passagen - Pro Helvetia

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p a s s a g e s

Inhaltsverzeichnis

Dirk Wittenborn 02 «Papa, wer ist die Schweiz?»

Eine Fahrt nach Leukerbad

Jürg Halter 08 Ein amerikanischer Traum

Gedicht für Marc Smith

Ines Anselmi 09 «Wer Glück hat, der findet hier Gold»

Der Schweizer Migrationsforscher Leo Schelbert auf

Spurensuche in den USA

Sacha Verna im Gespräch mit der 15 Zürich – Manhattan – Long Island

Schweizer Künstlerin Garance Mit Garance am Strand

Jean Willi 20 «Nehmen Sie Ihre verfluchte Hand weg»

Die Filme der Gebrüder Dubini zu Thomas Pynchon,

Jean Seberg und Hedy Lamarr

Alfred Defago 25 Die verschwisterten Republiken

Was denken Amerikaner über die Schweiz?

Milena Moser 31 Hollywood-Swissness à la carte

Ein fiktives Gespräch mit Renée Zellweger

Sam Burckhardt 34 CHicago Blues

Saxophonklänge über dem Michigan See

Hubertus Adam 39 If you go to San Francisco

Schweizer Architekten in den USA

Peter Haffner 43 New Glarus – Tellspielfieber im Wilden Westen

Eine Reise in die äusserste Heimat

MaryLou Carroll 50 Hohe Einsätze in Las Vegas

Der unermüdliche Unternehmer Peter Buol

Bart Plantenga 52 Wenn die Cowboys jodeln

Ein Kulturaustausch der besondern Art

Dorothee Vögeli 58 Die Frau mit der Friedenspfeife

Naomi Pfenningers Indianer-Festivals

Fotografie

Blickwechsel USA – CH

Geri Stocker

41

Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia fördert Kunst und Kultur in der Schweiz, sie setzt sich für den kulturellen Austausch im Inland

sowie mit dem Ausland ein. Mit ihrer Tätigkeit unterstützt sie eine kulturell vielseitige, zeitgenössische und offene Schweiz.

Das Pro-Helvetia-Kulturmagazin Passagen/Passages erscheint dreimal pro Jahr in deutscher, französischer und englischer Sprache.

Zu beziehen über die schweizerischen Auslandvertretungen, das Centre culturel suisse, 32, rue des Francs-Bourgeois, 75003 Paris (nur für

Frankreich), oder direkt beim Herausgeber: Pro Helvetia, Kommunikation, Postfach, CH-8024 Zürich, Tel. + 41 44 267 71 71, Fax + 41 44 267 71 06,

E-mail: alangenbacher @pro-helvetia.ch. In der Schweiz ist Passagen für sFr. 12.50 (Einzelnummer) oder im Jahresabonnement für sFr. 35.–

erhältlich. (http://www.pro-helvetia.ch).

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«Papa, wer ist die Schweiz?» Eine Fahrt nach Leukerbad

Dirk Wittenborn «Wer ist die Schweiz?» Mit dieser metaphysischen

Frage überraschte mich meine Tochter Lilo, die in

zwei Monaten ihren dritten Geburtstag feiern sollte.

Es war 7.43 Uhr morgens am Freitag, dem 1. Juli

2004, und wir hatten noch zwölf Minuten, um unseren

Zug zu erwischen. Vor uns lag eine 500-Kilometer-Reise

von Marseille in die Walliser Alpen,

wo ich Gast des 9. Internationalen Literaturfestivals

in Leukerbad war. Das akuteste der zahlreichen

Probleme, mit denen wir uns an diesem Morgen

herumschlugen, war die Tatsache, dass ich

mich hoffnungslos verfahren hatte. Mein Französisch

war so holprig, dass ich jedes Mal, wenn ich

anhielt, um nach dem Weg zu fragen, nicht zum

Bahnhof, sondern zu einem Kriegsdenkmal geschickt

oder mit einem wütenden Wortschwall

zur imperialistischen Invasion des Iraks durch

mein Heimatland überschüttet wurde.

Nachdem ich mich einmal mehr für einen Präsidenten

entschuldigt hatte, den ich – wie die meisten

Amerikaner – nicht gewählt habe, erklärte ich

meiner Tochter: «Die Schweiz ist ein Ort, Liebling,

kein Mensch.» Ich bemühte mich um einen munteren,

sorglosen Ton, doch in Wahrheit machte ich

mir einige Sorgen – nicht nur darum, ob wir den

Zug verpassen würden.

An diesem Punkt meiner Geschichte muss ich

kurz etwas zurückblenden. Die Wochen vor diesem

Freitag im Juli war ich auf einer Lesereise, zu

der ich meine Frau und meine Tochter mitgenommen

hatte – obwohl mich jeder, von meinem

Therapeuten bis zu den Leuten von meinem Verlag,

gewarnt hatte, dass das ‹ziemlich stressig›

werden könnte. Zudem sei es ‹Wahnsinn›, ein

knapp dreijähriges Kind ausgerechnet auf dieser

Reise, auf der wir mit Auto, Zug und Flugzeug von

Hotel zu Hotel hetzten, ans Töpfchen gewöhnen

2

zu wollen. Leider sollten sie damit nicht ganz Unrecht

haben. Meine Frau Kirsten hatte sich eine

heftige Stirnhöhlenentzündung eingefangen und

dagegen eine ganze Palette gälischer Antibiotika

geschluckt, die sie so komatös machten, dass ich

mich langsam fragte, ob sie die Medikamente

wirklich in der Apotheke und nicht bei einem

Drogendealer auf der Strasse gekauft hatte. Aber

die echte Pièce de Résistance auf unserem abenteuerlichen

Trip durch Europa war eine andere: In

meine Tochter gingen zwar Unmengen von Käse

und Leberpastete hinein, kamen aber seit sechs

Tagen nicht mehr heraus. Es war nicht bloss eine

kleine Verstopfung; sie war aufgebläht wie ein

Ballon kurz vor dem Zerplatzen.

«Hört das Bauchweh in der Schweiz auf?»

«Alles wird gut, wenn wir in der Schweiz sind, ich verspreche

es.» Das Schlimmste an der ganzen Sache

war, dass wir Lilo mit unseren ohnehin zum Scheitern

verurteilten Versuchen, sie unterwegs ans

Töpfchen zu gewöhnen, so viel Angst vor einem

Missgeschick gemacht hatten, dass sie kurzerhand

beschloss, überhaupt nicht mehr auf die

Toilette zu gehen.

«Wird es Pinky in der Schweiz gefallen?» Pinky war

ein Stoffelefant, den meine Tochter überallhin

mitnahm und der, man ahnt es, pink war.

«Pinky wird die Schweiz lieben, mein Schatz.» Dank

der Stirnhöhle meiner Frau und des Magens meiner

Tochter hatten wir in den vergangenen drei

Nächten höchstens sechs Stunden geschlafen.

Wir waren alle übermüdet und völlig erschöpft,

und ich sass seit sechs Uhr morgens am Steuer.

Die gute Nachricht war, dass wir den Zug noch

erwischten. Die schlechte: Halb Frankreich reiste

an diesem 1. Juli in die Ferien. In unserem Zug

herrschte ein grösseres Gedränge als in einer Dose


Ölsardinen. Schliesslich fanden wir drei freie

Plätze. Ich dachte, das sei das vorläufige Ende

meiner Probleme und ich könnte endlich ein wenig

schlafen. Doch schon beim nächsten Halt war

es mit der Ruhe vorbei: Drei durchgedrehte Wintersportler

stürmten das Abteil und wollten uns

von unseren Sitzen vertreiben. Wir riefen den

Schaffner zu Hilfe, doch vergeblich: Da ich den

Rat des Leukerbader Literaturfestivals ignoriert

und keine Platzreservation gemacht hatte, wurden

wir zu Reisenden dritter Klasse degradiert.

Bei jedem Stopp des Zugs in Frankreich wurden

unsere Sitze von Zugestiegenen beansprucht, so

dass wir immer wieder mit Sack und Pack – drei

Koffer, ein paar Taschen und ein Kinderwagen

samt Kind – das Abteil wechseln mussten. Zugegeben,

ich war selbst schuld, aber wieso betitelten

mich die anderen Passagiere deswegen ständig

als ‹Ente›? Als ich herausfand, dass sie nicht

‹canard›, sondern ‹connard› sagten und dass das

etwas ganz anderes bedeutete, war ich dann

doch leicht beleidigt. Meine Frau schniefte, die

Kleine weinte, und ich flüchtete mich in Gedanken

daran, wie ich mir die Schweiz in meiner

Kindheit vorgestellt hatte.

Wie für die meisten in den Fünfzigerjahren geborenen

Amerikaner war die Schweiz auch für mich

als Junge gleichbedeutend mit dem Kakaopulver

Swiss Miss und roten Messern mit unzähligen

Klingen. Später zeigten mir die Spielfilme über

den Zweiten Weltkrieg, die ich als Jugendlicher

heiss liebte, die Schweiz als Ort der Zuflucht und

Sicherheit. Zwar wurde immer kurz vor der Grenze

noch jemand erschossen, aber für jene, die

durchkamen, war die Schweiz das Paradies.

Und wir? Ob wir es wohl dorthin schaffen würden?

Meine Frau und ich waren uns da gar nicht mehr

so sicher. Ein Dutzend Platzwechsel in einem

schwankenden Zug, ebenso viele erfolglose Toilettenbesuche

mit unserer Tochter, aus einem Ghettoblaster

dröhnte Britney Spears, und jedes Mal,

wenn Lilo fragte: «Sind wir jetzt in der Schweiz?»,

mussten wir sie enttäuschen – allmählich war

uns allen dreien zum Heulen zumute. Irgendwann

fanden wir gar keinen Sitzplatz mehr und

mussten im Gang neben den Toiletten stehen.

Meine Frau und ich, beide vor Schlafmangel kaum

noch zurechnungsfähig, versuchten unsere Tochter

und uns selbst aufzumuntern, indem wir von

all den schönen Dingen sprachen, die uns in der

Schweiz erwarten würden.

«Lilo, weisst du, wer in der Schweiz wohnt?»

«Mein Bauch tut weh.»

«Heidi.» Während das Heidi meiner Kindheit

schwarzweiss war und von Shirley Temple verkörpert

wurde, kannte meine Tochter, wie auch meine

Frau, Johanna Spyris Heldin aus den japanischen

Zeichentrickfilmen.

«Ich habe Hunger.»

«Das kann doch gar nicht sein.» Snacks sind nicht

gerade das beste Mittel gegen Verstopfung.

In einem verzweifelten Versuch, Lilo vom Gedanken

an Essen abzulenken, begann meine Frau, die

aus Deutschland stammt, zu singen: «Heidi, Heidi,

deine Welt sind die Berge.» Die Leute starrten uns

an, aber das kümmerte mich nicht. Bei der zweiten

Zeile stimmte ich mit ein: «Heidi, Heidi, denn

dort oben bist du zu Haus …»

Nachdem wir endlich die Schweizer Grenze erreicht

hatten, wurde unsere Reise noch qualvoller,

weil sich uns durch das Fenster verwischte,

impressionistische Bilder herrlicher Verheissungen

boten: Obstbäume, schneebedeckte Berge, saubere

Toiletten. Doch drinnen, in diesem elenden,

3


Zofingen/Aargau, Schweiz


Bernstadt/Kentucky, USA


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überfüllten Zug, mussten wir weiterhin dauernd

den Platz wechseln. Meine Beine schmerzten,

und vom ständigen Herumtragen der Koffer hatte

ich Blasen an den Händen. Als wir im Bahnhof

von Genf einfuhren, konnte ich mich kaum noch

zurückhalten: Ich musste endlich hinaus, hinaus

in die Schweiz!

Ich hatte meiner Familie hoch und heilig versprochen,

dass wir am Bahnhof ein Auto mieten würden,

die Strapazen damit vorbei seien und unser

Aufenthalt in der Schweiz von da an nur noch

traumhaft sein würde. Mein Plan hatte nur einen

winzigen Fehler: Im Genfer Bahnhof gibt es keinen

Autoverleih. Bevor meine Frau einen Scheidungsanwalt

anrufen konnte, liess ich mein Gepäck fallen,

rannte aus dem Bahnhof und machte mich

auf die Suche nach einem fahrbaren Untersatz.

Es klingt vielleicht seltsam, aber nach wenigen

Metern hatte ich alles, was mit der Schweiz zu tun

hat, ins Herz geschlossen. Wenn ich in Frankreich

jemanden nach dem Weg gefragt hatte, musste

ich froh sein, wenn er grunzte und mit dem Finger

in die ungefähre Richtung zeigte. In Genf hingegen

nahm sich ein älterer Herr sogar die Zeit,

mir eine kleine Karte aufzuzeichnen. Ich mietete

ein Auto, holte Frau und Tochter ab und fuhr los.

Wir waren zwar heilfroh, dass wir ab jetzt unsere

Sitzplätze auf sicher hatten, aber von unserer bisherigen

Reise noch zu traumatisiert, um die ersten

dreissig Kilometer Schweiz geniessen zu können.

Es war seltsam und surreal, aber erst der

Halt an einer Autobahnraststätte machte uns bewusst,

dass wir im Paradies angekommen waren.

In Amerika sind sogar die Busbahnhöfe noch eine

Spur komfortabler und angenehmer als die Truck

Stops an den Highways. Im Gegensatz dazu fühlten

wir müden Reisenden uns in dieser Schweizer

Raststätte wie Könige. Es gab Krüge mit frisch gepresstem

Orangen-, Melonen- und Ananassaft auf

Eis, Ahorn-Walnuss-Eiscreme von Mövenpick und

draussen einen grossen Teich – oder eher einen

kleinen See – mit Enten, die meine Tochter füttern

konnte. Und mit Windsurfern, die uns daran erinnerten,

dass das Leben ein einziger Urlaub ist.

Als meine Tochter zum hundertsten Mal fragte:

«Sind wir endlich da?», war die Antwort immer

noch «Nein». Aber es fühlte sich an wie ein «Ja».

Die nächsten hundert Kilometer ging es zwar stetig

bergauf, aber uns kam es vor, als wären wir

entlang einer Küste unterwegs. Wir fuhren durch

endlose grüne Täler und unterhielten uns darüber,

dass wir tatsächlich dem gleichen Weg folgten

wie einst Hannibal mit seinen Elefanten –

womit auch für Pinky auf dieser Reise etwas dabei

war. Wir rollten die Fenster herunter, sogen

die frische Luft und den Geruch der Föhren des

Pfynwalds ein, bewunderten den durch die Höhe

enzianblau gefärbten Himmel und hatten das Gefühl,

das Ziel unserer Reise schon vor der Ankunft

erreicht zu haben.

Wie bereits erwähnt, bin ich sehr gut darin, mich

zu verfahren. Aber unseren Zielort zu verfehlen

war sogar für mich unmöglich. Leukerbad ist das

hinterste – und meiner Meinung nach auch das

gemütlichste – Dorf im Dalatal. Wenn die Strasse

nicht mehr weitergeht, bist du da.

Ich wusste nichts über das Literaturfestival Leukerbad.

Alles, was mir mein Kontaktmann bei Dumont

sagen wollte, war: «Da musst du unbedingt

hin.» Als ich in die Einfahrt des Hotels Lindner

einbog, wo das Festival für uns Zimmer reserviert

hatte, ahnte ich, was er gemeint hatte. Das Hotel

hatte nicht nur vier Sterne, sondern auch ein

eigenes Thermalbad. Wenige Minuten nach unserer

Ankunft lagen meine Frau, meine Tochter und

ich in einem riesigen, dampfenden Pool, der noch

heute aus denselben Thermalquellen gespiesen

wird, die schon die Römer vor zweitausend Jahren

für ihre Bäder nutzten. Das für seine Heilkraft berühmte

Wasser wirkte auch bei uns Wunder:

Nach einer halben Stunde ging meine Tochter

freiwillig und alleine auf die Toilette und kam

nach wenigen Minuten sichtlich erleichtert wieder

hinaus.

Doch dies sollte nur die erste einer ganzen Reihe

von angenehmen Überraschungen sein, die uns

das Literaturfestival Leukerbad an diesem Wochenende

bereiten würde. Als wir ins Bett gingen,

war Leukerbad ein Dorf von nett gekleideten, bodenständigen

und naturverbundenen Schweizern.

Doch als wir am nächsten Morgen aufstanden

und zum Festivalstart auf dem Dorfplatz gingen,

war Leukerbad von einer kultivierten Armee von

Bücherfreunden aus Europa und Übersee erobert

worden. Alle waren vornehm blass und trugen

Schwarz, die Einheitsfarbe der Bohemiens – wenn

die Stimmung nicht so fröhlich gewesen wäre,

hätte man meinen können, man sei auf einer Beerdigung.

Der Zeremonienmeister dieses vielfältigen Kulturcocktails

war Ricco Bilger, der jungenhafte Gründer

und Leiter des Festivals. Er erwies sich als

eine dieser seltenen Erscheinungen in der Kulturszene:

ein unprätentiöser Schöngeist, ein Intellektueller,

der mit beiden Beinen fest auf dem Boden

steht. Fünf Minuten nach unserem Kennenlernen

hatte er mir bereits Autoren aus der Ukraine, Polen,

Ungarn und Deutschland vorgestellt und mich

zu einer Mitternachtslesung mit Champagner auf

dem Gemmipass eingeladen.

Für einen Schriftsteller sind alle Literaturfestivals

und insbesondere jenes von Leukerbad eine wunderbare

Sache, weil man sich für einige Tage auf

einem Planeten aufhält, dessen Bewohner Bücher


nicht nur lesen, sondern lieben. In Leukerbad liessen

wir den Alltag mit seinen langweiligen Gesprächen

über Termine, Steuern, Einkaufen, das Wetter

oder, wenn es ganz schlimm kommt, das Fernsehen

hinter uns. Stattdessen unterhielt man sich

im Café über unbekannte Dichter, deren Werke

bald ins Deutsche, Französische oder Englische

übertragen werden sollen, frühe Flirts mit französischer

manieristischer Prosa oder die Abkehr vom

Postmodernismus. Schriftsteller sitzen die meiste

Zeit allein an ihrem Schreibtisch. Im Gegensatz

dazu herrschte in Leukerbad ein Geist der Kameradschaft

und des gemeinsamen Feierns, der einem

das Gefühl gab, nicht nur gewürdigt zu werden,

sondern auch nicht mehr allein zu sein. Es

mag vielleicht seltsam klingen, aber ich besuchte

auch Lesungen in Sprachen, von denen ich kein

Wort verstand, nur um fasziniert dem Klang der

Stimme des Autors zu lauschen.

Für die erste Lesung aus meinem Roman Unter

Wilden hätte ich mir keinen komfortableren Ort

vorstellen können als die Bar des Fünf-Sterne-Hotels

des Dorfs. Als ich erfuhr, dass James Baldwin

in den Fünfzigerjahren hier in Begleitung abgestiegen

war, weil er sich nach einem Zusammenbruch

von den Thermalquellen Leukerbads Linderung

erhoffte, wusste ich, dass ich hier richtig

war. Ich weiss nicht, ob es an der filterlosen Zigarette,

dem Glas Wein aus der Region, der Höhe

oder an James Baldwins Geist lag, aber als ich mit

der Lesung anfing, tat ich etwas, was ich bis dahin

noch nie in meinem Leben bei einer solchen

Veranstaltung getan hatte. Ich war so entspannt,

dass meine Augen und meine Gedanken meiner

Stimme vorauseilen konnten. Während ich laut

vorlas, glitt gleichzeitig mein Blick bereits über

die nächsten Passagen. Als wäre das an sich nicht

schon seltsam genug, entdeckte ich einige Stellen,

an denen ich, wenn ich Unter Wilden ein zweites

Mal geschrieben hätte, kleine Änderungen vorgenommen

hätte. Plötzlich, und ohne darüber nachzudenken,

begann ich zu improvisieren; hier ein

anderes Adjektiv, da eine zusätzliche Dialogzeile

… Niemandem fiel etwas auf, nicht einmal meiner

Frau. Offenbar fühlte ich mich in Leukerbad

besonders frei und inspiriert. Auch bei meiner Lesung

am Nachmittag darauf hielt ich mich nicht

strikt an meinen Text.

Am letzten Abend des Festivals, nach dem Abschlussbankett,

nahm uns Ricco, der in Leukerbad

aufgewachsen ist, mit in eine kleine Bar in einer

Seitengasse, wo sich die Einheimischen das Finale

der Fussball-Europameisterschaft ansahen. Videospiele,

Pizza, laute Musik: Unmalerischer konnte

Leukerbad kaum sein. Doch sogar hier war der

Geist des Festivals noch zu spüren. Dichter, Schriftsteller,

Kellner und Zimmermädchen spendierten

sich gegenseitig Getränke. Das Schönste war, dass

alle Zuschauer beide Mannschaften anzufeuern

schienen. Für mich war damit die Frage meiner

Tochter beantwortet: «Wer ist die Schweiz?» Das ist

die Schweiz. ¬

Aus dem Englischen von Reto Gustin

Dirk Wittenborn ist Drehbuchautor und Schriftsteller. Seine

Bücher wurden in über einem Dutzend Ländern veröffentlicht.

Er schrieb das Drehbuch und ist ausführender Produzent bei

der Verfilmung seines letzten Romans Unter Wilden mit Diane

Lane und Donald Sutherland in den Hauptrollen. Im Verlauf

seiner Karriere, die er als Sketcheschreiber für die US-Fernsehshow

Saturday Night Live begann, verfasste er auch Artikel und

Essays für verschiedene Publikationen, so unter anderem für

den London Observer, den Independent, Vogue, W, Blackbook, die

Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Zeit. Für seinen HBO-Dokumentarfilm

Born Rich wurde Wittenborn für einen Emmy nominiert.

Zurzeit arbeitet er an einem einstündigen TV-Drama

für Touchstone. Im Frühling 2006 erschien bei Dumont sein

neuer Roman Bongo Europa: Memoiren eines zwölfjährigen Sexbesessenen.

Dirk Wittenborn lebt in New York.

7


Ein

amerikanischer

Traum

8

Jürg Halter

Für Marc Smith

Aus dem Chicago River steigt

ein roter Ballon

zieht ein lachendes Kind aus dem Wasser

an einem Hochhaus

spiegelt es sich

empor in den grauen Himmel über der Stadt

Der Wolkenvorhang öffnet sich einen Spalt breit

das Kind mit dem Ballon

taucht in den blauen Himmel ein

im geklärten Blick eines

tagträumenden Passanten

schliesst sich der Vorhang wieder

In einer Wellenwiege

trägt der Fluss einen waisen Schuh

leise aus der windigen Stadt

Jürg Halter wurde 1980 in Bern geboren. Studium an der dortigen Hochschule der Künste. Heute lebt und arbeitet er als Dichter und Rapper (als Rapper unter dem Namen Kutti

MC) in Bern. Zahlreiche Auftritte an wichtigen internationalen Literaturfestivals in Europa, Afrika und den USA. Im August 2003 wurde Halter von Marc ‹Slampapi› Smith,

dem legendären Erfinder des Poetry Slams, als Gast und Vertreter der europäischen Spoken-Word-Szene zum American National Poetry Slam nach Chicago eingeladen. Als Kutti

MC holte sich Halter in der Kategorie American National Hip Hop Slam den Titel des American National Hip Hop Slam Champions 2003. 2004 trat Halter in Stuttgart zum letzten

Mal bei einem Poetry Slam auf. Zuletzt erschienen sind der vielbeachtete Gedichtband Ich habe die Welt berührt (Ammann Verlag, 2005) von Jürg Halter und das furiose Hip-Hop-

Album Jugend & Kultur (Musikvertrieb/MUVE) von Kutti MC. Links: www.art-21.ch/halter, www.kuttimc.com


«Wer Glück hat, der findet hier Gold»

Der Schweizer Migrationsforscher Leo Schelbert auf Spurensuche in den USA

Ines Anselmi

Leo Schelbert

Foto: Ines Anselmi

Kaum einer ist auf dem Spezialgebiet der schweizerischen Migrationsgeschichte so bewandert wie er. Der promo-

vierte Historiker Leo Schelbert, selbst eine Spezies der Gattung Auswanderer, wurde 1971 an die University of Illi-

nois nach Chicago berufen. Was ihn dort beschäftigte und was ihn bis heute umtreibt, verrät dieses Porträt ❙

Das Vertraute hinter sich lassen, ins Unbekannte

aufbrechen – die Verheissungen der terra incognita

beflügeln seit jeher die Phantasie des westlichen

Menschen. Doch kein Ereignis hat den Pioniergeist

der Europäer so angestachelt wie die

‹Entdeckung› Amerikas. Legionen von Auswanderern,

darunter nicht wenige aus der Schweiz, sind

dem Ruf von Freiheit, Abenteuer und unbegrenzten

Möglichkeiten gefolgt. Wie gelangten sie in

die Neue Welt? Wie wurden sie dort aufgenommen?

Wie sah ihr Alltag aus? Welche Freuden

und Nöte haben sie erlebt?

Anschaulicher als historische Abhandlungen und

die Zahlen der Statistiken schildern Briefe, Tagebücher

und andere Aufzeichnungen, was Schweizer

Auswanderer in Amerika vor hundert, zwei- oder

dreihundert Jahren bewegte. Mit wissenschaftlicher

Akribie und dem Spürsinn eines Goldgräbers

hat Leo Schelbert in Archiven dies- und jenseits

des Atlantiks verborgene Schätze geortet,

Hunderte mehr oder weniger ungelenk geschriebene

Manuskripte entziffert, die interessantesten

ausgewählt, transkribiert, kommentiert und in

verschiedensten Publikationen der Leserschaft

zugänglich gemacht. Damit eröffnet sich der Migrationsforschung

ein Territorium, das zuvor weitgehend

brach lag.

Monatelange Fahrt über den Atlantik: Wie langwierig

und strapaziös die Reise über den Atlantik

früher war und wie viele Passagiere dabei an Typhus,

Pocken, Cholera oder einem andern ‹Schiffs-

Fieber› verstarben, können wir uns heute kaum

mehr vorstellen. Allein die Anreise – bis die Auswanderungswilligen

nach Liverpool, Le Havre,

Nieuwediep oder eine andere Hafenstadt am Atlantik

gelangten – war mit vielen Wartezeiten,

Zollschranken und anderen zeitraubenden Hindernissen

verbunden, ganz zu schweigen von der

Mühsal der Überfahrt per Segelschiff.

Joggi Thommen, Conestoga Pennsylvania 1736: «Wir

haben fast alle Kranckheiten müssen ausstehen auf dem

Meer. Es geht sehr unlustig zu in Essen und Trincken.

Und die Schiffleuth halten nicht, wass sie versprochen.

Man muss sich selbs versehen mit Brot, Wein, Mähl,

dürrem Zeug und Zuckher. (...) Ich darff Niemand rathen

zu kommen, wegen denen vielen Anstössen auf der

Rayss».*

Die Fortschritte der Technik ermöglichten im 19.

Jahrhundert zunehmend schnelleres und bequemeres

Reisen. 1864 fuhren Reisende mit der Eisenbahn

in 40 Stunden von Basel nach Le Havre, früher

brauchten sie für dieselbe Strecke 20 – 25

Tage. Die ersten Dampfschiffe über den Atlantik

kamen zwar schon um 1820 herum zum Einsatz,

aber erst eine auf den Personentransport spezialisierte

Bauweise führte nach 1870 dazu, dass Ozeandampfer

die Segelschiffe mehr und mehr verdrängten.

1880 betrug die mittlere Reisedauer nur

noch 8 Tage, 1900 nur noch 5 – 6 Tage. Nicht nur

die Fahrzeit verkürzte sich, auch Hygiene und

Verpflegung wurden besser, die Schlaf- und Essquartiere

geräumiger, das Leben an Bord ganz allgemein

immer angenehmer, zumindest für Passagiere

der 1. und 2. Klasse. Zwischendeckpassagiere

mussten sich noch bis zur Jahrhundertwende

mit überfüllten, stickigen und dunklen Räumen

begnügen.

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10

Vinzenz Godt, Philadelphia 1807: «So sauber die Reisenden

im Sterage sind, so rükt gewöhnlich aus den Schiffunten

eine zahlreiche Besatzung Läuse auf sie hervor;

gegen diese hat sich folgendes Hausmittel wunderthätig

wirksam gezeigt, nemlich Quecksilber so viel möglich in

einem Glas mörschele (zerstampfen), mit Schweinfett

zerriben, und den ganzen leib wöchentlich damit gesalbet.

Um vor der Ausschiffung die Kleider aus dem Fundament

zu reinigen, brauchen die Schiffsleute Urin, und es zeigt

sich, dass dies die kräftigste Lauge ist, womit alles Ungeziefer

und alle Flecken vertrieben werden.»*

Nachrichten, die der Aktualität hinterher hinken:

Ein Brief aus Amerika brauchte nicht selten ein

Jahr, bis er beim Empfänger in der Schweiz anlangte,

und umgekehrt. Zwischen dem Versand

eines Briefes aus Amerika in die Schweiz und

dem Erhalt einer Antwort aus der Heimat konnten

bis zu zwei Jahre vergehen. Wer aufgrund einer

hoffnungsvollen Nachricht in die Neue Welt

reiste, traf vielleicht ganz andere als die im Brief

geschilderten Umstände an. Hie und da griffen

die Behörden ein. So ermächtigte der Berner Stadtrat

um 1752 die Polizei, Briefe aus Pennsylvanien

zu öffnen und abzuschreiben, bevor man sie den

Empfängern zustellte. Darin enthaltene schlechte

Nachrichten wurden vereinzelt im Kalender abgedruckt,

zur Abschreckung auswanderungswilliger

Leute.

Aus einem nicht namentlich gezeichneten Brief aus

Pennsylvanien, abgedruckt im Hinckenden Bott 1753:

«Auch ist dieses Land nicht so gut wie die Neuländer

(Werber) gesagt haben. Was gut ist, ist schon bewohnet,

und im übrigen alles theuer im Preiss: denn man gibt

einem eben so wenig etwas umsonst als in der Schweitz.

Wer in seinem Heymath nichts nutz ist, wird hier in

Pensylvanien noch schlimmer; es hat aber Gute und Böse

unter uns»**

Die Berichte, die Schweizer aus Amerika nach

Hause schrieben, klingen zuweilen wie Szenen aus

einem Krimi.

Auguste Lenz, Spring Texas, 1877: «13. Mai. Unsere Negerin

ist gerade hereingekommen, völlig ausser sich und o

blass, wie ihre dunkle Hautfarbe es zulässt. Sie war im

yard (Lager), um Holz zu holen.»

«Oh Meister, bitte kommt, habt ihr die Hunde gesehen?»

«Nein, was gibt es wieder Neues?»

«Oh Meister, seht Euch nur die arme Fine an!»

«Ich laufe zum yard und finde unsere beiden Hunde leblos

hingestreckt; sie sind vergiftet.»**

Europa auf Expansionskurs: Die Geschichte der

schweizerischen Auswanderung nach Amerika

ist für den aus der Innerschweiz stammenden,

1959 nach USA emigrierten Historiker Leo Schelbert

ein Musterbeispiel dessen, was er als europäische

Expansion bezeichnet. Was immer in Europa

oder durch Europäer in der Welt passierte, immer

seien auch Schweizer involviert gewesen. Die um

1488 geglückte Umschiffung Afrikas, die damit

verbundene Erschliessung Asiens auf dem Seeweg,

vor allem aber die Entdeckung eines den Europäern

unbekannten Doppelkontinentes jenseits

des Atlantiks ab 1492 löste einen gigantischen Expansionsprozess

aus. Gegen 70 Millionen Menschen

europäischer Herkunft strömten in die neuen

Kontinente. Westeuropa – um 1450 noch ein

Zipfel Eurasiens – reichte um 1900 in alle Teile der

Welt. Ein unerhört kreativer, aber auch ein unerhört

zerstörerischer Prozess, ruft Leo Schelbert

den Preis dieser Invasion in Erinnerung, die Dezimierung

einheimischer Völker durch Waffengewalt

und eingeschleppte Krankheiten.

Bis 1790 sollen sich etwa 25000 Schweizer an der

nordamerikanischen Ostküste angesiedelt haben,

nochmals soviele sind zwischen 1790 und 1860

eingewandert. Auch in den grossen Städten liessen

sich Schweizer nieder. Im Jahre 1890 zählte

man 6355 Schweizer in New York City, 2262 in

Chicago und 1696 in San Francisco. Um 1920 herum

erreichte die schweizerische Präsenz mit

376000 Personen – davon 257000 in Amerika geborene

Kinder – ihren zahlenmässigen Höhepunkt.

Klischee des armen Einwanderers: Dass nur arme

Leute aus der Schweiz nach Amerika ausgewandert

seien, ist laut Schelbert ein weitverbreitetes

Klischee, das nicht den Tatsachen entspricht. Die

Einwanderungswelt schliesse alle ein, Reiche und

Arme, Mächtige und Machtlose, solche, die fliehen

mussten, und solche, die Karriere machten.

Zu letzteren zählt er etwa den Ingenieur Othmar

Ammann aus Feuerthalen, Kanton Zürich. Er hat

in New York nicht nur die fünf Brücken gebaut,

sondern gleichzeitig ein neues Verkehrskonzept

für das Auto entwickelt und so das Stadtbild entscheidend

geprägt.

Vielfältige und je nach Ort ganz unterschiedliche

Gründe konnten zur Auswanderung führen. So

steht etwa die sprunghafte Zunahme der Auswanderung

aus dem Glarnerland nach 1840 in direktem

Zusammenhang mit der Industrialisierung.

Maschinengewebte Textilien aus England

überschwemmten damals den europäischen Markt

und führten zum Zusammenbruch der in dieser

Region verbreiteten Handweberei. Dass Glarner

Auswanderer im Jahre 1845 die ganze Strecke von

ihrem Tal aus über Linthkanal, Zürichsee, Limmat,

Rhein, Nordsee und Atlantik bis nach Baltimore

in Nordamerika auf dem Wasserweg zurückgelegt

haben, ist aus heutiger Sicht erstaunlich.


Nicht alle Einwanderer suchten in den USA eine

neue Heimat. Etwa ein Drittel bis die Hälfte von

ihnen kehrte wieder ins Herkunftsland zurück.

Viele kamen in der Hoffnung auf lukrative Arbeit

und schnellen Gewinn, der eine sorgenfreie Zukunft

in der Heimat ermöglichen sollte. Wer sich

im Solddienst verdingte, genoss wenig Ansehen.

Schweizer Bote, 4. März 1824: «Es sind Anwerbungen

in ausländischen Kriegsdienst viel schädlicher, als Auswanderungen

von Familien ... Die wenigsten bringen kaum

ihr Leben heim. (...) Und die, die zurückkehren, was bringen

sie? Meistens Armuth, lahme Glieder, Faulheit, Taugenichtssereien.

So eine alte Kriegsgurgel hat das Arbeiten

verlernt.»*

Vier unterschiedliche Wanderungstypen: Leo

Schelbert unterscheidet zwischen Wanderungen

in militärischer, beruflicher oder religiöser Mission

sowie den Siedlungswanderungen. Schweizer

seien in allen vier Kategorien anzutreffen.

Dutzende von Offizieren und ein starkes Kontingent

Soldaten aus der Schweiz dienten zum Beispiel

im Royal American Regiment, das 1756 zum

Schutz der nordamerikanischen Kolonien gebildet

worden war. Es verteidigte die von England besetzten

Territorien gegen die Truppen Frankreichs

und Spaniens, gegen die Einheimischen und gegen

aufständische weisse Kolonisten. Einer der bekanntesten

Offiziere dieses Regiments war der aus

Rolle im Waadtland stammende Henri Bouquet

(1714-1765). Sogar George Washington – 1789 zum

ersten Präsidenten der USA ernannt – habe unter

ihm dienen müssen, schmunzelt Leo Schelbert.

Unter Bouquets Führung gelang ein entscheidender

Sieg über die indianischen Truppen, der den

Kolonisten den Weg über die Appalachen in die

fruchtbaren Ebenen des Ohio-Flusses öffnete.

Andere Schweizer schlugen sich mit den verschiedensten

Beschäftigungen durch. Sie stellten Werkzeuge

her, arbeiteten als Schuster, Schreiner, Gastwirte,

wuschen Gold in kalifornischen Flüssen,

arbeiteten in den Kupferminen des Nordens, waren

als Handelsagenten unterwegs. Wieder andere

kamen nach Amerika, um der Verfolgung zu entgehen,

die bestimmte religiöse Gruppierungen im

Heimatland bedrohte, oder um in missionarischer

Absicht Glaubensgemeinschaften zu gründen.

Pater Martin Marti, St. Meinrad Indiana 1861: «Es

machte sich von selbst, dass neue Einwanderer sowohl

als auch schon länger in Amerika’s Städten ansässige

Katholiken einem Punkte sich zuwandten, wo durch einen

religiösen Orden ihnen und ihren Nachkommen ihr theuerstes

Besitzthum gesichert erschien. In kurzer Zeit daher

stieg der Preis hiesiger Ländereien um ein Bedeutendes ...

und der allgemeine Wohlstand hob sich in einer Weise,

dass die ganze Strecke unseres Missionsbezirkes als ein

der katholischen Kirche gänzlich und für immer erobertes

Gebiet angesehen werden muss.»**

Siedler für die Indianer am gefährlichsten: Für

die Ausdehnung der europäischen Herrschaft

nach Amerika die effektivste, für die einheimischen

Völker aber schädlichste Kategorie von Migranten

waren laut Leo Schelbert die Siedler. Im

Gegensatz zu den Franzosen, die in Nordamerika

vor allem Handelsinteressen verfolgten, strebten

die Briten ein Siedlungsimperium an.

Aus einer Bittschrift der Berner von Graffenried und

Michel 1709 an die englische Königin: «Wir erbieten uns,

dieses Land im Lauf der Zeit durch die Mühe und den

Fleiss unserer guten Arbeiter in solchem Ausmasse zu

verbessern, dass die Krone einen erheblichen Nutzen aus

ihm wird ziehen können, während gegenwärtig nichts

von ihm gewonnen wird.»*

Eine kleine Elite hatte Zehntausende Quadratmeilen

Land erworben. Doch Land wird erst wertvoll,

wenn es besiedelt ist. Also verpachteten oder verkauften

die Grossgrundbesitzer Land parzellenweise

an Siedler weiter. Der Anspruch der Weissen

auf Land als Privateigentum läuft dem indianischem

Verständnis von Land, auf dem der Mensch

nur ein Nutzungsrecht geniesst, diametral entgegen.

‹Indian troubles› nannten die Siedler die

Scharmützel, die sie durch die Vertreibung der Einheimischen

selber hervorriefen.

Kaspar Köpfli, New Switzerland Illinois 1831: «Damit

aber künftig die Pflanzer nicht mehr an ihren Feldarbeiten

gestört werden, sind letzten Herbst viele Compagnien

Freiwilliger auf ein Jahr geworben worden, um die Grenzen

gegen das wilde Gesindel (Indianer) zu beschützen.»*

Der Aufbau der amerikanischen Nation werde immer

als einziger grosser Triumph dargestellt. Als

Leo Schelbert in New York City amerikanische Geschichte

studierte, war das nicht anders. Die Indianer

seien im dicken Lehrbuch, das er durcharbeiten

musste, auf knapp eineinhalb Seiten

abgehandelt worden. Die Kehrseite des Aufbaus,

der Genozid an den einheimischen Völkern, werde

ignoriert. Vor der Ankunft der Europäer sollen

etwa acht, nach anderen Quellen sogar zwölf Millionen

Menschen in Amerika gelebt haben. Um

1890 zählte die indianische Bevölkerung noch

ganze 220000 Menschen, darunter viele Mischlinge.

Von 1971 bis 1999 lehrte Leo Schelbert – 1979 zum

Professor ernannt – an der University of Illinois in

Chicago Einwanderungsgeschichte. Die Einwanderer

aus der Schweiz seien für die amerikanische

11


Lyss/Bern, Schweiz


Bern/Kansas, USA


14

Geschichte und auch für seine Lehrtätigkeit von

marginaler Bedeutung gewesen. Sie dienten und

dienen dem Forscher aber immer wieder als Testfeld,

um seine Thesen zu überprüfen.

Wanderungsgeschichte aus neuer Perspektive:

Während über dreissig Jahren unterrichtete er

College- und vor allem Graduate-Studierende. «Da

konnte ich ein Gegenmodell lehren», staunt er heute

noch über die Freiheit, die man ihm als Ausländer

zugestand. Nach diesem Modell sind in die

amerikanische Geschichte ab 1600 drei grundverschiedene

Gruppen gleichwertig einzubauen: die

indianische Welt, die Welt der europäischen Invasoren

und die afrikanische Welt, die als Sklaven

nach Amerika deportierten Afrikanerinnen und

Afrikaner.

Guillaume Merle d’Aubigné, Charleston South Carolina

1816: «Das einzige was mich abstösst ist die Sklaverei,

die hier allgemein betrieben wird. (...) Sie werden auf

Tischen ausgestellt, wo jeder sie untersuchen kann & sie

werden an den Meistbietenden verkauft, oft zusammen

mit Pferden – Ochsen & anderm Vieh.»**

Später kam noch die asiatische Welt hinzu, die

vielen Tausend Chinesen, die als billige Arbeitskräfte

für den Bau der Eisenbahnen und ähnliche

Projekte in die USA geholt wurden. «Wir müssen

die Geschichte neu reflektieren», ist Leo Schelbert

überzeugt, «und die Perspektive aller Betroffenen einbeziehen.»

Statt von Auswanderungsgeschichte redet er lieber

von Wanderungsgeschichte. Einwanderung,

Auswanderung und interne Wanderung begreift

er als zusammenhängende Phänomene. Auch im

Hinblick auf sein Herkunftsland. Neben der 5.

Schweiz – den Ausgewanderten – habe es auch die

6. Schweiz schon immer gegeben, sagt er. Neu sei

nur, dass die Einwanderer heute anderen Kulturkreisen

und Religionen entstammten als früher.

Zwischen 1850 und 1914, einer Phase besonders intensiver

Emigration, seien schätzungsweise 410000

Personen aus der Schweiz ausgewandert. Im gleichen

Zeitraum sollen 409000 Personen in die

Schweiz eingewandert sein.

Seit 1999 ist Leo Schelbert emeritierter Professor.

Doch die Arbeit geht dem 77jährigen nicht aus.

Zur Zeit schreibt er an den letzten Seiten des Historical

Dictionnary of Switzerland, der ein Gesamtbild

der Schweiz vermitteln soll und demnächst

bei Scarecrow Press erscheint. Für dieses Lexikon

verfasste er 26 mehrseitige Kantonsskizzen, etwa

zweihundert Einträge zu wichtigen Institutionen

und historischen Ereignissen sowie rund hundert

Kurzporträts von Schweizer Persönlichkeiten, von

der wissenschaftlichen Zeichnerin und Insekten-

forscherin Maria Sybilla Merian bis zu dem in Genf

lebenden Philosophen und Islamwissenschaftler

Tarik Ramadan. ¬

Leo Schelbert, geboren 1929 in Kaltbrunn in der Schweiz, kam

1959 nach Amerika, studierte in New York City und promovierte

1966 an der Columbia University in amerikanischer Geschichte.

Von 1963 bis 1969 folgte ein Lehrauftrag an der Rutgers University

in Newark, New Jersey. 1970–1971 Rückkehr in die Schweiz,

Forschungsauftrag zur Schweizer Auswanderungsgeschichte.

1971–1999 Lehrstuhl für Einwanderungsgeschichte an der University

of Illinois in Chicago. Er ist Autor und Herausgeber von

zahlreichen Büchern und Texten. Leo Schelbert erhielt den diesjährigen

Auslandschweizer-Preis der FDP International.

Die Zitate in diesem Artikel sind folgenden Werken entnommen:

* Leo Schelbert: Einführung in die schweizerische Auswanderungsgeschichte

der Neuzeit, Verlag Leemann, Zürich 1976

** Leo Schelbert und Hedwig Rappolt (Hrsg.): Alles ist ganz anders

hier – Auswandererschicksale in Briefen aus zwei Jahrhunderten,

Walter-Verlag Olten, 1977

Die Ethnologin Ines Anselmi arbeitet als Projektleiterin bei

Pro Helvetia. Sie koordiniert das Swiss Roots-Kulturprogramm,

das 2006 in verschiedenen Städten der USA durchgeführt

wird.


Zürich – Manhattan – Long Island Mit Garance am Strand

Sacha Verna im Gespräch mit der

Schweizer Künstlerin Garance

Garance

Foto: Werner Gadlinger

Die Schweizer Künstlerin Garance lebt und arbeitet seit zwanzig Jahren in den Vereinigten Staaten. Ein Gespräch

über Ratten in Manhattan, Geld auf der Strasse und Schweizer Schokolade ❙

Garance lebt mit ihrem Mann, dem Häuserbauer

Vadoo Werthmüller, einem Hund und drei Papageien

in New Suffolk, Long Island. Ihr Haus liegt

nur wenige Schritte vom Strand entfernt. Der ehemalige

Supermarkt, den Garance und ihr Mann

eigenhändig umgebaut haben, besteht aus hellen,

luftigen Räumen. Es gibt Gästebetten, die fast

immer belegt sind, und eine riesige Küche, aus

der regelmässig umfangreiche Tischgesellschaften

verköstigt werden. Die vielen Fenster von Garances

grosszügigem Studio gehen direkt auf einen

Garten hinaus, der im Sommer so üppig sein

muss wie ein Dschungel. Garance, die ihr Alter

vornehm verschweigt, ist in Zürich geboren und

aufgewachsen. Die ausgebildete Schauspielerin

zeigt ihre Bilder, Arbeiten auf Papier und ihre Objekte

seit Anfang der siebziger Jahre regelmässig

in Ausstellungen, sowohl in Galerien und Institutionen

in Europa und Amerika.

Sacha Verna: Weshalb sind Sie 1985 nach New York

gezogen?

Garance: Ich lebte in Zürich und war gerade von

einem Aufenthalt in Paris zurückgekommen, als

ich den Bescheid erhielt, ich hätte das Stipendium

für ein halbes Jahr im Loft der Stadt Zürich

in New York gewonnen. Die Freude war natürlich

riesig. Aber mir machte die Sache auch ein bisschen

Angst. Ich war vorher noch nie so weit weg

gewesen. Das erzählte ich einem Freund von mir,

einem Sammler, und der lud mich und meinen

damaligen Freund Vadoo daraufhin ein, mit dem

Schiff nach New York zu fahren.

Um sich der fremden Stadt langsam anzunähern?

Genau. Die Überfahrt auf der Queen Elizabeth dauerte

fünfeinhalb Tage, einen gewaltigen Sturm in-

klusiv. Das war gerade Zeit genug, sich alles auf

dem Schiff anzuschauen. Ich bin ja sonst kein

Kreuzfahrtstyp. Das Einlaufen in den Hafen von

New York war spektakulär. Wir sind hoch oben

auf der Reling gestanden und hatten die Freiheitsstatue

und das World Trade Center praktisch

vor unserer Nase. Aber als wir uns auf dem festen

Boden befanden, merkten wir schon, wie gigantisch

die Häuser sind.

Wurden Sie abgeholt?

Nein, wir kannten keinen Menschen in New York.

Wir hatten die Adresse des Ateliers und weiter

nichts. Nicht einmal einen Schlüssel. Wir fanden

das Loft am West Broadway und klingelten halt

überall. Im Parterre befand sich eine Weinhandlung,

deren Besitzer uns schliesslich einen Schlüssel

gab und sagte, wir sollten es mal im fünften

Stock versuchen. Mit dem Lift fuhren wir hinauf,

probierten den Schlüssel, die Tür ging auf, und

wir waren drin. Toll.

Was waren Ihre ersten Eindrücke von New York?

Leider ist man ja beeinflusst von all dem, was einem

bereits über New York erzählt worden ist. Die

einen sagen, es sei die beste Stadt der Welt. Die

anderen sagen, es sei die gefährlichste Stadt der

Welt und man müsse ungeheuer aufpassen. Deshalb

haben wir am Anfang wie Tiere unser Revier

immer ein bisschen vergrössert. Zuerst sind wir

zur Houston Street vorgedrungen, dann nach Little

Italy, Chinatown. Wir entdeckten Bars und Restaurants,

lernten Leute kennen und erlebten New

York als absolut unaggressive Stadt.

Wie muss man sich das Soho von damals vorstellen?

Es war ein Quartier voller junger Leute mit guten

15


Zürich/Zürich, Schweiz


Homewood/Illinois, USA


18

Ideen. Man wagte die verrücktesten Dinge, und

manchmal funktionierten sie, manchmal nicht.

Es gab viele Clubs, grosse und kleine, man war

immer unterwegs bis morgens um vier. Wir waren

dabei, als Andy Warhol und Miles Davis eine

Modeschau für einen japanischen Designer veranstalteten.

Es herrschte eine enorme Energie.

Die Kunstszene in der Schweiz, die Sie verlassen und

in der Sie sich bereits einen Namen gemacht hatten,

war relativ klein und übersichtlich. Kam das grosse

wilde New York da nicht als Schock?

Im Gegenteil. Ich mag Herausforderungen. In der

Schweiz wird man träge, man kommt in einen

Trott hinein. Man hat seine Galerie, seine Sammler,

seine Ausstellungen. Dass mich in New York

niemand kannte, fand ich deshalb super. Ich suchte

und fand auch gleich eine Galerie. Es lief von

Anfang an hervorragend für mich. Ich konnte

neue Beziehungen knüpfen und verkaufte sowohl

an Leute, die mich aus der Schweiz besuchen

kamen, als auch an all jene, die ich hier

kennenlernte. Eines darf man natürlich nicht vergessen:

Es waren die achtziger Jahre. Das Geld lag

auf der Strasse. Den meisten Leuten ging es gut,

vor allem in den Städten. Man kaufte und kaufte

und kaufte.

Beschlossen Sie deshalb, in New York zu bleiben?

Wir hatten unsere Retourtickets bereits kurz nach

unserer Ankunft auf dem West Broadway dem

Wind übergeben – in der Hoffnung, es möge sie

jemand finden, der sich die Schweiz anschauen

möchte. Wir hatten nicht die Absicht, hier zu bleiben,

aber wir wussten, dass wir nicht schon nach

einem halben Jahr wieder in die Schweiz zurückkehren

wollten.

Suchten Sie den Kontakt zu anderen Schweizer Künstlern

hier in New York?

Wer frisch ankommt, will das gar nicht. Man zieht

schliesslich nicht auf der Suche nach Schweizer

Gesellschaft nach New York. Dabei bemüht sich

das Schweizer Konsulat doch so sehr um einen,

wenn man das wünscht. Früher tat es das jedenfalls.

Mindestens vier Mal im Jahr veranstaltete

es grosse Essen, zu welchen es Schweizer

Geschäftsleute und Künstler einlud. Manchmal

entwickelten sich daraus gute Kontakte. Der Botschafter

besuchte einen übrigens auch regelmässig

im Studio.

War es für Sie als Künstlerin in New York je von besonderem

Vorteil oder Nachteil, Schweizerin zu sein?

Weder noch. Hier leben mindestens siebenundzwanzig

Nationen nebeneinander und miteinander

– das lehrt einen Toleranz.

Hat es je die Art beeinflusst, wie man Ihnen begegnet

ist?

Nein. Die meisten Leute sagen sowieso: Ah, Sweden!

Die anderen denken an chocolate und cheese,

und was ist dagegen schon einzuwenden. Die

Tatsache, dass ich in der Schweiz geboren wurde,

hat mit mir als Person und mit meiner Arbeit ja

nicht viel zu tun. Ich habe mich immer von Menschen

inspirieren lassen, sicher nicht von den

Bergen. Nationalitäten und Grenzen spielen für

mich keine Rolle.

Was bewog Sie 1995 dazu, von Manhattan nach Long

Island zu ziehen?

Ich hatte genug. Wir wohnten in verschiedenen

Lofts, grossen Lofts, die wenigstens eine Zeitlang

noch bezahlbar waren. Das letzte war in Chinatown,

einem Viertel, das ich eigentlich mag. Aber

es ist voller Ratten. Als mir eine Nachbarin erzählte,

eine riesige Ratte hätte ihre Katze angegriffen,

sagte ich zu Vadoo: Das war’s. Die Mieten

gehen sowieso immer weiter hinauf, ich will aufs

Land. Ich kannte diese Gegend hier, weil ich die

Sommer häufig bei Freunden in den Hamptons

verbrachte hatte. Das Haus, in dem wir heute leben,

fanden wir eher durch Zufall. Es war ein

leerstehender Supermarkt. Der Umbau dauerte

drei Jahre. Zwei Jahre davon legte ich eine künstlerische

Pause ein.

Was, ausser der Umgebung, war nach der Pause anders?

Ich habe angefangen, dreidimensional zu arbeiten.

Sachen aus Papier und Figuren. Die Lust dazu

kam vermutlich mit dem Hausbauen. Dann der

Garten. Gärtnern ist wie malen. Ich habe hier aus

dem Nichts ein Paradies gezaubert – Bananenbäume,

Hunderte von Lilien. Ich betrachte den

Garten als Teil meiner Arbeit.

Inwiefern veränderte sich Ihre Beziehung zur Schweiz

dadurch, dass Sie in den USA blieben?

Ich habe nach wie vor auch Ausstellungen in der

Schweiz und im übrigen Europa, ungefähr alle

zwei Jahre. Auch andere Projekte – Bühnenbilder

in Wien zum Beispiel. Eines der Highlights der

letzten Jahre war für mich die Einladung für eine

Ausstellung im Museum of Modern Art in Salvador

die Bahia – ein grandioses Erlebnis. Dadurch

lernte ich Brasilien kennen, ein Land, das mich

unglaublich fasziniert hat. Als wir noch in Manhattan

lebten, verkaufte ich natürlich die meisten

Sachen dort. Aber ich habe meine Sammler und

Kunden in Europa nie verloren. Es scheint sogar

ganz gut zu sein, wenn man sich ein bisschen rar

macht. Meine letzte Ausstellung in Zürich bei der

Galerie Esther Hufschmied war jedenfalls praktisch

ausverkauft.


Wie sieht Ihr Kontakt zur gegenwärtigen Kunstszene

in New York aus?

Gegenwärtig? Ich bin ja auch gegenwärtig!

Ja, aber es gibt die Galerien in Chelsea, es gibt Auktionen,

die Staub aufwirbeln, es gibt Stars und Sternchen.

Inwieweit nehmen Sie an diesem Kunstbetrieb

teil?

Eigentlich gar nicht. Die Galerien in Chelsea stellen

heutzutage ja meistens Installationskunst und

Videos aus. Und die Museen zeigen das gleiche.

Ich sehe mir diese Dinge ganz gerne an. Aber für

mich als Künstlerin haben diese Arbeiten keinen

Reiz. Ich mache meine Sachen weiter, ohne mich

von dem Hipe ablenken zu lassen. Ich probiere,

so ehrlich wie möglich zu sein und meine Arbeit

nicht von irgendwelchen Trends abhängig zu machen.

Meine Arbeit bin ich und nicht, was gerade

in ist.

Können Sie davon leben?

In Manhattan konnte ich sehr gut davon leben.

Hier draussen ist alles ein bisschen anders. Das

Geld, mit dem wir die Rechnungen bezahlen, verdient

jetzt mein Mann. Aber ich werde immer

wieder für Ausstellungen in der Umgebung angefragt.

Ich bekomme auch Aufträge aus New York.

Letzten Sommer habe ich ein Bühnenbild für eine

Produktion von Shakespeare in the Park gemacht.

Ausserdem gebe ich Workshops in Monoprinting.

In den USA hat ja fast jeder neben der Kunst

noch einen Brotjob.

Unterscheiden sich die USA in dieser Hinsicht von der

Schweiz?

Nein. Wenn man heute jung ist, lernt man schon

in der Schule, wie man sich verkaufen kann. Wer

als Künstlerin oder Künstler Karriere machen

will, geht an die Kunstgewerbeschule oder an

eine Kunstakademie in Deutschland, und dort

wird das Künstlerdasein gelehrt wie jedes andere

Business. Das ist in Europa genau gleich wie hier

in Amerika. Die Jungen, Erfolgreichen wissen genau,

was sie wollen und wie sie es kriegen können.

Alle übrigen brauchen einen Job oder haben

einen Mann, der sie unterstützt.

Haben Sie in all den Jahren, die Sie jetzt schon hier sind,

je daran gedacht, in die Schweiz zurückzukehren?

Nein. Die kenne ich ja. Ich war lange genug dort.

Aber es ist nicht etwa so, dass ich die Schweiz

nicht mehr mag. Ich besuche sehr gerne meine

Freunde dort und liebe die gute Schokolade. Ich

schätze die Schweiz sogar mehr, je länger ich weg

bin. Nur bin ich halt auch froh, wenn ich wieder

gehen und hierher zurückkommen kann. Wenn

ich Heimweh habe, dann nach Italien oder nach

Frankreich. Und sollte ich wirklich noch einmal

auswandern, dann nach Südamerika. Brasilien

oder Mexico.

Besteht denn die Chance, dass Sie nochmals auswandern?

Warum nicht? Solange ich irgendwo ein Atelier

habe, ist es mir wohl. Wo, ist mir egal. Ich möchte

einfach nicht in den Norden. Dort ist es mir zu

kalt. Ich brauche Sonne und Wärme. ¬

Sacha Verna lebt und arbeitet als Kulturjournalistin in New York.

Website Garance: www.garancestudio.com

19


«Nehmen Sie Ihre verfluchte Hand weg»

Die Filme der Gebrüder Dubini zu Thomas Pynchon, Jean Seberg und Hedy Lamarr

Jean Willi Die Brüder Fosco und Donatello Dubini sind schon seit einiger Zeit mit ihrer Filmkamera unterwegs. Vielfach auf

Fosco und Donatello Dubini

Foto: F&D Dubini

20

Spurensuche in Amerika, durch die Tiefen seiner Manien und Mythen. Der Schriftsteller Jean Willi hat sich auf ihre

Fährte gesetzt. Und entdeckt in ihren Arbeiten den an Thomas Pynchons Romanwerk geschulten Blick. Film ab ❙

A journey into the mind of P.: New York. Eine

Strasse. Ein Baumstamm, angeschnitten. Die graue

Kleidung eines Mannes, der sich von rechts nach

links bewegt, eine rote Basketballmütze. Die Figur

geht aus dem Bild, der Baumstamm verschwindet,

das Grau der Strasse wird breiter. Parkierte

Autos. Fahlgelb die unterbrochene Mittellinie der

Strasse. Jetzt ein Lichteinfall. Die Kamera holt die

Figur für den Bruchteil einer Sekunde zurück. Ein

blasses Gesicht, ein vor Schreck geöffneter Mund,

opalisierende Brillengläser. Dann ist der Spuk vorbei.

«Er wusste, wenn er sich vor der Welt versteckt, könnte

jemand versuchen, ihn zu finden», erklärt Richard

Lane, Webmaster und Cutter bei NBC.

Vierzig Jahre dauert die Suche, bis James Bone,

Korrespondent der London Times in New York,

Thomas Pynchon ausfindig macht und ein Foto

des grossen Unsichtbaren schiesst. Bone hat die

Kamera seiner Frau eingesteckt und gewartet. «Es

war ein sonniger Tag in der Upper West Side», erzählt

er. «Plötzlich war da dieser Sechzigjährige. Gross, eckig,

fast pantomimenhaft. Die Arme ruderten wie Windmühlen.»

Bone sieht diese Begegnung als das Ende einer

langen Geschichte, Höhepunkt eines Spiels, das

Jahre dauert: Die Jagd auf Pynchons Foto und dessen

Versuch, es zu verhindern. Bone will die einzigartige

Möglichkeit nicht verpassen, Pynchon

zu Wort kommen zu lassen. Er steckt die Kamera

ein und hält ihm die Hand hin, wie man es, meint

er, am Ende eines Fussballspiels täte. «Nehmen Sie

Ihre verfluchte Hand weg», sagt der Mann. «Ich mag

Leute nicht, die mich fotografieren.»

Das unscharfe Foto zeigt einen älteren Mann, die

Kapuze des Parkas hochgeschlagen. Neben ihm ein

Junge, dessen Hand er hält. Jules Siegel, ein früherer

Freund Pynchons aus der gemeinsamen Studienzeit

in Ithaca, der 1977 das kollektive Schweigen

bricht und im Playboy einen Artikel über den

Autor veröffentlicht, äussert Zweifel, dass es sich

bei dem Abgebildeten um Pynchon handelt. Richard

Lane ist sich hingegen sicher. Vor allem, als

er das Bild mit den Filmaufnahmen vergleicht, die

einem CNN-Team gelingen, nachdem James Bone

es vorgemacht und das Tabu gebrochen hat.

Lanes eingehende Sichtung dieses von der CNN

hergestellten Films ist Teil eines anderen Films,

der Film im Film die Kulmination eines von Fosco

und Donatello Dubini gedrehten: Thomas Pynchon

– A journey into the mind of P. Der Titel des Films

geht auf einen am 12. Juni 1966 im New York Times

Magazin veröffentlichten Artikel über die Rassenunruhen

in Watts zurück: A Journey into the Mind

of Watts.

Die Schweizer Filmautoren Fosco und Donatello

Dubini, 1954/1955 geboren, entstammen einer italienisch

sprechenden Familie aus dem Tessin und


gehen in Zürich und in Schwyz zur Schule. Sie sind

Teil einer Generation, die stark durch die deutsche

und die amerikanische Kultur geprägt wird.

Es sind vor allem amerikanische Filme, die sie sehen,

sie lesen amerikanische Autoren, hören Musik,

englischer oder amerikanischer Herkunft. «Unsere

Eltern sprachen noch kein Englisch», sagt Fosco

Dubini, «während wir uns über diese Sprache definierten.»

Das Triviale in Verbindungen mit elitären Kunstformen,

die Vermischung von Realität und kreativem

Prozess, das Einbeziehen der Massenmedien,

der Werbung, die Pop-Art schlechthin sind

Anstösse, die von den Brüdern früh aufgefangen

werden. Dabei hat die amerikanische Kultur einen

zentralen Stellenwert in ihrem Leben und

zunehmend auch in ihrem Schaffen, was anhand

ihrer Filme, von denen ein Drittel amerikanische

Themen aufgreift, zum Ausdruck kommt.

Ihre Auseinandersetzung mit Pynchon hat – abgesehen

davon, dass Tyrone Slothrop, die Hauptfigur

in Pynchons Roman Gravity’s Rainbow (Die

Enden der Parabel, dt. 1981), sich darin auch in Zürich

herumtreibt, im Niederdorf wohnt, die Kronenhalle

und das Odeon aufsucht und im Café Sträggeli «auf

einer Bratwurst und einer Rinde Brot herumkaut» –

eine längere Vorgeschichte. Sie beginnt Ende der

Siebzigerjahre, als sie bei Recherchen zu einem

Film über den Nato-Doppelbeschluss (Blindgänger)

Pynchons 1973 erschienen Roman genauer unter

die Lupe nehmen und das Buch, im wörtlichen

Sinn, von hinten nach vorne lesen. Der Nato-

Doppelbeschluss sieht die Stationierung von mobilen

amerikanischen Mittelstreckenraketen in

Europa vor, um damit das nukleare Gleichgewicht

des Schreckens durch Nachrüstung wiederherzustellen.

Slothrop durchstreift – neben Genf und Zürich –

vor allem das zerbombte Deutschland auf der Suche

nach der sagenhaften V2-Rakete (Vergeltungswaffe

2), die gegen Ende des Krieges in der

unterirdischen Raketenfabrik «Mittelwerk» fabriziert

wird. Hunderte seltsamer Gestalten bevölkern

den Roman, tauchen auf, verschwinden,

tauchen unerwartet wieder auf – oder auch nicht.

Sie heissen Rippenstoss, Achtfaden, Ochsenaugen

und Sanktwolke, Oberst Enzian und sein

Halbbruder Vaslav Tschitscherine, die Gebrüder

van der Groov – es würde nicht erstaunen, die

Dubini Brothers darunter zu finden.

«Jeder Sonderling auf dieser Welt ist auf meiner Wellenlänge»,

sagt Pynchon.

Pychons geheimnisvolle Anonymität bewirkt, dass

Personen, die sich mit ihm und seinen Büchern

auseinandersetzen, zu Protagonisten einer Story

werden, bei der Pynchon aus dem Dunkeln heraus

die Fäden zu ziehen scheint. Da er nicht antwortet,

wird alles, was über ihn gesagt wird, Teil

einer Mega-Story, die sich aus den Pynchon-Themen

wie Paranoia, Geheimorganisationen, Kabbala,

pawlowscher Konditionierung, Verschwörungstheorien

und dem Zauberer von Oz zusammensetzt

und Namen wie Orwell, Rilke, Joyce und

die Simpsons mit ins Spiel bringt. Eine über die

Buchseiten weit hinausreichende Geschichte, in

der Fiktion und Realität nicht mehr zu unterscheiden

sind.

«Donatello glaubt, Pynchon gesehen zu haben, als wir in

New York drehten», erzählt Fosco. «Man dreht sich um,

blickt Passanten nach, verfolgt Gerüchte, die einen Delikatessenladen

betreffen, in dem Pynchon einkaufen soll,

wartet dort. War er das, der gerade um die Ecke bog?»

Verfolgungswahn kann beim Paranoiker zu Erfahrungen

führen, die Koinzidenzen genannt wer-

21


22

den. Es handelt sich um Zufälle, die Zusammenhänge

schaffen oder als solche sichtbar machen.

Im September 1963 reisen Thomas Pynchon und

Lee Harvey Oswald nach Mexiko City. Pynchon

kommt von der Hochzeitsfeier seines Freundes

Richard Fariña mit Mimi Baez, die am 24. August

im Hause von Joan Baez in Portola Valley stattfindet.

Er fährt nach Hause, Oswald zu einem Treffen

mit dem kubanischen Geheimdienst G-2 in der

kubanischen Botschaft, wo er laut Wilfried Huismann

(Rendezvous mit dem Tod) den Auftrag erhält,

John F. Kennedy zu erschiessen. Sitzen Pynchon

und Oswald im gleichen Bus?

«Ist das eines der Geheimnisse?» fragt Richard Lane.

«Haben sie sich unterhalten?»

Mitte der Sechzigerjahre wohnt Pynchon in Al

Porto in Manhattan Beach, einer Kleinstadt am

Pazifik in der Nähe von Los Angeles. Chrissie Wexler,

die frühere Frau von Jules Siegel, die damals

ein Verhältnis mit Pynchon hat, erinnert sich: «Im

Sommer ist er morgens hier an den Strand gegangen

und zwei, drei Stunden geblieben. Das Verrückte ist,

dass seine Haut trotzdem weiss blieb. Wir haben am

Strand gesessen und über den Vietnamkrieg gesprochen.»

Jean Seberg – American Actress: «Ein seltsamer

Zufall will es», erzählt Fosco Dubini, «dass sich zur

selben Zeit zwei andere Protagonisten aus Filmen von

uns in dieser Gegend aufhalten: Jean Seberg und Hedy

Lamarr.»

Jean Seberg – American Actress, von Donatello und

Fosco Dubini, Deutschland/Schweiz, 1995, schildert

die Tragödie eines Lebens, in dem Fiktion

und Wirklichkeit nicht mehr unterschieden werden.

Die Schauspielerin wird am 8. September

1979 in einem weissen Renault 5 von der Pariser

Gendarmerie gefunden, vollgepumpt mit Nebutal

und Alkohol, 7,94 Promille, tot. Nach der Obduktion

steht fest, dass sie Tabletten geschluckt und

Whisky getrunken hat:

«Dieser selbstgebraute Todescocktail vergiftete sie», erklärt

der Arzt. Zehn Tage vorher verlässt Jean Seberg

nachts ihre Wohnung und bleibt verschwunden.

Im Wagen werden keine leeren Flaschen gefunden.

Es gibt Vermutungen, der Alkohol könnte

injiziert worden sein. Romain Gary, ihr ehemaliger

Ehemann, beschuldigt das FBI, an ihrem Tod

mitschuldig zu sein. Anderen Stimmen zufolge

hätten Agenten des französischen Geheimdienstes

sie wegen Kontakten zum algerischen Widerstand

getötet. Die perfekte Ingredienz zur Legendenbildung,

basierend auf einer Verschwörungstheorie,

die derart naheliegend ist, dass Pynchon

sie vermutlich als Fiktion abtäte.

Tatsache ist, dass das FBI 1970 eine Schmutzkampagne

gegen die Schauspielerin einleitet und mit

Hilfe von Newsweek das Gerücht verbreitet, sie

sei von einem Anführer der Black Panther Party

schwanger. Jean Seberg erleidet einen Nervenzusammenbruch

und verliert ihr Kind, das sie am

Tag seiner Beerdigung in einem gläsernen Sarg

der Öffentlichkeit vorführt: Es ist weiss. Seit die

Schauspielerin schwarzen Bürgerrechtsaktivisten

Asyl gewährt, gilt sie als Staatsfeindin. Ihr Telefon

wird abgehört, sie wird Tag und Nacht beschattet,

eine 300 Seiten starke Akte mit dem Codenamen

Arisa wird erstellt. Alles Gründe, die eine Verschwörung

nicht unbedingt als paranoides Hirngespinst

und das Untertauchen eines Autors, der

sich in seinen Büchern mit totalitären Systemen

und deren Vorgehensweisen auseinandersetzt,

als Vorsichtsmassnahme sinnvoll erscheinen lassen.

Hedy Lamarr – The Secret of a Hollywoodstar,von

Donatello und Fosco Dubini und Barbara Obermaier

(Deutschland/Schweiz/Kanada, 2006) zeichnet

das Porträt einer Schauspielerin, die als erste

Nackte der Filmgeschichte berühmt wird und als

«schönste Frau des Jahrhunderts» auf eine kometenhafte

Karriere in Hollywood zurückblickt, bis sie

einsam und vergessen stirbt. 1914 in Wien als

Tochter eines Bankiers geboren, heiratet sie mit

19 Jahren den Industriellen Fritz Mandl, ein Jude,

der mit den Nazis Geschäfte macht und ihr das

Filmen kurzerhand verbietet. Vier Jahre nach der

Eheschliessung verlässt sie Mandl und flieht nach

Paris, nachdem sie ihn und seine französische

Zofe, die ihr nachspionieren soll, mit Drogen ausser

Gefecht setzt. Louis B. Mayer entdeckt sie und

ändert ihren Namen (Hedwig Eva Maria Kiesler)

in Hedy Lamarr um, eine Hommage an die 1926

an einer Überdosis Drogen gestorbene Filmdiva:

Barbara La Marr.

Im Sommer 1940 macht sie in Hollywood die Bekanntschaft

ihres Nachbarn: George Antheil, dessen

Konzerte nicht selten in Saalschlachten enden.

Antheil, der in Paris in den Kreisen um Satie,

Cocteau, Joyce und Picasso verkehrt und der sich

selbst als «bad boy of music» bezeichnet, soll ihr

Fragen zu den Themen Drüsen und Brustvergrösserung

beantworten. Ein von ihm verfasstes Buch

mit dem Titel Every man his own detective: a study

of glandular endocrinology weckt ihr Interesse und

wird zum Anlass für diese Begegnung. Im Laufe

des Gesprächs kommt man auf den Krieg und verschiedene

Waffensysteme zu sprechen. Hedy Lamarr

erwähnt, dass sie mit dem Gedanken spiele,

MGM zu verlassen und nach Washington, D.C., zu

ziehen, wo sie einem Erfinderrat beitreten will.

Diese Begegnung und die daran anschliessende

Zusammenarbeit zwischen den beiden führt innerhalb

kurzer Zeit zu einer erstaunlichen Erfin-


Little Switzerland/North Carolina, USA Arlesheim/Basel-Land, Schweiz


24

dung, einer Funksteuerung für Torpedos, bei der

das Steuerungssignal über mehrere Frequenzen

verteilt und dadurch vor feindlichen Störungen

sicher ist. Eine Erfindung, die Technologien wie

Mobiltelefon und Satellitenkommunikation vorwegnimmt.

1962 kommt das System während der

Kubablockade zum Einsatz.

Hedy Lamarr spielt in über 30 Filmen, darunter

Tortilla Flat, Algiers, White Cargo; ihr erfolgreichster:

Cecil B. DeMilles Samson und Delilah, ihr letzter:

Instant Karma. Die Hauptrolle in Casablanca

lehnt sie ab.

«Als ‹Weisse Fracht› wird Hedy Lamarr im Film wie

im Leben ein von Hollywood geschaffenes Vehikel von

Wünschen, Träumen und erotischen Projektionen. Sie

vermischt beständig Fiktion, Realität, ihre Rollen und

ihr Leben als dauernde Irreführung», erklärt Barbara

Obermaier, Mitregisseurin beim Lamarr-Film.

Koinzidenzen und Synchronizität: Und genau dieses

Vermischen von Fiktion und Realität treibt

Pynchon auf die Spitze, das Vertauschen von Rollen,

die Irreführung der Öffentlichkeit. Die Collagetechnik,

die der Autor in seinen Büchern anwendet,

das Zusammentragen von Bezügen, die

dadurch als solche erkannt werden und entstehen,

die Art, den Dingen auf die Spur zu kommen,

die hinter dem Sichtbaren lauern, bestimmt

auch die Arbeitsweise der Schweizer Dubini Brothers.

Dadurch werden ihre Filme zu selbstständigen

Werken, die stets eine weiterführende, das

Thema transzendierende und keine kommentierende

Funktion haben.

Allen drei Protagonisten ihrer Filme gemeinsam

ist etwas, was jeden Freund von Koinzidenzen

stutzen lässt, weil er dahinter das von John C. Lilly

beschriebene CCCC oder Cosmic Coincidence Controll

Center vermutet. Scheinbar zufällig taucht bei

jedem der hier angeführten Protagonisten eine

Farbe auf, die in Wirklichkeit keine Farbe, sondern

die Summe aller Farben ist: Weiss. Chrissie

Wexler erinnert sich und findet es verrückt, dass

Pynchons Haut, trotz täglichem Strandbesuch,

weiss bleibt. Jean Seberg sieht sich bei der Beerdigung

ihres totgeborenen Kindes gezwungen, den

traurigen Beweis antreten zu müssen, dass ihr

Kind weiss ist. Hedy Lamarrs Beitrag zu dieser

Synchronizität – wie C. G. Jung das Phänomen

auch bezeichnet –, liegt in ihrer Rolle als Tondelayo

in Weisse Fracht. Als Synchronizität bezeichnet

der Schweizer Tiefenpsychologe C. G. Jung Ereignisse,

die nicht über eine Kausalbeziehung

verknüpft sind, aber vom Beobachter als sinnvoll

verbunden erlebt werden. Deshalb darf es auch

nicht erstaunen, dass Pynchons nächster Roman

sich angeblich mit der russischen Mathematikerin

Sofia Vasilyevna Kovalevsakaya beschäftigt,

mit nichtlinearer Dynamik in kondensierter Materie

und dem Weiss-Tabor-Carnevale-Algorithmus.

Vielleicht auch ein weiteres Filmthema für die

Dubini Brothers? ¬

Fosco Dubini, 1954 in Zürich geboren, begann 1975 sein Studium

der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an der Universität

Köln. Bis 1979 war er Mitglied des Filmkollektivs Zürich und

danach Gründungsmitglied des Kölner Filmhauses sowie des

Filmbüros NW. Seit 1991 unterrichtet er an der ESAV (École Supérieure

d’Art Visuel) in Genf und arbeitet als Autor, Regisseur,

Editor und Produzent in Köln und Genf. 1995 entstand – in Zusammenarbeit

mit seinem Bruder Donatello – der Dokumentarfilm

American Actress über Jean Seberg, 2001 folgte mit

A Journey Into The Mind Of P. ein dokumentarisches Porträt des

Schriftstellers Thomas Pynchon. Für den deutsch-schweizerischen

Spielfilm Die Reise nach Kafiristan begaben sich Dubini und

seine Crew auf eine beschwerliche Reise durch verschiedene

Wüstenschauplätze in Jordanien. Fosco Dubinis jüngstes Filmprojekt

ist der Dokumentarfilm Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood

Star.

Donatello Dubini, geboren 1955 in Zürich. Studierte von 1975-

1977 an der Filmakademie in Wien. Bis 1979 Mitglied des Filmkollektivs

Zürich. 1979 Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft

an der Universität Köln. Gründungsmitglied des

Kölner Filmhauses. Mitglied der Filmemacher- und Verleihinitiative

Der Andere Blick, mit Nico Hofmann, Christian Wagner,

Werner Penzel und Nicolas Humbert. Förderpreis des Landes

NRW 1987, Bayerischer Filmpreis 1990. Lebt in Köln.

Filmografie (Auswahl)

2005 Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood Star

Deutschland/Schweiz/Kanada, Dokumentarfilm, 85min.,

Real Fiction

2001 The Journey to Kafiristan (cast: Jeanette Hain, Nina Petri)

Deutschland/Schweiz/Niederlande, feature, 100 min.,

www.diereisenachkafiristan.de

Int. Film Festival Locarno «Piazza Grande», Filmfest Hamburg,

Montréal

2001 Thomas Pynchon – A Journey into the mind of P.

Dokumentarfilm, 90 min., Real Fiction, Int. sales: Media Luna

1995 Jean Seberg – American Actress

Dokumentarfilm, 82 min., Real Fiction / Der andere Blick

Jean Willi, 1945 geboren, lebt auf Ibiza. 1989 erscheint die Erzählung

Der Tag von Santa Inés. 1994 schreibt er zusammen mit

Martin Suter das Drehbuch zu drei Folgen der Fernsehserie Die

Direktorin. Zwischen 1993 und 1996 gibt er vier Bände mit Texten

von Werner Helwig heraus. 1999 erscheint Sweet Home im Ricco

Bilger Verlag, 2005 im gleichen Verlag der Roman matar.


Die verschwisterten Republiken

Was denken Amerikaner über die Schweiz?

Alfred Defago

Das Interesse Amerikas an Europa sinkt. Doch Gemeinsamkeiten – auch im Falle der Schweiz – bleiben bestehen.

Entstehen auch neue? Alfred Defago auf der Suche nach einer transatlantischen Balance ❙

Der Lapsus: Es war am 14. Mai 1997. Pünktlich

um 14.30 fuhr eine schwarze Stretch-Limousine

des US-Aussenministeriums samt Polizeieskorte

mit Blaulicht vor der Residenz des Schweizer Botschafters

in Washington vor. Meine Frau und ich

sollten zur offiziellen Übergabe des Beglaubigungsschreibens

an Präsident Clinton im Weissen

Haus abgeholt werden. Alles hatte das amerikanische

Protokoll detailliert vorbereitet, der Ablauf

war auf die Minute genau geplant. Nach dem protokollarisch

vorgesehenen ‹Small Talk› mit zwei

Vertretern des Staatsdepartements in unserer Residenz

war die Abfahrt auf 14.45 festgesetzt. Doch

als wir auf die Limousine zugingen, passierte es:

«Ich glaube, da stimmt was nicht», flüsterte mir meine

Frau zu und zeigte mit den Augen diskret auf

die Kühlerhaube der langezogenen Limousine des

State Department. Und in der Tat: Da prangte sie,

die Nationalflagge mit dem weissen Kreuz im rotem

Feld. Doch leider war es nicht die schweizerische,

sondern unverkennbar die dänische Flagge,

der Danebrog, den die Amerikaner hier aufgepflanzt

hatten. Als wir unsere Beobachtung dem

mitfahrenden amerikanischen Protokollbeamten

mitteilten, setzte es zuerst ein betretenes Schweigen

ab. Dann ein verzweifeltes «Oh my god!» sowie

ein nervöses Telefongespräch mit dem Protokolldienst

des Staatsdepartements. Wir fuhren

schliesslich ab, mit der dänischen Flagge. Doch sie

wurde eine Meile vor dem Weissen Haus durch

eine schweizerische ersetzt, die ein Polizeifahrzeug

eilends aus dem Aussenministerium herbeigeschafft

hatte. Als wir endlich an der Ehrengarde

vorbei beim Portal des Weissen Hauses

vorfuhren, war es das Schweizerkreuz im roten

Feld, das im Wind munter und gut sichtbar flatterte.

Ich habe diese Episode wohlweislich erst einige

Jahre nach dem Vorfall zu erzählen begonnen. Im

Mai 1997, als die Wogen über die Rolle der Schweiz

im 2. Weltkrieg bei uns hochgingen, wäre ein solcher

Lapsus in der Schweiz zum explosiven Politikum

geworden. Dies umso mehr, als die Vorfahrt

vor dem Weissen Haus von einem Team des

Schweizer Fernsehens für die Tagesschau gefilmt

wurde.

Schweizer, denen ich diese kleine Geschichte später

erzählt habe, reagierten meist mit Kopfschütteln.

Der Vorfall erschien ihnen ‹typisch amerikanisch›,

d.h. als ein klares Indiz für amerikanische

Arroganz, Ignoranz und letztlich das Fehlen jeglicher

Sensibilität gegenüber der Aussenwelt. Wie

kann man nur die dänische mit der schweizerischen

Flagge verwechseln? Doch damit nicht genug.

Gleich mehrere Male habe ich mit meinem

schwedischen Amtskollegen in Washington Briefe

ausgetauscht, die von amerikanischen Absendern,

darunter auch Senatoren und Kongressabgeordneten,

offensichtlich an den ‹falschen› der beiden

Botschafter gesandt worden waren.

Ein klares Schweiz-Bild gibt es in den USA nicht:

Wer über das amerikanisch-schweizerische Verhältnis

schreiben oder reden soll, tut gut daran,

sich dieser Episoden zu erinnern. Zwar gibt es

sie, die Schweiz-Kenner in der Neuen Welt. In der

Wirtschaft, der Politik und selbstverständlich an

den vielen erstklassigen Universitäten des Landes.

Da kann man denn in der Tat nur staunen, wenn

etwa an der University of Wisconsin-Madison regelmässig

Vorlesungen über Frauenliteratur in

der Westschweiz des 20. Jahrhunderts oder – an

gleich mehreren Top-Instituten – Seminare über

das politische Konsens-System in der schweizeri-

25


Gstaad/Bern, Schweiz


New Bern/North Carolina, USA


28

schen Politik gehalten werden. Doch die Mehrheit

der Amerikaner weiss nur wenig über die Schweiz.

Allerdings: Die Schweiz ist hier für einmal kein

Sonderfall. Genau so vage bleiben die Vorstellungen

über Dänemark, Schweden, die Slowakei oder

Holland. Wer nicht gerade in Schweizer Vereinen

oder bei Schweiz-Spezialisten in Wirtschaft, Politik

oder Kultur herumhört, wird Mühe haben,

über die üblichen Klischees von den hohen Bergen,

klaren Seen, friedlich weidenden Kühen,

Käse, Schokolade, Uhren oder Banken hinaus fündig

zu werden.

Kürzlich habe ich gelesen, dass das amerikanische

Interesse an der Schweiz und anderen europäischen

Ländern wieder steigen könnte. Ich habe

meine Zweifel. Das hat zunächst mit der Tatsache

zu tun, dass die meisten Amerikaner zwar in

der einen oder anderen Form Einwanderer waren

oder sind, aber dennoch Einwanderer, die ihre

alte Heimat verlassen und eine neue gefunden haben.

Manche von ihnen sind zwar stolz, Schweizer-Amerikaner,

Italo-Amerikaner oder Irisch-

Amerikaner zu sein. Aber letztlich sind sie eben

doch in erster Linie Amerikaner. Irisch-Amerikaner

oder Abkömmlinge von Einwanderern aus Sizilien

mögen – in oft verklärender Weise – sich für

ihre alte Heimat in Cork oder Palermo begeistern.

Aber es ist nicht anzunehmen, dass sie sich speziell

auch noch für die Schweiz interessieren. Warum

sollten sie auch?

Vom Atlantik zum Pazifik: Dazu kommt, dass die

USA, noch immer das Einwanderungsland par

excellence, seit Mitte der sechziger Jahre eine

massive Einwanderungswelle aus Lateinamerika,

der Karibik sowie aus Süd- und Ostasien erleben.

Die Einwanderung aus Europa, zumindest aus

Westeuropa, ist in den letzten Jahrzehnten dagegen

so gut wie verebbt. Das hat, ja muss Konsequenzen

für das amerikanische Interesse an Europa

(und damit auch der Schweiz) haben. Dass sich

die Millionen von neu zugezogenen Mexikanern,

Indern, Chinesen oder Vietnamesen als neugebakkene

Amerikaner besonders für Europa interessieren,

ist nicht anzunehmen. Und so wenden

sich die USA – langsam aber sicher – Lateinamerika

und Asien zu. Auch wenn es viele Europäer

und gerade Schweizer nicht so recht wahr

haben wollen: Die USA sind heute – mehr denn je

– weit mehr als nur ein kultureller Wurmfortsatz

Europas, mehr als ein blosser Vorposten der

westlich-atlantischen Zivilisation. Im Gegensatz

zu Europa, das mit der Immigration schon immer

seine Mühe hatte, integriert Amerika trotz aller

Schwierigkeiten nicht-europäische Einwanderer

in grosser Zahl. Und verändert sich als Land mit

ihnen, ethnisch, gesellschaftlich und kulturell.

Gleichzeitig verlagert sich sein Schwerpunkt vom

Atlantik zum Pazifik.

Dennoch: Europa und die USA teilen noch immer

ein bemerkenswertes Mass an kulturellen und intellektuellen

Gemeinsamkeiten und Werten. Europa

hat diesbezüglich durchaus einen erheblichen

Einfluss auf das politische und kulturelle Denken

der Vereinigten Staaten gehabt. Einen Einfluss,

der bis auf den heutigen Tag deutlich nachwirkt.

Hier kommt auch die kleine Schweiz ins Spiel,

und zwar sehr prominent. Schweizerisches politisches

Denken und schweizerische politische Praxis

haben auf die Entwicklung der amerikanischen

Demokratie einen beträchtlichen Einfluss gehabt.

Sie sind auch heute noch im politischen Alltag

deutlich zu spüren. Es gehört zur Ironie der Geschichte,

dass dieser wirklich bedeutende schweizerische

Beitrag zur amerikanischen Geschichte

in der Schweiz weniger bekannt ist als in den

USA selbst.

Die Schwester-Republiken: Im späten 18. und bis

weit ins 19. Jahrhundert hinein war die kleine

Schweiz im fernen Europa so etwas wie ein Vorbild

für die junge amerikanische Republik. Kein

Wunder, dass der Blick der Amerikaner gerade

auf die Schweiz fiel. Die Alte Eidgenossenschaft

war einer der wenigen republikanischen Staaten

in einem Meer von mehr oder weniger straff organisierten

Monarchien. Schon sehr bald begann

man sowohl in der Schweiz wie auch den USA

von einer engen Partnerschaft zu sprechen. Das

Wort von den ‹Sister Republics›, den zwei Schwesterrepubliken,

machte die Runde. Als es in den

USA 1787 um die Niederschrift der ersten republikanischen

Verfassung ging, diskutierte man das

schweizerische Vorbild geradezu leidenschaftlich.

Sollte man sich als lose Konföderation konstituieren,

wie das damals die Alte Eidgenossenschaft

war? Oder sollte man nicht vielmehr etwas grundsätzlich

Neues wagen? Man entschied sich für einen

föderalistisch aufgebauten Staat, der aber

dennoch – anders als das schwache Tagsatzungssystem

der dreizehnköpfigen Eidgenossenschaft

– eine relativ starke Zentralgewalt aufwies.

Etwas mehr als ein halbes Jahrhundert später waren

es die Schweizer, die von der ‹Sister Republic›

jenseits des Atlantiks in Sachen Verfassung lernen

wollten. Die liberal-radikalen Gründungsväter

der neuen Schweiz von 1848 suchten nicht lange

nach möglichen Vorbildern für ihre Bundesverfassung.

Für sie kam da – beinahe zwangsläufig –

nur eine Verfassung in Frage: die amerikanische.

Kein Wunder, denn auch 1848 war eine Republik,

die sich auf die Herrschaft des Volkes berief, immer

noch eine geradezu exotische Ausnahme. In

starker Anlehnung an das amerikanische Vorbild


wurde in der Schweiz ein föderaler Staat mit einem

Zweikammer-System geschaffen. Der Nationalrat,

die Volksvertretung, wurde dem US-Repräsentantenhaus

nachgebildet, der Ständerat, die

Vertretung der Kantone, war in mancher Hinsicht

eine Kopie des amerikanischen Senats. Diese und

viele andere Bestimmungen in der Bundesverfassung

von 1848 veranlassten den Neuenburger

Staatsrechtler Jean-François Aubert zur leicht maliziösen

Bemerkung, man könne hier beinahe von

einem Plagiatsfall sprechen.

Neben offensichtlichen Ähnlichkeiten gibt es aber

auch bezeichnende Unterschiede. Zwar kennt

auch die Bundesverfassung von 1848 die grundsätzliche

Trennung der drei Staatsgewalten (Legislative,

Exekutive und Judikative). Doch während

sie im legislativen Bereich das amerikanische

Zweikammersystem weitgehend übernimmt, ändert

sie das amerikanische Vorbild in Bezug auf

die Exekutive in auffälliger Weise ab. Ruft die

US-Verfassung geradezu nach einem starken Präsidenten

mit Führungsqualitäten, verteilt die

schweizerische Verfassung dessen Machtfülle typischerweise

auf ein Gremium von sieben Bundesräten.

Zwar kennt auch die Bundesverfassung einen

Präsidenten, doch bis auf den heutigen Tag

sind dessen Kompetenzen weitgehend zeremonieller

Natur. Und die Tatsache, dass er überdies

nur jeweils ein Jahr im Amt bleiben darf, ist ein

weiterer Hinweis, dass die politisch, sprachlich

und kulturell vielgliedrige Schweiz – anders als

die USA – eben keine starken ‹Leaders› will.

Initiative und Referendum: Doch die wechselseitigen

Beeinflussungen der beiden Polit-Systeme

war 1848 noch nicht zu Ende. Hatten die radikalen

Gründungsväter der neuen Schweiz ihre geistigen

Anleihen weitgehend in den USA getätigt,

sind es gegen Ende des 19. Jahrhunderts wiederum

die Amerikaner, welche schweizerisches Verfassungsrecht

in die USA exportieren. Die typisch

schweizerischen direkt-demokratischen Einrichtungen

von Initiative und Referendum sind es,

die sie plötzlich faszinieren. In den späten achtziger

und neunziger Jahren erscheinen in den USA

unzählige Bücher und noch mehr Zeitungsartikel

über das Initiativ- und Referendumsrecht der Eidgenossenschaft

im fernen Europa. Initiative und

Referendum werden plötzlich als Allheilmittel gegen

politische Machenschaften und die grassierende

Korruption in verschiedenen Bundesstaaten

gesehen. Das Volk muss – wie in der Schweiz –

den Politikern auf die Finger klopfen können, war

der Schlachtruf der amerikanischen Populisten.

Der Erfolg blieb nicht aus. Zwischen 1890 und

1912 führen 18 Bundesstaaten das Initiativ- und/

oder Referendumsrecht ein.

Heute sind es bereits 26 US-Staaten, die diese

Einrichtung kennen. Und die Bewegung für direkte

Volksrechte scheint in den letzten Jahren noch

mehr Schwung entwickelt zu haben. So kommt

es, dass heute von Kalifornien bis Florida Jahr für

Jahr Millionen von Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern

nach schweizerischer Manier zu jeweils

Dutzenden von Sachgeschäften zur Urne gerufen

werden. Nicht selten werden dabei umstrittene

Entscheide der Staatsparlamente rückgängig gemacht

oder gegen den Willen des Gouverneurs

neue Bestimmungen in die jeweilige Staatsverfassung

aufgenommen. Die Einführung des Initiativ-

und Referendumrechts in mehr als der Hälfte

aller US-Bundesstaaten ist ohne die Schweiz nicht

denkbar. Anhänger wie Gegner dieser – nicht unumstrittenen

– Institution verweisen in ihren Debatten

nicht selten ausdrücklich auf das schweizerische

Vorbild. Das ist immerhin etwas. Die

leidige Frage aber, was die Amerikaner über uns

denken, welches Bild sie von uns haben, sollten

wir ruhen lassen. Sie bringt nichts, genausowenig

wie im Falle von Dänemark, Schweden, Slowakei

oder ...(Reihe beliebig fortsetzbar). ¬

Alfred Defago, Dr. phil., lehrt seit 2001 internationale Beziehungen

an der University of Wisconsin-Madison. Zuvor war er

Schweizerischer Generalkonsul in New York und Botschafter

der Schweiz in Washington, DC. In den achtziger und neunziger

Jahren war Alfred Defago Chefredaktor von Radio DRS und

Direktor des Bundesamts für Kultur.

29


Chicago/Illinois, USA


Hollywood-Swissness à la carte

Ein fiktives Gespräch mit Renée Zellweger

Milena Moser Natürlich hätte ‹Passagen› den Leserinnen und Lesern an dieser Stelle gerne ein Exklusivinterview mit der ‹Holly-

woodschweizerin› Renée Zellweger beschert. Doch das Filmgeschäft hat seine eigenen Gesetze und, was Inter-

views mit Stars betrifft, Hürden, die kaum zu überwinden sind. Das musste auch die in San Francisco lebende

Schweizer Schriftstellerin Milena Moser erfahren. Ihr Gespräch mit Renée Zellweger fand trotzdem statt – in der ei-

genen Phantasie. Exklusiv! ❙

Muttenz/Basel-Land, Schweiz

31


32

Beim Bauernspeck: «Ich liebe die Schweiz», sagt sie.

«Der Schweiz verdanke ich alles.» «M-hm.» Ich nicke.

«Weiter?»

Gewissenhaft listet sie die typisch schweizerischen

Eigenschaften auf, die ihr das Leben einfacher

gemacht haben, ja denen sie eigentlich, wenn

sie es sich genau überlegt, ihren Erfolg verdankt.

Pünktlichkeit, Sauberkeit, sie zählt sie an den Fingern

ab, ihre Hände sind schneeweiss, als hätte

sie ihr Leben lang Abwaschhandschuhe getragen,

auch das eine Schweizer Sitte wie aus dem Bilderbuch.

«Loyalität», fährt sie fort, «Verlässlichkeit, absolute

Verlässlichkeit.»

Während sie spricht, hat sie den Käse in kleine

Stücke geschnitten, jetzt schiebt sie mir die Bauernplatte

zu. «Bedienen Sie sich doch», sagt sie höflich,

«griiffed nume zue!»

Mit einem Lächeln quittiere ich den gelungenen

berndeutschen Akzent. Gelesen habe ich zwar,

dass ihr Vater aus dem Sanktgallischen stammt,

aber ich will nicht kleinlich sein. Renée tut, was

sie kann, vor allem, wenn man den Jetlag berücksichtigt.

Ich nehme mir eine Essiggurke, ein Stück Käse,

Renée kaut am Bauernspeck. Sie nickt ernsthaft,

studiert den ihr unbekannten Geschmack, die Beschaffenheit

jedes Bissens. Wir sitzen draussen

an einem der rotlackierten Metalltische, vor uns

die Wiese, der Spielplatz, die Kühe. Vögel zwitschern,

Bienen summen, Sonnenstrahlen wärmen.

Andere Gäste schauen zu uns herüber, aber

sie sagen nichts, wenn sie Renée erkannt haben,

lassen sie es sich nicht anmerken. Sie beugt sich

vor: «Sehen Sie, das liebe ich an der Schweiz!»

«Ich weiss», sage ich, «ich habe selber mal Udo Jürgens

in der Migros gesehen, am Stadelhoferplatz. Er

kaufte Rasierschaum und Klopapier und stand vor der

Kasse an wie alle anderen.»

«Udo Jürgens? Migros?»

Renée legt ihr Winzgesicht in neue Falten, andere

Falten, die Verwirrung ausdrücken. Bückt sich unter

den Tisch, sie zieht den Reissverschluss ihres

brandneuen Rucksackes auf und holt ein Notizbuch

hervor. Das Büchlein (wie auch der Rucksack,

der Bleistift und die Schiebermütze auf ihrem

blonden Kinderhaar) ist rot und mit weissen

Schweizerkreuzen bedruckt. Niemand kann Renée

vorwerfen, sie nähme ihre Rolle nicht ernst.

Ein Profi. Das sagt jeder. Der ist nichts zu viel. Der

Renée Zellweger.

«Migros», sie sie schaut auf, ihr Blick ist ernst.

«Wie buchstabiert man das?»

Ich diktiere es ihr. Sie schaut auf, ihr Blick ist ernst.

«Und Udo Jürgens? Ein berühmter Schweizer?»

«Ja, ziemlich.»

Sie seufzt.

«Ich habe noch so viel zu lernen, nicht?»

«Sie machen Ihre Sache gut», sageich,«sehr gut sogar!»

und winke nach einem Halbeli.

«Halbeli», wiederholt Renée. «Haa-ubeli?»

Ich nicke. Sehr gut.

Das Komitee: Es hatte nicht lange gebraucht, um

sich zu entscheiden. Die Frau, die die Schweiz verkörpern

würde (auf Briefmarken und Münzen und

offiziellen Briefköpfen, auf Konferenzen und Weltausstellungen

und vielleicht sogar als Wachsfigur)

sollte modern sein, aber doch durch und

durch schweizerisch. Hübsch, aber nicht überwältigend

schön, bescheiden, aber nicht arm, allerdings

auch nicht wirklich reich, zurückhaltend,

aber nicht schwach, jemand, der sich selbst genügt.

So jemand. Sollte die Schweiz verkörpern.

Jemand wie Renée Zellweger eben. Genau.

«Renée Zellweger», sagte jemand, «aber die lebt doch

in Amerika.»

«Nicht nur das, sie ist in Amerika geboren. Gilt das

überhaupt?»

«Ich bitte Sie!» Ein Mitglied des Kommittees stand

auf, ein nicht mehr ganz junger Herr in einem

grauen Anzug, der lange geschlafen hatte, mindestens

zwanzig Jahre lang, aber etwas an dieser

Idee, die Schweiz zu verkörpern, hatte ihn aufgeweckt.

«Mit einem Namen wie Zellweger? Gibt es einen

schweizerischen Namen? Einen Namen, wohlgemerkt,

den sie jederzeit hätte ablegen können. Aber hat sie das

getan? Nein, das hat sie nicht. Im Gegenteil, sie hat

diesen schweizerischsten aller Namen weltberühmt gemacht.»

«Ja, aber wie man ihn ausspricht», flüsterte jemand.

«Ist es nicht gerade die Loyalität zum schwer auszusprechenden

Namen, die ihre Swissness beweist – und

bitte sehr, geehrtes Kommittee, allein die Tatsache, dass

wir für Swissness keinen schweizerdeutschen Ausdruck

finden können, spricht für eine Amerika-Schweizerin

als Verkörperung des Konzeptes, nicht wahr?»

Der Mann redete sich in Feuer. Seine rechte Hand

verkrampfte sich in der Jackentasche, sie wollte

sich zur Faust ballen und hochschiessen und dazu

würde er «Zällwäger forever!» schreien. Statt dessen

sagte er: «Swiss Roots, übrigens, sehr geehrte Damen

und Herren, auch ein englischer Ausdruck.»

Andere Mitglieder des Kommittees vermuteten

nicht zu Unrecht, dass dieser Herr so vehement

einsprach, weil er sich selber an der Seite der zierlichen

Renée sah, wie er sie in die Swissness einführte,

wie er ihr über Berge und Wasserfälle half,

galant, aber nicht aufdringlich, verlässlich und

stark. Sie hatten seinem Feuer nichts entgegenzusetzen.

Als nächstes stellte sich die Frage, wie man die

verkörperte Schweiz in diesem grossen Land Amerika

finden sollte, geschweige denn einfangen

und zurückbringen? Der graue Anzug hätte sich


nur zu gerne angeboten, aber die Angst, zu versagen,

sich lächerlich zu machen, war am Ende stärker

(eine typisch schweizerische Angst übrigens).

Und da trat ich vor, «Damen und Herren vom Kommittee

zur Verkörperung der Schweiz», sagte ich, «ich

lebe zufällig auch in Amerika, ich bringe Ihnen die Zellweger.

Tot oder lebendig!»

Damit meinte ich natürlich nicht Renée, sondern

mich, es wurde langsam Zeit, dass ich auch mal

ein Opfer für mein Land brachte, so etwas lernt

man in Amerika, Hand auf’s Herz und Switzerland

forever.

Dornbusch und Laufband: Um bis zu Renée vorzudringen,

musste ich wie ein Märchenprinz vorgehen,

eine Rolle, die mir bis dahin vollkommen

unbekannt war. Ich hatte es mein Leben lang

eher mit dem Dornröschen gehalten, gebt mir

Kabelfernseher und Fingerfutter, und ich halte es

gut hundert Jahre lang alleine aus. Doch jetzt

hatte ich eine Aufgabe, eine Aufgabe, die mir

wichtig war, ich würde meinem Heimatland zu

einem Symbol verhelfen, ich, ich allein konnte

das möglich machen. Das musste das Kommittee

auch einsehen, nachdem alle Anfragen auf offiziellem

Wege gescheitert waren, an den drei Reihen

von Dornenbüschen abgeprallt, die Renée

umgaben. Persönliche Assistenten, Presseberater,

Manager, Businessmanager, Agenten, Bodyguards,

Trainer und ein Friseur. Und das war nur der innerste

Kreis. Um diesen zu durchbrechen, brauchte

ich Wochen. Wochen voller Lügen und Tricks.

Ich musste schmeicheln, bestechen, mehr lügen,

schleichen, klettern und eine Kreditkarte als

Schlüssel benutzen, was nicht so einfach ist, wie

es im Fernsehen aussieht. Einmal stellte ich sogar

dem Chauffeur ein Bein. Als ich endlich vor Renée

Zellweger stand, rannte sie auf einem Laufband,

winzig, kindlich, durchgeschwitzt, «nur noch zehn

Meilen» sagte sie, das sind über sechzehn Kilometer.

«Hop on», sagte sie, und es blieb mir nichts anderes

übrig, als auf das Laufband neben ihrem zu klettern

und langsame Schrittbewegungen zu machen.

«Renée», sagte ich, «die Schweiz braucht Sie.»

«Die Schweiz? Welche Schweiz?»

«Ihr Vaterland, Renée!» Ich sagte Vaterland, weil das

in ihrem Fall sogar stimmte, ihr Vater aus der

Schweiz, die Mutter aus Norwegen, deshalb wäre

Renée die letzte, die diesen weitverbreiteten Fehler

machen sollte, doch sie machte ihn:

«Oh, sure», sagte sie,«ich war letztes Jahr in Stockholm,

Mitternachtssonne, super!»

«Nicht Schweden, René, die Schweiz! Wo Ihr Vater herkommt.

Wo die Leute Namen haben wie Zellweger.

Diese Schweiz meine ich.»

«Ihr Laufband ist ja gar nicht an!» Sie langte zu mir

hinüber, ohne ihr Tempo zu drosseln. «Hier, Honey.»

Drückte den roten Knopf, und das Band setzte

sich in Bewegung, und bald wusste ich nicht mehr,

warum ich hier war und wer der verschwommene

rosa Fleck neben mir war. Als nächstes fand

ich mich auf dem Fussboden wieder, vom Band

geschleudert, das Zitronengesichtchen über mir

schwebend, besorgt verzogen.

Renée Zellweger ist ein ‹people pleaser›, das hatte

ich vorbereitend gelesen. Das heisst, dass sie gerne

das sagt, was man von ihr hören will. Deshalb

braucht sie all die hundertjährigen Dornbüsche

um sich herum. Das konnte ich zwar nachfühlen,

noch so gut, aber in diesem Moment war ich skrupellos.

Vielleicht durch den Sturz.

«Sie müssen mit mir mitkommen», sagte ich. «In die

Schweiz. Renée, wenn Sie nicht mit mir mitkommen,

bin ich verloren, das ganze Land wird mich auslachen

und mit Kartoffeln bewerfen!»

«Kartoffeln?» Die schmalen Augen wurden weit.

Eigentlich hatte ich Tomaten sagen wollen, die

Kartoffeln waren mir so herausgerutscht. «Ich habe

seit Jahren keine Kartoffeln gegessen!»

Damit war aber noch nicht alles gewonnen, Renée

hatte noch nie einen Koffer gepackt, ein Flugticket

gekauft oder sich in die Touristenklasse gesetzt.

Doch sie war tapfer.

«Es ist eine Rolle», sagte sie. «Und ich bin Schauspielerin.

Whatever it takes! Möchten Sie, dass ich ein

paar Kilo zunehme für die Schweiz? Das kann ich. Ganz

leicht.»

Ganz in Rot und Weiss: Und hier sitzen wir nun

in der Schweizer Sonne, vor einer Gartenbeiz

mit einem Namen wie Alpenblick oder vielleicht

Blüemlisalp, Renée ganz in Rot und Weiss, alles

am Flughafen gekauft, der auch einen englischen

Namen trägt. Die Kellnerin bringt das Halbeli,

schenkt uns nach. Renée seufzt. «Ich weiss nicht,

wann ich das letzte Mal so glücklich gewesen bin»,

sagt sie. «Nein, nicht glücklich: zufrieden. Ist das a

swiss thing?»

«Ganz genau. Sie lernen schnell.»

«Das muss ich mir merken: genau diesen Moment. Damit

kann ich arbeiten.» Sie schliesst die Augen, lehnt

sich zurück. Den Hügel hinauf, durch die kniehohen

Wiesenblumen kommt ein grauer Anzug auf

uns zu. ¬

Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren. Ihr erstes Buch,

Gebrochene Herzen erschien 1990 im von Freunden eigens gegründeten

Krösus Verlag. Ihre bekanntesten Bücher sind Die Putzfraueninsel,

Blondinenträume und Schlampenyoga. Seit 1998 lebt sie

mit ihrem Mann, dem Fotografen Thomas Kern, und ihren Söhnen

Lino (18) und Cyril (11) in San Francisco.

33


CHicago Blues Saxophonklänge über dem Michigan See

Sam Burckhardt Der Basler Sam Burckhardt lebt seit 1982 in Chicago. Er arbeitet dort als Musiker und Komponist. Meist spielt er

Sam Burckhardt

Foto: Eileen Ryan

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Jazz, manchmal Blues, aber auch frei improvisierte Musik. Sam ist mehrere Male im Jahr in Europa auf Tournee.

Wie er Musiker wurde und nach Chicago kam? Folgendermassen ❙

Blockflöte, Schlagzeug, Saxophon: Geboren wurde

ich am 7. Juli 1957 in Sursee, als letztes von vier

Kindern. Aufgewachsen bin ich in Basel, wo ich

die Primarschule und das Gymnasium besuchte.

Musik spielte schon immer eine Rolle in meinem

Leben. Meine Mutter sorgte dafür, dass wir mit

sechs Jahren in die Solfège kamen, wo ich bei Beatrice

Ganz im Blockflötenunterricht die Rudimente

der Musik lernte. Zur selben Zeit trat ich in eine

Knabenkantorei ein, die jeweils am Samstagnachmittag

Probe hatte und oft am Sonntag in einer

Kirche sang. Mit etwa sieben Jahren begann ich

auf Wunsch meiner Mutter mit dem Geigenspiel.

Ich hatte an der Musik Akademie in Basel Unterricht.

Die wöchentlichen Lektionen entwickelten

sich bald zur Qual, da ich oft zu hören bekam, ich

übe nicht genügend und daher wenig Fortschritte

mache. Mit zehn Jahren wechselte ich über zum

Schlagzeug – ein grosser Schritt. Ich durfte bei

Chester Gill, der aus Barbados stammte, Unterricht

nehmen. Ich erinnere mich noch genau an

meine erste Stunde. Ich trabte bei ihm mit einem

Paar Trommelschlegel unter dem Arm an. Er erklärte

mir den Aufbau des Schlagzeugs und lehrte

mich einen einfachen Rhythmus. Nach dreiviertel

Stunden ertönte seine Hausglocke, und ich wollte

mich verabschieden, er aber hiess mich wieder

Platz nehmen. Der nächste Schüler war ein Posaunist.

Chester setzte sich ans Klavier, sagte dem

Posaunisten, welches Stück wir spielen würden,

und sagte mir, ich solle den vorher geübten Rhyth-

mus spielen. Er zählte das Stück an – eins, zwei

drei, vier –, und schon legten wir los. Nach einer

Stunde bereits Musik zu machen, nicht einfach

Noten zu spielen, war eine neue und umwerfende

Erfahrung für mich. Mit etwa sechzehn Jahren

wechselte ich aufs Saxophon über. Folgende Gründe

bewogen mich dazu: Das Saxophon war ein Melodieinstrument,

vergleichbar mit der menschlichen

Stimme; es war wesentlich leichter zu

transportieren als ein Schlagzeug; und ich konnte

in die Band meines Bruders eintreten, die bereits

einen Schlagzeuger hatte. Spielen, musizieren,

gemeinsam – in einer Gruppe von Leuten –, das

war es, was mich an der Musik reizte.

Sunnyland Slim: Er hiess mit bürgerlichem Namen

Albert Luandrew und kam am 5. September

1907 in Vance, Mississippi, zur Welt. Er war fünfzig

Jahre älter als ich. Sein Grossvater, der Anfang

der 1860er Jahre in Kentucky noch als Sklave zur

Welt kam, zog nach Mississippi. Dort kaufte er

ein Stück Land. Er fällte die Bäume darauf und

verarbeitete sie zu Eisenbahnschwellen, die er an

die aufkommenden Bahnlinien verkaufte. Es gibt

ein Foto vom circa zwölfjährigen Sunnyland, auf

dem er mit seinen Grosseltern, seinem Vater und

seiner Stiefmutter und zwei Cousinen auf den Stufen

zur Veranda des Hauses seines Grossvaters

sitzt. Er trägt ein weisses Hemd, eine Krawatte, ein

Jackett, Hosen, Kniestrümpfe, hohe Schuhe und

übers Knie gelegt eine Kappe. Hinter dem Glasfen-


ster der Eingangstüre hängt ein Spitzenvorhang.

Nicht das Bild, das man sich von einer schwarzen

Familie in Mississippi kurz nach dem ersten Weltkrieg

machen würde. So war denn auch der Grossvater

für Sunnyland eine überragende Figur, die

er sehr verehrte. Trotzdem lief er schon als Junge

von zu Hause weg. Seine Mutter starb, als er acht

Jahre alt war. Seine Stiefmutter mochte ihn nicht

leiden und schikanierte ihn mit immer neuen Aufgaben.

Mit etwa fünfzehn Jahren hatte er seinen

ersten Job als Musiker. Er spielte in einem Kino

Pausenmusik, während die Filmrollen gewechselt

wurden. Den Namen Sunnyland erhielt er, weil er

ein Lied über den ‹Mean Old Sunnyland Train›

schrieb, eine Bahnlinie, auf der innerhalb einer

Woche eine schwarze und eine weisse Familie

überfahren wurden. Mit seiner über zwei Meter

grossen Figur, seinen langen Armen und den grossen

Händen mit den langen Fingern kam das

‹Slim› von selbst dazu. Nach Chicago kam er Ende

der vierziger Jahre und entwickelte sich im Laufe

der Zeit zum Patriarchen der Chicago Bluesmusiker.

Abends im Club: Ich lernte Sunnyland am 22. April

1975 in Grenzach bei Basel kennen. Ich hatte von

meinem Bruder erfahren, dass er dort spielen

würde. Am Abend im Club sah ich Sunnyland an

der Bar sitzen. Als er sich nach 20 Uhr immer

noch nicht an den Flügel setzte, ging ich zu ihm

und begann ein Gespräch. Er erklärte mir, dass er

enttäuscht sei über die wenigen Zuhörer und

dass er langsam Heimweh nach Chicago habe, wo

er normalerweise mit einer Band auftrete. Ich erzählte

ihm, dass ich zwei Jahre zuvor Gelegenheit

gehabt habe, Eddie Boyd am Schlagzeug zu begleiten.

Darauf erzählte er mir eine lange Geschichte

von Eddie Boyd und wie sie zusammen auf dem

Highway 61 nach Norden gekommen seien. «Eddie

Boyd, that’s my partner», rief er aus und erblickte

dabei ein Schlagzeug im Raum. «Come’on boy, let’s

get busy», bedeutete er mir und liess mich das

Schlagzeug aufbauen. Wir spielten an diesem

Abend und am nächsten, und ich war in einer

Welt, von der ich schon lange geträumt hatte: die

Welt der Musik. Sie hatte ihre Gesetze, und es

schien von grosser Bedeutung, sich selbst einzubringen,

Regeln zu hinterfragen, neu anzusetzen,

die Ohren aufzumachen, um auf Unerwartetes

reagieren zu können. Es war aber auch eine Welt,

in der man nicht alleine war, sondern mit anderen

zusammen etwas kreierte, dessen Resultat die

Summe der Einzelteile oft überstieg.

Wo bleibt die Gage? Der Same, der an diesen beiden

Abenden in meinem Herzen gepflanzt wurde,

keimte erst sieben Jahre später, als ich am 20.

Juli 1982 in Chicago ankam mit meinem Saxophon

in der Hand und einem Rucksack mit den

notwendigsten Kleidern auf dem Rücken. In den

sieben Jahren dazwischen hatte ich das Gymnasium

mit der Matur abgeschlossen, das Studium

der Ethnologie begonnen, fast ein Jahr in Burundi

als Teil meines Studiums verbracht, 1981 zwei

Monate in Chicago bei Sunnyland verweilt und mit

seiner Band gespielt. Nun war ich bereit in diese

Band einzusteigen. Neben Fred Grady am Schlagzeug,

der vor kurzem gestorben ist, spielten Steve

Freund, Guitarre, und Bob Stroger, Bass, in seiner

Band. Mit ihnen verbindet mich eine Freundschaft,

die bis auf den heutigen Tag andauert und

uns ab und zu Gelegenheit bietet, wieder zusammen

zu spielen. Wir traten jeden Sonntag in einem

Club namens B.L.U.E.S. auf. Als Jüngster in der

Band musste ich erst meine eigene Stimme und

die notwendige Selbstsicherheit finden, um neben

den anderen, vor allem Sunnyland, dem alten

Meister, zu bestehen. Ich hatte es unterlassen,

mit ihm über Bezahlung zu sprechen, nicht nur,

weil ich unentgeltlich bei ihm wohnen durfte, sondern

auch, weil ich dachte, er als ‹Meister› würde

das Thema schon anschneiden. Als ich nach geraumer

Zeit noch immer nicht bezahlt wurde,

machte ich Richard Wilson, meinem Partner, gegenüber

eine Bemerkung. Er meinte nur, dass ich

Sunnyland darauf ansprechen müsse. Meinen Einwand,

dass doch Sunnyland als dem Älteren und

Meister diese Aufgabe zustehe und es frech wäre,

ihn zu fragen, verwarf er. Ich nahm also all meinen

Mut zusammen und ging zu Sunnyland. Umständlich

erklärte ich ihm, dass ich mir eine andere

Band suchen müsste, wenn ich nicht bezahlt

würde, da ich ja auch Geld verdienen müsse. Sunnyland

sagte nicht viel, nickte, nahm den Telefonhörer

in die Hand und wählte die Nummer des

Clubbesitzers. Noch am selben Sonntag, am Ende

des Auftritts, gab mir Sunnyland seinen berühmten

Handschlag und bedankte sich. In meiner

Hand befanden sich danach $ 60, wie bei den anderen

Bandmitgliedern.

On the road: Schon nach kurzer Zeit vertraute mir

Sunnyland sein Auto an. Er fuhr gern und viel und

eigentlich überall hin, wo man mit einem Auto

hinkommt. Normalerweise gab er mir nach einem

Auftritt die Autoschlüssel in die Hand. Er besass

damals einen alten Chevrolet Stationwagon,

ein grosses Auto. Jedesmal gab er mir minutiöse

Instruktionen, in welche Fahrbahn ich mich begeben,

wann ich die Blinker anstellen und wo ich

durchfahren solle. Am Anfang war ich froh über

die präzisen Angaben, aber mit der Zeit hätte ich

die Strecke blind fahren können. Eines Abends, als

mir seine Anweisungen besonders auf den Nerv

35


Arlesheim/Basel-Land, Schweiz


Bernstadt/Kentucky, USA


38

gingen, erwiderte ich ihm etwas unwirsch, dass

es im Auto nur ein Steuerrad gebe, welches ich ja

in den Händen habe, und falls er gerne fahren

möchte, könne ich gleich anhalten, um mit ihm

den Platz zu wechseln. Ansonsten aber wisse ich

genau, wie ich nach Hause zu fahren hätte. Mit

dem endete unsere Unterhaltung, und als ich ihm,

als wir an unserem Wohnort angelangt waren, etwas

scheu ein «Good Night» zurief, antwortete er

mir mit einem unverständlichen Murmeln. Ich

schlief in dieser Nacht schlecht. Immer wieder

warf ich mir vor, mich falsch verhalten zu haben.

Als nach langer Zeit der Morgen graute, hörte ich

wie Sunnnyland seine Cousine, die gleich über uns

wohnte, anrief, und ihr voll Stolz erklärte: «That

Sam, I’m tellin’ you, he can really drive.»

Beide Geschichten veranschaulichen meine Erwartungshaltung,

die darauf basierte, dass der

Ältere zum Jüngeren, der Meister zum Lehrling

schaut und ihm mitteilt, wann die nächste Ebene

erreicht ist. Erfahren habe ich dabei aber auch,

dass ich für meine Interessen eintreten muss und

ich der Einzige bin, der das tun kann. Es geht nicht

darum, ob das eine System besser ist als das andere,

sondern darum, Unterschiede zu erkennen

und dementsprechend zu handeln. Es scheint mir,

dass man in der Schweiz (und vielleicht allgemein

im deutschen Sprachraum) oft fragt: «Darf

man das? Ist das erlaubt?» während man hier in

Amerika handelt, im Vertrauen, dass alles erlaubt

ist, was nicht ausdrücklich verboten ist – ein subtiler

und wesentlicher Unterschied.

Die richtige Sprache finden: Wie viele Europäer

war ich zu Beginn meiner Zeit in Amerika der irrigen

Auffassung, dass Englisch eine einfache Sprache

sei. Ich hatte in der Schule British English,

wie es die Amerikaner nennen würden, gelernt

und daneben meinen Wortschatz mit Vokabeln

aus der Blueswelt aufgestockt. So war denn mein

Englisch eine recht wilde Mischung aus Oxford

und Mississippi. Mein Partner Richard hat mich

zum Glück von Anfang an korrigiert und so in

meinem ‹Englischen Garten› für die nötige Hege

und Pflege gesorgt. Auch meine Tätigkeit als Übersetzer

und Dolmetscher hat mir immer wieder

die Tücken dieser Sprache gezeigt. Englisch, als

Mischsprache aus germanischen Elementen (Angelsächsisch)

und dem romanischen Element

(Normannisch), hat einen riesigen Wortschatz mit

vielen spezifischen Ausdrücken. Wenn im Deutschen

und Französischen Vokabeln in etwa bedeutungsgleich

sind, hat im Englischen das jeweilige

sinnverwandte Wort oft eine beschränktere Bedeutung.

So ist im Englischen veal (le veau) nur

noch das geschlachtete Produkt eines calf (das

Kalb).

Aber Sprachkenntnisse allein reichen nicht aus.

Ohne kulturellen Hintergrund kommt man der

amerikanischen Seele nicht auf die Schliche. In

der Schweiz aufgewachsen und dort zur Schule

gegangen, fehlte mir ein wichtiger Teil der amerikanischen

Adoleszenz, Grades und High Schools

und was sonst alles in dieser Zeit an amerikanischen

Werten weitergegeben wird. Auch die Welt

des Sports, vor allem Baseball und Football, haben

in der ‹American Imagination› einen grossen

Stellenwert. Geschichte und Politik kommen

noch dazu. Und, vielleicht als wichtigster Teil, das

grosse Geschenk der USA an die Welt: ‹Popular

Culture›. Wie wir sie doch zu kennen glauben,

diese amerikanische Kultur, aus dem Kino, dem

Fernsehen, der Musik. Und doch entgeht sie uns

ohne tiefere Landes- und Sprachkenntnisse leicht.

Auf der Oberfläche verstehen wir sie, aber bei

den Erwartungshaltungen, die die einzelnen Worte,

Sätze oder Bilder in uns auslösen, merken wir,

wie unsere eigenen Erwartungen von anderen Erfahrungen

durchdrungen sind. ¬

Der Basler ‹Auswanderer› Sam Burckhardt lebt seit 1982 mit

seinem Partner Richard Wilson, einem Rechtsanwalt, in Chicago.

Er arbeitet dort als Musiker und Komponist. Sam Burckhardt

hat schon etliche Schallplatten und CDs aufgenommen und arbeitet

zur Zeit an seiner neusten Produktion.


«If you go to San Francisco» Schweizer Architekten in den USA

Hubertus Adam Immer wieder sind seit dem 19. Jahrhundert einzelne Architekten oder Konstrukteure aus der Schweiz in den Ver-

Zeichnung Längsschnitt des

de Young Museums in San

Francisco.

© Herzog & de Meuron, Basel

einigten Staaten mit wichtigen Werken hervorgetreten. Zuletzt Herzog & de Meuron mit dem unlängst eröffneten

de Young Museum in San Francisco. Der Architekturkritiker Hubertus Adam stellt uns seine Auswahl von Schweizer

Bauten in den USA vor ❙

George Washington Bridge: Als ‹grand old man›

der Schweizer Architektur in Amerika müsste man

wohl zunächst den bei Schaffhausen geborenen

Konstrukteur Othmar Ammann (1879-1965) nennen.

Er wollte nach einem an der ETH Zürich absolvierten

Bauingenieurstudium in der Weite der

Neuen Welt eigentlich nur einige Berufserfahrung

sammeln. Doch Ammann blieb in New York, eröffnete

1923 sein eigenes Büro und wurde 1925

Chef der Port Authority, der Behörde, welche für

die Hudson und East River querenden Infrastrukturverbindungen

verantwortlich ist. Die George

Washington Bridge, die Manhattan auf Höhe der

179. Strasse mit New Jersey verbindet, gilt als

Ammnans Meisterwerk: 1931 eingeweiht, besass

sie mit 1067 Metern die doppelte Spannweite der

bis dahin längsten Hängebrücke der Welt. Mit der

Verrazzano Narrows Bridge und ihrer Spannweite

von 1298 Metern gelang dem Ingenieur wenige

Monate vor seinem Tod ein neuerlicher Rekord.

Ein Dutzend Brücken konnte Ammann im Grossraum

New York realisieren – seine eleganten, das

Wasser überspannenden Konstruktionen prägen

das Bild der Metropole bis heute.

Philadelphia Saving Fund Society: Auch die eigentliche

architektonische Moderne in den Zwanziger-

und Dreissigerjahren wurde in den USA

weitgehend durch europäische Einwanderer bestimmt.

Rudolph Schindler, Richard Neutra und

der Schweizer William Lescaze (1896-1969) gelten

als die Pioniere. In Onex bei Genf geboren und an

der ETH Zürich diplomiert, wanderte der junge

Lescaze 1920 in die Vereinigten Staaten aus. Nach

einigen kleinen Bauaufträgen, die er mit seinem

1923 in New York gegründeten Büro ausgeführt

hatte, gelang ihm und seinem Partner George

Howe mit dem vor wenigen Jahren restaurierten

und zu einem Hotel umgewandelten Gebäude der

Philadelphia Saving Fund Society der Durchbruch.

39


40

Mit einem elegant geschwungenen Sockelgeschoss

und dem T-förmig darüber aufragenden

Doppelturm, der sich in Erschliessungszonen und

Bürobereiche differenzierte, antizipierten die Architekten

Hochhauslösungen der Fünfziger- und

Sechzigerjahre; als eines der wenigen amerikanischen

Beispiele war das PSFS Building auch 1932

in der legendären, von Philip Johnson und Henry

Russell Hitchcock kuratierten International-Style-

Ausstellung im MoMA New York vertreten. Aber

auch mit anderen Bauten errang Lescaze Erfolge

und setzte besonders in Bereich des Schulbaus

Massstäbe.

Columbia University New York: In heutiger Zeit

ist es für ausländische Architekten schwer, in den

USA Fuss zu fassen. Grosse Architekturfirmen beherrschen

den Bausektor; für ambitionierte Architekten

bieten sich lediglich Nischen. Das sind

einerseits die Architekturfakultäten der Universitäten,

zum anderen kulturelle Bauaufgaben, bei denen

seitens der Auftraggeber auf eine anspruchsvolle

und spektakuläre Architektur Wert gelegt

wird.

Bernard Tschumi prägte als Dekan zwischen 1988

und 2003 die Architekturfakultät der Columbia

University in New York; unter seiner Leitung avancierte

Columbia weltweit zu einer der angesehensten

und gleichwohl eigenwilligsten Ausbildungsstätten

für Architekten. Tschumi selbst, 1944 in

Lausanne geboren und an der ETH Zürich ausgebildet,

zählt zu den theoretisch profilierten Architekten

der Gegenwart und machte die ‹Graduate

School of Architecture, Planning and Preservation›

während seiner langjährigen Tätigkeit zu einem

Zentrum des internationalen Architekturdiskurses.

Bewusst bezog die Schule eine Gegenposition

zu einer praxisorientierten, klassisch-akademischen

Ausbildung und optierte im starken Masse

für den Umgang mit neuen Medien als Entwurfswerkzeugen.

Protagonisten des digitalen Entwerfens

wie Hani Rashid, Sulan Kolatan und William

MacDonald wirken seit Jahren als Professoren an

der Columbia, aber auch die ältere Generation –

darunter Steven Holl und Peter Eisenman.

Tschumi ist mit seinem Büro in Paris und New York

ansässig und war zunächst theoretisch tätig, bevor

er mit dem Konzept und den Folies des Parc de

la Villette in Paris das Schlüsselwerk des architektonischen

Dekonstruktivismus schuf. Inzwischen

konnte er auch ein Gebäude auf dem Campus der

Columbia University errichten, weitere Bauten in

den Vereinigten Staaten sind in Planung.

San Francisco Museum of Modern Art:OhneZweifel,

auch Tschumi zählt inzwischen zu der erfolgreichen

und international zu Wettbewerben ein-

geladenen Stararchitekten. Nur wenige in der

Schweiz tätige Büros können diesen Status für

sich beanspruchen. Zu nennen sind Mario Botta,

der in downtown San Francisco das SF MoMA

(San Francisco Museum of Modern Art) realisieren

konnte, und der mit einem Zweigbüro in Zürich

tätige Santiago Calatrava, von dem die 2002

eingeweihte Erweiterung des Milwaukee Art Museum

stammt. Gigon/Guyer unterlagen im Wettbewerb

um das Nelson Atkins Art Museum in Kansas

City der Konkurrenz von Steven Holl, Peter

Zumthor wurde von dem ehemaligen Clubbesitzer

und heutigen Hotelunternehmer Ian Schrager, der

vor allem durch seine Kooperation mit Philippe

Starck bekannt geworden ist, um einen Hotelentwurf

ersucht, lehnte aber ab, da er nicht die nötigen

Spielräume sah. Ein Turmhotel mit Multiplexkino,

das Herzog & de Meuron gemeinsam mit

Rem Koolhaas am Astor Place in Manhattan ebenfalls

für Schrager bauen wollten, scheiterte an

den wirtschaftlichen Folgen der Anschläge vom

11. September 2001.

Walker Art Center Minneapolis: Mehr Erfolg hatten

die Basler Architekten mit ihren Museumsprojekten

in den USA. 1999 wurden sie von Kathy

Halbreich, der Direktorin des Walker Art Center

in Minneapolis, um Konzepte für die Erweiterung

der renommierten Institution für zeitgenössische

Kunst gebeten. Das Walker besitzt nicht nur eine

der bedeutendsten Sammlungen von Kunstwerken

der Gegenwart, sondern ist überdies bekannt

für seine Grenzüberschreitungen Richtung Performance

und neuen Medien. Die Aufgabe bestand

darin, den Ursprungsbau von Edward Larrabee

Barnes aus dem Jahr 1971 um weitere Museumsräume,

einen Theatersaal mit knapp 400 Plätzen

sowie weiteren Funktionsbereichen wie Restaurant,

Foyer und Shop zu erweitern. Über eine zur

Stadtseite hin verglaste Passage verbanden Herzog

& de Meuron Barnes’ Ziegelsteinbau mit einem

Volumen von ähnlichen Proportionen, das

mit gitterartig perforierten und geknickt-verformten

Aluminiumpaneelen verkleidet ist. In dem

verzogenen Würfel, der als landmark zur angrenzenden

achtspurigen Strasse hin in Erscheinung

tritt, befinden sich Restaurant und Theater, während

die neuen Wechselausstellungssäle im Sokkel

zum Altbau hin untergebracht sind.

De Young Museum San Francisco: Die Erweiterung

des Walker Art Center war im Frühjahr 2005

fertiggestellt, im Herbst folgte die Eröffnung des

ebenfalls von Herzog & de Meuron entworfenen de

Young Museum im Golden Gate Park in San Francisco,

eines mit 202 Millionen Dollar rein privat

finanzierten Projekts. Herzog & de Meuron orga-


New Bern/North Carolina, USA Basel/Basel-Stadt, Schweiz


42

nisierten das Raumprogramm in drei parallelen

Streifen, die wie bei einer Ziehharmonika leicht

auseinandergezogen, aber weiterhin miteinander

verbunden sind. Bleibt das Äussere auch von der

orthogonalen Grundrissgeometrie bestimmt, so

entstehen als Keile, Schlitze, Kerben oder Höfe

ausgebildete Zwischenräume. Diese reagieren als

negative mit den positiven Formen der umschlossenen

Räume und führen dazu, dass sich die klar

definierten Raumfolgen der Galerien stellenweise

völlig auflösen. Durch verglaste Ausschnitte dringt

der Park gleichsam in das Volumen ein. Auch für

die Aussenhaut wählten die Architekten ein organisches

Material: Kupfer. Das gesamte, konstruktiv

als Stahlskelettbau errichtete Gebäude ist mit

Kupferplatten verkleidet, die durch Perforationen

und Prägungen modifiziert wurden. Kreisförmige

Perforationen mit vier verschiedenen Lochdurchmessern

zum einen, nach innen und nach aussen

gewölbte Prägungen zum anderen überlagern

sich in verschiedenen Rastern. Die Fassade übernimmt

diverse Funktionen: Sie schützt als Filter

vor Sonnenlicht, sie ermöglicht Ausblicke, aber

natürlich ist sie auch dekorativ und lässt die

Aussenhaut des Gebäudes lebendig werden. Hier

erscheint sie transparent, dort eher opak. Und sie

lässt das Museum trotz seiner Dimensionen wie

ein Gartenpavillon wirken, wie ein Gewächshaus

für die Kunst. Als vertikale Dominante und optisches

Gegengewicht zu dem fulminanten Dachüberstand

im Westen fungiert ein 30 Meter hoher,

tordierter Turm an der Nordostecke des Gebäudes,

der die formale und visuelle Verknüpfung

von Park und Stadt gewährleistet. Im Inneren arbeiteten

die Architekten mit zwei unterschiedlichen

Präsentationsstrategien. Die historische

amerikanische Kunst ist in eher traditionell in-

spirierten Räumen mit moderatem Zuschnitt untergebracht.

Die künstlich belichteten ethnographischen

Sammlungen finden sich dagegen in

fliessenden Raumbereichen und sind durch leuchtende

raumhohe Vitrinen gegliedert, die mit ihrer

Einfassung aus Eukalyptusholz wie grosse Rahmen

wirken. Bedingt durch das architektonische

Konzept, gibt es verschiedene Übergänge zwischen

den Raumbereichen, die aber jegliche Hierarchisierung

vermeiden. Gezielt wurde hier ein

Nebeneinander gesucht, das zuweilen auch zum

Miteinander werden kann – San Francisco versteht

sich bekanntlich selbst als eine Stadt, in welcher

das Zusammenleben heterogener Kulturen besser

gelingt als in anderen Städten der Vereinigten

Staaten. Herzog & de Meuron haben dafür ein

komplexes, vielschichtiges und intelligentes Museum

geschaffen, das sich spektakulär und sensibel

zugleich zeigt.

Die Erfolgsserie der Basler in den USA dauert an:

Im Herbst 2005 erhielten sie den Auftrag, das Parrish

Art Museum auf Long Island zu erweitern. ¬

Hubertus Adam, geboren 1965 in Hannover, studierte Kunstgeschichte,

Archäologie und Philosophie. Er war als Redakteur der

Bauwelt in Berlin und ist seit 1998 als Redaktor der Architektur-

Fachzeitschrift archithese in Zürich tätig. Darüber hinaus arbeitet

er als Architekturkritiker für diverse Fachzeitschriften des In- und

Auslandes und Tageszeitungen, vor allem für die Neue Zürcher

Zeitung. Hubertus Adam veröffentliche zahlreiche Aufsätze und

Bücher zur Baugeschichte des 20. Jahrhunderts und zur zeitgenössischen

Architektur.


New Glarus – Tellspielfieber im Wilden Westen

Eine Reise in die äusserste Heimat

Peter Haffner

Rund 400000 Schweizer sind im Laufe der Zeit nach Amerika ausgewandert. Dabei sind unzählige Ortschaften mit

Schweizer Namen gegründet worden. Der in Kalifornien sesshafte Journalist Peter Haffner hat für ‹Passagen› einen

dieser Orte besucht – und zu unserer Beruhigung festgestellt: In New Glarus, Wisconsin, pflegen nicht nur die Nach-

fahren der einstigen Immigranten aus der Schweiz bis heute heimisches Brauchtum ❙

Auf der Suche nach erschwinglichem Land: New

Glarus, rund zweieinhalb Autostunden nordwestlich

von Chicago gelegen, ist ein Bergdorf, wie es

schweizerischer nicht sein könnte. Sonnengebräunte

Chalets, geschmückt mit Wappen, Sinnsprüchen

und Blumentrögen, sitzen auf sanftgeschwungenen

Hügeln und schnuppern den Geruch

von Fondue, der aus heimeligen Gasthöfen

dringt.

Nur kleine Unstimmigkeiten verraten, dass wir

hier nicht in der Schweizer Alpenwelt sind, sondern

im Mittleren Westen der USA, im Green

County im Süden von Wisconsin. Die Strassen

sind rechtwinklig im Gitter angelegt wie überall

in Amerika, die Glocken der Reformierten Kirche

bleiben bis auf Samstagabend stumm, und nicht

zuletzt die Überfülle an Folklore signalisiert, dass

New Glarus am ‹Little Sugar River› ein Ort in der

Fremde ist: Viele der 2111 Einwohner sind Nachfahren

der Schweizer Immigranten, die 1845 die

Reise über den Atlantik angetreten hatten.

In Glarus, ihrer Heimat, hatten sie keine Zukunft

mehr für sich gesehen. Die für ihre Textildrucke

und Baumwollgewebe berühmte Heimindustrie

war nach 1840 innert weniger Jahre zusammengebrochen;

die neuen Fabriken am Taleingang

43


Switzerland/South Carolina, USA Basel/Basel-Stadt, Schweiz


waren für Bewohner des Hintertals nur schwer

erreichbar. Missernten trugen zur Krise bei.

Insgesamt rund 400000 Schweizer sind im Laufe

der Zeit in die Neue Welt aufgebrochen, die Mehrzahl

im 19. Jahrhundert. ‹Taufgesinnte›, Schweizer

Anabaptisten genannt, suchten nach erschwinglichem

Land, Mormonen ein neues Zion in Utah.

Bauern und Kaufleute rechneten mit Expansionsmöglichkeiten,

Handwerker hofften, der Fabrikarbeit

zu entrinnen, und manche waren ganz einfach

vom Fernweh gepackt. In der Wahlheimat

fanden sie sich meist rasch zurecht; die Schweiz

als direkte Demokratie und die USA als zwar nur

repräsentative Republik waren sich doch recht

ähnlich. Als Westeuropäer hatten die Schweizer

auch nicht unter rassischer und ethnischer Diskriminierung

zu leiden wie andere Immigranten.

New Helvetias: Theobald von Erlach (1541-1565)

gilt als der erste Schweizer, der seinen Fuss auf

amerikanischen Boden setzte; er stand in französischen

Diensten, spätere Auswanderer folgten

meist den britischen Kolonialisten. Der Berner

Aristokrat Christoph von Graffenried gründete

1710 die Siedlung New Berne in North Carolina,

und bald schossen zahlreiche Ortschaften mit

Schweizer Namen aus dem Boden – von Tell City,

Indiana, bis zu Grütli, Tennessee. Das 1804 gegründete

Vevay, Indiana, geht auf Jean Jacques

Dufour zurück, der den Weinbau in Amerika einführte;

Immigranten aus der italienischen Schweiz

begannen um die Jahrhundertwende mit der Winzerei

in Kalifornien. Schweizer Familien bewässerten

die Wüsten des Imperial Valley im Süden

des Staates und legten den Grundstein für die intensive

Landwirtschaft, die heute halb Amerika

mit Früchten und Gemüsen versorgt. Selbst die

Hauptstadt Kaliforniens ist eine Schweizer Gründung:

Johann August Sutter, wegen eines Konkurses

aus der Schweiz geflohen, hatte da Ländereien

erworben und 1839 die Kolonie ‹New Helvetia› errichtet.

Als zehn Jahre später Gold entdeckt und

er von gierigen Glücksrittern überrannt wurde,

gründete sein Sohn die Siedlung Sacramento.

Schweizer wissen das naturgemäss besser als

Amerikaner. Wie auch, dass es der Welschschweizer

Radrennfahrer und Mechaniker Louis Chevrolet

war, der 1900 als 22jähriger nach Amerika auswanderte

und elf Jahre später die Autofirma startete,

die seinen Namen trug – ein Schweizer Markenzeichen

made in USA.

Swiss Center of North America: Im Unterschied zu

anderen Einwanderergruppen haben die Schweizer

kein Zentrum, das ihre Geschichte dokumentiert.

Das soll sich ändern; 1999 ist New Glarus

zum Standort des Swiss Center of North America er-

koren worden. Kommt genug Geld zusammen,

wird das ein Neubau werden; ein langes horizontales

Quader, dessen kühle Architektur schweizerische

Nüchternheit ausstrahlt. Kaye Gmur, die

Administratorin, wagt noch nicht so recht darauf

zu hoffen – vielleicht wird man sich mit dem Umbau

des alten Spitals zufrieden geben müssen,

wo sie jetzt ihr Büro hat. Bisher sind drei Millionen

Dollar zusammengekommen, teils staatliche Gelder

aus den USA und der Schweiz, teils Firmenspenden

aus beiden Ländern. Kein Museum soll

es werden, sondern ein Ort des kulturellen Austausches,

der historischen Forschung und der geschäftlichen

Beziehungspflege, betont Kaye. Das

geplante Zentrum soll auch die Website von Swiss

Roots betreuen, über die Amerika-Schweizer ihre

Abstammung erforschen und Kontakte knüpfen

können.

Ab in den Wilden Westen: Die Gründungsgeschichte

von New Glarus ist insofern ein Sonderfall,

als die Emigration von politisch führenden Persönlichkeiten

organisiert wurde. In Sorge um die

wirtschaftlich Bedrängten bildeten sie ein ‹Auswanderungs-Comité›,

namens dessen zwei Emissäre,

der Appellationsrichter Niklaus Dürst und

der Schmied Fridolin Streiff, nach Amerika geschickt

wurden mit dem Auftrag, im ‹Wilden Westen›

Land für Siedler zu kaufen. Am 8. März 1845

brachen die beiden auf. Es dauerte eine Weile, bis

sie fündig wurden. Fruchtbaren Boden für Getreide

und Viehwirtschaft gab es wohl, doch Wälder für

Nutzholz waren rar, und ohne Holz konnte man

nicht bauen. Am 17. Juli tätigten sie den Kauf der

480 Hektar Land des künftigen New Glarus.

Im ‹Historical Village› des Dorfes steht eines der

kleinen Holzhäuser, ein Original der Gründerjahre,

das von den bescheidenen Verhältnissen zeugt,

in denen die Pioniere lebten. Mitte August 1845 waren

135 von ihnen, dreissig Familien insgesamt,

am Bestimmungsort eingetroffen.

Nur fünf Familien blieben. Einige zogen weg, andere

verkauften ihre Landrechte, einzelne starben.

Der Deutsche Wilhelm Streissguth, der als

erster Pfarrer amtete, legte in einem Brief vom

2. September 1850 den Glarner Kirchenbehörden

Rechenschaft ab über den Zustand seiner Gemeinde.

Streissguth, angereist per Bahn, Schiff

und Postkutsche «mit ächt amerikanischer Schnelligkeit

und Unsicherheit sowohl für das Leben, als das Gepäck

der Reisenden», war vorgewarnt, in der Schweizerkolonie

stünde nicht alles zum besten. Streitereien

und Familienfehden waren ausgebrochen,

die Freiheit war zur Zügellosigkeit geworden.

Frisch in der Wildnis angekommen, hätten manche

den Kopf verloren, schreibt Streissguth, und

den Eltern sei die Kontrolle ihrer Kinder entglit-

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ten. Einige Mädchen hätten im Alter von vierzehn,

fünfzehn Jahren geheiratet, und der Arzt,

ein gewisser Dr. Blumer, lebe gar in Sünde mit einer

Minderjährigen. Trotz all dem war der Pfarrer

zuversichtlich, seine Schäfchen auf den rechten

Weg zurückführen zu können.

Was ihm auch gelang. Einmal etabliert, zog die

Kolonie weitere Schweizer an. 1910 eröffnete die

Pet Milk Farm; bald der Hauptarbeitgeber der Region,

der Hunderte von Arbeitskräften auch aus

der Schweiz rekrutierte. Margaret Duerst, eine

reizende 86jährige Dame, ist die Tochter eines

Schweizer Bauern, der 1915 nach New Glarus emigrierte.

Als er genug Erspartes hatte, kaufte er einen

Hof, wo sie als drittes von sechs Kindern aufwuchs.

Zu Hause wurde Schweizerdeutsch gesprochen,

doch in Margarets eigenem Haushalt – auch

sie heiratete einen Schweizer – war dann Englisch

die Regel.

Die Rösti bleibt auf dem Tisch: Von der Heimat

bewahrte man die Sitten und Gebräuche; die Rösti,

die auf den Tisch kam, die Spiele, die man

spielte. Und die Tatsache, dass man, wie Margaret

sagt, «sehr konservativ» war: Nichts durfte weggeworfen,

der Teller musste leergegessen werden.

An die Wegwerfmentalität der Amerikaner wollten

sich die Schweizer nicht gewöhnen; bis heute, in

die fünfte Generation, hat sich die helvetische Tugend

der Sparsamkeit erhalten.

Dass in der Gegend einmal Hunderte von Bauernhöfen

standen, bezeugen verfallene Scheunen,

durch die der Wind pfeift. Jetzt sind es nurmehr

achtzehn Betriebe, die das Erbe der von Schweizern

begründeten Milch- und Käsewirtschaft weiterführen.

Die Voegeli Farm, die 1854 die Milch für

die erste Käserei in New Glarus lieferte, hat sich

durch alle Zeitwirren gehalten – ihre Schweizer

Braunkühe-Zucht geniesst Weltruf.

Doch wer die Nase dafür hatte, konnte noch sein

Glück machen, als es mit der Landwirtschaft bereits

bergab ging. Hans Lenzlinger, gebürtiger St.

Galler, Sohn einer Hotelierfamilie, Koch und Skilehrer,

ist so etwas wie der Dorfkönig von New

Glarus geworden. Das stattliche New Glarus Hotel

im Zentrum, 1853 erbaut, ist in seinem Besitz wie

das Chalet Landhaus Inn, ein ausladender Bau

am Dorfrand – beides Marksteine rustikaler Architektur,

wo Heerscharen von Touristen logieren,

die ‹Americas Little Switzerland› besuchen.

Abenteuerlust hatte Lenzlinger 1969 nach New

Glarus gebracht, einem Ort weit genug von der

Schweiz entfernt und doch der Heimat so nahe,

dass er von seinen Erfahrungen im Fremdenverkehr

profitieren konnte. Lenzlinger, ein Mann von

jovialer Professionalität, hat seine Geschäftspartner

zu Freunden gemacht und seine Freunde zu

Geschäftspartnern; kein Verein und kein Vorstand,

der mit ihm nicht irgendwie verbunden wäre. Honorarkonsul

der Auslandschweizer, pflegt Lenzlinger

die Kontakte zu Behörden und Politikern

dies- und jenseits des Atlantiks so unkompliziert

wie die zur Stammkundschaft, für die er immer

wieder in der Küche steht. In die Schweiz zurückzukehren

könnte er sich nicht vorstellen; hier ist

doch alles ein bisschen offener für einen, der seine

Chancen zu packen weiss.

Tellspielfieber: Nun, da die Zuwanderung aufgehört

hat und Schweizer der Visaschwierigkeiten

wegen lieber nach Kanada emigrieren, braucht es

fremdes Blut, soll Schweizer Folklore wie Ländlermusik,

Jodeln und Fahnenschwingen überleben.

In den alljährlichen Wilhelm-Tell-Festspielen,

die rund hundert Laiendarsteller auf Trab halten,

stehen denn auch mehr und mehr Amerikanerinnen

und Amerikaner auf der Bühne; einmal vom

Festspielfieber gepackt, würden sie aus reiner

Lust an der Exotik zu eifrigen Wahlschweizern,

versichern einem die Abstammungsechten augenzwinkernd.

Deborah Krauss Smith, Dirigentin der Monroe

Swiss Singers und des Männerchors New Glarus,

fürchtet Nachwuchsprobleme: Es sind Leute in

den Vierzigern, die die Lücken in den Chören füllen

– eine Generation, die noch ihre Wurzeln

sucht, nach der aber eine kommt, die damit wenig

anzufangen weiss. Das Repertoire ist schweizerisch,

und Lieder wie ‹Alpufzug›, ‹Vo Luzärn uf

Weggis zue› und ‹Min Vatter isch en Appezeller›

werden im Originaldialekt gesungen. Doch man

singt nicht alle Strophen, da man soviel Unverständlichkeit

dem amerikanischen Publikum nicht

zumuten kann. Deborah hat Deutsch in der Schule

gelernt; ihre Grossmutter, eine Aargauerin, die

1921 als 18jährige aus reiner ‹Wanderlust› emigrierte

und Kindermädchen war, hatte so rasch

wie möglich Amerikanerin werden und ihr Schweizertum

ablegen wollen. Was allerdings nicht soweit

ging, dass sie nicht Glarner Kalberwurst oder

Berner Bretzeli aufgetischt hätte.

Umgekehrt ist es bei Elda Schiesser. Als Amerikanerin

geboren, möchte sie nichts so sehr wie

Schweizerin sein, wie auch ihre Tochter Linda, die

sich richtig zu Hause fühlt, wenn sie im Glarnerland

in den Ferien ist. Auf die Frage, was in ihrem

Haushalt spezifisch schweizerisch sei, rufen beide

wie aus einem Munde: «Alles!» Sagt man ihnen,

dass sie in ihrer herzlichen Mitteilsamkeit einen

doch eher waschechte Amerikanerinnen dünken,

sind sie fast ein bisschen pikiert. Ihr Haus in New

Glarus ist ein kleines Museum; Trachtenpuppen,

Antiken und Dokumente erinnern an die geliebte

Wunschheimat.


Scherenschnitte: Elda, der man die 88 Jahre nicht

ansieht, ist eine gefeierte Scherenschnitte-Künstlerin.

Auf das Hobby, das zur Berufung wurde, war

sie gekommen, als sie im Schweizer Heimatwerk

in Zürich auf ein Büchlein über diese Volkskunst

stiess. Die Technik brachte sie sich selber bei. Ihr

Ruhm drang bis ins Weisse Haus nach Washington,

wo sie 2002 den präsidialen Weihnachtsbaum

mit einem ihrer Werke schmücken durfte. Das

hat den Ruf der ‹cut-up-girls›, wie Elda und Linda

geheissen werden, unter den Amerikanern im

Dorf tüchtig gefördert. Zumal Elda nun nicht nur

Schweizer Heuwagen in ihrer Motivsammlung

hat, sondern auch eine veritable Harley Davidson.

Mit Genugtuung durfte sie überdies feststellen,

dass im Glarnerland Scherenschnitte wieder populär

wurden, nachdem sie bereits ein Jahrzehnt

damit im Geschäft war. Vielleicht werden dereinst

die Schweizer von den Amerikanern lernen,

was Volkskunst ist – wie die Indianer Nordamerikas,

denen weisse Anthropologen die Sitten und

Gebräuche ihrer Ahnen beibrachten.

Wer noch in der Schweiz aufgewachsen ist, erlebt

die Unterschiede zwischen den Kulturen hautnah.

Der Urner Toni war Austauschstudent der ETH an

der University of Wisconsin in Madison, wanderte

1981 ein und begann als diplomierter Agronom

zu bauern. Seine Frau Esther, gebürtige Thunerin,

verbrachte im Rahmen des Landjugend-Austausches

1983 ein Amerikajahr. Die beiden heirateten,

führten einen Hof, gingen konkurs, bauten einen

neuen auf und managten schliesslich Hans Lenzlingers

Landhaus Chalet Inn. Heute ist Toni Finanzberater,

und Esther arbeitet bei Roberts, einem

Laden, der Schweizerprodukte verkauft. Trotz

der Rückschläge, die sie einstecken mussten, sehen

die beiden ihr Amerika-Abenteuer positiv –

in der Schweiz wäre es ihnen kaum möglich gewesen,

so viel Verschiedenes auszuprobieren. Sie

beide möchten jedenfalls nicht zurück, wohl aber

die Tochter, die sich während ihrer Schweiz-Ferien

von einer grossen Verwandtschaft aufgenommen

fand; von Onkeln, Tanten und Cousinen, die

sie in Amerika nicht hat.

Wer emigriert, mag mehr gewinnen, als er verliert

– doch der Gewinn ist nicht garantiert, während

der Verlust gewiss ist. Seine Schweizer Erfahrungen

kann man mit amerikanischen Freunden

nicht teilen, seine amerikanischen nicht mit

Schweizern. Das ist das Paradox der Horizonterweiterung,

die das Leben in zwei Welten bringt.

Yodeling Cheesemaker: Dass der Lebenslauf in

Amerika weniger vorgespurt ist als in der Schweiz,

hat auch Ernst Jäggi erfahren, der 1955 als Meisterknecht

aus dem bernischen Innertkirchen nach

New Glarus zog, um Bauer zu werden. Als Ernst

mit 24 in Amerika ankam, hatte er hundert Dollar

in der Tasche und konnte kaum ein Wort Englisch.

Drei Jahre arbeitete er sieben Tage die Woche

in einer Käserei, ohne einen einzigen freien Tag.

Dann ging er zurück in die Schweiz, fand eine

Frau, kaufte Land in New Glarus, spekulierte ein

bisschen an der Börse, tourte als ‹yodeling cheesemaker›

für ein schönes Werbehonorar durch die

USA, bevor er das Chalet Landhaus Inn für fünfzehn

Jahre managte. Heute ist Ernst 75, putzmunter

trotz der Prognose eines Arztes, der ihn seinerzeit

eines Herzfehlers wegen dienstuntauglich

erklärt hatte und meinte, er werde nicht lange leben.

In den Tell-Spielen gibt ‹Ernie› seit neustem

den Attinghausen: «Das ist der, der stirbt!», sagt er

und lacht.

Nun führt Ernst eine Autowaschanlage in New

Glarus und mokiert sich eine bisschen über seine

Brüder in der Schweiz, die nach ihrer Pensionierung

die Hände in den Schoss gelegt hätten. Nein,

wäre er daheim geblieben, hätte er es nie so weit

gebracht, meint er. Eigenes Haus, keine Schulden,

Zeit für sein Maler-Hobby, und vier Hektar Wald,

wo er nach Lust und Laune wüten kann.

Und immer wieder neue Überraschungen: Eben

hat seine Tochter Annemarie, eine Coiffeuse, geheiratet

– einen Bergbauern im schweizerischen

Gstaad, wo sie jetzt lebt. ¬

Peter Haffner, 1953 in Zürich geboren, ist Reporter für Das Magazin

des Tages-Anzeigers und Kulturkorrespondent des Blattes in

den USA. Er lebt in Kalifornien. Seine jüngste Buchpublikation

Grenzfälle. Zwischen Polen und Deutschen erschien als Band 213 der

von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Anderen

Bibliothek.

47


Engelberg/Arkansas, USA


Arlesheim/Basel-Land, Schweiz


Hohe Einsätze in Las Vegas Der unermüdliche Unternehmer Peter Buol

MaryLou Carroll Peter Buol, Sohn schweizerischer Auswanderer aus dem Graubünden, brachte es in Las Vegas zu Ansehen und

Peter Buol

Foto: UNLV Special Collections

50

hohen Ehren. Nicht als Künstler oder Spieler, sondern als spielfreudiger Unternehmer mit pragmatischem Einschlag

und politischem Stehvermögen. Die amerikanische Historikerin MaryLou Carroll hat seine Karriere bis zum letzten

Einsatz recherchiert. Rien ne va plus! ❙

Der Gründungsbürgermeister von Las Vegas: Als

Peter Buol am 1. Juni 1911 sein Amt antrat, hatte

er 100000 Dollar an Lotteriegewinnen verschwendet

und in der neu organisierten Stadt Las Vegas

den Bergbau, das Versicherungsgeschäft, den Liegenschaftshandel

und die Wüstenlandwirtschaft

gefördert. Buol wurde mit einem Mehr von zehn

Stimmen zum Gründungsbürgermeister von Las

Vegas, Nevada, gewählt. Dieses Amt hatte er während

zwei Jahren inne, danach wirkte er 1913-14

als Abgeordneter in der Staatsversammlung und

1915-18 im Staatssenat von Nevada. Buols öffentliches

Wirken gründete auf seinem Willen, das

Wirtschaftswachstum und die Investitionstätigkeit

im Südosten Nevadas anzukurbeln. Seine siebenjährige

Amtstätigkeit lässt darauf schliessen,

dass seine wirklichen Ambitionen ausserhalb der

Politik lagen; er war weder ein eifriger Kampagnenführer

noch ein beflissener Legislator. Tatsächlich

erweisen die Aufzeichnungen Buol als

durch häufige Abwesenheit glänzenden Entscheidungsträger,

der gerne Legislatursitzungen versäumte,

um Bergwerke vor Ort zu besichtigen und

geschäftliche Opportunitäten aufzuspüren. Buol

förderte das lokale Geschäftsleben von Las Vegas

energisch, warb um die Gunst ausländischer Investoren

(aus Schottland) und setzte sein eigenes

kleines Vermögen aufs Spiel, um einen raschen

Wirtschaftsaufschwung zu bewirken. Buol wurde

nie müde, diese Ziele zu verfolgen. Sein Leben

lang erlitt er immer wieder finanzielle Verluste,

und als er starb, hinterliess er keine bedeutenden

Sach- und Vermögenswerte. Auch wenn er als Gesetzgeber

kaum geschichtliche Spuren hinterlassen

hat, so fallen seine Zähigkeit, sein Optimismus,

sein Gespür für Geschäftschancen (in den

Augen der Amerikaner ein hervorstechendes nationales

Merkmal) und sein unerschütterlicher

Pioniergeist schwer ins Gewicht, wenn wir die

Prosperität des heutigen Las Vegas würdigen, wo

Risikofreudigkeit und Zukunftsglauben vor fast

allen anderen Attributen rangieren. Ausserdem

verstand er es, den Zugriff der Las Vegas Land &

Water Company, einer Filiale der San Pedro, Los

Angeles and Salt Lake Railroad, auf die Land- und

Wasserrechte zu lockern, als sich die städtische

Organisation und wirtschaftliche Entwicklung von

Las Vegas im Anfangsstadium befanden. Peter

Buol favorisierte ein antimonopolistisches Modell

in der frühen Stadtplanung von Las Vegas und widerspiegelte

typische US-amerikanische Annahmen,

Erwartungen und Einschränkungen bezüglich

Expansion und Geschäftsgelegenheiten.

Per Postkutsche in die Wüstenstadt: Peter Buol

wurde am 1. Oktober 1873 als Sohn schweizerischer

Einwanderer in Chicago geboren, fast auf

den Tag genau zwei Jahre nach der verheerenden

Feuersbrunst in dieser Stadt. Der Brand, der am

Abend des 8. Oktober 1871 begonnen hatte, frass

eine 5 km breite Schneise durch die Stadt und

tobte ungehindert weiter bis in die Morgenstunden

des 10. Oktober 1871. 300 Menschen kamen

dabei ums Leben, und mindestens 100000 verloren

ihre – einfache oder luxuriöse – Unterkunft.

Als Peter Buol zwei Jahre später geboren wurde,

war der Wiederaufbau von Chicago schon auf bestem

Wege und versprach das Ausmass der Zerstörung

mehr als wettzumachen.

In einem Chicagoer Adressbuch von 1877 ist ein

Frank Buol mit den Vermerken «schweizerischer

Abstammung, wohnhaft an der 145 Wells Street, Beruf:

Koch» aufgeführt. Peter Buols Eltern – Frank Buol

und Peters Mutter, deren Name nicht belegt ist –

kamen im Jahr 1869 in die Vereinigten Staaten.

Als einer von fünf Söhnen ging Peter bei seinem

Vater, der Küchenchef war, in die Lehre und verdiente

schon früh seinen Lebensunterhalt, indem

er im Gastronomiebetrieb seines Vaters mitarbeitete.

Seine Schulbildung beendete er nach acht

Jahren; danach arbeitete Buol für seinen Vater, indem

er zunächst als Koch tätig war, dann für ver-


schiedene Eisenbahnlinien Mahlzeiten zubereitete

und servierte und schliesslich die Essenszubereitung

und den Service für Erstklassgäste auf der

Santa Fe-Eisenbahnlinie beaufsichtigte. Laut einer

Quelle führte Buol um 1900 einen grossen Gastronomiebetrieb

in Chicago, wo er täglich 5000

Kunden bediente! Nach zehn oder mehr Jahren als

Service-Chef auf Eisenbahnlinien quer durch den

Kontinent zog Buol nach Kalifornien und liess

sich schliesslich in Nevada nieder. Er kam um

1904 (mit 31 Jahren) per Postkutsche in der Wüstenstadt

Las Vegas an und begann nach verwertbaren

Ressourcen zu forschen – als eine solche

erwies sich auch sein Talent, hoch risikoreiche Unternehmungen

bei gewinnorientierten potentiellen

Investoren und Konsumenten zu vermarkten.

Besiedlung oder Okkupation?: Las Vegas, spanisch

‹Wiesen›, bot den Reisenden des 19. Jahrhunderts

inmitten einer Wüstenlandschaft eine erfrischende

Fülle von artesischen Brunnen an und erfreute

sich besonderer Beliebtheit bei spanischen Reisenden,

die nach Mexiko unterwegs waren. Im Jahr

1855 errichteten mormonische Missionare auch

eine Missionsstation und eine Militärfestung und

versuchten in der später als Las Vegas bekannten

Landschaft ortsfeste Landwirtschaft zu betreiben.

Die Mormonen gaben ihr Vorhaben nach zwei Jahren

auf, aber die Festung blieb bestehen und ist

heute die älteste historische Stätte in Las Vegas.

Spanier und Mormonen der Region litten unter

den Raubzügen der Süd-Paiute-Indianer, die im

heutigen Las Vegas einen Minderheitenstatus innehaben,

aber weitgehende Autonomie geniessen.

Ein Gebiet mit einer Fläche von ungefähr 720 Hektar

wurde im späten 19. Jahrhundert an William

Clark, Senator von Montana, verkauft, der das

Land im Jahr 1905 parzellenweise für den Bau der

Verbindung der Union Pacific Railroad zwischen

Salt Lake City, Utah und Los Angeles versteigerte.

Den ‹Verkäufen› von Land zwecks Besitznahme

und Expansion durch die (christlichen) Weissen

standen in den USA des 19. Jahrhunderts die Landverluste,

-verkäufe oder -diebstähle der indianischen

Gemeinschaften, Stämme und Kulturen

gegenüber. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden

Wüstenregionen wie Las Vegas, die früher als ungeeignet

für die Nutzung durch Weisse erachtet

worden waren, zunehmend von Weissen besiedelt,

die der Eisenbahn, dem Bergbau, der Landwirtschaft,

der Holzindustrie und anderen expandierenden

Industriezweigen der USA nachfolgten

oder als christliche Missionare tätig waren. Die

Zunahme der weissen Okkupation (Immigranten

und Einheimische) lief parallel zur Entvölkerung

der Indianergebiete. Dies erklärt auch, warum es

hier so viele Festungen und Militärdenkmäler gibt.

Wasserquellen und Honigmelonen: Bald nach

seiner Ankunft in Las Vegas um 1904 erkannte

Peter Buol die grosse Bedeutung unterirdischer

Quellen und Grundwasserleiter für die Entwicklung

der Stadt. Gegen Ende 1905 hatte Buol das

Vegas Artesian Water Syndicate gegründet, das

Brunnen bohren sollte, um Wasser für die Landwirtschaft

zu beschaffen. Wie ein Zeitzeuge aus

Nevada im Jahr 1913 berichtet, pflanzte Buol

gleich nach seiner Ankunft einen 6 Hektar grossen

Pfirsichgarten an. Laut einer anderen Quelle

baute Buol ein Jahr später auch 16 Hektar Honigmelonen

an. Die landwirtschaftliche Produktion

versprach jedoch keine befriedigende Rendite,

dies trotz der zahlreichen artesischen Brunnen,

welche Buol geschickt lokalisierte und bohrte.

Der Wüstenboden im Mohave war zu alkalisch,

um hohe Ernterträge von Feldfrüchten abzuwerfen.

Trotzdem setzte Buol seinen Versuch mit

dem Anbau von Nahrungsmitteln fort und verschickte

seine Erzeugnisse per Eisenbahn. Im

Jahr 1913 besuchte Buol Schottland, um Investoren

für den Wohnbau in Las Vegas zu finden. Er

steuerte Land- und Wasserrechte bei, und die Investoren

verpflichteten sich zur Zahlung von

100000 Dollar. Obwohl die Finanzierung schliesslich

scheiterte und nur 20000 Dollar bezahlt wurden,

kam es doch zum Bau des Wohnviertels, das

den Namen ‹Scotch 80’s› erhielt. Heute ist es eine

exklusive Vorstadt von Las Vegas.

Peter Buol verdiente als Bürgermeister von Las

Vegas 15 Dollar im Monat. Zusammen mit seiner

Gattin Lorena Patterson von Booneville, Missouri,

und seiner Adoptivtochter Dorothy führte er in

Las Vegas während rund zwanzig Jahren ein ruhiges

Familienleben in angenehmen Verhältnissen.

1925 zog er nach Kalifornien. 1937 erlitt er einen

Schlaganfall, 1939 verstarb er in Kalifornien.

Peter Buols Lebensspanne war nach modernen

Massstäben gemessen nicht sehr lang. In den 66

Jahren, die ihm vergönnt waren, kultivierte er

eine nonchalante Gleichgültigkeit gegenüber

dem Risiko, einen unerschütterlichen Optimismus,

einen genialen Sinn für Marketing, ein

gutes Gefühl für den richtigen Zeitpunkt und politisches

Gespür. Seine Geburtsstadt Chicago und

die Stadt, in der er seine politische Tätigkeit begann,

Las Vegas, waren bei ihrer Gründung just

auf solche Qualitäten und Charaktere angewiesen.

¬

Aus dem Englischen von Ernst Grell

MaryLou Carroll lebt in Chicago, Illinois, wo sie am Columbia

College Chicago Amerikanische Geschichte lehrt.

51


Wenn die Cowboys jodeln Ein Kulturaustausch der besondern Art

Bart Plantenga Woher kommt und wohin führt das Jodeln? Der Mann, der über diese brennende Frage ein ebenso dickes wie

«Gemeinsames Merkmal aller

Jodelformen ist die Lauterkeit

und Ehrlichkeit der Aussage.

Im Jodel gibt es keine Ironien,

keine Sarkasmen, keine Lügen.»

(Tiny Bill Cody)

52

unterhaltsames Buch verfasst hat, gibt Antworten. In einer Abkürzung rund um die Welt und mit Echos aus allen

Himmelsrichtungen ❙

« …als ich von einer hohen Alpenweide zur Seite her

den grell jauchzenden Reigenruf eines Sennen vernahm,

den er über das weite Thal hinüber sandte; bald antwortete

ihm von dort her durch das ungeheure Schweigen

der gleiche übermüthige Hirtenruf: hier mischte sich

nun das Echo der ragenden Felswände hinein; im Wettkampfe

ertönte lustig das ernst schweigsame Thal…

so spricht die Klage der Thiere, der Lüfte, das Wuthgeheul

der Orkane zu dem sinnenden Manne, über den

nun jener traumartige Zustand kommt, in welchem er

durch das Gehör wahrnimmt (…), dass sein innerstes

Wesen alles jenes Wahrgenommenen Eines ist… »

(Richard Wagner*)

Viehhüter in CH und USA: Der Eidgenössische Jodlerverband

würde Wagner zustimmen. Für ihn ist

Jodeln ein organisches, urschweizerisches, mystisches

Rudiment, das im identitätstiftenden

Nationalismus der romantischen Epoche im vorletzten

Jahrhundert wurzelt.

Schweizer Älpler und amerikanische Cowboys weisen

mehr Ähnlichkeiten auf, als man gemeinhin

vermuten würde. Beide verkörpern bestimmte

kulturelle Mythen, die mit dem Typ des rauen

Burschen assoziiert sind. Beide sind Viehhüter, und

das Leben als Viehhüter ist alles andere als einfach.

Es erfordert Fähigkeiten im Umgang mit den

Tieren, zu denen der Gebrauch bestimmter Herdenrufe

und oft auch das Jodeln gehören. Schweizer

Jodel und Cowboy-Jodel sind einander ähnlich

und doch verschieden. «Beide Stile besitzen die bemerkenswerte

Eigenschaft, dass sie einen seelenbefreienden

Fluss der Noten auslöse», sagt Eastside Dave

Kline, ein Pennsylvania-Schweizer Jodler, der inspirierende

Alpenklänge zum sogenannten ‹Mountain

Folk› verarbeitet. «Ich bin mit schweizerischen

und anderen Jodelklängen aufgewachsen, die mich auf

eine ganz bestimmte, magische Art und Weise inspiriert

haben.»

Die nach dem offiziellen Muster des eidgenössischen

Verbandes gestrickten Jodelgesänge funk-

tionierten die urtümlichen, in freier Landschaft

gesungenen ‹Naturjodel› (freie, spielerische Improvisationen)

in eine stark strukturierte Kammermusik

um. Diese meidet gerne den hellen ‹Iiihhh›-Klang

zu Gunsten des sonor gedehnten,

nostalgischen ‹Uoohhh›, das durch den vorangehenden

Gleitvokal machtvoll lanciert wird. Was

aber nicht heisst, dass Schweizer Jodel nicht auch

zu frenetischen, atemberaubenden Tempi eskalieren

können. Schliesslich ist Jodeln auch Lappalie,

Farce, Ornament und Berufsoption in einem

und erklingt heute in den flachsten Ebenen und

den betriebigsten Städten der Welt.

Mit der Stimme auf die Welt reagieren: Das

Schweizer Jodeln ist ein grosser topografischer Dialog

zwischen Mensch und Umwelt, der zu tiefreichenden

Verbindungen mit dem Gegenüber ‹dort

draussen› inspiriert. Ironischerweise ein grosser

Klang in einem kleinen Land. Die Jodel der Cowboys

dagegen wecken das Gefühl der Intimität,

von etwas Kleinem in einem weiten Land. Ihr charakteristischer

‹eee›-Sound verleiht ihnen gleichzeitig

etwas Unheimliches und etwas Fröhliches.

Jimmie Rodgers näselnde Jodel klingen wie beiläufige

Messerstiche oder Hupsignale einsamer Züge.

Tommy Johnsons Blues-Jodel klingen wie Windstösse,

die pfeifend durch ein Einschussloch in

der Seele fahren.

Tiny Bill Cody, der kanadische Vaudeville-Cowboy,

sieht das Cowboy-Jodeln als «etwas eher Intimes, Verwundbares,

Absichtsloses – ein persönliches Manifest

der reinen Freude oder Melancholie des Augenblicks.»

Mike Johnson, der schwarze jodelnde Truckfahrer,

der Countrysound und Schweizerstil vermischt,

sagt: «Mein erster Einfluss war Johnny Weissmüllers

Tarzanschrei. Später wurde ich inspiriert durch das

Schweizer Jodeln, wie es Elton Britt und andere pflegten,

die über den einfacheren, stimmbänderschonenden

Jodelstil eines Jimmie Rodgers hinaus gelangen wollten.

Der Cowboystil gibt mir ein entspanntes, warmes Ge-


fühl, während der Schweizer Stil bei mir eher Rückenschauer

und Blutwallungen hervorruft.» Cody gibt

ihm recht: «Der Schweizer Jodel ist viel energischer,

plakativer. Der Sänger steht leidenschaftlich für eine

Sache ein (Liebe, Politik, Natur) und ist vollkommen

überzeugt, dass dies mitgeteilt werden muss.»

Janet McBride, die texanische Grande Dame des

Cowgirl-Jodelns, sagt: «Der Schweizer Jodel basiert

stärker auf harmonischen Begleitstimmen, deren Zusammenwirken

die schönsten Jodelklänge ergibt, die

man sich nur denken kann.» Der Tschecho-Texaner

Randy Erwin, Meister in vielen Jodelstilen, bemerkt:

«Der Blues-Jodel ist gewissermassen der Hauptgang,

und die schnellen Schweizersachen sind das Dessert,

das auf einer langen Tradition beruht und relativ stark

reglementiert ist. Der Cowboyxstil ist ein Bastard, der

sich umtun kann, ganz wie es ihm beliebt, weil niemand

weiss, woher er eigentlich stammt. Wenn ich meine

Jodel singe, höre ich Afrikaner, Iren, Blues, Hawaiigitarren,

Hillbilly und Burschen in Lederhosen, die sich

auf die Kniee klatschen.»

Kommunikative Magie: Somit ist alles, was Sie

jemals über das Jodeln gehört haben, falsch. Unsere

Kultur hat uns darauf konditioniert, das Jodeln

als etwas Marginales, Ärgerliches wahrzunehmen

– als Symptom dafür, dass unsere Kultur mit

schwerwiegenden Mängeln behaftet ist. In Wirklichkeit

ist das Jodeln aber eine hochwirksame

Kommunikationsform. Dieser Umstand wird satirisch

verarbeitet in Tim Burtons Film Mars Attacks:

die Helme der anrückenden Marsbewohner zerspringen,

ihre knolligen Köpfe zerplatzen, so dass

ihre grünliche Hirnmasse hoch aufspritzt, wenn

sie den theatralisch übersteigerten Jodel des Sängers

Slim Whitman hören. In Disneys Home on the

Range, erfährt der Schurke Alameda Slim, dass

sein Jodeln nicht nur Rindvieh, sondern auch Menschen

hypnotisiert. Er hofft, diese Gabe zur Beeinflussung

der Massen verwenden zu können,

damit er zum Präsidenten gewählt wird. In George

und Ira Gershwins Musical Strike Up The Band

(1927), einer bissigen Antikriegssatire, wird das

Jodeln als Geheimwaffe eingesetzt, um die Schweizer

Armee aus ihrem Versteck hervorzulocken

und damit einen lächerlichen Krieg zu beenden.

Jodeln als entwaffnendes Stimmexercitium!

Das mag weit hergeholt erscheinen, ist es aber keineswegs.

In seiner 1936 erschienenen Abhandlung

Magic & Technique in Alpine Music beschrieb Manfred

Bukofzer die magischen Kräfte verschiedener

Alpenklänge in Verbindung mit bestimmten

mystischen Worten. Der Kuhreihen war mystisch,

weil er den Kuhhirten an seine Herde band und

böse Geister und Krankheiten verscheuchte. Quellen

aus dem 17. Jahrhundert beschreiben, wie

heimwehkranke Schweizer Söldner desertierten,

Amok liefen oder sogar starben, wenn sie bestimmte

Alpengesänge hörten. Es wurde ein Gesetz

erlassen, das das hysterieerregende Jodeln in

Gegenwart von Schweizer Soldaten untersagte.

Tatsächlich beeinflusst der für das Jodeln charakteristische

Oktavsprung das Nervensystem anders

als gewöhnlicher Gesang.

Was ist nun eigentlich ein Jodel? Begrüssung?

Warnung? Freudiger Ausbruch? Frommes Geheul?

Aufmunterungsruf eines Hirten an die mit dem

üppigsten Euter ausgestattete Kuh der Herde?

Oder eine nervenstrapazierende ‹Variation über

Eselslaute›, wie Walter Scott im Jahr 1830 befand?

Wahrscheinlich all dies zusammen.

Der Jodel unterscheidet sich von anderen Gesangspraktiken

durch seine Betonung des abrupten Luftstosses,

der entsteht, wenn die Stimme vom tieferen

Register der Bruststimme zur hohen Kopfstimme

(Falsett) überwechselt und umgekehrt.

Ohne Kehlkopfhüpfen kein Jodel. Ein echter Juutz

ist wortlos und stellt keine eigentliche ‹Musik›

dar, sondern ein akustisches Signal, das meist

von Hirten verwendet wird, um sich untereinander

und mit ihren Herden zu verständigen. Ed

Sanders von der Gruppe ‹The Fugs› nennt es «einen

hausgemachten Morsecode für Bergbewohner.»

Jodeln ist geografisch allgegenwärtig und kommt

in jeder musikalischen Sparte vom Jazz bis zur

Oper, vom Hip-Hop bis zum Techno vor, obwohl es

immer noch meist mit der Welt der Alpen assoziiert

wird.

Das Jodeln kommt in Amerika auf: Wohl eines der

umstrittensten Themen meiner Nachforschungen

ist die Frage, wann und wie das Jodeln nach

Amerika importiert wurde. Die gängige, herkömmliche

Ansicht ist die, dass dies nicht vor 1815, also

200 Jahre nach den ersten Einwanderungen von

Europäern, geschah. Das heisst, dass die amerikanischen

Ureinwohner wohl damals bereits jodelten.

Ihre Gesänge enthalten oft ‹stimmliche

Pulsationen, Falsett, Nasaltöne.› Es gibt Anhaltspunkte

dafür, dass westafrikanische Sklaven ihre

Jodel via die afrikanische ‹Sklavenküste›, u.a. aus

den von den jodelnden Pygmäen bewohnten Gegenden,

mitbrachten. Der Landschaftsarchitekt

Frederick Olmstead hörte in den 1850er Jahren in

South Carolina ein seltsames ‹Negerjodeln›, das

er als «langen, lauten musikalischen Ruf» beschrieb,

der sich «abwechselnd hob und senkte und dann in das

Falsett übersprang», Klänge, wie sie bei den formlosen

Rufen der schwarzen Landarbeiter üblich

waren. Laut Harold Courlander waren diese zweckgebundenen

Rufe, die «afrikanische Vokaltechniken

wie Jodel und echeoartige Falsetti verwendeten», eine

Art Soulmusik der Erntefelder. Einige dieser Skla-

53


Muothatal/Schwyz, Schweiz


Sugarcreek/Ohio, USA


56

vengesänge gehen auf beschwörende Pygmäenjodel

zurück, die eng mit dem Wald als wichtigem

Hort von Mysterien und Lebensgrundlage

verbunden sind. Jazzsänger Leon Thomas glaubte,

Pygmäen sängen durch seine einzigartige Stimme,

deren anthropologische ‹Verbalenergie› immer

eine Steigerung erfuhr, wenn er seinen Pygmäen-

Jodel-Scatgesang ertönen liess.

Auch echte Cowboys – Schwarze, Weisse, Mexikaner

– jodelten wahrscheinlich, obschon keiner von

ihnen das Jodeln zum Beruf machte. Die Cowgirljodlerin

Liz Masterson aus Colorado meint dazu:

«Es scheint durchaus logisch, dass Kuhhirten diese hohen

Töne verwendeten, wenn sie durch ihre Herde ritten.

Wenn die Tiere ihr dumpf dröhnendes ‹Muuuuh›

ausstossen und plötzlich einer ‹Uiiih› dazwischen schreit,

kann er sicher sein, dass sein heller Ruf die ganze Herde

übertönt. Noch heute höre ich, wenn ich hin und wieder

auf Ranches zu Besuch bin, diese schrill-schrägen

Rufe. Und man kann effektiv einen Jodel darin hören,

wenn diese Leute ihr ‹Uiii-ipp tschiii-ipp tschiii-ipp› erschallen

lassen.»

Wilf ‹Montana Slim› Carter, Sohn eines Schweizer

Baptistenpredigers, verkörperte – authentisch und

popmusikalisch stilisiert – den Geist des freiheitsliebenden,

auf Güterzügen herumstreunenden

‹Yodeling Cowboys› mit seinem alpenländisch beeinflussten

Western-Jodel.

Frühe Schweizer Einwanderer: Nach Meinung des

mennonitischen Archivars Leonard Gross gelangte

der Jodel mit den ersten Schweizer Einwanderern

nach Nordamerika. Er erklärt: «Meine Frau – sie

ist Schweizerin, und ihr Vater, der als mennonitischer

Prediger in Twann lebte, war ein guter Jodler –, meine

Frau sagt, das Jodeln gehe auf eine sehr alte Überlieferung

der Schweizer Mennoniten-Brüder zurück. Es ist

naheliegend, dass Schweizer Brüder, die direkt von der

Schweiz nach Nordamerika auswanderten, ein paar

Jodler mitnahmen.»

Deutsche Mennoniten und Amische gehörten zu

den ersten Immigranten in den 1670er Jahren.

Diese Kriegsflüchtlinge und religiös Verfolgten

kamen vom Pfälzergebiet über Rotterdam nach

Pennsylvania. Sie sprachen Schweizer Dialekte

und sangen alte Arbeitslieder, von denen einige

Jodelelemente enthielten. Die Jodlerin Betty Naftzinger,

die als Tochter eines Schweizer Farmers

bei Kutztown, Pennsylvania, geboren wurde, erinnert

sich, dass sie in den 1940er Jahren beim Pflügen

der Felder das Jodeln erlernte.

Einige Schweizer Immigranten siedelten sich im

18. Jahrhundert in South Carolina, Maryland und

Pennsylvania an. Andere zogen nach Westen (1820-

1900) und gründeten in Texas und Indiana deutsche

und schweizerische Einwanderergemeinden.

Amische aus dem Bernbiet und dem Emmental

gründeten im ländlichen Indiana die Gemeinden

Berne und Geneva. Hier bewahrten sie ihre folkloristischen

Bräuche, u.a. auch ihren alemannischen

Dialekt und das Jodeln, eine akzeptable,

nichtkommerzielle Form der Unterhaltung, die

den sozialen Zusammenhalt stärkte. Und Milchmädchen

brachten ihren Kühen Jodelständchen

dar.

Einwanderer aus dem Kanton Glarus liessen sich

in Wisconsin nieder, wo sie in den 1840er Jahren

die Städte New Glarus und Monroe gründeten.

Um 1900 zählte Wisconsin 8000 Schweizer Einwanderer.

Der Appenzeller Jodler Louis Alder

emigirierte nach Monroe und gründete dort das

Monroe Yodel Quartet (1921). Die Moser Brothers,

eine Schweizer Jodlerfamilie, absolvierten eine

Nordamerika-Tournee und liessen sich danach

in Wisconsin nieder; im Jahr 1933 traten sie im

Schweizer Pavillon an der Chicago Worlds Fair

auf. Rudy Burkhalter wuchs in Basel auf, wo er

das Handharmonikaspiel und das Jodeln erlernte.

Er wurde ein renommierter Komponist in Wisconsin

und schrieb in den 1950er Jahren Jodellieder

wie ‹Will You Teach Me How To Yodel› für Walt

Disney TV-Produktionen. Die Jodelgruppe Edelweiss

Stars aus New Glarus gab zwischen 1950

und 1996 in ihrer Region Konzerte. Betti Vetterli

(Schweizerin der dritten Generation) und Martha

Bernet (1927 in Leissigen geboren) waren ein populäres

Jodelduo, das bei seinen Konzertauftritten

Reklame für in Winsconsin hergestellte Milchprodukte

machte.

Als Urheberin der Jodelpartien in Walt Disneys

Film von 1937 Snow White & the Seven Dwarfs

zeichnete die ‹Swiss Family Fraunfelder.› Der Jodler,

Lehrer und Musiker Reynard Fraunfelder brachte

seine Familie vom aargauischen Wildegg nach

Kalifornien und später nach Wisconsin. Er war

Mitkomponist zahlreicher Jodelstücke in Disney-

Produktionen und gab seine Jodelkunst an seine

Kinder weiter. Sein Sohn Rheiny jodelte den Part

von Dopey in den ‹Silly Songs.›

Echos der Tradition: Als ich im Jahr 2005 in der

Mennonite Historical Society forschte und am

Goshen College Vorlesungen hielt, entdeckte ich

aus den 1970er Jahren stammende Tonaufnahmen

von informellen Gemeindetreffen mit Jodelmusik,

einige vor Ort gemachte Aufnahmen von

Alan Lomax und ein Liederbuch mit Schweizer

und Pop/Country-Jodelsongs. In der Zeit, da ich

meine Vorlesungen hielt, trugen mehrere Mennoniten

aus der Umgebung Jodelimprovisationen

vor.

Helvetia, ein Dorf in den Appalachen in West Virginia,

wurde 1869 von Schweizern besiedelt. Seine

Bewohner bewahren die Schweizer Volkskultur,


indem sie Schweizerdeutsch sprechen, Handharmonika

spielen und jodeln. Die Familie des Jodlers/Käsers

Bruce Betler wanderte in den 1870er

Jahren vom Berner Oberland und vom Kanton Aargau

ein. Er kommentiert: «Die Helvetians wachsen

mit Schweizer Volksliedern auf. Und manche von diesen

enthalten Jodel.»

Eine Welle von Jodelmusik kam in den 1820er Jahren

nach Nordamerika mit professionellen Sängerfamilien

aus dem Tirol und der Schweiz, die ersten

Popstars der Welt, die für Publika von heimwehkranken

Immigranten musizierten. Ableger

der erfolgreichen Österreicher Jodlerfamilie Rainer

sorgten dafür, dass das Jodeln um die Jahrhundertmitte

zur ganz grossen Mode avancierte. Die

Hutchinson Familie (‹New Hampshire Rainers›)

machte das Jodeln so populär, dass sogar Operndiven

Lieder im ‹mountain style› in ihr Repertoire

aufnahmen. Vaudeville-Theater und Schallplattenindustrie

gaben dem Jodeln weiteren Auftrieb.

Die ‹Bärtschi Yodel-Band›, der Schweizer Tenor

Arnold Inauen, Jacob Jost und der schweizerisch-amerikanische

Männerchor nahmen zwischen

1900 und 1927 erfolgreiche Jodelplatten

auf. Der schweizerisch-amerikanische Jodler Fred

Zimmerman nahm 1925 den Song ‹I Miss My

Swiss› mit dem berühmten Orchester von Paul

Whiteman auf.

Richtig berühmt wurde das Jodeln aber erst durch

Jimmie Rodgers, Amerikas erstem Country-Superstar,

der eine fruchtbare Synthese verschiedener

amerikanischer Musikstile – Hillbilly, Jazz, Blues,

Hawaiimusik, Cowboy und Einwanderersongs –

vornahm. Er machte das Jodeln absolut trendig

und schuf dadurch eine kommerzielle Notwendigkeit.

Manche behaupten, sein Jodeln sei von

im Schweizer Stil jodelnden Sängern beeinflusst

worden, die er in Vaudeville-Zeltshows gehört

hatte.

Mythos und Musik: Wir verwechseln oft die mythische

Schweiz mit der geografisch und ethnomusikalisch

gesehen ‹richtigen› Schweiz. Wahrnehmung

erzeugt Wirklichkeit. McBride erinnert

sich: «Einer der ersten Jodelsongs, die ich lernte, war

‹Chime Bells› [vom irisch-irokesischen ‹Swiss Style›-

Jodler Elton Britt]. Sie wissen ja, wie der geht. ‹Out

on a mountain so happy and free›. Diese ‹mountains›

waren in meiner Phantasie natürlich die Schweizer Alpen.»

Der beliebte Jodelsong ‹She Taught Me To

Yodel› stellt wie viele andere Popsongs (‹Yodel

Polka,› ‹Swiss Maid›) das Leben in der Schweiz auf

eine unterhaltsame, leicht konsumierbare Art und

Weise dar. «I went across to Switzerland / Where all

the Yodelers be / To try to learn to yodel / With my

yodel-oh-ee-dee / I climbed a big high mountain / On a

clear and sunny day / And met a yodelin’ gal / Up in a

little Swiss chalet / She taught me to yodel.» Unterdessen

kam ‹Jodelkönig› Peter Hinnen, der jodelnde

Schweizer Popstar, und kehrte die Richtung

der Beeinflussung um, indem er Anleihen beim

Cowboyjodeln machte, mit dem er aufgewachsen

war und von dem er sich für Jodelhits wie ‹Auf

meiner Ranch bin ich König› (‹El Rancho Grande›

1934) inspirieren liess.

Kurz gefasst: Siedler aus den Alpenregionen stiessen

mit ihren Trecks ins Landesinnere vor und

trafen dort andere Einwanderer. Der flottierende

Schweizer und Afrikaner Jodel vermischte sich in

den Appalachen mit britisch-irischen Volksballaden

und später im Westen mit mexikanischen

Songs und Musiziergut anderer europäischer Einwanderer,

um sich schliesslich alle möglichen

Spielarten der Popularmusik wie Blues, Hillbilly,

Rockabilly etc. anzuverwandeln.

Die Vermischung von im entfernten Sinne schweizerischen

Elementen mit vage cowboyartigen

Merkmalen zu echt spannenden experimentellen

Produktionen zeugt vom ungebrochenen Siegeszug,

den das Jodeln im Bereich der zeitgenössischen

Musik angetreten hat – vom Widerhall der

Berge bis zu den elektronisch erzeugten Echoeffekten

im Aufnahmestudio. ¬

Aus dem Englischen von Ernst Grell

Bart Plantenga hat in den vergangenen zwanzig Jahren eigene

Radiosendungen in New York (WFMU - ‹Wreck This Mess›), Paris

(Radio Libertaire) und Amsterdam (Radio Patapoe) produziert.

Als Belletristikautor hat er Beer Mystic, Spermatagonia: The Isle of

Man und Paris Sex Tête veröffentlicht. Sein Buch YODEL-AY-EE-

OOOO: The Secret History of Yodeling Around the World ist die erste

global ausgerichtete Abhandlung über diese geheimnisvolle

Gesangsart. Zur Zeit arbeitet er am zweiten Band, Yodel in Hi-Fi,

einer Jodel-Musikzusammenstellung für Rough Guide, einem

3-CD Set für Music & Words sowie einem Dokumentarfilm über

das Jodeln. Er lebt heute in Amsterdam.

* Richard Wagner, Beethoven (1870), Sämtliche Schriften und Dichtungen,

Bd. 9, S. 74 (zitiert nach Richard Wagner, Werke, Schriften

und Briefe, ed. Sven Friedrich, Berlin: Directmedia 2004)

57


Die Frau mit der Friedenspfeife Naomi Pfenningers Indianer-Festivals

Dorothee Vögeli Wer in der Schweiz die indianische Kultur hautnah erleben möchte, kann dies tun. An sogenannten Indianer-Fe-

Naomi Pfenninger

Foto: Walter Maissen

58

stivals. Organisiert werden solche Festivals von Naomi Pfenninger. Was möchte die Amerikanerin mit indiani-

schen Wurzeln mit dieser Form der Kulturvermittlung erreichen? Dorothee Vögeli hat die Schweizer ‹Squaw› be-

sucht ❙

‹Native American›: Naomi Pfenninger gehört zur

Bevölkerungsgruppe der ‹Native Americans›. Für

die zierliche Frau mit dem langen Haar und den

schmalen, dunklen Augen hat der entsprechende

Ausweis vor allem eine symbolische Bedeutung:

Im Vergleich zu ihren im Reservat der Onondaga

lebenden Stammesgenossen war Naomi Pfenninger

schon immer privilegiert. Aufgewachsen ist

sie im weissen Amerika, als Tochter eines Indianers

und einer eingewanderten Irin. Sie heiratete

dort einen Schweizer, der als Austauschstudent

in ihrem Elternhaus wohnte, und folgte diesem

ins Limmattal. Hier zog sie zwei Töchter gross,

daneben arbeitete sie als Sekretärin in amerikanischen

Grossfirmen. Doch je älter Naomi Pfenninger

wird, um so stärker beschäftigen sie ihre indianischen

Wurzeln. Vor zehn Jahren hat sie mit

ihrem Lebenspartner begonnen, in der Schweiz

Indianer-Festivals zu organisieren. Ziel ist es, der

Bevölkerung die indianische Kultur näher zu bringen.

«Wir wollen zeigen, dass es diese Kultur noch gibt

und gleichzeitig die Winnetou-Mystifizierungen relativieren»,

sagt sie.

Das Konstrukt ‹Indianer› ist ein moderner Mythos.

Es waren die Eroberer und Siedler, aber auch die

frühen Touristen und Fotografen wie Edward S.

Curtis (1868 – 1952), die mit ihrem nostalgischen

Blick auf die untergehende Kultur der nordamerikanischen

Ureinwohner dieses Konstrukt genährt

haben. Nach wie vor gelten Federschmuck und Tipi

als Prototypen der indianischen Kultur. Dabei wurde

und wird immer noch übersehen, dass die Indianer

in verschiedene Volksgruppen mit sehr unterschiedlichen

Sprachen und Bräuchen aufgesplittert

sind. Einen Einblick in diese Vielfalt möchte Naomi

Pfenninger der Schweizer Bevölkerung geben.

Denn: «Die originäre indianische Kultur lebt in den

Reservaten weiter.» Dort beobachtet sie, wie die Bewohner

– auch dank der vom Staat geförderten

Autonomie – wieder Stolz auf ihre verschüttete,

von den Europäern vereinnahmte Vergangenheit

entwickeln und ihren eigenen Zugang zu ihren

kulturellen Wurzeln zu finden versuchen. Indianische

Tänze, indianische Musik und natürlich das

indianische Kunsthandwerk werden nicht zuletzt

auch aus ökonomischen Gründen wieder gepflegt.

Dass dabei manche Klischees weitergetragen werden,

ist ihr bewusst. Doch auch das sei Teil der lebendigen

indianischen Kultur.

Erdverbundenheit: Ihr wichtigster Besitz ist eine

kleine Dose, gefüllt mit Erde aus der Heimat. Als

die damals 20jährige ihr Dorf und ihre Familie

verliess, gab ihr der Vater dieses symbolische Geschenk

in die Fremde mit. Die Erdverbundenheit

ihres Vaters, die gleichzeitig Ausdruck des indianischen

Lebensgefühls sei, präge auch sie, sagt

die Amerikanerin, die ein hervorragendes Schweizerdeutsch

mit amerikanischem Akzent spricht.

Ihr Vater – Buchhalter von Beruf – hat seine leiblichen

Eltern nie kennengelernt. Im Zuge der damals

üblichen Assimilation der Indianer wurde er

als Säugling von Weissen adoptiert. Die Frage

nach seinen wahren Wurzeln sei nie ein Thema

gewesen, erinnert sich Naomi Pfenninger. Auch

sie hat ihre Abstammung nie sonderlich beschäftigt,

wollte sie doch als Jugendliche möglichst so

sein wie alle anderen. Schon als Kind haben sie

jedoch die indianischen Volksfeste (Powwow) im

Reservat des Onondaga-Stamms fasziniert, das in

der Nähe ihres Heimatdorfs im US-Bundesstaat

New York liegt und das sie mit ihrer Familie regelmässig

besucht hat. Der prachtvolle Federschmuck,

die leuchtenden Farben der Kleidung,

der Rhythmus der Trommeln und das oft tagelang

dauernde Geschichtenerzählen gehören zu

ihren eindrücklichsten Kindheitserinnerungen.

Heute möchte sie mehr über die indianischen

Traditionen wissen. Weil dieses Wissen nicht über

schriftliche Quellen, sondern in Form von erzählten

Geschichten, Bräuchen und Zeremonien weitergegeben

wurde, lässt es sich laut Naomi Pfenninger

intellektuell nicht erschliessen. Gerade

deshalb sei die indianische Kultur zweifellos anfällig

für Esoterik. Gleichzeitig fasziniert die Halbindianerin

die Möglichkeit des individuellen Zugangs.

Die sinnlich-archaische Symbolik der indianischen

Kultur kann sie problemlos mit dem

christlichen Glauben verknüpfen. Sie ist deshalb

ein aktives Mitglied der christlich-amerikanischen

Kirche geblieben. «Ob ich nun Gott oder Grosser Geist

sage, ist nicht so wichtig. Doch soll man dankbar sein

für das, was man hat.»

Im Reservat: Ihre Informationen über die indianischen

Ausdrucksformen holt die Wahlschweizerin

direkt vor Ort, bei ihren Freunden in den Reservaten,

die sie regelmässig besucht. «Mich schrecken

die Armut und das soziale Elend nicht ab – im Gegen-


Winterthur/Zürich, Schweiz Chicago/Illinois, USA


60

teil: Die Einfachheit ist für mich ebenso Ausdruck von

Spiritualität. Natürlich ist es auch für Indianer schön,

sechs gleiche Tassen zu haben. Wegen ihres symbolischen

Werts ist aber die Pfeife des Onkels oder die Feder

des Vaters an der sonst kahlen Wand viel wichtiger.»

Während ihren Besuchen in den Reservaten ist ihr

zudem klar geworden, dass die Pflege der Traditionen

die grassierende Depression und den damit

verbundenen Alkoholismus etwas eindämmen

kann, stärkt doch das Sich Besinnen auf die gemeinsamen

Wurzeln das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Das Erlernen der traditionellen Tänze und

Handwerkskunst hole viele indirekt aus dem Teufelskreis

heraus, ist sie überzeugt. Auch darum engagiert

sie indianische Musiker, Tänzer und Kunsthandwerker

für die Festivals in der Schweiz.

Im Vordergrund der folkloristischen Darbietungen,

zu denen das Erzählen von Geschichten gehört,

steht nicht nur der Wunsch, eine amerikanische

Minderheit ins Licht zu rücken und gleichzeitig

punktuell Perspektiven zu geben. Genauso soll der

kulturelle Austausch gepflegt werden. Weil die Indianer

während ihrer Tourneen durch die Schweiz

bei Gastfamilien wohnen, wird dieses Ziel auf der

privaten Ebene erreicht. Aus den Begegnungen

entstehen immer wieder Freundschaften, ja sogar

Lebensbeziehungen. Doch auch mit den in

der Regel sehr interessierten Festivalbesuchern

ergeben sich Kontakte. Manche irritiert der Glitzer

und Glimmer, den die heutigen Indianer gerne

einsetzen. Doch sind für Naomi Pfenninger eben

gerade auch kitschige Elemente Ausdruck «einer

lebendigen Kultur, die nicht im 18. Jahrhundert stehengeblieben

ist».

Die positiven Aspekte zeigen: Ganz bewusst wird

an den Indianer-Festivals das Kapitel der Domestizierung

und Verfolgung der amerikanischen Ureinwohner

ausgeblendet. Ab und zu wird dies von

den Zuschauern kritisiert. «Ich sage jeweils, dass

unsere Festivals nicht der Ort sind, um dieses Thema

eingehend zu beleuchten. Man muss zudem bedenken,

dass viele Völker auf der Welt unter Ungerechtigkeiten

ebenso gelitten haben wie die Indianer. Konzentriert

man sich auf die traurigen Episoden innerhalb einer

langen Geschichte, wird die Gegenwart blockiert.» Sie

kenne genug Landsleute, die die Vergangenheit

nicht verarbeiten könnten. «Aber wir müssen

weitergehen, indem wir die viel weiter zurückliegenden

positiven Aspekte unserer Kultur pflegen.» Dazu

gehörten die aktuellen Programme zum Erwerb

der indianischen Sprachen, die in den Reservaten

initiiert worden sind.

Immer wieder erhält sie Anfragen von Schweizern,

die vertiefte Bekanntschaften mit ‹richtigen›

Indianern suchen. Diese Sehnsucht nach Ursprünglichkeit

in einem reichen hochentwickelten

Land wie der Schweiz erstaunt sie nicht. Weshalb

aber das Interesse an archaischen Kulturen in der

Schweiz viel grösser als in den umliegenden Ländern

ist, kann sie nicht erklären. Tatsache sei auf

alle Fälle, dass es nirgendwo so viel Literatur über

die Indianer gebe wie in der Schweiz. Auch den

von Naomi Pfenninger engagierten Indianern, für

die sie während ihres Aufenthalts Ausflüge auf

den Titlis oder nach Zermatt organisiert, fällt die

hiesige grosse Sympathie für die indianische Kultur

und die oft herzliche Kontaktaufnahme auf.

In diesem Zusammenhang erwähnt Naomi Pfenninger

eine Episode, die für sie unvergesslich ist:

An einem Indianer-Festival in den Bergen gesellte

sich ein Alphornbläser zufälligerweise dazu. Er

übergab sein Instrument den Indianern und probierte

deren Flöten aus. Solche spontanen Formen

des kulturellen Austausches seien einfach wunderbar.

Zu Hause, wo das Herz schlägt: Auch sie hat die

Schweiz anfangs als fremdartig empfunden. Als

junge Frau kam ihr das Limmattal wie ein einziges

Dorf ohne Land vor. Mit der Zeit merkte sie

aber, «dass es auch hier Natur gibt, wenn man sie

sucht». Nur im Herbst hat sie manchmal Heimweh

– nach dem Indian Summer mit seinen unbeschreiblich

leuchtenden Farben. ‹The American

way of life› hat ihre Kindheit geprägt. Entsprechend

schwierig war es für sie, sich in der Schweiz

einzuleben. Einkaufszentren, Fast-Food und Parkhäuser

gab es in den sechziger Jahren noch nicht.

Wenn sie im Dorfladen einkaufen musste, wurde

sie nervös: Da sie Selbstbedienungsläden gewohnt

war, wusste sie nicht, wieviel ein Kilo Rüben ist

und wie man ‹carrots› auf Schweizerdeutsch sagt.

Die Amerikanisierung der Schweiz im Lauf der

letzten Jahrzehnte bedauert sie: «Das Spezielle, die

Eigenart ist verlorengegangen.»

«Home is where the heart is», sagt sie. Und weil ihr

Herz bei ihren Töchtern in der Schweiz ist, sie

sich aber genauso mit ihrem Heimatdorf und ihren

Freunden in den Reservaten verbunden fühlt,

hat sie eigentlich drei Heimaten. So geht sie nach

Hause, wenn sie in die USA reist, und kommt

heim, wenn sie wieder in die Schweiz zurückkehrt.

Sie könnte sich vorstellen, einmal für längere

Zeit in einem Reservat zu leben. Denn gerne

würde sie sich Zeit nehmen für Zeremonien, die

sie bis jetzt noch nie gesehen hat. Doch bald wird

sie Grossmutter. Deshalb wird ihre Heimat in

nächster Zeit vor allem die Schweiz sein. ¬

Dorothee Vögeli, geboren 1960 in Zürich, Studium der Philosophie

mit Promotion, seit fünf Jahren bei der Neuen Zürcher Zeitung als

Redaktorin im Ressort Zürich tätig, Schwerpunktthemen Ausländer/Soziales.

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