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disputa 41Von Michael KargerSein Habilitationsthema erhielt Joseph Ratzinger von seinemDoktorvater, dem Münchner Fundamentaltheologen GottliebSöhngen (1892-1971), gestellt: Er sollte „herausbringen, ob esin irgendeiner Form bei Bonaventura eine Entsprechung zumBegriff der Heilsgeschichte gebe und ob dieses Motiv – wennerkennbar – in Zusammenhang mit dem Gedanken der Offenbarungstehe“ („Aus meinem Leben“ = AmL, 1998). SöhngensInteresse war ein systematisches und kein historisches. Dadurchwurde der Konflikt mit dem Mittelalterforscher Schmausbereits vorprogrammiert. Hintergrund der Fragestellung warfür Söhngen das von der Vätertheologie herkommende heilsgeschichtlicheDenken der Nouvelle Théologie in Frankreich:„Offenbarung erschien nun nicht mehr einfach als Mitteilungvon Wahrheiten an den Verstand, sondern als geschichtlichesHandeln Gottes, in dem sich stufenweise Wahrheit enthüllt“(AmL).Pius XII. hatte allerdings 1950 in seiner Enzyklika „Humanigeneris“ die Nouvelle Théologie verurteilt, was Söhngen mitWut und Verzweiflung aufnahm. Damit wird der zweite Vorbehaltvon Schmaus berührt: Er stand dem Heiligen Offizium naheund wurde von Henri de Lubac SJ, dem sein Orden nach derVerurteilung von 1950 übel mitgespielt hat, in seinem Konzilstagebuchausdrücklich zu den „römischen Integristen“ gerechnet.Seit 1952 war Ratzinger Dozent am Priesterseminar in Freising.Als er 1954 seine Materialsammlung abgeschlossen hatte,wurde er zum Wintersemester 1954/55 zum außerordentlichenProfessor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Philosophisch-TheologischenHochschule Freising ernannt. Trotzder Doppelbelastung, in zwei Fächern wöchentlich fortlaufendVorlesungen auszuarbeiten und „nebenbei“ die Habilitationsschriftzu erstellen, konnte er zum Ende des Sommersemesters1955 das Manuskript abschließen und die beiden Pflichtexemplareim Herbst abgegeben.Neuscholastik „siegt“ über Bonaventura:Ablehnung und TeilveröffentlichungSöhngen nahm die Arbeit mit Begeisterung auf und beriefsich sofort in seiner Vorlesung auf die neuen Erkenntnisseseines Meisterschülers. Der Zweitgutachter Michael Schmaus(1897-1993), Dogmatikprofessor und Direktor des Grabmann-Institutes für mittelalterliche Theologie, ließ sich mit dem Gutachtenviel Zeit. Erst Ostern 1956 eröffnete er Ratzinger auf derDogmatikertagung in Königstein „sachlich und ohne Emotion“,dass er die Habilitationsschrift „ablehne, da sie nicht den dabeigeltenden wissenschaftlichen Maßstäben genüge“ (AmL). Denvöllig vernichteten Ratzinger verwies Schmaus zudem auf einenbaldigen Fakultätsbeschluss zu seinem Fall. Für Joseph Ratzingerschien seine akademische Laufbahn bereits am Ende zusein. In Freising stand das Sommersemester 1956 vor der Türund musste vorbereitet werden. Seine alten Eltern wohnten beiihm in seiner Professorenwohnung auf dem Domberg.Auch wenn Ratzinger das Gutachten von Schmaus nieausdrücklich erwähnt, so kann man doch drei Ablehnungsgründeaus seinen Äußerungen erschließen: Erstens Voreingenommenheit,verstärkt durch die als Anmaßung empfundenen,„überheblichen“ Urteile des Anfängers. Dies geht aus folgendenAussagen Ratzingers hervor: „...dass ich über ein mittelalterlichesThema gearbeitet hatte, ohne mich seiner Führunganzuvertrauen“, weiterhin „...dass die wesentlich von MichaelSchmaus vertretene Münchener Mediävistik fast ganz aufdem Stand der Vorkriegszeit stehen geblieben war und die großenneuen Erkenntnisse überhaupt nicht mehr wahrgenommenhatte“. „Mit einer für einen Anfänger wohl unangebrachtenSchärfe kritisierte ich die überwundenen Positionen, unddas war Schmaus ganz offensichtlich zu viel.“Zweiter Grund: „Da er nun schon einmal aufgebracht war,reizten ihn auch das unzulängliche graphische Erscheinungsbildund verschiedene Zitationsfehler, die aller Mühsal zumTrotz stehen geblieben waren.“Dritter und entscheidender Ablehnungsgrund: „Aber auchdas Ergebnis meiner Analyse missfiel ihm. Ich hatte festgestellt,dass es bei Bonaventura (und wohl auch bei den Theologendes 13. Jahrhunderts überhaupt) keine Entsprechung zu unseremBegriff ‚Offenbarung’ gebe, mit dem wir üblicherweise dasGanze der geoffenbarten Inhalte zu bezeichnen pflegen, so dasssich sogar der Sprachgebrauch eingebürgert hat, die HeiligeSchrift einfach ‚die Offenbarung’ zu nennen.“ Somit „liegt Offenbarungder Schrift voraus und schlägt sich in ihr nieder, istaber nicht einfach mit ihr identisch. Das aber heißt dann, dassOffenbarung immer größer ist als das bloß Geschriebene. Unddas wieder bedeutet, dass es ein reines ‚Sola Scriptura’ (durchdie Schrift allein) nicht geben kann, dass zur Schrift das verstehendeSubjekt gehört, womit auch schon der wesentliche Sinnvon Überlieferung gegeben ist“ (AmL).In dieser von Ratzinger selbst zusammengefassten Habilitationstheseerkannte Schmaus „keineswegs eine getreue Wiedergabevon Bonaventuras Denken (wovon ich hingegen auchheute noch überzeugt bin), sondern einen gefährlichen Modernismus,der auf die Subjektivierung des Offenbarungsbegriffshinauslaufen müsse“ (AmL). Schmaus lehnte die Habilitationnicht wegen der Respektlosigkeiten des jungen Wissenschaftlersoder der formalen Mängel ab, sondern wegen der modernistischen„Subjektivierung des Offenbarungsbegriffs.“Fünf Jahre nach „Humani generis“ bekämpfte Schmausden jungen, des Modernismus verdächtigen Theologen JosephRatzinger. Ergebnis der Fakultätssitzung war, dass die Arbeitnicht ausdrücklich abgelehnt wurde, sondern zur Verbesserungzurückgegeben wurde. Dazu erhielt Ratzinger das Exemplarvon Schmaus und stellt fest, dass der dritte Teil „gänzlich ohne10|2009

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