Buch "Freie Menschen in freien Vereinbarungen" - Projektwerkstatt

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Buch "Freie Menschen in freien Vereinbarungen" - Projektwerkstatt

Gegenbilder zur

Expo 2000

Die Expo 2000 hat die Vorl age geliefert. Sie bietet hi nter i hre m Glitzer und Glori a

ein eindrucksvolles Zeugnis für ein Zukunft aus kapitalistischem Denken. Diesen

Bilder, aber auch vielen anderen aktuellen politischen Konzepten des Neoliberalis mus,

der Herrschaft und Unterdrückung, der Modernisierung von Technik, stellen wir

unsere " Bilder" ( eben als Texte in diese m Buch) entgegen.


Um die Gegensätze zu spüren, sollen i mmer wieder Bilder aus der Expo 2000 die

Kapitel begleiten: Zukunftsvisionen des Themenparks, Nationenpavillons mit i hren

Konzepten ei ner weltweiten Rollenverteilung, konkrete Bilder von Menschen und

Projekten i n perfekter Verwertungslogik für Mensch und Natur.

Das Bild auf dieser Seite zei gt das Gesamtgelände und die wichtigsten Teile in der

Betrachtungsweise der Expo 2000 selbst.


Materialien zu den Perspekti ven radikaler,

emanzipatorischerUmweltschutzarbeit

Agenda, Expo Sponsoring:

�Band 1: Recherchen im Naturschutzfilz

Infos zum Filz zwischen Umweltschutz, Wirtschaft

und Staat. Beschreibung der Umweltverbände und

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�Gegenbilder zur Expo (ab Juli): Selbstorganisa-

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�Aktionsmappe Umwelt,Tippsfürdiekonkrete

politische Arbeit vor Ort. A4-Ordner.29,80DM

Tel. 04531/4512, Fax 7116

Veröffe ntli c ht unter der GNU Free Documentation License, Version 1. 1,

http: //www.gnu.org/copyleft/fdl. html

Di eses Buc h kostet 1 9, 80 D M. Ei n et wai ger Ge winn fließt in den Kampf für eine

herrsc haftsfrei e Welt − in Projekte, Öffentlichkeitsarbeit und den Widerstand.

Bestellungen an:

Projektwerkstatt, Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen Saasen

Preis: 19, 80 DM

Rabatte: Ab 5 St. je 1 4, 80 DM

Ab 1 0 St. j e 1 2, 80 D M

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Umweltschutz von unten ... http://go.to/umwelt

Di eser Te xt darf frei ver wendet, geändert, kopiert und weiterverbreitet und werden

unter der Maßgabe der Angabe des fol genden Textes zu Begi nn des Textes:

" Quelle: Gruppe Gegenbilder ( 2000), Freie Menschen i n freien Verei nbarungen,

Gegenbilder zur EXPO 2000; Bezug für 19, 80 DM über Projektwerkstatt,

Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen, E−Mail: projektwerkstatt@apg. wwbnet. de"


Freie Menschen in

freien Vereinbarungen

Der Weg ist nicht das Ziel.

Visionen und Träume si nd ei ne

wichti ge Kraft für den Ka mpf u m ei ne

Welt, i n der die Mensc hen besti mmen

− und nicht Militär, Kapital und

Profit, Männer über Frauen,

Erwachsene über Ki nder, Reiche über

Ar me us w.

Di es i st kei n Rezeptbuc h.

Gegenbilder zur

Expo 2000

Annette Schlemm

Jörg Bergstedt

Stefan Meretz


Inhalt

A. Die "Natur−Epoche": Entfaltung ................................... 18

des Naturaspekts der Produktivkraftentwicklung

B. Die " Mittel−Epoche": Entfaltung ................................... 19

C.

des Mittelaspekts der Produktivkraftentwicklung

Die "Menschen−Epoche": Entfaltung .............................. 25

des Menschen an und für sich

D. Zusammenfassung ................................................... 27

A. Von der personal−konkreten ...................................... 28

zur abstrakten Vergesellschaftung

B. Die Herrschaftder "schönenMaschine" ........................ 31

C. Selbstentfaltung statt Wertverwertung ........................... 34

D. Zusammenfassung ................................................... 37

A. HerrschaftundGegenstrategien ................................. 38

B. Kritik und Gegenbild ............................................... 42

C. Der Weg zum Neuen ................................................ 45


A. Kriti k herrsc hender Ökono mie ....................................

und Technikentwicklung

61

B. Vision einer Welt ohne Markt−

und Verwertungslogik

................................... 67

C. Konzepte − auf de m Weg zu ..................................... 71

Entökonomisierung und Ökonomie von unten

D. Experimente .......................................................... 75

A. Kritik an der Expo 2000 ......................................... 80

B. Visionen ............................................................... 82

C. Konzepte .............................................................. 84

D. Experimente .......................................................... 86

A. Kritik am Expo−Zukunftsbild ..................................... 89

B. Visionen ............................................................... 93

C. Konzepte .............................................................. 97

D. Experimente ......................................................... 101

A. Provokationen .......................................................104

B. Perspektiven ......................................................... 107

C. Beispiele .............................................................. 115

D. Resumee ..............................................................129


Angaben i n [ ecki gen Klammern] auf der Seitenspalte bedeuten, daß dieser Begriff

im Glossar erläutert wird.

Sämtliche Bil der sta mmen von der Presse−CD der Expo 2000 sowie der Siemens−CD

zur Expo 2000. Sie illustrieren, wenn nicht anders angegeben, Blicke in die Zukunft

aus Sicht der Expo.


1 Einführung

1.1 Visionen für eine

ernüchterte Welt

Mit der EXPO 2000 wird eine schöne Fassade vorgeführt. Die EXPO will faszi nie−

rende Bilder ver mitteln und die Herzen der Menschen für ihr Zukunftskonzept ge−

winnen. Im Unterschied zu einem Disneyland geht es jedoch nicht um eine fiktive

Welt, sondern um die reale Zukunft. Diese Zukunft dürfen die Menschen jedoch nicht

selber gestalten, sie ist nicht offen, sondern sie haben zu nehmen, was die EXPO so

bunt auftischt und dürfen dann bestenfalls noch " Nachfragen anregen" ( Birgit Breuel,

EXPO−Chefin). Die Damen und Herren dürfen höflich befragt werden, was sie für die

Zukunft vorgesehen haben.

In diesem Buch machen wir es uns und Euch nicht so "leicht". Wir tischen Euch

ni c hts auf, was Ihr zu schlucken habt, wir verkünden keine Weis heiten. Wir setzen

darauf, daß wir zu einer konsequenten Kritik der EXPO−Inhalte nur kommen, wenn

wir alle SELBER DENKEN. Einige Überlegungen dazu wollen wir Euch i m folgenden

vorstell en. Wir sind die "Gruppe Gegenbilder", unterschiedliche Menschen aus ökoso−

zi alen Bewegungen und Theoriezusa mmenhängen, die sich zusa mmengefunden haben,

um de m Utopie− und Theorie mangel etwas entgegenzusetzen und ei nen neuen Anfang

zu machen bei der Entwicklung von Visionen und Träumen, aber auch Konzepten

und Experi menten. Nach Jahren Resignation, Langeweile und Verkrustung, veralteten

Akti onsfor men und erst arrten I nhalten benötigt politi sc he Be wegung einen neuen

Entwicklungsschub hin zu eine m visionären, zugleich aber auch kämpferischen, wi−

derständigen und unabhängigen, breiten Netz vieler Aktionsgruppen, Projekte, Ein

zelpersonen und Zirkel, Häuser und Plätze.

Wir leben in einer visionslosen Zeit. Neue Ideen für die Zukunft sind kaum noch

gefragt. Viele Menschen haben sich in die Privatheit zurückgezogen. Individualität ist

nur noch das, was es i m "Super markt der Lebensstile" zu kaufen gibt − nur ei ne le−

benswerte Utopie für alle schei nt gerade nicht i m Angebot zu sei n. Wirklich Neues

bewußt zu schaffen scheint keinen Reiz mehr auszuüben. Die Dinge entwickeln sich

wie von selbst. Zumindest scheint es so oder wird von denen so verkauft, die tat−

sächlich die gesellschaftlichen Entwicklungen steuern.

Neoli berali s mus i st ei n Wort für ei nen Prozeß, der schei nbar von selbst läuft. Glo−

balisierung mei nt etwas Ähnliches. Das aber ist nur ei n trügerischer Schei n. Er

wird typischerweise i n den reichen Machtzentren der Welt so e mpfunden. Also auch

hi er i n Deutsc hland, vor allem in den zwei Drittel n der Gesellschaft, die Nutznieße−

rI nnen si nd oder zu mindest einen hohen Lebensstandard wahren können. In den

är meren Regionen dieser Welt würden sic her nur wenige auf die Idee kommen, die

Gl obali si er ung al s et was wahrzune h me n, zu de m es kei ne Alternative gibt, was sich

von selbst entwickelt. Ganz i m Gegenteil: Fast überall dort werden andere, oft vor−

handene und besser funktionierende regionale Strukturen zerschlagen. Globalisierung

ko mmt dort nicht von selbst, sondern wird gewaltsam durchgesetzt.

Ei nen Zukunftsdi al og gi bt es gar ni c ht mehr. Alles wickelt sich ab, die Menschen

si nd wie unbeteiligte ZuschauerInnen der Dialoge über die Zukunft. Bei der Expo

2000 sind sie sogar zahlende Gäste bei − angeblich − "der Zukunft", auf die sie null

Ei nfl uß haben. Sc hli mmer noch: Die Menschen reproduzieren die Logik einer Gesell−

[EXPO]


"Wie ei n Naturge−

setz" benannte der

Sie mens −Expo−Be−

auftragte Schusser

die weitere Ent −

wicklung der Welt

hi n zu t ot aler

Ver marktungsl ogi k.

(Quelle: 4. Projekt

... (1998), Fil m

"Alles i m Griff")

schaft, i n der alles verwertet wird, in der alles danach ausgerichtet ist, was es

wirtschaftlich bri ngt. Sehr viele Menschen haben Angst vor Neue m und vor gesell−

schaftlcher Weiterentwicklung. Gleichzeitig überlassen sie denen, die jeweils Kraft i h−

rer Position wesentlichen Ei nfluß auf die Gesellschaft haben und an den Hebel n der

Mac ht sitzen, kampfl os das Gesc hehen − und da mit auch den Ei nfluß auf Verände−

rungen. Was übrig bleibt, sind Prozesse, die scheinbar von selbst ablaufen, die nicht

mehr hi nterfragt und erst recht nicht in Frage gestellt werden. Große Erklärungen

hat kapitalistische Ordnung nicht mehr nöti g − sie ist übri ggeblieben und stellt sich

selbst wie ein "Naturgesetz" dar. Die Lücke fehlender Begründungen und Legiti mation

wird verklebt mit Papieren und Konzepten, die als "visionär" bezeichnet werden, aber

realpolitischer nicht sein könnten. Die Agenda 21 ist solche ein Beispiel. Wer sie

liest, reibt sich vielleicht angesichts des Rufes, den die Agenda genießt, verwundert

die Augen: Überall wird der freie Welt handel als Rettung der Umweltprobl e me geprie−

sen, Begrenzungen der freien Wirtschaft werden als die eigentlichen Ursachen für

die Umweltzerstörung genannt. Gel öst werden sollen die aktuellen Proble me vor alle m

mit der Gentechnik, aber auch z. B. mit neuen Atomanlagen. Ist irgendwas an sol−

chen Vorschl ägen visionär? Die Agenda 21 könnte aus der Feder des Bundesverban−

des der Deutschen Industrie sta mmen, aber Umweltsc hützerI nnen oder Ei ne− Welt −

Gruppen bezeic hnen si e als hoffnungsvoll e Vision für das neue Jahrhundert.

In diesem Moment der Visionslosi gkeit, des Erstarrens vor den schei nbar naturge−

setz mäßi g abl aufenden Veränderungen bi etet di e Expo 2000 ansc hei nend etwas

Neues. Di e Expo will " Lust auf Zukunft" machen. Sie will den BesucherInnen zei gen,

daß diese Zukunft, die da naturge mäß ko mmt, ei ne tolle Zukunft sei n wird. Die

Menschen sollen sich auf sie freuen.

Di e Wahrheit ist aber eine andere − und die wird schnell deutlich: Die Expo 2000

lügt, wenn sie nur eine Vision als die ei nzig mögliche darstellt. Die neue, neolibera−

le Welt ist kei n Naturgesetz, auc h wenn die Entwicklung dahin aus sich selbst heraus

läuft und von vielen Menschen ( nicht nur denen "da oben") reproduziert wird. Markt

und Kapitalismus steuern und reorganisieren sich ständig selbst. Dadurch wirken sie

tatsächlich wie ei ne Gesetz mäßi gkeit. Dieses gilt aber nur i nnerhalb der gesteckten

Rahmenbedi ngungen ei ner an Verwertungslogik und Profit orientierten Gesellschafts−

for m. Werden auch Zukünfte außerhalb dieses Syste ms ei nbezogen, so ist die Expo−

Vision nur noch eine der möglichen Zukünfte − und zwar die von den Expo−Mache−

rI nnen ge wollte, kapit ali s muskonfor me. Auf de m Weg zu dieser Welt würden die, die

Neoliberalismus und Globalisierung wollen, Menschen und ihre Widerstände, andere

politische und ökono mische Strukturen gezielt zerschlagen.

Doch ein Gutes hat die Expo 2000: Sie zeigt nach vielen Jahren ohne Zukunftsde−

batte erst mals wieder ein Rund−um−Entwurf. Das ermöglicht die Debatte, wobei klar−

zustellen ist, daß der Expo−Entwurf aus Sicht derer, die ei ne selbstbesti mmte Gesell−

schaft wollen, genau der falsche ist.

Di e Expo be hauptet, " di e Zukunft" zu zei ge n. Dabei i st es ni c ht mehr als ein mög−

licher Zukunftsentwurf. Spannend wäre, genau das deutlich zu machen: Es ist ei n

mögli c her Ent wurf und z war ei n zi e mlich beschissener. Machen wir einen eigenen

Zukunftentwurf! Zei gen wir, daß nicht nur Konzerne, Regierungen, Institutionen und

etliche Ei nzelpersonen besti mmen, wohi n sich die Welt entwickeln soll. Zeigen wir,

daß i hr Vorschlag sich nur innerhalb eines irren, amoklaufenden Systems bewegt, in

de m es nur darum geht, aus Geld mehr Geld zu machen − egal wo mit und egal mit

wel c hen Fol gen für Umwelt und Menschen. Jenseits des Geld−Mehrgeld−Wahnsinns

gibt es Alternativen, doch die Expo−MacherInnen wollen keine Zukunftsdebatte. Des−

halb präsentieren sie die Expo auch nicht als Vorschlag für die Zukunft, sondern als

Zukunft selbst. Alle schei nbare Vielfalt bleibt innerhalb der vorausgesetzten "naturge−


setzlichen" kapitalistischen Welt. Di ese Welt " soll" nic ht kommen, sondern sie "wird"

ko mmen. Und die Expo würde sie nur schon mal vorab erlebbar machen. Dieser Un−

terschied ist ungeheuerlich − da maßt sich eine Gruppe mit klaren politischen Inter−

essen der Profit maxi mierung und der Sicherung bestehender Herrschaftsstrukturen

an, ihren Vorschl ag für ei ne Zukunft zu der ei nzi g möglichen zu machen, die an−

geblich auf jeden Fall ei ntreten werde. Und das Ganze bezahlen sie dann noch nicht

einmal selbst, sondern die Menschen, on deren Köpfe sie diese Zukunft als Naturge−

setz eintrichtern wollen, sollen das per Eintritt selbst tun − der Rest ist Sache der

SteuerzahlerInnen, die das Defizit zu tragen haben − also auch wieder als Objekte.

Di e Expo−Strategie i st gesc hi ckt − sol ange si e aufge ht. Wird die Expo aber als

Vorsc hlag für eine ganz bestimmte Zukunftsvariante unter vielen möglichen wahrge−

nommen, könnte sie sich in ihr Gegenteil verkehren. Dann nämlich böte die Expo

die Möglichkeit, diese Variante zu kritisieren und gleichzeiti g andere Zukunftsszena−

rien vorzuschlagen. Die Expo−MacherInnen würden nicht mehr die neutralen Dienst−

leisterInnen sein, die nur der Menschheit verpflichtet sind, in dem sie ihnen mit

große m Aufwand und de m Geld der Menschen vorführen, was unabänderlich ko mmt,

sondern sie würden erkennbar werden als Interessengruppe, die ei n ganz besti mmtes

Weltbil d gerne hätte und dafür wirbt. Dieses Weltbild ist von ihren Interessen gelei−

tet, der Profit maxi mierung und langfristigen Ausbeutbarkeit von Menschen und Na−

tur. Nach dieser Entlarvung würden sie es bedeutend schwieriger haben, zu begrün−

den, warum die Welt so aussehen soll wie es die Expo zeigt. Zudem müßten sie die

Frage beantworten, warum die Menschen ei ne Werbeschau bezahlen sollen, die den

Interessen der Konzerne dient. Und schließlich könnte die Kritik an der Vision der

Konzerne und Regierungen provozieren, daß andere Entwürfe gegen sie gestellt wer−

den. Dann hätte die Expo ihren Sinn − sie wäre der Auslöser einer öffentlichen De−

batte über die Zukunft und über die Frechheit ei niger weni ger, sich das Recht her−

auszunehmen, allei n über die Zukunft besti mmen zu wollen.

Genau das versuchen die Expo− MacherI nnen mit allen Mittel n zu verhi ndern. Dar−

um haben sie Umweltgruppen, Ge werkschaften, Kirchen, Ei ne− Welt− und Jugendgrup−

pen, Frauenorganisationen und viele mehr eingekauft oder auf andere Art für die

Expo gewonnen: Zum ei nen um das Bild zu verfestigen, sie würden "die" ei ne wahre

Zukunftsversion vorstellen, zum anderen aber auch um die Gefahr zu senken, daß

ihr Vorschlag entlarvt und zur Disposition gestellt wird.

Zur Zeit der Fer−

ti gstellung dieses

Buches, i m Ju−

ni /Juli 2000,

schien sich aber

eher abzuzeichnen,

daß die Expo i hre

Botschaft selbst

nicht r überbri ngt

und auch die Be−

suchszahlen ein

Flop werden. Billi−

gl ohnarbeiterI nnen

werden entlassen,

die ManagerI nnen

blei be n. Die St eu−

erzahlerInnen wer−

den noch mehr i n

die Tasche greifen

müssen − und

wahrschei nlich

ko mmt eine

Preiser mäßi gung

für Sozial hilfe−

empfängerInnen,

denn für ei ne

Verbesser ung der

St atisti ken si nd

selbst diese gut

genug


"The future is un−

written" ist ei n

wichtiges Motto

aktueller i nterna−

tionaler Proteste,

das sich gegen die

All macht und Al−

ternativlosigkeit

der herrschenden

Ver wertungsl ogi k

wendet.

Und genau da muß Anti −Expo−Arbeit ansetzen. Sie muß de maskieren, die Expo als

Werbeveranst altung für ei ne tec hnol ogi efetisc histisc he, mensc henverac htende Zu−

kunftsvariante angreifen und demontieren. Und sie muß dazu aufrufen, daß Zu−

kunftsgestaltung nicht den Spitzen von Konzernen und Regierungen überlassen wer−

den darf, sondern Sache der Menschen selbst ist. Wenn ihr das gelingt, wird die

Expo 2000 das größte Eigentor, das sich die Kräfte, die die Welt nac h Kriterien der

Kapitalverwertung gestalten und ihre Interessen als Naturgesetz verkaufen wollen, je

geschossen haben. Dieses Buch ist ei n Beitrag dazu. Tatsächlich wird dieses Eigen−

tor, bleiben wir bei m Sportvergleich, nur der Anschlußtreffer sein. Die Aufholjagd

aber wäre eröffnet, den neoliberalen MacherInnen der aktuellen Weltordnungen die

Zukunftsgestaltung zu entreißen und sie durch sowie für die Menschen zurückzue−

robern. Es wird viele weitere Symbole und Möglichkeiten geben, die bestehenden

Verhältnisse anzugreifen. Ei n−Punkt−Bezüge i n politischen Gruppen und die Nei gung

zu Miniforderungen in der Hoffnung, dann wenigstens ein bißchen Erfolg haben zu

können, müssen dazu überwunden werden.

Prag matis mus i n der politischen Arbeit und kl are Positionen bis zu Visionen stehen

i n ei ne m i nteressanten Verhältnis zuei nander. Sie si nd kei ne Gegensätze, sondern

der Prag matis mus, also die Ausrichtung daran, was gerade machbar ist, gewinnt

durch die Utopie sei ne Richtung und sei nen Schwung. Zude m wird verhindert, daß

Teilschritte schon als Erfolg abgefeiert werden. Visionen sind wie ein Magnet, der

die real en Verhält nisse und auch di e Vorschl äge zu Teilveränderungen i mmer ei n

Stückc hen höherzieht. Ohne Visionen und klare Forderungen wird es gar keine Er−

fol ge politischer Arbeit geben. Gleichzeiti g aber müssen Visionen gefüllt werden, Kon−

zepte und Experi mente erarbeitet und umgesetzt werden, damit aus de m Traum

Wirklichkeit wird.

Welco me to future − dieses Expo−Motto, dort nur als Konsu manreiz ge mei nt und

den Menschen i n die Rolle des handlungslosen Betrachters setzend, könnte auch un−

ser Aufruf als AutorInnen dieses Buches stammen. Wir aber meinen damit den Be−

gi nn ei ner kreativen, muti gen und widerständigen Diskussion um mögliche Zukünfte

sowie die Wege dahin. The future is unwritten.


1.2 Erinnerungen

an die Zukunft

Könnt Ihr Euch noch an die alten Zeiten erinnern, als wir die EXPO in Hannover

blockieren wollten? Das war i m Jahr 2000 − und heute, 30 Jahre später − haben

wir den Salat. Viel zu spät war das alles und auch wir hatten noch ganz schöne

Bohnen i m Kopf. Ungefähr die Hälfte unsrer Arbeitszeit geht drauf, die schli mmsten

Verwüstungen der letzten Jahrzehnte einigermaßen aufzuhalten und das Leben le−

benswert zu erhalten. Na ja, allzu viel Arbeit ist es trotzde m nicht und jede/r Ein

zel ne kann sich aussuchen, was sie oder er machen will. Wer ei ne Idee oder ei n

Bedürfnis hat, fragt rum, wer Lust hat mitzumachen bei der dazu nöti gen Arbeit

und dann geht's los. Nur wir Älteren können den Jungen noch erklären, wieso die

Altvorderen dazu zentrale Planer bzw. anonyme Märkte brauchten. Wir haben uns

letztens die alten Fil me von der letzten Welt ausstellung EXPO aus de m Netz gezogen.

Hi er habe n wir den vollen Kontrast. Wenn uns diese bombastische Zukunftsvision

ni c ht vieles in der Gegenwart kaputt gemacht hätte, könnte man ja fast über die

Dummheit der Leute l achen. Die gaukelten da ei n totales Disneyland−Zukunftsbild

vor; sogar di e sc hei nbaren Alternativen blieben alle i m Rahmen der Vorstellung de−

rer, die die ganzen globalen Proble me erst erzeugt hatten. " Es ist sehr zu be−

grüßen, daß diese Agenda 21 sich zu ei ner Art von wirtschaftlicher und gesell−

schaftlicher Ordnung bekennt, der gerade die Bundesrepublik Deutschland seine posi−

tive Entwicklung i m letzten halben Jahrhundert verdankt." ( Generalkommissariat 1996,

S. 41). An Deutschland sollte man sich also orientieren: "Die Kompetenz Deutschlands

als führende Nation i n Verkehrsfragen ist i m Bereich Mobilität unter Beweis zu stel −

len." (EXPO GmbH 1997, S. 37). Auweia, das wäre aber was geworden! Sogar die Ge−

werkschaften posaunten i n dieser Richtung: " Das bewährte bundesrepublikanische Ge−

sellschafts modell der sozialen Marktwirtschaft bietet die besten Voraussetzungen, un−

ter den Bedi ngungen der Globalisierung der Industrie, Dienstleistungs− und Fi nanz−

märkte das Mitei nander der Menschen lebenswert zu organisieren. Unsere Erfolge

und unsere Zukunftsperspektiven wollen die Gewerkschaften i m Deutschen Pavillon

der Welt präsentiert sehen." (Issen 1997, S. 1)

Es wurde zwar so getan, als sollte mit der Orientierung auf das Motto " Mensch−

Natur−Technik" endlich eine Art ökologischer Kapitalismus entstehen, aber eigentlich

schadete das dem ökologischen Anliegen nur, weil die Lösung total i n die falsche,

nä mlich die technokratische Richtung orientiert wurde. Die Arbeitswelt stellte man

sich z. B. so vor, daß alle Menschen ihre Leistungen möglichst einzeln in der gan−

zen Welt anbieten müssen und sie sic h auc h entsprec hend mobil und flexibel auf die

Märkte die globalisierten Produktionsprozesse ei nstellen müssen. Die Menschen soll −

ten der Flexibilität der Internet−Technik folgen und nicht etwa die Technik den Be−

dürfnissen der Menschen!!! Kann sich das heute noch ei neR vorstellen?! Die Inter−

nettechnologie geriet dabei sogar in Verruf und viele alternative Menschen lehnten

sie ab, weil sie die Herrschaft der Börsianer und Weltkonzerne natürlic h erst mal

total unterstützte, ausweitete und vertiefte. Heute nutzen wir sie, indem wir die de−

zentralisierten Produktionskomplexe mit i hrer Hilfe koordi nieren. Ohne diese weltweite

Ver netzung wäre n unsere heuti ge n deze ntrali serte n Wirtschafts− und Lebenskomplexe

wieder i m mittelalterlichen Klei n−Klei n gelandet und wir würden wieder wie einst

den lieben l angen Tag schuften müssen. Das ist ei n Punkt, den unsere Jüngeren

gar nicht mehr verstehen, und wir auch kaum noch: Wir wurden nicht etwa ge− und

verkauft wie die Sklaven, die sich nicht wehren konnten, wir boten uns, unsere Lei−

stung, d. h. unsere Lebenszeit und −kraft sogar selber verzweifelt auf den sogenann−

ten Arbeits märkten an. Wie gesagt, die EXPO verdeutlicht, um wieviel schli mmer es

[Agenda 21]


Zur Freien Softwa−

reentwicklung siehe

Kapitel 2. 3, Punkt

B.

heute ge worden wäre, wenn es uns nicht zu bunt geworden wäre. Gefragt hat uns

ja damals in Bezug auf die EXPO niemand, uns wurde einfach eine Zukunft vorge−

setzt und möglichst schmackhaft gemacht. Viele bombastische Shows, die Augen lie−

fen über vor 3−D−Si mul ationen, i nteraktiven Ter minals und in der Masse rumgaffen−

der Menschen vergaß man sich fast selber. . .

Wenn man sich heute wundert, wie stark die EXPO−Macher ihre eigenen Vorstel−

lungen allen anderen als selbstverständlich aufdrängen wollten − sie meinten, ihre

Zukunft kä me " wie ein Naturgesetz" − dann muß man verstehen, daß damals viele

dachten, die Technik würde nur i n jeweils ei ne Richtung weiterentwickelt werden

können. Wenn man die Gene studieren könne, müsse es ja auch eine Gentechnologie

geben. Und wenn es die Technologie gebe, müsse sie auch gemacht werden. Ko misch,

daß die sich nur jene Teile des Möglichen aussuchten, bei denen einige große Kon−

zerne das große Geld zu machen hofften! Die EXPO war nicht etwa ei ne große Dis−

kussionspl attfor m für die hervorragenden neuen Möglichkeiten für die Menschheit,

die sich spätestens am Ende des 20. Jahrhunderts überdeutlich zeigten − nein, es

sollte lediglich das angepriesen werden, was ei nige sich ausgedacht haben: "Der

The menpark soll den technischen "state of the art" darstellen, also Akzeptanz für

neue Technologien schaffen" ( EXPO GmbH 1997, S. 48).

Heute kann auc h ei n großes Geni e nic ht ei nfac h irgend etwas ausbrüten und

durchsetzen, sondern er wird nur dann Unterstützung finden, wenn genügend Men−

schen seine Idee auch wichtig finden und ihn dabei unterstützen und mit machen.

Deshalb haben wir ja auch das Raumfahrtprogra mm auf ei ni ge Satelliten be−

schränkt. Niemand von uns will − zumindestens derzeit − wöchentlich ca. 3 Stunden

me hr arbeite n, da mit weltweit j ährlich ei ne Rakete hochgeschossen werden kann. Ich

arbeite i m Mo ment i n ei ne m Geschichtsprojekt. Vor einigen Wochen habe ich kei ne

Lust mehr gehabt, i n der Milchtieranlage zu arbeiten, was mir eine Weile viel Spaß

ge macht hat. Ich merkte, daß die alten Leutchen, die noch viel von den Zeiten

wußte n, al s wir hier i n Europa zum größten Teil von der Futter mittelproduktion i n

fremden Ländern lebten, langsam verschwinden und es wichtig sein würde, deren

Wissen zu konservieren. Auf mei ne Anfrage i m Netz fanden sich ei ni ge Interessenten

und seitde m arbeiten wir zusammen. Jemand hat z. B. ausgegraben, daß unsere Art

und Weise, mitei nander zu produzieren und uns zu koordi nieren gerade zu der Zeit

der EXPO 2000 erst malig kleine Erfolge hatte. Der Vor−Vor−Fahre unsrer besseren

Rechnerprogramme war damals noch innerhalb der alten Wirtschaftsweise durch

frei willi ge Kooperation von Progra mmierern entwickelt worden. LINUX hieß das da−

mal s. Progra mmieren ist nicht so meine Welt, ich mach lieber was Handfesteres.

Aber die Pri nzipien der Li nux−Produktion ( nach Merten 2000) ließen sich verall ge−

mei ner n:

− Freiwillige Tätigkeit statt Arbeit für den Chef

− Lustprinzip statt sinnentleertem Schuften

−SelbstorganisationstattBefehlston

− Nützlichkeit statt Marktchancen

− Kooperation statt Konkurrenz.

Vielleicht brauchte es dazu wirklich erst die Technologien, die gegen Ende des 20.

Jahrhunderts bereit st anden. Nicht nur dezentral e Energieu mwandlungstechnol ogien,

( an Region und konkrete Bedürfnisse) "angepaßte Technologien" sind wichti g dafür,

sondern vor alle m die neuartigen Produktionstechnologien, die damals "dezentrale

Produktions−Planungs− und Steuerungstechniken", Universal maschinen und ähnlich

genannt wurden. Auf Basis dezentral−vernetzter Produktion ist auch sofort eine öko−


logisch angepaßte Produktion möglich − aber dann muß die Koordi nation eben i n

den Händen der " Prosumenten" selbst liegen, nicht von irgendwelchen Börsenkursen

(der "Wert" auch von Produktionsanlagen wurde nicht von der Bedürfnisbefriedi gung

besti mmt, sondernvonErwartungenvonSpekulanten, denenesbloßumdieVermeh−

rung i hres Geldes, des Kapitals gi ng) und Renditeerwartungen ( daß aus de m ei nge−

setzen Geld MEHR wird) der sogenannten Investoren abhängen.

Ich habe meine " Herumzieh"−Jahre längst hinter mir, aber es hat Spaß gemacht,

einige Jahre von Kommune zu Ökodorf und Stadt und wieder zurück zu ziehen ( wie

ei nst die Gesellen) , u m mich auszuprobieren. Ich habe jetzt eine recht stabile " Wahl−

ver wandtsc hafts"− Ge mei nsc haft für mei n engeres Lebensu mfel d gefunden. Arbeits −

mäßi g koordi ni eren wir uns natürlich weitl äufi ger, viel effektiver. Entweder aus mei−

nen Wanderjahren oder übers Netz ver mittelt fi nde ich i mmer Kooperationspartner

für mei ne Ziele oder beteili ge mich an Projekten anderer. In den alten EXPO−Zeiten

regelte das nicht etwa der direkte Austausch nützlicher Leistungen und Güter, son−

dern da gabs Geld i n ei ner For m, in der es immer mehr werden sollte ( das Geld,

ni c ht etwa der Nutzen der Arbeit! Das Geld war dann " Kapital" − daher der Name

Kapitalis mus für diese Zeit) . " Verstärkter Wettbewerbsdruck macht weitere Produkti −

onssteigerungen unumgänglich" (v. Pierer 1998, o. S.) wurde das dann genannt. Nur

des hal b mei nte man, i mmer mehr Energi e zu brauc hen und für di eses " gl obal e Pro−

bl e m" hielt man als Antwort die Kernenergie bereit. Konnten die sich damals nicht

vorstell en, wie viele verstrahlte Gebiete für uns nun auf ewig gesperrt sind? Nicht

nur, wo ei n Kernkraftwerk stand, sondern wo sei n Zeugs entsorgt wurde und mitun−

ter auch an Stellen, wo wirklich fahrlässig damit umgegangen wurde. Was wir den

Jüngeren gar nicht erklären können ist die Tatsache, daß viele, die sich als junge

Leute mal i m Si nne von Umweltsc hutz engagi ert hatten, sic h später auf de m Weg ih−

rer Karriere dazu bereit erklärten, die scheinheiligen Behauptungen auf der EXPO

zu unterstützen. In den Unterlagen der EXPO ist überhaupt gar nichts mehr von ih−

nen dokumentiert − dabei hatten sie doch behauptet, mit i hrer Beteili gung an der

EXPO der Ökologie mehr Gewicht geben zu können. Wir finden nur die alten Verträ−

ge mit den großen " Partnern" McDonal ds ( Schnelleßrestaurants mit ungenießbaren

fleischverschwendenden Ekelnahrungspaketen), Fluggesellschaften usw. Na klar, die

führende Rolle der Unternehmen war ja auch festgeschrieben: "Die Wirtschaftsaussa−

gen i m Deutschen Pavillon werden von der BG ( EXPO−Beteili gungsgesellschaft der

Deutschen Wirtschaft) eingebracht. Nur Gesellschafter der BG können daran mitwir−

ken. Insbesondere sollen die Lösungskompetenz der deutschen Unternehmen und die

Zukunftsfähi gkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland herausgestellt werden. " ( Be−

teiligungsgesellschaft 1998, o. S.). Wen wunderts. I m Nachhi nei n zei gt sich, daß

nach der EXPO sich eigentlich niemand mehr Hoffnungen unter dem Motto der

" Nachhaltigkeit" und "Zukunftsfähigkeit" mehr machen konnte. Mit den Inhalten der

dort als Lösung angebotenen Visionen wurde endgültig auch deren Begrenztheit of−

fensichtlich. Vorher konnte sich j a jedeR i n den Begriff der Nachhalti gkeit hi nei ni n−

terpretieren, was sie/er wollte. Nun wurde das klargestellt:

"Mit den Aussagen der deutschen Wirtschaft wird das Thema der nachhaltigen Ent−

wicklung offensiv angegangen. Es wird klargestellt, daß die bisher mit de m Begriff

Nachhaltigkeit in der öffentlichen Meinung in Verbindung gebrachte Verzichtsdoktrin

kei n gangbarer Weg sei n kann. Nac hhalti gkeit mei nt ni c ht quantit ative Rücksc hritte,

sondern qualitative Fortschritte und das Nutzen der technologischen Potentiale." ( Be−

teiligungsgesellschaft, o. S.). Schöne Worte und viel dahinter. Wer hat nicht der Welt

schon alles Fortschritte versprochen. Vielleicht kann man i m Nachhinein nie verste−

hen, waru m so vi el e Leute da mals i mmer wieder daran glaubten.

Prosu menten si nd

Konsu menten, die

di rekt vor und

während der Pro−

duktion durch die

Festlegung i hrer

Wünsche und Pa−

rameter " mitprodu−

zieren".


Zur

Selbstentfaltung

siehe Kapitel 2. 2,

Punkt C.

Ich gehöre noch zu jenen, für die die Einführung unserer neuen Lebens− und

Wirtschaftsweise, welche allen genügend Freirau m für I HRE Vision und ihre Tätigkeit

gibt und unsere Kräfte gleichzeitig verbi ndet, etwas Neues war. " Es gibt kei ne Vor−

gaben, wie etwas zu l aufen hat, und fol glich gibt es auch verschiedene Regel n und

Vorge he ns weisen. . . Dennoch fi nden alle selbstorganisiert i hre For m, die ihren selbst

gesetzten Zielen ange messen ist. . . Ausgangspunkt si nd die ei genen Bedürfnisse,

Wünsc he und Vorst ell unge n − das i st be deuts a m . . . " ( Meret z 2000) . Das kl a ng da−

mal s wie eine Utopie. Dabei ist das doch viel, viel realistischer als die Fiktionen ei−

ner atommüllverseuchten Welt, i n der di e gentec hni kopti mierten Menschen wie Robo−

ter herumjobben, so wie es die EXPO−Macher planten, oder? Klar hatte die Angst

vor ei ne m Verl ust der Exi stenzberec hti gung mit de m Verlust ei nes Jobs damals unge−

heure Aus wirkungen auf die Intensität der Arbeit. Was uns vo m lebensl angen Schuf−

ten befreite, die hohe Arbeitsproduktivität, wirkte sich in Form der "Arbeitslosigkeit"

erst ei nmal i n völli g pervertierter For m auf unser Leben aus. Gleichzeiti g blockierte

sie aber auch das Beste i n uns. Erst später wurden jene Energien frei gesetzt, mit

denen wir heute l eben, die i hre Quell e i n der Selbstentfaltung des Ei nzel nen und der

Selbstorganisation der Projekte haben. Warum das nicht schon früher ging? Tja,

früher. . . da maßten sich einige Leute Besitzansprüche an den Dingen an, die wir

alle zum Leben brauchen. Sogar Grund und Boden, Maschinen erst recht − erst mit

der Software begannen diese Ansprüche zu wanken. Sowas Langweili ges wie rechtli−

che Absicherungen der frei entwickelten Software unter einer eigenen Lizenz, die ei−

ne Re−Ko mmerzi alisierung verbot, war da mals echt revolutionär. Deshalb wurde da−

mal s di e Vision unserer Gegenwart " GPL−Gesellschaft" ( Merten 2000) genannt − " GPL"

war die General Public License, die i m ersten Schritt die Software aus den Zwängen

der Kapitalverwertung befreite. Danach war es nicht mehr so schwer, das auch auf

die " Hardware" des Lebens zu übertragen − die da mit verbundenen Kämpfe si nd uns

alle noch in Erinnerung. Die Freigabe des Herumbastelns an den Produktionsma−

schinen erzeugte eine enorme technische Revolution. An dieser Stelle profitierten wir

davon, daß wir es ja auch vorher waren, die die Arbeit machen mußten und Kreati−

vit ät e nt wickeln. Die konnten wir nun "auf eigene Rechnung" einsetzen. Dadurch

konnten wir wirklich die Zeiten hinter uns lassen, wo es schien, als müßten alle

Me nsc he n st ändi g acker n, da mit genug zum Leben da ist. Die ewige Angst vor der

Knappheit, die die Ökono men auch i mmer wieder anheizten, verging.

Mei ne geschichtlichen Studien zei gen, daß es i mmer wieder so war, daß aus der

Sicht der früheren Verfaßtheit der Gesellschaft das darauf Fol gende nicht vorstellbar

war, sondern als unrealistische Utopie erschien. Und doch setzte sich das Neue

durch. Leider zei gte der letzte Umbruch, daß ei n langes Zögern doch mehr kostet,

al s wenn man sich eher für grundlegende Änderungen entscheiden würde. Noch

heute bezahlen wir für die Naturzerstörung und auch psychisch kämpfen wir sehr

mit den Fol gen der früher schizophrenen und unmenschlichen Lebensbedi ngungen.

Es fällt uns manchmal schwer zu verstehen, warum wir dieses Erbe mitschleppen

müssen. Deshalb begi nnt der fol gende Text mit ei ner Rückschau auf das Jahr 2000

und die Entwicklung bis dahin ...


2 Subjektivität,

Selbstentfaltung

und Selbstorga−

Der Kapitalismus nisation

ist totalitär und unmenschlich. Totalitär ist er, weil es nahezu

keine Ecke in dieser Gesellschaft gibt, die nicht von ihm erfasst wird. Unmenschlich

ist er, weil er uns durch sei ne Produktions weise i mmer schneller unsere natürlichen

und sozialen Lebensgrundlagen unter den Füßen wegzieht und zerstört. Die Erfah−

rung, daß "der Kapitalis mus hinten mit de m Arsch mehr ei nreißt, als er vorne Wa−

ren ausspuckt" können viele nachvollziehen, da wir es jeden Tag i m Fernsehen zur

Kenntnis nehmen müssen. Den schrecklichen Bildern von Zerstörungen, menschenge−

mac hten Katastrophen, Kriegen, Vergiftung von Lebens mittel n usw. soll nun mit der

Di s ney−E XPO ei ne opti mistische technologische Zukunftsvision entgegengesetzt wer−

den. Die Botschaft ist: "Ertragt den Kapitalismus nicht bloß nach dem Motto ‘ Da

kann man nichts machen', sondern bejaht ihnfröhlich, ja, auch Ihr Kritiker, kommt

zu uns, und arbeitet mit an ei ner besseren Zukunft, die auch für Euch gut ist −

nach de m EXPO−Motto: Mensch, Natur, Technik. "

Doch unsere Gefühle täuschen uns nicht. Wir lassen uns vom bunten und giganto−

mani sc hen Pote mki nsc hen EXPO−Dorf ni c hts vor mac hen. Wir machen die Augen

ni c ht zu, sondern wollen verstehen, warum das Grauen so ist, wie es ist, wie es sich

entwickelte und welc he Alternativen es gibt. Es geht darum, das diffuse Unbehagen

in klaren Verstand und Wissen umzusetzen. Es geht um respektloses Aufräumen mit

all e m Alten, das nicht weiterbri ngt. Das schließt ei n, nicht auch bloß wieder eine

Weis heit zu verkünden, so etwas funktioniert nicht, das gehört mit zum Alten. Dieses

Buch entwirft kein Idealbild, dem dann alle hinterher laufen sollen − auch das hat−

ten wir schon. Nein, heute kommt es auf eine/n jede/n selbst an, auf die maximale

Entfaltung der ei genen I ndivi dualit ät. Di e Sel bstentfaltung mit klare m Kopf, das

Wegräumen aller Barrieren, die mich und uns daran hindern, ist Strategie und Ziel.

Was das hei ßt, und warum das ei ne den Kapitalis mus sprengende Dyna mik beinhal−

tet, wollen wir i m weiteren Text entwickeln.

Dieser Text ist ei n Beitrag zur Verständi gung darüber, wie die Lage ist und wel c he

individuellen wie kollektiven Handlungsmöglichkeiten bestehen. Es geht um die Fra−

gen " Was ist Emanzipation heute?" und " Was kann ich, können wir tun?" − und ihre

mögli c he n Ant worte n. Wir werden uns i n diese m Teil des Buches auch mit Ökono mie

und Produktion beschäftigen. Für politisch aktive Menschen, gerade i m ökologischen

Bereich, ist die Alltagswelt der Produktionsarbeit i m all ge mei nen recht uni nteressant.

Sie erscheint grau, eintönig, stressig − man meidet sie lieber. Trotzde m müssen wir

gerade sie i ns Zentrum unserer Aufmerksamkeit stellen, wenn es um die nahen Zu−

kunftsvisionen geht − denn das Wirken der menschlichen Zivilisation auf der Erde

und i hre Entwicklung ist maßgeblich mit diese m Arbeitsalltag verbunden.

Wie ist die Logik der Abschnitte in diesem Kapitel aufgebaut? Zunächst eröffnen

wir i m ersten Abschnitt (2.1) einen historischen Blick auf die heutige Situation. Man

versteht vieles von dem, was ist, wenn man versteht, wie es geworden ist. Diese Ge−

wordenheit, das Verständnis des Heuti gen als Resultat ei ner Kette von Entwicklungen

[Kapitalismus]

[Totalitär]

[Welt ausstell ung]

[Selbstentfaltung]

[Strategie]

[ Ökono mie]

[Produktion]


[Selbstentfaltung]

[Autonomie]

[Selbstentfaltung]

gibt dann die Möglichkeit, über die zukünfti gen Entwicklungspfade nachzudenken.

Dabei entwerfen wir kei n bloßes Wunschbil d, sondern betrachten Geschichte und Zu−

kunft als Resultat ei ner Entwicklung in Widersprüchen. Die Möglichkeit, daß alle die

Frei heit haben, i hren ei genen Weg zu suchen und zu gehen, beruht auf dem, was

zur Zeit geschieht, und das gilt es zu verstehen: Welc hes si nd die Widersprüche, was

ist objektiv angesagt und wie geht der Kapitalismus damit um.

Im zweiten Abschnitt ( 2. 2) geht es u m die Frage: " Wori n besteht die Herrschaft?" In

der Regel wird eine Erklärung darauf beschränkt, Herrschaft werde als politische

Herrschaft von Personen ausgeübt. Das ist aber höchstens die halbe Wahrheit. Herr−

schaft i m Kapitalis mus ist ein viel komplexerer, sich selbst organisierender Mecha−

nis mus, in dem es eine einfache Trennung in "die da oben" und " wir hier unten"

ni c ht gibt. Im Text wird eine "entpersonalisierende" Sichtweise entwickelt, die es

leichter möglich macht, die eigene Eingebundenheit zu bemerken und Handlungsal−

ternativen zu entwickeln.

Im dritten Abschnitt (2.3) bemühen wir uns darum, das vorher Anal ysierte mit po−

litischen Handlungs möglichkeiten zusammenzuführen. Wir erläutern, was wir unter

"Selbstentfaltung" verstehen und erklären, warum Selbstentfaltung Strategie und Ziel

der Emanzipation sei n muß. Dabei geht es zentral auch um die Hindernisse und Wi−

dersprüc he i n e manzipatorisc hen Be wegungen selbst.

Wir beschließen dieses Kapitel i m vierten Abschnitt (2. 4) mit ei ner positiven Utopie,

der Revolution i n fünf Schritten!

Alle Darstellungen sind keine Ableitungen dessen, was mit Notwendigkeit geschehen

wird oder muß. Auch wir sind keine BesserwisserInnen − sondern tragen zusammen,

was uns wichti g erschei nt. Während die Aussagen über die Schranken, die uns die

kapitalistische Gesellschaft noch setzt, als recht objektiv zu betrachten sind, sind al−

le Vorschläge einer Alternative gleichberechti gt mit vielen anderen.

Auf welc he Kriteri en wir dabei Wert legen ( Autono mie, Selbstorganisation usw.), be−

gründen wir und hoffen auf viele Übereinsti mmungen in der weiteren Diskussion.


2.1 Geschichte ist die Ge−

schichte der Produktiv−

kraftent wicklung

Menschen finden − i m Unterschied zu Tieren − ihre Lebensbedingungen nicht ein

fach vor, sondern sie stellen sie aktiv gesellschaftlich her. Diese Herstellung ge−

schieht durch Stoffwechsel mit der Natur unter Verwendung von Arbeits mittel n. Sie

ist kumulativ, d. h. hergestellte Dinge, Wissen, Erfahrung und Kultur werden histo−

risch angesa mmelt. Wie der Zusa mmenhang von Mensch, Natur und Mittel n, die der

Mensch zur Naturbearbeitung ei nsetzt, historisch jeweils beschaffen ist, faßt der Be−

griff der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, oder kurz: Produktivkraftent−

wicklung. Schematisch können wir den Begriff der Produktivkraftentwicklung als Ver−

hältnis von Mensch, Natur und Mitteln so darstellen:

Den aktiven Stoffwechsel des Menschen mit der Natur unter Verwendung von Mit−

teln nennen wir "Arbeit". Damit faßt der Begriff der Produktivkraftentwicklung auch

die historische Veränderung der Arbeit, ist aber nicht mit dieser identisch. Dies wird

deutlich, wenn man sich die des Begriffs der Produktivkraftent−

wicklung ansieht:

− der Arbeit: Art der Produkte, der Bezug zur Natur und die ver−

wendeten Mittel zur Herstellung

− der Arbeit: Arbeitsteilung und Arbeitsorganisation

− der Arbeit: produzierte Güter menge je Zeitei nheit.

Oft wird die Produktivkraft der Arbeit mit Produktivität der Arbeit verwechselt. Da−

mit werden jedoch die qualitativen Aspekte des Inhalts und der For m der Arbeit i n

ihren historischen Entwicklungen ausgeblendet. Auch Karl Marx, von de m der Begriff

ursprünglich sta mmt, war nicht frei von solchen Verkürzungen.

Noc h ei n mal zus a mme ngefaßt: Produktivkrafte nt wicklung faßt das Dreiecksverhältnis

des arbeitenden , der unter Verwendung von Stoffwechsel mit der

betreibt und auf diese Weise sein Leben produziert. Historisch verändert sich

die Produktivkraftentwicklung mit i hren drei Di mensionen nicht kontinuierlich, son−

dern in qualitativen Sprüngen. I m Schnelldurchlauf durch die Geschichte sollen diese

Sprünge nun nachgezeichnet werden.

Man kann di e Gesc hi c hte auf Grundl age des Begriffs der Produktivkraftentwicklung

in drei große Epochen einteilen. In jeder dieser Epochen steht ein Aspekt des Drei−

ecksverhältnisses von Mensch, Natur und Mittel n i m Brennpunkt der Entwicklung. In

Tiere veränder n

zwar auch ihre

Umwelt, z. B. der

Biber, dies j edoch

nicht i m Si nne ei −

ner gesellschaftli −

chen Herstellung.

[Produktivkraft

der Arbeit]

[Produktiv−

kraftentwicklung]

[Arbeit]

[Epochen der Pro−

duktivkraftentwick−

lung]


[Dialektik]

den agrarischen Gesellschaften wurde die Produktivkraftentwicklung vor allem hin

sichtlich des Naturaspekts entfaltet, in den Industriegesellschaften steht die Revolu−

tionierung des Mittels i m Zentrum, und was mit de m Menschen als de m dritten

Aspekt passiert, ist die spannende Frage, auf die wir weiter unten eingehen werden.

a. Die � Natur−Epoche� Ent−

faltung des Naturaspekts

der Produktivkraftent−

wicklung

Alle Gesellschaften bis zum Kapitalismus waren von ihrer Grundstruktur her agra−

rische Gesellschaften. Ob matrilineare Gartenbaugesellschaft, patriar−

chalische Ausbeutergesellschaft, Sklavenhaltergesellschaft oder Feuda−

lis mus − in allen Gesellschaften stand die Bodenbewirtschaftung in

der Landwirtschaft und bei der Gewinnung von Brenn− und Rohstof−

fen unter Nutzung von ei nfachen Mittel n sowie menschlicher und tie−

rischer Antriebskraft i m Mittelpunkt der Anstrengungen. Mit Hilfe der

hergestellten Arbeits mittel − vo m Grabstock bis zum Pflug und zur

Bergbautechnik − holten die Menschen i mmer mehr aus dem Boden

heraus, während di e Art und Weise der Weiterverarbeitung der Bodenprodukte bis

zum Nutzer relativ konstant blieb. Die Fortentwicklung der Arbeitsmit−

tel und Werkzeuge war durch Zünfte und andere Beschränkungen begrenzt.

Qualit ative Veränderungen i nnerhal b der " Natur−Epoc he" zei gten si c h vor all en bei

der For m der Arbeit. Die landwirtschaftlichen Produzenten i m Feudalis mus waren

mehrheitlich Leibeigene i hrer Feudal herren, waren so i m Unterschied zum Sklaven

also nicht personaler Besitz. Trotz Abgabenzwang und Frondiensten war der relative

Spielraum der Fronbauern zur Entfaltung der Produktivkraft der Arbeit größer als

bei den Sklaven, die − da personaler Besitz − gänzlich kei n Interesse an der Ver−

besserung der Produktion hatten. Der Natur angepasste Fruchtfol gen und die Mehr−

fel der wirtschaft waren wichtige Errungenschaften in dieser Zeit. Aufgrund des höhe−

ren Mehrprodukts konnten sich Handwerk und Gewerbe, die von der Bodenbewirt−

schaftung mitversorgt werden mußten, rasch entwickeln.

Diese Frage ist nicht nur wichti g, u m die Vergangenheit zu verstehen, son−

dern auch, um selbst i n den Lauf der Geschichte ei ngreifen zu können. Wer

versteht, wie Entwicklung "funktioniert", kann die Hebel zielgerichtet anset−

zen.

Kei mformen des Neuen entwickeln sich i mmer schon i m Alten. Sie werden

stärker, werden zu einer nicht mehr zu übersehenden Funktion i m noch al−

ten System, übernehmen dann die bestimmende Rolle und transformieren

schließlich das alte Gesamtsystemin ein Neues, in dem sich alles nun nach

der neuen do minanten Funktionausrichtet. Dieser beschriebene Prozeßablauf

ist typisch für dialektische Entwi ckl ungs prozesse. I n all ge mei ner For m kann


manfünfStufenfürqualitativeEntwicklungssprünge so beschreiben ( Holz−

ka mp 1985):

Entstehen der neuen Kei mfor men, die sich später entfalten

Veränderung der Rahmenbedi ngungen des alten do minanten Ge−

samtprozesses (" Krisen")

Funktionswechsel vorher unbedeutender Kei mfor men zur wichtigen

Entwicklungsdi mension neben der noch den Gesamtprozeß besti mmenden

Funktion ( erster Qualitätssprung)

Do minanzwechsel der neuen Entwi ckl ungs di me nsi o n zur de n Ge−

samtprozess besti mmenden Funktion ( zweiter Qualitätssprung)

Umstrukturierung des Gesamtprozesses auf die Erfordernisse der

neuen besti mmenden Entwicklungsdi mension

Da die fünf Stufen bzw. Schritte hier allgemein beschrieben sind, klingen sie

naturge mäß etwas abstrakt. Anschaulicher wird die Fünfschrittlogik, wenn

man real e Entwicklungsprozesse danach befragt. Wir wenden sie i m Folgen−

den auf die Abfol ge der Epochen der Produktivkraftentwicklung an.

b. Die � Mittel−Epoche�

Entfaltung des Mittel−

aspekts der Produktiv−

kraftent wicklung

Di e agrari sc he Produkti on besti mmte zwar die gesellschaftliche Struktur, dennoch

gab es in den Städten Lebens− und Produktionsfor men, die dem unmittelbaren feu−

dalen Zugriff entzogen waren: "Stadtluft macht frei" (Stufe 1: Kei m−

for men) . Die Städte wurden nun i mmer wichtiger für die steigenden

repräsentativen und militärischen Bedürfnisse der herrschenden Feu−

dalklasse (Stufe 2: veränderte Rahmenbedingungen). Ausgehend von

gesicherten bürgerlichen Zonen i nmitten des Feudalis mus, den Städ−

ten, entfalteten Handwerker und vor alle m Kaufleute i hre ökono mi−

schen Aktivitäten ( Stufe 3: Funktionswechsel). Der Einsatz geraubten

und erhandelten Kapitals der Kaufleute sowie die Entwicklung von

ko mbi nierten Ei nzel arbeiten der Handwerker i n der Manufaktur zum " ko mbi nierten

Gesa mtarbeiter" ( Marx 1976/1890, 359) i n der Fabrik er möglichten eine Übernahme

der ökono mischen Basis durch die neue bürgerliche Klasse. Mit der Manufakturperi−

ode, auc h al s Frühkapit ali s mus bezei c hnet, begann di e Umstrukturi erung des alten

feudalen zum neuen bürgerlichen ökonomischen System, das sich schließlich durch−

setzte (Stufe 4: Dominanzwechsel). Die Industrielle Revolution sorgte endgültig dafür,

daß sich der umgreifende gesamtgesellschaftliche Prozess nach den Maßgaben der

kapitalistischen Wertverwertung ausgerichtet wurde ( Stufe 5: Umstrukturierung des

Gesa mtprozesses).

Ei ne Anwendung

der 5 Stufen

fi ndet sich unter

Kapitel 2. 4.

[Industrielle

Revolution]

[Wertverwertung]


[ Verwertung]

[Wert]

[Markt]

[Maschine]

[Wertgesetz]

Der hier ge mei nte

[Wert] mei nt nicht

die Wertschätzung.

Im Kapitalismus werden ungeheure Warenmengen hergestellt. Dennoch ist das, was

uns so bunt und vielfältig entgegenglitzert nicht der Zweck des Kapitalis mus, son−

dern eher ei ne Nebeneffekt. Zweck ist etwas anderes: die Verwertung von Wert.

In der Produktion wird abstrakte Arbeit verrichtet. Sie heißt abstrakt, weil es un−

erheblich ist, was produziert wird, Hauptsache es wird Wert geschaffen. Der Wert ist

die Menge an Arbeitszeit, die i n ei n Produkt gesteckt wird. Werden auf de m Markt

Produkte getauscht, dann werden diese Werte, also Arbeitszeiten mitei nander vergli−

chen. Zwischen den direkten Produktentausch tritt in aller Regel das Geld, das kei−

nen anderen Si nn besitzt, außer Wert darzustellen.

Was ist, wenn bei m Tausch i m einen Produkt weniger Arbeitszeit als i m anderen

steckt? Dann geht der Hersteller des " höherwertigen" Produkts auf Dauer Pleite,

denn er erhält für sei n Produkt nicht den "vollen Wert", sondern weniger. Wer fünf

Stunden gegen drei Stunden tauscht, verschenkt zwei. Das geht auf Dauer nicht gut,

denn die Konstrukteure der Produkte, die Arbeiter und Angestellten, wollen für die

voll e Arbeitszeit bezahlt werden. Also muß der Tauschorganisator, der Kapitalist, zu−

sehen, daß die für die Herstellung des Produkts notwendige Arbeitszeit sinkt. Das

wird in aller Regel auf dem Wege der Rationalisierung vollzogen, de m Ersatz von le−

bendi ger durch tote Arbeit ( =Maschi nen).

Was der ei ne kann, kann der Konkurrent auch. Wichti g und entscheidend ist da−

bei: Es hängt nicht vo m Woll en der Konkurrenten ab, ob si e Produktwerte per ma−

nent senken, sondern es ist das Wertgesetz des Kapitalis mus, das sie ausführen. Das

Wertgesetz der Produktion besteht i m Kern dari n, Wert zu verwerten, aus Geld mehr

Geld zu machen. Die Personen sind so unwichti g wie die Produkte, das Wertgesetz

gibt den Takt an.

Vo m Wertgesetz werden auch jene besti mmt, die nur i hre Arbeitskraft verkaufen

können, u m an das notwendige Geld zu kommen. Ohne Moos nix los. Auch die Ar−

beitskraft besitzt Wert, nämlich soviel wie für ihre Wiederherstellung erforderlich ist.

Di ese Wiederherstellung erfolgt zu großen Teilen über den Konsum, wofür Geld erfor−

derlich ist, was wiederum den Verkauf der Arbeitskraft voraussetzt. Auch dieser Re−

gelkreis hat sich verselbständigt, denn in unserer Gesellschaft gibt es kaum die

Möglichkeit, außerhalb des Lohnarbeit−Konsum−Regelkreises zu existieren.

Beide Regelkreise, der Produktionskreis und Konsumkreis, greifen inei nander, sie

bedingen einander. Es ist auch nicht mehr so selten, daß sie in einer Person

verei nt auftreten. Das universell e Sc hmiermittel und Ziel jeglichen Tuns ist das Geld.

Di e Not wendigkeit, Geld zu erwerben zum Zwecke des Konsums oder aus Geld mehr

Geld zu machen in der Konkurrenz, ist kein persönlicher Defekt oder eine Großtat,

sondern nichts weiter als das individuelle Befolgen eines sachlichen Gesetzes, des

Wertgesetzes. Ei ne wichtige Konsequenz dieser Entdeckung ist die Tatsache, daß un−

ser gesellschaftliches Leben nicht von den Individuen nach sozialen Kriterien organi−

siert wird, sondern durch einen sachlichen Mechanismus strukturiert wird. Das be−

deutet nicht, daß die Menschen nicht nach individuellem Woll en handel n, aber si e

tun dies objektiv nach den Vorgaben des sachlichen Zusammenhangs. Wie Rädchen

im Getriebe.

Bei der Entstehung des Kapitalismus wird sichtbar, wie Kei mformen des Neuen −

bei den Handwerkern stand die Mittelbearbeitung schon i m Mittelpunkt i hrer Arbeit −

in eine m neuen Kontext ei ne neue Funktion bekamen und schließlich von allen

Schranken befreit die gesamte Gesellschaft umstülpten. Um das genauer zu verste−

hen, l ohnt es sic h, den neuen do minanten Gesamtprozess genauer zu betrachten


(vgl. auch Meretz 1999a). Im Fokus des neuen dominanten Gesamtprozesses steht die

der Produktivkraftentwicklung. Dies wird deutlich,

wenn man die genau untersucht und

auf i hre früheren Kei mfor men zurückführt:

Die Kei mfor men der Energie maschi ne liegen i n der

tierischen und menschlichen Kraftanstrengung. Ihre Übertragung auf eine

Masc hi ne sorgt für di e ortsunabhängi ge und er weiterbare Verfügbarkeit von

( zunächst mechanischer, später elektrischer) Antriebsenergie.

Di e Kei mfor me n der Prozeß masc hi ne li ege n i n de n

(mechanischenundchemischen) Handwerkertäti gkeiten, die i n ei ne m techni −

schen Prozeß vergegenständlicht und da mit gleichzeiti g entsubjektiviert wur−

den. Beispiele si nd Drehen, Schmieden, Färben.

Di e Kei mfor me n der Algorithmusmaschine lagen

im Erfahrungswissen des Handwerkers über die sachliche und zeitliche Abfol−

ge der verschiedenen Prozeßschritte. Ein Beispiel ist die richtige Positionie−

rung und der zeitliche Ablauf der Bewegung von Kett− und Schußfäden bei m

Weben zur Herstellung ei nes Stoffmusters. Endpunkt der Entwicklung einer

separaten Al gorithmus maschi ne ist der Co mputer.

Die drei Bestandteile konnten vor der Übertragung auf ei nen i ndustriellen Prozeß

in einer Person vereint sein. Die große Industrie und diese

Bestandteile nach und nach und machte sie da mit ei ner ei genständi gen wissen−

schaftlichen Bearbeitung zugänglich. Die modernen Natur− und Technikwissenschaf−

ten entstanden.

Die Prozeßmaschi ne war der Ausgangspunkt der i ndustriellen Revolution − und

ni c ht, wie heute noch fälschlich angeno mmen wird, die Energiemaschine ("Dampfma−

sc hi ne") . Di e Proze ß masc hi ne war der Ker n der " Mittelrevolution". Erst die Übertra−

gung des Werkzeuges des Handwerkers auf ei ne Maschi ne erforderte die Dampfma−

schi ne, u m den gewalti g stei genden Energiebedarf der I ndustrie zu befriedi gen.

Prozeß− und Algorithmusmaschine waren zunächst noch gegenständlich in einer

Masc hi ne verei nt. Der s ac hliche und zeitliche Ablauf war damit i n die Maschi ne fest

ei ngeschrieben. Sollte ei n neuer Ablauf etwa für ei n neues Produkt realisiert werden,

mußt e ei ne neue Masc hi ne gebaut werden. Lagen die Wurzel n der Algorithmusma−

schine in der industriellen Revolution, so sollte jedoch noch Jahrzehnte bis zur Ent−

wicklung der separaten und universellen Al gorithmus maschi ne, des Co mputers, verge−

hen. Di ese Entwicklung vollzog sich über zwei Schritte (i n der Regel mit " Fordis mus"

und "Toyotismus" bezeichnet), die wir nachzeichnen wollen.

Anfänge der Algorithmisierung der Produktion gibt es mit den ersten ko mplizierten

oder kombinierten Werkzeug maschi nen. Die Übertragung der Werkzeugführung des

Handwerkers auf ei ne Maschi ne vergegenständlichte sei n al gorithmisches Prozeßwis−

sen. Aus der bloßen Vergegenständlichung handwerklicher Ei nzelprozesse wird

schließlich die wissenschaftliche Bearbeitung des gesamten Produktionsprozesses, die

die historisc he handwerkliche Arbeitsteilung vollends aufhebt:

"Dies subjektive Prinzip der Teilung fällt weg für die maschinenartige Pro−

duktion. Der Gesa mtprozeß wird hier objektiv, an und für sich betrachtet, in

[Algorithmus]

[ Vergegenständ−

lichung]

[Algorithmus−

maschi ne]

[Technik]

[Fordismus]

[Toyotis mus]

[Algorithmische

Revolutionen]

Algorithmisierung:

Übertragung von

Wissen und Erfah−

rung auf eine

Maschi ne


[Subjektivität]

Dieser Art Organi −

sation entsprang

auch die Organi −

sation der Arbei−

terbewegung: Zen−

tral, ohne Beach−

tung der Indivi−

dualität.

sei ne konstituierenden Phasen anal ysiert, und das Proble m, jeden Teilprozeß

auszuführen und die verschiednen Teilprozesse zu verbinden, durch techni−

sche Anwendung der Mechanik, Chemie usw. gelöst..." ( Marx, 1976/1890,

401).

Der Fordis mus, benannt nach de m Autohersteller Ford, führte die Algorithmisierung

der Produktion konsequent durch. Augenfälli gstes Resultat dieser Algorithmisierung

war das Fli e ßband, das bal d all e Wirtschaftsbereiche als "Leitbild" besti mmte. Die

Entfernung jeglicher Reste von Subjektivität der arbeitenden Menschen aus der Pro−

duktion war das Progra mm der Arbeitswissenschaft von Frederick W. Taylor (1911).

Robert Kurz for muliert diesen Prozess i n drastischer Weise so:

"Hatte die Erste industrielle Revolution das Handwerkszeug durch ei n maschi−

nelles Aggregat ersetzt, das den fremden Selbstzweck des Kapitals an den

Produzenten exekutierte und ihnen jede Gemütlichkeit austrieb, so begann

nun die Zweite i ndustrielle Revolution i n Gestalt der ‘ Arbeitswissenschaft' da−

mit, den gesamten Raum zwischen Maschinenaggregat und Produzententätig−

keit mit der grellen Verhörlampe der Aufklärungsvernunft auszuleuchten, um

auch noch die letzten Poren und Nischen des Produktionsprozesses zu erfas−

sen, den ‘ gl äsernen Arbeiter' zu schaffen und i hm jede Abweichung von sei −

ner objektiv ‘ möglichen' Leistung vorzurechnen − mit ei ne m Wort, i hn end−

gültig zum Roboter zu verwandel n. " ( Kurz, 1999, 372).

Der Mensch wurde zum vollständigen Anhängsel der Maschine, in der der von In−

genieuren vorgedachte Al gorithmus des Produktionsprozesses vergegenständlicht war.

Di ese Produkti ons weise basierte auf der massenhaften Herstellung gleichartiger

Güter. De m entsprachen auf der Seite der Administration die Betriebshierarchien und

das Lohnsyste m sowie gesamtgesellschaftlich der Sozialstaat. Dies war auch die hohe

Zeit der organisierten Arbeiterbewegung. Ihr Be mühen um straffe Organisation, be−

sonders in den kommunistischen Parteien, hing mit i hren Erfahrungen i n der Ar−

beitsrealität zusammen. Eine zentrale Organisation zur Bündelung von Massen war

ihr Ideal. Die einzelnen Menschen waren in der Arbeit und der politischen Organi−

sation lediglich "Rädchen i m Getriebe".


Marx hebt den Aspekt der Kooperation i n der i ndustriellen Produktion positiv her−

vor:

". . . unter allen Umständen ist die spezifische Produktivkraft des ko mbi nierten

Arbeitstags gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeit oder Produktivkraft

gesellschaftlicher Arbeit. Sie entspri ngt aus der Kooperation selbst. I m pl an−

mäßi gen Zus a mmenwirken mit andern streift der Arbeiter sei ne i ndividuellen

Schranken ab und entwickelt sein Gattungsver mögen." ( Marx, 1976/1890,

349).

Aus der Vorstellung, daß es nicht die Arbeiter seien, die das Zusammenwirken der

Arbeiter pl ane n, s o nder n di e Kapit ali ste n ei nzig zu m Zwecke der Profit maxi mierung,

schlossen die kommunistischen Parteien, daß die Kapitalisten zu ent machten seien.

I m positiven Marxschen Sinne stünde dann der vollen Entfaltung des Gattungsver mö−

gens nichts mehr i m Wege − ein Kurzschluss, wie sich zeigen wird.

Wenn mit der fordistischen Durchstrukturierung der Gesellschaft die al gorithmische

Revolution vollendet wurde, wie sind dann die inzwischen gar nicht mehr so neuen

Tendenzen der flexibilisierten Produktion und der "Infor mationsgesellschaft" zu be−

werten? Zunächst einmal ist festzuhalten, daß nach einem qualitativen Entwicklungs−

schritt, also nachde m der umgreifende Gesamtprozess auf die Erfordernisse der neu−

en besti mmenden Entwicklungsdi mension ( hier: der Algorithmisierung der Produktion)

hi n u mstr ukturi ert wur de, di e Entwicklung nicht stehen bleibt. Die letzte Stufe als

i nnere Ausfaltung des neuen Syste ms, als Vordri ngen der gegebenen Entwicklungswei −

se in die letzten Wi nkel der Gesellschaft, ist erst abgeschlossen, wenn sich die inne−

ren Entfaltungs möglichkeiten des Syste ms erschöpft haben, wenn Änderungen der

Rahmenbedi ngungen nicht mehr durch Integration und i nnere Entfaltung aufgefangen

werden können, wenn die Systemressourcen aufgebraucht sind.

Gleichzeiti g entstehen Kei mfor men neuer Möglichkeiten, und die Veränderung der

Rahmenbedi ngungen, die das Syste m selbst erzeugt, wird zusehends zur Bedrohung

für das Syste m selbst. Das alte Syste m erzeugt selbst die Widersprüche, die es auf

vorhandene m Entwicklungsniveau nicht mehr integrieren kann. Entfaltung in alter

Syste mlogik ( Stufe 5), Herausbildung neuer Kei mfor men ( Stufe 1) und Widerspruchszu−

spitzung durch selbst erzeugte systemgefährdende Widersprüche ( Stufe 2) verschrän−

ken sich also. I n ei ner solchen Situation befi nden wir uns gegenwärtig, und von

hier aus kann man auch die Integrationsversuche der Widersprüche in alter System−

logik bewerten.

Das Syste m "totaler Algorithmisierung", die Massenproduktion, die gleichartige Mas−

senbedürfnisse befriedi gt, wurde von Marcuse (1967) zutreffend als "ei ndi mensionale

Gesellschaft" bezeichnet, die den " ei ndi mensi onal en Menschen" hervorbri ngt. Der Ka−

pit ali s mus i st mit de m Herausdrängen der Subjektivität aus der Produktion, mit der

al gorit hmischen Vorwegnahme jedes Handgriffes vom Anfang bis zum Ende der Pro−

duktion in eine Sackgasse geraten. Fordistische Produktion ist zu starr. Als sich die

Zyklen von Massenproduktion und Massenkonsum erschöpft hatten und ab Mitte der

Siebzi ger Jahre zyklisch Ver wertungskrisen einsetzten, begann die innere gesell−

schaftliche Differenzierung. Nur wer die Produktion flexibel auf sich rasch ändernde

Bedürfnisse ei nstellen konnte, bestand i n den i mmer kürzeren Verwertungszyklen.

Die flexible Produktion vergrößerte den i ndividuellen Möglichkeitsraum und trieb so

die I ndivi dualisierung voran. Gl eichzeiti g werden fordistische Errungenschaften wie

[ Kooperation]

(vgl. Kapitel 2.2)

Zu den Stufen

siehe S. 20/21.

(vgl. Schlemm

1996)

Die Arbeits welt

verändert sich ra−

pide. Hier liegen

auch Quellen und

Hi ntergr ünde für

kulturelle Verände−

rungen: Bunte

Haare statt Ei ndi −

mensionalität si nd

heute angesagt!


Durch diese Pro−

zesse erhielt die

Informatik ihre

zentrale Bedeu−

tung.

(vgl. Meretz 1996)

die sozialstaatlichen Absicherungen abgebaut und i mmer mehr Menschen aus den

Ver wertungszyklen ausgegrenzt ("Arbeitslosigkeit"). Nicht nur ökologisch gesehen zehrt

das Verwertungssystem seine eigenen Grundlagen langsam auf.

Zwei Aus wege werden versucht, und beide Versuche werden uns auf der EXPO als

große Lösungen der Menschheitsprobleme präsentiert. Die Vari ante i st ei n

technologischer Ansatz, mit de m versucht werden soll, die Starrheit der fordistisch

durchal gorithmisierten Produktion aufzulösen. Die Vari ante besteht aus der

Re−I ntegration der menschlichen Subjektivität i n die Produktion. Beide Ansätze be−

di ngen ei nander und werden i m fol genden dargestellt. Begi nnen wollen wir mit de m

technologischen Ansatz, de m Toyotis mus. Anschließend geht es i m nächsten Teilkapi−

tel um die versuchte Wiedereinbindung menschlicher Subjektivität i n die Produktion,

die in unser "Epochen"−Abfolge schon zu den möglichen Kei mformen des Neuen

gehört.

Bei m Toyotis mus wird anders als zur Zeit des Fordismus nicht bloß der gedachte

Produktionsabl auf exakt festgelegt und i n For men von Maschi nen, starrer Arbeitsor−

ganisation und Hierarchien "gegossen", sondern es wird die Möglichkeit der

des Abl aufes, die der möglichen Ei nsätze der Werkzeug ma−

schinen, die der Einheiten in der Fließfertigung bereits vorweggenommen

und als Merkmal in der Produktion realisiert. Die festen Al gorithmen des Fordis mus

werden flexibilisiert, wobei das Aus maß der Änderbarkeit nicht unendlich ist, sondern

wiederum fest liegt.

Di ese Algorithmisierung in neuer Größenordnung ist eng verbunden mit der Tren−

nung von Prozeßmaschi ne und Algorithmusmaschine, mit der Herausbildung des

Co mputers, wie wir ihn heute kennen. Diese Trennung ging einher mit zwei Über−

gangen, die unmittelbar zusammenhängen:

−vonderHardwareorientierungzurSoftwareorientierung

−vonderanalogenSpezialmaschinezurdigitalenUniversalmaschine

Di e separi erte Algorithmusmaschine, die digitale Universalmaschine ist der Compu−

ter. Die Algorithmen steuern als Software die flexiblen Prozeßmaschinen. Die Bedeu−

tung des informationellen Anteils in der Produktion wächst beständig, Computer

dri ngen i n alle Bereiche vor, die der Produktion vor− und nachgel agert si nd. Die

i nfor mationelle Integration von der Bestellung über das Internet bis zur Auslieferung

und Abrechnung der Ware ist das große Ideal.

Auslöser dieses Entwicklungsschubes si nd die veränderten Marktanforderungen. Den

Profit können nurmehr diejenigen sicherstellen, die in kurzer Zeit auf geänderte

Markt anforderungen reagi eren können. Nicht die Fähigkeit zur massenhaften Pro−

dukti on ei nes nac hgefragten Produkts überhaupt entsc hei det ( wie i m Fordismus), son−

dern die Fähi gkeit zur Umsetzung dieser Anforderung i nnerhalb Zeit. Die−

ser Aus weg ist sehr begrenzt, er ni mmt jedoch auf der EXPO breiten

Rau m ei n. Mit de m Postulat des Entstehens einer werden

Lösungen versprochen, die zahlreiche globale Probleme endlich beseitigen sollen.

Doch dieses Postul at ist weder neu noch real, sondern entlarvt sich i nzwischen auch

in der Praxis als ideologische Konstruktion.

Der zweite Ansatz der Wiedereinbindung menschlicher Subjektivität i n die Produktion

ist besonders i nteressant, denn er steht für die generelle Möglichkeit ei ner neuen

Qualität der Produktivkraftentwicklung. Die Vertreter des Kapitals haben das erkannt


− und versuchen die darin liegenden Potenzen i m kapitalistischen Sinne der Verwer−

tungslogik unterzuordnen. Das wird i m nächsten Teilkapitel behandelt.

c. Die � Menschen−Epoche�

Entfaltung des Menschen

an und für sich

Nach agrarischer und i ndustriell −technischer Produktivkraftentwicklung bleibt eine

Di me nsi o n i m Verhält ni s von Me nsc h, Natur und Mittel n, die noch nicht Hauptgegen−

stand der Entfaltung war, und das ist . Doch der Mensch ist defi−

niti ons ge mäß bereits " Hauptproduktivkraft", soll er si c h nun " sel bst entfalten" wie er

die Nutzung von Natur und Techni k entfaltet hat? Ja, genau das!

Bi s her ri c htete der Mensch seine Anstrengungen auf Natur und

Mittel außerhalb sei ner selbst und übersah dabei, daß i n sei ner

unausgeschöpfte Potenzen schlummern.

Diese Potenzen waren bisher durch Not und Mangel beschränkt

oder die Einordnung in die abstrakte Verwertungs maschi nerie ka−

nalisiert. Sie freizusetzen, geht nur auf dem Wege der unbe−

schränkten Selbstentfaltung jedes einzelnen Menschen.

" Selbstentfaltung" kann man fassen als i ndivi duell es Entwickeln und Leben der eige−

nen Subjektivität, der ei genen Persönlichkeit. Selbstentfaltung bedeutet die schrittwei −

se und zunehmende Realisierung menschlicher Möglichkeiten auf de m jeweils aktuell

erreichten Niveau. Selbstentfaltung ist also unbegrenzt und geht nur i m gesellschaft−

lichen Kontext, denn Realisierung menschlicher Möglichkeiten ist i n ei ner freien Ge−

sellschaft gleichbedeutend mit der Realisierung gesellschaftlicher Möglichkeiten. Selb−

stentfaltung geht nie mals auf Kosten anderer, sondern setzt die Entfaltung der an−

deren notwendig voraus, da sonst die eigene Selbstentfaltung begrenzt wird. I m In−

teresse meiner Selbstentfaltung habe ich also ein unmittelbares Interesse an der

Selbstentfaltung der anderen. Diese sich selbst verstärkende gesellschaftliche Potenz

läuft unseren heutigen Bedingungen, unter denen man sich beschränkt nur auf Ko−

sten anderer durchsetzen kann, total zuwider.

Manche sprechen statt von Selbstentfaltung auch von "Selbstverwirklichung" und

mei ne n da mit inhaltlich das Gleiche. Es gibt aber auch eine sehr eingeschränkte

Auffass ung vo n " Sel bstver wirklichung", die hier nicht gemeint ist. Es geht nicht dar−

um, ei ne persönli c he " Anl age" oder " Nei gung" i n die Wirklichkeit zu bringen, sie

wirklich werden zu lassen. Diese Vorstellung individualisiert und begrenzt die eigent−

lichen Möglichkeiten des gesellschaftlichen Menschen: Wenn es " wirklich" geworden

ist, dann war's das. Eine individualisierte Auffassung von "Selbstverwirklichung" re−

produziert den ideologischen Schein eines Gegensatzes von Individuum und Gesell−

schaft unter bürgerlichen Verhältnissen. Sie bedeutet i m Kern ein Abfinden mit und

sich Einrichten in diesen beschissenen Bedingungen. Die unbeschränkte Selbstentfal−

tung freier Menschen gibt es jedoch nur in einer freien Gesellschaft. Auf dem Weg

dorthi n ist die Selbstentfaltung Quelle von Veränderung − der Bedi ngungen und von

sich selbst.

Die Sachverwalter des Kapitals als Exekutoren ( Ausführer) der Gesetze der Wertver−

wertungs maschi ne haben erkannt, daß der Mensch selbst die letzte Ressource ist,

die noch qualitativ unentfaltete Potenzen der Produktivkraftentwicklung birgt. In sei−

[Freie Gesell−

schaft]

(vgl. Kap. 2.3)


Die moder nen Bil −

dungsanforderun−

gen Teamfähigkeit,

Kreativit ät und

Flexibilit ät wach−

sen genau aus

diesen Erforder−

nissen. So schlecht

sie auch realisiert

sei n mögen: Sie

legen unbeabsich−

ti gt auch Kei me

der Über windung

des Gegebenen!

"Der objektive In−

halt jener Zirkul a−

tion − die Ver wer−

tung des Werts −

ist sein subjektiver

Zweck, und nur

soweit wachsende

Anei gnung des ab−

strakten Reichtums

das allei n treiben−

de Motiv sei ner

Operationen, funk−

tioniert er als ...

personifiziertes,

mit Willen und

Bewußtsei n begab−

tes Kapital." ( Marx

1976/1890, 167f)

[Kapital]

[Interessen]

ner maßlosen Tendenz, alles de m Verwertungs mechanis mus ei nzuverleiben, versuchen

Kapital manager auch diese letzte Ressource auszuschöpfen. Die Methode ist ei nfach:

Die alte unmittelbare Befehlsgewalt über die Arbeitenden, die dem Kapitalisten durch

die Verfügung über die Produktions mittel zukam, wird ersetzt durch den unmittelba−

ren Marktdruck, der direkt auf die Produktionsgruppen und Individuen weitergeleitet

wird. Sollen doch die Individuen selbst die Verwertung von Wert exekutieren und i hre

Kreativität dafür mobilisieren − bei Gefahr des Untergangs und mit der Chance der

Entfaltung. Wilfried Gli ßmann, Betriebsrat bei I BM i n Düsseldorf, beschreibt den Me−

chanismus so:

"Die neue Dynamik i m Unternehmen ist sehr schwer zu verstehen. Es geht

einerseits um ‘sich−selbst−organisierende Prozesse', die aber andererseits

durch die neue Kunst ei ner i ndirekten Steuerung vo m Top− Manage ment ge−

lenkt werden können, obwohl sich diese Prozesse doch

. Der ei gentliche Kern des Neuen ist dari n zu sehen, daß

ni c ht nur wie bisher für den , sondern

auch für den mei ner Arbeit zuständi g bi n. Der sich−

selbst−organisierende Prozeß ist nicht anderes als das Prozessieren dieser

beiden Mo mente von Arbeit . Das bedeutet aber,

daß ich als in meiner täglichen Arbeit mit beiden Aspekten von Not−

wendigkeit oder Gesetzmäßigkeit konfrontiert bi n. Ei nerseits mit

den Gesetz mäßi gkeiten i m technischen Si nne ( hi nsichtlich der Schaffung von

Gebrauchs werten) und andererseits mit den Gesetz mäßi gkeiten der Verwer−

tung. Ich bin als Person i mmer wieder vor Entscheidungen gestellt.

." (Glißmann 1999, 152)

Nun versc hleiert die Aussage, vor dem toyotistischen Umbruch nichts mit der Ver−

wertung zu tun gehabt zu haben, sicher die realen Verhältnisse. Richtig ist aber,

daßnachdemUmbruchdie Marktkonfrontation einer

gewichen ist. So wie sich die Wertverwertung gesamtgesellschaftlich "hinter

de m Rücken" der Individuen selbst organisiert, ausgeführt durch das " personifizierte

Kapital", die Kapitalisten ( Manager etc.), so werden nun die Lohnabhängi gen selbst

i n diesen Mechanis mus ei ngebunden. Resultate dieser unmittelbaren Konfrontation

mit de m Verwertungsdruck si nd annähernd die gleichen wie zu Zeiten der alten

Ko mmandoorganisation über mehrere Hierarchieebenen: Ausgrenzung vorgeblich Lei−

stungsschwacher, Kranker, sozial Unangepasster, Konkurrenz untereinander, Mobbing,

Di s kri minierung von Frauen etc. − mit ei ne m wesentlichen Unterschied: Wurde vorher

dieser Druck qua Kapitalverfügungsgewalt über die Ko mmandostrukturen i m Unter−

nehmen auf die Beschäfti gten aufgebaut, so entwickeln sich die neuen Ausgren−

zungsfor men nahezu "von selbst", d. h. die Beschäftigen kämpfen "jeder gegen jeden".

In der alten hierarchischen Kommandostruktur war damit der " Gegner" nicht nur

theoretisch benennbar, sondern auch unmittelbar erfahrbar. Gegen das Kapital und

seine Aufseher konnten Gewerkschaften Gegenmacht durch Solidarität und Zusammen−

schluß organisieren, denn die Interessen der abhängig Beschäfti gten waren objektiv

wi e subj ektiv rel ativ ho mogen. I n der neuen Situati on, i n der di e Wertverwertung un−

mittelbar und jeden Tag an die Bürotür klopft, sind Solidarität und Zusammenschluß

untergraben − gegen wen soll sich der Zusammenschluß richten? Gewerkschaften und

MarxistInnen ist der Kapitalist abhanden gekommen! War die alte personifizierende

Denkweise und entsprechende Agitationsfor m schon i mmer unange messen, schlägt sie

heute erbar mungsl os zurück. Nicht mehr " der Kapitalist", "das Kapital" oder "der

Boss" erschei nt als Gegner, sondern " der Kollege" oder " die Kollegi n" nebenan. I BM−

Betriebsräte nennen das " peer−to−peer−pressure−Mechanis mus" ( Gli ßmann 1999, 150).


d. Z usammenfassung

Me nsc hliches Leben basiert auf de m Stoffwechsel mit der Natur. Durch Arbeit unter

Nutzung von Mittel n betreibt der Mensch diesen Stoffwechsel. Historisch verläuft die−

se Stoffwechselbeziehung des Menschen zur Welt i n qualit ativ untersc hei dbaren Epo−

chen. Jeweils ei n Aspekt des Mensch−Natur− Mittel−Verhältnisses steht in den Epochen

im Mittelpunkt der Entfaltung, jede nachfolgende Epoche baut auf de m Entwicklungs−

grad der vorhergehenden Epoche auf. In den agrarischen Gesellschaften do miniert

der Naturaspekt, in den Industriegesellschaften steht das Mittel i m Zentrum, und die

zukünftige Gesellschaft kann durch die volle Entfaltung der menschlichen Subjekti−

vit ät, wird durch die Selbstentfaltung des Menschen besti mmt sein. Diese Tendenz

der Selbstentfaltung des Menschen wird von den Kapitalvertretern gesehen. Sie ver−

suchen die " Ressource Mensch" unter die Bedi ngung der kapitalistischen Vergesell−

schaftung zu stellen. Das The ma der Vergesellschaftung spielt i m nächsten Kapitel

die Hauptroll e.

2.2 Vergesellschaftung und

Herrschaft

Mit de m Begriff der Produktivkraftentwicklung haben wir die ökonomische Entwick−

lung als Ganze erfasst. Welche Rolle spielen aber die Einzelnen in diesem Prozess,

wie werden die gesa mtgesellschaftlichen Strukturen individuell vermittelt, wer be−

sti mmt über den Gesamtprozess, wer herrscht? Um diesen Fragen näher zu ko mmen,

müss e n wir den Begriff der Vergesellschaftung ei nführen. Wie deutlich werden wird,

bedingen sich Produktivkraftentwicklung und Vergesellschaftung.

Schon der Begriff der " Gesellschaft" ist unanschaulich, denn " Gesellschaft" kann

man nicht sehen oder anfassen. Gesellschaft ist ein Denkbegriff, der einen realen,

aber unanschaulichen Sachverhalt fassen soll. Gesellschaft ist der überi ndividuelle

Zusammenhang, der das Leben jedes Einzelnen ver mittelt. Gesellschaft ist damit

mehr als bloße Geselligkeit oder Sozialität, die Gesellschaft ist der unabhängig von

konkreten Individuen selbstständi g funktionsfähi ge Zusammenhang, der durchschnitt−

lich von diesen Individuen geschaffen wird, ja werden muss, da er sonst ja nicht

existieren würde. Diese ei gentümliche Eigenschaft der Gesellschaft, die einerseits all−

ge mei n von Individuen geschaffen werden muss, andererseits aber von konkreten In−

divi duen unabhängi g ist, besti mmt die charakteristische Beziehung des einzelnen

Menschen zur Gesellschaft. Da die Gesellschaft auch ohne mein unmittelbares Zutun

funktioniert, habe ich grundsätzlich eine Möglichkeitsbeziehung zur Realität. Es gibt

kei nen Sachverhalt, der mei n Handel n unmittelbar festlegt. Ich kann handel n, muss

es aber nicht oder kann auch anders handel n. Diese gesellschaftliche Natur mit der

ei ngeschlossenen, grundsätzlichen Möglichkeits− oder Freiheitsbeziehung zur Welt

ko mmt nur den Menschen zu!

Wenn nun aber das Handel n der Menschen nicht unmittelbar " ausgelöst" werden

kann, wie erhält sich dann die Gesellschaft? Wie kommt es zu den "durchschnittlich"

notwendigen Beiträgen der Einzelnen? Der Grund ist die Tatsache, daß niemand sein

Leben ungesellschaftlich reproduzieren kann. Die individuelle Existenz ist grundsätz−

lich i mmer gesellschaftlich ver mittelt. Die Herstellung des Ver mittlungszusammen−

hangs zwischen Individuum und Gesellschaft nennen wir Vergesellschaftung. Und wie

[Vergesellschaf−

tung]

[Herrschaft]

[Gesellschaft]

Daraus fol gt: Es

gi bt i mmer ei ne

"zweite Möglichkeit"

neben der Anpas−

sung an das Ge−

gebene!

[Gesellschaftliche

Natur des Men−

schen]

[Freiheit]


[Vergesellschaf−

tungsfor m]

[Gesellschaftliche

Produktion und

Reproduktion]

Mehr zur

Vergesell schaftung

im Kapitel 2.3,

Punkt C.

[Gewalt]

)[ Akkumulation]

kann es anders sei n, auch die For m der Vergesellschaftung hat sich historisch qua−

litativ verändert. Die Vergesellschaftungsfor m beschreibt sozusagen den grundsätzli−

chen Handlungsrahmen, in dem die Individuen ihr individuelles Leben durch Beteili−

gung an der gesellschaftlichen Reproduktion erhalten. War die Beschreibung der

Produktivkraftentwicklung der i nhaltliche Aspekt menschlicher Gesellschaftsgeschichte,

so erfasst die Vergesellschaftungsfor m den For maspekt des gleichen Prozesses. Die

Geschichte als Geschichte der Produktivkraftentwicklung ist also ei gentlich erst wirk−

lich verstehbar, wenn man die Form, i nnerhalb derer sie sich entfaltet, rekonstru−

iert. Das wollen wir für die drei "Epochen" nun durchführen.

a. Von der personal−kon−

kreten zur abstrakten

Vergesellschaftung

In den agrarischen Gesellschaften der " Natur−Epoche" wurde die Vergesellschaftung

über personale Abhängi gkeitsbeziehungen reguliert. Der Sklave war Besitz des Skla−

venhalters, der Fron−Bauer arbeitete zu großen Teilen für "sei nen" Feudal herrn oder

seinen Pfaffen. Dies bedeutet nicht, daß die Abhängigen den Herrscher auch persön−

lich kennen mussten, aber es war klar, zu wem sie "gehörten". Auch

die nicht−herrschaftsför migen Beziehungen innerhalb der bäuerlichen

Ge mei nde waren personal strukturiert. Allei n die regionale Begrenzt−

heit bäuerlichen Handel ns aufgrund fehlender oder unerschwinglicher

Trans port mittel erklärt die sprichwörtliche " Beschränktheit" und " Enge"

des bäuerlichen Dasei ns. Entsprechend war auch die Produktion ne−

ben der Erfüllung der abgepressten Fron an den konkreten Bedürf−

nissen der dörflichen Gemeinschaften orientiert. Ein abstraktes An−

häufen von Reichtu m war weder gewollt noch möglich, gute Ernten wurden direkt in

höheren Lebensgenuss und ausgedehntere Muße umgesetzt. Entsprechend der perso−

nal ver mittelten Struktur der Gesellschaft und der am Gebrauchswert der Di nge ori−

entierten Produktionsweise kann man die Mensch−Natur− Mittel−Beziehung bei der

Produktion der Lebensbedingungen als

bezeichnen.

Mit de m Ei nsetzen der " Mittel−Epoche" und de m Aufstieg des Kapitalis mus änderte

sich die Vergesellschaftungsfor m vollständi g. Mit Gewalt wurden alle personal struk−

turierten Beziehungen zerschlagen und durch eine abstrakte Vergesellschaftungsform

ersetzt. Aus vielen Bauern wurden " doppelt freie" Lohnarbeiter, "frei" von Boden und

"frei", seine Arbeitskraft zu verkaufen. Aus ursprünglichen Schatzbildnern, Händlern

oder feudalen Räubern, wurden Warenproduzenten, die Kapitalisten.

Zu Recht nennt man diese Raubphase, die der Entfaltung des Kapi −

talis mus vorausgi ng, nicht nur die "sogenannte ursprüngliche Akku−

mul ati o n" ( Mar x 1 976/1 890, 741, s o nder n auc h " urs pr üngli c he Expro−

priation" (Lohoff 1998, 66), da die Menschen von allen Mittel n "ent−

eignet" wurden, die ihnen eine kapitalis musunabhängige Grundver−

sorgung bot. Das "Bauernlegen" in England ist legendär. In Indien

brachen später die englischen kolonialen Eroberer den Weber mei−

stern die Fi nger, damit sich englische Kleidung auf dem indischen Subkontinent

durchsetzen konnte. Heute werden Staudämme gebaut, die nur wenigen Menschen


"Fortschritt" bringen, aber Millionen von i hre m Land vertreiben und zur " Überbevöl−

kerung" machen.

Wie aber funktioniert diese abstrakte Vergesellschaftung? Die Grundlagen dafür hat

Karl Marx i m Kapitel "Der Fetischcharakter der Ware und sei n Gehei mnis" des " Ka−

pit al" aufgedeckt. I m Feudali s mus waren di e gesell sc haftli c hen Verhält ni sse durc h

persönliche Abhängi gkeiten besti mmt. Die Arbeitsprodukte gi ngen i n i hrer konkreten,

in ihrer Naturalform in die gesellschaftliche Reproduktion ein. Entsprechend charak−

terisiert Marx die Arbeit:

"Die Naturalform der Arbeit, ihre Besonderheit, und nicht, wie auf Grundlage

der Warenproduktion, i hre All ge mei nheit, ist hier i hre unmittelbar gesell−

schaftliche For m." ( Marx 1976/1890, 91)

Di e Beso nderheit, die Konkret heit, die Nützli c hkeit der Di nge, was Marx " Natural −

for m" nennt, bestimmte die Arbeit. Man könnte auch von ei ner Subsistenzproduktion

sprechen. Es wurde das produziert, was konkret gebraucht wurde. Getauscht wurden

nützliche Di nge gegen nützliche Di nge, ei n abstrakter Ver mittler wie das Geld spielte

kaum ei ne Rolle. Marx weiter:

". . . die gesellschaftlichen Verhältnisse der Personen i n i hren Arbeiten erschei−

nen jedenfalls als ihre eignen persönlichen Verhältnisse und sind nicht ver−

kleidet in gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen, der Arbeitsprodukte."

(Marx 1976/1890, 91f)

Die gesellschaftlichen Verhältnisse waren entsprechend der Konkretheit und Nütz−

lichkeit der Arbeit vorwiegend konkrete "persönliche Verhältnisse". Eine Idealisierung

dieser "persönlichen Verhältnisse" ist jedoch völlig unangebracht, denn es handelte

sich u m personale Zwangsverhältnisse wie Sklavenbesitz, Leibeigenschaft, patriarchale

Fa milienstrukturen etc.

Anders i m Kapitalis mus, so Marx, hier si nd persönliche Verhältnisse "verkleidet" i n

Verhält ni sse vo n Sac he n. Wie ist das zu verstehen? I m Kapitalismus wird nicht auf

direkte Verabredung des gesellschaftlichen Bedarfs produziert, sondern i n For m "von−

ei nander unabhängi g betriebener Privatarbeiten" ( Marx 1976/1890, 87). Diese Produk−

te werdendannimNachhineinimTauscheinander als Werte gleichgesetzt, was be−

deutet, sie als geronnene Arbeitszeiten gleichzusetzen. Die Produkte werden entsi nn−

licht, i hre jeweili ge Besonderheit, Konkret heit und Nützlic hkeit i nteressi ert nic ht

mehr, es i nteressiert nur mehr der Werti nhalt. Damit wird die Arbeit nicht mehr

durch die Besonderheit, Konkretheit und Nützlichkeit besti mmt, sondern ei nzig durch

die Tatsache, daß sie Wert schafft. Der Wertvergleich, also Vergleich von Arbeit(szeit)

auf de m Markt ist ei n sachliches, von der Konkretheit der Di nge abstrahierendes

Verhältnis. In dieses "Verhältnis der Sachen" sind die persönlichen Verhältnisse "ver−

kl ei det" , si e besti mme n all e gesell sc haftli c he n Verhält ni sse.

Ich gehe in einen Laden und kaufe Milch. Dafür lege ich Geld auf

den Tisch. Ich stelle abstrakt "persönliche Verhältnisse" her: zum Bauern,

zur Milchfahreri n, zum Arbeiter an der Abfüllanlage etc. − doch diese Ver−

hältnisse sind "verkleidet" in ein sachliches Verhältnis, und das ist das des

Gel des. Das Gel d besti mmt die Beziehungen, es "verkleidet" sie vollko mmen,

es abstrahiert von der " Persönlichkeit" der Beziehungen vollständi g.

[Fetischismus]

[Subsistenz]

[Zwang]

[Wert]


"Terror der Ökono−

mie" ist ei n Buch

von Viviane Forre−

ster, das zurzeit

Furore macht,

aber den Kern der

geschilderten Pro−

ble mati k nicht er −

faßt.

[Verdinglichung]

[Entfremdung]

[Wertvergesell−

schaftung]

Ei n sol c hes " s ac hliches Verhältnis" wäre erträglich, wäre es statisch. Das Gegenteil

ist der Fall, und das ist es, was den Terror der Ökono mie ausmacht. Die gesell−

schaftlichen Beziehungen als Beziehungen von Sachen erhalten ihre

durch die Selbstverwertung von Wert i n der Konkurrenz. Das bedeutet: Wert

"ist" nur Wert, wenn er Kapital wird, wenn der Wert sich auf de m Markt auch wirk−

lich realisiert, d. h. wenn er auf Wert i n Geldfor m trifft und i n Kapital umgewandelt

wird, wenn er die Konkurrenz um das beschränkte Geld auf de m Markt gewinnt.

Di e Ver wertung von Wert ist dauerhaft nur sichergestellt, wenn Wert zu Kapital wird,

um die nächste Runde des Warenzirkulation anzutreiben. Das Kapital ist Ausgangs−

und Endpunkt einer sich stetig steigernden Spirale der in

der Konkurrenz:

" Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist . . . Selbstzweck, denn die Verwer−

tung des Werts existiert nur i nnerhalb dieser stets erneuerten Bewegung.

Di e Be wegung des Kapitals ist daher maßlos." ( Marx 1976/1890, 167)

Di e Wertabstraktion, die Verdi nglichung menschlicher Beziehungen, hat verschiedene

Erschei nungen: als Ware, als Geld, als Lohn. Alle gesellschaftlichen Verhältnisse sind

damit der Ver mittlung durch den Wert unterworfen, so auch die Arbeit und die Pro−

duktivkraftentwicklung. Wir sprechen daher für die " Mittel−Epoche" von

. Die abstrakte Vergesellschaftung über den Wert ist der

kl assische Fall ei ner "sich selbst organisierenden und sich selbst reproduzierenden"

Bewegungsfor m. Diese Selbstorganisation des Werts ist selbst subjektlos, mehr noch,

sie unterwirft jedes Subjekt unter seine maßlose Bewegung. Damit tritt die Gesell−

schaftden Menschen−obschonvonihnengeschaffen−alsFremdegegenüber:

"Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die For m einer Bewe−

gung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollie−

ren." ( Marx 1976/1890, 89)

Es schien ei ne Befreiung zu sei n, die persönlichen Abhängi gkeiten des Feudalis mus

zu verlieren. All erdi ngs erkaufte man sich dies mit ei ner "ordnenden, aber unsicht−

baren Hand" ( Adam Smith) für die Gesellschaftsorganisation. Es entstanden sachliche

Mäc hte, vor wiegend auf den " Märkten", denen gegenüber alle Menschen gleich sein

sollten:

" Da die Verallge mei nerung von Geldbeziehungen aber nur durch die Konstitu−

tion anonymer, großräumiger Märkte möglich war, mußte sie zusammen mit

der Tendenz zur totalen Vereinzelung auch die Tendenz zur totalen Konkur−

renz bringen. Denn der anonyme, sozial unkontrollierte Vergleich der Waren

weit vonei nander entfernter Produzenten, die i n kei nerlei ko mmunikativer

Beziehung mehr zueinander stehen, entfesselt das sogenannte ‘ Gesetz von

Angebot und Nachfrage' : Die Waren müssen über den Preis mitei nander kon−

kurrieren, und so mit unterliegt auch die Produktion de m stummen Zwang

der Konkurrenz. Das bedeutet, daß der gesellschaftliche Zusammenhang der

‘vereinzelten Einzelnen' nur noch negativ durch die ökonomische Konkurrenz

hergestellt wird." ( Kurz 1999, 36).

Gel d al s Kapit al l öst all e alten Ge mei nwesen auf, vereinzelt die Menschen und wird

stattdessen zum sachlichen "realen Ge mei nwesen" ( Marx 1983/1857, 152). Nicht mehr

der Gebrauchswert der Ware oder auch der Geldschatz stehen i m Mittelpunkt der

wirtschaftlichen Tätigkeit, sondern der Wert i n sei ner ruhelosen Dynamik verselb−

ständi gt sich gegenüber den Menschen und wird "automatisches Subjekt" ( Marx


1976/1890, 169). Die Versachlichung schleicht sich auch in das Leben selbst. Das Ka−

pital als herrsc hende Sac he " existiert . . . i n Verfahrensabl äufen, objektiven Produkti −

ons abl äufen und materi ali si ert i n Konzernpal ästen, Autobahnen, Fernsehern, Raketen,

Dosenei ntopf. " ( Pohrt 1995, 122f) .

Auch die Art der Arbeit hat sich komplett gewandelt. War sie vor de m Kapitalis mus

pri mär auf die konkret−sinnliche Produktion von Gebrauchswerten ausgerichtet, die

dazu dienten, das Leben zu sichern und angenehmer zu gestalten, so ist sie i m Ka−

pit ali s mus nur mehr . Was produziert wird, ist irrelevant, die

Arbeit hat mit ei ne m besseren Leben nichts mehr zu tun. Erst über den Umweg des

Gel des si nd Güter zugänglich, die gewisser maßen als " Abfallprodukt" der abstrakten

Ver wertung von Wert auf der Grundl age der von anderen geleisteten abstrakten Ar−

beit "anfallen". Der Konsum, ei n besseres Leben, ist und war i mmer nur nachrangi−

ger Effekt der Verwertung abstrakter Arbeit. Dies wird heute umso deutlicher, da die

Produktion von Waren mit ei ne m besseren Leben i mmer weniger zu tun hat. Die

Qualität der Produkte sinkt, die Zerstörungen, die bei ihrer Herstellung angerichtet

werden, stehen in keinem Verhältnis mehr zu ihrem Nutzen − die Milch, die erst

vier Länder bereist, um endlich als Joghurt auf unserem Tisch zu landen, mag die

Abs ur dit ät di es er Pro dukti o ns weise illustrieren.

b. Die Herrschaft der

�schönen Maschine�

Lange Zeit sah man i n der Ungerechti gkeit der ungleichen Verteilung des produ−

zierten Mehrwerts das zentrale Proble m des Kapitalis mus. Fol glich bestand i n der

Eroberung der Verfügung über die entscheidenden Produktions mittel der Schlüssel zu

ei ner gerechteren Welt. Doc h was ist ge wonnen, wenn "die Arbeiter die Macht" ha−

ben? Die historischen Erfahrungen wurden in den realsozialistischen Ländern ge−

mac ht. Diese Versuche scheiterten nicht vorrangig an subjektiven Fehlern, sondern

weil sie objektiv den gleichen Gesetzen der Selbstver wertung von Wert unterlagen, wie

all e anderen St aaten der Erde auc h, und i n der gl obal en Konkurrenz sc hließlich ka−

pituli eren mußten. Was ist gewonnen, wenn die Beschäftigen "ihre Fir ma" überneh−

men? Sie müssen den gleichen Gesetzen gehorchen, wie die private Konkurrenzfirma

auch. Die automatische Geldmaschine duldet keine Ausnahmen. Hans−Olaf Henkel,

Chef des Unternehmerverei ns, hat diesen totalitären Mechanis mus so auf den Punkt

gebracht:

"Herrscher über die neue Welt ist nicht ein Mensch, sondern der Markt. (...)

Wer sei ne Gesetze nicht befolgt, wird vernichtet." (Süddeutsche Zeitung,

30. 05. 1996)

Es geht also nicht u m ei nen bösen Willen, den finstere Mächte durchsetzen, son−

dern um die Befolgung der Regeln des Kapitalismus. Marx nannte die Rollen, die die

Menschen i n der sich selbst reproduzierenden Wert maschi nerie ei nnehmen, " Charak−

ter masken". Der Kapitalist als " personifiziertes Kapital" exekutiert den i mmanenten

Zwang zur Expansion und Niederri ngung der Konkurrenz wie der Arbeiter als

" Lohnarbeiter" sei ne Arbeitszeit verkaufen muss, um zu existieren. Und selbst diese

Grenzen sind heute fließend. Gibt es also keine Herrschenden, die man ob der Un−

gerechti gkeiten ankl agen muss? Doch die gibt es, aber es ist nicht da mit getan,

Personen auszutauschen oder die " Macht" zu übernehmen. Solange die Grundstruktu−

["Schöne Maschine"]

[Macht]

"Die ökonomische

Charakter maske

des Kapitalisten

hängt nur dadurch

an ei nem Men−

schen fest, daß

sei n Geld fortwäh−

rend als Kapital

funktioniert."

(Marx1976/1890,

591).


[Marktwirtschaft]

Dieser Sel bstl auf −

quasi als kyberne−

tische Maschi ne −

kennzeichnet die

"Naturgesetzlich−

keit" des Kapit a−

lis mus. Sie be−

gründet aber kei −

ne Notwendi gkeit

des Kapitalis mus.

[Subsistenz]

ren der kapitalistischen Geldmaschine unangetastet bleiben, ändert sich nichts. Die

ökologische Marktwirtschaft ist ein Hirngespinst. Wir müssen das Programm, das

Ada m S mith 1759 for mulierte, sehr ernst nehmen:

"Es macht uns Vergnügen, die Vervollkommnung eines so schönen und groß−

arti gen Syste ms zu betrachten und wir sind nicht ruhig, bis wir jedes Hin

dernis, das auch nur i m mi ndesten die Regel mäßi gkeit sei ner Bewegungen

stören oder hemmen kann, beseitigt haben." (Smith 1977/1759, zitiert nach

Kurz 1 999) .

Die Rolle der Herrschenden ist es, das Laufen der "schönen und großarti gen"

Wert maschi ne ungestört aufrecht zu erhalten. Jeder Gedanke an ei ne Alternative zur

Gel d maschi ne soll als irreal diskreditiert werden − wenn schon "Alternative", dann

nur i nnerhalb der "schönen Maschi ne" ( Kurz 1999). Hier hat die EXPO i hre Funktion.

Sie soll uns die " Schönheit" und " Großarti gkeit" des Syste ms de monstrieren und Al−

ternativen i nnerhalb des Syste m vorgaukel n. Inzwischen lassen sich selbst frühere

Kriti kerI nnen weltweiter Ausbeutungsstrukturen i n die Rechtferti gungsveranstaltung

EXPO einbinden. Sie tragen mit dazu bei, das Syste m der Marktwirtschaft als Sy−

ste m der Herrschaft der Märkte über die Menschen zu . Als Beispiel

mag der tschechische Präsident Vaclav Havel dienen:

"Sosehr auch mei n Herz schon i mmer li nks von der Mitte mei ner Brust

schlug, habe ich i mmer gewußt, daß die einzig funktionierende und über−

haupt mögliche Ökono mie die Marktwirtschaft ist. (...) Die Marktwirtschaft

ist für mich etwas so selbstverständliches wie die Luft: geht es doch um ein

j ahrhundertel ang ( was s age i c h − j ahrt ausendel ang!) erprobtes und be währ−

tes Prinzip der ökonomischen Tätigkeit des Menschen, das am besten der

me nsc hlichen Natur entspricht." ( Havel 1992, 59ff).

Fazi nierend ist die Dreisti gkeit, mit der die Marktwirtschaft nicht nur der mensch−

lichen Natur, sondern auch noch der gesamten Menschheitsgeschichte zugeschlagen

wird. Oder es ist bodenlose Unkenntnis der historischen Fakten, die klar zeigen,

daß die abstrakte Selbstverwertung des Werts über Märkte mit brutaler Gewalt und

Zwang, daß die "ursprüngliche Enteignung" gegen die subsistenzwirtschaftlichen

Strukturen der agrarischen Gesellschaften durchgesetzt wurde. Es ist schlicht falsch,


ei nen " Markt" zu m Gütertausch mit de m geldgetriebenen Hamsterradsyste m der

Marktwirtschaft gleichzusetzen. Nicht überall, wo ein Markt zum Tausch von Gütern

existiert, herrscht auch die " Marktwirtschaft"!

Seit i hre m Begi nn i m Jahre 1851 i n London si nd Welt ausstellungen tec hnol ogisc he

Demonstrationen kapitalistischer Macht, die EXPO 2000 macht hier keine Ausnahme.

Die realen Proble me der Erde und i hrer Bewohner si nd zwar nicht mehr verdräng−

bar − etwa so, wie man das zum Beispiel auf der jährlichen Internationalen Automo−

bilausstellung noch wunderbar kann. Doch bei der EXPO wird auf die globalen Pro−

bleme schematisch mit zwei Antworten reagiert: Die globalen Probleme sind lösbar,

wenn man dem Welt handel freien Lauf l ässt, i hn "liberalisi ert" und wenn die richti −

gen Technologien zum Ei nsatz ko mmen. I m Kern hei ßt das, der Kapitalis mus regu−

liere schon alles selbst und bringe auch von selbst die richti gen Technologien zur

Lösung der Menschheitsproble me hervor. Hier von Zynis mus zu sprechen, ist schon

fast ei ne Untertreibung, war und ist es doch der Kapitalis mus, der erst die Proble me

in ihrer globalen Di mension produziert und systematisch die Lebensgrundlagen der

Menschheit untergräbt. Die "schöne Maschine", in der Nützlichkeit bestenfalls ein Ab−

fallprodukt der stets erweiterten Wertverwertung ist, soll nun ganz von selbst die

Lösung mit Technologie bringen, soll die Zerstörungen durch "alte" Technologien mit

"neuen" wieder gerade biegen?

Für die EXPO ei n technisches Proble m:

"Wir brauchen ein neues Verhältnis zur Umwelt und zu m tec hnisc hen Fort −

schritt, damit die globalen Proble me von heute gelöst werden können. Des−

halb soll die EXPO 2000 Hannover ein Forum für innovative Lösungen und

Lösungsansätze sei n, mit denen überall auf der Welt ei n tragfähi ges Gl eic h−

gewicht zwischen Ökonomie und Ökologie angestrebt werden soll. " ( EXPO

2000 Hannover GmbH).

Verbal ist "Öko" in, Leitlinie ist die Agenda 21, das "Aktionsprogramm", das als Er−

gebnis der UN−Umweltkonferenz i n Ri o 1 992 besc hlossen wurde. Doch wenn man sich

die Mühe macht und di e volu minöse Agenda liest, dann stellt man fest: 90% Wort−

blasen (" Nachhaltigkeit", "Verantwortung", "Zukunft" etc.) und 10% Technologiefetischis−

mus, Bevor mundung, Ausgrenzung − wie an anderer Stelle in diesem Buch ausführ−

lich dargestellt. Technik kann und darf dabei nur als Aggregat der "schönen Ma−

schine" gedacht werden, um die Lösung der globalen Proble me geht es letztlich

überhaupt nicht. Und "Nachhaltigkeit" bezieht sich einzig auf die "Nachhaltigkeit der

Profitrealisierung". Es kann auch nicht anders sein, denn die selbstzweckhafte Wert−

ver wertungs maschine kennt keinen Zweck außerhalb der Ver mehrung von Geld. Die

vielen gut mei nenden Menschen und auch Politi kerI nnen können ei ne m fast leid tun,

bl eibt i hnen doc h ni c hts weiter als die Hoffnung, daß bei der Wertverwertung auch

etwas für die Menschen und die Natur abfallen möge. Doch die Blütezeit des Kapita−

lis mus ist vorbei, der " Abfall" ist Abfall i m wörtlichen Si nne, die Nützlichkeit der pro−

duzierten Di nge verschwindet nahezu völlig hinter den sozialen und ökologischen

Verheerunge n. Di e vi ele n Probl e me gl obal er Di me nsi o n verdi c hte n si c h zu de m glo−

balen Proble m überhaupt, und das ist der Kapitalis mus selbst.

[Umwelt]

[Agenda 21]


c. Selbstentfaltung statt

Wertverwertung

Doch gibt es überhaupt ei ne Alternative außerhalb der "schönen Maschi ne"? Wir ha−

ben bereits dargestellt, daß der nächste logische und praktische Schritt i n der Pro−

duktivkraftentwicklung die Entfaltung des Menschen an−und−für−sich ist. Was hei ßt

das aber für die For m der Vergesellschaftung?

Die unbeschränkte Selbstentfaltung des Menschen ist unter den Be−

di ngungen der subjektl osen Selbstver wertung von Wert als Kern der

"schönen Maschine" undenkbar. Selbstentfaltung bedeutet ja gerade,

daß sich das selbst entfaltet, und zwar jedes Subjekt und das

unbegrenzt. Dennoch gibt es auch unter entfremdeten Bedingungen

der abstrakten Arbeit neue Möglichkeiten, denn neben den Effekten

der Entsolidarisierung gibt es gleichzeiti g auch ei nen größeren

Handlungsspielrau m, ein Mehr an Entfaltungs möglichkeiten und Verantwortung als zu

alten Ko mmandozeiten. I n der un mittelbaren Arbeitstäti gkeit si nd die Handlungsrah−

me n weiter gesteckt als vorher:

"Es gilt das Motto: ‘Tut was ihr wollt, aber ihr müßt profitabel sein'" (Gliß−

mann 1 999, 1 51).

Innerhalb dieses vergrößerten Handlungsrahmens kann ich i n größere m Maße als

früher meine individuellen Potenzen entfalten, weil ich selbst an mei ner ei genen

Entfaltung i nteressiert bin, weil es Spaß macht und mei ner Persönlichkeit entspricht.

Di e Bedi ngunge n, daß i c h mich entfalte, sind i m Ver−

gleich zu meinen Eltern und Großeltern schon besser geworden, gleichwohl geschieht

dieses Mehr an Entfaltung i mmer noch unter entfre mdeten Bedi ngungen. Die Entfal−

tung ist nur möglich, solange ihre Ergebnisse verwertbar si nd, solange ich

bi n. Sogar di e Love−Parade wird damit zum profitablen Geschäft. In mei ner Person

spiegelt sich damit der unter unseren Bedi ngungen nicht auflösbare

Wie sieht die Aufhebung des Widerspruches von Selbstentfaltung und Verwertungs−

zwang in Überschreitung unserer Bedingungen aus? Es geht um die Umkehrung des

Satzes von Marx, wonach die "gesellschaftliche Bewegung" durch eine " Bewegung von

Sachen" kontrolliert wird, "statt sie zu kontrollieren". Marx hätte das so sagen kön−

nen:

"Die gesellschaftliche Bewegung wird von den Menschen bewußt besti mmt.

Di e Be wegung von Sachen wird von den Menschen kontrolliert und dient

ei nzi g de m Zweck, ei n befriedigendes Leben zu gewinnen." ( Marx, nie aufge−

schrieben).

Di e Alternative zur abstrakten subjektlosen Organisation der gesellschaftlichen Re−

produktion durch den Wert ( als Bewegung von Sachen) ist die

− das ist so einfach wie logisch! Oder

anders formuliert: Die abstrakte Vergesellschaftung über den Wert wird ersetzt durch

ei ne konkrete Vergesellschaftung der handel nden Menschen selbst. Wir wollen daher

auch diese zukünfti ge For m nennen.

Bedeutet das ein Zurück zu den alten Zeiten der " Natur−Epoche"? Nein, so wie die

"Mittel−Epoche" die " Natur−Epoche" aufgehoben hat, so wird die Epoche der menschli−

.


c hen Sel bstentfaltung all e vorheri gen Entwicklungen aufheben. " Aufheben" bedeutet

dabei sowohl Ablösen als auch Bewahren und in einem völlig neuen Kontext fortfüh−

ren. Es ist klar, das Menschen natürlich weiter Nahrungs mittel und i ndustrielle

Güter produzieren werden, doch es ist ebenso klar, daß sie dies nicht in der glei−

chen Weise wie bisher tun werden − weil die bis heri ge i gnorante kapitalistische Pro−

duktionsweise die Reproduktionsgrundlagen der Menschheit systematisch zerstört, wo−

ran in einer freien Gesellschaft niemand ein Interesse hat.

An dieser Stelle ko mmt oft der Einwand: "Das ist ja utopisch!" − eine verständliche

Reaktion. Die herrschende abstrakte Vergesellschaftungsfor m über den Wert hat alle

Lebensbereiche so weit durchdrungen, daß ei n Leben außerhalb dessen schier un−

denkbar erschei nt. Wer kann sich schon ei n Leben ohne Geld, das über die Lebens−

mögli c hkeite n vo n Me nsc he n besti mmt, vorstellen? Ei n Leben mit "ei nfach nehmen"

statt "kaufen"? Es ist nicht einfach, das zu denken, darum versuchen wir das " Un−

denkbare" noch weiter zu skizzieren − i n Kapitel 2. 3. Hier geht es uns zunächst

ei n mal daru m, zu begründen, daß die Wertvergesellschaftung nicht das Ende der Ge−

schichte darstellt, sondern daß eine personale Vergesellschaftung historisch−logisch

die entfre mdete For m auf heben kann.

Di e Tats ac he, daß es ei ne abstrakte I nst anz, de n Wert, gibt, über den sich die ge−

sellschaftlichen Beziehungen regulieren, hat auch eine positive Funktion: Sie entla−

stet die Gesellschafts mitglieder, jeden Ei nzel nen i ndividuell von der Notwendigkeit,

"die ganze Gesellschaft" zu denken. Ich muss mich nur mit mei ne m unmittelbaren

Umfeld beschäfti gen, alles andere regelt sich schon. So paradox es kli ngt: Die per−

sonalisierende Denkweise ist unter entfremdeten Bedingungen naheliegend, denn ei−

nerseits besteht nicht die unmittelbare Notwendi gkeit, andererseits auch kau m die

Möglichkeit i m gesellschaftlichen Maßstab individuell Einfluß zu nehmen. So wird al−

les nach dem Schema unmittelbar−personaler Beziehungen gedacht (" der Politiker ist

schuld" etc.), obwohl sich die Gesellschaft gerade nicht primär über das Woll en von

Personen, sondern über den abstrakten Mechanis mus der maßlosen Wertver mehrung

reguliert. Hieraus haben li nke Bewegungen den Schluss gezogen, daß die Totalität

des a mokl aufenden Werts durch ei ne kontrollierte Totalität ei ner umfassenden gesell−

schaftlichen Planung abgelöst werden müsse. Wie bekannt, si nd alle Versuche mit

gesellschaftlicher Gesa mtplanung gescheitert. Auch ei ne Weltregierung könnte dieses

Proble m nicht lösen. Diese praktische Erfahrung ist auch theoretisch nachvollziehbar,

denn die ko mmunikativen Aufwände, die notwendig wären, um die individuellen und

die gesellschaftlichen Bedürfnisse mitei nander zu ver mitteln, also die Vergesellschaf−

tung praktisch zu leisten, sind schier unendlich hoch. Selbst Räte oder andere Gre−

mien können das Problem der i mmer vorhandenen Interessenkonflikte nicht stellver−

tretend aufheben. Auch für den Einzelnen ist die Notwendigkeit, die eigenen Interes−

sen mit unendlich vielen anderen Interessen zu ver mittel n, ei ne völlige Überforde−

rung.

Eine neue Vergesellschaftungsform kann nur den gleichen individuell entlastenden

Effekt haben, wie die sich selbst organisierende Wert maschi ne − nur, daß sie ohne

Wert funktioniert! Sie muß gesamtgesellschaftlich stabil und verläßlich funktionieren,

ohne jedoch ignorant und gleichgültig über die Interessen von Menschen hinwegzu−

gehen wie bei der abstrakten Vergesellschaftung über den Wert. Gesucht ist also ei n

sich selbstorganisierender " Mechanismus", der einerseits die Vergesellschaftung quasi

" auto matisch" konstituiert, andererseits aber die abstrakte Vergesellschaftung durch

ei ne personal −konkrete For m abl öst. Das hört sich wie ein Widerspruch an, ist es

aber nicht! Man muss sich nur von der Vorstellung verabschieden, die Gesellschaft

müsse planvoll von irgendeiner Art zentraler Instanz gelenkt werden. Diese Vorstel−

lung enthält i mmer das Konzept eines Innen−Außen: Die Planer − ob Räte, Behörde,


[All ge mei ne

Interessen]

[Partialinteressen]

Das verbreitete

Win−Win im neoli−

beralen Modejargon

ble ndet aus, daß

de m Win−Win ein

verschwiegenes

Loose−Loose auf

der anderen Seite

gegenübersteht.

Di kt atore n − ste he n gl ei c hs a m außerhal b der Gesell sc haft und pl ane n di ese. Di e Pl a−

ner pl anen für uns, oder noch deutlicher: sie pl anen uns. Das geht aber ganz

grundsätzlich nicht, denn kein Mensch ist planbar und vorhersehbar. Die Alternative

zu stellvertretenden Planung kann nur die sein.

Ei ne Selbstpl anung der Gesellschaft setzt strukturell ei ne Annäherung all ge mei ner

Interessen voraus. Das ist im Kapitalismus unmöglich. Der Kapitalismus kennt über−

haupt nur Partiali nteressen, die jeweils nur gegen andere Partialinteressen durch−

setzbar sind. Eine gelungene Ver mittlung der Partiali nteressen trägt dann den Na−

men " Demokratie" − das kann es aber nicht sein. Kann es aber eine Annäherung

all ge mei ner Interessen geben? Si nd die i ndividuellen Interessen und Wünsche nicht

sehr verschieden, will nicht eigentlich jeder doch irgendwie etwas anderes? Ja, und

das ist auch gut so! Unter unseren Bedi ngungen schließt diese Frage jedoch i mmer

mit ei n, diese " Wünsche", dieses "andere Woll en" muß auc h −obindivi−

duell oder i m Zusa mmenschluss mit anderen, die die gleichen Partiali nteressen ha−

ben − durchgesetzt werden. Wir hatten aber vorher dargestellt, daß die Selbstentfal−

tung des Menschen nur funktioniert, wenn sich alle entfalten können und dies auch

real tun. Unter Bedi ngungen der Selbstentfaltung habe ich ein unmittelbares Interes−

se an der Selbstentfaltung der anderen Menschen. Etwas verei nfacht gesprochen

steht der Win−Loose−Situation im Kapitalismus eine Win−Win−Situation in der zukünf−

ti gen Gesellschaft gegenüber.

Schön und gut, aber wie kommen denn nun die Brötchen auf den Tisch? Was er−

setzt denn nun den Wert als selbstorganisierenden Mechanis mus der Vergesellschaf−

tung? Aber das ist es doch gerade: Die Selbstentfaltung des Menschen ersetzt diesen

abstrakten Mechanis mus durch ei ne personal −konkrete Ver mittlung der Menschen!

Selbstentfaltung bedeutet ja nicht Abschaffung der Arbeitsteilung. Ich beziehe mich

weiterhi n nicht auf die " gesa mte" Gesellschaft, sondern weiterhi n nur auf den Aus−

schnitt der Gesellschaft, der mir zugekehrt ist. Wie groß dieser Ausschnitt ist, ent−

scheide ich je nach Lage. Entfalten sich die Menschen um mich herum fröhlich vor

sich hin − und ich mittendrin −, dann besteht kein Grund, den gesellschaftlichen

Aussc hnitt zu vergrößern. Gi bt es aber Ei nsc hränkungen mei ner Sel bstentfaltung, di e

ni c ht meinem unmittelbaren Handel n zugänglich si nd, dann werde ich den Blick wei −

ten, um die Ursachen der gemeinsamen Einschränkungen aus der Welt zu sc haffen.

Da mei n Leben nicht mehr auf die Heranschaffung des Abstraktums " Geld" ausge−

richtet ist, bekommen die Einschränkungen für mich eine völlig neue konkrete Be−

deutung: Sie schmälern i n direkter Weise mei nen Lebensgenuss. Da diese Ei nschrän−

kungen mei ner Selbstentfaltung auch für alle anderen beschränkend si nd, liegt es

unmittelbar nahe, die Einschränkungen i m gemeinsamen Interesse zu beseitigen. I m

eigenen und gleichzeitig allgemeinen Interesse werden wir uns die personalen und

konkreten Ver mittlungsfor men suchen, die notwendi g si nd, um Ei nschränkungen un−

seres Lebensgenusses aus der Welt zu sc haffen. All ge mei ner for muliert: Jedes

me nsc hliche Bedürfnis fi ndet auch sei ne Realisierung − und ist das Bedürfnis mei n

einzig alleiniges auf der Welt, dann realisiere ich es eben selbst. Da das aber bei

den Brötchen auf dem Tisch nicht der Fall sein dürfte, wird es für das Problem

"Brötchen auf dem Tisch" eine allgemeine Lösung geben.

Mit der Selbstentfaltung des Menschen kann es ei ne andere, i ndividuell entlastende

For m der Vergesellschaftung geben. Wenn man sich per Fingerschnipp in die neue

Gesellschaft versetzen könnte, ist diese Utopie schon fast vorstellbar. Aber wie

ko mmt man dahin, wo doch die Menschen so durchdrungen sind von Verwertungs−

zwang und Konkurrenzkampf? Das ist die Frage nach den Inhalten und For men

li nker politischer Bewegungen heute. Das ist das Thema von Kapitel 2. 3.


d. Z usammenfassung

Wir haben die gesellschaftlichen Vermittlungsfor men, i nnerhalb der sich die Produk−

tivkraftentwicklung bewegt, dargestellt. Interessanterweise ergibt sich keine schemati−

sche " Höherentwicklung" der For men der Vergesellschaftung, sondern eher ei ne "spi−

ralför mige" Bewegung. In der " Natur−Epoche" fand die Produktivkraftentwicklung in

personal−strukturierten, konkreten Vergesellschaftungsfor men statt. Mit de m Übertritt

in die "Mittel−Epoche" wurde die klei nliche bäuerlich−handwerkliche Enge zerschlagen

und die Produktivkraftentwicklung in abstrakte, entfremdete Bahnen gelenkt. Das

heißt nicht, daß es nicht noch bäuerlich−handwerkliche oder andere Produktionsfor−

men gäbe. Jedoch führt die Maßlosi gkeit der Kapital−Wert−Verwertung unausweichlich

zur " Gl obali si erung". Di e kapit ali sti sc he Marktwirtschaft entfaltet i hre totalitäre sub−

jektlose Herrschaft bis in alle Wi nkel der Erde. Kern dieser Vergesellschaftungsfor m

ist die . Die eigenen inneren Widersprüche des

kapitalistischen Systems, der i mmanent nicht aufhebbare Widerspruch zwischen Selb−

stentfaltung und Verwertungszwang, drängt auf die Ablösung der abstrakten Verge−

sellschaftungsfor m durch eine neue personal−konkrete Vergesellschaftungsfor m mit

der i ndividuellen statt der abstrakten subjektlosen

selbstzweckhaften Wertverwertung als i hre m Kern. So mit kann die personal−konkrete

Produktivkraftentwicklung auf neuer Entwicklungsstufe die entfremdete Produktiv−

kraftentwicklung aufheben, die i hrerseits das Ende der personal−konkreten Produk−

tivkraftentwicklung agrarisch−handwerklicher Provenienz bedeutete. Diese all ge mei nen

Rahmenbesti mmungen schließen kei nerlei Aussagen über das Proble m des Übergangs

ei n, also die Frage, wie denn das totalitäre und alle Reproduktionsgrundlagen der

Me nsc hheit untergrabe nde Syste m der Markt wirtschaft abgelöst werden kann. Mit ei−

ni gen a m Zi el ge messenen Ri c htungsaussagen wollen wir uns i m nächsten Kapitel

noch näher befassen.


[Emanzipation]

[Herrschafts−

strukturen]

[Gewalt]

2.3 Freiheit ist die Freiheit

aller Menschen

In diesem Kapitel wollen wir auf dem schwierigen Grad wandern, der zwischen dem

illusionistischen Aus malen einer lichten Zukunft und de m Verwei gern jeglicher Anga−

ben perspektivischer Entwicklungen liegt. Was wir leisten können, ist − ausgehend

von unser Ei nsc hätzung der Lage und Entwicklungstendenzen in den vorigen Kapi−

teln − Rahmenkriterien und Alternativen zu bestehenden verfehlten Ansätzen zu be−

nennen. Die Zukunft ist vorstellbar, vorausgesagt werden kann sie aber nicht.

Es reicht nicht aus, nur ganz all ge mei n " gegen Herrschaft" und "für E manzipation"

zu sein. Das, wogegen und wofür man sich einsetzt, muß inhaltlich genauer be−

sti mmt und entsprechend der realen Situation benannt werden. Wir haben bereits in

Kapitel 2. 2 die Herrschaftsfor men dargestellt, denen wir uns entgegenstellen. Cha−

rakteristisch war die Tatsache des subjektlosen ökonomischen Mechanismus, der un−

abhängig von konkreten Personen sich−selbstorganisierend reproduziert, deren rei−

bungsloses Laufen die Herrschenden auch mit aller Gewalt sicherstellen. Mit den

konkreten Erscheinungsformen und möglichen Gegenstrategien wollen wir uns hier

ausei nandersetzen.

a. Herrschaft und

Gegenstrategien

Di e moder ne Herrsc haft beruht nicht mehr primär auf persönlich ausgeübter

Macht, sondern ist − was viel fataler ist − strukturell verankert. Zusätzlich bedient

sie sich heute For men, die schei nbar progressiv kli ngen, wie " Multikulturalismus",

"Nachhaltigkeit" usw. Deshalb ist sie so schwer durchschaubar, aber es gibt Möglich−

keiten. Christoph Spehr unterscheidet verschiedene Varianten von Herrschaft und die

Formen, in denen sie aktuell verpackt werden − und schlägt Gegenstrategien vor

(1999, 252ff.):

: Anwendung physischen Zwangs zur Aufrechterhaltung

von " Ordnung".

polizeiliche, korrigierende Gewalt, begrenzte Ko mmandoak−

tionen, "chirurgische Operationen" und "saubere Interventionen" nach außen

und Gefängnisse, Hei me und Psychiatrien nach innen. Die " neue Weltord−

nung" befriedi gt anschei nend die alte Sehnsucht nach mehr oder weniger

friedlicher Konfliktlösung und die Ablehnung von Diktaturen.

Gegenmacht aufbauen, Selbstverteidi gung, aktiver Wider−

stand: " Wer nicht i n der Lage ist, der anderen Seite weh zu tun, hat nichts

Ne nne ns wertes zu erwarten." (Spehr 1999, 184).

ei nseiti ge Besti mmungsgewalt durch ungleiche ma−

terielle Verfügung in der Produktion.

Di e " Gl obali si erung" setzt unhi nterfragt voraus, daß öko no−

mische Opfer gebracht werden müssen − die Debatte geht nur noch darum,

bei wem. ("ökonomischer Rassismus").


Schwächung dessen, was die Gegenseite stark macht z. B.

Strei k, Boykott, Sabotage − auc h wenn es gegen die eigenen unmittelbaren

ökonomischen Interessen gerichtet ist!

"naturgemäße" Vorgaben, wer was zu sagen und zu

tun hat.

"Multikulti" dientalsdiskriminierende Form dazu, die Be−

dürfnisse der Menschen auf i hre jeweiligen Kulturen zu reduzieren. Politi−

sche Proble me werden als Ausdruck von "Kulturen" gedeutet (Ethnisierung

von Konfli kten) .

Conciousness−Politi k, das ei gene Selbstbewußtsei n gegen

Fremddefinitionen entfalten (was "afrikanisch" ist, haben bisher die kolonia−

len Eroberer defi niert). Solidarität auf Basis der ei genen Stärke entwickeln.

"repressive Toleranz" − alle dürfen reden,

aber die Wirksa mkeit aufgrund besserer Möglichkeiten ist für die Herrschen−

den ei nfach größer.

"DemokratisierungundZivilgesellschaft" − wer sich unter−

wirft, darf "partizipieren".

Abgre nzung und Aut o no mie, sich den Zusammenhängen ver−

wei gern, die zur I ntegration führen.

Vernichtung der unabhängigen Möglichkei−

tenzur Reproduktion(Vertreibungder Menschenz.B. bei Staudammbauten),

Wege zur Bedürfnisbefriedigung sind sehr umständlich (lange Autofahrten

zum Job, Essen nur über vo m Konzern hergestellte Mittel etc.)

"Nachhaltigkeit" stärkt die existentielleAbhängigkeitvon den Verursachern der Proble me: " Wenn eine soziale Bewegung sich auf die

neuen Diskurse einstellt, hat sie schon verloren" (Spehr 1999, 257)

Gegenstrategien: Selbstorganisation, Zurückverl agern ei nes größeren Teils der

lebensnotwendigen Interaktionen und Kooperationen in die eigenen Reihen,

Ka mpf und " Wiederaneignung" der Ressourcen, Lebens− und Produktions mit−

tel.

Vo n hi er aus wird es auch deutlich, daß die Haltung zur EXPO, die Beteiligung an

ihr oder der Kampf dagegen, eine Wasserscheide zwischen grundlegend entgegenge−

setzten Konzepten darstellt. An der EXPO zeigen sich die genannten aktuellen Herr−

schaftsfor men.

Di rekte Ge walt durc h " neue Weltordnung": SchoninihremAnspruch, Lösungenfür

die globalen Probleme könnten nur von den "hochentwickelten" Ländern entwickelt

werden, verdeutlicht sie die "neue Weltordnung":

"Für mich hat die EXPO einen hohen Symbolgehalt. In ihr ni mmt der Kapi−

t alis mus des 21. Jahrhunderts Gest alt an, nic ht nur für Deutsc hland, son−

dern für die ganze Welt" ( Hierl meier 1999)

Strukturelle Gewalt durch Globalisierung und Totalisierung der Marktwirtschaft:

"Die unsichtbare bzw. hier viel mehr die sichtbare Hand des Marktes ist der

Superstar der EXPO" ( Hierl meier 1999).

[Autonomie]


[Neoliberalismus]

Di s kri mi nierung über " Multikulti": Die "i nternationalen Projekte" dienen i n kei ner

Weise dazu, den Menschen der Welt mehr Ei nfluß auf di e gl obal e Zukunft zu geben.

An den konkreten Projekten wird deutlich, daß ihnen die Aufgabe zukommt, den

Schaden durch die kommerzielle Globalisierung zu begrenzen und dabei bevor mun−

dend betreut zu werden.

Ko ntroll e der Öffe ntli c hkeit wird hergestellt, indem es Partizipation nur bei Unter−

werfung gibt: Als AkzeptanzbeschafferInnen werden soziale, ökologische und viele

weitere Organisationen und Einzelpersonen gewonnen oder gekauft, die allein mit i h−

re m Namen de m Neoliberalis mus das " menschliche Antlitz" ( oder wahlweise ei n ökolo−

gisches Gütesiegel) u mhängen sollen ( Bergstedt 1999b).

Existentielle Abhängi gkeit durch " Nachhalti gkeit" wird zementiert:

" Das Konzept behauptet, es wäre möglich, gleichzeiti g Wirtschaftswachstum,

Ressourcenschonung und den Abbau der weltweiten sozialen Ungleichheiten zu

erreichen − selbstverständlich unter Beibehaltung bzw. durch die Ausweitung

der bestehenden kapitalistischen Weltordnung. Tatsäc hlich ist nachhaltige

Entwicklung ei n von oben betriebenes Programm zur Modernisierung der

Herrsc haftsverhält nisse" ( TI PP−EX 1 999) .

Di e E XPO stellt kl ar,

"... daß nicht mehr die Menschen, sondern die Konzerne in ihren For−

schungsabteilungen über die Zukunft der Gesellschaft besti mmen" (Bergstedt

1999c).

Die Herrschenden si nd kei ne besonderen Menschen. Und es si nd auch nicht ir−

gendwelche Menschen fernab von uns. Es sind Menschen, die die selbst mörderische

Wert maschi ne a m Laufen halten, sie rechtferti gen, sie für i hr ei genes Fortko mmen

auf Kosten anderer benutzen. Dies veranlaßt Spehr, metaphorisch festzustellen, daß

die " Aliens", die in so vielen Mystery−Serien und Fil men vorkommen, bereits unter

uns si nd:

"Die Aliens si nd unter uns. . . Es ist die Erfahrung, daß Leute auf den er−

sten Blick aussehen wie normale Menschen, wie du und ich, einem fremden

Progra mm fol gen, ei ne m fei ndlichen Progra mm − der Anei gnung fre mder

Natur und Arbeit − , das si e al s Angehöri ge ei ner fre mden Gattung ausweist;

daß i hre Solidarität nicht dir gehört, sondern einem fremden Auftrag. Sie

sehen nur so aus wie Menschen. In Wirklichkeit sind es Aliens" ( Spehr 1999,

11).

Der fre mde Auftrag, de m die " Aliens" folgen sind die kybernetischen Regeln des

Wertkreislaufes. Sie si nd unter uns, und der Graben, der "sie" von " uns" trennt, ist

schmal. Wieviele kleine Betriebe, Selbständige, Alternativklitschen, "Selbstangestellte",

kl ei ne Manager gi bt es ? Wahrscheinlich Hunderttausende. Sie alle wirken direkt als

klei ne Exekutoren i n der "schönen Maschi ne" mit. Und was ist mit den abhängi g

Beschäftigten, die in tollen hierarchiearmen Betrieben unmittelbar mit de m Markt−

druck konfrontiert si nd und i hre "ei gene Verwertung" organisieren müssen?

sie sich nicht auch wie "Aliens" verhalten?

Ei ne Be wegung, die Emanzipation aller Menschen will, kann nicht gleichzeitig re−

pressiv gegenüber anderen Individuen sein. Hier müssen wir klar unterscheiden:

Nicht die Menschen si nd die " Fei nde". Genau das wäre sonst das faschistoide Denk−

muster, das uns durch den herrschenden Rassis mus nahegelegt wird. Aber es gibt


Verhalte ns weisen von Menschen, die wir nicht mehr tolerieren, sondern bekämpfen.

Wir sprechen dann lieber nicht von " Menschen als Aliens", sondern von Alien−Verhal−

tensweisen, die Banker, Konzernchefs oder auch ganz nor male Leute zei gen können.

Diese Verhaltensweise ist Teil der Rollen, die Menschen übernehmen, u m i m Ganzen

mitmachen zu können und die sie so "aufgesetzt" und "unauthentisch" wirken lassen.

Ebenso verhalten sich ganze Institutionen i n diese m Si nne − wenn sie den Herr−

schaftscharakter verschwei gen, und mei nen, deren Macht zu i hren Gunsten nutzen

zu können.

Ei ne besondere Situati on li egt bei sogenannten Nichtregierungsorganisationen

(NGO) vor. UrsprünglichausBewegungenentstanden, die Veränderungen

durchsetzen wollten, teil weise mit radikaler Syste mkritik verbunden, passen

sie sich heute umfassend und effektiv in den herrschenden Apparat ein. Die

NGOs haben entscheidend zur Perfektionierung der Herrschaft beigetragen,

i n de m sie gerade die kritischen Menschen ei nbi nden, die sich syste mge−

fährdend engagieren könnten.

Wie nahtlos repressive Herrschaftsfor men überno mmen werden, zei gt z. B.

das Projekt " Global 200" des WWF ( World Wide Fund for Nature), das auf der

EXPO präsentiert wird. Auf einer riesigen Weltkarte sind alle die Gebiete

ei ngezeichnet, die nach Mei nung des WWF i n "Schutzgebiete" umgewandelt

werden müssen. Sie liegen nahezu alle i n ar men Ländern der südlichen He−

misphäre. Als Hebel, so wird vorgeschlagen, solle die Verschuldungssituation

bei Verhandlungen der jeweili gen Länder mit Weltwährungsfonds oder Welt−

bank angesetzt werden. Das ist modernisierter I mperialis mus mit gar nicht

sehr samti gen Handschuhen! Kei n Wunder, wenn die EXPO für dieses Projekt

ei n pri ma Foru m bietet:

"Wo sonst ..., wenn nicht hier, gibt es zu Begi nn des neuen Jahrtausends

einen besseren Ort, dem grenzüberschreitenden Naturschutz Gehör zu ver−

schaffen?" ( Groth 2000)

Aber auch die ablehnende Haltung von R. Exner ( 2000) vom BUND wird le−

di glich mit de m Nichterfüllen der ökologischen " Ansprüche" der EXPO be−

gründet und nicht grundsätzlich, die Machtverhältnisse kritisierend. I m

Zweifelsfall, wie zum Beispiel in Konstanz, Dessau und Dresden, wirkt der

gl eic he Verband i n EXPO−Projekten mit.

Auch die Agenda 21, auf die sich die EXPO bezieht und an der sich viele

NGOs beteili gen, bestärkt diese Machtverhältnisse noch ausdrücklich. Die

Konzerne soll en auf gl eiche Ebene wie die Politik gebracht werden. Mit den

BürgerInnen soll nur ei ne Art Di alog geführt werden! Das ist ei n weltpoliti −

scher Rückschritt hi nter die Anfänge des Kapitalis mus bezüglich der Sou−

veränit ät der Bevöl kerung. Jetzt wird dieser Anspruch durch verschiedene

Mittel, wie das 1999 vorläufig gescheiterte " Multilaterale Investitionsabkom−

men" vernichtet. Zwar verlieren die " nor malen" de mokratischen Institutionen

i mmer mehr Legiti mation − i hre Ersetzung durch Konzernlobbies wäre je−

doch verhängnisvoll. Die NGOs stellen diesen Prozeß nicht grundsätzlich in

Frage, sondern versuchen rechtzeiti g, auf diese neue Herrschaftsebene mit−

geno mmen zu werden. Sie gehen Bündnisse mit den Herrschenden ei n, um

für ihre "Sache" Lobbyismus zu betreiben, die sich von den Interessen der

"nor malen BürgerInnen" mehr und mehr ablöst. Die deutschen NGOs wären

z. B. am liebsten bei den WTO−Verhandlungen in Seattle dabeigewesen. Auf

nationaler Ebene fordern sie i hre Beteili gung i n Ausschüssen, die Ei nberu−

[NGO]

[Naturschutz]


[autonom]

[Instrumentalisie−

rung]

Die Ökosteuer i st

die bekannteste

For m dieser I n−

Wert−Setzung von

Natur ohne Auf he−

bung der Verwer−

tungslogik.

fung ei nes Ökorates oder die Schaffung ei ner parl a mentsähnlichen NGO−

Kammer neben Bundestag und Bundesrat. Es entstehen neue elitäre Gre mi−

en, für die es nicht einmal die Mindestregel n de mokratischer Ei nflußnahme

gibt. Die NGOs haben selbst oft kei ne aktive Basis mehr, sondern si nd

darauf angewiesen, Menschen für ihre Zwecke ungefragt zu verei nnahmen.

Sie zei gen schon zahlreiche Verhaltensweisen der " Aliens".

Deutlich wurde dies auch bei m Widerstand gegen den Weltwirtschaftsgipfel

1999 in Köln. Durch die Vertreterder NGOs wurden zentralistischeAktionen mit recht schwacher Wirkung durchgesetzt. Nichtsdestotrotz wurde dies als

"Erfolg" gefeiert. Die Teilnehmer an den De mos wurden vereinnahmt. I hre

Kritik an den "Latschdemos" wurde schließlich auch öffentlich diffamiert und

autono me Gegenkonzepte bekä mpft und diskreditiert. Typisch für dieses Vor−

gehen ist der Verzicht auf den Kampf gegen die Herrschaft selbst und die

Instrumentalisierung von Menschen für eigene Zwecke, um sich auf Kosten

anderer durchzusetzen.

b. Kritik und Gegenbild

Gegen die " Globalisierung" hilft weder ei ne klei nere oder größere Umverteil ung von

oben nach unten (auch wenn das erst mal einige Not unten lindern könnte) und

auch kei ne Verschiebung der Kosten der In−Wert−Setzung von Natur und Vergeudung

me nsc hlicher Arbeit i n andere Regionen, sondern nur ei n Bruch mit der Herrschaft

der kapitalistischen Ökono mie über das Leben. Der Ausweg besteht nicht etwa darin,

aus i mmer mehr Menschen auf der Welt LohnarbeiterI nnen zu mac hen ( nac hde m i h−

nen die Selbstversorgungs möglichkeiten entzogen wurden), und auch nicht darin, für

uns selber wieder z. B. 40−Wochenstunden−Jobs a m Fließband zu verlangen, sondern

in der Abschaffung der Lohnarbeit.

"Stellt Euch vor, es gibt (Lohn−)Arbeit und keiner geht hin!" (A. Narcho, 1993)

Nicht der Kauf von noch mehr Naturarealen durch Alien−Vertreter zur angeblichen

"nachhaltigen" Nutzung ist angesagt, sondern die Wiederaneignung von Ressourcen,

Lebens− und Produktions mittel n durch die Menschen selbst.

Di e s panne ndste Frage kommt aber erst dann: Wie soll die Produktion des Lebens−

notwendigen und mehr denn ohne Organisation der "unsichtbaren ordnenden Hand"

des Marktes überhaupt funktionieren? I m realen Sozialis mus ist doch genau dieser

Vers uc h gesc heitert ?! Wie i mmer ist keine exakte Voraussage der Zukunft möglich.

Ei ne auf Möglichkeiten, die wir ergreifen − oder verpassen − können,

aber gibt es.

Die Arbeitsproduktivität hat ei n Maß erreicht, bei der es Verschwendung von Le−

benszeit ist, 40 Stunden i n der Woche zu arbeiten. Die Grundversorgung und sogar

die Erzeugung der Güter zur Befriedi gung weiter wachsender Bedürfnisse ist mög−

lich, ohne daß alle Menschen ständig arbeiten oder nur wenige von der Arbeit be−

freit werden.

"In de m Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöp−

fung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und

de m Quantum angewandter Arbeit als von der Macht von Agentien, die wäh−

rend der Arbeitszeit i n Bewegung gesetzt werden. . . " ( Marx 1983/1857, 600)


Das " Proble m" der Arbeitslosigkeit aufgrund der Einführung neuer Technologien ist

nur unter Bedi ngungen der Wertvergesellschaftung ei ne i ndividuelle Katastrophe, un−

ter anderen Bedi ngungen wäre es die Befreiung von Mühsal und Plage, Früh−Auf−

stehn und moderne m Streß. Es wurde mit Zahlen von 1988 nachgewiesen, daß für

den gleichen Luxus und Lebensstandard wie 1989 nur 5 Stunden Arbeit pro Woche

nöti g wären ( Dante 1992).

"Der Diebstahl an fre mder Lebenszeit, worauf der jetzi ge Reichtum beruht,

erschei nt miserable Grundlage gegen diese neuentwickelte, durch die große

Industrie selbst geschaffne. Sobald die Arbeit in unmittelbarer For m auf−

gehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sei n, hört auf und muß auf−

hören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [ das Maß]

des Gebrauchswerts.

Die Surplus−Arbeit der Masse hat aufgehört, Bedi ngung für die Entwicklung

des all ge mei nen Reichtums zu sei n, ebenso wie die Nichtarbeit der wenigen

für die Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes. Damit

bricht die auf de m Tauschwert ruhnde Produktion zusammen, und der un−

mittelbare materielle Produktionsprozeß erhält selbst die For m der Notdürf−

ti gkeit und Gegensätzlichkeit abgestreift. " ( Marx 1 983/1 857, 601)

Was Marx hier beschreibt, ist kei n Auto matis mus. Er nennt nur die Möglichkeiten,

die über 1 00 Jahre nach i hm endgülti g gegeben si nd. Gerade da mit diese Möglich−

keiten genutzt werden, si nd revolutionäre Prozesse i n der Gesellschaft notwendig.

Während die Forderung nach " Arbeit für alle" aus dieser Sicht eher konservativ ist,

versuc hen refor meri sc he Ans ätze wie die Forderung nach Existenzgeld, "New Work"

oder die " Glücklichen Arbeitslosen" wenigstens etwas Besseres aus dieser Situation zu

machen. Sie sind auch berechti gt, i nsoweit sie das Bewußtsei n der Menschen für

diese neue historische Situation öffnen und deren Zutrauen stärken, die Befreiung

von de m Arbeitsz wang al s etwas Gutes zu e mpfi nden. Si e werden aber fragwürdi g,

wenn sie die kapitalistische Wirtschaftsfor m als Grundlage beibehalten wollen oder

"zur Finanzierung" gar benutzen müssen.

Wenn es keinen Druck mehr gibt, hart zu arbeiten (oder so zu tun, als wünsche

man sich nichts sehnlicher), woher soll dann das Brot, das Haus, die Kleidung kom−

me n? Lege n si c h dann all e Me nsc he n faul i n di e Hänge matte? Di es e nts präc he ei−

ne m sehr pessi mistischen Menschenbild, das historisch jedoch vielfach widerlegt wur−

de. Unter den jetzi gen Bedi ngungen ist die Faul heit geradezu ei ne notwendige Folge

von Zwang und Streß. Unter anderen Bedingungen zeigen sich andere Möglichkeiten:

Spaß an Kreativität und aktive m Tun ( das Ki ndern derzeit leider frühzeiti g und müh−

sam abgewöhnt wird) werden wieder hervorquellen. Auffallend ist, daß eine neue Ver−

gesellschaftung − auch wenn sie moderne Technik als Grundlage nutzt − tatsächlich

gl eic hberec hti gte Beziehungen voraussetzt und selbst wieder erzeugt. Es entstehen

neue Regel n, die an der Selbstentfaltung des Menschen und nicht an der Selbstver−

wertung des Werts orientiert sind.

Surplus−Arbeit =

Mehrarbeit


GNU General Pu−

blic Lice nse ( GPL) ,

auch " Copyleft" ge−

nannt, vgl. http: //

www.gnu.org/

copyleft/gpl. ht ml

Zur Geschichte der

Freien Soft ware

siehe Kapitel 3. 1,

Punkt D.

[All mende]

Di e frei e Soft waree nt wicklung ist eine Kei mfor m personal−konkreter Produk−

tivkraftentwicklung i m Meer der dominanten wertver mittelten gesellschaftli−

chen Reproduktion. Als Beispiel sei kurz die " Li nux−Story" geschildert ( aus−

führlich i n Meretz, 1999b). Li nux ist ei n freies, extre m leistungsfähiges

Co mputerbetriebssyste m, das kompl ett o hne Ver wertungsi nteresse i n weltweiter

Kooperation einiger tausend Menschen "aus eigenem Antrieb" entwickelt wur−

de ( und wird). Eine spezielle Lizenz garantiert die freie, öffentliche Verfüg−

barkeit und schließt ei ne Privatisierung und damit Integration i n den Ver−

wertungszyklus aus. Damit wurde ei n Sonderraum geschaffen, i n de m sich

Menschen zusammenfanden, die aus Spaß an der eigenen Entfaltung Soft−

ware schufen, die jedeR nutzen kann. Software gilt als besonders verdichtete

For m gesellschaftlichen Wissens, und es schien ausgemacht, daß ihre Her−

stellung strikter hierarchischer Organisationsfor men bedarf, wie sie in kom−

merziellen Softwarefir men existieren. Die Praxis bewies das Gegenteil. In

den verwertungsfreien Sonderräumen schufen sich die EntwicklerInnen völlig

neue Organisationsfor men, die auf Vertrauen und anerkannter Leistung ba−

sieren. Das Pri nzip ist denkbar logisch und ei nfach: Was funktioniert, das

funktioniert. JedeR kann ei n neues Projekt gründen und um MitstreiterIn−

nen werben. Erkennen die MitstreiterInnen den/die Projektkoordi natorIn

( Mai ntai nerI n) an, so werden sie i hn/sie unterstützen und Beiträge zum Pro−

jekterfolg leisten − und wenn nicht, dann eben nicht. Der/die MaintainerIn

wiederum hat ein unmittelbares Interesse, die Projekt mitglieder ernst zu

nehmen, ihre Beiträge zu würdigen und als guteR ModeratorIn zu fungieren.

Es gibt keinen abstrakten übergeordneten Mechanis mus, der die Ziele der

Projekte besti mmt. Die Ziele setzen sich die Projekte selbst, sie richten sich

nach den Wünschen der Mitglieder, nach den Bedürfnissen nach Selbstentfal−

tung, Anerkennung und Spaß: " We just hadagoodtime". Diesepersonalen,

konkreten Ver mittlungsformen sind die Voraussetzung für den Erfolg freier

Software, sie stellen die abstrakt−wertver mittelten For men geradezu auf den

Kopf − oder vo m Kopf auf die Füße, wenn man in Rechnung stellt, daß

man si c h sc hlicht den Umweg über die Wertabstraktion "spart". Die Resultate

dieser Kei mfor men neuer Produktivkraftentwicklung "am Rande der Gesell−

schaft" sind be merkenswert: anerkannt überlegene Produktqualität und schier

unendliche gegenseiti ge Hilfsbereitschaft i n der freien Software−Co mmunity.

Noc h vor z wei Jahren wäre es undenkbar gewesen, daß ei n verwertungsfreies

Produkt, geschaffen von freien EntwicklerInnen, nur über das Internet mit−

ei nander verbunden, zur ernsten Bedrohung des welt größten Softwarekon−

zerns ( Microsoft) werden sollte.

Dieses Beispiel zei gt, daß bereits heute Ansätze entstehen, dennoch wird es kein

ge mütliches " Hi nüberrutschen" i n ei ne neue Lebens− und Wirtschaftsweise geben. Oh−

ne Ka mpf kei n Ma mpf! Es geht i m Übergang u m:

− Gewährleistung der Grundsicherung durch Nutzungsberechti gung über die

jeweils notwendigen Lebensgrundlagen und Produktions mittel durch All−

me nde und Wiederanei gnung der materiellen Ressourcen wie Häuser, Bo−

den und Produktions mittel n.

− Abbau ökonomischer und anderer Zwänge, die sich nicht aus menschli−

chen Bedürfnissen ergeben ( Rüstung, Rendite/Profit/Gewinn, Verschwen−

dungsproduktion wie eingebauter Verschleiß etc., Entwickungs"hilfe" usw.)

− Gemeinsame Nutzung vieler Güter statt Privatbesitz (Wohnen, Mobilität

etc.).


− Entwicklung alternativer Ökonomieformen, die die Abschaffung der

Zwangsstrukturen ei nschließen, denen sie bisher aufgrund der Wertverge−

sellschaftung unterworfen sind.

− Entwicklung dezentraler Politik− und direkter De mokratiefor men.

Wie aber soll das konkret aussehen, was kann ich tun? Diese Frage ist deswegen

schwer zu beantworten, weil es j a gerade die Ei genschaft selbstorganisierter Prozesse

ist, daß sie keine übergeordnete Handlungsleitlinie brauchen, um zu funktionieren.

De m Wert sagt auch kei ner, was "er" zu tun hat. Nun ist der verselbstständi gte

Wert ei ne anal ytische Denkfi gur von Marx, dennoch erfüllt sich die " Fetischfunktion"

des Werts in der Praxis, ohne daß die Menschen genau das bewußt wollen − die

Wertabstraktion besti mmt ganz einfach ihren subjektiven Möglichkeitsraum. Ein neuer

Modus kann nur be wußt gege n das subj ektl ose Wirken des Werts durchgesetzt wer−

den. Ei ne Möglichkeit ist der ko mplette oder teilweise Ausstieg aus Verwertungszu−

sammenhängen und die des Austauschs. Es geht um die

". . . Entkoppelung ei nes sozi alen Rau ms e manzipatorischer Kooperation von

Warentausch, Geldbeziehung und abstrakter Leistungsverrechnung." ( Kurz,

1997).

Die freie Software−Communityzeigt wie es geht: Sie ist aus den Verwertungszyklen

ausgestiegen und hat in einem selbstgeschaffenen Sonderraum nach eigenen Regeln

das ( virtuelle) Zusammenleben und Entwickeln von Software organisiert. war

es i hnen möglich, i hren Wunsch nach besserer und freier Software umzu−

setzen. Es ist nicht verwunderlich, daß diese ersten Kei mformen i m Softwarebereich

entstanden sind. Die notwendigen Produktions mittel, Co mputer und das Internet, si nd

zu mäßigen Kosten oder gänzlich frei ( an Universitäten) verfügbar. Software hat zu−

de m den Vorteil, nicht an ei ne besondere Materialität gebunden zu sei n. Identische

Kopien entwickelter Software können zu sehr geringen Transaktionskosten verteilt

werden. SoftwareentwicklerI nnen können außerde m mit begrenzte m Ei nsatz aufgrund

hoher Löhne ihr Leben in den klassischen Verwertungszusammenhängen reproduzie−

ren. Hier waren also die Hürden vor dem partiellen Ausstieg aus dem Verwertungs−

zyklus relativ geri ng, dennoch war und ist es auch hier i mmer ei ne Entscheidung,

sich ( verwertungs−)freie Zeit zu schaffen, um an verwertungsfreier Entwicklung teil−

haben zu können.

c. Der Weg zum Neuen

Es reicht nicht aus, die Herrschaft hi nwegzufegen − etwas Neues, noch dazu Bes−

seres, setzt sich nicht auto matisc h an dessen Stell e; eher andere, vi ell eic ht noc h

brutalere For men der Herrschaft. Parallel zum Kampf gegen die Herrschaft muß das

angestrebte Neue i m Verhalten der Menschen und i hre m gesellschaftliche m Zusam−

me nwirken mitentwickelt werden.

Selbstorganisation i m positiven Si nne bedeutet ei ne Ausweitung i ndivi dueller Wirk−

mögli c hkeite n auf Basi s koll ektiver Prozesse, di e di e i ndi vi duell mögli c he Rei c hweite

Konkrete Vorschl ä−

ge zur direkten

Ökono mie i n Kapi−

tel 3.1, Punkt C.


"Selbstorganisation"

in Natur und Ge−

sellschaft wird seit

den 80er Jahren

gegen ei ne mecha−

ni sti sche Weltsicht

propagiert.

[Machtstrukturen]

[Intersubjektivität]

weit überstei gt. Die Selbstentfaltung des Ei nzel nen i m koll ektiven Rahmen ist die

Voraussetzung für selbsttragende, selbstorganisierte Prozesse. Eine zentrale Instanz,

die über den lokalen Einheiten stehend die selbstorganisierten Prozesse steuert oder

organisiert, ist nicht erforderlich, ja wirkt geradezu behindernd. Historisch war die

persönliche Herrschaft in den agrarischen Gesellschaften solch eine zentrale Ord−

nungsfor m, doch sie konnte nicht überdauern. Die sachliche Herrschaft des " Werts"

i m Kapitalis mus ist hier schon ganz anders beschaffen. Sie stellt sich dezentral i n

millionenfachen Tauschhandlungen hi nter de m Rücken der Menschen i mmer wieder

her. Der " Wert" hat damit auf raffi nierte Weise ei ne solche Ordnungsfunktion.

Wir suchen jedoch nach neuen Formen der Entfaltung und Bewegung, die weder

personal−strukturierte noch wertbezogene Herrschaftsfor men ausbildet. Das ist nicht

ei nfach, haben wir doch alle schon die Erfahrung gemacht, wie schnell sich selbst

in herrschaftskritischen Bewegungen informelle Machtstrukturen bilden, die ihre ei−

genen Versorgungsansprüche durch persönliche Profilierung sichern wollen. Die GRÜ−

NEN si nd nur schillerndes Negativbeispiel, auch i n NGOs und vielen anderen Bewe−

gungen können wir diese Tendenzen beobachten.

Wie können sich die Menschenindividuell und kollektiv − entfalten, organisieren

und koordinieren, ohne wieder Herrschaftsformen auszubilden? Selbstorganisation be−

ruht vor alle m auf der Kraft der von den Ei nzel nen ausgehenden Aktivitäten − al−

lerdings braucht sie dazu geeignete Rahmen− und Randbedingungen. Das bedeutet:

keine Vorschriften für konkretes Tun, aber Kriterien für das individuelle Handeln

und Vernetzungen. Sie geben Orientierungen an, wofür und mit wel c hen Mittel wer

wo gege n agi ert.

Für uns ergeben sich diese Kriterien aus unseren bisheri gen Erfahrungen und −

ganz allgemein − aus den Erfordernissen des oben ( Kap. 2. 2) geschilderten Über−

gangs von der " Epoche der Mittel" zur " Epoche der Menschen":

Di e Selbste ntfaltung

und die Vertretung der eigenen Interessen in selbstorganisierten Bewegungen

ist von der Erhaltung der individuellen Existenz durch notwendige Beteili−

gung an Verwertungsprozessen − ob als lohnför mige oder selbstangestellte

Arbeit − zu tre nne n.

Selbstentfaltung durch

Herabsetzung Anderer zum bloßen Instrument der eigenen Interessendurch−

setzung ist ausgeschlossen. Stattdessen geht es um die Entwicklung intersub−

jektiver kooperativer Beziehungen auf allen Ebenen und zum Vorteil aller.

Bisher wurden oft gut gemeinte " Utopien" entwickelt, denen die Menschen dann

"vernünftig" folgen würden. Heute wei gern wir uns sogar, solche festen utopischen

Bil der zu entwickeln. Zwar wird uns i mmer wieder gesagt: " Wir könnten uns erst an

der Beseitigung des Vorhandenen beteiligen, wenn wir wüßten, was danach kommt. "

Die Antwort kann jedoch nicht sein, das "Danach" in den schönsten, überzeugend−

sten Bildern auszumalen, sondern ge mei nsam Bedi ngungen zu schaffen, unter denen

all e Mensc hen ihre Zukunft in selbstgewählten Kooperationsbeziehungen gestal−

ten können.

Gegen die bisheri ge Unterordnung unter herrschaftliche Vorgaben i n For m des

Wert−Verwertungszwanges i m Namen von Rentabilität, Profit, Arbeitsplätzen, Sicherheit

oder ähnliche m und gegen die I nstru mentalisierung von Menschen zu angeblich

guten Zwecken, ist die Eigenaktivität der verschiedenen Menschen Träger von Bewe−


gungen und Umwälzungen. Das entspricht auch den vorher allgemein beschriebenen

Tendenzen hin zu einer "Epoche der Menschen" ( Kap. 2.1. 3).

Me nsc hliches Dasei n ist i mmer gesellschaftliches Dasei n. Auch ei n isolierter, ei nsa−

mer Mensch ist qua Natur ein gesellschaftlicher Mensch, denn Isoliertheit bedeutet

das relative Ausgeschlossensei n aus gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die gesell−

schaftliche Natur kommt dem Menschen genetisch zu, und diese Potenz muss der

Me nsc h e ntfalte n, will er sei n Leben reproduzieren. Ei n ungesellschaftliches Repro−

duzieren menschlichen Lebens ist nicht möglich. Doch wie funktioniert die Schaffung

und Erhaltung menschlichen Lebens auf gesellschaftliche Weise?

Der Mensch produziert und reproduziert sei n Leben ver mittels der gesellschaftli−

chen Möglichkeiten, oder anders formuliert: Die individuelle Existenz des Menschen

ist gesamtgesellschaftlich vermittelt ( vgl. Holzkamp 1985, 192). Das Begreifen der

Vergesell sc haftung, wie wir sie in Kap. 2. 2 für die verschiedenen Epochen dargestellt

haben, als zwischen Individuen und Gesellschaft schließt zwei i mmer wie−

der anzutreffende ei nseiti ge Sichtweisen aus: Weder verfügt der Mensch unmittelbar

über alle Bedi ngungen sei nes Lebens und kann sie direkt besti mmen, noch wird er

vollständi g von den Bedi ngungen besti mmt und gesteuert. Dennoch finden sich diese

Auffassungen sehr häufi g auch unter kritischen Menschen. Die ei ne zei gt sich als

Sichtweise auf Beziehungen, etwa so, als ob man alle Di nge i n der

Klei ngruppe schon regel n könne; die andere zei gt sich als Bedi n−

gungsfatalismus, etwa so, als ob alle Menschen gleich Spielpuppen durch eine un−

sichtbare Hand geführt werden und man daher ni c hts mac hen könne. Bei de spi egel n

zwar Teile von Realität wider, jedoch in einer verqueren Weise.

In der deterministischen Sicht zeigt sich die reale subjektlose selbstlaufende Ver−

wertungsmaschine, in der sich die Menschen gleich Rädchen i m Getriebe als den

Bedingungen vollständig unterworfen empfinden. Die personalisierende Sicht ist die

andere Seite der gleichen Medaille: Da den Menschen die Verfügung über i hre Be−

di ngungen entzogen ist, schei nen all e beei nflussbaren Umst ände ausschließlich i m

nahen persönlichen Bereich zu liegen. Viele Konflikte sind hier jedoch nicht lösbar,

da ihre Ursachen i m scheinbar unverfügbaren gesellschaftlichen Bereich liegen. Die−

ser Widerspruch provoziert Unsicherheit, Aggressionen und gegenseitige Schuldzuwei −

sungen. Ein Teufelskreis, denn das Schwanken zwischen Ohnmachts− und Ausgelie−

fertheitsgefühlen auf der einen und Aggression i m persönlichen Umfeld als Resultat

der Personalisierung von Konflikten auf der anderen Seite hängen eng zusammen.

Aus der Ver mittlungsbeziehung des Menschen zur gesellschaftlichen Realität folgt

jedoch zwingend: Menschli c hes Handel n i st ni c ht " bedi ngungs getri eben", sondern

" möglichkeitsoffen". Die gesellschaftlichen Bedingungen stellen bl oße Deter−

minanten des Handelns dar, sondern bilden einen Möglichkeitsraum, in dem wir uns

bewegen. Sonst wäre, nebenbei bemerkt, jede Änderung gesellschaftlicher Verhältnisse

pri nzipiell ausgeschlossen − und das ist nicht so, wie wir aus der Geschichte wissen.

In welc her Weise die grundsätzlich vorhandenen Möglichkeiten i ndivi duell genutzt

werden, ist jedoch kei neswegs festgelegt. Es ist eben auch eine menschliche Mög−

lichkeit, sich als bedingungsgetrieben zu erleben und danach in selbstbeschränkender

Weise zu handel n. Aber hier ko mmt es uns auf die an, die wir

stark machen wollen, und das ist die Alternative der Erweiterung der i ndivi duellen

Handlungsfähi gkeit i n ei ner für alle nützlichen For m. Um diese Alternative deutlich

herauszuarbeiten, kontrastieren wir die beiden Formen menschlicher Beziehungen,

um die es uns hier geht.

[Kritische

Psychologie]

[Determinismus]

Die Menschen ha−

ben ei ne besonde−

re Möglichkeitsbe−

ziehung gegenüber

der Welt ( siehe

[Kritische Psycholo−

gie]) .


Die ei nschränkende und selbst beschränkende Beziehungsfor m ist die der

Ich betrachte andere Menschen als I nstru ment mei ner Ziele, I n−

teressen und Bedürfnisse, die ich auf ihre Kosten durchsetze. Diese Form ist nicht

nur für andere ei nschränkend, sondern auch für mich selbst beschränkend, weil die

anderen Menschen in umgekehrter Weise genauso mi c h zu m I nstru me nt i hrer I nter−

essenerreichung machen, wie ich umgekehrt sie. Es ist leicht vorstellbar, daß ich

mei n Bestrebe n, di e andere n zu i nstru me nt ali si ere n, nur durc hsetze n kann, wenn

ich stets etwas " besser" bi n als diese. Doch da die anderen i n der Abstiegsspirale

der Zersetzung menschlicher Beziehungen ebenfalls reagieren, schlagen meine "An−

strengungen" wieder auf mich zurück, oder anders formuliert: Ich werde mir selbst

zum Feinde! Diese Handlungsweise darf jedoch keinesfalls zum individuellen Defekt

erklärt werden, der ei ne m selbst " nicht passieren könne": Instrumentelle Beziehungen

si nd die i n der kapitalistischen Gesellschaft nahegelegte Beziehungsfor m, da sie den

Konkurrenzka mpf i nnerhalb der ökono mischen Wert maschi ne widerspiegelt. Der Kapi−

talis mus kennt nur i nstru mentelle Beziehungen und die dazugehöri gen Parti ali nteres−

sen und kann auch nur solche hervorbringen. Der Kampf der einen Partialinteres−

sen gegen die anderen wird dann " Demokratie" genannt.

Di e Alternative von Beziehungen, die auf allgemeinen Interessen beruhen, kann der

Kapitalis mus nicht hervorbringen: Er kennt keine allgemeinen Interessen.

wie wir die Alternative nennen ( Holzkamp 1985, 370), basieren auf verall−

ge mei nerbaren Interessen. Verall ge mei nerbare Interessen si nd solche, die nicht auf

Kosten anderer, sondern nur i m Interesse aller erreicht werden können. Subjektbe−

ziehungen müssen aktiv gegen die nahegelegten Tendenzen zur I nstru mentalisierung

durchgesetzt werden − und das ist nicht ei nfach. Auch wohlmeinende Worte wie

"Freiheit " und "Emanzipation" schützen vor Instrumentalisierung nicht:

"Die meisten von uns haben gelernt..., daß Emanzipation die Freiheit bedeu−

te, den Anderen und die dingliche Welt auf deren Nützlic hkeit für die Be−

friedigung der eigenen Interessen zu reduzieren" ( Baumann 1992, 247)

Es gäbe kau m Hoffnung, wenn die Instrumentalisierung tatsächlich ei ne m " natürli−

chen menschlichen Wesen" entspräche. Zur radikalen Veränderung der Gesellschaft,

wie wir sie anstreben, gehört unbedi ngt ei ne Entfaltung der Subjektivität des Ei nzel −

nen, die die Entfaltung der Subjektivität der anderen notwendig mit ei nschließt. Sub−

jektbeziehungen sind in allgemeinen Interessen gegründet:

"Subjektbeziehungen sind Beziehungen zwischen Menschen, in denen das ge−

meinsame Ziel der Beteiligten prinzipiell mit allgemeinen gesellschaftlichen

Zielen zusammenfällt" ( Rudolph 1996, 45).

All ge mei ne Ziele si nd dabei nicht inhaltlich bestimmt, sondern dadurch, "daß sie

sich nicht gegen die Interessen besti mmter Personen oder Gruppen richten können"

(Holzkamp 1980, 21 0). Dabei muß sich der Ei nzel ne kei ne m Ganzen unterordnen,

sondern sei n ganz i ndividuelles Sei n − wie das der anderen − die Gesell−

schaft. Wenn er sich ganz für sich und seine Interessen einsetzt, setzt er genau

damit das Stückchen Gesellschaftlichkeit in die Welt, das sei ner I ndivi dualit ät ent −

spricht. Die individuelle Subjektivität ist die

"... Gewi nnung der bewußten Besti mmung der ei genen Lebensumstände i n

gleichzeiti ger Überschreitung der Individualität, da durch Zusa mmenschluß

mit anderen unter den gleichen Zielen die Möglichkeiten der Einflußnahme

auf die eigenen Lebensbedingungen sich potenzieren" ( Rudolph 1996, 45).


Subjektbeziehungen und Instrumentalbeziehungen können wir dementsprechend wie

fol gt skizzieren ( nach Rudolph 1 996, 46) :

Die ge mei ns a men Ziele der Ei nzel nen fallen

mit all ge mei nen gesellschaftlichen Zielen zu−

sammen.

Es handelt sich u m Beziehungen ohne Unter−

drückung.

Das Interesse an der Subjektentwicklung des

anderen Beteili gten ist das Interesse ei nes

jeden.

Daraus entsteht ei ne begründbare Grundlage

für wechselseiti ges Vertrauen.

Angstlosi gkeit, Frei heit, Offenheit und Ei ndeu−

ti gkeit i n der gegenseiti gen Zuwendung.

Ei n Zus a mmenschl uß von Gleichgesi nnten fi n−

det statt unter de m Gesichtspunkt der Durch−

setzbarkeit gleicher individueller Ziele gegen−

über nicht Gleichgesi nnten ( oder gesellschaftli−

cher Partiali nteressen gegenei nander).

Sie werden hergestellt und zusammengehalten

über die Vorteile, die die Beziehung de m Ei n−

zelnen oder allen Beteiligten gegenüber ande−

ren bri ngt.

Sie werden reguliert durch Zwang, Abhängi g−

keit, Druck, Unterdrückung.

Die konkrete Utopie intersubjektiver Beziehungen beschreibt Iris Rudolph so:

"Ich möchte eine Welt, in der die Menschen sich nicht gegenseitig benötigen,

in der sie einfach durch das, was sie tun und alles lassen, für sich tun

und lassen, gleichzeitig auch das Beste für alle anderen tun" ( Rudolph 1998,

78).

Es ist ei nsichti g, daß das Ziel der Erri ngung der " Epoche der Menschen" auf

Grundl age i ntersubjektiver Bezi ehungen ni e mals auf de m Wege instrumenteller Aus−

nutzung erreicht werden kann. Kei n noch so " positives Ziel" rechtferti gt die Durch−

setzung i ndividueller Interessen auf Kosten anderer. Ei n Ziel, das auf Kosten ande−

rer erreicht oder angestrebt wird, ist kein allgemeines, sondern es ist in Partialin

teressen begründet, und die Durchsetzung von Partialinteressen ist i mmer mit In−

strumentalbeziehungen verbunden. Die Übereinsti mmung von Weg und Ziel ist damit

kei ne moralische Forderung, sondern ei ne i mmanent logische! Verstoße ich dagegen,

ist das kein Grund für ein schlechtes Gewissen oder moralische Verdammnis, son−

dern ei n Anl aß, die Gründe für das Durchschlagen partieller Interessendurchsetzung

auf Kosten anderer anzusprechen. Dabei ist der selbstschädi gende Charakter solcher

Handlungen offenzulegen. Daß hierbei Angstlosi gkeit, Frei heit und Offenheit ei ne

Voraussetzung für die Klärung von Konflikten bilden, ist deutlich. Es wird klar:

Subjektbeziehungen kann man nicht erzwingen, sie sind dennoch unhintergehbar die

Voraussetzung auf de m Weg in eine herrschaftsfreie Gesellschaft.

Grundsätzlic h können wir kaum vorschreiben, wie diese neue Gesellschaft i hre Koo−

peration zu organisieren hat. Ei ns jedoch muß gewährleistet sei n: die Ei nzel nen

müssen die Möglichkeit haben, wählen und neu schaffen zu können. Sie müssen aus

de m jeweils Gegebenen auch " herausgehen" können. Dies ist die ei nfachste und

grundlegendste Voraussetzung für Freiheit:

"Nur das macht freie Kooperation aus: daß man sie aufkündigen oder ein

schränken kann, um Einfluß auf ihre Regeln zu nehmen. . ." (Spehr 1999,

236).

Wenn dies unserem grundlegenden Ziel entspricht, entsteht eine Übereinsti mmung

mit den Wegen, auf denen wir nur dahin gelangen können. Die Forderung, daß der

Weg dem Ziel entsprechen müsse, ist also hochaktuell. Es ist jedoch nicht damit ge−

[subjektive

Funktionalit ät]


Zu " NewWork"

siehe Kapitel 3. 1,

Punkt C.

[Freiraum]

"Das Zusammenfal−

len des Ändern(s)

der Umstände und

der menschlichen

Täti gkeit oder

Selbstveränderung

kann nur als re−

volutionäre Praxi s

gefaßt und ratio−

nell verst anden

werden." ( Marx

1969/1845, 6).

[Erziehung]

tan, die bisherigen Herrschaftsmittel fortzuräumen. Damit die geschaffenen Freiräu−

me auc h wirklich durch die Menschen i m emanzipatorischen Sinne genutzt werden,

müssen Erfahrungen von Subjektbeziehungen i n den Frei räumen mögli c h sei n. Di e

Möglichkeit i ntersubjektiver Beziehungen muss praktisch als real besser, angenehmer,

herausfordernder und perspektivreicher erlebt werden als die alltäglichen Erfahrun−

gen mit instrumentellen Beziehungen, die wir alle i mmer wieder machen. Dabei gilt,

daß Subjektbeziehungen nicht aufgrund einer neuen "political correctness" den neuen

morali sc he n Anpass ungs maßst ab für i ndivi duell es Handel n bil de n − das wäre abs urd,

ja geradezu kontraproduktiv: Subjektbeziehungen sind niemals vorstellbar als Resultat

ei ner Anpassung an den " Gruppendruck" oder was auch i mmer. Subjektbeziehungen

sind das Gegenteil der Übernahme des Nahegelegten, ob i m Verhältnis zur gesell−

schaftlichen Wert maschi ne oder zu ei ner Initiative, Gruppe etc. Jede Kritik, die i m

vorgeblichen Interesse der Gruppenharmonie unterbleibt, ist eine verlorene Chance −

für die Gruppe und für mich.

Fähi gkeiten und Bedürfnisse entwickeln sich permanent, das gilt auch für intersub−

jektive Beziehungen. Die praktischen Erfahrungen i n der Kooperation mit anderen,

bei der Aktion, bei m Streik, bei der Blockade oder bei m Flugblatt schreiben bilden

ei ne wichtige Grundlage. Widerstand ist deshalb auch Subjektwerdung wie sie z. B.

Peter Weiss i m Ro man " Ästheti k des Wi derst ands" ( 1 983) ausführli c h besc hreibt. Hi er

haben auch so begrenzte For men wie Zukunftswerkstätten, das Konzept " New Work"

(nur das tun, was ich "wirklich, wirklich" tun will) oder Tauschri nge, die Fi xierungen

auf Lohnarbeit und Geld aufbrechen, i hren berechti gten Pl atz. Voraussetzung ist,

daß sie nicht die Integration in den gegebenen Kapitalis mus befördern, sondern Wi−

dersprüc he hervorrufen, di e zu weiteren Auseinandersetzungen beitragen. "Soziale

Erfi ndungen" si nd unverzichtbar, doch die Inhalte dürfen dahi nter nicht zurückblei−

ben.

Der Ka mpf für neue Verhält nisse erfol gt an zwei Fronten. Ei nerseits muß gesell −

schaftlicher Freiraum gegen die MachthaberInnen, und jene, die die " Zukunft zubeto−

nieren", erstritten werden. Andererseits muß der Freiraum mit wirklich Neuem gefüllt

werden können. Das bloße Austauschen der MachthaberInnen kann genauso wenig

das Ziel sei n wie die Schaffung von Lohnarbeitsplätzen bei der weiteren I n−Wert−Set−

zung von Natur und Mensch.

Natürli c h bei ßt sic h dabei di e Katze ge wisser maßen in ihren eigenen Schwanz. Ei−

nerseits brauchen wir neue intersubjektive Beziehungen, um uns selbstorganisiert und

erfol greich gegen die herrschenden Verhältnisse wehren zu können. Andererseits sind

auch wir i mmer noch und i mmer wieder in den alten instrumentellen Beziehungsfor−

men befangen. Das Proble m des gleichzeiti gen Änderns der Umstände und der

Selbstveränderung der Menschen erkannte schon Marx i n sei ner 3. These über Feu−

erbach. Trotzde m zielten die Revolutionen bisher pri mär darauf ab, die Umstände zu

verändern und dann zu hoffen, daß die " neuen Menschen" auf i hrer Grundlage ent−

stehen − oder mit Propaganda, Erziehung und Ideologie "herangezogen" werden. Es

bil dete sic h ei ne Art Avant garde heraus, di e mei nte, i m Na me n und für j e ne, di e

sich noch nicht genügend selbst verändern konnten, die Umstände zu verändern und

dann auf den "neuen Menschen" zu hoffen oder ihn zu erziehen. In der Gegenwart

ist diese Praxis nicht nur in den realsozialistischen Ländern gescheitert und theo−

retisch widerlegt. Ein Blick auf die aktuellen Kultur−, Umwelt−, Friedens− und Tri −

kontbefreiungs− und Frauenbewegungen zei gt an vi el en Stell en sogar St agnati on und

Abbau. Aber a n de n St ell e n, wo si e ne nne ns wert bleiben, haben sie neue For men


entwickelt. So will die EZLN i n Mexiko gar kei nen "Sieg neuer Führer", sondern

strebt ei ne Veränderung der Gesellschaft selbst an. Emanzipation bedeutet heute

ni c ht nur Befreiung von der alten Herrschaft, sondern das Verhi ndern des Aufbaus

neuer Herrschaftsstrukturen in der eigenen Bewegung.

Was das bedeutet, wollen wir für verschiedene Ebenen deutlich machen: das "Bin

nenverhältnis" i n e manzipatorischen Bewegungen und deren Verhältnis zu den ande−

ren Menschen in der Gesellschaft.

Es gab und gibt es i n der Realität Gruppen von Menschen, die sich organisieren,

um gemeinsam weitreichende e manzipatorische Ziele u mzusetzen − auch ohne daß

alle Menschen dies bereits tun. Die emanzipatorischen Gruppen der Gegenwart teilen

im wesentlichen die oben für die Gesellschaft gegebene Zielbesti mmung. Sie wollen

ei ne Gesellschaft, i n der die Menschen wirklich konkret, ohne durch persönliche

oder sachliche Herrschaft eingeschränkt, selbstbesti mmt handeln können. Dieser An−

spruch besteht in der Regel auch für die Binnenverhältnisse in den Gruppen und

Ver netzunge n. Paslak ( 1 990) hat si c h di e Dyna mik selbstorganisierter Bewegungen

angesehen und für positive Fäll e fol gende t ypische Entwicklungen beschrieben:

− Die Kraft informeller bzw. selbstorganisierter Prozesse geht über die

Dyna mik einzelner Gruppen hinaus und führt zum Aufbau eines komple−

xen Netzwerkes von Initiativgruppen;

− Die selbstorganisierten Strukturen werden nicht von "objektiven" Außen−

ei nwirkungen geformt, sondern entstehen aus jeweils i nneren ei genen

Entscheidungen über die Bewertung von Situationen und Problemen;

− Die interne Handlungskoordination ist stets labil und flexibel änderbar.

Di e Fortsetzung der Struktur i st an die ge mei ns a me Bi ndung und Wei −

terentwicklung ge meinsamer Vorstellungen und Ziele gebunden.

Löst sich die Aktivität der " Gruppe" von diesen Zielen, wird sie zum Selbstzweck,

und dies ist die akuteste und häufigste Gefahr, der Gruppen und Bewegungen unter−

liegen. Das ko mmt leider − aber auch nachvollziehbarerweise − bei vielen Projekten

vor, sobald sie sich "etabliert" und "etwas zu verlieren" haben. Auch die "sozialen Er−

fi ndungen" können sic h mit ei ner "Spielwiese" innerhalb der gesellschaftlichen Bedin

gungen zufriedengeben − Zukunftswerkst ätten verl oren z. B. den politi sc h−alternativen

Anspruch ihres "Erfinders", Robert Jungk, weitestgehend.

Siehe auch Kapitel

4, Punkt C.

[Emanzipatorische

Gruppen und Pro−

jekte]


[Gleichberechtigung]

Ki ppt di e i nnere Dyna mik in Richtung auf den bloßen Selbsterhalt als Selbstzweck

um, dann ist die Integration in die herrschende Verwertungs− und Geldmaschi nerie

nur noch ei n klei ner Schritt. Schnell gewinnt die Notwendigkeit, den kapitalistischen

Geldzyklen ei ni ge Tropfen für den Selbsterhalt abzuri ngen, die Oberhand. Sobald ei ni −

ge Ei nzel ne oder Teile der Bewegung sich so wichtig finden, daß sie vor allem um

ihre eigene Existenz kämpfen, entwickeln sich auch untereinander neue Verhältnisse.

Es geht dann nicht mehr daru m, die anderen Beteiligten als autonome Subjekte zu

betrachten, sondern sie werden i nstrumentalisiert, um nur noch de m vorgeblich

"Ganzen" zu dienen. Die Verfolgung individueller Interessen, die einst Motor der Be−

wegung waren, wird für den Gelderwerb und Machterhalt anderer ei ngespannt − die

Bewegung wird zersetzt, i ntegriert, bürokratisiert.

De m Umkippen der Dyna mik kann mit klare m Kopf und Bewußtsei n der Gefahr

begegnet werden. Es gibt nie mals unhi ntergehbare Notwendigkeiten, auch Gruppen

unterliegen nicht der Determination durch die Bedingungen: Es handelt sich i mmer

um . Und Entscheidungen lassen sich so oder anders fällen. I m

Ernstfall muß ggf. sogar die Existenz der Gruppe oder z. B. i hr wirtschaftlicher Er−

fol g i n Frage gestellt und aufgegeben werden, wenn die Weiterexistenz den realen

Interessen der Beteiligten zuwiderläuft. Ein Beispiel: In der "Sozialistischen Selbsthilfe

Mühlheim" (SSM) entwickelte sich aus der Jugendarbeit ein recht erfol greicher " alter−

nativer Betrieb", der Entrümpelungen usw. durchführte. "Arbeit" wurde definiert als

"alle Tätigkeiten, deren Ausführung die Gemeinschaft für wichti g hält" ( Bau maßnahme

a m ei genen Haus, Abfassen ei nes Briefes, Flugbl attes, ei ne politische Aktion, Essen

kochen für die Ge mei nschaft us w.). Dann entstand ein "richtiger" Baubetrieb − mit

Anforderung an " möglichst hohe Leistung i n möglichst kurzer Zeit ausgedrückt durch

möglichst viel Geld". Es zeigte sich, daß das nur funktioniert, wenn die eigentlichen

Zi el e, nä mlich die realen Bedürfnisse der Menschen (z. B. nach streßfreier Arbeit!)

aufgegeben werden und der Betrieb nor mal−kapitalistisch durchgezogen wird. Die

SSM verzichtete auf den möglichen wirtschaftlichen "Erfolg" und ließ lieber ein

"Scheitern" dieser Möglichkeit zu, als den Interessen der Menschen zuwider zu han−

del n ( Kippe 1998, 9f).

Wichtige Kriterien für das Binnenverhältnis emanzipatorischer Bewegungen sind al−

so:

− Bi ndung an i ndividuell vertretene Ziele, kei ne Verselbständi gung von sich

i nstitutionalisierenden Teilen der Bewegung als Selbstzweck,

− Verhi nderung der Instrumentalisierung von Menschen für Zwecke anderer,

Schaffung von Strukturen für die Schaffung und Aufrechterhaltung i nter−

subjektiver Beziehungen.

Dazu gehört aber auch der offene Umgang mit Dissens. Das Streben nach Konsens

und Har monie kann dazu führen, daß inhaltliche Positionen unterdrückt werden, die

sich diesen "Bauchgefühlen" nicht unterordnen. So entstand auf den Jugend−Umwelt −

Kongressen ( Jukß) bis zu m Jahreswechsel 1999/2000 eine Situation, i n der die gefor−

derte Unterwerfung unter " Konsens & Har monie" zu ei ner Entpolitisierung führte. Die

Position " Kei n Streit, wir lieben uns doch alle..." führte zur " Machtergreifung von

Kreisen, die politisch nichts oder wenig wollen, die aber Umweltbe wegung als Fami−

lienersatz und Nestwär me wollen" ( Bergstedt, 2000b). De mgegenüber fordert Bergstedt:

" Mein Ziel ist, Verhältnisse zu schaffen, die Gleichberechtigung schaffen, bei

denen die Menschen aber auch authentisch sein können und nicht in dieser

bekl e mme nde n At mosphäre des ‘Ich darf niemandem zu nahe treten' agie−

ren. Das ist zu erreichen u. a. durch


− Dezentralisierung weg vom Plenum

− offene, sich ständig verändernde Strukturen

− Platz für Streit und kreative Prozesse

− Autonomie für Menschen und Gruppen

− Klärung in den Diskussionsrunden, auf was ALLE achten ( nicht die Ver−

antwortung einer Moderation abschieben) − somit Ei nleitung ei nes Lern−

prozesses aller" ( Bergstedt 2000c)

Spehr (1999) kennzeichnet die gegen die Herrschaft kämpfenden und sich deren

Handlungslogik entziehenden Gruppen als " Maquis". Mit i hren oben genannten Ei gen−

schaften, de m Verwerfen von Führung und Avantgardeanspruch und de m Durchsetzen

von E manzipation und freier Kooperation auch i n den ei genen Rei hen, stellen sie ei −

ne völli g neue Qualität dar, was den Beteili gten oft gar nicht so deutlich bewußt ist.

Praktisch ergeben sich aus den Erfahrungen bisheriger alternativer Bewegungen

weitergehende Aufgaben ( Bergstedt, Hartje, Schmidt 1999):

− Schaffung unabhängi ger Strukturen ( neue Aktionsstrukturen − politische

Gegenstrukturen aufbauen) ,

− Aufrechterhaltung der selbstbestimmten Aktionsfähigkeit ( Flexibilität, Effi−

zienz, Vernetzung, Kooperation) ,

− klare Ziele innerhalb umfassender Konzepte,

−SchaffenvonKristallisationspunkten.

Da die Menschen und die i n Bewegungen Aktiven so unterschiedlich si nd wie Men−

schen überall anders auch, haben sie auch unterschiedliche Fähigkeiten, und auch

das Maß des Engage ments wird verschieden groß sein. Es ist oft so, daß einige

Me nsc he n ei ne Art " Kraftfel d" u m si c h heru m e nt wickeln. Sie rücken aufgrund ihres

Wissens, ihrer Organisationsfähigkeit, ihres menschlichen Verhaltens ins Zentrum des

Geschehens, auch wenn sie dies vielleicht ver meiden wollen. Manchmal ist es jedoch

für die anderen einfach bequemer, die "ExpertInnen" machen zu lassen. Eine "infor−

mell e Elite" e ntste ht.

Eliten " an sic h" stell en kei n Probl e m dar. Es ist j a gerade das Zi el der neuen Ge−

sell sc haft, daß si c h j eder Ei nzel ne maxi mal entfaltet, daß − wenn man so will − alle

an irgendeiner Stelle zur Elite gehören. Doch wenn alle dazu gehören, ist die "Elite"

i m bürgerlichen Sinne schon keine mehr. "Eliten" kommen aus den Gesellschaften, in

denen die Entfaltungs möglichkeiten nur für wenige und nur auf Kosten anderer vor−

handen si nd. Das ist auch das größte Problem für e manzipatorische Bewegungen.

Sobald Ei nzelne i hren Wissensvorsprung und die entwickelten Fähigkeiten dazu ver−

wenden, ei gene partielle Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen, kippt die i n−

divi duell e Geni alit ät i n Elitaris mus u m. "Informelle Eliten" bilden sich leicht in Grup−

pen heraus, i n denen der Selbsterhalt der Gruppe zum Selbstzweck geworden ist.

Beide Aspekte bedingen einander, denn sie sind Resultat der schrittweisen I ntegrati −

on der Gruppe in die subjektlosen Selbsterhaltungsstrukturen der Wertmaschine. Auch

das ist wiederum kei n " persönlicher Mangel" der Aktiven, sondern nachvollziehbares

Result at der Tats ac he, das di e Mensc hen − auc h di e Aktiven i n Be wegungen − zuerst

ihre individuelle Reproduktion absichern müssen. Verschränken sich individuelle Re−

produktion und Selbsterhalt der Gruppe, so etwa bei " bezahlten Angestellten" der Be−

wegung von Projekten, dann liegen die Interessenkonflikte schnell nahe.

In der französi−

schen Résistance

bezeichnete der

Maqui s ( der

"Busch") jene Ge−

gend, die nicht

von Nazi s oder

Koll aborateuren

beherrscht wurde.

Auch i n der

St arTrek−Serie

"Voyager" gibt es

mit de m Maquis

ei ne Zone des Wi−

derstands.

Mehr zur Frage

der realen Lage

in "Maquis" (wider−

ständi ge politische

Bewegung) siehe

Kapitel 4, Punkt

A.

Das Proble m der

"i nfor mellen Eliten"

wurde zuerst i n

der a meri kani −

schen Frauenbewe−

gung diskutiert.

Der Verzicht auf

for male Strukturen

reicht noch nicht

aus zur Verhi nde−

rung von Hierar−

chien.


Wenn wir erkennen, daß die sub−

jektlose Verwertungsmaschinedes Kapitalismus unsereLebensbedingungen zerstört, können wir nicht die politische Arbeit gegen den Kapitalis mus auf

seinen Verwertungsstrukturen aufbauen. Ei n Beispiel aus de m realen Leben:

Zunächst sollte der Verkauf politischer Bücher die politische Arbeit fi nanzie−

ren, dann sollte der Verkauf politischer Bücher den Verlag finanzieren und

schließlich wurden die Kri mis entdeckt, die viel mehr Geld brachten als die

politischen Bücher. Nun muß jedes Buch selbst sei ne Kosten "erwirtschaften",

denn auch die ( Selbst−) Angestellten wollten " bezahlt" sei n, und die politi−

schen Bücher starben aus. − Andere Beispiele sind Abhängigkeit von Spen−

den oder gar staatlichen Subventionen, um " den Laden a m Laufen" zu hal−

ten. Natürlich kostet politische Arbeit auch Geld, und Geld zu nehmen ist

ni c hts Verwerfliches. Doch der Rubikon wird überschritten, wenn die eigene,

i ndividuelle Existenz von der Existenz der Gruppe abhängig wird, was be−

deutet, den Erhalt der Gruppe i m eigenen partialen Überlebensinteresse als

Selbstzweck zu betreiben. Politische Gruppen müssen ohne existenziellen

Schaden i hrer Mitglieder untergehen können, und Mitglieder müssen Grup−

pen verlassen können, ohne daß ihre Existenz infrage steht. Das geht nur

in autonomen Strukturen, die nicht nach Verwertungspri nzipien funktionie−

ren.

Das Do minant−

werden von partiellen Individuali nteressen auf Kosten anderer und das Ent−

stehen "infor meller Eliten" können weder durch bürokratische Verfahren

(" Wahlen") noch moralische Appelle ("Du sollst nicht instrumentalisieren") ver−

hi ndert werden. Die einzige funktionierende Grundlage ist die Selbstentfal−

tung der beteiligten Individuen, die Durchsetzung ihrer allgemeinen Interes−

sen. Das schließt ei n, allen auch die Chance, den Raum, die Möglichkeit zur

Selbstentfaltung zu lassen, denn wer wei ß schon von vornherei n, wie das

geht! Das " Möglichkeiten . . . lassen" ist jedoch nicht die "Verantwortung" be−

sti mmter Personen − etwa, der "Schlaueren". Gerade eine solche "Verantwor−

tungshaltung" Weniger festigt die personalisierten Strukturen, die sie zu be−

kä mpfen mei nt: Es gibt nie manden, der das " Recht" hat, anderen " Möglich−

keiten zu lassen" − genauso wie niemand das Recht hat " Möglichkeiten zu

nehmen". Das ei ne schließt das andere logisch mit ei n! Es ist die " Verant−

wortung" aller und jedes Einzelnen, Strukturenzu schaffen, in denen das

Lassen und Nehmen von Möglichkeiten keine Frage mehr ist! Dort, so sich

Menschen unbeschränkt entfalten, ist für "Eliten" kein Platz mehr.

Wir schreiben

immer wieder gegen die Moralisierung in emanzipatorischen Bewegungen an.

Wie aber sollen sich Subjektbeziehungen durchsetzen, wenn es keine morali−

schen Leitlinien gibt, an die sich die Menschen halten können? Subjektbezie−

hungen setzen sich nur dann durch, wenn ich es will. Will ich die Selb−

stentfaltung, dann geht das nur i n i ntersubjektiven kooperativen Beziehun−

gen. Was aber ist, wenn diese theoretische Erkenntnis sich praktisch nicht

durchsetzt? Dann gibt es keine andere Chance, als die Gründe für das Un−

terl aufen anzusprec hen, und di e strukturell en Ursac hen, di e das Unterl aufen

nahelegen, aufzudecken. Das geht nur in offener Kritik und Reflexion des

ei genen Tuns. Jedes Zurückhalten und Unterl assen von Kriti k u m der " Har−

mo ni e willen" ist kontraproduktiv − jede Unterdrückung erst Recht. Ei ne un−

terbliebene Kritik ist eine vertane Chance − für mich und alle. Problema−

tisch ist jedoch personalisierende Kriti k. Es geht niemals um"Schuld", son−


dern i mmer um die Gründe für mei n Handel n. Es gibt kei n unbegründetes

Verhalte n, sei es auc h noc h so danebe n. Es gi bt i mmer nur das Noc h−ni c ht−

Kennen der Gründe für das Handeln des anderen. Über das Kennenlernen

der Gründe können wir die individuellen Prämissen für das Handeln verste−

hen, die auf die Bedi ngungen ver weisen. Um diese Bedi ngungen geht es, i h−

re Rolle als strukturelle Handlungsvoraussetzung ist aufzudecken. Gerade die

Offenheit und Kriti kfähi gkeit entl astet mich von der Notwendigkeit, die an−

deren auch zu " mögen". Dort, wo Gruppen nur noch über Sympathien funk−

tionieren, wo sich verschiedene sympathiegetragene Klüngel bilden, ist etwas

faul.

Die Beteiligung an oder Gründung

von Gruppen auf der Grundlage der i ndividuellen Interessen ist die ei ne Sa−

che. Eine andere ist es, Entscheidungen für das gemeinsame Handeln zu

fällen. Nicht i mmer liegt auf der Hand, ob diese oder jene Entscheidung i m

allge mei nen oder nur partiellen Interesse liegt. Dennoch muss entschieden

werden, will di e Gruppe nic ht zur ei ner " Gruppe auf de m Papi er" muti eren.

Spehr schlägt ein "collective leadership" vor: "Es reicht nicht, daß alle i hre

Interessen formulieren und in ihrer Unterschiedlichkeit einbringen; irgend

jemand muß den jeweils nächsten Schritt for mulieren, der daraus fol gt, und

in einer freien Kooperation sollte diese Fähigkeit soweit wie möglich kollek−

tiviert sei n" ( Spehr 1 999, 302).

Kollektivierte Entschei dungsfor men kann es viele geben, wichtig ist, daß sie

der Lage ange messen und leicht veränderbar sind: Delegationen mit Mandat,

Rotationen in Entscheidungspositionen, zeitliche Befristungen für besti mmte

Aufgabe n etc. Wichti ges Merkmal ist hierbei, daß nicht i mmer " alle alles"

entscheiden, das wäre viel zu uneffektiv, sondern das es ein transparentes

Verfahre n für ge mei ns a me Entsc hei dunge n gi bt.

Herrsc haft ist heutzut age nic ht mehr offensic htlich, sondern versteckt sich i n den

schei nbar nor mal en und natürlichen alltäglichen Lebensz wängen. Diese Wirkungsweise

führt dazu, daß es in den kapitalistischen Kernländern auch in Krisensituationen,

bei anstei gender Erwerbslosigkeit und sogar Verelendung selten zu spontanen Aktio−

nen oder Befreiungsschlägen kommt. Spehr kennzeichnet die Mehrheit der "nor malen

Leute" als " Zivilisten", die

". . . ei nfach vor sich hi n ( machen), ohne zu überblicken, was vor sich geht"

(Spehr 1999, 167).

Sie haben auch " kei n Proble m da mit, daß die Entscheidung von anderen getroffen

werden" ( ebd. , 168). Wer kennt diese Leute nicht und hat sich nicht schon oft über

sie geärgert. Das Problem für emanzipatorische Bewegungen sind neben den Macht−

ze ntre n j e ne, die diese Mac ht ni c ht hi nterfrage n, sonder n akzepti ere n, kei ne Frage n

stellen und die herrschenden Verhältnisse rechtfertigen:

"Sie tun einem gar nicht so viel; sie lassen einen nur an der Welt und i h−

rer Zukunft zweifel n" ( Spehr 1 999, 1 71) .

Politische Bewegungen werden deshalb leicht "überheblich" und meinen,"fürdiean−

deren" denken und entscheiden zu können. Dann werden sie auch schnell zu Stell−

vertretern, die nach Gutdünken i hre ei genen partialen Interessen i m vorgeblichen

"Interesse der Mehrheit" durchsetzen. Aber


Erlenmeyerkolben:

Ei n Reagenzgl as

mit ei ne m schma−

len Hals und ei−

ne m breiten Fuß,

das man zum Mi−

schen gut heru m−

schwenken kann

". . . es gehört zu den Grausamkeiten i m Maquis, daß sei n Fortschritt sich

daran fest macht, ob er i n der Lage ist, Zivilisten abzuwerben" ( Spehr 1999,

265).

Doch was hei ßt " abwerben"? Es gibt kei nen anderen Grund sich " abwerben" zu las−

sen, als die individuelle Vorstellung von eine m besseren Leben. Warum sonst sollte

sonst jemand in den Maquis, den "Busch", gehen, als aufgrund der Vorstellung, daß

dort bessere Möglichkeiten der eigenen Entfaltung warten und die Risiken nicht so

groß si nd wie das Elend des kümmerlichen Lebens in der "zivilen" Gesellschaft. Kei−

ner will missioniert werden, es gibt kei ne objektive Richti gkeit irgendei ner Vision, es

gibt kei ne Garantie, sondern nur die ei nes besseren Lebens i m " Maquis".

Der Widerspruch zwischen der Notwendigkeit, massenhaft Leute in den " Maquis" ab−

zuwerben und der realen geri ngen Ausstrahlung des " Maquis" besteht (noch). Das

müss e n wir aushalten, es gibt dennoch kei ne Berechti gung andere für i hr Handel n

zu geißeln − auch nicht die "Zivilisten". Sich "abwerben" lassen geht nur auf der

Basis ei gener Entscheidungen, und das muss jede/r selbst tun. Wer nicht will, will

ni c ht, hat sei ne Gründe dafür und ist i n Ruhe zu lassen. Will ich, das mei ne Grün−

de für mei n Handel n akzeptiert werden, so muss ich die Begründetheit anderen

Handelns auch akzeptieren − ich muss die Gründe ja nicht teilen. Die Autonomie des

Handelns gilt nicht nur i m Binnenverhältnis, sondern auch gegenüber den "Zivili−

sten".

Di e " Maqui s" könne n sc hwer unmittelbar i n der Welt der " Zivilisten" überzeugend

wirksam werden. Ver mittel nd wirken hier punktuelle soziale Bewegungen, in denen

sich Aliens, Zivilisten und Maquis ver mischen − Spehr verwendet dafür das Bild ei−

nes " Erlenmeyerkolbens". I n und mit diesen Bewegungen si nd die gesellschaftlichen

Ei ngriffs möglichkeiten größer als i m Rahmen der bürgerlichen " De mokratiefor men".

Sie setzen Neues i n die Welt, si nd aber aus der Sicht des " Maquis" begrenzt:

"Eine Friedensbewegung ist zunächst eine Bewegung für Frieden, nicht für

Emanzipation" (Spehr 1999, 247).

Das Bild der Unterscheidung zwischen " Maquis" und "Erlenmeyerkolben" kann bei

der Orientierung nützlich sei n. Wenn sich der " Maquis" isoliert, hat er keine Chance

− wenn i m "Erlenmeyerkolben" zu weni ge " Marquis" si nd, verlieren sie i hre potentielle

Dyna mik. Konsequenter Widerstand und soziale/ökologische Bewegungen werden sich

immer in einem Spannungsverhältnis bewegen − aber bewegen müssen sie sich! Zur

Orientierung, welche konkreten Konzepte und Aktivitäten diese Bewegung in die

Ri c htung führe n, di e wir brauchen, können die oben genannten Kriterien dienen:

Kei n Zurück i n die Wertvergesellschaftung, kei n Streben unser Projekte nach "ökono−

mischem Erfolg" innerhalb des Systems und Verhinderung instrumenteller Beziehun−

gen untereinander und gegenüber anderen Menschen. Für eine "Politik der Autono−

mie" (Spehr 1999, 261)!


2.4 Zusammenfassung − Re−

volution im Fünfschritt

Es ist ei n l anger Text geworden, und wir haben bei m Schreiben viel gelernt. Eine

Zusammenfassung fällt uns nach der Fülle der entwickelten Argumente schwer. Viel−

leicht sollten wir die Zusammenfassung eher für ei ne spekulative Utopie nutzen. Der

in Kapitel 2.1, Punkt A. in einem Exkurs dargestellte Fünfschritt für den typischen

Verlauf von revolutionären Umbrüchen bietet sich dazu an.

Der Fünfschritt, der von Kl aus Hol zka mp for muliert wurde ( Hol zka mp 1 985) , ist

ni c hts völli g Neues. Manche eri nnern sich sicher an den dialektischen " Dreisprung"

vo n These − Antit hese − Synt hese, der auc h hi er wieder vorkommt − jedoch wesent−

lich präziser und realitätsnäher. Diese allge mei ne For m von Entwicklung in Qua−

litätssprüngen wurde von Holzkamp für die Evolution i n der Tier− und Pflanzenwelt

nachgewiesen, ebenso für die Prozesse der Menschwerdung. Da Leben grundsätzlich

ni c ht stillsteht, nie stagniert, da alle Materiearten sich bewegen und in großen oder

kl ei ne n Ent wicklungsprozessen i hre Geschichte haben, können wir diese fünf Schritte

auf jegliche materiellen Prozesse beziehen − folglich auch auf die Gesellschaftsge−

schichte. Auch dort finden wir größere Zyklen ( personal−konkrete Vergesellschaftung

− abstrakt−entfre mdete Vergesellschaftung − personal −konkrete Vergesellschaftung:

vgl. Kap. 2. 2) , di e kl ei nere ei nsc hließen ( Aufstieg und Zerfall jeder ei nzel nen Gesell−

schaftsepoche und −ordnung).

Wir wollen hier die fünf Schritte für eine allgemeine möglichst realitätsnahe, aber

doch utopische Skizze der möglichen revolutionären Umbrüche verwenden. Skizze

hei ßt: Hellsehen könne auc h wir nicht, aber begründet phantasieren schon.

Der erste Schritt besteht i m Nachweis der Kei mfor men des

Neue n, die s päter ei ne syste ms pre nge nde Qualit ät ge winnen. Voraussetzung

ist eine Analyse der bestehenden Verhältnisse, also des alten dominanten

Syste mzusa mmenhangs. Das haben wir in den Kapiteln 2.1 und 2. 2 getan.

Wir fanden heraus, daß ökonomisch die entfremdete Produktivkraftentwick−

lung und gesellschaftlich die Vermittlung aller sozialen Beziehungen über den

Wert besti mmend sind. Innerhalb dieser Formen sind die Entwicklungsres−

sourcen für eine weitere Entwicklung des Systems erschöpft, die Produktiv−

kraft der Arbeit zerstört mehr als sie schafft. Die letzte unausgeschöpfte

Ressource ist der Mensc h, sei ne Kreativit ät, sei ne Potenzen, di e i n der Ent −

faltung sei ner Individualität liegen. Selbstentfaltung und Verwertung stehen

jedoch in einem nicht auflösbaren Widerspruch zuei nander. In den realen

Ansätzen der Selbstentfaltung liegen die Kei mfor men des Neuen.

Di e Ersc höpfung von i nnere n Ent wicklungsres−

sourcen von Systemen ist undramatisch, wenn die Rahmenbedingungen des

System relativ stabil bleiben. Das ist bei m totalitären Kapitalismus nicht der

Fall. Erschöpfung und Zerstörung sei ner eigenen Reproduktionsbedi ngungen

und damit der Lebensbedingungen der Menschheit gehen einher. Kli makata−

strophe, Ar mut, sozi ale Verheerungen, Zerstörung natürlicher Grundl agen

si nd nur weni ge Stichworte der globalen Proble mati k, mit der wir uns kon−

frontiert sehen. Nur eine radikale Veränderung der Lebens− und Wirt−

schaftsweise, der Ausstieg aus den alten verwertungsbesti mmten Systemzu−

sammenhängen kann die fortschreitende strukturelle Unterminierung unserer

Lebensbedi ngungen aufhalten. Die Rahmenbedi ngungen dri ngen auf ei ne

qualitative Überwindung der alten Systemzusammenhänge− eine abstrakte

[Fünfschritt]

Ut opie n habe n die

Ei genschaft, daß

sie nicht "von al −

lein passieren" −

sie werden nur

real, wenn Men−

schen für ihre

Ver wirklichung ak−

tiv werden.


"Nicht weil es

schwer ist, wagen

wir es nicht; son−

dern weil wir es

nicht wagen, i st

es schwer."

(Seneca)

Viele Vorstellungen

in diesem Buch

si nd nicht neu.

ManchR wird sa−

gen: " Das gabs

schon früher und

wurde längst wi−

derlegt".

Wir geben jedoch

zu bedenken, daß

frühere Gedanken,

Wünsche und

Träu me nicht all ei n

dadurch, daß sie

noch nicht ver−

wirklich werden

konnten, widerlegt

si nd. Vielleicht

reichten die Be−

di ngungen dafür

noch nicht aus −

liegen jetzt aber

vor bzw. können

jetzt geschaffen

werden!

[Utopie]

Notwendi gkeit oder gar Auto matik der Überwindung ergibt sich daraus jedoch

ni c ht. Sie wird nur geschehen, wenn wir es tun. Das Alte geht nicht mehr,

aber das Neue kann noch nicht.

Der erste qualit ative Sprung erhält noc h di e alten

Syste mzusammenhänge, bedeutet aber den Umbruch der Kei mfor men zu ei ner

bedeutenden Entwicklungsdi mension. Noch unter Bedi ngungen der subjektlo−

sen Wertverwertungs maschi ne und der entfre mdeten Produktivkraftentwicklung

bil den sic h Bereic he neuer Produkti ons− und Reprodukti onsfor men heraus.

Diese etablieren sich außerhalb der alten Zusammenhänge, aber unter voller

Nutzung der besten materiell en und i deell en Gebrauc hs werte, die das alte

Syste m hervorgebracht hat. Sie werden i n neue soziale und produktive Zu−

sammenhänge gestellt und verwendet − eine High−Tech−Aussteiger−Avantgar−

de und andere Bewegungen an vorderster Front nutzen sie aktiv. Im Bin

nenverhältnis setzen sich i ntersubjektive Beziehungen als Grundlage ei nes

vernünftigen Aust ausc hes der l ebens notwendigen Dinge durch − Qualität, In−

halte und Ko mmuni kation ersetzen die " unsichtbare Hand" der abstrakten

Wertver mittlung über den Markt.

Der Ka mpf des Alten gegen das Neue ist hart und

die Repression beträchtlich, aber die alten Systemzusammenhänge und ehe−

mali gen Verlockungen des Geldes si nd nicht mehr wirksam. Wer will sich

noch für fre mdbesti mmtes Verschwenden von Lebensenergie kaufen lassen?

Das Neue setzt sich explosionsartig durch, es wird dominant, es entwickelt

mit sei nen neuen Ko mmunikations− und Lebensfor men ei ne Strahlkraft, die

erst mals wieder Opti mis mus aufkommen lassen. Der Kapitalis mus ist doch

kei n Naturgesetz, wer hätte das gedacht. Wie umständlich erscheint der Um−

weg über anonyme Marktbeziehungen, denen man früher die Herrschaft über

den sozi alen Austausch gewährte, wo man doch alles vernünfti g nach Maß−

stäben der Entfaltung für alle Menschen regeln kann. Wie doof und klein

lich sehen i m Rückblick die alten Instrumentalbeziehungen aus, mit denen

wir uns gegenseiti g traktierten und die herrschenden Strukturen reprodu−

zierten. Mit dem Beispiel von GNU/Linux fing alles an anders zu werden.

Das gibt es zwar nicht mehr, aber die freie Softwarebewegung hatte zum

ersten Mal i m breiten Maßstab gezei gt, daß es auch ohne die Verwertung

von Wert gehen kann.

Es gibt viel aufzuräu men, ei ni ge Verheerungen des

überwundenen Kapitalis mus werden vielleicht nicht mehr reparierbar sein.

Aber di e kre ati ve Me nsc hheit wird andere Wege finden, die Proble me zu be−

wälti ge n. Auf der Gr undl age der Do minanz des Neuen wird die Entwicklung

ni c ht aufhören. Die Vielfalt von Lebens− und Wirtschaftsfor men wird gerade−

zu aufblühen, vom Alten wird nicht mehr viel übrig bleiben. Wird nun die

große Langeweile ausbrechen? Nein, auch dieses Stadium ist auch "nur" wie−

der Ausgangspunkt für weitere Entwi ckl ungsz ykl e n − aber di es mal auf herr−

schaftsfreier Grundlage.

Zugegeben, das kli ngt utopisch, und das ist es auch. Vielleicht wird alles ganz an−

ders ablaufen, i n der Regel bla miert sich jede konkrete Utopie nach ein paar Jah−

ren. Aber die Skizze soll zeigen, daß die Geschichte kein Ende kennt, daß es wei −

tergeht, daß es begründete Entwicklungsperspektiven gibt. Praktisc h können nur wir

besti mmen, was geschieht.


3. Visionen −

Konzepte −

Experimente

3.1 Technik und Ökonomie −

Mittel statt Selbstz weck!

Ohne Technik könnten menschliche Lebewesen nicht als Menschen leben. Menschen

nutzen natürliche Gegebenheiten nicht nur für das bi otische Überl eben, sondern ge−

stalten sie aktiv um. Dazu schaffen sie Werkzeuge, die gegenständlich oder i n For m

ideeller Sachverhalte ( Wissen, Software, "Denkwerkzeuge") ei ne wichtige Grundlage ak−

tiver Täti gkeit si nd. Obgleich Techni k schon i mmer als etwas " Widernatürliches" ge−

kennzeichnet wurde, ist die " menschliche Natur" i n Wirklichkeit selbst dadurch be−

sti mmt, mittels geei gneter, selbst hergestellter Instrumente und Verfahren gesetzte

Zwecke zu erreichen. Als si nd nicht nur die verwendeten Werkzeuge und In−

strumente zu betrachten, sondern sie ist

(Krohn 1976, 43).

Wir sprachen bisher nur von Technik als Mittel zur Erfüllung menschlicher Zwecke.

Zwecke können jedoch innerhalb der gesellschaftlichen Organisation der Menschen

weitab von konkreten Bedürfnislagen liegen und sich stark verschieben und verselb−

ständi gen.

J. S. Mill: " Es ist fraglich, ob alle bisher ge machten mechanischen Erfindun−

gen die Tages mühe irgendei nes menschlichen Wesens erleichtert haben."

K. Marx: "Solches ist jedoch auch keineswegs der Zweck der kapitalistisch

ver wandten Masc hi neri e. Gl ei c h j eder andren Entwicklung der Produktivkraft

der Arbeit soll sie die Waren verwohlfeilern und den Teil des Arbeitstags, den

der Arbeiter für sich selbst braucht, verkürzen, u m den andren Teil sei nes

Arbeitst ags, de n er de m Kapit ali ste n u ms o nst gi bt, verl ängert. Si e i st Mittel

zur Produktion von Mehrwert. " ( Marx 1967, 391)

In der kapitalistischen Ökonomie, in der das menschliche Handel n de m Pri nzip " Aus

Gel d mache mehr Gel d" unterworfen wird, ist auch die Technik diesem Zweck unter−

worfe n. Nur i ns o weit sie diesen Zweck unterstützt, wird sie genutzt und weiter ent−

wickelt. Sie verstärkt deshalb die Kraft der herrschenden Pri nzipien der Geldver meh−

rung als Selbstzweck und ersc hei nt selbst als herrsc hende Mac ht. Also ist ein sinn−

voll er Umgang mit Technik daran gebunden, daß gleichzeitig andere gesellschaftliche

Verhältnisse hergestellt werden.

Di e Tec hni k, für dere n Akzept anz auf der E XPO ge worbe n werden soll, li egt voll i m

Trend technokratisch−neoliberaler Zukunftsplanung. Typisch dafür ist, daß die tech−

ni sc he Entwicklung als Selbstzweck betrachtet wird und die berechti gte Frage ent−

steht:

Tec hni k i st di e Ant wort. Aber was war di e Frage?

[Technik]

[Gesellschaft]

[Kapitalismus]

[ Ökono mie]

[Herrschaft]

[Macht]

[ Neoliberalis mus]


[Wertverwertung]

Vgl. Kap. 2. 1,

Punkt B.

[Epochen der Pro−

duktivkraftentwick−

lung]

[Entfremdung]

[Markt]

[Wertgesetz]

[Kapital]

[Umwelt]

Es bedarf jedoch weder ei ner Frage noch ei ner Antwort, denn die Techni k ist un−

ter den aktuellen Bedingungen alleinig Zweck i n ei ner selbstgenügsamen ökonomi−

schen Verwertungsmaschine. Technik ist das Mittel, um aus Geld mehr Geld zu ma−

chen, und Technik ist das Mittel, die dabei angerichteten Zerstörungen wieder zu

reparieren. Das Motto der EXPO könnte also auch sei n:

Mit Technik löst man die Probleme, die man ohne Technik nicht hätte.

Falsch wäre allerdings, der Technikverdammnis das Wort reden. Aber es gilt zu

verstehen, wie das Verhältnis von Ökonomie und Technik beschaffen ist, um ziel−

genaue zu leisten, um eine zu entwickeln, um realpolitische

zu diskutieren und auf i hre Tauglichkeit zu überprüfen.

Eri nnern wir uns an die Darstellung i m zweiten Kapitel. Mit de m Ei ntritt i n die

"Mittel−Epoche" wird die enge und durchschaubare Bindung von eingesetzten techni−

schen Mittel n und unmittelbaren Produktionszwecken i n Landwirtschaft und Hand−

werk aufgehoben. Die Mittel nutzung wird entsubjektiviert und einer eigenständigen

wissenschaftlichen Bearbeitung unterworfen. Gleichzeitig wird der ökonomische Pro−

duktionsprozeß vollko mmen umgestülpt, er wird den unmittelbaren Produzenten ent−

fre mdet. Nicht mehr für konkrete Bedürfnisse wird produziert, sondern gleichsam

nur mehr auf "Verdacht" für einen anonymen Markt, auf dem Güter über das univer−

selle Schmiermittel " Geld" getauscht werden können. Beide Prozesse, der ökono mische

Produktionsprozeß und dari n die Technikentwicklung verselbständigen sich gegenüber

den Menschen. Nicht die menschlichen Bedürfnisse zählen, sondern nur die kauf−

kräfti ge Nachfrage. Das Wertgesetz, aus Geld mehr Geld zu machen, ist unter−

schiedslos unerbittlich: Ob Kapital sich verwertet durch den Bau ei nes Stauda mms

oder durch Kaschierung ökologischer Schäden des Stauda mmbaus ist

gleichgültig. Nur eines kann der verselbständigte Prozeß nicht: stillstehen.

Vo n Tec hni k und Umwelt als sc hei nbar ökono misch unabhängigen Prozessen zu

sprechen, macht keinen Sinn. Mensch, Natur und Technik müssen zusammen gedacht

werden − aber nicht, wie die EXPO suggeriert, als unabänderliche, quasi−natürliche,

zwangsläufige Abfolge technischer Entwicklungen, die über uns kommen und denen

wir uns unterzuordnen haben. Es gibt nicht ei ne, unu mgängliche Zukunft, wie

sie uns die EXPO präsentiert, sondern die Zukunft ist offen und gestaltbar.


a. Kritik herrschender

Ökonomie und Technik−

ent wicklung

In diesem Abschnitt stehen drei Hauptrichtungen i m Mittelpunkt, die uns von der

EXPO als " Konzepte" zur Lösung der globalen Probleme präsentiert werden: Die voll−

ständi ge Liberalisierung des Marktes, die Technik als zentrale Proble mlösung und

das Nachhaltigkeitskonzept.

Hi nter der Liberalisierungsforderung steckt die Annahme, daß die Übertragung der

globalen Proble me an die Selbstregulation des Marktes die Probleme lösen werde. Wir

untersuchen hier wie die beschworenen Regulierungsmechanismen funktionieren. Der

genaue Blick offenbart die "Selbstheilungskräfte" als bloße Ideologie.

Wurden alle gesellschaftlichen Beziehungen historisch vor dem Kapitalis mus perso−

nal−konkret geregelt, so schob sich mit de m " Markt" ei n sachlicher Regulations me−

chanismus zwischen die Menschen. " Markt" ist hierbei nicht ei nfach ei n Ort des

Austausches − solche konkreten Plätze der Begegnung, der Tausches, der Kommuni−

kation, der Kultur, des gesellschaftlichen Lebens im weitesten Si nne si nd mit de m

"Markt" der Marktwirtschaft nicht gemeint. Der kapitalistische Markt ist ein abstrak−

ter, virtueller " Ort" des Vergleichens von Werten, ausgedrückt i n Geldfor m. Hier zeigt

sich, ob die unabhängig voneinander betriebenen Privatarbeiten auf ein gesellschaft−

liches Bedürfnis treffen oder nicht. Es wird also nicht vor der Produktion kommuni−

kativ geklärt, welc he Bedürfnisse der Gesellsc haft mit wel c hen Produkten befri edi gt

werden können, sondern erst wird auf " Verdacht" produziert. Dann zei gt sich i m

Nac hhi nei n, ob di e Produkte auc h " abgesetzt" werden können. Ei n ei gentlich sozialer

Prozeß − das Herstellen und Verbrauchen von Gütern zum Zwecke ei nes guten Le−

bens − wird über einen Umweg, den Markt organisiert. Dieser Umweg über den

Markt zei gt c harakteri sti sc he Ei gensc haften. Der Markt i st

Früher mußte man " zu m Markt" gehen, heute ist der Markt

überall, wo Werte mitei nander verglichen werden: i m Kaufhaus, auf der

Seite der Stellenanzei gen i n der Zeitung, an der Börse, i m Internet.

Konnten früher Mensc hen sozi al e und andere Gesic htspunkte

in den Tausch miteinbeziehen, z. B. Armen mal etwas mehr geben, so ist

der abstrakte Markt ei ne sachliche Ei nrichtung, die für jede/n gleich

gültig ist: sei ne Regel n gelten für alle i n gleicher Weise. Ei ntrittsbedi n−

gung ist das Geld, wer kei n Geld hat oder will, ist ausgeschlossen.

Es si nd nicht die Menschen, die die Marktregeln für ihre

Zwecke erschaffen, sondern die Marktregel n erwachsen aus der i nneren

Logik des Marktes selbst, der den Menschen als Selbstzweck gegenüber−

tritt. Alle Beteiligten − ob Produzent oder Konsument − reproduzieren

durch i hr " Marktverhalten" die vorgegebenen Selbstzweckregel n. Dabei ist

es nicht möglich, sich einfach "anders" zu verhalten als die Regeln vor−

geben.

Der Markt erzeugt sich selbst, i n de m die Menschen

sei ne Gesetze befol gen. Der Regulator ist der Wert der zu tauschenden

Waren − seien es materielle Güter, Dienstleistungen oder Arbeitskräfte.

Die Konkurrenz der Marktteilnehmer zwingt diese, sich marktregulärzu Vgl. Kap. 2. 2,

Punkt B. Die

Herrschaft der

"schönen Maschine"

[Marktwirtschaft]

[Wert]

[Produktion]


[totalitär]

[Subsistenz]

[Umweltschutz]

Die [ Agenda 21] i st

gleichzeitig das

Grundsatzpro−

gramm der Expo.

John M. Keynes

(1883−1946), Öko−

no m und Regul ati −

onstheoretiker,

entwarf Theorien

über die Steue−

rung des Marktes.

[Fetischismus]

verhalten. Wer sei ne Produkte als Kapit alist versc henkt, ist nic ht mehr

länger einer, wer kei nen Lohn für sei ne Arbeitskraft ni mmt, hat nicht

all e Tassen i m Sc hrank.

Der abstrakte, gleichgülti ge, subjektlose Mechanis mus des Mark−

tes drängt eigengesetzlich zur Eroberung jeglicher Bereiche und Sphären

der Gesellschaften. Er macht keinen Halt vor bestehenden sozialen, kom−

muni kativen, subsi stenzi ell en Strukturen, di e noc h ni c ht von den Marktge−

setzen erfaßt wurden. Er dringt sogar dort ein, wo es gar nicht um

Kaufen und Verkaufen geht: Liebesbeziehungen, Freundschaften, Nachbar−

schaften.

All diese Eigenschaften machen den Kapitalis mus ungeheuer effizient, und das ist

es, was sei ne Rechtferti ger i mmer wieder hervorheben. Worüber sie verlegen hi nweg

gehen, ist sei n abstrakter, gleichgülti ger, subjektloser, selbstreproduktiver und tota−

litärer Charakter. Macht man sich diese Eigenschaften klar, dann wird deutlich: Ef−

fizienz auf der einen Seite ist tödliche Effizienz auf der anderen − wir kennen alle

die Beispiel e. So mutet es absurd, j a grotesk an, wenn die EXPO nun ausgerechnet

di e Markt mec hanis me n al s Mittel des Umweltschutzes propagieren, also genau die

Mechanis men, die die globalen Verheerungen erst erzeugt haben. Dem gleichgültigen

Markt sind aber die propagandistischen Sprüche der EXPO herzlich egal. Hieß es

früher, man müsse den Markt i n Richtung des Umweltschutzes "steuern" ("ökosozialer

Umbau"), so soll nun der von der Leine gelassene Pitbull, der liberalisierte Markt, die

Umwelt rest aurieren?

"Jedes Unternehmen wei ß selbst a m besten, mit welcher Technologie es die

Zi el e erreic ht. " ( Expo−Beteili gungsgesellschaft der deutschen Wirtschaft, unter

www. expo2000−bg. de).

"Schlichtweg entscheidend für die angezielte Kultur des vernünfti gen Um−

gangs mit der Knappheit aber ist die Wahl des richtigenOrdnungsrahmens. Di es kann nur ei n markt wirtschaftlicher sein. Weniger denn je werden wir

auf den Markt verzichten können. Er ist der effizienteste Infor mations− und

Koordi nations mechanis mus, den wir auf Erden kennen." ( Dahlmanns1996, S.

33 − zitiert nach Bergstedt 2000d)

"... wichti gstes Ziel wäre die Verei nfachung oder Beseiti gung der Beschrän−

kungen, Vorschriften und Formalitäten, welc he i n viel en Entwicklungsländern

die Gründung und Führung von Unternehmen erschweren, verteuern und

verzögern. " ( Agenda 21, Kap. 2. 37)

Es muß endlich kl ar werden, daß sich der Markt nicht regulieren läßt, denn auf

Dauer setzen sich die Wertgesetze des Marktes i mmer durch. Alle historischen Ver−

suche − seien es die staatskapitalistischen Ansätze des "Realsozialismus" oder die

keynesi anistischen Steuerungsversuche der Sozi al de mokratie − waren und si nd letzt−

lich hilflos gegenüber de m " Terror der Ökono mie". Das zeigt auch das Totalversagen

von Rot −Grün überdeutlic h. Wichtig ist dabei folgende Erkenntnis: Der Markt läßt

sich nicht des wegen nicht steuern, weil etwa noch nicht die richti gen Mittel gefun−

den wären. Nei n, der Zusammenhang ist grundsätzlich ei n umgekehrter: Der Markt

läßt sich deswegen nicht steuern, weil es der Markt selbst ist, der steuert! Marx

nannte das "Fetischismus". Menschen richten ihr Verhalten nach einer toten Sache

aus, die angehi mmelt wird wie ein Fetisch. Der sich selbst steuernde Markt gleicht


einer ruhelosen Maschine, die in jedem von uns einen perfekten Maschinenwart fin

det, der die Maschi ne a m Laufen hält. Wer teil ni mmt, steuert nicht, sondern läßt

sich von den Gesetzen der Maschine, den Marktgesetzen, steuern. Eine wahrhaft

"schöne Maschine" wie Adam Smit h mei nte. Es gibt nur ei ne Möglichkeit, sich nicht

steuern zu lassen: den Ausstieg. Der wertver mittelte Markt, der Umweg der Vergesell−

schaftung, kann nicht refor miert, sondern nur abgeschafft und dort, wo Gütertausch

nöti g oder gewollt bleibt, ersetzt werden − durch ei ne Ökono mie von unten.

Die Expo 2000 präsentiert Technik, vor alle m hochentwickelte Technologie als Pro−

bl e mlösung. Doch nicht nur auf der Expo findet sich diese Sichtweise:

− Das Bevölkerungswachstum, unkritisch als Bevölkerungs oder gar

−explosion bezeichnet, soll für Hunger und Vertreibung ursächlich sei n.

Di e Me nsc he n werden durch Technik gerettet: Bevölkerungskontrolle,

Empfängnisverhütung, Gentechnik.

− Die Energieversorgung wird künstlich dramatisiert, um neue Großtechno−

logien durchsetzen zu können, z. B. nach wie vor die Atomkraft ( neue

Reaktortypen oder Fusionsforschung) oder Staudämme. Gerade hier wird

aber besonders schnell kl ar, daß die Techni k die Proble me erst schafft

und nicht löst.

− Die wachsende Mobilität ist eng verbunden mit ei ner Politik, die sie ge−

zielt erzeugt ( große Industrieanlagen und Freizeitpark, Touris musziele und

Innenstadt−Konsumzonen − jeweils kilo meterweit vonei nander entfernt) .

Die Zumutbarkeitsregelungen i m Arbeits markt oder die Einteilung ganzer

Konti nente nach Billi glohnsektoren oder Rohstoffgewinnung schafft erst

den Transport, der dann technisch bewälti gt werden soll. Neue Motoren,

Transrapid oder lär mar me Flugzeuge bieten sich als Lösung für Proble me

an, die ohne die kapitalistische Logik gar nicht existierten.

Die Expo 2000 komplettiert diese Einzelpunkte und fügt sie zu einem geschlosse−

nen Weltbil d zusa mmen, i n der nur noc h die Tec hni k als Probl e mlösungsmittel i n

Frage ko mmt. Zwischenmenschliche Fragen, Herrschaftsstrukturen usw. werden auf

der Expo fol gerichti g auch nicht mehr the maisiert, weil sie technisch nicht lösbar

si nd.

"In den Entwicklungsländern nötigen der Niedergang des traditionellen Hand−

werks und der Landwirtschaft − verstärkt durch Umweltkat astrophen und die

Zerstörung natürlicher Ressourcen − Millionen Menschen zur Landflucht und

zu Tätigkeiten, die das Existenz mini mum nicht mehr sichern können. Die

Gl obali si er ung der Wirtschaft kann allerdings auch diesen Ländern erhebli−

che Fortschritte bringen." (Expo GmbH 1997, S. 39 − zitiert nach Bergstedt

2000d).

Di e Versc hleierung der eigentlichen Ursachen von Hunger, Vertreibung, Diskri minie−

rung, Umweltzerstörung, Ausgrenzung und Krieg hängt mit der Mythisierung der

Tec hni k als Probl e mlösung zusa mmen. Das ei ne wäre ohne das andere nicht denk−

bar, weil unbegründet. I nsofern ist das Weltbil d der Expo ebenso wie das der neoli−

beralen VordenkerInnen i n sich schlüssig. Nur sind die Probleme falsch beschrieben.

[Maschine]

Ada m S mith

(1723−1790), Öko−

no m, Begründer

des ökono mischen

Theorie des Libe−

ralis mus

["Schöne Maschine"]

[Vergesellschaf−

tung]

[von unten]

(High−Tech)

Das " Bevöl ke−

rungsproblem"

wird regel mäßig

nicht begr ündet

(warumist das

Wachstum ei n

Proble m, ange−

sichts z. B. von zur

Zeit doppelter

Nahrungs menge

wie nötig?); "Be−

völ kerungsexplosi −

on" bezeichnet ei−

ne schneller wer−

dende Bevöl ke−

rungszunahme,

was mathe matisch

falsch ist.

[Herrschafts−

strukturen]

Dieses Zitat macht

kraß deutlich: Der

"Niedergang" ent−

steht wie von

selbst und durch

Umweltkatastro−

phen. Der " Nieder−

gang" wird sogar

zum Grund für

Landflucht. Die

Gl obali sier ung ret −

tet dann alles.


(Bevölkerungspro−

ble m)

[Natur und ihr

Wert]

[Agenda 21], (Bun−

des ministerium für

Umwelt, Natur−

schutz und Reak−

torsicherheit 1998)

Sie existieren gar nicht oder ihre Ursachen sind andere. Folglich sind auch die Lö−

sungen, hier vor allem die totale Marktwirtschaft weltweit und die Technisierung des

Alltags, falsch.

Die Proble me der bisheri gen Vernutzung der Natur und i hrer Umwandlung i n Abfall

si nd nicht mehr zu übersehen. Während noch vor 30 oder 20 Jahren die ökologi−

schen WarnerInnen als Spi nnerInnen betrachtet wurden, fundierte die wissenschaftli−

che Studie über ein "Zukunftsfähiges Deutschland" (1996), daß der Energie− und

Stoffumsatz der mensc hlichen Täti gkeit auf ei n Zehntel des jetzi gen Wertes herunter−

gefahren werden muß, wenn die Kli maverhältnisse einiger maßen stabil und die öko−

logischen Beziehungen in lebenserhaltenden Fließgleichgewichten bleiben sollen. Allei n

zur Gefahrenabwehr muß der CO 2−Ausstoß bis zum Jahr 2050 um 80−90% gesenkt

werden, die Mengen von Schwefeldioxid− und Stickstoffverbindungen in den Böden

müssen ebenfalls um 80−90% gesenkt werden usw. An diesen Forderungen geht nun

sogar die angeblich so naturorientierte EXPO 2000 jedoch meilenweit vorbei. Hier

wird i mmer noch so getan, als sei es mit etwas Verzicht auf offensichtlichen Raub−

bau getan, als wäre es nicht notwendig, die gesamte Lebens− und Wirtschaftsweise

radikal zu verändern. Noch i n der Studie "Sustai nable Netherlands − Ei n Aktionspro−

gra mm für die Niederlande" von 1993 wird gefordert: "... keine Hamburger mehr, ein

Liter Benzin pro Tag und Nase, für jeden einmal in zehn Jahren eine Flugreise..."

(Spehr 1995). So deutliche Aussagen vermied die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland"

bereits wohlwissend.

Di e wenigen Ansätze zur Veränderung der Lebensweise endeten bei m erhobenen

Zei gefi nger der KonsumentInnenkritik − i nzwischen steht auf dem Plan der "nach−

haltigen" Umgestaltung nur noch die Effektivierung und das "Produktiver−Machen"

der Produktionsgrundlagen.

Dabei wird etwa die Natur in den Ländern des Trikonts als "gemeinsames Mensch−

heitserbe" rekl a miert und für deren sparsamen Gebrauch soll ausgerechnet die Tech−

ni k und Wissenschaften der Industriestaaten verwendet werden ( Spehr 1995).

Agenda 21: " Das wi sse nsc haftli c he Pote nti al für die bio− und ge ntec hni sc he

Forschung und Entwicklung und die finanziellen Kapazitäten zur industriellen

Produktion und gewerblichen Verwertung bestehen i m wesentlichen i n Indu−

strieländern, während in den Entwicklungsländern der Großteil der zu lösen−

den Proble me auftritt. "

Raub und Enteignung von ge meinschaftliche m Grund und Boden wurde schon i m−

mer durch die Behauptung gerechtferti gt, die Räuber könnten das Land " produktiver"

bewirtschaften. Nun also dasselbe unter dem Öko−Banner! Neben diesen unmittelbar

räuberischen Anliegen soll die Idee der Nachhaltigkeit auch innerhalb der kapitalisti−

schen Kernländer lediglich ein "Fit−Machen der nördlichen Industriestaaten für eine

Zeit schmalerer Rohstoffvorko mmen" ( Spehr 1995) bewirken.

Di e Ge ntec hni k wird als "Lösung" von Umweltprobl e men angepriesen: Bakteri en mit

Fluoreszenz würden den Schadstoffanteil i m Wasser anzei gen. ( Bundes ministerium

1994, 7). Die EXPO 2000 macht gleichermaßen Werbung für Atomkraft, für CO 2−Sen−

kung ( S. 5) − oder zentralistische Wasserstofftechnologie ( S. 12) und Kernfusion ( S.

14). Gen− und Atomtechnik sind auch wesentliche Bestandteile der Vorschläge in der

berühmten Agenda 21, auf die sich sogar viele Umweltverbände und −I niti ativen posi −

tiv beziehen:


"Kapitel 16 beschreibt die Biotechnologie als ideale Fortschrittstechnologie.

,Als innovativer, wissensintensiver Forschungsbereich bietet sie eine Vielzahl

nützlicher Verfahrenstechnologien für vom Menschen vorgenommene Verände−

rungen der DNS ( Erbgut), oder des genetischen Materials in Pflanzen, Tieren

und Mikroorganis men, deren Ergebnis überaus nützliche Produkte und Tech−

nologien sind‘. Die Sicherheitsverfahren sollen lediglich ,unter Berücksichti−

gung ethischer Gesichtspunkte‘ festgelegt werden. Unter andere m wird der

internationale Patentschutz auf Leben hervorgehoben. Die Gentechnik wird

als Lösung der Ernährungsproble me propagiert, obwohl schon die Fragestel−

lung falsch ist, denn Hunger ist kein Problem der Produktionshöhen, son−

dern der Verteilung (...) Das Problem der , kerntechnischen Anlagen‘ wird auf

die sic here Zwischen− und Endlagerung reduziert (ohne daß auch nur ein

Halbsatz zum Thema Ausstieg aus der Atomenergie zu finden ist)". ( UVU,

1999)

Ei ne andere For m der " Neuausrichtung des technischen Fortschritts" fordert bei−

spielsweise E. U. v. Weizsäcker als ei ner der Hauptvertreter des Konzepts " Zukunfts−

fähi ges Deutschl and". Ähnlich der Stei gerung der Arbeitsproduktivität soll nun die

Energieproduktivität dra matisch erhöht, und damit der Energie− ( und Stoff−) −Umsatz

der produktiven Tätigkeiten der Menschen bis auf ökologisch verträgliche Maße ab−

gesenkt werden.

"Aus einem Kubikmeter Wasser, aus ei ner Kilowattstunde, aus ei ner Tonne

Kupfer kann man gut und gerne doppelt so viel, vier mal so viel, ei nes Ta−

ges zehnmal so viel Wohlstand herausholen wie heute." ( Weizsäcker 1 994, 1) .

Not wendig ist dazu eine "Effizienzrevolution", die Wei zsäcker u. a. mittels ei ner öko−

logischen Steuerreform durchsetzen will. Weitere technische Beispiele werden i m Buch

"Faktor Vier" vorgestellt, ei ne m Bericht an den Club of Ro me und an die Expo

2000(!), bei denen die Vervierfachung der Ressourcenproduktivität gelungen ist. Dabei

wird zugegeben, daß fast i m gesamten produktionstechnischen Bereich eine vierfache

Energieproduktivitätsstei gerung nicht möglich sei n wird. Richtigerweise wird aller−

di ngs Wert darauf gelegt, zu betonen, daß viele der produzierten Güter ei gentlich

eher eine Verschwendung darstellen als Nutzen bringen. 80% aller fertigen Produkte

werden nach ei nmali ger Benutzung weggeworfen und die meisten der i n der Produk−

tion verwendeten Stoffe werden spätestens 6 Wochen nach de m Verkauf zu Müll

(Weizsäcker, Lovins, Lovins, S. 19). Die genannten positiven Beispiele sind u. a.:

− Hy perautos: Vom Nordkap bis Sizilien mit ei ner Tankfüllung

− Vollbiologisches Bürohaus, Superfenster: Heizen und Kühlen zum Nulltarif

−SenkungdesStromverbrauc hs von Haus halt geräten u m drei Viertel

Für verwendete Stoffe wird inzwischen auch an "Faktor 10"−Konzepten gearbeitet.

Di e Tec hni k hat si c h al so wirklich weiterentwickelt und hält i nteressante Optionen

bereit. Die soziale Seite jedoch hat sich mit allen Konzepten i mmer mehr ver−

schlechtert. Der i m früheren Eco−Development−Konzept des Umweltprogra mms der

Vereinten Nationen 1973 z. B. noch enthaltene Versuch, einen "alternativen Entwick−

lungspfad" i n Richtung Umwelt− Sozialverträglichkeit zu entwickeln, wurde mit

de m Nachhalti gkeits−Konzept aufgegeben. Jetzt geht es nur noch darum, die Herr−

schaft der Konzerne des i ndustriellen Nordens " nachhalti g" und " zukunftsfähi g" zu

erhalten und dabei jegliche Reichtums− oder Ressourcen−Umverteil ung mit de m Argu−

ment abzuschmettern, daß nur die " modernsten" und technologisch am weitesten ent−

UVU =

[Umweltschutz von

unten]

Grundlegend wurde

dieses Konzept

bereits von Jörg

Bergstedt kritisiert

( Bergstedt 1998,

274ff.).

Zur Notwendi gkeit

der Ressourcen−

ei nsparung siehe

Grenzen des

Wachstums, Global

2000 und andere

Studien über den

ökologischen Zu−

stand der Welt.


[Interessen]

[Vergesellschaf−

tungsfor m]

[Emanzipation]

[Verdinglichung]

[Wissenschaftskri−

ti k]

wickelten Akteure für Nachhaltigkeit bürgen könnten. Unter der Maßgabe, daß nicht

me hr ökologi sc he, öko no mische und sozi ale Bel ange gegenei nander ausgespielt wer−

den sollen, wird ein scheinbarer Interessenkonsens unterstellt, wobei "der ökologi−

schen Di mension Priorität eingeräumt" werden soll ( Paschen o. J. , S. 3). Während ein

"Abschied vom westlichen Wirtschafts− und Wohlstands modell" in den abstraktesten

Leitbildfor mulierungen ab und zu noch auftaucht, hat sich seit der Erfi ndung dieser

Konzepte gezeigt, daß gerade dieser Aspekt überhaupt nicht ernsthaft thematisiert

oder gar realisiert wird. Wenn schon, werden nur die angeblich fehlgeleiteten Kon−

summuster der Menschen kritisiert. Der Wirtschaft gegenüber wird in Tagungen eher

mal darüber di skuti ert, wi e man das Ganze " marketi nggerec hter" aufbereiten könne.

Für Öko−Interessierte mag die Debatte um " Nachhalti gkeit" und " Zukunftsfähi gkeit"

vi ell ei c ht vor 6 Jahren anregend und hoffnungsvoll gewirkt haben. Angesichts der

Erfahrungen da mit können nur noch Lernunwilli ge übersehen, daß diese Konzepte

höchstens die Sympto me der Probl e me berühren und gerade da mit die gefährdende

Wirtschafts− und Vergesellschaftungsweise des Kapitalis mus retten wollen. Durch i h−

ren technokratischen Rigoris mus haben sie i nzwischen auch die Ansätze abgelöst, die

ei nst Sozialorientierung versuchten und i n diese m Kontext erst mali g auch partizipa−

tive und e manzi patori sc he Tec hni kgest altung zu m The ma mac hte ( vgl. Banse/Fri ed−

rich 1996). "Nachhaltigkeit" entpuppt sich so als das, was es ist: als die nachhaltige

Absicherung der Profit möglichkeiten i m Kapitalis mus.

Auch die neuzeitliche Wissenschaft spricht nicht zufällig vom Ziel der "Naturbeherr−

schung". Zwar meint die Wissenschaft, wertfrei zu sei n, aber letztlich hat sie auch

mindestens politische Ziele. Als die Wissenschaft i m neuzeitlichen Sinn entstand,

sollte die Vernunft den Machtanspruch der Bourgeoisie gegen die alte t heologisch

begründete Herrschaft absichern. Dieselbe Vernunft läßt sich auch trefflich ei nset−

zen, die Beherrschung der in der eigenen Gesellschaft Unterdrückten zu legiti mie−

ren. Aber es findet nicht nur Mißbrauch einer "an sich sauberen Wissenschaft" statt,

sondern die Wissenschaft ist über die i nstitutionalisierten Förderstrukturen selbst i n

Ver wertungsvorgaben kapitalistischer Marktwirtschaft eingebunden. Dies wirkt nicht

nur auf die Forschungsi nhalte, die nach i hrer potentiellen Ver wertbarkeit beurteilt

werden, sondern auch auf di e Met hodi k. Bis i n die I nhalte des wissenschaftlichen

Denkens hineingefressen hat sich eine Über macht der Trennung von Objekt und

Subjekt, des Quantitativen über das Qualitative, des Verdi nglichten gegenüber de m

Schöpferisch−Wechselwirkenden usw. Die kapitalistische Form der Produktivkraftent−

wicklung hat sich in die Produkte und in die Wissenschaft eingeschrieben. Zu Recht

stellt sich damit die Frage:

"Ist es überhaupt möglich, Wissenschaften, die offensichtlich so tief mit

westlichen, bürgerlichen und männlich do minierten Zielvorstellungen verbun−

den si nd, für e manzipatorische Zwecke ei nzusetzen?" ( Hardi ng 1990, S. 7)

Wissenschaftskritik i n diese m Si nne ist schon länger Bestandteil e manzipatorischer,

insbesondere feministischer Bewegungen.


. Vision einer Welt ohne

Markt− und Verwer−

tungslogik

Di e verselbst ändi gte kapit ali sti sc he Ökonomie ist Sinnbild einer totalitären und

zentralistischen " Ökonomie von oben". Zwar spüren auch die Kapitalvertreter die Not−

wendigkeit einer dezentralisierten flexiblen " Kleingruppen−Ökonomie", doch Profitma−

xi mierung und Marktzwänge werden durch diese Übertragung von Detailverantwor−

tung nicht aufgehoben, sondern gestärkt. Sie wirken jetzt nicht nur auf die Chefe−

tage, sondern in jeden kleinsten Arbeitsprozeß hinein.

Ei ne Auf hebung der Ver wertungslogik ist nur dann zu erreichen, wenn die Orien−

tierung an Profit und Ver marktbarkeit generell beendet wird. Als Alternative wird

sich ein gemeinsamer Reichtum aus der unbeschränkten Selbstentfaltung der Men−

schen bilden sowie eine effiziente "Ökonomie von unten" i m Si nne ei nes von den

Menschen gestalteten, frei vereinbarten Güteraustausches. Diese Vision wollen wir

hier skizzieren, sie ist nur jenseits der Wertverwertung aufbaubar. Erstes Ziel ist,

möglichst vielen gesellschaftlichen Bereichen den ökonomischen Charakter gänzlich

zu nehmen. Direkte menschliche Beziehungen bedürfen keiner "Ökonomie", ebenso

ni c ht die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse aus einem gesellschaftlichen Reichtum

bzw. das eigene Mitschaffen dieses Reichtums nicht aus einer Notwendigkeit, sondern

aus Lust und Interesse heraus. Wo die Entökonomisierung der Gesellschaft nicht oder

noch nicht gelingt, entsteht eine Ökonomie von unten, d. h. die der direkten Bezie−

hungen z wischen den a m Güteraustausch beteili gten Menschen.

Kapitalistische Marktwirtschaft funktioniert nur als Ökonomie der Knappheit. Nur

ei n knappes Gut ist ver wertbar. Wo kei ne Knappheit herrscht, wird Knappheit mit

Gewalt und herrschende m Recht als Recht der Herrschenden hergestellt. Bezog sich

historisch diese Herstellung von Knappheit auf die syste matische Zerstörung der

subsistenzwirtschaftlichen Strukturen in den agrarischen Gesellschaften und später

auf alle Rohstoffe, so wird heute der Enteignungsfeldzug auf dem Gebiet des Wissens

und der Verfügung über Infor mationen fortgeführt.

In einer freien Gesellschaft hat jeder Mensch den freien Zugriff auf die ange−

sammelten Erfahrungen aller Menschen. Alle Regelungen, die dies ei nschränken,

werden abgeschafft. Dies sei anhand ei ni ger Beispiele illustriert.

Di e Zuc ht und der Anbau von Saat gut wird in keiner Weise mehr

ei ngeschränkt, weder durch gesetzliche Restriktionen ( wie etwa in der BRD)

noch durch gentechnische Manipulationen und Patente ( wie etwa durch die

Fir men Monsanto, AgrEvo u. a.) . Jedes Saat gut darf als Grundl age für Züc h−

tungen oder den Anbau frei verwendet werden. Alle Erfahrungen und Infor−

mati onen, di e aus Anbau oder Zuc ht ge wonnen werden, si nd wiederum für

jeden frei verfügbar, die Privatisierung von Wissen ist ausgeschlossen.

Jegliche Software darf frei benutzt werden, Kopien dürfen frei er−

stellt und verteilt werden. Der Quelltext des Progra mms und die Dokumenta−

tionen si nd frei verfügbar.

"Ökonomie" i m Si n−

ne " alles muß sich

rechnen" ist i n

unserer Überfluß−

gesellschaft nicht

mehr durch

Knappheit und

Mangel zu be−

gründen, sondern

dient al s ideologi −

sches Totschl ags−

argu ment gegen

alternative Vorstel −

lungen.

[Selbstentfaltung]

Güter bezieht sich

hier auf materielle

und geistige For−

me n.

[Gewalt]

[Freie Gesell−

schaft]

Quelltext: Von

Menschen les− und

veränderbare For m

der Software


[Freiheit]

Progra mme dürfen verändert und als modifizierte Progra mme weitergegeben

werden. Diese Frei heit darf jeder genießen, ei ne Privatisierung des an−

sammelten Wissens in "Softwareform" ist ausgeschlossen.

Jegliche Pläne und Konzepte über den Bau von Fahrrädern sind

frei verfügbar. Diese Infor mationen umfassen sowohl die Fahrradtechnik als

auchdieTechnikenzurHerstellungvonFahrrädern. Siedürfenkopiert,

geändert und als neue Pläne und Konzepte weitergegeben werden. Jeder

darf über die Infor mationen zur Technologie und zum Bau von Fahrrädern

frei verfügen, ei ne Privatisierung ist ausgeschlossen.

Rezepte zur Herstellung von Speisen und die Liste von Zutaten

si nd frei verfügbar. Diese Herstellungsanleitungen beschreiben sowohl die

Zusammenstellung und Menge der verwendeten Zutaten als auch die Metho−

di k i hrer Ko mpositi on. Die I nfor mati onen der Speisenherstelltec hni ken dürfen

kopiert, geändert und als neue Rezepte weitergegeben werden. Jeder darf

über die Infor mationen frei verfügen, ei ne Privatisierung ist ausgeschlossen.

Diese Beispiele sollen die Bedeutung der freien Verfügung über das Wissen, das die

Mensc hheit ersc haffen hat, hervorheben. Di e Mac ht privater Nutzni eßer sol c her I n−

for mationen beruht ganz zentral auf de m Ausschluß Anderer von diese m Wissen. Sol−

che Ausschlußmittel sind Patente, Copyrights, Markenschutz, Lizenzen, Gesetze und

Verordnungen. Sie dienen einzig dazu, die Verfügungsgewalt Weniger i m Interesse

ihrer Profitsicherung zu "schützen", sie schaden der Mehrheit der Menschen. Eine

freie Gesellschaft mit ei ner Ökono mie von unten schließt solche Beschränkungen aus.

Mit Kochrezepten, Fahrradbau, Software und Saatgut haben wir bewußt vier unter−

schiedliche Beispiele mit unterschiedlichen aktuellen Beschränkungen ausgewählt.

Während sich das Szenario bei Kochrezepten schon fast lustig liest, da auch jetzt

schon nahezu alle Rezepte frei verfügbar si nd ( mit wenigen Ausnahmen), ist dies bei

den anderen Beispielen nicht so. Das Kochrezeptbeispiel illustriert aber auch die Un−

versc hä mtheit, den Menschen das von ihnen geschaffene Wissen vorzuenthalten. Die

Enteignung findet täglich statt: Auf besonderen Fahrradtechnologien liegen Patente,

die ei nen Nachbau verhi ndern. Unfreie Software ( es gibt auch Freie Software, s. u.)

wird nur mit restriktiven Lizenzen verkauft, die eine Weitergabe verbieten. Der

Quelltext liegt den Progra mmen nicht bei, was ei ne Änderung technisch un möglich

mac ht. Ähnlich kraß ist das Beispiel des Saatguts. In vielen Ländern, so auch i n

der BRD, darf Saatgut von Bauern nicht selbst angebaut oder gezüchtet werden.

Fir men wie Monsanto gehen sogar soweit, i hr Saatgut gentechnisch so zu modifi zie−

ren, daß angebautes Getreide nicht mehr als Saatgut verwendet werden kann.

Ei ne freie Gesellschaft ist ei ne Gesellschaft, i n der die unbeschränkte Entfaltung

des Ei nzel nen die Voraussetzung für die Entfaltung aller ist. Die unbeschränkte Selb−

stentfaltung ist nicht nur eine subjektiv wünschenswerte und angenehme Vorstellung,

sondern sie ist auch objektiv erforderlich. Wieso das?

In Kapitel 2 haben wir den Kapitalismus mit ei ner Maschi ne verglichen, ei ner Ma−

schine, die aus Wert mehr Wert macht. Diese Maschi ne ist ei n subjektloser Auto mat,

der sich selbst reguliert. Zentraler Regul ator ist der Wert und zwar i n zweifacher

Weise: für die Seite der Produktion und die des Konsums. Auf der Seite der Produk−

tion geht es darum, durch Einsatz von Technik und Wissenschaft die Arbeits menge

im Produkt, den Wert, per manent zu verri ngern, also die Produkte ständi g zu ver−

billigen, wozu die Konkurrenz unablässig antreibt. Dieser Sachzwang wird vom Kapi−


talverwalter, vo m Manager, vo m Kapitalisten ausgeführt. Ei n ähnlicher Sachzwang

besteht auf der Seite des Konsums. Nur durch Verkauf sei ner Arbeitskraft kann der

Produktions mittellose am Konsum teilhaben, an dem er jedoch auch teilhaben muß,

will er über Konsum sei ne Arbeitskraft wi eder herstell e n: Arbeite n ge he n, u m Arbei−

ten gehen zu können. Die Aufrechterhaltung dieser Hamsterrad−Logik ist auch zen−

trales Interesse der Herrschenden, weswegen "Arbeit" ungebrochen i m Zentrum herr−

schender Ideologie steht, der sich nicht selten auch Li nke anschließen.

Wichtig ist nun: Alle Beteiligten, ob Herrschende oder Beherrschte, reproduzieren

durch ihr Tun den subjektlos ablaufenden totalitären Verwertungszusammenhang, i n

dem sie die strukturellen Zwangsvorgaben erfüllen. In diesem Sinne gibt es keine

" Schuldi gen" oder " Unschuldi gen", das i ndividuelle Handel n ist i nnerhalb der gegebe−

nen Grenzen subjektiv funktional. Die kapitalistische Verwertung ist so angelegt, daß

man sich nur auf Kosten anderer behaupten kann − das Maß unterscheidet sich bei

Herrsc henden und Beherrsc hten gewiß erheblich. Doch entscheidend ist diesem Zu−

sammenhang: Der Kapitalismus ist kein "steuerbares" System, es steuert sich selbst

durch ei nen Wertver mehrungs−Auto matis mus, der kei nen Winkel der Erde und keinen

Rau m des i ndividuellen Rückzugs ungeschoren l äßt − ei n wahrhaft totalitäres Sy−

ste m.

Dieses amoklaufende totalitäre Wertverwertungssyste m kann nur abgeschafft, die

"schöne Maschine" kann nur abgeschaltet werden. Die Alternative zur Steuerung der

Menschen durch einen Sachzusammenhang ist die Steuerung aller Sachzusammen−

hänge durch die Menschen. Die totale Besti mmung der Menschen durch den Wert

wird abgelöst durch die Besti mmung aller Angelegenheiten der Menschen durch die

Menschen selbst. Nur so − und nicht anders − si nd die Verheerungen des monströ−

sen Kapitalis mus wieder in lebbare Verhältnisse umkehrbar − in Natur wie Gesell−

schaft. Die selbstbesti mmte Entfaltung jedes Ei nzelnen ist kein freundlicher Wunsch,

sondern unabdi ngbare Rettungsvoraussetzung der Menschheit.

Oft wird eingewandt: " Warum soll die Entfaltung des Ei nzelnen die Rettung bringen

− wird dann nicht nur alles schli mmer? Die Menschen si nd nun mal egoistisch, faul,

xxx" ( xxx = nach Belieben aufzufüllen). Das ist ein großer Unfug. Kein Mensch ist

" nun mal" so oder so. Die Menschen verhalten sich unter den gegebenen Bedi ngun−

gen so, wie es ihnen das sich selbst reproduzierende Wertverwertungssyste m nahe−

legt, so, wie sie mei nen, unter den gegebenen Bedingungen über die Runden zu

ko mmen. Unter kapitalistischen Bedi ngungen hei ßt dies strukturell: Ich kann mich

nur behaupten, wenn ein anderer es nicht kann, ich kann mich nur auf Kosten

anderer durchsetzen. Oder wie es der (damalige) US−Vorstandsvorsitzende von Dai m−

ler−Chrysler, Robert J. Eaton, for muliert:

" Die Schwachen müssen sich verändern, oder sie werden sterben. " (junge

Welt, 8. 7. 99)

Und i m Kapitalis mus kann es nicht nur Starke geben, der aktuelle Starke ist der

nächste Schwache − wie auch Eaton erfahren mußte, der inzwischen von seinen

deutschen " Partnern" abserviert wurde ( woran er jedoch gewiß nicht zugrunde geht) .

Selbstentfaltung dagegen vollzieht sich nie mals auf Kosten anderer, sondern setzt

die Entfaltung der anderen Mensc hen notwendig voraus, da sonst meine Selbstentfal−

tung begrenzt wird. I m eigenen Interesse habe ich also ein unmittelbares Interesse

an der Selbstentfaltung der anderen. Diese Vision läuft unseren heutigen Bedingun−

gen, unter denen man sich eingeschränkt nur auf Kosten anderer durchsetzen

kann, total zuwider. Die unbeschränkte Selbstentfaltung des Menschen ist unter den

Bedingungen der totalitären "schönen Maschine" undenkbar. Selbstentfaltung schließt

[Arbeit]

[Funktionalität,

subjektive]


[Kooperation]

[Gleichberechtigung]

[Freie

Verei nbar ung]

Fre mdbesti mmung − seien es sachliche oder soziale Zwänge − aus. Wenn alle ab−

strakten, gleichgültigen, subjektlosen Zwänge verschwinden, ist der alleinige Maßstab

des Handelns die individuellen Bedürfnisse der Menschen. Ohne abstrakten Markt

liegen sie wieder direkt i m Zugriff der Menschen. Mich unter diesen Bedingungen

auf Kosten anderer durchzusetzen, schadet mir unmittelbar selbst − denn der ande−

re ist nun ohne ver mittel nden Markt mei ne unmittelbare Lebensbedi ngung. Und wer

will mit ei ne m " Arsch" noch etwas zu tun haben? Das Handel n des anderen ist für

mich direkt relevant, es gibt keine Umwege mehr, keiner ist mehr käuflich. Positiv

gedacht bedeutet das: Da ich " auf Kosten" anderer nichts mehr erreichen kann,

liegt es nahe, alles i n Kooperation mit anderen i m ge mei nsamen Interesse zu tun.

In einer freien Gesellschaft erst kann die Kooperation ihre schier unbegrenzten Po−

tenzen entfalten. Die eigene und die kooperative Entfaltung bedingen einander, trei−

ben sich gerade zu an.

Es wird klar, daß alle kooperationswidrigen und individuell beschissenen und be−

hi nder nde n Be di ngunge n aus der Welt gesc hafft werden. Und das ist auch möglich,

denn niemand muß mehr Profit realisieren, um ein Bedürfnis zu erfüllen. Endlich

können sich die Menschen unbehindert und undirigiert durch die außer Kontrolle

geratene "schöne Maschine" den Problemen der Welt, die nun i hre Proble me si nd, zu−

wenden. Die Aufhebung der Marktabstraktion bedeutet nämlich auch, daß alle Pro−

bl e me wieder näher heranrücken. Es gibt kei ne abstrakte I nstanz mehr, die " verant−

wortlich" ist. Jeder selbstbesti mmt handel nde Mensch i n ei ner freien Gesellschaft

trägt unmittelbar Verantwortung für sei n Tun.

Di e aktuell e n ökonomischen Verhältnisse, mit Marktwirtschaft bezeichnet, basieren

auf ei ne m Markt, der selbst ei ne Mac ht darstellt, ei nen Selbstz weck. Wer sich nicht

"marktkonform" verhält, hat keine oder kaum eine Chance. Zudem kontrollieren

vi el erl ei I nstituti o ne n das wirtschaftliche Treiben. Ihr Ziel ist nicht nur, gesetzliche

Rahmenbedi ngungen oder das Interesse der Konzerne durchzusetzen, sondern auch,

solches wirtschaftliches Verhalten einzudämmen, welches sich nicht am bestehenden

Markt und seinen Mechanismen ausrichtet, z. B. direkter Tausch, selbstorganisierte

Märkte, ei gene Züchtungen von Saatgut, Land− und Hausbesetzungen, Ei genversor−

gung und Direktver marktung z. B. von Energie und Nahrungs mittel n usw.

In der Vision jenseits der Verwertungsgesellschaft würde diese Situation ganz an−

ders aussehen. Hier wäre Ökonomie als Selbstzweck und Regel mechanis mus i n kei ner

For m mehr vorhanden. Es gäbe kei nen Markt, der mit sei nen Gesetz mäßi gkeiten al−

les wirtschaftliche Handeln dominiert, keine Institutionen, die spezielle Interesse und

Gesetze durchsetzen. Jedes wirtschaftliche Handel n, also der Austausch von Gütern

aller Art ( materiell oder i mmateriell), entsteht zum ei nen, wachsenden Teil als gesell−

schaftlicher Reichtum aus der Selbstentfaltung der Einzelnen und besteht zum ande−

ren auf der direkten Verei nbarung zwischen gleichberechtigten Menschen. Der ge−

sellschaftliche Reichtum bezeichnet die von allen zur freien Verfügung geschaffene

Menge an materiellen und geistigen Gütern, Ideen und Konzepten. Diese Menge er−

setzt den verknappten, sich selbst steuernden Markt, der aus nicht frei verfügbaren

Produkten besteht. Die direkte Verei nbarung bezieht sich auf die konkrete, einzelne

Schaffung von materiellen oder geistigen Gütern nach einem konkret geäußerten

Bedürfnis.

Das Konzept " Freier Menschen i n freien Verei nbarungen" gilt somit auch i n allen

ökonomischen Bereichen. Die Ökonomie ist zurückgefahren auf das direkt Verhandel−

bare und Notwendige. Die wesentlic he Bereic he von Gesellsc haft funkti oni eren ohne


ökonomisches Handeln, also ohne In−Wert−Setzung, Tausch, Verhandlungen usw. Die

sich entfaltenden Menschen schaffen einen materiellen Reichtum, den sie selbst auch

nutzen. Hilfe und Unterstützung, Nehmen und Geben geschieht ohne das ständi ge

Verrechnen und Vergleichen, Anbieten und Nachfragen. Die direkte Ökonomie ist

dann noch ei n Lückenfüller − wenn irgendjemandem/r irgendwo etwas fehlt, kann

verhandelt werden ob i m direkten Tausch, also de m abgesprochenen Geben und Neh−

men, dieses erschaffen wird. Diese direkte Ökonomie vollzieht sich ohne Markt und

Institutionen, also "von unten". Sie ist i mmer gezielt, konkret und zwischen einzel−

nen Personen und nutzt die modernen Produktions mittel wie Internet−Kommunikation

etc.

Welc he Anteil e an der Produktivit ät die direkte Ökono mie und welc he das freie

Schaffen von materiellem und geistigen Reichtum in der Gesellschaft haben wird, ist

schwer abzuschätzen. Beide m aber ist ge mei nsam, daß sowohl Marktwirtschaft als

auch ökono mische Institutionen vom Gewerbeamt bis zur Welthandelsorganisation

überflüssi g si nd.

c. Konzepte − auf dem Weg

zu Entökonomisierung

und Ökonomie von unten

Di e Vision einer verwertungsfreien Welt mit der Mischung aus gemeinsamem Reich−

tum an Gütern und Ideen sowie der bedürfnisorientierten Ökonomie von unten ist

kei n irrealer Wunschtrau m, sondern eine machbare Alternative zur "schönen Maschi−

ne" des totalitären Kapitalismus. Sie liegt jedoch unbestreitbar in einiger Ferne,

muß aber de nnoc h der Maßst ab s ei n, an de m wir Forderungen auf dem Weg dorthin

messen. Hier stellen wir konkrete Konzepte und Forderungen vor, deren Realisie−

rung heute angegangen werden können oder als Projekte bereits laufen.

Die Herrschenden reden uns ei n, der Fortschritt würde zum Erliegen ko mmen,

wenn "geistiges Eigentum" nicht durch Patente oder ähnliches geschützt würde. Das

ist in vielfacher Hinsicht absurd, das Gegenteil ist heute der Fall.

Patente und andere Beschränkungen dienen zu allererst

der Absicherung des Profits großer Unternehmen und Konzerne. Es fehlt ei−

gentlich nur noch die Behauptung, Patente seien ei ne Maßnahme für ei n

"nachhaltiges Wirtschaften" − und das wäre noch nicht mal verkehrt, zielt

Nachhaltigkeit doch nur auf nachhaltige Profitsicherung ab. In der Realität

werden die meisten geschützten " Erfi ndungen" ei ngekauft oder gestohlen. Die

wenigsten Patente gehen aus den Forschungsabteilungen der Konzerne her−

vor. Si e verfügen j edoc h über di e Mittel, Patente o. ä. zu schaffen, anzueig−

nen und juristisch gegen Widersacher durchzusetzen.


Dieses Buch er−

schei nt unter ei ner

freien Lizenz (" Co−

pyleft"), die das

Kopieren, das

Veränder n und das

Weitergeben des

modi fi ziert e n Tex−

tes erlaubt und

die dafür sorgt,

daß sich nie mand

den Text privat

unter den Nagel

rei ßen und z. B.

mit ei ne m Copy−

ri ght belegen

kann. Nur der

Hi nwei s auf di e

Quelle, die Auto−

rI nnengruppe und

die Bezugs möglich−

keit müssen ent−

halten bleiben.

[Algorithmus]

[Kritische

Psychologie]

Mit der Patenti erung natürli c her Ressourcen setzt sic h di e

Enteignungswell e der Mensc hheit fort. Di e meisten " unentdeckten" bi ol ogi −

schen, genetischen oder che mischen Ressourcen befinden sich in den ab−

hängi gen Ländern der sog. Dritten Welt. Es ist grotesk, wenn Bauern auf

ei n mal verboten wird, ein Saatgut für die Zucht zu verwenden, nur weil ei n

transnati onal er Konzern ei n Patent durc hgesetzt hat.

Patente, Lizenzen und Ähnliches illegalisieren Kreativität,

Ko mmuni kation und Ideen der Menschen. Wenn ein Produkt nicht meinen

Bedürfnissen gerecht wird, kann ich es nicht verbessern, wenn das ein Pa−

tent untersagt. Ich darf ein Buch nicht kopieren, weil ei n Copyri ght darauf

liegt. Ich darf Software nicht weitergeben, weil ei ne Li zenz das verbietet.

Alltägliche, selbstverst ändliche nachbarschaftliche Hilfe wird illegalisiert.

Des wegen lautet die unmißverständliche Forderung: Weg mit allen Patenten und an−

deren juristischen Restriktionen, die der Menschheit i hr kumuliertes Wissen vorent−

halten! Freier Zugriff für alle auf alle Informationen, Zugang zu allen Archiven und

Datenbanken. Abschaffung von Copyri ghts und Lizenzen, die die Weitergabe von Wis−

sen verhi ndern.

Als aktuellem Fall möchten wir auf die Auseinandersetzungen um die Einführung

von Softwarepatenten auf europäi sc her Ebene hi nweisen. Bisl ang ist Software oder

deren zugrunde liegender Algorithmus in Europa nicht patentfähig. Konzerne wie

Microsoft wollen dies ändern. Die Hauptbetroffenen wäre die EntwicklerInnen Freier

Software, denn sie wüßten nie, ob sie bei Schreiben Freier Software nicht gerade ein

Patent verletzen. Ei n Erfol g auf diese m Gebiet kann ei n wichtiges Signal für die

Zurückdrängung der Beschränkungswut i n anderen Bereichen sei n ( wie etwa bei

Saat gut oder Bi o− und Genpatenten) . Politisc he Be wegung und freie Softwarebewegung

sollten sich unterstützen und vonei nander lernen.

Bereits die vorherrschende Wissenschaft kann Effekte, die auf Neues hinweisen,

ni c ht mehr ganz verleugnen: In ihrer Selbstorganisation erweist sich die Welt als

schöpferisch−lebendig. Die untersuchten Gegenstände zeigen sich selbst als wechsel−

wirkende Prozesse usw. Noch werden diese Ansätze wieder nur in den Dienst eines

noch besseren " Managements" i m alten Interesse genutzt. Sie öffnen aber die Tür in

Ri c htung ei ner andere n Art vo n Wissenschaft. I m gesellschaftswissenschftlichen Be−

reich ist die Kritische Psychologie solch ein Beispiel einer anderen Wissenschaft.

Wichtige Punkte dazu sind:

−Jede(auchdieNatur−)Wissenschaft muß Wissenschaft vom Menschen (und

seinen Beziehungen zu anderen Menschen und der Natur) sein.

− Gegenstand muß die Natur als sich selbst Bewegende sein, qualitative

As pekte er mögli c he n di e Erke nnt nis vo n Ent wicklungszusammenhängen in

Ri c htung ei ner Me nsc h− Natur−Allianz ( Ko−Evolution).

− Transparenz und Reflexivität bezüglich der gesellschaftlichen, kulturellen

Besti mmtheit usw. ist notwendig.

−InderLehredürfennicht nur Ergebnisse formal vermittelt werden, son−

dern es muß spannende Beteili gung an historischen oder aktuellen For−

schungen stattfinden.


Je direkter wirtschaftliche Kontakte organisiert werden, desto ei nfacher wird es

möglich, daß die beteiligten Menschen diese selbst verwalten. Großkonzerne, −ver−

sorger und −handel entziehen sich jeglicher Kontrolle, weil i hre Strukturen für die

ei nzel nen Menschen nicht greifbar, meist nicht einmal durchschaubar sind. Daher

si nd klei nräu mige Strukturen des Wirtschaftens und Handels kleine Schritte in Rich−

tung des Abbaus ökonomischer Hierarchien. Konkrete Anwendungen für solche dezen−

tralen Ökonomien sind:

Jedes bisherige "Geschäft" kann auch auf direktem Weg und

unter Verzicht auf künstlicher Wert maßstäbe wie Geld abgeschlossen wer−

den. Jede Ei nzelperson kann sich so de m Zwang zur Lohnarbeit als ei n−

zi ger Existenzsicherung stückweise entziehen.

Di rekter Aust ausc h von Waren− und Dienstleistungen inner−

halb einer festen Gruppen, z. B. den interessierten Menschen in einer

Region, Stadt oder Stadtteil. Der Tauschwert von Dienstleistungen und

Waren wird entweder der freien Verei nbarung überlassen oder über ei ne

zeitabhängige Größe organisiert. Letzteres gibt allen Arbeiten den glei−

chen Wert, was gegenüber de m marktwirtschaftlichen Index nach Angebot

und Nachfrage bzw. Monopolisierung eine gleichberechtigtere Position

darstellt. Allerdi ngs bleibt i n allen Fällen das Proble m, das nur nachge−

fragte Angebote einen Tauschwert darstellen. Proble matisch ist, daß es

sich weiterhi n u m ei ne Ver wertung und nicht um ei n freies Verhältnis

zwischen Menschen mit gl eiche m Zugriff auf Möglichkeiten zur wechsel−

seitigen Unterstützung ohne Wertvergleich handelt. Tauschri nge funktio−

ni eren nur i m von uns ge wünsc hten Sinne, wenn niemand eine/n ande−

ren in irgendeiner Weise erpressen kann, wenn niemand eine Monopol−

stellung mit sei ner Leistung erlangt.

Was zunächst l apidar anmutet und i m

direkten Umfel d ( Familie, Bekanntschaft) auch häufig funktioniert, kann

zu einer Alternative zum wertorientierten Markt und Tauschen entwickelt

werden. Wo sich Menschen aus freier Entschei dung ( und nicht als

Tausc hwert) unterstützen, bleibt der Markt mechanis mus draußen. Denkbar

ist, daß sich eine überschaubareGruppevon Menschen zu einer direkten

Unterstützungsge mei nschaft zusa mmenfi ndet, z. B. Nachbarschaften, Kieze,

Hofge mei nschaften us w.

− Weitergehend sind oder andere For men des gegenseiti gen

Aust ausc hes vo n Waren und Dienstleistungen, in denen sich Menschen

und ihre Betriebe gegenseitig anbieten, auch ohne Geld, aber gegen Mit−

arbeit oder andere Gegenleistungen, z. B. an Lebens mittel oder technische

Hilfe zu kommen. Denkbar ist ebenso, sich gegenseitig solidarisch abzusi−

chern, zu helfen usw., gemeinsame Absicherungen (Kranken−/Altersversi−

cherung) aufzubauen, ge mei nsam ei ne Energieversorgung herzustellen und

vi el es me hr ( si e he unt e n) .

Di e Aussc haltung des Zwischenhandels führt zu mehr

Transparenz und Einflußnahme. So können AbnehmerInnen mit Hand−

werkerInnen, Energieanl agenbetreiberInnen oder LandwirtInnen direkt

verei nbaren, wel c he Produkte wie hergestellt oder angebaut werden usw.

Di rektver marktung i st daher nur ei n kl ei ner Sc hritt, weitgeehnder si nd

Bedürfnisorientierung ( ErzeugerInnen−VerbraucherInnen−Gemeinschaften

us w. mitfesten Absprachen, Gemeinschaftsbesitz usw.).

[Zwang]

Gerade i n fa miliä−

ren oder ähnlichen

Strukturen basiert

Hil fe oft aber

nicht auf Frei wil−

li gkeit, sondern

auf [ Erwartungs−

haltungen], ei n

"Nein" ist nicht

ohne weitgehende

Konsequenzen

denkbar.

[Kooperativen]


[Freiraum]

Wo Geräte ( Maschinen, Computer, Küchen usw.)

ge mei nsa m genutzt werden, kann viel Geld gespart werden, das sonst

erst ei nmal zwingend erwirtschaftet werden muß. Um bürokratische

Strukturen zu ver meiden, wäre denkbar, die Geräte i n der Obhut ei ner

Person oder ei nes Betriebes zu bel assen, sie jedoch frei auszulei hen ge−

gen die Pflicht der I nstandhaltung.

Direkte und dezentrale Ökonomie sind teilweise ei nfache, aber i n i hrer Wirkung

sehr begrenzte Möglichkeiten, Verwertungslogik aufzuheben. Das persönliche Erleben

geri ngerer Abhängi gkeit von Markt und Profitorientierung wird von Einzelnen und

Gruppen i n der direkten Ökono mie oft überhöht. Eher ist richtig, daß direkte Öko−

no mie nur klei ne Veränderungen auf begrenztem Rau m schafft, die realen Gesa mt−

verhält ni sse aber ni c ht berührt. Mit neuen Ansätzen, Erweiterungen und Verknüpfun−

gen verschiedener Ideen sowie der Verknüpfung mit widerständigen Aktionen gegen

die Rahmenbedi ngungen kann aber di e Wirkung gesteigert werden.

Als Zukunftsmodell wird auch das Konzept " New Work" von Fritjof Berg mann ge−

handelt. Wichtig daran ist, daß i m Mittelpunkt nicht nur die ei ne oder andere Tech−

ni k steht oder die Erhaltung des ei nen oder anderen Biotops, sondern das Konzept

genau das Zentrum der Proble me i ns Auge ni mmt: die Arbeit, die sonst als The ma

gern vergessen wird.

Der Ausgangspunkt ist die Abnahme der notwendigen industriellen Arbeit, die bis−

her die "Normalarbeitsplätze" geschaffen hat. Die üblichen "Beschäftigungsprogramme"

si nd i m all ge mei nen blödsi nni g, wenn es nur darum geht, die Leute weiterhi n mor−

gens 6 Uhr aufstehen, sich 8 Stunden bei irgendeinem Job langweilen und auf den

Freitag warten zu l assen. Der Ökologie ist es auch nur abträglich, wenn mit de m

Argu me nt, daß di ese Jobs gebrauc ht werden, i mmer mehr i mmer schneller kaputt ge−

hende Güter produzi ert werden − wie es zur Zeit geschieht. Der Ausgangspunkt des

"New Work", die notwendi ge Jobarbeit auf ca. ei n Drittel des bisherigen Umfangs zu

reduzieren, ist deshalb nur vernünftig. Aber was dann? Eigentlich − unter anderen

gesellschaftlichen Verhältnissen − würde jedeR selber auf genug Ideen kommen, was

man mit der befreiten Zeit anfangen könnte. Das geschieht zur Zeit noch viel zu

wenig. Erste kleine Schrittchen, erste Angebote für Alternativen sucht deshalb das

Konzept New Work mit der Ergänzung zweier neuer Arbeitsfor men neben der redu−

zierten Jobarbeit: Erstens eine hochtechnisierte, möglichst gemeinschaftliche Selbst−

versorgung auf vielen Gebieten (z. B. produktive Gärten auf Hochhausdächern, Werk−

stätten usw.) und zweitens Freirau m für das, was jedeR " wirklich, wirklich tun" will,

ohne unbedingt an eigenen oder gesellschaftlichen ökonomischen Nutzen denken zu

müssen. Das Proble m bei der Realisierung dieses Konzepts unter unveränderten ge−

sellschaftlichen Bedingungen ist eine Defor mierung der ursprünglic hen ökol ogisc hen

und emanzipatorischen Grundidee. Denn diese wartet darauf, i mmer wieder freigelegt

und neu mit Leben erfüllt zu werden. Gerade die Weiterführung des üblichen Arbeits−

verst ändni sses " Job" i n Ri c htung dessen, was wir "wirklich, wirklich tun" wollen und

di e Entfaltung ei nes hoc hproduktiven ( !) Sel bstversorgungsprozesses si nd vo m Ver−

ständnis her − aber auch i n i hrer Praxis − wichtige Schritte auf dem Weg in die

von uns angestrebten ökologischen und emanzipatorischen Zukünfte.

Auf ei ne I dee vo n Er nst Bl oc h ge ht di e Alli anztechnologie zurück, die die Natur

ni c ht überlistet, sondern mit ihr "kommuniziert". Solch eine Vorstellung ist nur mög−

lich, wenn die Natur selbst als schöpferisch und produktiv angesehen wird. Die von


Bl oc h angestrebte Allianz−Technik ist eine "Entbindung und Vermittlung der i m Schoß

der Natur schlummernden Schöpfungen" (Bloch, S. 813). Sie überlistet die Naturkräfte

ni c ht, sondern "verwendet die Wurzel der Di nge mitwirkend" (Bloch, S. 805). Bloch

mac ht deutlich, daß eine neue Allianz mit der Natur nur auf Grundlage ei ner be−

freiten, d. h. ei ner nichtkapitalistischen Gesellschaft möglich sein wird.

d. Experimente

Das Ende der Verwertungslogik, das gemeinsame Erschaffen offen nutzbaren Reich−

tums und die " Ökonomie von unten" beschränkt sich nicht auf Visionen oder Kon−

zepte, sondern es gibt bereits laufende Experi mente, von denen wir ausgewählte Bei−

spiele, die die Ideen gut illustrieren, vorstellen.

Ei n bi sl ang wenig beachtetes Beispiel für den Aufbau einer "Ökonomie von unten"

jenseits von Verwertungszusammenhängen ist die Freie Software. Das liegt ver mut−

lich daran, daß sich die freie Softwarebewegung über die kleine Revolution, die sie

voll zieht, kaum be wußt i st − und das, obwohl es sich um hunderte dezentrale, aber

mitei nander vernetzte Projekte mit vielen tausend Beteiligten handelt. Wie kam es

dazu und wie funktioniert Freie Software?

Ohne Software l äuft kei n Co mputer. Lange Zeit waren jedoch Co mputer so teuer,

daß die Software von den Herstellern als unwichti ge Zugabe betrachtet wurde, die

zude m meist von den wenigen NutzerInnen in wissenschaftlichen Einrichtungen auch

noch selbst entwickelt wurde. Das änderte sich Anfang der 80er Jahre. I m Zuge ge−

stiegener Leistungsfähi gkeit bei gleichzeiti g si nkenden Preisen wurde Software als

Ver wertungsgegenstand i nteressant. Da jedoch kei n "Software−Mangel" herrschte und

es eine subsistenzähnliche Selbstversorgung mit Software gab, mußte ei ne künstliche

Verknappung erst hergestellt werden. Dies geschah durch spezielle Lizenzen, die die

Weitergabe von Software untersagte und das Zurückhalten des Quelltextes der Soft−

ware, de n man brauc ht, u m Soft ware sel bst weiterzuentwickeln. Nach diesem Schema

funktioniert die kapitalistische Softwarei ndustrie ( Microsoft, SAP, Adobe etc.) heute

noch.

Als Reaktion auf die Kommerzialisierung bildete sich die Freie Softwarebewegung.

Ihr Ziel war es, für jeden frei verfügbare und kostenlose Software bereitzustellen,

und zwar sowohl als lauffähiges Programm als auch als Quelltext zur eigenen Wei −

terentwicklung. Garantie für die Frei heit der Software war ( und ist) ei ne spezielle Li−

zenz, die eine Reprivatisierung untersagt. Sie basiert auf dem Copyright und nennt

sich " Copyleft". Die Lizenz enthält ein ausgefeiltes Regelwerk, das man so zusammen−

fassen kann: Alles ist erlaubt, nur das Verbieten ist verboten! Das "Copyleft" war ein

genialer Schachzug, doch erst die Abkehr von eher "zentralistisch−geschlossenen" hin

zu "selbstorganisiert−offenen" Formen freier Softwareprojekte schuf den Durchbruch.

Das war Anfang der Neunzi ger Jahre − viele kennen sicher das bekannteste Ergeb−

ni s freier Softwareentwicklung, das Betriebssystem "Linux".

Freie Softwareentwicklung erfol gt selbstbesti mmt in selbstorganisierten Projektgrup−

pen. Ei nzel ne Personen oder Gruppen, übernehmen die Verantwortung für die Koor−

di nati on ei nes Projektes. Projekt mitglieder stei gen ei n und wieder aus, entwickeln

Im Konkreten

griff auch Bloch

daneben, weil er

die Atomkraft als

solch eine natürli−

che " Wurzel der

Di nge" betrachtete.


Zu m Buschberghof:

Viele der Personen

stammen aus

Ha mburg und si nd

de m reichen Bil −

dungsbürgerInnen−

tum zuzurechnen.

Wieweit das ge−

mei ns a me Ei ge n−

tum aus ei ner be−

wußten Entschei−

dung heraus ent−

wickelt wurde, ist

unklar. Die Daten

beschreiben die

Situation Mitte der

90er Jahre.

und testen Programme und diskutieren die Entwicklungsrichtung. Es gibt keine Vor−

gaben, wie etwas zu l aufen hat, und fol glich gibt es auch verschiedene Regel n und

Vorge he ns weisen in den freien Softwareprojekten. Dennoch finden alle selbstorgani−

siert i hre For m, die Form, die ihren selbst gesetzten Zielen angemessen ist. Aus−

gangspunkt si nd die ei genen Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen − das ist be−

deutsam, wenn man freie und kommerzielle Softwareprojekte vergleicht.

Es zeigte sich, daß diese aus eigenen Bedürfnissen, der Fähigkeit zur individuellen

Selbstentfaltung und kooperativen Selbstorganisation gespeiste Produktionsweise u m

ei n vielfaches befriedigender, aber auch effektiver ist und zu qualitativ besseren Pro−

dukten führt. Die Unterstellung, selbstorganisierte Projekte würden i m Chaos enden,

wurde und wird hier eindrucksvoll widerlegt. Dies bezieht sich vorerst "nur" auf die

Softwareszene − i m Bereich materieller Güterproduktion ergeben sich noch zusätzliche

Hürden, di e mit den Eigentumsverhältnissen an materiellen Produktionsgrundlagen

und −mittel n zu tun haben.

Natürlich gibt es auch die Versuche, diese verschenkte, also nicht kommerziell ver−

wertete Arbeit wieder zurück in den Verwertungskreislauf zu zwingen. Trotz der wei −

ter l aufenden Versuche, diesen Ausbruch aus der Verwertung wieder einzufangen,

wurde in einem Bereich erstmalig die Tür aufgestoßen in eine neue Welt, ei ne nic ht −

kapitalistische Produktionsweise. Andere Bereiche, die Ökoszene und Alternativprojekte

sind aufgerufen, von den Erfahrungen mit Freier Software zu lernen. Vor alle m die

zentrale Erfahrung, daß nur außerhalb von Verwertungszusammenhänge Selbstentfal−

tung und Selbstbesti mmung möglich ist, gilt es zu verallge mei nern.

Bereits heute bestehen Kooperativen der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung. Es

si nd meist klei ne und klei nräu mige Verbindungen zwischen Menschen, die z. B. ihr

Eigentum und ihre Möglichkeiten teilen (etwas verschiedene Kommunen oder Maschi−

nengemeinschaften), die sich gegenseitig helfen usw.

Beispiele:

− In verschiedenen Regionen hat es gegeben, bei denen

sich alle gegenseiti g geholfen haben, ei ne Sol aranl age zu bauen. Nach ei −

niger Zeit hatten alle eine solche Anlage kostengünstig bei sich errichten

können.

mit gemeinsamem Eigentum stellen einen Versuch dar, koope−

rativ die materiellen Güter zu verwenden. Zwar schaffen sie alle eine

starre Abgrenzung nach außen, d. h. die kooperative Teilung des ge mei n−

samen Reichtums an Gütern gilt nur i ntern, aber selbst das kann schon

als Experi ment begriffen werden. Ei n Beispiel ist die Ko mmune i n Nie−

derkaufungen, bei der alle beteiligten Personen (i mmerhin fast 100 Kinder

und Erwachsene) i hr Ei gentum teilen. Dieser Reichtum entsteht aus der

eigenen Entfaltung i n der Kommune, aber auch durch die markt− und

ver wertungsorientierte Beteili gung der Ko mmune oder der ei nzel nen Per−

sonen an den äußeren gesellschaftlichen Verhältnissen.

−Inwenigen Ausnahmefällen gibt es auch außerhalb von Kommunen eine

ge mei ns a me von Land oder zu mindest die gemeinsame

Entscheidung und Nutzung, d. h. den Zugriff auf den entstandenen Reich−

tum − hier an Nahrungs mittel n. Ei n Beispiel dafür ist der Buschberghof

bei Fuhlenhagen (demeter), der von ca. 300 Personen aus der Umgebung

ge mei nschaftlich getragen wird.


− Wechselnder Theken− oder Ladendienst. Beispiele sind die Berliner Kneipe

"Ex", wo verschiedene politische Gruppen je einen Abend die Bewirtung

machen, oder verschiedene Nachbarschaftsläden, Food−Coops mit Laden

us w. in etlichen Städten.

− Energieanlagen in , z. B. BürgerInnenwindanlagen, wo

mehrere Menschen gemeinsam diese Anlagen besitzen und betreiben.

Foto: Ungar n−Pa−

vill on auf der Ex−

po 2000. Die Öff−

nung zei gt nach

Westen, zum Kapi−

talismus.


[Rolle]

[Zwang]

Diese Verhält ni sse

gelten i m direkten

Verhält ni s − ob

z. B. Bewaffnetsei n

für ei nen Wider−

stand all ge mei n

von Vorteil i st,

soll hier mit nicht

beantwortet sei n,

sondern unterliegt

ei ner Vielzahl

ko mplexer Wir−

kungs mechanis−

me n.

[Erziehung]

3.2 Alle Menschen sind

gleich ... manche sind

glei cher?

Jeder Mensch ist anders! Die Unterschiede zwischen den Menschen sind völlig ver−

schiedener Art. Sie si nd äußerlich, oft spontan und wechsel haft, leben und handel n

mit unterschiedliche m Wissen oder unterschiedlicher Erfahrung, Kraft, Ausdauer oder

Neigung. Kein Mensch ist gleich, jeder hat seinen eigenen Standort auf der Welt

mit sei ner unverwechselbaren Perspektive. Alle Menschen si nd aber gleichberechti gt,

denn alle Menschen haben die Möglichkeit, in der Gesellschaft ein angenehmes Le−

ben zu führen − grundsätzlich. Praktisch ist es aber nicht so. Praktisch gibt zwi−

schen den Menschen Abstufungen, Herrschaftsverhältnisse und Machtgefälle. Sie be−

ruhen auf realen Abhängigkeiten, unterschiedlichen Verfügungs möglichkeiten über die

eigenen Lebensbedingungen und nicht selten auf offenem Zwang ( Gewalt, Unterdrük−

kung, Angst usw.). Oft treten zu diesen äußeren Bedingungen noch verinnerlichte

soziale Konstruktionen ( Rollen etc.) hinzu. Diese haben sich als verinnerlichte Zwän−

ge teil weise soweit verselbständi gt, daß sie kei nes äußeren Zwanges mehr bedürfen,

um zu wirken. Verinnerlichte Zwänge werden auch zwischen den Menschen weiterge−

geben, die da mit die realen Herrschaftsverhältnisse i m Alltag verfesti gen und repro−

duzieren.

Unterschiede z wischen Menschen können auf äußeren Zwängen, d. h. for malen, in

stitutionalisierten Herrschaftsverhältnissen oder Handlungsmöglichkeiten beruhen. Wer

me hr Gel d hat, ei ne Waffe besitzt, nicht eingesperrt ist (um nur einige Beispiele zu

nennen), hat definitiv mehr Handlungs möglichkeiten als Menschen, auf die solches

ni c ht zutrifft. Solche i nstitutionalisierten Herrschaftsverhältnisse werden nicht vo m

Individuu m selbst geschaffen, sondern si nd Ergebnisse gesellschaftlicher Rahmenbe−

di ngungen. Sie gelten mehr oder weni ger universell, d. h. Reich− oder Bewaffnetsei n

führt überall zu den gleichen Machtvorteilen.

Di e Untersc hi ede z wischen den Menschen werden i n der Realität dadurch gestei−

gert, daß sich mehrere Vor− bzw. Nachteile vereinigen können. So verfügen viele

reiche Menschen bzw. die Menschen in reichen Ländern nicht nur über Geld, son−

dern auch über Waffen, zumindest mehr und überlegene Waffen, über das Ei gentum

a m Boden, die Kontrolle der Handelswege, Energieversorgung, Lebens mittelproduktion

us w. Gleiches gilt auch im kleinen Maßstab − immer wieder haben einige Menschen

Gel d, Grundei gentu m, die Verfügung über weitere Ressourcen, während anderen das

ver wehrt bleibt. Selbst in den reichen Industrienationen gibt es viele Menschen,

denen grundlegend oder weitgehend alle Ressourcen und Möglichkeiten vorenthalten

werden, z. B. Ki nder, Obdachlose, Nicht mündi ge, viele Frauen, Behi nderte, Auslände−

rInnen und alle, die aufgrund sozialer Vorgaben nicht über die gleichen Möglichkei−

ten und den freien Zugang zu Ressourcen verfügen.

Tradi erte Vorstell unge n vo n Werti gkeiten, i mmer wiederkehrende Erziehungsmuster

zu gesellschaftlichen Rollen und Inhalte von Bildung sowie Medienbeeinflussung füh−


en zu nicht willkürlichen, sondern typischen und sich i mmer wieder reproduzieren−

den Mustern. Für diese sozialen Konstruktionen gibt es sehr offensichtliche Beispie−

le. So beruht das Gefälle zwischen Männer und Frauen bei Lohnhöhen, bei der Prä−

senz in Führungspositionen oder bei m Zugriff auf Geld, Eigentum usw. auf der im−

mer wieder erneuerten sozialen Konstruktionen von Werti gkeitsunterschieden. Zur

Rechtferti gung solcher sozi al konstruierten Werti gkeitsunterschiede wird die Verschie−

denheit von Menschen genutzt: seien es geschlechtliche, biologische, "ethnische" Un−

terschiede oder unterschiedliche Neigungen, Verhaltensweisen oder sonsti ge Merkmale,

die sich zur Zuschreibung von " Ei genschaften" ei gnen. Diese realen Verschiedenheiten

werden zu homogenen "Eigenschaften" von Gruppen von Menschen umgedeutet, um

sie als Rechtferti gung zur diskri mi nierenden Behandlung dieser Gruppen zu verwen−

den.

Rollenbil dung und Werti gkeiten zwischen Männern und Frauen entstehen nicht

durch das biologische Geschlecht, sondern aufgrund der all gegenwärti gen, von (fast)

allen Menschen ständig reproduzierten Bilder und Erwartungshaltungen gegenüber

den anderen Menschen und sich selbst, z. B. in der elterlichen Erziehung und Beein

flussung, Schule, Arbeitswelt, Medien us w. "Mannsein" oder "Frausein" als gesell−

schaftliche Rolle, als soziales Geschlecht} ist folglich eine Zuweisung der Person zu

diese m Geschlecht durch gesellschaftliche Bedingungen. Dieser Prozeß reproduziert

sich wegen der subjektiven Funktionalität, die diese Rollen für die Menschen i m täg−

lichen Überlebenskampf und für langfristi ge Perspektiven zumindest aktuell haben,

ständig selbst, so daß die Rollen von Generation zu Generation weiterver mittelt wer−

den und i n fast allen Lebensfeldern vorko mmen. Dadurch wirken sie so, also wären

sie ei n Naturgesetz. Den betroffenen Menschen ko mmt ihre gesellschaftliche Rolle

wie eine Besti mmung vor, der sie nicht entgehen können und die an nachfol gende

Generationen weitergegeben wird.

Ähnlich wie diese soziale Konstruktion zwischen Männern und Frauen finden sich

solche zwischen Alten und Jungen, sogenannten Behinderten und Nicht−Behinderten,

In− und AusländerInnen, Menschen mit und ohne Ausbildung usw. Immer werden

Werti gkeiten abgeleitet, die zu unterschiedlichen Möglichkeiten der ei genen Entfaltung

und zu Herrschaftsverhältnissen führen.

Die äußeren und verinnerlichten Herrschaftsverhältnisse, sozialen Rollenzuschrei−

bungen und die wie ein unabwendbares Schicksal erscheinenden Beeinflussungen der

individuellen Lebens− und Gesellschaftsentwürfe finden sich zwischen einzelnen Men−

schen, zwischen Gruppen und auch global z. B. zur Zeit zwischen Nationen oder

St aatenbünden ( wie der EU). Eine festgezurrte Rollenverteilung gibt es zwischen ein

zelnen Menschen ebenso wie zwischen Regionen, Stadt und Land, ar men und reichen

Ländern. Die i nneren Zwänge werden dabei oft durch biologistische Setzungen pseu−

dowissenschaftlich gerechtfertigt. Sei es die " natürliche Neigung der Mutter zum

Ki nd" oder di e " gefühls−/körperbetonten Schwarzen" − auch in der neuesten Zeit

kursieren viele solcher Behauptungen, bei denen i mmer aus biologischen Tatsachen

oder Behauptungen Ableitungen auf gesellschaftliche Rollen und Wertigkeiten erfol−

gen. Biologische Unterschiede zwischen Menschen sind vorhanden, aber nicht geeig−

net, daraus sozi ale Rollen zu erkl ären. Dennoch geschieht es, wobei die biologischen

Unterschiede als Hilfsargument dienen, die Herrschaftsinteressen und kapitalistische

Ver wertungslogik zu verschleiern. Menschen lassen sich durch die Macht− und Pro−

fitorienti erung sowie ihr eigenes Bemühen, durch Zuordnung zu vorgegebenen und

erwarteten Lebensläufen i hr ei genes Leben schei nbar besser gestalten zu können,

besti mmten Rollen zuordnen. Die biologischen Begründungen dienen der Verschleie−

rung dieser tatsächlichen Interessen.

Die Zugehöri gkeit

zu "Ethnien" ist

bereits selbst kon−

struiert, da sie

wie "Völker" oder

"Rassen" willkür−

lich festgelegt

werden.

[Rolle]

[Funktionalität,

subjektive]

[Biologismus]


[Rolle]

Ziele der Konzer ne

auf der Expo,

insbesondere im

Deutschen Pavillon,

Quelle: www.

expo2000−bg. de

"Wie ei n Naturge−

setz" soll die

Zukunft nach den

Worten des Sie−

me ns −Expobe auf −

tragte Schusser

ko mmen ( 4. Projekt

..., (1998)

a. Kritik an der Expo 2000

Das Weltbild der Expo basiert vor alle m auf veri nnerlichten Herrschaftsverhältnis−

sen, d. h. den vorgegebenen, er warteten und auch i mmer wieder reproduzierten, d. h.

unter de m Er wartungs druck oft sel bst ge wählten Rollenverteilungen zwischen Reichen

und Ar men, Männern und Frauen usw. Ebenso werden auch for malisierte, d. h. dau−

erhaft bestehende Machtstrukturen beworben (z. B. Konzepte der inneren Sicherheit,

der Überwachungstechnik, moderner Polizeistrategien usw.).

Im Zukunftsbild des Themenparkes dominiert

die moderne Herrschaftsfor m der ei ngeschränkten Verfügungsgewalt über

Hi gh−Tech, d. h. der Forderung, weltweit besti mmte Technologien einzusetzen,

obwohl nur wenige über diese Technik verfügen und so über das Monopol

Machtinteressen durchsetzen können. Die zukünftige Welt wird technisch or−

ganisiert, aber nur wenige Konzerne und Nationen verfügen über die ge−

zeigte Technik. Dadurch bestehen unterschiedliche Möglichkeiten der Selb−

stentfaltung sowie Abhängigkeitsverhältnisse.

Deutschl and al s ei nzi ge Nati on, di e EU al s ei nzi ger

St aatenbund sowie der christliche Pavill on als ei nzi ge Religi onsst ätte stehen

in der Mitte des Expo−Geländes ( Plaza). Das symbolisiert ei ne Höherwerti g−

keit und ei ne zentrale Rolle. Dieses wird auch in entsprechenden Aussagen

der Veranstalter i mmer wieder deutlich.

(klassi−

sches Männerbild in den Industrienationen): "Die Präsentation fordert den

Besucher auf, beweglich und anpassungsfähig zu bleiben".

"Umweltsc hutz wird zum Erlebnis" heißt die Öko−

Selbstdarstellungsbroschüre der Expo 2000. Die Zukunft erleben − so oder

ähnlich lauten die Slogans. Nicht gestalten, sondern zuschauen und bewun−

dern. Diese Rollenvergabe für die große Mehrheit der Menschen wird be−

gründet da mit, daß diese Zukunft aus ei ner sich selbst tragenden Dynamik

entsteht. Damit aber wird nur verklärt, daß ei n klei ner Teil von wirtschaft−

lichen Eliten und Regierungen reicher Nationen die wesentliche Einflußgröße

sein wollen und dafür auch werben. Dadurch entsteht mehr oder weniger

deutlich ei ne Ei nteilung i n gestaltende und den Ver wertungsregel n unterwor−

fene Menschen, ohne dass die Grenzziehung exakt und undurchlässig ist.

Jedoch wird es eine große Mehrheit von Menschen geben, die keine realisti−

sche Chance hat, je mals mehr gestalten zu können als i hren engsten Pri−

vatbereich (und auch das oft nur innerhalb engster Spielräume).

Degradiert zu KonsumentInnen auf allen

Ebenen ( materieller Konsum, Bildung, Unterhaltung usw.) sind vor allem Ju−

gendliche. Die Expo präsentiert sich als umfassend in der fremdbesti mmten

Tages gest altung vor all e m mittels cyberspaci ger Unterhaltungstechnik.

Di e Expo führt ei ne me nsc he nverac hte nde Bevöl ke−

rungsdiskussion. Die Menschen i n är meren Ländern, vor alle m dort die

Mehrheit der nicht in offiziellen gesicherten Strukturen lebenden Menschen,

werden als unterentwickelt und ungebildet dargestellt. Ihnen wird die Haupt−

schuld an Diskri minierung, Umweltzerstörung, Hunger und Vertreibung zuge−

schoben. Das Bevölkerungswachstum wird als bedrohliche " Explosion" und

jedes Land mit stei gender Bevölkerungszahl als Problem beschrieben, wäh−

rend die Industrienationen trotz i hrer überwiegend viel höheren Bevölke−


ungsdichte nicht nur als Problemverurs ac her verdrängt, sondern sogar

kraft i hrer hungerbesi egenden Tec hni k al s Retter besc hri eben werden. So mit

erfol gt auch hier ei ne Ei nteilung der Menschen nach i hre m Wert. Verschärft

trifft das Frauen i m Trikont, die als Gebärende und damit Schuldi ge be−

trachtet werden.

Di e sozial e n

Rollen von Menschen, die Notwendigkeit der Verwertung der eigenen Arbeits−

und Denkkraft i m kapitalistischen Markt, die Verteilung von Produktionspro−

zessen über soziale Gruppen und verschiedene Regionen der Welt − all das

wird als unumgänglich dargestellt. Dabei reproduziert das Verwertungssyste m

sich selbst, weil die kapitalistische Gesellschaftsordnung alle Menschen, die

sich i hrer Logi k unterwerfen, belohnt. Konsum, materielle Absicherung, Teil−

nahme a m kulturellen Leben und an der Mobilität usw. werden weitgehend

garanti ert. Daraus fol gt ei ne gl obal e Funkti onalit ät für das Kapit al, denn

die Menschen wählen individuell eine Lebensform, die insgesamt wiederum

dem Profit dient. Die einzelnen Menschen wählen sie aus ihrer individuellen

Sicht, so daß die Entscheidung für sie subjektiv funktional ist, also Vorteile

bri ngt bei de m, was sie wollen:

und Ehre oder anderes.

Überleben, gut leben, reich werden, Ruhm

Gleichzeitig legt die allgemeine mediale Beeinflußung nahe, daß die Ziele

ni c ht auf eine andere Art als dem Mitmachen in den gegebenen Verhältnis−

sen erreicht werden können. Das Schüren von Angst vor de m Verlust von

Fa milienstatus, Arbeitsplatz u. ä. gehört zu den wichtigsten Voraussetzung für

das Funktionieren kapitalistischer Gesellschaft aufgrund der Selbstunterwer−

fung der einzelnen Menschen unter die scheinbaren Notwendigkeiten − und

deren Weitergabe an andere Menschen, z. B. die eigenen Kinder.

Tri kont = ar me

Länder der

Konti nente Asien,

Afri ka und

Süda meri ka.

[Markt]

[Funktionalität]

Foto: Chri stuspa−

vill on auf der Ex−

po 2000 − i n der

Mitte der zukünf−

ti gen Welt


[Widerstand]

[Freiraum]

[Dekonstruktion]

[Zwang]

[Subsistenz]

b. Visionen

Ei ne Gesellschaft freier Menschen i n freien Verei nbarungen muß alle Herrschafts−

verhältnisse abbauen − die äußeren und die veri nnerlichten. Während erstere i n ei−

ne m Prozeß der Widerständigkeit und des Aufbaus herrschaftsfreier Räume zurück−

gedrängt bis ganz beendet werden können, vollzieht sich der Abbau veri nnerlichter

Herrschaftsverhältnisse nur über ei ne offensive Dekonstruktion der totalen Verei n−

nahmung von Menschen für die Funktionalität und Alternativlosigkeit ihrer Rollen i m

Ver wertungsprozeß, u.a. in der Erziehung, Ausbildung, in den Medien und in ande−

ren Prozessen der Beeinflussung von Menschen in ihrem sozialen Umfeld.

Widerstand gegen institutionalisierte Herrschaftsstrukturen und Befreiung aus den

veri nnerli c hten Zwängen und Erwartungshalten − beides ist wichtig, aber insbesonde−

re die Dekonstruktion der veri nnerlichten Herrschaftsverhältnisse setzt ei nen andau−

ernden kämpferischen Prozeß voraus, nicht eine einmalige Handlung im Sinne klas−

sischer Revolutionen.

Di e Welt der Gleichen unter Gleichen bedeutet kei ne Ei nheitlichkeit. Ganz i m Ge−

genteil: Wo all e Mensc hen gl eic he und maxi mal e Möglic hkeiten der Entfaltung haben,

wird die Unterschiedlichkeit zunehmen und wird Individualität zur Quelle von Selbst−

entfaltung. Die Menschen untereinander, aber auch sich zusammenfindende Gruppen

werden sehr unterschiedliche Lebensstile finden, diese lange beibehalten oder ständig

wechseln. Die freie Entfaltung von Menschen setzt voraus, daß die Menschen frei

si nd, d. h. sie i hr Leben nicht ständig nach Zwängen orientieren müssen, seien es

Zwänge durch äußere und veri nnerlichte Herrschaftsstrukturen oder den Zwang, auf

besti mmte Art und Weise die ei gene Existenzsicherung zu betreiben ( wie derzeit

durch die fast alternativlose Verwertung i m Arbeits markt). Die Facetten ei ner solchen

Gesellschaft gleicher Menschen si nd daher vielfälti g, müssen aber unter andere m be−

inhalten:

für all e Mensc hen auf ei ner sic heren, d. h. auc h un−

verkäufli c hen und unverpfändbaren Grundl age. Di eses kann i m Übergang

ei ne fi nanzielle Grundsicherung sei n, i n der visionären Gesellschaft ohne

Profit maxi mierung und zentralistische Ökonomie kommt vor allem das Ei−

gentum an Boden oder ei ne verläßliche Sicherung über die Beteili gung an

gesellschaftliche m Reichtum i n Frage. Bodenei gentum i n der Größenord−

nung der subsistenznotwendigen Fläche führt nicht automatisch zum

(Rück−)Entwicklung der Gesellschaft auf das Klei nbäuerInnentum. Viel mehr

sind alle Menschen frei, ihren Boden allein oder gemeinsam zu bewirt−

schaften, den Nutzwert zu tauschen usw. − jedoch ist er unverkäuflich

und ein Recht von Geburt an. Denkbar und wünschenswert ist aber, daß

gesellschaftliche Veränderung und Befreiung zu For men der Sicherung al −

l er Menschen führt, die über die ei ndi mensional e Bi ndung an Ei gentu m

bzw. Verfügbarkeit von Boden hinausgeht. Bis dahi n aber ist die Siche−

rung der Subsistenzfähigkeit eine notwendige Basis, sich frei entscheiden

zu können und nicht erpreßbar zu sein.

− Die zwischen Menschen sind unbeschränkt. Es gibt

kei ne Zwangs mittel, sondernnurdiefreieVereinbarungderfreienMen−

schen. Die Bewirtschaftung von Land, die Produktion oder auch { die}

technische Entwicklung, der Aufbau von Ge mei nschaften und Ge mei n−

schaftseinrichtungen, Kultur und vieles mehr entsteht aus dem Willen der

Menschen, der Gesellschaft von unten.


− Die werden genauso vielfälti g sei n wie alle

anderen Teile ei ner solchen Gesellschaft freier Menschen i n freien Ver−

ei nbarungen. Die anarchistische Utopie bolo' bolo hat ( abgesehen von kri −

ti kwürdi gen Ei nl assungen i n diese m Werk) ei ne i nteressante Vision ge−

schaffen − die der vielen kleinen Einheiten (bolo) in sehr unterschiedli−

chen For men, wo jeweils Menschen zusammenleben, die ein gemeinsames

Interesse oder gemeinsame Vorlieben haben, vom Musikgeschmack bis zur

Gestaltung der Straßen us w. Das könnte einer möglichen Realität in der

Zukunft naheko mmen. Es entstehen kei ne i deal en, " paradi esisc hen" Dörfer,

Kollektive, Kieze us w. Aber die Vielfalt wird steigen, die Fehler werden

ni c ht alle betreffen, die Menschen können sich frei entscheiden, wo sie

leben wollen.

− Alle äußeren und veri nnerlichten Werti gkeitsunterschiede zwischen Men−

schen und alle vorgegebenen Rollen sind verschwunden zugunsten einer

, die in freien Vereinbarungendie Wege und

Orten finden, in denen sie leben möchten − i mmer offen für Veränderun−

gen. Kei n Geschlecht, kei ne Altersgruppe, kei ne Hautfarbe oder anderes

zieht zwangsweiseirgendeinesozialeZuständigkeit nach sich.

− Nie mand herrscht über Menschen oder über

die Art, wie die Menschen ihre Kommunikation, ihren Güteraustausch und

all e anderen For men des Mitei nanders gestalten. Alle I nstitutionen si nd

abgeschafft, weil sie den dari n arbeitenden Menschen grundsätzlich i m−

mer ei ne herausgehobene Stellung und erweiterte Möglichkeiten geben.

Alles, was geschieht, geschieht auf der Grundl age der freien Verei nbarun−

gen zwischen gleichen Menschen.

− KeineR denkt und entscheidet ungefragt für andere. Jeder Mensch steht

für sich selbst i m Mittelpunkt und ni mmt sich als diesen wahr.

, d. h. Ausgangspunkt der eigenen Handlungen, und kann

sich zwischen Alternativen i m Handel n entscheiden.

− Gefängnisse gibt es nicht mehr, Menschen werden nicht bestraft.

verl aufen un mittelbar und nicht über Institutionen mit festge−

schriebenen Strafgesetzen und Verregelungen.

− Überregional und "i nternational" gilt es, jegliche Abhängi gkeit und jegli−

c he I nterve nti o n zu bee nde n. Kei n Teil der Welt dient de m anderen, kei n

Me nsc h und kei ne Ge mei nsc haft do mi niert über ei ne andere. Das bedeu−

tet nicht das Ende von weltweite m Austausch, sondern den Begi nn ei nes

, bei de m bei de bzw. alle Seiten gleichbe−

rechtigt über die For m entscheiden − und jederzeit frei sind, i hn zu be−

enden.

Freie Menschen i n freien Verei nbarungen − das " Frei"sei n entspri ngt der vollstän−

di gen Dekonstruktionen aller Herrschaftsverhältnisse sowie aller sozialen und forma−

len Setzungen, die Unterschiede zwischen den Menschen konstruieren. Die Menschen

werden nicht gleich sei n i m Si nne des konkreten Lebensentwurfes. Aber sie können

all e gl eic her maßen frei entsc hei den, welc hen Weg sie beschreiten − eben i n freien

Vereinbarungen, die nur dann frei sind, wenn keine Zwänge herrschen. Heutige Ver−

träge sind in diese m Sinne eben nicht frei, weil die Menschen zwar bei manchen

Verträgen i m speziellen Fall Nein oder Ja sagen können, aber durch die bestehenden

Zwänge die Entscheidungsspielräume ei ngeengt si nd ( z. B. bei Arbeitsverträgen, Aus−

bil dung, Ehe, wo wirtschaftlicher oder sozialer Druck zu besti mmten, nor mierten

Verhalte ns weisen drängt) .

bolo' bolo ist ei ne

anarchistische Ge−

sellschaftsutopie,

bei der die Men−

schen i n freien

Verei nbar unge n

innerhalb von

überschaubaren

Zusammenhängen

leben ( P. M. (1983).

[Rolle]

[I nstitution]

Nationen al s Herr−

schaftsgebilde exi−

stieren i n der

herrschaftsfreien

Welt ohnehi n nicht

mehr, offe n i st

aber, ob es gar

kei ne Konstruktio−

nen i rgendwelcher

Zusa mmengehöri g−

keiten gibt.


[Rolle]

[Subsistenz]

c. Konzepte

Di e Vision der gleichen Menschen in freien Vereinbarungen erscheint angesichts

der bis ins kleinste Detail gesellschaftlicher Organisation gehenden Formalhierarchi−

en und der überall stark veri nnerlichten Rollenbilder weit weg von der Realität. Der

Abbau vo n Di s kri mi nierungen und Ungleichheiten wird aber, wie schon formuliert,

angesichts der Tiefe seiner Verwurzelung in den Strukturen und Denkmustern nicht

in einem einzelnen revolutionären Akt gelingen, sondern muß in einem kämpferi−

schen Prozeß erschritten werden. In diese m si nd viele Ei nzel− und Zwischenschritte,

Akti onsfor men und Proj ekte vorstell bar.

Die Befreiung des Menschen aus den i nstitutionalisierten und

veri nnerli c hten Herrschaftsverhältnissen, Rollenerwartungen und sozialen Wertzuwei −

sungen setzt voraus, daß die Menschen frei entscheiden können. Sie benötigen eine

Absicherung für i hre ei gene Existenz, sonst stände die Existenzangst und die sub−

jektive Funkti onalit ät, durc h Anpassung an di e real en gesellsc haftlic hen Verhält nisse

i n diesen auch überleben zu können, ei ner freien Entscheidung i m Weg.

In den Verhältnissen hochi ndustrialisierter Länder si nd Sicherungen vor alle m über

Gel d zu erreic hen. Daher ist das Existenzgel d i m Si nne ei ner sic heren Existenz−

grundlage unabhängig vom Verhalten des Menschen ein Schritt in diese Richtung.

Allerdings basiert Existenzgeld auf einer Geldorientierung, die gesellschaftlich vorge−

geben ist, und festi gt diese da mit. Daher ist es nur als Zwischenschritt zu begreifen

hi n zu Weiterentwicklungen, die die Absicherung von Menschen aus der Logik von

Markt und Geld herausholt. Erst dann kann eine erweiterte freie Entschei dung über

den eigenen Lebensentwurf erfolgen. Solche geldentkoppelten Absicherungen können

über ei n Ei gentu msrecht am für eine Subsistenz im Nahrungsmittelbereich notwendi−

gen Boden, aber auch über gesellschaftliche Strukturen, in denen alle Menschen am

frei geschaffenen Reichtum von Ideen, Technik, Lebens mittel n usw. teilhaben können,

entstehen.

Di e Ge−

setze von Marktwirtschaft und sozialen Rollen können in Zwischenschritten zu einer

umfassenden Veränderung i n klei neren Bereichen zurückgedrängt oder gar aufgeho−

ben werden. Wichti g ist, daß sich Menschen kooperativ und gleichberechti gt begeg−

nen. Dieses setzt ei n kämpferisches Verhältnis zu den sozialen Vorgaben und den

bestehenden Herrschaftsstrukturen voraus. Widerstand gegenüber den äußeren Ei n−

flüssen und den veri nnerlichten Erwartungshaltungen kann herrschaftsär mere Räume

schaffen, in denen dann Experi mente für gleichberechtige gesellschaftliche Verhält−

ni sse abl aufen können.

Ei n wichti ges Übungsfeld si nd die Gruppen selbst, i n

denen sich Menschen für e manzipatorische Visionen oder Teilthemen engagieren.

Diskussionsabläufe, Rollenverteilung i n den Gruppen und Organisationen, Entschei−

dungsprozesse und vieles mehr si nd wichtige Praxisfelder. Für sie müssen Konzepte

entwickelt und ausgetauscht werden. Gleichberechtigtes Mitei nander ist an jede m Ort

der Gesellschaft ei n wichtiges Ziel − jede reale Gruppe ist damit als Teil der Gesell−

schaft ein mögliches Umsetzungsfeld.

Di e zur Zeit mei st ange wendeten Methoden des Dominanzabbaus in Gruppenprozes−

sen, z. B. Supervision, verregeltes Redeverhalten und Moderation, si nd ungeei gnet,

das Ziel von Gleichberechtigung zu erreichen. Statt ei nes Dominanzabbaus werden

for malisierte Do minanzverschiebungen z. B. hin zu den moderierenden Personen vor−

genommen. Oft mals entstehen dadurch versteckte Hierarchien, weil ModeratorI nnen

ni c ht mehr in demokratischen Prozessen besti mmt werden, sondern unklar ist, ob


zw. we m gegenüber sie i n ei ne m direkten Abhängi gkeitsverhält nis stehen ( Auftrag−

geberI n, AnsprechpartnerI nnen für Rückkl ärungen usw.). Gleichberechti gung i m Si nne

einer Dekonstruktion formaler und verinnerlichter Dominanzverhältnisse ist nur in

einem offensiven und offenen, von allen getragenen Prozeß machbar. Ohne Verant−

wort ung a n dafür besti mmte Personen zu übertragen, müssen alle Menschen in ei−

nem Gruppenzusammenhang die Idee des gleichberechtigten Mitei nanders tragen und

umsetzen − als Anspruch an sich selbst und als Gesamtprozeß i n gegenseitiger Mit−

teilung und Kontrolle. Die Menschen si nd i mmer die AkteurInnen. Sie si nd gleichbe−

rechtigt auch und gerade bei der Durchsetzung gleichberechtigter Verhältnisse.

Di s kri minierungen sind zur Zeit Alltag − Ab−

wertungen und Ausgrenzungen nach Geschlecht oder sexueller Orientierung, nach

körperlicher Fitneß oder Ausbildungsgrad, nach Alter oder Herkunft. Nicht Gesetze

oder Verregelungen werden Diskri minierungen beseitigen, sondern die unmittelbare

Intervention der Einzelnen. Darum muss gerungen werden. Notwendig sind Diskussio−

nen und Entschlüsse in bestehenden Zusammenhängen und das Herausholen des Wi−

derstands gegen Diskri mi nierungen aus der Theoriedebatte oder der verregel nden

Strukturdiskussion, u m i hn an das direkte Handel n der Menschen als Ei nzelpersonen

zu übergeben. Es wäre falsch, Menschen i n for malisierten Verfahren schuldi g spre−

chen zu wollen, wenn sie bewußt oder als Fol ge i hrer bisheri gen Erfahrungen Unter−

drückung oder Diskri minierung reproduzieren. Wichtiger ist, direkt zu intervenieren,

die Vorgänge offenzulegen, zu klären, sich die e manzipatorischen Ziele zu verdeutli−

chen und dann fortzufahren auf dem ge meinsamen Weg, sich durch direktes Interve−

nieren gegenseiti g voranzubri ngen. Die Diskussionen um konkrete Personen und de−

ren Ausgrenzung müssen beendet werden und die Diskussionen um die Möglichkeiten

direkter Intervention müssen beginnen. Die Menschen werden in ihrer Entwicklung

die GestalterInnen e manzipatorischer Verhältnisse sei n, nicht Gruppendruck und Ver−

regelung. Unmittelbares Verhalten verändert die Gegenwart. Den übergeordneten

Strukturen di e Verantwortung für sol c h zentral e Fragen wie den Abbau von Diskri mi−

nierungen zu überl assen, zei gt nur ei nen überko mmenen Gl auben i n die Weis heit der

Mäc hti gen oder den Unwillen zum ei genen Handel n.

[Dekonstruktion]

Auch Pl e na o der

Schiedsgre mien

si nd nichts als

Stellvertreter, auf

die die Verantwor−

tung der Ei nzel−

nen abgeschoben

wird. Unmittelba−

res Handel n wird

durch zentrale

Prozesse blockiert.

Fotos: I nter natio−

nale Beziehungen

nach Expo−Art.

Gl ückliche Be woh−

nerI nnen är merer

Länder bauen

gl ücklich Häuser

aus de m Abfall

(Dosen, rechts bei

der Wäsche per

Hand!) der reichen

Länder.


[Macht]

Beispiel: Wenn

Menschen in är−

mere n Länder n

gegen i hre ei gene

reli giöse Identität

Weihnachtsengel

für deutsche Ei ne−

Welt −Läden schnit −

zen, weil nur die

da gut zu verkau−

fen si nd, zei gt

sich ei n Do mi−

nanzverhältnis.

[Vernetzung]

d. Experimente

Experi mente können als Teil realer Verhältnisse

entstehen oder dort eingebracht werden. Jeder Betrieb, jede Regierung, jedes Gre mi−

um oder jeder Politikbereich kann geei gnet sei n, i n den i nternen Strukturen sowie

i m ei genen Zuständi gkeitsbereich die Rahmenbedi ngungen hi n zu ei ne m gleichbe−

rechtigten Mitei nander aller Menschen soweit zu verschieben, wie das innerhalb der

Rahmenbindungen möglich ist. Dabei darf nicht übersehen werden, daß es hierbei

u m ei ne Gleichberechtigung "von oben" geht und die Machtverhältnisse nicht aufge−

hoben werden. Es ist nicht einmal Verlaß darauf, daß die weiter bestehenden Macht−

verhältnisse bei neuen Entscheidungen, Wahlen oder Druck von außen das Experi−

ment beenden können. Das ist transparent zu machen. Beispiele für solche Experi−

me nte si nd:

Konkrete Personen oder

Gruppen, die auf Zuschüsse oder Hilfen warten, stellen nicht vereinzelt

und oft gegenseitig konkurrierend Anträge an den Staat, die Kommune

oder Stiftungen, sondern die verfügbaren Mittel werden i n ei ne m gleich−

berechti gten Diskussionsprozeß aller, die Bedürfnisse anmelden oder sich

sonst interessieren, ausgehandelt.

Alle Beteiligten, Bedürftigen und sonst Interessierten han−

del n die Nutzung von Grundstücken, Gebäuden und Ressourcen ge mei nsam

und gleichberechti gt aus.

In Volkshochschulen besti mmten KursanbieterInnen

und Wissensbedürfti ge ge mei nsa m das Progra mm als gleichberechti gte

PartnerInnen. Das kann auch auf Schulen und Hochschulen übertragen

werden, der Schritt wäre dort sogar noch tiefgreifender, da es sich dabei

um Einrichtungen handelt, die die gesellschaftlich als notwendig erachtete

Bil dung ver mittel n.

Solidarische Beziehungen zwischen konkreten

Gruppen und Projekten können ei nen weltweiten Austausch auf gleichberechti gter

Ebene schaffen. Wichtig ist, daß alle beteiligten PartnerInnen i mmer die Alternative

haben, ohne Aufgabe ihrer Existenzfähigkeit die Beziehung zu beenden. Sonst be−

stände ei n Zwang und damit ei ne Abhängi gkeit des ei nen von de m/n anderen. Die

tatsächlichen For men der Partnerschaft, z. B. eines Handels mit Produkten, müssen

frei und gleichberechti gt ausgehandelt werden, d. h. sie dürfen nicht auf ei nfachen

marktt ypi sc hen Mec hani s men wie Angebot und Nachfrage bestehen. Solches würde

sonst nur die bestehenden Ungl eichheiten verstärken, i nde m sogar i n alternativ

scheinende Strukturen eine Domi nanz reicher Industriegesellschaften hi nei nstrahlt.

Jede existierende Gruppe kann der Ort sei n, an de m gleichbe−

rechtigtes Handeln zwischen den Menschen geübt und auch weiterentwickelt wird.

Das gilt auch für Vernetzungsstrukturen, d. h. das Mitei nander von Gruppen i n

Bündnissen, Netzwerken usw. Domi nanzen, zentrale Gre mien oder formale Hierarchien

müssen überwunden werden durch ei ne " horizontale Vernetzung", d. h. das Nebenei n−

ander gleichberechtigter Teile des Ganzen.

Zeitlich begrenzte Planspiele können den Prozeß zu ei ner gleichbe−

rechtigten Gesellschaft ein Stück weit üben und ebnen. Dabei ko mmt es darauf an,

Planspiele über i hren rei n spielerischen Charakter hi naus zu führen und reale Si−

tuationen zu erfassen. So können z. B. Ge mei nden für ei ne besti mmte Zeit so verän−

dert werden, daß die bisherigen Entscheidungsinstanzen aufgelöst sind und die Men−


schen sich frei organisieren. An Schulen, i n Betrieben usw. können formale Hierar−

chien abgeschafft werden, um die Idee der freien Verei nbarung zu "erproben". Die

Akzeptanz solcher Planspiele und Versuche kann steigen, wenn sie zunächst zeitlich

begrenzt si nd oder auch besti mmte grundlegende Entscheidungen nicht gefaßt wer−

den können ( z. B. Auflösung des Betriebes oder der Ge mei nde). Letzteres ist jedoch

gefährlich, weil jede Festlegung dieser Art das Pl anspiel zu ei ner Pseudobeteili gung

reduzieren kann und dann eher dazu führt, daß reale Verhältnisse verschleiert und

dadurch noch stärker als unabänderlich begriffen werden.

Gesellschaft ist unterschiedlich. Das bietet Möglichkei−

ten, bereits bestehende Organisationsstrukturen, Ge meinschaften usw. zu untersuchen

und zu vergleichen. Um Gleichberechtigung zu erreichen, bedarf es kritischer Refle−

xi on und der Experi mente al s Weg, neue Ideen zu entwickeln und den Gesamtschatz

an Möglichkeiten zu erweitern. Je mehr Aus wahl möglichkeiten Menschen haben, an−

gefangen z. B. von technischen Lösungen bis zu Methoden der Entscheidungsfi ndung,

desto bewußter und freier können sie sich entscheiden.

Foto: Kulturrassi s−

mus auf der Expo

2000: Während i m

deutschen Alltag

Menschen festge−

halten, mißhandelt

und abgeschoben

werden, werden sie

auf der Expo als

ständi ge Kulturob−

jekte aufgeboten.

Die Menschen wer−

den zur Kultur wa−

re.


[Natur]

[Natürliche

Krei sl äufe]

3.3 Mensch − Natur

Das Verhältnis von Mensch und außer menschlicher Natur bietet für die Gestaltung

der Gesellschaft eine entscheidende Einflußgröße. Die Entwicklung der menschlichen

Gesellschaft ist ei n ständi ger Prozeß des Versuchs, sich unabhängi ger von natürli−

chen Einflüssen zu machen, sich aus natürlichen Regelkreisen und Prozessen zu

emanzipieren. Gleichzeitig bleibt die Natur oder das, was aus ihr i m Rahmen

me nsc hlicher Veränderung geworden bzw. übrig geblieben ist, eine unersetzliche Le−

bensgrundlage. Sauerstoff, Wasser, Nahrungs mittel − sie alle stammen aus natürli−

chen Quellen. Nur wenige Elemente sind künstlich erzeugt worden (z. B. durch radio−

aktive Zerfallsprozesse), ohne jedoch dadurch die natürlich vorhandenen ersetzen zu

können.

Der bisheri ge Verlauf des Mensch−Natur−Verhältnisses bietet kei nerlei Ansatzpunkte

für eine Annahme, der Mensch könnte auch ohne die natürlichen Lebensgrundlagen

existieren. Ganz i m Gegenteil: Der Mensch hat i mmer größere Fähigkeiten entwik−

kelt, die Natur zu verändern. Er lebt aber weiterhi n i n i hr. I n Ei nzelfällen ist sogar

sichtbar, daß menschliche Eingriffe in die eingespielten Abläufe der Natur ihn selbst

gefährden − auch das geschieht über die Prozesse der Natur (z. B. Kli maschwankun−

gen, Unwetter, Fluten, Dürre).

Der Mensch for mt die Natur für bestimmte Ziele. Machtstrukturen zwischen Men−

schen bewirken unterschiedliche Möglichkeiten des Zugriffs auf die Natur und des

Abwälzens der Fol gen dieses Zugriffs auf andere Menschen. Natur ist i n ei ne m

veränderbaren Rahmen steuer− und beei nfl ußbar, aber ni c ht ersetzbar. Gl ei c hzeiti g

ist unübersehbar, daß es der Mensch ist, der grundsätzlich wertet, steuert und be−

sti mmt, welc he Abl äufe wie beeinflußt werden. Er kann zwar die Naturgesetze nicht

brechen, aber sie gezielt nutzen und da mit bislang unbeei nflußte Abläufe verändern.

Er kann sogar die Fol gen von Umweltveränderungen/−zerstörungen beeinflussen, aber

ni c ht abschaffen. Diese Fähigkeiten machen den Menschen zum bewußten Gestalter

der Natur und als solches zu einer einmaligen Spezies auf der Erde. Er ist vielfach

frei von natürlichen Zwängen, aber nicht von den Folgen seines Verhaltens. Beispiel:

Kein Mensch unterliegt einem unbeherrschbaren Freß− oder Sexualtrieb. Wer aber

ni c ht i ßt, verhungert. Die Fol gen si nd nicht aufhebbar. Der Mensch lebt nicht ge−

trennt von der Natur.

Der Mensch ist i m beschriebenen Si nne ei ne unbesti mmte Person. Tatsächlich lie−

gen große Unterschiede vor, wer i n wel c he m Maße Natur verändern und di e Fol gen

auch auf andere abwälzen kann. Insofern sti mmt das gezeigte Bild nur für die Ge−

samtheit der Menschen, nicht aber für den Einzelnen, da viele kraft bestehender

Herrschaftsstrukturen definieren können, daß andere die Folgen ihres Handelns zu

tragen haben.

Beispiele:

− Die führt zu höhere m Regenwasserabfluß, aber

di e Fol gen treten oft erst flußabwärts auf.

− Großes Müllaufkommen führt zur Notwendigkeit

, die meist in bevölkerungsar men Gegenden ohne die Zu−

sti mmung der dort Wohnenden gebaut werden.

− Durch die Existenz von Machtstrukturen können große Energiegewin

nungsanl agen und deren Fol gebauten ( Atomanlagen, Stromleitungen usw.)

auch ohne de mokratische Verfahren durchgesetzt werden.


− Der voll zieht sic h weltweit ohne Zusti mmung der jeweils

betroffenen Bevölkerung. Das fördert den ungebre msten Rohstoffverbrauch

und die Zerstörung vieler Landschaften.

Machtstrukturen in der Gesellschaft, also nicht zwischen Mensch und Natur, führen

also zu der Situation, daß ei nzel ne Menschen aufgrund vorhandener Herrschafts−

strukturen i n die Umwelt ei ngreifen können, ohne auf die Fol gen Rücksicht nehmen

zu müssen. Umweltzerstörung, die i mmer auch eine Zerstörung der Lebensgrundlagen

von Mensc hen i st, gesc hi eht nur i m Rahmen von Mac htstrukturen, von herrschaftso−

rientieren Systemen wie dem Kapitalismus, dem Staatskapitalismus oder Diktaturen,

weil die Menschen nur hier gegen ihr Interesse handeln, sich in einer lebenswerten

Umwelt und auf deren Grundlage entfalten frei zu können.

Umweltsc hutz muß daher ei ne Ausei nandersetzung mit den Herrschaftsstrukturen

und gesellschaftlichen Reproduktionslogiken sein. Ziel muß erstens sein, Macht abzu−

schaffen, um Frei heit zu erringen, in der die Menschen wieder die Gestaltungskraft

über die Umwelt besitzen, ohne daß sie die Folgen auf andere abwälzen. Zweitens

müssen die Rahmenbedingungen, die Menschen dazu bringen, selbst i mmer wieder

i hre ei genen Lebensgrundlagen zu zerstören, und die i hnen gleichzeiti g den Zugang

zu ihren eigenen Lebensgrundlagen verwehren, überwunden werden. Nur dann wer−

den Menschen frei sei n, ohne Zerstörung der Umwelt sic h selbst zu entfalten. Sogar

weitergehend: Sie brauchen die Umwelt als Lebensgrundl age zu i hrer Entfaltung. Um−

weltzerstörung würde sic h dann gegen si e selbst ric hten, Umweltsc hutz sie selbst för−

dern.

a. Kritik am Expo−

Zukunftsbild

− so oder ähnlich lauten die

Grundsätze der Expo 2000 in Bezug auf die Sicherung der Lebensgrundlagen. Damit

wird Umweltschutz zum Teil kapitalistischer Wirtschaft, denn Ressourceneffizienz wird

nach Expo−Darstellung vor allem durch technischen Fortschritt erreicht. I m Mittel−

punkt steht der Umgang mit Rohstoffen. Mit i hnen so umzugehen, daß sie länger

bzw. möglichst auf Dauer halten, soll die Umwelt retten, aber ebenso ei n nac hhalti−

ges Wirtschaften, d. h. auch die dauerhafte Existenz des ausbeutenden Kapitalis mus

und der Profitsteigerung absichern. Fragen der Mit− und Selbstbesti mmung spielen

kei ne Rolle, z. B. die Frage von Landnutzung und Landlosi gkeit, Subsistenzwirtschaft,

Existenzsicherung usw. Gleichzeitig werden wichti ge Bereiche des Umweltsc hutzes

durch diese Betrachtung gänzlich ausgeblendet, u. a. die Nutzung des Landes und der

Arte n− und Bi ot opsc hutz.

Di e Reduzi erung des Umweltschutzes auf die Ressourceneffizienz verfesti gt und

stei gert die bestehenden Machtverhältnisse: Die Technik ist die Retteri n, während der

Mensch eher als Täter, d. h. Schuldi ger dargestellt wird − vor allem durch die Kon−

struktion ei ner " Überbevölkerung". So mit werden diejenigen, die über die High−Tech

verfügen, zu den RetterInnen. Industrienationen und Konzerne sichern mit der For−

mel "Technischer Fortschritt= Ressourceneffizienz= Umweltsc hutz" i hre Herrsc haft ab.

[Macht]

[Natur]

Ei n Bei spiel für

St aatskapit ali s mus

ist der sogenannte

"real existierende

Sozialis mus" i m

früheren Ostblock.

Der Staat trat i m

welt weiten Markt

wie ei ne Fir ma

auf.

[ Nachhalti gkeit]

Die wörtliche

Übersetzung von

"sustainable" ist

nicht nachhalti g,

sondern dauerhaft,

aushaltbar.

Quelle: Aussagen

der Expo, gesa m−

melt i n der Studi e

"Expo No" (Berg−

stedt, 2000d) un−

ter www.projekt−

werkstatt. de/down−

load als studie. pdf

anwählbar]


Quelle: Broschüre

"Umweltschutz wird

zum Erlebnis" der

Expo 2000 GmbH.

Quellen: Aussagen

der Expo, gesa m−

melt i n der Studi e

"Expo No" (s.o.)

und i m Fil m "Alles

im Griff", 4. Pro−

jekt ... (1998).

Quelle: Aussagen

der Expo i m Fil m

"Alles i m Griff"

(s.o.).

[Ökonomie] und

Ökologie werden

hier nicht al s be−

schreibend−wissen−

schaftliche Begrif−

fe, sondern i m

Si nne von Sy mbol −

begriffen für ei n

an ökonomischer

Ver wertung aus ge−

richtetes Handel n

bzw. für Umw elt−

schutz benutzt.

− mit diese m Titel der Expo−Umweltbrosc hüre geht

die Expo noch ei nen Schritt weiter. Sie defi niert Umweltschutz nicht nur als einen

Gegenstand technischer Entwicklung, sondern degradiert die Menschen zu Konsumen−

tInnen. Diese können erleben, wie technischer Fortschritt die Umwelt sc hützt. I hnen

sind nicht nur die Entscheidungsrechte genommen, sondern sie sind ganz gezielt zu

ZuschauerInnen des gesellschaftlichen Lebens geworden. Umweltsc hutz ist kei n politi −

scher Prozeß mehr, sondern ein technisches Ereignis, de m die fehlbaren Menschen

staunend folgen dürfen.

− auf diese Art

schafft sich die Expo i hre Legiti mation für das Zukunftsbild, in de m die Technik i m

Mittelpunkt steht. Nicht das kapitalistische Wirtschaftssyste m, der so organisierte

Hunger nac h i mmer mehr Rohstoffen, Land, Luxus usw. , sondern die Menschen si nd

die Schuldigen. Ihre anwachsende Zahl, ihr Bedarf nach Nahrung und Energie sind

die Quell e der Umweltzerstörung. Die Techni k bietet sich als Retteri n an − sie

schützt die Natur vor den Menschen und letztlich auch die Menschen vor sich selbst.

Hinter der Technik stehen die Konzerne und Industrienationen sowie auch i m kleinen

gesellschaftlichen Rahmen diejenigen, die Herrschaft ausüben. Sie sind die Haupt−

verurs ac her der Umweltzerstörung − und ebenso von Ausbeutung, Kriegen, Vertrei−

bung, Diskri minierung usw. Mit i hrer Konstruktion des Proble ms " Mensch" und der

Retteri n " Techni k" vertauschen sie die Opfer−TäterI nnen−Rolle ko mpl ett. Di e Böcke

schlagen sich selbst zum Gärtner vor.

− diese alte Ideologie suggeriert, daß es vor

allem Aufgabe der Menschen und speziell derjenigen in den Privathaushalten ist, die

Umwelt zu schützen. Auch dahi nter steht ei n Herrschaftsi nteresse. Die Aufforderun−

gen zur Mülltrennung oder zum Verzicht aufs Blumenpflücken verschleieren die zen−

tral e Verantwortlic hkeit des herrsc henden Wirtschaftssyste m für die Ausbeutung von

Me nsc h und Natur. Das gilt z. B. auc h für di e aktuell e n Kampagne n zu m Stro mwech−

sel, wenn diese nicht mit der Machtfrage, d. h. der Verfügungsgewalt an der Ener−

gieerzeugung, verbunden werden.

Die Expo 2000 vertritt ei ne gestei gerte For m der ohnehi n i n den 90er Jahren zum

prägenden Ökokonzept gewordenen Auffassung, daß sich ökono mische und ökologische

Ziele verbinden lassen, ja diese Verbindung die einzige Chance auf einen Schutz der

Lebensgrundl agen bietet. Aus dieser Auffassung si nd die mit ökono mischen Wirkungs−

mec hani s me n arbeite nde n Umweltsc hutzstrategien wie die Ökosteuer, das Öko−Audit

oder die Selbstverpflichtungen der Konzerne und Regierungen entstanden. Inzwi−

schen, nach ca. 10 Jahren intensiver Debatte und Werbung für die Konzerne als

wichtigste Umsetzerinnen des Umweltsc hutzes, gibt es nur noc h kl ei ne Teil e der Um−

weltbe wegung, die Lösungen gegen die Zerstörung der Umwelt außerhalb der markt −

wirtschaftlichen Verwertungslogik suchen. Die überwälti gende Mehrheit, und mit i h−

nen auch die Expo 2000, halten Umweltsc hutz für ei nen Teil betriebs wirtschaftlicher

Überlegungen. Umweltsc hutz wird dabei vor allem auf eine effizientere Nutzung von

Rohstoffen reduziert. Dieses wiederum sei vor allem mit Hochtechnologien zu errei−

chen, weshalb die Konzerne und die Industrieländer sich selbst als Heilsbringer in

Sachen Umweltschutzfortschritt präsentieren. Viele Umweltsc hutzorganisati onen unter−

stützen diese Sichtweise, i nde m sie mit dem Konzernen und z. B. internationalen Ka−

pit ali s musi nstituti onen wie der Weltbank kooperieren, u m ausgerechnet diese als Aus−


gangspunkt von Umweltschutz einsetzen zu wollen. Die Böcke werden damit zu den

Gärt nern − i hre Macht bleibt erhalten.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber schnell, daß Verwertung, Profit und das

Mittel Marktwirtschaft mit Umweltschutz grundsätzlich nicht vereinbar sind. Profitori−

entierter Umweltsc hutz ist nur möglic h, wenn die Ökologie reduziert wird auf ihre

Funktion als Wirtschaftsfaktor. Rohstoffe sind Produktions mittel, ei ne " nachhalti ge

Nutzung" verspricht längeren Profit als die Ausbeutung zu ei ne m schnellen Ende.

Wenn ein Rohstoff doppelt so lange hält, bietet er die Grundlage für deutlich länge−

re Profit− und Ausbeutungszeiten sowie mehr Sicherheit, daß in der Zeit entweder

moder ne Verfahre n zur Ausbeutung weniger opti maler Quellen oder Ersatzstoffe ge−

funden werden. Insofern bei nhaltet auch das Konzept der Nachhalti gkeit nichts an−

deres als ein profitorientiertes Ziel. Der Schutz der Umwelt soll zu m Zwecke der län−

geren Ausbeutung erfol gen. De m stehen sogar schon die geltenden Umweltsc hutzbe−

sti mmungen entgegen. I m Naturschutzgesetz wird der Schutz der Natur als Lebens−

grundl age des Menschen oder um i hrer selbst willen ei ngefordert. Wirtschaftlicher

Nutzen dagegen ist nicht als grundlegendes, sondern höchstens als zusätzliches Teil−

ziel for muliert. Dabei ist der freie und gleichberechti gte Zugriff aller Menschen auf

die Umwelt di e Voraussetzung dafür, daß di e Umwelt als Lebensgrundl age der Men−

sc hen di enen kann. Ei ne De mokratisi erung des Fl äc hen− und Rohstoffverbrauc hs

stände ökono mischen Zielen (Profit, Kapitalanhäufung, Marktdominanz usw.) aber

grundlegend entgegen. Ökono mische Orientierung und ökologische Ziele sind daher

unvereinbar, denn Profitorientierung steht dem Zugriff der Menschen auf "ihre" Le−

bensgrundlagen entgegen. Wer mit marktwirtschaftlichen Mittel n die Umwelt sc hützen

will, degradiert die Umwelt zum Produktionsfaktor für den Profit. Das genau aber

hat die Zerstörung der Umwelt i m wesentlichen verursacht. Ökosteuern, Öko−Audit

us w., d. h. die Vermarktwirtschaftlichung des Umweltsc hutzes ( Ökoneoliberalis mus) ist

wie das Löschen eines Feuers mit Öl − zude m verbunden mit de m Vorschlag, die

BrandstifterI nnen als Chefetage bei m Löschen vorzuschlagen.

Im Umweltschutz von oben treten technologische Mittel und Markti ntervention

an die Stelle wesentlicher ökologischer Prozesse und der Macht des Volkes.

Sowohl die Beteiligung der Menschen als auch die ökologische Regeneration

werden i m wesentlic hen ausgesc haltet, aber rhetorisc h besc hworen. Das Er−

gebnis ist häufig eine Verschärfung der ökologischen Krise und eine weitere

Zuspitzung der sozio−ökono mischen Ungleichheiten. (Vandana Shiva in der

"taz" vom 21. 3.1993, S. 11)

Natur und Technik unterscheiden sich in einem grundlegenden Punkt, der meist

übersehen wird. Die Natur kann zwar auch bedrohlich und zerstörend sei n für das

i ndividuelle Leben, aber sie ist als Basis des Lebens i mmer da − ei ne gesicherte

Existenzgrundlage. Technik dagegen steht nicht von sich aus allen offen. Sie wird

ge macht, verteilt, verkauft usw. Vor allem die Groß− und Hochtechnologie ist von

Begi nn an nicht gleichberechti gt verfügbar, sondern i n der Hand ei nzel ner Konzerne

oder Nationen. Sie wird gezielt zur Schaffung von Abhängigkeitsverhältnissen einge−

setzt. Natur muß gewaltsam angeeignet werden, um als Herrschafts mittel dienen zu

können. Eine solche Betrachtung bedeutet keine generelle Technikkritik, sie soll je−

doch zeigen, daß Emanzipation nicht allein ein technischer Prozeß sein kann, da

Technik nicht frei von Herrschafts− und Verteilungsfragen, d. h. "neutral" sein kann.

Dennoch − oder besser: deshalb − ist auch heute schon die Forderung nach umfas−

sender De mokratisierung und Selbstbesti mmung auch i n jeder ei nzel nen Technikent−

wicklung und −anwendung richti g.

[Marktwirtschaft]

[ Nachhalti gkeit]

[Ökoneoliberalismus]

"Volk" muß hier im

Si nne von " Men−

schen" verstanden

werden.

[Technik]

[Natur]


[Subsistenz]

Subsistenz kann

in individuelle S.

(Möglichkeit zum

guten Leben aus

ei gener Kraft) und

gesellschaftliche S.

(Möglichkeit zum

guten Leben durch

ge mei nsa m ge−

schaffene Möglich−

keiten) unterschie−

den werden.

[Machtstrukturen]

[Rolle]

Ei ne durc hgreifende E manzi pati on sc hließt den Zugang jedes Menschen zu den

Ressourcen der Natur, d. h. zu den Lebensgrundlagen ein. Subsistenz bedeutet die

Fähigkeit des Menschen, aus ei gener Kraft zu überleben und gut zu leben. Sie muß

möglich sein als Existenzsicherung und als unumstößliche Sicherheit, die den Men−

schen unverkäuflich macht, die ihn gesellschaftliche Bindungen bis hin zum Verkauf

seiner Arbeits− und/oder Denkkraft aus freien Stücken wählen läßt. Sie läßt ihn

ebenso frei entscheiden, an einer zukünftigen, freien Gesellschaft teilzunehmen, die

aus der Selbstentfaltung der Menschen den Reichtum schafft, der allen Menschen

auch die materielle Absicherung garantiert.

"Freie Menschen in freien Vereinbarungen" sind nur dann möglich. Denn frei sind

nur die Menschen, die eine Alternative haben zur eigenen Verwertung durch andere.

Daraus fol gt die enge Verbi ndung von Emanzipation und Umweltsc hutz. I n ei ner zer−

störten Umwelt können Menschen nicht unabhängig existieren. Der Erhalt der

natürlichen Lebensgrundlagen ist ei ne der notwendigen Voraussetzungen einer Vision

von "Freien Menschen in freien Vereinbarungen".

Di e Be hauptung, Me nsc he n müsse n von obe n zu ei ne m u mweltverträglic hen Verhal −

ten gebracht werden, ist falsch. Die dabei vorgeschlagenen Mittel reichen von re−

pressiven Methoden wie schärferen Gesetzen oder de m Ei nsatz von Militär und Poli−

zei bis zu unauffälligeren Mitteln der Vorgabe von Lerninhalten und öffentlichen Ap−

pellen. Doch all das geht von einem falschen Menschenbild aus, nämlich de m Bild

ei nes begriffsstutzi gen, egoistischen und rücksichtslosen Wesens, das gezähmt und

auf den richti gen Weg gebracht werden muß. Übersehen wird dabei erstaunlicherwei −

se schon, daß auch dort, wo über Gesetze oder Bildungsi nhalte als " Erziehung zum

Guten" entschieden wird, Menschen sitzen, also genau dieselben "rücksichtslosen"

Menschen. Da bliebe als Hilfsargument nur, sie als erkenntnisreichere Eliten zu be−

greifen, die z. B. die Erfordernisse des Umweltsc hutzes bereits begriffen haben. Doc h

auch das läßt sich schon allein an der Realität widerlegen, da bisher vor allem die

gesellschaftlichen Eliten sowohl gegenüber anderen Menschen wie auch gegenüber der

Natur ausbeutend und rücksichtslos vorgegangen sind.

Grundl egender ist ei n jedoc h anderer Widerspruch. Der Grund für den oft i n der

Tat rücksi c htslosen Umgang der Menschen mitei nander und mit i hrer Umwelt ist ei −

ne Folge der Machtstrukturen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Durch die

klaren Rollenverteilungen, d. h. soziale Konstruktionen zwischen "Oben und Unten",

zwischen Geschlechtern, Altersgruppen, Nationalitäten usw. gibt es für den/die Ein

zel neN nur begrenzte Möglichkeiten, tatsächliche Veränderungen außerhalb sei ner

Rolle zu erreichen. Gleichzeitig kann er/sie die Machtstrukturen für sich nutzen und

die Fol gen des ei genen Handel ns auf andere abwälzen. Dieses Geflecht von Macht

und Ohnmacht erscheint in sich derart stabil, daß es nicht mehr hinterfragt wird.

Und so l eitet sich die Annahme ab, daß u mweltzerstörendes Verhalten nur durch re−

pressive Mittel, fi nanzielle Anreize, Bildung oder Appelle zu beheben sei.

Tats äc hlich spricht vieles für eine andere Bewertung: Der Umgang vieler Menschen

untereinander und mit der Umwelt ist Folge einer ständigen Erfahrung. Die Men−

schen haben registriert, daß i hr Engage ment kei ne Relevanz hat für das gesell −

schaftliche Geschehen. Sie können ihre gesellschaftliche Rolle nicht sprengen. Oder

pl att: Wer jahrelang eifri g den Müll sortiert hat als von den Regierenden und Kon−

zernen zugeteilte Aufgabe bei der Rettung der Umwelt, verliert angesic hts der Müll−

skandale, des leichtfertigen Umgangs mit Atom− und chemischen Müll usw. irgend−

wann einmal den Glauben an das eigene Tun − zu Recht. Statt neuer Appelle oder


stärkerer Repression bzw. finanzieller Anreize, um das nachlassende Umweltengage−

me nt wieder zu verstärken, muß das Pri nzip grundlegend geändert werden. Die

Menschen müssen wieder tatsächlich i hre Umwelt gestalten können, selbstbesti mmt

und i n freier Verei nbarung mit den anderen Menschen. Dann wächst auch das In−

teresse an einer lebenswerten Umwelt − und es sc hei det di e Möglic hkeit aus, mit

de m ei genen Verhalten sorglos die Umwelt anderer Mensc hen beei nträc hti gen zu kön−

nen, denn diese wollen fortan auch selbstbesti mmt entscheiden.

b. Visionen

In einer Welt der freien Menschen in freien Vereinbarungen wird der Umgang und

die Gestaltung des Lebensumfeldes zu ei ner Sache, die den Menschen obliegen muß.

All e müssen dabei gl eichberechti gt sei n, d. h. über die gl eichen Mitbesti mmungsrechte

und Möglichkeiten verfügen.

Flächen und Rohstoffe gehören allen Menschen. In freien Vereinbarungen wird

festgel egt, welche Flächen wie genutzt, gestaltet oder sich selbst überl assen werden.

Natursc hutzziel e werden von Menschen formuliert und in diese Diskussion einge−

bracht.

"Nicht Fi r me n, Gr undei ge ntü merI nne n und Regi er unge n besti mme n über di e

Nutzung der Umweltgüter, sondern die Mensc hen selbst. Der Fl äc hen− und

Rohstoffverbrauch muß zur Entschei dungssache auf unterster Ebene werden,

die Ge wi nnung, Verarbeitung und der Handel mit i hnen ist Sache der Men−

schen selbst, nicht höherer Institutionen, Regierungen oder des , Marktes‘

mit seinen Institutionen. Die Utopie einer emanzipatorischen Gesellschaft

muß auf dieser Grundlage des selbstbesti mmten Umgangs der Menschen mit

i hrer Natur aufbauen. " ( Bergstedt 1999d)

Nie mand kann vorhersehen, was alles geschehen wird, wenn die Menschen den Zu−

griff auf i hre Lebensbedi ngungen, auf i hre " Umwelt" haben. Die Hoffnung aber be−

steht, daß dann, wenn kein Mensch die Folgen seines Handelns ungefragt auf ande−

re abwälzen kann, nie mand ein Interesse daran hat, Umwelt güter so auszubeuten,

daß die ei genen Lebensgrundl agen i n Frage gestellt werden. Da Macht mittel fehlen,

Vergi ftunge n, Müll berge, radi oaktive Verstrahlung usw. auf andere abzuwälzen, die

Reste der Naturausbeutung bei anderen zu lagern oder LohnarbeiterInnen den Gefah−

ren auszusetzen, die Anderen Profite bri ngen, wird der Umgang mit der Natur i n

jedem Einzelfall zu einer bewußten Auseinandersetzung zwischen Individuum und sei−

ner Umwelt. Gl eic hes gilt z wischen den Menschen, die zusammen leben oder Verein

barungen schließen, und ihrer gemeinsamen Umwelt.

Das freie Verhältnis von Mensch und Natur schafft die Chance ei nes kreativen und

bewußten Umgangs. Techniken zur Nutzung von Natur werden aus den Möglichkeiten

der Menschen heraus entwickelt und dienen dazu, intelligent die Möglichkeiten der

Natur nutzen. Alle Menschen haben nur die ei ne, nä mlich "i hre Umwelt". Sie zu nut −

zen, die Flächen und Rohstoffe geschickt so ei nzusetzen, daß es ei n besseres Leben

ergibt, wird das Ziel vieler, wenn nicht aller Menschen sei n. Dabei aber die Poten−

[Naturschutz]

[Natur]


Siehe auch i m Ka−

pitel 2. 1, Punkt C.

zur " Menschen

Epoche".

Bil d: Expo−The−

me npark. Ausst el −

lung zum Thema

"Umwelt".

tiale der Natur nicht zu zerstören, sondern zu erhalten bzw. gar zu entwickeln, liegt

im unmittelbaren Interesse der Menschen. Darauf beruht die Hoffnung, in einer Welt

der freien Menschen in freien Vereinbarungen auch das Verhältnis zur Natur von

der Profit maxi mierung hi n zu ei ne m auf ei n besseres Leben ausgerichteten Behut−

samkeit zu entwickeln.

Heute grenzt es schon fast an die Grenzen des Utopisch−Hoffbaren, die Natur als

Lebensgrundlage wenigstens nicht noch mehr zu zerstören, sondern so viel wie

mögli c h vo n i hr zu erhalte n. Des hal b setze n si c h unter Umweltbe wegten auch i mmer

wieder Gedanken durch, die einen statischen Zustand als Idylle ei ner Ei nheit von

Mensch und Natur wünschen und anstreben. Wer, wie Rudolf Bahro und viele Femi−

nistinnen, davon ausgeht, die Natur verharre in "ursprünglichen Zyklen und Rhyth−

me n" ( Bahro, S. 31 9) , de m bl ei bt wirklich nur eine Rückkehr zu traditionellen Le−

bensfor men. Diese Ökokonzepte si nd geprägt von Techni kfei ndlichkeit, Mystifi zierung

der schweren Arbeit und der Idyllisierung einer "harmonischen Einheit mit der Na−

tur", die es aufgrund der kli matischen Verhältnisse zumindest in Mitteleuropa nie für

längere Zeit gab. Die antiemanzipatorische " Rückbindung" an diese scheinbar stati−

schen Zyklen soll dann mittels "erhebender" Spiritualität erträglich oder gar wün−

schenswert ge macht werden. Sol c he naturst atisc hen, e manzipati onsfei ndlic hen Öko−

konzepte geraten inhaltlich leicht in die Nähe zu " Rechter Ökologie" ( Geden). Die

Kritik an solchen Konzepten braucht sich aber gar nicht nur auf ihre politischen

Konsequenzen beziehen, sondern auch inhaltlich sind sie einfach falsch. Denn die

Natur ist ni c ht st atisc h, si e i st " kei n Vorbei", wie es Ernst Bloch kennzeichnet

(Bloch, S. 807, siehe auch: Schlemm 1996ff.). Sie entwickelt sich selbst ständig weiter

− unter anderem und sogar wesentlich über die Entwicklung vernünftiger Naturwesen,

der Menschen.

Wie alle Visionen ist die Vision einer gemeinsamen Fortentwicklung von Mensch

und Natur noch nicht genau ausmalbar. In ihrem Zentrum steht auf jeden Fall die

Entwicklung der menschlichen Natur selbst. Aber auch die schöpferischen Potenzen

der Natur, i hre vielfälti gen Kräfte und Zusammenhänge stehen uns weiterhi n zur

Verfügung. Naturgesetze beschreiben kei ne Verbote, sondern Möglichkeiten. Der

berühmte Ausspruch von Francis Bacon: " Wissen ist Macht" bezieht sich nicht auf

unterdrückende Beherrschung, sondern die Er möglichung neuer Naturzustände ("zweite

Natur"), die unser Leben bereichern und der Natur selbst die Tür zu neuen Möglich−

keiten öffnet. " Allianztechnik" nennt Bloch jene Mittel, mit denen die befreiten, sich

frei vereinenden Menschen sich nun auch neu mit den natürlichen Möglichkeiten

verbi nden.


" An Stelle des Technikers als bloßen Überlisters oder Ausbeuters steht kon−

kret das gesellschaftlich mit sich selbst ver mittelte Subjekt, das sich mit

de m Problem des Natursubjekts wachsend ver mittelt. " ( Bloch, S. 787)

Es wird selbstverständlich eine andere Art Wissenschaft und Technik sein, die diese

Menschen entwickeln, meilenweit von der beherrschenden, überlistenden, raubenden

Aneignung natürlicher Ressourcen durch bürgerlich−kapitalistischen Zugriff entfernt.

Da wir i mmer zuerst an die Kritik dieser For men denken, fällt es uns schwer, ei ne

Vision einer anderen Wissenschaft und Technik zu entwickeln. Bloch kennzeichnet sie

mit folgenden Worten:

− Befreundung statt Domination (S. 783)

− das Herstellende auch i n der Natur verspüren, aufspüren, begreifen ( ebd.)

− Aktivität über das Gewordene hinaus... im Anschluß an die objektiv−kon−

kreten Kräfte und Tendenzen (S. 784)

Menschen als Hebel, von dem die Welt aus tec hnisc h i n i hre Angel zu

heben ist ( S. 801)

− die Wurzel der Dinge mitwirkend verwenden (S. 805) ...

Ei nen aktuell er, wenig beachteter Hinweis wurde i m Buch " Wachstum der Grenzen"

( Bloch/Maier 1984) gegeben, wo "Technologien, die sich auf Symbiose selbstorganisie−

render Syste me stützen" ( S. 37) skizziert werden. Während sich die Gesellschaft und

die Natur nicht mechanizistisch verhalten, sondern sich−selbst−organisierend − ver−

mittelt zwischen ihnen derzeit eine eher mechanizistische Technik. Eine qualitative

Ei nheit geli ngt erst, wenn auch sie den Charakter von Selbstorganisation erhält.

In ihrer konkreten Form werden wir sie − solange wir die neue Gesellschaft noch

ni c ht haben − auch nicht vollständig entwickeln können. Bloch selbst griff bei sei−

nen Hoffnungen auch daneben, denn er pries die Atomtechnik als nicht−mechani−

sche, nicht−euklidisch wirkende neue Technikform. Aber Wesenszüge ei ner vertretba−

ren Allianztechnik, mögliche Kei mfor men und alles, was heute doch schon möglich

ist, sollten wir nicht versäumen zu entwickeln. Als utopische Vision können wir uns

vi ell ei c ht den bekannten " Replikator" aus den StarTrek−Folgen vorstellen. Eher un−

sichtbar, aber effektiv und produktiv stellt ei ne auf Modularität beruhende vernetzte

und i ntegrierte Produktionstechnologie die jeweils benöti gten Di nge her. Begriffe wie

"individuelle Massenpodukte", " wandlungsfähige Produkte" und ähnliches gehören heute

schon zum Standardwerkzeug der Konstrukteure und Technologen. Viele politisch en−

gagierte Menschen übersehen diese " graue Produktionsalltagswelt" nur all zugern und

wissen deshalb nichts über faszinierende Entwicklungen in diesem Bereich, die unab−

di ngbar für ei ne u mfassende Vision einer neuen Gesellschaft sind. Als Kriterium für

unsere Vision ist jedoch nicht nur die Bequemlichkeit der Produktionsweise mit den

Replikatoren wichti g, sondern, ob statt " Beherrschung" der Natur ei ne " Ver mittlung

der Natur mit de m menschlichen Willen" ( Bloch) vorliegt.

" Technik als Entbi ndung und Ver mittlung der i m Schoß der Natur schlum−

mernden Schöpfungen, das gehört zum Konkretesten an konkreter Utopie. "

(Bloch, S. 813)

Nur sol c h ei ne dyna mische, nichtstatische Vorstellung kann Grundlage emanzipato−

rischer Öko−Politi k sei n.


Institutionalistiert

bedeutet hier, daß

sich die ökono mi−

schen Systeme und

Ei nrichtungen

selbst erhalten −

und Selbstzweck

si nd, d. h. von de m

Wollen der Men−

schen entkoppelt

si nd. Beispiele:

Markt, Behörden,

Handelsorganisa−

tionen, aber auch

Ge werkschaften,

NGOs, Parteien.

[Subsistenz]

Zur Unterscheidung

zwischen individu−

eller und gesell −

schaftlicher Subsi−

stenz siehe i m

Gl oss ar.

[Zwang]

Das Zielbild ei ner herrschaftsfreien Gesellschaft sieht die Menschen i m Mittelpunkt.

Alle Menschen sind frei und gleichberechti gt. Was zwischen ihnen bzw. zwischen den

Organisationen und Gruppen, zu denen sich Menschen zusammenschließen, geschieht,

erfol gt auf der Ebene freiwilli ger Verei nbarungen. Die Existenz von Strukturen, die

sich selbst erhalten, d. h. den Menschen kontinuierlich die Regelung ihres Zusam−

me nl ebe ns abne hme n, widerspricht de m Pri nzip der Selbstbesti mmung. Fol glich gibt

es auch kei ne ökono mischen Strukturen, die nicht von den Menschen selbst gewollt,

getragen und organisiert werden − kei nen Handel, kei n Wirtschafts ministerium, kei−

ne Welt handel sorgani s ati on und kei ne Bank, di e ni c ht di rekt aus de m Willen und der

Vereinbarung der Menschen entspringen. Und auch kein Patentamt, kei ne Kontroll−

behörde usw., deren einziges Ziel ist, vielen Menschen den Zugriff auf die Lebens−

mögli c hkeite n zu e ntzi e he n.

Eine herrschaftsfreie Gesellschaft ist nicht das Ende von Austausch, Handel und

Zusammenarbeit von Menschen und ihren Zusammenschlüssen. Aber alle Institutionen

und Organisationen verschwinden, die heute auch dann weiterexistieren, wenn es

keine Menschen gibt, die sie wollen und tragen (außer denen, die mittels und wegen

Lohnarbeit in den Organisationen ihr Leben fristen).

Ökono mische Sicherheit erreichen die Menschen zunächst über die Fähi gkeit und

Möglichkeit zur i ndivi duellen Subsistenz. Sie bedeutet die Fähi gkeit, sei n Leben selbst

zu organisieren. Das beinhaltet die Möglichkeit zur Befriedigung der Grundbedürf−

ni sse ( Nahrung, Wasser, je nach Wohnort ein Dach über dem Kopf und Heizung u. ä.)

und zur Entwicklung der kulturellen Gemeinschaft zwischen Menschen. Aus der Si−

cherung über die i ndividuelle Subsistenz kann die Entfaltung der Menschen i n der

freien Gesellschaft fol gen, die dann die notwendigen Grundlagen für ein freies Leben

schafft.

Di e Absic herung von Mensc hen kann vor Aufl ösung zentral er ökono mischer und

staatlicher Strukturen über verschiedene Wege führen. Gefordert wird bereits die fi−

nanzielle Absicherung über ei ne Grundversorgung, d. h. ei n staatlich gesichertes Ge−

halt. Dieses darf nicht an Bedi ngungen geknüpft sei n, weil es sonst i n gleicher

Weise wie ein Arbeitsplatz zu konformen Verhaltensweisen führt, also nicht absichert,

sondern kanalisiert. Sinnvoller, vor alle m in Hinblick auf eine Weiterentwicklung in

Richtung einer herrschaftsfreien Gesellschaft, wäre die Absicherung über materielle

Werte, vor alle m ei nen Anteil am Bodenbesitz, möglicherweise auch an anderen Kapi −

talwerten. Diese müssen unverkäuflich si nd, damit nicht über Zwang, ökonomischen

Druck u. ä. diese Sicherungen wieder entfallen bzw. bei wenigen zusammengeführt

werden. Bei ei ner Absicherung über ei nen Anteil am Boden können die Menschen

selbst entscheiden, ob sie diesen selbst bewirtschaften, anderweiti g nutzen, aber ver−

pachten ( auf welcher Tauschbasis auch i mmer) oder mit anderen ge mei nsam nutzen.

In einer herrschaftsfreien Gesellschaft bildet der Boden die Basis der Freiheit und

Absi c her ung. Alle Menschen müßten ab i hrer Geburt über ei ne solche materielle Ab−

sicherung verfügen und selbst entscheiden, ob sie i hre Basis i n ei nen ge mei nschaft−

lichen Zusammenhang einbringen, an andere verpachten oder selbst nutzen ein

schließlich der Entscheidung, sich der Gesellschaft völlig zu entziehen.

Si nn dieser Absicherungen ist, den Menschen vo m Zwang zu befreien, sei ne Ar−

beitskraft und Kreativität zu verkaufen, um überleben zu können. Subsistenz ist da−

her ein Gegenprogramm zur systematischen Zerstörung der eigenen Überlebensfähig−

keit der Menschen und des daraus resultierenden Zwanges, sich de m Arbeits markt,

d. h. der Verwertung i m Kapitalis mus, hi nzugeben. Je nach Zustand ei ner Gesell−

schaft sind unterschiedliche Maßnahmen nötig. In vielen sog. Entwicklungsländern


eher die Verteidi gung bzw. Wiederherstellung der Verfügung über das Land durch die

dort lebenden Menschen, in den Industriestaaten dagegen eine völlige Neuorganisati−

on von Eigentumsverhältnissen. I m Ergebnis sollten Boden und materielle Werte zu

ei ne m Teil der Subsistenzabsicherung und zum anderen der ge mei nsamen Entschei−

dung über Nutzung und Gestaltung zugeführt werden, um sowohl individuelle Rechte

wie auch gemeinschaftliche Entwicklungsprozesse, z. B. der Festlegung von Natur−

schutzflächen, naturnaher Nutzung usw., zu gewährleisten.

Als Weiterentwicklung entsteht auf Basis der Selbstentfaltung der freien Menschen

in der Gesellschaft eine gesellschaftliche Subsistenz, d. h. ein Reichtum an materiel−

len und kreativen Mitteln für ein gutes Leben aller Menschen.

c. Konzepte

Die fol genden Konzepte stellen Lösungen dar, die i nnerhalb der bestehenden Ver−

hältnisse u msetzbar si nd, diese aber gleichzeiti g Stück für Stück verändern und sich

damit den Visionen annähern. Sie können über Protest, Mitbesti mmungsprozesse

oder auch parlamentarisch umgesetzt werden − gegen Letzteres spricht aber, daß

Herrschaftsebenen bei allen Vorschlägen eigene Macht an die Menschen abgeben

müßt e n. Und das werden sie freiwilli g nicht tun.

Das zentrale Konzept für ei ne politische Refor m i n Richtung ei nes e manzipatori−

schen Umweltsc hutzes wäre die De mokratisierung des Fl äc hen− und Rohstoffverbrau−

ches. Danach werden überall, d. h. weltweit, Beteili gungsstandards bei der Vergabe

bzw. Verplanung von Flächen sowie bei der Nutzung von Rohstoffen geschaffen und

konti nuierlich ausgebaut. Vorl äufi ges Ziel ist, die Nutzung von Rohstoffen von der Zu−

sti mmung der jeweils betroffenen Mensc hen abhängi g zu mac hen. Dies si nd nic ht

St aaten, Provi nzregi erungen oder irgendwelche Institutionen, sondern die Menschen

selbst. Die Qualität solcher Regelungen wird sehr stark daran festzumachen sein,

wieweit der i ndivi duelle und der Minderheitenschutz gewährleistet wird − z. B. daß et−

was, was alle grundlegend, d. h. i n der Sicherung i hrer Grundbedürfnisse betrifft,

auch von allen getragen werden muß.

Ei n sol c hes Konzept i st ei ne Refor m, denn es stellt Machtstrukturen und soziale

Konstruktionen nicht als solches i n Frage, sondern stei gert die Zugriffsrechte der

Me nsc he n bezoge n auf de n Fakt or Umwelt. Da mit ist es aber i mmerhi n ei n Schritt

zu einer Gesellschaft "von unten" − und somit als Konzept akzeptabel.

Die Umsetzung der De mokratisierung des Flächen− und Rohstoffverbrauchs könnte

auf den Flächen erfol gen, die de m Staat bzw. den Gemeinden gehören. Per verbind−

lichem und dauerhaftem Beschluß übergeben die Gemeinden ihre Flächen einem de−

mokrati sc he n Proze ß, d. h. die Vers a mmlung der jeweils dort lebenden Menschen

( Dorf, Ortsteil u. ä.) entscheidet über die Gestaltung und Nutzung. Das könnte auf die

Fl äc hennutzungspl anung ausgedehnt werden und dann auch Bereiche einschließen,

die i m Privatei gentu m liegen.

[Naturschutz]

[Selbstentfaltung]

[Macht]

[Demokratisierung]

[Von unten]


Weitere Ausfüh−

rungen zur direk−

ten Ökonomie i m

Kapitel 3. 1, Punkt

C. unter Konzep−

te.]

[Von unten]

Di rekte De mokratie

kann nicht nur

für konkrete Ent−

scheidungen ge−

nutzt werden,

sondern auch zum

Durchsetzen von

besti mmten Ent−

scheidungswegen.

Informationen zu

den Vorschlägen

von Mehr De−

mokratie siehe un−

ter http: //www.

mehr −de mokrati e. de

Natursc hutz−Positi onen werden i n solche Etnscheidungsprozesse "von unten" einge−

bracht, d. h. durch Menschen, die sie vertreten. Konkrete Personen stellen sie ge−

genüber den anderen, gleichberechti gten Menschen vor − ei ne Ei ni gung erfol gt i n

freier Verei nbarung. Naturschutz setzt sich so i mmer über ei nen Überzeugungs− und

Mitbesti mmungsprozeß um, nicht über Obrigkeit und ihre Mittel.

Beispiele:

− Dezentrale Stoffkreisläufe ( Müllverwertung, Rohstoffgewinnung).

− Dezentrale Energieversorgung.

− Flächennutzung, Schutzgebiete.

Je direkter wirtschaftliche Kontakte organisiert werden, desto ei nfacher wird es

möglich, daß die beteiligten Menschen diese selbst verwalten. Daher sind kleinräu−

mige Strukturen des Wirtschaftens und Handels kleine Schritte in Richtung des Ab−

baus ökonomischer Hierarchien. Solche dezentralen Ökonomien sind u. a. Tauschen

und direkte Ökonomie, Direktvermarktung und gemeinsames Eigentum.

Jeder Schritt gesellschaftlicher Machtverl agerung nach unten sowie verbesserter Be−

teiligungsrechte für die BürgerInnen bedeutet einen Fortschritt hin zur Herrschafts−

frei heit. Zur Zeit bietet sich aber nur ei n geri nger legaler Rahmen für solche

Veränderunge n. Kreativit ät kann aber fe hlende Regelungen ersetzen, um Bereiche zu

schaffen, in denen Prozesse "von unten" zur Geltung kommen.

Beispiele:

− Förderprogramme, Fi nanzierungen: Geldvergabe über AntragstellerInnen−

vers a mmlungen.

−Stadt−undFlächennutzungsplanung, Flur"bereinigungen" alsMitbesti m−

mungs prozesse

− Verkehrsplanung usw. −inallenFällenkönnendirekt−demokratischeVer−

fahren genutzt werden, um Entscheidungswege "von unten" durchzusetzen.

Verbesserunge n der Beteili gungsrec hte für alle Menschen einschließlich des vollen

Aktenei nsi c htsrechts werden auch die Mitwirkungs möglichkeiten bei ökono mischen

Entscheidungen stärken, vor alle m bei der Gewerbeansiedlung und Flächennutzung.

Zude m stellt die direkte De mokratie die Mittel bereit, per BürgerInnen− oder

Vol kse ntsc heid weitergehende Veränderungen durchzusetzen, wenn die PolitikerInnen

diese ver wei gern. Daher ist sie sowohl Teilschritt wie auch Mittel zur Durchsetzung

der Herrschaftsfrei heit.

Die aktuell vorliegenden Konzepte zur direkten Demokratie, vor allem aus Kreisen

der Organisation " Mehr Demokratie e.V.", bergen zu viele Mängel und integrieren

bestehende Ungleichheiten in die eigenen Vorschl äge. Daher si nd sie als Konzept für

ei nen Schritt hi n zu ei ner e manzipatorischen Gesellschaft ungeei gnet. So sollen nur

die bis her Wahlberechtigten absti mmen, was Ungleichheiten zementiert. Viele Fragen

sollen ausgeschlossen oder auf eingeschränkte Ja/Nein−Entscheidungen reduziert

werden. Di e Absti mmungen stell en si c h al s Korrektiv zu m Parl a ment dar st att al s ei −

genständi ger, die Parl a mente Stück für Stück ent machtende Politi kstruktur.


Ei ne ei genständi ge Diskussions− und Entscheidungsebene kann aber über

Absti mmungen aufgebaut werden. Besonders wichtig sind:

− Flächen−, Stadt−, Ortsteilplanung mit massiv ausgeweiteter BürgerI nnen−

beteili gung.

− Schaffung von Direktver marktungs−, Lei h− und Tauschstrukturen.

− Durchsetzung dezentraler Stoffflüsse (u.a. Abfallverwertung), Energiever−

sorgung und Nahverkehrsverbi ndungen.

− De mokratisierung der öffentlichen Flächen und Gebäude.

− Durchsetzung von Beteiligungsverfahren auf allen Ebenen bis hin zur

untersten Ebene (Straße, Ortsteil).

Bereits seit den 70er Jahren entwickelten sich alternative Wissenschafts− und Tech−

nikansätze. Derzeit geraten sie i mmer mehr in den Sog rot−grüner Politikberatung.

Dies macht den Platz frei, noch ei nmal Anlauf zu nehmen. Ohne gescheite Wissen−

schaft und Technik können wir keine emanzipatorische Vision verwirklichen. Das In−

ternet er möglicht die Bildung ei ner co mmunityalternativer DenkerInnen und Wissen−

schaftlerInnen, genauso wie sich einst durch den Buchdruck die Wissenschaft von

den Klösterbibliotheken e manzipieren konnten.

Wichtig ist ein Wandel i n der Förderung von Forschung hi n zu dezentralen, die

Selbstorganisation stärkenden Techniken, d. h. solchen Techniken, die in mitbesti m−

mungsorientierten Prozesse angewendet werden können. Diese müssen i m örtlichen

maßstab finanzierbar und unabhängig von ständiger Betreuung durch High−Tech−

Konzerne sei n.

Der konkrete Naturschutz ( Arten−, Biotop−, Landschaftsschutz) ist Basisarbeit und

fi ndet vor Ort st att. Natursc hutz von unten muß also auc h all e wichtigen Entschei−

dungen ohne übergeordnete Stellen fällen können. Eine elementare Voraussetzung für

ei ne De mokrati si erung des Natursc hutzes i st di e Ei nri c htung von BürgerI nnenver−

sammlungen, Natursc hutzst ati onen, Natursc hutz−AGs oder regi onal en Umweltzentren.

Alle Einrichtungen sollten für alle BürgerInnen offen sein und aus ihnen selber ent−

stehen, also nicht von oben ei ngesetzt oder vorgeschrieben werden. Besonders geei g−

net erschei nen aus den bisheri gen Erfahrungen die Naturschutzstationen oder Ökolo−

gischen St ati onen, weil sie ei nen festen Ansprechpartner i n Sachen Naturschutz, an

den sich die Bevölkerung wenden kann, darstellen. Die Naturschutzstation bietet Hil−

fen, Infor mationen und Arbeits möglichkeiten für Fragen und Proble me der Menschen

sowie offene Räume für Diskussionen und Projektarbeit. Sie hat gleichzeitig die fi−

nanzielle und organisatorische Ausstattung, sich wirksam für die Belange des Natur−

schutzes ei nzusetzen, Projekte zu i nitiieren und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.

Di e Natursc hutzst ati onen haben i hr Zi el i m Na men verankert und si nd " parteii sc h"

für die Umwelt, jedoch ohne ei ne for male Macht, von oben und ohne die Zusti mmung

der Menschen handeln zu können. Andererseits sind sie eine zuverlässige Sti mme

des Umweltsc hutzes, denn sie können weder abgewählt noch abgesetzt werden. Sollten

al so besti mmte Naturschutzvorhaben gerade nicht durchsetzbar sein, wird die Natur−

schutzstation noch mehr Menschen davon überzeugen müssen. Ihr Erfolg hängt di−

rekt damit zusammen, wie sie Mensc hen überzeugen kann, denn diese entsc hei den.

[Demokratisierung]

Ei n Bei spiel für

ei ne solche Förde−

rung wären klei−

ne, hocheffi ziente

Windanlagen, die

auf dörflicher

Ebene oder gar

auf Hausdächern

funktionieren.

[Naturschutz]


[Demokratisierung]

Bil d: Ausschnitt

aus de m Expo−

The menpark zu

"Umwelt".

Der nächste Schritt sollte die Übergabe von staatlichen Ko mpetenzen sei n. Hier

könnte der Anfang mit de m Vertragsnaturschutz ge macht werden, der schon jetzt i n

ei ni gen Biologischen Stationen angewendet wird.

Anzustreben wäre aber auch, daß Ko mpetenzen für die Festlegung von Schutzgebie−

ten, Planungen oder der Mittelvergabe vor Ort geregelt werden. Hierzu wären Geset−

zesänderungen nötig. Die Auflösung von Verwaltungsstrukturen ist auf Dauer eine

der wichtigsten Voraussetzungen dafür, daß Naturschutz von unten wachsen kann.

Die Serviceleistungen bisheri ger Naturschutzverwaltungen wie z. B. Erfassung von

Daten über Tier− und Pfl anzenarten oder die Betreuung von Naturschutzfl ächen wird

von Natursc hutzst ati onen überno mmen. Überregi onal e Anli egen könnten von ei nzel nen

St ati onen überno mmen werden ( z. B. überni mmt ei ne Natursc hutzst ati on, di e i n ei ner

Region mit ei ne m hohen Wiesenvogelanteil liegt, die Koordination zum Wiesenvogel−

schutz). Eine direkte Umwandlung der Naturschutzverwaltung in die regionalen Struk−

turen (Stationen, Beauftragte) wäre nicht si nnvoll, da di e bestehenden Fei ndsc haften

personell und funktional weiter bestehen würden und kein echter Neuanfang möglich

wäre.

Ziel ist die Demokratisierung in allen Bereichen. Neben den Naturschutzbereichen

sollten auf Dauer alle den Landschaftsverbrauch betreffenden Entscheidungen

( Straßenbau, Kiesabbau, Siedlungsbau usw.) vor Ort und von allen Menschen

gleichberechtigt gefällt werden. Dies würde den Naturschutz aufwerten, weil er nicht

mehr übergeordneten Planungen unterzuordnen wäre, sondern de m Votum der Men−

schen unterliegt − das würde auch für alle andere Vorhaben gelten. Sicher wäre es

schwieriger, Großprojekte wie Autobahnen oder Transrapid durchzusetzen. Dies ist i m

Interesse des Naturschutzes. Gibt es allerdi ngs ei nen echten Bedarf für ein Großpro−

jekt, hat di es auc h i n direkt −de mokratisc hen Prozessen ei ne Chance haben. Es wür−

de dann aber von breiten Bevölkerungsteilen getragen und deren Belange in die

Pl anung i ntegrieren.


d. Experimente

Experi mente si nd klei ne oder größere, aber konkrete Projekte, die schon gelaufen

sind, laufen oder laufen könnten − auch unabhängig von geänderten Rahmenbedin

gungen. Sie si nd daher kei n Schritt hi n zu den Visionen, aber ein wichtiger Beitrag,

um Lust und Akzeptanz zu einem emanzipatorischen Umweltschutz zu schaffen bzw.

zu einer e manzipatorischen Gesellschaftsveränderung insgesamt. Zude m werden Mög−

lichkeiten und Methoden entwickelt, ausprobiert und i m Prozeß eventuell durchge−

setzt.

St att teurer Pl anungen werden die Flächen den AnwohnerInnen übergeben. Diese

sollen sich einigen − gemeinsam einen Plan erarbeiten. Sie wissen von Beginn an:

Worauf sie sich ei ni gen, das können sie auch umsetzen. Das wird viele neu motivie−

ren. In der Debatte besteht dann wieder die Chance, daß sich ein Bewußtsein für

die Umwelt, für di e Bel ange von Ki ndern, alten Mensc hen us w. herausbildet. Die Au−

to− und Betonfraktion gewinnt meist nur dort, wo die Entscheidungen über Behörden

und Parla mente laufen . . . denn dort entscheidet nie mand der direkt Betroffenen.

Hi er werden die beiden Ansätze sehr gut deutlich. Statt teurer Großanlagen ohne

örtliche Akzeptanz und Beteiligungsverfahren, aufgebaut von überregional agierenden

Fir men, die auch das Kapital überregional akquirieren, entstehen die Windenergiean−

lagen aus de m Kreis der BewohnerInnen von umliegenden Dörfern und Städten. Ge−

fragt si nd kleinere Anlagen mit 2 bis 4 Windmühlen, die dann auch sehr direkt mit

den BesitzerInnen, d. h. möglichst vielen Menschen i m direkten Umfeld, verbunden

si nd. Wichtig ist, i m Bereich von Forschung und Entwicklung das Schwergewicht auf

kl ei ne, deze ntral ver wirklichbare Anlagen zu setzen.

Ebenfalls ei n gutes und zude m aktuelles Beispiel ist die Frage des Ökostro mes. Die

Liberalisierung der Leitungsnetze hat zwar den Schei nvorteil geschaffen, i ndividuell

Stro mkundI nnen ge wi nnen zu können z. B. für ei ne Stro mabnahme, für die Stro m

aus regenerativen Energien eingespeist wird. Etliche Firmen und auch die Umwelt −

verbände haben di ese Entwicklung begrüßt und begonnen, i m liberalisierten Markt

mit kapitalistischen Mittel n ( Werbung) und Aussagen ( Stro mpreis) konkurrierend zu

agieren. Dennoch kann das nur schiefgehen und würde den Umweltsc hutz zur Ware

verkommenlassen. Das Gegenmodell wäre ein"Ökostromvonunten". Kernstücksol−

cher mitbesti mmungsorientierten Stro mproduktion wäre ei ne Ge mei nschaft der regio−

nalen ErzeugerInnen und VerbraucherInnen. Idealtypisch bilden sich i n allen Regio−

nen aktive Kreise, die neue Anlagen planen und Werbung für die Abnahme von um−

weltgerecht produzierte m Stro m machen. Die Ökostro m−Anbieterfir men nehmen dabei

die Roll e der Geschäftsführung und Abwicklung, der Fortbildung, Öffentlichkeitsarbeit

us w. ein.

Wo die Leitungsnetze den Menschen selbst gehören, werden die Einzelnen auch zu

den Besti mmenden. Sie diskutieren und entscheiden mit. Wie das Beispiel des

Schwarzwaldortes Schönau zei gt, führt echte Mitbesti mmung dann auch zu hochi nter−

essanten Entscheidungen i m Si nne des Umweltsc hutzes. I n Sc hönau gehört das Netz

[Von unten]

Mehr Infor mationen

zu Ökostrom von

unten unter

http: // move. to /

oekostrom.

Siehe http: //www.

ews−schoenau.de


[Umweltschutz von

unten]

[Zwang]

ei ner ge mei ndeweiten Versorgerfir ma in BürgerInnenhand − durchgesetzt durch einen

BürgerInnentscheid. Auf dieser Basis wird zur Zeit der Ausbau von regenerativer En−

ergien beispielhaft vorangetrieben. Diese For m der Steigerung von Mitbesti mmungs−

rechten ist Umweltsc hutz von unten, er wendet sich gegen Liberalisierung und Groß−

kraftwerke, die nur über anony me, mitbesti mmungsfreie Strukturen zu schaffen si nd.

Ökologische Landwirtschaft ist nicht alles. Sie kann genauso von Profitmaximie−

rung geprägt sein, mit der Ausräumung der Landschaft und i mmer größeren Flä−

chen ei nhergehen, vor alle m zu ei ner Konzentration auf wenige große Höfe beitra−

gen. Die Alternative wären landwirtschaftliche Betriebe, in denen die AnwohnerInnen

sowie die VerbraucherInnen mitdiskutieren und tatsächlich mitentscheiden können,

was und wie angebaut wird. Solches Mitbesti mmungsrecht i n Umweltsc hutzfragen, also

der Umweltsc hutz von unten, führt zu ei ner Stei gerung des Umweltbe wußtsei ns.

Die Gestaltung und Nutzung des Schul geländes oder auch der Gebäude ist Sache

der SchülerInnen. Die Ergebnisse werden sehr unterschiedlich sei n, sich i m Laufe der

Zeit wandel n − aber es kann ei n Lernen des Umgangs mit der Umwelt sei n, wenn

dazu das Recht tatsächlich besteht. Die vielen Widersprüche, auch geschaffen durch

die einer gemeinsamen Entscheidungsfindung entgegenstehende Sozialisation der

SchülerInnen, müssen ausgehalten werden. Freie Menschen gibt es unter den beste−

henden Zwängen nic ht, und freie Verei nbarungen si nd ei n dauernder Lernprozeß.

Zude m wird das Syste m Schule der freien Verei nbarung entgegenstehen, denn die

zentralen Bereiche der Schule ( Lerni nhalte, Lernfor m, Benotung usw.) bleiben in der

Regel außerhalb der Mitbesti mmungsrechte.

Das Ringen um Freiräume in Schulen darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß

Schulen i nsgesamt eine Herrschaftsstruktur sind, die Menschen in gesellschaftliche

Abl äufe ei npassen − ob nun autoritär oder über die rei ne Zul assung gesellschaftlicher

Zwänge. Insofern muß die De maskierung der Schule als Ort der Steuerung des Den−

kens und der Lebenspl anung i mmer betrieben werden, ei nschließlich der Zwangssi−

tuation, daß alle Menschen (zumindest in Deutschland) der Schulpflicht unterworfen

si nd.


4. Freie Menschen in

freien Aktions−

gruppen

Der 1 999 veröffentliche Text " Strategie für die Anarchie?" begann mit fol genden

Sätzen:

" Der Grund dieses Textes: Ich habe es satt, i mmer wieder zudenken: , Unse−

re Ideen sind richtig − eine Welt von unten ist das, was ic h will‘, aber

dann auch i mmer wieder einzusehen: , Wir sind einfach ein Haufen von Leu−

ten in Stur m−und−Drang−Phase oder mit viel Wut, aber ohne Strategie. Die

andere Seite, von den Machtzentralen in Regierungen und Konzernen bis zu

den akzeptanzbeschaffenden BeraterInnen i n den NGOs, ist uns strategisch

meil e nweit überlegen‘. Ich will da raus und möchte, daß wir nicht nur die,

wie ich finde, besseren Ideen für eine zukünftige Gesellschaft und konkrete

Projekte haben, sondern auch die besseren Strategien.

Der Anlaß dieses Textes: Nie zuvor habe ich die strategische Unterlegenheit

politischer Bewegung insgesamt gegenüber der Normalität von Staat, Wirt−

schaft, Medien usw. so kraß erlebt − nie zu vor aber au ch das Desaster

selbstorganisierter Politikstrategien gegenüber dem hierarchischen moderni−

sierte m Apparat ( modernisiert auch durch viele jüngere, früher selbst i n ra−

dikaleren Zusammenhängen aktive Leute) der NGOs und sonstiger zentraler

Organisationen so deutlich wahrgenommen. Die Vorbereitu ngen waren in bei−

den großen Bündnissen von wenigen zentralen Figuren dominiert, die mit

Ausgrenzung, fi nanziellen Androhungen bis hi n zur Drohung ei ner wachsen−

den Konfrontation mit der Staats macht das Geschehen steu erten. In den De−

mos sammelten sich selbstorganisierte Gruppen freiwilli g (!) i n abgegrenzten

Bl öcke n und reduzi erte n so i hre Auße nwirkung auf ein Minimum. Die Nische

ist nicht nu r da, sie wird auch noch nach außen doku mentiert!

DaherfordereicheineselbstkritischeDebatte."

Soweit der benannte Text i n der Ei nleitung. Gedanken zu Arbeitsfor men politischer

Bewegung gehören zu ei ne m Buch visionärer Ideen. Sonst würde sich dieses Buch

ei nrei hen i n die Vielzahl theoriebeladener Werke, die die Schränke von Menschen

füll en und i hnen Gesprächsstoff bi eten, die sich oft schon zur Ruhe gesetzt haben

und die Welt nur noch i nterpretieren statt sie zu verändern.

So wie die Welt nic ht dem entspricht, was an emanzipatorischen Ideen dieses und

andere Bücher füllt, so stellt auch die aktuelle politische Bewegung nicht das dar,

was nöti g wäre, um de n Visionen näherzuko mmen. Daher soll dieser Teil mit ei ni gen

provozierende Kritiken an der strategischen Schwäche politischer Bewegung begin

nen, i m zweiten Teil werden dann mögliche Perspektiven benannt. Inzwischen liegen

erste Erfahrungen z. B. der Gruppen vor, die den Widerstand gegen die Expo 2000

vorbereiteten und sich zum Ziel gesetzt hatten, e manzipatorische Bewegungsansätze

über die bisheri gen The mengrenzen hi nweg zuentwickeln und umzusetzen.

Diese m Text liegt

ei n Manuskript

zugrunde, das un−

ter dem

Pseudonym " Robi n

Wut" al s Di skus −

sionsgrundl age für

das Anarchistische

Sommercamp 1999

in der Interim

veröffentlicht wur−

de. Aus i hm ent−

stand ei n Text,

der Überlegungen

zu einer emanzi−

patorischen Bewe−

gung zusammen−

faßt − ei n Beitrag

zu Debatte und

Praxis.

Die Beschrei bun−

gen beziehen sich

auf die Aktivitäten

gegen den EU−

und Welt wirt−

schaftsgipfel i n

Köl n, Juni 1999.

Siehe auch Gr uppe

Landfriedensbruch,

1999.

Der

Expo−Widerstand

bietet ei ni ge An−

knüpfungspunkte

− wenn auc h noc h

sehr wenige.


Als Lektüre für

Strategien politi −

scher Bewegung

sei auch das Son−

derheft " März

1998" der Interi m

empfohlen.

"Den anderen" im

Text rechts be−

zeichnet zum ei−

nen Organi sationen

und Verbände mit

Vorst änden und

zentralen Ge−

schäftsstellen so−

wie zum anderen

radikale Gruppen

mit i nfor mellen

Führungszirkel n.

[Emanzipatorische

Gruppen und

Projekte]

[Von unten]

[Netzwerk]

a. Provokationen

Wo sich selbstorganisierte Gruppen an Aktionen (z. B. von Bündnissen) beteiligten,

überl assen sie meist " den anderen" die Vorbereitungsarbeit. Da mit nehmen sie nur

wenig Einfluß auf Inhalte und vor allem die Form einer Aktion. Das hat Wirkung:

Solche Organisationen, die ganz gezielt Do minanzen aufbauen, hierarchische Struktu−

ren und/oder Staatsnähe (zwecks Fi nanzierung u. ä.) wollen, können unei ngeschränkt

schalten und walten. Sie prägen fast alle bestehenden Bündnisse und Kampagnen.

Di e ei nzi ge Aus nahme e ntste ht dann, wenn autonome Zusammenhänge spontan, sel−

tener auch als geplantes Vorgehen, während einer Aktion überraschend mit ei genen

Aktionen begi nnen und die zentralen Organisationszentren da mit übergehen.

Ähnlich fatal ist die Neigung, sich mit kritischen Positionen und Strategien aus

politischen Debatten herauszuhalten. Mensch ist gerne unter sich und sucht nicht

die offene Konfrontation. So laufen z. B. Parlamentssitzungen, Parteitage, Diskussio−

nen zu The men wie die Expo 2000 oder anderen Großereignissen, Vortragsreihen

zur Nachhaltigkeit oder neuen sozialen ( De montage−) Konzepten meist ohne Gegenak−

tionen oder Beteiligung von Menschen mit e manzipatorischen Politi ki deen. Dieser

Boykott stärkt die andere Seite, weil sie i n Ruhe i hre Politi k machen und die Köpfe

beeinflussen kann. Eigene Veranstaltungen in i mmer gleicher Runde stellen hierzu

kei n Gegengewicht dar.

Fol ge: E manzipatorische Politi k hat nur geri nge Wirkung, weil sie auf i nterne

Debatten und Zufallstreffer baut und sich nicht in strategische und organisatorische

Debatten ei nmischt.

Der ohnehi n vorhandene Unwille e manzipatorischer Gruppen zu ei ner prägenden

Rolle i nnerhalb politischer Bewegung wird in der Wirkung noch gestei gert durch die

Art, wie dann in Ausnahmen doch an zentralen Prozessen teilgenommen wird. Stän−

di ges Zu−spät−Ko mmen, kei nerlei Überblick über Tagesordnungen, Hi ntergrundi nfor−

mati onen us w. machen selbstorganisierte Gruppen oft zu unorganisierten Einzelper−

sonen, die in Besprechungen nur wenig einbringen können. Folge: Zentrale Organi−

sationseinheiten teilen die durch Unorganisation willfähri gen e manzipatorischen

Gruppen nach i hren Vorstellungen oft ei nfach ei n und do minieren die konkreten Ak−

tionspl anungen.

Ähnliches gilt für konkrete Aktionen und Projekte, wo oft mals Vorhaben scheitern

oder nur unvollständig laufen, weil Absprachen nicht ei ngehalten oder Strategien gar

ni c ht erst entwickelt werden. Letztlich zei gt sich, daß es kei n Bewußtsei n für Selbst−

organisationsprozesse gibt. Innerhalb dieser käme den BasisakteurInnen die entschei−

dende Roll e zu. Politisc he Akti onen wäre ei ne Sac he, di e " von unten" entsteht. Tat−

sächlich verhalten sich viele aber so, als gäbe es zentrale Geschäftsstellen, die sich

auch i n Netzwerken um die Di nge kümmern sollen.

Häufi g wirken nur einfache Feindbilder mobilisierend, für mehr fehlt der Wille zur

politischen und strategischen Auseinandersetzung. Als Schlüsselreiz funktionieren vor


all e m gl atzköpfi ge Fasc hohorden ( während di e Ausei nandersetzung mit de m faschi−

stoiden Kern der Gesellschaft selten ist) oder gutbewachte Castorbehälter, zum Teil

auch die martialisch aufgerüstete "Bullerei" als solches. Aktionen gegen solche Sym−

bole oder offen sichtbare Extre me si nd wichtig. Aber sie sind auch vereinfachend,

ei nfach zu i nszenieren, geri ng i n der Wirkung auf Gesamtgesellschaft und gefährden

den Kern dieser Gesellschaft nicht. Dari n dürfte ei ner der Gründe liegen, warum

der Staat bis auf Übergriffe während der Aktionen e manzipatorische Gruppen nicht

nur weitgehend in Frieden läßt, sondern ihnen sogar in Jugendzentren oder Infolä−

den die ei gene Infrastruktur zur Verfügung stellt. Zude m schafft er z. B. mit der

unterstützenden Jugendarbeit für Faschos das Konfliktfeld und die Beschäftigung für

solche Gruppen und kann dann beruhigt sei n, nicht selbst das Ziel der Attacken zu

werden.

Der Kern gesellschaftlicher Strukturen bleibt bei Ein−Punkt−Kämpfen unberührt −

und zwar sowohl real (z. B. die Machtzentralen in der Politik wie in der Wirtschaft)

wie auch in der Wahl der Sy mbole (wenig oder keine politische Aktionen gegen die

sichtbaren Zeichen der Herrschaft wie Militär, Knäste, Wirtschafts messen, Wahlen

us w.).

Ko mmt es zu Aktionen, so fehlt oft der Inhalt. Die eigene Ideologie, so sie besteht,

wird in Kleidung sowie oft mals nichtssagenden, die eigenen Zusammenhänge bewer−

benden Fahnen und Transparenten zum Ausdruck gebracht. Kaum eine Demo oder

Aktion findet heute noch als vielfältiges Ereignis mit klaren politischen Aussagen

statt − ob es nun ei ne ge mei nsame Aussage ist oder verschiedene nebenei nander,

spielt bei dieser Betrachtung keine Rolle, denn meist fehlen sie ganz. Innerhalb

selbstorganisierter Gruppen fehlt oft der Wille, sich i m Zusammenhang mit den Ak−

tionen i ntensiv i nhaltlich und strategisch ausei nanderzusetzen.

Das hat zwei Fol gen: Zu m ei nen wird dadurch gefördert, daß i n der Öffentlichkeit

nur die Aktionsform (sei es nun als Fest oder als Randale) rüberkommt, zum ande−

ren wirkt sich die fehlende politische Tiefe i m Werdegang der Menschen aus, die

mei st nac h nur wenigen Jahren Mitarbeit i n politischen Gruppen i ns Privatleben ab−

tauchen und dann eine beachtliche politische Inhalts− und Prinzipienlosigkeit zeigen.

Offenbar hatten sie nie i nhaltliche Pri nzipien, sondern die politische Arbeit aus ei ner

rei nen ( wichtigen!) Unzufriedenheit mit den allge mei nen oder persönlichen Verhältnis−

sen zusammen mit ei ne m GeborgenheitsgefühlinderGruppedurchgeführt.

Für die meisten Menschen endet der radikalpolitische Abschnitt i m Leben so ab−

rupt, wie er begonnen hat. Politisches Engage ment hat i n der Aktivitätsphase wenig

mit tatsächliche m Willen zur gesellschaftlichen Umgestaltung zu tun, meist setzen

sich selbstorganisierte Gruppen genauso wenig wie etablierte Organisationen mit al−

ternativen Entwürfen für eine Gesellschaft von unten, der eigenen Gruppenstruktur

oder auch dem eigenen Leben auseinander. Folge: Eine klare politische Kritik fehlt

oder wird nicht öffentlich genannt (siehe Punkt 3), wodurch der politischen Arbeit ei−

ne wichtige Wirkung genommen wird. Innerhalb der Gruppen spiegeln sich meist die

kl assi sc he n Do minanzstrukturen der "normalen" Gesellschaft wieder: MacherInnen

und AbhängerInnen/ MitläuferInnen, Männer über Frauen, Ältere i n der Do minanz zu

[Ein−Punkt−

Bewegung]

[Selbstorganisation]


[Herrschaft]

[NGO]

Vorschl äge zur

antisexistischen

und antirassisti−

sche n I nt erve ntion

siehe unter Punkt

B. , Nu mmer 9.

[Freiräume]

[Von unten]

[Machtstrukturen]

Jüngeren usw. Am schwerwiegendsten macht sich der Mangel i m privaten Leben be−

merkbar. Meist führen Menschen aus autono men Zusa mmenhängen genauso i hr Le−

ben auf der Grundlage der Zerstörung und Ausbeutung an anderen Orten wie die

FunktionärI nnen etablierter Organisationen − zumindest tritt das mit zunehmende m

Alter verstärkt auf, bis der Lebensweg ganz in der bürgerlichen Nor malität endet.

Ei n Blick i n die i nternen Strukturen politischer Bewegung ist abstossend. Nicht nur

die verbandlich oder gar betriebswirtschaflich organisierten NGOs und die bewußt

zentralisiert arbeitenden kaderli nken Gruppierungen weisen krasse Hierarchien auf,

sondern auch in den Gruppen, die eigentlich den Herrschaftsabbau als ihr Ziel pro−

kl a mieren, finden sich Dominanzverhältnisse alltäglich. Sie fangen bei der kritiklo−

sen Übernahme gesellschaftlicher Verhaltensweisen ( Männer do minieren über Frauen,

Alte über Junge, Deutsche über Nicht−Deutsche, "AkademikerInnen" über ArbeiterInnen

us w.) an und fügen diesen noch spezifische Machstrukturen hinzu wie Definitions−

mac ht, autonomiebegrenzende Gremien− oder Plenumskompetenz, zwanghafte Einheit−

lichkeit, massive Abhängi gkeit von äußeren Zwängen, z. B. Gel dgeberI nnen us w. Die

Ausei nanders et zung über Do minanzstrukturen führt regelmäßig nicht zum Domi−

nanzabbau, sondern zu neuen Machtkonstellationen und −ansprüchen ( Beispiel: Sexis−

musdebatte der letzten Jahre, bei der es mehr um Verlagerung ei gener

Verhaltensänderung in Theoriedebatten und Plenumszuständigkeit, Verregelung, neue

Machtkonstellationen, Definitionsrechte und etliche Male um Denunziation ging, je−

doch kaum um konkretes Verhalten i m Si nne ei ner unmittelbaren Intervention gegen

sexistisches Verhalten).

E manzipatorische Politi k besteht aus den drei Teilen:

gegen Herrschaftsstrukturen und i hre Symbole

− Formulierung und Diskussion von

− Modelle, Experi mente und e manzipatorische Politik i n erkämpfen

.

Di e ei ge ne politi sc he Gruppe, das Proj ekt, di e Ko mmune us w. sind nicht nur Akteu−

rInnen i n diesen drei Aktionsfeldern, sondern selbst auch erkä mpfter Freirau m. Hier

geht es um Autonomie i m Sinne einer möglichst großen Unabhängigkeit von äußeren

Zwängen, z. B. for maler oder fi nanzieller Art. Innerhalb dieses Freiraumes gilt das

Zi el, e manzipatorisc he Ansprüc he zu ver wirklichen. Jeder Quadrat meter Land, jeder

Betrieb, jede Gruppe, Fa milie, Freundschaft, jedes Gebäude oder jede Ko mmunikati−

onsstruktur, die aus den Herrschaftsverhältnissen herausgekämpft wurde, kann Ort

des Experi mentierens herrschaftsfreier oder zumindest −armer Verhältnisse sein. Zu−

de m sollte er aber i mmer Ausgangspunkt von Visionen und Widerstand sein, um

ni c ht eine Insel zu werden, denn ei ne solche wäre als Rückzugsraum für ehe mali ge

politische AkteurInnen eher stabilisierend als verändernd auf die bestehenden Ver−

hältnisse. Die politische Bewegung ist ei ner der ersten Orte, an de m die Gesellschaft

von unten Wirklichkeiten werden muß − von i hren ( Macht−) Strukturen her genauso

wie von ihren inhaltlichen Positionen und der Strategie, gegen die Welt von oben

anzutreten, anstatt nur deren Begleit musik zu sein.


. Perspektiven

Die gesellschaftliche Diskussion ist geprägt von dem Bemühen um Konsens, Zu−

gehöri gkeit zur politischen Mitte und Angst vor Radikalität. Politische Forderungen,

die vo m St atus Quo st ark abweichen, werden kaum noch benannt. Politik ist oft nur

das Ri ngen um Mi ni malveränderungen oder Stillstand. Innerhalb refor mistischer

Gruppen gibt es nicht nur den Hang zu Refor men statt grundlegende Forderungen

zu vertreten, sondern eine Vorliebe für ganz kleine Refor men, die nie mande m weh−

tun und daher auch nie manden verprellen.

Ohne radikale Positionen, die gerade wegen ihrer Radikalität faszinieren und pro−

vozieren, i st politisc h j edoc h kau m etwas zu be wegen. Was sich von der Realität

oder von den Konzepten derer, die die politische oder wirtschaftliche Macht haben,

nur i n wenigen Punkten unterscheidet, ist langweili g und de motivierend. Warum sol−

len sich Menschen für etwas i nteressieren oder gar engagieren, was ganz ähnlich

ohnehin kommt? Daher ist es wichti g, wieder klare Positionen zu benennen, grund−

legend " Nei n" zu sagen, Widerstand zu organisieren und grundlegend abweichende

Vorsc hläge und Visionen zu benennen. Wer gesellschaftliche Veränderung will, muß

sich der Realität kämpferisch stellen, muß unterscheidbar sein von dem, was ist oder

seitens derer, die Gesellschaft augenblicklich gestalten, als Zukunft benannt wird.

Gesellschaftliche Auseinandersetzung braucht Menschen und Gruppen, die von den

aktuell Mächtigen ausgegrenzt, als "Spi nner" betitelt oder gar bekämpft werden.

Emanzipatorische Politik stellt Herrschaft i n Frage, grundlegend. Sie ist nicht i nte−

grierbar in Machtspielchen, daher muß sie zwangsläufig auf die Gegenwehr derer

treffen, die aktuell Herrschaft ausüben oder vertreten ( Medien).

Emanzipatorische Politik will nicht ein bißchen mehr Gerechtigkeit, ein bißchen

mehr Gleichberechtigung, ein bißchen mehr Mit− oder Selbstbesti mmung, sondern sie

will es ganz. Ohne Abstriche. Werden Teilverbesserungen durchgesetzt, si nd sie zu

kennzeichnen als Schritte auf de m Weg nac h me hr. Erfol gs mel dunge n si nd sinnvoll,

wenn das Ganze erreicht ist oder wenn sie sich auf Teilschritte beschränken − als

Teil erfol g. Das Ganze wird gefordert, auch in den Debatten um die Teilschritte. Teil−

schritte sind nie das Ziel, sondern der Weg dahi n − als sol c he aber si nnvoll.

Horizontale Vernetzung heißt das Zauberwort. Sie bedeutet, daß Kommunikations−

strukturen, Aktionsplanungen usw. nicht mehr in hierarchischen Strukturen erfolgen,

sondern aus ei ne m gleichberechti gten Nebenei nander von Ideen und Aktivitäten be−

steht. Alles, was läuft, wird aus den tatsächlich agierenden Gruppen und Zusa mmen−

hängen, aus neu initiierten Arbeitsgruppen usw. heraus entwickelt, ohne daß irgend−

ei ne dieser Gruppen wichtiger ist als andere.

Als Beispiel sei die Anti−Atom−Bewegung angeführt. Das beste und wertvollste, was

dort entwickelt und dann breit akzeptiert wurde, war das Konzept einer Aktionsviel−

falt ("Streckenkonzept"), nach dem verschiedene Gruppen die ihnen liegenden Aktions−

for men unabhängi g vonei nander u msetzen konnten. Niemand plant für alle mit, nie−

mand sc hwingt sich auf, Führungselite für die Bewegung oder eine Aktion zu sein.

Genau das hat di e St ärke der Anti −Castor−Akti onen ausge mac ht. Di e Akti onen i n

Köln i m Sommer 1999 waren genau das Gegenteil: Peinlich genau wurde darauf ge−

achtet, daß alles zentral i n der Hand der jeweili gen Organisationsleitung l ag. Bei

den Anti−Castor−Aktionen gi ngen vorher genaue Landkarten und Hi nweise über Tele−

[Gesellschaft]

[Herrschaft]

"Das Ganze" ist

ei n Prozeß.

Emanzipation ist

nie zuende.

Zu Köl n siehe

fol gende Seite.


In Köln gab es

1999 zwei Büns−

ni sse, ei nes von

[NGO]s und eines

von li nksradi kalen

Gruppen. Beide

waren von Füh−

rungszirkeln domi−

niert, z. T. stützten

diese sich sogar

über die Grenzen

der beiden Bünd−

nisse hinweg in

ihrem Erhalt der

jeweiligen Macht.

[Autonomie]

[[ Vernetzung]

fonnummern, Anfahrts möglichkeiten von allen Seiten und zu allen möglichen Ort

rum. Aber in Köln − nichts dergleichen. Zentralistische Organisation. Die Demo−Teil−

nehmerInnen waren nur die Masse, die für den eigenen Medienerfolg (der dann auch

noc h ausbli eb . . . ) oder al s St ati stI nnen für di e zentral aus ge wählten Redebeiträge

nöti g waren.

Konzept der dezentral organisierten, aber dennoch vernetzten Aktionen muß i m

politischen Raum durchgesetzt werden − es muß möglich werden, solche Aktionsfor−

men gegen die zentralistisch agierenden Verbände u. ä. zu verwirklichen oder auch

ohne sie.

Beispiel: I m Expo−Widerstand wurde horizontale Vernetzung versucht − mit Teiler−

folgen. Zentrale Strukturen wurden gemieden, alle Aktivitäten gingen aus konkreten

Gruppen und Projekten hervor. Dadurc h entst and ei ne Vielfalt und Unberechenbar−

keit. Allerdings blieben oder entstanden Unterschiede zwischen denen, die viel mach−

ten und intensiv an den Kommunikationsstrukturen teilnahmen und denen, die sich

nur begrenzt ei nbrachten. Konfli kte zwischen den dominanteren Gruppen um Akti−

onsfor men und Arbeitsstrategien beeinträchtigten den Gesamtzusammenhang.

Ei ne e manzi patori sc he Be wegung kann nur eine "Bewegung von unten" sein, in der

die konkreten Zusammenhänge und in ihnen wiederum die Teilgruppen bis hin zu

den einzelnen Menschen die entscheidenden Teile, also die Subjekte politischer Arbeit

si nd. Alle zentralen Gre mien haben Initiativ− und Koordinationsfunktion, aber auch

dieses wiederu m nur aufgrund der Beteili gung konkreter Personen und autono mer,

d. h. unabhängi ger, selbstbesti mmter Gruppen und Projekte. In der konkreten Arbeit

bedeutet das, daß die sich für ei ne konkrete Aktivität zusammenfi ndende Gruppe

auch die Entscheidungsgewalt über i hre Aktivität hat. Gerade weil sie die hat, ver−

größert sich dann auch die Chance, daß sie i hre Handlungen i nnerhalb von Vernet−

zungen transparent macht − es geht ja nicht um Machtkampf, Abstimmungen oder

ähnliches. Plena und übergeordnete Vernetzungen sti mmen nur über das ab, was

auch alle zusammen betreiben − und das ist i m Idealfall nichts mehr. Die Autonomie

der Teil gruppen des Ganzen muß sich auf alle Bereiche beziehen, von der materiel−

len Selbständigkeit bis zum Auftreten in der Öffentlichkeit. Alle Gruppen si nd auto−

no m, alle treten folgerichtig aber auch nur für sich selbst auf, nicht für etwas Gan−

zes, was ohnehin meist konstruiert und von der Existenz von Führungsgremien (ge−

wählt oder i nfor mell) abhängig ist.

Aktions− und Ko mmuni kationsstrukturen für jede Aktion neu aufzubauen, wäre an−

strengend und dumm. Daher ist es sinnvoll, autonome, d. h. selbstorganisierte und

unabhängi ge Struktur zu schaffen, die neben den jeweils zu Aktionen aufgebauten

Arbeits− und Vernetzungsstrukturen dauerhaft nutzbar si nd.

Politische Freiräume braucht das Land! Infol äden, Projektwerkstätten, Wagen−

pl ätze, Ko mmune n us w. sind wichtig − wenn sie sich denn als politische

Pl attfor m begreifen und nic ht nur al s Rückzugsidylle, Fetenraum und/oder

al s Ort maxi mal er Anpassung an den St aat oder sei ne fi nanzi ell en Förder−

strukturen. Doch die Wirklichkeit ist katastrophal: Selbst die meisten auto−


nomen Zentren gehören dem Staat oder der Stadt. Dieser Zustand spiegelt

wieder, wie weit entwickelt das strategische Potential autonomer politischer

Bewegung ist. Wo Wagenplätze oder Zentren in Gefahr si nd, wird nach " Ma−

mi/Papi Staat" gerufen, etwas Neues zu geben. Die Teile politische Bewegung

müssen stattdesseneigene, unabhängige Plätze schaffen − durch (kollektives)

Ei gentum oder durch politisch motivierte Besetzungsaktionen.

Wo solche Plätze bestehen, müssen sie auch Aktionsplattfor m sein für die

politische Arbeit. Rei n private Häuser oder Plätze si nd privat und damit

ni c ht−politisch − egal ob sie von BänkerInnen oder Anarcha/os bewohnt

werden! Das Private ist wichtig, aber es ist nicht politisch!

Es muß das Anliegen sein, an unabhängigen Orten Arbeits möglichkeiten für

politische Gruppen, selbstorganisierte Bildungs− und Öffentlichkeitsarbeit usw.

zu schaffen: Medienwerkstätten, Bibliotheken und Archive, technische Infra−

struktur, Werkstätten und mehr in jeden Ort!

Durch geschickte For men kollektiver Verfügungsgewalt über die politischen

Räume müssen diese auf Dauer vor Privatisierung und Ko mmerzialisierung

geschützt sein − also auch vor denen, die ein Projekt aufbauen und

zunächst tragen ("uns selbst"), da davon auszugehen ist, daß fast jedeR

AkteurIn in politischen Gruppen zu der Mehrheit politisch Aktiver gehört, die

sich nach einiger Zeit politischer Arbeit etablieren und dann das mit politi−

schen Zielen Geschaffene für die eigene Lebensidylle bzw. −absicherung nut−

zen wollen.

Der i nzwischen fast abgeschlossene Niedergang selbstorganisierter Medien

ni mmt wichtige Möglichkeiten der Einflußnahme auf das gesellschaftliche

Geschehen. Als Alternativen bleiben nur noch die Anbiederung an die bür−

gerliche Presse (deren Ausrichtung der Krieg gegen Jugoslawien nicht verän−

derte, wohl aber mal wieder besonders deutlich machte!) oder der Rückzug

in eine Nische ohne Wahrnehmung von außen.

Dabei ist unsere Gesellschaft eine Mediengesellschaft. Viele grundlegende

Ideen lassen sich nicht auf Spucki oder Plakat unterbri ngen. Daher müssen

wir wieder eigene Zeitungen, Radioprojekte (selbstorganisiert und politisch),

Internetplattformen (gerade i m Sinne einer interaktiven Öffentlichkeitsarbeit)

und auch Bildungsarbeit organisieren − von Einzelveranstaltungen bis zu

Ideen wie Volkshochschulen von unten u. ä.

Auch bei Aktionen können zeitlich befristete Zeitungen oder ei n Piratensen−

der bzw. ein Kanal i m vorhandenen Radio sinnvoll sein. Es gibt solche

guten Ideen längst − aber viele beko mmen es nicht mit!

Was für Medien gilt, kann auch für Betriebe i m all ge mei nen gelten − von

Verlagen über Kneipen bis zum Ki no. Besonders selbstverwaltete Betriebe

sollten als politische Plattfor m begriffen werden. In vielen Kommunen oder

ähnlichen Projekten dienten Betriebe zu Anfang vor allem der finanziellen

Absi c her ung der Akt eurI nne n und Proj ekt e. Nur wenige Jahre später waren

sie ko mmerzielle Ei nheiten zum allei n privaten Nutzen. Teil ei ner politischen

Bewegung aber sind Betriebe nur dort, wo sie ein politisches Ziel ( Bildungs−

oder Öffentlichkeitsarbeit, Bau von Aktions material, Renovierung von Häusern

oder Wägen, Kommunikation usw.) verfolgen.

Noch i m Jahr

2000 soll ei ne

Stiftung mit Na−

me n " Frei Räu me"

gegründet werden,

um unabhängiges

Ei gentu m an Häu−

sern und Plätzen

für selbstorgani−

sierte Politi k zu

sichern.

Kont akt: I nstitut

für Ökologie,

Tur mstr. 1 4a,

23843 Bad

Ol desl oe,

institut@inihaus.de

Spucki = Aufkleber

zum Anlecken


Etliche "li nke" Zei −

tungsporojekte be−

greifen sich gar

nicht al s Teil poli −

tischer Bewegung,

sondern verhalten

sich gegenüber den

AkteurI nnen arro−

gant und herab−

lassend. Statt

Strategiedebatten

mitzuentwickel n,

kommentieren sie

von außen besser−

wisserisch die Ak−

tivitäten.

Szene= i nfor meller

Zusa mmenhang

zwischen Gruppen

z. B. mit ähnlichen

The men oder Akti−

onsfor men.

Maloche=

niedri grangi ge

Arbeit ohne ei ge ne

Mitbesti mmung am

Arbeits prozeß

[Autonomie]

Ei nnischung= Sich

ei nen Pl atz suchen

und dort verhar−

ren. Der Begriff

stammt aus der

Ökologie und mei nt

den Ort und die

Rolle, den ei n Tier

oder eine Pflanze

ei nni mmt.

Welc he Vernetzung existiert? Kra mpf haft werden meist ei ni ge, bundesweit

nur i n Teilen der bewegung bedeutsame Zeitungen erwähnt (Infodienste, Inte−

ri m, früher auch radikal usw.), wenn die Frage darauf kommt. Aber es gibt

nur wenige Versuche, solche Magazine breiter anzulegen, viele zu erreichen.

I m Antifa−Bereich gibt es einige qualitativ hochwerige Vernetzungsblätter, i m

Umweltbereic h seit kurze m die " Ö−Punkte" mit der Besonderheit ei ner rubrik,

die über Nicht−Umweltt he men i nfor miert, um einen Austausch zu gewährlei−

sten. In vielen Themen findet sich dagegen nichts. Übergreifende Telefon−

ketten: Fehlanzeige. Vernetzung zwischen Wagenpl ätzen, Infoläden und ande−

re n Häuser n: Sc hwac h. Gege nseiti ge Hil fe oder Auf bau ge mei ns a mer Struktu−

ren: Kaum. Übergreifende politisch−strategische Debatte: Null.

Infor mationsaustausch ist ei ne wichtige Grundlage strategischer Arbeit. Ihn

zu schaffen, ist ein wichtiges Ziel. Dabei wird es, auch hier nach dem Kon−

zept der selbstorganisierten Vielfalt, verschiedene Wege geben. I m Opti malfall

ist das Geflecht von Zeitungen, Email−Vernetzung, Telefonketten, Rundbriefen

us w. aber durchschaubar und jede Gruppe und Einzelperson kann sich dort

einbringen, wo es ihr am sinnvollsten erscheint.

Möglichkeiten der Koordi nation ( auch hier muß es die Vielfalt der Selbstor−

ganisation bri ngen): Rundbriefe und Magazi ne, Adreßbüchlein, Kalenderpro−

jekt( e), Treffen, I nternetprojekte, Tausch und gegenseiti ge Besuche u. ä. Ei ni −

ges gibt es schon und könnte weiterentwickelt werden − aber bislang si nd

fast alles Nischenprodukte, jede "Szene" bedient nur sich selbst.

Aut o no me Wohnproj ekte si nd mei st ni c hts anderes al s unverbi ndli c he WGs, di e öko−

no misch von der Substanz der Orte, vo m Überfluß der Gesellschaft oder, am häufi g−

sten, aus ganz nor malen Quellen gespeist werden: Eltern, BaFöG, Staatszuschüsse,

Mal oc he oder Sozi al a mt. Solange aber für die einzelnen Menschen keine Perspektive

besteht, das eigene Leben selbst zu organisieren, bleiben die Zwänge des Alltags ei n

wichtiger Grund für das ständige Wegetablieren der ehe mals politisch Aktiven.

Stattdessen müssen autonome Wohn− und Lebensfor men entstehen, die die einzelnen

Menschen herauslösen aus den Zwängen der Nor malität und ihnen damit erst die

Frei heit geben, gutes Leben, politisches Engage ment und das Ausprobieren alternati−

ver, u. a. herrschaftsfreier Zusammenlebensformen zu verbinden. Die bisherigen Ver−

suche ( Kommunen, Ökodörfer, Öko−WGs, Wagenplätze usw.) konnten den Prozeß des

Etablierens nicht aufhalten, da mit zunehmende m Alter von Personen und Gruppen

der Hang zu Absicherungen, mehr Luxus und Ei nnischung i n der Nor malität nicht

durch ein positives Gegenmodell aufgehoben wurde. Hier gilt es, eine strategische

Debatte zu führen. Alternative Lebensprojekte müssen Willen und Fähi gkeit der Ei n−

zel nen zur Auseinandersetzung mit der Gesellschaft erhöhen und selbst Plattfor m da−

zu sein. Dumpfe Rückzugsprojekte, legiti miert über " unsere Existenz ist politisch",

"echte Veränderung kommt von i nnen" oder den Glauben an spirituelle bis esoteri−

sche Kräfte, sind entpolitisierend und befrieden kritisches Potential. Nötig sind Pro−

jekte, die Gegenmodelle darstellen, sich öffentlich zeigen und reiben an der Realität,

sich selbst als politische Speerspitze ei ner Veränderung und Teil politischer Bewegung

begreifen − und trotzdem nicht eine unverbindliche WG ohne langfristige Perspektive

für die Einzelnen sind, wo es sich für die paar Jahre der Unzufriedenheits− vor der

Etablierungsphase aushalten läßt, aber mehr auch nicht.


Hinzukommen muß eine ökonomische Basis, die auch dauerhaft ein Gefühl der Si−

cherheit verschafft. Sonst werden die vorgegebenen, gesellschaftlichen Sicherungssy−

steme von vielen Menschen bevorzugt werden. Die konkrete Frei heit, d. h. das Aus−

brechen aus den ständi gen ökono mischen Zwängen kann nur i m Projekt oder als

Kooperative ( ge mei nsa me Ökono mie, Ge mei nschaftsei gentu m oder i ntensives Tausch−

und Ge mei nschaftsnutzungssyste m zwischen Einzelpersonen und/oder Projekten) und

nur dann entstehen, wenn diese sich weitgehend aus den Marktlogiken auskoppeln

und andere For men der Reproduktion aufbauen. Dauerhafte Sicherheit kann es i n

For m der Beteiligung an existenzsichernden Eigentumsaufteilungen, z. B. an Gebäu−

den oder Boden geben, aber auch an ge mei nsamen Fonds der Geldanlage, die ei ne

langfristige Rendite im herkömmlichen Sinne ermöglichen − bei aller Problematik

der Geldwirtschaft. Nähere Infos zu Politk und Kommunen siehe Herr mann, 1999.

Aktionen, Zeitschriften, Veranstaltungen und mehr sind Teil der politischen Arbeit.

Emanzipatorische Positionen haben fast überall ei n Schattendasei n. Nur selten küm−

mern sich Menschen schon in der Vorbereitungsphase darum, daß Aktionen, Zeit−

schriften, Veranstaltungen u. ä. e manzipatorisch und nach Autonomiegesichtspunkten

(Selbstorganisation, Unabhängigkeit usw.) organisiert werden. Autono me Strategien

und e manzipatorische Inhalte sind es wert, prägend zu sei n für politische Bewegung

und sich als durchsetzungsfähi g gegenüber refor mistischen bis kapitalismusbefür−

wortenden Positionen, vor alle m aber gegenüber herkö mmlich−hierarchischen Organi−

sationsmodellen in Bündnissen zu erweisen. Die Zeit muß vorbei sei n, i n der sich

etablierte Organisationsspitzen von NGOs oder Ei nzelpersonen, oft mit Parteibüchern

in der Tasche, als Bewegung ausgaben und Schröder, Dai mler & Co. als ihre Ge−

sprächspartnerInnen über die Zukunft der Welt ansahen. Dafür aber müssen sich

selbstorganisierte Gruppen offensiv in die politischen Zusammenhänge, Medien, Netz−

werke und Aktionen ei nmischen, um ihre Vorstellungen politischer Organisation dort

ei nzubri ngen und auch gegenüber Zentralisierungs− und Hierarchisierungsversuchen

durchzusetzen.

Emanzipatorische Politik steht heute sehr stark am Rande der Gesellschaft und ist

kaum noch wahrnehmbar. Schuld daran sind die Menschen, die eine solche Politik

wollen und vertreten, auch selbst. Sie ziehen sich seit Jahren mehr aus der öffentli−

chen Debatte zurück und schmoren i m eigenen Saft. Der Wille zur i nhaltlichen Kon−

sequenz wird nicht so umgesetzt, daß emanzipatorische Ziele i mmer klar und un−

mißverständlich formuliert werden, sondern es wird vor allem darauf geachtet, daß

der Rahmen und die VeranstalterInnen z. B. von Diskussionen die politisch "richti ge"

Mei nung habe n ( " pc" si nd) . Di ese Strategi e hat zur Fol ge, daß e manzi patori sc he I dee n

zur Zeit nur i nnerhalb ei ner klei nen Szene überzeugter Menschen diskutiert oder

verbreitet werden. In de m bedeutend größeren Teil etablierter Bewegungen und Or−

ganisationen, erst recht in der Nor malität der Gesellschaft, auch in ihren Bildungs−

und Diskussionskreisen (Schulen, Hochschulen, Volkshochschulen, Verbänden und Ver−

ei nen, Bil dungszentren, Medien us w.) gibt es die The men Herrschaft, Ausbeutung usw.

ni c ht. Es wirkt fast, also hätten Menschen mit e manzipatorischen Ideen Angst, sich

der Realität zu stellen und für i hre Ideen zu kä mpfen. Oder fürchten sie um i hre

sozialen Beziehungen in der " Normalität", in der die meisten von ihnen auch existie−

ren wollen (Freundschaften, Job, Hobbies, NachbarInnenschaft usw.)?

[Kooperative]

Ei n Bei spiel für

Absicherungen ist

das Anlegen von

Geld i n Windkraft−

anlagen, aus de−

ren Stromverkauf

dann auch dauer−

haft Erlöse ko m−

me n − sel bst

dann, wenn die

ei gene Er werbs−

kraft ei nge−

schränkt ist.

[Autonomie]

[NGO]

"pc"= Abk. von

"political correct−

ness. Ein in poli−

tischen Bewegun−

gen gebräuchlicher

Begriff und mei nt

ei ne Verregelung

des Alltagsverhal−

tens in politischen

Zusammenhängen

aufgrund von Er−

wartungshaltun−

gen. Der Begriff

wird inzwischen

auch mit

konservativen

Ideen genutzt.


[Von unten]

Bei m Widerstand

gegen die Expo

2000 gelang es

nicht, das Sy mbol

auch so zu de−

maskieren, daß die

ei gentliche politi −

sche Stoßrichtung

erkennbar wurde.

Diese richtete sich

gegen den auf der

Expo beworbenen

Kapitalis mus als

Ganzes.

E manzipatorische Politi k muß aus der Isol ation befreit werden. Dafür ist nicht not−

wendig, daß Inhalte oder Positionen aufgegeben werden. Es ist kei ne Anbiederung,

auf einer Veranstaltung, die nicht selbst emanzipatorische Ziele hat, aber die Formu−

lierung solcher zuläßt, für die eigenen Positionen zu kämpfen. Politischer Verrat ge−

schieht erst dann, wenn Verhaltensweisen oder i nhaltliche Positionen zwecks besserer

Akzeptanz, Etablierung oder Anbiederung verändert werden. Notwendig ist aber, ra−

dikale, emanzipatorische Politikinhalte und Aktionsformen an vielen Orten dieser Ge−

sellschaft offensiv ei nzubri ngen − und sich auch offen zu zei gen als Gruppe, Projekt,

Ko mmune o. ä. , die bewußt und sichtbar für ei ne Welt von unten ei ntritt. Kei n

St a mmtisch, kei n Podiu m, keine Vorlesung, kein Seminar, kein Betrieb oder Büro,

kei ne Schulstunde, kei ne WG oder Fa milie und kei n anderer Ort ist zu schade für

ei ne Debatte für ei ne Welt von unten. Wer anders agiert, isoliert sich i m ei genen

Saft und hat auch ein falsches Verständnis einer Welt von unten − denn " unten"

sind sicher nicht die selbstisolierten, oft beruflich gut gestellten linken Theoriekrei−

se.

Die Menschen, die emanzipatorische Politik vertreten wollen, sollten sich in Veran−

staltungen, Kongresse, Diskussionen und auf den Podien einmischen, wo über zu−

künftige Strategien geredet wird. Diese Plattfor men sind gute Gelegenheiten, die Do−

mi nanz der kapitalis musko mpatiblen Politi kkonzepte der Marken Hu manität, Nachhal −

ti gkeit, Agenda oder Bündnis für Arbeit zu brechen. Nicht die anderen Personen auf

den Podien oder die VeranstalterInnen si nd unsere Ziel gruppe ( Kritik an i hnen kann

daher auch kei n Grund der Verwei gerung von Debatten sei n!) , sondern die Menschen,

die zu solchen Veranstaltungen ko mmen. Sie der " anderen Seite" zu überlassen, ist

schlicht dumm!

Kau m ei ne politische Idee wird ohne einen Bezug auf eine Symbolik durchsetzungs−

fähig sei n. Symbole für Unterdrückung, Ausbeutung, Umweltzerstörung us w. können

der Aufhänger für die Kritik am Bestehenden sein. Ebenso dienen Symbole für

e manzipatorische Ziele und Modelle de m Entwurf neuer Ideen, Konzepte oder Visio−

nen. I m Ei nzelfall gibt es sogar Symboliken, die beides bei nhalten: Widerstand und

neue Ziele. Alle Symbole haben vielfache Bedeutung für die politische Arbeit:

− Als Mobilisierungspunkt, an dem die verschiedenen Gruppen, die sonst

"nur" auf ein Thema spezialisiertsind, zusammenagierenundso Kräfte

bei den umfassenden Zielen bündeln.

− Als öffentlich wahrnehmbares Modell für Alternativen oder als Symbol für

die aktuelle Normalität, d. h. die Herrschaftsformen, Ausbeutungsstrukturen

u. ä.

− Bündelung verschiedener politischer Stoßrichtungen, um ge meinsame Ziele

zu for mulieren.

Beispiele für solche Modelle und Kristallisationspunkte können die besonderen Sym−

bole von Herrschaft und Ausbeutung sei n ( Knäste, SpitzenpolitikerInnen−Gipfel, the−

mati sc h passende Veranst altungen, Wahlen, großtechnische Baustellen oder Objekte,

Expo 2000). Ebenso können es positive Modelle sein, also Visionen oder alternative

Projekte mit politischen Zielen und als ein Kern politischer Bewegung. Solche ge−

mei ns a me n Akti o ne n ersetze n ni c ht di e weiter notwendigen Ein−Punkt−/Ein−Themen−

Gruppen und −Initiativen, bieten aber die Chance zum gemeinsamen Agieren − bei−

des zusammen ergibt die si nnvolle Mischung.


Der Abbau von Herrschaft und Verwertungslogik muß i mmer und überall Bestandteil

und weitergehendes Gesa mtziel politischer Arbeit sei n. Die politischen Gruppen, Pro−

jekte usw. sind selbst Teil der Gesellschaft − noch dazu ein unmittelbar beei nflußba−

rer. Konsequente e manzipatorisc he Bi nnenverhält nisse herzustell en, ist daher wichti −

ges Ele ment des politischen Engage ments. Hierzu zählen der Abbau aller formalen

Do minanzstrukturen von Vorständen bis zu unterschiedlichen Zugriffsrechten auf die

ge mei nsa men Ressourcen ( Wissen, Geld, Materialien, Räume, Kontakte usw.) sowie der

Ka mpf gegen jede For m der Diskri minierung, sei sie sexistischer oder rassistischer

Art, der Ausgrenzung von sogenannten Behinderten oder der Bevormundung bis Un−

terdrückung von Kindern und Jugendlichen. Alle diese Arten von Diskri minierung

si nd auch i n politischen Gruppen überall anzutreffen. Der bisheri ge Umgang damit

war i n der Sac he bi s her mei st wirkungslos und vom Ziel her verfehlt. In der Regel

gi ng es nicht um den Abbau der Diskri minierung, sondern nur um Machtverschie−

bungen, neue Definitionsgewalten oder die Denunziation mißliebiger Personen. Das

wird auch darin sichtbar, daß in den meisten politischen Gruppen nur solche Arten

von Di skri minierung diskutiert werden, deren Opfer selbst vertreten si nd und daher

ein reales Interesse an dieser Debatte einbringen. So sind antisexistische und anti−

rassistische Diskussionen und Verregelungen inzwischen weit verbreitet, während so−

genannte Behi nderte und AusländerInnen meist fehlen. Am auffälli gsten ist der Um−

gang mit Ki ndern und Jugendlichen, der fast überall ganz durchschnittlichen gesell−

schaftlichen Gepflogenheiten entspricht.

Ei n Ende der Di skri minierung ist über Verregelungen und neue Machtpositionen

ni c ht zu erzielen. Stattdessen müssen auch in diesem Fall die Menschen selbst zu

den AkteurInnen werden. Dieses bewußt und jeden Menschen zum Mittelpunkt des

Handel ns zu machen, ist das Ziel der Debatte. Es gilt, auf merksa m zu werden für

die For men der Unterdrückung und Diskri minierung, zudem ist unmittelbares, d. h.

soforti ges und von konkreten Personen durchgeführtes Handel n i m Si nne ei ner In−

tervention erforderlich. Das Ende der Diskri minierung kann nur dann erreicht wer−

den, wenn alle Menschen als Einzelne begreifen, daß sie es sind, auf die es an−

ko mmt. Diese Verantwortung kann nicht auf Gruppenstrukturen, Regel n oder Plena

verl agert werden − wie es bislang regel mäßig der Fall ist. Sexistische, rassistische

oder sonsti ge Übergriffe, die ständi ge Bevor mundung und Zurechtweisung von Ki n−

dern, die Ausgrenzung von sogenannten Behi nderten oder weniger intellektuell auf−

tretender Menschen müssen sofort angegriffen werden. Dieser " Angriff" muß nicht

ei ne Tätlichkeit sei n, sondern viel mehr die kl are I ntervention, das Sich−selbst−Posi −

tionieren der einzelnen Menschen gegenüber dem diskri minierenden Verhalten − statt

de m Wegse he n, st att de m Verl ager n vo n Verant wortung auf übergeordnete Strukture n

als Stellvertreter. Ebenso muß klar sein, daß nicht die Person, sondern das diskri−

minierende Verhalten Ziel des Angriffs ist.

Ohne offene und direkte, d. h. i ntersubjektive Beziehungen gleichberechti gter Part−

nerI nnen kann ei ne politische Bewegung oder ein Projekt nicht die Selbstentfaltung

der Einzelnen fördern. Streit dient dann, wenn die Menschen und nicht der Selbst−

zweck der Gruppe i m Vordergrund stehen, nicht der Ausgrenzung anderer oder de m

Auf bau vo n Mac ht, so nder n de m ge mei ns a me n Ri nge n u m das Wohlbefinden und die

Gl ei c hberec hti gung der Ei nzel ne n, der Vielfalt der Ideen, der Weiterentwicklung von

Positionen und der Qualität der eigenen Strategien. So wie die konkreten Aktions me−

thoden zwischen den AkteurInnen unterschiedlich sind, gleichzeitig daher zugelassen

[Gesellschaft]

[Emanzipatorische

Gruppen und

Projekte]

Zu m Umgang mit

Di skri minierungen

siehe Kapitel 3. 2,

Punkt C.

[Selbstentfaltung]


[Autonomie]

[NGO]

[Anarchie]

[Vernetzung]

wie auch offen und kritisch diskutiert werden, si nd es auch die Verhaltensweisen i m

Streit. Ge mei nsames Ziel muß sei n, Streit als Ri ngen um Positionen und Strategien

zu fördern und so zu gestalten, daß einerseits Dominanzkämpfe und Ausgrenzungen,

andererseits aber auch unklare Verhältnisse aufgrund ei nes har monisierenden Grup−

pendrucks ver mieden werden. Gegenstand des Streites si nd Abl äufe, Rahmenbedi n−

gungen, Strategien, Verhältnisse, nicht Personen. So lassen sich emanzipatorische

Positionen klären, erstreiten, beschreiben, i n Veröffentlichungen und Aktionen ver−

deutlichen, nie mals aber durch das Ausgrenzen von Menschen.

Die einzelnen Menschen müssen die Träger der politischen Aktivität und die Akteu−

rInnen i n der politischen Arbeit sei n − von der Entwicklung der Ideen bis zur Um−

setzung und Nachbereitung − und nicht die Gruppe!

Eine Debatte um Strategien muß selbstkritisch sein, d. h. schonungslos aus eigenen

Erfolgen und Fehlern lernend. Sie kann und sollte aus den Erfahrungen aus den

vielen Jahren selbstorganisierter politischer Arbeit schöpfen, aber nicht daran kle−

ben. Die autono me Politi k hat zur Zeit nicht nur gegenüber der herrschenden Politi k

und Normalität das Nachsehen, sondern auch gegenüber der Art nichtautonomer po−

litischer Arbeit, wie sie von den etablierten, meist staats− und oft wirtschaftsnahen

Verbänden ( neudeutsch: NGOs) betrieben wird.

Aut o no mie bzw. Selbstorganisation ist aber nicht gleichbedeutend mit de m Wegblei−

ben von Strategie − genausowenig wie Anarchie nur das Wegfallen des Staates und

das Heraufkommen völliger Unorganisiertheit bedeutet. Ganz i m Gegenteil: Eine poli−

tische Autono mie besteht erst dann, wenn sie sich organisiert, denn "allein machen

sie dich ei n"! Politischer Widerstand braucht eine wirkliche Qualität, die wehrhaft ist

gegen Repression, Abhängi gkeiten und Ei nverleibung, die Alternativen bietet zu den

Wegen der Nor malität ( auch der nor mal−etablierten politischen Arbeit z. B. der NGOs).

Autono me Politik i st ni c ht nur ei n I nhalt, sondern auc h ei ne Strategi e. Und si e hat

nur dann ei ne Existenzberechti gung, wenn sie die bessere ist, also der wirksamere

Weg, die Von−oben−Gesellschaft in Richtung einer Welt von unten, d. h. mit e manzi−

patorischen Zielen zu verändern. Die Existenz politischer Gruppen als Selbstzweck

kann und darf es nicht geben. Notwendig ist die Entwicklung einer Strategie, die

den Aufbau von I nfrastruktur, Ko mmuni kationsfor men und Aktionsfähi gkeit bei nhaltet

und eigene Wege i n die Öffentlichkeit, Modelle und Kristallisationspunkte, ökonomi−

sc he Absic herungen, Soli darit ät und Perspektiven für di e ei nzel nen AkteurI nnen

schafft.

Politische Aktivität orientiert sich meist an zeitlich beschränkten Anl ässen. Strate−

gie− und politische Diskussionen beginnen, wenn sie überhaupt laufen, ständig neu.

Aus wertungen und Weiterentwicklung unterbleiben so meist. Durch die AkterInnen po−

litischer Gruppen muß ei n über Teilbereichsbewegungen hinweg reichender, dauernder

Diskussionprozeß zu Strategien, Zielen und Positionen politischer Arbeit geschaffen

werden. Treffen, Internetprojekte, konti nuierlich weiterentwickelte Positionspapiere und

Veröffentlichungen, Austausch über bestehende Magazine, Seminare und mehr können

Bausteine dieses Prozesses sein.


c. Beispiele

Di e fol genden Beispi el e soll en aktuell e Be wegungen dokumentieren, die sich um ei−

nen emanzipatorischen Stil bemühen − nach außen in ihren Positionen sowie nach

inneninihrenStrukturen. Wenig Anlaß gibt es bisher zum Jubel, denn die Umset−

zung ist zäh. Sie scheitert nicht nur an den repressiven Rahmenbedingungen,

sondern auch an den Menschen, die ihre Erfahrungen und sozialen Verhaltensweisen

aus der Verwertungsgesellschaft i n die politische Arbeit mitbringen−undanderEr−

starrung politischer Bewegung, die oft mals nicht in der Lage ist, sich von alten,

überkommenen Strategien und Strukturen zu lösen.

PGA ist ei n i nternationales Netzwerk von Aktionsgruppen. Es entstand auf Initiative

u. a. der mexi kanischen Zapatistas, die ei nen revolutionären, teil weise auch bewaff−

neten Ka mpf führen, u m Herrschaftsverhältnisse abzubauen und den Menschen wie−

der den Freirau m zu erkä mpfen, sich selbst zu organisieren. Diese Ausei nanderset−

zung unterscheidet sich daher grundlegend von anderen Aufständen, weil es hier

ni c ht um die Frage "Wer hat die Macht?", sondern " Gibt es Macht?" geht. In den

vergangenen Jahren ist von PGA die Initiative für weltweite Aktionstage gegen Neoli−

beralis mus und Herrschaft ausgegangen, z. B. a m 18. 6. 99 zum Weltwirtschaftsgipfel in

Köl n, am 30. 11. 99 zur WTO−Sitzung i n Seattle und am 26. 9. 2000 zur I WF−Tagung i n

Prag.

PGA versucht ein grundlegend dezentrales Konzept umzusetzen, in dem alle Akti−

vitäten nur von den Basis− und freien Projektzusammenhängen ausgehen, die sich

frei bilden können. Die folgenden Texte sind Auszüge aus dem Grundsatzprogramm

von Peopl e' s Gl obal Acti on.

Die folgenden Passagen sind Auszüge aus den organisatorischen Grundsätzen

von Peopl es Gl obal Acti on, de m weltweiten Netz widerständiger, emanzipatori−

scher Gruppen.

... 2. Die Organisationsphilosophie von PGA basiert auf Dezentralisation und

Aut o no mie. Aus diesem Grund gibt es nur mini male zentrale Strukturen.

3. Bei PGA gibt es kei ne Mitgliedschaft.

4. PGA ist kei ne j uristische Person und wird auch keine werden. Sie wird

in keinem Land legalisiertoder registriertwerden. kei ne Person kann PGA repräsentieren . . .

Keine Organisation und

8. PGA besitzt keine eigenen finanziellen Mittel. Die Mittel, die benöti gt

werden, um die Konferenzen und die Infor mationsi nstrumente zu bezahlen,

müssen auf dezentrale Weise beschafft werden. . . .

1. Eine sehr deutliche Ablehnung der WTO und anderen Abkommen zur Han−

delsliberalisierung ( wie beispielsweise APEC, EU, NAFTA etc.) , welc he die akti−

ven Anstifter einer sozial und ökologisch destruktiven Globalisierung verkör−

pern.

2. Wir lehnen alle Formen und Systeme der Herrschaft und Diskri minierung

ab, ei nschli eßlic h ( aber ni c ht nur) des Patri arc hats, des Rassi s mus, des reli −

[Vernetzung]

Mehr Infos zu PGA

unter

http: //www.apg.org

zur I WF−Tagung

in Prag unter

http: //go. to /

prag−2000

Die Grunds ätze

werden

konti nuierlich

fortentwickelt.


[Welt ausstell ung]

Auch dieses Buch

wurde i m Rahmen

des Expo−Wider−

standes und der

Aus ei nanderset −

zung um Positio−

nen und Visionen

entwickelt.

Die Expo wurde

ausgewählt, da sie

ei n sichtbares

Symbol für ei nen

Widerstand gegen

Herrschaft und

Profitorientierung

ist.

TI NA= There i s no

alternative

Die Zit ate st a m−

me n aus verschi e −

denen Gruppen

und Zusammen−

hängen des Expo−

Widerstandes und

dokumentieren die

Ziele und Strategi −

en.

giösen Fundamentalis mus aller Glaubensrichtungen. Wir achten die volle

Wür de all er Mensc he n.

3. Ei ne konfrontative Grundhaltung, da wir nicht annehmen, daß eine politi−

sche Lobbyauf derartig tendenziöse und unde mokratische Organisationen, in

denen das transnationale Kapital die reale Politik besti mmt, ei nen wesentli−

chen Einfluß nehmen kann.

4. Ei n Aufruf zu gewaltfreie m zivilen Ungehorsa m und de m Aufbau von lo−

kalen Alternativen von ortsansässi gen Menschen, als Antwort auf das Han−

del n von Regierungen und der Wirtschaftsunternehmen.

5. Eine Organisationsphilosophie, die auf Dezentralisation und Autonomie ba−

siert.

Der Widerstand gegen die Expo 2000 war der Versuch, emanzipatorische Bewegung

zu organisieren. Seit Ende 1997 fanden i m Raum Hannover und einige Monate

später auch in einem bundesweiten Netz werk Debatten und Versuche statt, am Symbol

der Expo, einer gigantischen Schau herrschaftsorientierter Technik und Zukunftsvi−

sionen, emanzipatorische Gegenpositionen zu entwickel n und ei gene Aktionsstrategien

zu entwickeln, die nicht in die Fehler der Vergangenheit, d. h. in Anpassung

und/oder zentralisierte Strukturen verfielen.

Di e Erfahrunge n des Expo− Widerstandes sind es wert, hier anal ysiert zu werden.

Fehler und Fortschritte können geeignet sein, Ausgangspunkt für mehr zu sein.

Aus gangs punkt der Ver net zung versc hi ede ner Gruppe n mit de m ge mei nsamen Ziel,

die Expo anzugreifen, waren Überlegungen, eine widerständige Bewegung aufzubauen,

ge mei nsa me Aktionsfor men zu entwickeln und so "interventionsfähig" zu werden. So

sollte der aktuellen gesellschaftlichen Situation ei n Ende bereitet werden, die dadurch

gekennzeichnet ist, daß die existierende Gesellschaftsform sowie die aus den dort

herrsc henden Kreisen entwickelten Zukunftsmodelle alternativenlos und damit auch

unabänderlich erschei nen.

Auszüge aus der Eröffnungsrede vo m Jos ef Hi erl mai er zu m BUKO 22,

28. 10. 1999 i n Hannover

"... Die EXPO will mit diesen technokratischen Entwicklungsvorstellungen

suggerieren, dass es hierzu kei ne Alternative gibt. Das " TI NA"−Denken ist

ei n wesentlicher Bestandteil der EXPO. Die Botschaft lautet: Alles ist mach−

bar, wenn nur alle mit machen und die Konzepte der EXPO richti g und ef−

fektiv umsetzen. Dieses Denken entspricht dem Schröderschen Leitsatz: "Es

gibt keine linke und rechte Wirtschaftspolitik, sondern nur eine gute oder

schlechte." Alles ist also nur eine Frage des Handlings [ Handlung: Vorge−

hens weise] , der Ver mittlung und der Ko mmunikation. Die Macht− und Herr−

schaftsför mi gkeit dieser Leitbilder und technokratischen Konzepte und des

Marktes werden syste matisch ausgeklammert ebenso wie die sozialen und

patriarchalenVerhältnisse, diesichindiesenVorstellungenmaterialisieren. Für jedes Proble m gibt es diese m Denken zufolge ei ne Lösung. Wenn es kei−

ne Lösung gibt, gibt es auch kei n Proble m. Matthias Greffrath hat dieses

"schröderische" Politikverständnis treffend charakterisiert. Wer "schrödert",


schreibt er, " muß denken und verkörpern, dass kei n Proble m ist, wo kei ne

Lösung wi nkt. Unaufhaltsam der Prozess, i n de m ei ne Wirklichkeit, die zu

korri gieren nie mand die Macht spürt, nicht mehr gedacht wird." Damit hat

er aber treffend ei n Proble m beschrieben, mit de m es ei ne herrschaftskriti−

sche Linke tagtäglich zu tun hat. Von vielen wird eine Wirklichkeit gar

ni c ht mehr gedacht, weil sie nicht die Macht haben, diese Wirklichkeit zu

verändern. . . .

Mei nes Erac hte ns beste ht derzeit durchaus die Chance, dass unsere Kritik

an diesen Leitbildern wieder stärker wahrgeno mmen und diskutiert wird.

läßt sich nicht mehr ganz so leicht mit de m bereits erwähnten Argument

Es

punkten, man dürfe die NATO nicht de m I mperialis mus und Militaris mus

überl assen. Wir sollten deshalb unsere herrschaftskritischen Aspekte offensi−

ver in die Diskussion einbringen. Gerade die EXPO bietet sich dafür hervor−

ragend an. Diese Kritik, von der ich hoffe, dass sie auf diese m Kongreß

["diesem Kongreß" meint den 22. BUKO, auf dem diese Rede gehaltenwurde] noch konkretisiert wird, wird vielen nicht gefallen. Das ist jetzt schon ab−

zusehen. Aber es lohnt sich, denn es gibt bei der EXPO viele Anknüpfungs−

punkte und Bündnis möglichkeiten. Denn das Unbehagen über den Giganto−

mani s mus der EXPO − für di e drei Sekunden Erkennungs mel odi e wurden 400

000 DM hinausgepulvert − reicht weit bis i n liberale Kreise und Medien

hi nein. . . .

Wer sich i n dieser Mikrophysik der Macht verliert, ist nicht mehr i n der

Lage ei ne Gegenmacht aufzubauen, die momentan bekanntlich ziemlich ohn−

mäc hti g ist. Nichtsdestotrotz bleibt dieser Anspruch richtig, auch wenn wir

wieder von ziemlich vorne anfangen müssen. Joachi m Hirsch behauptet . . . ,

dass die " außerparl a mentarische Li nke i n ei ne m Maße margi nalisiert ist, wie

seit den 50er Jahren nicht mehr." Die fehlendenProteste gegen den Krieg

und die mehr als mangelhafte Beteiligung bei den Demonstrationen gegen

den G7−Gipfel bestäti gen diese Ei nschätzung. Trotzde m muß ei ne herr−

schaftskritische und emanzipatorische Linke i mmer wieder den Versuch star−

ten, genau diese Gegenmacht zu organisieren. Denn Emanzipation wurde

noc h ni e gesc henkt, sondern si e war und i st i mmer Ergebni s sozi al er Kä mp−

fe. . . .

Auszug aus eine m Papier des Anti−Expo−Bündnisses TIPP−EX, 1998 in Han−

nover

Die EXPO ist nicht "verantwortlich" für die beschriebenen Formen moderni−

sierter Herrschaftssicherung. Die EXPO hat lediglich die Funktion, für diese

"neue Weltordnung" zu werben, Akzeptanz zu schaffen, die Weltsic ht der

Mäc hti gen i n Millionen Hirnen zu verankern − nicht mehr, aber auch nicht

weniger. Großkonzerne und Regierungen präsentieren uns mit i mmense m

Aufwand einen kompletten Zukunftsentwurf, der die verschiedenen Aspekte

der herrschenden Politik i n Zusammenhang setzt − ei nen Entwurf, der

sämtliche gesellschaftliche Bereiche umfaßt.

Wir gehen davon aus, daß die EXPO nicht mehr zu verhi ndern ist, wie dies

noch vor ei ni gen Jahren als Ziel des radi kalen EXPO−Widerstands formuliert

wor de n i st. Es ka nn aber − i n Anl e hnung a n eine Parol e des Widerstandes

gegen die EXPO ' 92 i n Sevill a − darum gehen, die EXPO zu " de maskieren",

ihre Herrschaftsfunktiondeutlichzumachenundzu kritisieren.

Über den Prozeß der De maskierung erhoffen wir, zu einer neuen Orientie−

rungender Linken zu kommen. Ohne den Eindruckzu erwecken, daß die

Der Bundeskongreß

entwicklungspoliti−

scher Aktionsgrup−

pen bot mit de m

Kongreß ei ne

Mö glichkeit der

inhaltlichen Debat−

te um Ziele des

Expo−Widerstandes.

Dafür sollte das

Ei nführungsreferat

ei nen Anstoß lie−

fern. Leider setzte

sich dieser Anstoß

nur ungenügend

um, in den Folge−

tagen entwickelte

sich kau m ei ne

Debatte u m Stra−

tegie, obwohl sie

zu diesem Zeit−

punkt i m Anti−

Expo−Widerstand

selbst schon ge−

führt wurde.

Mehr Infos unter

http: //www.

anti−expo−ag. de


TI PP−EX war ei n

Bündnis von

Gruppen aus Han−

nover und Umge−

bung mit de m Ziel,

ei ne i nhaltliche

Position und si nn−

volle Strategie für

den Expo−Wider−

stand zu entwer−

fen, u m nicht ei ne

Ei nzel aktion

durchzuführen oh−

ne gesell schaftliche

Bezüge. Das Pa−

pier schuf ei ne

wichtige Grundlage

für die überregio−

nalen Anti −Expo−

Aktivit äten und

Di skussionen. Das

hannoversche

Bündnis selbst

schaffte es aber

nicht, aus de m

for mulierten An−

spruch heraus

selbst die Umset−

zung wirksam

voranzutreiben.

Die Verknüpfung

von Anspruch,

Strategie und kon−

kreter Praxis

scheiterte − wie

so oft in politi−

scher Bewegung.

EXPO eine langersehnte Gelegenheit ist, denken wir doch, daß sich die EX−

PO aufgrund ihres allumfaßenden Anspruchs anbietet, daran eine Neuorien−

tierung festzu machen, die über das Erei gnis der Welt ausstellung hi naus

reicht. Direkte Angriffe auf die EXPO, allei n um die Kosten dieser Veran−

staltung i n die Höhe zu treiben, schei nen angesichts des ohnehi n vorpro−

gra mmierten Finanzdesasters eher wirkungslos zu sein. Aktionen sollten also

vor allem zum Ziel haben, inhaltliche Positionen zu verdeutlichen.

Di e E XPO hat mit i hre m " Weltrettungsanspruc h" und i hrer " Nac hhalti gkeit"

sehr viele Menschen einbeziehen können, nicht zuletzt aus dem Bereich der

Umweltgruppen. De maskieren der EXPO hei ßt de mentsprechend, die Verei n−

nahmung deutlich zu machen. Wir lehnen die EXPO ohne "wenn" und "aber"

ab. Wir sehen unsere Aufgabe u. a. darin, uns mit den sogenannten " Kriti−

schen MitarbeiterInnen" ausei nanderzusetzen und deutlich zu machen, daß

jegliche noch so kritische Mitarbeit an der EXPO letztlich zur Akzeptanz−

schaffung der dort präsentierten Weltsic ht führt.

Diesem Spektakel inhaltlich etwas entgegenzusetzen, wird sicherlich nicht

leicht werden. Es muß darum gehen, den gesellschaftlichen Gesamtentwurf

mit seinen patriarchialen, rassistischen und kapitalistischen Verhältnissen

grundlegend zu kritisieren, politisch aufzugreifen und anzugreifen. Dazu

müssen u. E. Diskussionen beginnen, die den Vereinzelungstendenzen linker

Gruppen und der mitunter mangel nden Auseinandersetzung mit aktuellen ge−

sellschaftlichen Entwicklungen entgegenwirken. Die EXPO bietet sich als ge−

mei nsamer Anknüpfungspunkt für li nke Gruppen aus völlig unterschiedlichen

Teil berei c he n an: fe mi nistische Gruppen, Initi ativen gegen Gen− und Repro−

duktionstechnologie, Menschen aus der Internationalis musbewegung, antiras−

sistische Gruppen, Umweltgruppen, Anti −AKW−Be wegung, AntiFa, anti militari−

stische Zusammenhänge, Anti−Repressions−Gruppen u. v.a. m. Themen für ge−

mei ns a me Di s kussi o ne n hätte n wir genug: Wie sind die zentralen Elemente

des Herrschafts modells der Zukunft? Welche gemeinsamen Ursachen haben

aktuelle Tendenzen, die sich in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen

abzeichnen? Wo liegen die Gemeinsamkeiten unserer Kritik, was ist das ge−

meinsame "Linke" daran? Was unterscheidet unsere "li nke" Weltsic ht von der

auf der EXPO präsentierten? Welche ge mei nsame Perspektive li nker Politik

können wir in der Auseinandersetzung mit den Konzepten der Herrschenden

entwickeln? Wie kommen wir aus der augenblicklichen Situation gesellschaft−

licher Isolierung heraus, wie machen wir unsere Kritik am auf der EXPO

präsentierten Zukunftsentwurf und unsere ei genen Vorstellungen ei nes ande−

ren Gesellschaftssystems sichtbar? Wel c he Akti onsfor men können wir uns

konkret während der EXPO vorstellen, um unsere Kritik und unsere Positio−

nen deutlich zu machen?

Wir sind an einem solchen Prozeß gemeinsamer linker "Organisierung", der

auch über das Jahr 2000 hinaus reicht, sehr interessiert. Organisierung soll

auf kei nen Fall hei ßen, daß wir irgendeine bundesweite Anti−EXPO−Organisa−

tion gründen wollen. Viel mehr schweben uns For men der Zusammenarbeit

vor, wie sie sich in den letzten Jahren für einzelne Bereiche z. B. i m Rah−

men der Kampagne " kei n mensch ist illegal" oder der "Innen! Stadt! Aktion!"

ergeben haben.


Auszug aus de m Fl ugbl att " Kurzübersi c ht zum Expo−Widerstand"

". . . Die Expo ist aber nicht nur etwas abstossend Ekliges, sondern aus ver−

schiedenen Gründen die wahrscheinlich beste Gelegenheit, einen Aufbau ge−

sellschaftlicher Gegenbewegung an diese m Symbol zu versuchen, denn . . .

− niemals haben sich die Ziele des neoliberalen Machtausbaus so offen ge−

zeigt wie hier.

− die harte Ausgrenzung der Menschen aus der Welt gekoppelt mit der Tat−

sache, daß die Menschen (als SteuerzahlerInnen) diesen Showdown ihrer ent−

gültigen Ent machtung durch einen Technikfetisch auch noch bezahlen müs−

sen, kann breitere Unterstützung für einen Widerstand gegen die Expo und

gegen die dadurch beworbene Politi k und Wirtschaft bringen.

−dieExpoverbindetfataleAussagenzuallenThemenbereichen, d.h. eine

politische Gegenbewegung am Symbol Expo könnte zu eine m Bündnis über

bis heri ge The mengrenzen hi nweg führen.

− daß die Expo eigene Von−oben−Zukunftsbilder entwirft, schafft die Mög−

lichkeit, Visionen und Bil der ei ner Gesellschaft von unten dagegenzustellen

und hier unter der Frage " Wem gehört die Zukunft?" endlich mal am Kern

der politischen Debatte zu agieren.

−letztlichkommt als Argument hinzu, daß die Expo dank ihrer vielen Bau−

stellen, überall verteilten Projekte und Veranstaltungen extre m leicht an−

greifbar ist − i nhaltlich wie physisch.

Zi el des Expo− Widerstandes ist, die neoliberale Show zu ei ne m Kristallisati−

onspunkt emanzipatorischeren Widerstandes zu machen. Die Expo bildet da−

bei nur ei nen Anlaß, da sich dort die Ziele und Methoden kapitalistischer

Herrsc haftsl ogi k deutlic h zei gen − und angreifbar si nd. Zusa mmen mit den

globalen Aktionstagen, der 10−Jahre−Großdeutschland−Feier und anderen An−

lässen rufen Gruppen aus verschiedenen Zusammenhängen dazu auf, an die−

sen Symbolen den Widerstand in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Aus

den unterschiedlichen Blickwi nkel n, bisher oft nur auf Ei n−Punkt−Bezug be−

schränkt, soll die Expo dazu dienen, die Frage um die zukünftigen Gesell−

schafts modelle neu zu stellen. Die Durchökonomisieurng des Alltags, die

Herrsc haftsstrukturen − si e brauc hen wieder eineN GegnerIn. Uns. Gegen−

mac ht von unten. ...

Insgesamt kursierte eine Vielzahl von Aufrufen, die Expo zu einem Symbol für den

Widerstand insgesamt gegen die herrschenden Verhältnisse zu machen. Sie erreichten

aber nur teil weise die politischen Zusammenhängen, vor allem die unorganisierten,

radikalen Gruppen. Von den Verbänden wurde die Expo−Kritik gezielt unterdrückt, i n

der all ge mei nen Öffentlichkeit wurde die Kritik an der Expo und die damit verbun−

dene Kritik an den herrschenden Verhältnissen gar nicht thematisiert.

Die in den zitierten Texten und Reden for mulierten Ziele für den Expo−Widerstand

wurden auf verschiedenen Wegen verfolgt. Neben der bundesweiten Vernetzung mit

den a m Schluß ca. monatlichen Treffen entstanden in ca. 20 Regionen eigenständige

Zusa mmenhänge, die überwiegend ebenfalls zum einen die Expo als konkreten Be−

zugspunkt von Widerstand, zum anderen aber auch all ge mei n Bewegungsstrategien

und Projekte auch in den Regionen diskutierten. Die folgenden Auszüge aus einem

Kritikpapier zum ersten Nachbereitungstreffen nach der Anti−Expo−Aktionswoche do−

ku mentieren schlaglichtartig gelungene und mißlungene Entwicklungen:

Das Flugblatt

stammte aus der

Projektwerkstatt in

Reiskirchen−Saa−

sen und faßte

verschiedene ande−

re zusammen. Es

diente al s Begleit−

text bei Anfragen,

für VeranstalterIn−

nen von Vorträgen

und Diskussionen

sowie für die

Pressearbeit.


Zur Aus wertung

der Anti −Expo−Ak−

tions woche erschi −

en ein Sonder−

rundbrief, zu be−

ziehen über das

Büro für mentale

Randale, Postfach

100136, 45601

Reckli nghausen

(gegen 5 DM).

"White overalls"=

Italienische

Aktionsgruppen

mit gepolsterter

Schutzkleidung, die

Polizei ketten

durchbrechen für

politische Aktionen.

1. Ziel: Antikapitalistische Kritik, Alternativen usw. thematisieren

− Die Expo demaskieren: Kaum gelungen in breiter Öffentlichkeit. Zur Zeit

stehen Pleiten, Pech und Pannen der Expo i m Vordergrund, nicht die Ideo−

logie.

− Am 1.6. wurden inhaltliche Presseinformationen kaum mitverbreitet.

− BegleitendesZeitungsprojekt, Radiosendererreicheneine eingeschränkte

Breite, vorbereitende Materi alien ( Reader us w.) nur die Szene.

Perspektive: Über The mentage und weitere Aktionen kann ei ne The matisie−

rung vielleicht noch in Teilfragen ermöglicht werden. Allderi ngs fehlt nach

de m Mißerfolg der Aktionswoche zu Beginn der Expo die Entschlossenheit.

Fazit daher: Es hat viele Versuche gegeben, die auch umgesetzt wurden ( Zei−

tung, Reader, Veranstaltungen usw.). Jedoch ist eine breite Thematisierung

ni c ht gelungen.

2. Ziel: Expo l ahmlegen!

− Am 1.6. sollte die Eröffnung der Expo erschwert und unmöglich ge macht

werden. Das ist nicht gelungen. Grund ist vor alle m das Nichtstattfinden

der Expo und die da mit zusammenhängend nicht stattfindenden Verkehrs−

flüsse.

− Der Slogan "Expo lahmlegen" engte die Vielfalt der Aktvitäten auf Blocka−

den ei n. Besser wäre ei n vielfältigeres Ge misch von Blockaden, Spaß− und

Ko mmunikationsguerilla und i nnenstadt"erobernden" Aktionen gewesen.

− Die Aktionsvorbereitung lief unterschiedlich. Nach Sachlage gab es über

1 00 aktionsfähi ge Gruppen i m Stadtgebiet. Sie führten ca. 30−60 direkte

Akti onen aus, andere sc hlossen sich nach orientierungslosem Herumlaufen

größeren Aktionen an. Die Vorbereitung der Aktionsgruppen war offenbar

sehr unterschiedlich. Vieles spricht dafür, daß bei entsprechendem Ver−

kehrsaufko mmen ei ne massive Störung möglich gewesen wäre. So aber

mac hten Aktionen entweder von vorneherei n kei nen Si nn oder konnten durch

die unblockiert schnell heranfahrenden Polizeiwagen meist schon nach kur−

zer Zeit unterbunden werden.

− Den politischen Gruppen fehlt es offensichtlich an Erfahrung und Trai ni ng

in direkten Aktionen. Seminare im Vorfeld wurden nicht besucht. Die

Durchschlagskraft ist entsprechend niedrig. Einzelne Polizeiautos in

Sichtweite oder einfache Polizeiketten halten politische AkteurInnen schon

wirksam vom Handeln ab. Vorbild für Veränderungen können englische

Aktionsgruppen oder die italienischen " white overalls" sein.

− Das Aktionskonzept dazu geführt, daß tatsächlich Gruppen eigenständig

agiert haben, wenn auch viele nicht ausreichend vorbereitet waren. Das ist

ein Sc hritt hi n zu einer akti o ns − und i nt erve nti o nsfä hi ge n Be wegung von

unten.

− Keinerlei Vorbereitung hat es für die dann real vorgefundene Situation des

völli gen Fehlens von Verkehr gegeben. Das war ein Fehler. So wäre denkbar

gewesen, sich für den Fall der ausbleibenden BesucherInnenströ me Alternati−

ven auszudenken, z. B. ei n Stur m auf das Expogel ände, die Besetzung des

Deutschlandpavillons o. ä.

− Die größeren Aktionen (Demos ...) zeigten, daß mit solchen Aktionen noch

weniger Wirkung erzeugt werden konnte.

Fazit: Die Aktionsfor m war richti g, aber ei ngeengt umgesetzt und nicht aus−

reichend vorbereitet i n den Basiszusammenhängen.


3. Ziel: Neue Aktions− und Vernetzungsfor men fi nden

− Ei n großer Teil der Energie gi ng i n die Vorbereitung der dezentralen Ak−

tionsfor m ( Bewegung von unten). Dieses Konzept einschließlich des Slogans

" London − Seattl e − Hannover" hat ei ne erheblic he Motivati ons wirkung auch

und gerade in jüngeren Zusammenhängen gehabt. Erst mals seit vielen Jah−

ren hat es wieder eine Spur von Begeisterung für politisch−direkte Aktion

gegeben. Das ist wichti g − und schade, daß es nicht mit ei ner wirksamen

Aktion "belohnt" wurde.

− Einige der gewähltenSlogans, vor alle m der Bezug auf die WTO−Blockade

von Seattle, führte i n etli c hen Gruppen zu Kritik und Rückzug aus der Mit−

arbeit. Kritisiert wurde die Überschätzung der eigenen Möglichkeiten.

− Die Kommunikationsstrukturen haben sich als machbar herausgestellt ( Ra−

di o, S MS, www.expo−calypse.de, Zeitungen, RundbriefeundTreffenimVorfeld us w.). Die regionalen Aktivitäten waren umfangreich und zeigen eine Breite

an Handlungsfel dern, di e bei bis heri gen Akti onen eher fehlten.

− Bedauerlich, aber auch entlarvend war, daß etablierte Kreise ( NGOs usw.)

mit den Aktionskonzepten und politischen Positionen nichts anfangen konn−

ten. Gleiches gilt für Teile kaderlinker Strukturen (nicht alle, wahrscheinlich

nur ei ne Minderheit), die weni g taten, u m politische Aktionsfor men und

−konzepte zu entwickeln, sondern arrogant demobilisierten. Hierzu gehören

auch etliche "linke" Medien.

Fazit: Der 1. 6. kann als wichtiger Anschauungstag für die Weiterentwicklung

von Selbstorganis ati on, Kreativit ät und di rekter Akti ons met hodi k di enen,

wenn er als Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung dient.

4. Ziel: I nterner Do minanzabbau

− Horizontale Vernetzung, Bewegung von unten usw. sind Begriffe für den

Vers uc h, Dominanzen abzubauen und zu einem gleichberechtigten Mitei nan−

der aller AkteurInnen und Teil gruppen zu ko mmen.

satzweise gelungen.

Dieses ist nur sehr an−

− Gelungen war die Aufteilung verschiedener Arbeits− und Koordinationsauf−

gaben ( Rundbrief, ReferentInnenver mittlung, Reader, technische Vorbereitun−

gen, Ko mmuni kation usw.).

− Mißlungen ist eine tatsächliche Gleichberechtigung auf den Treffen. So hat

es zwei deutliche Do mi nanzgruppen gegeben ( ohne daß diese wirklich eine

Gruppe bildeten, sondern infor melle Zusammenhänge waren). Das waren ...

Beide Gruppen haben unseres Erachtens die Dominanz nicht bewußt aus−

geübt, sondern waren do minant aufgrundder Situation.

− Nur wenige Male ist bewußt Dominanz ausgeübt worden.

all en Fäll en waren es Ei nzel personen.

Beispiele: ... In

− Problematisch war die Herausbildung einer Informationselite, die nicht nur

i nfor mell bestand, sondern sich auch for mal organisierte. So waren viele

" CheckerInnen" a m 1. 6. nicht an Aktionsgruppen, sondern i n den Ko mmuni−

kationsgruppen beteiligt. Das kann einer der vielen Gründe sein, warum die

Gruppen nicht in der Lage waren, aus der gegebenen, unvorhergesehenen

Situation noch etwas zu machen.

− Die beschlossenen Kommunikationsstrukturen ( Rundbrief und Mailinglisten)

erreichten nicht alle Gruppen bzw. Einzelpersonen.

Fazit: Der i nterne Do mi nanzabbbau ist sehr unzureichend gelungen. Zwar

teilten sich die Aufgaben auf, tatsächlich gab es aber klare Do minanzen.

[Von unten]

...= Der Original−

text ist an dieser

Stelle gestrichen,

da i m ursprüng−

lich i nternen Pa−

pier Na men ge−

nannt wurden.

CheckerInnen=

Leute, die meist

mehr I nfos und

Erfahrung haben

bzw. dieses vor−

täuschen.


[Von unten]

Der Text trug den

Titel "Stichworte

zum Expo−Wider−

stand: Aktionen,

Pannen, Fehler

und Perspektiven"

und stammte von

Anti −Expo−Aktivi −

sten aus der Pro−

jektwerkstatt in

Saasen.

...= Auslassungen

aus de m Ori gi nal −

text wegen Nen−

nung von Na men.

Die Mobili sier ung

zum I WF−Gipfel

nach Prag setzte

an der Idee der

"Bewegung von

unten" an (siehe

fol gender Ab−

schnitt).

5. " Unten" als tragende Säule

− Die bundesweitenStrukturensollten nur der Koordination dienen, die kon−

kreten Aktivitäten "von unten" getragen werden. " Von unten" ist ei n Prozeß,

d. h. die Aktivitäten sollten aus den Basiszusammenhängen heraus entwickelt

und umgesetzt werden. Das schließt nicht aus, daß Projekte überregional

oder gar i nternational umgesetzt werden, aber das wird eben "von unten"

entwickelt.

− Viele der Aktivitäten sind auf diese Weise "von unten" getragen worden.

Ein Hauptpfeiler waren die regionalen Strukturen, die sich in einigen Gebie−

ten gebildet haben.

− Negativ ist, daß i n etlichen Regionen kei ne regionalen Bündnisse zustan−

dekamen − meist aufgrund des Desi nteresses an Basisgruppen zu the−

menübergreifender Zusammenarbeit. Das hat unter anderem gefördert, daß

am 1. 6. viele schlecht vorbereitete Gruppen in Hannover unterwegs waren.

−"Unten" hatinetlichenFällenauchversagt. Bewegung "von unten" klappt

nur, wenn sich "unten" auch als die wichti gste Ebene selbst fühlt. Das ist

offenbar meist nicht der Fall gewesen. Ganz i m Gegenteil war oft zu spüren,

daß viele Gruppen ihre Bedeutung für diese Form des Widerstandes nie be−

griffen haben, was sich dari n zei gte, daß sie ge mei nsame Absprachen und

i hre zugesagten Teile zu m Ganzen nicht ei nhielten. Meist war sichtbar, daß

ihnen ihre eigenen örtlichenDinge wichtiger waren als die überregional ge−

mei nsam verei nbarten. Hier zei gt sich ei n klarer Nachteil gegenüber zentra−

len Geschäftsstellen und Gremien. Die richten per se ihr Hauptaugenmerk

auf die Gesa mtsache, während die Gruppen vor Ort bzw. anderen Basiszu−

sammenhänge offenbar erst noch klar bekommen müssen, daß Bewegung

von unten nur dann exi sti eren kann, wenn "unten" nicht nur for mal die

entscheidende Basis ist, sondern sich auch als solche begreift.

− Dieser Mangel an eigener Wichti gnahme von Basiszusa mmenhängen für

das Ganze ist auch an unsolidarischem Verhalten in vielen Einzelfällen zu

sehen. Beispiele sind die gemeinsamen Finanzierungen, die nur sehr schlep−

pend verwirklicht werden (. . .), gescheiterte Projekte oder . . . Die verbleiben−

den Leute und die Projekte waren die Leidtragenden. Zentral eingestellte

Geschäftsstellen mitarbeiterInnen würden so i n der Regel nicht handel n oder

könnten sonst gefeuert werden (soll hier nicht vorgeschlagen werden, es

geht um die Analy se von Schwächen der Bewegungsstrategie "von unten"). Es

ließen sich etliche weitere Beispiele von Ausfällen dieser Art z. B. bei der

Erstellung des I nfopaketes, des Rundbriefes us w. anführen.

− Unvollständig umgesetzt wurde die Idee "Bewegung von unten" auch i n

Hi nblick auf die Bundestreffen und dort vor alle m die Plena. In ei ner Bewe−

gung von unten muß das zentralste Gre mien zugleich das formal und ent−

schei dungsbezogen schwächste sei n, d. h. es hat sei ne Funktion i n der Koor−

di nati on und I niti ative. Daher si nd beschluß− und ergebnisarme Plena kein

Mangel, sondern das genaue Gegenteil. Das aber muß ver mittelt werden. Die

konkreten Ergebnisse müssen " von unten", d. h. i n Basiszusa mmenhängen bis

hi n zu AGs auf de n Bundestreffe n e ntwickelt werden. I m Plenum werden sie

vorgestellt bz w. koordiniert, d. h. Vermeidung von Doppelarbeit und gegensei−

ti ge Unterstützung wird organisiert.

Fazit: Die Idee ei ner " Bewegung von unten" steht erst am Anfang und muß,

soll sie durchsetzungsstark werden, i ntensiv weiterentwickelt werden. Hier

ko mmt es auf die Selbstorganisationsprozesse vor Ort und in den Regionen

an. Folgende, überregionale Kampagnen müssen die Anfänge stärken.


6. Politisch−i nhaltliche und strategische Di mension

− Ziel war eine Entwicklung politisch−inhaltlicher Positionen und Strategien.

Tats äc hlich ist auch i ntensiv versucht worden, diese zu erreichen. Das war

aber recht mühsa m und fl aute sehr stark ab mit zunehmender Nähe zum

1. 6.

− Etliche Seminare, besondereinhaltliche Treffen usw. sind versucht worden,

jedoch ohne große Resonanz. Auch die Reader und ähnliches sind inhaltli−

che Beiträge. Insofern war das Bemühen dar. Die Wahrnehmung in der Be−

wegung war aber z. T. sehr gering. . . .

− Die inhaltlichen und strategischen Debatten sind schwerpunkt mäßig i n den

Regionen, z. B. über Veranstaltungsrei hen, und i n Teilbereichsbündnissen, vor

all e m Umweltsc hutz von unten oder Antira gel aufen. Hi nzu ko mmen ei ni ge

Projekte, z. B. . . .

− Einige inhaltliche Pannen sind unübersehbar, ...

7. Tec hni sc h−organi s atori sc he Ebene

− Der Expo−Widerstand ist auch mit umfangreicher organisatorischer Arbeit

verbunden ge wesen. Das fängt an von den dauernden Infoflüssen über die

Organisation von Bundestreffen, Regionaltreffen und Se minaren bis zu den

konkreten Aktionen, de m Ca mp, der Anti−Repressionsarbeit, Koordi nations−

strukturen us w.

− Zwischen dem bundesweiten Bündnis und de m Plenu m der hannoverschen

Gruppen kam es zu erheblic hen I nfor mati onsbl ockaden.

− Entgegen vielen Unkenrufen i m Vorfeld si nd gerade die technisch−organi −

satorischen Dinge der Aktionswoche ziemlich gut gelaufen: Camp, Verpfle−

gung, EA, Pressearbeit/Internet usw. Das klappte trotz etlicher Pannen, die

vor all e m aus der mangel nden Si c h−sel bst − Wichtignahme örtlicher Zusam−

menhänge resultierten, d. h. etliche Gruppen ihren zugesagten Beitrag zum

Gesa mten nicht verwirklichten und damit i mmer andere hängenließen.

− Aktuell beträgt das finanzielle Minus ...

3. Die Anfänge der Verwirklichung

Die Aktionswoche gegen die Expo−Eröffnung sollte einen spürbaren Auftakt für ei−

nen e manzipatorischen Widerstand bieten. Dieses ist nur sehr begrenzt gelungen.

Ei n erster Resümee−Text dokumentiert aus der Sicht einer AkteurInnengruppe die

Abl äufe und Pers pekti ve n. Di es er Text ka nn nur al s s e hr vorl äufi g ge wertet werden,

da eine umfangreichere Ausei nandersetzung zwischen den verschiedenen AkteurInnen

des Expo−Widerstandes zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Buches erst am Begi nn

steht.

Te xt " Expo 2000 − ni c hts zu m Lahmlegen da"

"London − Seattle − Hannover" hieß ein Slogan der Anti−Expo−Gruppen. Das

war ei ne ho he Meßl att e. Rund u m di e Expo−Eröffnung sollt e dere n Begi nn

massiv gestört werden, um ei ne kritische The matisierung der Expo−Ideologie

zu erreichen. Was ist aus diese m Ziel geworden − und wie geht es weiter?

Kurz und gut: " Expo l ahmlegen" ist nicht gelungen. Die Expo konnte unter

Störungen eröffnet werden. Die Infrastruktur brach nicht zusammen.

Straßen und Kreuzungen, Bahnli nien und Züge wurden zwar blockiert oder

gestoppt, doch es hatte alles wenig Wirkung. Inzwischen wird i mmer klarer,

...= Präzisere An−

gaben i m Ori gi nal,

wegen Nennung

von Na men hier

weggelassen.

Der Text wurde

verfaßt für

Contraste Juli /Au−

gust 2000.

Siehe auch unter

http: //go. to /

umwelt


Teil des Berichtes

war noch ei n Ka−

sten zu den Besu−

cherInnenzahlen

am 1. 6. , der hier

nicht dokumentiert

ist.

war u m das s o war: Di e Expo fand und fi ndet nic ht statt. Die sensationellen

Berichterstattungen vom ersten Tag, der so gelungen sein sollte, lassen sich

schnell widerlegen. Die Zahl der BesucherInnen von 150. 000 ist ei ne Lüge,

die über Anzei genaufträge gl eichgeschalteten Pri nt medien brachten die Jubel−

meldungen von den riesi gen Menschenmengen aber groß heraus. Offenbar

haben die Redaktionen aus den vergangenen Monaten (z. B. die Kriegsbelü−

gung i m Frühjahr 1999) nichts gelernt.

me n.

Was von oben ko mmt, wird übernom−

Selbst wenn die Zahl stimmen würde, ist sie kein Erfolg, sondern ein Desa−

ster. Ursprüngliche Erwartungen lagen bei 400. 000 BesucherInnen am er−

sten Tag. Erst wenige Woche vor Begi nn der Expo wurde die Zahl auf

250. 000 gesenkt. Das lag schon unter de m notwendigen Durchschnitt von

260. 000, der erreicht werden muß, damit die Expo nicht noch mehr Milliar−

den− Minus einfährt. Wenige Tage vor dem Start wurde dann erneut korri−

giert: 150. 000 sei das Ziel. Panikartig verteilte die Expo ca. 50. 000 Frei−

karten. Daher wären es selbst dann, wenn die 150. 000 sti mmen, nur

100. 000 zahlende Gäste. Wahrscheinlich sogar weniger, weil etliche tausend

gel adene Gäste mitzuzählen sind.

Di e Expo fi ndet ni c ht statt. Das am ersten Juniwochenende stattfindende

Stadtteilfest i n der Lister Meile von Hannover hatte mehr BesucherInnen als

die Expo 2000. Bereits a m Sonntag kündi gte der Expo−Jobservice Adecco

erste Massenentlassungen an. Dabei hatte selbst der DGB deren Arbeitsver−

träge hochgelobt. Die Realität holte das aber schnell ein Hingucken reicht,

um die Lügen zu entlarven.

Der Widerstand am 1. 6. mußte bei dieser Situation wirkungslos bleiben in

Bezug auf ei n Lahmlegen der Infrastruktur.

schlecht, was lief . . .

Dabei war es gar nicht

Ei nbli cke

Um 9 Uhr wurde die Expo eröffnet. Da hatten schon die Züge von Norden

und Süden Verspätungen: Brennende Reifen auf den Schienen. Als Johannes

Rau das rote Band durchschnitt, begannen laute Sprechchöre "Expo No".

Schilder wurden hochgehalten. Die Polizei griff ein. Kurz danach die näch−

sten Schilder und so fort. Kanzler Schröder schi mpfe auf die Demonstran−

tInnen. Ei n ICE mußte geräumt werden wegen eines bombenverdächti gen Pa−

ketes. Blockaden auf der Hildeshei mer Straße − aber kaum ei n Auto mußte

bremsen, es fuhren keine. Kurz vor zehn Uhr kletterten ca. 12 Personen

auf ei ne Verkehrsschilderbrücke direkt a m Expo−Gel ände. Zwei Personen seil −

ten sich ab. Der Messeschnellweg, wichtigster Autobahnzubringer zur Expo,

mußt e ges perrt werden. Aber wieder: Kein Stau, weil es kei nen Verkehr gab.

Nac h ei ner Stunde war di e Bl ockade geräumt und die AkteurInnen verhaftet.

Weitere Blockaden entstanden i n anderen Stadtteilen, Aktionen gegen

Straßenbahnen, aber das Dil e mma bli eb:

zen auch Blockaden nicht.

Wenn niemand zur Expo geht, nüt−

Im Verlauf des Nachmittags ka m es zu Aktionen i n der I nnenstadt. Zu die−

se m Zeitpunkt waren bereits ca. 60 Personen aus den Blockadegruppen ver−

haftet. Die Polizei log mit i hrer Zahl 14. Am Aegidientorplatz lief eine Kis−

senschlacht mit politische m Motto. Nervöse Polizei. Am Stei ntor begann we−

nig später eine Demonstration. Ausrastende Polizei. Kessel, Massenverhaftun−

gen. 400 Leute saßen schließlich i n Gefangenschaft, überwiegend in kleinen,

dafür i n Baracken aufgestellten Käfi gen. Der Höhepunkt: In ei ne m Käfi g

von 6x6 Metern 78 Menschen. Das macht mehr als zwei Personen pro Qua−


drat meter. Aber diese Bilder hat nie mand außen gesehen. Auf der Expo fei−

erte sich Deutschland als offenes Land ab. Die Realität blieb verborgen. Die

Käfi ge mit den eingesperrten Menschen wären ein realistischerer Deutsch−

landpavillon gewesen . . .

Zusammenfassend: Am 1. 6. waren viele selbstorganisierte Kleingruppen un−

terwegs. Das Aktionskonzept war verwirklicht worden. Koordinations− und

Unterstützungsgruppen agierten, angefangen vom EA mit RechtsanwältInnen

über Handykoordi nation, Fahrradkuriere zum Infoaustausch bis zum aktuellen

Internet−Nachrichtendienst www. expo−cal ypse. de. Das Stör− und Blockadekon−

zept scheiterte an der "Strategie" der Expo, ei nfach nicht stattzufinden.

Schade.

Anal ysen

Di e Tage nac h de m 1. 6. zei gte n, welc he Wirkung direkte Akti onen und Be we−

gung von unten entfalten können. Ständig liefen Aktionen, von kreativ−di−

rekten auf der Straße ( z. B. di e Recl ai m−t he−Streets−Part ya m 3. 6. , di e wie−

der hart von der Polizei angegriffen wurde, aber zwei mal abtauchte und i n

anderen Stadtteilen wieder entstand) bis zur Kommunikationsguerilla, z. B.

der Verteilung von gefälschten Eintrittskarten usw. Obwohl einige hundert

AkteurI nnen i n Haft waren oder wegen Platzverweisen die Stadt verl assen

mußt e n, ob wo hl das eigentliche Ziel des 1. 6. nicht erreicht wurde und die

gleichgeschaltete Presse einen Erfolg der Expo konstruierte, gab es viel

Druck und Kreativität für Aktionen. Gleichzeitig lief eine Öffentlichkeitsar−

beit: Vier Zeitungsausgaben mit Berichten, Ankündigungen und inhaltlichen

Te xte n, st ändi ge Pressearbeit und me hr. Vor all e m i n Rundfunk und Fer nse−

hen sowie in ausländischen Medien wurden die Proteste auch deutlich ge−

zeigt. Als die Aktionswoche zuende war, gingen die Aktionen weiter: Haken−

krallen auf der Bahnlinie Hannover−Hamburg, eine GleisblockadeRichtung Westen usw.

Daher bleibt trotz des Verfehlens von "Expo lahmlegen" vieles übrig, was als

Schritt hi n zu neuer politischer Aktionsfähi gkeit genutzt werden kann. Es

ist gelungen, viele Basisgruppen nicht nur zu einem Mit machen zu bewegen,

sonderndazu, eigeneIdeenumzusetzen. DieAktionswochegegendieExpo

2000 war nicht nur ein Event. Es gab sehr, sehr viele Gruppen und Men−

schen, die nicht nur zum Mit machen gekommen waren, sondern mit ei genen

Ideen. I m Aktionscamp gab es Koordinations− und Planungstreffen, an den

ComputernwurdenFreikartengefälschtoderAufkleberproduziert. Dasalles

ist sicherlich noch um vieles steigerungsfähig, aber es war das Ende politi−

scher Phantasielosi gkeit. Und sichtbar wurde auch: Die Polizei war zie mlich

hil fl os. Si e hätt e di e Bl oc kade n gar ni c ht o der nur mit härtester Gewalt

verhi ndern können. Nun aber wird die Expo nicht inersterLinieamWider−

stand scheitern, sondern an sich selbst. I mmerhin das aber dürfte sicher

sein.

ven.

Für einen kreativen Widerstand von unten entstehen neue Perspekti−

Ausbli cke

Der gegen die Expo gerichtete und dort entstandene Widerstand ist nicht

am Ende, sondern steht am Anfang. Die Aktionsform des kreativen, direkten

und von unten organisierten Widerstandes ist richtig. In den nächsten Mo−

naten bieten sich viele Möglichkeiten, ihn weiterzuentwickeln und die Punkte

zu finden, wo er die Wirkung zeigt, die er haben kann:


Internetseite des

Expo−Widerstandes

(leider schlecht

betreut):

http: /www.

expo−no. de

− Weiterer Widerstand gegen die Expo: Die Welt ausstellungen ist z war a m

Ende, aber nicht zu Ende. Sie wirbt weiter für ei n Deutschl and al s zentral e

Führungs macht der Welt, für Vertreibung und i nnere Sicherheit, für Technik

als Lösung von Hunger und Umweltzerstörung, für Atom− und Gentechnik,

für ei ne Bevölkerungskontrolle usw. Verschiedene Gruppen bereiten Aktions−

tage vor, z. B. zum Tag der Weltenwanderung a m 19. Juli oder die Chaostage

vo m 6. −8. August. Di e Werbeschau für den Turbokapitalis mus kann von allen

Me nsc he n und mit allen Aktionsfor men angegriffen werden: Streiks, Blocka−

den, Öffentlichkeitsarbeit usw. Der Expo−Knast wird anschließend zum Ab−

schiebeknast, die Arbeitsverhältnisse auf der Expo si nd unabgesichert, weite−

re Entl assungen si nd angekündi gt. Gewerkschaften, Kirchen, NGOs, Parteien

us w. werden erklären müssen, warum sie bei dieser Welt ausstellung mitge−

mac ht haben. Ansätze gibt es genug, ei nen hei ßen Anti −Expo−So mmer zu

organisieren. Die aktuellen Ter mine finden sich weiterhi n unter www.Expo−

no. de.

− Widerstand überall: Direkte Aktionen von unten, das Überwindungenvon Ein−Punkt−Bezügen und den vielen Grenzen in der politischen Bewegung,

Kreativität und Visionen sowie radikale Positionen − all das ist überall wich−

tig. In Städten, Dörfern und Regionen können solche Aktionskonzepte ver−

wirklicht werden, sei es gegen Parlamente, Institutionen, Parteitage, Aufmär−

sche, Großbaustellen, Abschiebeflughäfen, Fir men oder andere Orte von

Herrsc haft und Profit maxi mierung.

− Tag der Deutschen Einheit: Dieses Jahr wird Groß−Deutschland 10 Jahre

alt. Ei ni gen Ewig−Gestrigen ist das Deutschland zwar noch zu klein, aber

an zwei Orten soll groß gefeiert werden: Offiziell i n Dresden, der Hauptstadt

des Bundesratspräsidenten Biedenkopf, und zude m auf der Expo 2000, denn

am 3.10. ist dort auch der Deutschland−Tag. InbeidenFällenkanndas,

was schon in der Aktionswoche als Strategie des Blockierens, Störens und

Sabotierens geplant und nur teilweise u mgesetzt wurde, wieder eine Chance

haben.

− Der weltweite Höhepunkt direkter Aktion und antikapitalistischen Wider−

standes dieses Jahres wird Ende September in Prag stattfinden. Dort steht

das Treffen des Internationalen Währungsfonds an. Am 26. 9. soll aus diesem

Anlaß der nächste globale Aktionstag steigen. Für Aktionsgruppen aus Mit−

teleuropa ergibt sich die Chance, direkt dort mitzukämpfen mit den Wider−

standsgruppen aus Prag und Umgebung, aus osteuropäischen und vielen an−

deren Ländern. Prag ist für viele Städte Deutschlands dichter als Hannover.

Der Widerstand wird international sein.

Euphorie ist fehl am Platze. Doch die Unkenrufe aus verschiedenen Richtun−

gen, die wi eder mal all es zerreden wollten und sel bst dann oft i n der kon−

kreten Praxis gefehlt haben, haben sich nicht bewahrheitet. Die politische

Bewegung ist Deutschland war und ist nicht inbesterVerfassung. Nirgendwo

gibt es soviele AnhängerInnen des Lobbyis mus, gehört es fast i mmer zur ty−

pi sc hen politi sc hen Karri ere, mit 25 oder spätestens 30 Jahren die Seite zu

wechseln und bei den Herrschenden mitzumachen bzw. diese beraten zu wol−

len. Filz, finanzielle Abhängigkeiten − all das ist in Deutschland stark aus−

geprägt. Die Teilnahme vieler Gruppen und Verbände an der Expo ( und nicht

am Widerstand) bezeugt das eindrucksvoll. Zudem dominieren oft die verkru−

steten Strukturen altlinker Zusammenhänge ( Gruppen, Einrichtungen, Organi−

sationen, Medien, Verlage) und krasse Ein−Punkt−Bezüge ohne jeglichen Blick

über den ei genen Tellerrand. Aus solchen Runden gab es Desi nteresse bis zu


Distanzierungen und Boykottaufrufen gegen den Expo−Widerstand. Unter die−

sen Umständen ist festzustellen: Es war kein Durchbruch, das Hauptziel

konnte nicht erreicht werden, aber es ist ei n Schritt ge macht worden. Der

war s ogar groß und bes o nders wichtig − denn es war der erste, der her−

ausführte aus der Resi gnation und der selbstverschuldeten Phantasielosi gkeit

politischer Bewegung der letzten zehn oder sogar mehr Jahre. Insofern wird

sich der Si nn des 1. 6. erst i n den nächsten Ausei nandersetzungen zei gen.

Zu ei ner handlungsfähi gen, widerständigen Bewegung führen jetzt viele wei −

tere Schritte. Der große Durchbruch ist nicht geschehen, aber ein Anfang

kann es gewesen sein. "Turn Prague to Seattle" ist auf T−Shirts zu lesen ...

Visionen können das Konkrete voranbringen!

I m Juli 2000 erschien aus einer Vorbereitungsgruppe zu den Aktionen gegen den

IWF− und Weltbankgipfel i n Prag ( Septe mber 2000) ei n Text, der an der Idee von

"Bewegung von unten" anknüpft.

Prag selbst organisieren!

" Fern der refor mistischen und bürokratischen Praxis, bei der es um das

Streben nach Macht geht, entsteht ein Kampf, dessen Stärke aus der Vielfalt

ko mmt. Die Unzufriedenen richten ihr Augenmerk auf die Wege der Selbstor−

ganisation, der Selbstverwaltung, der direkten De mokratie und der Autono mie

als roter Faden, der sie zur Befreiung von den kapitalistischen Zwängen

führt. Sie lassen hinter sich die alten klassischen, vertikalen und autoritä−

ren Strukturen, deren Zweck nur die Herrschaft von Menschen über andere

Me nsc he n und Naturzerstörung si nd. Zi el i st der Auf bau ei ner Be wegung oh−

ne Chefs, Avantgarde und Hege monie, und die Idee ei ner Ei nheit i n der Viel−

falt und ei ner Stärke i m Pluralis mus. " ( aus ei ne m brasili anischen Aufruf zum

S26, globaler Aktionstag gegen Kapitalis mus )

Di e Proteste gege n I WF und Weltbank i n Prag werdenausdenZusammen−

hängen ei ner weltweiten Basisbewegung organisiert. Basisbewegung bedeutet

ei ne Bewegung, i n der es kei ne autoritären Strukturen von Chefs, Kadern

und Hierarchien gibt. Wir denken, dass dieser Gedanke der Bewegung von

unten, der horizontalen hierarchiefreien Vernetzung, für die deutsche Mobili−

sierung nach Prag der Anspruch sei n sollte. Daru m lehnen wir die Bildung

ei nes bundesweiten Bündnisses ab, sondern setzen auf die horizontale Ver−

netzung von Menschen und Basisgruppen, die sich untereinander koordinie−

ren. Wir sehen Prag als einen weiteren Schritt i m Prozess des Aufbaues ei −

ner horizontal vernetzten Bewegung von unten i n der BRD und i nternatio−

nal.

Basisbewegung hei ßt, als erstes sich selbst mit de m The ma i nhaltlich aus−

einander zu setzen und die eigenen lokalen Zusammenhänge anzusprechen.

Der Prozess fängt an der Gras wurzel an und nicht i n Prag. Dazu bieten

sich I nfoveranstaltungen, Teach−Ins und For men von i nhaltlicher Ver mittlung,

bei der Menschen sich selbst Wissen aneignen, an.

Bildet gemeinsame Infopools, macht Informationen anderen zugänglich und

stellt eure Konzepte, Materialien, mögliche ReferentInnen etc. auf die

deutschsprachi ge Vernetzungswebseite für Prag ( Beiträge an:

neolib@angelfire. co m). Dort können sie dann von allen Menschen mit

Im Laufe der

Vorbereitung zu

Prag wurde

beschlossen, den

Bezug zu Seattle

nicht mehr zu

nennen, u m neue

Aktionsfor men und

Ansätze entwickel n

zu können.

Weitere I nfos zu

Prag: http: //go.to

/prag−2000

Ter mine:

ab 1 0. 09. Karawa−

ne " Geld oder Le−

ben" von Hannover

nach Prag

22. −28. 09. Akti−

onswoche i n Prag

und Festival "art

and resistance"

22. −24. 09. Gegen−

gi pfel

24. 09. Demonstra−

tion gegen I WF/

Weltbank−Gi pfel

26. 09. GLOBAL

ACTION DAY

26. −28. 09. offiziel−

ler I WF/ Welt −

bank−Gipfel


Unerzeichner des

Aufr ufs war der

AK I nternat des

fzs, Treffen i n

Konst anz vo m

30. 6−2. 7. 00

Informationen zum

Umweltschutz von

unten:

http: //go. to /

umwelt

Infopaket mit Po−

sitionspapieren

us w. gegen 6 DM

bei der Projekt−

werkstatt, Lud−

wi gstr. 11, 35447

Reiskirchen

Aktuelle Ausgabe

der Ö−Punkte ge−

gen 5 DM plus 2

DM Porto ( Adresse

s. o.).

Internet−Zugang abgerufen werden ( http: //go. to/prag−2000) .

Ideen für weitere nicht−virtuelle Medien sind: Videos, Radiobeiträge, Comics,

Infopakete für Teach Ins, Zeitungen, Plakate. Falls ihr Material erstellt /

ausfi ndi g macht, das i nteressant sei n könnte, stellt es auf die Webseite!

Ei n I nstru ment der bundes weiten Koordi nation der l okalen und regionalen

Vernetzung von Basisgruppen kann die Mailingliste

prag2000−de@egroups. com sei n (zum Eintragen eine leere Mail an

prag2000−de−subscribe@egroups. com schicken). Menschen mit

Internet−Zugang sollten die Infor mationen ausdrucken und in ihren lokalen

und regionalen Zusammenhängen verbreiten.

Für ei ne Welt, i n der viel e Welten Platz haben!

Seit Ende 1998 besteht ei n Netzwerk aus gleichberechti gten Basisgruppen und Ei n−

zelpersonen i n verschiedenen Städten, mit oder ohne Verbandszugehöri gkeit, an Unis,

Schulen oder ohne jegliches Umfeld. Grundidee ist der Versuch, i ntern hierarchiefrei

zu agieren sowie zudem Umweltsc hutzkonzepte zu entwickeln und umzusetzen, die

Selbstbesti mmung und Umweltschutz verbinden. Die Menschen sollen zu den AkteurIn−

nen und Entscheidungspersonen werden − dazu müssen sie den Zugriff auf Flächen,

Gebäude und Rohstoffe wieder erhalten. Teil des als "emanzipatorischer Umweltsc hutz"

bezeichneten Ansatzes ist die Befreiung der Menschen aus den äußeren Zwängen,

denn solange diese bestehen, sind freie Entscheidungen nicht möglich, auch nicht

für den Erhalt der eigenen Lebensgrundlagen. Die Menschen würden sonst auch

dann, wenn sie entscheiden dürften, vor allem die gesellschaftlichen Zwänge und

Schei nzwänge als veri nnerlichte Ängste und Erwartungen zum Ausdruck bringen −

also z. B. Arbeitsplatzängste, öffentliches Ansehen usw.

Da das Netzwerk " Umweltschutz von unten" kei nerlei eigenständig handlungsfähigen

Teile hat ( Verzicht auf jegliche Organisationsfor men), ist alles, was geschieht, abhän−

gi g von der I niti ative der Ei nzel nen, der Basisgruppen oder auch jeweils spontaner

Zusa mmenschlüsse für ein Projekt oder eine Aktivität. Aus dieser Situation heraus

sind bereits etliche konkrete Handlungen entstehen, unter anderem:

− Regel mäßi ger Rundbrief, ei ne Maili ngliste und ei n breites the matisches

Angebot i m I nternet ( http: //go. to/u mwelt) . Alle Aktivitäten gehen auf das

Engage ment verschiedener Personen i n verschiedenen Städten zurück.

− Umfangreiche Beteili gung an der Umweltzeitschrift " Ö−Punkte" ( bundesweit,

vi er mal j ä hrli c h) sowie Umweltschutz−von−unten−Redaktionen i n den

Magazi nen Kritische Masse, Contraste und Gegenwind.

− Arbeitskreise, Workshops, Se minare und Vorträge zu etlichen Themen, an−

gefangen von der Kritik an autoritären Ökokonzepten (Schutzgebiete, Um−

weltpädagogi k us w.) und ökoneoliberalen Ansätzen ( Agenda 21, Nachhaltig−

keit, Ökosteuer, Öko−Audit) bis zu emanzipatorischen Umweltsc hutzkonzep−

ten.

− Halbjährliches Bundes−Ökologie−Treffen als wichtigster Treffpunkt zur Dis−

kussion über Konzepte und konkrete Aktionen, Information und zum Aus−

tausch (zusammen mit de m Bundesverband Studentisc he Ökol ogi earbeit) .

− Etliche Texte in Fachzeitschriften, eine ganze Reihe von Positions− und

Diskussionspapieren zu verschiedenen Themen (siehe http://go.to/umwelt

oder als komplette Sammlung gegen 6 DM i n Briefmarken zu bestellen)

sowie viele Ei nzeltexte und State ments.


Buchprojekte "Agenda, Expo, Sponsoring", Band 1 ( Recherchen i m Natur−

schutzfilz mit vielen Daten und Fakten zu Filz und Obrigkeitshörigkeit i m

Naturschutz) und Band 2 ( Perspektiven radikaler, e manzipatorischer Um−

weltsc hutzarbeit) so wie eine CD dazu mit Quellen, Ori gi nalen und Belegen

( alles erschienen i m I KO−Verlag, Frankfurt).

− Beteiligung am Widerstand gegen die Expo 2000, allgemein und speziell

zu den gezeigten Umweltprojekten und −konzepten. Entwicklung von Stra−

tegien einer "Bewegung von unten", Beteiligung an regionalen Vernet−

zungstreffen zum Aufbau von Wi derst and, autono men Proj ekten und Akti o−

nen. Beteili gung u. a. an Anti −Ato m− und Anti −Ge ntec hni k−Aktivit äte n.

− Konkrete Kampagne "Ökostrom von unten" als Versuch, die Umstellung

auf Ökostro m mit ei ne m Modell der Dezentralisierung von Entscheidungs−

strukturen zu verbinden (siehe auch als "Experi mant" i m Kapitel 3. 3).

−StändigeKontaktaufnahmemitneuenInteresse ntI nne n aus I niti ative n,

Verbände n us w. − es gibt noch viel zu verändern.

Di e Di s kussi on u m de n Umweltsc hutz von unten steht erst ganz am Anfang. Ziel

ist es, grundlegend neue Umweltsc hutzpositi onen zu besti mmen und anpasserisc he bis

ökoneoliberale Ökokonzepte als falsch zu demaskieren. Umweltsc hutz soll wieder Teil

ei nes politischen Wirkens für eine emanzipatorische Gesellschaft werden.

d. Resumee

Politische Bewegung steckt in einer schweren Krise. Sie kann zur Zeit der schei n−

baren Alternativlosigkeit von totaler Verwertungslogik, " Anbetung" von Markt und

Profit kau m etwas entgegensetzen. Dabei stehen ei ni ge Zeichen ohnehi n auf Verän−

derung, der Kapitalis mus ist krisengeschüttelt. Doch die Niederlagen der Vergangen−

heit haben viele Menschen i n die Resi gnation oder gar Anpassung getrieben. Andere

halten dog matisch an veralteten Aktionsfor men fest oder verlegen sich ganz auf die

außenwirkungslose Theoriediskussion.

Es werden neue Kreise sei n, die diese Verkrustung durchbrechen können − aber

ni c ht mit rei ne m Aktionis mus, sondern i n ei ner kreativen, ei ne m ständi gen Prozeß

der Weiterentwicklung unterzogenen Arbeitsstil, in dem Vielfalt, Offenheit, direkte Ak−

tion und direkte Kommunikation gelten − Bewegung von unten. Nur sie ist ei ne Al−

ternative zum Bestehenden. Nur sie kann sich ständig so fortentwickeln, daß ihre

Ideen und Aktionen zu einer Gefahr für die herrschenden Verhältnisse werden. Ei ni−

ge Diskussionen der letzten Zeit, z. B. rund um den Expo−Widerstand und noch

stärker i nternational, zei gen Möglichkeiten auf. Der Blick " über den Tellerrand" i n

andere Länder zeigt, daß die politischen Organisationen in Deutschland eher

zurückliegen. Nirgendwo sonst setzen soviele politische AkteurInnen auf die Heilungs−

kräfte des Marktes oder das Gute i n den Regierungen − und entwickeln ihre Vor−

schläge entsprechend vor alle m marktgängi g und als Vorschlag an die jeweils Herr−

schenden. Ebenso gibt nur in wenigen Ländern unter denen, die Politik als Aktions−

for m gegen Herrschaft und Kapitalis mus begreifen, ei ne so kl are Do mi nanz derer,

die an alten Strukturen festhalten, Praxisfeindlichkeit zeigen oder auf Neuerungen

derart ablehnend reagieren.

Siehe Anzei gen a m

Ende des Buches.

Infos zu Ökostrom

von unten: http: //

move. t o /oekostro m


Zur weiteren

Diskussion siehe

unter Kapitel 5.1.

Dabei ist nichts gut, bloß weil es neu ist. Aber Neues ist es i mmer wert, offen

diskutiert und, wenn sinnvoll, auch ausprobiert zu werden. Politische Bewegung

braucht mehr Mut, mehr Ideenreichtum, mehr Experi mente, mehr Risikofreude, mehr

direkte Aktion, Durchsetzungsver mögen und selbstbesti mmte Kommunikationsfor men.

Di e Di s kussi on hat erst begonne n. Di e Umsetzung begi nnt gl ei c hzeiti g zu i hr. Di e

Praxis ist nicht nur Teil der Veränderung, sondern auch eine Grundlage der Diskus−

sion u m Strategien und Positionen. Kei n gesellschaftlicher Wandel entsteht nur aus

Aktionis mus oder nur aus der Debatte um Theorien. Die Verknüpfung wird die Kunst

sein. Die spannendsten Politikfor men entstehen dort, wo inhaltlich−strategische De−

batten geführt werden und eine politische Praxis der direkten Aktion und Öffentlich−

keitsarbeit gefunden wird.

In diese m Si nne sollte dieses Kapitel ei nen Beitrag liefern zu der nöti gen Diskussi−

on. Und ebenfalls i n diese m Si nne soll es auch selbst Gegenstand der Diskussion

sein. Wir brauchen mehr Streit, richti gen Streit, dessen Ziel es ist, uns weiterzuent−

wickeln − in Theorie, Strategie und Praxis.


5. Anhang

5.1 Wie es weitergeht

Dieses Buch ist Ende und Anfang. Es beendet ei nen Reflexionsprozeß, den wir als

"Gruppe Gegenbilder" geleistet haben und dessen Ergebnisse wir hiermit vorlegen. Es

ist der Anfang eines weiteren Nachdenkprozesses, den emanzipatorische Bewegungen

führen werden − unabhängi g davon, ob sie sich auf die Inhalte hier beziehen wer−

den oder nicht, denn: Es ist erforderlich!

Wir wollen uns konkret an der notwendigen strategische Debatte um Inhalte und

For men e manzipatorischer Bewegungen beteiligen. Entsprechend der von uns vertre−

tenen Inhalte stellen wir die Texte des Buches jedem auch kostenfrei zur weiteren

Ver wendung zur Verfügung. Gleichzeitig laden wir ein zur Debatte um die Weiterent−

wicklung der hier vertretenen Inhalte. Als ein mögliches Mittel bietet sich das In−

ternet geradezu an.

Wir veröffentlichen alle Texte als OpenTheory−Projekte. OpenTheory ist ein selbstor−

ganisiertes Softwareprojekt i m Internet, das die Erfahrungen der freien Softwareent−

wicklung auf die Entwicklung von Theorien, Konzepten, Texten etc. überträgt. Die

Internetadresse lautet http://www.opentheory.org. Es bietet jedem die Möglichkeit,

Te xte zur Di s kussi o n zu stell e n, und das woll e n wir nutzen. OpenTheoryselbst befin

det sich zwar noch i n ei ner frühen Entwicklungsphase, aber bereits jetzt können

Texte online eingestellt und diskutiert werden. Mit unser Beteiligung bri ngen wir

auch die OpenTheory−Idee voran, denn unsere Erfahrungen und Wünsche werden von

den EntwicklerInnen aufgegriffen.

Di e St artseite des " Gege nbil der−Buc hes" bei Ope nTheoryl autet http: //www.

opentheory. org/proj/gegenbilder. Dort befinden sich die weiteren Li nks zu den ei n−

zelnen Kapiteln sowie die Möglichkeit zum Download aller Texte.

Jede und jeder kann alle Passagen des Buches ko mmentieren, kritisieren und er−

gänzen. Dies kann anonym oder mit Namensnennung geschehen. Am Besten fänden

wir es jedoch, wenn Du Dich als Projektmitglied bei m " Gegenbilder−Projekt" ei nträgst.

Projekt mitglieder erhalten auto matisch alle Ko mmentare per E−Mail zugeschickt −

vergl ei c hbar ei ner Maili ngli ste. Unter der Adresse http: //www.opentheory.org/member.

pht ml kannst Du Dich eintragen.

Wer weitere Infor mationen zu den i m Buch angesprochenen Themen sucht, dem

empfehlen wir hier ei ne klei ne Aus wahl von Links von Texten und Projekten im In−

ternet.

Ut opi e n− Di s kussi o n des Net z werks " Umweltsc hutz von unten"

http: // www.thur.de/philo/uvuutopien. html

Das Buch soll Teil

ei ner i ntensiven

Debatte sei n. Wie

und wo debattiert

wird, wollen wiwr

nicht vorgeben.

Allerdi ngs haben

wir einige Orte

geschaffen, auf

denen es i n jede m

Fall möglich i st:

1. i m Internet als

OpenTheory−Projekt

2. über Veranstal −

tungen: Wir stehen

als ReferentInnen

bereit.


Mögliche Zukünfte − Konkrete Utopie, von Annette Schlemm

http: // www.thur. de/philo/ku1. ht m

PROJEKT 2000 ( Münster), Her mann Cropp

http: // www.muenster.org/projekt2000

Arbeitskreis Konkrete Utopie; Stefan Merten

http: // www. ho mepages. de/ ho me/s merte n/ Kriti sc heUni /akku/

Zukunftsgestaltung, mehrere Texte von Annette Schlemm

http: // www.thur.de/philo/zukunft. htm

Projekt GIVE − " Globall yIntegrated Vill age Environment"

http: // www. give. at/give

Neue Produktivkräfte und neue Gesellschaftsfor men

Di e doppelte al gorit hmische Revolution des Kapitalismus− oder: Von der An−

archie des Marktes zur selbstgepl anten Wirtschaft, von Stefan Meretz

http: // www.kritische−informatik.de/algorev.htm

Gnu/Li nux − Meilenstei n auf de m Weg in die GPL−Gesellschaft, von Stefan

Merte n

http: // www.oekonux.de/texte/lt00vor_smn.html

Oekonux, die Maili nglist über Li nux, Open Source−Software und gesellschaft−

liche Fragen

http: // www. ho mepages. de/ ho me/s merte n/ Oeko nux/faq. ht ml

Nachdenken über Sozialis mus: Das Open−Source−Projekt, von Hans−Gert Grä−

be

http: // www. i nfor matik. uni−leipzi g. de/~graebe/projekte/ moderne/ graebe/open−

source1. html

Cooki ng pot markets: an econo mic model for the trade i n free goods and

services on the Internet byRishab Aiyer Ghosh:

http: // www.firstmonday.org/issues/issue3_3/ghosh/

Oekonux − Ökono mie und Linux

http: // www.oekonux.de

Kritische I nfor mati k

http: // www.kritische−informatik.de

Kritische Psychol ogie

http: // www.kritische−psychologie.de

Annettes Phil osophenstübc hen

http: // www.thur.de/philo

Krisis − kritischer Marxis mus

http: // www.magnet.at/krisis

Bund de mokratischer WissenschaftlerInnen

http: // www.bdwi. org

Wissenschaft plus Politik

http: //staff−www.uni−marburg.de/~rillingr/


Widerstand gegen die Expo 2000

http: // www.expo−no.de

People' s Global Action

http: // www.apg.org

Umweltsc hutz von unten ( e manzipatorisc he Ökol ogie)

http: // go. t o/ u mwelt

Perspektiven i nternationaler Arbeit

http: // www.anti−expo−ag.de/deutsch/hinter3/150Grad.htm

osculture − ei n offenes Kulturprojekt

http: // www.osculture.de

Ka mpf gegen Softwarepatentierung

http: //s wpat. ffii . org

"Die Menschen sitzen nicht im Kapitalismus wie in einem Käfig", von Klaus

Hol zka mp

http: // www.kripsy.de/kh1984b.htm

Intensiver als eine Debatte per Internet können direkte Kontakte sein − Vorträge ,

Di s kussi one n oder Se minare. Wir bieten uns als ReferentInnen an. Zudem gibt es

weitere ReferentI nnen zu The men, die auch i n diese m Buch berührt wurden, z. B.

− Expo 2000 − Kritik und Widerstand

− Umweltsc hutz von unten ( oder Teilt he men aus diese m Gebi et, z. B.

Naturschutz von unten, Kritik an Agenda und Nachhaltigkeit, Ökostrom

von unten usw.)

− Bewegung von unten ( oder ähnliche The men wie Widerstand organisieren,

Selbstorganisation in Gruppen und Projekten)

− Weniger Ökonomie ... und die von unten!

Kont akt adresse für

Veranstaltungspla−

nung:

Projektwerkstatt

Ludwigstr. 11

35447 Reiskirchen

06401/903283

projektwerkstatt@

apg. wwbnet. de

Bil d: Pl anungsski z−

ze des Deutsch−

landpavillons auf

der Expo − i n der

Mitte, am größten,

protzig ... das

neue Bild Deutsch−

lands.


Die Kapitel angaben

ver wei sen auf

ei ni ge vertiefende

Ausführ unge n i m

Text dieses Buches.

[Marktwirtschaft]

[Markt]

[Welt ausstell ung]

[Algorithmisierun−

gen]

[Industrielle Revo−

lution]

[Algorithmusma−

schi ne]

[Vergegenständ−

lichung]

[Algorithmus]

[Fordismus]

[Toyotis mus]

5.2 Glossar

Die fol genden Begriffskl ärungen sollen de m Verständnis der verschiedenen Kapitel

dienen. Sie sind nicht die einzigen denkbaren Definitionen, sondern die von uns

ver wendeten.

Titel des wichtigsten und umfangreichsten Abschlußdokuments der UN−Konferenz

für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro. In den Monaten nach dem Gip−

fel galt die Agenda als Fehlschlag, ab Mitte der 90er Jahre wurde sie mit Millionen−

geldern vor alle m i n Mitteleuropa zu ei ne m positiv besetzen Begriff, an den viele

politische Gruppen i hre Hoffnung auf ei ne Veränderung der Verhältnisse knüpften.

Di e Age nda ka m der gesell sc haftli c he n Ent wicklung hin zu Dialog und Harmonie ent−

gegen, i nnerhalb derer die Erwartung geschürt wurde, Marktwirtschaft und Ressour−

ceneffizienz könnten die sozialen und ökologischen Zerstörungs− und Ausbeutungs−

prozesse überwinden. Tatsächlich wurde damit nicht nur der Bock ( Marktwirtschaft

und Profit als Ursache von Umweltzerstörung, Ar mut, Vertreibung usw.) zum Gärtner,

sondern die Agenda enthält sogar deutliche Forderungen einer verstärkten Ausbeu−

tung und Herrschaft. So fordert sie nicht nur Atom− und Gentechnik weltweit, son−

dern spricht sich offen für die Endlagerung radioaktiver Abfälle in den armen Län−

dern aus, für den freien Zugang zu allen Märkten und Rohstoffen, für die Aufwer−

tung von Konzernen auf die gleiche Stufe wie Regierungen usw. Die Expo 2000 hat

die Agenda 1 994 zu m ei genen Grundsatzprogra mm erhoben.

Kapitel 2. 2/Punkt B, 3. 1/Punkt A.

Wörtlich "Anhäufung", Kreislauf, der aus Geld Kapital, daraus Wert und Mehrwert

und daraus mehr Kapital macht. Marx verweist darauf, das der Ursprung der Spira−

le nicht i n der besonderen Sparsamkeit der Ur−Kapitalisten und der Faul heit der

Ur−Arbeiter gelegen habe, sondern dass die ungleichen Ausgangsverhältnisse des Ka−

pitalis mus durch Gewalt, Raub, Plünderung und Mord hergestellt wurden − weswegen

er von "sogenannter ursprünglicher Akkumulation" spricht.

Umwälzungen, die durch Algorithmisierungen bewirkt wurden. In der Zeit der Indu−

striellen Revolution waren Algorithmusmaschine und Prozeßmaschine (siehe Industriel−

ler Prozeß) noch in einer Maschine vereint. Diese Maschine vergegenständlichte

sowohl den mechanischen oder chemischen Prozeß als auch den Al gorithmus dieses

Prozesses. Nach der Industriellen Revolution (als Prozeß−Revolution) folgte mit de m

Fordis mus die erste al gorithmische Revolution. Der Fordismus führte mit Hilfe der

Arbeits wissenschaft die möglichst umfassende Algorithmisierung, d. h. Festlegung ei−

ner " wissenschaftlich" ermittelten opti malen Ferti gung durch, der sich die ArbeiterI n

als abhängigeR HandlangerIn der Maschine total unterzuordnen hatte. Dem Fordis−

mus fol gt e mit de m Toyotis mus als Vorhaben die zweite al gorit hmische Revolution.

Dabei wird mit Hilfe des Co mputers ei nerseits Hardware und Software getrennt, an−

dererseits wird versucht, die mögliche Änderbarkeit der Produktion vorauszuahnen

und algorithmisch festzulegen. Die Subjektivität der ArbeiterIn, die der Fordismus

ausschloß, soll nun wieder in die Produktion integriert werden.


Überführung ei nes bislang nicht festgelegten, nur informell vereinbarten, auf Er−

fahrung basi erenden Prozesses i n ei ne feste Besc hreibung der Abl aufl ogi k, i n ei nen

Algorithmus.

Beschreibung des Ablaufes ei nes Prozesses. Ei n Algorithmus kann in verschiedener

For m vorliegen: Als Gedankengang ("Erst muß ich a tun, dann b, damit c raus−

ko mmt"), als schriftliche Anweisung (" Man nehme 1 00 Gra mm Mehl, 2 Eier, . . . und

backe bei 200 Grad 30 Minuten"), als vergegenständlichte Ablauflogik in " Hardware−

for m" (z. B. das Uhrwerk ei ner mechanischen Uhr), als Anweisungsfol ge ( Software) für

die Universal maschi ne Computer us w.

Kapitel 2. 1/Punkt B.

Masc hi ne, di e ei nen Algorithmus vergegenständlicht. Zur Zeit der Industriellen Re−

voluti on wurde der Algorithmus noch unmittelbar physisch durch die Ablauflogik der

Masc hi ne repräsenti ert und war da mit untrennbar mit der Hardware der Maschi ne

verbunden. Di es änderte si c h erst mit der Entwicklung einer algorithmischen separa−

ten Universal maschine, dem Computer. Der Co mputer trennt Hard− und Software. Die

Hardware ist i n der Lage potentiell beliebi ge Algorithmen in Softwareform (als Pro−

gra mm) auszuführen.

Interessen, die − i m Gegensatz zu Partialinteressen − nicht auf Kosten anderer,

sondern nur i m Interesse aller erreicht werden können. All ge mei ne Interesse verän−

dern sich historisch, ei n Beispiel für heute ist das Friedensi nteresse. All ge mei ne In−

teressen sind mit de m Kapitalis mus strukturell nicht realisierbar.

Kapitel 2. 2/Punkt C.

Ge mei ndeei gentum an Land und anderen Ressourcen. Früher häufi g, heute meist

privatisiert als Eigentum oder langfristig verpachtet und damit ebenfalls i n privater

Verfügungs ge walt.

Gesellschaftlicher Zustand, i n de m es kei ne i nstitutionalisierten Regel n oder Herr−

schaftsstrukturen ( mehr) gibt und alle Regeln zwischen Menschen in freien Vereinba−

rungen getroffen werden. Anarchie bedeutet also nicht die Abwesenheit jeglicher Re−

gel n, sondern entscheidend ist, wie die Verei nbarungen entstehen: als Überei nkünfte

zwischen gleichberechtigten Menschen, die niemals als Selbstzweck weiterbestehen

können.

" Anarchis mus heißt, daß Sie frei sei n werden, daß nie mand Sie versklaven,

Sie herumko mmandieren, Sie berauben oder mißbrauchen wird. Das bedeutet,

[Algorithmus]

[ Vergegenständli−

chung]

[Algorithmus]

[ Vergegenständli−

chung]

[Industrielle

Revolution]

[Interessen]

[Partialinteressen]

[Kapitalismus]

[Freie

Verei nbar unge n]


[Produktion]

[Reproduktion]

[Autonomie]

daß Sie die Frei heit haben werden, das zu tun, was Sie wollen, und daß sie

ni c ht gezwungen werden, etwas gegen i hren Willen zu tun. Das bedeutet,

daß Sie die Möglichkeit haben, ohne Ei nmischung anderer so leben zu kön−

nen, wie Sie es wünschen. Das bedeutet, daß Ihr Nachbar die gleiche Frei−

heit hat wie Sie, daß jeder dieselben Rechte und Frei heiten besitzen wird.

Das bedeutet, daß alle Menschen Brüder si nd und wie Brüder in Frieden

und Har monie leben werden. Das hei ßt, daß es kei ne Kriege geben wird

und keine Gewaltanwendung einer Gruppe gegen die andere, kein Monopol,

keine Armut, keine Unterdrückung und kein Ausnutzung des Mit menschen.

Kurz ges agt: Anarc his mus hei ßt di e Gesellsc haftsfor m, i n der alle Männer

und Frauen frei si nd und in der alle die Vorteile eines geregelten und sinn−

voll en Lebens geni eßen". ( Berk mann, 1 929)

Kapitel 4/Punkt A.

Gesellschaftstheoretischer Begriff, der die Produktion und Reproduktion des gesell−

schaftlichen Lebens durch Stoffwechsel des Menschen mit der Natur beschreibt. Über

die For m der Arbeit ist da mit nichts ausgesagt. Arbeit kann also z. B. Sklavenarbeit,

Lohnarbeit oder freie selbstbesti mmte Entfaltung jenseits einer Verwertungslogik sei n.

Was hier nicht gemeint ist, ist "Arbeit" als umgangssprachliche Bezeichnung für die

Täti gkeit ei nzel ner Menschen, da diese " Arbeit" widersprüchlich verwendet wird. So

mei nt der Satz "Ich gehe zur Arbeit" die Lohnarbeit, während " Hier leisten wir poli−

tische Aufklärungsarbeit" diese gerade nicht mei nt. Arbeitslosi gkeit führt zu fi nan−

ziellen und sozialen Problemen − entzieht den Menschen aber auch jene Tätigkeit,

die viel en ei n Bedürfnis ist. Ist Arbeit t atsächlich das "erste Lebensbedürfnis" wie

Marx sc hri eb ( MEW 1 962/1875, 21) ? " Nicht die ,Arbeit‘ als solche ist erstes Lebensbe−

dürfnis, sondern , Arbeit‘ nur soweit, wie sie dem Einzelnen die Teilhabe an der Ver−

fügung über den gesellschaftlichen Prozeß erlaubt, ihn also ,handlungsfähig‘ macht.

Mithi n ist nicht ,Arbeit‘, sondern ,Handlungsfähigkeit‘ das erste menschliche Lebens−

bedürfnis − dies deswegen, weil Handlungsfähi gkeit di e allge mei nste Rahmenqualit ät

ei nes menschlichen und menschenwürdigen Daseins ist, und Handlungsunfähigkeit die

allge mei nste Qualit ät mensc hlichen Elends der Ausgeliefertheit an die Verhältnisse,

Angst, Unfrei heit und Erniedrigung." ( Holzkamp 1983, 243). Im visionären Entwurf

dieses Buches ist Arbeit ei n Prozeß fernab von der Fi xierung auf die Verwertungslo−

gik und Entlohnung und kann als Prozeß verstanden werden, bei de m der Mensch

mit Hilfe von Mittel n vorhandene, z. B. natürliche Gegebenheiten verändert.

Kapitel 2. 3/Punkt C, 3. 1/Punkt B und C.

Bezeichnung für "selbstorganisiert−unabhängig". "Autonom" ist in diesem umfassen−

den Si nn nicht gleichbedeutend mit der Abeitsform "der Autonomen", die ihre Autono−

mie oft nur in äußerlichen Verhaltensweisen ( Kleidung, Aktionsfor men) ausdrücken,

aber i ntern nicht nur Hierarchien aufweisen und damit von Ei nzelpersonen abhän−

gen, sondern auch mit i hren Strukturen und Ressourcen oft auf externe, z. B. fi−

nanzielle Unterstützung angewiesen sind.


Unabhängigkeit und Selbstbesti mmung. Innerhalb ei ner politischen Bewegung bedeu−

tet das Autonomie−Prinzip, daß alle Teile der Bewegung eigenständig sind, arbeiten

und entscheiden, für sich sprechen und mit i hren Handlungen von sich aus so agie−

ren, daß auch Andere eigene Ideen und Aktionsformen umsetzen können. Autonomie

schließt nicht aus, daß in Bündnissen oder bei Aktionen gemeinsame Absprachen er−

folgen, die den Rahmen abstecken. Autonomie ist ein strategisches Kernelement

e manzipatorischer Gesellschaftsvisionen und ei ner Bewegung von unten, was bedeu−

tet, daß die Grenze der Autonomie und damit auch der Toleranz genau dort liegt,

wo Aut o no mie und e manzipatorische Strukturen i n Frage gestellt werden.

Kapitel 2. 3/Punkt C, 4/Punkt B.

Ableitung sozialer Rollen und Werti gkeit von Menschen aus tatsächlichen oder be−

haupteten biologischen Unterschieden zwischen ihnen oder aus entsprechenden Ver−

hältnissen in Tierpopulationen. Typische Beispiele sind soziale Rollenzuweisungen auf−

grund des Geschlechts, Ableitungen weltweiter Arbeitsteilung aus ver meintlicher geisti−

ger Überlegenheit der Menschen einer besti mmten Hautfarbe oder die Begründung

von Hierarchien über die Beschreibung des Herdenverhaltens ei niger Tierarten. Biolo−

gistische Argumentationen dieser Art übersehen bewußt oder unbewußt, daß sich

me nsc hli c hes Verhalten vor all e m aus den Ei nfl üssen des sozi al en Umfel des der

Person und i hrer I ntegration i n die menschliche Gesellschaft entwickelt.

Kapitel 3. 2.

Vorgang des Abbaus gesellschaftlicher Erwartungshaltungen und Vorgaben, die Men−

schen auf besti mmte Rollen und Verhaltensweisen festlegen.

Prozeß der wachsenden Mitbesti mmung über alle Ressourcen und Lebensbedingun−

gen der Menschen bis hi n zu völli ger Herauslösung der Entscheidungsbefugnisse aus

i nstitutionalisierten Verhältnissen ( Parlamente, Behörden, Verei ne, Konzerne usw.). Am

Ende der De mokratisierung steht das umfassende Zugriffsrecht der Menschen auf

Ressourcen und Lebensbedingungen, die sie in freier Vereinbarung direkt oder über

Abstimmungen, in Einzelfällen oder dauerhaft regeln. Demokratisierung ist ein refor−

meri sc hes Progra mm, das aber gleichzeitig den Weg zu weitergehenden Veränderun−

gen ebnet, wenn die Menschen erst einmal wieder den Zugriff auf Land, Produk−

tions mittel, Bildung, Häuser, Versorgungsleitungen, Rohstoffe usw. haben. Alle diese

Bereiche, auch kleinere Teile in ihnen, können Ort der Demokratisierung sein, mit

de m Ziel der Verlagerung der Entscheidungsbefugnisse von "oben nach unten", also

von institutionalisierten Machtstrukturen zu den Menschen selbst.

Kapitel 3. 3/Punkt C.

[Von unten]

[Rolle]

[Freie

Verei nbar ung]

[Machtstrukturen]


[Fünfschritt]

[Negation]

[Erwartungshaltun−

gen]

[Markt]

[Emanzipation]

Das Denken von Entwicklung als Bewegung in Widersprüchen. Alles konkret Exi−

stierende ist zwar ei nerseits mit sich selbst identisch, aber in verschiedenen Bezie−

hungen zur Außenwelt treten Unterschiede zu Tage. Diese widersprüchliche Ei nheit

vo n I de ntit ät und Untersc hi ed setzt di e di al ekti sc he Be wegung in Gang. I m realen

Sei n ( Fünfschritt) wie auch i m Denken. Verkürzt wird oft davon gesprochen, daß es

zu jeder These (sie ist erst mal eine Identität mit sich selbst) ei ne Antithese ( ei n

Unterschied, der aber direkt − durch " besti mmte Negation" − von der These ausgeht)

gäbe und deren Ei nheit ei ne weiterführende Synthese er mögliche. Zur Abbildung der

Widersprüchlichkeit von realen Bewegungen werden i n der Dialektik Begriffspaare

ver wendet, die die Pole der untersuchten Bewegung fassen sollen. Beispiele sind: We−

sen und Erscheinung, Inhalt und For m, Wirklichkeit und Möglichkeit, Notwendigkeit

und Zufall, All ge mei nes und Ei nzel nes. Dabei enthält ei n Mo ment das jeweils andere,

sie existieren i n i hrer Bedeutung ohne das andere überhaupt nicht.

Kapitel 2. 4.

Bezeichnung für politische Gruppen und Zusammenhänge, für die nur ein besti mm−

tes Thema i m Mittelpunkt steht und die kei n oder kaum Interesse an übergreifend