lesen - Vatican magazin ::: Schönheit und Drama der Weltkirche

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.Ein Drama in vier AktenDie soeben erfolgte Veröffentlichung der vollständigenErstfassung seiner Habilitationsschrift als zweiter Band derWerkausgabe von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. ist nichtnur für den kleinen Kreis der Bonaventura-Spezialisteninteressant. Persönlich war die Ablehnung der Arbeitfür Ratzinger eine schwere Prüfung, hätte sie doch dasschnelle Ende seiner akademischen Laufbahn bedeutenkönnen. Theologiegeschichtlich gesehen hat das schließlichnur teilveröffentlichte Werk allerdings eine Wirkungder Rebell,und sein Meister BonaventuraRatzinger,entfaltet, die sich bis in die Offenbarungskonstitutiondes Zweiten Vatikanums, in die Auseinandersetzung desGlaubenspräfekten mit der marxistischen Befreiungstheologieund in die Verkündigung des jetzigen Papstes hinein nachweisenlässt. Der junge Wissenschaftler Ratzinger konnte damals seineakademische Laufbahn nur dadurch retten, dass er den weitgehendunbeanstandet gebliebenen dritten Teil der Arbeit erneut einreichte.Allerdings fehlte in diesem dann schließlich angenommenenTeil die systematische Darstellung der neuen These des Verfassers,mit der ohne Zweifel der Stern des Theologen Joseph Ratzinger sofortstrahlend aufgegangen wäre. Das „Drama der Habilitation“ - so hat esRatzinger in seiner Autobiographie selbst genannt - wurde bisher viel zuisoliert betrachtet. Es handelt sich um die einmalige Wirkungsgeschichteeines bis vor kurzem nur teilweise veröffentlichten theologischen Werkes.Ungewöhnlich ist nicht die Ablehnung einer Habilitationsschrift zur Zeit derSpätblüte der alten Ordinarien(selbst)herrlichkeit, sondern deren erstaunlicheWirksamkeit trotz aller Verhinderungsversuche.(Foto: Slomi)10|2009


40 disputaDie Kommunion des heiligen Bonaventura. 1628. Von Franciscodem Älteren (1576-1656). Paris, Musée du Louvre.Über die unauflöslicheEinheit von Schrift,Tradition und KircheDie Habilitation von Joseph Ratzinger über den heiligen Bonaventura als Schlüsselzum Verständnis des Konzilstheologen, Kardinals und späteren Papstes10|2009


disputa 41Von Michael KargerSein Habilitationsthema erhielt Joseph Ratzinger von seinemDoktorvater, dem Münchner Fundamentaltheologen GottliebSöhngen (1892-1971), gestellt: Er sollte „herausbringen, ob esin irgendeiner Form bei Bonaventura eine Entsprechung zumBegriff der Heilsgeschichte gebe und ob dieses Motiv – wennerkennbar – in Zusammenhang mit dem Gedanken der Offenbarungstehe“ („Aus meinem Leben“ = AmL, 1998). SöhngensInteresse war ein systematisches und kein historisches. Dadurchwurde der Konflikt mit dem Mittelalterforscher Schmausbereits vorprogrammiert. Hintergrund der Fragestellung warfür Söhngen das von der Vätertheologie herkommende heilsgeschichtlicheDenken der Nouvelle Théologie in Frankreich:„Offenbarung erschien nun nicht mehr einfach als Mitteilungvon Wahrheiten an den Verstand, sondern als geschichtlichesHandeln Gottes, in dem sich stufenweise Wahrheit enthüllt“(AmL).Pius XII. hatte allerdings 1950 in seiner Enzyklika „Humanigeneris“ die Nouvelle Théologie verurteilt, was Söhngen mitWut und Verzweiflung aufnahm. Damit wird der zweite Vorbehaltvon Schmaus berührt: Er stand dem Heiligen Offizium naheund wurde von Henri de Lubac SJ, dem sein Orden nach derVerurteilung von 1950 übel mitgespielt hat, in seinem Konzilstagebuchausdrücklich zu den „römischen Integristen“ gerechnet.Seit 1952 war Ratzinger Dozent am Priesterseminar in Freising.Als er 1954 seine Materialsammlung abgeschlossen hatte,wurde er zum Wintersemester 1954/55 zum außerordentlichenProfessor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Philosophisch-TheologischenHochschule Freising ernannt. Trotzder Doppelbelastung, in zwei Fächern wöchentlich fortlaufendVorlesungen auszuarbeiten und „nebenbei“ die Habilitationsschriftzu erstellen, konnte er zum Ende des Sommersemesters1955 das Manuskript abschließen und die beiden Pflichtexemplareim Herbst abgegeben.Neuscholastik „siegt“ über Bonaventura:Ablehnung und TeilveröffentlichungSöhngen nahm die Arbeit mit Begeisterung auf und beriefsich sofort in seiner Vorlesung auf die neuen Erkenntnisseseines Meisterschülers. Der Zweitgutachter Michael Schmaus(1897-1993), Dogmatikprofessor und Direktor des Grabmann-Institutes für mittelalterliche Theologie, ließ sich mit dem Gutachtenviel Zeit. Erst Ostern 1956 eröffnete er Ratzinger auf derDogmatikertagung in Königstein „sachlich und ohne Emotion“,dass er die Habilitationsschrift „ablehne, da sie nicht den dabeigeltenden wissenschaftlichen Maßstäben genüge“ (AmL). Denvöllig vernichteten Ratzinger verwies Schmaus zudem auf einenbaldigen Fakultätsbeschluss zu seinem Fall. Für Joseph Ratzingerschien seine akademische Laufbahn bereits am Ende zusein. In Freising stand das Sommersemester 1956 vor der Türund musste vorbereitet werden. Seine alten Eltern wohnten beiihm in seiner Professorenwohnung auf dem Domberg.Auch wenn Ratzinger das Gutachten von Schmaus nieausdrücklich erwähnt, so kann man doch drei Ablehnungsgründeaus seinen Äußerungen erschließen: Erstens Voreingenommenheit,verstärkt durch die als Anmaßung empfundenen,„überheblichen“ Urteile des Anfängers. Dies geht aus folgendenAussagen Ratzingers hervor: „...dass ich über ein mittelalterlichesThema gearbeitet hatte, ohne mich seiner Führunganzuvertrauen“, weiterhin „...dass die wesentlich von MichaelSchmaus vertretene Münchener Mediävistik fast ganz aufdem Stand der Vorkriegszeit stehen geblieben war und die großenneuen Erkenntnisse überhaupt nicht mehr wahrgenommenhatte“. „Mit einer für einen Anfänger wohl unangebrachtenSchärfe kritisierte ich die überwundenen Positionen, unddas war Schmaus ganz offensichtlich zu viel.“Zweiter Grund: „Da er nun schon einmal aufgebracht war,reizten ihn auch das unzulängliche graphische Erscheinungsbildund verschiedene Zitationsfehler, die aller Mühsal zumTrotz stehen geblieben waren.“Dritter und entscheidender Ablehnungsgrund: „Aber auchdas Ergebnis meiner Analyse missfiel ihm. Ich hatte festgestellt,dass es bei Bonaventura (und wohl auch bei den Theologendes 13. Jahrhunderts überhaupt) keine Entsprechung zu unseremBegriff ‚Offenbarung’ gebe, mit dem wir üblicherweise dasGanze der geoffenbarten Inhalte zu bezeichnen pflegen, so dasssich sogar der Sprachgebrauch eingebürgert hat, die HeiligeSchrift einfach ‚die Offenbarung’ zu nennen.“ Somit „liegt Offenbarungder Schrift voraus und schlägt sich in ihr nieder, istaber nicht einfach mit ihr identisch. Das aber heißt dann, dassOffenbarung immer größer ist als das bloß Geschriebene. Unddas wieder bedeutet, dass es ein reines ‚Sola Scriptura’ (durchdie Schrift allein) nicht geben kann, dass zur Schrift das verstehendeSubjekt gehört, womit auch schon der wesentliche Sinnvon Überlieferung gegeben ist“ (AmL).In dieser von Ratzinger selbst zusammengefassten Habilitationstheseerkannte Schmaus „keineswegs eine getreue Wiedergabevon Bonaventuras Denken (wovon ich hingegen auchheute noch überzeugt bin), sondern einen gefährlichen Modernismus,der auf die Subjektivierung des Offenbarungsbegriffshinauslaufen müsse“ (AmL). Schmaus lehnte die Habilitationnicht wegen der Respektlosigkeiten des jungen Wissenschaftlersoder der formalen Mängel ab, sondern wegen der modernistischen„Subjektivierung des Offenbarungsbegriffs.“Fünf Jahre nach „Humani generis“ bekämpfte Schmausden jungen, des Modernismus verdächtigen Theologen JosephRatzinger. Ergebnis der Fakultätssitzung war, dass die Arbeitnicht ausdrücklich abgelehnt wurde, sondern zur Verbesserungzurückgegeben wurde. Dazu erhielt Ratzinger das Exemplarvon Schmaus und stellt fest, dass der dritte Teil „gänzlich ohne10|2009


42 disputaDie Madonna erscheint dem heiligen Bonaventura.Nach 1596. Aus der Kirche San Bonaventura in Venedig.10|2009


disputa 43Beanstandung geblieben war“ (AmL). Dies wunderte den Verfasser:„Dabei wäre gerade auch hier durchaus Sprengstoff enthaltengewesen“ (AmL). Damit meint Ratzinger die eigentlicheThese, die auch diesen Teil bestimmt: „Bonaventura benenntnirgendwo, soviel ich sehen kann, die Schrift selbst als ‚Offenbarung’“.Nach Bonaventura sei Offenbarung „gleichbedeutendmit der geistlichen Erfassung der Schrift.“ Warum die Schriftnicht Offenbarung genannt wird, schreibt der Habilitand: „Dasversteht sich vom Offenbarungsvorgang her von selbst, in demsich nämlich ‚Offenbarung’ gerade als Erfassen geistigen Sinnesdarstellt.“ Im dritten Teil steht sogar eine Entkräftung des Einwandes,dass dieses Offenbarungsverständnis einem „subjektivistischenAktualismus“ Vorschub leiste, der an die Stelle derobjektiven Offenbarungswahrheiten trete. Das GegenargumentRatzingers besteht darin, „dass das die Schrift je erst zur ‚Offenbarung’erhebende Verständnis sich nicht als Sache des Einzellesersauffassen lässt, sondern sich allein im lebendigen Schriftverständnisder Kirche zuträgt. Die Objektivität des Glaubensanspruchsist damit zweifellos sichergestellt.“Inhalt des dritten Teils sind vor allem die geschichtstheologischenKonsequenzen, die Bonaventura aus seinem Offenbarungsverständnisableitet. Ratzinger war der erste, der nachweisenkonnte, dass sich Bonaventura mit den Thesen des Joachimvon Fiore (gest.1202) auseinandergesetzt hat. Dieser süditalienischeAbt hatte aus der Heiligen Schrift drei heilsgeschichtlicheEpochen abgeleitet: Auf das Reich des Vaters (Altes Testament)sei das Reich des Sohnes (Geschichte der Kirche) gefolgt,das noch im dreizehnten Jahrhundert vom Reich des HeiligenGeistes abgelöst werde. Sehr bald verstanden sich nicht wenigeFranziskaner als Avantgarde des Heiligen Geistes zur Überwindungder Institution Kirche im neuen Reich der Freiheit undder Liebe im Namen des heiligen Franziskus. Als Ordensobererhatte Bonaventura die Aufgabe, die Lehre Joachims richtigzu stellen und eine Spaltung des Ordens zu verhindern. Unterdem Titel „Die Geschichtstheologie des Heiligen Bonaventura“reichte Ratzinger diesen Teil nun nochmals im Oktober 1956ein: „Da bei der herben Kritik an meiner Arbeit dieser Teil ohneBeanstandung geblieben war, konnte man ihn wohl nicht nachträglichals wissenschaftlich unannehmbar erklären“ (AmL).Am 11. Februar 1957 wurde ihm die Annahme mitgeteilt.Bereits am 21. Februar sollte die öffentliche Habilitationsvorlesungstattfinden. Ihr Thema, das Ratzinger in seiner Autobiographienicht mitteilt, war die Erörterung der Frage, ob die Ekklesiologiein die Fundamentaltheologie oder in die Dogmatikgehöre. Ein Augenzeuge, Alfred Läpple, „Mentor“ und lebenslangerFreund Ratzingers berichtet, dass Professor Schmaus sichnach der Vorlesung erhob und sagte: „’Die Sache, mit ihrer subjektivistischenArt die Offenbarung zu deuten, ist nicht richtigkatholisch.’ Ratzinger wollte beginnen zu erwidern. Dochda hat sich Söhngen eingeschaltet. Ein heftiger Streit entbranntezwischen den beiden Professoren. Ratzinger blieb nur an derSeite stehen“(Peter Pfister, Hg.: Joseph Ratzinger und das ErzbistumMünchen und Freising. Regensburg 2006, S.123). Esschloss sich die Sitzung des Prüfungsausschusses an und danachwurde Ratzinger formlos auf dem Gang seine Habilitationmitgeteilt. So ging der „Alptraum“ der Habilitation zu Ende,der fast die gesamte Zeit der Freisinger Dozententätigkeit von1953 bis Anfang 1957 überschattete.Ein Jahr später erfolgte Ratzingers Ernennung zum ordentlichenProfessor für Fundamentaltheologie und Dogmatikin Freising, allerdings „nicht ohne vorangegangenes Störfeuervon interessierter Seite“ (AmL), womit auch wieder aufSchmaus angespielt sein könnte. Alfred Läpple berichtet, dassRatzinger im Sommer 1958 zu Kardinal Wendel einbestelltwurde, der ihm im Beisein von Professor Schmaus seine Ernennungzum Professor an der Pädagogischen Hochschule inMünchen-Pasing mitteilte. Da zog Ratzinger zur Verblüffungder beiden Herren seine Berufung auf den Lehrstuhl für Fundamentaltheologiean der Universität Bonn aus der Tasche.„Es war für mich sozusagen das Traumziel, dorthin zu gehen“(AmL).Mit Bonaventura gegen die Neuscholastik:Die OffenbarungskonstitutionAls Ratzinger zum Sommersemester 1959 seine BonnerLehrtätigkeit aufnahm, hatte Papst Johannes XXIII. keine dreiMonate vorher ein Konzil angekündigt. Vom Kölner KardinalFrings, Mitglied der Zentralen Vorbereitungskommission desKonzils, ins Vertrauen gezogen konnte Ratzinger in alle Textentwürfefür das Konzil Einblick nehmen. Ratzinger wurde somitder theologische Berater eines der einflussreichsten Kardinäledes Konzils. Wie groß das Vertrauen von Kardinal Fringsin Ratzinger war, zeigt die Einladung an alle deutschsprachigenBischöfe am 10. November 1962, dem Vorabend der Konzilseröffnung,zu einem Referat von Professor Ratzinger zumkurialen Textentwurf „Über die Quellen der Offenbarung.“ Eswar äußerst mutig von Frings, dass er ohne zu wissen, welchenSpielraum die „Konzilsregie“ für die Väter überhaupt vorgesehenhatte, seinem Chefberater dieses Forum für einen totalenVerriss des Offenbarungsschemas bereitete. Damit beginnt derzweite Akt des Dramas der Habilitation.Seit dem Dogma von 1950 war das Thema Glaubenswahrheitund Schriftbeweis unbewältigt. Das Traditionsargumentkonnte nicht standhalten, wenn es keine historischen Beweisefür eine bis auf die Zeit der Apostel zurückreichende mündlicheÜberlieferung außerhalb der Schrift gibt. Drohte das Endevon Lehramt und Tradition? Die zentrale Frage der Habilitation:„Wie sich Geschichte und Geist im Gefüge des Glaubenszueinander verhalten“ (AmL), musste darum auch die zentra-10|2009


44 disputaDer heilige Bonaventura als Kind vor dem heiligenFranziskus. 1628. Von Francisco dem Älteren. Paris,Musée du Louvre.10|2009


disputa 45le Frage einer konziliaren Klärung des Offenbarungsverständnissessein.Zahlreiche Konzilsväter ließen sich von der These des TübingerDogmatikers Geiselmann blenden: Die Glaubensüberlieferungsei sowohl in der Schrift wie in der Tradition vollständigenthalten. Schlagwortartig sprach man damals von der„materialen Vollständigkeit“ der Heiligen Schrift und folgertedaraus, dass die Kirche nichts lehren könne, was nicht inder Schrift sicher bezeugt ist, womit man weithin die gängigenLehrmeinungen der Exegeten meinte. Viele Bischöfe ließen sichdamals von dieser scheinbar bibelfromm klingenden These beeindruckenund übersahen völlig, dass sie damit die Glaubenstraditionabgeschafft und das Lehramt durch Professorenhypothesenersetzt und Luthers Sola Scriptura in verschärfter Formeingeführt hätten.In seinem Vortrag am 10. Oktober 1962 im Kolleg SantaMaria dell’Anima vor den deutschsprachigen Bischöfen erläuterteder 35-jährige Bonner Ordinarius Joseph Ratzinger seinan Bonaventura gewonnenes Offenbarungsverständnis: „Offenbarung,das heißt das Zugehen Gottes auf den Menschen,ist immer größer als das, was in Menschenworte gefasst werdenkann, größer auch als die Worte der Schrift.“ Quellen der Offenbarungsind nicht, wie der Entwurf sagt, Schrift und Überlieferung,„sondern die Offenbarung Gottes ist die eine Quellevon Schrift und Überlieferung.“ Sollten durch das KonzilSchrift und Überlieferung als die beiden Quellen der Offenbarungfestgeschrieben werden, so bestehe die Gefahr, dass Schriftund Offenbarung gleichgesetzt werden: „Man braucht ja nur zubehaupten, dass die Überlieferung keine zusätzlichen Inhaltezur Schrift hinzubringe, dann ist die Schrift die ganze Offenbarung.“Demgegenüber sei aber festzuhalten, dass die Offenbarung„immer ein Mehr... gegenüber ihrer fixierten Bezeugungin der Schrift“ darstellt.Ratzinger bezog sich ausdrücklich auf das Dogma von1950 und dessen Begründungsproblem: Da keine Bezeugungder Lehre von der leiblichen Aufnahme Marien in den Himmelvor dem fünften Jahrhundert nachgewiesen werden kann, wiekann man sie dann eine apostolische Überlieferung nennen?Wenn Tradition die außerbiblische mündliche oder schriftlicheWeitergabe von Sätzen bedeutet, dann ist dieses Dogmaeben nicht aus der Tradition zu begründen. Hier nun setztder theologische Ertrag der Habilitation an: Nach der Definitionder Väter von Bonaventura ist Tradition „Scriptura in Ecclesia.“In der Auslegung Ratzingers: „Schrift lebt in der lebendigenAneignung durch die geisterfüllte Kirche und nur so istsie sie selbst. Darum stehen Schrift, Tradition und Lehramt derKirche nicht isoliert nebeneinander, sondern man muss sie als„den einen lebendigen Organismus des Wortes Gottes betrachten,...das von Christus her in der Kirche lebt.“Selbstbewusst auf seiner Habilitationsthese bestehend forderteRatzinger die Väter auf, diesen Entwurf zurückzuweisen,da man schließlich „nicht im Namen der Tradition den größtenTeil der Tradition als falsch verdammen“ könne. Zumindestsollten die Väter eine einseitige Festlegung durch das Konzilverhindern: „...anzustreben ist, dass weiterhin Offenheit bleibe,wie bisher, und dass das Konzil deutlich an der Offenheit fürden Weg eines Thomas und Bonaventura festhält.“Wohl auf eine Anregung von Kardinal Döpfner hin wurdeRatzinger mit Karl Rahner zur Ausarbeitung eines alternativenEntwurfs zusammengespannt. Das Ergebnis war eine ernüchterndeEinsicht bei Ratzinger: „Bei der gemeinsamen Arbeitwurde mir klar, dass Rahner und ich ... theologisch auf zwei verschiedenenPlaneten lebten“ (AmL). Etwas resignativ heißt esrückblickend in den Erinnerungen: „In der allgemeinen Stimmungvon 1962, die sich der Thesen Geiselmanns... bemächtigthatte, war es mir unmöglich, diese meine aus den Quellen gewonneneSicht deutlich zu machen, mit der ich im übrigen jaschon 1956 nicht verstanden worden war“ (AmL).Aus den nachzulesenden Wortmeldungen von KardinalFrings und anderen Vätern auf der Vollversammlung lässt sichder Einfluss Ratzingers allerdings klar erkennen. Damit ging dasDrama der Habilitation in der Entstehungsgeschichte der DogmatischenKonstitution „Dei Verbum“ weiter. Von JohannesXXIII. wurde der Entwurf schließlich zurückgezogen und einerneuen, gemischten Kommission aus Theologischer Kommissionund dem Sekretariat für die Einheit der Christen zur Neubearbeitungübertragen. Als offizieller Konzilstheologe (Peritus)war Ratzinger am gesamten Entstehungsprozess von „Dei Verbum“in der Kommission beteiligt. Auch der alte WidersacherSchmaus war auf dem Konzil, zog sich aber, wie Hans Küng inseiner Autobiographie überliefert, recht bald schmollend zurück:„Der Münchner ‚Dogmatikerpapst’ Michael Schmaus hattesich schon frühzeitig verabschiedet, weil seine neuscholastischeTheologie offensichtlich nicht gefragt ist; hier hätten nurdie ‚Teenager-Theologen’ etwas zu sagen: damit meinte er Ratzingerund mich.“Erst einen Monat vor Konzilsende am 11. November wurdedie Offenbarungskonstitution in der Schlussabstimmung mitgroßer Mehrheit angenommen. In seinen Erinnerungen nenntRatzinger die Offenbarungskonstitution einen der „herausragendenTexte des Konzils, der freilich noch nicht wirklich rezipiertist“. Erstmals wurde der Entwicklungsbegriff in ein Lehrdokumentaufgenommen: „Diese apostolische Überlieferungkennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einenFortschritt“(Dei Verbum II,8). Womit der bereits von KardinalNewman gewiesene Weg zur Überwindung der Modernismuskrisebeschritten war. Schrift und Tradition wurden nichtals die beiden Quellen der Offenbarung festgeschrieben, sondernwurden als „dem selben göttlichen Quell entspringend“(II,9) bezeichnet. Es leuchtet sogar einmal das dynamische Offenbarungsverständnisauf: „Es zeigt sich also, dass die HeiligeÜberlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche ...10|2009


46 disputaDie Aufbahrung des Leichnams des heiligenBonaventura. Um 1629. Von Francisco de Zurbarán(1598-1664). Paris, Musée du Louvre.Fotos: dpa10|2009


disputa 47so miteinander verknüpft und einander zugesellt sind, dass keinesohne die anderen besteht und dass alle zusammen ... durchdas Tun des Heiligen Geistes wirksam dem Heil der Seelen dienen“(II,10). Damit öffnet sich der Vorhang für den dritten Aktdes Dramas der Habilitation: Die nachkonziliare Wirkungsgeschichtedes Konzils.Mit Bonaventura gegen die reformistischeund traditionalistische KonzilsrezeptionDie popularisierte These Geiselmanns von der „materialenVollständigkeit der Schrift“ hatte sich verselbständigt. Inihr sieht Ratzinger eine Ursache für den nachkonziliaren Traditionsbruchund den Glaubensverfall: „Das Drama der nachkonziliarenEpoche ist weitgehend von diesem Schlagwort undseinen logischen Konsequenzen bestimmt worden“ (AmL).Hauptprotagonist des Gegenkonzils war Hans Küng, der imzweiten Band seiner nach der Wahl Joseph Ratzingers zumPapst erschienenen Autobiographie (2007) erstaunlicherweisemit Schmaus in der Kritik übereinstimmt: „Die von Schmausin Ratzingers Habilitationsschrift... diagnostizierte gefährlicheSubjektivierung des Offenbarungsbegriffs ist (und bleibtbis heute) das Fragwürdigste an Ratzingers Offenbarungsauffassung.“In einer langen Anmerkung gibt Küng auch dazu eineBegründung: „Wenn die Offenbarung von Joseph Ratzingerals ‚immer größer als das bloß Geschriebene’ angesehen wirdund sich ihre Wahrheit ‚stufenweise enthüllt’, dann können allemöglichen bisher verborgenen (apokryphen) gnostischen Offenbarungengefunden und erfunden werden. So wird der Primatder kanonisierten Heiligen Schrift praktisch aufgegebenund die Tradition über die Schrift gestellt. Ja, man gibt der ‚verstehendenKirche’ (praktisch römischen Amtsstellen) die Möglichkeitund Macht, mit Berufung auf den Heiligen Geist, allemöglichen neuen Offenbarungen zu ‚entwickeln’ oder zu ‚sanktionieren’,auch wenn sie viele Jahrhunderte lang in der Kirchevöllig unbekannt waren: So Mariens unbefleckte Empfängnis(1854) oder ihre Aufnahme in den Himmel (1950).“Küng fehlt jedes Verständnis für die unauflösliche Einheitvon Schrift, Tradition und Kirche, wie sie Ratzingers dynamischesOffenbarungsverständnis zeigt. Neuscholastisches Sicherheitsdenken,das die Führung der Kirche durch den GeistGottes durch Festhalten an den eigenen Sicherheiten ersetzthat, stärkt unfreiwillig auf der anderen Seite die rein subjektivistischeJesusdeutung eines Hans Küng. Während die progressiveKonzilsdeutung keinerlei Einschränkungen der Theologiedurch das kirchliche Lehramt erlaubt, verwahren sich dieTraditionalisten gegen jede lehramtliche Entwicklung über dieVorkonzilszeit hinaus. Gerade die zum Wesen der Kirche gehörige„beständige Identität in der Dynamik der Entwicklung“(Joseph Ratzinger: Gottes Projekt. Regensburg 2009) hat auchdie Traditionalistenbewegung nicht verstanden.In einer Vorlesungsreihe 1985 erklärte Ratzinger den Zusammenhangvon Entwicklung und Identität: „Wer sich nur amWortlaut der Schrift orientiert... oder den Radius etwas weiterzieht und sich nur an den Normen der Väterkirche festklammernwill, verbannt ja Christus ins Gestern. Die Folge ist dannentweder ein romantischer Archaismus, ein ganz steriler Glaube,der dem Heute nichts zu sagen hat, oder aber eine Eigenmächtigkeit,die 2000 Jahre Geschichte überspringt und sie inden Mülleimer des Missverstandenen wirft... Was in diesem Fallherauskommt, kann nur ein Kunstprodukt unseres eigenen Machenssein, dem keine Beständigkeit innewohnt. Die wirklicheIdentität mit dem Ursprung ist nur da, wo zugleich die lebendigeKontinuität ist, die ihn entfaltet und im fortgehenden Entfaltenbewahrt“ („Gottes Projekt“).Von der Habilitation führt der Weg über „Dei Verbum“bis zu den Bemühungen von Benedikt XVI. um die Integrationder Traditionalisten. Als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehrefiel Kardinal Ratzinger die Aufgabe zu, sich mit derBefeiungstheologie auseinanderzusetzen. Hier beginnt nun dernächste Akt des Dramas.Mit Bonaventura gegen diemarxistische BefreiungstheologieIm Interview-Buch „Salz der Erde“ (1996) wurde von Ratzingerselbst der Zusammenhang zwischen den Antworten Bonaventurasauf die Drei-Reiche-Theorie des Joachim von Fioreund der Befreiungstheologie hergestellt. „Das historische Offenbarungswortist endgültig, aber es ist unerschöpflich undgibt immer neue Tiefen frei. Insofern spricht der Heilige Geistals Interpret Christi mit seinem Wort zu jeder Zeit und sagt ihr,dass dieses Wort immerfort Neues zu sagen hat. Der HeiligeGeist wird nicht, wie bei Joachim von Fiore, in eine zukünftigePeriode extrapoliert, sondern immerfort ist Geist-Zeitalter. DasChristus-Zeitalter ist das Zeitalter des Heiligen Geistes.“Zur Frage des Verhältnisses von Eschatologie und Utopiestellt er klar: „Es fällt den Menschen schwer, nur auf das Jenseitsoder nur auf eine neue Welt nach dem Untergang der gegenwärtigenzu hoffen. Er möchte eine Verheißung in derGeschichte. Joachim, der eine solche Verheißung konkret formulierthat, hat damit die Weichen für Hegel gestellt, wie Paterde Lubac gezeigt hat, wobei Hegel wiederum das Denkschemafür Marx bereitgestellt hat. Bonaventura hat sich gegen dieUtopie gewandt, die den Menschen betrügt. Er hat auch einemschwärmerischen, geistlich-anarchischen Konzept der franziskanischenBewegung gegenüber ein nüchternes und realistischesdurchgesetzt, was ihm viele übelgenommen haben und10|2009


48 disputanoch übel nehmen.“ Bonaventura widersetzt sich der innerweltlichenErlösungslehre des Joachim von Fiore, die unter radikalenFranziskanern begeisterte Aufnahme fand. Man kann sogarsagen, dass die Aufgabe, die damals Bonaventura als dem Generalministerdes Franziskanerordens angesichts der Krise durchdie Spiritualen zufiel, vergleichbar ist der Herausforderung fürdie Gesamtkirche, vor die sich Kardinal Ratzinger durch die Befreiungstheologiegestellt sah. Dies bestätigt Ratzinger selbst imVorwort zur Neuausgabe der Habilitationsschrift (ital. 1991, dt.1992): „Die Frage, ob man als Christ an eine Art von innerweltlicherVollendung denken könne, also so etwas wie eine christlicheUtopie, eine Synthese von Utopie und Eschatologie möglichsei, kann man vielleicht geradezu als den theologischen Kernder Debatte um die Befreiungstheologie bezeichnen.“Was Ratzinger über Bonaventura sagt, trifft genau auchseine standhafte Haltung gegenüber der neomarxistischen Richtungder Befreiungstheolgie, für die er besonders im deutschenSprachraum – dem Ausgangspunkt des marxistisch inspiriertenPrimats der Praxis – überwiegend Ablehnung erfuhr: „Erwar freilich unerbittlich in der Ablehnung von Bestrebungen,die Christus und Geist, die christologisch-sakramental geordneteKirche und die pneumatologisch-prophetische Kirche der Armenzu teilen versuchten und dabei in Anspruch nahmen, Utopiedurch ihre Lebensform selbst vergegenwärtigen zu können.“Dies ist das Drama einer weitgehend unveröffentlichtenHabilitationsschrift und ihrer Wirkungsgeschichte in der zweitenHälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Nach der versuchtenUnterdrückung durch Schmaus folgte die Wirkung der TheseRatzingers auf das Konzil: Ablehnung des Entwurfs einer Offenbarungskonstitutionmit den Argumenten Ratzingers und derenEinwirken auf „Dei Verbum.“ In der nachkonzilaren Krise mussRatzinger erleben, dass es der progressistischen Minderheit gelungenwar, die Rezeption des Konzils in ihrem Sinne zu verfälschen,und dass mit der unrechtmäßigen Weihe von Bischöfendie Traditionalisten sich als Gegenkirche etablierten. Durch denWiderstand der Integristen kam ein Kompromisstext heraus,dem man eine noch größere Entschiedenheit im Sinne Ratzingersgewünscht hätte. Mit seinen Klarstellungen wäre man möglicherweisenicht so schnell in die Defensive geraten.Mit der „Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura“sah der Kurienkardinal Ratzinger schließlich in der Befreiungstheologiedas Missverständnis wieder aufleben, dass durch politischesHandeln eine innerweltliche Vollendung herbeigeführtwerden könne. Wie Bonaventura tritt er in seiner Zeit gegen einchiliastisches Erlösungsverständnis auf, hinter dem der Marxismussteht, der bereits als falscher Messianismus und Weg inden mörderischen Totalitarismus überführt war und im Übrigenkurz vor dem Zusammenbruch stand. Nach 54 Jahren wurdejetzt die Habilitationsschrift des Papstes als zweiter Band derWerkausgabe erstmals vollständig veröffentlicht. Bücher habenihre Schicksale, auch unveröffentlichte.Vorsicht Dávila!Um irgendwen in Empörung zu versetzen, genügtes heutzutage, ihm vorzuschlagen, er solleauf etwas verzichten.Die Geschichte zeigt, dass die Glückstreffer desMenschen zufällig sind und seine Fehlgriffemethodisch.Nur einige wenige werden am Ende nicht amHalfter in den Stall geführt.Die Freiheit ist das Metall, aus dem die Fußeisengeschmiedet sind.Der Pöbel behandelt den berühmten Schriftstellermit einer sinnreichen Diskretion: Er feiertseinen Namen und ignoriert seine Bücher.Wir sollten nicht auf den hören, der kein grobesPilgergewand trägt.Kein Kunstwerk kann uns Tore zu einer Überweltöffnen.Doch der Unterschied zwischen einem misslungenenund einem gelungenen Werk ist ein Spaltüberweltlichen Lichts.Die Schönheit ist Schönheit eines irdischenDings. Doch dass es die Schönheit gibt, ist keineirdische Angelegenheit.Solange man ihn nicht ernst nimmt, kann, werdie Wahrheit sagt, eine Weile in einer Demokratieleben.Danach: der Schierlingsbecher.Während er zu brüllen glaubt, iaht der jungeMensch.Die Wasser des Abendlands sind faulig, dochdie Quelle ist rein.Aphorismen aus den Werken des kolumbianischenPhilosophen Nicolás Gómez DávilaAus: Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten, EichbornVerlag, Frankfurt am Main 200610|2009

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