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onnerNovember 20121perspektivenMagazin der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP)IN DIESER AUSGABE:Dr. Mathias Döpfner:Netz der Freiheit? – Chancen und Risikender Neuen Medien im 21. JahrhundertProf. Dr. Hartmut Ihne:Vom Internet, seiner Verfassung,der Netzgesellschaft und ihremGesellschaftsvertragBodo Hombach:Von Gutenberg zum InternetDEBATTEMartin Stadelmaier:Bürgerpartizipation am Beispiel vonBeteiligungsverfahren im InternetProf. Dr. Caja Thimm:Digitale Citoyens – NeuePartizipationskulturen im NetzDr. Joachim Paul:Digitale Gesellschaft – PolitischesKommunizieren und Agieren im NetzJessica Einspänner:Post-Privacy: Privatheit in der digitalenÖffentlichkeit? Ein DebattenbeitragProf. Dr. Reiner Clement:Online-Kommunikation von Unternehmenim Kontext von Web 2.0 – TechnologienLoay Mudhoon:Die Rolle der Neuen Medien imArabischen Frühling61828343944505667Netz der Freiheit?Chancen und Risiken der NeuenMedien im 21. JahrhundertBA PPBonner Akademiefür Forschung und Lehrepraktischer Politik


2BONNER PERSPEKTIVENeditorialBodo HombachDer Titel hat Untiefen. Sind die Begriffe „Netz“ und „Freiheit“nicht Gegensätze? Ein Netz kann auffangen, aberauch einfangen. Vernetzung ermöglicht Kommunikation.Man kann sich aber auch verheddern und verfangen.Wie im Spinnennetz. Es ist eine geniale Konstruktion.Es legt eine Struktur in den leeren Raum, mit schwebenderLeichtigkeit und doch gut verankert an Fixpunktender Umgebung. Es ist elegant, elastisch und schön,aber auch klebrig. Wer ihm zu nahe kommt, hängt plötzlichfest. Schönheit wird Albtraum. Eleganz wird Falle.Elastizität gibt scheinbar nach, aber sie ist besondersunnachgiebig. Und unsichtbar lauert die Spinne. Sie hatkeinen Sinn für Poesie. Sie hat einfach nur Hunger.Mit dieser schrecklich-schönen Metapher lädt dieBonner Akademie zum Diskurs über Chancen und Risikender Neuen Medien im 21. Jahrhundert ein. Wer dierasante Entwicklung beobachtet, ist in einer verwirrendenMischung aus Faszination und Sorge. Das neue Gebildeignoriert alle bisher üblichen Standards. Mit demnaiven Charme einer Naturgewalt reißt es die Initiativean sich. Plötzlich ist es der einzige Akteur und zwingt alleanderen, zu reagieren. Und dies geschieht nach Gesetzen,die es sich selber gibt.Ein solches Phänomen darf nicht sich selbst überlassenbleiben. Wer seine Vorzüge erhalten und weiterentwickelnwill, muss sich mit seinen Schattenseitenauseinandersetzen. Er muss Kriterien finden und Orientierungsuchen.Dafür arbeiten wir.Bodo HombachPräsident der Bonner Akademie


3BONNER PERSPEKTIVEN25. Oktober 2012: Podiumsdiskussion mit Dr. Mathias Döpfner,Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AGBedroht oder fördert das Internet Demokratie und Freiheit? Mit dieser Fragebeschäftigte sich Dr. Mathias Döpfner, Vorstand des europaweit größtenMedienkonzerns Axel Springer AG, in einem Vortrag vor der BonnerAkademie (BAPP). Sein Fazit: Das Netz ist weder gut noch böse, es istgenauso freiheitsfördernd oder -begrenzend wie die Menschen, die es nutzen.Darüber sowie über Tagesschau-App, Chancen von Verlagshäusernund Qualitätsjournalismus diskutierten anschließend der Präsident derHochschule Bonn-Rhein-Sieg, Prof. Dr. Hartmut Ihne, und BAPP-PräsidentBodo Hombach unter Moderation von Bettina Köster (Deutschlandfunk).Der Gastgeber im Posttower, Jürgen Gerdes (Vorstandsmitglied der DeutschenPost DHL und Kuratoriumsmitglied der Bonner Akademie), konntebei der Veranstaltung über 200 Gäste in Empfang nehmen.veranstaltungenMehr zur Podiumsdiskussion finden Sie unter bapp-bonn.de/im-fokus


4BONNER PERSPEKTIVENveranstaltungen5. November 2012: „Bonner Lecture: Europas Demokratie imWandel – Wohin geht Europa?“In den Räumen der Bonner Akademie fand am 5. November der Auftaktder Veranstaltungsserie „Bonner Lecture“ statt – Thema: Europas Demokratieim Wandel – Wohin geht Europa? Als Redner räsonierte der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel, wie die EU-Staaten die Finanz- undSchuldenkrise bewältigen könnten. Im Anschluss konnten die Gäste imvollbesetzten Saal – unter ihnen Ministerpräsident a.D. Dr. Jürgen Rüttgers,der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Bonn Hans Daniels, der Präsidentder IHK Bonn/Rhein-Sieg Wolfgang Grießl und Kommissionsmitglieda.D., Frau Dr. Monika Wulf-Mathies – einer Diskussion über die ZukunftEuropas folgen. Unter der Moderation von Andreas Tyrock (Chefredakteurdes Bonner General-Anzeigers) debattierten Sigmar Gabriel, Bundesministera.D. Hans-Dietrich Genscher und der Rektor der Universität BonnProf. Dr. Jürgen Fohrmann vor allem die zentrale Frage, wie das Vertrauenin die EU-Institutionen wieder gestärkt werden könne.


5BONNER PERSPEKTIVENDie nächsten Veranstaltungen der Bonner Akademie:22. November: Expertenrunde zum Forschungsprojekt „Demokratiereform“unter der Leitung von Prof. Dr. Frank Decker und Dr. Ing. e.h. Wolfgang Clement11. Dezember: „Die USA nach den Präsidentschaftswahlen“ mit John Kornblum(ehem. US-Botschafter in Berlin) und Prof. Dr. Wolfram Hilz (UniversitätBonn)Mehr Veranstaltungen finden Sie unter bapp-bonn.de9. November 2012:Podiumsdiskussion „DigitaleGesellschaft – NeueBürgerpartizipation?“Im Rahmen des Bapp-Forschungsprojekts„Digitale Citoyens“ fand am9. November eine Podiumsdiskussionstatt. Projektleiterin Prof. Dr. CajaThimm debattierte mit Hen drik Wüst(Geschäftsführer des ZeitungsverlegerverbandsNRW; CDU), Pia Schellhammer(Vorsitzende der Enquete-Kommission „Bürgerbeteiligung inRheinland Pfalz“; Bündnis 90/DieGrünen), Martin Stadelmaier (Chefder Staatskanzlei Rheinlad-Pfalz;SPD) und Dr. Joachim Paul (Fraktionsvorsitzenderim Landtag NRW;Piraten) zum Thema „Digitale Gesellschaft– Neue Bürgerpartizipation?“25. Oktober 2012:Buchpräsentation „Die Grünen.Höhenflug oder Absturz?“ vonProf. Manfred GüllnerForsa-Gründer und -GeschäftsführerProf. Manfred Güllner stellte am25. Oktober im Senatssaal der UniversitätBonn sein neues Buch „DieGrünen. Höhenflug oder Absturz?“vor. Im Anschluss diskutierten darüberder Präsident der Bonner AkademieBodo Hombach, Professor Dr.Hubert Kleinert von der HfpV Gießensowie einer der ersten Bundestagsabgeordnetender Grünen und dieHildesheimer PolitikwissenschaftlerinDr. Saskia Richter; moderiert wurdedie Veranstaltung von Tabea Reissenberger;Mitarbeiterin der BonnerAkademie.veranstaltungen


6BONNER PERSPEKTIVENNetz der Freiheit? – Chancenund Risiken der Neuen Medienim 21. JahrhundertGuten Abend, meine Damen und Herren!Dr. Mathias Döpfner,​geb. 1963, ist seit 2002Vorstandsvorsitzender derAxel Springer AG.Ich möchte heute mit Ihnen über das Thema „Netzder Freiheit? – Netz der Unfreiheit?“ räsonieren. ÜberFragen wie: Ist die digitale Welt, ist das World Wide Webund alles, was daraus entsteht, eine große Errungenschaftfür Demokratie und Freiheit oder ist es eine Bedrohungderselben? Ist es Befreiungsmotor oder Kontrollorgan?Ist es segensreich für die Gesellschaft odergefährlich? Ist es gut für die Medien, für die Verlage,oder bedeutet es deren Ende? Das sind Fragen, welchedie Medienbranche momentan existenziell beschäftigen,die aber auch von vielen anderen gesellschaftlichenGruppierungen – von der Politik, von der Wissenschaft,von Intellektuellen – ausführlich diskutiert werden. Dabeimachen es sich viele einfach und malen die Dingeschwarz oder weiß, gut oder böse, frei oder unfrei. Ichbin da nicht so sicher.Vielleicht ist es ganz ratsam, sich zunächst einmalvor Augen zu führen, mit was für einer grundlegendenEntwicklung und Umwälzung unserer Gesellschaft wir esbei der Digitalisierung eigentlich zu tun haben.Man kann lange darüber diskutieren: Was sind eigentlichdie größten Erfindungen und Errungenschaftender Menschheitsgeschichte? Viele sagen: das Rad, dasAutomobil oder das Flugzeug. Andere sagen: das Telefon.Manche meinten auch schon: das Schießpulver. Ichglaube, es gibt vier herausragende Erfindungen, die dieWelt grundlegend verändert haben.


BONNER PERSPEKTIVEN7Die allererste, wichtigste Errungenschaft der Menschheitund der Zivilisation ist für mich die Sprache. OhneSprache gibt es keine Zivilisation. Nur durch Sprache könnensich Menschen miteinander intellektuell verständigen,können sie Wissen austauschen, können sie so etwas wieZivilisation und Kultur überhaupt entwickeln.Die zweite große weltverändernde Errungenschaftist die Schrift. Denn die Sprache der Menschen ist etwassehr Ephemeres; sie ist vergänglich. Wenn die Menschensterben, dann ist das, was sie gesagt haben, weg.Erst die Schrift hat es möglich gemacht, dass man Worteaufbewahrt, dass man Wissen weitergibt. Bei der Erzählung,der Weitererzählung geht viel verloren. Bei derSchrift gibt es so etwas wie die objektive Dokumentationdessen, was jemand gewusst und gesagt und gemeinthat.Die dritte Erfindung ist der Druck. Durch die GutenbergscheDrucktechnik war es zum ersten Mal möglich,breite Schichten der Gesellschaft an kulturellen und zivilisatorischenErkenntnisse teilhaben zu lassen. Das hattenicht zuletzt eine demokratisierende Wirkung. Ohne dieDruckkunst wäre wahrscheinlich die Infragestellung desFeudalismus so nicht möglich gewesen. Die Erfindungdes Drucks stellt daher eine zutiefst in die gesellschaftlicheVerfasstheit einschneidende Errungenschaft dar.Die vierte große Erfindung in dieser Reihe, die sichüber Jahrtausende spannt, ist die Digitalisierung. Das istnicht vergleichbar mit dem Auto oder mit dem Flugzeugoder mit dem Telefon. Das ist viel mehr, eine völlige Veränderung,weil sie das Weitergeben von Informationendramatisch verändert. Nicht nur, dass Kommunikationschneller wird, sie wird auch sofort global. Für jeden, derdie technischen Möglichkeiten hat – und das werden immermehr –, ist alles, was digital gesagt oder gesendetwird, jederzeit überall verfügbar.


8BONNER PERSPEKTIVENDr. MathiasDöpfner:Netz derFreiheit? –Chancenund Risikender NeuenMedien im21. JahrhundertDie Digitalisierung ermöglicht das Phänomen derInteraktivität, der Gleichzeitigkeit, der direkten Partizipationdes Nutzers. Auch das ist ein völlig neues Element.Dazu kommt die unbegrenzte Möglichkeit, in einemunermesslichen Raum Dinge zu dokumentieren, aufzuschlüsseln,festzuhalten und weiterzugeben.Ich glaube, wir alle wissen überhaupt noch nicht,was die Digitalisierung mit uns anstellt. Wir stehen erstganz am Anfang dieser Entwicklung. Es gibt kaum eineBranche, kaum einen Wirtschaftssektor, der nicht radikaldadurch in Frage gestellt worden ist. Heute gibt esdie Hersteller von Filmen für Fotokameras nicht mehr;da keiner mehr damit fotografiert. Die Hersteller von Vinylschallplattengibt es zwar noch, weil es eine Renaissancefür eine kleine Minderheit gibt, die aus Nostalgiewieder Vinylschallplatten hört. Aber auch da ist ein großerTeil einer Industrie verschwunden.Die großen Industrien sind genauso betroffen: Diegesamte Finanzwirtschaft ist durch die Digitalisierungverändert worden, vielleicht sogar aus den Fugen geraten.Die ganze Transport- und Reiseindustrie hat sichverändert. Selbst die Autoindustrie verändert sich.Wir als Medienvertreter, als Journalisten fühlen unsnatürlich in ganz besonderer Weise betroffen, weil diegute alte Zeitung als alleiniges Instrument der Masseninformationsehr grundlegend infrage gestellt wird.Ich erinnere mich an eine Szene, als ein Chefredakteurder „Bild am Sonntag“ einer jungen Schülergruppedie Vorzüge der „Bild am Sonntag“ erläuterte und insSchwärmen geriet über die Aktualität der Zeitung verbundenmit der unglaublichen Komplexität der Logistikund über die Perfektion, mit der man 120.000 Betriebsstellenjeden Tag ansteuert. Während er darüber redete,geriet er immer mehr in Begeisterung. Die Schüler


BONNER PERSPEKTIVEN9hörten ihm brav zu. Dann sagte am Schluss einer: „Ichhabe nur noch eine Frage. Sie sagten: Um 23 Uhr istRedaktionsschluss. Wenn Sie also schon um 23 Uhrmit allem fertig sind, warum senden Sie es nicht einfachgleich?“ – Das war die simple Frage von diesem Schüler.Der hat es nicht verstanden: Was ist denn daran so toll –bis 23 Uhr? Dann muss man doch von 23 Uhr bis 6 Uhrmorgens warten, bis man das Ergebnis dieser Arbeit inden Händen hält. Warum – wenn man es doch mit einemKnopfdruck gleich senden kann? Die junge Generationversteht das gar nicht mehr.Ein anderes Beispiel hat mir Edmund Stoiber erzählt.Er saß mit seiner Enkeltochter beim Frühstückstischund las die Zeitung. Die Enkelin schaute auf dasFoto der Seite 1, tippte mit dem Finger dreimal drauf undsagte: „Opa, kaputt!“ Sie dachte, mit dem Foto müssedoch irgendwas passieren, wenn man es berührt. Größerwerden oder sich mit einer neuen Seite verlinken. Siehat es nicht verstanden, dass ein Foto nichts andereskann, als einfach nur gedruckt zu werden.Kurzum: Wir Journalisten und Verlagsmanager fühlenuns existenziell herausgefordert. Und viele in unsererBranche neigen dazu, das Internet als eine einzigegroße Bedrohung wahrzunehmen. Das ist ganz furchtbarfalsch, glaube ich.Wenn wir einmal genau hinschauen, erkennen wir:Durch die Digitalisierung ist der Journalismus insgesamtfreier und antiautoritärer geworden. Es gibt die früherenZugangsschwellen nicht mehr. Jeder, der etwas zusagen hat oder glaubt, etwas zu sagen zu haben, kanndas tun. Er braucht keinen Verleger mehr, er braucht keinenChefredakteur mehr, der sagt: „Für gut befunden;das drucken wir.“ Stattdessen postet er es einfach. Erschreibt es in seinen Blog. Er publiziert selber. Das istein – wie ich finde – sehr begrüßenswerter antiautoritärer


10BONNER PERSPEKTIVENDr. MathiasDöpfner:Netz derFreiheit? –Chancenund Risikender NeuenMedien im21. JahrhundertFortschritt, weil er die Filterfunktion von Autoritäten, denenvielleicht die Meinung eines Mitarbeiters oder einesJournalisten nicht passt, aushebelt.Bohrt man noch ein bisschen tiefer, erkennt man,dass die Digitalisierung bereits erheblichen Einfluss aufdas Hierarchieverhältnis zwischen Leser und Journalistgenommen hat. Bei einem Blick auf die letzten 150Jahre lassen sich hier drei wesentliche Phasen unterscheiden.Im 19. Jahrhundert war der Journalist der Vorgesetztedes Lesers. Er hat dem Leser gesagt, was ihn zuinteressieren hat. Und er hat das in einer relativ unattraktivenWeise getan: Eine Zeitung sah aus wie eine Bleiwüste.Da gab es keine Fotos und knackige Zusammenfassungen,sondern kleine Überschriften, und schwerlesbare, endlos lange Texte. Der Leser hatte sich dagefälligst durchzuarbeiten. Der Journalist hat dem Lesergesagt, wie die Welt zu sehen ist – und der Leser ist ihmbrav gefolgt.Im 20. Jahrhundert wurden Leser und Journalist zunehmendgleichberechtigt. Die Journalisten erkannten:„Wir müssen uns Mühe geben. Wir müssen die Lesererreichen. Denn wenn die uns nicht lesen wollen, kaufensie die Zeitung nicht. Und wenn sie sie nicht kaufen, gibtes keine Geschäftsgrundlage mehr. Und wenn es keineGeschäftsgrundlage gibt, gibt es keine Jobs mehr, gibtes keine Journalisten mehr. Also müssen wir etwas tun:Wir machen das Layout attraktiver, wir packen Fotos aufdie Seiten, wir machen die Überschriften größer; bis hinzum Boulevardjournalismus machen wir die Dinge emotionaler,kürzer, menschlicher, konkreter.“ Der Journalistmusste sich bemühen, damit der Leser ihm noch folgt.Journalist und Leser gelangten so auf die gleiche Hierarchieebene.Im 21. Jahrhundert könnte sich schließlich mit der


BONNER PERSPEKTIVEN11Digitalisierung das Hierarchieverhältnis dahingehendumkehren, dass der Leser zum Vorgesetzten des Journalistenwird und ihm sagt, was er schreiben soll. Heutegibt es unmittelbar und jederzeit die Möglichkeit zu sehen:Welcher Text ist geklickt worden? Was denkt meinLeser darüber? Das geht so weit, dass der Leser denJournalisten korrigiert und sagt: „Sie schreiben, das war1865, aber es war 1867.“ Der Leser bringt sein eigenesWissen, seine eigene Intelligenz ein. Vor allen Dingendefiniert er sehr genau, wovon er mehr und wovon erweniger haben möchte. Das ist eine enorme Freiheitserrungenschaft.Ob das dauerhaft die Lösung aller journalistischenProbleme darstellt, ist eine komplexere Frage,die ich an dieser Stelle nicht vertiefen möchte. Nur alsAndeutung: Ich bin davon überzeugt, dass der Journalist,der nur das macht, was der Leser will, unattraktiv ist.Das ist wie in den antiautoritären Kindergärten der 60er-Jahre, wo eines Tages das Kind seine Kindergärtneringefragt hat: „Müssen wir heute schon wieder spielen,was wir wollen?“ Man will nicht immer spielen, was manwill. Und der Leser journalistischer Inhalte will auch nichtimmer lesen, was er will. Der will ab und zu auch hören,was andere wichtig finden, und dabei auch ein weniggeführt werden.Von der journalistischen Sichtweise möchte ich nunauf die politische Perspektive zu sprechen kommen undauf die Frage, welchen freiheitlichen Einfluss das Internetauf Politik und Gesellschaft ausübt.Wir alle erinnern uns an die Freiheitsbewegungender letzten Jahre, an antiautoritäre Gegenbewegungenwie etwa im Iran, wo in der digitalen Welt gegen manipulierteWahlen aufbegehrt wurde. Aus Sicht der iranischenMachthaber entstand aus diesen Bewegungen, die letztlichniedergeschlagen wurden, eine echte Systemgefahr.Erfolgreicher waren die Proteste beim Arabischen


12BONNER PERSPEKTIVENDr. MathiasDöpfner:Netz derFreiheit? –Chancenund Risikender NeuenMedien im21. JahrhundertFrühling. Unabhängig davon, wie man die darauf folgendepolitische Entwicklung beurteilt, bleibt festzuhalten,dass hier autoritäre, nichtdemokratische Machthaberdurch Freiheitsbewegungen aus dem Amt gejagt wurden,die sich in der digitalen Welt organisiert hatten. AmArabischen Frühling zeigt sich, welch befreiende Wirkungdas Internet im politischen Raum haben kann. Unddas insbesondere, weil es sich nur sehr schwer kontrollierenund zensieren lässt.Allerdings – und hier wendet sich jetzt das Thema:Es gibt durchaus noch Möglichkeiten, das Internet zukontrollieren, zu benutzen und zu missbrauchen – auchum genau das Gegenteil der arabischen Freiheitsbewegungenzu bewirken, das heißt, um sehr autoritäre antifreiheitlicheSysteme zu stabilisieren.Das beste Beispiel ist China: Der Kulturkampf, inden sich selbst amerikanische Außenminister schon eingeschaltethaben, ist der Kampf gegen die sogenannte„Great Firewall“. Es ist der Kampf der dezentralen antiautoritärenKräfte im Netz gegen das nichtdemokratischetotalitäre politische System, das das Internet beschränktund das – schlimmer noch – das Internet missbraucht,um seine eigenen Bürger zu bespitzeln, zu beobachtenund zu kontrollieren.Google hat versucht, in China zu operieren; es gingnicht. Sie sind dann nach Hongkong ausgewichen, weildem Regime die unkontrollierbare Anarchie, die sich imNetz entfalten kann, unbequem war und weil man Google,Facebook und alle anderen großen Player immer wiederdaran gehindert hat, sich in China genauso zu verhaltenwie in anderen Ländern dieser Welt.Schlimmer noch: Das chinesische System nutzt dietechnischen Möglichkeiten, um in geradezu absurderWeise Überwachungsperfektion zu erzeugen, von derselbst traditionsreiche Geheimdienste nur träumen kön-


BONNER PERSPEKTIVEN13nen. Die Perversion geht so weit, dass nicht nur anonymesPosten verboten ist, sondern dass der, der es trotzdemtut, technologisch durch Rückverfolgung ermitteltwerden kann, so dass man sofort weiß, wer sich demVerbot widersetzt hat.Es sind perfide Methoden entwickelt worden, umdieses System zu perfektionieren. Bestes Beispiel ist,dass die Verantwortlichen von Telekommunikationsunternehmenin China persönlich haftbar dafür gemachtwerden, dass keine staatsfeindlichen Inhalte in ihrenNetzen transportiert werden. Auf Deutschland übertragenwäre das so, als mache man den Vorstandsvorsitzendender Deutschen Telekom gleichzeitig zum Chefdes BND. Aber der Vergleich hinkt, weil all das in unserendemokratischen Strukturen so gar nicht denkbar, sogar nicht möglich ist.In China ist es tatsächlich so, dass man auf dieseArt und Weise den maximalen Anreiz schafft, dass sichdie Verantwortlichen solcher Infrastrukturplayer zu Mittäternder Zensur und der spitzelartigen Überwachungmachen. George Orwell’s 1984 ist eine sehr harmlose Visiongegenüber dieser Perfektion, die in China herrscht.Jeder Geheimdienst kann nur davon träumen, das zu erreichen,was dort mittlerweile Realität ist.Noch extremer ist es im Iran. Da gibt es die Idee,das Internet komplett zu verunmöglichen und nur eineArt staatsinternes Intranet zu etablieren, mit dem dieIraner unter sich und nach dem Gusto ihrer fanatischenFührer operieren können.In den Händen der falschen autoritären Systemeund Menschen ist das Internet kein Freiheitsmotor, sondernwird zum Spitzelsystem, zum Überwachungssystemund zu einem Freiheitsbegrenzungsinstrument.Das heißt allerdings nicht, dass das Internet nur inden Händen dieser autoritären nichtdemokratischen Po-


14BONNER PERSPEKTIVENDr. MathiasDöpfner:Netz derFreiheit? –Chancenund Risikender NeuenMedien im21. Jahrhunderttentaten eine Gefahr für die Freiheit ist. Manchmal sinddie größten Apologeten des Internets, die größten Befürworterder freien digitalen Welt, auch ernstzunehmendeFeinde der Freiheit. Manche Philosophien der Netzgurussind ähnlich beunruhigend wie das Handeln autoritärerRegime. Es gibt von Mark Zuckerberg diesen Satz, denich selber während der Sun-Valley-Konferenz in Amerikavor drei Jahren von ihm wörtlich gehört habe. Auf die Frageangesprochen, wie er mit dem Thema Datenschutz,und Privatsphäre umgehe, guckte er ganz lässig in dieRunde und sagte: „Ich verstehe das Thema nicht. Wernichts zu verstecken hat, hat auch nichts zu befürchten.“Das ist ein Satz, bei dem mir das Blut gefriert. Es ist einSatz, den auch ein Stasi-Chef hätte sagen können. Es istein ganz schrecklicher Satz: „Wer nichts zu versteckenhat, hat auch nichts zu befürchten.“Mein Freiheitsrecht besteht nicht darin, mich zurechtfertigen, ob ich etwas zu verstecken habe, sonderndarin, bestimmte Privatsphären und Privaträumezu schützen, weil ich das so will. Und ich muss vor niemandembegründen, warum ich dies will oder jenes auslauteren oder unlauteren Motiven tue. Das ist meine Privatangelegenheit.Wenn das nicht mehr möglich ist, weilman sagt: „Wer nichts zu verstecken hat, hat auch nichtszu befürchten“, dann ist das die Legitimierung einer ultimativenSpitzelgesellschaft, in der jeder jeden beobachtetund in der auch Social Communities, wie Facebookund andere, missbraucht werden können.Schließlich möchte ich noch ein weiteres freiheitsbeschränkendes,zumindest die Gedankenfreiheitbegrenzendes Element des Internets ansprechen: DasNetz tendiert dazu, eine Art Vorurteilsverstärkungsmaschineoder Wissensverstärkungsmaschine zu sein.Traditionelle, von professionellen Journalisten undKuratoren zusammengestellte markengebundene Me-


BONNER PERSPEKTIVEN15dienangebote – egal ob im Fernsehen, im Internet oderauf Papier – haben die Eigenschaft, dass sie horizonterweiterndwirken. Warum? – Weil ich etwas lese odersehe, von dem ich vorher noch gar nicht wusste, dasses mich interessieren könnte. Es hat mich vielleicht nieinteressiert. Aber die Überschrift ist gut formuliert, undder Einstieg ist lustig, also lese ich weiter. Plötzlich habeich eine ganze Zeitungsseite über ein Thema gelesen,von dem ich nie ahnte, dass es mich interessieren könnte.Ich bin aber danach unfassbar fasziniert von diesemThema, interessiert an etwas Neuem und habe meinenHorizont erweitert. Ich habe also über den eigenen Tellerrandhinausgeguckt.Das suchmaschinengetriebene Internet, also dasoffene, browsergetriebene Internet (und nicht Apps oderandere geschlossene Angebote) ist hingegen ein vertikalesMedium. Das heißt, ich suche und finde dort das,von dem ich vorher schon wusste, dass es mich interessiert– da allerdings dann schneller als in jedem anderenMedium. Wenn ich also eine ganz präzise Informationbrauche, finde ich sie dort.Das ist praktisch und hat in vielen Situationen Vorteile.Wenn es allerdings überhand nimmt, wenn ich nurnoch das lese, was ich auch suche, dann besteht dieGefahr, dass das Internet zur erwähnten Vorurteilsverstärkungund Wissensbegrenzung beiträgt.Eli Pariser, ein Internetphilosoph, hat ein Buch, mitdem Namen „Filter Bubble“, geschrieben, das diesesPhänomen gut beschreibt. Pariser stellte irgendwannfest, dass Facebooks Algorithmus die Links seiner Republikaner-Freundekomplett ausgeblendet hatte, aufdie er, politisch eher links von der Mitte, offenbar seltenergeklickt hatte als auf die seiner Demokraten-Freunde.Facebook hatte weder darüber informiert, noch umErlaubnis gefragt. So wurde Pariser vom Demokrat zum


16BONNER PERSPEKTIVENDr. MathiasDöpfner:Netz derFreiheit? –Chancenund Risikender NeuenMedien im21. JahrhundertMikrodemokrat – und irgendwann zum dummen Demokraten,weil er gar nicht mehr mitbekommen hat, wasder politische Gegner denkt.Dieses Phänomen der Digitalisierung, dass mansein Wissen zwar vertieft, aber gleichzeitig verengt unddamit vielleicht auch Vorurteile und Ressentiments verstärkt,ist nicht unbedingt freiheitsförderlich.Was will ich Ihnen mit diesem kurzen Gang durchdie freiheitsfördernden und freiheitsbegrenzenden Elementedes Internets sagen? Ich möchte Ihnen eigentlichnur vermitteln, dass es auf die eingangs gestellte Fragekeine Antwort gibt. Denn das Internet ist nicht per sefrei oder per se unfrei bzw. freiheitsbedrohend oder freiheitsgefährdend.Genauso wenig kann man sagen: DasInternet ist gut oder böse.Viele Menschen haben Angst vor der Digitalisierungund entwickeln daraus negative Vorurteile. Sie sagendann: „Der Journalismus wird schlechter durch dasNetz; die Politik wird oberflächlicher durch das Netz. Eswird alles schneller, deswegen oberflächlicher.“ Anderesagen: „Es ist großartig. Endlich gibt es jetzt Demokratieund Freiheit für alle.“Ich glaube, das ist alles Unsinn, weil man dem Netzetwas zumisst, das ihm gar nicht zusteht, nämlich einePersönlichkeit. Das Netz hat keine Persönlichkeit. DasNetz ist ein Instrument, eine technologische Möglichkeit,Dinge zu tun. Was wir aber damit tatsächlich tun,ist unsere ganz individuelle oder auch gesellschaftlicheAngelegenheit. Wir definieren das. Sie können im InternetKinderpornografie verbreiten, Sie können im InternetKinderpornografie bekämpfen. Sie können im InternetWaffenbauanleitungen verbreiten und Terrorismus sowiedas entsprechende fanatische Gedankengut befördern,und Sie können genau das im Internet aufklärerisch bekämpfen.


BONNER PERSPEKTIVEN17Wir müssen verstehen, dass das Internet ein komplettneutrales Kommunikationsinstrument ist, das allerdingsdurch die Möglichkeiten und auch durch die Ästhetik,die im Internet entstehen kann, tatsächlich eineabsolut gesellschaftsverändernde Wirkung hat und habenwird. Wir wissen nur noch nicht, welche.Auch in Zukunft wird es so sein, dass das Internetgenauso frei oder unfrei, genauso freiheitsförderndoder freiheitsbegrenzend ist wie die Menschen, die esbenutzen. Es ist also unsere Verantwortung, was wir ausdiesem Netz machen. Darauf sollten wir uns besinnen.Wenn wir dann in uns hineinhorchen, kann jeder selbstentscheiden, ob das eine Sache ist, wovor er Angst habenmuss, oder eher etwas ist, worauf er sich freuenkann, weil man damit ganz Großartiges machen kann.Mit diesen Gedanken möchte ich es bewenden lassen.Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.Auszug aus der Rede von Dr. Mathias Döpfner am 25.Oktober 2012 im Rahmen einer Vortragsveranstaltungder Bonner Akademie.


18BONNER PERSPEKTIVENVom Internet, seiner Verfassung,der Netzgesellschaft und ihremGesellschaftsvertragEntgrenzung der GeographieProf. Dr. Hartmut Ihne,geb. 1956, ist Präsidentder HochschuleBonn-Rhein-Sieg.Es scheint, als hätte das Internet die Geographie aufgehoben.Zumindest die kommunikativen Grenzen derGeographie. Diese Grenzen waren (und sind es eigentlichnoch) in erster Linie physikalischer und politischerNatur.Die Gesetze der Physik des Körpers im Raum bestimmtefrüher das Reisen zu Fuß, zu Pferde, im Auto,per Flugzeug. Heute reist man digital, zum Beispiel perBrowser, Videokonferenz, im Chatroom, auf Facebook.Nicht nur Kosten und Bequemlichkeit, sondern auchZeitersparnisse sind es, die immer mehr Unternehmenund Institutionen veranlassen, sich weltweit kompatibleVideokonferenztechnologien installieren zu lassen.Solange das Ergebnis stimmt, reicht es, mit demGegenüber digital zu kommunizieren. Nicht, dass mangrundsätzlich Zeit, nämlich Lebenszeit einspart, manverkleinert nur ihren Verbrauch durch Vermeidung vonReisen, um den frei gewordenen Zeitraum mit neuen Aktivitätenzu füllen. Die Digitalisierung schenkt uns nichtmehr Zeit, sondern sie ermöglicht uns, mehr zu verbrauchen.Das klingt paradox.Der provozierende und irritierende ästhetische Futurismuseines Marinetti verherrlichte schon zu Beginndes 20. Jahrhunderts die Technologie der Maschinenweltals ein Element der Ermöglichung eines eigentlichenLebens mit mehr Eigenzeit. Technik schafft Raumfür vitale Kraft und Gestaltung, auch durch Gewalt. Seit


BONNER PERSPEKTIVEN19den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts analysiert derfranzösische Philosoph und Architekt Paul Virilio dasBeschleunigungspotenzial und die faktisch zunehmendeBeschleunigung der alltäglichen Prozesswirklichkeitendurch neue Technologien in Produktion, Transportund Medien. Er sieht eine Art „Dialektik der Aufklärung“durch Technologie am Werk. Die Beschleunigung derProzesse stellt nämlich den Menschen auf die Probeund beginnt sich in das Gegenteil der Versprechungenzu verkehren. Die Technik droht, trotz der mit ihr verbundenenErleichterungsversprechen und des in Aussichtgestellten glücklichen Lebens, in denen Automaten undRoboter für das Lebensnotwendige sorgen, eine neueForm von Zwang aufzubauen. Das gilt aus seiner Sichtvor allem für die neuen Medientechnologien, die mit rasanterGeschwindigkeit Welten in den Köpfen der Menschenerzeugen und verändern. Irgendwann, glaubt Viriliozerbricht der Mensch an diesem Zwang, den Medienund ihren Bildern zu folgen, da sie mit immer größererGeschwindigkeit folgen und Weltbilder wandeln. DerMensch kann aufgrund seiner psycho-physischen undmentalen Anlagen nicht mehr folgen. Damit kehrt sichdie in der antiken Philosophie des Abendlandes grundgelegteSuche nach Glück und Wellness (eudaimonia)um. Das Servicesystem Technik übernimmt die Führung.Die These lautet: Es gibt einen Zwang der Unterwerfungunter die Gesetze der Maschinen, wenn Du willst, dassdir die Maschinen dienen. In dem Film „The Matrix“ führtdieser Zwang der Unterwerfung bis zur Unkenntlichkeitdes Menschen als einer Art Akku für das Betreiben dergroßen Illusionsmaschine, zu der sich die Maschinenzusammengeschlossen haben. Der Akt der Befreiungaus diesem Höhlengefängnis ist geradezu platonisch ernüchternd.Die Welt, in der der Mensch über die Technikherrscht, ist karg aber lebensvoll. In ihr gelten die Geset-


20BONNER PERSPEKTIVENProf. Dr.Hartmut IhneVom Internet,seiner Verfassung,der Netzgesellschaftundihrem Gesellschaftsvertragze von Physik, Biologie und Moral. Die Illusionswelt desBatteriewesens ist bunt aber tot. In ihr gelten die Gesetzeder Programmiersprachen und der digitalen Inszenierung.Welche Philosophie man wähle, hänge davonab, „was für ein Mensch man sei“, schrieb 1797/98 derPhilosoph Johann Gottlieb Fichte in seinem „Versuch einerneuen Darstellung der Wissenschaftslehre“ (eine, dieden Menschen von der Idee her, also Idealismus, odereine, die den Menschen von der Realität her, also Realismus,denkt). In „The Matrix“ ist es die blaue oder rotePille. Die radikalste Technikkritik hat Martin Heidegger inden 1950er Jahren formuliert: Die Technik ist von ihremWesen als naturgesetzliches Artefakt her inkompatibelmit dem im Zeitlichen und Sinnlichen verhafteten undauf Deutung angewiesenen Menschen. Das Wesen derTechnik als Ausdruck der Natur verunmögliche es demMenschen per se, die Technik zu beherrschen. Die Technikbeherrscht immer schon ihn.Das Internet steht in der verlängerten Tradition desEudaimonia-Versprechens des klassischen europäischenDenkens. Die medialen Diskussionen heute überBeschleunigung und Entschleunigung, Burn-out undAuszeit beziehen sich alle in der ein oder anderen Formauf die schönen, das Leben erleichternden Kommunikationsmaschinenim Taschenformat. Deren Besitzerzahlwächst rapide. In der Zwischenzeit schlägt das Smartphoneschon den Computer, wenn es um Steigerungvon Marktanteilen geht.Mit der Aufhebung der Grenzen der Geographieim Internet, haben die Menschen auch die politischenGrenzen der Staaten überwunden. Zwar versuchen Regierungenunfreier Länder immer wieder, technischeGrenzen zum Schutz ihrer Dominanz in den politischenTerritorien einzuziehen und die durch die Entgrenzungdes Internets möglich gewordene Freiheit der Kommu-


BONNER PERSPEKTIVEN21nikation und Aktion zu unterdrücken. Noch besitzt dieDezentralität der Netzarchitektur Freiräume, um dieseFilter und Barrieren zu überwinden. Länder wie Chinaaber verfeinern die Maschen der netzpolitischen Zäune.Es ist deshalb unerlässlich, dass die bereits auf denWorld Summits on Information Society in 2003 und 2005erhobene Forderung nach freiem Zugang zum Internetund einer freien Kommunikation in Verbindung mit demMenschenrecht auf Information und Kommunikation,aber auch anderen Menschenrechten wie etwa demauf Versammlung, von der Weltgemeinschaft deutlicherverteidigt wird. Das Internet bietet zum ersten Mal inder Geschichte der Menschheit den Ausblick auf eineKommunikationstopographie, die es im Prinzip allen ermöglicht,mit allen in Kontakt zu treten. Darin steckt einfriedenstiftendes Potenzial, dessen Bedeutung offenbarvon der Politik nur in Teilen erkannt wird.Das Bedürfnis nach VernetzungMan reist fast überall digital. Zumindest per Handy,aber auch im Internet. Vor allem auch da, wo es unsereVorurteile nicht erwarten lassen. Das gilt etwa für dieärmsten Länder der Welt. Wer heute zum Beispiel nachSubsahara-Afrika oder in andere Länder des Südensreist, stellt mit Erstaunen fest, dass moderne Informations-und Kommunikationstechnologien selbst in SlumsEinzug gehalten haben. Die Prepaidkarte und das phonebanking sind Inventionen aus Afrika. Der Mangel anBankkonten für die einfache Bevölkerung in Subsahara-Afrika hat zur Erfindung dieser Innovationen geführt. Mirist noch ein Gespräch mit jungen Menschen in einemOrt mitten im Bergurwald in Erinnerung, der eine Dreitagesreisezu Fuß von Papua Neuguineas Hauptstadt PortMoresby entfernt liegt – ohne Straße, ohne Elektrizität,ohne fließendes Wasser. Verblüffend war: Die jungen


22BONNER PERSPEKTIVENProf. Dr.Hartmut IhneVom Internet,seiner Verfassung,der Netzgesellschaftundihrem GesellschaftsvertragDorfbewohner konnten sich gut vorstellen, einen Computerzu verwenden, betrieben mit einem Solarpanel,um ihre Kaffeeproduktion optimaler zu verkaufen, aberauch, um herauszufinden, was woanders passiert, wasandere erfinden, denken und tun. Sie wollten in der Weltdes Fortschritts sein. Die Alten hingegen konnten damitwenig anfangen. Ihr Kommunikationscode bezog sichauf die sichtbare und begehbare Welt. Ein Computer gehörtenicht zu ihrer Welt.Das sprunghafte weltweite Sich-Durchsetzen derdigitalen Kommunikationstechnologien lässt den Rückschlusszu, dass sie ein ursprüngliches Bedürfnis derMenschen an Gespräch und Vernetzung treffen. Allebedeutsamen Philosophien der Menschheit stellen dieSprache und das Denken in den Mittelpunkt ihrer Anthropologien.Der Mensch ist ein zoon logon echon, einLebewesen, das Sprache und Geist hat, das erkannteschon vor über 2300 Jahren der griechische PhilosophAristoteles. Die europäischen und europäisch beeinflusstenDenkströmungen sind dieser Bestimmung desMenschen seitdem gefolgt.Die großen Erfindung und ihre ontologische VerfassungDas Internet ist die größte Invention und Innovationunserer Zeit, vielleicht sogar aller Zeiten. Seinen Erfolgmacht vermutlich aus, dass es in einer Weise Kommunikationermöglicht, die alle bis dato bekannten Grenzenvon Kultur, Politik, Geographie oder Herkunft sprengt.(Selbst die Grenzen der Sprache werden im Internet derSymbole aufgehoben.) Entstanden ist ein geographiefreierRaum von eigener Qualität, ein Nicht-Ort, überallund nirgends. Er arbeitet mit Lichtgeschwindigkeit undden Kausalitäten der Elementarteilchenphysik. Gesteuertwird er von den Gesetzen der Mathematik und der


BONNER PERSPEKTIVEN23Logik. Er hat eine eigene ontologische Qualität, seinWesen ist Kommunikation. Der Kommunizierende istim Prinzip überall. Ein global brain entwickelt sich. Wirsind auf dem Weg, das Netz noch mehr auszuweiten.Das Internet der Dinge zeigt, dass im Prinzip mit allemkommuniziert werden kann, mit Autos, Kühlschränken,Fa briken etc. Alles bekommt den Anschein, ein Subjekt,also ein Gesprächspartner sein zu können. Aber das istauch das Erschreckende: Im digitalen Netz lässt sichnicht mehr feststellen, ob mit einem Subjekt, das rechtsfähig,vernünftig und frei ist, oder mit einem Objekt, dasnicht mehr als ein mathematisches Programm ist, dassein digitales Programmsprachspiel spielt, „kommuniziert“wird. Apples „Siri“ ist ein misslungener Anfang,aber eben auch ein Anfang für rechnerbasierte, hochkomplexeKommunikation. Der algorithmengesteuerteHochgeschwindigkeitshandel zum Beispiel ist zwar nurein Tool, aber er trifft „Entscheidungen“, die deren Folgenrechtswirksam sind (sonst wären die Börsengewinnenicht rechtmäßig erworben worden). Expertensystemeagieren in einigen Bereichen, etwa der militärischen Sicherheit,bereits als Entscheider. Sie sind zu Quasi-Subjektengeworden. Das verändert die Wirklichkeit radikal.Das verschleierte Netz und seine BewohnerÜberhaupt weiß kein Standarduser, und das ist dieMehrheit, wer im Internet mit wem eigentlich kommuniziertoder diese Kommunikation beobachtet. Es ist eineArt rezenter Bühne für Inszenierungen. Nicht alle Inszenierungensind durchschaubar. Das Internet ist in seinerinteraktiven Dimension, also 2.0., wesentlich noch einRaum des Anonymen. Hier „treffen“ sich die Geheimdiensteund Staatsfeinde, Käufer und Verkäufer, Sucherund Gesuchten, ohne dass klar ist, wer von wem weißund was wer von wem will, und wo unklar bleibt, wer


24BONNER PERSPEKTIVENProf. Dr.Hartmut IhneVom Internet,seiner Verfassung,der Netzgesellschaftundihrem Gesellschaftsvertragdie Zuschauer der Netzinszenierungen eigentlich sind.Wir stehen am Anfang einer globalen Netzgesellschaft,die sich noch in einer Art Embryonalzustand befindet,in dem noch nicht entschieden ist, was sicher und unsicher,was gut und böse ist. Deswegen wird noch heftigüber Grundregeln gestritten, z.B. ob Zwang zu Klarnamenoder ein Recht auf Anonymität herrschen oder wieneutral das Internet angesichts der Macht von Suchmaschinensein soll.Entstanden ist das Netz aus der inventiv-kognitivenAnarchie der scientific community. In dem Maße, in demsich Wissenschaft internationalisiert und zuletzt globalisierthat, brauchte es einen gemeinsamen Kommunikationskanal,der viele an einen Tisch bringt, schnell, ohnelange peer-review-Prozesse oder umständliche Konferenzreisen.Tim Berners-Lees Idee des World Wide Web,die ja mit dem Ende des Kalten Krieges zusammenfiel,war ein Kind der Förderung wissenschaftlicher Inventiondurch einfache und schnelle Kommunikation. Der derWissenschaft sehr inhärente Gedanke der individuellenAnarchie, also eines ursprünglich poietischen, d.h. gestaltungsautonomenFreiraums der Forscher, um dasNetz für die Freiheit der Erkenntnis und ihrer Anwendungzu nutzen, durchzieht heute die Debatten über Strukturund Ausgestaltung des Netzes.Es lassen sich in der gegenwärtigen Netzgesellschaftgrob drei Netznutzertypen unterscheiden: dieNetzanarchisten, die Netzpragmatisten und die Netzhedonisten.Diese Typen lassen sich jeweils von den Zielenher, die sie mit dem Internet verbinden, ableiten. DerNetzanarchist verknüpft die Netznutzung mit der totalenFreiheit von jeder Regel, die sich ihm nicht erschließt,und er kämpft erbittert gegen jeden Regelzwang. DerNetzpragmatist sieht im Netz die Möglichkeit seinerNutzbarmachung für die Optimierung von Prozessen


BONNER PERSPEKTIVEN25unterschiedlichster Art, wie z.B. den Handel. Der Netzhedonistbetrachtet das Netz als eine Form des Lustgewinns,der Verwirklichung von Wünschen und Träumen.Neben diesen gibt es außerhalb der Netzgesellschaftnoch die Netzaversen und die Netzfernen. Die Netzaversenhalten das Internet für überflüssig oder lehnenes aus weltanschaulichen Gründen ab. Die Netzfernensind ihm einfach nicht nah, vielleicht können sie sich denZugang nicht leisten oder aus welchen Gründen auchimmer.Die Diskussion um den „digital divide“ in den 1990erJahren hat vor allem auf die sozialen Ursachen diesesGrabens hingewiesen, insbesondere zwischen IndustrieundEntwicklungsländern. Allerdings gibt es auch generationenbezogeneUrsachen. Heute spricht man längstvon einem doppelten digitalen Graben (jüngst die BloggerBeckedahl und Lüke in ihrem Buch „Die digitale Gesellschaft“).Dieser zieht sich durch die Netzgesellschaftselber: Die einen konsumieren das Netz, sind passiv undbefinden sich im Laienmodus , die anderen gestalten es,sind aktiv und arbeiten im Expertenmodus. Feststellenlässt sich, dass alle Netztypen mit unterschiedlichen Lebensphilosophienverbindbar sind. Auch lassen sich dieTypen nur analytisch definieren, faktisch sind die Grenzenwohl eher fließend. Der Netzanarchist kann durchauspolitische Ziele verfolgen, was er mit dem Typus desNetzpragmatisten möglicherweise gemein hat.Enlightenment 2.0: der NetzgesellschaftsvertragDie heutigen Diskussionen um die Zukunft des Netzes,seine Struktur, seine Regeln, seine Freiräume, kann manals den Beginn eines Diskurses über einen Netzgesellschaftsvertragbetrachten. Die verschiedenen Maßnahmender Gesetzgeber weltweit, den Zugang und denGebrauch des Internets rechtlich zu regulieren, müssen


26BONNER PERSPEKTIVENProf. Dr.Hartmut IhneVom Internet,seiner Verfassung,der Netzgesellschaftundihrem Gesellschaftsvertragauf einen rechtsphilosophisch sauberen Boden gestelltwerden. Durch rechtliche Regulierungen des Netzesdürfen weder die allgemein anerkannten Menschen- undGrundrechte verletzt (z.B. Informationsfreiheitsrecht, digitaleVersammlungsrechte), noch durch Unterlassungvon Regulierung Menschen- und Grundrechte in Fragegestellt werden. Die Idee eines ursprünglichen Rechtesauf alles im Netz ist ebenso wenig verträglich mit einergelingenden (digitalen) Gesellschaft (als Netzgesellschaftund vernetzte Gesellschaft) wie die Idee eines ursprünglichenRechtes auf alles in den Urgesellschaftender Gesellschaftsvertragstheorien der Aufklärungsphilosophien.Mobbing, Denunziation, Spionage, Unterdrückungsind im Netz ebenso wenig akzeptabel, wie in derdemokratischen Gesellschaft. Sie zeugen nicht nur vonschlechtem Stil, sondern sind im Kern gegen die fundamentalstenRechte von Individuen und Gesellschaftengerichtet.Die Netzgesellschaft wird in den kommenden Jahrenin einer Kurzform die Geschichte der gesellschaftlichenAufklärung und Demokratisierung nachholenddurchlaufen müssen, eine Art enlightenment 2.0. Dasist fundamentaler und weitgehender als ein partikulärerProzess wie liquid democracy. Dieser Prozess wird dazuführen, dass falsche Mythen des Netzes entlarvt und abgebaut,dass die geheimen und selbsternannten Führererkannt und entmachtet und das Netz demokratisiertwird. Das heißt, dass es ein Forum und Tool für alle undvon allen wird, von dem niemand aufgrund seiner sozialenHerkunft, seiner Rasse, seines Geschlechtes, seinesAlters und Gesundheit, seiner Kultur, seiner Religionund politischen Weltanschauung ausgeschlossen wirdund das jeder aktiv nutzen darf. Und wenn es dann auchnoch gelingt, es zu einem Instrument auszubauen, dasden Menschen dabei hilft, die Geißeln der Armut und der


BONNER PERSPEKTIVEN27Ungerechtigkeit, des Kriegs und der Verfolgung, der Bedrohungder natürlichen und sozialen Lebensgrundlagenzu bekämpfen, dann wäre dies ein Netz der Freiheit.


28BONNER PERSPEKTIVENVon Gutenberg zum InternetBodo Hombach,geb. 1952, ist Präsidentder Bonner Akademiefür Forschung und Lehrepraktischer Politik (BAPP).Ein Freund mahnte Rabbi Akiba zur Vorsicht, denn dieserstudierte die Tora, obwohl die Römer das bei Todesstrafeverboten hatten. Wenig später wurden beide verhaftet.Da schickte der Freund dem Rabbi die folgendeBotschaft: „Du hast Glück, und ich beneide dich. Dichhat man eingesperrt, weil du die Tora gelesen hast, michaus irgendeinem Grund, den ich nicht einmal kenne.“Ein kleiner Rabbi nimmt sich das Recht, in einemBuch zu lesen, unter Missachtung der gesamten römischenStaatsmacht. Der bleibt nur die Möglichkeit, ihn einzusperrenund – wie man weiß – grausam umzubringen.2000 Jahre später. 1962 schreibt der junge JürgenHabermas seine Habilitationsarbeit über „Strukturen derÖffentlichkeit“. Diese sei kein gegebener Raum, denman nur füllen müsse. Sie entstehe erst dadurch, dassdie private Meinung des Bürgers durch Publizität nachaußen getragen wird und sich so in ein Gegenüber zurObrigkeit setzt.Historisch erkenne ich dreierlei Öffentlichkeit. Obgleichnacheinander entstanden, bleiben sie – wie fast alleEntdeckungen der Evolution – nebeneinander bestehen.Die 1. Öffentlichkeitist diejenige der Straßen und Plätze, der Schulen, Gemeindenund Vereine. Sie entsteht, wenn man das Hausverlässt. Man bewegt sich gemessenen Schrittes und imAusgeh-Anzug. Man blickt in die Schaufenster. Man begegnetund kennt sich. Man repräsentiert sich selbst voreinem überschaubaren Publikum. Man achtet auf Contenance.In unruhigen Zeiten kommt es zu Auflauf und Aufstand.Der öffentliche Raum bleibt jedoch begrenzt, und


BONNER PERSPEKTIVEN29er ist sehr verletzlich. Die Macht der Bajonette kann ihnenorm verkleinern.Die 2. Öffentlichkeitentsteht durch die klassischen Medien. Sie öffnen einFenster in die Welt. Sie fixieren und verbreiten Erkenntnisse,Meinungen, Gerüchte. Sie verstärken enorm dieWirkung von Ereignissen.1517 nimmt sich der Augustinermönch Martin Lutherdas Recht, die Wittenberger Akademiker, den Erzbischofvon Mainz, seinen sächsischen Landesherrn undden Papst mit 95 Thesen herauszufordern. Diese hateigentlich nichts zu befürchten. Ein paar Thesen im akademischenMilieu, ein unbekannter Mönch, der aus demRuder läuft, – dafür hat man erprobte Gegenmittel.Seit kurzem gibt es aber auch Papiermühlen unddie Erfindung des Johannes Gensfleisch Gutenberg.Freunde Luthers drucken die Thesen. Binnen vierzehnTagen verbreiten sie sich im ganzen Reich.Ohne das neue Medium bliebe Luthers Aufschreieine Episode der Wittenberger Stadtgeschichte. Die beweglichenLettern und das Papier machen daraus dieReformation. Jetzt finden zahlreiche Einzelströmungenin ganz Europa zu einer mächtigen Bewegung zusammen.Gedruckte Bücher sind das neue Forum für Wortund Widerwort, für Traktat und Polemik. Die Geschichteder Zivilisation tut einen mächtigen Sprung.In Victor Hugos Roman „Notre Dame“ steht einmerkwürdiges Kapitel, das völlig aus dem Rahmen fällt.Der Dichter befasst sich essayistisch mit den Folgen desneuen Mediums.Bis ins 15. und 16. Jahrhundert, so der Autor, wardie Baukunst das große Buch der Menschheit. In denKathedralen brachte Europa sein Wissen, seine Erinnerungenund seine Visionen zum Ausdruck. Jeder Stein,


30BONNER PERSPEKTIVENBodo HombachVon Gutenbergzum Internetjedes Kapitell, jeder Pfeiler hatte eine Botschaft.Hugo: „In jeder menschlichen Gesellschaft tritt jedochein Augenblick ein, wo sich die alten Symbole der Machtabnützen und durch den freien Gedanken verwischt werden.Ein neuer Zeitpunkt der Geschichte entwickelt sich.Die Macht wird erschüttert, die Einheit zersplittert. Im fünfzehntenund sechzehnten Jahrhundert ändert sich alles.Der menschliche Geist entdeckt ein Mittel, sich nicht nurdauerhafter als die Architektur, sondern auch einfacher undleichter zu verewigen. In gedruckter Form ist der menschlicheGedanke unvergänglicher denn je; er hat Flügel, keineMacht vermag ihn zu greifen und zu vernichten. Er fliegt mitder Luft des Himmels dahin. Als Architektur machte er sichzum Berge und setzte sich mächtig fest an einem Orte undin einem Jahrhundert. Jetzt ist er ein Vogel mit tausendfältigemGefieder, nach allen Winden fliegend, alle Teile derLuft und des Raums zugleich einnehmend.“In der Gegenwart ist plötzlich viel mehr Zukunft alsVergangenheit. Die Menschen werden sich ihrer Individualitätimmer deutlicher bewusst und vernetzen sich inimmer größeren Gruppen und Räumen.Auf Shakespeares Bühne tummeln sich noch Trolleund Geister, aber seine Protagonisten sind moderneMenschen im Gewand von Macbeth, Romeo und Julia,Hamlet.Kepler, Galilei, Descartes, Pascal nutzen das neueMedium für ihre Entdeckungen. Sie schaffen eine Öffentlichkeit,in der sich die Wissenschaft bis heute bewegt.In den Kontoren der Medici und Fugger stapelt sichGeld. Bei Bedarf kann man sich dafür einen Kaiser oderPapst kaufen. Warum also sollte man sich von ihnennoch vorschreiben lassen, was man denken darf? Diewirtschaftliche Ermächtigung des Bürgertums und derBedeutungsschwund des Adels in den Söldnerkriegenverstärken den Trend.


BONNER PERSPEKTIVEN31Die Gesellschaft nimmt zu an Tempo und Komplexität.Das Bedürfnis nach Teilhabe wird unabweisbar. Esentstehen neue Orte der Öffentlichkeit: Kaffeehäuser,Salons, Tischgesellschaften, wo sich das Publikum zunehmendfrei mit politischen Themen befasst.Mit der Französischen Revolution wird „Öffentlichkeit“als der kommunikative Raum zwischen bürgerlicherPrivatsphäre und Regierung zum Strukturprinzip desmodernen Verfassungsstaates.Das große Konzept der Aufklärung ist jedoch nichtdie Ablösung der alten Herrschaft durch eine neue. Herrschaftsoll sich überhaupt durch Wissen in „Vernünftigkeitverwandeln. „Öffentliche Meinung will“, so Habermas,„ihrer eigenen Intention nach, weder Gewaltenschrankenoch selber Gewalt, noch gar Quelle aller Gewalten sein.In ihrem Medium soll sich vielmehr der Charakter dervollziehenden Gewalt, also Herrschaft selbst, verändern.Die Herrschaft der Öffentlichkeit ist ihrer eigenen Ideezufolge eine Ordnung, in der sich Herrschaft überhauptauflöst.“ (Strukturen der Öffentlichkeit)Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Die Pressekann ihren kritischen Beitrag verweigern. Das Parlamentkann zum Ort leerer Akklamation für die Regierungsmehrheitwerden. Sensations- und Unterhaltungslustkönnen wichtige Themen verdrängen.Stichwort Finanz- und Wirtschaftskrise. Die beidenLenkungsmechanismen der Industriegesellschaft Marktund Staat reduzieren den öffentlichen Raum durch dieSelbstermächtigung des Marktes und die Selbstentmachtungder Parlamente. Das Projekt „Europa“ reduziertsich plötzlich auf die Euro-Zone. Nationale Ressentimentsheben wieder den Kopf.Anders der Energiewandel. Der Paradigmenwechselvon der unbedachten Vergeudung kostbarer Ressourcenzur Nachhaltigkeit im geschlossenen „System


32BONNER PERSPEKTIVENBodo HombachVon Gutenbergzum InternetErde“ weitet den öffentlichen Raum durch Selbstkontrolle.Man sieht es u.a. an der explosiven Entfesselungkleiner und großer Ideen und Erfindungen.Medien steigern die Komplexität der öffentlichenWahrnehmung. Sie reduzieren sie zugleich, indem sieOrientierung bieten. Sie ermöglichen Teilhabe und Kontrolleder Macht. Kein Gesetz oder „Ehrenwort“ ist sowirksam wie die Frage: „Was ist, wenn es rauskommt?“In der 2. Öffentlichkeit lockern sich die Umgangsformen.Der Fernsehkonsument kann im Unterhemd undmit der Bierflasche in der Hand der Weihnachtsansprachedes Bundespräsidenten beiwohnen.Die 3. Öffentlichkeitentsteht im Internet. Dessen unveränderliches Kennzeichenheißt „Entgrenzung“:• Weiteste Entfernungen werden zur unmittelbarenNachbarschaft.• Der zeitliche Abstand zwischen Ereignis undWahrnehmung schrumpft gegen Null.• Herrschaftswissen ist nur noch Illusion.• Ungleichzeitige Kulturen prallen ungeschütztaufeinander.• Menschenmassen ballen und organisieren sichauf Zuruf zu mächtigen Bewegungen.• Unbegrenzte Speichertechnik annulliert die menschlichsteunserer Eigenschaften: das Vergessen.Das Internet bekämpft nicht, es ignoriert Standards, Traditionenund Tabus. Der Netzbürger betritt nicht die Welt dadraußen. Diese betritt seine Privatheit, seinen Alltag undsein Verhalten. Er tippt sein Kennwort und bildet sich ein,selber unsichtbar, alle anderen durch den Sehschlitz seinervirtuellen Burka betrachten zu können. Privatsphäreund öffentlicher Raum fließen „gefühlt“ ineinander. JedeLebensäußerung ist sofort auf Sendung, weltweit und für


BONNER PERSPEKTIVEN33immer. Vermeintlich intime Einträge der Facebook-Szenesind Allgemeinbesitz. Jeder ist Schausteller seiner selbstund hält das für ein einzigartiges Alleinstellungsmerkmal.Zugleich beobachten ihn unbekannte Interessenten, umseine Eigenschaften für ihre Zwecke auszuwerten. Dieneue Öffentlichkeit mutiert zu einer ganz neuen Anonymität.Das wirft zahlreiche Fragen auf:Erzeugt das Übermaß an virtueller Gegenwart eine„geschichtliche Demenz“, der wichtige Erfahrungen abhandenkommen?Haben Diktatoren hier einen neuen „Volksempfänger“für Manipulation und Ausforschung? SchlägtQuantität wirklich um in Qualität? Erhöht sich kategorisiertesWissen, wenn wir in riesigen Datenmengen stöbern?Die Neuen Medien haben den Charme einer Naturgewalt.Sie sind das Werkzeug der unbegrenzten Möglichkeiten.Sie liegen aber auch in der Hand eines Lebewesensmit begrenzten Unmöglichkeiten. Schickt man einenDummkopf auf Weltreise, so wird er als braungebrannterDummkopf zurückkehren.Wir erleben die erregenden Signale eines neuenWerkzeugs, das uns ohne Gebrauchsanweisung geliefertwurde. Wir erleben die Begleiterscheinungen eines zivilisatorischenUmbruchs, der sich seine eigenen Regeln macht.Öffentlichkeit, so lehrte uns Jürgen Habermas, entstehterst dann, wenn die private Meinung des Bürgers Publizitätriskiert und sich so in ein Gegenüber zur Herrschaftsetzt. Dann braucht auch die neue und alles beherrschendeÖffentlichkeit des Internets ein kritisches Gegenüber.Die nötige Debatte wurde lange verweigert. Inzwischenist sie angestoßen und nimmt Fahrt auf. Vielleichtentsteht eine ganz neuartige globale Verständigungsgemeinschaft.Es wäre nicht die erste Utopie, an der zu arbeitensich lohnt.


34BONNER PERSPEKTIVENBürgerpartizipation am Beispielvon Beteiligungsverfahren imInternetMartin Stadelmaier,geb. 1958, ist seit 2003Chef der StaatskanzleiRheinland-Pfalz undkoordiniert in diesemAmt die Medienpolitik derLänder.Bürgerbeteiligung nimmt in der politischen Diskussioneinen immer stärkeren Raum ein. Immer mehr setzt sichdie Erkenntnis durch, dass die Menschen verstärkt anwichtigen und sie betreffenden Entscheidungen beteiligtwerden wollen und müssen.Die rheinland-pfälzische Landesregierung nimmtin diesem Bereich bereits seit Jahren eine Vorreiterrolleein. So sind in den neunziger Jahren die Direktwahl,z.B. der Landräte, eingeführt worden, Ausländerbeiräteoder auch vor einigen Jahren die Absenkung der Quorenfür kommunale Bürgerbegehren bzw. -entscheide. Vongroßer Bedeutung für Bürgerpartizipation ist eine Besonderheitder rheinland-pfälzischen Kommunalstruktur,nämlich die Existenz von 2258 Ortsgemeinden 1 . Es istein Grundsatz rheinland-pfälzischer Politik, Bürgerinnenund Bürger vermehrt bei großen Vorhaben einzubeziehen.Bestes Beispiel dafür ist das mehrstufige Verfahrenzur Kommunal- und Verwaltungsreform. Auch die dreiBürgerforen, die die Gründung und Weiterentwicklungder Trinationalen Metropolregion Oberrhein aktiv begleitenund die von Rheinland-Pfalz initiiert wurden, sindhier zu nennen. Erstmals fand ein grenzüberschreitendesBeteiligungsverfahren in diesem Umfang statt.Im November 2011 hat sich beim rheinland-pfälzischenLandtag eine Enquete-Kommission zum Thema„Mehr Bürgerbeteiligung für eine aktive Demokratie“gegründet. Die Landesregierung berichtet der Enquete-Kommission regelmäßig über die Maßnahmen, die sie zu1 (Stand: Dezember 2011).


BONNER PERSPEKTIVEN35den unterschiedlichen Themen im Bereich Bürgerbeteiligungbereits ergriffen hat. Zeitgleich werden erste Empfehlungenumgesetzt.Im Zusammenhang mit den Arbeiten der Enquete-Kommission beschäftigen wir uns auch sehr intensiv mitder Frage der Beteiligungsgerechtigkeit in der digitalenGesellschaft. Wie kann ich sicher stellen, dass alle BetroffenenZugang zu einem Beteiligungsverfahren haben?Wie definiere ich Betroffenheit? Über einen geographischenPerimeter, über die finanziellen Auswirkungenoder über andere Kriterien? Mit welchen Medien erreicheich ein Höchstmaß an Information und Transparenz?Welche Verfahren wähle ich im Hinblick auf die jeweiligeZielgruppe? Wie stelle ich einen in jeder Hinsicht barrierefreienZugang zum Verfahren sicher? Und nicht zuletztdie ganz besonders wichtige Frage: Wie erreiche ich alleBevölkerungsgruppen, unabhängig von Bildungsstand,Alter, Mobilitätsgrad, Geschlecht oder Herkunft?Aber auch die zum Umkehrschluss gehörendenFragen sind zu beantworten. Wie stelle ich sicher, dasswirklich nur die Betroffenen an einem Verfahren teilnehmen.Wie gehe ich mit der Frage der Anonymität um?Wie verhindere ich, dass bei einem anonymen Verfahrengut organisierte Lobbygruppen einen massiven und imextremen Fall auch verfälschenden Einfluss auf das Ergebnisdes Verfahrens nehmen? Welche Rolle spielt dieRepräsentativität?Beim Versuch, Antworten auf diese Fragen zu findenund Beteiligungsverfahren gerechter zu gestaltenund ihnen damit eine größtmögliche Legitimität zu verleihen,spielen die neuen Medien eine zunehmend wichtigeRolle.Auf den ersten Blick scheint ein Beteiligungsverfahren,das online durchgeführt wird, viele Hindernisseabzubauen und die Hemmschwellen sehr niedrig anzu-


36BONNER PERSPEKTIVENMartinStadelmaierBürgerpartizipationam Beispiel vonBeteiligungsverfahrenimInternetsetzen. Die Bürgerinnen und Bürger können zu einemvon ihnen mehr oder weniger frei gewählten Zeitpunktund an einem beliebigen Ort am Verfahren teilnehmen.Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Menschen mitkleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen,Berufstätige – für sie alle ist der Zugang zum Verfahrendamit deutlich einfacher. Wichtig scheint mir aber auch,dass die Online-Beteiligung eine ganz andere Hemmschwelleabbaut. Nicht jeder ist willens oder fühlt sich inder Lage, bei mehr oder weniger öffentlichen Veranstaltungendas Wort zu ergreifen. Je anonymer ein Beteiligungsverfahrendurchgeführt wird, desto größer ist dieChance, dass auch diejenigen Bürgerinnen und BürgerPosition ergreifen, die es in einem nicht-anonymen Verfahrenniemals täten. Andererseits besteht aber auch dieGefahr, dass damit der Charakter der Verbindlichkeit derpolitischen Aktivität geschwächt wird. Das Internet unddie digitale Teilhabe können die langfristig gewachsenendemokratischen Strukturen nicht ersetzen.Die Frage nach der Zugangsgerechtigkeit betrifft inerster Linie den technischen Bereich. Zum einen musssicher gestellt sein, dass alle, die vom Verfahren betroffensind, die technischen Zugangsmöglichkeiten haben,d. h. über einen ausreichenden und zuverlässigenInternet-Anschluss verfügen. Das soziale Netz verschafftimmer mehr Menschen die Möglichkeit der politischenTeilhabe. Der „digital divide“ der Generationen scheintsich immer mehr zu schließen, die steigende Nutzung inallen demographischen Gruppen belegt das. Die sozialeSpaltung spielt sich aber zunehmend in den Zugangsmöglichkeitenab und wirft somit die Frage auf, wer sichden Zugang zum Netz in welcher Form überhaupt leistenkann.Zum anderen ist der gesamte Bereich der Verlässlichkeitdes Verfahrens zu bedenken. Es muss sicher


BONNER PERSPEKTIVEN37gestellt sein, dass die Daten sowohl vor technischenPannen als auch vor Hackerangriffen geschützt sind.Neben diesen Fragen der Zugangsgerechtigkeit gibt esweitere Punkte, die es zu bedenken gilt: Wie gehen wirmit technischen Problemen um, mit denen sich zum Beispieldie selbst ernannten Vorreiter der digitalen Bürgerbeteiligung,die Piraten, im Zusammenhang mit „liquiddemocracy“ herumschlagen mussten? Wie sieht es mitder Zuverlässigkeit technischer Mittel bei Wahlen aus?Das ist eine Problematik, mit der sich unter anderem dieSchweiz im Zusammenhang mit der schrittweisen Einführungdes E-Voting intensiv befasst.Auch bei der Frage der Anonymität ist neben denoben genannten Vorteilen zu bedenken, dass im Falleeiner personenbezogenen elektronischen Stimmabgabenie zu einhundert Prozent sicher gestellt werden kann,dass auch wirklich die stimmberechtigte Person am Verfahrenteilnimmt.Schließlich ist zu bedenken, dass mit online-Verfahrennach wie vor vorrangig die Zielgruppe jüngerer Menschenangesprochen wird, für die der Umgang mit sozialenNetzwerken wie Facebook, Twitter oder ähnlichemalltäglich ist. Damit sind die Chancen, dass ausschließlichonline durchgeführte Verfahren einen gewissen Gradan Repräsentativität erlangen können, eher gering.Die rheinland-pfälzische Landesregierung führt gemeinsammit der Bertelsmann Stiftung das Beteiligungsverfahren„liken, teilen, was bewegen – jugendforum rlp“durch. Nach intensiven Überlegungen und Abwägungensind wir zu dem Schluss gekommen, dass ein breiter Zugangzu den Adressaten ebenso wie die Informationsverbreitungüber das Verfahren nur dann eine realistischeChance haben, wenn der Ausgangspunkt eine Fanpagebei Facebook ist. Aus Gründen des Datenschutzes findetdas eigentliche Beteiligungsverfahren jedoch nicht


38BONNER PERSPEKTIVENMartinStadelmaierBürgerpartizipationam Beispiel vonBeteiligungsverfahrenimInternetauf Facebook, sondern auf einer eigenen Plattform statt,die auch nicht direkt mit Facebook verlinkt ist. Die bisherigenStatistiken zeigen ganz klar auf, dass wir durchdiesen Medienbruch potenzielle Teilnehmerinnen undTeilnehmer am Verfahren verlieren.Reine Online-Verfahren eigenen sich aus meinerSicht eher für spezifische Themen und Zielgruppen.Angesichts der Erfahrungen, die wir bisher in Rheinland-Pfalzgemacht haben, ist eine Mischung unterschiedlicherVerfahren im Hinblick auf die Validität derErgebnisse zu bevorzugen. Online-Beteiligungsverfahrenbieten große Chancen für einen unmittelbaren Dialogmit und zwischen den Bürgern, für Interaktion, schnellenAustausch und die Organisation von politischen Prozessen.Vor allem im Bereich des Beschwerderechts odervon Gremien sehe ich in diesen Verfahren große Vorteile.Gerade auf kommunaler und Länderebene könnenOnline-Beteiligungsverfahren von großem Nutzen seinund wesentlich dazu beitragen, politische Inhalte zu vermittelnund den Bürgerinnen und Bürgern Mitsprachemöglichkeiteneinzuräumen und somit die Akzeptanz zuerhöhen.Dennoch brauchen wir – gerade mit Blick auf Gesetzgebungsverfahren– im politischen und administrativenGeschäft Verlässlichkeit. Und auch die Bürgerinnenund Bürger müssen sich auf geltende Regeln einstellenund verlassen können. Wir können und sollten diese Prozessenicht einem täglichen Meinunsgbildunsgprozessunterwerfen, der an den Ideen reißt und sie am Ende zerrüttet.Ich wünsche mir bei aller Transparenz diese Formvon Verlässlichkeit gepaart mit dem Willen immer für alleguten Anregungen, Argumente und Ideen, die mit dendigitalen Beteiligungsformen einher gehen, offen zu sein.


BONNER PERSPEKTIVEN39Digitale Citoyens – NeuePartizipationskulturen im NetzWie nur wenige technologische Revolutionen vor ihr hatdie Internetrevolution unsere Welt verändert. Vergleichbarvielleicht noch mit dem Buchdruck, hat dieses Mediumfast alle Bereiche des Lebens erfasst – von der individuellenSozialkommunikation bis zu wirtschaftlichen,politischen und kulturellen Kommunikationsstruktureninnerhalb der Gesellschaft. Aktuell ist das Internet zudemauf dem Weg, einen weiteren Schritt auf dem Wegzur totalen Ubiquität zu gehen – es wird mobil, plattformunabhängig,globalsprachig und auf vielfältigen Endgerätennutzbar.Neue Öffentlichkeit im NetzProf. Dr. Caja Thimmist Professorin fürMedienwissenschaftund Intermedialitätin der AbteilungMedienwissenschaft derUniversität Bonn.Die Medienentwicklungen im Rahmen des Web 2.0 bzw.Social Media, markiert durch Nutzungen sozialer Netzwerkewie Facebook, Twitter, Pinterest oder YouTube,markieren auch eine neue Phase im Hinblick auf politischeÖffentlichkeit und Partizipationskulturen – nahezujede/r Politiker/in, jede Stadtverwaltung und jedesUnternehmen hat heute zumindest eine Website, wennnicht sogar ein Profil auf Facebook oder einen Twitteraccount.Aber auch die einzelnen Bürgerinnen und Bürgerpartizipieren eifrig – heute kann jeder und jede zumNachrichtenproduzenten, Diskutanten oder zum Informationslieferantenwerden, egal ob dies im schnellenad-hoc Medium Twitter, in sozialen Netzwerken oder perBlog und Kommentarposting geschieht. Auch die traditionellen(Massen)Medien sind seit langem in der digitalenWelt präsent. Selbst wenn hier nur langsam eine ökonomischeAbsicherung durch Bezahlmodelle die journalistischeQualität sichern kann, haben sich die Printmedien


40BONNER PERSPEKTIVENProf. Dr.Caja ThimmDigitaleCitoyens –NeuePartizipationskulturenimNetzden digitalen Anforderungen angepasst. Allerdings erweisensich in Bezug auf die Qualität der InformationenNetzstrukturen oft als problematisch. Das, was im Netzsteht, gilt als frei zugänglich und kostenfrei. Wissenszuwachsentsteht über die Milliarden von Nutzern, wirdin Sekundenschnelle über Twitter oder Facebook in derWelt publik gemacht und hier wiederum gewichtet undweiter verbreitet. Journalistisches Handeln wird durchdiese neue Kultur der Informationsdiffusion einerseitsvielschichtiger, da Informationen zur Verfügung stehen,die oftmals direktere Einblicke in das Vor-Ort-Geschehengewähren. Anderseits sind diese Informationen ausSicht der Quellenlage unsicherer und häufig nicht einmalklar auf ihre Autoren zurückzuführen.Es lässt sich also konstatieren – Strukturen von Öffentlichkeitbeginnen sich spürbar zu verändern, ob privatoder politisch, die kommunikativ relevanten Stakeholdersind online präsent und transparent. Wie sich diesjedoch auf das politische Bewusstsein und auf politischeBeteiligung auswirkt, lässt sich bisher nur in ersten Ansätzensystematisieren.Digitale CitoyensDie dezentralen Beteiligungs möglichkeiten im SocialWeb und die schnellen Verbreitungsmechanismen politischerInhalte sind für den vernetzten Menschen heuteunverzichtbar. Die Beteiligungsbarrieren für die „Neticens“,die „Netzbürger“, sinken auf allen Ebenen. PolitischeEreignisse werden nahezu in Echtzeit in der Weltöffentlichkeitbekannt, die Leaking Kultur macht auchvor Ministerinnen und Ministern (Plagiatsaffairen) oderdem Vatikan („Vatigate“) nicht mehr halt und Transparenzist ein so hoch bewertetes Gut in der Politik geworden,dass mit diesem Fahnenwort einer neuen Parteisogar der Einzug in die Parlamente gelungen ist. All die-


BONNER PERSPEKTIVEN41se Entwicklungen sind keine stringent oder strategischgeplanten Entwicklungen – sie haben sich aus den Nutzerkulturenzunächst urwüchsig entwickelt. Erst die Entdeckungder Lukrativität der Netzkommunikation durchdie mächtigen Player Google und Facebook machte dasNetz zu einem globalen Marktplatz. Dabei werden wichtigeGrundprinzipien der Social Media zunehmend auchfür die politischen Netzinhalte wirksam. Da als eines derzentralen Grundprinzipien im Netz das „Sharing“ (Teilen)gilt, so wird dies auch auf die Politik appliziert. Und konsequenterweisegeht damit eine steigende Erwartung andie Transparenz politischer Verfahren einher.Die Fragen, die sich für die Politik in diesem Zusammenhangstellen, sind vielfältig. Insbesondere jedochdürfte relevant sein, inwieweit durch die Netzkommunikationtatsächlich mehr Menschen politisch aktivwerden, sich einmischen und produktiv beitragen, oderob das Web nur die ohnehin politisch interessierte, hochgebildete Bevölkerungsschicht anspricht und sich danebeneine Art von „digitaler Unterschicht“ bildet.Zunächst scheinen Ereignisse wie der so genannte„Arabische Frühling“, die Proteste gegen Stuttgart 21oder die Anti-Acta-Bewegung zu belegen, dass Menschendiese Netzoptionen für politische Einmischungnutzen und sich eine neue Form der politischen Aktivitätund Partizipation an politischen Konflikten herausbildet.Besonders die internationalen Krisen, in denensich maßgeblich Twitter und Facebook als Plattformenfür die lokale und internationale Gegenöffentlichkeit herausbildeten,nähren die Perspektive auf die neue Freiheitdurch die digitalen Netze. So hat Facebook u.a. aufder berühmten Seite von „We are al Khaled Said“ nichtunerheblich zur Globalisierung der lokalen Konflikte inÄgypten beigetragen, die dann ihrerseits die Weltöffentlichkeitalarmierten und zur weiteren Ausbreitung der


42BONNER PERSPEKTIVENProf. Dr.Caja ThimmDigitaleCitoyens –NeuePartizipationskulturenimNetzAufstände führten. Die aktuellen Ereignisse in Syrien, diehäufig ja nur noch über YouTube an die Weltöffentlichkeitgelangen, machen die Stärke der schnellen und unproblematischenVeröffentlichung von Geschehnissen durch„eyewitnesses“ deutlich.Betrachtet man allerdings die Debatte um die Rolleder Netzkommunikation für die politische Beteiligung,so schwanken die Positionen zwischen medieneuphorischerBegeisterung und düsterer Schwarzmalerei. Einerseitsfinden sich explizit medienenthusiastische Positionen,die von neuen Optionen der Partizipation ausgehenoder ein globales Kaffeehaus im Entstehen sehen. Hierwerden soziale Netzwerke als ein Medium angesehen,mit dem frühe Mündlichkeitskulturen technisch wiederherstellbarsind und das Netz wird als Ort der technischenVerwirklichung der Moderne und als Forum idealisierterKommunikationskulturen verstanden, in dem die„Weisheit der Masse“ die besten Ideen für die Gesellschaftproduziert.Die kritische Perspektive dagegen ist von grundlegenderSkepsis gegenüber überhöhten Erwartungen andigitale Vergemeinschaftung gekennzeichnet und gehtdavon aus, dass durch die computervermittelte KommunikationVerluste an Sozialität, Intimität und intellektuellerKompetenz zu verzeichnen sind, dass z.B. durchdie Filterfunktionen der großen Social Media Konzernemanipulative Wahrnehmungs- und Beziehungsbegrenzungenmanifest werden und den Meinungsbildungsprozesseinschränken. Zudem wird konstatiert, dass dasInternet an sich ein Medium der Ungleichheit sei undeine digitale Spaltung befördere – der reiche Norden mitMillionen NutzerInnen gegen den armen Süden, der bishernur partikular Netzzugang hat.Welcher Bewertung der Netzkommunikation manauch immer zuneigen mag – Tatsache ist, dass ange-


BONNER PERSPEKTIVEN43trieben über die skizzierten Netzoptionen eine Kultur derglobalen digitalen Bürgerschaft im Entstehen ist. Dieseneue Bürgerschaft konstituiert sich über Sprach- undLändergrenzen hinweg und ist oft nur in ihrem Protesteinig. Eine der zentralen Eigenschaften solcher digitalerBürgerschaften ist ein neues Verhältnis zu der Rolle medialerZugänge. Das Recht auf freien Zugang zu Datenim Netz, seien es Informationen, Musikstücke oder Videos,gilt als Grundbaustein des Netzes – die Einschränkungdieser Zugriffsrechte wird massiv bekämpft. Dieseneue Bürgerschaft ist dispers, heterogen und politischwankelmütig – eine ethisch oder moralisch klare Linieist (noch) nicht ersichtlich. Als eine zentrale Gemeinsamkeitsolcher digitaler Bürgerschaften kann vor allemein neues Verhältnis zum Recht auf Öffentlichkeit angesehenwerden. So ist es bezeichnend, dass sogar diechinesische Regierung nicht mehr riskiert, den beliebtenMicroblogging-Dienst Sina Weibo still zu legen – derProtest von 300 Millionen Usern ist selbst dort ein zugroßes Risiko!


44BONNER PERSPEKTIVENDigitale Gesellschaft –Politisches Kommunizieren undAgieren im NetzDr. Joachim Paul,geb. 1957, istFraktionsvorsitzender derPiratenpartei im nordrheinwestfälischenLandtag.Die Entwicklung des Internet und sein rasanter Ausbauals weltumspannendes Daten- und Kommunikationsnetzmit sehr niedrigen Zugangsschwellen hat die Randbedingungenfür Politik, Wirtschaft und Kultur grundlegendverändert. Dass die Erfindung eines neuen Mediums zupolitischen und kulturellen Verwerfungen führt, wissenwir schon. Der Buchdruck hatte es vorgemacht. Unduns allen gemein ist mittlerweile die Erkenntnis, dass dieBuchdrucktechnik zu den wesentlichen Ermöglichungsbedingungender Konzepte von Nationalstaat und repräsentativerDemokratie gehört. Einer profunden, kritischenund verantwortungsbewussten, in die Zukunftgerichteten Politik muss daher die konstruktive Fragestellungangemessen sein, wofür denn das neue weltweiteDatennetz Ermöglichungsbedingung – auch undgerade im politischen Raum – sein könnte.Das Internet: Katalysator für NetzdialogeDer von Vilém Flusser eingeführte Begriff des Netzdialogs1 setzt auf die Kommunikation zwischen Individuenund bezeichnet eine unmoderierte, unorganisierte Dialogform,die sich am ehesten mit der Kommunikation aufder Straße oder auf dem Marktplatz vergleichen lässt,im Gegensatz zu den organisierten Kommunikationsformendes moderierten Dialogs oder der hierarchischenDiskurse.Die Kutschen-Post und später das Telefonsystemstellen erste organisierte Implementationen des Prinzips1 Flusser, Vilém; Kommunikologie, Fischer Verlag, Frankfurt am Main1998, S.32ff.


BONNER PERSPEKTIVEN45Netzdialog dar, ein Gewinn an räumlicher Ausdehnungund zeitlicher Verdichtung. Und über die neue Technikdes Internet erfahren diese Netzdialoge nun eine ungeheureBeschleunigung, mehr noch, neben textuellenElementen können Informationscodes aller Art bis hin zuaudiovisuellen Medien und rechnenden Programminhaltendialogisch ausgetauscht werden. Technische Leistungsfähigkeitund Wirtschaftlichkeit des Internet sorgenzudem dafür, dass diskursive Kommunikationsformen– denkt man beispielsweise an die Internet-Aktivitätender Fernsehsender – mit in die Netzdialoge hinein gesogenwerden. So ist hier ein multidimensionales Informationsspeicherungs-und Austausch-Feld entstanden, beidem der geographische Bezug der daran teilhabendenIndividuen nur einer unter vielen anderen Bezügen ist, erist in der Tat nicht mehr „ausgezeichnet“. Für diskursiveElemente in diesem Feld gilt nach wie vor die alleinigeVerantwortlichkeit des Senders für die Inhalte, jedochfür Dialogformen gilt und galt seit je her, dass die Dialogpartnerverantwortlich für Inhalte und Dialogprozesssind. Jeder, der an diesen neuen raumgreifenden undzeitlich hoch verdichteten Netzdialogen teilnimmt, kanngleichzeitig Sender und Empfänger sein, und das weitjenseits der physischen Grenzen unserer Wahrnehmung.Und nun beginnen die neuen Strukturen der geographischungebundenen elektronischen Netzdialoge sichmit den bisherigen lokalen Netzdialogen zu überlagern.Das hat politische Relevanz.Anforderungen an die PolitikSpätestens seit Kevin Kellys Bestseller „Das Ende derKontrolle“ wird auch in breiteren Zusammenhängen nachder prinzipiellen Kontrollierbarkeit gefragt 2 . Für die Poli-2 Kelly, Kevin; Das Ende der Kontrolle, Bollmann Verlag, Mannheim1997.


46BONNER PERSPEKTIVENDr. JoachimPaulDigitaleGesellschaft –PolitischesKommunizierenund Agieren imNetztik selbst gilt, dass sie ihre Wurzeln in geographischerTerritorialität und der aktiven Kontrolle verschiedensterAspekte derselben hat. Netzdialoge, soweit wir das geschichtlichzurückverfolgen können, haben jedoch immereine nicht-territoriale Komponente, die sich aus derBewegung, aus der Tätigkeit des Reisens, oder – wennman so will – aus unseren nomadischen Anteilen gebiert.Und begreift man die durch das Internet umsichgreifendeEntortung als eine Entterritorialisierung vonNetzdialogen, dann wird die Frage nach der Kontrollevöllig obsolet. Dies findet sich nirgends besser bestätigt,als in der Äußerung eines US-Journalisten zu Spiele-Labyrinthen,zu sog. Multi-User-Dungeons: „Wenn jemanddas Verhalten anderer kontrollieren möchte, wird er diesevirtuellen Welten als extrem frustrierend empfinden.“ 3Darüber hinaus scheinen die Beobachtungen des US-Unternehmensberaters Don Tapscott das in Bezug aufunsere Kinder zu bestätigen. Den von ihm untersuchtenund befragten „Net Kids“ ist eine „auffällige Autonomieim Denken und Handeln“ 4 schon in jungen Jahren gemein.Für eine demokratische Politik empfiehlt sich einkonstruktiver Ansatz. Ihr bleibt „nur“ das, was verantwortungsvollePolitik im Grunde tun sollte, nämlich, dieNetzdialoge und damit das Entstehen neuer Informationenzu ermöglichen, zu befördern und aktiv zu gestalten,sie in Form zu bringen, sie zu „informieren“ 5 . In dieserBetrachtung entlarvt sich der Versuch einer totalitärenUnterdrückung der Netzdialoge als Verhinderung desNeuen und damit als ewige Wiederholung des Gleichen,als Demagogie. Die Aufgabe einer demokratischen Politikist also grundsätzlich eine befördernde und moderie-3 Morningstar, Chip; Electric Communications, Interview im Arte-Themenabend Internet, Straßburg 1996.4 Tapscott, Don; Net Kids; Wiesbaden 1998.5 Flusser; 1998, a.a.O, S. 33.


BONNER PERSPEKTIVEN47rende für das Dialogische an sich, und damit auch eineBeförderung der Entwicklung von Mündigkeit und Verantwortung,denn der Dialog – das liegt in seinem Wesen– impliziert Verantwortung.Gelingt die Überzeugung zur (Selbst-)Verantwortungim breiteren Stil, dann kann vielleicht mit der Transformationdes Politischen selbst in das Netz begonnenwerden.Die Transformation des PolitischenBereits 1983 diagnostizierte Richard Sennett einen Verfalldes öffentlichen Raums. 6 Dieser Verfall wird nundurch das Datennetz noch beschleunigt, so scheint es.Denn Politik selbst – das liegt nicht nur in der Natur derDiskurse, über die Politik transportiert wird – lebt vondiesem öffentlichen Raum, in dem Politik „geschieht“.Dieser Raum ist aber der öffentliche Raum des Senders.Um Politik zu treiben, muss man sich in die Öffentlichkeitbegeben bzw. Öffentlichkeit herstellen, senden, indemeiner größeren Gruppe von Menschen eine bestimmteInformation übermittelt wird. Öffentlichkeit und Privatheitentsprechen also – vereinfacht und im Bild des Diskursesgesprochen – Sender und Empfängern. Nun besitzenunsere privaten Wohnungen neben Türen und Fenstern– Durchlässen zum Öffentlichen an definierten Stellen –zunehmend Löcher in den Wänden, durch die reversibleKabel laufen, Telefon, Fernsehen, Internet, etc., mitdenen wir zusätzlich mit der Außenwelt verbunden sind.Mit Hilfe dieser reversiblen Kabel werden wir zu Knotenin einer Ansammlung von Netzdialogen. Und die Zunahmedes Dialogischen lässt den eher diskursiven öffentlichenRaum des Politischen – wenige Agierende und vieleZuschauer – langsam schrumpfen. Der nächste Knoten6 Sennett, Richard; Verfall und Ende des öffentlichen Lebens – DieTyrannei der Intimität; Berlin 1983/2008.


48BONNER PERSPEKTIVENDr. JoachimPaulDigitaleGesellschaft –PolitischesKommunizierenund Agieren imNetzin meiner persönlichen Ansammlung von Netzdialogen,derjenige, der mir nahe steht – und das jetzt nicht notwendigerweiseim geographischen Sinn – wird wichtigerals das abstrakte Prinzip Menschheit, das nie direktwahrnehmbar war. Exakt das ist es, was Vilém Flusserden „Tod des Humanismus“ 7 – als globales Prinzip – genannthat. Wenn nun die Trennwand zwischen Öffentlichemund Privatem verschoben oder durchlöchert wird,hat dies natürlich auch Konsequenzen für das Private.Es ist der historisch gewachsene Gegensatz zwischen„Privatheit“ auf der einen und „Öffentlichkeit“ auf der anderenSeite, der unsere diesbezüglichen Wertvorstellungenerzeugt und geprägt hat. Mit den Erschütterungendieses Gegensatzes entsteht eine Art verunsicherndesWerte-Vakuum, von dem sich bis jetzt nur allgemein sagenlässt, dass es mit aus Dialogen entspringenden zwischenmenschlichenRelationen gefüllt werden kann.Damit einher geht ein eklatanter Verlust des Vertrauensund ein Infragestellen der politischen und kulturellenEliten, das durch die nahezu regelmäßig 2-jährigenFinanz- und Wirtschaftskrisen seit 2008 noch zusätzlichbefeuert wird. Es darf dabei nicht vergessen werden,dass eben jene Krisen auch durch das Datennetz einebeschleunigende Wirkung erfahren.Ein mögliches Handlungsfeld einer Politik von morgenist daher in einer Art Netzpolitik zu sehen, die dieNetzdialoge und unser Zusammenleben formt und organisiertauf der Basis eines noch zu entwickelnden „politischenNetzwerkmanagements“.Die Netzdialoge geben uns Möglichkeiten, mehrerenInteressengruppierungen gleichzeitig und aktiv anzugehören.Diese Gruppierungen entstehen aber nichtnur aus territorialen Gemeinsamkeiten, sondern ebenso7 Flusser, Vilém; Die Informationsgesellschaft, Phantom oder Realität?,Vortrag auf der CulTec in Essen 1991, Audio-CD, Suppose Verlag,Köln 1999.


BONNER PERSPEKTIVEN49aus gemeinsamen Interessen gleich welcher Art. Derfranzösische Kulturwissenschaftler Jacques Attali nenntdies die „Multidimensionale Demokratie“. Und diese willnicht nur ausgehalten, sondern auch gemanagt werden,auf eine Art und Weise, die den Dialogen kultureller Vielfaltund Verschiedenheit befördernd gerecht wird. 8Aber solange die Übertragungskanäle für die Rückkopplungenzwischen den Einbahnstraßen der die Politikvermittelnden Diskurse der Massenmedien – die nichtwirklich gehört werden – und den vor sich hin schwafelndenNetzdialogen im Internet – die ungeformte „informationelleRohstoffe“ darstellen – fehlen, ist das System imkybernetischen Sinne „offen und instabil“ und damit imdialektischen Sinn „nicht kontrollierbar“ 9 . Dies gilt ausdrücklichauch für die die nationalstaatlichen Grenzenüberwindenden Finanzströme.Politisch kompetentes und verantwortliches Handelnnimmt die fehlenden Rückkopplungen in den Blick.Rückkopplung aber ist nur über kompetente Beteiligungzu erreichen in dem Sinne, dass die Beteiligten sich überdie Möglichkeiten für Konsens und Dissens bewusstwerden. Eine fundierte politische Grundbildung wird daherfür unsere Zukunft essentiell sein.8 Attali, Jacques; Interview im Arte-Themenabend Internet, Straßburg1996.9 Foerster, Heinz von; Kompetenz und Verantwortung; Grundsatzreferatzur Herbsttagung der American Society for Cybernetics 1971; in:KybernEthik, Merve Verlag, Berlin 1993, S.161ff.


50BONNER PERSPEKTIVENPost-Privacy: Privatheit in derdigitalen Öffentlichkeit?Ein DebattenbeitragJessica Einspänner,geb. 1981, istWissenschaftlicheMitarbeiterin inder AbteilungMedienwissenschaftder Universität Bonn.Sie promoviert zumThema „User GeneratedPrivacy“ und ist darüberhinaus für das DFG-Projekt „Deliberationim Netz“ sowie für dasForschungsprojekt „DigitaleCitoyens“ der BonnerAkademie tätig.Das Private zu benennen scheint einfach. Intuitiv wissenwir, was intim, geheim oder persönlich ist und was im Gegensatzdazu öffentlich – also für jedermann erfahrbar –sein darf. Während die Grenze zwischen Privatheit undÖffentlichkeit lange Zeit unbestreitbar vorhanden und benennbarwar (wenngleich sie sich im Laufe vieler Epochenveränderte und verschob), so ist sie im 21. JahrhundertGegenstand einer Diskussion, welche die Existenz ebendieserGrenze in Frage stellt. Post-Privacy nennt sich dieBewegung, die überzeugt ist, dass die klassischen Vorstellungenvon Rückzugsräumen für die Gegenwart derdigitalen Gesellschaft und das Handeln im Internet nichtmehr anwendbar sind. Die Verlagerung eines großen Teilsder alltäglichen Kommunikation in das Internet hat dazugeführt, dass private Angelegenheiten viel offensiver undfreizügiger publik gemacht werden, als dies jemals zuvorder Fall war. Die Folge ist eine Kommerzialisierung der Privatsphärein und über die Medien einerseits und eine neuentfachte Debatte zur Privatheit und dem Umgang mitpersönlichen Daten andererseits. Die Post-Privacy-Bewegungversucht den Konsequenzen der Mediatisierungunserer Gesellschaft, dem damit zusammenhängendenEinfluss auf die individuelle Kommunikation und den eigenen,digitalen Identitäten vorzugreifen, indem sie bewusstDiskussionen provoziert und Kontroversen anführt.Privatheit – ein historisches KonzeptDurch die Historie hindurch haben sich verschiedeneTheorien von Privatheit entwickelt, die unterschiedliche


BONNER PERSPEKTIVEN51Problemfelder diskutieren. Sie können in drei Bereicheeingeteilt werden: einen soziologisch-philosophischen,einen politisch-philosophischen und einen juridischphilosophischen.Der erste ist zugleich der wohl ältestethematische Diskurs zur Privatheit. Er entstand in derAntike und wurde in der Soziologie und Philosophie alsDiskurs der Öffentlichkeit geführt, bei dem das Privatehinter dem Öffentlichen zurücktritt und sich allein aufden „Bereich der Intimität“ und das private Zuhause, dieFamilie, bezieht (Rössler 2001:11). Auch die historischeErörterung des Privaten in seiner Abgrenzung zur Öffentlichkeitund die damit verbundenen Veränderungen imVerhältnis zwischen beiden Entitäten zählen zu diesemDiskurs (s. z.B. Habermas 1962/2009). Eine zweite Perspektive,die vor allem politisch motiviert ist, beschreibtdie kritische Auseinandersetzung mit Privatheits- undÖffentlichkeitskonzepten vor dem Hintergrund feministischerTheorien. Hierbei spielen insbesondere Thematikender Unterdrückung, Verdrängung und Ungleichheitenin der Gesellschaft eine große Rolle (Hauser 1987).Zum dritten Bereich zählt die zugleich jüngste Auseinandersetzungmit dem Themenkomplex Privatheit undÖffentlichkeit, die vor dem Hintergrund der Entwicklungcomputervermittelter Kommunikation und dem fortschreitendenMediatisierungsprozess stattfindet. Diesebefasst sich vor allem mit dem Recht auf informationelleSelbstbestimmung und dem Datenschutz im Internet.Erörtert werden hier Fragen nach der Aufrechterhaltungder Grenze zwischen privat und öffentlich in der Netzgesellschaftbzw. nach einem zeitgemäßen Umgang mitpersönlichen Daten in der digitalen Öffentlichkeit.Datenschutz und Privacy ParadoxDas Internet stellt einen Aktions- und Kommunikationsraumdar, in dem Handlungen Daten produzieren, die


52BONNER PERSPEKTIVENJessicaEinspännerPost-Privacy:Privatheit inder digitalenÖffentlichkeit?Ein Debattenbeitraggespeichert, modifiziert und weiterverbreitet werden.Dies lässt sich auf weitere digitale Kommunikationsmöglichkeitenausweiten, wie beispielsweise die Nutzungmobiler Endgeräte wie Smartphones, Tablet PCs usw.,die ebenso Zugriff auf das Internet bieten und zudemGPS-Informationen über den aktuellen Aufenthaltsortsenden. Während Jugendliche früher ihre intimsten Gedankenin ein Tagebuch schrieben, das sie an einem geheimen,möglichst unauffindbaren Ort im Kinderzimmerversteckten, so stellen Teenager heute ihre innere Gefühlsweltschriftlich, grafisch und mit eigens erstelltemVideomaterial angereichert in sozialen Netzwerkseitenim Internet zur Schau. Dabei ist es nicht selten Ziel, dassdie privaten Online-Einträge von möglichst vielen Personen,Freunden aber auch Unbekannten, gelesen werden.Diese freiwillig online gestellten Daten werden vonDiensten wie Facebook oder Google genutzt, um gezieltkonsumentenorientierte Angebote (z.B. personalisierteWerbung) zu entwickeln. Dabei ergeben sich zwei hauptsächlicheProbleme. Zum einen ist nicht allen Usern bewusst,dass sie beim Surfen im Internet Daten hinterlassen,die ihr Onlineverhalten dokumentieren und dieErstellung eines individuellen Personenprofils ermöglichen.Zum anderen funktionieren viele Dienste ohne Angabeeiner bestimmten Menge von Daten bzw. der Zustimmungzur Weiterverwendung ebendieser kaum odergar nicht – sei es Onlineshopping (Angabe von AdressoderZahlungsdaten) oder die Interaktion mit Freundenund Bekannten in sozialen Netzwerken. Auf Seiten derNutzer, insbesondere bei Jugendlichen, entsteht dadurchein Paradoxon: Auf der einen Seite äußern sie Bedenkenhinsichtlich des potentiellen Datenmissbrauchsund scheinen sich seiner prinzipiellen Mechanismenbewusst. Auf der anderen Seite stellen Studien wiederholtfest, dass das Online-Verhalten vieler Jugendlicher


BONNER PERSPEKTIVEN53gerade nicht den Schluss zulässt, sie kümmerten sichum den Schutz ihrer persönlichen Daten (z.B. Taddicken2011). Dieses Phänomen des Divergierens von theoretischemWissen um Datenschutz und dem praktischenUmgang mit den eigenen persönlichen Daten wird alsprivacy paradox bezeichnet (Barnes 2006).Auf dem Weg zur Post-Privacy-ÄraDiese und ähnliche Umstände befeuern die Debattezum Datenschutz im Internet ungemein. Wie viel Privatesdarf in die digitale Öffentlichkeit? Ist Privatheit überhauptnoch existent in der transparenten Online-Welt?Eine pessimistische Perspektive spricht hier vom Verlustder Privatheit durch den Kontrollverlust über die eigenenDaten, den die zunehmende Sozialisierung und Interaktionin der digitalen Welt nach sich ziehen. Datenschützerargumentieren, dass die Nutzung – oder vielmehrdie Beherrschung – der immer komplexer werdendentechnischen Systeme für den Einzelnen zunehmendschwieriger wird und propagieren daher die Entwicklungvon Werkzeugen und Programmen für ein geeignetes,sicheres Identitätsmanagement (Schaar 2007). Auf deranderen Seite wird gerade der Kontrollverlust zentralesArgument einer anderen, konträren Sichtweise – der desPost-Privacy-Ansatzes. Vertreter dieser Bewegung sehentraditionelle Vorstellungen von Privatheit und Privatsphärein der vernetzten Welt als unrealistisch und überholtan (Heller 2011). Sie fordern die uneingeschränkteFreiheit des Internets und lehnen Datenschutzregeln fürdas Medium vollständig ab. Dahinter steht der Gedanke,dass selbst Daten, die als sicher gelten oder Informationen,die heute noch gar nicht als problematisch angesehenwerden, Potenzial enthalten können, das morgenals Grund für Missbrauch dienen kann (Seemann 2010).Datenschutz im Internet ist demzufolge widersinnig, da


54BONNER PERSPEKTIVENJessicaEinspännerPost-Privacy:Privatheit inder digitalenÖffentlichkeit?Ein Debattenbeitragpersönliche Daten im Netz überhaupt nicht geschütztwerden können. Post-Privacy-Anhänger nehmen dieTatsache, dass man die Kontrolle über die eigenen privatenDaten abgibt, sobald man sich im Netz bewegt,als Realität und somit als Legitimation an.Somit offenbart sich der Post-Privacy-Ansatz zwarnicht zwangsläufig als optimistische, allerdings durchausals eine pragmatische Perspektive auf die derzeitigenEntwicklungen der Privatheitsdebatte. Die Argumenteaus der Post-Privacy-Diskussion und nicht zuletztdie Bezeichnung dieser Debatte verweisen darauf, dasswir uns von dem Begriff der Privatheit und seinen traditionellenKonnotationen bereits entfernt haben. Zu klärenbleibt, ob es Privatheit in der digitalen Öffentlichkeitgeben kann oder ob sich für persönliche, transparenteKommunikation im Netz ein neues Konzept mit verändertenRegeln und Annahmen entwickeln wird.LiteraturverweiseBarnes, Susan (2006): A privacy paradox: Socialnetworking in the United States. In: First Monday 11 (9).http://firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/ article/view/1394/1312.Habermas, Jürgen (1962/2009): Strukturwandelder Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorieder bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.Hauser, Kornelia (1987): Strukturwandel des Privaten?Das „Geheimnis des Weibes“ als Vergesellschaftungsrätsel.Edition Philosophie und Sozialwissenschaften9. Berlin/Hamburg: Argument-Verlag.Heller, Christian (2011): Post-Privacy. Prima lebenohne Privatsphäre. München: C.H. Beck.


BONNER PERSPEKTIVEN55Rössler, Beate (2001): Der Wert des Privaten. Frankfurta.M.: Suhrkamp.Schaar, Peter (2007): Das Ende der Privatsphäre.Der Weg in die Überwachungsgesellschaft. München:C.Bertelsmann.Seemann, Michael (2010): Die Krankenakte von TutEnch Amun. ctrl+verlust: http://www.ctrl-verlust.net/diekrankenakte-von-tut-ench-amun/.Taddicken, Monika (2011): Selbstoffenbarung imSocial Web. In: Publizistik 56 (3), S. 281-303.


56BONNER PERSPEKTIVENOnline-Kommunikation vonUnternehmen im Kontext vonWeb 2.0 – TechnologienKennzeichen der Web-2.0-KommunikationProf. Dr. Reiner Clement,geb. 1958, istVizepräsident derHochschule Bonn-Rhein-Sieg für das Ressort„Innovation und RegionaleEntwicklung“.Die Hoheit der Beiträge auf Social Media Plattformenliegt nicht – wie bei traditionellen Medien – bei einerGruppe von anbietenden Personen, sondern bei denNutzern. Es fehlen häufig redaktionelle (Zwischen-)Instanzen,so dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischeneiner Meinungsäußerung und seiner Publikationbesteht. Die Beiträge sind zudem durch Verlinkungenvernetzt, Inhalte sind häufig kostenlos und ihre Verbreitungist viral möglich. Die Verbreitung einer Informationendet erst dann, wenn es zu keiner Reaktion auf derEmpfängerseite mehr kommt, d.h. die Information irrelevanterscheint.Social Media bietet mit einer Pull-Kommunikationfür die Kunden bzw. Nutzer außerdem die Möglichkeit,Teil des Kommunikationsgeschehens zu werden. Sokönnen durch Offenheit und Transparenz der Kommunikationsogar Informationsasymmetrien aufgehobenwerden, wenn sich die Informationszustände aller beteiligtenAkteure annähern.Aus Sicht von Unternehmen entsteht ein Spannungsfeldzwischen möglichst positiven Effekten derSocial Media Kommunikation und der Kontrollierbarkeitvon Inhalten. 1 Dabei verfügen Unternehmen vor allemüber drei verschiedene Kommunikationsformen im Internet,zum einen über Owned-Media-Plattformen, dieunmittelbar im Besitz des Unternehmens und gut kon-1 Mayer-Uellner (2010): Der Weg ins soziale Netz, in: Markenartikel –Das Magazin für Markenführung, Ausgabe 07, S. 16 – 18.


BONNER PERSPEKTIVEN57trollierbar sind (z.B. Internetseiten, Profile in sozialenNetzwerken), zum anderen über Paid Media (alle Formender bezahlten Kommunikation), wie z.B. Suchmaschinenwerbung.Auch diese Formen sind in der Regelgut kontrollierbar. Eine dritte Art von Plattformen sind dieEarned Media, auf denen Nutzer und Konsumenten außerhalbder offiziellen Unternehmenskommunikation ihreMeinungen bzw. Empfehlungen hinterlassen. Sie könnenpositive Multiplikatorwirkung für den Unternehmenserfolgentfalten. Hier ist der Effekt auf Markenimage undKaufverhalten am größten, jedoch ist die Kontrolle nurbedingt herstellbar.Social Media fordert die UnternehmenskommunikationherausSocial Media ist mehr als ein Trend und wird zukünftigdie Kommunikation auch von Unternehmen grundlegendverändern. Beispielhaft sei nachfolgend die Bedeutungvon Social Media in der Online-Krisenprävention und-kommunikation betrachtet. Eine Social-Media-Krise isteine Unternehmenskrise, die durch Social Media ausgelöstwird und/oder durch die Verbreitung eines Issues imSocial Web an die Öffentlichkeit gelangt.Die Auslöser liegen in der Kommunikation und habeninterne bzw. externe Ursachen 2 , so zum Beispiel,wenn ein Unternehmen für ein Produkt mit falschen Angabenwirbt, die durch Konkurrenten aufgedeckt werden.Ein weiterer Auslöser für eine Social-Media-Krisekann durch Kunden hervorgerufen werden, die sich2 Rehn, R. (2012): Krisenkommunikation im Social Web; Vortraggehalten am 9. März 2012 im Rahmen des Lehrgangs „Social MediaManager“ an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketinghttp://www.slideshare.net/danielrehn/krisenkommunikation-im-social-web-vorlesung-baw;Hoffmann, K. (2012): Shitstorms und andereKrisen. Leitfaden Krisen-Kommunikation; http://www.slideshare.net/PRDoktor/shitstorms-und-andere-krisen-leitfaden-krisenkommunikation.


58BONNER PERSPEKTIVENProf. Dr.Reiner ClementOnline-KommunikationvonUnternehmenim Kontextvon Web 2.0 –Technologiennegativ über ein Produkt oder Leistungen eines Unternehmensäußern, woraufhin das Unternehmen rechtlicheSchritte einleitet. Ein drittes Beispiel sind Störfälle,Unfälle oder Unternehmensskandale – sie führen dazu,dass Personen ihren Protest im Web organisieren undGleichgesinnte sammeln, um die Missstände einer breiterenÖffentlichkeit bekannt zu machen.Besonders populär ist in diesem Zusammenhangder Begriff „Shitstorm“, der 2011 zum Anglizismus desJahres gewählt worden ist. Gemeint ist eine unvorhergeseheneüber soziale Netzwerke und Blogs transportierteWelle der Entrüstung über das Verhalten öffentlicherPersonen oder Institutionen: Sie kann sich schnellverselbstständigen, vom sachlichen Kern entfernen undschwappt häufig auch in die traditionellen Medien hinüber.Eine derartige Kommunikation kann jedes Unternehmentreffen. Zum einen werden Ruf und Reputationgeschädigt, zum anderen können sich negative Berichteund Meldungen auch materiell auswirken. Krisenkommunikationverfolgt vor diesem Hintergrund primär dasZiel, den Unternehmenswert zu schützen. Darauf bezogenenMaßnahmen sollen• Handlungsspielräume retten,• eine Orientierung für Mitarbeiter, Investoren,Kunden, Politik und Öffentlichkeit bieten, Kostender Krisenbewältigung reduzieren,• Vertrauensverlust minimieren.Neue Kommunikationsstrategien notwendigSocial Media bzw. das Internet verändern das Umfeldder Krisenkommunikation und -prävention im Vergleichzu traditionellen Medien in vielfacher Hinsicht.


BONNER PERSPEKTIVEN59Stichwort: VernetzungKritik, die früher abseits der Öffentlichkeit in Beschwerdebriefenoder an der Service-Hotline stattfand, wirdheute online verbreitet. Jeder Internet-Nutzer ist im Prinzipin der Lage, z.B. ein negatives Feedback über Unternehmenim Web zu veröffentlichen. Unbeteiligte identifizierensich mit krisenhaften Vorgängen in Unternehmenund verlangen nach Informationen. Durch Zugriff auf einenweltweiten Datenbestand können die Menge verfügbarerInformationen und auch die Transparenz der Situationerhöht werden. Akteure (z.B. Unternehmen, Medien)können in Echtzeit über Ereignisse aus verschiedenenPerspektiven berichten und informieren. Allerdings beschleunigtsich dadurch auch die Krisenentwicklung underfordert eine rasche Reaktions- und Handlungszeit derKrisenkommunikation.Stichwort: InteraktivitätIm Gegensatz zu den klassischen Medien, die Sorgfaltspflichtenunterliegen und Richtlinien des Medienrechtsbeachten müssen, haben Social Networks und Blogs einenerheblich größeren Bewegungsfreiraum:Mediennutzer werden hier selbst zum Sendervon Nachrichten. Es ist eine neue „Bewertungskultur“und Teilöffentlichkeit entstanden, die eigene Regelnder Aufmerksamkeit und Kommunikationsstile entwickeln.Verärgerte Mitarbeiter, enttäuschte Kunden undmissgünstige Wettbewerber können daneben ihrenUnmut unmittelbar kommunizieren. Meinungen undInhalte verbreiten sich unter entsprechenden Bedingungennahezu explosionsartig. Kritiker finden zudemGleichgesinnte und üben gemeinsam „Druck“ aus. DieRelevanz von „Influencern“ steigt mit dem Grad derVernetzung.


60BONNER PERSPEKTIVENProf. Dr.Reiner ClementOnline-KommunikationvonUnternehmenim Kontextvon Web 2.0 –TechnologienKrisenhaltige Themen treten in ihrem Anfangsstadiumvermehrt im Web auf und gelangen später in den Fokusklassischer Massenmedien. Allerdings gibt es auchden umgekehrten Weg. Erst werden Themen von traditionellenMedien öffentlich gemacht und ziehen dannin Social Media ein. Wenn der Nachrichtenwert stimmtbzw. interessant erscheint, ergibt sich ein Spiralprozess,bei dem beide Seiten sich wechselseitig verstärken.Stichwort: Fehlende GatekeeperEs gibt häufig keine Gatekeeper, die Informationensichten, bewerten und selektieren. Die klassische Filter-und Redigierfunktion von traditionellen Medien fehltzum Teil vollständig. Zwar sind dadurch Informationenschnell und umfassend zu verbreiten. Oft sind die Absendervon Informationen aber nicht verifizierbar und dieGlaubwürdigkeit einer Nachricht ist unklar. Damit habenauch schlecht recherchierte oder sogar böswillig falscheInformationen bzw. Gerüchte eine Chance auf schnelleVerbreitung.Stichwort: Technologische Struktur von Social MediaDie Social Media Nutzung ist aus ökonomischer Sichtdurch begrenzt rationales Verhalten gekennzeichnet(z.B. limitierte Informationen, Beeinflussung durch„Friends“ und „Follower“). Social Media haben bezogenauf die Übernahme von Überzeugungen nur einenkurzen Adoptionsprozess. Die schiere Menge vonNetzwerk-Nachbarn fördert das Echo und wirkt alsVerstärker. Solche Effekte lassen sich in Modellversuchengut simulieren, sind also keine Theorie. EineOrientierungshilfe für die Schwere einer „Empörungswelle“liefert die von Schwede/Graf auf Basis derAuswertung von Fallbeispielen entwickelte 7-stufige


BONNER PERSPEKTIVEN61Shitstorm-Skala. 3 Wenn Unternehmen auf den Einsatzvon Social Media-Maßnahmen verzichten, sehen siehäufig keinen Sinn darin, sich mit der Krisenkommunikationinnerhalb dieser Kanäle auseinanderzusetzen.Allerdings kann sich kein Unternehmen aus SocialMedia heraushalten. Entweder wird aktiv partizipiertoder es wird anderen (z.B. Kunden, Mitbewerbern)überlassen, sich in Social Media zum Unternehmen zuäußern. Wichtig ist vor allem die Auseinandersetzungmit möglichen Krisen auf den eigenen Social Media-Kanälen, denn hier wird erwartet, dass ein Unternehmenreagiert, wenn negative Kommentare und Kritiklaut werden. Ob es ein Unternehmen also will odernicht, es kann potentiell im Web öffentlich Gegenstandvon Diskussionen werden. Die Informationshoheit hatsich im Web zwischen Unternehmen und Anspruchsgruppenfaktisch verschoben.Wie funktioniert Online-Krisenprävention?Um ein „negatives Grundrauschen“ frühzeitig analysierenzu können, braucht es Instrumente, die das SocialWeb in Echtzeit abtasten. Aktuelle Tools reichen von derSchlagwortsuche über Quellen- und Urheber- und Ortsstatistikenbis hin zu Möglichkeiten der Stimmungs- undWerturteils-Analyse. Die Angebote auf dem Markt variierenzwischen kostenlosen Werkzeugen bis hin zu umfangreichenBeratungspaketen spezialisierter Anbieter.Das Online-Monitoring gilt daher als ein strategischesFrühwarnsystem. Studien zeigen jedoch, dass Unternehmenhäufig nicht hinreichend auf gegen sie gerichteteOnline-Kritik vorbereitet sind. Neben technologischen3 Feinheit.ch (2012): Shitstorm for Dummies. 10 Tipps aus der Praxis,wie ich einen Shitstorm starte. Und 10 Tricks, was ich tun kann, wenn ichin einen Shitstorm gerate: http://www.slideshare.net/dgraf1/shitstormfor-dummies;http://www.feinheit.ch/media/medialibrary/2012/06/shitstorm-grafik.pdf.


62BONNER PERSPEKTIVENProf. Dr.Reiner ClementOnline-KommunikationvonUnternehmenim Kontextvon Web 2.0 –TechnologienDefiziten sind die Ursachen vor allem in fehlenden personellenRessourcen und der unzureichenden strategischenVorbereitung zu suchen.Unternehmen, die Social Media gegenüber Kundeneinsetzen, bieten gleichzeitig einen potentiellen Raumfür Krisenkommunikation. Vielen Unternehmen fehlenschlichtweg professionelle Mitarbeiter, die mit den Besonderheitendes Web vertraut sind. Social Media sindinteraktiv, immer in Bewegung, regeln sich weitgehendselbst, sind schnell und „immer da“. Unternehmen undMitarbeiter müssen sich daher auf diesen nur begrenztsteuerbaren Prozess einlassen und mögliche Folgen mitbedenken.Ein großer Teil von Online-Krisen wird selbstverschuldetund z.T. auch durch Mitarbeiter ausgelöst.Zur Vermeidung solcher Fehler müssen alle Mitarbeiter,die im Kontext der Kommunikation relevant sind, z.B.mit Social-Media-Richtlinien des Unternehmens vertrautgemacht werden. Dazu zählt auch die Vermittlung vonVerhaltensregeln im Umgang mit kritischen Reaktionenvon Kunden und Anspruchsgruppen.Teilweise gibt es „Krisen mit Ansagen“. Dabei kannes sich z.B. um eine geplante Marketingaktion, Werbekampagneoder Produkteinführung mit Issue-Potentialhandeln, die Kritiker auf den Plan rufen kann. In diesemFall erscheint eine Krisenprävention auf Basis von Szenarienmöglich, die mögliche Kritik vorab formuliert undmit Reaktionsweisen verknüpft. Unternehmen könnenhier „Leitplanken“ für eine verlässliche Reaktion entwickeln.Auch lassen sich Formulierungen und Statementszu bekannten Issue- und Krisenthemen vorab formulieren.Wichtig ist es, sich bereits präventiv mit möglichenKrisenszenarien zu beschäftigen. Die beste Vorbereitungist es, bereits professioneller Teil der relevanten Netzöffentlichkeitzu sein, bevor es zur Krise kommt.Checklisten, Social Media Guidelines, Ablaufpläne


BONNER PERSPEKTIVEN63mit beispielhaften Szenarien, Rollenverteilung, Listen mitAnsprechpartnern – um nur einige Beispiele zu nennen,sind feste Bestandteile der Online-Krisenprävention. Vorallem der Aufbau von Reputation und Vertrauen gilt als eindigitales Schutzschild, das Krisen von vornherein abwehrensoll. Elemente sind u.a. die Vernetzung von OnlineundOffline-Kommunikation sowie mit Meinungsmachern,die Suchmaschinenoptimierung, sowie ein dauerhafterund glaubwürdiger Dialog mit Anspruchsgruppen.Kommunikation in und nach der KriseZur Lösung krisenhafter Sachverhalte ist eine dialogorientierteKommunikation unverzichtbar. Sinnvoll erscheintin diesem Zusammenhang eine Trennung zwischen gerechtfertigterund ungerechtfertigter Kritik. Unternehmensollen in Krisen zur primären Quelle für die Anspruchsgruppenwerden. Dafür eignen sich eigene Webseiten,Blogs und Social Media am besten. Sie sind schnellbespielbar und können rasch aktualisiert werden. Unternehmenhaben nur begrenzte Ressourcen und könnendaher nicht auf jegliche Form der Kritik reagieren: 4• Soft real-time: Nach Ablauf einer Deadline kannein Unternehmen reagieren, muss es aber nicht.Der Nutzen nimmt jedoch stetig ab, je länger gewartetwird. Keine Reaktion richtet aber auch keinenSchaden an.• Firm real-time: Der Nutzen tendiert gegen Null,wenn bis zur Deadline nicht reagiert wird. Keine Reaktionrichtet aber auch hier keinen Schaden an.• Hard essential: Wird bis zur Deadline nicht reagiert,wird der Nutzen negativ. Es entsteht ein konstanterSchaden.4 Etzion, O. (2007): On Real-time, Right-time, latency, throughputand other time-oriented measurements; http://epthinking.blogspot.de/2007/11/on-real-time-right-time-latency.html.


64BONNER PERSPEKTIVENProf. Dr.Reiner Clement5 Owyang, J. (2008): A Chronology of Brands that Got Punk’d by SocialMedia; http://www.web-strategist.com/blog/2008/05/02/a-chonology-of-brands-that-got-punkd-by-social-media/.Online-KommunikationvonUnternehmenim Kontextvon Web 2.0 –Technologien• Hard critical: Wird bis zur Deadline nicht reagiert,wird der Nutzen stark negativ. Es kommt zur „Katastrophe“als Form der Krisenverschärfung.Nach Ablauf der Krise sollten die ergriffenen Strategienund Maßnahmen kritisch evaluiert werden. Handlungenund daraus gewonnene Erkenntnisse lassen sichdokumentieren. Der Dialog mit Anspruchsgruppen, kritischenTeilöffentlichkeiten und Betroffenen wird fortgesetzt.Es gilt Maßnahmen zu treffen, die gegebenenfallsangegriffene Online-Reputation und das Vertrauen derAnspruchsgruppen wiederherzustellen. Krisen bietenimmer auch die Chance für Veränderungen. BegangeneFehler können zukünftig vermieden und Maßnahmenoptimiert werden.„Offener Dialog“ als Königsdisziplin der KrisenkommunikationMit dem Social Web sind vernetzte Mikroöffentlichkeitenentstanden. Dadurch werden andere Voraussetzungender Entstehung von Krisen, aber auch gleichzeitig neueMöglichkeiten der Krisenprävention und -kommunikationgeschaffen. Die Chancen, die Social Media in der Kommunikationbieten, dürften die Risiken von Online-Krisenüberwiegen. Studien gehen davon aus, dass bisher nursehr wenige Unternehmen einen dauerhaften finanziellenSchaden aus einer fehlerhaften Krisenkommunikation erlittenhaben. 5 Die Wahrscheinlichkeit, durch eine offeneKommunikation in Social Media dauerhaft in einer Unternehmenskrisezu landen, erscheint daher (noch) gering.Allerdings sollten sich die Unternehmen auf den offenenDialog mit Kunden und anderen Anspruchsgruppen vorbereiten.Der offene Dialog gehört nicht zwangsläufig zu


BONNER PERSPEKTIVEN65den „Königsdisziplinen“ von Unternehmen. Krisen sindim Social Media-Kontext kaum planbar und jede Krisefolgt ihrem eigenen Verlauf. Es gibt daher keinen festenFahrplan zur Krisenbewältigung, aber Möglichkeiten derVorbereitung. Die Prävention ist wichtigster Baustein derKrisenkommunikation.Die Größe des Handlungsspielraums hängt vonder Zeitspanne ab, die zwischen Krisenwahrnehmungund Existenz der Krise liegt. Je näher die Zeitpunktebeieinander liegen, desto kleiner wird der Handlungsspielraum.Unternehmen müssen im Fall einer Kriseoffen kommunizieren, um Glaubwürdigkeit zu erhalten.Folgende Empfehlungen zur Vermeidung von „Flächenbränden“lassen sich formulieren: 6• Brandmauer ziehen: Online-Reputation als digitalesSchutzschild.• Vorbereiten und Basis schaffen: Echtzeit-Monitoringals Frühwarnsystem, infrastrukturelle Voraussetzungenschaffen (Personal, Ressourcen),mögliche Krisen simulieren und Gegenstrategienentwickeln.• Schnell löschen: Dialogorientierte Kommunikationin der Krise; unmittelbare, kompetente Reaktion;Fakten sprechen lassen; Social Media ädaquateinsetzen; Zielgruppen- und kanalspezifisch kommunizieren.• Verbessern: Erfolgskontrolle von Maßnahmen;Verbesserungspotentiale identifizieren; Notfall-pläneanpassen.Unternehmen müssen sich diesen Veränderungen stellen.Entweder wird aktiv partizipiert oder es wird anderen(z.B. Kunden, Mitbewerbern) überlassen, sich in SocialMedia zum Unternehmen zu äußern. Wichtig ist vor al-6 Hardiman, M. (2011): Krisenkommunikation 2.0. Was tun, wenndas Kind in den Brunnen gefallen ist? http://www.slideshare.net/KPZ-Social-Media/krisenkommunikation-im-social-web-10596070.


66BONNER PERSPEKTIVENProf. Dr.Reiner ClementOnline-KommunikationvonUnternehmenim Kontextvon Web 2.0 –Technologienlem die Auseinandersetzung mit möglichen Krisen aufden eigenen Social Media-Kanälen, denn hier wird erwartet,dass ein Unternehmen reagiert, wenn negativeKommentare und Kritik laut werden. Zuhören, vernetzenund Beziehungspflege gewinnen daher zukünftig an Bedeutung.77 Clement, R./Schreiber, D. (2013): Internet-Ökonomie. Grundlagenund Fallbeispiele der vernetzten Wirtschaft, Heidelberg (forthcoming),Kap. 10.


BONNER PERSPEKTIVEN67Revolte per Mausklick? ZurRolle digitaler Medien im„Arabischen Frühling“„Facebook-Aktivismus“, „Twitter-Revolution“, „Volksaufstandper Mausklick“ – kein Schlagwort scheint in denZeiten der Revolutionswelle im Zuge des „ArabischenFrühlings“ plakativ genug, um die besondere Bedeutungdigitaler Plattformen und Neuer Medien beim historischenUmbruch im arabischen Raum zu beschreiben.Und spätestens seit der ägyptische Internetaktivist undGoogle-Manager für den Mittleren Osten Wael Ghonimzum Gesicht der ägyptischen Protestbewegung und vomUS-Magazin „Time“ zur einflussreichsten Persönlichkeit2011 gekürt wurde, ist der „Hype“ um die Wirkung vonTwitter, Facebook und Co. nicht mehr zu stoppen.In diversen internationalen Medien und Foren, aberauch in Politik und Wissenschaft, entzündete sich eine kontroversgeführte Diskussion über die tatsächliche Wirkungvon digitalen Medien auf die größte Massenmobilisierungin der jüngsten Geschichte arabischer Völker. Den Kerndieser Debatte bildeten zwei grundlegende Fragen: Wärendie arabischen Revolutionen ohne den Einsatz sozialer Medienmöglich gewesen? Und welchen Beitrag konnten derenNetzwerke zum demokratischen Transformationsprozessin den postrevolutionären arabischen Staaten leisten?Loay Mudhoon,geb. 1972, ist Nahostexperteund Redaktionsleiterdes DialogportalsQantara.de der DeutschenWelle. Der Politik- undIslamwissenschaftler lehrtzudem seit 2005 am Institutfür Internationale Politikund Außenpolitik und amOrientalischen Seminar derUniversität zu Köln.Freie Medien jenseits staatlicher KontrolleZweifelsohne spielten Soziale Medien eine zentrale Rollebei der Vorbereitung und Organisation der historischenProtestwelle in der arabischen Welt. Denn sie stießen inneue Dimensionen vor, eröffneten den Menschen andereKommunikationskanäle jenseits staatlicher Medienkont-


68BONNER PERSPEKTIVENLoay MudhoonRevolte perMausklick? ZurRolle digitalerMedien im„ArabischenFrühling“rolle – und ermöglichten somit neuartige Formen der freienInteraktion und Partizipation. Menschen unterschiedlicherHerkunft konnten ihre Standpunkte deutlich machen.Bei Facebook und allen anderen Medien war dererste Schritt entscheidend; nämlich die Überwindungder Angst und die Schaffung von neuen Artikulationsräumen,zunächst virtuell, dann real. Denn ohne diesefreien Räume wären weder Gruppenbildung noch Massenmobilisierunggewesen. Auch deshalb sprechen wirvon einer neuen arabischen Welt, in der die Schrankender Angst gefallen sind. Seitdem sind die Neuen Medienals Mittel zur Bewusstseinsbildung für das, was realexistiert, im arabischen Raum nicht mehr wegzudenken.Keine „Facebook-Revolution“Doch jenseits dieser Euphorie, hinter der sich teilweise einneuartiger Technikfetischismus im globalen Demokratiediskursverbergen dürfte, sollte die Bedeutung SozialerMedien für das Gelingen der ersten Etappen der arabischenRevolutionen nicht überschätzt werden. Schließlichlagen die realen Ursachen für die Volksaufständeauf der Hand, nämlich die schlechte Versorgungslageder Bevölkerung durch die sozioökonomischen Krisenund die Reformblockade durch die völlig korrupten undunfähigen arabischen Machteliten. Außerdem führt dieÜberbetonung der Rolle der Sozialen Netze dazu, denpolitischen Gehalt der sozial-bürgerlichen Revolten auszuhöhlen– und sie auf diese Weise zu „virtualisieren“.Aus diesem Grund distanzieren sich führende arabischeBlogger wie die Ägypter Alaa Abdel-Fattah undAhmad Badawy in aller Deutlichkeit von Bezeichnungenwie „Facebook-Revolution“ oder „digitalen Dissidenten“.Vielmehr verweisen sie auf die Bedeutung von Flugblättern,Bürgerversammlungen und die kreativen Aktionsformender vielen verschiedenen Aktivisten für die Mobi-


BONNER PERSPEKTIVEN69lisierung. Alaa Abdel-Fattah erinnert immer wieder daran,dass die Massenproteste in Ägypten weitergingen, als dasMubarak-Regime das gesamte Internet und alle MobiltelefonnetzeAnfang Februar 2011 komplett abschalten ließ.Für ihn ist es wichtig zu verstehen, dass der Einsatz vonOnline-Plattformen rein instrumentell war. Fast alle tonangebendenarabischen Blogger verstehen sich übrigens alsAgenten des Wandels und Triebkräfte der neu zu etablierendensozialen und politischen Ordnung.Dieser politisch motivierte, digitale Aktivismus lässtsich am Beispiel Ägypten gut verdeutlichen, wo viele Blogger,die an der Revolution maßgeblich teilnahmen, gleichzeitigMitglieder der „Jugendbewegung des 6. April“ waren.Diese Bewegung stellt „die Keimzelle der Revolution“ dar.Sie hatte zu den ersten Protesten aufgerufen – lange vor derBesetzung des symbolträchtigen Tahrir-Platzes in Kairo. Siewar aus dem Arbeitskampf in der Textil-Stadt Mahala imNil-Delta im April 2008 hervorgegangen. Am 6. April 2008nahmen mehr als 70.000 Arbeiter am ersten mit Hilfe von Facebookorganisierten Streik teil. Diese schnelle Mobilisierungüberraschte nicht nur die ägyptischen Sicherheitsbehörden,sondern die Aktivisten selbst, die in diesem Augenblick dasgroße Potenzial dieser neuen Medien erkannt haben.Symbiotische Vernetzung klassischer und NeuerMedienAuch wenn der Startschuss für diese historische Protestwelleden neuen sozialen Medien zuzuschreiben ist, die Weiterentwicklungund die innerarabische Popularisierung der„Arabellion“ kam erst durch den transnationalen arabischenSender Al Jazeera zustande. Das gilt auch für die Bildungsymbolischer Repräsentationen, wie sie durch die Schaffungvon Ikonen wie Mohamed Bouazizi entstanden sind.Al Jazeera trug die revolutionäre Dynamik von dendigitalen Elitenmedien in alle arabischen Haushalte –


70BONNER PERSPEKTIVENLoay MudhoonRevolte perMausklick? ZurRolle digitalerMedien im„ArabischenFrühling“und schuf somit eine panarabische Identitätsgemeinschaft.Ohne Al Jazeera wäre die Revolution in Syrienwahrscheinlich schon niedergeschlagen worden, so wiedie iranische „Twitter-Revolution“ 2009.Als sicher gilt auch: Ohne Al Jazeera wären die arabischenRevolutionen anders verlaufen, denn der Nachrichtensenderaus dem Mini-Emirat Katar befeuerte dieAufstände in Tunesien, Ägypten und Libyen und ist zumSprachrohr und Motor der arabischen Revolutionen aufgestiegen.Aber das arabische Leitmedium spielt nicht immerund überall eine ruhmreiche Rolle, wie wir in Bahrainsehen: Dort tat er den bürgerlichen Volksaufstand als„Unruhe mit konfessionellem Hintergründen“ ab – einschwerwiegender Glaubwürdigkeitskonflikt. Auch imSyrienkonflikt agiert er eindeutig als politischer Akteur.Der mächtige Nachrichtenpionier und arabische Tabubrecheravancierte in den letzten zwei Jahren zunehmendzu einem Softpower-Instrument im Dienste derAußenpolitik Katars.Abschließend lässt sich zusammenfassen, dasssoziale Medien und Netzwerke eine wichtige Rolle beider Vorbereitung und Koordination der Massenprotestespielten; sie fungierten zudem als Katalysator und Brandbeschleuniger.Doch für die analytische Einordnung ihrerRolle muss auch die Rolle traditioneller Massenmedienwie die einflussreichen Sender Al Jazeera und Al-Arabijaberücksichtigt werden, vor allem die historische Zusammenarbeitund die symbiotische Vernetzung klassischerund Neuer Medien.Digitale Medien können effektive Instrumente fürpolitischen Wandel und demokratischen Aufbruch sein,wenn Graswurzelorganisationen und etablierte Protestbewegungenvon ihnen Gebrauch machen – und nichtvereinzelte Blogger und Technikfetischisten.


71Impressumbonnerperspektivenwird herausgegeben von Bodo Hombach,Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehrepraktischer Politik (BAPP)Redaktionsleitung:Dr. Boris Berger (V.i.S.d.P.), Tabea ReissenbergerLayout und Satz:Rumberg Grafik Bonn, Benjamin TschöpeDruck:Kessoprint, Nikolausstr. 43, 53129 Bonn, www.kessoprint.deRecht:Das Werk ist in all seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Bonner Akademiefür Forschung und Lehre praktischer Politik GmbH (BAPP)unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen,Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherungin und Verarbeitung durch elektronische Systeme.Titelbild:Fasserhaus/photocase.deBA PPBonner Akademiefür Forschung und Lehrepraktischer PolitikHeussallee 18-2453113 BonnTel. +49 228 7362990Fax +49 228 7362988bapp@uni-bonn.dewww.bapp-bonn.de

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