Mit Energie in die berufliche Zukunft - LIFE eV

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Mit Energie in die berufliche Zukunft - LIFE eV

Mit Energie in dieberufliche ZukunftErneuerbare Energien alsArbeitsfeld für Ingenieurinnenmit Migrationshintergrund


InhaltErneuerbare Energien – eine Branche auf WachstumskursProjektkonzept – neue berufliche Perspektiven erschließenFeststellung der Fachkompetenzen – ein ganz neues InstrumentSchlüsselkompetenzen erfassen – ein Assessmentcenter wird zum AbenteuerQualifizierung und Branchenorientierung in Erneuerbaren Energien – Eintrittskarte in den ArbeitsmarktAnforderungen der deutschen Arbeitswelt – das Tüpfelchen auf dem „i“ für den EinstiegArbeitgeberperspektiven – Migrationshintergrund und formale Anerkennung sind nicht entscheidend,die Kompetenzen sind ausschlaggebendBeratung und Coaching – offene Ohren und handfeste RatschlägeKommunikationsplattform – lernen und arbeiten, wo man willProjektträger und Partner – ein Netzwerk für Integration und QualifizierungImpressum26912152022242526291


Erneuerbare Energien – eine Branche auf WachstumskursWie kann es sein, dass in Deutschland ein Fachkräftemangel beklagt wird, aber zugewanderte Ingenieurinnen keine Arbeit finden?Liegt es daran, dass es sich um Frauen handelt, oder um Migrantinnen, oder dass sie ausländische Qualifikationen haben? In welcherBranche ist der Ingenieurbedarf besonders groß, so dass dort gute Chancen existieren?Fakt ist, Ingenieurinnen und Ingenieure zählen seit Jahrenzu den gefragtesten Berufsgruppen am deutschen Arbeitsmarkt.Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) sprichtsogar von einem Ingenieurmangel, welcher der Wirtschaftim Land beispielsweise 2007 Milliardenverluste einbrachte– und dies wird nach Meinung der Fachleute in naher Zukunftnicht besser werden. Der neueste Bericht zur technologischenLeistungsfähigkeit Deutschlands vom Bundesministeriumfür Bildung und Forschung prognostiziert bis 2014einen jährlichen Fehlbedarf von 41.000 bis 62.000 Fachkräften– insbesondere von Ingenieurinnen und Ingenieuren.Davon sind fast ohne Ausnahme alle Branchen betroffen.Fachkräftebedarf bei Erneuerbaren EnergienDieser Fachkräftemangel trifft Branchen besonders hart,die auf Wachstumskurs sind – und das gilt vor allem für dieErneuerbaren Energien, daran hat auch die Wirtschaftskrisenichts geändert. Mit einem jährlichen Beschäftigungswachstumvon 22 Prozent wird bei der umweltfreundlichenEnergieerzeugung der größte Zuwachs überhaupt erwartet.Da wundert es nicht, dass die Branche der Krise zum Trotzauch 2009 ihren Anteil an der deutschen Energieversorgungerhöhte, so dass dieser inzwischen zehn Prozent beträgt– Tendenz steigend. Über 300.000 Menschen sind derzeit inder Branche tätig, aktuelle Schätzungen gehen davon aus,dass 2020 bereits 500.000 Menschen im Bereich der ErneuerbarenEnergien arbeiten werden.„Wenn die Beschäftigungsentwicklung so weiter geht, wirddie Branche der Erneuerbaren Energien bald der größte Arbeitgeberin Deutschland sein“, sagt Andrea Simon, Projektleiterinund Mitbegründerin von LIFE e.V. „Denn es geht janicht allein um die Energieversorgung, die Einsatzbereichesind viel größer.“ Ein Beispiel: Wenn eine Werft neuerdingsan Stelle von Booten Rotoren für Windräder herstellt, dannzählt auch das zu Erneuerbaren Energien. Rüstet ein Herstellervon Parkautomaten diese auf Solarantrieb um, danngehört dies ebenfalls in die Branche. Hinzu kommt, dass beider Gewinnung von Wind- oder Sonnenenergie neben derProduktion, Montage und Wartung auch viele Arbeitsplätzein der Forschung, der Entwicklung, im Marketing und im Vertriebentstehen. So dass – ähnlich wie in der Auto-Industrie– die Entwicklung der Erneuerbaren Energien Einfluss aufviele andere Wirtschaftszweige und deren Fachkräftebedarfhat. Dieses Potential ist in den Prognosen zur Beschäftigungsentwicklungnicht einmal berücksichtigt.Der Wissenschaftsladen Bonn untersuchte zur Erstellung desStatusberichts 2007 „Ausbildung und Arbeit für ErneuerbareEnergien“ den Fachkräftebedarf der Branche genauer. DasErgebnis: In 45 Prozent der Stellenangebote werden IngenieurInnengesucht. Knapp 32 Prozent der offenen Stellenrichten sich an TechnikerInnen, FacharbeiterInnen oderHandwerkerInnen. An dritter Stelle des Bedarfs rangierenKaufleute mit 17 Prozent der Stellenangebote, gefolgt vonNaturwissenschaftlerInnen mit 13 Prozent. Theo Bühler,Leiter des Fachbereichs Erneuerbare Energien im Wissenschaftsladen,erläutert: „Die Mehrheit der Unternehmensucht weiterhin Personal mit Berufserfahrung. Relativ vieleUnternehmen im Bereich der Erneuerbaren Energien sprecheninzwischen aber auch wenig erfahrene Fachkräfte anund versuchen, diese über Weiterbildungen an das Unternehmenzu binden.“ Das heißt: Die Erneuerbaren Energien sindweiterhin offen für qualifizierte QuereinsteigerInnen.2


Hoch qualifizierte Migrantinnen„Wir wissen, dass 10tausende hoch qualifizierte Migranten inBerlin leben, von denen über 60 Prozent unter ihrem Qualifikationsniveauarbeiten, und viele überhaupt keine Arbeitsstellehaben“, berichtet Andrea Simon. „Bei Migrantinnenliegt dieser Anteil noch höher, viele leben in Deutschland,ohne hier jemals in ihrem gelernten Beruf gearbeitet zu haben.“Daten über Frauen in den Erneuerbaren Energien sindMangelware – man kennt weder ihren Anteil unter den Beschäftigtengenerell, noch die Frauenquote in qualifiziertenBerufen und weiß auch nichts darüber, in welchen ArbeitsbereichenFrauen in der Branche tätig sind. Anhaltspunktegeben allein die Daten zu Beschäftigten in der Energiewirtschaft,wie sie beispielsweise Hoppenstedt, ein Informationsdienstleisterfür die Wirtschaft, 2008 veröffentlichte.Weniger als ein Viertel aller Beschäftigten sind weiblich,unter den Führungskräften sind noch 11 Prozent Frauen undim TOP-Management gerade einmal 2 Prozent. Damit liegtder Frauenanteil in der Energiewirtschaft unter dem in derMännerdomäne Bauwirtschaft. Über Migrantinnen, die indiesem Bereich tätig sind, ist nichts bekannt.Dabei gibt es sie, die gesuchten, weiblichen Fachkräfte – mitMigrationshintergrund. Sie jobben – oft als Putzfrauen,ungelernte Kräfte oder Aushilfen in der Altenpflege. „Zwarkommen die wenigsten der zugewanderten Ingenieurinnenund Naturwissenschaftlerinnen aus dem Bereich der ErneuerbarenEnergien, aber das ist auch nicht zwingend erforderlich.Denn selbst wenn die fachliche Ausrichtung eineandere ist, die physikalischen Grundlagen oder die Basisdes Maschinenbaus sind die gleichen – und somit sind dieQualifikationen wertvoll für die Branche“, erläutert AndreaSimon. Diese Frauen haben ein ausländisches Diplom in derTasche, vielfach auch Berufserfahrung und finden damit keineadäquate Anstellung. Manchmal scheitert das an einerAnerkennung ausländischer Qualifikationen, aber das ist beiIngenieurinnen eher selten der Fall (siehe Kasten). Dennochfällt es ihnen schwer, mitgebrachte Qualifikationen undKompetenzen in Deutschland beruflich zu verwerten. Zu unterschiedlichsind Berufserfahrungen, Arbeitsanforderungenund Studieninhalte in den jeweiligen Heimatländern und inDeutschland. Andrea Simon: „Die meisten kommen aus osteuropäischenLändern, sind also in ehemals sozialistischenSystemen beruflich sozialisiert, so dass die deutsche Arbeitskulturmit Teamarbeit und flachen Hierarchien ihnen fremdist. Andere haben trotz eines ausgeprägten Selbstbewusstseinskeine klare Vorstellung von ihren eigenen beruflichenKompetenzen oder ihren ganz persönlichen Stärken.“ Wohlam größten ist jedoch die Schwierigkeit, herauszufinden,welche der mitgebrachten Qualifikationen und Fachkompetenzenzu denen passen, die auf dem hiesigen Arbeitsmarktgesucht werden. „Und das ist nicht nur ein Sprach- oderÜbersetzungsproblem, sondern auch den unterschiedlichenberuflichen Systemen geschuldet, deren Kenntnis man sicherarbeiten muss, wenn man eingewandert ist“, erläutert AndreaSimon. Sprachprobleme, die es oft unmöglich machen,vorhandene Kompetenzen beispielsweise bei der Bewerbungum einen Arbeitsplatz darzustellen, kommen zu all diesenHürden noch hinzu.3


Ausländische Ingenieurqualifikationen anerkennen oder begutachten lassenDie meisten der zugewanderten Ingenieurinnen und Ingenieure müssen für eine Berufstätigkeit inDeutschland keine Anerkennung ihrer ausländischen Qualifikationen beantragen. Der Wert der Qualifikationenhängt von der Arbeitsmarktsituation und dem Verhalten der Arbeitgebenden ab, jedoch nichtvon Rechtsvorschriften. Allerdings dürfen sie den deutschen Titel „Ingenieur/-in“ oder „Diplom-Ingenieur/-in“nicht führen, sondern lediglich ihren ausländischen akademischen Titel tragen mit Angabeder Hochschule, an der dieser Titel erworben wurde. Wer die deutsche Ingenieursbezeichnung führenmöchte, muss eine Genehmigung dazu beantragen – das Verfahren, in dem dies geprüft wird, kommt demeiner beruflichen Anerkennung gleich. Zuständige Stellen sind Ingenieurkammern oder Wissenschaftsministeriender Bundesländer bzw. von ihnen beauftragte nachgeordnete Behörden, alle Stellen sindunter www.anabin.de aufgelistet.Zugewanderte IngenieurInnen, die in Deutschland als beratender Ingenieur oder beratende Ingenieurintätig sein wollen, müssen dazu immer ein entsprechendes Anerkennungsverfahren durchlaufen. Um alsberatender Ingenieur oder beratende Ingenieurin anerkannt zu werden, benötigt man neben der Berechtigungzum Führen der deutschen Berufsbezeichnung „Ingenieur“ oder „Ingenieurin“ eine dreijährigeBerufspraxis und die erforderlichen Fortbildungsmaßnahmen. Das Verfahren führen die Ingenieurkammerndurch; die Bundesingenieurkammer nennt Adressen und Links zu allen Landeskammern unter www.bundesingenieurkammer.de und liefert in der Rubrik „Berufsbild Ingenieur“ grundsätzliche Informationen.Für Angehörige von Staaten, welche die Lissabon Konvention unterzeichnet haben, bietet sich eineweitere Möglichkeit, Arbeitgebern eine formale Bestätigung ihrer Qualifikationen zu liefern, ohne einVerfahren zur Genehmigung des akademischen Grades „Ingenieur/-in“ zu durchlaufen. Sie können eineZeugnisbewertung oder sogenannte zweckfreie Bescheinigung erwerben. Die erstellt die Zentralstelle fürAusländisches Bildungswesen in Bonn, Informationen unter http://www.kmk.org/zab.html.Kurzum: Es gibt auf der einen Seite eine Zukunftsbranche, die dringend Fachkräftebenötigt – sie müssten natürlich nicht weiblich sein, aber es wäre wünschenswert, etwasmehr weiblichen Esprit und weibliche Führungsqualitäten in die Männerdomäneder Erneuerbare Energien zu bringen. Auf der anderen Seite gibt es fähige Akademikerinnenmit ausländischen Qualifikationen, die dringend eine adäquate Anstellungbenötigen, diese aber nicht finden. Dieses Matching zu optimieren ist Ziel des Projektes„Mit Energie in die berufliche Zukunft.“4


Swetlana Preis: „Ich war wie eine blinde Katze.“Als Swetlana Preis 1997 mit ihrem Mann undzwei Kindern aus Russland nach Deutschlandkam, brachte sie ein Diplom als Ingenieurinfür Systemtechnik mit und mehr als zehnJahre Berufserfahrung – beispielsweise alsDozentin für Informatik und Rechentechnikoder als Ingenieurin in der ProduktionstechnischenAbteilung bei einer Wohnungsbaugesellschaft,wo sie beispielsweise für die Sanierungeiner Kanalisation Kostenvoranschlägeerstellte, Genehmigungen einholte und auchdie Abrechnung machte. Sogar Deutsch hatte sie gelernt– fünf Jahre in der Schule, fünf Jahre in der Hochschule unddazu noch in Deutschland in einem sechsmonatigen Kurs.Berufstätig sein wollte sie auch in Deutschland, denn „ichkann nicht Zuhause sitzen“, betont sie. Also ging sie aufJobsuche, doch die Stellenanzeigen machten ihr Angst. „Daskann ich nicht“, dachte sie und merkte zudem, dass ihr auchdie Fachsprache fehlte.Sie suchte Rat bei der Arbeitsagentur. Dort stellte man fest,dass ihr Beruf in Deutschland nicht existiert und empfahleine zweimonatige Qualifizierungsmaßnahme bei Siemens,eine Umschulung zur IT-System-Elektronikerin. „Das warein Schritt nach unten im Qualifizierungsniveau und späterdachte ich, es war ein Fehler. Ein Ergänzungsstudium wärebesser gewesen, aber davon hat mir niemand etwas gesagtund ich selbst war zu dieser Zeit wie eine blinde Katze – ichwollte nur eins: arbeiten, wusste aber nicht wie“, erinnertsich Swetlana Preis. Immerhin führte die Umschulung dazu,dass sie im Anschluss über eine Zeitarbeitsfirma weiter beiSiemens tätig sein konnte. „Richtig in Deutschland zu arbeiten,hat mir sehr gefallen, ich war PC-Technikerin undTeamassistentin, hatte einen sehr netten Chef und habeviele Einblicke in die Tätigkeit und in die Arbeitskultur hierbekommen.“ Doch nach sechs Jahren undacht Monaten wurde Swetlana Preis gekündigt– betriebsbedingt, der Standort wurdeaufgegeben.Ein Jahr lang suchte sie nach einer neuenStelle und wurde schließlich über ein Zeitungsinseratfündig. Als Trainee in einem Solarunternehmenbetreute sie im InnendienstKunden, hatte Telefondienst und wickelteAufträge ab – ohne Bezahlung entgegen ihremArbeitsvertrag, mit einem sehr jungen,hektischen Chef, der ihr letztendlich ein schlechtes Zeugnisausstellte. „Ich hätte auf mein Gefühl hören und diesen Jobabbrechen sollen“, sagt sie heute.Kurz danach ein Lichtblick: Eine Bekannte drückt ihr die Broschüreüber das Projekt von LIFE e.V. in die Hand. „Dort habeich Projektmitarbeiterinnen kennen gelernt, die mir helfen.Ich konnte über meine Probleme sprechen und habe festgestellt,vielen anderen Teilnehmerinnen im Kurs geht es ähnlich– da war ich sehr erleichtert, denn ich dachte immer, esliegt an mir.“ Mit neuer Motivation absolviert Swetlana Preisdie Maßnahme und hat nach zahlreichen Bewerbungen fürein Praktikum endlich einmal Glück: Ein Immobilienunternehmensuchte jemand für die Buchhaltung und zur Sonderhausverwaltung,vor allem der russischen Eigentümer. SwetlanaPreis: „Wenn ich jetzt noch ein bisschen mehr Glückhabe, dann bekomme ich dort eine Festanstellung, betreuerussische Eigentümer und werde Beraterin für ErneuerbareEnergien, beispielsweise, wenn im Zuge einer Hausrenovierungeine Wärmepumpe eingebaut werden soll – erstmalsseit ich in Deutschland bin, fühle ich mich entspannt. Aberselbst wenn ich kein Glück haben sollte, ich weiß jetzt, dassich etwas kann!“5


Projektkonzept – neue berufliche Perspektiven erschließenWelche fachlichen Kompetenzen zugewanderter Ingenieurinnen sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt gefragt? Wie gelingt eineberufliche Orientierung und Qualifizierung in den Erneuerbaren Energien auf der Basis unterschiedlicher Qualifikationen aus verschiedenenLändern? Wie sind Schlüsselkompetenzen zu erfassen? Wodurch kann der Einstieg in die Arbeitswelt der ErneuerbarenEnergien erfolgen?Antworten auf diese und weitere Fragen gibt das Projekt„Mit Energie in die berufliche Zukunft“. Seit Anfang 2008führt der Berliner Frauenbildungsträger LIFE e.V. die Maßnahmefür zugewanderte Akademikerinnen im Rahmen desNetzwerks „Integration durch Qualifizierung“ durch. Herzstückist ein achtmonatiges Programm für jeweils 15 arbeitssuchendeIngenieurinnen mit Einwanderungshintergrund,das mehrmals im Projektzeitraum durchgeführt wurde. Dieacht Monate sind in folgende Module unterteilt, die aufeinanderaufbauen: Feststellung FachkompetenzenMit einem eigens entwickelten, fachspezifischen Kompetenzfeststellungsverfahrenermittelt die Expertin anhandeines Interviewleitfadens Qualifikationen, Kompetenzenund Interessen. Dabei geht es nicht nur um Berufsabschlüsseund –erfahrungen, sondern auch um Fähigkeiten, die nichtschwarz auf weiß zertifiziert sind. Hier wird die Basis für dieweitere Qualifizierung und berufliche Orientierung gelegt.Qualifizierung und Branchenorientierung in den ErneuerbarenEnergienDie Teilnehmerinnen lernen die Grundlagen der ErneuerbarenEnergien kennen sowie Arbeitsfelder in der Brancheund der dafür jeweils erforderlichen Qualifikationen. DaAkademikerinnen weiter gebildet werden, erfolgt die Qualifizierungund die Branchenorientierung auf hohem Niveau.Energieeffizienz, Solarthermie, Photovoltaik, Windenergie6


und Biomassenutzung sind die fachlichen Schwerpunktedieses Moduls. Es geht aber auch um den Erwerb fachübergreifenderKompetenzen wie Kundenkommunikation, Projektmanagement,Arbeiten im Team oder Präsentationen vonArbeitsergebnissen. Assessmentcenter und BewerbungsstrategienZum einen setzen sich die Teilnehmerinnen in diesem Modulmit den Anforderungen der deutschen Arbeitswelt auseinander,sie lernen Normen ebenso wie ungeschriebene Gesetzekennen und üben, wie sie sich beispielsweise bei einer Kontaktaufnahmeper Telefon oder im Bewerbungsgespräch präsentieren.Zum anderen gehen sie im Rahmen des Potentialassessmentsin vier kritischen Situationen des Arbeitslebensan ihre Grenzen, denn nur so können sie ihre Fähigkeitenentdecken. Arbeitswelt in der PraxisIn den letzten drei Monaten des Programms machen die zugewandertenAkademikerinnen die Probe aufs Exempel – sieverifizieren ihre Fertigkeiten und Kompetenzen in Praktika,die jeweils den Arbeitsbereichen der neu erworbenen beruflichenZiele entsprechen sollen. Dabei gelingt nicht seltengleich der Schritt in den ersten Arbeitsmarkt.Durchgehend verfügbar ist eine Beratung, in der beruflicheZiele herauskristallisiert und Bewerbungsstrategien besprochenwerden. Ergänzt wird die Präsenzberatung durch Online-Beratungüber eine Kommunikationsplattform.TeilnehmerinnenakquiseZum Projektstart 2008 wurden die Frauen über die BerlinerJobcenter und Arbeitsagenturen sowie über andere einschlägigeBeratungsstellen und Medien akquiriert. „Inzwischenkommen die Frauen von selbst zu uns – unser Angebothat sich wohl herumgesprochen“, freut sich MagdalenaAdamczyk-Lewoczko, Beraterin im Projekt, die auch für dieTeilnehmerinnenakquise tätig ist. Manche Frauen kommenauch nur zur Beratung, ohne die Maßnahme durchlaufen zuwollen oder zu können. Denn: „Nicht alle Frauen, die zu unskommen, erfüllen die Voraussetzungen – wir erwarten nebender abgeschlossenen akademischen Ausbildung im Ingenieurwesenoder in Naturwissenschaften auch Sprachkenntnisse,die es möglich machen, dem Unterricht zu folgen, undgrundlegende PC-Kenntnisse.“ArbeitsmarktintegrationBisher haben 30 Frauen am Programm teilgenommen.Der erste Durchgang mit 14 Teilnehmerinnenendete im Januar 2009. Derzweite Durchgang wurde im Januar 2010 abgeschlossen.Gut 70% der Frauen aus dem erstenDurchgang haben im Anschluss eine ihremQualifikationsniveau entsprechende Arbeitauf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden. 50%sind nun im Bereich der Erneuerbaren Energienin tätig – in der Beratung, im Vertrieb,im Marketing, in der Solartechnik-Forschung,in der Öffentlichkeitsarbeit, in der Programmierungund im Labor.7


Asil Huebner: „Ich weiß jetzt, was ich weiter machen muss.“„Ich habe mich entschieden, den MasterstudiengangElektrotechnik zu belegen, die erforderlicheDeutschprüfung, den Test Deutschals Fremdsprache, habe ich bereits hintermich gebracht – und warte nun auf das Ergebnis.Letztendlich ist mir im Praktikum klargeworden, wohin ich beruflich will, was mirdazu noch fehlt und wie ich weitermachenmuss. Das Praktikum hatte ich beim Institutfür Werkzeug- und Fabrikbetrieb, FachgebietIndustrielle Automatisierungstechnik an derTU Berlin gemacht. Der Kurs bei LIFE e.V. hatmir aber ohne jede Frage den Weg bereitet. Vorher habe ichneun Monate vergebens nach einem Job als Ingenieurin gesucht.Ich hatte an der Kirgisischen Technischen UniversitätAutomatisierungs- und Steuerungstechnik studiert und imAnschluss promoviert, aber die Dissertation leider nicht abgeschlossen.Nach dem Studium habe ich in Teilzeit sieben Jahre als Dozentinan der Uni gearbeitet und war parallel dazu in Kirgisienacht Jahre lang eLearning-Spezialistin. Da ist es schwerverständlich, wenn man in Deutschland keine Arbeit findet,obwohl man hier ständig vom Fachkräftemangel liest. Diefachliche Kompetenzfeststellung in der LIFE-Maßnahmebrachte für mich von daher keine großen Überraschungen– ich glaube, ich kenne meine Kompetenzen ganz gut. Wasmir sehr weiter geholfen hat, sind die deutschen Fachbegriffe,die ich im Projekt gelernt habe. Dasswir selbst Fachbegriffe recherchieren undmit eigenen Worten erklären mussten, warsehr interessant – das halte ich für eine guteIdee.Eine Lernplattform einzusetzen ist ebenfallseine gute Idee, da konnten wir zusätzliche Informationenfinden und miteinander Dateienund Tipps austauschen. Allerdings glaube ich,dass hieran noch einiges zu verbessern undweiterzuentwickeln ist – na ja, ich bin ebeneLearning-Spezialistin. Im Rahmen der Qualifizierung zuden Erneuerbaren Energien haben mir die Exkursionen ambesten gefallen – wir haben anhand guter praktischer Beispielegelernt, wie Wind-, Solar- und Biomassen-Energie zugewinnen ist, beispielsweise im Windpark Klettwitz, beimUnternehmen Solon SE, dem Agrarinstitut in Potsdam oderdem Technikmuseum in Berlin.Als eine sehr wichtige Unterstützung empfand ich die begleitendeBeratung, vor allem bei der Suche nach einemPraktikumsplatz und die Beratung während des Praktikums.Es tat mir gut, dass ich nicht alleine war. Nach acht Monatenbei LIFE e.V. fühle ich mich aber in der Lage, alleine weiter zumachen – und ich will mich ja gewissermaßen auf vertrautesTerrain begeben – in eine Universität.“8


Feststellung der Fachkompetenzen – ein ganz neues InstrumentWie können alle vorhandenen fachlichen Fertigkeiten und nicht nur die Studieninhalte von Ingenieurinnen mit ausländischen Qualifikationenerfasst werden? Ist es möglich, Kompetenzen und Berufserfahrungen im Ausland für den deutschen Arbeitsmarkt zuverwerten? Wie gelingt es, soziale und persönliche Kompetenzen, die durch Arbeitserfahrung in anderen Ländern erworben wurden,zu dokumentieren?Als das Projektteam von LIFE e.V. Anfang 2008 solche Fragenin einer fachlichen Kompetenzfeststellung aufgreifen wollte,wurde deutlich: Es gibt kein entsprechendes Instrument.Formal gibt es Zeugnisse und Hochschulabschlüsse, weitereInformationen findet man in Studien- und Arbeitsbüchern,aber damit kann nur ein Teil der fachlichen Kompetenzenabgebildet werden. Anerkennungsverfahren und Gutachtenzuständiger Stellen orientieren sich überwiegend an deutschenStudien- und Ausbildungsordnungen – auch dies wirdden Fähigkeiten der zugewanderten Akademikerinnen nichtgerecht. Unter den verschiedenen Verfahren zur Erhebungvon Fachkompetenzen ist keines, das dem Bedarf nach Ermittlungvon Berufserfahrung und Arbeitsschwerpunktenvon Ingenieurinnen mit Einwanderungshintergrund entspricht.„Wir entschlossen uns, ein eigenes Instrument inForm eines leitfadengestützten Interviews zu entwickeln,das die fachlichen Kompetenzen der Ingenieurinnen dokumentiert“,berichtet Rotraudt Flindt, die zuständige Projektmitarbeiterin.Fachliche Kompetenzfeststellung für Ingenieurinnenmit EinwanderungshintergrundEbenso wie der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR) istdie fachliche Kompetenzfeststellung nicht am Lern-Inputwie Studieninhalten und -nachweisen orientiert, sondernan Kenntnissen, Fertigkeiten und fachlichen sowie sozialenKompetenzen. Eine solche Output-Orientierung ermöglichteinen Einblick in das, was die Teilnehmerinnen mitbringenund wirklich können – jenseits von Zertifikaten und Nachweisen.Folgende Ziele sollen erreicht werden:Die fachliche Kompetenzfeststellung soll Kenntnisse, Fertigkeitenund Kompetenzen beschreiben, also definieren,was die Teilnehmerinnen in der Lage sind zu tun.Sie soll eine fachliche Expertise zur Verwertbarkeit derQualifikationen auf dem deutschen Arbeitsmarkt geben.Die Qualifikationen der Ingenieurinnen sollen im Hinblickauf die Erneuerbaren Energien eingeordnet werden, umdas Lernniveau der Qualifizierung daran auszurichten.Den Ingenieurinnen sollen ihre Fachkompetenzen bewusstwerden, sie sollen motiviert werden, sich in Deutschlandihrem Qualifikationsniveau entsprechend zu bewerben.Um die Fachkompetenzen zu erfassen, wurde ein Interviewleitfadenentwickelt. „Beraterinnen, die eine solche fachlicheKompetenzfeststellung durchführen, benötigen zumindestein mathematisches und naturwissenschaftliches Grundverständnis– je konkreter die Vorstellung vom Fachbereich derMigrantin ist, umso qualitativ hochwertiger wird die Kompetenzerfassung“,betont Rotraud Flindt. „Zudem ist Beratungserfahrungund interkulturelle Kompetenz vonnöten,aber das sollte wohl selbstverständlich sein.“DurchführungUnd so funktioniert es in der Praxis: Expertin und Teilnehmerinbereiten sich vor – die Expertin, indem sie Recherchenzum Beruf, zur Anerkennung und zum Herkunftsland durchführt,und die Teilnehmerin, indem sie ihren Lebenslauf, übersetzteZeugnisse, Arbeitsproben, Arbeitsbuch und ähnlicheUnterlagen mitbringt. Das leitfadengestützte Interview dauertmaximal zwei Stunden. Es geht nicht um Vollständigkeit9


Weitere Informationender beruflichen Aktivitäten im Laufe des gesamten Lebens,sondern um erworbene Kompetenzen. Diese werden ermitteltdurch Fragen wie:Beschreiben Sie bitte einen typischen/ exemplarischenTagesablauf Ihrer wichtigsten beruflichen Tätigkeit (chronologisch).Welche Funktionen hatten Sie in der Betriebshierarchie– hatten Sie leitende oder anleitende Funktionen? WarenSie Expertin? Haben Sie im Team gearbeitet?Mussten Sie etwas besonders gut können? Welche kognitivenFähigkeiten (wie logisches Denken, Zusammenhängebegreifen) waren beispielsweise erforderlich? Welche Problememussten Sie lösen? Gab es körperliche Voraussetzungenoder besondere Eigenschaften, die nötig waren?Die Expertin trägt die Antworten sofort in ein entsprechendesWord-Formular ein, überarbeitet dies im Anschluss und lässtdie Datei dann der Teilnehmerin zur Überprüfung und Ergänzungzukommen. Erst wenn die Teilnehmerin mit dem Ergebniseinverstanden ist, ist die fachliche Kompetenzfeststellungabgeschlossen. Das dann vorliegende Dokument dientDownload des Interviewleitfadens zur fachlichenKompetenzfeststellung und ergänzendeInformationen unterder weiteren www.life-online.de, Projekt KUMULUS-PLUS.beruflichenBeratung, derErmittlung des Qualifizierungsbedarfs und zur Vorbereitungder Teilnehmerin auf Stellensuche und Bewerbungen. DieKompetenzerfassung ist nicht dazu gedacht, Teilnehmerinnenein Dokument an die Hand zu geben, das sie Bewerbungsmappenbeilegen oder Arbeitsvermittlern vorzeigen können.Vielmehr sollen die Frauen selbst die gewonnen Erkenntnissedarstellen können, im Gespräch ebenso wie im Anschreibeneiner Bewerbung. Denn dies in deutscher Sprache zu tun, istfür viele zugewanderten Akademikerinnen eine große Herausforderung,die sie mithilfe der Ergebnisse der fachlichenKompetenzfeststellung besser bewältigen können.„Keine der Teilnehmerin hatte im Voraus eine Vorstellungdavon, wie das leitfadengestützte Interview ablaufen würde,und viele räumten nachher ein, Bammel vor dem Gesprächgehabt zu haben“, berichtet Rotraudt Flindt, „das ist nichtweiter verwunderlich, da keine der Frauen vorher von irgendjemand in Deutschland nach ihren Kompetenzen gefragtwurde“.10


Silviya Ilieva: „Ich brauche den richtigen Schlüssel, um mein Wissenin aktive Taten zu verwandeln“Frau Ilieva, welche beruflichen Erwartungenhatten Sie bei Ihrer Einreise nach Deutschland?Ich hatte die Vorstellung, dass ich in diesemhochindustrialisierten Land ganzhervorragend Praxiserfahrungen im Berufsammeln kann. Dazu müssen Sie wissen,dass ich in Bulgarien Maschinen- und Gerätebaumit der Spezialisierung für nichtmetallische Werkstoffe – also Kunststoffe– studiert habe. Allerdings sind die Studiengänge in Bulgariensehr theoretisch. So habe ich zwar viel gelernt, war miraber nicht sicher, ob ich das auch praktisch umsetzen kann.Wurden diese Erwartungen erfüllt?Zunächst gar nicht. Von meiner Hochschulausbildung wurdenhier lediglich Teile des Grundstudiums anerkannt, alsohabe ich begonnen, Maschinenbau zu studieren. Da ich jedochkeinen BAföG-Anspruch habe und mein Mann ebenfallsstudiert, habe ich parallel zum Studium in der Gastronomiegejobbt – mit der Geburt meiner Tochter musste ich das Studiumjedoch abbrechen. Als meine Tochter älter war, habe iches nicht gewagt, mich auf Stellenausschreibungen zu bewerben,die meinen fachlichen Qualifikationen entsprechen, vorallem, weil ich in der deutschen Sprache nicht sicher genugwar. Zudem konnte ich kein Englisch und auch das wurde beiStellenanzeigen stets vorausgesetzt. Ich habe versucht, meineSprachkenntnisse über die VHS und in Selbstlernkursenzu verbessern, aber mit einem adäquaten Job klappte es dennochnicht. Dafür entdeckte eine Freundin die Anzeige vonLIFE über die Maßnahme in den Erneuerbaren Energien – dasThema hat mich schon vorher fasziniert, denn das studiertmein Mann, und er berichtet mir natürlich davon.Inwiefern konnte Ihnen das Projekt „Mit Energiein die berufliche Zukunft“ helfen?LIFE hat mir sehr dabei geholfen, meine Kompetenzenzu erkennen. Ich bin mir sicher, ich habeetwas im Kopf, aber ich brauche den richtigenSchlüssel, um mein Wissen in aktive Taten zuverwandeln. Beim Assessment war ich von mirselbst überrascht, denn es zeigte sich, dass ichDurchsetzungsvermögen habe, das war mir nichtbewusst – also bei meinen Kindern schon, aberim Arbeitsleben ... so etwas macht mir Mut. Für die Zusammenarbeitmit den Unternehmen hätte ich mir die Realisierungvon gemeinsamen Projekten gewünscht – wir Frauenim Kurs haben doch eine Menge Kompetenzen, davon hättenUnternehmen profitieren können, und wir hätten noch bessereKontakte in die Arbeitswelt bekommen. Allerdings habeich durch das Projekt eine Branche gefunden, in der ich sehrgerne arbeiten würde. Während des Praktikums erfuhr ichvon der Dünnschicht-Solar-Technologie; das fand ich faszinierendund habe vom Betrieb und aus dem Internet Informationenzusammengetragen – das wäre mein Traumjob.Was fehlt Ihnen jetzt noch?Um in meinem Traumjob arbeiten zu können, weiß ich nochnicht genug, da hat mich Martina Bergk von LIFE auch gleichgewarnt. Ich müsste dazu wieder ein Studium aufgreifen undda stellt sich erneut die Frage, wie das zu finanzieren ist.Andere Arbeiten hingegen könnte ich mit meinen jetzigenQualifikationen und Kompetenzen sehr gut machen – auchdas wurde im Projekt deutlich. Eine Tätigkeit beim Bundesamtfür Materialprüfung würde zu mir passen, aber noch habeich mich dort nicht als Ingenieurin beworben. Ich möchtezuvor in einem Praktikum weitere Erfahrung sammeln undmeinen Makel „Fehlende Englischkenntnisse“ beseitigen.11


Schlüsselkompetenzen erfassen – ein Assessmentcenter wirdzum AbenteuerHat die Bewerberin Durchsetzungsvermögen? Ist sie belastbar? Ist diese zugewanderte Ingenieurin eine Teamplayerin oder ehereine Einzelkämpferin? Was sind die größten persönlichen Stärken und Schwächen der Bewerberin?Fragen nach solchen Schlüsselkompetenzen in einem Einstellungsgesprächbringen viele BewerberInnen ganz schönins Schleudern. Und das, obwohl ebendiese Schlüsselkompetenzenin Deutschland bereits vor über 30 Jahren als unabdingbarpropagiert wurden, um den komplexen Anforderungendieser Arbeitswelt gerecht zu werden.„Auch in handwerklichen oder ingenieurwissenschaftlichenBerufen reicht es längst nicht mehr, nur Fachwissen zu haben– man braucht Kommunikationsfähigkeit, um auf Kundenwünscheoder Beschwerden eingehen zu können, Präsentationsfähigkeit,um ein Produkt oder Arbeitsergebnisvorzustellen, Flexibilität, Belastbarkeit und vieles mehr“,erklärt Projektleiterin Andrea Simon. Manche Experten räumenSchlüsselkompetenzen sogar mehr Bedeutung für eineberufliche Karriere ein als dem Fachwissen. Für Menschenmit Migrationshintergrund sind diese Kompetenzen ebenfallsder Schlüssel für die Tür zur deutschen Arbeitswelt. Diessetzt aber voraus, dass man um seine Fähigkeiten weiß undsie auch darstellen kann. Kommt neben der Anforderung, diesin einer Fremdsprache zu tun, auch noch die Tatsache hinzu,dass so etwas im Heimatland nie thematisiert wurde, dannkönnen Fragen nach den Schlüsselkompetenzen – beispielsweisein einem Bewerbungsgespräch – zu einem echten Problemwerden. Dem beugt das Potentialassessment von LIFEe.V. vor.12


Jede Teilnehmerin durchläuft nach entsprechenderVorbereitung vier Assessmentaufträgein Form von kritischen Situationen,die für einen Berufseinstieg in die BrancheErneuerbare Energien typisch sind. ArbeitsmarktexpertInnen,BerufsberaterInnen mitund ohne Migrationshintergrund und PersonalentwicklerInnenaus technischen Unternehmensowie aus der Branche ErneuerbareEnergien haben diese Aufträge in gemeinsamenWorkshops entwickelt.Geschulte Beobachterinnen halten Reaktionenund Verhaltensweise der Teilnehmerinnensowie darauf basierende Kompetenzen fest. JudithBurkhard, freiberufliche Beraterin für Teamarbeit und beruflicheEntwicklung im Projekt, beschreibt das Potentialassessmentso: „Die Situationen sind so gestaltet, dass sie Stresserzeugen, damit die Beobachterinnen Facetten der Persönlichkeiterkennen können. Den Frauen wird im Feedbackwidergespiegelt, was sie gut können oder souverän gelösthaben. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Stärken und auf Potentialen,die es weiterzuentwickeln gilt.“ Eine Teilnehmerinist beispielsweise überrascht, dass sie viel Durchsetzungs-Die kritischen Situationen der vier AssessmentaufträgeErfahrung von Fremdheit: Bewerbungs-, Team- oder Konfliktsituationenam Arbeitsplatz, in denen Kommunikationsstile und Wertesystemegelten, die den eigenen widersprechen.Erfahrungen von Diskriminierung: durch Amtspersonen, Kollegen oderArbeitgeber, und zwar oft in doppelter Hinsicht, als Migrantin und alsFrau, die in einen untypischen Beruf einsteigen will.Sprachbarrieren in den unterschiedlichsten Situationen: beispielsweisebei der Kommunikation mit Amtspersonen, bei der Bewerbung, mitKollegen – und damit einhergehend: Sprachlosigkeit.Orientierungslosigkeit: die Erkenntnis, dass in Deutschland unbekannteSpielregeln gelten oder dass man sich in einer Vielzahl von teilweiseverwirrenden Möglichkeiten, Regelungen, Angeboten und Vorgabenzurechtfinden muss, wie der Organisation von Zusammenarbeit, demUmgang mit flachen Hierarchien oder Ähnlichem.vermögen besitzt, während eine andere merkt, dass sie lernenmuss, in einem Team ihre Meinung zu sagen. Wieder eineandere nimmt aus dem Assessment mit, dass es entscheidenddarauf ankommt, wie sie einen gefassten Entschluss anderenmitteilt – sie lernt, sich in andere hineinzuversetzen. Die Ergebnissedes Potentialassessments werden auch von der Beraterinim Projekt aufgegriffen und sind Grundlage weiterenberaterischen Handelns.Weitere InformationenDownload der Publikation „Abenteuer Assessmentcenter“ von LIFEe.V. unter www.life-online.de, Projekt KUMULUS-PLUS.13


Tatjana Smirnova: „Wir haben uns sehr weiterentwickelt.“Die Information über LIFE e.V., die TatjanaSmirnova im Internet entdeckte, war bereitsdrei Jahre alt, aber sie meldete sich dennoch,denn sie war schon einigermaßen verzweifelt.Seit sieben Jahren lebte sie mit ihrem Mannund Kindern in Deutschland und versuchteseitdem, hier beruflich Fuß zu fassen. In Russlandhatte sie ein Diplom als Programmiereringemacht, sie hat gelernt, jeden Prozess zu automatisieren.Außerdem hat sie dort Berufserfahrungals Mediengestalterin gesammelt.In Deutschland konnte sie in all den Jahren weder als Mediengestalterinnoch als Programmiererin arbeiten. „Ichkam zu LIFE und dort hat mir alles gefallen“, erinnert sichTatjana Smirnova, „mir fehlte als Programmiererin jeglichepraktische Erfahrung, deshalb stand ich noch nicht sicherauf meinen Beinen, aber die Projektmitarbeiterinnen habenuns gezeigt, dass wir etwas können“. Besonders viele Aha-Effekte verursachte das Assessmentcenter. „Ich kann gutverhandeln und ich habe Durchsetzungsvermögen – das hattesich in meinem Leben bislang höchstens in Kleinigkeitengezeigt“, freut sich Tatjana Smirnova. So wollte sie sofortwissen, ob das auch im wirklichen Leben funktioniert. „Nocham gleichen Tag habe ich ein paar Schuhe umgetauscht, diemir nicht wirklich passten, das hatte ich vorher nicht gewagt– und ich war dabei erfolgreich“, sagt sie lachend.Im Assessmentcenter war es ihr auch sehr gut gelungen, eineSituation mit einer schwierigen Mitarbeiterin zu lösen, dashat sie stolz gemacht. „Nachdem ich das Assessmentcenterüberlebt habe, fühle ich mich gut gerüstet für den Arbeitsalltag“,betont Tatjana Smirnova. Doch so schlimm warendie ersten Kontakte zur deutschen Arbeitswelt gar nicht.Im Gegenteil, auch bei den Bewerbungen für das Praktikumerlebte sie positive Überraschungen: Eigentlich hatte sieentschieden, sich als Mediengestalterin weiter zu orientierenund dafür suchte Tatjana Smirnova einPraktikum. Doch der zuständige Mitarbeiterim Unternehmen sagte: „Wir haben etwas anderesfür Sie.“ Sie wurde eingestellt, um eineDatenbank zur Energieeffizienz und zum Energiesparenzu erstellen.Dieses Projekt ist nun abgeschlossen, abervielleicht bekommt sie einen Job als Assistentinin dem Betrieb – ihr Chef schaut, waszu machen ist. „Eine Ingenieurin bin ich fürmeinen Arbeitgeber allerdings nicht – dennoch:mir machen viele Sachen Spaß, die Hauptsache ist,eine Arbeit zu haben – und wenn es mit diesem Job nichtklappt, dann weiß ich, was ich machen kann, um eine andereArbeitsstelle zu finden“, sagt sie. Zweifelsohne geht TatjanaSmirnova gestärkt und selbstbewusst aus dem Projekt: „ZuBeginn waren wir unsicher, jetzt haben wir uns weiterentwickelt– ich weiß, was ich machen kann, ich weiß, wie ich michauf Bewerbungen vorbereite und was ich im Bewerbungsgesprächsage – ich habe keine Angst mehr.“14


Qualifizierung und Branchenorientierung in ErneuerbarenEnergien – Eintrittskarte in den ArbeitsmarktWelche Beschäftigungsmöglichkeiten gibt es in den verschiedenen Arbeitsfeldern der Erneuerbaren Energien? Wie ist der Einsatzbereichzu finden, der zu den individuellen Qualifikationen und Interessen einer zugewanderten Ingenieurin passt? Wie gelingt es,Kontakte zwischen Arbeitgebern und Akademikerinnen mit ausländischen Qualifikationen herzustellen?Die meisten Teilnehmerinnen hatten zu Beginn der Maßnahmenur eine geringe oder gar keine Vorstellung von derBranche der Erneuerbaren Energien und deren Unternehmenin Deutschland. Einige wenige hatten ein Aufbaustudiumim Umweltbereich absolviert, meist jedoch keine praktischeArbeitserfahrung. „Die Frauen verband das Interesse, in dieseBranche einzusteigen, mehr zu erfahren und die ErneuerbarenEnergien zu ihrem beruflichen Einsatzfeld zu machen“,berichtet Martina Bergk, Dozentin für ErneuerbareEnergien im Projekt. „Jedoch konnten die Teilnehmerinnenihre eigenen fachlichen Kompetenzen, die sie für eine entsprechendeTätigkeit bereits mitbringen, nicht einschätzen– so hatten sie das Gefühl, in eine völlig neue Richtung zustarten“. Dabei ist oft die Technik der Erneuerbaren Energiennichts prinzipiell Neues, sondern beruht auf den physikalischenGrundlagen, die jeder Ingenieurin bekannt sind, zumBeispiel Wärmeleitung und -übertragung, Verbrennungsprozesseoder Halbleitertechnik. So hat eine Ingenieurin ausder Abwasserreinigung Grundwissen über Prozesse, die auchWährend der Branchenorientierung durchlaufen die Teilnehmerinnenvier Phasen als Voraussetzung ihrer beruflichen IntegrationSie lernen den Wert der eigenen Kompetenzen einschätzen und schätzen.Sie lernen ihre Kompetenzen sprachlich auszudrücken.Sie lernen die Anforderungen der Branche kennen.Sie werden sich klar darüber, wie sie in Erneuerbaren Energien ihre mitgebrachtenKompetenzen sinnvoll einsetzen und verwerten können.bei Biogasanlagen vorkommen. Oder: Eine Kunststoffingenieurin,die im Solarbereich tätig sein will, kann ihr Wissenüber Hochtemperatur-Kunststoffe einsetzen.Schemata zur Branchenorientierung offenbarenpassende EinsatzfelderDie Qualifizierung in den Erneuerbaren Energien im Projektist weniger ein Aufbaustudium als vielmehr eine Einführungund Orientierung. Die intensive Beschäftigung mit den ErneuerbarenEnergien ist für die Teilnehmerinnen aber aucheine Auseinandersetzung mit den beruflichen Anforderungender Branche. Um die Orientierung zu erleichtern, wurde einInstrument entwickelt, das die typischen Arbeitsfelder vonIngenieuren wie Forschung, Entwicklung, Planung, Beratung,Produktion, Vertrieb etc. den jeweiligen Tätigkeiten in dennachfolgend genannten Anwendungsbereichen der ErneuerbarenEnergien zuordnet:Solarthermie: Wärmenutzung der Sonne,Photovoltaik: Umwandlung des Sonnenlichtesin Strom,Windenergie: Nutzung des Windes zur Stromerzeugung,Biomasse: energetische Nutzung vonPflanzen und organischen Abfällen,Energieeffizienz: technische Lösungen zurSenkung der Energieaufwandes.15


Daraus erschließt sich für die Teilnehmerinnen, wie sie ihrFachwissen verwerten können. Die Maschinenbauingenieurin,die sich in ihrem Heimatland beruflich mit Werkstoffenbeschäftigt hat, erkennt beispielsweise, dass Werkstoffe beider Solarthermie unter dem Gesichtspunkt der Hitzebeständigkeit,der Wetterfestigkeit oder der Vermeidung vonReflexion des Sonnenlichts eine wichtige Rolle spielen. DieBauingenieurin wird sich eher für die Integration der Solaranlagein die Dachkonstruktion interessieren, denn dazusind ihre Kompetenzen gefragt. Für die Elektroingenieurineröffnet sich ein großes Betätigungsfeld in der SteuerungsundRegelungstechnik, zum Beispiel zur Optimierung vonProzessen.Berufspraktische FähigkeitenEs bleibt jedoch nicht bei der theoretischen Betrachtungder Erneuerbaren Energien, es wird auch richtig praktisch.Beispielsweise müssen rechnerisch Probleme gelöst werden.„Das ist für Ingenieurinnen berufsübergreifend möglich, abermitunter gar nicht so leicht, wenn das Studium schon eineWeile her ist“, berichtet Martina Bergk, „doch diese Startschwierigkeitenlegen sich in der Regel schnell, und im Handumdrehengelingen dann Amortisierungsberechnungen füreine Solaranlage oder die Konzeption für die Biogasanlageeines Landwirts, der den Dung seiner 200 Kühe energetischnutzen will.“ Auch Planungen und Experimente gehören zurpraktischen Qualifizierung. Besonderer Wert wird zudem aufdie Vorstellung typischer Branchensoftware gelegt.Die Branche erkundenDen Brückenschlag in die Arbeitswelt ermöglichen Exkursionenzu Instituten und Unternehmen, Vorträge von Berufspraktikern,Filme und die Einbeziehung weiterer wichtigerAkteure, beispielsweise Verbandsvertretern. Mit konkreten16


Aufträgen besuchen die Teilnehmerinnen Fachmessen – dortsollen sie zum Beispiel Informationen über die wichtigstenAussteller und Firmen sammeln, erste Kontakte knüpfen odersich Unternehmen bereits vorstellen. Schließlich werdenpolitische und wirtschaftliche Fragestellungen aufgegriffenund im Kurs diskutiert, um die Teilnehmerinnen auf dem Laufendenüber die aktuellen Fachdiskurse zu halten und sie aufihre Vorstellungsgespräche vorzubereiten.Weitere InformationenDownload der “Ausführlichen Beschreibung des InstrumentsQualifizierung und Branchenorientierung in denErneuerbaren Energien“ im Internetunter www.life-online.de, Projekte KUMULUS-PLUS.Fachsprache erlernen und anwendenIn der technischen und naturwissenschaftlichen Fachweltist die Verwendung der richtigen Fachtermini sehr wichtig– sei es bei der Suche im Internet nach einem Unternehmen,bei dem man sich bewerben will, im Gespräch mit VertreterInnender Branche oder am Arbeitsplatz. Eine Ingenieurin,die berichtet, sie habe in ihrem Heimatland Abwassersystemekonzipiert, sollte beispielsweise den Begriff Siedlungswasserwirtschaftkennen. „Wir trainieren die Selbstlernkompetenzender Teilnehmerinnen, indem wir ihnen Strategiennennen, um die jeweiligen fachlichen Schlüsselworte zu finden“,sagt Martina Bergk. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel,die entsprechenden Studieninhalte in Deutschland daraufhinzu durchforsten. Man kann auch Firmenprofile analysieren,und wenn ein Unternehmen gefunden wurde, das dem angestrebtenTätigkeitsbereich entspricht, dann werden auchhier die fachlichen Schlüsselworte herausgesucht und nachihnen weiter im Internet recherchiert. Eine weitere Strategieist, nach ReferentInnen auf Fachkonferenzen zu suchen undauf diesem Weg aktuelle Fachbegriffe und Ansprechpartnerinnenzu finden. Schlüsselworte, die die Teilnehmerinnenrecherchieren und erläutern, werden zu einem Glossar zusammengefügt,das über die Kommunikationsplattform imInternet allen zur Verfügung steht.17


Tatjana Schelhorn: „Ich habe viele Perspektiven und Plänefür meine berufliche Zukunft.“„Wie die Arbeitsagentur ausländische Qualifikationenhier in Deutschland verwertet, habeich selbst heute noch nicht wirklich verstanden.Ich habe ein Diplom als Ingenieurin fürWasserversorgung und Abwasserleitung, ichhabe studienbegleitend grafische Gestaltungund Bürokauffrau gelernt. Aber für meinenStudienabschluss aus Russland hat sich meinBerater beim Jobcenter nie interessiert. Ichhätte meine technische Qualifikation gernvon Anfang an weiter ausgebaut oder Berufserfahrungengesammelt, denn ich kam gleich nach demStudienabschluss aus Russland hierhin. Auf eigene Faustund ohne finanzielle Unterstützung war es mir nicht möglich,einige Semester an der Uni in meinem Fach zu belegen– ich hatte mich dort zwar beworben, aber nie eine Antworterhalten. Also tat ich, was mir der Arbeitsberater empfahl undnahm an einer sechsmonatigen Weiterbildung zur Bürokauffrauteil. Das war zwar interessant, aber mein Herz hängt anmeiner technischen Qualifikation, und eine dauerhafte Arbeithabe ich durch die Qualifizierung auch nicht gefunden– nur Gelegenheitsjobs.So schlug mein Berater eine weitere Maßnahme vor „Integrationund Beruf“, die dauerte drei Monate inklusive einemeinmonatigen Praktikum. Und in diesem Praktikum war ichin Deutschland erstmalig in meinem Beruf tätig – beimWasserwerk Straußberg. Das war im März 2009. Kurz vorherhatte ich im Internet die Maßnahme von LIFE entdeckt undwollte unbedingt daran teilnehmen, denn das passte genauzu mir. Im Vorstellungsgespräch dachte ich, ich kann leichtüber meine Qualifikationen reden, aber da hatte ich michgeirrt – mir fehlte das nötige Fachvokabular. Jetzt kannich das. Ich finde die Erneuerbaren Energien nicht nur beruflichinteressant, ich finde es für unsere Zukunft und dieZukunft unserer Kinder so wichtig. Ich denke, wir könntenjetzt schon überwiegend unseren Energiebedarf auf diese18Weise decken. Erst kürzlich habe ich ein Verfahrenentdeckt, in dem aus Abwasser Energiegewonnen wird – das ist doch faszinierend.Deshalb war die Einführung in ErneuerbareEnergien für mich hochinteressant – anhandder Branchenorientierung sehe ich mich amehesten im Marketing. Auch das Rechnen liegtmir, allerdings muss ich eine Formel immererst nachvollziehen können, ich mag nichteinfach irgendetwas anwenden. Sehr hilfreichfür die Zukunft fand ich den Bereich Projektmanagement,denn es gibt immer so viele Dinge, die bei derArbeit gleichzeitig zu beachten sind, kein Tag ist durchwegplanbar, weil immer viel Unvorhergesehenes passiert. Weilich das nötige Handwerkszeug habe, kann ich dennoch einenkühlen Kopf bewahren. Letztendlich habe ich in derMaßnahme herausgefunden, dass ich sehr viele Perspektivenhabe, jetzt gehe ich erst einmal weiter in Richtung „Wasserwirtschaft“und kombiniere das mit meiner Muttersprache.Ich hatte das große Glück, dass die technische Leiterin desWasserwerks Straußberg sich an mich erinnert hat, als einFirmenpartner eine Ingenieurin aus dem Wasserbau mit russischenSprachkenntnissen suchte. Zu der Zeit hatten wir unserePraktikumsbewerbungen im Kurs. So kam ich zu beton& rohrbau und da bin ich heute noch – in Festanstellung.Ich bin vor allem in der Ausschreibungsentwicklung und inder Vorkalkulation tätig und habe viel Kontakt mit Kundenaus Russland, Georgien und Kasachstan. Das hat zwar nichtsmit Erneuerbaren Energien zu tun, aber ich habe einen adäquatenJob, den ich dank meiner Sprachkenntnisse bekommenhabe.Die drei Säulen, auf denen ich meine Karriere aufbauen will,sind meine technische Qualifikation, meine Sprachkenntnisseund die Erneuerbare Energien. Zudem habe ich guteArgumente: Ich bin flexibel, ich bin qualifiziert, ich bin nochjung, ich habe Kraft – das sind doch ganz gute Zukunftsaussichten.“


Netzwerk UmWeltFrauenTeilnehmerinnen und Ratsuchende äußerten den Wunsch, sich auch außerhalb des Programms und der Berufsberatungregelmäßig zu treffen und aktuelle Umweltthemen zu diskutieren – so entstand im Mai 2008 das NetzwerkUmWeltFrauen, das seitdem regelmäßig tagt. Es geht nicht darum, zusammen zu sein und zu quatschen, sondern sichweiterzubilden und über ein bestimmtes Thema zu diskutieren – was übrigens auch die Sprachgewandtheit verbessert.Dazu werden Expertinnen eingeladen, möglichst mit Migrationshintergrund, Exkursionen durchgeführt undFilme gezeigt. Die Frauen können Kontakte zur Arbeitswelt knüpfen und bleiben untereinander in Verbindung.Informationsaustausch: Regelmäßige Treffen alle 6-8 Wochen, ergänzend Online-Versand von Informationen, beispielsweisezu Stellenausschreibungen, Terminen oder Entwicklungen im Energie- und Umweltbereich.Themenbeispiele 2009: Globaler Konsum – rund um die Kleidung; Faire Produktion und Fairhandel – was könnenwir tun?; Was passiert mit unserem Müll?; Handel mit dem Abfall – ein lukratives Geschäft?; Nachhaltige Mobilitätskonzepte.Mitgliederanzahl Anfang 2010: Über 80 Frauen mit Migrationshintergrund.Integrationswirkung: Die Netzwerkinitiative trägt in hohem Maße zur Integration von Frauen mit Migrationshintergrundbei: sie verbessert die Sprachkompetenz der Teilnehmerinnen sie vertieft die berufliche Orientierung sie fördert Kontakte zwischen unterschiedlichen Nationalitäten sie ermöglicht selbstbestimmtes Arbeiten sie fördert das Umweltbewusstseinsie motiviert die Teilnehmerinnen, an weiteren Angeboten im Bereich der Berufsberatung und Kompetenzentwicklungteilzunehmen.Weitere Informationen zum Netzwerk UmWeltFrauen sind als PDF herunterzuladen von der Websitewww.life-online.de, unter dem Projekt KUMULUS-PLUS.19


Anforderungen der deutschen Arbeitswelt –das Tüpfelchen auf dem „i“ für den EinstiegWorauf kommt es Personalverantwortlichen oder Arbeitgebern im Bewerbungsschreiben oder im Bewerbungsgespräch an? Welcheungeschriebenen Regeln und Verhaltenscodes gibt es in der deutschen Arbeitskultur? Was gilt es bei Initiativbewerbungen für einenPraktikumsplatz oder eine Arbeitsstelle zu beachten?Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen mit Einwanderungshintergrund,die Antworten auf Fragen wie diesekennen, tun sich leichter beim Einstieg in die ErneuerbarenEnergien. Das Modul „Anforderungen der Arbeitswelt“ liefertdas Tüpfelchen auf dem „i“ zum Berufseinstieg. Jetzt gehtes um konkrete Bewerbungsstrategien für Praktika und Arbeitsstellen,um Anforderungen von Unternehmen, um dieDoes and Don’ts deutscher Arbeitskultur.Wen Unternehmen suchen„Es ist leider vielfach auch in den Erneuerbaren Energiennoch so, dass Betriebe männliche Mitarbeiter bevorzugen– am liebsten 30 Jahre jung, möglichst frisch von der Uniund mit Arbeitserfahrung, keine Kinder, flexibel und ungebunden.“Martina Bergk, Dozentin im Projekt, will diesbezüglichkeine überzogenen Hoffnungen aufkeimen lassen.Lässt sich allerdings ein solcher Betrieb statt dessen aufeine Migrantin ein, die ihre Qualifikationen im Ausland erworbenhat, womöglich Familie und Kinder hat, dann musses dafür gute Gründe geben – die Migrantin hat beispielsweiseeine besondere Qualifikation, oder der Betrieb hat einpersönliches Interesse an der Integration von Migranten,oder er braucht die Sprachkenntnisse, oder ähnliches. Es istdaher immer Überzeugungsarbeit notwendig. Das gelingtam besten, wenn die Frauen wissen, was für sie spricht, wassie auszeichnet. Doch selbst zugewanderte Ingenieurinnen,die gute Argumente haben, werden in aller Regel mehrereBewerbungen schreiben müssen – selbst für ein Praktikum.„Viele der Teilnehmerinnen sind das nicht gewohnt, wir unterstützensie daher und haben zudem eine Datenbank eingerichtet,in der jederzeit zu sehen ist, welche Frau sich wobeworben hat“, berichtet Martina Bergk. „Aber: Eine Kaltakquisefür einen Praktikumsplatz muss jede Frau selbst durchstehen,das ist auch ein Stück weit deutsche Arbeitskultur.Wenn das mit unserer Unterstützung und mit dem AustauschGleichgesinnter einmal gelungen ist, dann wissen die Frauenfür die Zukunft, wie es geht und dass sie es können.“ Bislanghat noch jede der Teilnehmerinnen einen Praktikumsplatzbekommen.Interview mit Judith Burkhard: Das Allerwichtigsteist der Perspektivwechsel auf ArbeitgeberFrau Burkhard, welche Rolle spielen Sie im Projekt “Mit Energiein die berufliche Zukunft?”Als freiberufliche Beraterin für Teamarbeit und beruflicheEntwicklung bin ich von Maßnahmebeginn bis -ende immerwieder im Einsatz, dabei kommt es darauf an, sehr individuellauf das aufzubauen, was die Teilnehmerinnen erlebt odergelernt haben und was sie aus ihren Ländern kennen. Bei derEinführung in den deutschen Arbeitsmarkt begleitet micheine polnische Kollegin – sie berichtet aus ihrer Perspektive,was beim Eintritt in die Arbeitswelt wichtig ist und bauteine Brücke zu den Gepflogenheiten der Personaleinstellungin Polen. Ich war viele Jahre als Personalentwicklerin ineinem deutschen Unternehmen tätig und steuere die Anforderungenan Bewerberinnen aus Sichtweise eines hiesigenArbeitsgebers bei. Außerdem bin ich ins Potentialassessmentinvolviert und unterstütze die Teilnehmerinnen bei derVorbereitung auf Bewerbungen für ihre Praktika.20


Worauf kommt es bei den Anforderungender Arbeitswelt an,was ist ausschlaggebend?Was bei der Bewerbung zählt, isteine überzeugende Darstellung der fachlichen, sozialen undpersönlichen Kompetenzen. Bei unseren Teilnehmerinnenkommt als weitere besondere Herausforderung die sprachlicheKomponente hinzu, hier muss mitunter sowohl dieUmgangssprache als auch die Fachsprache trainiert und beider Vorbereitung auf die Bewerbung auch korrigiert werden.Denn Arbeitgeber erwarten, dass Anschreiben und Lebenslaufin perfektem Deutsch formuliert werden.Welches Wissen vermitteln Sie den Teilnehmerinnen, damit diesefür die Anforderungen des deutschen Arbeitsmarktes bessergerüstet sind?Das Allerwichtigste ist, dass den Frauen ein Perspektivwechselgelingt. Sie müssen lernen, sich auch in deutscheArbeitgeber oder Arbeitgeberinnen hineinzuversetzen. VieleTeilnehmerinnen kommen aus osteuropäischen Ländern,dort gibt es beispielsweise klare Vorgaben, die zu erfüllensind, und strikte Hierarchien, an die man sich halten muss.In Deutschland hingegen ist oft Mitdenken erwünscht, esgibt Teamarbeit mit flachen Hierarchien und es gibt Projektarbeiten,die stark auf Eigenorganisation und Eigenverantwortungsetzen. Einige der Frauen haben beispielsweise einsehr starkes Durchsetzungsvermögen oder sind sehr zielorientiert– das ist gut, aber es bedarf auch eines gewissen Fingerspitzengefühlsgegenüber der Unternehmensleitung. Einweiteres Beispiel für den Perspektivwechsel ist die Bedeutungder Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Hier leistendie meisten Frauen Gewaltiges, weil Haushaltsführung undKinder alleine in ihr Ressort fallen. Sie müssen sich jedochauch vergegenwärtigen, dass deutsche Chefs und ChefinnenArbeit und Familienbelange strikt getrennt halten möchten.Da kann man nicht einfach zwischendurchden Arbeitsplatzverlassen, um einen Behördengangfür die Familie zu erledigen.Sie sehen, es geht umCodes und Verhaltensweisen, die auch kulturell geprägt sind– und die die Frauen kennen müssen.Nun ist das Wissen um solche Gepflogenheiten das eine, sie zuverinnerlichen und automatisch anzuwenden ist aber noch einweiterer Schritt – wie üben Sie das in der Maßnahme?Dazu wende ich als Methode die Themenzentrierte Interaktionan, die sehr gut geeignet ist, um Selbstreflektion undEigenverantwortung zu fördern. Die Frauen sollen sich inDeutschland ja nicht auf Biegen und Brechen anpassen, siesollen ihre ganz eigene Persönlichkeit weiterentwickeln, indemsie Fragen und Aufgaben lösen und dann reflektieren,wie sie diese gelöst haben. Sehr viel Potential liegt hier auchim gemeinsamen Lernen in der Gruppe – als Übungsfeld fürInteraktion. Die Frauen ergänzen sich und können sehr voneinanderprofitieren.Was würde Ihrer Meinung nach das Matching zwischen denzugewanderten Akademikerinnen und hiesigen Arbeitgebernverbessern?Im Prinzip das, was wir im Projekt auch machen: Erstenssollte der Perspektivwechsel gelingen, wie schon erwähnt.Zweitens gehört dazu, dass die Teilnehmerinnen von sich ausBrücken zwischen den Kulturen bauen, denn das können sienicht von den Arbeitgebern verlangen. Drittens sollten dieFrauen ihre Präsentation und ihre Bewerbung so verbessern,dass mehr über sie selbst rüberkommt. Denn ich bin davonüberzeugt, dass die persönlichen und sozialen Kompetenzen,wie Eigeninitiative und Teamfähigkeit, für eine Einstellungausschlaggebender sind als die fachlichen Kompetenzen.21


Arbeitgeberperspektiven – Migrationshintergrund undformale Anerkennung sind nicht entscheidend, dieKompetenzen sind ausschlaggebendDie beton & rohrbau C.-F. Thymian GmbH & Co KG hat voreinigen Jahren begonnen, auch ausländische Märkte zu erschließen.Rund 350 Mitarbeiter sind aktuell in den NiederlassungenBerlin, Halle, Leipzig, Magdeburg, Potsdam, Dessau,Rostock, Regensburg und Dresden tätig – sowie in Niederlassungenaußerhalb Deutschlands. Solche Tochter- oder Beteiligungsgesellschaftenwurden bereits in Kroatien, Bulgarien,Rumänien, Russland, Kasachstan, Bahrain, in der Türkei und inGroßbritannien gegründet. Mit der Gründung dieser Standorteim Ausland kam der Bedarf nach Personal, das die jeweiligeLandessprache spricht. „Wir beschäftigen beispielsweiseeinen kroatischen Bauingenieur, in der rumänischen Filialearbeiten deutsche und rumänische Mitarbeiter gemeinsamund verständigen sich auf Englisch. In der Zentrale hier inDeutschland ist ein Bauingenieur aus Rumänien tätig, der gegebenenfallsUnterlagen aus Rumänien übersetzt“, berichtetdie Vertriebs- und Marketingleiterin Elisabeth Fischler undsetzt lachend hinzu: „mich selbst sollte ich auch erwähnen,ich bin Österreicherin“. Das Unternehmen sucht weitere Mitarbeitermit Migrationshintergrund.Als Tatjana Schelhorn, Teilnehmerin der Maßnahme bei LIFEe.V., sich im Herbst 2009 bei beton & rohrbau für ein Praktikumbewarb, lief gerade ein entsprechendes Einstellungsverfahren– es wurden Fachkräfte mit russischen Sprachkenntnissengesucht. „Frau Schelhorn passte von allen Bewerbernam besten ins Unternehmen“ erinnert sich Elisabeth Fischler.„Entscheidend bei Einstellungen von Mitarbeitern mitMigrationshintergrund ist für uns nicht der Migrationshintergrund,sondern die erforderlichen Sprachkenntnisse unddie richtigen fachlichen Qualifikationen.“ Ob ausländischeQualifikationen formal anerkannt sind oder nicht, ist für dasUnternehmen selbst nicht wichtig. „Es zählt, was er oder siewirklich kann, nicht was jemand laut Zeugnis kann“, so dieVertriebs- und Marketingleiterin.Ein anerkannter Qualifikationsnachweis könnte jedoch beider Beteiligung an EU-weiten Ausschreibungen eine Rollespielen, denn da müssen alle involvierten Mitarbeiter mit Lebenslaufund Abschluss angegeben werden – bislang habenBeschäftigte mit Migrationshintergrund bei beton & rohrbauan solchen Aufträgen allerdings noch nicht mitgewirkt. KulturspezifischeKenntnisse von Beschäftigten ausländischerHerkunft spielen für Firmenaktivitäten im Ausland für dasUnternehmen ebenfalls keine Rolle. „Das lernt man ganzschnell“, betont Elisabeth Fischler, „zwar ist der rumänischeKollege beispielsweise bei Verhandlungen in Rumänien dabei,aber da geht es mehr um Übersetzungen, denn Verhandlungenwerden dort nicht in Englisch geführt“.Beton & rohrbau ist weiter auf Wachstumskurs und daherauch offen für Praktika, vorausgesetzt es ist ein Platz verfügbar.Ein weiteres Kriterium für ein Praktikum ist die technischeQualifikation, denn: „Techniker wird es in Zukunftimmer weniger geben, das merken wir schon jetzt. Wichtigist außerdem, dass derjenige oder diejenige einen Bezugzum Mittelstand hat.“ Und schließlich sei eine Dauer vondrei Monaten das Minimum, alles was darunter liegt, lohnesich nicht. Migrantinnen und Migranten sind grundsätzlichwillkommen. „Je mehr ausländische Märkte wir erschließen,umso wertvoller sind für uns Beschäftigte mit Migrationshintergrund“,sagt Elisabeth Fischler.22


Dr. Susanne Rahner: „Ein Praktikum ist ein gutes Sprungbrettfür eine Anstellung.“Interview mit der Geschäftsführerin von Yggdrasil, Geologie – Projektmanagement – TrainingsFrau Dr. Rahner, spielt ein Migrationshintergrundeine Rolle, wenn sich jemand bei Ihnenum ein Praktikum bewirbt?Nein, überhaupt nicht. Ich erwarte ausreichendePC-Kenntnisse, um die einschlägigenProgramme bedienen zu können, und Englischkenntnisse,die ausreichen, um englischeFachtexte zu verstehen. Jüngere Interessentenkönnen aber in der Regel Englisch– auch diejenigen, die aus Staaten der ehemaligenSowjetunion oder aus Osteuropa kommen.Wenn jemand nicht perfekt Deutsch spricht, ist das fürmich weniger problematisch, denn es gibt im Unternehmendurchaus Tätigkeiten, wie eine GIS-Expertise (Geo-Informations-System)erstellen oder Geländeerfahrung sammeln, wodas nicht von Belang ist. Denn das Schreiben der Gutachten– was sehr gute Deutschkenntnisse erfordern würde – istohnehin mein Job.Worauf legen Sie denn Wert bei Ihren Praktikanten?Neben den schon erwähnten Englisch- und PC-Kenntnissenerwarte ich die Fähigkeit zum Mitdenken. Das klingt vielleichtbanal, aber etwa die Hälfte der Praktikanten steht nurvor mir und fragt: „Was soll ich jetzt tun?“ Damit kann ichnichts anfangen. Es ist nicht so, dass wir Praktikanten undMitarbeiter nicht gut betreuen würden, aber extreme Fürsorgekönnen wir nicht leisten. Und von neuen Mitarbeiternerwarte ich dann schon, dass sie sich schnell einarbeiten undproduktiv werden.Kann ein Praktikum in Ihrem Unternehmen eine Einstellung(im Anschluss) erleichtern oder achten Sie sehr darauf, Praktikantenauf keinen Fall irgendwelche Hoffnungen zu machen?Ein Praktikum ist ein sehr gutes Sprungbrettfür eine Anstellung, und ich versuche auchsehr, meine Praktikanten unterzubringen,denn ich kann sie ja nicht alle selbst einstellen– ich habe nur noch eine weitere Mitarbeiterin.So habe ich schon einmal jemandin einem Planungsbüro in Bayern oder beianderen Kunden und Partnern untergebracht.Die Akademikerin, die Ende letzten Jahresim Rahmen der LIFE-Maßnahme bei mir einPraktikum gemacht hat, kann ich vielleicht abdem Sommer einstellen, indem ich sie mir quasi mit einer Geologinteile – wenn sie dann noch verfügbar ist. Denn sie istsuperschnell und aufgeweckt, spricht Englisch und Polnischund ist auch fachlich sehr, sehr gut. Das sollte sie auch ineinem Bewerbungsgespräch selbstbewusster vertreten. IhreVorstellung bei mir lief in etwa so, dass ich immer fragte:„Können Sie dies? Können Sie jenes?“ Und sie sagte stets„Ja, kann ich.“ Und sie konnte das alles auch, wie sich späterherausstellte – viele sagen, „Ja, kann ich“, ohne es zu können.Wie wichtig ist es Ihnen, dass ein ausländischer Abschluss vonBewerberInnen formal anerkannt ist bzw. ein freiwilliges Gutachtender zuständigen Stelle vorliegt, beispielsweise der Ingenieurkammer?Das spielt für mich überhaupt keine Rolle, ich bin allerdingsauch meine eigene Chefin. Gut daran, wenn ein Abschlussvorliegt, ist die Tatsache, dass diejenigen schon einmal etwaszuende gebracht haben. Das ist für mich aber nicht ausschlaggebend,um eine Qualifikation beurteilen zu können– dazu helfen Praktika und Probezeit weit mehr.23


Beratung und Coaching – offene Ohren und handfesteRatschlägeKann bessere Organisation und straffes Zeitmanagement es möglich machen, Familie und Beruf zu vereinbaren? Wie sind beruflicheZiele und persönliche Interessen und Wünsche unter einen Hut zu bekommen? Woran erkennt man, welche Praktikumsstelle ambesten zu den vorhandenen Qualifikationen und der neuen beruflichen Orientierung passt?Manche Fragen, die den Teilnehmerinnen unter den Nägelnbrennen, sind so persönlich oder individuell, dass sie ambesten unter vier Augen besprochen werden. Von Anfangbis zum Abschluss der achtmonatigen Maßnahme könnendie Teilnehmerinnen daher bei Bedarf Beratung in Anspruchnehmen.Magdalena Adamczyk-Lewoczko ist im Projekt zuständig fürdie Beratung bei der Entwicklung beruflicher Ziele, Interessenund Wünsche – Themen, die besonders zu Beginn jederMaßnahmen für viele der Frauen diffus sind. „Durch die beruflicheOrientierung sollen die Teilnehmerinnen dies klarererkennen – da spielen natürlich auch private Dinge mit hinein“,erläutert Magdalena Adamczyk-Lewoczko. „Ein weitererentscheidender Bestandteil ist Motivationsarbeit.Viele Frauen zweifeln an ihren Kompetenzen. Deshalb istes auch wichtig, das Assessment beratend zu begleiten. Dawerden beispielsweise Genderfragen thematisiert – vielehaben Familie und Kinder und sind daher in Bezug auf eineBerufstätigkeit sehr eingeschränkt. Nicht selten bringendie Frauen ihre Männer mit, um die Folgen ihrer möglichenBerufstätigkeit für die Familie gemeinsam zu besprechen.“Die Frage „Wie organisiere ich mich noch besser?“ ist ebenfallsein großes Thema, denn eine 6-Stunden-Teilzeitstelleist für die wenigsten Firmen vorstellbar. Das ist zwar keinspezifisches Migrantinnenproblem, aber oft eine weitere vonvielen Hürden. Hier gilt es, in der Beratung individuelle Strategienzu entwickeln, die die Anforderungen von Familie undBeruf zusammenbringen.Eine muttersprachliche Beratung gibt es im Projekt zwarnicht, aber LIFE hat nicht zufällig eine Beraterin mit Migrationshintergrundausgewählt. „Das Heimatgefühl spielt schonauch eine Rolle, zum einen wissen die Frauen, ich war in dergleichen Situation wie sie, und zum anderen bricht eine Begrüßungauf Polnisch oder Russisch mitunter das Eis“, berichtetMagdalena Adamczyk-Lewoczko. Die Beratung wirdauch deshalb auf Deutsch durchgeführt, um die Sprachkompetenzender Teilnehmerinnen einschätzen zu können.Das Beratungsangebot steht auch zugewanderten Akademikerinnenoffen, die nicht Teilnehmerinnen der Maßnahmesind, und wird gern genutzt – circa 60 Beratungen im Jahrfinden für diese Zielgruppe statt.24


Kommunikationsplattform – lernen und arbeiten, wo man willWie kann für alle Kursteilnehmerinnen Routine im Umgang mit Computer und Internet erreicht werden? Wodurch können Lerninhalteund Rechercheergebnisse einzelner Teilnehmerinnen allen verfügbar gemacht werden? Wie ist es möglich, auch in einerGruppenmaßnahme zeitlich und räumlich unabhängig zu arbeiten?Bei der Maßnahme „Mit Energie in die berufliche Zukunft“ist die Antwort auf solche Fragen immer die gleiche: „Mitder Kommunikationsplattform!“ Sie wird in der Maßnahmeeingesetzt, um unter anderem die Medienkompetenz derTeilnehmerinnen zu stärken.Online reflektieren die Frauen in schriftlichen Aufgabenihre beruflichen Ziele und Wünsche, sie können in Foren diskutieren,über die Plattform Termine absprechen, sich überArbeitsplatzangebote und Praktika informieren oder nacheinem Beratungsgespräch zusätzliche individuelle Anregungenerhalten.Auch das Angebot, sich räumlich und zeitlich unabhängigmit der Arbeitssuche oder anderen Recherchen zu beschäftigen,wird gern angenommen. Die Nutzung der Kommunikationsplattformvon Zuhause aus stellt gerade für Frauenmit Kindern eine enorme Erweiterung ihres Handlungsspielraumsdar. „Die Kommunikationsplattform ist wie ein Informationsmanagementsystem“,erläutert die eLearning-ExpertinRotraud Flindt, „Trainerinnen haben Zugriff auf alle dorthinterlegten Informationen und können darüber mit denTeilnehmerinnen kommunizieren. Und auch für die Teilnehmerinnenist das ein großer Informationspool.“25


Projektträger und Partner – ein Netzwerk für Integration undQualifizierungDer Träger LIFE e.V.LIFE ist eine unabhängige, gemeinnützige Organisation, dieseit 1988 Dienstleistungen in den Bereichen Bildung, Beratungund Vernetzung anbietet. Zielgruppen sind in erster LinieMädchen und Frauen aller Altersgruppen. Dabei ist wichtig,auch diejenigen in den Blick zu nehmen, deren Chancendurch persönliche Lebensumstände oder ethnische Hintergründeeingeschränkt sind, um soziale Ausgrenzung zu verhindern.LIFE e.V. setzt sich dafür ein, dass der Anteil vonFrauen in Naturwissenschaft, Technik und Handwerk vergrößertwird und die Ressourcen von Frauen nachhaltig in allegesellschaftlichen Bereiche integriert werden. Der Vereinwill Übergänge zwischen Schule, Ausbildung, Arbeitsmarktund Familie verbessern. Durch den Einsatz und die Weiterentwicklungneuer Lernmethoden trägt LIFE e.V. zu einerVerbesserung der Qualität der Bildung und des lebenslangenLernens bei.Das ProjektteamMagdalena Adamczyk-Lewoczko…… ist Dipl. Soziologin. Sie hat Erfahrung in der Beratungvon MigrantInnen und in der Koordination von soziokulturellenProjekten. Im Projekt ist sie zuständig für Beratung,Praktikumsrecherche und die Koordination des NetzwerksUmWeltFrauen.Martina Bergk…... ist Dipl. Ing. Energietechnik/ Kauffrau für Heizungstechnikund Dozentin für Ökologie und Ökotechnik. Im Projekt istsie zuständig für die Entwicklung von Curricula im BereichErneuerbare Energien, Branchenorientierung und Qualifizierung.Rotraud Flindt…… ist Maschinenbau-Technikerin und Lehrerin. Sie entwickeltKonzepte und didaktische Materialien für Projekte derIntegration von Frauen in den Arbeitsmarkt und hat Erfahrungenin der Technikbildung. Im Projekt ist sie zuständigfür fachliche Kompetenzfeststellung, Qualifizierung in Projektmanagementund eLearning.Andrea Simon…… ist Dipl. Soziologin, mit Diplom in Themenzentrierter Interaktion,Mitbegründerin von LIFE e.V. Sie hat Erfahrung inder Entwicklung von Konzepten für die berufliche Weiterbildung,ist Expertin für Lernmethoden, Kompetenzfeststellungund Evaluation; Leiterin des Projektes ‚Mit Energie in dieberufliche Zukunft’.Dr. Bettina Unger…… ist Literaturwissenschaftlerin und hat Erfahrung im BereichPeer Counseling zum Thema Behinderung und Beruf.Im Projekt ist sie zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit undunterstützt die Teilnehmerinnen bei der Praktikumssuche.Weitere Informationen und KontaktLIFE e.V. – Bildung Umwelt ChancengleichheitAndrea Simon, ProjektleiterinMit Energie in die beruflicheZukunft“Dircksenstr. 47, 10178 BerlinTelefon: +49 (0)30.308 798-17Mail: simon@life-online.dewww.life-online.de, Projekt KUMULUS-PLUS26


Das Kompetenzzentrum KUMULUS-PLUSDas Kompetenzzentrum KUMULUS-PLUS unterstützt Erwachsenemit Migrationshintergrund auf dem Weg in den Arbeitsmarktdurch die Kombination von Beratung, Kompetenzfeststellungund Qualifizierung. Oberstes Ziel ist es, Strategienzur Förderung der Beschäftigungsfähigkeit von Menschenmit Einwanderungshintergrund weiterzuentwickeln undnachhaltig einzusetzen. Dabei setzt KUMULUS-PLUS auf dieVernetzung mit Partnern aus Politik, Wissenschaft und Bildung.Gemeinsam mit seinen elf Transferprojekten hat dasKompetenzzentrum zielgruppenspezifische Varianten für dieBeratung zur beruflichen Integration, zur Weiterbildung undzur Beschäftigungssicherung entwickelt.KUMULUS-PLUS arbeitet im Auftrag des Bundesministeriumsfür Arbeit und Soziales und der Senatsverwaltung für Integration,Arbeit und Soziales Berlin. Es ist eines von sechsKompetenzzentren im Netzwerk „Integration durch Qualifizierung“:Träger des Kompetenzzentrums KUMULUS-PLUS istder Berliner Verein „Arbeit und Bildung e.V.“.Weitere Informationen und KontaktKUMULUS-PLUS bei Arbeit und Bildung e.V.Stefan Nowack, ProjektleitungLindenstraße 20-25, 10969 BerlinTelefon: +49 (0)30.259 30 95-24Mail: stefan.nowack@aub-berlin.dewww.kumulus-plus.deDas Netzwerk „Integration durch Qualifizierung“Das Netzwerk „Integration durch Qualifizierung“ (IQ) zieltauf die Verbesserung der Arbeitsmarktchancen von Migrantinnenund Migranten. In den sechs HandlungsfeldernBeratung, Qualifizierung, Kompetenzfeststellung, berufsbezogenesDeutsch, Existenzgründung und InterkulturelleÖffnung werden Strategien, Instrumente, Handlungsempfehlungen,Beratungs- und Qualifizierungskonzepte erarbeitetund verbreitet. Damit soll die Wirksamkeit der arbeitsmarktpolitischenInstrumente des SGB II und III verbessertwerden. Im Nationalen Integrationsplan (NIP) verpflichtetsich die Bundesregierung: „Das Beratungs- und InformationsnetzwerkIQ entwickelt im Auftrag der Bundesregierungund in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeitund nicht staatlichen Trägern neue Strategien zur Verbesserungder Arbeitsmarktsituation von Migranten, Aussiedlernund anerkannten Flüchtlingen.“Das Netzwerk besteht aus sechs bundesweit agierendenKompetenzzentren, thematischen Facharbeitskreisen undTransferprojekten. Koordiniert wird IQ von der Zentralstellefür die Weiterbildung im Handwerk (ZWH). Es wird von deranakonde GbR evaluiert. Das Netzwerk wurde vom Bundesministeriumfür Arbeit und Soziales 2005 initiiert und wirddurch dieses und die Bundesagentur für Arbeit finanziert.Weitere Informationen und KontaktKoordinierungsprojekt „Integration durch Qualifizierung“(KP IQ)Ansprechpartner/in: Wolfgang Fehl und Sabine SchröderTelefon: +49 (0)211.30 20 09-32, +49 (0)211.30 20 09-21Mail: wfehl@zwh.de / sschroeder@zwh.dewww.intqua.de27


Das Projekt „Mit Energie in die Berufliche Zukunft“ ist Teil des Projektverbundes KUMULUS-PLUS, in dem sich elfBeratungs- und Bildungsorganisationen zusammengeschlossen haben, um Menschen mit Migrationshintergrund beider Integration in den Arbeitsmarkt unterstützen.28


ImpressumLIFE e.V.Dircksenstr. 47 | 10178 BerlinTelefon: +49.30.308 798 - 0www.life-online.dev.i.S.d.P. : Andrea SimonText: Elke Knabe, profil-GummersbachGestaltung: IT depends - Miriam Asmus, Berlin, asmus@it-depends.de, www.it-depends.deDruck: Grafische Werkstatt F. Pruckner, Berlin, gw-Pruckner@t-online.deAuflage: 1000© LIFE e.V., Berlin, Mai 2010


LIFE e.V. - Bildung Umwelt Chancengleichheitwww.life-online.de

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