Italienische

übersetzen. Er war so heiter und iiebenswürdig. Ich habe

heute auch em Sonett von Petrarca in das Deutsche

übertragen in Sonettenform.

19. /Februar 1871/.

Soeben habe ich die (Jbersetzung der 6 lateinischen 4stimmigen

Hymnen beendet. Curt bezeichnet sie als op.52.

Es sind:

1) Omnes de Saba. 2) Prope est Dominus. 3) Diffusa est.

4) Jesu dulcis memoria. 5) Justus ut palma. 6) Veni

sponsa Christi.

Mar z

/T.B.2, 79/.

Das II. Concert des Oratorienvereins 1871 fiel sehr gut

aus. Besonders Frl. Ritter gefiel mit dem Sonett von


- 58 -

Petrarca vom alten Reichardt componirt aul3erordentlich.

Das Regina Coeli von Caidara, die Lieder von Sachs und

Riedel, sowie der Psalm von Marcello und das Quintett

von Jahn sprachen sehr an. Es wurde vom Chor nicht em

halber Fehler gemacht. -

3. /März 1871/.

Curt schrieb an Siegi und zeigte den Empfang von op.4i,

Lieder (Zeiten und Stimmungen, Fri. Ritter gewidmet)

und das Capriccio giocoso für Clavier, weiche Ende Februar

gekommen waren, an, zugleich die Bemerkung machend,

er habe gehört, die Aufführung der Hymne im Gewandhausconcert

sei einer Hinrichtung gleichgekommen. Em Componist

rnüsse sich so etwas gefallen lassen; angenehm sei

es eben nicht.

An Forberg schrieb er, ibm das Requiem antragend, und

an Riedel, das Requiem zu Forberg zu schicken. Woilen

sehen, weiche Erfolge das hat! -

Robert Forberg schreibt an Josef Rheinberger:

"Leipzig, 4.13. 1871

Geehrter Herr,

beantwortendIhr Geehrtes vom 2. cr. habe ich die Partitur

noch nicht von Herrn Prof. Riedel erhalten, doch

soil sie mir in Kurzem zugehen, da er sie erst aus seinen

Nusikalien heraussuchen mul3.

Ich bin gerne bereit, das Requiem zu veriegen, und bitte

mir Ihre Bedingungen gefaliigst recht bald mitzutheilen

& dabei in Betracht zu ziehen, daB für derartige

gröl3ere Werke nur em kleines Publikum existirt.

Anbei erlaube ich mir Ihnen zugleich meine Photographie

zu übersenden, damit Sie wissen, wie der Mann aussieht,

den Sie mit Ihrer Freundschaft beehren.

Ihrer gefäiligen baldigen Antwort entgegensehend zeichnet

freundschaftiichst

Rob. Forberg.

Noch bin ich so frei, meinen neuesten Nachtrag zum Verlagskatalog

beizufUgen."


- 59 -

Rheinberger antwortet Rob. Forberg:

"Sehr geehrter Herr!

Vor allem meinen herzlichsten Dank für die freundliche

Ubersendung Lhres werthen Bildes, weiches mich wahrhaft

erfreut.

In Betreff des Requiems ersuche ich Sie, mir n a c h

D u r c h s i c h t desselben Ihre Anerbieten zu machen,

da ich Ihnen bei Ihrem vertrauensvollen Entgegenkommen

das Unternehmen nicht zu sehr erschweren möchte.

Es ist dem lateinischen Requiem-Text eine sehr sorgfältige

Originalübersetzung beigefugt, die auch beibehalten

werden mUl3te. An dem Clavierauszug arbeite ich noch.

Indem ich urn baldige Antwort bitte verbleibe ich mit

freundlichem Gru

Ihr ergebener

Jos. Rheinberger.

München 6. /111. 71."

Rheinberger schreibt an die Musikverlagshandlung N.

Simrock in Bonn:

"Beiliegend übersende ich Ihnen mein op.54 'Vier Hymnen'

mit lateinischem und deutschem Texte für eine Mezzosopranstimme

mit Orgelbegleitung, weiche ich Ihnen gegen

em Honorar von 20 Thalern zurn Verlage überlasse.

Einer baldigen Antwort entgegensehend

Ihr ergebener

Jos. Rheinberger."

/T.B.2,83/ 6. März /1871/.

Soeben kommen wir von der Oratorienvereinsprobe helm.

Wir sangen die chore von Handel 's Saul durch und begeisterten

uns daran. Wie paRt das so ganz in die neueste

Zeit! HeldenchOre - Tod & Preisgesang! -

Den 9. März /1871/.

Abends in der Quartett-Soirée em Sextett von Brahms

gehOrt, dessen letzte Sätze ganz verschabt wurden. Die


- 60 -

Münchener Zöpfe, die nur bei Haydn den Kopf wiegen,

fiohen vor dem Narnen Brahms. Uns that die Lebenswärme

wohi, die darin puisirt. Die Phantasie hat dabei em

schönes Feid. -

Brief von Forberg, daJ3 er doch nicht den Muth fühie,

das Requiem zu drucken, da es so umfangreich sei. Curt

war darüber geärgert - ich gab mir Mühe, ihn zu trösten.

- Auch war es noch nie sein Schaden, wenn etwas

nicht auf das erstemal angenommen wurde. Es ware nur

gut, wenn es im Norden einmai gehört würde.

Den 11. März /1871/.

Curt's schmerzlich und räthseihaft geschwollene Hand

eriaubt ihm noch immer nicht zu schreiben. Da es ihn

doch drängte, em neues Liederheft zusammenzusteilen,

suchten wir in unserm musikalischen Tagebuche und fanden

sehr iyrische Skizzen. Er arbeitete zwei Lieder um:

Fahr zumein kühnes Boot, von Th. Moore (von mir übersetzt)

und den "Letzten Wunsch" von W. Hertz. Ich

schreib abends die Lieder aus. -

Heute waren in alien Kirchen Requiems für die Gefallenen

und abends von 6 - 7 /Uhr/ feierliches Friedesgeläute

von alien Thürmen. Wie ergreifend! -

Im Musikalischen Wochenbiatt sind Curt's 4 deutsche

Männerchöre günstig besprochen. -

An Forberg geschrieben, er möge das Requiem zurückschicken.

16. März /1871/.

Heute bekam Curt durch Postanweisung 20 Thaler für seine

4 lateinischen Sopranhymnen von Simrock geschickt.

Fritzsch lài3t garnichts mehr von sich hören. Er schickt

das iängst angekündigte Thai des Espingo nicht und ist

auch seit langer Zeit sàmmtliche Honorare schuldig. -

Wüilner und Zenger sind mit ihren Siegeswerken durchgefaiien.

-

/T.B.2,85/ 17. März 1871.

Heute ist Curt's lieber Geburtstag. Ich schenkte ihm

einen "Italien-Baedeker" und schrieb ihm em Lied aus

"Des Mädchens Geständnii3", weiches wir in em neu herauszugebendes

Heft Lieder ais eines der sieben auf-


- 61 -

nehmen wollen. Das Heft habe ich "Aus fernen Tagen" getauft.

Es enthält lauter Lieder, die in unserem eigenen

Leben eine wahre, glühende Rolle g'espielt haben, wie

überhaupt Curt's Compositiónen unser gemeinschaftliches

Tagebuch sein kännten.-

28. März /1871/.

Drei Claviervorträge op. 54 Breitkopf & Härtel zum Verlage

angeboten 20 Thlr=60 Thir.-

30. März /1871/.

Gestern Abend war em Schüler Kid 'S bei uns, Herr Hemrich

Barth aus Berlin-Potsdam: em ausgezeichneter Ciavierspieler,

welcher uns auch als Mensch sehr gefiel.

/. . . /

Ich habe mit ziemlicher Anstrengung in wenigen Tagen

das ganze Requiem von Franz Lachner zu dessen groI3er

Zufriedenheit über- und untersetzt.

Curt componirte heute und gestern Gesangsquartetten ohne

Begleitung, weil diel3 die Hand am wenigstens anstrengt zu

schreiben.

Curt hat vom 31. März bis 2. April fünf neue Quartette für

gemischten Chor componirt. Sic heiI3en: Im neuen Frühling.

/op. 52/.

/T.B.2, 89/ 4. April 1871.

Die Lieder "Liebesleben" an Forberg in Leipzig geschickt

und dafür 35 Thaler verlangt. Fritzsch schickte 50 Thaler,

wofür ihm die 4hd. Arrangements zum Wunderthätigen Magus

und zur Unheilbringenden Krone in Abrechnung gebracht wurden.

Breitkopf & Härtel schickte 60 Thaler für op. 53 und

Forberg schickte 35 Thaler für op.55.

Franziska P.heinberger betätigte sich in dieser Zeit auch

als Mitarbeiterin des Nusikalischen Wochenbiattes, das

bei E.W. Fritzsch in Leipzig erschien. Anfang April 1871

hatte sie einen Artikel über Orlando di Lasso verfatt,

für den Fritzsch em Autograph des Komponisten aus der

Hofbibliothek wUnschte. Franziska Ubersandte eine entsprechende

Kopie mit folgendem Brief:


- 62 -

Geehrter Herr!

Da mein Mann seit Wochen eine geschwollene Hand hat, welche

ibm nächst dem Clavierspielen das Schreiben verleidet,

so übernehme ich es in seinem Auftrage, Ihren ges tern erhaltenen

Brief zu beantworten.

Anliegend schicke ich Ihnen das gewünschte Facsimile

Orlando's, welches mir der Conservator Jul. Jos. Maier

gewissenhaftest nachmalte, so daI3 Sie sich unbedingt auf

dessen Treue verlassen können. Es ware vielleicht hübsch,

es am Schiusse der Notizen anzubringen und mittels Sternchen

zu bezeichnen, daB sich das Original in der Kgl.

Staatsbibliothek zu München befände.-

/. .

/T.B.2,89/ 5. April 1871.

An Fritzsch geschrieben und ibm angezeigt, was noch alles

rückständig sei, nämlich

Quartett & Concertfuge ---- 35 Thlr.

Thal des Espingo 50 Gulden

Lieder des Gedächtnissses 40 Gulden.

Ibm em sehr schänes Facsimilie von Orlandus Lassus geschickt:

Ennie d'enonie en vie. /. .

Curt ist jetzt mit seinem grol3en Variationen-Clavier-Werk

beschäftigt. Da er an der rechten Hand lahm ist und sein

Schüler Buonarnici an der linken, so spielten sie mit den

guten Armen zusammen zweihàndig. Es war lustig und traurig

zugleich. Buonamici hat em Pater noster componirt u.

dasselbe an die Cherubini-Gesellschaft, d.h. an die Directrice

Madame Laussot, geschickt. Es war ganz geschickt. Er

war ganz glücklich darüber.

Den 6t. April /1871/. Gründonnerstag.

Curt erhielt heute vom Wiener Männer-Gesangverein einen

"Ehrendukaten" für Aufführung des "Jung-Werner". Nette

Idee!- Abends führte der Oratorienverein das Miserere

von Riegel auf. Ich sang mit, obgleich ich noch im Hals

entzündet war. Es that mir aber eher gut, glaube ich.

Riegel (Kantor an der protestantischen Kirche) war schon

vor der StraBenthüre urn 6 Uhr, als Curt kam, und drückte

ihrn dankbarst die Hände. Wie freute es mich, daB Curt so

collegial gegen Andre ist. Das wird ibm Segen bringen.

Nur kein neidischer, engherziger Künstler.


- 63 -

Es scheint sich übrigens an der Hand em Abscess zu bilden.

So ware doch Hoffnung auf Ableitung.

Curt arbeitete heute an einem 4-stimmigen Liede mit Ciavierbegleitung,

wozu er den Text und das Motiv des Liedes

nimmt:

Wie schön, hier zu ver - träu - men

Gegen Abend kam ibm aber die Idee, em Miserere für Frauenstimmen

mit Begleitung von zwei Celli und Violen zu

componiren. Ich hoffe, er halt daran fest.-

Den 7t. April, Charfreitag.

Curt antwortete heute dem Wiener Männer-Gesangverein, bestätigte

den Empfang des Ehrenduka ten und dankte, daB sie

semen Namen durch Aufflahme in ihre Programme ehren.

Abends war Miserere von Allegri in der Basilika, welches

so gut ging, daJ3 wir nicht um einen Viertels-Ton sanken.

Ich stand wieder dicht neben Curt's Pult. Es machte mir

Freude.

/T.B.2, 93/ Curt hat plötzlich den Entschlui3 gefai3t, sein

Requiem morgen Bote & Bock nach Berlin zu schicken, obgleich

dieser nicht sonderlich ausstattet. Allein es ist

doch eine sehr groI3e Firma.

Charsamstag, d. 8. April.

Das Requiem genau durchgesehen und dann dasselbe nach

Berlin an Bote & Bock geschickt. I. . . /

Als wir gegen Abend in die Basilica gingen, wollte Scarli

/Rheinbergers Hund/ mit. Curt that es und drohte ihm mit

dem Stocke, vor dem Thore zu warten. Als wir auf dem Chore

standen und in das Schiff hinuntersahen, sahen wir von

ferne urn alle Säulen "Zippi, Zappi, den Schweinehund!"

Chasse a la suite "schnupp in die Luft machen".


- 64 -

April /1871/.

Gestern wurde das Quartett "Die Nacht" op. 56 mit Streichtrio-

(od. Harmonium-)Begleitung fertig. Ich habe heute

die ganze Partitur copirt.-

Curt war heute wegen seiner hochgeschwollenen Hand bei

Prof. Buhi, welcher anderer Ansicht als Nussbaum ist und

sagt, das vorjährige Leiden sei im Zusammenhang mit dieser

Geschwulst. Seine Lunge sei ganz gesund; er rieth das Jodbad

Adelheidsquelle.

April /1871/.

Curt hatte heuer sehr, sehr groBe Freude. Sein Lieblingsschüler

Adolf Stroll ist wieder mit heiler Haut aus dern

Feldzug nach zahllosen Schlachten und harten Tagen glücklich

zurückgekommen. Anton Deprossd besuchte Curt. Er erzählte

von all' semen Machinationen und doch hat er es

noch zu nicht viel gebracht!-

11. Mai /1871/.

Curt noch immer leidend an der Hand.

Mal 1871.

/. . ./

Unser III. Oratorienvereinsconcert fand statt unter Curts

Leitung (trotz der wehen Hand). Es war Saul von Handel.

Die Soli sangen Michal & Hexe Frl. Leonoff, leider zum

letztenma1e Merab und eine Sopranpartie des David: Frau

von Belli di Pino. David: Frau Koch aus Frankfurt, Jonathan:

Herr Postsecretär Gebhardt, Saul: Herr Rüber und

Samuel: Herr Bürkel. Die ChOre waren famos, nicht em Notchen

fehlte.

I. . . /

Mai 1871.

An Bote & Bock in Berlin die 5 Motetten (op.40) für gemischten

Chor abgeschickt. Honorar wurde vorläufig nicht

angegeben.

Der folgende Brief von Franziska Rheinberger an den Bruder

des Komponisten in Vaduz gibt weiteren Aufsch1u! Uber den

Charakter des Handleidens, das Rheinberger zunehmend das

Schreiben und Instrumentaispiel unniöglich machte:


- 65 -

"München, 17. May 1871

Lieber David!

Da mir Maly seit Lan gem nicht geschrieben, wende ich

mich an Dich, urn Euch Nachrichten über Curt zu geben,

cia Du in Deinem letzten Briefe liebevoll nach ihrn frugst.

Vor 14 Tagen ist die arme Hand, nachdern sie so hoch

anschwoll, daJ3 sie gar keiner Hand mehr ähnlich sah -

und nachdem der arme, gute Curt wirklich wahnsinnige

mit himrnlischer Geduld ertra gene Schmerzen ausgestanden

hatte - plötzlich Nachts aufgebrochen. Ich liel3

Nussbaurn holen und dieser erklärte den 'schmerzhaftesten'

Theil der Krankheit für überwunden, jedoch nicht

den làngsten Theil! Es sei em Knochengeschwür, welches

im Ganzen in der Regel em Jahr brauche urn zu heilen!

Curt ist nun zwar sehr froh, daB er keine so heftigen

Schmerzen mehr hat und kann doch auch wieder schia ten,

jedoch in seinem Berufe nur Unterricht ertheilen, sonst

weder spielen noch schreiben. Da er noch viel Vorrath

von Compositionen hat, so helfe ich ihrn, indem ich dieselben

nach seiner Angabe corrigire und versende, so daf3

keine Stockung in seine Herausgaben komrnt. Gegenwärtig

hat er wieder neue Verbindung mit einer Verlagshandlung

in Wien. Seid ihm also nicht bose, wenn er nicht selbst

schreibt; allein es macht ihm schon Mühe semen Namen

unter die fertigen Briefe zu setzen!

Vorgestern Abend dirigirte er mit Anstrengung aber grossem

Glück das letzte Oratorienvereins-Concert, weiches

sehr ansprach. Wir sangen das Oratorium Saul von Handel.

Wenn Du Maly schreibst, kannst Du ihr rnittheilen, daI3

heute, den 17., Carl Stieler's Hochzeit in Augsburg

ist. -

Heute Nachmittag feiert das Wilhelrns gymnasium sein Maifest

und wird dabei u.a. auch em 4stimmiges Wander-

Frühlingslied von Curt gesungen. Sein Wallenstein reist

noch tüchtig herum, wurde in diesern Winter zwei Mal in

Holland etc. gegeben. Auch das Stabat Mater sangen sie

am Charfreitag in dem protestantischen Brandenburg, was

uns viel Freude machte. Die Dollinger-Angelegenheit gefällt

mir gar nicht. Jeder Packträger will heut zu Tage

über Theologie sprechen und selbst der 'Theater-Intendant'

wirft sich zurn Kirchen-Vater auf, obgleich er


- 66 -

von Theologie so wenig versteht, als unser Hund. Ich

halte es treu und fest mit der Kirche und hoffe das

gleiche von Curt.

Nun bitte ich Dich noch schön, auch Peter unsre Grüsse

mit Curt's Entschuldigung zu sagen, daJ3 er ibm

nicht schreibt. Wie glücklich wird er sein, daf3 es

Therese wieder besser geht!

GrüJ3e Alle daheim recht herzlich und gib bald wieder

Nachricht Deiner Dich herzlich liebenden Schwägerin

Fanny."

Unterhaltungsblatt Nr. 40 der "Neuesten Nachrichten",

München, vom 18.5.1871, S. 478:

"Der Oratorienverein führte in seinem letzten Konzerte

das Oratorium 'Saul' von Handel aus. Da diese Konzerte,

weiche der Verein von Zeit zu Zeit veranstaltet,

die einzige Möglichkeit bieten, derartige in der

Literatur der Musik einzig dastehende grol3artige Kompositionen

in ihrer Klangwirkung kennen zu lernen, so

hat derselbe schon urn dessentwjllen em Anrecht auf

den Dank der Musikfreunde. Die Auffuhrung des schwierigen

Werkes war eine angemessene und Chor wie Soli

wetteiferten in der glucklichen Wiedergabe der Intentionen

des Tondichters. Rheinberger bekundete sich hiebei

wieder als em umsichtiger, thatkraftiger, geschmackvoller

Dirigent."

Heyses Ballade "Das Thal des Espingo" war zwischenzeitlich

mit der Widmung "Dem Dichter der Komponist" gedruckt

worden. Paul Heyse (1830 - 1914) bedankte sich

für das übersandte Belegexemplar bei Rheinberger:

"München, 19.Mai 1871

Nur einen Händedruck, Verehrtester, für Ihr schönes Geschenk,

das mich gestern Abend, als ich vom Nürnberger

Genossenschaftstage zurückkam, freundlichst überraschte.

Leider babe ich nur taube Augen und muB warten, bis Sie

mir mit Ihren Fingern dieseGeheimschriftvorlesen. Ich


- 67 -

hoffe aber, Ihre Hand ist bald wieder der alten Interpretationskunst

mächtig.

Was in NUrnberg für Dramatiker und Componisten abgemacht

worden ist, wird, denk' ich, Ihren Beifall haben.

Ich sende Ihnen die Statuten, sobald sie gedruckt

sind, wahrscheinlich aber sehe ich Sie noch vorher und

darf darum heute nur im Fluge Ihnen sagen, wie sehr

mich der Anblick des Langverheifenen gefreut hat.

Meine herzlichste Empfehlung Ihrer verehrten Frau

von Ihrem wahrhaft ergebenen

Paul Heyse."

Den 19. May /1871/.

An Schott in Mainz op.52 abgeschickt, die fünf Gesangsquartetten

für gemischte Singstimmen. Preisangabe des

Honorars 40 Thaler. - Curt hat nun schon bei 12 Veriegem

Verbindungen angeknüpft.

Wir waren heute wieder bei Nussbaum. Die Hand eitert

ziemlich stark, doch soil nur mehr zwei Mai tägiich

em Umschiag gemacht werden. -

Den 22. May /1871/.

An Forberg in Leipzig 6 Hymnen für 4 gernischte Sin gstimmen

zum Preise von 30 Thaiern geschickt.

23. May /1871/.

Curt kam ganz entrüstet von dem Maliinger-Concert nach

Hause. Er sagt, "aus diesem Munde" hätte er es nicht

ertragen, Mozart's Veiichen zu hören, deI3halb ging er

früher fort. Ihre brutaie Coquetterie, die Unreinheit

ihres Tones, der Vortrag und die Composition des Taubert

- Liedes, mit weichem sie das Publikum haranguirte,

batten ihn vertrieben und dazu das dumme Publikum. Curt

rief ganz schmerzlich aus: 1st man nicht em Narr,einem

soichen Pubiikum, das sich so an der Nase herumführen

läI3t, seine heiligsten Gefühle zu geben?

Wirklich - ich begreife, daB der site Bach mit Wonne

StöBe von Musik nur für seine Notenschränke schrieb.

/T.B.2,100/ Den 26. May /1871/.

Bote & Bock schickten die Motetten, Forberg die sechs


- 68 -

lateinischen Hymnen zurück. Curt sandte heute sein Variationenwerk

(für Ciaviersolo) mit dern Angebot von

30 Thalern an Siegi in Leipzig.

Den 27. May /1871/.

Curt schrieb an Capeilmeister Schmidt in Leipzig, um

zu erfahren, weiche Entschlief3ung bezügiich der 7 Raben,

weiche er vor einem Jahre nach Leipzig eingeschickt,

geschehen?

Curt hat nun 6 Löcher im Knochen der Hand (beim Zeigefinger,

d.h. dessen Wurzel), weiche stark eitern, dennoch

fing er an, em Clavierstück zuarbeiten.

Pfingstmontag, den 29. May /1871/.

Curt entschlof3 sich (auf mein Zureden) sein Requiem an

Schott in Mainz zu schicken. Er schrieb, sie möchten

das Werk wenigstens genau ansehen. Ich leugne nicht,

daf3 es mich h e r z 1 i c h freuen würde, wenn es gedruckt

würde und habe dasseibe daher mit Vergnügen gepackt.

Arrnes Requiem, wärest Du eine décaltirte Polka,

so hätten Dich längst die Verieger in die Arme gedrückt.

Mir ist es urn den Eindruck zu thun, den dieses

Werk auf Seelen üben soil. - Drauf3en iäutet es in milder

Mainacht das "Ave Maria"! Es tönt so wehrnüthig tröstend

zurn Fenster herein. -

In Paris ist der interessanteste Stadtteil em Aschenhaufen,

das Louvre, die Tuiierien, das Paiais Royal,

Fabrique des Gobelins sind mittelst Petroleurn-Feuerregen

abgebrannt.

Jun i

Vorabend des Dreifaltigkeitssonntags (= 3. Juni 1871).

Es ist Abend. Curt & ich wie ailtägiich aiiein zu Hause.

Ich holte mir Notenpapier, urn eine einstimmige Messe

zu skizziren und habe eben angefangen


- 69 -

Da holL es Curt trotz seiner wehen Hand, und während

ich hier einschreibe, ist das ganze 47 Takte lange

Kyrie nebst Begleitung fix und fertig! Urn 3/4 8 Uhr

setzte er die Feder an - urn 8 Uhr sang ich es schon

mit der kleinen Orgel.

Perfall sagte gestern, daB der General-Intendant von

Hülsen in Berlin Einsicht zu nehrnen gewünscht habe in

die Oper der 7 Raben. Curt schrieb daher an von Hüisen,

sich auf Perfall berufend, und schickte 1. Partitur

der Oper, 2. Partitur der Ouverture, 3. Clavierauszug

der Oper und das gedruckte Textbuch mit. -

Siegi-Linnernann schickte die Claviervariationen mit

Entschuidigungen wieder zurück.

Heute waren wir wieder bei Generalarzt Prof. Nussbaum.

Er sagte, das Leiden würde noch em haibes Jahr dauern.

Also bis zum November! - Gott!! Gib Du uns Gnade und

Stärke! -

Sonntag, 4. Juni /1871/.

Heute war das erste dieI3jährige Prüfungsconcert an der

Musikschule. Am besten war der kleine Violinist Mayerhofer,

Curt's Schüler Mossrnayer mit einem Orgelpräludium

von Bach und Fri. Keyl mit einer Schubert-Fantasie.

Abends componirte mir Curt noch einen lieben, lieben

einstimmigen Hymnus. -

Josef Rheinberger an semen Bruder am 8.6.1871:

"Mein lieber David!

Da mir's nach und nach der Zustand meiner rechten Hand

gestattet, Briefe, wenn auch nur kurze, zu schreiben,

so erachte ich es für meine angenehme Pflicht, Dir zu

schreiben, und zwar an einem lieblichen Frohnleichnahmsmorgen,

an weichem eingeheizt werden mu2.

Fanny war so freundlich mir seit Dezember fast alle

Correspondenz abzunehmen, und so im wahren Sinne des

Wortes meine rechte Hand zu sein. Merkwilrdigerweise war

ich immer im Stande, wenigstens meinen Geschäften an

der Musikschule nachzukonnnen; nur an dem einen Tage,

als die allerdings unheimlich grof3 gewordene Geschwulst

von selbst aufging, blieb ich zu Hause. Von jenem Tage


- 70 -

an hörten die Fiebererscheinungen auf und der Zustand

der Hand begann (sehr langsam) zu bessern. Nussbaum

sagt, dal3 bis zur völligen Herstellung der Hand noch

em gutes Halbjahr vergehen werde, doch wUrde ich ohne

bleibenden Schaden davonkomnien. Diese schöne Krankheit

hejl3t Knochen-Fontanelle und bildete sich zwischen

Mittel- und Zeigefinger. Gegenwärtig mache ich taglich

zweimal Bleiwasserumschläge, weiche die offenen

Stellen of fen erhalten und den Eiterungsprozei3 befördern.

Vielleicht kann ich nun auch bald wieder em wefig

Kiavierspielen, eine Freude, die mir bei meinem

neuen Flugel wohi zu gönnen ware.

Landesverweser v. Hausen schrieb mir vor em paar Tagen,

daB ich mein Gutachten Uber eine Orgel an den Grafen

Westphalen in Wien abgeben möchte. Ich werde mich

noch über einige Punkte informieren urn nach circa 14

Tagen Antwort an Westphalen und Herrn V. Hausen geben

zu können, glaube aber jetzt schon in Steinmaier in

Oettingen(in Ries) den richtigen Mann für Erbauung

der Orgel gefunden zu haben. Jedenfalls ist er auBer

Walker, dessen SchUler er ist, der beste Orgelbauer

SUddeutschlands. Ich könnte auch Walker selbst nennen,

der gröl3eren Ruf geniel3t, doch ist derselbe alt und als

berühmter Mann natUrlich wenig lenksam, während ich mit

Steinmaier, der nach Walkers System arbeitet und den

ich persönlich kenne, sehr wohl em Wort sprechen könnte.

Beiliegende Orgeldisposition, die ichals diesem

Zwecke entsprechend entworfen habe, bitte ich vorläufig

Herrn v. Hausen mit meiner Empfehlung zu übergeben

und ihn von dem Vorigen in KenntniB zu setzen. -

Was nützt aber eine schöne Orgel, die Niemand regieren

kann?

Liel3e sich nicht in Vaduz mit unbedeutender Nachhilfe

eine Musiklehrerstelle schaffen, welche Kirchenmusik,

Gesang an den Schulen in sich vereinigte, und einem

selbständigen Musiker, keinem Schullehrer, übertragen

werden könnte? Rege dieB doch in meinem Namen beim

Herrn Landesverweser an. -

Wie geht es den lieben Eltern? Und Peter mit Familie?

Ich bitte alle herzlichst zu grUl3en. Da ich meine Hand

nicht sehr ermUden darf, muB ich schlief3en. Dein Dich

liebender Bruder

Josef Rheinberger


- 71 -

Folgende Disposition und Kostenberechnung stelite Rheinberger

eigenhändig auf:

ORGEL in VADUZ

(Steinmayer)

I. Man/ual/: 1. Principal 8' 600 M/ark/.

Bourdon 16' 180

Tibia 8' 160

Gamba 8' 224

Gedakt 8' 120

Trompete 8' 340

Quintflöte 5 2/3' 100

Octav 4' 150

Gemshorn 4' 120

Mixtur 2 2/3' 5fach 290

Octav 2' 72

II.. Man/ual/: 12. Principalflöte 8' 280

Salicional 16' 230

Aeoline 8' 180

Fag: Clar: 8' 360

Liebi. Ged: 8' 120

Fugara 4' 124

Flöte tray. 4' 110

Cornett 5 f. 230

Flageolett 2' 60

III. Manual: 21. Geigenprinc: 8' 300

Wienerflöte 8' 180

Dolce 8' 170

Viola 4' 124

Flautino 2' 60

Ped/al/: 26. Princibalbass 16' 400

Violon 16' 272

Subbass 16' 190

Quintbass 10 2/3' 160

Posaune 16' 300

Octavbass 8' 140

Violoncello 8' 150

Flötenbass 4' 100

6666

dazu das Ubrige... 6998

Summa 13664 M/ark/.


- 72 -

Unwichtig 1st, daf er sich bei der Addition verrechnete,

wichtig dagegen, date er die von ihm entworfene Orgel in

der Pfarrkirche Vaduz drel Jahre später selbst einweihen

konnte.

/T.B.2,106 ohne Datum, ca.5.-15. Juni 1871/.

Wieder em Opus fertig gemacht, nämlich: Wache Tràume,

7 Lieder für eine mittlere Singstimme mit Clavierbegleitung

(der Lieder siebentes Heft). op. 57. Dieses Opus in

Folge einer Anfrage nachstehender Firma: An Litoiff in

Braunschweig', mit dem Angebot von 50 Thalern gesendet,

und zwar am

Juni /1871/.

Schott in Mainz wird Partitur, Stimmen und Clavierauszug

des Requiems stechen. Wir arbeiten nun mit erneuter Kraft

an dem Clavierauszug und ich habe unter die ausgeschriebenen

Stimmen den deutschen Text zu schreiben. So hat sich

wieder em musikalischer, ernster Wunsch erfüllt - leider

hat Curt in diesem Monate wieder sehr starken Husten. Die

Hand bekommt immer gräl3ere Löcher, doch spielt er etwas

Clavier.

Juni /1871/.

Im II. Prüfungsconcerte der Kgl. Musikschule sangen sie

Curts "All' mein Gedanken" ganz prachtvoll. Es kiang so

jung, und besonders nach vorhergehendem, schmachtenden

Gade so frisch, urkräftig, decidirt u. gemüthvoll.

Ich hatte so viel zu schreiben am Clavierauszug und an

den verschiedenen Stimmen-Eintragungen, daf3 ich das Tagebuch

darüber vernachlässigte. Der Clavierauszug ist ganz

fertig und sämtliche Requiem-Stimmen sind nach Mainz /an

den Schottverlag/ geschickt.

Curt wurde am 30. Juni /1871/ zum Ehrenmitglied des akademischen

Gesangvereins ernannt. Das Fest war ungemein

anregend und das Heerbannlied gefiel sehr, besonders den

Sängern.

Das NUSIKALISCHE WOCHENBLATT bringt in den drel letzten

Juni-Nuinmern umfangreiche Besprechungen der neuedierten

Werke op. 47 und op. 28 und die NEUE BERLINER MIJSIKZEI-


- 73 -

TUNG bespricht zwölf neue Kompositionen von Rheinberger

auf der Titelseite ihrer Juli-Nummer. Selbst in Düsseldorf

interessiert man sich für eine Auffuhrung des

"Amen Heinrich" . Benjamin Vautier schreibt an Franziska:

"Hochverehrte Frau,

vorige Woche von einer kleinen Reise zurückgekehrt, finde

ich zu meiner groBen Uberraschung Ihr geehrtes Schreiben

in Begleitung der kleinen Oper.

Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank für Ihre gro2e Freundlichkeit

und das Interesse, weiches Sie meinen Bildern

zeigen. Wir freuen uns alle sehr, nun auch em Werk Ihres

Herrn Gemahis kennen zu lernen, von del3en Compositionen

wir so viel Rühmliches gehort. Hoffentlich findet sich

bald Gelegenheit, die kleine Oper würdig aufzuführen; die

hübsche Ouverture spielte schon vor einigen Tagen Herr

Dietrich mit meinem Schwager Ed. Euler, in dessen Händen

das Werk sich gegenwErtig befindet; später will ich es

Hasenklevers u. anderen musikalischen Kräf ten zukommen

lassen.

Ihre GrüI3e, geehrte Frau, habe ich ausgerichtet, und leben

Sie hier noch in warmem Andenken.

Meine Frau u. deren Familie tragen mir viele Grüf3e auf;

auch bitte ich, mich Herrn Rheinberger, wenn auch unbekannter

Weise, zu empfehlen.

Mit besonderer Hochachtung ergebst.

Düsseldorf, 14 July /1871/ B. Vautier

/T.B.2, 112/.

Vom 7.-8. Juli 1871 componirte Curt elne grol3e Fantasie-

Sonate für Orgel. Wir wollen sie an Novello in London

schicken. Vorher hat Curt für rnich zu den monatli. Anbetungen

der Erzbruderschaft eine einstimmige Messe geschrieben:

Kyrie, dann Verbum aeternum als Graduale,

Sanctus & Agnus Del, das ich bereits in diesem Monat

sang.

den 13. Juli /1871/.

Curt componirbe 2 dreistimmige Männerchöre für eine Sammlung

dreistirnmiger Gesänge, wozu Präfect Schaller vom Chorknaben-Institut

ihn elniud.-

Reizende Gedichtsanimlung von "Lemcke" entdeckt, die sehr


- 74 -

viel Musikalisches enthält.

In der Stadt ist jetzt Jubel und Fest-Vorbereitung. Herrlich

für Glückliche. Aber die Todten und Trauernden?!!

Litolif schickte die Lieder "Wache Träume" wieder zurück.

Die Begleitung' sei zu schwer, sonst gefielen sie gut.

Leichte Waare hat Curt nicht.-

Die Hand eitert noch immer stark!!!

den 19. /Juli 1871/.

Heute hat Curt unter - für eine Hauptstadt von 188.000

Seelen - unglaublichen Schwierigkeiten seine Fantasie-

Sonate an Novello nach London geschickt. Von Pontius zu

Pilatus, von /T.B.2,113/ Paketschalter zu Briefschalter

geschickt, wog das Paquet hier 15, dort 17 Lot, was unter

Personal und Briefschaft-Aufgebern gröI3te Unruhe verursachte

- "Ja, mein Herr, das Paquet müssens besser verpacken,

sonst stehen mir für nix!" (Es war in Wachsleinwand

mit leider 3 Sigein und hatte leider nur 3 Begleitscheine!)."Wenn

Sie's riskiren wollen7 '" - Curt

rief:" In Gottes Namen, riskiren's mir's halt, vielleicht

kommt's doch an-" und zahlte 2 fl 45 Xr. Porto! -

(Was mag wohl Mozart an Porto gezahit haben, da es ibm

sogar gelang, eine Claviersonate his Amsterdam zu schik-

ken! -).

Curt hat gestern em kleines Clavierstück "Erinnerung"

für em Album von Mohr (es ist doch nicht etwa der Sohn

des alten Mohr, auf dessen Grabstein steht: "Hier liegt

em Mohr, was kann er davor?") geschrieben.

Heute kam eine Aufforderung von Berlin für eine Besprechung

der Sieben Raben für die Zeitung von Bote und Bock.

In einem Brief vom 30.Juli 1871 berichtet Franziska von

Rheinbergers Handleiden:

Noch eitert die Hand stark, aber jetz hat die Hand wenigstens

wieder eine unveränderte Form, weiche sie im An fange

des Leidens total verloren hatte.

/. . . /

Wegen der Orgel schrieb er an Grafen Westphalen und auch

an Landesverweser Hausen, hat aber nichts weiter gehört.

Es ware schän, wenn die Orgel in Paffenholen gemacht würde,

well Curt dann und wann nachsehen könnte.


- 75 -

1. August 1871. Letzter Tag in München vor der Abreise

nach Bad Kreuth.

Curt hatte in den letzten Tagen viel zu thun mit den

Prüfungen der Kgl. Musikschuie. Heute Abend ist das letzte

Concert und morgen gehen wir, wenn niemand Kopfweh

hat, nach Bad Kreuth, wohin es Curt alljährlich zieht.

An semen Schülern hatte er sehr viel Freude und es ist

besonders Max Meyer aus Weimar, der sich durch die gute

Composition für Streichorchester auszeichnete, und Buonamici,

der sich eine Preisbelobigung errang, sowie Glötzner

durch sein Orgeispiel, weiche Curt grol3e Befriedigung

gewähren. Er selbst hat durch die wehe Hand elnen grof3en

Aufenthalt in semen Arbeiten;/T.B.2,117/ dennoch gab er

seit einem Jahre so viel heraus, daI3 er nur voranschritt.

David Rheinberger in Vaduz erhält folgenden Ferienbericht:

"Bichel bei Benedictbeuern

den 19. Sept. 1871.

Lieber Bruder!

Getreu meiner gehegten Absicht, nach meinem Besuche in

Vaduz noch eine Soolcur zu gebrauchen, gingen wir, rneine

Frau, der getreue Scarli und meine Wenigkeit hierher

in's Hochiand. Täglich gebrauche ich em Volibad und

em Handbad und glaube eine kleine Besserung schon

jetzt wahrnehrnen zu können. -

Bichel 1st em kleines, schön gelegenes und frequentes

Dorf. Die Heliquelle (Adelhaidsquelle) flieSt in dern

1 Stunde entfernten Heilbrunn und wird täglich per Achse

frisch hierhergebracht. Von meinern Fenster (irn Gasthof

zurn bayrischen Löwen) aus sehe ich gerade auf das gros-

Se, ehernalige Kioster Benedictbeuern - dasselbe, nur

eine kleine Vierteistunde entfernt, wurde anno 740 von

Herzog Thassilo erbaut und ist nun Invalidensitz und -

Fohienhof. Die irn Halbkreis urn Bichel beginnende Gebirgsforrnation

gipfelt in der 5700'hohen 'Benediktenwand',

während südwestlich in der Entfernung von 6 - 9

Stunden sich die Axnrnergauer Berge zeigen. Von hier an

den Kochelsee 1st elne Entfernung von einer Stunde, an


- 76 -

den Waichensee von 3 1/2 Stunden. Das weite Gebirgspanorama

1st ganz prächtig. Das Wetter bis auf den

heutigen Tag ausgezeichnet. Alle Freitage und Samstage

ziehen ganze Caravanen Fremder hier durch nach Oberammergau,

zum Theil in den abentheuerlichsten AufzUgen

- das immer neugierige Volk Albions natürlich vornedran.

Diese Wanderzuge gaben uns viel Stoff zum Lachen,

und da Fanny flott zeichnet, so blieb eines Manchen

Conterfei zurück.

Wir bleiben bis gegen Ende September hier und gehen

dann direkt in's Winterquartier MUnchen. -

Wie geht es mit Deiner Gesundheit? GrüI3e Alle herzlich

und schreibe bald Deinem Bruder

Josef Rheinberger."

Georg Herzog an Josef Rheinberger:

"Erlangen, den 14. Sept. 1871

Sehr geehrter Freund!

Ich mu8 mich sehr bei Dir entschuldigen, daB ich Dir

für die Ubersendung Deiner letzten Composition noch

nicht gedankt habe. Es 1st nun jetzt em Jahr, daB ich

in so gefährlicher Weise erkrankte und noch habe ich

mich noch nicht ganz erholt. Em Leiden an der Hand,

welches mich zeitweise vom Spiel abhält und mich leider

auch urn die schöne Reise nach London gebracht hat,

verstimrnt mich sehr und nimmt mir haufig alle Lebenslust.

Von einem längeren Badeaufenthalt zuruckgekehrt

will ich nun nicht länger anstehen, Dir zu schreiben.

Sei mir nicht bose. Beide Sachen haben mir eine recht

groBe Freude gemacht. Die Gesangspice gedenke ich diesen

Winter hier singen zu lassen; die Trios habe ich

und meine besseren SchUler fleiBig gespielt. Sie gehOren

zu dem B e s t e n, was in neuerer Zeit in dieser

Art geschrieben worden 1st. Eine kurze, sehr anerkennende

Anzeige findet sich in Urania 1871, Nr. 4,

Seite 60, Verlag v. KOrner in Erfurt. Sie wird Dir

Freude machen. Auch das mir überlassene Trio ist bereits

gedruckt, denn die 2te Auflage derOrgelschule

1st fertig. Ich habe den Verleger beauftragt, dem k.

Conservatorium em Exemplar einzusenden.


- 77 -

Von Giötzner, der inzwischen im Orgeispiel sehr gute

Fortschritte gemacht hat, habe ich gehört, da1 Du wieder

im Bade Kreuth gewesen bist. Hoffentlich hat es

auch diesmal wieder seine gute Wirkung gethan. Sei überzeugt,

daf nicht ieicht jemand an Deinem Leben und Schaffen

regeren Antheil nimmt, als ich. Aus meinem Briefe

wirst Du das freilich nicht recht ersehen können.

Lebe wohi, empfehie mich Deiner verehrten Frau und bielbe

mir gewogen.

In herzlicher Liebe und Verehrung

Dein treuer Freund

J.G. Herzog.

Deiner verehrten Frau Gemahiin danke ich noch besonders

für das den Noten beigefUgte Begleitschreiben. Wenn Du

Fri. Schmidtlein siehst, so grUle sie bestens. Hz."

1. October 1871. München.

Die zwei Monate Ferien sind vorüber; erst 4 Wochen in

Kreuth, wo Curt Sir Julius Benedict aus London kennenlernte,

dann 8 Tage in seiner Heimath Liechtenstein, wo

ihm die Bestellungs-Vermittlung einer neuen Kirchenorgel

aufgetragen wurde, dann noch 3 Wochen in Bad Büchl

bei Benedictbeuern, wo Curt ausschliel3lich der Pflege

seiner kranken Hand lebte. Die Wunden sind noch offen,

doch scheint jetzt em Fünkchen von Hoffnung, daI3 sie

sich mit der Zeit schlieI3en werden.

Im August componirte Curt auf Bitte der Sonderegger'schen

Buchhandlung in Chur "Lasset uns sterben", "Rosen

im Haar", "vaterländischen Gesang" von Lemcke, und

als er wieder zurückkam, componirte er gleich em Ciavierstück,

das ich "Zum Abschied" taufte und sogar an

einer Stelle nach meinem Geschmack änderte. -

Gelächelt weil Fritzsch in seiner Zeitung durchaus aus

Peter Cornelius einen berühmten Mann machen will. Hätte

Curt einiges Talent gezeigt, em Wagnerschleppträger

zu sein, so ware ihm wahrscheiniich em ähniiches Glück

wiederfahren.

Hans von Billow läl3t Rheinberger durch Guiseppe Buonamici

eine Fotografie des Colosseums mit folgendem Brief


- 78 -

uberbringen: / Florenz, 4.10.1871 /

"Hochgeehrter Meister und Freund!

Sie haben mich durch das Geschenk Ihrer neuen Kiaviercompositionen,

durch diesen beredten Gru8 eine gro8e

Freude, einen wahren Genu2 gewährt; ich benutze die

Gelegenheit der Rückreise 'unseres' lieben Buonamici,

Ihnen hiefiir meinen herzlichsten Dank auszusprechen,

dem ich die Bitte beifuge, der photographirten 'Südfrucht',

weiche er Ihnen in meinem Namen für Ihr Arbeitszimmer

uberbringt, eine freundliche Aufnahme zu

gönnen, meinem WagniI3 keine andere als, wenn das Wort

nicht unbescheiden 1st, die collegialste Deutung bellegend.

Wie sehr gönnte ich Ihrer, wie ich mit wahrem Kummer

vernommen, stets leidenden Gesundheit den wiederbelebenden

und kräftigenden Einfluf3 des Himmels dieses Landes

und seiner trotz aller Verwilderung gottbegnadet

gebliebenen Bewohner! Diesem Einfluf verdanke ich es

allein, wenn ich meine praktische Musikercarrire mit

Beginn des kUnftigen Jahres wieder aufnehmen kann,

wenn ich der Hoffnung entgegensehen darf, im Laufe

desselben der Freude eines persönlichen Wiedersehens

mit Ihnen theilhaft zu werden.

Fra di noi - ich babe mich S. M. dem Könige von Baiern

zu aul3erordentlichen Dienstleistungen auf em paar

Monate (ob im Frühling oder im Sommer lä8t sich noch

nicht entscheiden) in München zur VerfUgung gesteilt

und dieses Erbieten, zu dem ich speziell durch die

Kunde von dem Wunsche S. M. nach einer WiederauffUhrung

des Wagner'schen 'Tristan' - mein Dirigentenprivileg

- bestimmt wurde, 1st an allerhöchster Stelle

mit gnädigster Annahme beehrt worden.

In der frohen Erwartung, Ihnen somit in nicht alizulanger

Frist meinen Glückwunsch zu vollständiger Herstellung

Ihrer für die Kunstwelt zu so segensreicher

Wirksamkeit berufenen irdischen Existenz und ihrer materiellen

Bedingungen in eigener Person darbringen zu

können, mit der Bitte, mich Ihrer Frau Gemahlin verehrungsvoll

zu empfehlen

Ihr in vollster und aufrichtigster Hochschätzung treu

ergebener Bewunderer

Hans von Bülow."


- 79 -

/T.B.2, 121/ 14. October /1871/.

Curt hat schon mehrere Scenen am Clavierauszug, d.h. an

der Composition der komischen Oper. Wenn er daran arbeitet,

darf ich nicht aus dem Zimmer gehen, weil beständige

Textänderungen erforderlich sind. -

An den Verein drama tischer Autoren in Leipzig den Beitritts-Betrag

von 5 Thalern gesendet.

Curt arbeitet an der III. Scene des 1. Aktes seiner komischen

Oper "Rathaus & Thurm". Es müssen sehr viele

textliche Anderungen gemacht werden.

Vorgestern kaufte er sich für 100 fl. eine neue Taschenuhr,

an der er sich holfentlich noch 3 Jahrzehnte gründlich

erfreut. -

16. October /1871/.

Die Druckbogen des Clavierarrangements des Nussbaum-

Quartetts sind gekommen. Wir spielten es genau durch

und tanden, daB gar kein Druckfehler darin sei. Während

des Spielens kam Curt die Idee, im Laufe des Winters

eine Matinée zu geben, in weicher er Compositionen seiner

Hand (Kammermusik) zur Aufführung bringen will. Es

würde mich freuen - aber die Gesundheit? - Er will diese

Matinée nur vor eingeladenen Gästen geben.

Stahl war da und Curt spielte ihm seine ganzen Scenen

vor. Er war glückselig über die Frische und den kerngesunden

Humor derselben. Curt sagt, das Componiren daran

sei überhaupt weitaus das Lustigste und Befriedigendste

- zurnal wenn man an die Launen der Theaterpriflzen denkt.

Wir konnten übrigens heute Nacht Beide nicht schiafen,

so sehr waren wir von der Oper hingenonimen.

/T.B.2, 123/. Ich ràumte heute Curt's Notenkasten auf.

Welch em Heer von Compositionen hat er schon! -

Am 5. October hat Curt die ersten Takte der Introduktion

seiner neuen komischen Oper: Thurm & Rathaus geschrieben,

und heute

Sonntag, den 22ten October

1st der ganze erste Act componirt und im Clavierauszug

geschrieben! Soeben haben wir's durchgenommen. Curt

componirte heute das Duett-Finale. Wir fühlten Beide,

daB es sehr dramatisch ist und werden uns hoffentlich

nicht täuschen.

Vor 4 Wochen noch in Bichi - und jetzt em ganzer Akt -


- 80 -

der dritte Teil der Opera cornponirt! Es ist unfaI3lich!-

Curt sagt, das Componiren sei das Lustigste an solch

einem Werke.-

25. October /1871/

Curt ist colossal fleil3ig. Er hat schon 2 Scenen des

II. Actes componirt und ist gegenwärtig an der 3., da

Frau Rothkopfin hereinkommt und das Mädchen ausschilt.

Jetzt kommt dann der grof3e Chor der Rathsherren etc.

/. . .1

Wir studiren gegenwärtigmjt grof3er Begeisterung an

Händels Theodora, die wir zur erstmaligen Aufführunçr

in Deutschland bringen wollen. Von Curt's Thàtigkeit

läf3t sich schwer eine Schilderung machen. Die Wunde an

der Hand ist noch often, maci-it aber doch den Eindruck,

als wenn sie sich in diesem Jahre noch schlieJ3en wolle.

Geduld, Geduld, Geduld!-

Hedwig von Holstein schreibt an Franziska Rheinberger:

"Leipzig, d.17t. Oct.

I.. .1

Ich bin in einem Taumel von Freude. Die Nachricht Ihres

Curtius von dem Beginn der Proben des Haideschachts in

M/ünchen/ war em fröhlicher Wilikonmien in der Heimath.

Ich hatte gar nicht mehr an eine Auffuhrung geglaubt,

denn Wüilner war mir mehr als abweisend. So hat es denn

Gott sel Dank Perfall durchgesetzt. Heute erhielten wir

von Wüllner die Nittheiiung, da2 die Auffiihrung Mitte

November, vieiieicht auch erst den 26t. Nov. stattfinden

solie, & daB die Stehie die Waiburg, Frau yogi die Helge

& Fri. Kaufmann den Bjoern singt, also die bestmögiichste

Besetzung. Dazu den Zusammenkiang mit dem himmlischen

Münchner Orchester - ich bin wagglich vor Freude & denke,

es muB noch etwas dazwischen kommen, es ware alizu schön,

wenn's würde. Und dann an Ihrer Seite dabei zu sitzen,

die alles mit mir durchempfinden wird - alle Angst & und

alle Freude & - wenn's noth 1st, auch den Schmerz, aber

den iieber nicht!!

Mein Mann denkt also 8 Tage vor der AuffUhrung mit Scariattis

Wurst & mit mir vor Ihnen zu erscheinen. I...!


- 81 -

/T.B.2,123/ 28. October /1871/.

Warum soil ich es nicht niederschreiben? Ich babe geschluchzt

wie em Kind, ais mir Curt soeben den Chor

"0 Du mein lieber Herregott,

bewahr' die Stadt vor Angst und Noth"

vorspielte. Auch Curt hatte Thränen in den Augen, und

konnte dann nicht mehr schreiben, so daB er den Hut nahm

und in's Freie ging.

Heute Abend wird im Hoftheater zu Mannheim die Wallenstein-Sinfonie

gegeben.

Es ist Abend. Curt schreibt noch immer unermüdlich. Nun

ist er bereits bei der SchiuBscene im Sitzungssaale, wo

das yolk den Einzug der Schweden meldet. Die nächste Woche

wird "der Lyrik aul dem Petersthurme" geweiht. Ich

freue mich darauf!-

/T.B.2,125/ Den 4. November schickte Curt den Clavierauszug

zum Thai des Espingo, den Cavallo unter seiner

Leitung anfertigte, an den Männergesangverein in Wien.

Er componirte den ganzen Tag.Gestern dichtete ich noch

40 Zeilen zum Quartett-Finale des II. Aktes. Curt componirte

es heute.

5. November /1871, Allerseelensonntag./

Curt ist mit dem 2. Akte der Oper fix und fertig. Am

22. Oktober fing er den 2. Akt an und heute liegt er

fertig da. Wir batten ernste Unterredungen mit Stahl, der

den III. Akt nicht gerne ändern wolite; nun sind wir aber

im Reinen und ich hoffe, zum Vortheil der Sache. Elnen

Abend war Buonamici da, Curt spielte ibm die ganze Sache

vor und Buonamici sang die Tenorparthie aus der Oper und

konnte sich nicht genug über die köstliche Sangbarkeit

wundern. "Sehen Sie", sagte Curt zu ihm, " Sie gehen zu

den Eutschen in die Schule, und ich zu den Italienern".

Wir haben in meinem Zimmer das prachtvoile Colosseumsbud

aufgehàngt, welches Curt von Bülow aus Florenz geschickt

bekam.

Heute kamen die Druckbogen des grol3en Requiems.

Der junge Hieber will morgen in der Theatinerkirche das

kleine Requiem /op. 84/ Curt's aufführen. Da batten wir

heute Probe . Der Chor vom Volkstheater und von der


- 82 -

Theatinerkirche, einige Studenten, Theodor Auracher,

Buonamici etc. und ich sangen die Probe in dein Ubungszinnner

des Odeons. Em eigenes Gefühl, so etwas zurn

erstenrnale zu hören.

6. November /1871/.

In der Theatinerkirche kam heute Curt's kleines Vokalrequiem

zur erstinaligen Aufführung. Hieber hatte es

sehr gut einstudirt und Alle, selhst der Volkstheaterchor,

sangen gem und gut. Curt hörte es draul3en und

kam zur tiberzeugung, daf3 eine Umarbeitung des Requiems

nicht notwendig sei.

Er cornponirte heute den ersten Chor des III. Aktes -

den Schwedenchor - sehr lustigl

10. November /1871/.

Die Druckbogen der Requiem-Partitur nach Mainz zurückgeschickt.

Es wird em reizender Stich.

12. /November 1871/.

Curt arbeitet ungeheuer scharf. Heute hat er bereits die

Ensemble-Scene von Wildenbrandts Verurtheilung componirt.

Er klagte, daJ3 die Scene so lang sei, wie em Bandwurm.

Glücklicherweise konnte ich ihm durch einen Rath

zu gutem Schiusse verhelfen, indem ich ibm sagte, er

solle nach Wildenbrandts Befreiung gestern folgende Melodie

singen lassen:

N

(.%'l - - _--_w_______

--

etc.

Diese Melodie stammt aus alter Zeit und ich babe sie

einst die Donau hinunter für mich gesungen zwischen Linz

und Wien. Curt fend den Einfall gut und ich schrieb auch

gleich die passenden Worte dazu. Draul3en fiel der erste

Schnee, Curt und ich arbeiteten in hächster Zufriedenbelt

und Einigkeit, in herzlichstem Glücke daheim. Es


- 83 -

war kostbar. Es sind wahrhaft schäne Stunden. -

/T.B.2, 130/. Am 5. October 1871 hat Curt die Composition

seiner 3-aktigen, komischen Oper begonnen, und

heute Abend,

den 16. November /1871/

durfte ich die SchluI3note des III. Aktes setzen. Nur ich

weiI3, was er in dieser Zeit geleistet hat. Leider hat er

viel Zahnweh.

November /1871/.

/. . . / Curt hat vom Könige einen Auftrag bekommen: Die

Musik zu Racine's Esther zu componiren. Curt antwortete

erst, warurn Wagner die Musik nicht componire, und wird

sich jetzt die Bedingungen überlegen.

/Novernber 1871/.

Curt kam zur Uberzeugung, daB der III. Akt zu kurz sei.

Er hatte den guten Einfall, noch eine Scene vorhergehen

zu lassen. Ich dichtete den Text dazu. Es muB nämlich em

abgetheilter Kerker sein, darin Wurzel und Heinrich Wildenbrandt

schlafen und dann beide "Lieben" ans Gitterfenster

kommen, urn Trost zuzusprechen. Es giebt dies Stoff

zu einem hübschen Quartette. Vier Seiten gedichtet von

1/2 9 bis 10 Uhr. Stahl karn mittags und war ganz einverstanden.

November 1871.

Wie em Kind hatte ich mich gestern Abends gefreut, mit

Curt zu dessen ehemaligen Lehrer /J.J.Maier/ zu gehen

und dabei zu sein, wie er seine Oper vorspielte. Da ich

es nicht ausgehalten hätte, während dieser Zeit neben Frau

Maier auf dern Canapee zu sitzen und über Haushaltung und

Catarrh sprechen zu hären, rückte ich mir einen Stuhi hinter

Curt und muBte schon über die kleinliche Vorbereitung

Maier's lächeln, wie er die Larnpe aufstellte (wie umständlich),

dann einen Lichtschirm an das Licht zwängte, sich

selbst eine andere Brille aufsetzte, den Stuhi ins Quadrat

auf den rich tigen Platz auf den Boden einbaute, eine enorme

Prise nahm, räusperte, und es dann losgehen lieI3! Der

deutsche Professor vorn Bilderbuch - lauter Kritik und Verstand,

nicht em Quäntchen Gemüth - nach Aussen!-

Curt einfach, lieb, ohne Praetension und Anrnal3ung, spielte


- 84 -

von A - Z die Oper ... und ich wunderte mich nur, daJ3

er nicht mitten drunter auffuhr, das Buch zuschlug und

sagte: i mag nimmer. Bei den lyrischen Stellen keine Bewegung

des Kopfes von Seiten Maier's - bei den komischen

kein Làcheln, bei den fugierten kein Zucken. Als Curt beendet

hatte, lieI3 er seine Einwände los: hier urn 6 Takte

lánger - hier einen tibergang statt eines Abschlusses, dort

die Strophe eines Liedes weg.- Das war Alles, was er sagte

- hatte aber glührote Backen und unter dern Stuhie lag

eine Fuhr Schnupftabak, der ihm aus derNase gefallen war.

"Es ist Ihnen heiI3 geworden", bernerkte ich ihm, urn doch

etwas zu sagen.

"Ja, das kommt, weil ich eine schärfere Brille aufgesetzt

habe." (Ja nicht aus Anregung der Musik - Gott bewahre.)

Nachher wurde zur Nacht gegessen und viel von Haushaltung

und praktischen Einrichtungsgëgenständen gesprochen, auch

von Hauptmann's Briefen.-

Als wir auf die Straf3e kamen in die belle, .frische Winternacht

mit den beschneiten Dächern, den Sternen am Himmel

und dern einsamen Licht auf dem Petersthurme oben, quoll

mir das Herz über. Ich sagte Curt, wie abgeschmackt es von

Maier sei, daB er nicht em ermuthigendes Wort gesagt babe,

wie rnir Buonamici's warrne Theilnahrne so gut gethan etc. -

Curt lächelte. "Wie kann man Maier und Buonamici vergleichen

wollen,"sagte er. "Ja wohi, das ist wie Kühleborn und Petrarca."

Heute sagte Curt lächelnd zu mir:"Nun wirst Du würdigen

kännen, was das heii3t, drei Jahre bei Maier als Schüler

auszuhalten. AuBer mir hat auch keiner ausgehalten!"

"Ich hätt's auch nicht ausgehalten", rief ich.

"Das glaube ich auch", erwiderte Curt.-

Zu den Mitteln, aus Peter Cornelius "einen berühmten Mann"

zu stempeln, gehört auch das, daJ3 in einem Berichte über

die Kgl. Musikschule in München steht, Peter Cornelius sei

der erste gewesen, der den Muth gehabt, das Lehrsystern nach

Hauptmann einzuführen. (Cornelius hatte, als er angestellt

wurde, Curt dringend gebeten, ibm zu zeigen, wie man überhaupt

unterrichte!) Ich brachte diese Zeitung von der Staatsbibliothek

heirn und war froh, daB Curt eine "Berichtigung"

an die Redaction der NZfM schickte, worm er erklärt, daB

er das Buch eingeführt. Diese Unverschämtheit geht zu weit.


- 85 -

den 25. Nov. 1871.

Curt hat nun das von mir gedichtete Quartett dem III.

Akte vorgesetzt, fertig componirt und bereits an der

Partitur angefangen. Er schrieb seit gestern 13 Partitur-Sei

ten.

Curt 1st vom Zahnweh befreit, seit ihm Dr. Beroz behandelt,

der wahrscheinlich den Nerv tötet.

Sonntag, 26. November 1871.

Curt hat heute 12 Partiturseiten an seiner Oper geschrieben.

An dieser Stelle findet sich in Franziska Rheinbergers

Tagebuch eine langere Eintragungspause. In diese Zeit

fl1t em Besuch des Ehepaares Franz und Hedwig von Holstems

aus Leipzig anläf3lich der MUnchner Erstaufführung

der Oper "Der Haideschacht" von Franz von Holstein am

26. November 1871 Im Hoftheater.

/T.B.2, 132 / 11. Dezember 1871.

Erste Aufführung in Deutschland von Händels Theodora

durch unsern Oratorienveein!

Nach zahilosen Hindernissen brachte Curt es dahin, daB

heute Abend das Concert stat tfinden konnte. Es ging vorzüglich

und begeisterte Sänger und Hörer. Vergangenen

Samstag sagte Fri. Salburg ab, well sie krank wurde, nachdem

sie die Theodora herrlich studirt hatte. Am Samstag

noch trat Frau von Beili em, der die Parthie ganz fremd

war, und ihr Eifer und Curt's Mühe brachten es dahin, daJ3

sie die ganze Parthie heute schön und ohne aile Fehier

sang. Bei der Hauptprobe war Schoiz nicht gleich da, well

er sich rasch einen Zahn hatte ausneh,men lassen, und plötzlich

kam em Diener aus dem Theater, die Orchestermitgiieder

könnten morgen nicht spielen, da sie zum Ballet müBten!

Curt lief nach der Hauptprobe mit Legationsrath Mayer zu

Perfali, der ihm sogleich das Orchester zugestand.

Gestern und heute ging nun Curt zu Frau von Belli, und mit

groi3er Besorgnis harrten wir auf den heutigen Abend...

aber die guten Geister waren mit uns. Dieser ehrenvolle

Abend wird uns unvergel3lich bleiben.

/..


- 86 -

17. Dezember /1871/.

Curt schickte endlich an Rubinstein in Wien seine grol3e

Concertfuge, die er ibm gewidmet hatte.

Curt ist fertig mit der Partitur des ersten Actes der

komischen Oper /Thürmers Töchterlein/.

27. Dezember 1871.

Heute war Lachner da, urn den ersten Akt von Curt's kornischer

Oper zu hören und trank vorerst behaglich mit uns

Cafe. Dann spielte Curt und es war interessant, die

Theilnabme und das Falkenauge des Aitmeisters zu beobachten,

der mit soichem Verständnisse die Partitur überflog.

Sein Urtheil war höchst befriedigend. Sowohi der

Text als auch die Composition gefielen ibm ausnehrnend.

Er sagt, die Situationen seien plastisch kornisch und

höchst wirksam, auch ohne Worte. tJber Curts komisches

Talent staunte er. Es war ibm diese Seite seines Könnens

ganz neu. Er meint, Curt solle doch die Parthie der Rothkopfin

der Frau Diez geben; denn für diese sei sie wie

geschaffen.- Curt, der den ganzen Akt aus der Partitur

spielte, war auch ganz zufrieden von dem Eindruck, den

er davon empfing. Die eingelegten Scenen statt der Dialoge

thun gar gut. Ich babe noch die Scene auf dern Thurm

zu machen.-

Adio, Jahr 1871.

Der Pianist Anton Rubinstein (1829-1894) schreibt aus

Wien an Josef Rheinberger:

"Wien, 3lten Dezember 1871

Geehrter Herr,

ich habe Ihre Zusendung des Praeludiums und Fuge für

den Conzertvortrag erhalten - be2ten Dank für die Widmung

- ich werde sie studieren - sie mut3 von grol3er

Wirkung sein.-

Ich verfolge mit grol3er Aufmerksamkeit Ihre Komponistencarriere

und freue mich über deren Erfoig.

Es wUrde mich freuen, die Gelegenheit einer persönlichen

Annäherung mit Ihnen zu haben - bis dahin mit besten

GlückwUnschen Ihr Ant. Rubinstein."


- 87 -

Am Jahresende schreibt Rheinberger nach Vaduz:

"Theuerste Eltern!

Wenn ich mir Uber dem vielen Notenschreiben das Briefschrelben

fast abgewöhnt zu haben scheme, so will ich

doch eine so wichtige Zeit, (die des Jahreswechseis)

nicht vorubergehen lassen, ohne den theuern Eltern das

beste Wohiergehen im neu beginnenden Jahre zu wünschen

und dabel Gott für das viele Cute des vergangenen Jahres

zu danken, vor Ailem für Ihre kostbare Gesundheit. Auch

ich kann, abgesehen von der Krankheit meiner rechten

Hand, die allerdings nun em volles Jahr dauert und nur

äul3erst langsam schwindet, mit dem verfiof3enen Jahre zufrieden

sein; ich kann bereits anhaltend schreiben, auch

em wenig Klavlerspielen. Die Wunde der Hand 1st noch

nicht geschlol3en, doch bin Ich dadurch durchaus nicht

an Ubung der Berufsgeschäfte gehindert. Nussbaum sagt,

es sei besser, wenn sich die Wunde recht lange nicht

schiie2e.

Die Vaduzer Orgel habe ich im October bei Steinmeyer besteilt;

sie bekommt 32 Register und 3 Manuale. Da13 ich

mit einer neuen Oper beschaftigt bin, wissen Sie bereits

durch meine Frau. Ich habe noch enorm viel damit zu thun,

denn ich soil bis Ende Februar damit fertig sein, damit

sie (wenn kein unerwUnschtes Hindernif3 kommt) im Monat

Mai auf dem Hof theater gegeben werden kann; und da ich

erst Im October begonnen habe und man sonst auf elne

3aktlge Oper wenigstens em Jahr Arbeit rechnet, so können

Sie sich vorstelien, da2 ich mehr Briefe versäumte,

als schön und gut war. -

Die Oper ist elne komische und heil3t 'ThUrmers Gertrud',

spielt in MUnchen, (anno 1626 als die Schweden hier Waren).

Gustav Adolf kommt auch drin vor. Vorgestern spielte

ich den ersten Act Lachner vor, der ganz entzUckt darüber

war (war's ganz aufrichtig?). Bülow hat in Florenz

em neues Werk von mir aufgeführt, das auf ailgemeines

Verlangen in acht Tagen wiederholt wurde.

Sie sehen also, daB ich nicht faulenze. Mit den herzlichsten

GrüBen und besten Glückwlinschen an Alie verbielbe ich

wie immer Ihr dankbarster Sohn

Josef.

München d. 30./12.71.

Alles Cute und Schöne von meiner Frau."


- 88 -

Franz von Holstein an Franziska Rheinberger:

"Leipzig, den 3ten Jan. 72

Liebe, hochverehrte Frau!

Elgentlich wollte ich das alte Jahr nicht scheiden lassen,

ohne Ihnen em Wort des Dankes zu sagen für die liebevolle

Thellnahme, weiche Sie und Ihr Mann mir in den

bewegten Münchner Heideschacht-Tagen haben zu Theil werden

lassen. So geschehe es denn jetzt - ich drUcke Ihnen

beiden in Gedanken recht herzlich die Hand. Zwischen

meiner Frau und Ihnen hat das trauliche 'Du' bereits

em Denkmal gestiftet, welches ausspricht, da1 Sie sich

gegenseitig auch in d e in mit Verständni6 begegnet

sind, was ich gewollt und vielleicht nicht ganz erréicht

habe. Sich auch d a verstanden wissen, wo man, anstatt

zu reden, vielleicht nur gestammelt hat, das thut doppelt

wohl. Das widerfuhr mir von Ihnen Beiden und von

manchen Andern, auf deren Urtheil ich Wert legen darf.

Das entschädigt mich für die wenig freundliche Weise,

mit der, wie ich höre, die Münchner Kritik mein Werk besprochen

hat. Ich beklage mich nicht deBhalb. Auch hier

in Leipzig widerfährt dasselbe manchem fremden Kunstwerke,

manchem fremden Künstler zugunsten einheimischer

Kräfte in mi8verstandenem Lokal-Patriotismus. Jeder bü2t

aber nicht allein um eigene Schuld, sondern mu solidarisch

für die Schuld seiner Mitmenschen mitbü1en und

einstehen. Künstler sind aber auch Menschen - wenn sie

nicht wie der grof3e Richard zum Gott geworden sind! -

und so 1st denn das mir von der Münchner Kritik Widerfahrne

ganz in Ordnung. Im ganzen liebe ich nicht, wenn

die Künstler, wie heutzutage üblich, viel Worte über

ihre Werke machen, und noch zu jedem Neuen wie die Huhner

anfangen zu gackern: 'Seht nur, welch schönes, neues

Ei ich da wieder gelegt habe!' Aber Freunden gegenuber

darf man sich schon em off enes Wort erlauben. So gewöhnt

ich an strenge Selbstkritik bin, wie weit mein

Schaff en auf Originalität Anspruch hat, dartiber getraue

ich mir im G a n z e n nicht zu entscheiden, wenn ich

auch im E I n z e 1 n e n wohl weif, was m I r angehort,

und was ich mir unwillkUrlich aus den reichen

Elementen des bereits Vorhandenen assimilirt und zu

eigen gemacht habe. Da ich aber fühle, ich habe manches


- 89 -

auszusprechen, was nur ich, nicht Andere sagen könnten,

was aber nur niir angehört, so hoffe ich, daI3 ich auch

hin und wieder den nur mir eigenthümlichen musikalischen

Ausdruck daflir gefunden habe. Em urwiichsiges, alles Varhandene

negirende und umstürzende schöpferisches Talent,

mit dem eben eine neue Epoche der Musik-Geschichte beginnt,

daftir halte ich niich freilich nicht. Und wHchst

nicht alles Rechte und Gute aus dem Vorhergehenden heraus,

wie in der Natur em Zweig tiber dem andern an dem

sich welter und kraftiger entwickelnden Stamme heranwHchst?

So Rafael aus Perugino, Beethoven aus Haydn und

Mozart und selbst Wagner aus Marschner und Weber. Auch

heute könnte ich meinen Heideschacht noch nicht besser

machen, als im Jahre 1867, wo ich die letzte Note davon

schrieb, trotz mancher Mangel, die in Folge der mehr

epischen Abstammung dem StUck anhaf ten. Was feinfUhlige

Naturen, wie Sie, was die Minorität eines tiefer emgehenden

Publikums an meiner Oper interessirt, trotz

mancher Mängel erwärmt und ergreift, da8 1st die gemuthliche

Versenkung in den Stoff, in die einzelnen Situationen,

die leichter wird, wenn Buch und Musik demselben

Herzen entsprangen. Zugleich die damit verbundene innere

Wahrheit. Tm Heideschacht ist keine Situation, kein

Konflikt, der in seinem innersten Keim (die Schuld des

Stirson ausgenominen) sich nicht auf S e 1 b s t e r -

1 e b t e s sttitzte, nicht in tiefster Seele von mir

durchempfunden ware - vielleicht mit tausend Schmerzen.

Wie Helges Tod die dramatische Versöhnung herbeifUhrt,

so hat der Heideschacht mich mit dem Leben versöhnt,

und wie eine ächte SUhne mir zugleich em neues Leben,

das eines künstlerischen, dramatischen Schaffens erschlossen.

-

Vielleicht trHgt diese Beichte, die ich Ihrer warmen,

mitfühlenden Seele ablege, dazu bei, Ihnen kiar zu machen,

was es eigentlich war, was Ihnen den Heideschacht

lieb machte. Ich werde vielleicht äu8erlich reifere,

btihnenwirksamere, ja hoffentlich kUnstlerisch selbständigere

Werke schaffen, diese, allerdings nur tiefer emgehenden,

feiner ftihlenden Naturen bemerkbare innerliche

Wirkung werde ich kaum je mehr erreichen. Wenn die

Kritik die Helge also nicht wahnsinnig genug, eine andere

für überfltissig findet, so ist darauf eben nichts


- 90 -

zu sagen, als das keine Spur des Grundgedankens, keine

Spur der beabsichtigten Wirkung durch die kritische

Brille gedrungen ist, und - der Rest 1st Schweigen! -

Doch genug von mir selbst. Es ist sonst nlcht meine Art

so - ich denke Sie verstehen mich auch darin und erkennen

in meinen Werken das Vertrauen, das ich sovieler

herzlicher Theilnahme glaubte schuldig zu sein. Denn Ich

mag noch so ernst in die eigene Brust blicken - Eitelkeit

war dieses Mal nicht dabei, wenn ich ausnahmsweise

von m i r redete. Wenn man von Etwas recht gemuthlich

ergriff en war, so erscheint Alles, was anderen Zielen

auf gangbareren Pfaden zustrebt, danach unbedeutender,

weniger sympathisch. So erging es mir selbst mit melner

neuen Oper, die mehr den Lustspielton anschlägt, so erging

es vor allem meiner Frau dieser gegenuber. Und doch

thut das Verschiedenartige wieder wohi und wirkt frischer

anregend auf die Phantasie.

Das hat gewi1 Ihr Curt auch bei seiner ächt komischen

Oper empfunden. Ich kann Ihnen nur wiederholen, dal3 die

zwei Akte davon, weiche ich kenne, einen g r o f e n

und durchweg wahrhaft erfreulichen und ächt befreienden

Eindruck gemacht haben, wie die heitere Muse ihn

üben soil. Lyrischer Schwung bei Volksthümlichkeit und

gesunder Derbheit Cob 'rUpeihaft' genug, wei1 ich zwar

nicht), dann eine beneidenswerthe Knappheit der Form,

eine meisterliche Beherrschung des dramatischen Elements,

- kurz - ich brauche nichts weiter zu sagen. Dergleichen

fehlt uns längst. Seit Lortzing, dem doch immer bei allem

Talent der Dilettantismus anklebt, und dessen Gebilde

inuner nach dem Qualm der Theaterlampen duf ten,

1st Etwas in ähnlicher Richtung nicht dagewesen. Bel

Ihrem Mann tritt noch die kUnstlerische Vollendung dazu,

die kontrapunktische Kunst, die nicht ihrer selbst wegen

da 1st, sondern wie spielend eintritt und dem Ganzen

Reichthum und Mannichfaltigkeit verleiht.

Ich freue mich augerordentlich, daB das Werk bald in München

studirt wird. Die Wirkung mu2 eine vortreffliche

sein, und nicht nur dort, wo die lokale Scenerie dem

Werke noch besondere Bedeutung verleiht, deren das Kunstwerk

als solches garnicht bedarf. In Bezug auf das dramatische

Element, welches so wirksam und ungezwungen sich

aus den ächt musikalischen Formgestalten entwickelt,


- 91 -

ohne gegenseitige Schädigung - stelle ich das neue Werk

sogar tiber die 7 Raben. -

Für deren Fitigge-Werden in Leipzig zu wirken, lasse ich

keine Gelegenheit vorübergehen - schon aus egoistischern

Interesse. Wenn Sie aber Ihr Hierherkommen ganz an die

Bedingung der hiesigen AuffUhrung der Oper knUpfen, so

ist das doch zu hart. Ware ich nicht v o r der Aufftihrung

des Heideschacht nach MUnchen gekommen, so wtirde

diese wohi nie stattgefunden haben, - wir hätten uns

garnicht kennengelernt und verstanden, und Scarlatti hatte

nie eine Wurst in Goldpapier erhalten! -

Liegt Ihrem Manne irgendwie an der hiesigen Aufführung

der Raben, so würde sein persönliches Erscheinen gewil3

am Ehesten zum Ziele ftihren. So egoistisch das für uns

klingt - es ist doch die Wahrheit. Freilich 1st nun

Leipzig kein soich erfreuliches Reiseziel als MUnchen -

aber mit einigen guten Freunden ist es hier doch em

paar Wochen auszuhalten, auch für verwöhnte Gro2städter

und königl. Residenzler. -

Wenigstens mu2 Ihr Mann aber an den Direktor Haase schreiben,

der vielleicht garnichts davon wei2, da die Raben

hier liegen und Curt keine Antwort erhielt. Er möge doch

auf Entscheidung drängen, oder urn Rucksendung der Partitur

schreiben. Kann er in seinem an den D I r e k t o r

gerichteten Schreiben meinen Namen erwähnen, so verschaf fte

dies mir vielleicht Gelegenheit, Herrn Haase meine Meinung

tiber die Oper zu sagen, und von dem Erfoig derselben

in München zu erzählen. Er ist im Ailgemeinen unnahbar,

und ohne Anregung von Curt's Seite fehit mir absolut

die Gelegenheit, für die Sache zu wirken. Der Kapellrneister

aber schweigt grundsätzlich tiber Alles, was

eine neue Oper (eine neue Arbeit!) betrifft.

Und nun leben Sie wohl im Jahre 1872 und lasse Gott

Ihnen alle Freude zu Theil werden, die Sie verdienen.

Die Gattin grti1t herzlich, wie ich Ihren Mann von Herzen.

Seien Sie gut, wie immer, und verzeihen Sie diese lange

brief liche Extravaganz

Ihrern aufrichtig ergebenen

Franz von Holstein."


- 92 -

/T.B.2, 140/ 1 8 7 2

Montag, den 1. /Januar 1872/.

Die erste That des neuen Jahres ist, daJ3 Curt dern Verleger

Seitz in Weirnar seine fünf Motetten urn den Preis

von 25 Thalern überläf3t. Die erste Motette heil3t:

Was toben die Heiden? -

Die zweite That war, daI3 Curt die II. Scene des II. Actes

seiner komischen Oper in Partitur setzte, er schrieb

heute neun Seiten. Gebe ibm nur Gott die Gesundheit,

daJ3 er das Werk ausschreiben kann, Er hatte massenhaften

Besuch von Schülern und Collegen. Zurn Glück ist auch

in seiner Heimath alles wohi.

Dienstag, 9. Januar /1872/.

Heute wurde Curt's Ouverture zu den 7 Raben in Dresden

aufgeführt; s'wird wohi gerade vorüber sein und der

sächsische Hasché /?/ seine Glacés beim Applaudiren

nicht verrungenirt haben, weil rnich seine Schwiegermutter

haf3t.

Curt schrieb an Haase in Leipzig, er möge ihm die Partitur

der 7 Raben zurückschicken, da er nach 2 Jahren

noch keinerlei Bescheid aus Leipzig bekommen.

Die 25 Thaler von Robert Seitz für die Motetten sind

eingelaufen, .folglich werden letztere gedruckt.

Mittwoch, 10. Januar /1872/.

Heute bekam Curt von Reinecke em hübsches Stückchen:

Gigue, gewidmet mit anliegendem Briefe.

Carl Reinecke an Josef Rheinberger:

"Verehrter Freund!

Nehmen Sie das kleine Stückchen, welches ich mit Ihrem

Namen geziert und wodurch ich zugleich eine alte Schuld

abzutragen suchte, freundlich auf! Soilte es Ihnen auch

als Musikstilck an sich em klein wenig Freude machen

können, so wurde's mich ganz besonders freuen. Später

werde ich Ihnen das Stückchen noch einmal in separater

Ausgabe zuzusenden mir erlauben, da ich mir das Eigenthumsrecht

für die Einzelausgabe vorbehalten, doch


- 93 -

müssen Sie einstweilen noch mit dem Stücke in dieser etwas

unvortheilhaf ten äu1eren Erscheinung fürlieb nehmen.

Mit der Versicherung aufrichtigster Hochachtung verbleibt

Ihr ganz ergebener

Carl Reinecke.

Leipzig, 8. Jan. 1872."

Curt instrumentirte heute das Terzett des II. Aktes

"0 Vaterlieb', du Gottessegen". Ich sah ihm dabei in

stillem Glücke zu. Hoffentlich kann er die Oper ohne

Störung zu Ende schreiben.

Freitag, 12. Januar /1872/.

Curt componirte heute noch die Scene auf dem Thurme,

wo die doppelte Brautwerbung stattfindet, die dann an

das Quintettfinale schliel3t. Ich hatte ibm die Worte

dazu geschrieben.

Abends war er dann noch so lieb, mir in die einstimmige

Messe das noch fehiende Benedictus zu componiren,

während Mama und ich am Tische, wo er saI3, ungenirt

plauderten. Er hatte sich dabei folgende Beschränkung

auferlegt: 1) Das Benedictus muI3 in einer halben Stunde

componirt sein, 2) Es darf kein Schreibfehler gemacht

werden und keine Note falsch geschrieben sein, 3) es

darf nicht länger als eine Seite (eng geschrieben) sein,

4) es darf in der Stimmiage nicht über eine Oktave Umfang

haben, es muf3 leicht spielbare Orgelbegleitung

sein. -

Ich bat ihn dringend, niir zu erlauben, daf3 die Messe für

unsre Vereinsandachten gestochen würde.

/T.B.2, 146/ 23. Januar 1872.

Curt bekam Nachricht von Hofmeister, daB er sein Variationen-Studienwerk

stechen werde. "Wieder em Ladenhüter

weg", sagte er ganz trocken komisch.

Er arbeitet jetzt an der II. Scene des III. Aktes, nachdem

er die grol3e Arie Wildenbrandt 's auf meinen Wunsch

geàndert hat. Sie trágt jetzt mehr den Charakter des junge9

Menschen - schwärmerisch - leidenschaftlich, von

enem Extrem in das andere fallend.


- 94 -

Den 26. /Januar 1872/.

Julius Jos. Maier ist der Ansicht, daf3 Curt einen ganz

energischen Brief an die Leipziger Theaterdirektion mit

Androhung gerichtlichen Einschreitens schreiben soil,

urn endlich Antwort oder Rücksendung der Partitur der

7 Raben zu erlangen. Am 26. Mai 1870 schickte Curt die

Partitur em, am 26. Mai 1871 frug er bei Capeilmeister

Schmidt an und vor 4 Wochen schrieb er an Haase. Keiner

antwortet. Es 1st eine unerhörte Flegeiei. -

Curt arbeitet gegenwärtig am Schwedenchor des III. Aktes.

Er hat bereits weitere Plane im Kopfe und lud mich em,

ihrn irgendeinen sagenhaften Text zu dichten. Ich denke

an die schäne Legende des hi. Christof.

Gestern übersetzte ich für Franz Lachner sein Stabat

Mater und schickte es ihm. Da es achtstirnrnig und im lateinischen

ungleich dekiamirt 1st, war die Mühe des Ubersetzens

grol3. Curt's arme Hand ist noch nicht ganz geheilt.

Rheinberger schreibt an den Direktor der Genossenschaft

drarnatischer Autoren, Deutschinger:

"Geehrter Herr!

Ich bitte Sie, mir gefälligst Auskunft geben zu wollen

Uber nachstehende Punkte.

Ich rnöchte meine Oper 'Die sieben Raben' dern Vertreter

der Genossenschaft drarnatischer Autoren Ubergeben und

ersuche Sie hiermit, rnir die genaueren Schritte hiezu

angeben zu wollen. Der Clavierauszug der Oper ist bei

Fritzsch in Leipzig gedruckt, die Oper selbst in MUnchen

und Mannheim gegeben. Ferner: Vor anderthaib Jahren

sandte ich die Partitur der 7 Raben an die Theaterdirektion

in Leipzig zur Einsicht. Nachdern ich nach Jahresfrist

keine Antwort erhalten, schrieb ich wiederholt darum;

ich bekam keine Antwort; ich schrieb an den Kapellmeister

urn RUcksendung der Partitur, ich schrieb an

Direktor Haae - keine Antwort. Da mich die Partitur 45 fi

kostet, so will ich sie nicht unbenutzt jahrelang irn

Leipziger Theaterschrank wissen und bitte Sie darum, mir

Auskunft zu geben, wie man bei der Leipziger Theaterdirektion

die Rückgabe der Partitur oder irgend eine


- 95 -

Antwort eriangen kann.

Sie werden mich durch gefälligste Antwort sehr verbinden.

Hochachtungsvol 1st

Josef Rheinberger.

MUnchen, den 27./I. 72.

Bis in circa 3 Wochen voilende ich die Partitur meiner

neuen komischen Oper: Thürmer's Gertrud, Text von Max

Stahl. Das Sujet 1st der Münchener Stadtgeschichte entnomnien

und spielt zur Zeit des Schwedeneinf ails im dreissigjährigen

Krieg. Wenn Sie an dieser Notiz für die

tNeue Zeit' Gebrauch machen wolien, so stelle ich es

Ihnen frei.

Ergebenst D.O."

Am 24. Januar 1872 wurde in Leipzig Franz von Hoisteins

Oper "Der Erbe von Morley" uraufgefUhrt. Franz von Holstein

schreibt an Josef Rheinberger:

"Leipzig, den 29.1.72

Verehrter Freund!

Das ware einmal wieder Uberstanden!

Das kiingt, werden Sie sagen, recht müde und wenig froh.

Und dennoch habe ich alien Grund, froh über den Erfoig

zu sein, über dessen Details Hedwig an Ihre liebe Frau

berichten wird. Das Publikum war sehr warm und animirt,

die AuffUhrung musikalisch abgerundet, und Alie mit grosser

Hingebung bei der Sache. Namentlich der zweite Akt

mit einer groBen Freiheit in Spiel und Gesang wiedergegeben,

was umso anerkennenswerther ist, da die Aufgabe

von der durch die moderne Oper den SHngern gegebene so

sehr abweicht. -

Die Kritik hat sich im Ganzen wohlwollend geauert, nur

im Einzelnen Allerlei gemunkelt und am Rande herumgezupft,

da der Mitte nicht mit Sicherheit beizukommen

war.

Gestern war die zweite Aufführung - leider zu gleicher

Zeit Büiows Konzert, trotzdem das Haus you und beifalislustig,

obwohl kaum eine bekannte Seele von mir darin,

denn Bülow hatte seit 10 oder 12 Jahren hier nicht gespieit.

Mir that es sehr leid, ihn nicht gehört zu haben,


- 96 -

obgieich er n u r Mendelssohn spielte. Ich sah ihn

heute flUchtig im Coupe vor der Abreise. Er schien warmer

und milder geworden - und recht viel alter. Ihre

Grüf3e habe ich ausgerichtet, er hörte mit Theilnahme,

daI3 wir uns nahständen, und dal3 ich Buonamici gesehen,

für den er grof3es Interesse hat.

Ihr 'Thai des Espingo', weiches der ARION (jUngere Studenten)

auffUhrte, konnte ich leider nicht hören, doch

soil die Aufführung sehr gut gewesen sein. Das Stuck

hat sehr gefallen und wurde von der Lokalkritik mit dem

gehörigen Respekt behandelt.

Ihr Raben-Vorspiel hat in Dresden sehr gefallen und C.

Bart un Dresdener Journal war des Lobes you darüber.

Das Thai des Espingo wird auch der Pauliner-Verein in

seinem Conzert (mit dem Gewandhausorchester) auffUhren,

da freue ich mich, das mir schon sehr lieb gewordene

StUck zu hören, und jedenfalls noch besser.

Auch Wüilner's 'Heinrich der Finkier' wird dann gemacht.

Das nächste Euterpe-Conzert bringt Zenger's 'Kain'.

Rechnen Sie dazu 2 Aufführungen des Fanny-Lachnerschen

Requiems, das am Paimsonntag auch in Dresden gemacht

wird, so werden Sie mir zugeben, daf3 die Münchner Komponisten

sich über Leipzig nicht zu bekiagen haben.

Jetzt war Dietrich hier, em alter Freund, und gerade

zur ersten Aufführung meines Erben. Er dirigirte im Gewandhaus

eine breitangelegte ernste Ouverture in c-moll

'Normannenfahrt' genannt, die aber erst spEter so getauft

wurde, und nicht einmal vom Componisten selbst.

Es war mir sehr ergötzlich zu lesen, wie die Herren Rntiker

sich bemühten, das auf dem Zettel nicht beigedruckte

Programm des Inhaits herauszuklauben und zu errathen.

Während das Stuck nur aus sich seibst heraus

nach ailgemein musikàlischen Grundsätzen construirt worden

ist, ohne jede Absicht, bestimmte Vorgänge zu schildern.

Nun, Dummheit 1st ja bekanntlich auch eine Gottesgabe

- nur tibertreibung ist schHdiich.

Die Ouverture, etwas ernst und schwer und ohne sehr

prHgnante Motive hatte nur einen Anstandserfoig, hätte

aber mehr verdient. Ebenso die Hymne aus dem Trauerspiel

Electra: 'Phöbus, Apollon strahlender Gott'. -

Und nun leben Sie wohl! -

Aber nein - noch nicht. Erst mu ich Ihnen sagen, daB


- 97 -

die /Theaterdirektion/ sehr bedauert, daI3 die Partitur

der 7 Raben spurlos verschwunden sel! 1st das wahr? Er

behauptet, er sei aul3er Schuld, was ich glaube, da sein

régime in Bezug auf bureaukratische Ordnung nichts zu

wilnschen Ubrig lä2t. Aber Sie dürfen doch die Partitur-

Abschrift nicht einbül3en. Sie m u 8 sich finden. Meine

Haideschacht-Partitur ward kürzlich auch nach Schwerin

verlangt, und war bereits seit 2 Jahren dort - aber

ganz vergessen! So gehts!

Ihrer verehrten Frau tausend GrUf3e. Das unter meiner

Chiffre erschienene Gedicht erfreute uns sehr und wird

nächstens im Kränzchen gelesen.

Nun leben Sie wirklich wohi! Ihr getreuer

Franz von Holstein."

Max Stahl, Librettodichter von "Thürmer's Töchterlein",

schreibt an Rheinberger:

"München, 1. Februar 1872

Geehrtester Herr Professor!

Das, was ich von Uranfang gedacht und gesagt habe, ist

eingetroffen: Der Titel unseres StUckes gefällt nicht.

So viele Bekannte ich bis jetzt gesprochen habe, Alle

ohne Ausnahme frugen mich: 'Warum haben Sie den Titel

der Novelle nicht beibehalten, der ist viel schöner, poetischer!

- Auch der Name Gertrud klingt nicht so schön

und heimlich, wie Elsbeth!' In der That 1st der Grund,

da8 in den sieben Raben auch eine Elsbeth vorkoinmt, kein

Grund, urn von dem Originaltaufnamen unserer Heldin abzuweichen.

Auch halte ich die Beibehaltung des Original-

Titels, abgesehen von seinem wirklich poetischen Reiz,

für einen Akt der Pietät gegenUber Herrn Dr. Trautmann.

Aus diesen Gründen, welche gewiB den Vorwurf von Grillenhaftigkeit

ausschliel3en, ersuche ich Sie und Frau

Professorin in unser aller Interesse a u f d a S

D r i n g e n d s t e, meinem Entschlul3 beizustimmen,

der dahin geht, der Oper den Titel 'Thürmer's Töchterlein'

und dem letzteren den Namen 'Elsbeth' zu geben.

Jetzt ist noch Zeit zu nderungen und Verbesserungen;

daf3 ich solche hiemit vorschlage, bestätigt mir jetzt

schon die aligemeine Stimme und das Urtheil aufrichti-


- 98 -

ger, sachverstHndiger Freunde.

Ich bitte, mir heute noch Antwort geben zu wollen, da

ich durch diesen Zwischenfall am Copieren des Manuscriptes

gehindert werde.

Die Zeit ruft mich in die Sitzung; die8 die Hinderungsursache

meines persönlichen Erscheinens.

Herzlichsten Gruf an Sie und Frau Gemahlin von

Ihrem ergebensten

Max Stahl."

Rheinberger antwortet Max Stahl umgehend:

"den 2. Februar

Geehrter Herr!

Sie werden sich freundlichst erinnern, daf3 der Titel mit

Ihrer Zustimmung gewHhlt wurde und dal3 ich meine Grtinde

hatte, Elsbeth in Gertrud zu verwandeln. Wenn Sie auf

dem Titel 'Thürmer's Töchterlein' bestehen, so will ich

mich bescheiden, aber dafür muB es bei Gertrud bleiben.

Ubrigens bitte ich, nicht den ReformvorschlHgen des ersten

BeSten, der das Werk wahrscheinlich nicht so genau

kennt, wie ich, Gehör zu geben, sonst könnte der Fall

eintreten, daB ich an dém Werke, das noch nicht fertig

ist, die zur Vollendung nöthige Lust und Liebe mehr oder

weniger einbüBe. Ich bin weder hartnäckig noch launisch,

wenn ich aber erst nach mehr als 1 t/2jahriger Bedenkzeit

das Werk in Angriff nahm, so glaube ich, behaupten

zu k5nnen, daB die von mir Ihnen gemachten Anderungsvorschläge

auch wirkliche Verbesserungen zum Vortheile

des Ganzen waren.

Ich wiederhole in bester Absicht, daB Hhnliche Vorschläge

der Förderung der Arbeit hinderlich sind, und daB ich

von etwas, was ich einmal für gut erkannt (und was natUrlich,

so weit es Sie betrifft, von Ihnen gebilligt

wurde), nicht mehr abweichen werde.

Mit freundlichem GruBe

Ihr ergebener

Rheinberger."

Franziska Rheinberger fUgt folgende Zeilen bei:


- 99 -

"Geehrter Herr!

Mein Mann theilte mir Ihren Brief mit und da ich an seiner

Stimme eine grol3e Erregung kenne, so erlaube ich mir,

Ihnen die Bitte zu überschicken, daI3 Sie der groBen Anstrengung,

die er in den letz ten Mona ten trotz seiner angegriffenen

Gesundheit clurchgefochten, es zuschreiben,

wenn etwa sein Brief gereizt sein soilte. Es handelt

sich urn Anderung des Narnens oder Titels. Wie wenig ist

das! Und doch war alles wohlüberlegt, sonst ware es bei

Ihrem ersten Titel 'Schön Elsbeth' geblieben. 'Thürmer's

Töchterlein' wurde von Autoritäten wie Riehi, Holstein

und anderen gescheidten Menschen ungeeignet gefunden.

Für den jetzigen Titel stimmten Sie selbst. Je mehr man

übrigens fragt, je confuser wird man, und wenn Sie den

Leuten, die Ihnen nach erstem Eindrucke ohne jahrelanges

Denken Rathschläge geben, em entschiedenes: 'die

Sache ist abgemacht' entgegensetzten, so kämen Sie und

Curt besser dabei weg, denn die Geschichte jenes Vaters

& Sohnes, die nur einen Esel batten etc., bleibt ewig

jung. -

So hoffe ich, daJ3 sich die Wogen wieder legen werden,

und bedaure nur, daB mein Mann, der sich so sehr auf

den heutigen Arbeitstag gefreut hatte, nun auI3er aller

Stimmung ist, die Feder anzurühren und dadurch eine bedeutende

Verzögerung entsteht.

Hoffentlich überwindet er den Uberdrul3, den er jetzt gegen

das ganze Werk hat; es ware doch traurig, wenn nach

soichen Anstrengungen ihm die Freude, zu der er wahrhaft

berechtigt ist, verleidet würde. Da Sie die Natur meines

Mannes nicht kannten, so mul3te ich Ihnen diese Mittheilung

machen, bin aber überzeugt, daB dieB der letzte

Sturm ist.

Freundlich grül3t

Fanny Rheinberger."

/2.2.1872/

Josef Rheinberger an Franz von Holstein:

"Hochgeehrter Freund!

Vor allem meine herzlichen Glückwünsche zu dem Erfolge

des Erben, der Ihnen umsomehr zu gönnen 1st, als Sie


- 100 -

mit nicht unbeträchtlichen Schwierigkeiten zu kämpfen

hatten und es heutzutage em wohltuendes Gefühl 1st,

wenn auch 'aul3er-wagnerische' deutsche Opern durchschlagen.

Da eine so grol3e und sehr schreibselige Partei

dergleichen nicht gelten lassen will, wissen wir - umso

besser, wenn derselbén hie und da em soiches Argumenturn

ad oculos vordernonstrirt wird.

Da unzweifelhaft noch einige Vorstellungen Ihrer Oper

gewesen sein werden, so wiirde es uns höchlich freuen,

wenn Sie, oder Frau von Holstein, noch weiteres benchteten,

da Zeitungsberichte bisher noch ausstehen. Also

em nochrnaliges herzliches Glückauf; möge der Erbe uns

bald in MUnchen besuchen!

In meiner famosen Leipziger Theaterangelegenheit geht

nichts vor. Direction, Haase, Schmidt etc. antworten

garnicht, die haben's gut - mit Schweigen kann man sich

ja den Ruf eines tiefdenkenden Philosophen erringen und

noch dazu so wohlfeil! Ich schrieb vor einiger Zeit an

Director Deutschinger, der ja die Interessen der dramatischen

Autoren & Componisten vertritt, - er schweigt;

auch Fnitzsch, einstens so federbeschwingt, schweigt -

grHl3lich - unheimlich - sollte in Leipzig em Geheirnbund

der 'Schweigenden' existiren, der das Gelübde der

Tintenenthaltsamkeit auferlegt?

Wie ware es, wenn ich durch em Telegramm mit bezahlter

Rückantwort die Partitur der sieben Galgenvögel von der

Direktion forderte? Die Sache wird durch ihre Langweiligkeit

nachgerade komisch. -

Heute begmnne ich (in der Partitur) das Finale des III.

Aktes von 'Thürmer's Töchterlein'; möge em guter Stern

darüber walten. Wie ware es, wenn ich die zu versendenden

Partiturexemplare versichern liege? - Existirt keine

derartige Gesellschaft?

Mein Librettodichter Hrgert mich von Zeit zu Zeit (in der

besten Meinung allerdings); er scheint rnanchmal Angst

für 'semen Theilt unseres Töchterleins zu haben; ich

dachte schon an König Salomon, der den Streit zu schlichten

eine radikale Theilung vorschlug. Wie wUrde man bei

einer Oper eine soiche Theilung anstellen? Ich ware in

der groten Verlegenheit - ich mül3te rein Nohl, oder

Maczewski oder einen anderen Musik'deuter'(früher hbrte

man Musik, heutzutag muB man sie deuten können) fragen -


- 101 -

denen wUrde, da nur Wagner eine wirkliche Vermählung von

Wort und Ton gelingt, es gewif3 nicht schwer werden, Text

& Musik chemisch zu sondern. Nun, am wenigsten VerdruB

haben Sie gewiB mit Ihrem Librettisten gehabt; schliel3lich

soil man sich die Texte eben selbst machen!-

Lachner geht in drei Wochen wieder nach Leipzig mit seiner

Suite No.6 ex C, auf deren reizende Gavotte ich Sie

besonders aufmerksam mache, auch seine "Cornaro" soil

dann dort gegeben werden. Zur Vorsicht wird er jedenfalls

eine zweite Partitur derselben in die Manteltasche stekken.-

An Frau v. Holstein meine herzlichsten GrUf3e, wie an Fri.

v. Holstein; auch an Volkiand. Scarlatti, der ehemals berühmte

Pianist, des Appetit in Folge unbegreiflicher Seelenwanderung

auf unsern dicken "Mohrle" übergegangen ist,

bittet semen freundlichem Gruf auch em Plätzchen zu

gönnen.

Mit den besten WUnschen für Ihr und der Ihrigen Wohi

Ihr ergebener Freund

MUnchen, 3./II.72 Josef Rheinberger."

Franz von Holstein antwortet Rheinberger:

Leipzig, den 7t. Febr. 72

Lieber, verehrter Freund!

Auch wenn Ihr so lieber Brief, für dessen warme, treufreundschaftliche

Gesinnung ich Ihnen recht von Herzen

danke, nicht eine baldige Antwort gefordert hätte, ich

hätte Ihnen doch heute geschrieben über das gestrige

Pauliner-Conzert,...

Gestern war nämlich em bewegter Tag - Hedwig's Geburtstag.

Nur em haib Stündchen beim FrUhstück waren wir allein

beisammen. Dann kamen Besuche lieber Freunde bis

Mittags. Nachmittags abermals Besuche und Abends 2, -

schreibe zwei - Conzerte...

Ich ging also zuerst in's Pauliner-Conzert, das zum GlUck

eine halbe Stunde frUher begann, u. hörte die glänzende

Anacreon-Ouverture u. Ihr "Thai des Espingo". Dann in die

Euterpe, wo ich pflichtschuldigst meine Arie genol3 und

eine ungarische Rhapsodie von Liszt (mit Orchester) durch

Fichtner trommein, klingeln, donnern u. pfeifen hörte -


- 102 -

eigentlich solite das StUck im Circus auf ungesatteltem

Pferde geritten oder getanzt werden.- "Hurrah! Hopsa!"

durch die Reif en gesetzt, groBer Bravour-Sprung:"Hussassa!

Hurrah!"- GroBe Voltige vorn Pferde - aufs Pferd!"Hurrah!"

Es leben hoch die Oktavengänge in der linken Hand, hoch

groBe Trommel, Triangel, Becken u. Alles, was da lärrnt

und schreit in einem wohi, oder vielrnehr Ubel assortirten

Orchester! Hierauf zwei innige Lieder von Robert Franz

durch unseren Tenoristen sehr innig gesungen u. fort in

das Pauliner-Conzert, urn die SchluBnurnrner: WUllner's Hemrich

der Finkler zu hören. Seit meine Oper wieder Uber eine

Vierteistunde zu lang ausgefallen, habe ich mit allen

Komponisten langer Kompositionen herzlichstes Mitleid,

auch wenn sie recht weilig dabei sind. Ich fUrchte fast,

WUllners Werk war für die Masse des Publikums Beides zusammen,

ist aber durchaus edel gehalten u. hat Moment

schönen Aufschwungs. Aber über 3/4 Stunden in der Tiefe

brurnmmende Männerstirnmen, das muB monoton werden.-

Ihr Werk, lieber Freund, hat mir ganz den Eindruck gemacht,

den ich beirn Lesen erwartete - ja noch viel mehr. Es ergriff

mich tief, denn das Ganze ist so innerlich u. seelisch

belebt, es ist alles darin warm und warrnernpfunden.

Bei dem Aufschrei des Chors nach langer hervorgegangener

Steigerung:t'O Heirnathwonne!" ist mir sogar etwas in die

Augen gekouimen

Und dann ist die Orchesterbehandlung mir so ganz sympathisch.

Em festgehaltener charakteristischer Grundton,

und die einzelnen Momente nur soweit hervorgehoben, daB

sie sich wirksam abheben, ohne herauszufallen. So die reizende

Wirkung im D-dur mit den ausgehaltenen Violinen, u.

das Cello bei den Rosen von Engadi. Zuweilen wünschte ich

den an sich sehr berechtigten Triangel weg.-

Man liebt jetzt mehr em buntes Mosaik von Tonfarben, die

sich untereinander in's Gesicht schiagen, sich überbieten

und die Augen elnander auskratzen wollen. Erst garnichts,

dann Alles FF.- Geigen u. Ho1zblser in höchster Höhe -

dann die tiefsten BaBinstrumente u.s.w.. So instrumentiren

Liszt u. Anhänger, Wagner u. Berlioz scheinen mir

noch weit einheitlicher. Alle haben es aber doch von Meyerbeer

gelernt. Es ist doch immer das Recept der Gnadenarie

mit etwas anderer Sauce.-

Ob ihr Werk dem gemischten Publikum des Saales gefallen -


- 103 -

das 1st schwer zu sagen. Der Applaus war lebhaft und lange.

Das Publikum des Pauliner-Conzerts ist kein eigentlich

musikalisches, sondern wird durch Freunde u. Freundinnen,

Hauswirthe u. Hauswirthinnen der Studenten gebildet. Manches

hUbsche Mädchen 1st mit semen Gedanken wohi schon

auf dem Balle, dessen Kosten vom Ertrag des Conzertes bestritten

werden. Wie gesagt, an Applaus fehlte es nicht,

aber das Publikum schien mir zu zerstreut, urn ganz der Innerllchkeit

Ihres Werkes gerecht werden zu können. Was die

hohe Kritik dazu sagt - nun, das werden Sie ja lesen und

über sich ergehen lassen wie Sonnenschein und Regen. Sie

wissen, wie mir's ergangen.

I.. .1

Nun leben Sie wohi. GlUck auf zur Beendigung der neuen

Oper, die bald erfolgen wird, u. viel Freude daran!

Ihrer verehrten Frau tausend Grül3e

von Ihrern getreuen Franz v. H/olstein/.

/T.B.2,.148/ den 27sten Januar /1872/.

Es .fehlen noch zwei Seiten, dann 1st der Schwedenchor fertig

geschrieben. Manchesmal bedaure ich Curt urn all die

Mühe und rufe ihm zu: Armer Curri! "Ja, da hilft jetzt alles

nichts. Durch muf3 ich!'' antwortet er und schreibt weiter.

Er hat groBe Energie.Er freut sich aber auch sehr auf

(Iberwindung des Ganzen.

/..

/T.B.2,154/Sonntag, den 4. /Februar 1872/.

Curt und ich sal3en am stillen Sonntag Morgen bei der Arbeit,

Curt an seinem Schreibtische, ich am Stickrahmen;

da brachte der Postbote em grol3es Paquet; ich dachte

erst, es sei die Partitur der 7 Raben. Doch nein, das gro-

Be Requiem kam. Em ergreifender Augenblick, dieses Werk,

an dem wir Beide so lange gearbeitet, das an all die herben

Verluste des grol3en Krieges schmerzlich erinnert -

gedruckt vor uns liegen zu sehen. Gedruckt mit schönen Titelblättern

und nun reisefertig, urn in die Welt zu ziehen

und an die Herzen der Menschen zu pochen!

Wie nahe stand es, daB Curt die Ankunft dieses Werkes

nicht erlebt hätte.

Und wie ware mir dann?! Herr ich danke Dir!


- 104 -

/T.B.2,155/ 16. Februar /1872/.

Nun hat Curt wirklich die letzte Note an der Composition

seiner Oper /Thürmers Töchterlein/ geschrieben. Seit ich

zuletzt hier einzeichnete, hat er die Ouverture nicht nur

componirt, sondern auch ganz in Partitur ausgeschrieben.

Wenn sie nicht gut ist, fällt em Teil der Verantwortung

auf mich; denn ich habe (auf semen eigenen Wunsch) viel

dreingeredet. Inzwischen war auch der Regisseur Grandauer

da , dem Curt sein Werk vorspielte und auf dessen Vorschiag

er auch einige Xnderungen machte. Nämlich statt

drei Akten 4, darnit die Theaterdekoration mit ihrer Beleuchtung

mäglichst gut vorbereitet werden kann. Ferner

net er Curt, in den Schwedenmarsch em Trio einzulegen,

damit der doppelte Kerker möglichst gut entfernt werden

könne. Curt dachte dann, daB hier als Trio em schwedisches

Nationallied am Platz ware; ich ging deshaib auf

die Staatsbibliothek, holte em Buch und noch am selben

Tage war die Partitur dieses Trio's notiert

Das Lied hei$t so: Mn stenbocks visa.

-- ---

- . --

-- -.

)I'I ', p

E1II j -

Als das fe.rtig war, componirteer noch em paar Melodrame,

da Grandauer 9'laubt, es mache sich das Sprechen nach dem

Terzett des III. Actes (0 Vaterglück) zu trocken.

Heute kam uns noch die Idee, ob es nicht doch recht vortheilhaft

ware, wenn der Thiirmer auch em selbständiges,

behagliches Lied snge. Ich ware sehr dafür, da soich em

Lied, wenn es gelingt, em wahres Volksgeschenk ist.-


- 105 -

Curt hat einen herrlichen Gewinnst im Kunstverein gemacht.

Eine Alabasterbüste von Hauptmann, griechisch-ideales Weib

darstellend. Er betrachtet es als Belohnung für Vollendung

seiner Oper.

An die Kgl. General-Intendanz der Hof theater in MUnchen:

Der ergebenst Unterzeichnete erlaubt sich hiemit, einer

hohen Intendanz die von ihm komponirte komische Oper

"Thürmers Töchterlein" zur gefälligen Einsichtnahme

(eventuellen Auffflhrung) einzureichen. Das der Partitur

beigelegte Textbuch 1st von Max Stahl verfaBt. Einer baldigen

Antwort entgegensehend zeichnet

einer hohen General-Intendanz

hochachtungsvoll ergebener

Den 22.Februar 1872 Josef Rheinberger

Da die Partitur der Ouverture noch beim Kopisten ist, so

wird sie in 4-5 Tagen nachgeliefert. D.0.

An den Rêgisseur Grandauer.

Heute habe ich endlich die Partitur (nebst Textbuch) melner

Buffa an die Intendanz eingesendet. Die von Ihnen

proponirten kleinen Anderungen, Eintheilung in 4 Akte,

im 3. Akt 3 kleine verbindende Melodramen, im 4. em Trio

zuin Schwedenmarsch werden Sie fertig vorfinden, und somit

sei Ihnen des "Thtirmers Töchterleln" empfohlen!

Mit freundlichem Gru2 und Dank

N., 22./11.72. Josef Rheinberger.

/T.B.2, 160/.

Curt schickte die Partitur der Oper em.

"Jetzt heil3t es, moralische Wasserstiefel anziehen",

sagte er zu Stahl. -

Wieder em Lebensabschnitt. -


- 106 -

E.W. Fritzsch, Musikverleger in Leipzig, an Josef

Rheinberger:

"Leipzig, den 17./2.1872

Verehrtester Herr!

Der säumige Schuidner rührt sich endlich einmal und sendet

Ihnen inliegend Einhundert Thaler in Cassenanweisungen

und Quittungen; verzeihen Sie ihm die Verzögerung

und theilen Sie ihm gelegentlich mit, wie welt sein

Schuldbuch noch of f en steht.

Ich erwarte jetzt jede Stunde die Revision des op.5O -

Clavierauszuges zurück, urn dieses Arrangement nHchs tens

versenden zu können.

Unser Brlefwechsel 1st recht ins Stocken gerathen, hoffentlich

kann ich mir diesen Sommer das Vergnugen ciner

persönlichen Vorstellung bei Ihnen geben. Sic können

trotz alledem meiner unwandelbaren Sympathie sich versichert

halten.

Hat Deutschinger Hoffnung mit den Sieben Raben? Weirnar

hat immer noch nichts von sich hören lassen und hier

füttert man trotz dern von Capeilmeister Schmidt Ihrem

Werk angethanen Lobe die Leute lieber mit Futter wie z.

B. Rei1mann's tGudrunt und Langer's Nachwerken seligen

Andenkens ab. Ich will wünschen, daa Ihre komische Oper

mehr ClUck rnacht.

Schott's haben mir das Requiem zur Besprechung im 'Musikalischen

Wochenblatt' zugeschickt; haben Sic vielleicht

specielle Wünsche bez. des Beurtheilenden? Ich habe noch

keine Anordnung dieserhaib getroffen.

Indem ich Sic schlie1lich noch herzlichst grU2e und mich

auch Ihrer vortrefflichen Frau Gernahlin bestens empfohlen

halte, zeichne ich wie stets als Ihr

hochachtungsvollst ergebener

E.W. Fritzsch."

Rheinberger antwortet Fritzsch:

"Sehr geehrter Herr!

Meinen verbindlichen Dank für Ihren letzten Brief und

Ubersendung der 100 resp. 72 Thaler, wodurch mein Guthaben

bei Ihnen vollends geloscht 1st. In welcher Art


- 107 -

soil ich Ihnen darUber quittiren? Die Correctur des

Thai des Espingo wird wieder in Ihren Händen sein.

Meine neue Oper 'Thüriners Töchterlein' ist heute der

hiesigen Intendanz ubergeben worden - möge sie unter

einem guten Stern geboren sein. Für Ihre guten Wünsche

in Betreff der selben meinen besten Dank. Wenn Sie aber

dabei eine quasi Parallelé (ob auch haib scherzhaft)

mit der Verbreitung der 'sieben Raben' machen, so kann

ich das insofern nicht ohne Weiteres hinnehmen, als ja

Ihr eigenes Blatt daran seine 'Unpartheilichkeit' dokuinentirte,

urn Ihren eignen Ausdruck zu gebrauchen; übrigens

ware ich ohne Ihre Bemerkung auf die alte Geschichte

nicht zurückgekommen. Abgethan ist die Oper indel3

noch nicht.

Urn auf das Requiem zu kommen, so ware mir eine Besprechung

durch Louis Ehiert, Heinrich Hofmann in Berlin

oder Otto Bonat in Dresden ganz genehm - ich kenne übrigens

Ihre Mitarbeiter und Correspondenten zu wenig, als

daf3 ich elnen Vorschlag machen könnte. Sie werden schon

die rechte Persönlichkeit finden.

Hat Ihnen Schott Partitur oder Clavierauszug des Requiems

geschickt? Partitur ware natürlich zu einer Besprechung

zweckdienlicher. Holstein's Haideschacht gefiel

hier sehr, und wie ich hörte, macht der 'Erbe' in

Leipzig auch Cluck.

Ihr Brief steilt einen Besuch in MUnchen in Aussicht,

was ich freudig begrü2e.

Von melner Frau herzliche Grül3e, sowie von Ihrem

ergebenen

Josef Rheinberger.

München, 22./2.72."

/T.B.2,160/ /27. Februar 1872/.

Tüchtig gearbeitet am Clavierauszug. Wahrscheinlich verden

wir Ende Februar noch fertig mit dem I. Acte des

Clavierauszuges. Wenn nur die arme Hand endlich - endlich

heilen möchte! -

/T.B.2,162/ /29. Februar 1872/.

Der Schaittag des Monats Februar wurde benutzt urn das

Requiem an Prof. Jul. Stern in Berlin zu schicken.


- 108 -

Curt schreibt dazu. Ob es Erfolg hat?

Es ist mein Wunsch, daB Curt sein Requiem dem König

übersenden soil. Curt glaubt, nein...

Doch ho.ffe ich, ihn dazu zu bestimmen und will das Buch

schän in schwarzem Samt mit Silberecken binden lassen.

In der zweiten Märzhälfte 1872 übersendet Rheinberger

sein Requiem König Ludwig II. von Bayern mit folgendem

Begleitschreiben an den Oberstceremonienmeister Graf v.

Pocci:

"Euer Excellenz erlauben mir die ergebenste Bitte, beiliegende

Partitur meines neuerschienenen Requiems zum

Gedächtnis der im deutschen Kriege 1870-71 gefallenen

Helden Sr. Majestät dem Könige zu Fü8en legen zu wollen.

Da ich die Ehre habe, von Ew. Excellenz persönlich gekannt

zu werden, so wird es der Versicherung nicht bedürfen,

da8 mich hierbei kein anderes Motiv leitet als

Sr. Majestät mit meiner K u n s t zu Diensten sein

zu können, wie ich es mit meiner Lehrthätigkeit bin.

Eine nahe projectirte Reise verhindert mich, Ihnen meine

Bitte mündlich vorzutragen.

Wollen Sie darum diese Zeilen freundlich aufnehmen.

Euer Excellenz gehorsamst ergebener

Josef Rheinberger."

Das Hofsecretariat Seiner Majestät des Königs von Bayern

antwortet:

"Euer Hochwohlgeboren!

Seine Majestät der König haben das Allerhöchstdemselben

vorgelegte Exemplar Ihres Requiems zuin GedEchtnis der

im deutschen Kriege 1870-71 gefallenen Helden anzunehmen

geruht und lassen Ihnen hierfür recht herzlich danken.

Mit vorzüglichster Hochachtung

Euer Wohlgèboren ergebenster

K. Hofsekretär

Hofrath PUtterich.

München, den 6. April 1872."


- 109 -

Joseph Kreji (1822-1881) an Josef Rheinberger:

"Sehr geehrter Herr Professor!

Eine bittliche freundliche Anf rage an Sie veranla8t mich

zu den vorliegenden Zeilen, deren Eiligkeit Sie wegen

der mich Ubervollauf in Anspruch nehmenden Geschäfte gütigst

entschuldigen wollen.

Das Comit für die diesjährigen Prager Conservatoriums-

Concerte hat nämlich Uber meinen Antrag die Auffuhrung

Ihrer 'Wallenstein'-Symphonie in dem fUnf ten, Ende März

d.J. stattfindenden Concerte beschlossen. Ich setze Sie

hiervon mit der herzlichsten Einladung in Kenntnis, dieses

Ihr herrliches Werk persönlich leiten und durch Ihre

Anwesenheit unsere beregte Concertauffuhrung illustrieren

zu wollen.

Einer gUtigen baldigen Beantwortung von Ihrer Seite mit

dem gröBten VergnUgen entgegensehend, habe ich die Ehre

zu sein

Ihr hochachtungsvol 1

stets ergebenster

J. Kreji.

Prag, den 21. Febr. 1872."

Rheinberger antwortet Krejai unter dem 27.11. 1872:

"Ihre freundliche und ehrenvolle Elniadung für Ende März

nehme ich gem an, nur wUrde ich gebeten haben, mir den

Tag des Concertes baldigst mitzutheilen, damit ich mich

darauf einrichten kann. Ich freue mich sehr, Ihr berühmtes,

junges Orchester kennen zu lernen, von dessen Vortrefflichkeit

mir Franz Lachner erst vor kurzer Zeit

noch sprach.

Meinen herzlichen Dank und die Versicherung voilkommener

Hochachtung

J. Rheinberger."

Auf diese Einladung hin trat Rheinberger zusammen mit seiner

Gattin am 21. März 1872 eine Konzertreise nach Prag an

und besuchte auf der RUckfahrt vom 29. MErz bis 1. April

1872 das Ehepaar v. Holstein in Leipzig.


- 110 -

Heute, am 2. März, erhielt Curt em Schreiben von der

Hoftheater-Intendanz, daf3 seine Oper "Thürmer's Töchterlein"

angenommen sei und dafür pro Aufführungsrecht

200 fi geboten würden. Wenn nicht im Laufe des Sommers,

so käme die Oper jedenfalls im Herbste 1/au fenden/ Jabres

dran. Ich brachte Curt diese Nachricht selbst an

seine Schule. Nun babe ich wieder mehr Lust am Ciavierauszug

zu arbeiten.

/T.B.2,162/ 16. März 1872.

Gestern führte Curt Lachner's Requiem im Oratorienverem

auf und Handel's "Trauerhymne". Die Soli des Quartetts

von Handel "Wessen Ohr sie hörte, der pries selig

sie" und des Requiems wurden gesungen von Frau Grill

(schlecht), Fri. Hedwig Kindermann, Herren Gebhard,

Niklitschek & Rüber. Die Chore gingen sehr frisch und

schOn. Das Concert war stark besucht. Ich bin für Curt

froh, dai3 es vorbei ist. Er leidet ohnedies viel an

Kopfweh. Wenn alles gut geht, gehen wir Mittwoch nach

Prag. Ich babe das Requiem von Curt prachtvoll in Samt

& Silber binden iassen. Er bekommt es zu seinem morgigen

Geburtstag. -

Auf der Trio-Soiree von Brmann, Abel und Werner wurde

Rheinbergers Quartett in Es-dur, op.38 in München aufgefuhrt.

Nach dem Konzert schreibt J.N. Nussbaum an den

Komponis ten:

"München, 27.3.72

Verehrtester Herr Professor!

Es drängt mich, Ihnen zu sagen, da$ ich gestern abend von

der Schönheit und Frische und den wirklich erquickenden

KlHngen Ihres Tonstückes überrascht war, obwohl mir melne

geringe musikalische Bildung selten in derartigen

Kunststücken Genüsse verschafft. Genehmigen Sie die grosse

Verehrung E.W. ergebst. Diener

Dr. v. Nussbaum.

P.S. Im Kruegerschen Institute findet Ihre Frau Gemahlin

zur Zeit elne Bauernsfrau, weiche accurat denselben Tumor

von Ca. 5 lb. exstirpirt bekam wie Frau Gemahlin; unter

69 Fallen 1st das der erste, weicher einem anderen ganz

gleich war, so verschieden sind diese Leiden."


T.B.2, 165/.

Reise nach Prag

Der Vorabend (21.März 1872) des Reisetages war uns sehr

unbehaglich. Wir nahrnen's innerlich tragisch und schwiegen

drum. Wenn man's zu Hause so gut hat, geht man nicht

gem auf die Wanderung. -

Als wir am 22. März (Freitag) Morgens auf den Bahnhof

kamen, standen Curt's Schüler da, Glötzner, Hohenegg,

Grossrnann, Buonarnici, Kilebert und Bussmeyer, urn ihm

glückliche Reise zu wünschen. Em reizender Gedanke von

den Keris. -

Nach dreimaligem Wechseln endlich em gutes Coupé gel unden,

wo wir uns etablierten. Zwei nette, norddeutsche

junge Leute fuhren mit. Der eine zog als lecture em

Opemnlibretto heraus: "Die Stumme von Portici"! Kein

Zweifel - er karn von München! In Regensburg gefiel uns

vorn Bahnhofe aus das Prof ii der alten Stadt so sehr gut.

Die Thürme des Domes. Curt freute sich, auf dem Rückwege

em paar Tage in der schönen Stadt zu bleiben. In

Schwandorf wurde die Gegend ungewöhnlich. Die Farben und

Linien des bayerischen Waldes waren uns sehr .fremd, aber

in ihrer eigenthümlichen Weise und der etwas frerndartigen

/T.B.2,166/ Einsamkeit die Gegend anziehend.

Von Furth nach Prag sind die Stationen sehr lang und man

freut sich, wenn man wieder Dörfer und Menschen sieht.

Es macht so recht den Eindruck der Fremde. Curt hat Kopfweh.

Er besuchte sogleich Krejói, der ihn aufforderte, Nachmittag

seine Sinfonie zur Probe zu dirigiren. Ich sah

inzwischen die Stadt an, die ich herrlich Linde. Es zog

mich in die Kirche. Wie bangte ich, daB Curt krank würde.

Er kam sehr zufrieden von der Probe helm; die jungen Geiger

haben einen merkwürdigen Schwung, sie spielen mit

Leib und Seele. Curt machte Besuch bei Graf Waldstein,

dem indirekten Nachkommefl des alten Wallenstein, dessen

altes Palais er noch bewohnt. Er lud Curt zu Tische em.

Curt schiug es aus, well ich bei ihm war. "Ich bin kein

relsender Virtuos, der sich einladen 1ä13t, indessen die

Frau im Hotel sitzt", sagte er zu mir ganz stolz; "meine

Frau gehört zu mir". Waldstein sei etwas frappirt gewe-


- 112 -

sen und Krej6i babe sich in böhmischen Bücklingen gewunden.

- Curt schlief schlecht, hatte heftiges Kopfweb

und Husten, was mir Sorge machte.

Es war em nebliger, düsterer, win terlicher Palmsonntag

(24. Màrz 1872). Vormittags ging ich theilweise allein,

während Curt einige Besuche bei Peche, Bärenreither,

Kreji etc. machte, Nachmittag aber führte er mich auf

den Hradschin. Wie seltsam die breite Treppe hinter der

Mauer /T.B.2,172/ hinauf, wo von 6 Stufen zu 6 Stufen

Bettler kauern, die an Armseligkeit in München ihresgleichen

nicht haben.

Oben war es ... wie es eben am Hradschin allein ist:

grol3artig, herrlich, imponirend von Geist, Natur, Geschichte,

Erinnerung! - Auch den Dom angesehen, und die

kleine Wenzelscapelle, wo es so überreich an Schmuck,

so kostbar ... und so melancholjsch 1st; denn aus alien

Juwelen und kostbarem Gestein gähnt einem der Tod entgegen.

Gegen Abend besuchte uns der liebenswürdige Fasanenspender,

Herr von Peche. Still im Hotel geblieben,

da sich Curt unwohl fühite. -

Montag (25. März 1872). Den Tag der Besichtigung der

herrlichen Stadt und der Hauptprobe gewidmet. Es ging

vortrefflich. Graf Waldstein kam herunter zu uns. Während

der anderen Probenummern setzte sich Curt neben mich

und da es kühl war, legte ich ibm den Plaid über die Knie

- so lauschten wir, bis es ihn traf.

Am nächsten Tage, Dienstag (26. März 1872), war die Aufführung.

Den Tag über schwiegen wir viel. Curt war erregt.

Aufführung der Wallenstein-Sinfonie in Prag.

Curt wurde mit Applaus empfangen, als er erschien. An

seinem Pulte hing em Lorbeerkranz, den ibm seine Schüler

an das Pult geiegt hatten (von München aus geschickt).

Das Werk fand eine vortreffliche Aufnahme. M i r war es

eine ernste Feier, es wieder zu hören, spielt es doch

in meiner Leidensgeschichte eine so grof3e Rolle: "Im

ietzten Satze", sagte mir Curt einmal, "ist Deinethalben

jede Note mit meinem Herzblute geschrieben".

(Krankheitszeit!).

Wir waren den Abend noch ganz still zusammen, well Curt

keine Einladung angenommen hatte. So sind wir in Leid

und Freud irnrner allein zusammen! Mir wurde seibst im


- 113 -

Werke heute erst manches klar. So das Zögern Wallensteins

woran sich das Befragen der trügerischen Sterne reiht.

Sine tiefe Bedeutung.-

Der Komponist schreibt selbst nach Vaduz:

"Prag, den 27./3.72

Lieber Bruder David!

Du wirst erstaunt sein, einen Brief von mir aus Prag zu

erhalten. Es kam dies so. Ich erhielt von der Direktion

des Prag. Conservatoriums die freundi. Elniadung, am 26.

d.M. meinen Wallenstein dahier zu dirigiren. Da die Zeit

in die Osterferien fiel und Fanny noch nie in Prag war,

so war der Entschlul3 bald gefaft u. durchgeführt. Letzten

Freitag machten wir die Relse und gestern Abend war

das Concert. Ich wurde zu meinem Erstaunen schon beim

Auftreten applaudirt, meine Schüler aus Miinchen batten

einen Lorbeerkranz geschickt, welcher das Direktionspult

zirte, kurz, es ging Ailes vortref filch. Graf Waldstein,

em dritter Abkommllng Waliensteins, interessirte

sich besonders dafür. Fanny wird wohi gelegentlich ausfiihrlicher

schrelben. Norgen nach Dresden. Herzliche

GrüI3e an die 1/ieben/ Eltern und Aile.

Dein Bruder böhmisches

Josefa Rheinbergra"

Franziska schreibt auf dem gieichen Briefbogen an Johann

Peter Rheinberger:

"Prag, 27. März 1872

Theurer Vater!

Nur diesen kleinen GruI3 will ich Ihnen aus Prag senden

und die Versicherung und die tfberraschung, daB Curt sehr

glücklich war mit seiner Aufführung Wallenstein's, die

im groBen Theater vor einer dichtgedrängten Menge stattfand.

Anbei em böhmischer Concertzettel. Wir gehen von

hier nach Dresden und werden in 8 Tagen wieder in München

sein,/. . . /

Sie batten sich gestern gewif3 auch gefreut, theurer Vater,

Ihren lieben Sohn auf der nehmlichen Stelle dingiren

zu sehen, wo einst Mozart semen Don Juan zum ersten

Male aufführte. Curt war vorher ziemlich angegniffen,

ist aber heute sehr heiter.


- 114 -

Auf baldige Nachricht von Haus freut sich nebst innigen

GrüBen an die liebe Mutter Ihre Tochter Fanny."

/T.B.2,172 Forts.!.

Als wir andern Tags, Mittwoch, 27. (Màrz 1872) am Morgen

auf die schöne Bastey gingen, die Vogel sangen und der

keimende Frühling sicht- und hOrbar wurde, war uns recht

weich und dankbar zu Muthe. Nicht übermüthig lustig, sondern

recht weich. So eigenthümiich friedvoll in der fremden

Stadt, so unbeschreiblich. Es war eine ganz musikalische

Stimmung. Photographien gekauft. Nachmittag, nachdem

wir bei Peche's em kOstliches Diner gehabt, das Wallenstein-palais

besucht und dann, da uns em bei Peche's

anwesender Gast semen Wagen überlassen und dem Kutscher

Weisung gegeben hatte, wohin er uns .fahren soil, eine

prachtvolle Fahrt über den Hradschin, die hohen Anlagen

und Carolinenthal gernacht. Leider bekam Curt solches

Kopfweh, daB ich in der Nacht die ernste Besorgnis hatte,

er mOchte sehr krank werden. -

Donnerstag (28. März 1872) wurde es besser. Wir fuhren

nach Dresden. Die Gegend ist /T.B.2,173/ durch die sächsische

Schweiz sehr romantisch, theilweise aber arm.

Dresden machte uns einen kOstlichen Eindruck. Nur die

Luft 1st schlecht und Curt hat imrner Kopfweh. Die Brühl'sche

Terasse besucht, dann die beiden Capeilmeister,

Rietz & Krebs, und dann die schOnen Kirchenfeierlichkeiten

des Gründonnerstag mitgemacht. So schOn. In der

Fremde diese katholische Heimat. Wir wohnten ira reizenden

Hc3tel Bellevue. Vor den Fenstern steht das Gerüst

des neuen Theaters. Hoffentlich erleben wir es, daB innerhaib

dieses Raumes noch einmal Rheinberger gespielt

wird. Graf Platen sei sehr gegen alle Neuerung und neue

Opern. Wir wolien sehen.

Die Kohienluft bekam Curt auch In Leipzig nicht gut, wo

wir uns sonst wegen Holstein's, deren künstlerisches Interieur

uns entzückte, sehr wohi befanden.

Die musikalische Kieinstaaterei kam uns ailerdings dort

komisch vor. Es interessirte raich, Curt's viele Verlagsfirmen

augenscheiniich kennen zu lernen. -

Ostersonntag (31. März 1872) feierten Curt und ich als

Catholiken in der katholischen Kirche. Dann, nach verschiedenen

schOnen und lustigen Eindrücken, fuhrenwir

Ostermontag (1. April 1872) nach Regensburg und als wir


- \ LUU

- 115 -

;-t-- ' - C)5

PRO 0-RAM

. _1uJii.bi Li

Praskó konservatoFo hiidby

za izenl icditelo

Josefa 'Crejiho

a za solovho 9p(A11111'SuhCUf ptnnistky pani

Sáry fle i iizo'. é z D i';'tzdaii,

j:tko I za laskavi}o spnlnptN(.beltf co skbulattIc professora na Muichovske

Loiisi-rva ofi lIUtIhy, pana

Josefa Rhinbergra,

v ü1er 26. biczna 1872 V 7 liodin 'eer

V k. flfliC(.JiCUA 1IflSIiUTh (JJVU.(IJC.

I. (/sf.

Koneetini oiiveiiiiva (D.moll) pro vclik orkestr

od Josefa Krejáiho. p. 4.

Koiieert (F'-inoll , is. 2.) pro klavir a orkestr od

Fr. Chopina. Op. 21.

Solo nI klvir: p. Sara Helnzová.

Frant. Stlii,I,erta IInite4 Iii poeliod (Es-molt,

is. 2.) pro velik orkcstr upiavcn od Frant. Liszta.

(Po prvé.)

Ktnertiii siJatiha (F.inoll, die Iienseltova novélto

vydáni,) pro kiavir a orkestr od K. M. z Vebr&

01). 79.

Solo no kla,ir: p. Sara Heinzová.

II. Casf.

5. ,,a1Ie,.te.ii ," SIII1)IIOhIi(kfl iiiallia

(D-inoll) pro vclik oikcstr od Jos. Rheinbergra.

Op. lu. (Po pné)

I. pedehra; 11. TheIcla; III. Wallenteinovo leeni kzárn kapucinské IV. Wal.

lensteinova smr. Vcloui po nL nyeoka jest zo Sdleroy truj,Llodby.

Oobniui izeum pano skiadatele.

Koncertni klayir ol Blüthnera jest ze skiatlu plan p. Em. Wetzlera.

KORCC pae(I )&I 10. hOd hitia u.

-L......

-'--"-:'

Naklndem vlatnitn. - Tskom Kanla flellotauna Praze iSl2. k. N. P.

4


116 -

PIIOGIIXMI\i

zu deni

CONGERTE

d's

Prager Coiiscrvatoi'iunis der illusik

sinter Lcituiig des Direktfrs

Jcse]3b. Irejôi

11 nfl miter ulo - Mitwirkung der ( l:ivicrvirtnosin Frau

SARA HEINZE AUS DRESDEN

sowk iinter gcfdligei \I Iwirkung dr's als Cunipnnist auftrctenden

l'rofessurs ani "lwir:liiier Musike.nsrr-aturiuiII, llerrn

Joseph Rheinberer,

inn 7 ihr Abends

jill

rJrk. d.CttlkC!1. '[thco.tcL.

Dienstag 26. )liirz i'

I. Abtheitung.

Voncert-Onveiiure 1)-inoll) fur giosses Orchester

von Joseph Kr'jOi. Op. 4.

Concert ( 1-mull. Nr. i, für Clavier mid Orehester

von Fr. Chopin. 01). 21.

r-,!o Fr. Sara Henze.

Fr. eIltII)eIi 'Jrnigt'iiiiii-Ii Es-moll, Nr. 2') für

grosses Orliester ubertragen von Fr. Liszt. (Zulu

('rstcn Male.)

4 ( 'oucet .l i'ieL ( F-mull, i'.ali dii' neiieii 1I'nselt'sthen

Aiig:the,) mr (ztvir u:m Orehester von C. lvi. VOn

Weber. Op. 7).

Ciae'kr-Solo Pr. Sara Helnze.

II. Abtheilung.

5. fleiiteiia," - iphonieIies 'I'oiige-

,iiiIde (I) - mnoll) für grosses Orehcster von Joseph

Rheinberger. Op. 10. Zijin ersien Male.)

I. Vorspiel ii. Thekia III. Walleastein's Lager nd Kapucinerprcdigt IV. Wetlen8tein's

Ted. 1ff C Cf 'fl'IC p0''tf,.fhO iso t 5 ii I re Fri toio Cotnorn men.

Un ter perffJf toher Leitung rls 1 f'rrn (.onf poe Sten.

Der Concertflugel, sin Bliithner. ist aus dem Nagazin des Herrn

Em. Wtzer.

Ejide gegeii halb 10 Lhr.


- 117 -

Dienstagmorgen unter der Halle der "einzigen" Walhalla

standen, wurde uns das Herz sehr weit und grol3. Dieser

frohe Frühling - Vogel gesang - Gottes und Menschengeist

- überstandene Kunstreise, der majestätische F1u13 zu Fü-

I3en, die blauen Bergeslinien in der Ferne... das war eine

gottbegnadete Stunde! Dann in die Heimath zurück!-

Auch die Hoteirechnungen bewahrt Fanny in ihrem Tagebuch:

"Schwarzes Ross", Prag: 28 Gulden 55 Kr.

"Bellevue" Dresden: 6 Thaler, 12 Gr.

Wichtiger ais diese Souvenirs 1st das Dipiom, das Ernst

Graf von Waldstein als Präsident des Vereins zur Beförderung

der Tonkunst In Böhmen mit nachfolgendem Begleitschreiben

Rheinberger Uberinittelt:

"Euer Wohlgeboren!

Der Verein zur Beförderung der Tonkunst in Böhmen hat in

dankbarer Anerkennung der, dem Vereins-Konzerte am 26.

März 1872 geschenkten Mitwirkung Euer Wohigeboren zum

Ehrenmitgliede des Conservatoriums zu ernennen befunden.

Ich gebe mir die Ehre, hiervon Euer Wohigeboren unter

Anschluf3 des Diploms Erbffnung zu machen.

Empfangen Euer Wohigeboren die Versicherung meiner person

lichen Hochachtung.

Prag am 9. April 1872 Der PrHsident

Gf. Waidstein."

Joseph Krejai, der Direktor des Prager Conservatoriurns,

sendet dazu folgenden Kommentar:

"Sehr verehrter Herr Professor!

Eben im Begriffe stehend, die beigeschiossene Zuschrift,

von der Vereinsdirektion an Sie gerichtet und Ihre in

der am 8. dieses abgehaltenen Generalversammiung beschiossene

Ernennung zum Ehrenmitgliede des Prager Conservatoriums

betref fend, sammt Dipiom abgehen zu lassen, langte

Ihre Münchener Sendung an Se. Exceilenz den Präsidenten

Hrn Ernst Graf en von Waidstein an, die zu überweisen ich

indel3 erst heute in die angenehme Lage kani. Die Uberraschung,

die Sie durch diese ebenso Inhaits- als geschmackvoile

Widmung dem Präsidentengrafen (sic) bereiteten, war

in der That gro8, und läBt Ihnen hochderselbe semen


- 118 -

wärmsten Dank durch inich ausdrücken.

Auf Ihre obberegte Wahi nun zurückkommend, glaube ich

bemerken zu mUssen, da8 dieselbe einstimmig erfolgte u.

ich mich demnach über diese einhellige Anerkennung Ihrer

kUnstlerischen Gediegenheit und ausgezeichneten Thätigkeit

ebenso herzlich freue als ich Ihnen aus ganzem Herzen

gratuliere.

I.. .1

Ihr hochachtungsvoll stets ergebener J. Kreji.

Prag, den 21. April 1872."

/T.B.2,176/ 7. April /1872/

GroI3es Diner mit säimntlichen Schülern Curt's, die ibm den

Lorbeerkranz geschickt hatten. Es war zu hübsch. Meine

blaue Grotte war festlich hergerichtet. Blumen auf dem

Tische, schön gedeckt, recht frisch und neu alles. Neben

rnir saI3 der junge Prager Kliebert, em wohlerzogener,

liebenswürdiger Mensch. Auch meine Mama war dabei. So

heiter und glücklich sah alles aus. Curt war... sehr. nett

anzusehen mit seinem ehrlichen, gemuthvollen Gesichte.

19./April 1872/.

An die Familie Waldstein die schön gebundene Partitur

der Sinfonie Wallenstein geschickt. Ich dichtete .ein

Sonett für das Titelblatt. Verdruf3 mit dew unqeschickten

Buchbinder.

Curt allein in der Passionsmusik von Bach gewesen. Er kam

durchgeistigt, aber erschöpft heim.

Nach dem Besuch Rheinbergers in Leipzig schreibt Hedwig

von Holstein unter dem 9.April 1872 an Franziska Rheinberger:

"Da13 Dein lieber Mann so gut war, so mittheilend & zahm,

hHtte ich ihm kaum zugetraut; ich habe darin seine ganze

Freundschaft für uns recht deutlich herausgeüh1t; ich

fürchtete, er werde viel zurückhaltender sein. Welche

Freude machte uns sein Spiel & sein ganzes liebes Wesen.

so Achtung gebietend & gleichzeitig so unbedingtes Vertrauen

erweckend. Gott erhalte ihn nur gesund!


- 119 -

Der Geiger Heckmann kam aus Carisruhe & brachte die Zeltung

mit, daB Levi ais Capelimeister an's MUnchner Hoftheater

engagirt sei & jetzt definitiv angenommen habe.

Wir wunderten uns sehr darüber, da Levi eine höchst beneidenswerthe

Steilung in Carisruhe hatte & sich dort

sehr giuckiich fühlte. Wie das mit Wüiiner gehen soil,

kann ich nicht recht begreif en, Levi so sehr viei jUnger

& so sehr viel begabter! Er ist einer der geistvolisten

Musiker, die wir kennen, erinnert mich sehr

an Mendelssohn, obgieich letzterer viei glatter & giHnzender

war. Es kann wohl sein, daB Ihr Euch nicht mit

ihm vertragt, & das solite mir leid sein, denn wenn

man ihn näher kennt, muB man ihn lieb haben. Wir kennen

ihn schon ais Knaben, ais er auf dem Conservatoriurn

war. Er ist natüriich em ächter Levit, wie sein Name

sagt - sein Vater der l4te Rabbiner In directer Abstammung

& ohne Unterbrechung der Reihe. -

Er ist durchaus nicht für Wagner, nennt es aber eine

Thorheit, die Bedeutung Wagners abieugnen zu wollen,

& schimpft nicht auf ihn. Sein Abgott ist Brahms, er

halt ihn für die Fortsetzung von Beethoven, so welt

das in einem anderen Individuum & in einer neueren Zeit

moglich sei. AuBer von Brahms will er von der modernen

Musik nichts wissen, glaubt nicht einmal an die Zukunft

Schumanns, halt ihn für verderbiich für die Jugend,

statuirt nur die Classiker für seine Schüler. -

Levi 1st einer der wenigen Musiker, die ehrlich sind,

er 1st rücksichtslos & gerade, ohne Façon und vielleicht

auch ohne besondre Pietät. Kannst Du Dir ihn nun

vorstellen? Schüler & Orchester lieben ihn abgöttisch,

er kann aile urn den Finger wickein. AuBer seiner Musik

hat er viel Schönheitssinn im Allgemeinen, kauft

sich Bilder von Feuerbach & schwärmt für Hölderlin.

Basta, ich möchte gem, daB Ihr mit ihm verkehrtet, es

fehit oft nur am guten Willen, daB die Menschen nichts

von einander haben, & die Anfänge einer Bekanntschaft

sind meistens bestimmend auf die ganze Zeitdauer.

Franz will morgen semen 'Erben', so wie er 1st, zum

Druck hingeben. Ach, w e n n Dein Mann hier ware!! In

der kurzen Zeit Eures Aufenthaltes wolite ich es ihm

nicht zuniuthen, die Partitur durchzusehen, & fürchtete

auch, uns alien die Stimmung zu verderben. Ich sehe


- 120 -

so deutlich, dal3 Manches in dem lieben Werke anders sein

könnte & daf3 jetzt noch abzuhelfen ware, wenn Franz eine

Autorität als Rathgeber hätte. Partheilichkeit & Neid

sind zu grol3 bei den hiesigen Musikern, & Rietz 1st zu

faul.-

Gott befohlen. Habt noch tausend Dank Beide!

H/edwig/ v/on/ H/olstein/.

In bezug auf den Erben ist Franz auch em "Bockerltt, nun

gerade ändert er keine Note."

Julius Stern (1820-1883), Musikdirektor in Berlin, BegrUnder

und Leiter des nach ihm benannten Gesangvereins und

des Konservatoriums der Musik, meldete aus den Osterferien

sein Urtell über Rheinbergers Requiem in einem Brief an

den Komponisten:

"Hochgeehrter Herr!

Seit Donnerstag hier im Gebirge, hat mich die stille

Osterzeit mit Ihrem grot3en, ernsten Werke ordentlich

bekannt gemacht. Ich kann Ihnen nicht genugsam sagen,

wie tief mich Ihre Composition berUhrt hat und wieviel

Freude mir dadurch für die Ostertage in dem sti1len

Gebirgsdorfe bereitet wurde. Wie gem würde ich das

Requiem im nächsten Winter bringen! Und doch 1st wenig

Aussicht dazu. l4ein Gesangverein hat au6er 2 und 3 maligen

Aufftihrungen des Requiem's von Jomelli, Mozart

und Cherubini, 4 inal,sage viermal, das von Kiel, einem

Berliner Componisten, gebracht. So sehr auch die Werke

gefallen, hat doch unser Vorstand beschlossen, und zwar

bel Einsendung des Lachner'schen, vorerst kein Requiem

singen zu lassen. Dazu köinmt für diesen Winter noch, da8

wir unser 25-jähriges Jubeljahr felern und die Werke für

die nächste Saison schon bestimmt sind.

Es 1st mir förmlich schmerzlich, em so gehaltvolles

Werk, wie das Ihrige, in den Kasten zu sch1ie1en und den

Musikfreunden vorzuenthalten. Aber der übernächste Winter

soll nicht vergehen, ohne da8 wir mit unsern schwachen

Kräf ten Ihren Ruhm singen. Ich denke, Sie kommen

dann zu uns mid dirigiren selbst. Der Chor 1st nicht

schlëcht und dürfte Ihnen Freude machen. Mit dem herzlichs

ten Dank und in wahrer Verehrung Ihr ergebenster

2ter Ostertag, Hohenwiese Julius Stern

im Riesengebirge, Schiesien. Prof. u. Mus.Dir."


- 121 -

/T.B.2,176/ 19. April /1872/.

Vor elnigen Tagen auf Verlangen an den Präfect des Knaben-Instituts

in Augsburg (St. Stephan) die Instrumentation

von Jairi Tdchterlein geschickt. -

Heute schreib ich trotz geschwollener Backe 13 Seiten

am Clavierauszug der Schwedenoper. - Curt brachte mir

zum Lohn die Groschenbüchlein: Calderon's "Das Leben em

Traum" und Kotzebue's "Kleinstädter". -

Curt war heute sehr angestrengt mit Stunden. -

21. April /1872/, Sonntag.

Am Clavierauszug der Schwedenoper gearbeitet. Curt linirte

vor bis zum letzten Takte. Er wird dann Zeitlang

haben, wenn die Oper fertig ist. In der Dänimerung lag

er auf dem Sofa beim Fenster in seinem Zimmer und ich

spielte Einiges aus den 7 Raben, was mich fast traurig

machte. Curt 1st strenge in der Kritik gegen sich,

spricht niemals renomirend oder kiagend - schweigt also

auch darüber, daB diese Oper so eingeschlafen ist,

und doch muf3 ich es sagen dürfen, daB die Musik wahrhaft

lyrisch und schön ist, so rein und zart - das Finale

erinnerte mich so lebhaft an die grol3e Wonne, als

ich es zum erstenmale hdrte. Curt hat aber doch die Uberzeugung,

daJ3 die Oper noch eine Zukunft hat. -

Fanny Itheinberger schreibt an ihren Schwager in Vaduz:

"München, den 28. April 72.

Lieber David!

Da ich Sehnsucht habe von Vaduz Nachricht zu bekommen

und ich auch fürchte, dai3 Maly meinen letzten Brief nicht

erhalten, versuche ich es einmal wieder, Dir zu schreiben,

zumal ich weil3, wie pünktlich Du im Beantworten

der Briefe bist, so daJ3 auch ich mir em Beispiel an

Dir nehmen darf.

Von Peter erhielt ich vor elnigen Wochen einen zufriedenen

Brief über die Besserung im Befinden Theresens,

doch schrieb er so viel wie nichts von den Eltern, Euch

und Egon und ich möchte gar gerne wissen, wie es bei

Euch steht.

Unsere Pragerreise wird Dich interessirt haben, nicht


- 122 -

wahr? DaB Curt dort Ehre einlegte mit seiner Kunst mag

Dir beweisen, daI3 er vor einigen Tagen em Diplom zugesandt

bekam, durch weiches er einstimmig zum Ehren-

Mitglied des Vereins zur Beförderung der Tonkunst in

Böhmen ernannt wurde, eine Ehre, mit der man nicht so

sehr freigebig in Böhmen ist. -

Seit gestern sind wir auch riit dem Clavierauszug der

neuen Oper fertig, doch wird dieselbe erst im Herbste

dran kommen, was Curt auch viel lieber ist, da er jetzt,

nach der angestrengten Arbeit lieber Erholung hat und

sucht. Die Hand ist noch immer nicht ganz geheilt und

Buhl ordnete wieder das Bad Bichl für den September und

Kreuth für den August an. Es ware zu wünschen, daJ3 diei3

Leiden endlich gehoben würde. Im Ubrigen fühlt sich Curt

viel wohier hier, als in Prag und Leipzig und freut sich

ungemein über den schönen, lang ersehnten Frühling.

/.. /

Gegenwärtig wird von Curt eine lebensgrof3e Büste gemacht,

um dem Wunsche eines Bildhauers zu willfahren.

Wenn er auch eine kleine Büste derselben nachmacht, so

werde ich Euch eine zuschicken, das wird aber noch eine

Weile dauern.

Während ich Dir schreibe (Sonntag Nachmittag) flachst

er ganz bequern auf einer Chaise longue in meinem Zimmer

und staunt über das miserable Clavierspiel eines jungen

Baron, der über uns wohnt. -

Die Steigerungswuth der Wohnungen ist übrigens jetzt

eine so groi3e, daB auch wir, so oft es schelit, einen

Brief der Hausfrau erwarten. Treibt sie's zu arg, so

ziehen wir eben aus. Es wird wohl wo anders auch noch

em Nest geben.

/.

Kurri, das 'Ehrenmitglied böhrnisches' läJ3t Dich bestens

grüBen und hofft gleich mir, daJ3 daheim Alles gut steht.

Wie paradisisch schón muB es jetzt bei Euch sein, wenn

das junge Grün kammt.

In herzlicher Freundschaft

Deine Fanny."


- 123 -

/T.B.2,185/ /Ende Mai 1872/.

Das drjtte Concert des Oratorienvereins, dessen Zusammenstellung

Curt vieles Nachdenken verursacht hatte, tiel

ausgezeichnet aus und trug ihm viel Ehre em. Hermann

Lingg war ganz entzückt über die Composition der Wasserfee

und kam sogleich zu Curt, urn ibm zu sagen, das Gedicht

habe ibm nie ganz genügt, jetzt erst sei es em

vollstàndiges Bud geworden durch die wunderschöne tiefe

musikalische Auffassung. Auch Riehi kam sogleich nach

dem Concert auf das Podium gesprungen urn Curt die Hand

zu schüttein. Nach dem Concerte kamen Hermann Scholz,

Buonamici, Auracher & Beyer zu uns und wir brachten die

Nacht groi3entheils in àui3erst behaglichen Reminiscenzen

zu. Curt war ungemein heiter und liebenswürdig. "Das ist

em seliger Abend" murrnelte Schoiz vor sich bin und

Buonamici lachte so froh und giücklich, daI3 das Zimmer

widerhailte.

/T.B.2, 187/.

Curts Büste wird nun gemacht. Professor Zumbusch sah

öfter nach, wàhrend Leudner daran arbeitete und war sehr

befriedigt von Leudner's Auffassung. Es geschieht nur,

damit der arme Mensch auch eine Unterstützung und gleichzeitig

Beschäftigung hat, die ihn in der Kunstwelt wieder

em Stückchen voranbringt. Er sieht ohnedies so jammervoll

und rnelanchoiisch aus. -

Bülow ist angekommen urn die Wagner'schen Opern Holländer

und Tristan zu dirigiren. Semen Reden nach scheint er

sehr an Curt zu hängen. Man ist diesen Leuten gegenüber

aber nie ganz dans son assiette. Man weii3 nie, wie welt

man ibnen trauen darf. Die ganze Wagnerclique trägt diesen

Stempel zweifeihaften Charakters. Vieiieicht 1st

Bülow sehr edel - aber sein Verfahren 1st kaurn zu fassen

Es karnen die Ciavierauszuge des Ciavier-Quartetts an.

Dieses scheint sich raschen Weg durch Deutschiand zu bahnen.

Es wurde jüngst auch in Harnburg gemacht und soil

bei Gelegenheit des Aligerneinen Deutschen Musiker-Tages

auch in Cassel zur Aufführung kommen.

Ich babe für Curt einen Cyclus von Mädcheniiedern:

"Maitag" gedichtet, da er, angeregt durch dieim Oratorienverein

aufgeführten Bargiei-Lieder Frauenterzette


- 124 -

componiren will. Vier sind schon fertig; fehit noch

das fünfte.

Wie reizend das Zusammenleben, Schaffen und Bearbeiten

ist, kann nur der fassen, der in ähnlicher Lage wirklich

ist, oder sich nach ähnlicher Lage sehnt! Das ist sicher!

Sogar bei der Composition dar.f ich meine Meinung abgeben,

und notirte sogar für das Pfänderspiel das heitere

Th ema:

/T.B.2, 189/ Juni 1872.

Curt hat viel Verdrul3 wegen einer dummen Geschichte an

der Musikschule. Wüllner war sehr grob gegen eine Sängenfl,

deren sich dann die jungen Leute annahmen. Sie

schnieben einen Protestationsbrief an Wüllner, in Folge

dessen jedoch das Prüfungs-Concert im letz ten Augenblick

abgesagt werden muI3te, was natürlich Eclat machte. Nachmittag

kamen sie sogar in corpore zu Curt, urn ihr Benehmen

zu erklären. Curt rnachte ihnen den Standpunkt

ihres Unrechtes klar. Es grämte sie, besonders Buonamici,

sehr, als sie sahen, daJ3 sie durch ihr Benehmen Curt

Schmerz gemacht hatten. "Wenn wir das gewui3t hätten -

wir hätten lieber geduldet" - nief Buonarnici in italienischem

Pathos, aber doch treuherzig aus. -

Nachdem Curt sie ordentlich zurechtgewiesen, nieth ich

ihm, an Perfall einleitend zuschreiben, was er auch

that.

Rheinberger schreibt an Perfall:

"Bezugnehmend auf das heute f rUb vorgekommene disciplinarwidrige

Gebahren der SchUler Buonamici, Gloetzner,


- 125 -

N. Meyer, Kliebert & Bu8meyer erlaube ich imir zur Kenntnis

zu bringen, daf dieselben heute Nachmittag unaufgefordert

zu mir kamen und ich ihnen auf's nachdrUcklichste

und ernsteste das Strafbare ihres Benehmens vorhielt.

Ich berichte dies nicht als Milderungsgrund, glaube aber

doch darauf hinweisen zu inüssen, daB die erwähnten Schüler

sich sonst seit ihrem Lehrbeginn durch Benehmen und

FleiB auszeichneten, bis gestern der so unerwartete und

ungerechtfertigte Empörungsversuch durchbrach und mich,

wie die heute Anwesenden, auf das Unangenehmste überraschte.

Herr Hofkapellmeister Wüllner, der Nachmittags

auch zu mir kam, und weicher durch obiges Ereignis elgentlich

am meisten direkt berührt wurde, 1st mit mir

der gleichen Ansicht, daB em AusschlieBen genannter Zöglinge

den unlieben Ekiat nach Aul3en nur vergröBern würde.

Ich werde mir die Freiheit nehmen, mich morgen 12 Uhr im

Intendanzbureau E.E. zur VerfUgung zu stellen für den

Fall Sie meiner zum Verhör der SchUler bedürf ten, indem

ich gestern der Hauptprobe anwohnte und von der ganzen

Angelegenheit weniger als die Herren WUllner und Hey berührt

bin.

16. Juni 1872 Rheinberger."

An semen Bruder in Vaduz rlchtet Rheinberger folgenden

Brief:

"München, den 25./6.1872

Nein lieber David

Die Nachricht von Tony's Erkrankung, die mir so unerwartet

kam, hat mich sehr bekümmert, umsomehr, als Dein Brief

noch sehr besorgt lautete. Hoffentlich 1st die Gefahr

jetzt beseitigt - möge recht bald em Brief dieses Inhalts

von Dir einlauf en. Naly schrieb von ihrer Krankheit soviel

als nichts, was ich Im guten Sinne deuten will. Im Ganzen

haben wir in unserer Familie doch recht viel mit Krankheiten

zu kämpfen, und da thut es einem doch recht wohi, wenn

man inzwischen so eine ergötzliche Nachricht liest, wie

z.B. Deine Sängerfahrt ans schwäbische Meer. Nun, wenn Du

die Festberichte alle aufmerksam durchstudirst, so hast Du

dann ja doch eine Idee davon, da Du die Decoration gesehen

hast.


- 126 -

Der Soinmer ist nun endlich mit Macht angerUckt und ich

sehne mich jetzt ordentlich wieder nach dem stillen,

schattigen Kreuth, weniger der Molken, als der Ruhe wegen.

Dr. Buhl verordnete mir wieder (zur völiigen Genesung

meiner kranken Hand) nach Bad Bichi zu gehen;

wenn ich jetzt auch ganz gut wieder schreiben kann, so

muB ich doch die Hand noch in der Bandage tragen, da

die Wunde noch immer of fen ist. Es 1st eben eine gro-

Be Geduldprobe für mich!

Von dem plötzlichen Tode des Herrn Pfarrer Wolfinger

in Türkenfelcl wirst Du wohi auch sehr berührt gewesen

sein; er war Ubrigens in den ietzten Jahren (ich habe

ihn vor circa 1 1/2 Jahren zum letztenmal gesehen) nicht

mehr so heiter als frUher. -

Der Maly diene auch zur Nachricht, daB Fri. Louise Boselt

gestorben 1st. Der Tod hat uberhaupt heuer in München

sehr stark regiert, wie es scheint, in Foige des

langen und harten Winters. -

Wie stehen dem kieinen Egon die Erstlingshöschen? Hat

er sie noch nicht bekoinmen? - Wie weit 1st man mit dem

Kirchenbau? Du ais Paramenten-Hauptmann a la suite muBt

es ja wissen! Peter und Schwägerin laB ich herzlich grü-

Ben; in seinem Interesse hoffe ich, daB die Nachrichten

Uber die schlimmen Neujahrsaussichten etwas übertrieben

waren. Es ware doch recht gut, wenn Maly auf elnige Wochen

nach Churwaiden gehen könnte; Du soiltest, wenn es

thuniich ist, in diesem Sinne wirken. Wie geht es den

lieben Eltern? Der Mutter wegen, die ich besonders herzlich

grüf3e, thun mir die vielen Krankheitsfälle noch urnsomehr

leid.

Nit den herziichsten GrUl3en an aile iieben Angehörigen

Dein Dich liebender Bruder

Josef Rheinberger.

Postscriptum: Letzthin wurde ich auf dem Bezirksgericht

München als SachverstHndiger in rebus musicalibus für

Oberbayern vereidigt. Du wirst also meinem Urteil in musikalischen

Dingen von jetzt an eine erhöhte Bedeutung

Zumessen."

Das Staatsministerium des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten

hatte Rheinberger mit nachfolgendem ErlaB

in den Sachverständigenverein berufen:


- 127 -

"Mit Allerhöchster Genehmigung 1st Herr Joseph Rheinberger,

k. Professor in MUnchen, inhaitlich der in beglaubigter

Abschrift anliegenden Bekanntmachung vom 2. des

Monats in den gemä1 § 31 und 49 des Reichsgesetzes vom

11. Juni 1870, betref fend das Urheberrecht an Schrif twerken,

Abbildungen, musikalischen Kompositionen und

dramatischen Werken, dann der von dem Reichskanzleramte

am 4. November 1871 erlassenen Instruktion (Bayerisches

Regierungsblatt Seite 1921) gebildeten muslkalischen

Sachverständigenverein für Bayern, weicher semen Sitz

in München hat, als ordentliches Mitglied berufen worden.

Herr Adressat erhält hierüber zu seiner Legitimation gegenwärtige

Ausfertigung mit der Eröffnung, da8 der ernannte

Vorstand des Vereins veranlal3t wurde, die Constituirung

des letzteren und insbesondere auch die erforderliche

gerichtliche Verpflichtung der Mitglieder emzuleiten.

MUnchen, den lOten Mrz 1872.

Auf Seiner Majestät des Königs allerhöchsten Befehi.

von Lutz.

Anlage:

BEKANNTMAC HUNG.

Staatsministerium der Justiz

und

Staatsminsterium für Kirchen- und Schul-Angelegenheiten.

Zum Volizuge des /o.g./ Reichgesetzes I.. ./wird in Bezug

auf die zu bi].denden literarischen und musikalischen

Sachverständigen-Vereine bestimint, was folgt:

I

Der literarisehe sowie der musikalische Sachverständigen-

Verein haben ihren Sitz in MUnchen.

II.

Die vorgeschriebene gerichtliche Beeidigung der Mitglieder

beider Vereine I... / 1st in bffentlicher Sitzung I... /

vorzunehmen, I...!


- 128 -

III.

Jedem der beiden Vereine wird em Siegel überwiesen, I. . . /

Iv.

Die Leitung der Geschäfte des Vereins steht dem Vorsitzenden

zu. I...!

V.

Beruf en wurden:

A in den literarischen Sachverständigen-Verein:

1. als ordentliches Mitglied und Vorsitzender der kgl.

Universitätsprofessor und Direktor der Hof- und Staatsbibliothek

Dr. Karl Felix Halm in München,

2. als ordentliches Mitglied.und Stellvertreter des Vorsitzenden

der k. Universitätsprofessor Dr. Jul. W.. von

Plank in München,

3. als weitere ordentliche Mitglieder

der k. Professor der Kupferstecherkunst an der Akademie

der bildenden Künste Johann Leonhard Raab

in München,

der Schriftsteller Paul Heyse in München,

der Buchhändler Adolph Enke in Erlangen,

der Buchhändler Rudolf Oldenbourg sen. in München,

der BuchhEndler Ernst Rohmer in Nordlingen;

4. als stellvertretende Mitglieder:

der vormalige Advokat Dr. Hax Joseph Ruhwandl in

München,

der Buchhändler Adolph Köllner in NUrnberg;

B in den musikalischen Sachverständigen-verein:

1. als ordentliches Mitglied und Vorsitzender der k.

Generalintendant Karl Freiherr von Perfall,

2. als ordentliches Mitglied und Stellvertreter des Vorsitzenden

der k. Generalmusikdirektor Franz Lachner,

3. als weitere ordentliche Mitglieder:

der k. Professor Joseph Rheinberger in MUnchen,

der k. Hofkapellmeister Franz Wüllner in München,

der Komponist Robert Freiherr von Hornstein in

München,

der Domcapellmeister Karl Kamerlander in Augsburg,

der Musikalienhändler Wilhelm Schmid in MUnchen,

4. als stellvertretende Mitglieder:

der k. Professor Dr. Georg Herzog in Erlangen,

der Nusikalienhändler Eduard Spitzweg in München."


- 129 -

Hans von Bülow leitet die irn Sonuner 1872 stattfindende

Wiederaufführung von Wagners "Tristan und Isolde"; er

entschuldigt sich mit folgenden Zeilen bei Rheinberger:

"Hochgeehrter Herr,

Ihre gütige Einladung - darf ich ohne Insolenz Sie ergebenst

ersuchen mir elne Vertagung von deren Annahme

zu gestatten? Vielleicht sogar bis Mitte nächster Woche?

Wie werthvoll es mir in jeder Hinsicht sein wUrde, mit

Ihnen und Ihrer verehrten Gemahlin einige freie Augenblicke

ruhig zu verplaudern, darUber sind Sie ja doch

bei meiner Ihnen bekannten herzlichen Bewunderung für

Sie auf3er Zweifel. Gegenwärtlg komrne ich aber kaum zu

mir selbst und kann Ihnen aufrichtigst von meiner Gesellschaft

nur abrathen.

Bel dieser Gelegenheit mu8 ich mein Gewissen noch beschwichtigen,

indern ich Sie tausendmal urn Entschuldigung

bitte, da8 die Tristanproben einige Ihrer devotesten

Jünger zu einer akuten lJntreue verleiten. Wenn ich

auch keine Verführerrolle hierbel gespielt habe - danke

ich Ihnen doch die von Ihnen geUbte Condescendenz.

Ihr alter Verehrer

Hans von Bülow.

Mtinchen, 25. Juni 1872."

Juli 1872.

Seit ich zuletzt geschrieben, ist die Tristansündfluth

eingebrochen, die eine Menge von langhaarigen, abgebleich

ten Enthusiasten nach München schwemmte, die, wenn

sie nicht in Liebestrank oder Bier oder brüns tiger Sehnsucht

ersäuften oder verglühten, wohi wieder weiter gewandert

sind. Auch Holstein's waren gekornrnen, urn die

tragische Geschichte zu hören und zu sehen, waren aber

so angegriffen davon, daB sie andern Tages wie Mücken

irn Winterschlaf mit gebeugten Köpfen auf der Bank im

englischen Garten sal3en.

Wir lern ten auch den neuen Münchener Capelirneister Levy

aus Carisruhe kennen, der nun seit Neues tern durch Perfall

dem Wüllner vor die Nase gesetzt wurde. Levy scheint kühl

und für sich umsichtig zu sein. Er tritt mit Bewul3tsein

auf und wird sich seine Stellung möglichst angenehm zu

rnachen wissen. - Bisher ist er nicht berühmt. Wir gingen

mit ibm und Holstein's in die Schack'sche Galerie.


- 130 -

Ergänzend zu Franziska Rheinbergers Bemerkungen über das

Verhältnis des neu nach MUnchen berufenen Kapeilmeisters

Hermann Levi zu dem bisherigen 1. Hofkapellmeister Franz

Wüllner berichtet Hedwig von Holstein in einem Brief vom

August 1872:

"Den letzten Abend in M/Unchen/ war es ganz gemHthlich bei

Wüllners; Levi wunderte sich in seiner Naivität, daf3.er

nicht eingeladen sei. Capellmeister Muller aus Frankfurt

a/M. war da, der die beriihmten Concerte dirigiert; er erschien

mir sehr suB & sehr unbedeutend. Wüllner brachte

uns nach Hause, ganz wundersamer Weise iimner neben mir her,

und sprach nochmals die ganze Geschichte, die endlose, unerquickliche,

mit mir durch, fragte mich, ob ich ( !!!)

ihm rathen könne, unter diesen UmstHnden un Mllnchen/ zu

bleiben & ob nicht Levi zu beeinflussen sei, das Amt mit

ihm gleichmäBig zu theilen, so wie in Dresden Rietz & Krebs

ganz gleich gesteilt seien. Ich konnte ihm nur sagen, daB

mir Levis Charakter sehr fest zu sein scheme, daB er gewiB

aus Herzensgüte & als eine Gefälligkeit die oder jene Oper

abtreten, seine ungebundene Stellung & semen Contrakt aber

gewil3 nicht zu seinem Nachtheil ändern lassen werde.

"Wenn Levi nicht selbst nachgibt, dann muB ich wenigstens

von Theater abgehen, glaubenSienicht auch?" sagte W/Ullner/

& ich bejahte es nattirlich. W/üllner/ hat vielleicht geglaubt,

daB ich Levi noch bearbeiten könnte, glucklicherweise

reisten wir ja aber am andern Morgen sehr früh ab,

sodal3 Sahr diesen vielverheiBenden Auftrag erhielt. Der

saB schon den ganzen Abend stillschweigend da, gedruckt

von der Last seiner morgenden Aufgabe."

/T.B.2,190/.

Als III. Prufungsconcert wurde im Volkstheater die Zauberflöte

aufgeführt. Ganz köstlich.

Curt hat nahezu den Cyclus Frauenterzette, zu weichern ich

ihrn die Gedichte rnachte, fertig componirt. -

Jetzt hat er soeben die Partitur der Ouverture zur Zähmung

der Widerspenstigen neu instrurnentirt, weil Volkiand in

Leipzig sie machen will. Auch kornrnen of t Anfragen urn Mannerchöre.

14.7. /1872.

Heut'schrieb er an Fritzsch, ob er die Partitur dieser

Ouverture stechen wollte. -


- 131 -

Prof. Riehi und seine Frau war da.Curt spielte ihnen und

sang ihnen seine ganze Oper vor, die den Riehi ungemein

interessierte und entzückte, so,daI3 er em vorzügliches

Prognostikon stellte.Er hat nur den Titel auszusetzen

und wünschte, daB die Oper nach meiner Wahi "Schwedensprüche"

hiei3e, oder "Gertrud vom Petersthurm". Es war

köstlicher GenuI3: Curt hören und Riehi sehen. Wie reizend

ist es, einem verständnisvollen Freunde seine fertige

Schöpfung vorzuführen.

Am 17. Juli 1872 schrieb Rheinberger an die "K.K. (sic)

Intendanz der Hof theater in Berlin:

"Ich erlaube mir, einer hohen K.K.Intendanz die Partitur

meiner neuen komischen Oper "Thürmers Töchterlein" zur

geneigten Einsicht zu übersenden mit der Bitte, dieselbe,

wenn sie zur AuffUhrung an der K.K.Hofoper als geeignet

befunden wird, zu diesem Zwecke annehmen zu wollen. Die

Münchener Hofbühne wird bereits in diesem Herbste "ThUrmers

Töchterlein" in Scene gehen lassen."

Franziska Rheinberger schrieb an den Rand des vorstehenden

Briefentwurfes: "Wurde nicht angenommen".

/Ende Juli 18 72/.

Curt ist jetzt sehr angestrengt mit den Schiul3prüfungen

an der kgi. Musikschuie. Vorgestern war Concert, und da

sangen sie zum erstenmale "Es glänzt die linde Maiennacht",

Gedicht von Carl Stieler, weiches grenzenios melancholisch

klingt. Wirklich herzwehmachend. Curt hat's jahrelang erlebt,

wies thut, darum kann er es so gut schreiben.-

1w Musik. Wochenbiatte sind seine fugirten Ciavierstücke

besprochen und bemerkt, wie wohl es thäte, einem Küns tier

zu begegnen, der nur der Kunst zu Liebe schriebe und dabei

soiche Formgewandtheit babe. -

/T.B. 2,191/,

Curt hat seine Ouverture zur Widerspenstigen Zähmung neu

in Partitur geschrieben und angefragt, ob Fritzsch die

Partitur stechen woilte, ais Concert-Ouverture. Es kam

noch keine Antwort, denn in Leipzig ist jetzt groBe Zeitungsschiacht

und die Redacteure gehen nicht mehr ohne

Revolver auf die Stral3e. Auch bier fängt's em bischen


- 132 -

so an; doch hat em grüngelber Junge erst tüchtig Kiapse

bekomrnen, was vielleicht nachhält und nachwirkt. -

Curt sehnt sich krampfhaft nach Kreuth.-

Auch das Schlui3concert fiel vorzüglich aus. Anderntags

hielt die Schule eine Abschiedsfeier in Haarkirchen bei

Starnberg. Wir gingen Nachmittags nach, urn den jungen

Leuten, deren einer nach Buenos Ayres reist, eine Freude

zu machen.-

Leider batten wir dabei fast das Leben eingebüf3t, da am

Heimweg em ZusammenstoI3 der Bahnzüge war. Curt nahm mich

in die Arme:"Jetzt komm',Mietzi",sagte er, dann pralite

des Locomotiv an unsern Waggon an - zwei furchtbãre StöI3e

- aber Gott lieJ3 unsnichttödtenl -

Hedwig von Holstein schickt aus den Ferien in Oberstdorf

folgenden Bericht über die Einweihung ihres Ferienhauses

an Franziska Rheinberger:

"Burgstall, d. 23.8.72.

/../.

Du wirst mich fragen, wenn Du auf mein Datum & das Ortszeichen

zufällig geblickt haben soiltest, wo & was denn

das sei, Burgstall? Ja, Fannerl, dieses Wörtchen ist

für mich der Inbegriff aller irdischen Wonnen. So hei2t

die Stelle auf unserm Taborberge, wo wir uns Hütten gebaut

haben, den Du Franciscusberg nanntest. Es stand

früher eine Ritterburg hier, die Burg wurde zum Stall,

die Trümrner wurden abgetragen & unser Loretto davon gebaut.

Morgen sind es 8 Tage, dal3 unser Hüttchen 'gerichtet'

& eingeweiht wurde. m Norgen banden wir beirn

leuchtendsten Sommerwetter Guirlanden & Kränze & bucken

Kuchen. Urn Hittag lief en wir wieder hinunter, urn uns

weil3e Kleider anzuziehen & geschwind das prosaische Nittagsmahl

einzunehmen, denn urn 2 Uhr soilten die Zimmerleute

fertig sein&das Fest beginnen. Zwei deutsche &

eine bairische Fahne wehten uns von oben entgegen, unsre

Freunde, die Bauern, die einzeln im Gebirge wohnen, Waren

alle eingeladen & waren besonders durch das weibliche

Geschlecht, mit Kindern beladen, in herrlicher

Vielzahl vertreten. Sie standen in buntesten Feierkleidern

oben auf dem Hugel & warteten schon auf uns. Em


- 133 -

schmaler Pfad, wo nur em Mensch gehen kann, führt zur

Hütte, Franz ging zuerst, dann ich, dann Hauptmanns,

dann die Bauern in langem, langem Zug gerelht. Bei der

Hütte erwarteten uns die Zimmerleute baarhaupt, & wir

sangen den bei uns ailgemein Ublichen Choral 'Nun danket

alle Gott'. Dann wurden die beiden Fässer Bier angezapft,

die auf dem Rasenhugel lagen, Franz lie1 die

Bauleute leben, sie ihn, Frauen & Kinder gruppirten

sich, am Herrschaftstisch saI3 nur Förster & Försterin,

der mir in der Begeisterung des Tages mit Handschlag

versprach, auf unserm Grund & Boden nie em Rehlein zu

schieBen (es ist nämlich der beste Jäger-Anstand).

Nun zUndete ich das erste Feuer in der Küche an, es

brannte gleich sehr hell, & der herrlichste Mocca entquoll

den tönernen Gefät3en. Ich weif3 nicht, ob Du die

bäuerlichen Tonwaaren kennst, die man hier hat; es

giebt ganz köstliche darunter, mit den stilvollsten

uralten Mustern, mit bunten Zierrathen auf schwarzem,

glänzenden Grunde. Nur aus solchem Geräth besteht melne

Wirthschaft da oben, simmetrisch aufgestellt auf

em sogenanntes Schitisselbort, das unten mit einem Lederriemen

& blanken Nägelchen eingefa1t ist, worm

Blechlöffel & naturwilchslge Hirtenmesser stecken. Diese

Ausstattung ist bis jetzt der Hauptschmuck der Hütte.

Sie besteht natürlich nur aus Einem Gemach mit 2 Eckfenstern

aus alten, runden Scheiben, wie die Kirchenfenster

sind. Durch das elne Fenster sieht man in's

nahe Hochgebirge, durch's andre in's offene Thal mit

semen KirchthUrmchen, & bis in die blaue Ebene.

Die Küche 1st aul3erhalb der HUtte, well em Eisenbau

die Sache um das Doppelte vertheuert hätte, & dann 1st

es auch em rechter Spa2, in einer FreikUche zu kochen.

Als ich den Buerinnen das zweite Schälchen Cafe brachte,

sagten sie alle nach der Reihe: 'Aber dos war doch

zu grob', während die Burschen sich schon weniger zum

Bier nothigen lle2en. Die Stimmung wurde immer heiterer,

die Scenerie bei der sinkenden Sonne immer schOner,

endlich kam Alpengluhen, & bei einbrechender Dunkelheit

wurde flott getanzt, ich mit dem Ochsenrelter, dessen

Photographie Du auf Franzen's Schreibtisch gesehen

haben wirst. Bei Mondschein wurde mit den Fahnen hinabgezogen,

die Burschen stieien manchen Juchzer aus, der


- 134 -

im Gebirge widerhalite. -

I.. .1

Auf den andern Morgen freute ich mich nun aber erst

recht, als Gegensatz zu dem lustig-lärmenden Abend.

Ich ging allein hinauf, nahrn Deinen letzten Brief mit,

damit von Dir etwas an der geliebten Stelle sei; &

rückte mir den Tisch an's kleine Fensterl, urn Dir zu

schreiben. Em Gepolter entsetzte mich. Das eben importirte

Tintenfal3 war vom Tische gefallen, & siehe

da, die ganze Hütte, von der Thur bis zurn Fenster,

mein Bettkasten, alles, alles schwarz, & der Reiz der

Sauberkeit der Hütte auf immer hin! In stummer Verzweif

lung stand ich vor dem Tintenpfuhl & schöpfte

endlich mit Cafêl6ffeln das teuflische Schwarz vorn

Boden auf. Dann wurde der Chocolade-Vorrath ausgewikkelt

& mit den nach Vanille duftendenPapieren mitunzulanglichen

Kräf ten eine Stunde lang bin & her gefitschelt.

Wehe! ganz umsonst! Ich selbst stieg ernüchtert,

schwarz & weil3 getigert, zur Wirklichkeit

hernieder, & so komm' ich erst heute dazu, Dir zu

schreiben, denn bier oben m u 13 t e das sein! Mein

Freund Ochsenreiter kam mit dern Hobel herauf, ehe Franzi

mich schelten konnte, & hat das ganze Elend hinweggenoinmen.

-

Franzi wUrde viel öfter herauf kommen, wenn er nicht

gar so vertieft in seine Arbeit ware. Er ist bis zum

Finale des 2. Actes gekominen, & hat mich mit einer Arie

beschenkt im Clavierauszug, die ich mit gröl3ter Leidenschaft

singe. -

Wie hübsch, daB von Deinem Kurt wieder etwas erscheint.

Das Requiem haben wir mit.-

Du dauerst mich, daB Eure Hälfte Ferienzeit schon vorbei

ist.

Nun wird es dunkel, em Hirsch und drei Gemsen treten

oben an unserm Berg heraus auf em kleines, smaragdgrünes

Bergwieschen. 1st das nicht reizend? Als ich

kam, stak em StrauB Edelweif3 an der Hüttenthür, em

Jäger oder Bauer hatte uns eine Freude machen wollen.

Davon eine BlUthe.

Franz grUBt herzlichst & freut sich mit mir Eures wiedergeschenkten

Lebens.

Deine Hedwig."


- 135 -

/T.B.2, 197/ Ende September 1872.

Von Bad Bichi, wohin Curt wegen seiner noch nicht geheilten,

kranken Hand zum Jodgebrauch geschickt worden

war, zuruckgekehrt, versendete er folgende Werke zum

Verlage:

Verlagshandlung Kohlke, .früher A. Habermann's Nachfolger

in Danzig:

"Orgelsonate (Phantasiesonate)

zum Angebot von 40 Thaler. Op.65.

"Zum Abschied", Studie für Clavier, op.59,

an Verlagshandlung André in Offenbach

auf dessen Verlangen.

"Am Walchensee", op.63

8 Lieder für gem. Chor zu 4 Stimmen,

gedichtet von Carl Lemcke (jüngstens componirt)

an Verlagshandlung Breitkopf & Härtel.

Ferner die Partitur der Ouverture zur "Zähmung der Widerspänstigen"

nebst Stimmen an Volkland in Leipzig,

welcher sie in einer der Euterpe-Concerte aufzuführen

wünscht.

/T.B.2, 198/.

Zur Ankunft von Bichl wurde mir die grol3e Freude, den

fertig gestochenen "Messgesang" vorzufinden.

Unlängst kamen auch die 5 Motet ten für 4 Sin gstimmen,

bei Robert Seitz gestochen, an. Das geht alles so schnell

mit Curt's Werken. -

Im "Album deutscher Componisten", herausgegeben von

Mohr in Berlin, erschien in der 10. Lieferung (Juli 1872)

die Biographie Rheinberger's mit dessen Portrait und

einem vollständigen Verzeichnii3 seiner Werke. Seitdern

ist schon die Messe gestochen, und anderes folgt wohl

bald nach. -

Heute (den 27. September 1872) war der 79-jährige Flötist

Böhm da, der Curt etwas Neu-Arrangirtes zeigte und

dann vorblies. Der gute, fleif3ige alte Mann, mit dessen

Sein sich manche liebe Jugenderinnerung rneinerseits verknüpft,

ist mir werth und theuer. -

Die Sammlung Terzette für Männerstiminen, herausgegeben

von Pustet in Regensburg und gesammelt von Rubenhauer,

wozu Curt zwei Lieder componirte: "S'ist Friede" und


- 136 -

"Namensfeyer" 1st auch erschienen und wurde Curt die

ganze Sammiung nebst Stimmen gegeben. -

Die 10. Lieferung des Albums Deutscher Cornponisten enthalt

Curt's 4-stimrnigen Männerchor, "Rosenbekränzt

zieh'n wir zum Schlachtfeld" (Gedicht von Carl Lemcke).

Peter Rheinberger, der Bruder des Komponisten, schreibt

an Franziska:

"Vaduz, 9. Okt. 1872

Liebe Schwagerin Fanny!

Endlich komme ich dazu em paar Zeilen für Dich und Bruder

Josef vom Stappel zu lassen. Schwester Mali und David,

die mehr Zeit batten als ich, werden Euch mit unseren

Lokaineuigkeiten im Laufenden erhaiten haben. Von

denselben habe auchich erfahren, da Ihr in Kreuth u.

Bichi Euch erfrischt und gestrkt und mit erneuter Lebenskraft

in's Winterquartier nach München zurtick gekehrt

seid.

So 1st denn hier auch schon längst alies wieder von den

Bergen nach Hause zurück gekehrt.

Mali hat sich körperiich tiber Erwarten wieder gebessert,

es ware zu wUnschen, daB man von ihrem Humor dasgieiche

berichten könnte. Anton 1st leider weit zurück und

sehr leidend. Er steht zwar tägiich auf, jedoch'müssen

wir stündlich auf das äuBerste gefaBt sein. -

Die Mutter 1st sehr darnieder gebeugt, doch zappelt sle

von Norgens früh bis Abends spat an ihren gewohnten

häuslichen Arbeiten herum. Vater klagt sich, daB ihn

seine 84jahrigen Beine nicht mehr tragen woilen und reduzirt

daher seine Spaziergänge immer mehr, sonst 1st er

inuner noch wohi.

Das Beste, was ich Dir von meiner Fainilie berichten kann,

1st das maine gute Frau Rese ihre voile Gesundheit wieder

eriangt hat. Auch maine Kielnen, die von ihrer unsichtbaren

1Itinchner Tante viel erzähien und fantasiren,

sind recht wohi von Prof atscheng zurUck gekehrt.

Vom 14. auf 15. September (Engelweihfest) war ich mit

Frau und den 2 grol3eren Mädchen in Maria Einsiedeln. Es

waren zahliose Scharen zu diesem Feste herbeigeströmt,

so daB as uns bald ergangen ware wie Maria und Josef auf


- 137 -

ihrer Flucht - mit Noth habe ich noch urn hohes Geld elne

Nachtherberge aufgetrieben.

Unter diesen Tausenden sah ich auch einen Münchner Herren,

den ich gerne gesprochen hätte, aber em eisernes

Gitter trennte uns. Es war Professor Schafhäutl, welcher

friih haib 6 Uhr in der Marien Kapelle der Messe

des Abtes beiwohnte. -

FrUh 7 Uhr ging ich von Einsiedeln weg und war urn 2 Uhr

Nachmittag auf Rigi-Staffel. Das Originelle und Kühne

dieser Karussel-Eisenbahn ist wirklich überraschend und

sehenswerth. Bis nächstes Jahr fahrt man his Kuim. Eine

Zweigbahn wird nach Rigi-Scheideck gebaut.

Am Sonntag (6ten) war wieder em Tag you Angst und

Schrecken für uns arme Rheinländern. Gegen Morgen fing

der Rhein urplötzlich und rapid an zu wachsen, dessen

Steigen Ich vom Fenster aus mit Sorgen beobachtete. Anstatt

nun dem Spätgottesdienste anzuwohnen (es solite

der Geburtstag des Fürsten gefeiert werden) richtete ich

eilig meine Schritte dem Rheine zu. Die Dämme waren

stellenweise schon bis auf I Fu13 zurn überlaufen you.

Das Au1erste war zu befürchten. Dammbrüche und gewaltige

iiberschwemmung schienen unvermeidlich. Noch elne

bange Stunde verlief. Herr Kaplan Fetz mitten in seiner

schönen Festpredigt unterbrochen, alles eilte auf den

Rhein. Das Wasser stieg noch his an den Rand, dann blieb

es so stehen his Nachmittag und wir waren wunderbarerweise

von einem schrecklichen Unglucke verschont. Es

1st so viel Wasser wie im Jahre 1868 abgeflossen. Ruggell

hatte aber leider elnen Damrnbruch und es stehen alle

HEuser 1-3' unter Wasser bis heute. Nun hat sich das

Wasser wieder verloren, nachdem es an den Wuhren vielen

Schaden verursacht hat.

Wie geht es Euch. Ich muI schliei3en. GegenwErtig bin ich

über alles MaI mit Arbeiten Uberladen u. ohne RUcksicht

werde ich immer mehr mltgenommen, bis ich mich noch gezwungen

sehe, meinem Ante adieu zu sagen, denn ich mU1te

mich so ganz aufreiben.

Alles Herzliche von Frau, Kindern und Deinem Schwager

Peter Rheinberger.

Trauben sind heuer keine bei uns gewachsen - sonst wEre

jetzt Weinlese - in Winter sind die Reben verfroren."


- 138 -

/T.B.2, 201/ 10.10.1872.

Endlich die Nachricht bekommen durch den Vorstand der

Genossenschaft /dramatischer Autoren und Componisten/,

daB die Partitur /der "Sieben Raben"/gefunden ist und

der weiteren Winke Curt's harrt. Sie war also einfach

im Theater gelegen!- Ob man sie aber in Leipzig aufführt

- darüber kein Wort.

Die Partitur der 7 Raben am 17. Oktober nach Carisruhe

geschickt und gleichzeitig an den dortigen Regisseur

Bruillot geschrieben. Da nun Zenger nach Carisruhe als

Capeilmeister kommt, wird nicht viel Aussicht sein, daI3

die Oper dort gegeben wird. Collegialität jibt's nisch.-

Levi hat seine Hofcapellmeisterlaufbahn bier eröffnet

mit Vorführung der zauberflöte, die auch vorzüglich ging.

Levi wird auch das "Thürmers Töchterlein" dirigiren und

mit einstudiren - wahrscheinlich gibt Curt sogar schon

die erstmalige DIRECTION ab.

Levi war da, und als ihm Curt heute Gegenbesuch machte,

glaubte jener, die Oper bis zum 20. November, also in

Ca. 4 Wochen, herauszubringen.- Wollen sehen.-

Nach Vaduz richtet Rheinberger folgende Zeilen:

"Mein lieber Vater!

Wenn ich auch mit meinem Glückwunsche zu Ihrem 83ten Geburtstage

mich urn eine halbe Woche verspäte, so 1st derselbe

doch urn nichts weniger herzlich - und es ist mir

wahrhaftig leid, da8 es mir heuer nicht wohl möglich war,

einige Tage des Herbstes für einen Besuch in Vaduz zu erubrigen.

Meiner noch immer kranken rechten Hand wegen

mu1te ich eine ausführliche Kur in Bichl gebrauchen; dieselbe

hatte wenigstens so welt Erfoig, als Prof. Nussbaurn,

der erste Arzt 11ünchens, glaubt, dal3 sie bis Weihnachten

vollstHndig genesen könne. Möge er Recht haben; bis dahin

sind es dann gerade zwei Jahre seit meiner Erkrankung.-

Da ich nun heuer nicht nach Vaduz kam, so möchte Ich Ihnen

und der guten 1,4utter, die ich tausendrnal grü2e, auf

Weihnachten elne rechte Freude machen, und beauftrage hiemit

Maly, mir baldigst einen Vorschlag zu machen. Wie geht

es dem lieben Bruder Tony? Maly scheint gottlob sich wieder

gut zu befinden.-


- 139 -

Fanny und ich sind immer mit dem Plan eines Hauskaufes

beschftigt; es 1st aber so schwer in nicht weiter Entfernung

vom Centrum der Stadt etwas Passendes, das nicht

zu theuer ware, zu finden. Die Miethpreise sind so gestiegen,

daI3 unsere Wohnung bereits 700 fi. kostet. Wenn

es so weiter geht, werden die Juden in München bald die

Christen verdrängt haben, und wir müssen uns nach Sendling

oder in die Aue zurückziehen.

Mit detn Einstudiren meiner neuen Oper wird jetzt begonnen;

möge dieselbe gut ausfallen.-

1st die übersandte Notiz von den Spielpächtern wahr? Sie

stand zuerst in der Kemptner Zeitung.-

Was hört man von der Vaduzer Orgel?-

Der lieben Mutter zur Nachricht, dal3 der "Kickeriki" ausgezeichnet

geschmeckt hat. Besten Dank dafUr.-

Mit herzlichen Grül3en von Fanny und mir an alle lieben

Angehörigen, theuerster Vater! verbleibe ich

Ihr dankbarer Sohn

MUnchen d.21/10.72. Josef Rh/einberger/."

/T.B.2,201 Forts.!.

Curt hielt gestern, den 22. October /1872/ die e.rste, dief3saisonale

Oratorienvereinsprobe. Wir begannen mit Handel 's

Salomon, der geradezu colossal ist. Schon bei flüchtigem

Durchsehen drängt sich diese Uberzeugung auf.-

Die Mädchenlieder sind nun auch fertig. Dem letzten überschrieb

ich den Petrarca'schen Sonettentext "Dodici donne

onestarnente lasse anzi dodici stelle, e'n mezzO un sole

vidi in una barchetta."- Das gibt so recht die echte Mondscheinstimmung

und warmen Hauch. -

Da André urkomischer Weise das ihm übersendete Clavierstuck

wieder zurücksandte, weil es zu schwer sei, und

Curt, wenn auch nicht "trivial", so doch "viel leichter

schreiben müsse, urn sich auch mit seiner Claviermusik

bei den Darnen beliebt zu machen", so schickte Curt diese

Clavierstudie an Breitkopf & Härtel, welche sie auch

nebst den Waichenseequartetten stechen. -

Ich werde die Orgelphantasie noch zu 4 Händen bearbeiten

und dann Beides an Kohike in Danzig schicken. BOhm

übernirnmt die Mittheilung.


- 140 -

Zeitungsausschnitt;

"Die Oper des Prof. Rheinberger 'Des Thürmers Töchterlein',

Text von Stahl, soil im nächsten Monat zur

AuffUhrung gelangen; die Parthien sind bereits vertheilt

und werden eben einstudirt. Fri. Stehie wurde mit der

Titelpartie, Herr yogi mit der Tenorpartie, Herr Meyer

mit der komischen Partie des Stadtschreibers betraut.

Fri. (!) yogi übernahm die Partie der alten Haushälterm

(grazios) und zeigte damit eine Willfahrigkeit,

weiche Anerkennung verdient (1)."

/T.B.2, 204/.

In den "Neuesten Nachrichten" stand heute, den 24. Oct.

obige Mittheiiung. Der graziöse Styl iäJ3t die knorrige

Feder des Turndirektors Weber vermuthen.

Nachmittags war em feines Gesangsquartett da; die Damen

Frau v. Beili & Fri. Schmidtiein, dann die Herren

Rüber & Gebhardt. Wir sangen die Quartette "Am Walchensee",

"Die Nacht", weiche zauberhaft kiingt, dann

den Cycius 3-stimmiger Mädcheniieder. Es waren kostbare

Stunden und alie Betheiiigten sehr giückiich.

Der Pianist Isidor Seiss (1840-1905), Dirigent der "Musikalischen

Geseiischaft" in Köln, schreibt an Rheinberger:

"Hochverehrter Herr!

Sie beehrten mich vor einiger Zeit mit einigen so Uberaus

freundiichen Zeilen und übersandten mir Ihr neues

Kiavierwerk; ich danke Ihnen des Herziichsten für Beides.

Ihre Toccata wird gegenwärtig von 6 meiner besten Zöglinge

studirt und fesselt dieseiben in ungewöhnlich

hohem Grade; im 1. Conservatoriums-Konzert am 21. November

soil sie öffentlich vorgetragen werden.

Köin 1st im Ganzen em recht unempfängiicher Boden für

Novitäten musikaiischer Natur, und ich kann es aussprechen,

da8 ich vielieicht der Einzige der hiesigen

Musiker bin, der, bei seibstredender Achtung des guten

Aiten, sich iebhaft für alies Neue interessirt und,


- 141 -

wenn es gut und gleichzeitig zweckdienlich 1st, sich angelegentlichst

der Verbreitung desselben unterzieht;

aber leider geht mein dêpartement über das Kiavier nicht

hinaus.

Empfangen und gestatten Sie meine herzlichsten Grül3e

mit der Versicherung warmer Hochachtung!

Ihr ganz ergebener

Isidor Seiss.

Köln, 7. November 1872."

Heinrich Kotzolt (1814-1881), Kgl. Musikprofessor und

Leiter des Kotzolt'schen Gesangvereins in Berlin, hatte

im Saal der Singakademie am 25. November 1872 Rheinbergers

"All meine Cedanken", op 2 Nr. 1, aufgeführt und

schrieb an den Komponisten:

"Hochgeehrter Collega in der himmlischen Tonkunst, Nord

und Süd sollen sich auch in der Kunst die Hand reichen;

urn dies wahr zu machen, habe ich Thren werthen Namen

auf das Programm meiner ersten So1re gesetzt.

Es wUrde mich freuen, wenn Sie mir vielleicht em grö-

I3eres Kunstlied (durchkomponirt) für meinen Verein, der

das weitliche Chorlied cultivirt, cornponiren und dediciren;

und mir zuschicken. -

Mit ausgezeichneter Hochachtung ergbst. Kotzolt

2t. Dirigent des Königlichen Domchors

Berlin, den 20. Nov. 1872."

Die "Neue Zeitschrift für Musik", Leipzig, vom 21.11.1872

bringt folgende Notlz:

"In München ist es den Bemühungen des Prof. Sachs und

anderen Collegen gelungen, elnen TonkUnstlerverein ins

Leben zu ruf en, weicher sich am 13. d.M. constituirt hat

und als seine Hauptaufgabe die Pflege neuer Musik und

selten zu hörender alter hingestellt hat. Die meisten

dortigen Musiker von Bedeutung sind Nitglieder des Verems,

z.B. Prof. Rheinberger, Prof. Cornelius, Hermann

Scholtz, Buonamici, Dr. Porges, Prof. Hey u.a.".


- 142 -

Curt schickte an Robert Seitz in Leipzig den Cyclus

Frauenlieder und veriangte dafür 100 £1.

Die Oper Thürmer's Töchterlein 1st wieder verschoben bis

zum Januar, da Fri. Stehle in Urlaub nach Berlin geht.

Es soil im Dezember mit dem Einstudiren begonnen werden.

Levi brachte einen herrlichen Abend bei uns zu, indem

Curt ihm sein Requiem vorspielte und Levy es recensirte.

Prächtig. -

Es war em .förmlicher Dichtercongref3 bei uns. Paul Heyse,

Hermann Lingg und Veltheim. Curt mul3te aus seiner Oper

vorspielen und that es mit gröBter Leidenschaft, sodal3

die Dichter jubeiten. Es war hübsch, wie sie ihm Alle

ins Gesicht sahen vor Becjierde, kein Wort zu überhären.

Heyse ist nun beruhigt, dai3 die Oper

Dol

nun rü - pel - haft tge - nug sei.'

Curt macht gegenwärtig (21. November 1872) das 4-händige

Arrangement seines Requiems und ich das 4-händige

Arrangement seiner Orgelphantasie. -

Nach der Aufführung der 4. Symphonie, op.67, von Joachim

Raff schreibt Rheinberger an den Komponisten:

"Sehr geehrter Herr!

Ich kann nicht umhin, Ihnen noch unter dem Eindrucke

der gestrigen Auffiihrung Ihrer G-moll Sinfonie meinen

herzlichsten Gltickwunsch auszusprechen. Durch den vierhändigen

Clavierauszug (den ich mit Buonamici, einem

Schüler Bülow's, erst durchgespielt) vorbereitet, konnte

ich das prächtige Werk, an dem ich neben alien Vor-


- 143 -

zügen auch den heutzutag leider selten edlen Wohlklang

bewundere, so recht geniet3en.

Ich aufrichtiger Hochachtung

Ihr ergebener

Josef Rheinberger.

MUnchen, den 21./il. 72."

Raff antwortet Rheinberger postwendend:

"Sehr geehrter Herr!

Ihre werthesten Zeilen bringen mir zwei Nachrichten erfreulicher

Art zumal. Einmal von der AuffUhrung meiner

4. Symphonie, dann, was noch mehr wiegt, von Ihrem

freundlichen collegialen Beifall. Nehmen Sie meinen

herzlichsten Dank daftir und genehmigen Sie bei dieser

Gelegenheit die Versicherung aufrichtiger Hochschätzung,

womit ich bin Ihr ganz ergebener

Joachim Raff.

Wiesbaden, 22. November 1872."

Franziska Rheinberger schreibt nach Vaduz an den Bruder

des Komponisten:

"München 21. November 1872

Lieber David!

Ges tern wurden wir durch einen Brief Peter's recht ernstlich

betrübt. Er schreibt, daB er als Mitglied einer

liechtensteinischen Deputation zwn Fürsten reise urn die

Gestattung einer Spielbank zu erfiehen. Curt wurde ganz

blaJ3 und innerlich sehr erregt, als er dieI3 las; denn dern

Narnen Rheinberger wird durch diese That kein schönes

Denkmal gesetzt. Peter schreibt von der Noth des Landes

etc. Allein irn Grunde ist die13 doch derselbe Fall, als

ob em Mädchen sich in äusserster Dürftigkeit befände

und gäbe sich den bereichernden aber entehrenden Anträgen

eines Banquiers preis. Wenn mir Peter schreibt, daI3

ich dann auf dem civilisirten Boden Liechtensteins Gelegenheit

haben würde die Compositionen rneines Mannes in

bester Weise aufgeführt zu hdren, so muI3 ich erwidern,

daB ich darauf verzichte, vor dern Auswurf der ganzen


- 144 -

Welt, wie sie sich in Baden-Baden versammelt, die Noten

meines Mannes hören zu lassen. Die Deputation hätte einen

chrenhaften Sinn, wenn sie urn energische Hülfe gegen die

Rheinüberschwernjnungen gefleht hätte - aber so ist es

traurig, daJ3 der Fürst auch den Narnen Rheinberger gerneldet

bekommen wird. -

Wüi3ten wir, wo Peter in Wien 1st, oder hätte er uns zwei

Tage vor seiner Abreise geschrieben, so hàtte ihrn Curt

telegraphirt; jetzt ist leider lilies zu spat. -

/.. ./

Die Oper Curt's ist nun wieder bis Jänner verschoben, da

Fri. Stehie nach Berlin reist. Curt ist es ganz einerlei.

Wir haben jetzt einen neuen, ganz ausgezeichneten

Hofcapellrneister, der uns sehr wohl gefällt, obgieich

er Jude 1st, gegen die ich sonst eingenornrnen bin.

/. .

Schreibe uns nur recht bald wieder. Curt hat eben in

diesern Jahre wieder so viel zu thun, daB er kaum eine

Stunde irn Tag frei hat!

In alter Aufrichtigkeit Deine Dich liebende

Schwägerin Fanny."

Auf Fannys vorstehende Vorhaltungen hin legt David Rheinberger

ausführlich den Begründungszusanimenhang off en, der

semen Bruder Peter auf den "verwerf lichen Plan" brachte,

in Liechtenstein eine Spielbank zu eröffnen:

"Vaduz,26/1 1. 1872

Liebe Fany!

Du forderst mich auf, Dir u. Curt über unsere Spielbankangelegenheit

u. nanientlich Peters Betheiligung daran,

über die Ihr Euch, wie ich gerne glaube, schmerzlich betroff

en fühlt, zu schreiben. Ich thue es gerne u. hätte

es auch frUher gethan, wenn Ihr es verlangt hättet. Nur

muI3 ich, liebe Schwägerin, em wenig Deine Geduld in Anspruch

nehmen, weil ich mich nicht so kurz fassen kann.

Im Prinzip, wirst Du mir glauben, denke ich, daI3 ich die

Spielbanken so entehrend u. verwerflich finde wie Du u.

alle diejenigen, denen Ehre u. Schamgefühle noch nicht

zum blol3en Phantom geworden sind,u. daB es mir schon als

eine Schinach vorkam, daB man uns diesen Antrag nur ma-


- 145 -

chen zugetrautu.ich schämtemich nicht, diese meine Gesinnung

auch öffentlich mit derben Worten u. Leidenschaftlichkeit

auszudrücken, als ich wahrnahm, dal3 den Anträgen der

Spielbankelgenthilmer von Baden-Baden Gehör geschenkt wurde,

wobei mir gerade das Beispiel, dal3 Du anfUhrst, als

sehr passend schon damals in Sinn fiel. Ich muf3te aber

bald schweigen, well ich Uberall Widerstand f and u. zwar

bei Leuten, wo ich es nie erwartete u. die mir Uberall zuriefen:

Wir brauchen vorerst keine Moralpredigten, mit denen

1st uns nicht rnehr geholfen, wir mUssen Geld haben

und zwar viel, viel Geld haben, wenn wir unseres Ländchens

Untergang verhiiten wollen. Und urn diesen, Fany, handelt es

sich, nicht urn Milderung einer augenbllcklichen Noth; diese

können wir und haben sie schon durch dutzende von Jabren

zu ertragen gelernt wie nicht bald em anderes Volk.

Aber den Untergang, den Ruin sucht em Staat wie der emzelne

Mensch so lange von sich abzuwehren, als er kann,

und mit allen Mitteln. Gröl3ere und mächtlge Staaten fUhren

zu dem Zweck Krieg, bringen Menschen urn u. verheeren

Lander u. Städte, was eine Spielbank am Ende denn doch

nicht thut. Vielleicht aber konBnst Du noch nicht darauf,

welche Gefahr ich melne, die wir zu bekärnpfen haben oder

Du kennst sie wenigstens nicht so genau, was ich Dir nicht

zumuthen kann, auch Kurt wird sie nicht so genau kennen,

aber doch wissen, da2 ich den Rhein meine. Er wird uns

jetzt von Jahr zu Jahr u. von Frühjahr bis Herbst von Monat

zu Nonat fürchterlicher, well die Schweiz jetzt u.

schon seit emnigen Jahren mit HUlfe von Mlllionen, weiche

die Eidgenossenschaft hergibt, mit soicher rastlosen Energle

vorwärts baut, daI3 sle binnen ganz wenigen Jahren mit

ihren Schutzbauten fertig sein wird, die so koloI3al fest

u. hoch werden, da6 sie viellelcht wohl auf 50 Jahre hinaus

vor einem Rheineinbruch sicher sein werden , u. wenn

es uns nicht gelingt, ähnliche Schutzbauten aufzuwerf en,

wohl Immer Ruhe haben werden, denn es 1st nur natUrlich,

daB der Rhein od. das Wasser ilberhaupt dort einfällt, wo

es weniger Widerstand findet, u. das 1st auf unserer Seite

der Fall. Wenn wir ihn aber einmal herinnen haben, so werden

wir ihn schwerlich, od. nur mit ungeheurer, Ubermenschlicher

Anstrengung mehr hinausbringen, well das Rheinbett

höher liegt, vielleicht urn I Klafter höher als das hinterliegende

Land. Und dieses bezwecken auch unsere Herrn


- 146 -

Nachbarn, die Schweizer, denn sie rechnen, wenn der Rhein

eininal in unserm Land sein tieferes Bett gefunden, werden

sie wohi für iminer vor ihm sicher sein. Sodann ist das gegenwärtige,

von den Schweizern seit zig Jahren angenommene,

uns so verderbliche Wuhrsystem auch vertragswidrig,

weil sich beide Staaten in den Jahren 1836-47 durch Vertrage

gebunden haben, auf weiche Art die Rheincorrektion

durchgeführt werden solle. Wir haben dagegen protestirt

und sie haben uns hönisch geantwortet (nämlich der Kanton

St. Gallen) da8 sie sich an den Vertrag nicht mehr halten

können, weil sie sich dadurch zu beengt fühlen; der Bundesrath,

an den wir uns dagegen beschwerend geendet, bedauerte

nicht helfen zu können, weil das Hemd näher als der

Rock liege. Und nun, liebe Fany, ist es nicht niederträchtig

u. schmachvoller auf diese Art einen rechtgültig bestehenden

Vertrag zu brechen, nur weil er dem einen Theil

nicht mehr zusagt u. der verletzte Theil dem anderen gegenUber

schwächer, wehrlos ist u. nirgends Hilfe findet

als eine Spielbank. Auch em Segen der Kleinstaaterei!

Wären wir Preuf3en, wir dürf ten wahrlich nicht urn eine

Spielbank bettein, urn uns der Schweizer u. des Rheins zu

erwehren.

Du wirst sagen, schlief3et Euch dsterreich an. Aber asterreich

ist zwar grol3, hat auch kein Geld u. ist em unbeholfener

Lümmel, der sich der Schweiz gegenuber auch nicht

zu wehren wei2, sich selber von ihr Insolenzen gefallen

läl3t, sich wahrscheinlich auchnichtgerade beeilen wUrde,

sich em Land zu anectiren, wo es gleich in den ersten

paar Jahren einige hunderttausende hineinstecken mü2te.

Oder den FUrsten angehen, dat3 er uris hilft?

Da kommen wir auf Peter zu reden. Als Ingenieur u. als

Praktiker, der sich schon viele Jahre mit dem Rhein herumgebalgt

hat, hat er die Gefahr schon früher erkannt als

andere u. auch darauf aufrnerksarn geinacht, aber nicht genug

Gehör gefunden, sonders dort, wo es am meisten hätte

geschehen sollen, nHmlich oben, wo sein Warnen lästig gefunden

wurde. Voriges Jahr aber drang er doch mit einern

Antrag halbwegs durch, zur Beschleunigung der Wuhrbauten

em Anlehen aufzunehmen u. zwar 120.000 fl.- natUrlich

rechnete man auf den Fürsten. Landvèrweser, der em Feind

dieses Antrages war u. fürchtete,darnit beirn Fürsten unbequem

zu werden od. unwillkommen zu sein, wu1te den An-


- 147 -

trag auf 50.000 f 1. zu reduciren, weiche nur auf Dammbauten

verwendet werden soliten. Der FUrst lief sich herbei,

diese Summe auf 10 Jahre u. zwar ohne Zinsen zu borgen.

Heuer 1w Sommer sah man aber, da2 diese Summe nur em Tropfen

Wasser war u. Peter drang energisch auf em gröf3eres

Anlehen. Beim Landtag u. bei anderen einsichtigen Leuten

f and er genugenden Ankiang, desto weniger aber beim Landesverweser,

der einsah, da8 das Geld nur beim FUrsten zu

bekonimen war u. dem er aber nicht mehr getraute, noch eminal

unbequem zu werden. Er suchte deshaib Peter herumzukriegen,

da8 er von seinem Antrag abstehe, aber vergebens.

UnterdeBen suchte er ihn aber auch draut3en in den Gemeinden

anzuschwärzen u. bei den Leuten herunterzusetzen, was

Peter wieder erfuhr u. denn auch sein Maul nicht scheute,

weiches Landesverweser wieder zugetragen wurde, wodurch

dann natürlich das freundschaftiiche und collegiale Zusammenleben

nicht befördert wurde. Ich machte Peter sehr

oft und ernste Vorsteilungen, dat3 er sich nicht so unnötig

und so oft aufdutzen lassen soil von Leuten, die ihn nur

als Mittel zu ihren Zwecken gebrauchen wollen, u. nachher

auf die Seite setzen od. verrathen. Aber es hat nicht viei

genutzt. Petrus 1st eben auch nicht sanf ten Sinnes. Beim

Landtag wurde Peter's Antrag, em Darlehen von neuerlichen

128.000 f 1. aufzunehmen, zum Beschluf3 erhoben u. Landesverweser

mul3te wohl oder übel wieder in den sauern Apfel

beil3en u. den Fürsten darum angehen, was schon 1w August

geschah,aber erst vorige Woche hat Landesverweser Nachricht

bekoinmen, dat3 der FUrst das Anlehen /nicht/ gewähre, er

hatte Furcht, daB wir das Aniehen nicht sicher wollen od.

am Ende nicht mehr zuriickzahien könnten u. doch hat er sie

noch sicherer hier, ais seine andern Miliionen, die er bei

dsterreich in Staatspapieren liegen hat. Wenn er uns nicht

einmai borgen will, wie soilte er uns denn etwa 800.000 f 1.

od. eine Million schenken, die wir zum Rheinbau nothwendig

haben, urn nicht dew oben erwähnten Unglück zu verf alien.

Die Spielbank gäbe uris aber viel mehr als wie dieses.

Aber welter!

1w Oktober, u.zwar am 6ten, karn noch eine fürchteriiche

Rheingrol3e, die nur wie durch em Wunder von uns abgewendet

wurde, hätte es in Graubtinden noch elne Stunde langer

geregnet, wären wir rettungslos verloren gewesen.

Nan sah nun em, daB mit einem Anlehen von 128.00 fi eben


- 148 -

auch nichts mehr auszurichten sei, wu8te sich aber nirgends

mehr Raths zu holen u. fing an still zu resigniren

und sich auf den früheren und späteren Untergang gefa2t

zu machen. Da kamengerade die verlockenden Anträge der

Spielbank u. Du kannst Dir nun denken, auf welchen Grund

sie fielen u. mit weichem Heil3hunger sie aufgegriffen

wurden. Infolge der Oktobervorgänge hat Peter em neuerliches

Gutachten über die Rheinverbauung verfal3t u. die

Kosten desselben auf die oben bemerkte Höhe angegeben u.

das Gutachten bei der letzten Landtagssitzung, in weicher

beschlossen wurde, die beruchtigte Deputation an den Fürsten

abzusenden, dem Landestag vorgelegt: Landesverweser

war wUthend darüber u. Uberhäufte ihn mit den gemeinsten,

perfidesten Schmhungen, so dal3 der ganze Landtag empört

war. Die Mitglieder glaubten ihm eine Satisfaction schuldig

zu sein u. dieselbe dadurch zu bethätigen, daB sie

ihn in die Deputation wählten. Peter sah das unschickliche

wohl em u. wehrte sich. energisch aus allen Kräf ten

dagegen, aber vergebens, sobald Landesverweser sah., daB

er sich dieser gemeinten Ehre entziehen wollte, war er

perfid genug, aus der Geschäftsordnung des Landtages durch

juristische Spitzfindigkeiten herauszuklügeln, daB jedes

Landtagsmitglied alien ihm übertragenen Aemtern sich unterziehen

mUsse. Er dachte wahrscheinlich, ihm dadurch beim

Ftirsten em Bein zu stellen. Es kam also Peter hinein und

ich hoffe ihr werdet nun anders Uber ihn urteilen. Rei der

Rückreise von Wien beabsichtigt er, bei Euch abzusteigen u..

dann könnt Ihr iuUndlich noch das Weitere Euch auseinander

setzen. I... /

Ich kann Dir nur noch, beifugen,wenn ich es erfahren solite,

daB wir die Spielbank bekommen soilten, so werde ich erschrecken,

u. wenn nich,t ebenfalls. So schwer 1st die Wahi

zwischen Schande - und Ruin. Ich tröste mich mit der Nothwehr

u. glaube daher, daB wir recht handeln, wenn wir uns

wehren u. nicht hundsföttisch von unsern Nachbarn unterdrücken

lassen. In soichen FEllen 1st auch die Hilfe des

Teufels annehmbar.. cegen die Leute zu sprechen ware gégenwärthig

nicht rathsan, das Volk ist wje vom Veitstanz besessen,

geistlich. u, weitlich, ohne Ausnahmeu. wenn Peter

dagegen ware ii. es wtirde auf's nchste Jahr em Rheinunglück

geschehen, so würde er ohne Gnade gelyncht

Soeben erhielt ich den ersten Brief Peters /aus Wien/, wo-


- 149 -

rin er kurz mitteilt, daB sie Freitag od. Samstag in Vaduz

zu sein glauben, mit der Spielbank werde es nichts

sein.

Es grUBt Dichund Kurt tausendmal Euer David."

/T.B.2,214/ 25.November 1872.

In den letzten Tagen hat sich in Kurt's Kunstleben Manches

gerührt, /. . ./.Die Nachricht der Aufführung der 7

Raben in Carisruhe freute ihn sehr. Als ich gestern,

Sonntag Mittag, von einem Trauerbesuche nach Hause kam

und in sein Zimmer ging, saJ3 er in seinem Amerikanerstuhi

am mittleren Fenster seines Arbeitszimmers, em Blatt in

der Hand haltend. "Stehen bleiben!" rief er mir zu. Und

nun las er mir das Schreiben der Generaldirektion vor.

"Generaldirektion des Grof3herzoglichen Hoftheaters

Carlsruhe, 24. November 1872.

Wehrter Herr Professor!

Ich beehre mich, Ihtien im Auftrage Gr. General-Direction

die angenehme Mittheilung zu machen, daB Ihre Oper: Die

sieben Raben zur Darstellung auf der Cr. Hofbühne angenommen

worden 1st. Das Ausschreiben der Stimmen und Parthien

wird unverweilt in Angriff genoimnen und es ist die

Hoffnung vorhanden, daB die Auffiihrung noch in dieser

Saison stattfinden wird.

Hochachtungsvoll ergebenst gez. Heinrich Schütz

Cr. Hoftheater-Secretär

A.A.Gr.Gen.Dir.

Er freute sich besonders wegen des Reflexes darüber, den

diese Annahme auf die Münchner Intendanz haben wird. Gegen

Abend spielten wir dann Ouverture und Finale derOper

durch und ich glaube, er war selbst ergriffen von derFülle

der Musik, die darin enthalten; wenigstens sagte er,

obwohl ganz ruhig und ernst: Diese Oper wird noch of t gegeben

werden.

Em reineres Glück, als Curt's Compositionen allein mit

ibm am Claviere in seinem Arbeitsziinmer durchzunehmen,

kann es auf Erden nicht geben.-


- 150 -

28. November 1872.

Heute kam endlich die seit 3 Jahren verloren gewesene

Partitur der 7 Raben ganz beschmutzt und abgegriffen an.

Wo mag sie gesteckt haben? Haase habe sie andieDirection

abgeliefert.

Curt las in drei Berliner Zeitungen, daI3 sein Chorlied

"All meine Gedanken" stürmisch applaudirt und dacapo verlangt

wurde. Curt besuchte heute semen Schüler, den kranken

Baron Reinlein aus Wien.-

C. Brulliot, Theaterregisseur am Grol3herzoglichen Hoftheater

in Karisruhe, schreibt an Josef Rheinberger;

"Carisruhe, 15.12.1872.

Sehr geehrter Herr!

Zürnen Sie mir nicht alizu sehr, da8 ich Ihre freundlichen

Zeilen so lange unbeantwortet lief3. Einerseits

war es eine grenzenlose GeschHftsüberbürdung, die mich

nicht dazu kommen liel3, andrerseits gab mir der Gedanke,

da2 Herr Zenger, dem die musikalische Leitung Ihrer

Oper ubertragen 1st, sich, wie er mir sagte, längst mit

Ihnen ins Benehmen setzte, den Nuth, so lange Ihre Nach-.

sicht in Anspruch zu nehinen.

Ich zweifle nicht, daB es uns auch hier gelingen wird,

Ihrem Werke den Erfoig zu erringen, der ihm in so gro-

Bern Maal3e an andern Bühnen zu Theil wurde. LäBt auch das

Textbuch, weiches in seiner opernschablonenhaften Art

den dilettantischen Dramatiker verrHth, Manches zu wünschen

ubrig, so gleicht Ihre eigene gediegene musikalische

Arbeit den Schaden wieder aus. Ihren szenischen Beinerkungen

werden wir bestrnöglich nachzukoxmen suchen,

und hat auch. bereits elner unsrer Maler bei seiner zufHlligen

Anwesenheit in München auf meinen Wunsch hin

sich. über die dortige dekorative Anordnung einiger MaBen

unterrichtet.

Den Zeitpunkt der hiesigen Auffuhrung können wir noch

nicht. genau bestimmen, und glaube ich nicht, daB dieselbe

vor Mitte Närz oder Anfang April zu bewerkstelligen

sein wird, indem die Copiaturen elne geraume Zeit erfordern,

und uns auch sonst noch eine Anzahl dringender

Arb.eiten vorliegt. -


- 151 -

Ihrer personlichen Bekanntschaft mit Vergnugen entgegensehend

zeichne ich

mit vorzuglicher Hochachtung

Ihr ergebenster

C. Brulliot."

Hedwig von Holstein an Franziska Rheinberger:

"Leipzig, d. 15. Dec. 72.

"Geliebte Fanny!

Du bist wie versunken, ich h5re & sehe nichts mehr von

Dir, & das geht nicht so fort! Bitte 1a13 wenigstens als

Weihnachtsgabe em Blättchen fliegen, es wird mir das

liebste Geschenk sein! -

GewiB habt Ihr viel Arger wegen des Aufschiebens Eures

Töchterleins, ich habe es aber kaum anders erwartet,

wenigstens mit Franz' Opern 1st es nie anders gegangen,

sie kamen manchmal 1 1/2 Jahr spter als man dachte,

immer aber um einige Monate später heraus. Einem guten

Werke schadet aber Alles nichts, seine Stunde kommt doch

einmal.

I.. .1

Rathe einmal, mit wem wir gestern Abend zusammen waren,

& wo? - Mit dern grol3en Moloch, Richard Wagner, & seiner

Cosima. Glaube aber ja nicht, da1 er uns 'herumgekriegt

hat', mir ganz besonders hat seine Persönlichkeit einen

widerlichen Eindruck gernacht, & die Worte, die er zum

Abschied sprach, zeigen wahrhaftig, dal3 er dem GröI3enwahn

verfallen ist. -

La13 Dir aber im Detail erzählen, denn das gehort Alles

dazu, damit Du uns nicht für Anbeter hältst. -

Es war also natUrlich bei Fritzsch, zu dem sich Wagners

zweirnal selber eingeladen hatten, sie wünschten den Thee

bei ihm zu trinken. Fritzsch's natUrlich waren in Angst,

wen sie der Frau Bülow-Wagner vorsetzen soliten, & baten

uns urn Gottes willen, ihnen zu helfen. Ich konnte

mir die Verlegenheit der guten kleinbürgerlichen Frau

Fritzsch denken, & war auch neugierig, wir gingen also

hin. Stell' Dir vor, in e i n e r kleinen, gräl3lich

hausbackenen Stube mit Clavier, Sofa & etlichen StUhlen

dürftig meublirt, war elne Gesellschaft von 20 Personen


- 152 -

eingepfercht, eine Dame in himmelblauer Seide, decoltiert,

auf dem Sofa, Frau Cosima in pensêe Atlas, bescheident].ich

auf einem Rohrstuhl in Einer Reihe mit

andern Sterblichen, Richard in der Mitte von einer

Gruppe Stühlen, die nur von schwarzen Fracks besessen

waren, docirend, suB lächelnd; Anekdoten erzählend.

Wenn er aufstand & seine Figur sich im Prof ii zeigte,

sah man die Eitelkeit hauptsächlich an der RUckenlinie,

zu beschreiben ist das nicht, aber die Haltung des Mannchens

ging fast bis zur Caricatur, sogar das buntseidene

Taschentuch schwänzelte aufgeblasen mit einem

groBen Zipfel aus der Tasche hängend.

Mich hatten sie auch aufs Sofa gepflanzt, das hielt ich

aber nicht aus, sondern ging zum Staunen der anwesenden

Frauenziimner (es war aul3er Frau v. Herzogenberg niemand

aus guter Gesellschaft da) hin & her, mit den bekannten

Herren sprechend & endlich zur Cosima, da sich Franz

von mir hatte versprechen lassen, nicht zu 'bocken'

sondern liberal zu sein.

Ich weiB nicht, ob sie eine Schlange ist, die sich häutet

& ihr ganzes Wesen dabei abstreift und ändert; gestern

abend aber war sie im höchsten Grade anziehend,

sie sah trotz der ungeheuren Nase geradezu schön aus,

edel & einfach im Ausdruck, bescheiden & weiblich im

gro2en Stil, wie man sich etwa die Chriemhilde denkt.

Wir sprachen von Sahr zusainmen, der em Jugendfreund

von ihr war, & vom Haideschacht, der ihr in Bremen so

geruhmt worden, daB sie neugierig war. 'Dichtet Ihr Gemahi

das Buch auch selbst'? fragte sie. 'Jawohi', antwortete

ich keck, 'unsre Manner sind auch in dieser unsicht

Rivalen', worauf sie halb verblüfft & halb graciös

lächelte. -

Nun setzte sich Wagner ans Clavier & woilte unsre Sanger

hören zu semen Werken, sie sollen umsonst in Bayreuth

singen & seine Auswahl ihr Ehrensold sein! Gura

und Scaria sangen steeple chase, der letztere stets in

der Bratwurst-Manier, wie der Kapellmeister Krebs von

ihm sagt, nHmlich so, daB jeder Ton von Anfang bis Ende

ganz gleich stark ist, wie eine Wurst! Die Wände der

engen Stube wackelten. Scaria 1st em Riese an Körper &

Stimme, aber ganz ungeschlachten & so kindlich eitel,

daB er gar nicht merkte, daB er W/agner/ nicht gefiel.


- 153 -

Gura aber, unser Geliebter, sang ganz himmlisch den

Wolfram & die Scene unterm Fliederbaum, ihm dankte

W/agner/ in wärmster Weise & sagte zuletzt zu Beiden:

'Meine Herren, daI Sie mir so schön vorgesungen, wird

Ihnen reiche Früchte bringen'!

Dann trieb er nach dem Souper, die armen Fritzsches hatten

Alles in irgend einem Hotel besteilt & es konnte

vor der bestimmten Zeit nicht geschafft werden. Endlich

lud u n s der H e r o s, nicht Fritzsch em, zu Tische

zu gehen, wir zogen tiber einen kahien Vorsaal in

elne andre kahle Stube, wo an einem so schmalen Tisch,

dai3 wir uns mit dem vis--vis hätten küssen können,

Stuhl an Stuhi gepfercht war, & wie Du da hineinkommst

& mit den Elibogen Deinen Nachbar nicht in die Rippen

stöi3t, da sieh Du zu. Als Bedienung em Kindermdchen

aus meiner Anstalt, der ich vor 2 Jahren die Lumpen ausgezogen,

heute in weil3en Glacêhandschuhen. Alles natürlich

von der falschen Seite prEsentirend, & bei Horn

anfangend mit jeder Schiissel, einem zwerghaf ten lächerlichen

Arrangeur, den Fritzschs nur aus Mitleid eingeladen

hatten. Wagners hatte man auf zwei thronähnliche

Stühle gesetzt, die Fritzsch extra hatte schnitzen lassen

und sticken im altdeutschen Stil. Die erwiesen sich

als Euf3erst praktisch an der engen Tafel, mein armes

Kindermädchen konnte partout nicht zwischen den Lehnen

der Stühle mit den grol3en SchUsseln hindurch, & aller

Augen sahen krampfhaft auf den jedesmaligen Konflikt

zwjschen Stuhllehnen und Schtisseln. Natürlich dauerte

Alles eine Ewigkeit, Thee gab es gar nicht, den sich

W/agner/ ausgebeten hatte, & er hatte wirklich die Taktlosigkeit,

beirn Fortgehen, oder vielmehr ehe er aufstand,

in der Abschiedsrede zu erwähnen, dal3 Fritzsch es nicht

recht genmacht, er hätte frtiher & weniger essen lassen

sollen. Aul3erdem sagte er aber etwas, worüber mir die

Haut schauderte. Diese siif3liche Abschiedsrede schioB

er mit den Worten: 'Behalten Sie mein Andenken im warmen

Herzen, & blelben Sie eingedenk jener Worte: Wo zwei

oder drei beisamrnen sind in meinem Namen, da bin ich mitten

unter ihnen'! -

Geliebte Fanny! ich bitte Dich urn Gottes willen, was

sagst Dii, was sagt Dein frommer Mann dazu!!! -

Franz & Riedel, denen ich mein Entsetzen aussprach,


- 154 -

sagten Beide: Das hat er nicht s o gemeint, als wenn

e r der Heiland sei, sondern er hat die Worte als

Gleichnil3 gebraucht! -

Ich sagte nichts mehr & ging sturnrn nach Hause, mit einem

namenlosen Ekel. -

Denke nicht etwa, daB mein geliebter engelreiner Mann

sich beschmutzt hat mit irgend welcher Devotion oder

Heuchelei, er war einfach harmios dabei, den Moment

kunsthistorisch erfassend & in seiner milden Weise suchte

er sich Manches menschlich zu erklären, was ich mit

Wonne so schroff als moglich auffaBte. Er wtirde sehr bös

sein, wenn er wüBte, daB ich die guten Fritzsches, die

uns eine unerhörte Freude mit ihrer Gesellschaft zu bereiten

dachten, mit diesen Bestrebungen lächerlich gemacht

habe. Du aber, liebste Fanny, wirst alles verstehen,

denn Du hast mich lieb. -

Wenn ich nicht wüBte, daB Cosima eine Ehebrecherin ware,

so würde ich mich erdreisten zu sagen, daB ihre Erscheinung,

ihr Auftreten, wie es g e s t e r ii war, mich an

Dich erinnerte. Nun wirst Du aber wüthend & schickst

mich zur Thur hinaus. Ich stecke aber noch einrnal den

Kopf herein & bitte Dich urn einen KuB, urn Absolution,

vor allem urn einen Brief & wünsche Euch Beiden em recht

gesegnetes Fest!

Deine H/edwig/ v. H/olstein/."

Am 19.12. 1872 ergänzt Hedwig von Holstein ihre Wagner-

Geschichten und schreibt an Franziska:

ItZU Deiner Reconvalescenten-Erheiterung liefere ich noch

einen Nachtrag zu meiner Wagner-Abend-Beschreibung.

Findet Ihr den Witz nicht etwa geistreich, den W/agner/

von sich gab, in dern er, die Bilder an der Wand betrachtend,

ausrief: 'Ach, da ist ja Beethmann & Schuhoven!' -

Ferner! Als er mit Cosima vondannen ging, begleitete ihn

natürlich Fritzsch bis zur ThUr & mag ibm wohi noch

einen letzten schmachtenden Buck zugeworf en haben, der

ihm aber schlecht bekarn. Wagner warf ihm die VorsaalthUr

dergestalt vor der Nase zu, daB diese wirklich eingekleunnt

war, wenn auch nur für einen Moment, & em StUckchen

Fleisch blieb von Fritzsch in der Klintze hängen,

sodaB em in der Gesellschaft sich vorfindender Arzt


- 155 -

em Pflästerchen auflegen mul3te. 1st das nicht symbolisch?

-

Doch basta & Gott befohien. Der Herr gebe Euch frohere

Tage zum Feste!"

/T.B.2,223/ 20. Dezember 1872.

Es sind für Curt und mich um Schluf3e des Jahres noch

schwere Tage herein gebrochen, indem sein Kopfweh, an

weichem er in den letz ten Wochen noch mehr als gewöhnlich

litt, sich zu so hohen Graden gesteigert hat, daB

zweimal Nachts der Arzt gerufen werden und ihm zur Muderung

des wahnsinnigen Genickschmerzes Morphium-Injektion

in den Arm gegeben werden mul3te. Es ist fürchterlich,

wie sehr er litt! Er weinte wie em Kind undhülflos

jammerte er: Wenn ich nur wül3te, wie ich meinen Kopf

halten solite - wenn ich nur schiafen - schlafen könnte!

HerzzerreiI3end war es mitanzusehen. Heute sind es 8 Tage,

daJ3 er wenig au/3er Bette und gar nicht vor das Haus

kam. Der Arme!!! -

Heute zwang er sich, em Recitativ Kindermanns /Gustav

Adolf! seinem Schüler Cavallo zur Instrumentation anzugeben.

Er hat es schnell gemacht, und ich copire es.

Es werden wohi melancholische Weihnachtstage werden. Beiliegender

Brief zeigt auch die Veranderung mit seiner

Oper, die nun am 20. /Januar 1873/ sein soll.-

Hofkapellmeister Hermann Levi teilt Franziska folgendes

mit:

Verehrte Frau!

141t herzlicher Freude vernehme ich, daI3 es Ihrem Manne

fortschreitend besser geht. Da ich indessen nicht wei1,

ob er sich schon mit Berufs-Angelegenheiten beschäftigen

kann, wende ich mich an Sie mit folgender Angelegenheit,

die ich nicht gerne bis zu meiner Rückkunft von

Carlsruhe verschieben inöchte.

Nachdem ich die Partitur von Thürmers Töchterlein nochmals

durchgelesen, 1st mir zur Gewif3heit geworden, dal3

Frau yogi die Parthie der Cordula nicht zur Geltung

bringen kann. Ich habe heute Frau yogi gesprochen, sie


- 156 -

mit einigen Umwegen und Vorreden gefragt, ob ihr an der

Parthie viel gelegen sei, ob sie glaube, mit derselben

effectuiren zu können. Aus ihren Antworten habe ich entnommen,

daI3 ihre Zuversicht gar nicht so gro1 1st, und

da2 sie gerne bereit 1st, die Parthie an Frau Diez abzugeben.

Andererseits hat mir Frau Diez kürzlich zu verstehen

gegeben, da2 sie die Cordula sehr gerne übernehmen

wUrde. Ich theile Ihnen dies mit in der Voraussetzung,

daf3 Ihr Mann mit dem Wechsel einverstanden sein

wird. Wenn er selbst keinen Schritt in der Sache thun

will, so erbiete ich mich, dieselbe zu ordnen. Da1 die

Oper dadurch gewinnen wird, 1st mir kein Zweifel.-

Nit den besten Wünschen für die baldige vollständige Cenesung

Ihres Nannes

Ihr ganz ergebener

München,21. 12. 1872 Hermann Levi

Ich reise Sonntag Abend, könnte also, wenn Sie mich instruiren,

die Sache noch erledigen.

Franziska Rheinberger antwortet Levi:

In Erwiderung Ihrer soeben erhaltenen Zeilen theile ich

Ihnen l.A. nleines Mannes mit, daJ3 er die betr. Angelegenheit

vollständig in Ihre Hand legt, da er überzeugt ist,

daf3 Sie mit Ihrer Absicht für jetzt und später seinem Werke

nur nützen wollen. -

Sein Zustand fordert noch einige Zeit Schonung, wef3halb

er sich von alien Berufsgeschäften ferne halt und Ihnen

daher auch nicht persönhich dankt.

Mit den besten Grüf3en von Ihm und mir

Ihre ergebene F.Rh.

/T.B.2,227/ den 23. Dezember 1872.

Heute hatte der arme Curt wieder einen schlech ten Tag

und muf3te zweimai Morphium-Injection bekommen. Jetzt 1st

er ruhiger. Urn 11 Uhr Abends will der Doctor noch einmai

kommen. Ich war den ganzen Tag sehr sorgenvoil. Es sind

schwere Zeiten für uns Beide. Es seinem Beispiele nachqeahmt,

indem ich mich in Arbeit versenkte. Von Regensburg

war ihm vor 14 Tagen der Wunsch nach einer Herz -

Jesu - Hyrnne zugegangen. Ich suchte nun in semen Manu-


- 157 -

skripten, ob sich nichts .fände, wozu sich allentalls em

neuer Text dichten liei3e. Auch wirklich einen Balde-Hymnus

gefunden, den Curt zu der neuen Einweihung der Mariensäule

auf dem Marienplatze componirt hatte. Diesen 4-stimmigen

Männergesang legte ich dem "Herz-Jesutext" unter,

den ich selbst dichtete. Curt war so zufrieden damit, daI3

ich ihm das Lied sogar noch auf meiner Orgel spielen muI3te.

Der Text trägt den Stempel der jetzigen Leidenstage.

31. Dezember 1872.

Es 1st em trauriger Abschied dieses Jahres. Curt liegt

mit Morphium-Injection zu Bette und schiuramert in Betäubung

hinüber in das neue Jahr, dessen geheimnii3volle Zukunft

uns erbeben machen kdnnte nach all den schmerzlichen

Erfahrungen. Dennoch liegt auch manch schöne Erinnerung

hinter uns, und dies Tagebuch zeigt, wie Curt's Schöpfungen

nach alien Weltgegenden geflogen sind und vielfach

die Herzen eroberten. Leider ist sein Körper in diesem

Jahre nicht kräf tiger geworden, wenn auch die Hand heilte.

Mögen unsre Freuden & Schmerzen zu Got tes Ehre und unserm

Heile gewesen sein.

Mehr läI3t sich nicht sagen.


- 158 -

1873

/T...2, 233/.

Zweiter Sonntag nach Epiphanie ( 19. Januar 1873) wurde

in der Alierheiligenhofkirche zurn erstenmale Curt's

Messe in D-moll aufgeführt. Es kiang sehr schön und feierlich.

Seine Oper ist auf Donnerstag, den 30. Januar

angesetzt. Gott sei Dank scheint er sich nach und nach

zu erholen. Ich kann es noch kaum fassen! - Wenn es nur

stetig besser würde! Heute war Prof. Buhi mit Mayer da,

urn zu beschlief3en, daB Curt nach Aufführung seiner Oper

auf 14 Tage nach Venedig solle - oder sonst wohin -

Curt wird sich drein fügen. Vorerst rnuJ3 er aber gesund

werden! -

Inzwischen hatte sich Rheinbergers Gesundheitszustand

gebessert und Franziska schrieb nach Vaduz an den Bruder

des Komponisten:

"Den 26.1.73.

Lieber David!

Curt beauftragt raich, Euch nachträglich noch em kleines

Christkind zu schicken, nähmlich vier Gravuren, wovon

eine dem Vater, eine Dir, eine dem Peter und eine

dern Tony gehören soil.

Es geht ibm heute wieder besser und eben geht er mit dem

getreuen Hunde in's Museum zum 'Zeitungsbildergucken'

wie er sagt. - Der Arzt hat ihm diese kleine Zerstreuung

erlaubt. -

Gestern war er den ganzen Tag zu Bette, da ibm die

Morphiurneinspritzung stets etwas Betäubung zurückiäf3t.

Maly, der ich gestern schrieb wird Dir erzählt haben,

daB ich Buhi zu Rathe gezogen hatte und daB dieser die

Behandlungsweise Dr. Mayers ganz lobte und uns Rube,

Luft und gut Essen anempfohl. Was in xneiner 1'facht steht,

soil er bekonimen. Sag nur der guten Mutter, ihr Sohn

sei em wahres Schatzkästlein von Geduld und Ergebung.

Gerade in dieser Zeit ist es für ihn eine doppelte Prüfung

so still auszuhalten, da an seiner Oper fortwährend

studirt wird. Ubrigens wird sie am LichtmeStage nicht


- 159 -

Statt finden können, da einer der Hauptsänger eine Hals-

Entzündung bekam, was inir heute Hofcapellmeister Levi

mit groi3em Bedauern sagte. Nun vielleicht ist es für

Curt besser, wenn's noch em paar Wochen dauert, obgleich

ihn das Warten innerlich auch aufregt! -

Geduid - Geduld!! -

Maly wird Dir auch erzählt haben, daI3 Zen ger von Cansruhe

wieder fort geschickt wurde. Er soil sich sehr ungeschickt

dem Orchester und der Geselischaft gegenüber

betragen haben, so daI3 ihm der Groi3herzog die Entlassung

gab. -

Es ist jetzt für mich manchmal eine schwere Aufgabe,

Curt immer lustige Sachen zu erzählen, die er doch immer

gerne hört - da ist's gut, wenn er sich im Museum selbst

Stoff bolt. -

Lieber David Paramenten-Meister! Wird's noch nicht bald

was mit einer Bestellung für die Vaduzer Kirche?

Die Geschichte Schafhäutl ist nicht gerade gegen Curt -

ich glaube sie beruht mehr auf einer altmodischen, haisstarnigen

Ansicht des alimälig sehr alternden Herrn.

Leb nun wohl, lieber David, Curt grüI3t Euch Alie von

Herzen, ebenso Eure getreue Schwester

Fanny.

Curt will sich auf das neue Vaduzer Blatt abonniren.

Soll en es direkt thun, oder wiilst Du es für ihn besorgen?

LebwohlV'

m 27. Januar 1873 bittet der Mtinchner Zeitungsträger

Eduard Hinkofer den Komponisten urn elne Freikarte zum

Besuch von "Thürmers Töchterlein", "als Erholung von

des Tages NUhen und Plagen". Fanny schreibt dazu in ihr

Tagebuch;

Nebenan ausesprochene, naive Hoffnung des Zeitungsträgers

auf Aufführung von "Thürmers Töchterlein", muI3 sich

auch dehnen lernen. Hindernisse über Hindernissel Im November

vorigen Jahres vor ailem den LJrlaub Frl. Stehies!

Nach Weihnachten (abgesehen von Curt's schwerem Leiden)

war die Oper schon dreimal angesetzt, da bekam Baritonist

Mayer, der die Rolle des Actuanius Wurzel zu singen hat,

Halsentzündung. Die Stumine von Portici wurde einige Male


- 160 -

eingeschoben. Hierauf war Alles gesund; eine Clavierprobe

fand statt, der sogar Curt beiwohnen konnte - da

erkrankte Levi. Er ist 14 Tage krank. Wiederhergestelit,

hat das schon vorher abgemachte Gastspiel von Fri. Agiaja

Orgeni und Fri. Schröder zu beginnen; nachdem dieses beseitigt,

Levi wieder wohl ist, gehen Fri. Stehie und

yogi für den Monat März in Urlaub, sodai3 man jetzt vom

April spricht. Also, iieber Eduard Hinkofer, den ich

zwar nicht kenne: "Dulde, gedulde dich fein!"

David Rheinberger schreibt an Franziska nach München:

"Vaduz, 29. 1. 1873.

Liebe Schwägerin!

I.. .1

Aus Deinen Briefen geht hervor, daB Kurt noch sehr hufig

Rückfälle hat, wenn sie nur nicht blutend werden!

Sonst könnte er in den Fall kommen, die Morphiumspritzen

immer bei sich im Sack herumtragen zu müssen. Nit der

Oper geht es doch auch verzweifelt langsam, wenn der Sanger

sein Halsweh verloren hat, wird wohl eine Sängerin

etwa in's Kindbett konunen u.s. vorwärts. Vielleicht, daB

dann Kurt so weit hergestelit ist, daB er der ersten Aufführung

auch beiwohnen kann.

Auf Deine wiederholte freundliche Anfrage wegen der Paramente

bin ich of f en gestanden in der gröl3ten Verlegenheit,

wie ich Dir mittheilen soll, wie mich Hofkaplan Fetz über

den Löffel barbirt u. hintergangen hat, urn die Paramente,

die wir anschaff en müBen, zwei MeBgewänder u. zwei Pluviale

bei einern Paramentenfabrikanten aus der Gegend von

Lindau, der bei der hiesigen ultramontanen Geistlichkeit

Hahn im Korb 1st, machen zu lassen. I...!

Wahrscheinlich hat er mir das ganze zu leid gethan, well

ich. ihn nicht unterstützt habe, als er schon länger her

Bestellungen machen woilte, die man aber zurUckhielt,

weil man nicht wuBte, was man von der fürstl. Familie

noch zu gewärtigen hatte u. unntitze Ausgaben bei den knappen

Geldmitteln vermeiden wollte. Wir haben auch nicht urnsonst

gewartet, denn man hat uns I weit3es & I violettes

NeBgewand, dann eine Monstranz, I Ciborium, I Feiertagskelch,

I RauchfaB u. Schiffchen mit MeBkännchen bis zur

Einweihung der Kirche in Aussicht gestellt.


- 161 -

Ich glaube wenn ich durchgesetzt hätte, die Paramente

in München machen zu lassen, Fetz sie nachher gehorig

ausgeschimpft hätte, denn er 1st jetzt so nbrgelnd u.

affig wie em kranker Aff, dann kommt noch dazu, da2

die andern Mitglieder dieses Comitês, mit Ausnahme des

Pfarrers, von dieser Sache so gut wie nichts verstehen

und Pfarrerist jetzt butznErrisch, mit dem ist nichts

mehr anzufangen, auch Ister am letzten Donnerstagabend

durchgebrannt u. wird wohi nicht mehr kommen.

Er hatte schon im letzten Herbst elnen derartigen Anfall,

erholte sich aber bald wieder, noch bevor man

Schritte gegen ihn unternahm. Auch jetzt hat man elgentlich

in alien Narrheiten ihn gewEhren laBen, weil er

noch nlcht bosartig war. Seine Manie besteht darin, dal3

er glaubt, er hEtte das Recht zum Fleirathen wie andere

Leute, aber Pabst u. Bischof hindern ihn daran, er hat

aber bereits beim Pabst eine Reklamation dagegen eingereicht.

Zuletzt wurde er unsicher für seine Nachbarschaft

und die Personen, die mit ihm zu verkehren hatten

u. als er am letzten Sonntag hörte, dat3 seine Anverwandten

ihn aufheben woliten, hat er sich von hier

entfernt und ist am Dienstag wieder in Chur aufgetaucht.

Unter vernUnftiger Behandlung glaube ich, daB er sich

bald wieder erholen wUrde. Hoffentlich aber kommt er

doch nimmer nach Vaduz, obwohl wir nicht wissen, was

nachkommt, die Auswahl ist jetzt sehr schwierig. Die

meisten sind dumm und fanatisch, m6chten ihre geistige

Armuth durch parforcirte u. gleif3nerische Frömmigkeit

verdecken.

Letzten Freitag wurden unsere Glocken gegossen u. dUrften

etwa Mitte kommenden Monats hier eintreff en. Kirchenu.

BeichtstUhle sind vorige Woche von Wien angekommen,

werden aber erst später aufgestellt. Sie sind ganz, mit

Ausnahme der Ful3böden, von Eichenholz. Das Ausmalen 1st

noch. unentschieden, ob u. wann. Der Hochaltar soll fertig

sein u. vielleicht auch in elnigen Wochen ankommen.

Nur immer langsam voran u. Geduld nicht verloren! I.. .1

Mutter 1st vorgestern Abend über eine Stiege im Dunkein

hinuntergefallen. Sie geht aber herum. I... /

1000 GrUf3e an Kurt. Leb wohl.

David /Rheinberger/


- 162 -

Carl Grossman hatte bei Rheinberger in den Jahren 1867

bis 1871 in München studiert. Er setzte seine Studien in

Brüssel fort und berichtet über das dortige Musikieben

in einem Brief an semen Lehrer:

"Bruxelles, 5 Fevrier 73.

Geehrtester Herr Professor!

Schon längst hatte ich mir vorgenonmien, Ihnen, verehrter

Herr Professor, tiber unser hiesiges Leben Bericht zu erstatten,

immer aber unterblieb diese mir so angenehme

Pflicht, wir hoff ten, daB sich in unserm hiesigen Alleinstehen

vielleicht noch Etwas ändern soilte; nun aber haben

wir uns vollkommen eingerichtet, so gut es eben gegangen

1st, und es wird wohi in dieser Weise so bleiben,

bis wir B/russell wieder verlassen.

Erlauben Sie, daB ich Sie zunächst bitte, Threr werthen

Frau Gemahlin unsern herzlichsten Dank auszusprechen für

die gUtige undso ersehnte NachrichtUber

den Zijstand Ihrer Gesundheit, werther Herr Professor.

Wir waren in groBer Unruhe, da wir ganz ohne Nachricht

von NUnchen blieben. Von Herzen wtinschen wir nun baldige

und vollständige Genesung.

Nun unser ktinstlerisches Dasein in Bruxelles. Im Laufe

des November kamen wir hier an. Herr Kapeilmeister Wüllner

hatte uns Empfehlungsbriefe an den Herrn Gevaert,

Direktor des hiesigen Conservatoriums, und Kufferath,

Lehrer an demselben Institute, mitgegeben. Von beiden

Herren wurden wir aufs Freundlichste empfangen, und besonders

der erstere schien sich sehr für uns zu interessieren.

Wir hatten also Grund zur Hoffnung, bei diesem

höchst geschätzten Musiker UnterstUtzung in Arbeiten

zu finden. Aber die Sachen nahmen eine andere Wendung.

Nachdem Herr Gevaert von unseren Compositionen elnige

gehort hatte, erklärte er uns rund heraus, daB es für

ihn unmöglich sei, unsre Arbeiten zu prtif en und zu verfolgen,

unsre Weiterbildung zu Uberwachen. Wir sahen

erst später em, wie Recht Herr Gevaert hatte und wie

nobel seine Freimtithigkelt war. Die musikalische Denkweise

der Belgier, die sich noch in Wallonen, d.s. die

mehr französierten Blelgier/, und Flamländer, der elgentliche

Nationalstamm, theilen, 1st andrer Art als unsre

deutsche Empfindung. Sie ähnelt mehr dem italienischen


- 163 -

Geschmack. Man denkt mit einem Worte 'vocal', während

bei uns der Schwerpunkt eben doch im 'instrumentalen'

liegt. Einige Werke des Herrn Gevaert, die wir durchsahen,

bekundeten uns dies zur Evidence. Man schreibt

eine, vielleicht sehr schöne Melodie, und die Begleitung

macht keine Verlegenheit. Da setzt man

*

oder -j11

Die ganz noble Art, wie uns H/err! G/evaert/ aufgenommen

und mit uns gesprochen hat, hat uns mit vollständiger

Hochachtung für diesen Herrn erfüllt und wir bedauem

sehr, nicht öfter mit ihm verkehren zu können. Da

Herr G!evaert! hier als der Culminationspunkt in musikalischer

Beziehung gilt und em Ansehen genief3t, wie es

mir wirklich noch nie vorgekommen 1st, so ware jede

weitere MUhe verloren gewesen. Wir sind also auf uns angewiesen,

und hier 1st nun der Ort, wo wir kommen können

und müssen, I h n e n z u d a n k e n, geehrter

Herr Professor. Unter Ihrer Meisterleistung haben wir

einen Grund gelegt, auf dem wir jetzt und unser ganzes

Lebelang weiterzubauen gedenken. Wir sehen das hier

recht el und ich freue mich, es aussprechen zu können.

Möchten Sie doch in steter Gesundheit so fortwirken und

Schüler auf Schüler hinaussenden, die sich alle in dem

e I n e n Punkte vereinigen, das w a h r e Wesen unsrer

herrlichen Kunst und das Lob und den Ruhm ihres Meisters

allUberall zu verbreiten und zu verkünden!

In unseren Arbeiten machen wir, so hoffe ich, Fortschritte.

Ich habe meine ganzen frUheren Arbeiten bei mir und

verkehre fleit3ig mit ihnen. Auch einige Compositionsversuche

habe ich wieder gemacht und jetzt eine Sonate

für Kl/avier/ und Viola angefangen. Besonders Herr Meyer

1st sehr productiv. Er hat bedeutende Compositionsanlagen,

die mir fehlen. Die verlorene Zeit hätte bel mir


- 164 -

vielleicht Manches ersetzen können, so wird mir immer

die 'Routine' abgehen. Solch em mit Hindernissen und

Kämpf en ausgestattetes Leben wie das meine erzeugt gewisse

'philosophische' Gedanken, die der Kunst nicht

zum Vortheile dienen. Thuen wir unsre Pflicht welter. -

Herr Meyer hat also bereits em Heft Duetten für 2 Frauenstimmen

mit Klavier, und em Heft sehr netter Klavierstticke,

beides zu Geburtstagen semen hohen Gönnerinnen,

der Prinzessinnen von Weimar geschrieben, und

jetzt eine Symphonie unter der Feder, die eben auch viel

verspricht. Er wUrde Ihnen selbst geschrieben haben,

wenn er nicht /mit/ Schmerzen auf die Herausgabe einiger

Werke hoffte, die demnächst bei Kahnt in Leipzig

erscheinen werden. Dann wird er sich selbst die Freude

machen, zu schreiben. -

Sie wissen, geehrter Herr Professor, daIs wir die Freude

hatten, Herrn v. Bülow hier zu sehen und - zu hören.

Das war em Sonnenstrahi. Unter vielen, vielen Gaben,

die er immer reichlich und meisterlich vertheilt, empfingen

wir auch Ihre Toccata in G moll, und ich freue

mich, Ihnen sagen zu dUrf en, dal3 dieses Stuck sehr gefallen

hat und mehrfach in den Musikalienhandlungen verlangt

worden 1st; die guten Leute mögen ihre Finger auch

einmal an einem soichen eminenten Werke versuchen.

Was sonst die Conzerte in Bruxelles anlangt, so kann man

nicht kiagen. Man hört nur gute Musik, und das ist eigentlich

in gewisser Beziehung em kleiner Widerspruch

gegen das nationale GefUhl der Belgier. In den 'Concerts

populaires', die im Theater stattfinden und wegen ihrer

eminenten Billigkeit 'populaires' hei1en (der letzte

Platz kostet 10 cts., sage 10 centimes = ca 2 Xr) in

diesen also giebt es vortreffliche Musik und Beethoven,

Mendelssohn, Schumann sind da gute Bekannte.

Mozart haben wir leider noch garnicht gehort. Dann sind

noch die Cyclus Conzerte der Philharmonie, ebenso grol3artig,

und die Cyclus Conzerte des 'Conservatoire

royale', die aber mit diesem Institut nichts gemein

haben als den Namen und den Director.

Erstere stehen unter Leitung des Herrn Vieuxtemps, des

eminenten Violinvirtuosen und s e h r g u t e n Dirigenten,

die zweiten unter Leitung von Herrn Dupont,

Kapellmeister am Theater, und die letzten unter der des


- 165 -

Herrn Gevaert, wie schon genannt. In einem der letzteren

hörten wir vor Kurzem Frau Schumann Beethovens

G dur Conzert spielen. -

Eigent lichen Verkehr haben wir nur mit einem Herrn Dupont,

Auguste Dupont, em Bruder des Kapeilmeisters.

Dieser ist höchst liebenswerth und leistet auch als Cornponist

und Virtuos bedeutendes, mehr in unserer Denkweise.

Dieser Herr hat warmes Interesse für uns und die

ganze deutsche Kunst; nächstes Jahr will er eine grol3e

Reise nach Deutschland und durch Deutschland unternehmen,

und da wird es Sie gewiB interessiren, diesen lieben

und tüchtigen Kunstgenossen kennen zu lernen. -

Ich erwähne noch, dat3 wir auch noch tüchtig Kiavier

Uben, Uberhaupt ganz auf uns. Münchner Basis welter arbeiten

und -bauen. -

So, geehrter Herr Professor, haben Sie in kurzen Zügen

unser m u s I k a I I s c h e s Leben in unserer

neuen Sphäre. Sie 1st nicht ganz so, wie wir gehofft

hatten, indern wir MUnchen verliet3en, aber doch haben

wir, besonders ich, elnen Vortheil gefunden, den uns

nur eine ganz andre Luft biethen konnte. Und das 1st

die Anregung. Die Anregung zum Arbeiten, zum Lernen

Uberhaupt. Fast alle mit geistigen Arbeiten beschäftigten

Köpfe haben den wohlthatigen Einflu2 des Neuen,

neuer Sitten, neuer Gebräuche, neuer Sprache empfunden,

und nur ganz bevorzugten 1st es vergönnt, stets

aus sich selbst zu schUrfen. Zu den ersteren gehöre namentlich

ich. Em fortwährendes Einerlei erzeugt bei

mir eine gewisse Gemüthlichkeit, eine Tragheit des Gehirns,

die mir schädlich 1st. Ich gerathe dann in's

Philosophiren, werde der Raub meiner mimuthlgen Gedanken

- das 1st ohne Zweck. In München hatte ich eine

gemuthliche Häuslichkeit, meine Ruhe, die langhergebracht

war - hier findet sich der Geist urplötzlich angestachelt.

Alles, was man sieht, 1st neu, das kleinste

Ding, das unansehnlichste interessirt, beschäftigt,

regt den Geist an, erfrischt ihn, verjüngt. Auch Herr

Meyer empfindet dies. In dieser Beziehung haben wir

viel, viel gefunden, was auf die Zukunft von Bedeutung

sein wird. Das Leben 1st im ailgemeinen sehr angenehm

und nicht sehr theuer, wie wir befürchtet hatten. Die

Menschen sind freundlich und liebenswürdig; merkwür-


- 166 -

dig 1st, daf3 für Frankreich wenig Sympathie vorhanden

ist, man hat die Suprematie dieses herrschsuchtigen,

unruhigen Volkes und hat mehr Neigung für die Deutschen.

Man hört auch sehr viel Deutsch sprechen, und die flämische

Sprache, die eigentliche Nationaisprache, ähnelt

auch sehr dem Deutschen. Man findet sie jedoch nur in

den untersten Kiassen der Gesellschaft, Beweis, da

em soicher Mischstanm nicht lebensfahig 1st. Alles,

was nur halbwegs auf Bildung Anspruch macht, spricht

französisch (d.s.d. Wallonen) und versteht garnicht

flHmisch. -

Die Stadt an und für sich ist sehr schön und groBartig.

München ist ganz klein dagegen; prächtige Anlagen, Boulevards

und Paläste umgeben und durchziehen die Stadt. Die

Theater, deren es 7 ziemlich genau giebt, sind natürlich

alle französisch; ich besuche sie viel, ich war von imnier

her em frol3er Freund dieser 'bretternen' Welt. -

Die groe Oper, Le Thtre de la Monnaie, nährt sich

von Meyerbeer, Verdi, Rossini, Auber, Gounod und den

anderen Italienern und Franzosen; alle Wochen giebt

man die Afrikanerin und Faust, unsern herrlichen Goetheschen

Faust in der bekannten 'Verböserung' . -

Die lJmgebung Br/üssels/ soll auch im Sommer herrlich sein,

ich freue mich darauf, doch meine lieben, heimathlichen

'deutschen Berge' werden mir nicht ersetzt werden. Wir

denken nun, da wir einmal hier sind, auch alle Vortheile,

die uns geboten werden, auszunutzen und unser vorgenommenes

3/4 Jahr auszuhalten, ehe wir in unsre Heimath zurückkehren.

Hoffentlich können wir, d.h. ich (wir haben

uns beide so angewöhnt in der Mehrzahl zu sprechen) -

dann München besuchen, wo es much herzlich freuen wird,

geehrter Herr Professor, Sie in bester Gesundheit anzutreffen

und Ihnen persönlich die Gefühle meiner Dankbarkeit

und immerwährenden Erinnerung auszudrücken.

I.. .1

Für Ihre Gesundheit füge ich nochmals meine aufrichtigsten

Wünsche an und bitte, auch für fernere Zeiten urn

freundliche Erinnerung und Wohlwollen.

Mit herzlichstem Gru und treuer Ergebenheit

Ihr dankbarer Schüler

Carl Grossmann."


- 167 -

In einem Brief an Franziska Rheinberger vom 23. Februar

1873 schreibt Hedwig von Holstein:

"Gestern und vorgestern war Dr. Stroll bei uns & hat so

wundervoll gespielt, dal3 es uns war, als ware es Dein

Gatte selbst. Die Charakterstücke, die sinfonische Sonate

& die Fuge - Alles so meisterhaft, so darüberstehend,

so männlich, wie mir wirklich noch nichts vorgekoimnen

1st, & die Compositionen, die mein armes Herzblatt

so mühsam buchstabirt hat, sind uns jetzt erst

verständlich geworden. Aber auch seit dem 10. Lebensjahr

der Schüler Eines Lehrers, & s o 1 c h e n Lehrers!

Das 1st harmonische Erziehung, da wird nicht wieder von

einem Lehrer elngerissen, was der vorhergehende mühsam

aufgebaut hat. -

Der ganze Str011 ist für uns der Inbegriff eines Bayern,

& doch wieder elne so andre Art, als z.B. der Zenger

Maxel, der so grausam fiasco gemacht hat, der uns auch

als Urtypus elnes Bayern erscheint. Ich fragte natürlich

den Dr. Str011 'kurz & klein' nach Euch, drückte

ihn aus wie eine Citrone. Von Deinem Catten sprach er

mit höchster Verehrung; nun dürstete ich auch nach etwas

von Dir oder über Dich zu hören & fragte ihn endlich

ganz direct 'Schwärmen Sie denn nicht sehr für sie?'

'Ja', sagte er mit einer Trockenheit & Bestimmtheit, dal3

wir alle drei in lautes Gelächter ausplatzten. Dann hat

er Scarlatti voller Eifersucht 'Bestie' genannt, 'der

Rheinberger ist ganz vernarrt in die Bestie' - - der

Mensch hat also kein Herz, oder em ganz schwarzes! -

I. /

Die Wallenstein-Sinfonie war uns nicht neu, Liebste;

zuerst hOrten wir sie in Probe & Aufführung unter Direction

Deines Kurt, dann nochmals das Scherzo, das kOstliche,

sprudelnde, ureigenthümliche, erfindungsstrotzende,

einmal im Gewandhaus & einmal in Carlsbad.

Im letzten Satz hat mein Franz alles errathen, was Du andeutest,

er sagte sogar halb im Scherz: Jetzt steigt der

Astrolog die Treppe hinauf & sieht nach den Sternen. Uns

1st nichts zu lang darin gewesen, Einigen erschien die

Thecla zu lang oder waren sie zu kurz dafür, wie Schwind

so schOn sagte, als jemand die 9te zu lang f and.

Volkland hatte die Sinfonie mit grOI3ter Sorgfalt em-


- 168

studirt, & soviel uns schien, waren alle Tempi richtig.

Das Publikum nahm sie sehr beifallig auf, die Recensionen

waren nicht schiecht, aber so gleichgultig & von

oben herab, da8 Franz sie bios deshaib nicht schicken

wolite; er ärgerte sich über diesen Ton, in dem sie geschrieben

waren. -

Wir besitzen die Sinfonie im Clavierauszug & haben sie

oft zusammen gespielt. Sie war ja das Erste, was unsre

Gäste zusanimenführte! -

In einem weiteren Brief vom 15. März gibt Hedwig von Holstein

eine interessente Charakterisierung der beiden Herzogenbergs

und schreibt an Franziska:

"Neulich sang unsere Helene Euren Liederzyklus, den wir

so leidenschaftlich lieben. Herzogenbergs hörten ihn &

schienen frappirt über die Simplicität. Habe ich Dir

schon von diesen Leuten erzählt? Ich mu8 sie Dir schildern,

denn sie sind, ohne unser Zuthun, wie von selbst in

unsern engern Freundeskreis getreten, in den sie passen,

als wären sie von jeher darin gro8 geworden. Er ist Musiker

vom Fach, d.h. wie mein Franz, er schreibt & läl3t

drucken - hat aber keine Anstellung und will keine. Auf

dem Wiener Conservatorium gebildet, lebte er meist in

Graz, wo einige Compositonen von ihm aufgefuhrt wurden,

u.a. der "Columbus't, eine Concert-Sonate. Seine Sachen

stoen beim ersten Hören jeden natürlichen Menschen ab,

sie sind in Brahms'scher Art geschrieben, die Betonung

fällt meist auf den schlechten Tactteil, & man kann vor

Syncopen nichttreten, die Melodie hat keinen Fluf3 oder es

ist gar keine da. Trotzdem haben diese Compositionen fast

alle einen hochpoetischen Reiz, sie sind tief empfunden

& trefflich gearbeitet, wie F/ranz/ sagt. Mit der Zeit

singt & spielt man sich hinein & lernt sie lieben. Wir

studiren jetzt em Chorwerk mit Solo "Deutsches Liederspiel",

bei Fritzsch erschienen, & "Nanna", em Quartett

für Frauenstimmn, welches beides uns vollständig gef angen

genoimnen hat während des Ubens.

Franz und Herzogenberg verstehen sich als Menschen & als

Cavaliere vortrefflich.. Sie haben dieselbe Erziehung gehabt,

mit denselben Vorurtheilen kämpf en mUssen, & haben

dieselbe seelische Feinheit, dieselbe Liebe für die bil-


- 169 -

dende Kunst. In der Musik aber stehen sie sich gegenUber

wie Feuer & Wasser, sie können sich rein gar nicht verständigen.

Derreine Wohikiang scheint Herzogenberg eine

Verwohnung des Ohrs, & Franzen 1st er erstes Bedürfnis.

Brahms 1st Herzogenberg zu einfach, meinem Mann zu gesucht.

Ihr könnt Euch denken, was Herzogenberg vom Erben

von Morley halt, & mit weichem sauren Gesicht Franz uns

zuhört, die Herzogenberg'schen Chore einüben. Und beide

lieben sich zärtlich & wUnschen sich herzlichst Gedeihen

& Vorwärtsschreiten auf ihrem. Wege.

Frau von Herzogenberg 1st die Tochter des vormaligen hannoverschen

Gesandten in Wien, von Stockhausen,strengaristokratisch

erzogen & durch ihre Heirath mit einem Küxtler

frel geworden. Sie 1st jung & von so zarter SchOnheit,

daB man elne Pen zu sehen glaubt. Sie hat eine soiche

Begabung für die Musik, wie wir sie in keiner Frau gefunden

haben; sie weiB alles auswendig, z.B. hatte sie die

Schumannsche Phantasie seit 3 Jahren nicht gespielt, wir

kamen im Gespräch darauf, & es handelte sich, eine Stelle

zu vergleichen, da spielte sie das ganze StUck mit wenigem

ZOgern oder Besinnen, ohne AnstoB auswendlg. Zu diesem

Musikieben & zu ihrer superfelnen Cultur paBt sehr

wunderlich ihre Leidenschaft für die edle Kochkunst.Wenn

wir bel ihnen sind, hat die närrische Frau die wundersamsten

Spelsen mit hUchster Sorgfalt selbst gekocht, well

ihr Mann das liebt. Das Zusammenleben dieser belden 1st

reine Wonne mit anzusehen, er trägt sie auf Handen, & sie

verachtet die Menschen, die sie mehr lieben als ihren

Mann. -

Wir sind durch Fritzsch mit ihnen bekannt geworden, die

Einrichtung so harmonisch & echt kUnstlerisch, wie die

blaue Grotte mit den 2 angrenzenden Zimmern."

PletroPlatania (1828-1907) Opernkomponist und Direktor des

Konservatoriums in Palermo, der 1872 em Lehrbuch des Kanons

und der Fuge herausgegeben hatte, schrieb an Josef

Rheinberger

"Palermo, 28 Mars 1873

Monsieur le Directeur!

Je serai infiniment flatte, Monsieur Rheinberger, si vous

aurez l'obligeance de me permettre de me lien d'amiti

avec vous, qui tes si granddans l'art musicale, et cet

gard je prends la libertê de vous envoyer, moyennant mon


- 170 -

1êve Antonio Scontrino, un exemplaire de mon opera

pratique-scolastique, pub1ie depuis peu, par la queue

je ne veux que vous tmoigner le culte que je professe

pour notre art des Sons et pour votre haut mrit.

Veuillez agrêer, Monsieur le Matre, 1'assurance de mon

bien parfait dêvouêment.

Pierre Platania."

Die MUnchner Neuesten Nachrichten vom 6.4.1873 berichten

über das zweite Konzert des Oratorienvereins, in dem

Rheinberger das Oratorium "Salomo" von G.F. Handel aufführte:

"Es gereicht einem musikalischen Verein zu grofer Ehre

sich die Aufgabe gesteilt zu haben, soiche Meisterwerke

zur Auffuhrung zu bringen. Was letztere betrifft, die

unter Rheinberger's gediegene Direktion stattgefunden hat,

so war sie eine recht gelungene und übertraf weitdie Leistungen

des ersten Konzertes."

Am 16. April 1873 starb in Vaduz Rheinbergers Bruder Tony

an einem Lungenleiden. Der Komponist richtet darauf folgende

Zeilen nach Vaduz:

"Lieber Bruder David!

Heute früh erhielten wir Dein Telegramm mit der schmerzlichen

Nachricht von dam Tode unseres guten armen Tony.

War mir das Ereignis auch nicht unerwartet, so glaubte

ich nach Malys letztem Brief e die Krankheit noch. nicht so

weit vorgerückt. Unser Aller Trost 1st es, da2 der Tod

für den Arinsten nach dem Leben eines Martyrers nur im

wahrsten Sinne des Wortes Erlosung zu einem bessern Leben

sein kann und rnuI, und so -möge ihm, dem guten und treuen

Herzen, die Erde leicht sein!

Die armen Eltern! Was gäbe ich darum, wenn ich sie trösten

könnte, wenn nur die liebe Mutter bei diesem Schlage

standhaft bleibt! Ich habe Fanny bestimmt, an Peter zu

schreiben, da6 er doch den kleinen Egon auf einige Zeit

zu den Eltern hinuntergebe, damit sie an dem Kinde doch

eine gewisse Zerstreuung haben.-

Ich kann leider zu dem Begrabnil3e nicht kommen, da ich der


- 171 -

Oper wegen hier sein muB, obschon mir wenig darum zu

Muth 1st.

Im September kommen wir dann zur Orgelubergabe, worum

mich auch Herr Steinmeyer persönlich ersucht hat.

GriiIe mir die lieben guten Eltern; möchte doch das

arme und treue Mitgeftihl ihren Schmerz lindern!

Mit brüderlichem Grufe

Dein Bruder

MUnchen d.17/4.73 Josef Rheinberger."

Uber die Urauffuhrung von Rheinbergers zweiter Oper

"ThiirmersTöchterlein" verlautet wenig, Franziskas Tagebuch

enthält neben eingeklebten Zeitungsausschnitten

und dem Prograrnmzettel, folgendes Notizblatt:

/T.B.2, 268/.

Donnerstag, den 17. April /1873/: Clavierprobe mit

Soufleur urn 10 Uhr

Freitag, den 18. /April /: Arrangierprobe urn 10 Uhr vorm.

Arrangierprobe urn 6 Uhr Abends.

Samstag, den 19. /April/: Sitzprobe urn 10 Uhr Vormittags

Hauptaufführung: am jüngsten Tag.

/gez./ Stahl, qua Durchfall, vulgo Perfall.

Am Mittwoch, den 23. April 1873, ging dann Josef Rheinbergers"Thtirmers

Töchterlein", op. 70, im Kgl. Hof- und

Nationaltheater in München zum ersten Hal über die Bühne.

Franz Lachner 11e13 seine Visitenkarte dem Komponisten

überreichen mit folgender Anerkennung:

"Dr. Franz Lachner bezeugt unter den besten Grü2en

seine wärmste Theilnahine an dein glanzenden

Erfoig des neuesten Werkes."

Franz von Holstein schreibt an Josef und Franziska Rheinberger

nach der Anzeige der UrauffUhrung, die im Original

von der Hand der Gattin des Komponisten nicht erhalten 1st,

folgende begeisterte Zeilen aus Leipzig:


- 172 -

"Leipzig, d. 26.14.1873

Liebe verehrte Freunde!

Hurrah! Das ist eine gute Nachricht! Gestern frUh 9 Uhr

kam das Telegramm, heute 1/2 12 Uhr vormittags war der

liebe, ausführliche Brief in unseren Händen - tausend

Dank für Beides! Es mul3 ja prächtig gewesen sein, und

wie herrlich, dal3 Alles so nach Curts Wunsch ging! Ja,

der Levi ist wahrhaftig em Prachtkerl, und die Stehie

und yogi und Kindermann auch nicht übel. Bitte schreiben

Sie wieder nach der zweiten AuffUhrung und schicken

Sie uns einen Zettel. Wie waren Sie mit dem BaB Buffo

zufrieden? Sang die Diez noch die alte kornische Rolle

der Wirtschafterin? Ich hätte noch so Vieles zu fragen

- doch man darf nicht unbescheiden sein. Wie traulich

müssen Sie da oben in der Regisseur-Loge gesessen haben!

Gerade so haben wir beide es das letzte Mal hier

gemacht. Da13 aber die Excellenz einem Manne wie Curt gegenüber

sich so albern benimmt - da hört alles auf!

Wei8 Gott! Niernand irrt leichter und öfter als die Herren

vom Fach, die sich auf ihre Praxis und ihr Urtheil

etwas einbilden. Wir haben das auch erfahren, ich kann

Ihnen reizende Anecdötchen der Art erzEhlen. Und wie albern,

Ihnen gegenuber der Weit3heimerschen Oper Erwähnung

zu thun! Urn so besser, da$ der Erfoig den Kleinmüthigen

Lügen strafte! Wir wollen aus Figaro singen:

'Da steht er und schämt sich, der gnEdige Herr'!" -

Die Augsburger "Aligemeine Zeitung" vom 4. Mai 1873

schreibt über die Uraufführung der Oper:

"Die neue cornische Oper 'Des ThUrmers Töchterlein' ist

eine Schöpfung des einheimischen Componisten Rheinberger,

der durch seine Oper 'Die sieben Raben' und noch

iehr durch seine Wallenstein-Symphonie sich lEngst eine

ausgezeichnete Stellung in der musikalischen Welt errungen

hat, und em neuer Beweis für seine kUnstlerische

Begabung sowohi als em reines, durchweg edles Bestreben

dieselbe in würdigen Leistungen zurn Ausdruck zu

bringen. Mit voliendeter Technik geht em nicht gro6artiges,

aber liebenswurdiges Erfindungstalent Hand in


- 173 -

Hand, und offenbart em mehr zu sinnigem Ernst geneigtes

als von Humor überströmendes Gemüth. Seine Melodien

sind empfunden und gut gebaut, seine Instruinentation

1st charakteristisch und gewählt, und namentlich

einzelne mehrstimmige Gesangsnummern sind warm und schön.

Die Behandlung im ganzen halt zwischen der alten Opernform

und dem Wagner'schen Musikdrama eine kiug gewEhite

Mittelbahn em: sie schreitet dramatisch fort, ohne

an geeigneter Stelle auf breiteren lyrischen Ergut zu

verzichten;dabei ist aber wohl unverkennbar und unläugbar

da die 'Meistersinger' zu der Conception des ganzen

Werkes die Anregung gegeben haben dürf ten.

Der Text 1st Franz Trautmanns gleichnamiger Erzählung

entlehnt, elner der besten Erzählungen des gemUthvollen

Dichters, die, ebenso heiter in der Erfindung als

in der naiven Komik der Figuren, weiche gelungenen alten

Holzschnitten gleichen, keineswegs elne glUckliche

Bearbeitung gefunden hat. Der Stoff, der für die Bühne

höchstens zu drei kurzen niedlichen Acten ausgereicht

hätte, 1st unverhä1tnif3mäIig ins Breite gezogen und dadurch

etwas stark durchsichtig geworden. Derselbe stelit

an die Geschichte die stärksten Zumuthungen, wie z.B.

in der ganzen Schilderung der BUrgermeister und Ratsherren

von München, in der Art und Weise der Uebergabe

der Stadt an die Schweden, in der Befreiung der Geisein

durch die Bitten und Geschenke ihrer Frauen. Den Thatsachen

gegenUber sind soiche Erfindungen, zumal an Ort

und Stelle, nicht wohl zu rechtfertigen, da namentlich

die dreijEhrige Leidensgeschichte der Münchener Geisein

ziemlich aligemein bekannt 1st, und ware es nur durch

das Votivbild in der Ramersdorfer Wallfahrtskirche. Der

Jammer der damals Uber München hereingebrochen, ist em

so dunkler Hintergrund, dat3 sich soiche Spälkhen wie die

eines Narren von Actuarius schlimm darauf ausnehmen.

Der epische Vortrag kann hierin viel mehr wagen als der

Dramatiker, well hier die unmittelbare Anschaulichkeit

ihre nicht abzuweisende Wirkung geltend macht. Aber

auch von der Geschichte abgesehen, 1st die Angst eines

Schreibers, die sich durch das Ganze immer wiederholt

hindurchzieht und sogar zu zwei ganz gleichartigen AbschlUssen

benutzt 1st, em etwas gar zu kleinlicher Gegenstand

um sich einen halben Abend damit unterhalten


- 174 -

zu kbnnen. Eine starke Zumuthung 1st es auch daIs derselbe

Geck auf of fenem Schrannenplatze dem Mädchen, urn

das er sich bewirbt, em Liebeslied vorsingt, und daf3

diese dann, nachdem sie ihre Liebesscene ebenfalls auf

of fenem Markte durchgespielt, zu dern dort angernalten

'groIen Christoph arn Eiermarkt', recte zu Sanct Onuphrius

betet, wHhrend doch ziemlich bekannt 1st was dieser

Onuphrius (em jedem Einheiniischen wie jedern Besucher

Münchens bekanntes Stadtwahrzeichen) nach einern im Voiksmunde

lebenden Sprichwort für em sonderbarer Heiliger

war. Nan kann es mit soichen localen Dingen halten wie

man will, man kann sie beobachten und ignoriren; aber

das elne oder das andere wird man ganz thun müssen, em

entweder GleichgUltigkeit oder Unkunde anzeigender Mitteiweg

ist hier gewil3 von Uebel. Auch gegen Diction und

Vers bestehen erhebliche Bedenken; unsere deutsche Sprache

1st von Wagners Genialität schon so vielfach gemal3regelt

worden, da man Protest erheben muI wenn etwa von

semen Nachfolgern versucht werden wollte Fügungen wie

z.B. 'Errathet ihr von wem die zierlich Verslein hier',

oder 'Soich' edler Sinn, solch' Muth bewährt' bleibend

in sie einzuschwärzen.

Die Aufnahme von Seiten des Publicums war bei der ersten

Aufführung eine entschieden günstige, wenn dieselbe auch

von Schwankungen nicht frei war. Trotz langen Wartens

schien die Inscenirung hie und da doch etwas übereilt;

zwar war der Rathhausthurrn mit Umgebung neu gemalt, aber

die Anzuge der Schweden, und besonders des Münchener Volkes,

verriethen daB es in dem langen Kriege schon sichtbar

herabgekommen war."

Nach der 2. Auffuhrung von "ThUrmersTöchterlein" richtet

der Textdichter folgendes Schreiben an den Komponisten:

"Hochgeehrtester Herr Professor!

Der groBe Wurf ist gelungen; die ersten Vorstellungen von

"Thürmers Töchterlein" haben reussiert. Es erübrigt nur

mehr, die delikateste Frage, die finanzielle, welche wir

schon einmal berührt, aber auf meinen Wunsch bis jetzt off

en gelassen haben, zu lösen. Da ich es vorziehe, in dieser

Beziehung tabula rasa zu machen, nehme ich mir die


- 175 -

Freiheit, Sie urn Verabfolgung der nach eingezogenen Erkundigungen

für die Librettisten Ubliche Pauschalsumme

von 300 f 1. ergebenst zu ersuchen. Verzeihen Sie, da6

ich den schriftlichen Weg hierzu gewahlt habe; es Widerstreitet

gnzlich meiner und, wie ich vermuthe, auch

Ihrer Natur, derartige subtile Fragen mündlich zur Bereinigung

zu bringen.

Indem ich mich der freudigen Hoffnung hingebe, Sie nebst

Frau Gemahlin bei nächster freier Zeit begrül3en und gemeinsarn

mit Ihnen die herzlichste Freude über das Wohlbefinden

unseres Töchterleins ausdrUcken zu können, verbleibe

ich unter den AusdrUcken grö1ter Hochachtung

Ihr ergebenster

München, 26. April 1873

Max Stahl."

P.S. Frau Diez war gestern die Aufopferung u. Liebenswurdigkeit

selbst: obwohl mit einem Haisleiden behaftet,

sandte sie den bereits geschriebenen Absagebrief nicht

an die Intendanz, urn die Aufführung zu errnöglichen.

Hoffentlich ist sie bis zu der am 1. Mai angesetzten Wiederholung

der Oper wieder genesen.

/T.B.2, 288/.

Auf Verlangen der Thea terdirection des Theaters "an der

Wien" heute, den 18. Mai 1873, die Partitur von "Thürmers

Töchterlein" nach Wien geschickt.-

Heute karn aus Graz die Anfrage urn "Thürrners Töchterlein".

Die nachstehende Notiz ist ohne Datumsangabe:

Curt hat das wundervolle "Laudate" von W.A.Mozart, das bisher

ungedruckt blieb, herausgegeben; d.h. einen Clavierauszug

gernacht. Ich übersetzte und untersetzte es und wir

sandten es an Sirnrock nach Berlin. Dieser will es drucken,

aber kein Honorar zahlen,worauf Curt antwortete, daB er

es als Sakrileg betrachten würde, em Honorar dafür zu

verlangen, und daB er es sich als Ehre schätze, dieB Werkchen

herauszugeben.- Wie Curt an Mozart hängt, weiB Niemand.

Er sagte rnir heute, er freue sich dreirnal so stark

auf das Erscheinen dieses Laudate, als je auf em eigenes

Wprk.


- 176 -

Juli 1873

/T.B.2, 293/.

Curt hat nach länqerem innerlichen Widerstreben und

Widerwillen doch seine neue Oper theilweise umgearbeitet

und nun eine längere Cantilene am Schlufi des I.

Aktes gemacht, so wie Franz Lachner es ihm anempfohlen;

dann em ganz neues Finale für die Rathausscene

gemacht, sodaf3 nun mit einem brillanten, revolutionären

Chore der Akt schlief3t.

Der Librettist, der tins in letzter Zeit durch Hin- und

Hergetraatsch vielfach geärgert, ist zum Glücke in

preul3ische Dienste gegangen, sodai3 wir carte blanche

hatten, den Text zu ändern: eine Arbeit, die mich sehr

anstrengte.

An neu gestochenen Werken sind wieder eingelaufen:

Drei Vortragsstücke für Kiavier

drei geistliche Lieder.

darunter mein Liebling:"Bleib bei uns, denn es will

Abend werden."

Dazu das: Morgenlied,das Curt ebenfalls 1855

componirte, und: "Tui sunt coeli".

Alle drei bei Simrock in Berlin.-

Auch von Rui3lancl schöne Beweise der musikalischen Achtung

bekommen, in weicher Curt dort steht!-

Hans von Billow machte in dieser Zeit Rheinbergers Namen

durch seine Konzerte in England bekannt. Er spielte das

Klavierquartett in Es-dur, op. 38, Ende Hal 1873 in der

St. James Hall in London und die Programmzeitschrift

The Musical Union Matinees bringt eine ausfUhrliche Besprechung

des Werkes, die nur einen Schönheitsfehler hat:

der Komponist wird als "native of Austria" bezeichnet.

Bei einem weiteren Konzert in der St. James Hall setzt

Billow Rheinbergers Toccata op. 12 auf das Programm. Auf

diese Welse sorgte Billow durch seine Konzertreisen in

ganz Europa, die aufgrund der gro6en Reputation des berühmten

Pianisten stets allerorten vielbeachtete Ereignisse

waren, für die Verbreitung der Rheinbergerschen

Werke, die er in semen Programmen neben Mozart, Beethoven,

Bach und Chopin spielte.


- 177 -

Unter dem 19. Mai 1873 schreibt David Rheinberger an seinen

Bruder Josef in München:

"Ich habe innner geglaubt, es werde von einem od. dem anderen

Deiner rnusikalischen Freunde eine theilnebmendere

od. anerkennende Recension /Deiner Open in der Augsburger

Ailgerneinen erschelnen, denn die einzige, bis jetzt

erschienene ist nicht sehr sympathisch u. scheint ihr jedes

Lob tiberwindung zu kosten. Ich habe von Schafhäutl

od. von Riehi eine eingehende Besprechung erwartet. Der

Text scheint aber wirklich nicht gelungen od. zu breit

angelegt gewesen zu sein.

Nächstens sollen die Geschenke von der fürstl. Farnilie

für die hiesige Kirche ankommen, ich wurde gestern biervon

avisirt. Ich glaube, ich habe schon einmal Fany geschrieben,

was wir alles bekommen, jetzt kommt noch em

Marienrnef3kleid dazu. Wie diese aussehen, weil3 Ich nicht.

Seit Anfangs Mai sind Tischler u. Schlol3er hier von Wien,

urn die ebenfalls von Wien gekommenen KirchenstUhle,

Beichtstühle, Thüren und verschiedene Gitter aufzuschlagen

u. einzurichten. Was von Wien kommt,ist halt besser

als anderswoher u. wohlfeiler; wenn die Kirchenstühle hier

und von einem hiesigen Meister gernacht worden wären, so

ware des Geschirnpfes von oben herunter kein Ende geworden

u. den Mann hätte man zum Lande hinausgejagt. Die

Kirchenstühle haben eben die 2 kleinen Fehier, dal3 man

nicht hinein kann (eine schwangere Frau schon gar nicht)

u. wenn man drinnen 1st, so kann man nicht knien; u. bier

1st das Volk wHhrend des Gottesdienstes an's Knien gewöhnt

u. nicht an's Hocken wie in sterreich. Dann wird

die Hälfte des Volkes kaum auf den Hochaltar sehen.

Altäre sind noch keine da, wann sie kommen, weiB ichnicht,

wenn sie nlcht besser ausfallen als die Stühle, so brauchen

sie gar nlcht zu kommen, damit man sich nicht von

neuem ärgert. Dem Preis nach darf man nicht viel erwarten,

denn was kann man urn 6000 f 1. für 3 AltHre von Wien erwarten,

da die Stühle schon 8000 f 1. gekostet haben! Es

ist nur gut, daB nicht auch die Orgel in dieser Schandelbudik

gebaut wird, da wUrde etwas schönes herauskommen.

Hast du nicht erfahren, bis wann sie fertig sein wird?

Kontraktgernäf3 solite es Ende Juni sein, wird aber, denk

ich, wohi spater werden, sonst würde Herr Steinmaler eine


- 178 -

Ausnahme in der Zuverlässigkeit machen. Wenn die Orgel

bis September aufgestellt 1st, ist es auch noch frUh genug.

Am meisten Anstände gibt es mit dem Ausmalen; denn

die grauen WHnde, wie sie sind, würden doch zu trostlos

sich ausnehmen, wenn sie so bleiben soliten u. der Ftirst

will sich zurn Ausmalenla8en nicht entschlie2en, bis er

die Kirche selber gesehen habe, u. das dürfte bei seiner

Unentschlossenheit wohi noch lange hingehen. Aber er

lä8t sich in dieser Beziehung nicht drängen.

Gehst Du heuer nach Kreuth ad. nach Wien. Bis wann gedenkt

ihr herzukornmen? Ihr solltet es doch so einrichten,

da2 Ihr heuer lHnger dableiben könnt, als früher.

Wie geht es denn auch mit Deiner Hand? Die wird jetzt

doch wohl gesund sein. Seit Deiner anderen Krankheit im

Winter habt ihr nichts mehr davon geschrieben. Wie geht

es Fanny, ist sie gesund u. gut aufgelegt?

Wir sind gesund bis auf die Mutter, welche seit Toni's

Hinscheiden an einern Schleimfieber leidet, aber jetzt

Gottlob wieder auf Bel3erung 1st. Bettlgerisch war sie

Wilhelm Treiber (1838-1899), Kapellmeister am Landestheater

in Graz, bat Rheinberger urn schnelle Ubersendung der

Partitur von "ThUrmers Töchterlein". Rheinberger antwortet

ihm:

"Hochgeehrter Herr!

Vor em paar Stunden sagte ich zu meiner Frau: Es ist

wirklich höchste Zeit, dat3 ich Herrn Capelimeister Treiber

schreibe; was mu2 er sonst über lHngeres Schweigen

denken? Da kam Ihr liebenswUrdlger Nahnbrief und setzte

ich mich sogleich bin. Die Partitur wird bis in 8 Tagen

fertig; ich habe nämlich eine 2nderung des zweiten Finales

vorgenommen und das gab die Zögerung. Um nun Ihren

Kopisten nicht aufzuhalten, Ubersende ich Ihnen hiemit 1.,

3. & 4 Akt. Der zweite folgt in 8 Tagen nach. Wenn ich bis

dahin noch em paar gedruckte Textbücher bekommen kann,

werde ich dieselben auch schicken; sie enthalten Ubrigens

den Dialog nicht, der aber natürlich in der Partitur vollstHndig

1st.

Ich freue mich sehr über Ihre rege Theilnahme an meiner


- 179 -

Muse und werde mir schmeicheln, Ihrem ausgesprochenen

Wunsche baidigst nachzukommen. Bis dahin bitte ich, beigelegte

Kiavierhefte freundlichst durchzuspielen. Im

Herbst werden meine beiden Opern an hiesiger Bühne wieder

gegeben, und wenn Sie nicht hierher kommen, so hoffe

ich Sie & mein Töchterlein in erwUnschtem Wohisein in

Graz wiederzusehen.

Mit herzi. Grul3 von meiner Frau

Ihr Rheinberger."

Den 13.7.73

Rheinberger hatte an Heinrich Kotzolt die drel geistlichen

Lieder zu 5-6 Stimmen op. 69, gesandt. Kotzoit bedankt

sich und schreibt:

"Hochverehrter Herr Kollege!

Sehr erfreut haben Sie mich und meinen Verein durch Ihre

drei Lieder. Ich bdaure nur, da2 dieselben geistlichen

Inhaits sind und ich dieseiben kaum werde in meinen

Soirêen singen lassen können, da ich bios speciell das

w e 1 t 1 1 c h e Chorlied pflege. Es ware möglich, daB

ich vielleicht In meiner 3ten Soir&e elne der 3 Sachen

anwenden kann, da Ich mein 25-jähriges Jubiläum in diesem

Winter felere und In dlesem Falie em geistliches

Lied wol am Piatze sein könnte.

Sle erinnern sich, als Ich meine ersten Zeilen an Sle

richtete, daB ich Ihnen das schon mittheilte, daB ich

bios das weitliche Chor- und Kunstlied pflege, und dabei

den Wunsch Euf3erte, Sie möchten die Güte haben, meinem

Verein etwas zu dediziren. Viellelcht ist es nlcht unbescheiden,

wenn ich Sle nochmals bitte, etwas Weltliches

für meinen Verein zu machen und ihm zu dediziren, und

zwar em durchkomponirtes Kunstiled, 4, 6 oder 8-stitnmig.

Ihre schöne Probe 'All melne Gedanken' wurde In meiner

2ten Soiree d a c a p o verlangt und wurde von der

Kritik sehr gelobt.

Mit dem Wunsche, Sle möchten meine Bltte erfüllen, zeichne

ich mich mit ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ganz ergebener

Kotzolt."


- 180 -

J.G. Herzog an Josef Rheinberger:

1'Kissingen, den 2.Sept.73

Sehr geehrter Freund!

Seit drei Wochen bin ich hier zum Gebrauch der Kur. So

eine Kur hat was recht Langweiliges, denn em Tag ist

wie der andre. Da wurde mir nun heute zur Abwechslung

eine rechte Freude beschert. Meine Frau schickte mir Deine

Fantasie-Sonate für Orgel, /op.65! welche Du von

Kreuth aus nach Eriangen sandtest. Ich habe diese neue

Composition durchgelesen und an diesem prächtigen Werk

eine sehr grof3e Freude gehabt. Nimm dafUr meinen allerbesten

Dank. Ich gestehe of f en, dal3 ich über den Reichthum

Deiner Produktivität wahrhaft erstaunt bin. Wie viel

Schönes und Herriiches hast Du bei Deinen noch jungen

Jahren schon zu Tage gefördert! Gott gebe Dir dauernde

Gesundheit und einen alizeit fröhlichen Sinn, damit die

Kunst noch recht lange in so erspriel3licher Weise wie

bisher von Dir gepflegt werden kann!

Wmhrend der Anwesenheit von Fri. Schmidtlein in Eriangen

ist in Produktionen auch von Dir Manches zu Gehör gebracht

worden, das den Erlangern sehr gefallen hat. Marie

Schmidtlein hat sich dabei aber auch alle Mühe gegeben

und Deine Compositionen mit gro8er Liebe gesungen.

Besonders hat in der Kirche das Ave Maria mit Orgelbegleitung

sehr angesprochen. Im nächsten Winter will ich,

so Gott will, elnige von den Motetten singen lassen.

Ich hatte halb und halb vor, nach meiner Kur noch 14 Tage

nach Kreuth zu gehen, aber die immer weiter sich verbreitende

Cholera macht mich etwas bedenklich. Wenigstens

will ich vorderhand noch abwarten.

Empfehle mich Deiner lieben, verehrten Frau aufs Allerbeste.

Mit den bekannten alten treuen Gesinnungen

Dein Freund J.G.Herzog.t'

Mitte September 1873 schreibt Hans von Bülow an Franziska

Rheinberger aus Baden-Baden:


- 181 -

"GnHdigste Frau!

Gestatten Sie mir hierdurch Ihnen eine junge Künstlerin

vorzustellen, die für die Werke Ihres Geniahis schwärmt,

dessen Bekanntschaft zu machen brennt und seine RathschlHge

- wenn nicht direkt, doch indirekt durch einen

seiner Schüler.

Fräulein Louise Le Beau, Tochter des GroBherzoglich-

Bad. Obersten Le Beau, will den kommenden Winter in

MUnchen verleben, wo sie sicher ist, diejenige musikalische

Anregung zu finden, deren sie in Karisruhe leider

ganz entbehrt und ihr bereits sehr bedeutend entwickeltes

Talent (obgleich Pianistin, 1st sie doch sehr musikalisch)

weiter zu vervollkommnen. Ihre Mutter begleitet

sie dahin.

Das Fräulein Ihrem gütigen Schutz anempfehlend, benutze

ich diesen Anlal3, auch Ihnen mit den hochachtungsvollsten

Grül3en an Ihren Gemahl in Erinnerung zu bringen als

Ihren verehrungsvoll ergebens ten Diener

H.v. Billow."

Luise Adoipha Le-Beau (1850 - 1827) war als Geigerin

Sängerin und Pianistin ausgebildet worden und dann in

München ab 1874 Privatschülerin von Sachs, Lachner und

Rheinberger. Sie schrieb als talentierte Komponistin

Orchester- und Kammermusikwerke, Lieder, zwei Kiavierkonzerte,

zwei dramatische Kantaten und elne Oper "Der

verzauberte Kalif".

JnFranziska Rheinbergers Tagebuch tritt in dieser Zeit

eine längere Eintragungspause em. Statt biographischer

Notizen verzeichnet sie lediglich die eingehende Post,

die sich in einem regen Briefwechsel mit der Familie

Holstein und zahlreichen Geschäftsbriefen von Rheinbergers

Verlegern erschöpft.


- 182 -

In München war zwischenzeitlich die Cholera ausgebrochen.

Urn der Ansteckungsgefahr zu entgehen, woilte

Rheinberger mit seiner Frau von Kreuth aus, wo er, wie

in jedern Jahr, die Sommerferien verbrachte, in seine

Liechtensteiner Heirnat reisen.

Er schreibt nach Vaduz an David Rheinberger:

"Mein lieber Bruder!

Nachdem wir hier vier Wochen irn schönsten Sominerwetter

zugebracht und ich rneine Moikenkur beendigt habe, wird

es Zeit, auf die Vaduzer Reise bedacht zu sein. Heute

ist nun der erste entschiedene Regentag - die Berge

sind durch den Nebelvorhang verschleiert und da kann

man nicht ieicht was Besseres thun, ais Brief e schreiben.

Die Reise von hier aus nach Vaduz 1st sehr umständlich,

sobald man München vermeidet,. was wir schiie8iich

der wachsenden Cholera wegen thun müssen. Wir werden

Mitte oder Ende nächster Woche über Innsbruck, Füssen,

Hohenschwangau - Lindau - Feldkirch abreisen - die Zeit

der Ankunft in Schaan-Vaduz werde ich dann natürlich des

Koffers wegen (der auf das Schlo8 geschafft werden rnu8)

noch genauer angeben. DaB wir uns herzlich freuen, Euch

Aile, besonders auch die lieben Eltern zu sehen, bedarf

keiner Erwhnung. -

In München sieht es trüb aus; wenn die Zahl der Erkrankungen

auch noch bei weitern nicht an 1854 reicht, so

sind doch die Sterbefäiie rneist sehr rapid, und rnerkwürdigerweise

besonders in unserer Stadtgegend, die sich

doch sonat einer reinern Luft, breiterer Stral3en und

wohihabender Bewohner erfreut, besonders zahireich. Das

Traurigste aber ist, daB die Arzte über Natur und BekHmpfung

dieses schrecklichen asiatischen Gastes noch

fast so rathlos sind, ais wie vor vlerzig Jahren. -

Wer irgend wie von Miinchen weg kann, geht; nur meine

Schwiegermarna halt tapfer aus. Hoffentlich bringt die

jetzt eingetretene kühlere Witterung auch Besserung. -

Ich bin sehr begierig, ob Herr Steinrneyer seine Orgel

in Vaduz schon aufgestelit hat. Das von ihm in Wien ausgesteilte

Werk soil ihm Ehre gemacht haben. Wenn das Wetter

gUnstig bleibt, so hoffe ich, nebst einem kurzen Abstecher

nach Chur doch reichiiche 14 Tage auf SchioB


- 183 -

Vaduz bleiben zu können und freue mich besonders auf den

Genuf3, den meine Frau an der prächtigen Landschaft haben

wird.

Nun lebewohi, grüt3e Alle herzlich und lasse Dich gesund

und munter wiederfinden.

Dein treuer Bruder

Josef Rheinberger."

Bad Kreuth, d. 29./8.73

Franziska Rheinberger schreibt am 4.9.1873 aus Bad Kreuth

nach Vaduz:

Lieber David!

Wenn Curt's Reiseplan glückt, kornrnen wir Dienstag /9.9.73/

urn 1/2 5 Uhr Nachmittag in Schaan (von Feldkirch) an. Sei

so gut, für uns einen zweispännigen Wagen zu sorgen, der

unsendlichin die schäne Heirnath (von Schaan aus) bringt

und auf den wir auch unseren rnittelgroI3en Koffer legen

können.

Tausend GrüJ3e und so Gott will, auf baldiges Wiedersehn!

Deine Schwägerin Fanny.

Wir freuen uns sehr aut Euch Alle!

Dank für Dein liebes Telegramrn, dern Curt leider nicht rnehr

entsprechen konnte.

Es ist abscheulich Wetter und ich fürchte mich vor der

Reise. -

Josef Rheinberger verbrachte zusammen mit seiner Frau den

Rest des Monats September 1873 bei semen Eltern in Vaduz.

Er wohnte bei diesen Gelegenheiten auf Schlo8 Vaduz, das

zu dieser Zeit eine Gastwirtschaft beherbergte.

Im GAESTEBUCH der Alten Schlosswirtschaft Vaduz/ Fürstentum

Liechtenstein ( 25.8.1873 - 15.8.1894 ), das heute als Leihgabe

im Liechtensteinischen Landesmuseum Vaduz liegt, verewigte

sich der Komponist mit eigenen Versen, denen er natürlich

eine Melodie beigab:


- 184 -

In's alte SchloI3 zu Liechtenstein

Zog ich, em milder Wandrer em

Nach weiter Reise Plagen.

Da pent ins Glas der kühle Wein -

Zum Erker sah die Sonn' herein,

Ich fühlt em grof Behagen!

Gekommen 1st die Abschiedsstund,

Das geben diese Zeilen kund

Und thuns dem Leser kiagen.

"Ade nun, Frau Creszentia!

Auf's Jahr, dann bin ich wiedrum da,

Dies will ich Euch nur sagen!"

den 26 Sept: 1873 Josef Rhemnberger

Comodo: In 'S al - te Schloss

Lamentabile: Ge - kom-men ist

- -- -- _ -

V

- ,_- - ---- - --- - - -

_______w -_______ -- --_______

-- - - v_ - -- I- -

V

p


- 185 -

Den schlichten Volksliedzeilen des Komponisten fUgt seine

Gattin em pathetisches Sonett an; drunter tut sie's nicht:

SchloJ3 Vaduz

Es hausten auf der Burg wohi stolze Grafen

Seit Rörnerszeit bis zu den spätsten Tagen.

Sic sind dahin - es half nicht Pracht noch Kiagen

Sic rnüssen All' den Todesschlurnrner schiafen.

Es wendet sich die Zeit; auf uns nun trafen

Die .frohen Stunden hier; doch alte Sagen

Sic wurden uns vorn Föhne zugetragen

Wildbrausend, wie die Sturmflut urn den Hafen.

Nun geht's an's Scheiden! Ach, wie fliehn so schnelle

die Tage hin, und immer heil3t's:"Vorüber!"

So lebe wohi, du traute Schlol3capelle,

Und du da drunten, kiare Rheineswelle.

Die Sonne sinkt, die Schatten werden trüber -

"Calanda!" noch den letzten GruI3 hinüber!

den 26t. September 1873 Fanny Rheinberger-

Hoffnaaf3

aus München.

Und dennoch klingt die wehmütige Stimmung ihrer Zeilen wie

dunkle Vorahnung. Eine Woche nach Rückkehr aus Liechtenstein

erreicht Josef Rheinberger und seine Gattin in München am

5. Oktober 1873 das folgende Telegramm aus Vaduz von David

Rheinberger:

BETE FÜR MUTTER,

STE 1ST SEIT GEST.ERN

ABEND 8 UHR IM HIMMEL


- 186 -

Franziska Rheinberger schreibt darauf an Johann Peter

Rheinberger:

"Sonntag, Rosenkranzfest, München 5. 10.1873

Innig geliebter Vater!

So hat also Gott der Allmächtige die theure, geliebte

Mutter zu sich in die ewige Heimath genommen!

Theurer Vater, welch eine harte Prufung für Sie und uns

Kinder - und doch, welch em Trost, daf3 der theuren Mutter

langjährige Leiden erspart blieben, wie sie hätten

eintreten kännen. Heute ist das Rosenkranzfest, am heutigen

Tage wollte die liebe Mutter=Gottes, zu der Sie so

oft zusammen gefleht, die liebende treue Seele bei sich

im Himrnel haben!!-

Mein theurer Vater! Wir haben jetzt Alle im Himmel an

der Mutter eine heilige Fürsprecherin; sie wird uns in

allen kommenden Nöthen beistehn und unser nicht vergessen!

Mein armer Mann ist noch nicht von der Kirche zu Hause

und weil3 noch nichts von dem Tode der Mutter) Ich will

ihm nun, so gut ich es vermag, nicht nur Frau, sondern

auch Mutter sein und für ihn sorgen, da/3 ich ihn einst

im Himmel in die Azme der Theuren legen kann. Sind wir

doch alle unzertrennlich in Gott vereint!

Da13 dieser Trauertag gerade mit dem grof3en Feste in Vaduz

zusammentreffen muf3, ist em harter Schlag und es

ist mir furchtbar weh, mir Ihren Gram in Mitte dieser

äuf3ern Freude vorzustellen.

Ich danke Gott auf den Knien, daB wir die Theure noch

sehen durf ten!!-

Heute in aller Frühe habe ich für sie die hl. Communion

empfangen.

Geliebter Vater! Gott tröste Sief

David mäg-e bald schreiben.

Ihre treue Tochter

Fanny.

Peter Rheinberger, der Bruder des Komponisten, schreibt

drei Wochen später nach MUnchen an Josef Rheinberger

und erläutert ihm die Nachlassenschafts-Abhandlung des

verstorbenen Bruders und der Mutter. Weitere Dokumente

liegen nicht vor.


- 187 -

Josef Rheinberger an den Musikverlag August Cranz in

Brernen:

"Sehr geehrter Herr!

Wie versprochen, sende ich Ihnen hiemit den Clavierauszug

der Oper: 'ThUrmer's Töchterlein' zur Einsicht.

Soilten Sie gesonnen sein, denselben zu verlegen, so

bin ich so frei, Ihnen erst meine Bedingungen mitzutheilen:

Honorar 166 Thlr. 20 Gr. = 500 Mark, zahibar bei Erscheinen

des Werkes, und Erscheinen des Werkes lHngstens innerhaib

Jahresfrist.

Indem ich Sie ersuche, das Opus eingehend durchzusehen,

bitte ich urn baldige Antwort und verbleibe

Hochachtungsvol 1

Rheinberger.

München, den 20.110.73."

Der Verleger Cranz antwortet Rheinberger:

"Bremen, d. 27. Octob. 1873

Verehrtester Herr Professor!

Entschuldigen Sie, dal3 ich Ihnen auf Ihr freundliches

Schreiben nicht frtiher geantwortet habe. Ich war so sehr

mit Arbeiten Uberhäuft und bin es noch jetzt, daB ich

heute nur die Pflicht erfüllen kann, Ihnen die Ankunft

Ihres Manuscriptes anzuzeigen. -

Wie dankbar ich Ihnen für die Zusendung und für das mir

dadurch erwiesene Vertrauen bin, brauche ich wohl nicht

weiter zu betonen. -

Gestern habe ich mich fast den ganzen Tag mit Ihrer Oper

beschäftigt. Das Interesse für Ihr Werk steigerte sich

mit jeder neuen Nummer, die ich kennen lernte. Könnte

ich doch einer AuffUhrung beiwohnen!

Den von Ihnen gestellten Bedingungen entspreche ich natUrlich

ganz in Ihrem Sinne. Gestatten Sie mir, Ihnen

demnächst über einige Details einige Fragen vorlegen zu

dürfen. Für heute nur die eine, damit mit dem Stich baldmögllchst

der Anfang gemacht werden könne. Würden Sie

damit einverstanden sein, wenn ich den Clavierauszug

in Octav-Format stechen lasse?


- 188 -

Ich halte das für zweckmäig, well alsdann das Werk zu

biiiigerem Preise dem grof3en Publikum zugänglicher gemacht

wird.

In bekannter Verehrung

Ihr ergebenster

gez. August Cranz."

Wilhelm Treiber bereitet unterdessen für den 5. Januar

1875 eine Auffuhrung von Rheinbergers Oper vor und

schreibt an den Komponisten:

"Hochverehrter Meister!

Scheiten Sie mich doch tUchtig aus ob meiner Nachissigkeit

im Schreiben. F a u 1 war ich ja doch nicht,

hingegen recht fleiBig in Ihrem Interesse. Die beiden

ersten Acte gehen schon recht hUbsch und auswendig von

Seite der Soils wie des Chores. Leider wurden wir inmitten

der Arbeit auf eine recht unliebsame und traurige

Weise unterbrochen. Der Darstelier des Heinrich, Herr

Lormann, wurde von den Biattern ergriffen und starb.

DaB hierüber Wochen vergingen, bis em Nachfoiger gefunden,

der u n s e r e n Anforderungen entsprach,

1st natürlich, und deshàlb verzögerte sich die Aufführung.

Doch war dies nicht das einzige Hindernis: Unser

böser Gast, die Blattern, forderten noch em Opfer:

auch unser unvergleichlicher Copist erlag ihnen, und

da wir uns seit Jahren nur von ihm bedienen liel3en, ist

keiner von den übrigen im Stande, die Orchesterstimmen

zu liefern. Daher bitte ich Sie im Auftrage der Direction,

ob es Ihnen mbglich ware, auf 2 - 3 Wochen aus

der königl. Bibliothek die Stimmen leihweise zu erhalten,

urn selbe uns schicken zu können. Dieselben sollen

dann in Parthien vertheilt werden und können dann die

unseren bald nach der ersten Aufführung fertig sein.

Dirigiren wird die Oper Herr Stoiz; nicht nur hat er als

der ältere das Anrecht, sondern habe ich eine kieine Reise

vor und wären dann die AuffUhrungen unterbrochen worden.

Sie können beruhiget sein, das Werk ist in den besten

Handen, auch er 1st von der Schönheit und Frische

der Arbeit entzückt.

Nit groBer Lust singen die Soils, und wie seitsam -


- 189 -

auch der Chor. Gestrichen wird nicht eine Note! Vielleicht

da8 wir in der Trinkstube vom ersten Chor nur

2 Strophen singen lassen, desgleichen von den schwedischen

Soldaten - das 1st eigentlich doch kein Strich.

Also bitte ich nochmals, es möglich zu machen, da8 wir

die Stimmen kriegen können.

Wir bedUrfen: 4 Violin I Stimmen, 3 Violin 2do Stimmen,

2 Bratschen, 2 Cello und 2 Ba6stimmen, und haben 9

Holzbläser, 14 Blechbläser und das nothwendige Schlagwerk.

Ich rechne mit Zuversicht auf einen grol3en Erfoig.

Fast fürchte ich, da2 ich bel den ersten Auffiihrungen

nichtwerde anwesend sein; ich reise am 22. d., bin 27.

in Leipzig, 29. in Hannover, 1. Dezember in Darmstadt,

dann in Cassel, Oldenburg und Göttingen, am 14. in Basel,

und wenn wir noch einig werden am 17. in Augsburg. Habe

natiirlich dann das Vergniigen, Sie wieder besuchen

zu können.

Ich bitte Sie demnach, mir wenn möglich umgehend Nachricht

zu geben, wie es mit den Stimmen geht, und selbe

eventuell sogleich abzusenden, selbstverständlich unfrankirt.

Mich Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin bestens empfehlend

Ihr ergebenster

Wilhelm Treiber.

Granz, 15. Nov. 73."

/T.B.2, 311/ /24. Oktober 1873/.

Auf Verlangen des Redakteurs Richard Wüerst schickt Curt

em Lied für das Unterhaltungsblatt des Bazar nach Berlin

und zwar eines, das in meiner Sammiung seiner Jugendarbeiten

sich vorfand zu einem Gedichte von Carl Stieler:

"Vöglein, was singst du irn Lenze so welch". Er arbeitete

Melodie und Begleitung em bif3chen urn, ohne das Hauptrnotiv

zu verändern:

-- -- ._ -

- -

Vög - lein, was singst du irn Len-ze so weich


- 190 -

und schickte es heute noch nach Berlin ab, am nämlichen

Tage, als die Anfrage kam.

"Jeder Takt 1 fi. 24 Kr. ist besser bezahit, als die

Verlage zu bezahien pflegen", sagte er scherzend. -

/.. . /

Brief an den Musikverleger André in Off enbach:

"Sehr geehrter Herr!

Ihren mehrmaligen dringlichen Brief en entnehme ich den

Wunsch, wieder em opus von mir zu verlegen. Zu diesem

Behufe sende ich Ihnen hiemit das Manuscript meines op.

73, fünf Gesänge für Männerchor. Meine Honorarforderung

hierfür beträgt 50 Thir., was ich zur Vereinfachung der

Correspondenz gleich beizufugen mir die Freiheit nehrne.

Soilte Ihnen das Werk nicht entsprechen, so bitte ich

urn baldige Rücksendung. Nr. 1 der Lieder ist für den

pfälzischen Sängerbund geschrieben. Nr. 2 war vor 1 1/2

Jahren irn Mohr'schen Album abgedruckt.

Hochachtungsvol 1

Rheinberger.

München, 3. November 1873."

André in Offenbach hat den Verlag obengenannter Lieder

eingegangen und das Honorar geschickt.

/T.B.2, 326/. 14. November /1873/,

Gestern abend brachte Curt die halbe Nacht bei Hermann

Levi zu, der ihn eingeladen hatte und zu ibm Julius

Stockhausen, Componist Röntgen, die Hoftheater-Intendanten

Perfall und Baron Loen aus Weirnar, dann Hofcapeilmeister

Lassen aus Weirnar. Es sei em sehr anregender,

äul3erst hübscher Abend gewesen und Curt kam sehr

vergnügt urn 1 Uhr heirn. Perfall sagte ibm, daI3 morgen

acht Tage Die sieben Raben gegeben würden, und Levi

versicherte ibm, daJ3 er mit der Umänderung von Thürmers

Töchterlein äul3erst zufrieden sei, und daB er sich grol3e

Wirkung davon verspreche. Frau Diez sänge aber nicht mehr

und es bliebe wohl nur Frau Possart zur Besetzung der

Cordula.


- 191 -

Heute, den 14. November sandte Curt seine Partitur der

Ouverture nebst Stimmen zur "Zähmung der Widerspänstigen"

an Hofcapellmeister Erdmannsdörffer in Sondershausen.

-

In Petersburg wurde das Clavierquartett aufgeführt. Es

ist schön, daI3 sich die Sachen so ganz von selbst Bahn

brechen. Curt hat sein Manuskript op. 74 beendet: "In

der Zechstube". Fünf Lieder für 4-stimmigen Männerchor.

Der Jonas kehrt im Walfisch em,

Schmetterling wie freu ich inich,

Bauregel,

Mucker und Schiucker, von Reinick (alle 4)

Lob des Seeweins von Hermann Lingg. -

Rheinberger hatte am 6. November 1873 das ietztgenannte

Gedicht 1= op. 74, Nr.5/ vertont, dessen Autograph ursprungiich

so lautete:

Lob des Seeweins

Was soil den wackren Zecher iaben

Nach Tagesmüh zu neuem Muth?

Von allen edlen Himmeisgaben

Bieibt stets der Wein das höchste Gut.

Das Bier wird schlecht und schlechter intmer,

Für Schnaps sagt man dem Teufei Dank,

Der Punsch 1st für die Frauenzimmer,

Der Wein, das ist der Manner Trank.

Den Wein der aiten Schwabengaue

Den Seewein trinkt em echter Mann

Vor Zeiten liebte man das Rauhe

Und lachte kUhn ob Acht und Bann.

Was trunken doch die tapfern Schwyzer

Bel Sempach als die Schiacht begann?

Sie trunken keinen sU2en Spritzer,

Sie trunken Seewein wie em Mann.


- 192 -

Em Bischof hat den Wein der Franken

Gesetzt zu eineni Liebesmahl,

Er ist das Labsal aller Franken

Drum trägt man ihn ins Hospital.

Der Rheinwein hat zwar Goidjuwelen,

Doch quilit dabei manch falsche Pen,

Auch rinnt er nur in reiche Kehien;

Den Seewein trinkt em echter Ken.

Nun zarten Seelchen dUnkt er sauer.

Wer Seewein nicht vertragen kann,

De13' Herz hat keine rechte Dauer

Den Seewein trinkt em rechter Mann.

Drum hebt die Becher, la$t sie klirren,

Stol3t an & stoI$et dreirnal an;

Nach Cyprer inag mein THubchen girren,

Doch Seewein trinkt em braver Mann!

Franziska Rheinberger hatte auch diesnal den Text kornigiert,

der Dichter Hermann Lingg (1820-1905) akzeptierte

höflich die Ubergriffe in sein Metier und schrieb an Rheinbergers

Gattin:

"MUnchen, d. 5ten Novbn. 1873

Hochverehrteste Frau Professor!

Doppelten Dank Ihrern Harm Geinahi, einnial für die Güte,

überhaupt, da3 er iein Lied coinponirt, u. dann für die

besondere Freundlichkeit in Bezug auf die vonzunehmenden

AbEnderungen, die gewii3 nur dem Text von Nutzen sind. Nur

für die gHnzliche Weglassung der zweiten Strophe hgtte ich

noch einen Vorschlag: wenn man anstatt Schnaps Krog od.

Crok sagen würde,- es gab einen dHnischen General gleichen

Namens -, da könnten denn doch die Frauenzijumer nichts dagegen

haben, obwohl ich weii3 es - sehr viele Damen in weit

nEherer Beziehung zu dem edlen Getränke stehen, als sich

musikalisch oder poetisch ausdrücken l8t. Bei dieser Gelegenheit

könnte dann auch die Bierfrage etwas delicater

gefaBt u. gesagt werden:


- 193 -

"Das Bier wird schlimm u. mimer schlimmer".

Nicht, da1 etwa noch Dichter u. Compositeur elnes schönen

Morgens vor dam Königlichen Staatsanwalt sich zu rechtfertigen

hätten. fibrigens versteht sich von selbst, dat3

die Strophe fallen muB, as sind ihrer ohnehin schon zu

viele für em bedenkliches Thema, als das Lob des vielgeschmähten

Seeweines ist.

Herrn Professor mich dankschuldigst empfehlend

in Verehrung und Hochachtung

Ihr ergebenster

Dr. H. Lingg."

Rheinbergerwidmete das Stuck dem Liederkranz in Lindau.

Unter dem 15. November 1873 schrelbt die Ailgemeine Zeitung:

"Dem Dichter Hermann Lingg wurde bel seiner diel3jährigen

Anwesenheit in Lindau, seiner Geburtsstadt, von dem Gesangvereine

"Liederkranz" em sinniger Festabend bereitet,

an weichem Max Bruch's gewaltige Composition des

Lingg'schen "Lied der Städte" dem Dichter zum erstenmale

zu Gehör gebracht wurde. Lingg hat als Dank für die ihm

gebrachte Ovation dem genannten Verein em jUngst von Joseph

Rheinberger componirtes längeres Gedicht "Lob des

Seeweins" gewidmet, dessen originelle, dem Text entsprechende

Musik bei der ersten gesanglichen Wiedergabe den

grol3ten Beifall errang.

/T.B.2, 327/ 21. November /1873/.

Von gestern auf heute componirte Curt eine Ballade von

Reinick für 4 Singstimmen und Clavierbegleitung: Jung

Niclas fuhr aufs Meer. Ich glaube, dai3 sie gut ist - in

lang gehaltenen Tönen. Ich durfte ibm rathen. Gegen

Abend begann er eine zweite Ballade von Reinick neckischen

C'harakters. -

Morgen 1st die Hauptprobe zu den Sieben Raben, weiche

Sonntag sein soil. Wollen sehen. - Die Regie hat zu

meiner Freude wieder Sigi, nicht der langweiiige Granda

ur.


- 194 -

Am 23. November wurde im Kgl. Hof- und Nationaltheater

in München Rheinbergers Oper "Die sieben Raben"

erneut aufgefuhrt. Eine Zeitungsnotiz (ohne Quellenangabel

aus T.B.2, 330) vom gleichen Tag vergleicht

Rheinbergers Werk mit Robert Schumanns "Genoveva", die

innerhaib von acht Tagen gleichfalls aufgeführt wurde,

und bemerkt:

"Bei aller Einfachheit äut3erst geschickt und lebendig

ist dagegen das ansprechende Märchen 'von den sieben

Raben' zu Rheinberger's Oper für die Bühne umgestaltet

worden. I...! Es entstand em Operntext, der in seinen

romantischen ZUgen em recht glücklicher genannt

werden kann. Immerhin waren in dmse1ben noch einige

Längen enthalten, weiche bei den seinerzeitigen ersten

Aufführungen der Oper zu Tage traten. Auch zur Entfernung

dieser hat sich der Komponist bereitwillig entschiossen

und tritt nun die dramatische Wirkung neben

der musikalischen gleichbedeutend hervor.

Die Musik mag jener Schumann's zu 'Genoveva' mindestens

ebenburtig zur Seite stehen.

Finis coronat opus. Deo gratias.

23. /November 1873/.

Die Vorstellung ist soeben beendet. Alle Sitze und Stehplätze

des Theaters waren genommen, der Applaus ganz

enorm. Nach jedem Zwischenakte wurden die Sänger geru-

Len und nach den Akten zwei- und dreimal. Am Schiusse

woilten sie durchaus Curt auf der Bühne sehen, der aber

nicht ging. Wir waren sehr glücklich in unserm Parquet,

wie immer zu zweit allein. Besonders im letzten Akte

waren wir beide so ergriffen, daB wir uns fest die Arme

aneinander drückten.

Es ist unsagbar, wie vortrefflich die Stehie und yogi

waren, ais sie sich im Kerker Lebewohi sagten und dann

noch einmal auf dem Richtpiatz. Wie die Stehie bedeutete

- sie dürfe nicht reden, und dabei mit beiden Handen

wie fiehend var die Lippen fährt. Herriich. Da13

durch das ganze Stuck em so volikommen unschuidiger

Hauch qeht, der auf die Hörer zündend wirkt, ohne daB

die Spur von Reciame vorausging, ist in unsrer Zeit

tröstiich.


- 195 -

/T.B.2, 327/ /24. November 1873/.

Heute machten wir bei den verschiedenen Solisten der

gestrigen Oper Besuche. Fräulein Stehie sagte, sie

seien überschüttet worden mit Lobeserhebungen über die

gestrige Aufführung. "D'Leit ham g'sagt, jetzt soil man

uns aber nur mit dera - wie heischt se - Genovefa von

Schumann vom Leib bleibe, die wolie mer jetzt nimmer

höre". - Dann hatten sie sich gewundert, daB die Musik,

die ihnen zwar vor 3 Jahren sehr gefallen habe, ihnen

jetzt so viei schäner schien. (Es ist eben sein Name

gewachsen, und da kann man es eben beruhigter schön finden).

Bei Fri. Meisenheim, der kieinen Fee (Holländenfl),

Besuch gemacht. Sie sagte: "0 Herr Professor!

Verzeihen Sie - ich habe wieder die 'weii3en Hemdiein'

nicht im Takt gesungen!" (Sie hatte im I. Recitativ

etwas gefehit). Ihre Mutter versicherte, Todesangst urn

ihre in den Luft schwebende Tochter ausgestanden zu haben!

"0! componiren Sie doch meiner Tochter etwas -

eine Roile! Aber (und hiemit streifte sie mit den Händen

den Stubenboden) machen Sie ihr etwas auf dem Boden!"

Es war zu komisch. Lachend zogen wir ab. Abends Herakies.

Viele, viele neue Mitgiieder, em wahres Gedränge von

Männern. -

/T.B.3,1/.

Heute Abend, den 27ten, beendete Curt zwei vierstimmige

Chorbaliaden mit Clavierbegleitung zu Gedichten von Reinick,

op.75. -

Jetzt liest er em Reisebilderbuch nach China, denn

"Abends mui3 man Bilder gucken", sagt er.

28. /November 1873/.

Curt wurde von einer Franziskanerin in Augsburg gebeten,

em Melodram zum Leben des hig. Franz von Sales

zu componiren. Er hat jetzt nicht Zeit und schlug seinen

Schüler Cavallo von.

Em armer Tenorist, Engihardt, war da um sich anzupreisen.

Curt sagt, er spräche zu viel, ais daB er Vertrauen

in seine Leistungen haben könnte.

Gestern starben 12 Menschen hier an der Cholera. Gott

möge Curt schützen. Abends spielten wir seine 4-händigen

Stücke zusammen "Aus den Ferientagen".


Curt hat em Geschwür am

de eitert noch stark. Er

Componiren. -

Ich begann das 4-händige

terlein.

- 196 -

Halse, und auch die Handwunhatte

heute keine Lust zum

Arrangement von Thürmer's Töch-

29. /November 1873/.

Gestern früh Concertmeister Walter zu Curt: "Han Du,

wos host denn an Deiner Oper die 7 Raben g'àndert,

well's jetzt so scheen is?" Curt antwortete: "Nur em

paar Arien transponirt. Im übrigen wurde sie eben anständiger

aufgeführt."

Nachricht von Aufführungen Rheinbergerscher Compositionen:

St. Petersburg: Clavierquartett in Es;

Düsseldorf: Clavierduo in a-Moll;

Chicago: Ouverture z.d. 7 Raben;

Krefeld: Clavierquartett in Es;

Wien: Wallenstein Scherzo;

Gewandhaus Leipzig: Ouverture z.d. 7 Raben.

Heute war Curt eingeladen unter den Ehrengästen die Rectoratsrede

von Riehl in der Aula zu hören. Baron Liliencron

und der alte Herr von Tucher setz ten sich zu ihm

und gratulirten ihm zum grol3en Erfolge der 7 Raben. -

Riehi pries über alle Maf3en das Vorbild & die Lecture

Lessing's. DaB es eine christliche Universität sei,

wurde einfach ignorirt. Man könnte allenfalls den jungen

Studenten doch noch bessere Lehrer zum Beginne des Schuljahres

geben. Prof. Berneis verzweifelte fast, daB er

1 1/2 Stunden zuhören muBte ohne selbst reden zu dürfen.

Rheinberger berichtet in seine Heirnath:

ULieber David!

I.. .1

Eben komme ich aus der Universitäts-Aula, wo Riehl seine

Rectors-Rede hielt, die sehr schön war. Leider aber

1st sie schuld, daB dieser Brief so kurz ist, denn die

Skizze steht schon auf dern Tisch. Neues gibt es nicht

viel - die leidige Cholera greift wieder sehr urn sich. -

Die letzte 7 Raben-Aufführung ging ganz prachtvoll; der


- 197 -

Erfoig war auch durchschlagend.

Nun lebewohl, grül3e Alle herzlich, Dein treuer Bruder

Josef Rheinberger.

München, den 29./il. 73."

/T.B.3, 3/ 30.11.1873.

Holsteins schrieben, die Ouverture der 7 Raben habe im

Gewandhause sehr angesprochen. -

Componist Scontrino aus Palermo war da, Empfehlungen

seines Lehrers, des Directors des Palermo'schen Conservatoriums

Platania mit der Bitte zu bringen, Curt

möge ihm schreiben, wie er sein Werk über Composition

gefunden habe.

Vom Hof-Cultus kam das Ansuchen an Curt, die neue Orgel

der Herzogspitalkirche zu probiren in Gegenwart

des Staatrathes Hdlzl. -

Die K. Hofcultus-Stiftungs-Administration an

Seine Wohigeboren Flerrn Joseph Rheinberger,

k. Professor und Compositeur in Miinchen

Die für die Herzogspital-Hofkirche neuerbaute und daselbst

bereits aufgestellte Orgel soil durch eine maBgebende

Autorität geprüft werden. Der ganz ergebenst

Unterzeichnete erlaubt sich an Euer Wohlgeboren die Anfrage,

ob dieselben nicht allenfalls geneigt wären, an

einern der nächsten Nachmittage diese Prufung vorzunehmen.

Bejahenden Falles bittet man urn kurze Notiz, weicher

Tag und welche Stunde Euer Wohigeboren gelegen ist.

Diese Notiz belieben Euer Wohlgeboren gutigst am Obersthofmeisterstab

in der kgi. Resldenz abgeben zu lassen.

Mit ausgezeichneter Hochachtung besteht

Ho i z 1

k. Staatsrath.

/T.B.3, 5/ 2. /Dezember 1873/.

Heute Abend im Oratorienverein Probe von Handel 's Herades

gehabt, die sehr gut ging. Curt war ziemlich scharf

gegen die Sopranistinnen. Schöner, energischer Wintertag.

An Cholera 13 gestorben.


- 198 -

4. /Dezember 1873/.

Heute war Curt in der Herzogspitalkirche, urn in Gegenwart

des Ministerialrathes Pillath und des Hofstabsrathes

Hölzl die neue Orgel von März zà beurtheilen.

Er ging alles genau durch und schrieb dann zu Hause

noch eine ausführliche Beschreibung des Werkes und em

Gutachten hierüber.

Curt nahm sich vor, nichts mehr zu componiren, bis nicht

das Oratorienvereinsconcert vorüber ist. -

Er schrieb die Stimmen zu den jüngst componirten Balladen

aus. Heute erkrankten 45 Menschen an der Cholera,

auch der Frauenthürmer.

7. /Dezember 1873/.

Curt erhielt von der Genossenschaft drarnatischer Autoren

Clavierauszüge der sieben Raben zurück, deren einen

er nebst einem freundlichen Brief an den Director des

Conservatoriums (in Palermo) Signor Pietro Platania

absendete. -

Die Cholera greift scharf urn sich, Heute 25 Todte. Viele

ergreifen die Flucht, darunter em paar Schüler von

Curt und Sänger Nachbaur, der einfach nicht auf die Probe

kam, sondern mit Weib und Kind abschob. -

Curt componirt nichts, sondern bereitet vor für das

nächste Oratorienvereins-Concert.

Josef Rheinberger an semen Bruder David:

"Mein lieber Bruder

Da wir aus Deinen heutigen Zeilen sch1o1en, daa Ihr nicht

ohne Sorge wegen unseres Gesundheitszustandes seid, so

will ich nicht lange zögern, Dich zu beruhigen. Wir beide

sind bisher (gottlob und unberufen) von der Cholera

verschont geblieben, aber die Sache gestaltet sich lelder

täglich dUsterer. Von den 14 Stadtbezirken sind neun

bereits wieder angesteckt und die Leute verlassen massenhaft

die Stadt, - die benachbarten kleinen Städte, wie

Rosenheim, Aibling usw. sollen überfüllt von Flüchtigen

sein. Unser Stadttheil, der in der Sonmierepidemie am

meisten gelitten, ist bis jetzt noch frei. Meine Schwiegermama

1st seit drei Tagen krank, aber gottlob wieder


- 199 -

besser; ihre Köchin mu1te aber heute ins Krankenhaus

geschafft werden. -

Die Witterung 1st fortwährend schön und kalt, scheint

aber bei Weitem nicht den Einf1uf auf die Krankheit zu

haben, den man ihr frUher zuschrieb. Die Arzte gestehen

auch zu, daf die Krankheit linmer räthselhafter werde.

Und nun, lieber Bruder, fUrchtet Euch nicht für uns,

wir fiirchten uns auch nicht und leben ruhig und gefaft

fort.

Mit freundlichen

München d. 6./12.

Fanny grU2t Alle

Grüi3en an Alle

Dein Bruder Kurt.

73.

herzlichst."

Curt schrieb an semen Bruder David, der in Sorge ist

wegen der Cholera. Der alte Vater wolite früh ins Engelarnt

gehen, bekam Schwindel, fiel auf die Knie in

em Gartenbeet und konnte nicht mehr aufstehen. Als er

aufgehoben wurde, ging er dann dennoch in das Rorate.

Gestern erhielt Curt die 4. Copie seiner Partitur

"Thürmer's Töchterlein". Eine ist in Gratz, em am Hoftheater

bier, eine zur Ansicht in Darrnstadt, eine besitzt

Curt neben seiner Originalpartitur. -

/Dezernber 1873/.

Curt bekarn von Direktor Kreibig aus Gratz Brief und Bitte

urn schleunige (Ibersendung der Parthie-Stimmen der

Oper, weil er dieselbe in 14 Tagen geben wolle und der

Copist sie nicht bewàltigen könne.

/Dezember 1873/.

Curt schrieb an Direktor Kreibig und schickte ibm die

Münchner Bilderbogen mit Decorationen und Costumes aus

"Thürrners Töchterlein". Treiber kundigte sich für den

16. Dezember nachrnittags an. Curt hielt Soloprobe für

Heracles. -

Curt war nicht entzückt von den Brahrns'schen Orchestervariationen

zu einem Thema von Haydn.


- 200 -

Joachim Raff berichtet Rheinberger aus Wiesbaden von elner

AuffUhrung der Wallenstein-Sinfonie, die der dortige

Kapeilmeister Wilhelm Jahn (1835-1900) diriglert hatte:

"Wiesbaden, 14. Dezember 1873

Geehrter Herr!

Schon voriges Jahr hoffte ich, Ihnen über Aufführung

Ihrer Symphonie Wallenstein Etwas berichten zu können.

Die Aufführung verschob sich aber. Gestern nun f and dieselbe

statt. Das Werk war fleiI3ig studiert worden, wurde

recht schön vorgetragen und fand viel Beifall.

In Ihrem jetzigen Bestande bilden die Kräfte, die Kapellmeister

Jahn zu seinem Symphonie-Concerten im Theater

vereinigt, em Ensemble, wie es von keiner Kapelle hier

am Rhein Ubertroffen wird, da ihm die Streichinstrumente

der koniglichen sowohl als der städtischen wie auch der

Militärcapelle zu Gebote stehen, und er daher em prächtig

klingendes Quartett von 60 Mann hinstellen kann.

Nicht unerwähnt will ich lassen, daB die StHdtische Kapelle

unter Kapeilmeister Müller-Berghaus, dem früheren

Chef des Wander-Quartetts GebrUder Muller jun., wiederholt

Ihr Vorspiel zu den sieben Raben gebracht, weiches

sehr gefallen hat.

Gott schenke Ihnen Lust und MuBe, uns noch mit recht vielen

so schönen Werken zu erfreuen, an deren Verbreitung

den regsten Antheil nimmt Ihr

Ihnen aufrichtig ergebener

Joachim R a f f ."

Am 15. Dezember 1873 brachte Rheinberger mit dem Münchner

Oratorienverein Händels Oratorium "Herakles" zur Aufführung.

Die MUnchner Neuesten Nachrichten (vom 21.12.1873)

berichten u.a. über die Aufführung:

"Die Aufführung zählt zu den gelungensten, deren wir uns

vom Orator.-Vereinerinnern. Die Soil waren guten Kräf ten

anvertraut. I... / Auch die Chore waren trefflich einstudiert,

you Schwung und Leben und unverkennbar trug sich


- 201 -

die Begeisterung des Dirigenten Rheinberger auch auf die

Sanger über. Soiches Zusammenwirken bringt Geist und Leben

in das Kunstwerk und erzielt die absolut nothwendige

Präzision."

/T.B.3, 11/ 15. Dezember 1873.

Eben kommen wir vom Oratorienvereinsconcert nach Haus.

Curt hat Heracles von Handel dirigirt, der vortrefflich

ging. Alles glückte.

In dieser climatisch so widerhaarigen Cholerazeit darf

man von Glück sagen, daI3 keine Störung vorfiel.-

Heute wird auch in Berlin Curt's Es-dur-Klavierquartett

gemacht. -

Dezember 1873.

In der Hofkirche wurde Curt 's Vocalmesse und sein Off ertorium:

Tui sunt coeli gesungen. Heute fing er an, Itha

von Toggenburg zu componiren. Ich babe gestern das erste

Gedicht "Hochzeit" geändert für ihn und soeben auch das

zweite "Auf dem Söller" neu gedichtet. Jetzt gefällt es

ibm.

Abends war Levi da, um Curt zu bitten, ibm Compositionen

zur Ansicht zu schicken, die er in den Abonnements-Concerten

machen will. Curt schickte ibm die Ouverture zur

"Zähmung der Widerspenstigen" und sein "Thal des Espingo".

Dezember 1873.

Heute bekam Curt von der Witwe Gervinus die Händeltexte

ihres Mannes zugeschickt.

31. Dezember 1873.

Curt hat drei Stücke des Romanzencyclus "Frau Itha", Text

von seinern Weiberl, componirt: "Hochzeit","Auf dem Sdller",

"Einsamkei t".

Er wurde vom Comité des Pfälzer Sängerbundes aufgefordert,

em patriotisches Lied für Mànnergesang zu componiren, da

sie mit so grol3em Wohlgefallen den "Herzog Curt von Polen"

sängen. Ich wählte ihm Reinick's "An das Vaterland", das

ziemlich aligemein gehalten ist. Er nahm jedoch Reinick's

"Künstlergruf3 an die Treue".


- 202 -

Aus Gratz em Telegramm, daB am 5. Januar /1874/ "Thürmers

Töchterlein" sei. DieI3 die letzte Botschaft, die im Jahre

1873 an ihn kam. -

Zum Jahresende schreibt diesmal - nach dem Tode der Mutter

des Komponisten - Franziska den obligaten Dankbrief nach

Vaduz:

"München, den 31. Dez. 1873.

Theurer Vater!

Der letzte Brief, der in diesem Jahre in unserem Zimmer

geschrieben wird, soil als herzliches Glückwunschschreiben

für das kommende Jahr in Ihre Hände nach Vaduz wandern

und Ihnen wiederholt für die Liebe danken, mit der

Sie uns im Herbste aufg-enommen, und mit der sie so treulich

alle Sorgen und Freuden des vergangenen Jahres mit

uns theilten.

Möge der liebe Gott Sie dafür reichlich mit Gesundheit

und Herzensfrieden segnen und die ganze Familie zu Ihrem

Glücke in allem Guten gedeihen lassen.

Noch danken wir Ihnen besonders, daJ3 Sie sich so liebenswürdig

und bereitwillig der Mühe unterzogen, dem Photographen

zu sitzen. Ich lieJ3 das Bildchen in einen schönen,

violetten Sammtrahmen thun und stelite es auf Curt's

Weihnachtstisch. Als er es zu seiner gröl3ten Ueberraschung

gewahrte, fai3te er es mit beiden Händen an, und

rief em um's andere Mal: 'Der Vater, der Vater! ' dann

fal3te er mich um die Taille und sagte mit Thränen in den

Augen: 'Mietz! das hast du gemachtl' Sie sehen also,

theuerster Vater, daJ3 sich Ihre Mühe beiohnt! Und wie

sitzen Sie so stattlich da! Ganz so, wie wir gewohnt waren,

Sie zu sehen, mit Dose, Buch und Brille!! -

Wir brachten die Weihnachtsfeiertage zu Hause und recht

fröhlich zu; doch man denkt natürlich an solchen Tagen

doppelt treu und warm an all Jene, die nicht diei3 Fest

mit uns auf Erden feierten.

Dem Christkindlein Ihr ganzes Haus empfehlend, füge ich

noch die innigsten Wünsche von Curt bei und verbleibe

Ihre getreue Tochter

Fanny."


AN HANG


TURMERS TöCHTERLEIN

Komische Oper in 4 Akten

frei nach Franz Trautmann von Max Stahl.

Musik von Jos. Rheinberger.

/Rezension des Werkes in: Unterhaltungsblatt der "Neuesten

Nachrichten", MUnchen Nr.35 vom 1. Mai 1873, S.418-420/

Eine neue Oper 1st em wahres EreigniB in unserem Bühnenleben.

Nun, lange genug hat es gewEhrt, bis des "Thürmers

Töchterlein" endlich einmal das Lampenllcht erblickt und

sich dem Publikum zu geneigtem Wohiwollen vorzustellen

Gelegenheit gefunden hat.

Seit einem Jahre hie2 es immer, da8 die Oper in allernächster

Zeit zur Auffiihrung gelange und doch mu8te sie bis

zum 23. April warten, bis ihr endlich gestattet wurde,

sich öffentlich zu zeigen.

Die Oper 1st von Rheinberger in vier Akten geschrieben:

noch kurz vor der AuffUhrung, man sagte uns, in der Hauptprobe,

wurde der Beschluf3 gefat3t, sie in fünf Akte auszudehnen.

Wir werden später auf diese nach unserem Dafürhalten

unglflckliche VerlEngerung zurückkommen.

Das Sujet 1st einer htibschen, gemuthvollen Erzählung von

Franz Trautmann entnommen. Da8 die Schweden im Mai des

Jahres 1632 in München sich einquartirt haben, wissen

die Leute schon von der Tafel des historischen Verelnes

an einem Hause des Marienplatzes, in weichem Gustav Adolf

in dieser Zeit gewohnt hat. Die Handlung, die sich auf

diesem ernsten Hintergrund abspielt, 1st elnfach und gemüthlich,

em echtes Münchner Stitnmungsbild. Der Bearbeiter

dieser Erzählung, Max Stahl, hat elnen glucklichen

und dankbaren Stoff vorgefunden: es ware nur an lhm

gelegen gewesen, die vorhandenen dramatlschen Anfänge

zu einem wirksamen Stücke zu gestalten und herauszuarbelten

und dem Komponis ten so em Textbuch zur Verfügung

zu stellen, das ihm Gelegenhelt gibt, sich musikalisch

auszusprechen, zugleich aber auch die Forderungen erfUilt,

welche wir heutzutage an jeden Operntext der Neuzeit

zu stellen berechtigt sind.

Was uns beim oberflächlichen Blättern in dlesem Buche

auffällt, 1st in erster Reihe die saloppe Versblldung.

Man sieht, es habe hier em talentvoller junger Mann


- 206 -

mit vieler Behaglichkeit, doch ohne alizu groIe Anstrengungen

einen Text geschrieben, der semen Hauptzweck

darin zu haben scheint, dal3 er ihm (dem Autor)

gefällt. Es 1st der Mangel elner strengen Kritik, der

sich bei der Faktur dieser Verse unangenehm bemerkbar

macht. "Ja wären alle Manner wie Ihr - die Schweden sicher

verlören", heiit es einmal in alizu platter Ausdrucksweise,

"0 grof3er Heil'ger helfe Du!" "0 Stern,

an Dir mein Herz ich stähle" "0 schiene mir der Liebe

Segen" "Dort hangt der Schlüssel zum Petersthürmer" -

sind Sätze, die wir jetzt nicht mehr vertragen. Und

vergleichen wir die Worte, weiche von der BUhne herab

erklingen, mit denen, die im Buche stehen, so müssen

wir uns erst noch freuen, daB wenigstens die grobsten

Unebenheiten im Textbuche ausgesto2en wurden.

Der Hauptvorwurf, welcher dem Buche gemacht werden kann,

bezieht sich auf semen Mangel an dramatischem Leben,

an spannenden oder komischen Situationen. Hätte es der

Dichter verstanden, den Hintergrund, der mm letzten

Akte plötzlich zum Vordergrund wird, schon in den ersten

Akten schärfer zu zeichnen, hätte er die Furcht

der Stadt München vor dem Herannahen der Schweden ernsthafter

und entschiedener accentuirt, so ware das Ganze

lebendiger und interessanter geworden, dann hätte die

ganz gewöhnliche Liebesgeschichte, die sich jetzt ohne

eigentliche Intrigue in novellischer Breite abspielt,

an Theilnahme Seitens des Publikums gewonnen. Jetzt

noch uns zuzumuthen, an einer gewöhnlichen Herzensgeschichte

- Goldschmiedgeselle Wildenbrandt contra Stadtschrêiber

Wurzel - Antheil zu nehmen, 1st, nachdem der

höchste Trumpf in dieser Richtung mit dem Beckmesser

in den Meistersingern ausgespielt wurde, eine Forderung,

die nicht acceptirt wird: diese gemuthlichen Zeiten sind

vorbel. Die Charaktere, welche das Buch vorführt, sind

längst vergriff en, wurden längst schon in zutref fender

und ergötzlicher Weise auf der BUhne geschildert. Selbst

den Lokalton hat der Dichter nicht festzuhalten vermocht:

kein Mensch hätte, wenn auf dem Zettel gestanden

ware, die Scene spielt in Donauwörth oder Bamberg

oder sonst in einer Stadt, welche Gustav Adolf genommen

hat, an MUnchen gedacht; wir finden kaum einen Versuch,

das echte, alte München zu schildern. Auch hier


- 207 -

hätte der Text zu den Meistersingern wieder Muster sein

können, dort hätte der Dichter gelernt, wie in einem

Operntext der Lokaicharakter you und kräftig zum Ausdruck

gelangt.

Em ebenfalls groBer Fehier llegt unseres Erachtens in

dem Uinstand, dal3 das Buch nicht scharf von einander sich

abhebende Stimmungen bringt: die ganze Geschichte spleit

sich ohne rechte Leidenschaft, bios in leichten Gefühlsanwandiungen,

die noch dazu alie einander ziemlich ähnlich

sehen, ab. Das 1st für elnen Operntext, der dem Komponisten

Gelegenheit geben muI, eine Reihe von leidenschaftlichen

Momenten musikalisch wiederzugeben, aul3erordentlich

schlimm. Nur in Kontrasten gibt es eine Bühnenwirkung

und wer Operntexte schreiben will, muB sich dieser

Generairegel vor Ailem bewuf3t sein.

Man wird uns einwerfen, daB es auf soiche Weise, wie wir

das Szenar veriangt haben, keine komische Oper gegeben

hätte. Aber mul3te es denn gerade elne komlsche Oper sein,

weiche aus diesem Sujet zugeschnitten werden soilte?

Und 1st es denn jetzt eine komische Oper geworden? Wo

sind denn die komischen Situationen, weiche den Haupttheil

der Handlung aussprechen sollen? Wir haben wohi

einzelne, mitunter sogar nicht einmal giückliche Späfe

gehort, aber von einer komischen Oper haben wir nichts

vernommen. Aus diesern Sujet lieB sich nur eine lyrische

Oper machen und wir glauben, der Dichter hätte hiezu

auch ganz das Zeug gehabt, wenn er sich von vorneherein

nicht darauf kaprizirt hätte, gerade eine kotnische Oper

zu schreiben.

Für nicht minder verunglUckt halten wir die eigenthümliche

Vorliebe des Dichters, den gefürchteten Geiblederkönig

in elner komischen Oper auf die Bühne zu bringen,

urn gleich einem alten auf den Brettern selt Jahrhunderten

schon einheiiulschen Onkel die vom Dichter konunandirte

Verbindung zu Stande zu bringen. Wo em Gustav Adolf

persönlich auftritt, muB das historische Kolorit ganz

anders betont werden, als es in "Thürmers Töchterlein"

der Fail 1st. Dazu kot, daB sich selten auf einer anderen

Bühne elne ausreichende Repräsentation für diese historische

Figur findet, da die besseren KrHfte alle bereits

im Feuer stehen.

Alles in Ailem gerechnet, halten wir den Text nicht als


- 208 -

eine gltickliche That: er trägt den Haupttheil der Schuld,

wenn die Oper nicht über die Freundeskreise der Autoren

hinaus durchschlagenden und andauernden Erfoig findet.

Doch die Hauptsache bei einer Oper ist ja die Musik. Emverstanden,

wenn der Komponist es vermochte, die Klippen

des Textes glUcklich zu umschiffen und es verstand, mit

seiner dramatischen Gestaltungsgabe die Fehier desselben

zu verbessern oder zu verstecken.

Aber hat Rheinberger die1 gethan? So viel Wohlwollen wir

dem neuen Werke auch entgegenbringen, so sträubt sich

doch unser gesunder Sinn, diese Frage schlechtweg zu bejahen.

Rheinberger's Talent ist lyrisch angelegt, die

lyrischen Stellen bilden auch die Höhepunkte des in seinen

Einzelheiten schönen Werkes. Aber von einem Aufschwunge

der Musik zu einem dramatischen Leben finden

sich nur wenige und unzulängliche Spuren. Selbst die

dichterisch noch gelungenste Gerichtsszene im (jetzt)

dritten Akte ging dadurch spannungslos vorbei und dem

Publikum kam auch da keinen Augenblick der Gedanke, es

kdnnte dem jungen Goldschmiedgesellen eine Weile tibel ergehen.

Es ist Rheinberger's Talent anders geartet als z.B. das

eines Lortzing; in den Werken des letzteren finden wir

elne derbe Komik, elnen frischen Humor an allen Ecken

und Enden. Wir wissen aber, da2 Rheinberger sich ihn

nicht zum Vorbild nehmen konnte, denn unser Komponist

liebt es nicht, sich so derb auszusprechen und zuweilen

so possenhaf ten Ton anzuschlagen, wie es Lortzing so

häufig that; er strebte offenbar vielmehr dem viel feineren

Nikolai nach und wenn wir uns nicht täuschen, Waren

ihm "Die lustigen Weiber von Windsor" Muster und Vorbild.

Diesen Vorzug müssen wir rühmend hervorheben: die

Musik in Thürmers Töchterlein 1st durchwegs edel und

elegant. Zuweilen schlägt der Komponist elnen yolksthtimlichen

Ton an, der frisch und wohlthuend sich in

Herz und Ohr schmeichelt, das Lied "Kam em MHgdlein

hold und gut" - ist em reizendes Beispiel hieftir. Den

hei8blutigen Goldschmiedgese].len zeichnete Rheinberger

mit grol3er Virtuosität: in seinem Liede "Brausend wogte

mir das Blut" klingt es von jugendlichem Uebermuth und

"Becher, Zecher, Singen, Klingen" tönt so keck und doch

so ärgerlich, dal3 wir diese Nummer den besten der ganzen


- 209 -

Oper zuzHhlen. Es gab Zuhörer, weiche der Oper und so

auch diesem Liede die 0riginalitt absprachen, sie meinten,

as fänden sich in ihr hHufige Anklänge, die der Tondichter

durch Ausweichungen und Modulationen unmerklicher

zu machen gesucht habe. Wir konnten das nicht finden:

uns schienen die meisten Lieder - weiche doch die

schönsten Theile der Oper sind - lebendig und ureigen

einer tiefen und feinfUhligen Empfindung zu entsteigen

und in anmuthigen, zum Theile sogar recht kräftigen Weisen

auszukllngen.

Die Melodie "Woilt ihr Blumen, kommt zu mir!" trat uns

z.B. so schlicht und liebreizend entgegen, wie wir uns

Gertrud dachten und Heinrich's Trinklied "Wir leben hier

in den Tag hinein" sucht an Stimmung und Frische seinesgleichen.

Nicht minder charakteristisch erscheint uns

das Thürmerlied; es 1st schönempfundenund ebenso glucklich

ausgefuhrt. Dagegen konnten wir uns mit dem Sologesang

des Wurzel,womit der dritte (nach dem Buch der

zweite) Akt anhebt, nicht befreunden: wir vermi2ten hier

den komlschen Habitus, as kam der Humor, den wir suchten,

nlcht zum Ausdruck.

So finden wir eben Uberall unsere frUhere Behauptung

begrundet, daB Rheinberger nicht sein eigentliches Talent

zu beschaftigen well3, wenn er sich mit der musikalischen

Illustration elnes komischen Textes abmUht und

sich zu Arbeiten zwingt, weiche seiner ganzen poetischmusikalischen

Anlage widersprechen. Die Lyrik ist sein

Feld, dort versteht er reiche Lorbeeren zu pflucken,

dorthin 1st sein Talent verwiesen und es ist em Verkennen

seiner eigenen Fahigkeit, wenn er sich darauf kaprizirt,

auch komlsche Opern schreiben zu wollen.

In derMachezelgte er - gegenüber semen sieben Raben -

entschiedene Fortschritte. Er hat es gelernt, musikalische

Charaktere zu schaffen und den einzelnen Partien

em bestimmt abgegrenztes Gepräge zu geben. Seine Instrumentation

1st auBerordentlich kunstvoll und verstHndig:

er hat sich die Kunstgriffe der Neueren mit vollem

Recht zu Nutzen gemacht und diese Neuerungen oft mit

grot3em Glücke und feinem GefUhle für Tonfarbe und Wohikiang

angewendet. Nach dieser Seite hin 1st die Oper

wahrhaft meisterhaft und inustergUltig. Nit gleicher Auszeichnung

inUssen wir der OrchesterstUcke gedenken:


- 210 -

Ouverture und Schwedenuiarsch zählen wir den besten Schöpfungen

der Neuzeit bei.

Nun fragt sich, wie die grof3en Vorzüge, weiche das Werk

aufweist, auch jetzt noch in glucklicherer, wirksamerer

Weise verwerthet werden könnten. Wir glauben, dal3 zumal

einige Striche dem Gesamrnterfolg von gro1ern Vortheil

wären. Wie schon früher erzählt, wurden noch in der elften

Stunde aus den ursprünglichen ersten zwei Akten drei

Akte gemacht, wahrscheinlich wohi, urn der Regie bequemere

Gelegenheit zu schaffen, die Dekorationen zusammenzustellen.

Nun aber verlangt die Trinkstube sicherlich

keine alizu groBe Virtuosität irn Zusatnmenstellen und der

Zwischenvorhang ermöglicht dieses ohnehin auf die bequemste

Weise. Warum also die Handlung verzögern und die

Oper verschleppen? Dazu kornrnt noch, daf jetzt drei Akte

hintereinander in gleichartiger Weise schliel3en: irn

ersten bleibt Gertrud allein zurück und singt ihr Gefühl

aus, im zweiten Wurzel, im dritten wiederum Wurzel.

Diese Gleichförmigkeit langweilt, da rnul3 geändert werden.

Ferner rnöchten wir die Arie, rnit welcher Wurzel den dritten

Akt beginnt, zum Abstrich ernpfehlen, in gleicher Weise

seine Arie "Weh mein Kopf", in weicher er sich genau

noch in der Gemüthsstirnmung vom Aktschluf3 befindet.

Die beste Aenderung ware allerdings diese, für die Parthie

des Wurzel einen Sänger zu finden, dessen Kornik von innen

heraus kornmt, der sich nicht plagt und müht, kornisch zu

scheinen, und doch nie lachen rnacht. Wir anerkennen den

Fleif3 und den Eifer, mit weichem Hr. Mayer diese Partie

studirt und auf die BUhne gebracht hat, wir loben seine

vielen gesanglichen Vorzüge - aber Korniker kann man eben

nicht werden, das rnul3 rnan von Natur aus sein. Diese äuBerliche,

gewaitsame Kornik, die im Schweil3e ihres Angesichts

Lachen erregen will, bringt in der Regel nur einen gegentheiligen

Eindruck hervor und gerade der schwachen

Parthie des Wurzel htte em Korniker von Gottes Gnaden

mit Erfoig nachhelfen können.

Der übrige Theil der Auffuhrung verdiente die beste Auszeichnung.

Frin. Stehie (Gertrud) war das schlichte, seelenvolle,

ungeschininkte Burgerskind mit dem tief en GemUthe,

wie es der Komponist verlangte, und Hr. Vogl sang

so schneidig und herausfordernd, da2 der kecke, übermUthige

Goldschmiedgeselle leibhaftig vor uns hinzutreten

schien. Auch Frau Diez sang die Cordula mit der


- 211 -

dieser Künstlerin eigenen Gewissenhaftigkeit und Sauberkeit,

während Hr. Kindermann als Gustav Adolf em

Meisterstück in der musikalisch-dramatischen Repräsentation

auf die Bühne steilte. Auch Hrn. Bausewein müssen

wir das Lob aussprechen, daB er sein Thürmerlied recht

innig gesungen hat. Nicht mindere Auszeichnung verdienen

Chor und Orchester. Die neuen Dekorationen des Hrn.

Quaglio fanden wohlwollende Anerkennung.

/Rezension des Werkes in: Ailgemelne Musikalische Zeitung,

Leipzig, Nr.26 vom 25. Juni 1873, S.410-412/

Musikbericht aus München.

I... /Schliel3lich freuen wir uns, aus den allerjUngsten Tagen

noch über eine Opern-Novität berichtenzu können, freilich

die einzige, welche seit Jahresfrist hier aufgeftihrt

wurde: es ist dies die am 23. April zum ersten Male fiber

die Bühne gegangene komische Oper "ThUrmers Töchterlein"

von Joseph Rheinberger, längst angekundigt und vorbereitet,

aber durch zahireiche Zwischenfälle vielleicht nicht immer

unfreiwilliger Natur hinausgeschoben. Um den Standpunkt,

von weichem aus wir das neue Werk beurteilen zu mtissen

glauben, zu kennzeichnen, erscheint es nothwendig darauf

hinzuweisen, dass die d e u t s c h e komische Oper seit

Lortzing's Werken, welche die Prinzipien Dittersdorf's und

Mozart's vertreten, in unseren Jahrzehnten kaum em namhaftes

Werk aufzuweisen hat. Dort hat also em deutscher Componist,

welcher eine neue deutsche komlsche Oper bringen

will, semen AnknUpfungspunkt zu suchen. Es muss daher auch

jedeBeurtheilungeines neuen derartigen Werkes frel sein

von den Einflüssen, welche die besondere Art der f r a n -

z 5 s i s c h e n komischen Oper, von der deutschen so

grundverschieden, in ihren ziemlich häufigen Aufführungen

auszuUben vermag.

Der Text von "Thürmers TSchterlein" ist einer sehr ansprechenden

Erzählung Fr. Trautmann's, welche zuerst in einem

der älteren Jahrgänge der "Fliegenden Blätter" zu lesen

war, entnommen und von Max Stahl, einem jungen Justizbeamten,

in geschickter Gruppierung für die Bühne bearbeitet.

Die Handlung spielt in MUnchen im Mai 1632 und hat zum historischen

Hintergrunde die Annäherung der Schweden, wie

den endlichen Einzug Gustav Adolph's; sie beginnt auf dem


- 212 -

alten Marktplatze vor dern Rathhause, setzt sich in der

Trinkstube zum Fischbrunrien und in dem WächterstUbchen

des Petersthurmes fort und endet im grossen Rathhaussaale.

Gertrud, des Peterstj-iürmers hübsches Töchterlein,

wird von dem Goldschmid Heinrich Wildebrandt, einem jungen

Brausewind, und dem Rathsschreiber Hieronymus Wurzel.

gleichzeitig umworben. Der Sieg neigt sich natürlich zu

Heinrich, welchem jedoch em Wortwechsel wegen des

scheinbaren Nebenbuhiers die Geliebte entfremdet. Uebermuth

und Streitsucht bringen Heinrich, Ruhmredigkeit und

begründete Spionenfurcht den Rathsschreiber in das Gefängniss,

nachdem sie beide das Petersthurmstübchen vergeblich

als Zufluchtsort betrachtet hatten, wo sich Hemrich

mit Gertrud versöhnt hat. Beide werden nur durch die

Fürbitte Gertrud's beim Schwedenkönige erlöst: Heinrich

urn sein Leben lang in die ersehnten Ketten der Ehe mit

der Geliebten geschlagen zu werden, Wurzel urn in dern

rninder erwünschten Ehejoche mit seiner ihn verfolgenden

Base und Haushälterin Frau Cordula für die Spottreime

zu bUssen, die er gegen Gustav Adolph gedichtet hat und

die er zum grossen Gaudiurn der schwedischen Soldateska

in des Konigs Gegenwart vor allem Volke urn sein Leben

zu retten mit Zittern und Zagen wiederholen muss. Dies

mit kurzen ZUgen der Inhalt, irn Ganzen nach der Anordnung

des Textbuches!

Dasselbe trägt zwar unverkennbar einige mit wenig Strichen

zu beseitigende MHngel; immerhin finden wir in dernselben

eine tüchtige dramatische Gestaltungskraft, welche

lyrische, komische und spannend dramatische Situationen

mit Geschick zu verbinden und hierdurch dem Cornponisten

zugleich sehr dankbare Scenen zu schaffen versteht.

Dem Dialoge hätten wir gegenuber den gross angelegten

musikalischen Scenen entweder mehr Ausdehnung

oder vollige Beseitigung und recitativische Behandlung

gewünscht, wenn dadurch nicht das Werk zu sehr in die

Lange gezogen wird. Im Interesse einer kürzeren Fassung

wUrde sich auch die Zusammenziehung der fUnf Acte in

vier, im Interesse der unmittelbaren dramatischen Wirkung

aber würden sich kleine Aenderungen der ersten beiden

Actschlüsse empfehlen; dieselben würden besser mit

den in denselben vorhandenen recht wirksamen Steigerungen

rasch abschliessen, statt die gehobene Stimmung


- 213 -

wieder etwas verklingen zu lassen und die Verbindung

zum Nachfolgenden schon im Voraus sichern zu wollen.

Gedanken und Verse sind frisch und zierlich, derb und

kraftig, je nachdem es erforderlich; urwüchsige Komik

findet sich an rechter Stelle sowohi in Scenen als in

Worten.

Rheinberger's Musik zeichnet sich in erhöhtem Maasse

durch jene Eigenschaf ten aus, weiche wir in seiner leider

vom Repertoire verschwundenen Oper "Die sieben Raben"

und in semen ubrigen grdsseren und kielneren Werken

schätzen gelernt haben. Seine compositorische Thätigkeit

fusst durchweg auf dem soliden Grundbau der

Classiker; er halt fest an deren Formen und handhabt

dieselben mit Meisterschaft, nicht ohne wirkliche Fortschritte

auf dem dramatischen Gebiete, soweit solche

unbeschadet der musikalischen Form- und Klangschönheit

erreicht wurden, zu beachten. Es sind daher nicht nur

volikoinmen abgerundete Lieder, Arien, Duette, Chore u.

s.w. wohi unterschieden, sondern auch, wo es die immer

tref fend erfasste Situation mit sich brachte, breit ausgefuhrte

Ensemblesätze mit Recitativen und Ariosen angewendet,

was selbstverständlich zunächst den Finales

zufiel. Ganz besonders treu und scharf gelang dem Cornponisten

die Charakterzeichnung der Personen; die liebenswiirdige

Naivität und Innigkeit der Titeiheldin, die

hin- und herschwankende Doppelnatur des jungen, edelgesinnten

aber leichtsinnigen Brausekopfes Heinrich, die

bornirte Selbstgefälligkeit, dann die Todesangst des

verliebten alten Wurzel, die BOsmauligkeit und Redseligkeit

der heirathssüchtigen alten Cordula: sie sind mit

fein ausgefuhrten Nüancen meisterlich festgehalten.

Dass Gustav Adolph mit gehoriger Majestät auftritt, versteht

sich von selbst; seine Schweden sind durch elnen

Marsch und Chor ausgezeichnet, welcher nebst vielen anderen

Nummern des Componisten Ursprunglichkeit und Frische

der Erfindung, seine ganze liebenswürdige Eigenart

in belles Licht setzt. Letztere Elgenschaf ten zeigen

sich Uberhaupt durchweg in der Oper, so namentlich auch

in dem angeheiterten Liede Heinrichs in der Zechstube

und In den lyrischen Partien des Werkes, welche, wie das

Duett zwischen Heinrich und Gertrud im ersten Acte, des

Ersteren Lied, das Lied des alten PetersthUrmers


- 214 -

Hinneriz, das darauffolgende Terzett mit Heinrich und

Gertrud, der Letzteren Cavatine und des Schwedenkönigs

Ansprache an die Deputation der Frauen und MHdchen,

you der liebenswürdigsten ansprechendsten Melodik sind.

Die beiden komischen Persönlichkeiten werden nicht selten

mit Dittersdorf'schen Zügen durch die Musik tref flich

illustrirt. Dies ftihrt uns von selbst auf die

durchaus feingefuhlte, wirkungsvolle Instrumentation,

weiche jeder Situation eigene Reize verleiht. Schon die

Ouvertüre 1st you Leben und Bewegung, wie es einer komischen

Oper gebuhrt. Nehmen wir dies Alles zusammen, so

können wir die Behauptung, ohne Widerspruch fUrchten zu

müssen, aufstellen: es ist in "Thürmers Töchterlein"

eine neue deutsche komische Oper geschaffen worden, welche

nicht nur in München, dessen Erde sie soganz entstammt,

sondern auch auswHrts eine bleibende Stätte auf

den deutschen Bühnen zu finden verdient.

Die erste Auffuhrung war sehr gelungen; die Aufnahme unbestritten

glänzend, indem sie Alles mit sich brachte,

was eben erste Auffuhrungen mit sich zu bringen pflegen:

Hervorrufe des Componisten und der Darsteller. Wir legen

hierauf weniger Gewicht. Bei der Wiedergabe glHnzten

unsere ersten Kräfte: Fräul. Stehie als Gertrud, Herr

yogi ais Heinrich, Frau Diez als Cordula, Herr Kindermann

als Gustav Adolph. Herr Bausewein gab den alten Hinnerz,

Herr Mayer die schwierige und umfangreiche Partie des

Rathsschreiber; sie thaten Alles für das Werk und leisteten

Vorzügliches. Alierdings war Herr Mayer seiner Aufgabe

nicht so ganz gewachsen, da as ihm bisher an genügender

Beschäftigung in soichen Roilen fehite.

Die sichere .Leitung und aulseitige Bühnengewandtheit,

weiche Levi bei Vorbereitungen und AuffUhrung bethHtigte,

zeigten sich wiederum in schHtzbarster Weise. Dem

Werke, das uns viele Freude machte, wünschen wir allüberaii

verdiente Würdigung!


ANMERKUNGEN

Die Anmerkungen sind nach Seitenzahlen

(S.) und Schriftzeilen (Z.) geordnet.

Wiederholungen im Text bleiben

in der Regel unberücksichtigt.

WoO = Werk ohne Opusziffer (nach:

Hans-Josef Irmen "Thematisches Verzeichnis

der musikalischen Werke

Gabriel Josef Rheinbergers" Regensburg

1974).


- 217 -

s. liz. 17: David = David Rheinnberger, Bruder des Komponisten

in Vaduz

Z. 21f: . . . die Männerchöre = Drei vierstimmige Mannerchöre

(1. "Jung Werner" Text: V.Scheffel,

2. "Alt Heidelberg" Text: V.Scheffel, 3. "Tra-

Z. 27:

gische Geschichte" Text: A.v.Chamisso), op.44

. . . seine synfonische Sonate = Kiaviersonate

Nr. 1 in C-dur ("Sinfonische Sonate") op.47,

komp. 1864

S. 2iZ. 2!: . . . Lieder des Gedächtnisses = Vier Lieder des

Gedächtnisses für vierstimmigen Chor,op.24

Z. 4: . . .das Media vita = Peter Cornelius "Mitten

wir im Leben sind von dem Tod umfangen"

Geistliches Lied von Notker BalbulusiMartin

Luther, für Männerchor, op.

niert 1869.

9. Nr.3. Kompo-

Z. 19: . . .sein Requiem = Requiem für Soli, Chor und

Orchester. Das 1869 vollendete Werk erschien

1872 mit der Widmung: "Dem Gedächtnis der

im Deutschen Kriege 1870-1871 gefallenen Helden."

Z. 34: . . . Curt 's Wallensteinisi Lager = Scherzo

(3.Satz) aus der wallenstein-Sinfonie op.lO.

S. 3/Z. 21: . . .nach Kreuth = Wildbad Kreuth, bevorzugter

Ferienort des Ehepaars Rheinberger

25: Schwägerin Therese = Gemahlin des Bruders

Peter Rheinberger in Vaduz. - Maly =

Amalia, Schwester des Komponisten.

S. 8/Z. 40: 'Wasen' = bayerisch-alemanniSch für Rasen,

Wiese; Genzianen = recte: Enziane

S. 9/Z. 25: . . .die Jagd = "Die Jagd" (Impromptu) aus

Drei kleine Klavierstücke, op. 5

34: . . .das Schlachtgebet = "Schlachtgebet"

(Julius Mosen) aus Vier deutsche Gesänge

für Männerchor, op. 48

S. l0/Z. 7: .. . die Concertfuge = Praeludium und Fuge zum

Konzertvortrag für Pianoforte, op.3,3, Anton

Rubinstein gewidmet; em Autograph des Wer


- 218 -

kes (im Josef Rheinberger-Archiv Vaduz) trägt

die Widmung: "Herrn Mortier des Fontaine in

Hochachtung und Verehrung zugeeignet... ".

S. lO/Z. 8f: . . .des Clavierquartetts = Quartett in Es-dur

für Pianoforte, Violine, Bratsche und Violoncello,

op. 38.

Z. 11: . . .in seine Heimat = Vaduz, Liechtenstein

Z. 18: . . . eine Clavierfantasie = Capriccio (über em

Thema von Handel) aus Zwei Klaviervorträge,

op. 45. In dem von ihr geschriebenen Werkverzeichnis

schreibt Fanny Rheinberger: "Das Thema

ist dem Handel 'schen Oratorium "Alexander

Balus" (1747) entnommen".

Mailied von Scheffel = Nr. 4 in Vier deutsche

Gesänge, op. 48, für Männerchor

"Heerbannlied der Deutschen" = "Heerbannlied"

op. 48 Nr. 2.

S. 1hZ. 4: .. .des "armen Heinrich" = "Der arme Heinrich"

Komisches Sin gspiel für Kinder, Text von Franz

Bonn, op. 37.

Z. 7: .. .die Passions-Musik = "Zur Feier der Charwoche"

Passionsgesang für vierstimmigen Chor

und Orgel, op. 46.

Z. 13: . . .Elegie = "Einem Todten" op. 48 Nr. 2

. . .die 5 Quartetten im Volkston = Fünf Lieder

für gernischten vierstimmigen Chor a cappella,

op. 31 (?).

S. l2/Z. 4f: Stutzflügel von Blüthner = Das Instrument befindet

sich nun als Leihgabe der Familie

Rheinberger im Josef Rheinberger-Archi v

(Rheinberger-Haus / Liechtensteinische Musikschule)

in Vaduz.

Z. 7f: . . .das "Waldmärchen" = Konzertskizze für Pianoforte,

op. 8.

Z. l4f: . . .des Thales des Espingo = Ballade für Mannerchor

und grosses Orchester, op. 50.

Z. 26: . . .des grossen. Clavierquartetts = op. 38.

Z. 29: des Hermann Lingg'sche Lanzknechtslied =

verschollen (?)


- 219 -

S. 12/Z. 37: Mendelssohn 's Psalm: Wie der Hirsch... =

"Der 42. Psalm" für Chor und Orchester,

op. 42, von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

S. 13/Z. 1: Variationen-Ciavierwerk = Thna mit 37 Veränderungen

für Kiavier, op. 61; komponiert

1860, später umgearbeitet.

Z. 4: Margarethen-Lobgesang = "Lobgesang in mem.

Margarete Maria Alacoque" für 3 Kinderstimmen

(.') und Orgel, komponiert 17.2.1865

(JWV 143).

Z. 16: Op. 30 = 7 Stücke aus der Musik zu Calderons

"Der wunderthätige Magus" für Kiavier zu 4

Händen; op. 36 = 9 Stücke aus der Musik zu

Raimund 's "Die unheiibringende Krone" für

Kiavier zu 4 Händen; op. 33 = Praeludium

und Fuge zum Konzertvortrag für Pianoforte;

op. 38 = Klavierquartett in Es-dur.

Z. 24: op. 50 = "Das Thai des Espingo" (Chorbailade)

Curt's Duo = Duo in a-moll, op. 15, für zwei

Klaviere

Z. 36: . . .von Curt's grossem Requiem = Requiem für

Soli, Chor und Orchester, op. 60

S. 14/Z. 16: Heimweh nach Bülow = Hans von Bülow (1830 -

1894), der mit Rheinberger befreundet war,

hatte 1869 München verlassen (vgl. Band III,

S. 68ff).

S. 15/Z. 9: op. 44 = Drei vierstimmige Männerchöre

Z. 11: op. 48 = Vier deutsche Gesange für Männerchor

S. 19/Z. 7f: die "Deutschen Gesänge" = op. 48

Z. 26: Quartett = Klavierquartett in Es-dur, op. 38

Z. 30: Hymne für 4 Stimmen und Harfe = "Hymne nach

dem 83. Psalm" für vier Frauenstimme und

Harfe oder Pianoforte, op. 35

Nussbaum = Der berühmte Chirurg Prof. Dr.

Johann Nepomuk Nussbaum war Hausarzt und

Freund Rheinbergers. Ihm ist das Kiavierquartett

op. 38 gewidmet.

S. 20/Z. 6: Dedication = Nr. 3 ("Einem Todten", Text:

Hennann Lingg) der "Vier deutschen Gesänge"


- 220 -

S. 22/Z. 20:

op. 48 trägt die Widmung: "Dem Gedächtnis des

jungen Vorstandes des akademischen Gesangvereins,

Carl Hoffinann, welcher bei Sedan den

Heldentod starb."

. . .des Haideschachtes = Oper von Franz von

Holstein

Z. 21: Judith = Oper von Franz von Holstein

S. 23/Z. 23f: . . .Joachims = Josef Joachim (1831-1907), berühmter

Geiger

Z. 25: Max Bruch = (1838-1920), Komponist

S. 24/Z. 2f: Passionsgesang = "Zur Feier der Charwoche"

op. 46

Z. 3: zwei Capriccio = "Zwei Klaviervorträge" op.45

(1. Scherzoso, 2. Capriccio [über em

von Handel])

Thema

S. 27/Z. 38f: Euterpe = "Euterpe". Em musikalisches Monatsblatt

für Deutschlands Volksschullehrer, herausgegeben

in Gemeinschaft mit Bogenhardt, Erk

und Jacob ... von Ernst Hentschel. Ab 1870

zeichnete Friedrich Wilhelm Sering als Herausgeber.

S. 28/Z. 26f: 'klein Anna Catrein' ... 'Augen sagt mir, was

5. 29/Z. 24f:

sagt ihr' = Lieder Franz von Holsteins.

Ouvertürezum armen Heinrich" = "Der arme

Heinrich". Komisches Singspiel für Kinder,

Text von Franz Bonn, op. 37.

S. 30/Z. 2f: Hofkapellmeister Wüllner = Franz Wüllner

(1832-1902), Lehrer an der Kgl. Musikschule,

Nachfolger Hans von Bülows als Hofkapellmeister.

Z. 10: Baron von Perfall = Karl von Perfall (1824 -

1907), Hofmusikintendant in München.

Z. 24: Ihr Duo in A moll = op. 15

S. 3hz. 2: . . . dessen op. 35 = Felix Mendelssohn-Bartholdy

"Sechs Praeludien und Fugen für Pianoforte"

op. 35.

Z. 3: op. 39 = Josef Rheinberger "Sechs Tonstücke

in fugierter Form für Pianoforte" (Erste

Folg-e).


- 221 -

S. 3hz. 27f: Schafhäuti 's Prachtbuch. ..= "Der ächte gregorianische

Choral in seiner Entwicklung bis

zur Kirchenmusik unserer Zeit. Em Versuch

zur Vermittiung in der Streitfrage: Weiche ist

die wahre katholische Kirchenmusik." Vom Conservator

u. Professor Dr. Schafhäutl. München

1869.

Z. 32: Jairi Töchteriein "Das Töchterlein des Jairus"

Cantate für Kinder mit Klavierbegleitung,

op. 32

S. 34/z. 1: .. .sein Thai des Espingo = vgl. S.12/Z.14f.

Z. if: .. .die Hedi-Lieder = Sieben Lieder für eine

mittlere Stimme mit Kiavierbegleitung, op.26,

Fräulein Hedwig von Pacher gewidmet.

Z. 18f: Ave Maria von Curt... = op. 54 Nr. 4 (?)

Z. 21: Carl Stieler = (1842-1885), Münchner Dichter,

Duzfreund Rheinbergers

S. 36/Z. 18: Paul Heyse's Brief = Paul Heyse (1830-1914)

Dichter und Uebersetzer, Mitglied des Munchner

Dichterkreises.

Z. 22f: . . .Buonamici aus Florenz (...)

her = Schüler Rheinbergers.

und Guido Stie-

Z. 25: Mietz = Kosename Rheinbergers für seine Gat-

tin Fanny.

S. 39/Z. 2: Maly = Rheinbergers Schwester Amahie

S. 40/z. 27: .. . aus der Unheilbringenden Krone Neun Stükke

aus der Musik zu Raimund 's "Die unheilbringende

Krone" op. 36.

Z. 28: . . . den Sturm aus Magus = Nr. 3 aus "Sieben

Stücke aus der Musik zu Calderons "Der wunderthätige

Magus" op. 30.

S. 41/Z. 29f: ...müssten wir gegen 200 Mann un Felde haben =

1868 war das Liechtensteinische Militärkontin

gent aufgelöst worden.

Z. 33: . . . Peter in seinem Brückenbau = Nach der Auflösung

des Militärs erhielt Rheinbergers Bruder

Peter die Stelle eines Landestechnikers.

Nach der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrderts

erfolgten Rheinregulierung wurden erste

Stra ssenbrücken erstel it.


- 222 -

S. 42/Z. 10: .. . von Stahl den fertigen Stoff = Textbuch

"Thürmers Gertrud" nach einer Erzählung von

Franz Trautznann.

Z. 20f: Auerbach's Barfüssele = Berthold Auerbach

(1812-1882) "Barfüssele", Stuttgart 1862

Z. 23f: Fantasie über die Zauberflöte = Improvisation

über Motive aus der Zauberflöte für Pianoforte,

op. 51

Z. 24f: . . .die zehr1 Orgeltrios = Zehn Trios für Orgel,

op. 49.

S. 43/Z. hf: halbseitiger Direktor = Nachdem 1869 Hans von

Bülow aus den bekannten Gründen (vgl. Band III)

München verlassen hatte, wurde Freiherr von

Perfall, der schon vorher die Oberaufsicht

über die Musikschule geführt hatte, zu dessen

Nachfolger bestellt. Bis zur endgültigen Neuordnung

1874 wurden verschiedene kleinere organisatorische

Reformen durchgeführt.

Z. 30: 24 Präludien-Etuden = Vierundzwanzig Praeludien

in Etudenform für Pianoforte, op. 14.

S. 50/Z. 22: Krempelsetzer = Georg Krenplsetzer, Opernkomponist

und Freund Wilhelm Buschs.

S. 55/Z. 3lf: . . . em paar Clavierstücke = Zwei Kiaviervorträge,

op. 45 (Johannes Brahms gewidmet).

S. 56/Z. 7f: . . . einen sehr lieben Chor von Haydn = "Wider

den Uebermut" (Text: C.F.Gellert) aus "Vierstimmige

Gesänge" von Joseph Haydn, Hob. XXVc,

Nr.7.

Z. 27f: . . . Vaduzer Kirchenbau = Rheinbergers Heimatgemeinde

Vaduz erhielt 1869 - 1873 eine neue

Pfarrkirche nach Plänen des Wiener Dombauméisters

Friedrich von Schmidt.

Z. 29f: . Briefe H. Hofkaplan 's = Johann Franz Fetz

(1809-1884), seit 1849 provisorisch und ab

1852 definitiv Hofkaplan in Vaduz. Fetz war

Lehrer Rheinbergers.

Z. 37: . ..in das 'rothe Haus' = Das mittelalterliche

"Rote Haus" mit grossem Weinberg in Vaduz

ist seit 1807 im Besitz der Famihie Rheinberger.


- 223 -

S. 57/Z. 3: Siegesfest = Am 18.1.1871 (and im Schloss zu

Versailles die Kaiserproklamation statt. Zum

g'leichen Zeitpunkt wurden die Fri edenspräliminarien

festgelegt und von der beschleunigt gewählten

französischen National versammiung angenommen.

(Die Unterzeichnung des Friedensvertrages

zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich

fand am 10.5.1871 in Frankfurt am Main

statt.)

Z. 7f: 7 Lieder "Zeiten & Stimmungen" = op. 41

Z. 8: Capriccio giocoso für Clavier = op. 43

Z. 14: . . .6 lateinischen Hymnen = Sechs Hymnen op.58

Z. 16: Johnie Mayer = Freund Rheinbergers in Wien.

Ihm ist die Tarantella op. 13 für Pianoforte

zu vier Händen gewidmet.

S. 60/Z. 17: Fahr zu mein kühnes Boot = "Treib zu, mein

kühnes Boot" aus "Liebesleben" (Em Zykius

Z. 18:

von acht Liedern für Sopran mit Klavierbegleitung)

op. 55.

. . .den "Letzten Wunsch" = "Letzter Wunsch"

aus "Liebesleben" op. 55.

Z. 23f: 4 deutsche Männerchöre = Vier deutsche Gesänge

für Männerchor a cappella, op. 48.

S. 61/Z. 7: Drei Claviervorträg'e op. 54 = recte: op. 53

Z. 10: .. . em Schüler Kiel 's = Fri edrich Kiel (1821-

1885), Koinponist, Professor an der Kgl. Hoch-

Z. 27:

Z. 28:

S. 62/Z. 21:

Z. 31:

S. 63/Z. 6f:

S. 64/Z. 8f:

S. 65/Z. 30:

Z. 33f:

Z. 34:

schule für Musik in Berlin.

op. 53 = Drei Klaviervorträge

op. 55 = "Liebesleben" (Liederzyklus)

Variationen-Clavier-Werk = Thna mit 37 Veränderungen,

op. 61.

"Jung-Werner" = op. 44 Nr. 1

Miserere für Frauenstimmen = vermutlich nicht

ausgeführt.

Jodbad Adelheidsquelle = bei Benediktbeuren

Carl Stieler's Hochzeit = vgl. S.34 Z.2l.

Wander-Frühlingslied = "Mailied" op.48 Nr.4

nach einn Text von V.Scheffel (?).

Sein Wallenstein = Wallenstein-SinfOnie op.lO


- 224 -

S. 65/Z. 36: das Stabat Mater = op. 16

Z. 38: die Dollinqer-Angelegenheit = Die Unfehibarkeitserklärung

des Papstes durch das 1. Vatikanische

Konzil 1869/70 stiess innerhaib

der katholischen Kirche auf eine starke Opposition,

an deren Spitze in Dcutschland der

Theologe Ignaz Döllinger (nicht Dollinger)

stand. Während dieser nur bei der Ablehnung

des Konzils blieb, organisierten seine Anhänger

die von Rorn losgeldste Kirche der Altkatholiken.

S. 69/Z. 23f:

S. 70/Z. 13:

S. 72/Z. 23:

Z. 25:

Z. 33:

S. 73/Z. 28f:

Z. 31:

Z. 36:

S. 74/Z. 24:

S. 76/Z. 30:

S. 77/z. 27f:

.. . einen lieben, lieben einstirnmigen Hyznnus =

unbekannt

Laridesverweser v. Hauseh = Karl Freiherr Haus

von Hausen (1823-1889) war von 1861 bis 1884

Fürstlicher Landesverweser in Liechtenstein.

"All' mein Gedanken" = op. 2 Nr. 1

Gade = Niels Wilhelm Gade (1817-1890), dänischer

Komponist. - Das Therna der Fughette

op. 23 Nr. 12 von Rheinberger besteht aus

der Ton folge G-A-D-E.

Heerbannlied = op. 48 Nr. 2

eine grosse Fantasie-Sonate für Orgel =

Fantasie-Sonate Nr. 2 in As-dur für Orgel

eine einstimmige Messe = Kleiner und leichter

Messgesang für eine Sin gstimme und Orgel (oder

Harmoniurn) op. 62

2 dreistimmige Männerchöre = Es körinte sich

urn die zwei Terzette für zwei Tenöre und Bass

nach Texten von A. Wisrnayr "Friede" (WOO 39)

und "Zwn Narnensfest" (WOO 40) handeln. Allerdings

tragen die beiden Manuskripte in der

Bayerischcri Staatsbibliothek München das Datum

"17.1.1871".

. . . em kleines Clavierstück "Erinnerung" =

op. 66 Nr. 1 (in: "Drei kleine Vortragsstudien

für Klavier").

.. .die Trios = Zehn Trios für Orgel, op. 49

"Lasset uns sterben", "Rosen im Haar" =

verschollen; "Vaterländischer Gesang = op. 73/5.


- 225 -

S. 77/Z. 30: "Zum Abschied" = Studie für das Pianoforte

op. 59

S. 79/Z. 9: "Rathaus & Thurm" = geineint ist die Szene in

der Oper "Türmers Gertrud" (später: "Türmers

Töchterlein").

Z. 12: . . .noch 3 Jahrzehnte gründlich erfreut = tatsächlich

starb Josef Rheinberger fast genau

3 Jahrzehnte später am 25.11.1901f

Z. 15f: .. .des Nussbaum-Quartetts = Klavierquartett

in Es-dur, op. 38, Prof. Nussbaum gewidmet.

S. 8hz. 4: "0 Du mein lieber Herrgott..." = "Türmers

Töchterlein" 2. Akt.

Z. 37f: .. .das kleine Requiem = Requiem in Es-dur,

op. 84, für vierstiimnigen Chor a cappella.

S. 84/Z. 40: NZfM = Neue Zeitschrift für Musik

Z. 2f: . . . Rubinstein in Wien seine grosse Concertfuge

= Praeludium und Fuge zum Konzertvortrag

für Pianoforte, op. 33, Anton Rubunstein gewidmet

(vgl. S. 10/Z. 7).

S. 87/Z. 35: . . . em neues Werk von mir = Klavierquartett

in Es-dur, op. 38.

S. 88/Z. 27: . . . der grosse Richard = Richard Wagner

S. 91/Z. 10: Scarlatti = Rheinbergers Pudel

S. 92/Z. 4: .. . seine fünf Motetten = Fünf Motetten für

Z. 5f:

gemischten Chor, op. 40.

Die erste Motette heisst: Was toben die Heiden?

= "Warum (nicht: "Was") toben die Heiden"

ist in der gedruckten Fassung op. 40

Z. 25:

Ni'. 2.

Reinecke = Carl Reinecke (1824-1910), Kompofist

und Dirigent (1860-1895 am Gewandhaus

in Leipzig).

S. 93/Z. 30f: . . . sein Variationen-Studienwerk = Theina mit

37 Veränderungen, op. 61

S. 96/Z. 20f: . . . des Fanny-Lachnerschefl Requiems = Fanny

Rheinberger hatte Franz Lachner bei der

Ueber&etzung des lateinischen Requiem-Textes

geholfen, was Franz von Holstein bekarint war.

S. 99/Z. 18f: .. .die Geschichte jones Vaters = vgl. Johann

Peter Hebel "Seltsamer Spazierritt" in:

"Schatzkästlein des rheinischen Hausfreunds".


- 226 -

S. 10hZ. 36: Anacreon-Ouverture = von Luigi Cherubini

S. 106/Z. 10: op. 50 = "Das Tal des Espingo" Ballade für

Männerchor und grosses Orchester (Text:

Paul Heyse)

S. 110/Z. 11: Handel 'S "Trauerhymne" = Trauerode (Funeral

S. 119/Z. 2:

Anthem) auf den Tod der Kdnigin Caroline

(1737).

Levi = Hermann Levi (1839-1900), Dirigent.

S. 12hZ. 4:

Z. 6:

S. l23/Z. 4f:

Z. 5f:

Z. 34:

S. l25/Z. 17:

Z. 27:

Z. 31:

S. l26/Z. 10:

Z. 19:

Z. 21:

Z. 26:

Jairi Töchterlein = "Das Töchterlein des

Jairus" op. 32

Schwedenoper = "Türmers Töchterlein"

Hermann Lingg (1820-1905), Dichter

. . . die Composition der Wasserfee = "Die Wasserf

ee" (Gedicht von Hermann Lingg) für vier

Sin gstimmen oder kleinen gemischten Chor und

Pianoforte, op. 21.

Clavierauszüge des Clavier-Quartetts = op. 38,

Klavierauszug zu 4 Händen vom Komponisten.

E.E. = Eurer Exzellenz

Tony's Erkrankung = Anton, Bruder Rheinber-

gers.

Maly = Rheinbergers Schwester Amalie

Herrn Pfarrer Wolfinger = Pfarrer Josef

Thomas Wolfinger (geb. 19.12.1806 in Balzers/Liechtenstein,

gest. 13.5.1872 in Türkenfeld)

war mit der Famihie Rheinberger

verwandt. (Vgl. Band I, S. 61ff.)

.. .dem kleinen Egon = Egon Rheinberger

(geb. 14.1.1870, gest. 25.7.1936), Sohn

von Rheinbergers Bruder Peter, studierte

später an der Kgl. Kunstakademie in München.

Paramenten-Hauptmann =Für den Ankauf der

verschiedenen lit urgischen Gerätschaften

in die neue Kirche von Vaduz war am 27. Februar

1872 em "Pa.rarnenten-Komitee" bestellt

worden, zu dessenMitgliedern Regierungssekretär

David Rheinberger zahlte.

Churwalden = Ortschaft in Graubünden


- 227 -

S. 13hZ. 24: "Es glänzt die linde Maiennacht" = recte:

"Es glänzt die laue Mondennacht" op. 31 Nr.1

(Fünf Lieder für gemischten Chor a cap.)

Z. 28: .. . seine fugirten Clavierstücke = "Sechs

Tonstücke in fugierter Form für Pianoforte"

(Erste Folge), op. 39

S. 135/Z. 8: "Orgelsonate (Phantasiesonate)" = 2. Orgelsonate

in As-dur, op. 65

"Messgesang" = Kleiner und leichter Messgesang

für eine Singstirnrne und Orgel, op. 62

.. .die 5 Motetten = op. 40

Z. 33f: Fldtist Bdhrn = Theobald Bdhm (1794-1881),

Fldtenvirtuose, verbesserte sein Instrument

(Böhrn-Flöte) und schrieb Stücke dafür.

Z. 38: Terzette für Männerstiznmen = "Friede" WoO 39

und "Zurn Namensfest" WoO 40 (vgl. S. 73/Z. 36).

S. 136/Z. 4f: "Rosenbekränzt ziehn wir..." = WoO 81

Z. 37:

Maria Einsiedeln = (heute auch nur "Einsiedein")

bekannter Wahlfahrtsort im Kanton Schwyz

S. 137/Z. 9: Rigi-Staffel = Station der Berg-bahn auf die

Rigi.

Z. 18: Geburtstag des Fürsten = Fürst Johann II.

von Liechtenstein, geb. 5. Oktober 1840.

Z. 28f: Ruggell = nördlichste Ortschaft des Fürstenturns

Liechtenstein

S. l39/Z. 11: Notiz von den Spielpächtern = Die Spielbank

von Baden-Baden bemühte sich urn eine Konzession

für das Fürstentum Liechtenstein, die

jedoch schhiesslich nicht erteilt wurde.

Die Mädchenlieder = "Wache Träume". Sieben

Lieder und Gesänge für eine mittlere Sin gstimme

und Klavierbegleitung, op. 57.

Z. 37: Orgeiphantasie = Fantasiesonate op. 65

S. 140/Z. 29: Ihre Toccata = Toccata in G-dur für Pianoforte,

op. 12 (Herrn Dr. Hans von Bülow gewidmet).

S. 142/Z. 18f: Joachim Rat! = (1822-1882), Komponist.

S. 148/Z. 10: . . . bei der letzten Landtagssitzung = Am

16.11.1872 beschloss der Landtag (das liech-


- 228 -

tensteinische Parlament) "in Erwägung, dass

der Rhein die Selbständig*eit und Existenz

des Landes bedroht...: 1. Es sei das Spielbankregal

irn Lande auf unbestirnmte Zeit emzuführen,

2. sei eine Deputation zur Ueberreichung

einer Petition. . an den Fürsten abzuordnen."

S. 150/Z. 7: "All ineine Gedanken" = op. 2 Nr. 1

S. 152/Z. 15: Frau v. Herzogenberg = Gattin des Komponisten

S. 156/2. 37f:

S. 158/2. 5:

Z. 20:

Z. 37:

S. 159/2. 17:

2. 24:

S. 160/Z. 24:

S. 161/Z. 5:

Z. Sf:

Heinrich von Herzogenberg (1843-1900).

Herz-Jesu-Hyrnne = "Herz meines Jesu, träufle

Tröstung nieder" (WoO 41) für vierstimmigen

Mann erchor.

Messe in D-rnoll = Missa brevis (für vierstimmi

gen Chor a cap.) op. 83

. . .vier Gravuren = vgl. Titelbild (Lithographie

urn 1870) in Band III.

Lichtmesstage = 2. Februar

Bestellung für die Vaduzer Kirche = Als Mitglied

eines Pararnenten-Stickvereins hoffte

Fanny auf eine Bestellung aus Vaduz.

. . . das neue Vaduzer Blatt = Nachdem im Oktober

1868 die "Liechte,nsteiner Landeszei tung"

ihr Erscheinen eingestellt hatte, kam am

24.1.1873 erstmals die "Liechtensteinische

Wochenzeitung" als "Mntsblatt des Fürstenthums"

heraus.

Hofkaplan Fetz = vgl. S. 56/Z. 29f.

. . .dieses Comités = vgl. S. 126/Z. 21.

.. . des Pfarrers = Dr. Florin Decurtins

(1828-1873). Da Vaduz erst 1873 eine seibständige

Pfarrei wurde, ist die Bezeichnung

"Pfarrer" hier falsch. Decurtins war Kurat.

"Infolge einer habituellen Geistesstörung

wurde er für die Pastoration untauglich...

und musste (1873) amtlich entfernt werden."

S. 164/Z. 20: Ihre Toccata in G moll = Toccatina op. 19

2. 39: . . . des Herrn Vieuxtemps = Henri Vieuxtemps

(1820-1881), Pariser Violinvirtuàse und

Komponist.


S. 167/Z. 5f:

Z. 41:

S. l69/Z. 18:

S. l70/Z. 34:

S. 175/Z. 29f:

- 229 -

Die Charakterstücke, die sinfonische Sonate

& die Fuge = Drei Charakterstücke für das

Pianoforte, op. 7, Klaviersonate Nr. I in

C-dur ("Sinfonische Sonate"), op. 47 und

Praeludium und Fuge zum Konzertvortrag op.33.

Volkland = Alfred Volkiand (1841-1905), Dingent;

gründete mit Holstein und Spitta den

Bachverein in Leipzig.

Schumannsche Phantasie = Fantasie in C-dun

für Klavier, op. 17.

. . .den kleinen Egon = vgl. S. 126/Z. 19.

das wundervolle "Laudate" von W.A.Mozart =

Rheinberger gab das "Laudate Dominum" aus

Mozarts "Vesperae solennes de confessore"

KV 339 in einer Einzelausga.be mit unterlegtern

Klavierauszug heraus. Fannys Bemerkung,

dass das Werk ungedruckt sei, stimmt nicht,

da es in Einzelausgabe schon früher bei

Diabelli in Wien erschienen war.

S. 176/Z. 16: Drei Vortnagsstücke für Kiavier = Drei Kiaviervorträge,

op. 53

Z. 17f: drei geistliche Lieder = Drei geistliche

Gesänge für gem. Chor a cap. op. 69. Das

Morgenlied (op. 69 Nr. 1) hatte Rheinberger

1858 komponiert; das Abendlied "Bleib bei

uns" (op. 69 Nr. 3) war schon 1855 entstanden.

Als Nr. 2 wurde die Hymne "Dein sind

die Himmel" ("Tui sunt coeli") aus dem Jahre

1864 aufgenommen.

S. 177/Z. 12: .. .die Geschenke von den fürstl. Familie =

Fürst Johann II. von Liechtenstein hatte

für die Anschaffung von Paramenten und kirchlichen

Genäten 3185 Gulden bewilligt. Da jedoch

von Mitgliedern den fürstlichen Familie

verschiedene Geschenke dieser Art an die neue

Pfarrkirche gingen, wurden nun 1919 Gulden

für Ankäufe gebraucht.

S. 180/Z. 24f: das Ave Maria = Nr. 4 aus "Vier Hymnen für

Mezzosopran und Orgel (oder Klavier) op. 54.


S. 182/Z. 19:

Z. 20:

S. l84/Z. 10:

S. l85/Z. 17:

S. 186/Z. 24:

S. 189/Z. 31:

S. 190/Z. 25f:

S. 191/Z. 2f:

Z. 5:

S. 193/Z. 27:

Z. 31:

- 230 -

Ankunft in Schaan-Vaduz = 1872 war die Eisenbahnlinie

von Feldkirch (Vorarlberg) über

Liechtenstein nach Buchs (Kanton St. Gallen)

erdffnet worden. Ohne den Heuptort des Landes,

Vaduz, direkt zu berühren, fährt die

Bahn vom 3 km entfernten Schaan direkt auf

die schweizerische Seite des Rheintals. Die

Station trägt den Namen "Schaan-Vaduz".

.. . auf des Schloss = Des Ehepaar Rheinberger

logierte im damals noch hauptsächlich als

Gastwirtschaft dienenden Schloss Vaduz.

Frau Creszentia = Crescentia Lampert, Wirtin

im Schloss Vaduz.

"Calanda" = Berg bei Chur (Graubünden). Der

2805 m hohe Calanda ist von Liechtenstein

aus sichtbar.

.. .mit dem grossen Feste = Weihe der neuen

Pfarrkirche in Vaduz am 5. Oktober 1873

"Vöglein, was singst du im Lenze so weich" =

komponiert 26.6.1862 (JWV 136/5), gedruckt

im "Berliner Bazar" 1873.

Julius Stockhausen = (1826-1906), Komponist.

Componist Röntgen = Engelbert Röntgen (1829-

1897), Konzertmeister beim Gewandhausorchester

und Lehrer am Leipziger Konservatorium.

Ouvertüre nebst Stimmen zur "Zähmung der Widerspänstigen"

= op. 18

. . .das Clavierquartett = op. 38

.. . eine Bellade = "Jung Niklas" op. 75 Nr. 1

.. .eine zweite Ballede = "Diebstahi" op. 75

Nr. 2

S. l95/Z. 21: Herakies = von Georg Fri edrich Handel

Z. 2Sf: . . .zwei vierstimmige Chorballaden = vgl.

S. l93/Z. 27 und Z. 31.

Z. 40: "Aus den Ferientagen" = Vier Stücke für

Pianoforte zu vier Händen, op. 72

S. 201/Z. 14: Curt 's Vocalmesse = Missa brevis, op. 83

Z. 15: T1i sunt coeli = op. 69 Nr. 2

Z. 1Sf: Itha von Toggenburg = "Toggenburg" Em Ro-


- 231 -

manzenzyklus von F.v.Hoffnaass, für Soli,

Chor und Pianofortebegleitung, op; 76.

S. 20hZ. 23: "Thai des Espingo" = op. 50

Z. 25:; .. . von der Witwe Gervinus = Georg Gottfried

Gervinus (1805-1871), LiteraturhistOriker,

Mitbegründer der "Deutschen Händel-Gesell-

Z. 36:

schaft".

"Künstlergruss an die Treue" = recte: "Künstlergruss

an die Frauen" op. 85 Nr. 2