Kompliment zu 25 Jahren Komplementarität - Martin Bucer Seminar

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Kompliment zu 25 Jahren Komplementarität - Martin Bucer Seminar

MBS Texte 73MARTINBUCERSEMINAR3. Jahrgang2006Thomas SchirrmacherKompliment zu 25 JahrenKomplementarität:25 Jahre August-Hermann-Francke Schule GießenMARTRIN BUCER S EMINAR EPH 4:12Pro mundisPro mundis


Inhaltsverzeichnis1 ........................................................................................ 32 ........................................................................................ 63 ........................................................................................ 8Anmerkungen......................................................................... 13Über den Autor...................................................................... 13Impressum.............................................................................. 14Grußwort im Rahmen des Festaktes im Besein der Minister für Justiz und für Inneres desLandes Hessen. (Original auf der Jubiläums-DVD).1. Aufl. 2006


Kompliment zu 25 Jahren Komplementarität ...Kompliment zu 25 Jahren Komplementarität:25 Jahre August-Hermann-Francke Schule GießenThomas Schirrmacher11945 war der 2. Weltkrieg zu Ende.Die neuen Verfassungen der Länderund schließlich der BundesrepublikDeutschland beinhalteten alle das Rechtauf christliche Privatschulen. Doch 25Jahre lag nicht nur in der Schulfrageeine Art Lähmung über weiten Teilender deutschen Christenheit, insbesondereüber der Strömung, die man heuteevangelikal nennt. Erst die schon fastlegendäre 68er-Revolution brachte eineWende. Naturwissenschaftler begannen,sich als Anhänger der Schöpfungzu ‚outen‘ (wie wir das heute nennen),private theologische Hochschulen wiedie STH Basel oder die FTA Gießenentstanden erstmals als Alternative zustaatlichen theologischen Fakultätenneu, und die gewichtige Traditionchristlicher Pädagogik kehrte aus derVersenkung zurück.Dass aus den ersten ‚Schulen aufbiblischer Basis‘, zu denen seit 1980 auchGießen gehört, einmal eine Bewegungmit über 70 Schulen werden würde, der‚Focus‘ und ‚Die Welt‘ rosige Zeitenvoraussagen, ahnte damals niemand.Während damals oft mühsam um jedeeinzelne Familie gerungen wurde unddie Diskussionen in den christlichenGemeinden sehr emotional geführtwurden, wird die evangelikale Schulbewegungheute wie die ganze Privatschulbewegungvon einem sicher nichtbegrenzt: dem fehlenden Interesse derEltern. Vielmehr sind es strukturelleGründe, die zum Teil auf die deutscheÜberbürokratisierung auch des Schulwesenszurückzuführen sind, zum Teilauch darauf, dass in der evangelikalenWelt oft nicht langfristig geplant wurdeund wird.Als endlich die ersten Evangelikalenim Bereich der Pädagogik ihr selbstgewähltesGhetto verließen und ihrenGlauben inmitten Gesellschaft und Alltagmit eigenen Schulen unter Beweisstellten, die von Anfang an auch intensivvon nichtevangelikalen und nichtchristlichenFamilien genutzt wurden,war merkwürdigerweise der häufigsteVorwurf, der zu hören war, dass dieseSchulen ein Ghetto seien. Heute sindviele dieser Schulen so in ihre Städteund Gemeinden integriert, dass derVorwurf von einst sich selbst widerlegt.Die evangelikale Schulbewegung hatviel dazu beigetragen, Christen aus demGhetto ihrer Gemeinden herauszuholen.Denn hier ist Glaube nicht mehreine gemeindeinterne Angelegenheit,wenn Fromme unter sich sind, sondernPro mundis


Thomas Schirrmachermuss sich im Alltag bewähren, muss zuallen Fragen unserer Gesellschaft Stellungbeziehen und sich ständig einerkritischen Öffentlichkeit gegenüberverantworten.Inzwischen ist die 68er-Revolution,die wesentlich zur Entstehung der ersten‚Schulen auf biblischer Basis‘ beigetragenhat, vorbei und hat sich als Irrwegerwiesen, nur mag es keiner laut sagen,zumal in Deutschland – im Gegensatzetwa zu den USA – viele Alt-68er nochan den Schalthebeln der Macht sitzenund wir warten müssen, bis sie endlichvon der nächsten Generation abgelöstwerden.Werte und die mit ihnen verbundenenGrenzen sind wieder gefragt.Der ‚Focus‘ schreibt auf der Titelseite(8/2005): „Verzogen oder erzogen?Kinder brauchen Grenzen“. Nur magkeiner die Unwerte und ihre Verfechterbeim Namen nennen, die diese Werteund die mit ihnen verbundenen Grenzenin Frage gestellt haben und nochzerstören. Die antiautoritäre Erziehunghat sich selbst ad absurdum geführt undwird heute fast nirgends mehr umfassendpraktiziert. Den Worten nachlegen noch viele Lippenbekenntnisse zuihr ab, aber spätestens in der Realitätvon Familien, Kindergärten, Schulenund Berufsleben wird längst wieder dieFähigkeit zum Zusammenleben, zurEinordnung und zur Selbstdisziplingefordert – oder man bekommt ebeneine schlechte Beurteilung.Ich darf einmal aus dem ‚Spiegel‘zitieren, der als einer der großen Fördererder 68er-Bewegung sicher ganzunverdächtig ist, immer schon heimlichanders gedacht zu haben. Dort schreibtJochen Bölsche in einem ausführlichenArtikel zur heutigen Schulsituationunter dem Titel „Pfusch am Kind“ 1im Abschnitt „Auch Disziplin ist eineSchlüsselqualifikation“ zu den Folgender 68er-Bewegung für die Schulen:„Viele Bildungspolitiker haben ... dieWucht des Wertewandels unterschätzt,der im Gefolge des Studentenaufstandsdas Schulwesen verändert hat. Mancheiner hat bis heute nicht die Courageaufgebracht, selbstkritisch aus Fehlernder Vergangenheit zu lernen und überfälligeKurskorrekturen vorzunehmen.... Diese Attitüde prägt manchen Altlinkenim Bildungsapparat noch heute,obwohl die Schule sich mittlerweile radikalverändert hat. Selbst mildeste Schulstrafensind nur schwer durchsetzbar,und ebenso wie das Nachsitzen habendie so genannten Kopfnoten (‚Betragenim Unterricht‘) Seltenheitswert. Sogarhartnäckige Schulschwänzer – bundesweitschätzungsweise eine viertelMillion – bleiben weithin unbehelligt.Von dem ‚lieb gewonnenen Feindbild‘von einst, der ‚Paukschule‘ mit dem‚Frontalunterricht‘, müsse sich dieLinke daher ‚dringend verabschieden‘,fordert der SPD-BundestagsabgeordneteHans-Peter Bartels seine Genossenauf: ‚30 Jahre antiautoritär inspirierteDauerreform haben vielmehr für dieweitest mögliche Entgrenzung, Entformalisierungund Entkanonisierung derSchulpraxis gesorgt. Darin, nicht imvermeintlich autoritären Auftreten derLehrer, liegt heute das Problem.‘ ... Bit-MBS Texte 73


Kompliment zu 25 Jahren Komplementarität ...ter rächt sich nun auch, dass progressivePädagogen, denen Schriftlichkeit alsetwas Elitäres galt, im Unterricht zeitweisenur wenig schreiben ließen undeine schriftliche Ausdrucksweise in sogenannten Nebenfächern für zweitrangigerklärten ...“. Soweit der ‚Spiegel‘,der natürlich seine eigene Mittäterschaftgalant verschweigt.Also auch ein später Triumph derchristlichen Schulbewegung? Soll dasheißen, dass christliche Schulen nunwieder das Rad der Geschichte zurückdrehenkönnen – nach dem Motto: wirhaben es ja immer gewusst – und nunendgültig die Erziehungsstile vergangenerJahrhunderte zurückholen könnenund wollen?Nein, Christen sind weder automatischkonservativ, noch automatischprogressiv, sondern wollen eben Schule‚auf biblischer Basis‘. Sie wollen nichtden Zeitgeist von heute mit dem Zeitgeistvon gestern besiegen. Sie wissen mit derAufforderung des Paulus in Röm 12,1-2, dass nur der davor gefeit ist, sich demSchema dieser Welt anzupassen, der zueiner ständigen Veränderung durch dieErneuerung des Denkens und nie stillstehendenPrüfung des Willens Gottesbereit und fähig ist, heißt es dort doch:„... passt euch nicht dem Schema dieserWelt an, sondern werdet verändertdurch die Erneuerung eures Denkens,damit ihr prüfen könnt, was der WilleGottes ist: das Gute, das Wohlgefälligeund das Vollkommene“.Das Christentum ist sehr konservativ,wenn es um die Bewahrung derSchöpfungsordnungen Gottes geht,aber sehr progressiv und revolutionär,wenn es um die Überwindung vonfalschen Traditionen und ungerechtenOrdnungen geht, die fälschlich einenabsoluten Rang wie Gebote Gottesbeanspruchen. Ein reiner Konservatismuszur Beruhigung der älteren Generationist der Bibel ebenso fremd wiedie reine Veränderung zur Befriedigungder jüngeren Generation. Wer sich etwaals Christ für die Einehe stark machtund meint, dass Kinder Mutter undVater als Bezugspunkt brauchen, giltin Deutschland als Ewiggestriger, zurgleichen Zeit aber in Saudi Arabien alsRevoluzzer, der die alterwürdige Kulturaus den Angeln heben will.Gerechtigkeit im Sinne Gottes inder Gesellschaft muss um jeden Preiserhalten werden, Ungerechtigkeit umjeden Preis bekämpft und beseitigtwerden, ganz gleich, ob dies als konservativund altbacken oder als progressivund umstürzlerisch empfunden wird.Wer heute von der Bibel her christlicheEthik betreiben will, darf sich nichtauf das Schema konservativ oder progressiv,Restauration oder Revolution,vergangenheitsorientiert oder zukunftsorientiertfestlegen lassen. Die christlicheEthik darf sich nicht zwischen denMühlsteinen des Zeitgeistes und evangelikalerPharisäer aufreiben lassen.Ein gutes Beispiel ist die erwähnte68er-Revolution in Deutschland undähnlich in anderen westlichen Ländern.Nicht alles davor war gut, aber auchnicht alles davor war schlecht. KonservativeChristen neigen dazu, frühereZeiten zu verklären, progressive Chris-Pro mundis


Thomas Schirrmacherten dazu, sie zu verteufeln. Aber wer vonder Bibel her denkt, kann sich nicht inein solches Schema pressen lassen. Da,wo die 68er-Revolution unmoralischeAutoritäten gestürzt hat oder verlogenebürgerliche Fassaden zum Einsturzgebracht hat, sind Christen froh darüber,da wo sie biblische Werte undmoralische Ordnungen zerstört hat,bedauern Christen dies.Weil Christen an eine Schöpfung glauben,in der Gott als höchste AutoritätAutoritäten wie Staat oder Eltern eingesetzthat, haben sie die antiautoritäreErziehung nie rundheraus gutheißenkönnen. Aber heißt das automatisch,dass die vorher praktizierte ‚autoritäre‘Erziehung rundheraus richtig war undes nichts gab, das wert war, abgeschafftzu werden? War nicht vorher der Hangzu drakonischen und gewalttätigen Strafenbisweilen zu ungebremst? Wurdedie elterliche Autorität nicht allzu oftals uneingeschränkt angesehen, ohnedaran gemessen zu werden, ob sie ihremZiel, dem Wohl des Kindes, dient? Undwurden Kinder nicht allzu oft nach festenSchemen behandelt, ohne auf ihreUnterschiedlichkeit einzugehen? Ist esnicht neben allen schlechten Begleiterscheinungender modernen Pädagogikauch ein Gewinn gewesen, jedes Kindals Individuum zu sehen und die Erziehungauf jedes neue Kind neu einzustellen?Ist es nicht auch ein Gewinn,dass wir heute Kinder viel mehr ihremAlter entsprechend behandeln und etwaBildungsmaterialien genau auf ihr Alterabstimmen und ihnen nicht frisiertesMaterial für Erwachsene anbieten?Doch all das war für Christen eigentlichbereits in der Bibel vorgegeben, inder Autorität eben nie aus sich selbstheraus existiert, sondern immer vonGott gegeben ist und an dem Gutenzu messen ist, wofür er sie gegeben hat.Und hat nicht Gott als Schöpfer dieKinder so unterschiedlich gemacht undmit verschiedensten Gaben und Fähigkeitenausgestattet?Was haben denn dann christlicheSchulen angesichts des häufigen Versagensautoritärer Erziehung vergangenerZeiten und des Versagens der antiautoritärenErziehungen der Gegenwartanderes anzubieten? Was unterscheidetdie biblische Ausrichtung von beiden?2Die jüdisch-christlichen Anthropologie(Lehre vom Menschen) lebtvon einer merkwürdigen Spannung.Einerseits ist der Mensch als „EbenbildGottes“ geschaffen und von Gott mitunglaublichen Fähigkeiten und Vielfältigkeitenausgestattet. Andererseitshat sich der Mensch als „Sünder“ vonGott abgewandt und ist zu unglaublichbösen Gedanken und Taten fähig.Dieses Böse in der Welt kann nur durchEingrenzung und Unterordnung einerseits,und durch Vergebung und Gnadeandererseits angegangen werden. Dementsprechendgehören Entfaltung derSelbständigkeit auf der einen und Einordnungund Gehorsam auf der anderenSeite eng zusammen.MBS Texte 73


Kompliment zu 25 Jahren Komplementarität ...Christliche Pädagogik lebt deswegenvon einer durchgängigen Komplementarität.Die Schüler werden alsEbenbilder Gottes gesehen, die Anleitungund Ermutigung brauchen, dieihnen von Gott gegebenen Fähigkeitenzu entfalten, denkerische ebenso wiekünstlerische, literarische ebenso wiemitmenschliche. Die selbständige Persönlichkeitunter ihrem Schöpfer ist dasZiel der Erziehung. Erziehung ist keinSelbstzweck, sondern zielt auf eine Zeitab, in der der zu Erziehende selbst dievolle Verantwortung für sein Lebenübernimmt.Die Schüler werden aber ebenso alsMenschen gesehen, die aufgrund derSünde nicht mehr ihrer ursprünglichenBestimmung entsprechend leben unddeswegen Erziehung vom Bösen wegbrauchen, was Grenzen und Strafeebenso einschließt, wie gnädige Seelsorge.Das Christentum ist sehr selbstkritischund sehr kritisch und misstrauisch,da es davon ausgeht, dass jeder– ich selbst ebenso wie mir anvertrauteMenschen – sich nicht nur gelegentlichden einen oder anderen Schnitzer erlauben,sondern im ganz normalen Alltagdavon geprägt sind, als Egoisten sichselbst und anderen zu schaden. ChristlichePolitik etwa geht selbstverständlichdavon aus, dass Macht missbrauchtwird und baut vor und wartet nichtwie Menschen, die nur an das Gute imMenschen glauben, blauäugig darauf,dass tatsächlich doch mal ein Politikerseine Macht missbraucht. Deswegensteht in unserem Gemeinwesen vonvorneherein fest, dass man selbst dieMitglieder der Bundesregierung vorGericht stellen kann.Doch zurück zu den zwei Seiten derErziehung.Die autoritäre Erziehung verlor allzuoft aus den Augen, dass jedes Kind einevon Gott unverwechselbar geschaffenePersönlichkeit ist und dass das Ziel jederErziehung eine gesunde Eigenständigkeitist. Die autoritäre Erziehung setzteallzu oft den Amtsinhaber absolut, ohneihn an dem zu messen, wofür er seineAutorität bekommen hatte – kein Wunder,ist doch der Mensch ohne Gottscheinbar die letzte Instanz. Die autoritäreErziehung ging allzu oft davonaus, dass man, wenn man das Bösevertrieben oder eingegrenzt habe, schonetwas Gutes erreicht habe. Die autoritäreErziehung war zu oft ein Selbstzweck,in der etwa der Vater ein Rechtdarauf hatte, dass man ihn nach einemanstrengenden Tag bediente und dasParieren in sich einen Wert hatte. Nurso ist zu erklären, dass die Armee mitihren oft verrohenden Tendenzen als‚Schule der Nation‘ gepriesen wurde.Die 68er bauten dann aber um soextremer die Pädagogik auf „das Guteim Menschen“ auf und meinten, dassdieses Gute sich schon von selbst entwickelnwerde, wenn man ihm nurnicht im Wege stehe und wenn manjede Autorität beseitige. Plötzlich wardie Autorität selbst das Böse und dasGrenzen Setzen diente nicht mehr demSchutz vor dem Falschen und dem Erlernendes Guten und Nützlichen, sondernwurde selbst als das Übel ausgemacht.Die alte Erfahrungseinsicht, dass, werPro mundis


Thomas Schirrmachergut und intensiv erzogen ist, später oftein selbstbewusster Mensch mit Rückgratist und dementgegen wenig Betreuungin der Kindheit zu unsicheren undmanipulierbaren Erwachsenen führt,ging verloren.Christliche Schule baut auf einerdurchgängigen Komplementarität auf:Gesetz und Gnade, Ermutigung undBegrenzung, Selbständigkeit und Führunggehören zusammen. Wer nur die‚positive‘ Seite als Programm der Erziehungsieht, wird auch in der Schuleirgendwann brutal vom Bösen überrollt,wer nur die ‚negative‘ Seite sieht,erklärt Erziehung und auch Strafe zumSelbstzweck und verliert das Ziel ausden Augen.Anhand einer Grafik (siehe S. 9)möchte ich diese Komplementaritäterläutern. Die Grafik bezieht sichzunächst einmal auf jede Art der Autorität,bewährt sich also sicher auch fürden Staat, den Arbeitgeber und Vorgesetzten,oder den Pastor und Ältesten.Am schnellsten zu verstehen ist sie abersicher, wenn man an die Kindererziehungdenkt, gleich, ob man von sichals Kind aus an seine eigenen Erzieherdenkt, oder ob man als Erzieher selbstKinder betreut. Hier beziehe ich sieaber vor allem auf die Bildung.Übrigens war mir interessant, dassauch der Focus in der bereits erwähntenAusgabe auf der Suche nach Erziehungjenseits von autoritärer und antiautoritärerErziehung davon spricht, dass jetztstatt dessen die ‚autoritative‘ Erziehungangesagt sei, die die Stärken beider Seitenvereint. Ob das in dem Beitrag amEnde nicht eher Begriffskosmetik ist,und ob es nicht an der Zeit ist, die Urheberder antiautoritären Erziehung undihr Denken deutlicher beim Namen zunennen, sei einmal dahingestellt, aberdie Forderung nach einer Autorität, dieweder starr noch weichlich ist, ist unüberhörbar.Ich bin übrigens der Meinung, dassdie biblische Komplementarität eigentlichjedem Menschen, ob Christ odernicht, aus der Erfahrung sofort einleuchtenmüsste. Wir alle wissen doch,wie unangenehm Vorgesetzte sind, dieknallhart sind und uns als Menschennicht einbeziehen oder andererseits solche,die sich nie festlegen wollen. Wirwissen, dass wir uns selbst weder Elterngewünscht haben, die immer Neinsagen, noch solche, die immer Ja sagen.Wir wissen, dass unsere Kinder sowohlechte Autorität von uns erwarten, alsauch ein ganz individuelles Liebenund Fördern. Wir alle lieben weder dieFeldwebel noch die Waschlappen. AlsChrist bin ich eben nur der Meinung,dass dies daran liegt, dass Gott uns sogeschaffen hat3Christliche Schulen haben die hervorragendeMöglichkeit, die Ausgewogenheitund Komplementarität vonFörderung und Forderung, von Freiheitund Grenze, von Selbständigkeit undEin- und Unterordnung, von Trost undErmahnung in die Tat umzusetzen. Dasist nicht immer leicht und wie bei jederMBS Texte 73


Kompliment zu 25 Jahren Komplementarität ...Drei Arten der Autoritätautoritär antiautoritär- ++-StarrheitHärteFestigkeitKonsequenzNachgiebigkeitFlexibilitätVöllige WeichheitSchrankenlosesGewährenlassen1 2 3Rein äußerliche Autoritätbegründet aufAngst, Zwang u. DruckEchte Autoritätaus konsequenter Führungbei situationsbedingterAnpassungVerlust jeglicherAutorität ausFührungsschwäche* **Folge: Folge: Folge:Verminderte Lebensbewältigungaus Mangel an SelbständigkeitGute Voraussetzungen füraktive Lebensbewältigungaus innerer SicherheitVerminderte Lebensbewältigungaus Mangel an Disziplinund innerem HaltPro mundis


Thomas SchirrmacherSpannung wird es immer solche geben,die es ein bisschen oder ganz andersgemacht hätten.Ich gratuliere der August-Hermann-Francke-Schule Gießen zu ihrem25jährigen Jubiläum mit den Worten:Kompliment für 25 Jahre Komplementarität!Und ich wünsche ihr GottesSegen für die nächsten 25 Jahre, damitdie Komplementarität, mit der Gottuns sieht, auch weiter Erziehung undAusbildung bestimmt.Gibt es Familie ohne Werte undEthik? Leiter des Instituts fürLebens- und Familienwissenschaftplädiert für eine Wende in derFamilienpolitikB o n n (Bonn, 09. Februar 2005)– Das „Forum Familie stark machen!“,ein überkonfessioneller, überparteilicherZusammenschluss verschiedenerVertreter aus Politik und Gesellschaft,hat sich zum Ziel gesetzt, Familienin der Gesellschaft zu stärken. Dazusoll vor allem die Kommunikationzu Familienthemen in Gang gesetztwerden. Unter anderem deshalb hattees kürzlich zu einem Expertengesprächgeladen, das live am 1. Februar überden Fernsehsender Phoenix übertragenwurde. Lesen Sie nachfolgend dazueine Pressemeldung der Agentur idea-Spektrum und einen Kommentar vonThomas Schirrmacher, der selbst alsExperte geladen war.Familien brauchen zuverlässige undtreue Männer.Forscher: Frauen heiraten oftnicht, weil ihnen die Männer nichtgut genug sindM a i n z (idea) – Kritik an demvon den Medien verbreiteten Bildvon Männlichkeit hat der Leiter desInstituts für Lebens- und Familienwissenschaft,der Ethiker und ReligionswissenschaftlerProf. ThomasSchirrmacher (Bonn), geübt. „Entwederwird Männlichkeit im Sinn desWesternhelden John Wayne gesehen,der einsam seine Entscheidungen trifft,oder im Sinne von möglichst vielensexuellen Beziehungen.“ Statt dessen seieine Rückkehr zu Tugenden wie Verantwortung,Zuverlässigkeit und Treueals Kennzeichen von Männlichkeit notwendig,sagte Schirrmacher in einemExpertengespräch des Forums „Familie10MBS Texte 73


Kompliment zu 25 Jahren Komplementarität ...stark machen“ am 1. Februar in Mainz.Bei dieser von der ZDF-ModeratorinGun-dula Gause geleiteten Gesprächsrundediskutierten 14 Familienexpertenüber das Thema „Braucht man eineFamilie, um glücklich zu sein?“ Dieniedersächsische FamilienministerinUrsula von der Leyen (CDU), selbstsiebenfache Mutter, bezeichnete Kinderals „die einzigartige Antwort auf dieFrage nach dem Sinn des Lebens“. DerBremer Geschlechter- und GenerationenforscherGerhard Amendt ging aufdie Frage ein, woran die Familiengründunghäufig scheitert. Nach seinenErkenntnissen heiraten Frauen oftdeshalb nicht, weil die Männer ihnennicht gut genug seien. „Frauen wollenKarriere machen und einen Mann fürsich gewinnen, der noch höher steht alssie selbst. Gelingt das nicht rechtzeitig,ist das Thema Familie gelaufen.“Umfrage: Eltern mit Kleinkindernam glücklichstenNach Angaben des Forums ist dieFamilie besser als ihr Ruf. Eine vonihm in Auftrag gegebene Umfrage desInstituts für Demoskopie Allensbachhat ergeben, dass 86 Prozent allerEltern und 76 Prozent aller Großelternder Aussage zustimmen „Mein Familiemacht mich glücklich“. 75 Prozent derDeutschen erklärten, der Zusammenhaltinnerhalb der Familie sei gut. Amglücklichsten sind der Umfrage zufolgedie Eltern von Kleinkindern. Vonihnen bezeichnen sich 45 Prozent als„sehr glücklich“. In der Gesamtbevölkerungsagen dies lediglich 31 Prozent.Das Forum „Familie stark machen“ istein überparteilicher und überkonfessionellerZusammenschluss.Familienpolitik – wie auf einemanderen Stern !Kommentar von Thomas Schirrmacherüber das Expertengespräch des ZDFzum Thema Familie am 1. Februar(live auf Phoenix), an dem er selbstteilnahmFamilie ist wieder in. Mit Familienpolitikkann man wieder punkten undmancher Wendehals, der selbst amZusammenbruch der Familie beteiligtwar, spricht plötzlich wieder überGlück und Notwendigkeit des Familienlebens.Das bringt überzeugte Anhänger derFamilie, die sich seit Jahren und Jahrzehntendafür eingesetzt haben, dassdie Zukunft unserer Gesellschaft nichtin Kraftwagen, sondern in Kinderwagenbesteht, in eine Zwickmühle.Einerseits kann man sich nur freuen,dass Familie und viele Kinder wiederhoffähig werden, dass sich das „ForumFamilie stark machen“ im FernsehsenderPhoenix mit Kardinal Lehmann,gestandenen Professoren und einer Politikerin,der niedersächsischen FamilienministerinUrsula von der Leyen,mit sieben Kindern präsentiert. Unddie Forderung der Ministerin war dannauch deutlich genug: Eine Gesell-Pro mundis 11


Thomas Schirrmacherschaft, in der die Familie wieder imMittelpunkt stehen soll, habe sich Wirtschaftund Gesellschaft um sie herumzu gruppieren.Andererseits wirkte die ganze Diskussionwie auf einem anderen Stern.Sie hatte weitgehend mit der Realitätnicht viel zu tun, da man konsequentdie eigentlichen Ursachen, die zumZusammenbruch der Familie geführthaben, ignorierte, nämlich die Werte.Selbst Kardinal Lehmann kam inseiner Ansprache und seinen DiskussionsbeiträgenThemen wie Paragraph218, Pornographie, freizügige Sexualität,Scheidung, Familienfeindlichkeitder Arbeits- und Karrierebedingungen,Verunglimpfung des ‚Nur-Hausfrau-Seins‘ und der Ehe nicht einmal nahe– für einen katholischen Bischof einebeachtliche Leistung! Hätte da nurKardinal Meisner aus Köln gestanden!Und die anderen Teilnehmer standenLehmann in nichts nach, von den evangelikalenStimmen abgesehen.Wie kann man etwa die Tatsache, dasswir derzeit erhebliche Teile der nächstenGeneration im Mutterleib töten,nur völlig ausblenden! Immer wiederkam zur Sprache, dass Frauen keinezuverlässigen Partner mehr fänden unddies der Hauptgrund für den Verzichtauf Kindern sei, wie neuere Untersuchungenimmer wieder zeigten. Wiekann man dabei die Frage der Sexualitätvöllig ausblenden, obwohl nach wievor sexuelle Untreue der führendeScheidungsgrund ist, selbst bei Hollywoodschauspielern?Man hatte das Empfinden, als wenndie Wesen, für deren Erhalt man sicheinsetzte, irgendwie auf dem Marssind und ihre Vermehrung sich theoretischenÜberlegungen verdankt, nichtbiologischen, kulturellen und ethischenRealitäten.Kann man aber eine Wende in derFamilienpolitik erreichen, ohne überdie Gründe zu sprechen, die die Familiein Misskredit gebracht haben? Kannman Familie fördern, wenn es oberstesGebot ist, niemandem auf die Zehenzu treten, auch wenn er letztlich derFamilie schadet? Ist jungen Menschengeholfen, wenn man ihnen Mut zurFamilie macht, aber bloß nichts vondem anspricht, was Familie gefährdet?Gibt es denn überhaupt Familieohne Werte und Ethik? Meines Erachtenshilft man so jungen Menschen,die sich derzeit entscheiden müssen,nicht weiter. Meine Erfahrung zeigtmir immer wieder, dass sie sich wünschen,dass wieder Klartext gesprochenwird und man das Übel an der Wurzelerfasst.12MBS Texte 73


AnmerkungenKompliment zu 25 Jahren Komplementarität ...1Jochen Bölsche. „Pfusch am Kind“. Der Spiegel20/2002: 96-116, S. 104; vgl. auch „Ende derKuschelpädagogik“. Der Spiegel Nr. 22/2002:58-64.Über den AutorÜber den AutorDr. mult. Thomas Schirrmacher promovierte in Theologie(1985), in Kulturanthropologie (1989) und in Ethik (1996)und erhielt 1997 eine Ehrenpromotion. Er ist Rektor desMartin Bucer Seminars, einer theologischen Hochschule fürBerufstätige mit Studienzentren in Bonn, Hamburg, Berlin,Zürich, Innsbruck, Prag, Zlin und Istanbul, und Direktor desInstituts für Lebens- und Familienwissenschaften in Bonn. Erhat eine Professur für Systematische Theologie (Dogmatik,Ethik, Apologetik) und für Missions- und Religionswissenschaft am WhitefieldTheological Seminary (USA) inne, sowie weitere Lehraufträge an in- und ausländischenHochschulen wie der Freien Theologischen Akademie in Gießenund der Staatlichen Universität Oradea (Rumänien). Er ist Geschäftsführer desArbeitskreises für Religionsfreiheit der Deutschen und der ÖsterreichischenEvangelischen Allianz und Mitglied der Kommission für Religionsfreiheit derWeltweiten Evangelischen Allianz und Verfasser und Herausgeber von 74 Büchern,darunter eine sechsbändige „Ethik“. Er ist mit der IslamwissenschaftlerinDr. Christine Schirrmacher verheiratet und Vater eines Sohnes (14) und einerTochter (11).Pro mundis 13


Martin Bucer SeminarBerlin • Bonn • Hamburg • PforzheimInnsbruck • Istanbul • Prag • Zlin • ZürichImpressumImpressumMBS-TEXTEPro MundisEs erscheinen außerdem folgende Reihen:Reformiertes ForumGeistliche ImpulseVorarbeiten zur DogmatikTheologische AkzenteErgänzungen zur EthikPhilosophische AnstößeHope for EuropeTräger:„Institut für Weltmissionund Gemeindebau“ e.V.Sitz: Bleichstraße 5975173 PforzheimDeutschlandTel. +49 (0) 72 31 - 28 47 39Fax: - 28 47 38Kontakt:E-Mail: mbsmaterialien@bucer.deFax: 0 26 81 / 98 83 69Herausgeber:Dr. mult. Thomas SchirrmacherSchriftleitung:Ron KubschWeitere Redaktionsmitglieder:Thomas Kinker, Titus Vogt,Drs. Frank KoppelinMARTIN BUCER SEMINAR EPH 4:12Studienzentrum BerlinMartin Bucer Seminar, Breite Straße 39B,13187 BerlinFax 0 30/4 22 35 73, E-Mail: berlin@bucer.deStudienzentrum BonnMartin Bucer Seminar, Friedrichstr. 38, 53111 BonnFax 02 28/9 65 03 89, E-Mail: bonn@bucer.deStudienzentrum HamburgMartin Bucer Seminar, c/o ARCHE,Doerriesweg 7, 22525 HamburgFax 0 40/5 47 05-2 99, E-Mail: hamburg@bucer.deStudienzentrum PforzheimMartin Bucer Seminar, Bleichstraße 59,75173 PforzheimFax 0 72 31/28 47 38, E-Mail: pforzheim@bucer.deWebsite: www.bucer.deE-Mail: info@bucer.deStudienzentren im Ausland:Studienzentrum Innsbruck: innsbruck@bucer.deStudienzentrum Istanbul: istanbul@bucer.deStudienzentrum Prag: prag@bucer.deStudienzentrum Zlin: zlin@bucer.deStudienzentrum Zürich: zuerich@bucer.deDas Martin Bucer Seminar bietet theologische Ausbildungenmit amerikanischen und anderen Abschlüssen(Bibelschule: Bachelor-Niveau, Theologiestudium:Master of Theology-Niveau, Promotion) für Berufstätigeund Vollzeitliche an. Der Stoff wird durchSamstagsseminare, Abendkurse, Fernkurse und Selbststudiumsowie Praktika vermittelt. Leistungen andererAusbildungsstätten können in vielen Fällen anerkanntwerden.Die Arbeit des Seminars wird wesentlich durch Spendenfinanziert. Durch eine Spende an den Trägerverein„Institut für Weltmission und Gemeindebau“ e.V.können Sie die Arbeit unterstützen:SpendenkontoIWG. e.V., Nr. 613 161 804, BLZ 700 100 80Postbank MünchenInternationale BankverbindungIBAN DE52 3701 0050 0244 3705 07BIC PBNKDEFF

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