In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? - Die Gesellschafter.de

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In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? - Die Gesellschafter.de

4 Mai 2006 BerichteIdeen entwickeln,Projekte verwirklichenDas Förderprogramm der Aktion Mensch und eine Datenbankmit Angeboten für ehrenamtlich EngagierteVon Anne KrugGroße Chance für engagierteProjekte und Initiativen: ImRahmen ihres neuen Aufklärungsprojektes„dieGesellschafter.de“startete dieAktion Mensch am 10. Maiein bundesweites Förderprogramm.Mit bis zu 10 Millionen Eurokönnen noch in diesem Jahrmehrere Hundert „Projekte füreine gerechtere Gesellschaft“unterstützt werden.Gemeint sind damit sozialeVorhaben zu Themen wieArmut, Bildung oder interkulturelleVielfalt, die im Wesentlichenvon ehrenamtlichenund freiwilligen Mitarbeiterngetragen werden oder die zumZiel haben, neue Freiwillige zugewinnen.Schon in der ersten Wochehaben sich über 600 Interessentenauf den Förderseitender Gesellschafter-Webseitean-gemeldet. Die Anmeldungist Voraussetzung, um onlineganz unbürokratisch einenFörderantrag zu stellen.Viele VisionenDie Ideen der Antragstellersind vielfältig: von der Leihoma/Leihopa-Initiative,dieden Kontakt zwischen Jungund Alt fördern soll, bis zumTheaterstück für Erwerbslose,das arbeitslosen MenschenMut machen soll. Eins jedochmüssen alle Projekte gemeinsamhaben: Sie sollen eine Antwortauf die Frage „In was füreiner Gesellschaft wollen wirleben?“ geben und einen Beitragzu einer gerechteren Ge-FÖRDERBedingungen in KürzeaGefördert werden Projekte,die einen Beitrag zu einergerechteren Gesellschaftleisten und die im Wesentlichenvon ehrenamtlichenund freiwilligen Mitarbeiterngetragen werden oderzum Ziel haben, neue Freiwilligezu gewinnen.sellschaft leisten. Allerdingskönnen Vorhaben, die bereitsvor der Antragstellung begonnenwurden, nicht bezuschusstwerden.Mit dem Förderprogrammwill die Aktion Mensch freiengemeinnützigen Organisationendie Möglichkeit geben,sich für die Gesellschaft zuengagieren und Ideen und Visionenin konkreten Projektenumzusetzen. Das Programmsoll aktiv dazu beitragen, sichfür die Verbesserungder Le-bensquali-tät und Teilhabe von benachteiligtenMenschen einzusetzen.Per Datenbankzum EhrenamtWer nicht gleich ein eigenesProjekt auf die Beine stellen,aber dennoch aktiv werdenmöchte, kann über die bundesweiteFreiwilligendatenbankauf dieGesellschafter.de nachdem passenden Einsatzort suchen.Denn ob Krankenhaus,Sportverein oder Suppenküche:Hilfe wird überall benötigtund gerne angenommen. Mitder Datenbank will die AktionMensch die Kontaktaufnahmezwischen Ehrenamtlichen undpassender Initiative erleichtern.Sie enthält eine Sammlung vonAdressen der Anlaufstellen,die beraten, unterstützen undvermitteln können, aber auchdie Kontaktpersonen konkreterProjekte und Einsatzmöglichkeitenvor Ort.aProjekte werden mit maximal4.000 Euro unterstützt.aAnträge können freie gemeinnützigeOrganisationenstellen. Einzelpersonen,öffentliche Institutionenund gewerbliche Projektekönnen keine Zuschüsse beantragen.Nur die PostleitzahleingebenÜber die Eingabe einerPostleitzahl erhält man dieKontaktdaten von lokalen Initiativenmit Ansprechpartnernin der Umgebung. Falls dieEinrichtung eine eigene Internetadressebesitzt, ist dieseverlinkt, so dass man sichschon im Voraus übermöglicheTätigkeiteninformieren kann.Selbst AdressenhinterlegenAuch für die Menschen aufder anderen Seite ist die Datenbankeinfach zu nutzen: Organisationenund Initiativen, dienoch Unterstützung durch Ehrenamtlichesuchen, könnenüber ein Online-Fomular ihreKontaktdaten eingeben undbefinden sich – nachdem dieDaten geprüft wurden – ebenfallsim großen Adress-Pool.Zur Zeit sind bereits über1.000 Adressen sozialer Organisationen,Initiativen und Projekteabrufbar. Die Datenbankist weiterhin im Aufbau undlebt davon, mit neuen Adressen„gefüttert“ zu werden. Außerdemsoll die Recherche nochbesser strukturiert werdenund so auf dem schnellstenWeg zur passenden ehrenamtlichenTätigkeit führen.Weitere Informationen unterdieGesellschafter.de.aProjekte, die vor der Antragstellungbegonnenwurden, können nichtbezuschusst werden.aAlle Bestimmungen zumFörderprogramm und dasAntragsformular unterdieGesellschafter.de.Ein Beispiel für bürgerschaftliches Engagement:das Projekt Berliner Rechtshilfefonds Jugendhilfe e.V.Lobby für junge MenschenProjekt unterstützt Jugendliche bei derDurchsetzung ihrer RechtsansprücheVon Sabine Wißkirchen„Ich möchte in einer Gesellschaftleben, in der Kinderund Jugendliche etwas wertsind und die sich bewusst ist,dass man in sie investierenmuss“, sagt Ulrike U. Mit ihremEngagement im BerlinerRechtshilfefonds Jugendhilfee.V. (BRJ) will sie ihrenBeitrag dazu leisten, diesenWunsch zu verwirklichen.Die Gründung des BRJ hatteeinen konkreten Anlass: DieFinanzkrise der öffentlichenHaushalte führte 2002 inBerlin zu massiven Kürzungender staatlichen Sozialleistungen.Am stärksten betroffenwar das Ressort Kinder- undJugendhilfe.Die Folge: Jugendlichen wurdenHilfen verwehrt, die ihnenvom Gesetz her zustanden.Junge Volljährige wurden mitder Begründung, das Jugendamtsei nicht mehr für sie zuständig,an das Sozialamt verwiesen.„Ich konnte nicht fassen,dass Fachleute nicht mehrrechtmäßig entscheiden“, sagtUlrike U. Gemeinsam miteiner Hand voll Fachkollegenstartete die Professorin für Sozialpädagogikdaher eine Initiativeund gründete den BRJ.Die Mitglieder verfolgen einedoppelte Zielsetzung: Zum einenwollen sie hilfebedürftigeJugendliche und ihre Familienbei der Durchsetzung ihrerRechtsansprüche unterstützen.„Jugendliche und Familien,die auf staatliche Hilfenangewiesen sind, kennen häufigihre Rechte nicht“, so UlrikeU. „Sie können keinen Anwaltzahlen und besitzen auch nichtdie emotionale Stabilität, eineGerichtsverhandlung durchzustehen.“Für diese Jugendlichenmöchten die engagiertenMitarbeiter des BRJ eine Lobbybilden. Zum anderen wollensie öffentlich auf die Situationaufmerksam machen und dieDiskussion auf eine politischeEbene heben, um eine übergreifendeVeränderung herbeizuführen.Der Schwerpunkt der Arbeitdes BRJ liegt in der kostenlosenBeratung junger Menschenund ihrer Familien, deren Antragauf Hilfen vom Jugendamtabgewiesen wurde. Betroffene


BerichteMai 2006 5AM RANDEFeldversuch mit RolliPersonen, die sich ehrenamtlich engagieren, stehen im Mittelpunkt einer Serie von Anzeigenim Rahmen des Gesellschafter-Projektes.mit ganz unterschiedlichenProblemen wenden sich anden Verein: zum BeispielMinderjährige, die nicht beiihren Eltern bleiben möchten,Jugendliche, die Unterstützungbei der Berufsausbildungbenötigen oder Eltern, diepsychologische Hilfen für ihreKinder beanspruchen.Ein Team von zwei Mitarbeiternübernimmt jeweilsdie Betreuung eines Falls. DieMehrheit der 20 Freiwilligensind Sozialpädagogen, Psychologenund Juristen, dieihre Fachkenntnisse in die Beratungeinbringen. Unterstütztwerden sie durch ein breitesNetzwerk von Fachleuten, diein Problemfällen hinzugezogenwerden können.Die Beratung erfolgt ganzindividuell. Manchmal mussden Betroffenen nur die Begründungfür die Ablehnungeines Antrags erklärt werden.Wenn jedoch nicht fachliche,sondern finanzielle Gründezum negativen Bescheid führen,setzt sich der BRJ ein.Die erste Maßnahme iststets ein Anruf beim Jugendamt,der die Grundlagen fürdie Entscheidung klären soll.In einigen Fällen begleitendie ehrenamtlichen Mitarbeiterdie Betroffenen auch beiBehördengängen. Das Ziel istimmer eine außergerichtlicheEinigung mit dem Amt, dieauch in 90 Prozent der Fälleerreicht werden kann. Ist eineEinigung nicht möglich, unterstütztder BRJ aber auch beigerichtlichen Verfahren.Etwa fünf Stunden proWoche widmet Ulrike U. ihrerehrenamtlichen Tätigkeit.Wertvolle Zeit für die Hochschullehrerin,die zu opfernsich jedoch in jedem Falllohnt. Vor kurzem hat Frau U.eine junge hochschwangereFrau beraten, deren Antragauf einen Platz im Mutter-Kind-Heim im ersten Anlaufabgewiesen wurde, obwohleine dringende Notwendigkeitoffensichtlich war. „Wenndann einige Tage später einpositiver Bescheid kommt, undman sieht, die Arbeit hat demMenschen wirklich geholfen,ist das schon ein großer Erfolgund eine Bestätigung für das,was man tut.“Weitere Projekte unter:dieGesellschafter.de/aktion/projektbeispieleVon Mark CzogallaTz, tz, man gerät ja manchmalin komische Gesellschaft...Aber von vorn: Der gemeineWinterschläfer senkt seineKörpertemperatur meistauf Werte zwischen 1 und9 Grad. Alle Körperfunktionensind dann im Energiesparmodus.Die Atmung istschwach, der Herzschlagverlangsamt, und die Empfindlichkeitgegenüberäußeren Reizen gering.Das hat Auswirkungenauf dieHirnaktivitäten:Der Winterschläferist einfachnicht der Hellste.Und weil wir indiesem Jahr einenlangen Winter hatten,hatte auch dieDummheit besonderslange Saison.Zum Beispielin Finsterwalde.Dort hat der ehemaligeSchlosserWinfrid G. derFrankfurter Rundschauzufolge eine Einladungvon der Agentur für Arbeitbekommen: Informationsveranstaltungfür landwirtschaftlicheSaisonarbeit.„Ick hab jedacht, die tickennicht mehr richtig“, sagtG. später. Am Telefon erfährter nämlich, dass esums Spargelstechen geht.Da hätte er als Schwerbehinderterso seine Mühe.Er sitzt im Rollstuhl, beideBeine amputiert. Mit der Arbeitsagentur,die das längstweiß, habe er gar nichtsmehr zu tun. Er sei RentnerImpressum„wegen voller Erwerbsminderung.“Doch die Stimme amanderen Ende der Leitungerklärt ihm, behindert odernicht, er müsse erscheinen.Also kam er angerollt. VorOrt war die Vermittlerindann doch davon zu überzeugen,dass die kilometerlangenFelder der Niederlausitznun nicht der besteRolliparkur sind.Da er aber nun schonmal da ist, will sich derRentner auch gleichaus den Dateiender Arbeitsagenturlöschen lassen.Was er allerdingsnicht weiß, ist,dass der gemeineWinterschläfergegenüber äußerenReizen rechtunempfindsamist. Und so findetsich im Jobcenterkein Mitarbeiter,der für derartigeAnliegen seinenEnergiesparmodusverlässt. „Allewaren im Haus, keinerwollte mit mir reden“, ärgertsich G. Dafür hat er aber einenTermin bekommen. Fürspäter.Studien der Uni Wien habenübrigens gezeigt, dassVerbindungen zwischenNervenzellen im Gehirnwährend des Winterschlafsabgebaut werden. Im Vergleichzu Tieren, die keinenWinterschlaf gehaltenhatten, waren die Winterschläfernach ihrer langenSchlafphase nicht mehr inder Lage, vorher erlernteAufgaben zu lösen.Herausgeber: Aktion Mensch e.V., Heinemannstraße 36, 53175 Bonn.Text und Redaktion: Stefan Brunn, Mechthild Buchholz, Marc Czogalla,Silvia Harbord, Ulrich Kamp, Anne Krug, Anja Martin, ChristianSchmitz, Sabine Wißkirchen, Heike Zirden (Leitung, V.i.S.d.P.).Kontakt zur Redaktion: Tel. 0228-2092-364/-363/-392, Fax -333.Email: zeitung@dieGesellschafter.de.Layoutkonzept: Norbert Küpper. Druck: General-Anzeiger, Bonn.dieGesellschafter.de erscheint regelmäßig kostenlos und liegt bundesweitan ausgewählten Stellen aus. Interessenten, die die Zeitung auslegenmöchten, können sich unter http://dieGesellschafter.de/zeitungeintragen oder wenden sich an Tel. 0228-2092-345.Die in den Zitaten und Forumsbeiträgen abgedruckten Meinungen geben nicht injedem Fall die Meinung der Redaktion wieder.


6 Mai 2006Reportage„Hier geht es nicht um Geld“90 Minuten – 60 Meter – 80 Teilnehmer: Gertraut Buzellos Ehrenamt hat TraummaßeVon Silvia HarbordEin letzter Blick auf die Zettel,noch ein prüfender Griff ansHalstuch, dann ist es soweit:Gertraut Buzellos Dienst imMuseum beginnt, und sieergreift direkt das Wort: „Wirstehen hier“, spricht sie,„vor dem herausragendstenExponat ...“.80 Menschen hängen an ihrenLippen. Keines ihrer Wörterverhallt ungehört, jeder konzentriertsich auf die Erklärungender Museumsführerin.Diese ist in ihrem Element.Viele Wochen hat sie zuhauseden Vortrag über SalvadorDalí erarbeitet, der die Besucherheute 90 Minuten langüber kunsthistorische Zusammenhängeinformieren undbelehren soll. Für ihre Arbeitbekommt die Kölnerin keinenCent. Sie macht das alles umsonst,ehrenamtlich, denn, sosagt sie, „hier geht es nicht umGeld, sondern um mich.“Noch ist Gertraut BuzellosStimme frisch. Das wird sichändern. Denn sie wird bis zumEnde der Führung oft Mühe haben,jeden der Teilnehmer akustischzu erreichen. Nicht nur,dass die Gruppe groß ist, derGeräuschpegel um sie herumist auch nicht ohne. Multimedialwird der Künstler dargestellt,Filmausschnitte laufen,aus Lautsprechern tönen Satzfragmente,Gesprächsfetzender übrigen Museumsbesucherliefern einen satten Klangteppich.Dazu ist es stickig, dieLuft wird immer schlechter.Das Publikum schwitzt. WerEhrenamt im MuseumaArchive, Museen und Bibliothekenkommen heutekaum mehr ohne freiwilligeHelfer aus.aJeder dritte Deutscheüber 14 Jahre engagiertsich heute ehrenamtlich.Jeder Zehnte von ihnenarbeitet im Sektor Kultur.aTätigkeitsfelder für Freiwilligein Museen sinddie Bereiche „Aufsicht“,„Besucherservice“, „Information“und „Museumsshop“.Allein in denersten beiden BereichenKonzentrierte Gesichter, prüfende Blicke und eine Frau in ihrem Element: Die Führung ist in vollem Gange.ihn nicht schon an der Garderobeabgegeben hat, entledigtsich spätestens jetzt seinesMantels. Unbeirrt von alledembahnt die Museumsmitarbeiterinihrer Gruppe eine Schneisezum nächsten Bild. Sie siehtentspannt aus, noch, und auchhoch konzentriert. Sie hatRoutine. Seit 15 Jahren versiehtsie ihren ehrenamtlichenJob, führt Besucher durch dieMuseums-Ausstellungen. Be-sind heute über 30.000Menschen ehrenamtlichbeschäftigt.aQualifizierte Freiwilligesind in Museen besondersgefragt. Sie werden ihrenKenntnissen undFähigkeiten entsprechendeingesetzt.aVerschiedene Städtefördern den freiwilligenEinsatz: So vergibt dieStadt Frankfurt/Main dieE-Card (Ehrenkarte) mitvielen Vergünstigungenfür alle, die helfen.gleiterscheinungen wie Lärm,Menschenmassen und Sauerstoffmangelmachen ihr heutenichts mehr: „Das merke ichkaum noch. Während meinerFührungen ist mir der Kontaktzu meinen Teilnehmern wichtiger“,so die 64- Jährige, „wennich in den Ge- sichternVe r ständnisundB e g e i s -terungsehe, habe ich mein Ziel erreicht.“Dass sie heute Kunst vermittelt,hätte sich die studierteOekotrophologin früher nichtträumen lassen. Damals warsie Lehrerin, unterrichtete Lebensmittelchemie.Dann aberkam vieles zusammen: EinMann, drei Kinder, ein Umzugnach Amerika. „Irgendwannwar ich familiär vielzu eingebunden,Fotos: Michael Wagenerals dass ich meinen Berufnoch hätte ausüben können“,meint sie heute. Zurück inDeutschland, fühlte sie sichneben berufstätigem Gattenund drei heranwachsendenSöhnen „ein bisschen am Rande,ein bisschen unausgefüllt.Ich wollte wieder meineneigenen Bereich haben, etwas,das nichts mit meiner Familiezu tun hatte und wo ich michselbst beweisen konnte.“ Seitjeher kunstinteressiert, tratsie dem „Arbeitskreis Wallraf-Richartz-Museum / MuseumLudwig“ bei, der im Zusammenschlussmit dem Vereinder „Freunde des Wallraf-Richartz-Museumsund des MuseumLudwig e.V.“ die beidenMuseen unterstützt.Damit gehört sie zu den über30.000 Ehrenamtlichen, diedeutschlandweit in Museendie Bereiche „Besucherservice“und „Aufsicht“ übernehmen.In Köln bedient man sichseit 28 Jahren ehrenamtlicherMitarbeiter. 1978 stellteder damalige Generaldirektorder städtischen Museen fest,dass sonntags in den Museen„einfach zu wenig los sei“,


Reportage Mai 2006 7erinnert sich Thesy Teplitzky,Vorsitzende des „Arbeitskreises“.„Die Angestellten wolltenam Wochenende frei haben,doch gerade dann gehen vieleMenschen ins Museum.“ Diegelernte Werbegrafikerin wareines der 25 Gründungsmitgliederdes „Arbeitskreises“,der quasi auf Drängen der Museumsleitungentstand und bisheute ein Drittel der gesamtenFührungen durch beide Museenbestreitet.„Das muss manschon richtig lernen!“Einsatzfreude allein reichthier jedoch nicht, beim Vermittelnkunsthistorischer Zusammenhängeist individuelleKompetenz gefragt. So ließensich die neuen ehrenamtlichenKräfte damals zwei Jahre langmuseumspädagogisch schulen,bevor sie sich gewappnetgenug fühlten, ihr Wissenzu streuen. „Man kann sichja nicht vor die Leute stellenund einfach aus einer Art impulsiverBegeisterung herausdrauflos erzählen, das mussman schon richtig lernen“, sagtdie Vorsitzende. Die Damendes „Arbeitskreises“ lerntenschnell und machten ihreAufgabe so gut, dass aus denanfänglich samstäglichen Führungenschnell zwei die Wochewurden, dann drei. Heute sindes vier.„Mehr wäre auch nicht möglich“,sagt die Vorsitzende, „dieFührungen sind ja nur ein Teilunserer Arbeit. Wir treffen unswöchentlich zu Vorträgen, diewir abwechselnd halten, wirerarbeiten ständig neue Themengebietefür die Sammlungenund Ausstellungen.“ Neue„Arbeitskreis“-Mitglieder müssensich heute genauso schulenlassen wie die Vereinskolleginnendamals auch. „OhneAufnahmeprüfung darf beiuns niemand eine Führungmachen“, so Thesy Teplitzky,„die neuen Kollegen müssenuns mit einem Referat ersteinmal beweisen, dass sie wissenschaftlicharbeiten können.Ohne Sachkenntnis geht hiernichts.“Sie selbst schreibt bis heuteüber kunsthistorische Themen,doch Führungen macht die Vorsitzendenicht mehr, das hat sieinzwischen anderen überlassen.Obwohl es großen Spaßmache, „etwas fürs Publikumzu tun, wenn man sofort etwaszurückbekommt“, sieht sie ihreAufgabe heute in der Organisationdes selbstverwalteten„Arbeitskreises“.Stellvertreterin GertrautBuzello kann ihr in punktoFeedback nur zustimmen:„Mein Beitritt in den ‚Arbeitskreis‘war wichtig und genaudie richtige Entscheidung fürmich“, sagt sie, „das neue Betätigungsfeldhat mir so vielSpaß gemacht, dass schnellauch wieder mein Selbstwertgefühlda war.“ Die ehrenamtlicheArbeit nimmt ihr allerdingsauch jede Menge Zeit:Zwei bis drei Tage wöchentlichverbringt sie im Dienste derKunst – neben den Führungenund Seminaren schreibt sie zusammenmit Thesy TeplitzkyGertraut Buzello hat für sich die Kunst entdeckt –und mit ihr das Ehrenamt.auch die „Arbeitskreis“-Programme,„sehr arbeitsintensivund nervenaufreibend“. Dennoch:Dass es ihr einmal zu vielgeworden wäre, daran kannsich die Wahlkölnerin nichterinnern: „Es ist schon viel zutun, aber genau das ist es ja: Ichmache etwas für mich und bindadurch auch noch für andereda. Geht es denn besser?“90 Minuten und 60 Meterweiter ist die Führung zu Ende.Es ist Mittag, Essenszeit.Ehrenamt: „Eine Abmachung auf Zeit“Das Publikum zerstreut sich.Zurück bleibt eine geschaffteEhrenamtlerin. Frau BuzellosStimme ist brüchig geworden,sie ist k.o., ihre Kehle ausgetrocknet,„aber, was viel wichtigerist: Ich bin zufrieden.“Möchten Sie sich ehrenamtlichengagieren? Auf unserer WebsitedieGesellschafter.de findenSie Tipps, Kontaktmöglichkeitenund Diskussionen.DISKUSSIONAuszüge aus dem Forum Ehrenamt:Welche Meinung/Ideenhaben Sie zum Thema derstaatlichen Anerkennungvon Ehrenämtern? ZumBeispiel Erleichterungenbei der Einkommenssteuer.Und was halten Sie voneiner Bürgerpflicht zurVerrichtung von Ehrenämtern?Oliver Fries, 27.03.2006Staatliche Anerkennungführt vielleicht zu einerhöheren Akzeptanz, jedocheine Verpflichtung halteich nicht für sinnvoll. Alles,was man aus Pflicht macht,tut man nicht aus Überzeugung.Und so sieht dannauch die Qualität aus.A. Manderfeld, 27.03.2006Die Einrichtungen, für dieder Beitrag geleistet wird,könnten ja die Qualität beurteilenund ggf. die Quittungauch verweigern.Oliver Fries, 27.03.2006Fragt sich, ob man ein Ehrenamtannimmt, wennman weiß, dass man beurteiltwird. Ich halte es fürwichtiger, dass Personenin Ehrenämtern vernünftigabgesichert und geschultsind. Ehrenamt und Idealismusgehören für michzusammen.A. Manderfeld, 27.03.20063 dieGesellschafter.debagfa-Projektleiter Tobias Baur: Erwerbsarbeit und Gemeinschaftsarbeit sollten gleichgestellt werdenImmer mehr Menschen engagierensich freiwillig und unentgeltlichfür andere, für dieNatur oder die Gesellschaft.Indessen hat sich das Bilddes Ehrenamtes gewandelt.Silvia Harbord sprach mitTobias Baur, Projektleiter derBundesarbeitsgemeinschaftder Freiwilligenagenturene.V. (bagfa) in Berlin.Herr Baur, das Ehrenamt giltseit jeher als Bereich zurSelbstverwirklichung. Trifftdas heute noch zu?Ja. Die Wahrnehmung ehrenamtlicherArbeit hat sichjedoch verschoben: Sie wirdheute mehr in den praktischenLebensablauf integriert. Mannimmt sich gerne das Wissenmit oder man erwirbt es, umdamit später auch beruflichweiter zu kommen. Die größteVeränderung liegt darin, dassEin Interview mit TobiasBaur, Projektleiter derbagfadas Ehrenamt heute eine Abmachungauf Zeit ist.Was bedeutet das?Wir haben heute nicht mehrso viel Zeit wie früher. DieZeitfenster werden kleiner. DieMenschen sehen im Ehrenamtnicht mehr unbedingt eineBerufung auf Lebenszeit, sondernversuchen auch, es alsEntwicklungs- und Orientierungsphasefür ihre eigeneLebensplanung zu nutzen.Ehrenämter erfordern heuteimmer häufiger Qualifikationen.Daraus ergibtsich die Frage nach einer– finanziellen – Anerkennungfür die erbrachtenLeistungen.Grundsätzlich geht es freiwilligenHelfern mehr umAnerkennung, die sie für ihregeleistete Arbeit bekommen,als um eine pekuniäre Entlohnung.Allerdings könnte maneine Art Aufwandsersatz insAuge fassen. Sofern es sichaber um Geld handelt, kommtman sich leicht ins Gehege mitNiedrigstlohnleistungen.Ehrenamtler müssen sichneuerdings gegen den Vorwurfwehren, bezahlte Jobskaputt zu machen.Wenn wir den Ein-Euro-Jobvon Hartz IV betrachten, sogibt es dazu bisher leider keineaussagekräftigen Erhebungen.Mir ist nicht bekannt, dassFreiwilligenarbeit jemandenum seinen Lohn gebracht hat.Dagegen haben mehrere lokaleAgenturen für Arbeit bereitsgroßes Interesse an typischenEhrenamtsposten bekundet,die sie gerne mit Ein-Euro-Jobbernbesetzen würden. Aufder anderen Seite ist es auchnicht von der Hand zu weisen,dass bezahlte Arbeitskräfte inqualifizierten Freiwilligen ofteine Konkurrenz für ihre Stellesehen.Hat das Ehrenamt eineZukunft?Ja. Freiwilliges Engagementwird immer gebraucht werden.Letztlich sehe ich eine möglicheLösung der hier angesprochenenProbleme in Konzepten derMischarbeit und des Grundeinkommens:Der Erwerbsarbeitwerden andere gesellschaftlichrelevante Arbeitsformen wieVersorgungs-, GemeinschaftsundEigenarbeit gleichgestellt.Das hat – neben größererwirtschaftlicher Gerechtigkeitfür alle – eine Aufwertungder ehrenamtlichen Arbeitzur Folge und macht sie auchattraktiver für breitere Bevölkerungsschichten.


Sicht weisen Mai 2006 9Gesellschaft bekommt Farbe, wenn Menschen mit ganz unterschiedlichenHintergründen aufmerksam füreinander werden:Junge und alte, behinderte und nicht behinderte Menschen, aberauch Menschen aus ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizontenkönnen sich mit ihren Erfahrungen wechselseitig bereichern.Deshalb ist es notwendig, Aufmerksamkeit auf die Räume zulenken, in denen Menschen miteinander leben, in denen sie arbeiten,in denen sie feiern, aber auch in denen sie Erfahrungendes Leids miteinander teilen.Pfarrer Jürgen Gohde, Präsident des Diakonischen Werkes der EKDIch bin sehr froh darüber, dass wir die Zahl der ehrenamtlichAktiven im vergangenen Jahr um neun Prozent auf 403.000 habensteigern können. Das bedeutet, es gibt viele Möglichkeitenehrenamtlichen Engagements und eine hohe Bereitschaft, sichzu engagieren, wenn die Menschen richtig angesprochen werden.Dr. Rudolf Seiters, Präsident des Deutschen Roten KreuzesMenschen kommen nicht nur in ein Land, um zu arbeiten undgehen dann wieder. Menschen knüpfen Beziehungen, schließenFreundschaften, heiraten, bekommen Kinder. Ich würde mirwünschen, dass sie hineinwachsen in unsere Gesellschaft undeinen Zugang finden zu der Gesellschaft, in der sie leben. Andiesen Stellen gilt es anzusetzen und eine berechtigte Teilhabean der Gesellschaft zu ermöglichen, wachsam zu werden fürdie Schätze der jeweiligen Kulturen.Dr. Peter Neher, Präsident des Deutschen CaritasverbandesBehinderte Menschen sind Inhaber von Rechten, auch von Ansprüchen.Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der auchMenschen mit geistiger Behinderung gefragt werden, in was füreiner Gesellschaft sie leben möchten.Dr. Bernhard Conrads, Bundesgeschäftsführer der LebenshilfeIch möchte, dass es in unserer Gesellschaft keine armen Kindermehr gibt: Kinder, die keine Entwicklungschancen haben, Kinder,die nicht genug Obst und Gemüse essen oder Kinder, die zukeinem Kindergeburtstag eingeladen werden oder nicht hingehen,weil sie sich das Geschenk nicht leisten können.Barbara Stolterfoht, Vorsitzende des Paritätischen WohlfahrtsverbandesIch glaube, dass die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion,die sich den jüdischen Gemeinden angeschlossen haben,eine Bereicherung für Deutschland, eine Bereicherung für denStaat, eine Bereicherung für die jüdische Gemeinschaft und eineinmaliges Potenzial sind. Wir wünschen uns eine tolerante,verständnisvolle Gesellschaft, die Mitverantwortung für die anderenübernimmt.Benjamin Bloch, Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Judenin Deutschland


10 Mai 2006Thema Kinder armutSchulden in der SchultüteImmer mehr Kinder leben in Armut. Was ist uns ihre Zukunft wert?Von Anja MartinIch will in einer Gesellschaftleben, in der Kindernicht Privatsache sind,sondern Mittelpunkt vonPolitik und Gesellschaft.Birgit K., 16.04.2006Kinder sind die größten Verliererder Hartz-IV-Reform.Das zeigen neue Berechnungendes Paritätischen Wohlfahrtsverbandes(DPWV): ZuBeginn dieses Jahres lebten1,7 Millionen Kinder auf Sozialhilfe-Niveau.Das ist jedessiebte Kind.Für diese Jungen und Mädchenist vieles Tabu, was fürandere selbstverständlich ist:Musikunterricht, Turnen imSportverein, Zoobesuch oderComputerkurs. Nicht einmalNachhilfeunterricht ist bezahlbar,denn der Regelsatzist sehr niedrig angesetzt. Erbeträgt für ein Kind unter 15Jahre im Westen 207 Euro, imOsten sogar 8 Euro weniger. Indiesem Betrag sind beispielsweise3,65 Euro monatlich fürSchuhe vorgesehen, 1,52 Eurofür Spiele und Spielzeug sowie1,33 Euro für Schreibwarenund Zeichenmaterialien.„Die Zusammensetzung desRegelsatzes für Kinder ist alltagsfern“,sagt Rolf Martens,der beim DPWV zuständigist für sozialwissenschaftlicheAnalysen. „Er ermöglicht keinLeben ohne Armut, sondernschreibt Armut fest.“Schon die Einschulung strapazieredas monatliche Budgetaufs Äußerste. Schultüteund -ranzen, Federmäppchen,Stifte und anderes addierensich schnell auf 180 Euro. ImGegensatz zur alten „Stütze“werden für besondere Bedarfejedoch keine zusätzlichenLeistungen mehr gewährt. Sowerden Kredite benötigt, unddie Verschuldung ist vorprogrammiert.„Wir können es unsnicht leisten, 1,7 Millionen Kinderauf einem Einkommensniveauzu belassen, das ihnenschlicht Zukunftschancennimmt“, sagt Ulrich Schneider,Hauptgeschäftsführer des DP-WV. Der Wohlfahrtsverbandist Kooperationspartner desGesellschafter-Projektes undvertritt das Thema Kinderarmut.Mit großer Besorgnis stelltder DPWV fest, dass dieKinderarmut in Deutschlandschneller steigt als im Schnittder Bevölkerung. Eine Studiedes Kinderhilfswerks der VereintenNationen (UNICEF)Kinderarmut: Leben am Rand der Gesellschaft.aus dem letzten Jahr nenntdie Gründe: „Zwar reduziertdie Bundesregierung durchKindergeld, Steuererleichterungenund andere politischeMaßnahmen die Kinderarmuterheblich. Doch sie tut damitsehr viel weniger als Schweden,Finnland oder Dänemark.“Mit gezielten Maßnahmenschaffte es beispielsweiseSchweden, die Kinderarmutauf nur 3,4 Prozent zu senken.In Deutschland liegt sie – lautDPWV – bei 14,2 Prozent. Betroffensind vor allem KinderAlleinerziehender und Kinderaus Zuwandererfamilien.Mehr Ganztagsschulen undKinderbetreuungsangebotekönnten hier Abhilfe schaffen.Sie würden nicht nur Alleinerziehendendie Aufnahme einerErwerbstätigkeit erleichtern,sondern auch Integration undSprachkompetenz von Migrantenkindernfördern.Neue WegeFoto: Michael WagenerWas getan werden muss,liegt also auf der Hand: gezieltereMaßnahmen für Familienmit Kindern und eineAnhebung der Regelsätze nachHartz IV. Doch es gibt auchganz andere Vorschläge. In denGesellschafter-Foren wird beispielsweisedas bedingungsloseGrundeinkommen (BGE)diskutiert. Damit ist ein Betraggemeint, der jedem Menschenohne Bedürftigkeitsprüfungund Nachweis der Arbeitsbereitschaftvom Staat gezahltwird, und zwar in einer Höhe,die Existenz und angemessenegesellschaftliche Teilhabe sichert.Das hätte viele Vorteile:Bürokratie würde abgebaut,die Lohnnebenkosten gesenkt.Der Leistungsgedanke aberwürde zur Disposition gestellt.Auch stellt sich beim BGE,wie bei anderen Lösungsvorschlägen,die Frage, wie hochein Betrag sein muss, um einIch wünsche mir eine Gesellschaft,die Wert darauflegt, dass ihre Kinder mitWarmherzigkeit, Verantwortungsbereitschaft,Zuverlässigkeit, Hinwendung,Förderung und bedingungsloserAkzeptanzerzogen werden.Eine Gesellschaft, die daraufdrängt, dass die Elterndie Wichtigkeit ihrerAufgabe verstehen. Ichplädiere für die Einführungeiner Elternschule.Christine Faltenbacher,18.04.2006Erst wenn alle Erwachsenenfür das Wohlergehenaller Kinder verantwortlichsind, wird sich dasPotenzial der Menschheitentfalten können. SolangeAbstammung und Vermögenvon Eltern das Lebenjedes Menschen bestimmen,wird es keine sozialeGesellschaft geben.Arpan Meyer, 17.04.20063 dieGesellschafter.deLeben ohne Armut zu gewährleisten?Auch die Experten sind sichda nicht einig. Für manchebeginnt Armut erst, wenn dasHaushaltsgeld gerade nochzum Überleben reicht. Fürandere, wenn jemand wenigerverdient als der Durchschnitt.Deshalb kommen die unzähligenStudien zu diesemThema zu unterschiedlichenErgebnissen – aber nur in derHöhe. Die Tendenz ist bei allengleich: Armut nimmt zu – vorallem unter den Jüngsten derGesellschaft. „Es gibt keinenwissenschaftlich-archimedischenPunkt, von dem aus eineArmutsdefinition herleitbarwäre“, sagt Ulrich Schneidervom DPWV und fordert eineöffentliche Debatte um dieHöhe des Existenzminimums.Denn: „Armut kann politischund gesellschaftlich immernur das sein, worauf wir unsverständigen, was sie ist.“Diskutieren Sie mit auf demThemenforum Armut unterdieGesellschafter.de


Thema Kinder armutMai 2006 11„Superschlangen“auf Exkursion: Auchbeim Töpfern sind dieKids fröhlich bei derSache – und reichlichkreativ dazu.Projekt Zukunft: Dabeisein ist allesAus einsam wird gemeinsam: Mit „Kindernöte e.V.“ lernen Kinder, wie Gemeinschaft funktioniertVon Silvia Harbord„Sag mal, das gibt’s dochnicht, Mensch, Viktor, jetzthalt doch mal still“ – Michelleist ärgerlich. Seit einerhalben Stunde werkelt sie aneinem Stück Ton, das einmalein Hase werden soll. UndViktor stört.Weil er gleich danach das Töpferwerkeines anderen Kindes„hässlich“ schimpft, kassierter einen Rüffel von NicoleHansen. Die Sozialpädagogindes Vereins „Kindernöte e.V.“lässt den Kindern zwar vielFreiraum, doch die Grenzenim Umgang sind klar definiert:Gehänselt wird nicht, gerauftauch nicht. Die Gemeinschaftsteht im Vordergrund beider am längsten existierendenKindergruppe des KölnerStadtteils Vogelsang, den „Superschlangen“.Heute treffen sich die Kinderin einer Töpferstube und könnennach Herzenslust mit Tonarbeiten. Sonst treffen sich dieZehn, deren Familien in dertrostlosen Wohnsiedlung amSilbermövenweg wohnen, immerdienstags in ihrem Gruppenraum.Den hat „Kindernötee.V.“ besorgt. Der Raum ist denKids eine kleine Oase in ihremWohnumfeld. Einladend istdas nämlich nicht, schon garnicht kindgerecht. Das war beiPlanung und Realisierung derSiedlung auch kein Kriterium– sozialer Wohnungsbau folgtanderen Gesetzen. Treffpunktewerden hier nicht angeboten,auch die Möglichkeitender Freizeitgestaltung sindbegrenzt.Der Ausweis zeigt, woman hingehört. Das istauch bei den „Superschlangen“so.Nachdem vor einigen Jahrendie Siedlung im Norden Kölnsfertiggestellt wurde, peiltendie Mitarbeiter von „Kindernötee.V.“ die Lage vor Ort. „Wirsetzten uns auf die Straße,malten Kreidebilder auf denBoden und warteten ab, werda so kommt“, erinnert sichObeid Herawi. Der Mann ausAfghanistan ist Honorarkraftbei „Kindernöte e.V.“, er betreutdie „Superschlangen“ seitihrer Gründung. Zusammenmit Nicole Hansen „sammelte“er die Kinder praktisch von derStraße vor ihrem Wohnblockein. Der damals achtjährigeLubo kam vorbei, setzte sich,guckte zu, unterhielt sich mitden Erwachsenen – und blieb.Ebenso Viktor und Yasemin.Seitdem halten die Kinderzusammen wie Pech undSchwefel. GründungsmitgliedMichelle erinnert sich, wiees war, bevor die Sozialpädagogenkamen: „Nur wenigeKinder kannten sich. Die meistenwaren allein.“ Wenn siebald zu alt sein wird, um nocheine „Superschlange“ zu sein,„dann übernehmen wir sie ineine unserer Jugendgruppen“,meint Nicole Hansen. Michellenickt und ist zufrieden. Alserfahrene „Superschlange“ istsie heute kompetent für dasProjekt Zukunft: Toleranz undTeamgeist sind für sie keineFremdwörter. „Darum gehtes in der Gruppenarbeit“, sagtNicole Hansen, „im Spiel dasMiteinander entdecken, sichzu integrieren. Dadurch habendie Kinder in ihrem späterenLeben viel größere Chancen.“In der Gruppe wird viel geredet,die Kinder tauschen sichaus, basteln, machen Sportund Pläne. Für Gespräche gibtes eine Regel: Es spricht nur,wer den „Sprechstein“ in derHand hält. Wenn der Rednerfertig ist, gibt er den Steinweiter. Das Konzept integrativerGruppenarbeit greift: DieKinder bringen sogar Freundemit zur Gruppe, weil‘s hierGemeinsamkeit gibt. Dass dasGruppenregelwerk dann auchsie trifft, macht den Neuennichts aus. Dabeisein ist alles.Weitere Informationen zumThema „Kinderarmut“ aufdieGesellschafter.de.Nur einen kurzen Blick gönnt uns Kayra, bevor sie sich wieder demTöpfern zuwendet.Fotos: Michael Wagener


12 Mai 2006 DokumentationDenk ich an Deutschland in der NachtAuszüge einer Diskussion aus dem Gesellschafter-Forum „Zuwanderung und Zusammenleben“Liebe Lale Akgün, liebe Mitgesellschafterund Mitdiskutanten,kurz nach Erscheinendes Originaltextes dachte ich,diesem sei uneingeschränktzuzustimmen. Natürlicher Reflexeines so genannten „anständigen“Bürgers. Dann aberhielt ich die Schlussfolgerungenvon Lale Akgün für zukurz gegriffen. Einen Anstiegder rechtsextremen Gewalthat es gegeben, das würdenBKA oder Verfassungsschutzsicherlich bestätigen. Wennsie aber Parallelen zieht zuden Neunzigern und der Das-Boot-Ist-Voll-Diskussion unddamit eine Diskussion überIntegrationspolitik verhindernmöchte, beweist das ein Maßan Intoleranz, das ich von ihrnicht erwartet hätte. Lassen Siedie Menschen in Deutschlandüber das diskutieren, was sievon Immigranten erwarten undwas sie im Falle eines Zuzugszu bieten bereit sind. Denn esist ihr Land. Nur dann kommenwir aus dieser Sackgasse heraus,die Fremdenfeindlichkeitheißt. (...) Ich möchte in einerGesellschaft leben, in der lebhaftund fair über die Interessendes Gemeinwesens gestrittenwird. (...)Michael Witt, 22.04.2006Mich stört die Instrumentalisierungdes Opfers zu politischenZwecken (...). Natürlich mussdieses Verbrechen geahndetwerden. Wird es aber benutzt,um wieder einmal die Angst derMenschen vor Überfremdung,wachsender Ausländer-Kriminalität,vor eingeschlepptenKrankheiten und Zusammenbruchder Sozialsysteme als„rechtsextremen“ Fremdenhassumzudeuten, dann dauert esauch nicht mehr lange, bis auchhier Unruhen wie in Frankreichaufbrechen. (...)Dietmar Fürste, 22.04.2006@Dietmar Fürste: Mich störtihr großes Verständnis fürdie Angst der Menschen vor„Überfremdung“, „wachsendeAusländerkriminalität“ und„eingeschleppte Krankheiten“usw. Sie schaffen und legitimieren– ob sie es wissenoder nicht – genau das rechteWeltbild, das den Boden fürdiese Gewalt bereitet. Ich wohne– blond und blauäugig – inKreuzberg und fühle mich hierAus dem Gesellschafter-TagebuchDen Impuls für die hier inAuszügen dokumentierteDiskussion gab der Tagebucheintrag„Denk ich anDeutschland in der Nacht...“ von Lale Akgün.seit über 20 Jahren sehr wohl.Weder bin ich hier bisher vonislamischen Fundamentalistenbedroht worden, noch fühleich mich „entfremdet“ oder bedroht,wenn deutsch-türkischeNachbarn andere Musik spielenoder hören als ich. Tatsächlichhört meine in Ostpreußen geboreneMutter Musik, die ich mirselbst nie freiwillig anhörenwürde – das empfinde ich abernicht als Bedrohung oder Entfremdung... (...).Jens Neubauer, 22.04.2006(...) DANKE an die Demonstrantenheute in Potsdam!!! INSO EINER Gesellschaft will ichleben!Armin Heller, 22.04.2006(...) Wie ich an anderer Stelleschon als Zitat geschriebenhab: Patriotismus ist Liebe zuden Seinen. Nationalismus istHass gegen die anderen.OA.H., 22.04.2006Es hat schon etwas für sich,Patriotismus als „Liebe zu denSeinen“ zu definieren. LiebeEin Beitrag von Dr. Lale Akgün, SPD-Bundestagsabgeordentesowie islampolitische undstellvertretende europapolitische Sprecherinder SPD-Bundestagsfraktion. Von 1997 – 2002leitete sie das Landeszentrum für Zuwanderungdes Landes Nordrhein-Westfalen.In diesen Tagen mache ich mirwieder Sorgen um unser Landund um die Bürger, die sichtbarnicht-deutscher Herkunftsind. (...)Angesichts der jüngstenÜbergriffe in Potsdam undBerlin frage ich mich, ob eszu einer neuen Eskalationkommt. Geht es nun wiederlos – wie schon einmal Anfangder 90er Jahre, als Asylbewerberheimebrannten? Alleinin dem kurzen Zeitraum vonzwei Jahren zwischen 1992und 1994 wurden 29 Menschenaus rassistischen Gründenbrutal ermordet.Die Parallelen zu damals sindnicht zu übersehen, auch damalsfing alles mit unguten öffentlichenDebatten an.So wurde in den frühenNeunzigern gerne getitelt, dass„das Boot voll“ sei. Heute ruftmancher meiner Kollegen mit Inbrunst„Wir waren zu tolerant“.Im Ausland werde ich gefragt,wie man im Land von Kant undHegel zu tolerant sein könne.„Sie reden von der Leitkulturund treten Kant als Bestandteileben dieser Kultur mit Füßen“,so die AußenwahrnehmungDeutschlands.Die Botschaft, die seit einigenMonaten aus bestimmtenKreisen in Richtung der Zugewandertengeht, lautet: „Ihrist ein großes Wort. Also sprecheich hier mal nur über tiefempfundene Achtung zu denMeinen.Wer gehört denn zu den Ihren,die Sie lieben? Sicher dochwohl Thomas de Maizière, derChef des Merkelschen Kanzleramtesmit offensichtlichfranzösischen Vorfahren. (...)Zu den Meinen gehört meinjetzt schon über 60-jährigerKlassenkamerad Georg, derals „Besatzungskind“ außerder schwarzen Hautfarbe aberauch gar nichts (nicht einmalden Hausnamen) von seinemErzeuger hat. Zu den Meinengehört auch Francesco, an demDank 40-jähriger Ehe mit Karinnur noch der Familiennameund das von ihm angebotene Eisitalienisch ist. Zu den Meinengehört ebenso Bruno, der nachder Auflösung Jugoslawienshier in Nordrhein-Westfaleneine neue Heimat gefundenhat. Und zu den Meinen gehörtauch Lale Akgün, die Abgeordnetedes immerhin DeutschenBundestages ist, was sie nichtdavon abhält, weiterhin ihrenseid anders, ihr gehört nichtzu uns.“Das aber ist eine gefährlicheBotschaft. Sie ist umsogefährlicher, als sie auch vondenen gehört wird, die vor rassistischenÜbergriffen nichtzurückschrecken. Diejenigen,die in Wort und Schrift dasEnde der Toleranz gegenüberZugewanderten ankündigen,die sich offen für Repressalienaussprechen, die Angehörigeanderer Religionsgemeinschaftenverunglimpfen,sollten sich darüber bewusstsein, was sie tun. Sie solltenwissen, dass sie dabei sind zuzündeln. (...)In sechs Wochen beginntdie Fußballweltmeisterschaftin Deutschland. „Die Weltzu Gast bei Freunden“ lautetder Slogan. Es ist ein schönerSlogan und ich kann nur hoffen,dass wir ihm alle Ehremachen. Denn die Welt istnicht nur zu Gast, die Weltbeobachtet auch sehr genau,was bei uns passiert.türkischen Hausnamen zu tragen.Und zu den Meinen gehörtauch der Deutsche äthiopischerHerkunft, der in Potsdam fasttotgeschlagen wurde.Nun, werden Sie sagen, mankann es sich halt aussuchen.Kann man das wirklich, wennman sich als Patriot bezeichnet?Heinz-O. Schneider, 22.04. 2006Es ist doch so, dass zum Beispielin den USA der Patriotismusein fester Bestandteil der Erziehungist und es den Menschendort viel leichter fällt, „stolz“zu sein. Bei uns kann dieserPatriotismus einfach nichtaufkommen, weil er eben vonAnfang an im Keim ersticktwird. Folge davon ist dann ein„extremer Nationalismus“, derein so schlechtes Bild auf alleDeutschen wirft. (...)Ralf Lierenfeld, 22.04. 2006(...) Der Stolz, ein Deutscher zusein, war für mich (Jahrg. 60)nie relevant. (...) Das Schicksalhat es gewollt, dass ich in D.geboren wurde; dies involviertkeinen Grund, darauf stolz zusein! Und was vor meiner Zeitpassiert ist, dafür lasse ich mirauch kein Schuldgefühl einreden.Und wenn ich so etwaswie Patriotismus spüre, danndafür, ein guter Europäer undKosmopolit zu sein, der alleMenschen achtet, egal welcheSprache sie sprechen oder welcheHautfarbe sie haben. Stolzbin ich auch auf unsere Kinder,auf meine Frau und auf ein paarDinge, die ich gebaut habe. (...)Es wurde hier schon behauptet,die USA hätten einen starkenPatriotismus ... was empfindendann 55 Prozent der Amerikaner,die regelmäßig NICHTwählen gehen? (...)Achim Luibrand, 23.04.2006Wenn Sie nicht wissen, wie Sieauf unser Land stolz sein können,dann machen Sie einfachdie Augen auf. Während Politikerund Medien herumposaunen,dass wir alle Rassistenund Totschläger sind, dreht dieWelt sich weiter. Deutsche allerHautfarben leben zusammenund gehen miteinander um.Wenn man die Zahlen des täglichenUmgangs von MillionenMenschen mit diesen Übergriffenins Verhältnis setzt,mag so ein Zwischenfall ein zuein paar Millionen sein. Wennsich ein Mensch im Ausland einechtes Bild von Deutschlandmachen möchte, hat er einegroße Aufgabe vor sich. DasBeste ist, er kommt hierher,liest keine Zeitung, schaltetden Fernseher nicht ein, sondernöffnet die Augen für dieDinge des Alltags. Dann wirder sehen, wie gut wir sind.K.-H. Kukuck, 22.04.2006(...) Ich finde es wichtig, imdirekten Umfeld dafür zu werben,den Rassismus zurückzudrängenund ihm keine Chancezu geben. Zu den Geschehnissenin Potsdam kann man janur eines sagen: Dass man jetztwirklich handeln muss.Im Fernsehen kam neulich,dass Ausländer selbst im Alltagohne Grund diskriminiertwerden. Zum Beispiel bei Diskothekengängen.Ich finde esauch nicht okay, alle Ausländerüber einen Kamm zu scheren.(...) Ich wünsche mir, dass dasaufhört. (...)Chr. Stankowski, 23.04.22063 dieGesellschafter.de


KulturMai 2006 13Neue Heimat in der FremdeDie Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ ist aktueller denn jeVon Sabine WißkirchenDas Diskussionsforum „Zuwanderung& Zusammenleben“ist eines der meistbesuchtenForen der WebsitedieGesellschafter.de – dasThema Integration bewegtdie Gemüter wie kaum einanderes.Über den aktuellen Diskussionenwird leicht vergessen, dassMigration und Eingliederungeine lange Geschichte haben.Seit Beginn der Weltchronikzwingen Kriege und Konflikte,Krisen und KatastrophenMenschen zur Aufgabe ihrerHeimat, stehen Bürger vor derFrage „In was für einer Gesellschaftwollen wir leben?“.Im Kino der 50er Jahre wird dasThema Integration und Heimatidyllisch verklärt. Fotos: HDGChristian von Aster, Autor,Regisseur, Satiriker kommentiertim Gesellschafter-Tagebuch das Gastgeschenk,das Chinas Präsident Hu Jintaoanlässlich des Staatsbesuchesin die USA für seinenGastgeber, George W. Bush,im Gepäck hatte: Die Prachtausgabedes 2500 Jahre altenchinesischen Klassikers„Die Kunst des Krieges“ vonGeneral Sun Tzu.Sonntagsgottesdienst im Flüchtlingslager: katholische Notkirche aus Wellblech in Norddeutschland.Einen kleinen Hausaltar,Selbstgebasteltes und eineFrauentracht brachte FamilieCzerny in der Reisetruhe ausdem Sudetenland mit in ihrneues Leben. Wie sie verloren12 bis 14 Millionen Deutscheam Ende des Zweiten Weltkriegsihre Heimat. Ihnenist die Ausstellung „Flucht,Vertreibung, Integration“ gewidmet,die vom 19. Mai biszum 13. August im DeutschenHistorischen Museum in Berlinsowie ab Dezember in LeipzigEs hätte eine Lotoswurzel seinkönnen, ein Buch über dieGeheimnisse der chinesischenKüche oder ein antiker Kimono.Doch Chinas Präsident HuJintao überreichte George W.Bush „Die Kunst des Krieges“.Es ist beinahe, als schenkeman der Puffmutter ein Kamasutra,um ihren Umsatz anzukurbeln.Bei seinem nächstenChinabesuch wird George W.Bush dann einige Schriftendes einstmaligen spanischenGroßinquisitors Thomas derTorquemada, der nicht wenigerals 28 Bücher über dieFolter verfasste, im Gepäckhaben.Hernach werden sich dieKollegen Bush und Lukashenkoallerdings einigen müssen,zu sehen sein wird. In Bonn hatdie Schau bereits 140.000 Besucherins Haus der Geschichtegelockt.Mehr als 1.000 Exponatehaben die Ausstellungsmacherzusammengetragen, darunterFotos, persönliche Gegenständewie die der Familie Czerny,Schmuck, Glas und andereObjekte der Handwerkskunst,politische Plakate sowie zahlreicheDokumente. An Bildschirmenkönnen die BesucherInterviews mit Zeitzeugen ab-Das Ende aller SatireHu Jintao schenkt George Bush „Die Kunst des Krieges“Ein Tagebuchbeitrag vonChristian von Aster, Autor,Regisseur, Satirikerwer Silvio Berlusconi im Rahmeneines Staatsbesuches dasgroße 1 x 1 der Wahlmanipulationüberreichen darf. (...)Das Gastgeschenk Hus aberist schlussendlich kaum mehrals ein Zeichen. Ein Zeichendafür, wie überflüssig nachund nach unsere Satirikerund Kabarettisten werden.Der Unterhaltungswert derinternationalen Politik ist beängstigendhoch, unser Klopapierheißt „Elegance“ und anunseren Bushaltestellen wirbteine Gruppe namens „TokioHotel“ mit dem Satz „Kämpfegegen Gewalt an der Schule“für oder gegen selbige. UnsereRealitäten lassen sich kaumnoch ad absurdum führen.Und genau darum wäreeine Lotoswurzel mir liebergewesen ...rufen, die ihre Erlebnisse aufder Flucht und ihren weiterenLebensweg bis heute schildern.Ein Schwerpunkt der Ausstellungliegt auf der Integrationder Flüchtlinge und Vertriebenenin der neuen Heimat: dokumentiertworden ist ihre Ankunftin den Besatzungsgebietendes zerstörten Deutschland,das Leben im Flüchtlingslager,die Suche nach vermissten Angehörigensowie die staatlichenMaßnahmen zur Eingliederungwie Lastenausgleich undGeorge Bush hat ein ordentlichesStudium der„Kunst des Krieges“ nötig.Am besten sollte er es nochan Rumsfeld weitergeben.Vielleicht sind sie dann inder Lage, anständige strategischeEntscheidungen zutreffen.A. Hoffmann, 26.04.2006Da ich die „Kunst des Krieges“gelesen habe, weiß ichum den Wert dieser Schriftauch über den Krieg hinaus.Vielleicht blieb einemstreng atheistischen Kommunistenneben der Mao-Bibel kein religionsfreiesKulturgut (in schriftlicherForm) mehr übrig, das erverschenken konnte. Tatsächlichist die „Kunst desKrieges“ ein Buch über denWeg des Erfolgs, was manWohnungsbauprogramme. DieNeuankömmlinge wurden vonder eingesessenen Bevölkerungnicht unbedingt mit Wohlwollenempfangen. Auch die Debatteum die Ostverträge in den70er Jahren sowie die Diskussionum das geplante „Zentrumgegen Vertreibungen“ werdennicht ausgespart. Die Schauist chronologisch gegliedertund bettet die Problematik inden internationalen historischenKontext ein: sie beginntmit dem Völkermord an denArmeniern im OsmanischenReich zu Beginn des 20. Jahrhundertsund endet mit aktuellenZahlen und Berichten desUNO-Flüchtlingswerks. „DieAllgegenwärtigkeit von Fluchtund Vertreibung zu Beginndes 21. Jahrhunderts sowiedie traurige Gewissheit, dassdie Migrationsströme in dennächsten Jahrzehnten noch zunehmenwerden, sind wichtigeBotschaften“, so Professor HermannSchäfer (zum Zeitpunktder Ausstellungseröffnung Präsidentder Stiftung Haus derGeschichte) im Vorwort desBegleitbuchs zur Ausstellung.„Wie wir uns als offene undwohlhabende Gesellschaft inVerbindung mit unseren europäischenNachbarn zu diesenglobalen Problemen stellen,gibt auch Auskunft über unsereZukunftsaussichten.“Begleitbuch zur Ausstellung:Stiftung Haus der Geschichte(Hg.): Flucht, Vertreibung, Integration,Kerber Verlag, Bielefeld2006.an den zahlreichen BWL-Autoren sieht, die diesesBuch rezipieren.Georg Gerdon, 25.04.2006„Effektiv siegen“ bedeutetbei Sunzi nicht, dass manà la „Rambo 3“ so ziemlichalles umnietet, was einemim Weg steht, oder dassman das Vermögen ganzerLänder in die Waffenindustriepulvert, oder dassman Menschen foltert. AmAnfang des Buches steht ...,dass der beste Sieg derjenigeist, der ohne einenSchwertstreich geführtwird, der dem Heerführerkeinen Ruhm einbringt,weil es so scheint, als hätteer nicht kämpfen müssen.Martin Sack, 28.04.20063 dieGesellschafter.de


14 Mai 2006ZitateForum BILDUNGEinheitlicheSchulen!Warum werden die Kinderin Deutschland, in einemAlter, wo es unmöglich ist,die Zukunft vorherzusagen,bereits in Schubladensortiert? Warum gibt esnicht die Möglichkeit – wiein Skandinavien – dass alleKinder bis zur Beendigungder Schulpflicht auf eineSchule gehen? Warum sollendie Schwachen zu denSchwachen, die Guten zuden Guten?d.m., 01.04.2006 Ich bin 14 Jahre alt undauf einem Gymnasium.Dieses Jahr war ich miteiner Klassenkameradinzusammen Klassenbeste.Wenn ... in unserer Klasseauch Leute aus Haupt- undRealschule säßen, entständenviele Probleme!Saskia Scheler, 01.04.2006 Wie, meinst du, kannes sein, dass die Skandinavier,insbesondere dieFinnen und Schweden, inder PISA-Studie weit voruns liegen, obwohl alleSchüler die Schulpflicht ineiner Schule durchlaufen?Dort wurde schon längsterkannt, dass man schwächereSchüler integrierenmuss und auch die gutenSchüler dadurch noch etwaslernen.d.m. , 01.04.2006In was für einer Gesellschaftwollen wir leben?Wir dokumentieren einige von mehreren tausend Antworten auf der WebsiteIch wünsche mir eine Gesellschaft,die das Lebengenießen kann. Die fähigist, den Moment zu erleben,tief durchatmet unddie Kleinigkeiten schätzenkann. [...] Ich frage michimmer wieder, warum sichdie Menschen selbst dasLeben so schwer machenund sich nicht einfacheinmal mehr am Tag zulächeln?Wir sollten unsselbst fragen, warum wirständig so unzufriedensind und was uns wirklichfehlt ... Es liegt allein anuns selbst, die Dinge zuverändern. Es kann so einfachsein!M. B., 26.04.20063 dieGesellschafter.deIn einer visionären Gesellschaft möchte ich leben.Wir wollen das Energieproblem lösen.Wir wollen den Hunger besiegen.Wir wollen Gesundheit. Wir wollen Frieden.Wir wollen Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit.Wir wollen Wohlstand.Wir wollen Bildung und Information.Um ehrlich zu sein: Ich weiß gar nicht, was wir auf dem Marszu suchen haben.Reinhard Karger, 16.04.20063 dieGesellschafter.deIch will in einer Gesellschaftleben, in der Toleranz nichtnur ein hohles Schlagwortist.D. K., 19.03.20063 dieGesellschafter.deIch möchte in einer Gesellschaftleben, in derdie Regierung wieder einVorbild für die Menschenist, die von ihr abhängigsind. Eine Regierung,die das vormacht, wassie „predigt“, und dienur das verlangt, was sieselbst leistet, oder zuleisten bereit ist.S. L., 17.03.20063 dieGesellschafter.deIch möchte in einer Gesellschaft leben, in der behinderte undnicht behinderte Menschen gleichgestellt sind. Da ich selbereine Sehbehinderung habe, muss ich immer wieder darumkämpfen, in der Gesellschaft nicht ausgegrenzt zu werden.Mein Wunsch ist es, dass behinderte und nicht behinderteMenschen ganz „normal“ miteinander umgehen können. Dasmacht für mich eine lebenswerte Gesellschaft aus.M. G., 16.03.20063 dieGesellschafter.de Wir sollten die ersteSchulform bis in die 6.oder 8. Klasse ausdehnenmit jahrgangsstufenübergreifendemUnterricht.Nach der 8. Klasse solltenalle Schüler in der neuenGanztagsschule das nötigsteGrundwissen erhaltenhaben. Die Schüler sinddann 15 oder 16 Jahre alt.Wichtig: diese Schulformmüsste die Schüler allerStufen und Schichten, egalwie normal (!) oder unbehindert(!), so lange wiemöglich zusammenbringen,um die Integration sohoch und so weit wie möglichzu fördern - ganztags!L. Falkenburg, 04.04.20063 dieGesellschafter.de


Zitate Mai 2006 15Ich möchte in einer Gesellschaftleben, in der wiederein verstärktes Bewusstseindafür geschaffen wird, dasseigene Handlungen auchKonsequenzen nach sichziehen. [...]C. T., 17.03.2006In einer, in der der Menschsich als Ursache seiner Situationbegreift.M. M., 17.03.2006... dort, wo Menschen Musikauf Parkplätzen machenund Passanten einladen.Dort, wo man Häuser buntanstreichen darf, ohnetausend Genehmigungeneinzuholen. Dort, wonachts das Leben auf denStraßen tobt. Und nicht imFernsehen.K. H., 18.03.2006Ich möchte in einer Gesellschaftleben, die nachihrem Grundgesetz lebt.Deren höchstes BildungszielFreiheit und Selbstentfaltungist. [...]Lutz Naumann, 18.03.20063 dieGesellschafter.deIch möchte in einer Weltleben, in der keine 35.000Menschen täglich verdursten.... In einer Gesellschaft,wo keine Waffenproduziert werden, umeinen verlogenen Friedenzu bewahren. [...]Philipp Faller, 18.03.20063 dieGesellschafter.deIch möchte in einer wenigergeldorientierten Weltleben. Ich habe es satt,dass alles auf Gewinn undKommerz ausgelegt ist.A. C., 17.03.2006In einer Gesellschaft ohneBörse, Banken, Zinsen undsoziale Unterschiede ...Ein Traum?Gast Gast, 17.03.2006Ich möchte in einer Weltleben, in der es keine Patentegibt. Vor allem nichtauf Leben, nicht auf Geneund nicht auf Logik. Freiheitfür Gedanken.S. K., 16.03.20063 dieGesellschafter.deIch möchte in einer Gesellschaftleben, in derkein „legitimer Alltagsrassismus“herrscht. Ichmöchte eine Gesellschaftohne staatlich geförderteParallelgesellschaften. Ichmöchte eine Gesellschaftmit Akzeptanz für Andersdenkende... Ich möchte eineGesellschaft, in der ichmich als Mitglied fühlenkann. Ich bin in Deutschlandgeboren, stammeaus Kurdistan. Habe einedeutsche Frau, fühle michaber nicht wohl in diesemLand. Ich denke, ich binhöchstgradig integriert.[...] Es ist mittlerweilenormal geworden, überAusländer diskriminierendzu berichten. PopulistischeBerichterstattungen sindan der Tagesordnung. Wiedenkt und redet man übermich am Stammtisch?Selbst wenn man, so wieich, gut Deutsch spricht,wird man nicht als Gesellschaftsmitgliedakzeptiert.Es reicht nicht, gut Deutschzu sprechen.H.Y., 17.03.20063 dieGesellschafter.deAus dem Gesellschafter-TagebuchWeniger Rente für Kinderlose?Christoph Schröder vom Institut der deutschenWirtschaft Köln kommentiert die Idee,dass künftig Kinderlosen die Rente gekürztwerden soll.Ohne Frage: Mehr Nachwuchs ist wünschenswert, schonallein, damit die Balance zwischen Jung und Alt nicht völligverloren geht. Ich als Kinderloser möchte aber weder als Prügelknabeherhalten noch Sozialschmarotzer sein. Mit einemunvoreingenommenen Blick lässt sich in der Idee, die Renteauch nach der Anzahl der Kinder zu bemessen, durchaus einezumindest diskussionswürdige Logik erkennen. Denn unsereRentenversicherung ist kein reiner Sparplan, sondern durchdas Umlageverfahren ein Generationenvertrag: Die erwerbsaktiveGeneration zahlt den Älteren quasi als Gegenleistung fürdie genossene Erziehung deren Rente. Andererseits muss sie– hier kommt die dritte Generation ins Spiel – für Nachwuchssorgen, um die Grundlage für die eigene Rente zu schaffen.Die Verpflichtungen der aktiven Generation gehen somitsowohl in Richtung Alt als auch in Richtung Jung. Dahererscheint es mir fair, die Rente danach zu bemessen, welcheLeistungen man für die ältere und für die nachfolgende Generationzusammengenommen erbracht hat. Akzeptiert mandiesen Gedanken, ist die Idee einer kinderzahlabhängigenRente weder eine Bestrafung der Kinderlosen noch eine dezidiertfamilienpolitische Maßnahme, sondern sorgt für eine gerechtereBewertung der von Kinderarmen und Kinderreichenerbrachten Leistungen. Mir ist dieser für mich schmerzhafteBlick auf unbequeme Wahrheiten lieber, als in einer Gesellschaftzu leben, die Kinderlose ausgrenzt.Ich möchte in einer Gesellschaftleben, in der dieMedien die Verantwortungübernehmen müssen fürdas, was sie tun!Sybille Metz, 16.03.20063 dieGesellschafter.dedie HomepageaAuf der Website dieGesellschafter.dewerdenAntworten auf die Frage„In was für einerGesellschaft wollenwir leben?“ gesammeltund diskutiert.aAlle Antworten undDiskussionsbeiträge können vonanderen Besuchern kommentiertwerden.aZu den Diskussionen tragen auch Persönlichkeitendes öffentlichen Lebens (Wissenschaftler,Künstler, Unternehmer etc.)bei. Sie erläutern ihre Konzepte und Modellefür die Fortentwicklung unserer Gesellschaftund stellen sie zur Diskussion.Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der ich ohneÄngste mit einer ausländischen Partnerin leben kann. Ichmöchte in einer Gesellschaft leben, in der meine adoptiertenKinder später auch ohne einen Abiturabschluss von mindestens1,5 einen Ausbildungsplatz bekommen. In der ichwieder Arbeit finden kann, ohne erst im Ausland suchen zumüssen.[...]P. H., 18.03.20063 dieGesellschafter.deaIn einem „politischenTagebuch“ stellt jedenTag ein andererGastkommentatordie für ihn wichtigsteZeitungsmeldung desTages vor und kommentiertsie.aDie Ergebnisse der Debatten werden nichtnur im Netz dokumentiert, sondern auszugsweiseauch in dieser Zeitung sowie amEnde des Jahres in einem Buch.aAuch wer keinen eigenen Internetanschlusshat, kann sich an dem Projekt beteiligen.Auskünfte über Zugangsmöglichkeiten inInternetcafés, Bibliotheken usw. erhält manunter Tel. 01805/383725 (12 Ct/Min). Ich bin einer dieser Kinderlosen. Ich möchte nur dazusagen, dass ich leider erst spät geheiratet habe und wir keineKinder mehr bekommen können. Dafür habe ich aber fastdreißig Jahre immer gut verdient und den höchsten SteuerundSozialversicherungssatz bezahlt. Familien dementsprechendweniger. Ich würde mich doppelt benachteiligt fühlen,wenn mir jetzt nach und nach die Rente immer weiter gekürztwürde.Frank Beckmann, 19.03.2006 Also, ich persönlich finde den Vorschlag gut. Ich bin zwarselbst kinderlos, aber ich bin der Meinung, dass Leute/Paare,die bewusst auf Kinder verzichten, in irgendeiner Formeinen Beitrag zur Gemeinschaft leisten sollten. Es kann nichtsein, dass die so genannten „Dinkies“ („double-income-nokids“)die Jahre, die andere für das Erziehen der Kinderverwenden, ihrer rein persönlichen Karriere widmen. DieKinderlosen wollen ja schließlich später auch mal eine Renteerhalten, im Prinzip von den Kindern anderer also.erzwo dezwo, 21.03.2006 Als Mutter von drei Wunschkindern finde ich es nicht abwegig,für diese auch für die Gesellschaft erbrachte Leistungbei der Rente später begünstigt zu werden. Immerhin habeich, um meine Kinder zu leistungsfähigen, die Gesellschaftmittragenden Menschen zu erziehen, lebenslange große finanzielleNachteile in Kauf genommen. Es ist ja nicht damitgetan, ein paar Jahre aus dem Beruf zu gehen. Die meistenmir bekannten Mütter haben, wie ich auch, nie wieder eineArbeit im erlernten Beruf bekommen und jobben nun alsangelernte Kräfte in Teilzeit - weit unter dem vorherigen Gehalt!Annette Hubertus, 19.03.20063 dieGesellschafter.de


16 Mai 2006Le tzteAktion Mensch · 53175 BonnPVST, DPAG „Entgelt bezahlt“Marietta Slomka,Moderatorin heute-journalIch möchte vor allen Dingengern in einer Gesellschaftleben, die überhaupt Lust aufGesellschaft hat. Wo mangerne in Gesellschaft vonFamilie, von Freunden, vonNachbarn und Vereinskollegenist. Wo Menschen leben,die gesellig sind, die sich inihrem unmittelbaren Umfeldumeinander kümmernund sich freiwillig engagieren,ohne dass es dafürGeld, Orden oder einenKarriereschub gibt.3 dieGesellschafter.de„Woran glaubst Du? Und wofür lebst Du?“„Klee“ gibt dem Gesellschafter-Projekt eine Melodie. Ihr Song „2 Fragen“ macht den TV-Spot einzigartigSuzie, in was für einerGesellschaft möchtestDu leben?Ich möchte in einer Gesellschaftleben, in der es um einMiteinander geht, in der mannicht sich selbst und andereausgrenzt. Wichtig ist, dassman sein Gegenüber, andereIndividuen und Gesellschaftenwahrnimmt und Gemeinschaftals Chance sieht.DER LIEDTEXTEin neuer TagEin neues LebenEin neues SpielMit neuen RegelnIch seh dich anUnd kenn dich nichtDu siehst mich anUnd kennst mich nichtUnd wenn ich dich zweiFragen fragen würdeWär' das: Woran glaubst du?Und wofür lebst du?Und wenn du mich zweiFragen fragen würdestWär' das: Woran denkst du?Und wohin gehst du?Text: Suzie Kerstgens, Thomas Deininger, StenStervaes, © Universal Music Publishing GmbH/Modernsoul Music Publishing.Wie kann man das erreichen?Dadurch, dass man alle Lebewesenrespektiert. Ich finde, eshat eine Menge mit Respekt zutun, eine gesellschaftliche Einstellungzu haben, die jedeneinbezieht. Das Miteinanderist ein wichtiger Aspekt ...Wenn Du Dich zum Beispielin Berlin oder Köln umsiehst,findest Du das da verwirklicht?Nein. Ich weiß nicht, ob dasdie Zukunft ist, dass viele sichso alleine fühlen oder denken:Ich kann höchstens für michVerantwortung übernehmen,dann wird schon alles gut, dasist mein Leben, und mehr seheich gar nicht.Kannst Du Dir vorstellen, wieman das ändern kann?Vielleicht, indem man imkleinen Kreis damit anfängt,Leuten die Angst vor demunbekannten Gegenüber zunehmen. Die Menschen müssenihr soziales Bewusstseinwiedererlangen und sich nichtauf sich selbst reduzieren oderreduzieren lassen.Die Fragen stellteMartin Hilbert.Nachdenken gehört für sie dazu: Suzie Kerstgens will Musik mit Aussage machen.dIE BANDaDas Kölner Trio Klee, bestehend aus SuzieKerstgens, Tom Deininger und Sten Servaes,singt den Kampagnensong.aDie Drei spielen seit Mitte der neunzigerJahre zusammen. Seit zwei Jahren nennensie sich Klee.aIhr aktuelles Album, auf dem auch „2Fragen“ enthalten ist, trägt den Titel „Jelängerjelieber“– eine Reminiszenz an KurtTucholsky.aDer Musikexpress schrieb über das Album:„Süßer die Suzie nie sang – Klee stellenwieder Zuckerwattepop de luxe her – undschreiben so gute Songs wie nie zuvor.“AN DER ECKE

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