Wenn Sensibilität zur Krankheit wird - ACC

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Wenn Sensibilität zur Krankheit wird - ACC

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DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTWenn Sensibilitätzur Krankheit wird3


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTSensible MenschenMarilynMonroeErfolgreiche Schauspielerin und Sexsymbol,innerlich voller Ängste, häufige depressiveVerstimmungen, zunehmend medikamentenabhängig;als sie an einer Überdosis starb, hattesie noch den Telefonhörer in der Hand.PrinzessinDianaDie unvergessliche «Rose von England» hatteein weiches Herz, liebte die Menschen undwurde in den Zwängen des Hofes nicht glücklich.Wegen ihrer Verstimmungen suchte siebei vielen Therapeuten Hilfe.Yves SaintLaurentEiner der bekanntesten Modeschöpfer derWelt, enorm kreativ und doch völlig vereinsamt.«Mein einziger Begleiter ist die Angst.»Henri J.M.NouwenDer bekannte Professor für Spiritualität kamseelisch immer wieder an seine Grenzen. Mitetwa 50 stieg er aus einer glanzvollen Karriereaus um in einer kleinen Gemeinschaft vonbehinderten Menschen mitzuleben und seinLeben mit ihnen zu teilen.vincentvan goghKaum ein Maler konnte die Natur so sensibelwahrnehmen und eindringlich auf dieLeinwand bannen. Wurde einmal als «Persönlichkeitmit leicht erregbaren Affekten»beschrieben.3


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTSensibilität – Gabe und LastDiskussion«Ich bin sensibel» – positiv— feinfühlig— intensives Empfinden— tiefes Wahrnehmen und Erleben— angesprochen von der Schönheit in Natur,Kunst, Musik, Dichtung, Film undBeziehungen— nicht unberührt vom Leid andererMenschen— sensitiv für das ÜbernatürlicheTragen Sie in Gruppen von ca. vier Personenweitere Beispiele für das Erleben von Sensibilitätzusammen!Positive Aspekte der Sensibilität: ...........................................................................................................................................................................................................................................................«Ich bin sensibel» – negativ— überempfindlich— verletzlich / vulnerabel— liest (und spürt) zwischen den Zeilen— denkt zuviel nach— introvertiert und schüchtern— ängstlich— nicht belastbar / keine Reserven— schnell an meinen Grenzen— mir kommt alles zu nah— ich kann mich nicht wehren— oft von Eindrücken so überwältigt,dass ich nichts mehr sagen kann— ich lese zuviel in jedes Verhaltens desGegenübers hinein und verarbeite esnegativ— Neigung zur Überreaktion— rasch gereizt, verstimmt— körperlich rasch erschöpft— Gefühle schlagen mir raschauf den Magen etc...........................................................................................................................................................Negative Aspekte der Sensibilität.......................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................4


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTDie Rolle der Kindheitsimon ist hochsensibelimon kam in der Primarschule einfach«Snicht zurecht. Die Schulpsychologinstellte fest, dass Simon hochsensibel sei. Bereitskleine Unstimmigkeiten riefen bei ihmkörperliche Leiden wie Migräne und Asthmahervor. Um im Unterricht bestehen zu können,brauche er eine geordnete Tagesstruktur mitMittagstisch und Aufgabenbetreuung. Ausserdemsei der Musikunterricht sehr wichtig. DasKlavier helfe ihm, Stress abzubauen.Die Schulpsychologin kam zum Schluss, dassSimon in einer staatlichen Schule nicht bestehenkann.» Die Eltern schickten ihn deshalb aneine freie Schule, wo sich sein Gesundheitszustanddeutlich verbessert hat.(aus einer Zeitungsmeldung)FRÜHE UNTERSCHIedeStudien zeigen, dass es schon in den erstenTagen unterschiedliche Verhaltensmuster beiNeugeborenen gibt (z. B. Saugverhalten beimWechsel von normalem Wasser zu gesüsstemWasser = neuer Stimulus); zwei Jahre spätererwiesen sich diejenigen Kinder, die am stärkstenreagiert hatten, auch am sensibelsten derganzen Gruppe.In der Abbildung auf Seite 16 wird die Kindheitunter den weiteren Begriff «PsychosozialesUmfeld» gefasst. Damit wird angedeutet, dassdie Kindheit allein nicht ausreicht, um spätereÄngste, Hemmungen und Depressionen zu erklären.Dennoch ist die Kindheit natürlich einewesentlich prägende Zeit für das spätere Leben.Erfährt ein Kind Geborgenheit und Förderung, sowird die Basis für die Entwicklung von Selbstvertrauenund Sicherheit im Leben gelegt.Muss es aber Ablehnung, Abwertung und Lieblosigkeiterleben, so kann es gerade bei sensiblenKindern zu schweren seelischen Wunden kommen.Dennoch begegnen uns immer wiederübersensible oder «neurotische» Menschen,die eine geordnete Kindheit ohne traumatischeErfahrungen hatten. So muss man mit demUmkehrschluss: «Wenn jemand neurotisch ist,dann ist die Mutter schuld!» ausserordentlichvorsichtig sein.Literatur: U. Nuber: Der Mythos vom frühen Trauma.Über Macht und Einfluss der Kindheit. Fischer, Frankfurt. — A.Pfeifer: Mütter sind nicht immer schuld. SCM-Brockhaus, Haan.Gehemmte Kinder haben eine intensivereReaktion vom limbischen zum sympathischenNervensystem als ungehemmte Kinder. Ihre Reaktionauf Ungewohntes ist schon mit 3 JahrenZurückhaltung, Vermeiden, Verstummen undmanchmal Weinen.Ungehemmte Kinder «beginnen das Leben miteiner Physiologie, die es ihnen leichter macht,spontan, entspannt und eifrig im Erkunden vonneuen Situationen zu sein.»Literatur: Kagan J.: Die drei Grundirrtümer der Psychologie.Beltz.Neue Entdeckungender GenetikStichwort «Epigenetik»: Entgegen früherenVorstellungen eines stabilen genetischenCodes gibt es heute Hinweise auf einen prägendenEinfluss von Traumata, die zur Veränderungder Genexpression führen.Literatur: Murgatroyd C & Spengler D (2011).Epigenetics of early child development. Frontiers in Psychiatry2:1-15. - Nestler E (2011). Hidden Switches in theMind. Scientific American, December 2011, 57-63.Paslakis G et al (2011). Epigenetische Mechanismen derDepression. Nervenarzt 82:1431–1439.6


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTNeurosengeschichtlicheStreiflichterCullen (1777): erstmalige Verwen-dungdes Begriffs «Neurose» für die Gesamtheit derErkrankungen des Nerven-systems.19. Jh.: Namensgebung nach dem vermeintlichenSitz der Erkrankung: «Herzneurose»,Hysterie (Gebärmutter), Hypochondrie(Magen-Darm-Kanal) – heute bekannt alspsychosomatische Syndrome.20. Jh.: geprägtdurch Sigmund Freud:Eine Neurose ist einepsychisch bedingteGesundheitsstörung,deren Symptome unmittelbareFolge odersymbolischer Ausdruck eines krankmachendenseelischen Konfliktes sind, der unbewusstbleibt. Die Wurzeln sind in der Kindheit und imFehlverhalten der Eltern zu suchen.definition der neurosenNeurosen sind psychische Störungen, die sichin bestimmten Symptomen – Angst, Zwang,traurige Verstimmung, übermässige Sensibilität– oder in bestimmten Eigenschaften – Hemmung,Selbstunsicherheit, Gefühlsschwankungen,innerer Konflikthaftigkeit – äussern.Der Wirklichkeitsbezug ist im allgemeinen intakt.Gestörte Gedanken und Gefühle gehen ofteinher mit körperlichen Funktionsstörungen.Das Verhalten verletzt gewöhnlich die Normender Umgebung nicht aktiv, doch kannes die Leistungsfähigkeit herabsetzen und zuBeziehungsstörungen führen.Im weitern gelten folgende Grundregeln:— die Symptome treten ohne Behandlunganhaltend oder phasenweise auf— die Symptome sind nicht eine vorüberhendeReaktion auf eine Belastung.Bei den meisten Neuroseformen lässt sichkeine organische Ursache im engeren Sinnenachweisen, doch gibt es Hinweise auf genetischeFaktoren und Stoffwechselstörungenim Gehirn — (nach Tölle)häufigkeitetwa 10 Prozent der Bevölkerung leiden (nachalter Diagnostik) an einer Neurose, etwa20 Prozent an einer Persönlichkeitsstörung.Frauen sind deutlich häufiger betroffen alsMänner.Soziale Schicht: starke Häufung in der «Unterschicht»,aber leichtere Störungen auchin mittleren und höheren Schichten häufig.Familienstand: Häufigkeit neurotisch-psychosomatischerStörungen: Geschiedene 18,3%; Verwitwete 15,6 %; Verheiratete 10,9%; Ledige 8,8 %.8


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTDer sensible MenschUnter diesem Titel veröffentlichte derfrühere Aachener Psychiatrie-ChefarztProf. Dr. Wolfgang Klages 1978 ein faszinierendeskleines Buch. Es folgen einigewesentliche Leitgedanken daraus.Sensible Menschen führen ein Eigenlebenzwischen Normalpsychologie undPsychopathologie; sie überschreitendas psychologisch Verstehbare, abererreichen nicht den Grad einer psychischenKrankheit im engeren Sinne.sensiblewahrnehmungals Auslöser für intensive Gefühle und Reaktionen(nach Klages)Geruchssinn: Geruch (z.B. frische Wäscheoder Krankenhausgeruch) ruft intensive Gefühle,Erinnerungen wach, die die Person alsGanzes stark beschäftigen; aber auch: «Ichkann dich nicht riechen.» Enge Koppelungzwischen Sinneswahrnehmung und Gefühlen.«Jeder Geruch ist die Überschrift einesLebenskapitels».Geschmacksempfindung: «Den süssen,fast bitteren Geschmack von Honig vertrageich nicht. Er lähmt geradezu meine Zunge undich empfinde den Geschmack so intensiv, dasses mich quält.» (Proust)Gehörssinn: übermässige Lärmempfindlichkeit:selbst leise Geräusche werden alsständige Lärmbelästigung bis zum physischenSchmerz erlebt. Aber auch im übertragenenSinne: «Sie hört das Gras wachsen.»Gesichtssinn: intensives Erleben von Farbenund Formen; Farben lösen oft intensivsteAssoziationen aus (rot = Blut!)Tastsinn: so wichtig für Kontaktaufnahme(z.B. Zärtlichkeiten);Unterschiede:Empfindung von Seide oderFrotteetuch auf der Haut.Synästhesien: Das Hinüberwirkenvon Sinneseindrücken inandere Sinnesgebiete: Malerei vonChagall löst das innere Hören vonBach-Musik aus.Schreckreflex: Übermässige Reaktion(Zusammenzucken, Aufspringen, Schreckensschrei,ZIttern) auf Geräusche, Licht,Berührung.ANMERKUNG: Bereits 1945 veröffentlichte der ArztDr. E. Schweingruber ein Büchlein mit dem Titel «Der sensibleMensch» (Rascher Verlag Zürich)weitereBesonderheitenEmpfindlichkeit: «Wegen eines härterenWortes konnte er die ganze Nacht überschluchzen» (Proust). Von diesen Empfindlichkeitengegenüber einem unglücklichen Wortsind die Sensiblen meist selbst sehr gequält.Sie können nicht «abschalten» und geltendeshalb oft als nachtragend.Ringen mit Worten: «Man kann das Wortnicht wieder einfangen, es ist sozusagen verlorenund ich kann es nicht wieder einfangen.»Im Ringen um das richtige Wort entsteht ofteine abgehackt-unsicher wirkende Sprechweise,bis zum Verstummen.12


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTModerne SyndromeErschöpfbarkeit: Sensible Menschen leidenunter einer deutlich erhöhten Ermüdbarkeit.«Durch die vielen Eindrücke des Tages binich abends so kaputt, dass ich froh bin, wennich mich zurückziehen kann. Ich kann dannauch kein Fernsehen mehr sehen. Ich bin froh,wenn die Dämmerung eintritt.»Verstimmungen: Die Stimmungslage istdeutlich störanfälliger, labiler, verletzbarer.Es kann ein rascher Stimmungswechsel einsetzen,der für Aussenstehende nur schwernachvollziehbar ist. Oft werden die Betroffenenals «launisch» erlebt.Körpergefühle werden oft sehr intensivund eigenartig wahrgenommen und blockierendas normale Empfinden. Beispiel FranzKafka: er empfand «eine Spannung, die sichmir über die linke Schädelhälfte öfters legt,die sich wie ein innerer Aussatz anfühlt.»Sexualität: auf der einen Seite grosse Erlebnistiefe;auf der andern Seite Störungendes Sexualverhaltens, die aus mangelndem«Sich-Fallen-Lassen», Unsicherheit und Zaghaftigkeitentstehen. vgl. auch S. 29EKEL: wird von sensiblen Menschen oft besondersintensiv wahrgenommen. Gerücheoder äussere Merkmale anderer Menschenkönnen zu intensiver Abneigung führen. Darausresultiert eine Kontaktstörung, die rationalnicht einfühlbar ist.Chronic Fatigue Syndrome (CFS)Ein Syndrom mit andauernder Müdigkeit,die die körperliche und psychische Funktionbeeinträchtigt und die Leistungsfähigkeit(beruflich und privat) herabsetzt.Multiple Chemical Sensitivity(MCS) inkl. vermutete Krankheiten durchAmalgam und Elektrosmog (z.B. vonHandys)Sick building syndrome (SBS)Erschöpfung durch vermutete giftigeAusdünstungen von Kunststoffen, Baumaterialien,Farben etc.paranormaleSensitivitätBei sensiblen Menschen ist «eine besondereAufgeschlossenheit für sensible Eindrückeund Empfindungen aus parapsychologischen,esoterischen Bereichen zu beobachten, allerdingsbei absolut kritischer Distanz und Erhaltungdes Realitätsgefühls.»«Zweifellos ist es von der blossen Aufgeschlossenheitbis zu echten parapsychologischenFähigkeiten noch ein weiter Schritt.»Beispiel: Eine sehr künstlerisch begabteFrau verliert ihre 31-jährige Tochter durchein Krebsleiden. Sie erzählt: «Wir hatten vorihrem Tod eine intensive Zeit des Abschiednehmens.Sie ist zwar nicht mehr da, aber ichhabe oft den Eindruck, ich spüre ihre Nähe inder Wohnung, als wäre ihr Geist unsichtbar inmeiner Nähe.»13


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTNeue BegriffeDer Begriff «Neurose» ist zwar heute in derPsychiatrie nicht mehr aktuell, aber die Problemebestehen nach wie vor.andere begriffe— Subklinische Störungen— Atypische Depression— Maskierte Depression— Subsyndromale Störung— Spectrum Disorders— Subthreshold Disorders— Psychovegetative DystonieKennzeichen— Die Kriterien für eine klassische Störungsind nicht voll erfüllt— Zeitlich begrenzte oder isolierte Symptome,verbunden mit einer depressivenVerstimmung— führen zu einer deutlichen Einschränkungin Beziehungen, im Beruf oder anderenwichtigen Lebensbereichen— Es entstehen «emotional aufgeladene Beziehungen»mit der Gefahr der Abhängigkeit.Beispiel DianaPrinzessin Diana litt an vielfältigenseelischen und psychosomatischen Beschwerdenund suchte unzählige Ärzte,Psychotherapeuten und Alternativheiler auf.Aus ihrer Biographie sind folgendeProbleme bekannt: starke Stimmungsschwankungen,Depressionen, Suizidversuche,Essstörungen, Ängste, seelischeAbhängigkeit.Literatur: S.B. Smith (1999). Diana insearch of herself. Portrait of a troubled princess.New York: Times Books.Spectrum DisordersZwangsstörungAngststörungenPhobienHyperaktivitätReizbarkeitDysthymieDepressionErschöpfungSensibleGrundpersönlichkeitSomatisierungEmotionaleInstabilitätAnorexieBulimievegetativesSyndromMigräneReizdarmStudien haben gezeigt, dass eineAngststörung oder eine Depressionnur ganz selten in «reiner» Formauftritt. Fast immer findet sich beider gleichen Person eine Palette vonanderen Problemen. Aus diesemGrund spricht man deshalb heute von«Spectrum Disorders».Medikamente gegen Depressionenführen deshalb oft auch zu einer Verbesserungbei anderen Störungen desSpektrums (vgl. S. 38).15


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTWie entstehen sensible Syndrome / Neurosen?16


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTWann wird Sensibilität zur Krankheit?In der Literatur spricht man von einer«Schwelle» (engl. threshold).Solange eine Person mit ihren Kräften dieAufgaben meistert, die an sie herangetragenwerden, solange ist die Sensibilität «unterschwellig».VerlaufsformenSensibilität wird dann zur Krankheit, wennfolgende Lebensbereiche beeinträchtigtsind:GenussfähigkeitBeziehungsfähigkeitLeistungsfähigkeitWenn bei einem Menschen eine neurotischeStörung auftritt, wenn also die Sensibilitätzur Krankheit wird, so gibt es folgendeHeilungsverläufe:20 ProzentHeilung:einmalige Krise60 ProzentBesserung:mehrfache Krisen,allmähliche Abflachung20 ProzentChronI fizierung:langdauernder Verlauf mitdeutlicher Einschränkungdes ganzen Lebens17


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTPersönlichkeitDefinitionenPersönlichkeitszüge sind überdauernde– Muster der Wahrnehmung– Muster des Beziehungsstils– Muster des Denkens über die Umwelt undüber sich selbstAus diesen drei Haupt-Elementen entsteht inkomplexer Weise die Lebens– und Beziehungsgestaltung,die wir mit dem Begriff Persönlichkeitumschreiben.Die Grundzüge der Persönlichkeit werden auchals Temperament bezeichnet. Dieses wirdvererbt, dann aber durch Lebenserfahrungen(Umwelt) geprägt. So entsteht der Charakter,der durch das Leben herangebildet wird.Beschreibungen derPersönlichkeitEs gibt viele Persönlichkeits-Typologien, vondenen nur zwei Beispiele aufgeführt werden.A) Griechische Typologie:melancholisch,sanguinisch,cholerischphlegmatischWährend die Griechen ein Ungleichgewicht der«Säfte» für die Charakterunterschiede verantwortlichmachten, spricht man heute eher vonden Genen. Insgesamt hat aber die griechischeLehre von den Temperamenten bis heute wichtigeImpulse gegeben, die auch in der Forschungbestätigt wurden.Literatur: M. Zentner: Die Wiederentdeckung des Temperaments.Junfermann Verlag.sanguinikermelancholikerCholerikerphlegmatikerstärkengesprächig, extrovertiert,begeisterungsfähig, warmherzig,angenehm, freundlich, mitfühlendtiefgründig, analytisch, empfindsam,perfektionistisch,ästhetisch, idealistisch, treu,aufopferndwillensstark, entschlossen,unabhängig, optimistisch,praktisch, produktiv, führungsbegabtruhig, zuverlässig, konservativ,leistungsfähig, praktisch, diplomatisch,humorvoll, führungsbegabtschwächenwillensschwach, ruhelos,undiszipliniert, übertreibendunzuverlässig, egozentrisch,lauttheoretisch, unpraktisch, ungesellig,mürrisch, negativ,kritisch, rachsüchtig, steifdominant, zornig, grausam,stolz, selbstzufrieden, unemotional,sarkastischgeizig, ängstlich, unentschlossen,beobachtend, auf eigenenSchutz bedacht, selbstsüchtig,unmotiviert.18


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTB) MehrdimensionaleBeschreibungen:Die moderne Persönlichkeitsdiagnostik versucht,den Menschen in Dimensionen zubeschreiben.z.B. zwölf Skalen nach dem FreiburgerPersönlichkeitsinventar (FPI)z.B. 10 Standardskalen beim MMPI (aus550 Fragen!)z.B. 16 Skalen nach dem 16-PF-Testz.B. 5 Dimensionen nach dem NEO-FFIFünf Dimensionen derPersönlichkeit (Neo-ffi):1. Extraversion versus Introversion2. Emotionale Stabilität versus emotionaleLabilität3. Grad der Offenheit für Erfahrungen (Intelligenz,aber nicht im Sinne von IQ-Tests)4. Grad der Gewissenhaftigkeit5. Grad der Verträglichkeit (Wie angenehmist ein Mensch im Umgang?)Neun Dimensionen des Temperaments(Chess und Thomas):1. Aktivität2. Regelmässigkeit3. Annäherung – Rückzug4. Anpassungsvermögen5. Sensorische Reizschwelle6. Stimmungslage7. Intensität8. Ablenkbarkeit9. Ausdauereinige Testfragen für«Neurotizismus»Brauchen Sie oft verständnisvolle Freundezur Aufmunterung?Fällt es Ihnen schwer, ein «Nein» als Antworthinzunehmen?Wechselt Ihre Stimmung häufig?Werden Sie plötzlich schüchtern, wenn Siemit einem Fremden sprechen wollen, derfür Sie attraktiv ist?Grübeln Sie oft über Dinge nach, die Sienicht hätten tun oder sagen sollen?Sind Ihre Gefühle verhältnismässig leicht zuverletzen?Schäumen Sie manchmal vor Energie über,während Sie das andere Mal ausgesprochenträge sind?Verlieren Sie sich oft in Tagträumereien?Werden Sie oft von Schuldgefühlen heimgesucht?Würden Sie sich als innerlich gespannt undempfindlich bezeichnen?(aus dem Eysenck-Persönl.-Inventar)Drei Persönlichkeits-Konstellationen:1. einfach (easy)2. langsam auftauend (slow-towarm-up)3. schwierig (difficult): Unregelmässigkeitbiologischer Funktionen, Rückzugsreaktionenangesichts neuer Situationen undMenschen, langsames Anpassen an Veränderungen,hohe Intensität von Reaktionen,negative Stimmlungslage, unregelmässigeEss– und Schlafgewohnheit.Unterscheiden: hat jemand nur Schwierigkeiten,warm zu werden in fremder Umgebung,oder ist jemand auch schüchternin einer bekannten Umwelt?literatur: W. Möller-Streitbörger: Die «Farbe» derPersönlichkeit. Die Psychologie hat das Temperament wiederentdeckt.Psychologie Heute, März 1995, S. 20–29.19


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTPersönlichkeitsstörungenDEFINITIONMenschen mit Persönlichkeitsstörungen weisenfolgende Merkmale auf:— Deutliche Unausgeglichenheit in den Einstellungenund im Verhalten in mehrerenFunktionsbereichen wie Gefühlsausdruck,Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmenund Denken sowie in den Beziehungen zuanderen.— Das auffällige Verhaltensmuster ist andauerndund gleichförmig und nicht auf Episodenpsychischer Krankheit beschränkt.— Das auffällige Verhaltensmuster ist tiefgreifendund in vielen persönlichen undsozialen Situationen eindeutig unpassend.— Die Störungen beginnen immer in derKindheit oder Jugend und manifestierensich auf Dauer im Erwachsenenalter.— Die Störung führt zu deutlichem subjektivemLeiden, manchmal jedoch erst imspäteren Verlauf.Merke:1. Persönlichkeitsstörungen sind nach heutigerAuffassungen nicht Neurosen im engerenSinne, können aber vom Schweregrad hernicht immer klar davon abgegrenzt werden.(vgl. S. 17: fliessender Übergang zwischenPersönlichkeitsproblemen und ausgeprägtenAngststörungen)2. Die folgenden Stichworte sind rein beschreibend.Sie sollen nicht werten. Oftmalssind die letzten Ursachen nicht bekannt,auch wenn aus der Lebens-geschichte mancheVerhaltens– und Reaktionsweisen besserverständlich werden.3. Die Typologie ist nicht Ausdruck vonHoffnungslosigkeit – «so bin ich eben!» – Diepositive Veränderung einer Persönlichkeitist in günstigen Fällen durch Nachreifungoder bewusste Bearbeitung störender Reaktionsmusterin Therapie und Seelsorgemöglich. In manchen Fällen muss man aberden Betroffenen helfen, konstruktiv mitden Grenzen zu leben, die ihnen durch ihrePersönlichkeitsproble matik gesetzt sind.— Die Störung ist meistens mit deutlichenEinschränkungen der beruflichen und sozialenLeistungsfähigkeit verbunden oder siekann zu intensivem Leiden führen.20


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTDas Spektrum der PersönlichkeitsstörungenIntroversionDesorganisationVerträglichkeitSensibilitätim engerenSinneselbstunsicherdependentzwanghaftschizoidNeurotizismusparanoidpassivaggressivBorderlinehistrionischantisozialnarzisstischAggressivitätDie dunkleSeite derSensibilitätExtraversionGewissenhaftigkeitOffenheitDimensionen der PersönlichkeitAbbildung: Persönlichkeitsstörungen haben viele Facetten. Im Zentrum steht ein Grundmuster,das sich Neurotizismus (S. 19) nennt.Die obige Abbildung versucht, die unterschiedlichenPersönlichkeitsstörungenin einen Gesamtzusammenhang zu bringen.Im Zentrum steht das verbindende Elementdes «Neurotizismus» vgl. S. 19). Menschenmit dieser Eigenschaft zeigen emotionaleSchwankungen, innere Unruhe und Nervosität,erhöhte Ängstlichkeit und Störbarkeit (Ärger),verstärkte und lang dauernde Stressreaktionen,vermehrte Unsicherheit und Verlegenheit,Klagen über körperliche Beschwerden(z.B. Kopfweh, Bauchbeschwerden, Schwindelanfälle)sowie vermehrte Traurigkeit beikleinem Anlass. Sie neigen dazu, alltäglicheSituationen als bedrohlich, und kleine Frustrationenals problematisch zu erleben; dasAushalten von Wünschen und Strebungensowie das Aufschieben von Bedürfnissen fälltihnen schwer. Nun gibt es zwei grosse Gruppen:» Menschen mit einer Sensibilität im engerenSinne wecken Mitgefühl und Verständnis,weil ihre Eigenschaften «sozialverträglich»sind.» Anders Menschen mit den Eigenschafteneiner extremen Introversion, Desorganisation,Aggressivität oder demonstrativen(evtl. auch provokativen, selbstbezogenen)Verhaltensweisen. Auch sie reagieren sensibel,aber in einer Art, die an andern Anstossnimmt und andere verletzt. Sie repräsentierendaher «die dunkle Seite» derSensibilität.21


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTPersönlichkeitsstörungen — ihre FormenPARANOIDE PERSÖNLICHKEIT– sehr empfindlich auf Misserfolg und vermeintlicheDemütigung– verdreht neutrale und freundliche Handlungenund deutet sie als feindlich oderverächtlich– streitbar für «Recht» und «Wahrheit» – überhöhtesSelbstwertgefühl bei gleichzeitigemEindruck, ständig gedemütigt und ausgenutztzu werden.Synonyme: Fanatische oder QuerulatorischePersönlichkeitSCHIZOIDE PERSÖNLICHKEIT– auffallender Rückzug von sozialen und emotionalenKontakten– autistische Vorliebe für Phantasie und introspektiveZurückhaltung– exzentrisches Verhalten– geht Konkurrenzsituationen aus dem Weg– wirkt kühl, zurückhaltendSCHIZOtypische PERS.– Beziehungsideen (aber nicht Wahn), magischesDenken und ungewöhnliche Wahrnehmungenbzw. Illusionen– extreme soziale Ängstlichkeit, keine engenFreunde oder Vertraute– Verhalten und äussere Erscheinung wirkenoft seltsam und exzentrischAntisoziale PERS.– ist unfähig, über längere Zeit eine dauerhafteTätigkeit auszuüben– mangelnde Anpassung an gesellschaftlicheNormen, fehlendes Verantwortungsgefühlund Wahrheitsempfinden– mangelnde Rücksichtnahme– oft reizbar und aggressiv, mit unangemessenerGewalttätigkeit und Gefühlskälteohne Gewissensbisse– Impulsivität und niedrige FrustrationstoleranzSynonyme: Dissoziale, soziopathischePersönlichkeitBORDERLINE-PERSÖNLICHKEITauch «emotional instabile Persönlichkeit».Angst vor dem Alleinsein, instabile Beziehungen,intensive Stimmungsschwankungen,Impulsivität, häufig Suizidalität undSelbstverletzungen, chron. Gefühlder Leere, «Ich hasse dich – verlassmich nicht!»Hinweis: diesem Thema ist eineigenes Heft gewidmetHISTRIONISCHE PERS.– sehnsüchtiges Verlangen nach Anerkennungund Aufmerksamkeit– übertrieben attraktiv, verführerisch– zeigt übertrieben ihre Gefühle– rasch wechselnde und oberflächliche Gefühle– sexuelle Unreife: Frigidität oder übermässigesAnsprechen auf sexuelle Reize– unter Stress — Konversions-Symptome (Lähmungen,Stimmlosigkeit etc.)Synonyme: Hysterische oder Infantile (unreife)PersönlichkeitNarzisstische Pers.– Muster von Grossartigkeit, Mangel an Einfühlungsvermögen– reagiert auf Kritik mit Wut, Scham oder Demütigung;leicht kränkbar– nützt Beziehungen für seine eigenen Zweckeaus– übertriebenes Selbstwertgefühl– meint, seine Probleme seien einzigartig– hohe Ansprüche und übermässige Erwartungenan andereD r . MED. SAMUEL p FEIFErBorDErLINEEMo TIo NAL INSTABILEp E r SÖNLICHKEITSSTÖr UNgDIAg N o SE – THEr A p IESEELSorgEp SYCHIATr IE SEELSorgESEMINAr HEFT22


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTselbstunsichere PERS.– durch Kritik oder Ablehnung leicht verletzt– Beziehungen nur, wenn sie sicher ist, akzeptiertzu werden– in Gesellschaft zurückhaltend aus Angst,etwas Unpassendes oder Dummes zu sagenoder eine Frage nicht beantwortenzu können– befürchtet, sich vor andern zu blamieren– häufig vegetative Symptome vor gesellschaftlichenVerpflichtungenABHÄNGIGE PERSÖNLICHKEIT– unfähig, eigene Entscheidungen zu treffen,ohne ständig den Rat anderer einzuholen– wenig Eigeninitiative, schwache Reaktionauf Anforderungen des täglichen Lebens,leidet unter Energiemangel– Willfährigkeit gegenüber Wünschen andererMenschen, Abhängigkeit vonanderen– fühlt sich alleine meist unwohl und hilflos,sucht dies zu vermeiden– wenig Fähigkeit, sich zu freuenSynonyme: Dependente, asthenische, inadäquatePersönlichkeitZWANGHAFTE PERS.– ständige Unsicherheit, Selbstzweifel, Gefühlder eigenen Unvollkommenheit– übertriebene Gewissenhaftigkeit, Kontrollieren,Eigensinn, Vorsicht– Perfektionismus, Sammelwut, Bedürfnisnach ständiger Kontrolle– geistige Unbeweglichkeit (Rigidität) undZweifelsucht.Hinweis: ausführliche Beschreibungen imHeft «Zwang und Zweifel»Passiv-aggressive Pers.– passiver Widerstand gegenüber Forderungennach angemessenen Leistungen im Berufund Privatleben– schiebt ständig Dinge auf und verpasstFristen– wird mürrisch und reizbar, wenn etwas verlangtwird, was er nicht möchte– glaubt, besser als andere zu sein und wertetderen Bemühungen ständig ab.Hinweis:die obigen Beschreibungen lehnen sich an andas DSM-IV (=Diagnostisches und StatistischesManual Psychischer Störungen, 4. Revision)ÜBUNGTragen Sie in Gruppen von etwa vier Personenzusammen, wie unangepass tes Verhaltenanderer Menschen auf Sie gewirkt hat .– Welchen Einfluss hatte dieses auf Ihre Beziehungenzu diesen Menschen?– Wie sind Sie Menschen mit diesem unangepasstenVerhalten begegnet?23


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTBiblische Aspekte vonPersönlichkeits-störungenDie Bibel ist kein Psychopathologie-Buch imengeren Sinne. Daher finden sich auch keineausführlichen Beschreibungen der oben genanntenPersönlichkeitsstörungen darin.Einzelne Stellen deuten aber doch darauf hin,dass es Menschen in den biblischen Berichtengab, deren Verhalten oder deren Grundeinstellungzu Schwierigkeiten im Zusammenlebenführten:– schwaches Gewissen (Römer 14,1. Kor. 8, 1. Kor. 10)– «kleinmütige», «schwache» Menschen (1.Thess. 5:14)– Menschen mit einem «Brandmal im Gewissen»(1. Tim. 4:2)literatur: Gute Beschreibungen mit seelsorglichenHilfestellungen finden sich in demBuch von D. Seamands: Heilung der Gefühle.Edition C. — L. Parrott: Einfach nervig.Vom Umgang mit anstrengenden Mitmenschen.Schulte & Gerth.ÜBUNGBilden Sie Gruppen von etwa vier Personen:Lesen Sie die angegebenen Bibelstellen undversuchen Sie diese mit den erwähnten Persönlichkeitsproblemenin Bezug zu bringen.Kommen Ihnen noch weitere Personen in derBibel in den Sinn, die unangepasstes Verhaltenhatten?EMPFEHLUNGEN FÜRDIE BEHANDLUNG VONPERSÖNLICHKEITSSTÖRUNGEN(nach Andreasen, Lehrbuch derPsychiatrie, S. 309)1. Manche Menschen mit Persönlichkeitsstörungenkönnen schwierig sein. Stellen Siesich darauf ein.2. Die Betroffenen haben seit langer Zeit Problemeund die Therapie wird wahrscheinlichebenso lange dauern. Jahrzehnte langdauerndes unangepasstes Verhalten istnicht leicht zu verstehen oder zu verändern.3. Halten Sie Grenzen ein. Sie sind nicht seinFreund oder Mitarbeiter, sondern seinTherapeut / Seelsorger.4. Legen Sie Grundregeln fest (feste Termine,klare Aufgaben, klare Regeln bei Krisen)5. Vermeiden Sie die Phantasie, sie könntenden Betroffenen «retten». Wenn die Persönlichkeitsstörungschon längere Zeitbesteht, hat der Patient sicher auch schonandere Therapeuten ohne Erfolg aufgesucht.Warum sollten Sie eine Ausnahmesein?6. Suchen Sie Unterstützung bei Kollegenund in der Supervision.24


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTLebensstil und GlaubensstilschizoidnarzissT.Persönlich -keitenglaubensinhalt frömmigkeitsstil gemeinschaftsverhaltenAbgehobene Gottesbeziehung;Angst vorAbhängigkeit undSelbsthingabe, Ablehnungvon KorrekturÜbermässige Abgrenzung:«Wir und die andern.»Selbstbezogen,welt– und realitätsfremd.Neigung zu Tagträumenund MystikÜbermässige Empfindlichkeitohne Einfühlungin andere. Distanziert,wenig spürbar, raschesGefühl der BedrohungdepressivängstlichePersönlich -keitenAngstbetonte Gottesbeziehung;Angst vorVerurteilung durchGott und Menschen.Schuld– und Minderwertigkeitsgefühle.Negatives GottesbildLeben als Opfer fürGott und Mitmenschen,Märtyrer-Rolle;Unsicherheit, Angst;Schutzwall gegen aussen.Melancholie, Pessimismus,Freudlosigkeit,Rückzug, Energiemangel,Selbstzweifel;Hemmung oder anklammerndeAbhängigkeitZwanghaftePersönlichkeitenRigide Gottesbeziehung,Angst vor Veränderungund Regelverletzung.Neigung zu grüblerischemZweifel.Gesetzlichkeit,UnfreiheitAbsicherung durchstarre Regeln und Riten.Mangelnde Anpassungsfähigkeit;zwingtandern seine Regeln auf,Rechthaberei aus tieferUnsicherheit.hysterischepersönlichkeitenInstabile Gottesbeziehung,Angst vorFestlegung, vor demEndgültigen; Neigungzur Oberflächlichkeitdramatisch, gefühls–und ausdrucksstark,übermässig abhängigvon GefühlenNeigung zur Selbstdarstellung.Hohe Erwartungenan andere;Propheten-Rolle oderdramatische Abhängigkeit.Einschränkung: Sowohl die Typen als auch die Auswirkungen auf den Glauben sindmodellhaft und unvollständig. Oft kommt es zu Überschneidungen und Mischformen. Dennochkönnen die obigen Hinweise hilfreich zum besseren Verständnis sensibler Menschen mit Persönlichkeitsproblemensein.25


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTKonfliktverarbeitungein BeispielEine Kindergärtnerin erzählt. «Mein Berufbedeutet mir enorm viel. Aber jetzt habe icheinen Mann kennengelernt. Wie soll ich michentscheiden? Wenn ich heirate, muss ich umziehenund die Stelle aufgeben! Oft bin ichso angespannt, dass ich unser Zusammenseinnicht geniessen kann.»Was ist ein Konflikt?Wenn zwei Strebungen von vitaler Bedeutungwidersprüchlich oder unvereinbar werden,und sich die betroffene Person unter Entscheidungsdruckbefindet, so spricht man voneinem Konflikt. Ein solcher Konflikt bestehtnicht nur zwischen Innen und Aussen, zwischenTrieb und gesetzlicher Ordnung, sondernauch im Inneren (verinnerlichter Konflikt).Oft handelt es sich nicht nur um gegensätzlicheStrebungen, sondern auch Strebungen,die nicht gleichzeitig verwirklicht werden kön-Ein faszinierendes Bild der seelischenKonflikte eines jüdischen Jungen zeichnetder Autor Chaim Potok. Einerseits möchteAsher am Glauben und an den Bräuchenseiner Eltern festhalten, andererseits spürter das Bedürfnis, seine Gefühle im Malenauszudrücken, was bei den Chassidim verbotenist.nen. Schliesslich kann ein Konflikt durch Frustrationentstehen, also durch die Versagungeiner vitalen Strebung (Wie geht jemand damitum? – Frustrationstoleranz, Resignation,Aggression?).Konflikte entstehen oft auch in einer Versuchungssituation:Es besteht ein Anreiz, einBedürfnis auszuleben, obwohl dies von derUmwelt abgelehnt wird oder sogar den eigenenIdealen widerspricht.Vitale Strebungen, die zu Konfliktenführen können:— Bedürfnis nach mitmenschlicher Näheund Liebe— Bedürfnis nach Anerkennung— Sexuelle Wünsche und Triebe— Aggressionsregungen— Machtstreben— Streben nach Genuss, Besitz, Wissen— Streben nach Versorgung und SicherheitIch, Es und Über-IchOft fühlt sich eine Person (ICH) hin– undhergerissen zwischen grundlegenden Wünschen,Bedürfnissen, Trieben und Versuchungen(ES), die gegen die Ideale verstossen,die eine Person für ihre Lebensgestaltunghat (Ich-Ideal oder »ÜBER-ICH«).Diese Spannung löst dann Angst mit allenBegleiterscheinungen aus. Dabei stehen zweiÄngste im Vordergrund: Die Angst vor Ablehnungund die Angst vor Versagen (vgl. Abbildungauf S. 27)literatur: Chaim Potok: Mein Name ist Asher Lev.Rowohlt. — Chaim Potok: Die Erwählten. Rotbuch.26


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTAngst als Hindernis auf dem Weg zum ZielABB. 1:uNSERE äNGSTE WERDEN VON UNSERENbEDÜRFNISSEN GEPRÄGT.Der Mensch wird von zwei Haupt ängsten geplagt,die sich aus seinen Grundbedürfnissenableiten.Angst vor Abwertungund VersagenAngst vor Ablehnungund LiebesverlustAbb. 2:KONFLIKTE AUF DEM wEG ZUM zIEL.Der Pfeil zeigt den Weg zum Ziel (z.B. alleinean eine Einladung gehen). Aber nach einigenSchritten steigt allmählich die Angst auf(durchbrochene Linie) und wird immer stärker,bis der sensible Mensch es vorzieht, vonseinem Vorhaben abzulassen. Die punktierteLinie zeigt die (z.B. durch bewusste Entspannungoder durch Medikamente) gedämpfteAngst, die das Erreichen des Ziels ermöglicht.Weg zum Ziel«Neurotische»Verhaltensweisen:Abwehr, BewältigungLerneffektHindernisFrustrationTraumaAbb. 3:Das darf mir nicht mehr passieren!Wenn ein Ziel nicht auf direktem Weg erreichtwerden kann, entwickelt der Mensch Formen,das Hindernis zu umgehen. Er schützt sichdurch dieses Abwehrverhalten vor der Angst vorAblehnung oder Versagen. Gleichzeitig handelter sich durch sein Vermeidensverhalten neueProbleme ein (z.B. Verlust von zwischenmenschlichenKontakten, Abnahme der beruflichenChancen etc.).27


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTAbwehr und BewältigungBewältigungEs handelt sich um reife Formen des Umgangsmit schweren Erfahrungen, Verletzungenund Konflikten.Kennzeichen: realitätsgerecht, Konfliktbleibt bewusst, wird rational verarbeitet— schöpferische Lösung— Verzicht— Durchsetzung— Humor— Glaube, NächstenliebeAbwehrmechanismenSie dienen der Abwehr gegen Angst vor Ablehnungund Versagen und zur Dämpfungseelischen Schmerzes.Beispiele:— Verschiebung (Schreibmaschine ist schuld,dass Arbeit nicht fertig wurde)— Sublimierung (andere, «höhere» Tätigkeitstatt «niederer» Strebungen)— Verdrängung (von Strebungen, Gefühlen)— Verleugnung (von Grenzen oder z.B. schwererKrankheit)— Isolierung, Abspaltung (von Gefühlen, vonfalschem Verhalten)— Wendung ins Gegenteil (Überfürsorglichkeittrotz Ablehnung eines Kindes)— Projektion (eigener Probleme auf andereMenschen)— Identifizierung (ohne Eingestehen von unerfülltenBedürfnissen)Flucht in phantasieSie sei die klassische Fluchtform der Sensiblen(Klages). Drei Formen der Phantasie: schöpferischePhantasie – Spielphantasie des Kindes– Wunsch– und Furchtphantasie. «Bei solchenFormen wird häufig der Boden normalpsychologischerSpielbreiten verlassen und es kommtzu dem Ausbau von ausgeprägten Phantasiewelten,in denen der Betreffende als AkteurMERKE:1. Abwehrmechanismen sind nicht immernegativ zu bewerten. Oftmals sind sie vielleichtder einzige Weg, wie jemand in drängendeninneren Konflikten überleben kann.Die Abwehrmechanismen wirken dann wieder Panzer einer Rüstung, der seinen Trägervor Verletzungen schützt, aber ihn auchbeschwert und weniger beweglich macht.2. Therapeutisch ist daher die Durchbrechungder Abwehr nicht immer hilfreich,insbesondere‐ wenn die Person nicht genügend «Ich‐Stärke»hat‐ wenn die dadurch geweckten Gefühle undÄngste nicht aufgefangen werden können‐ wenn die Bewusstmachung des Konfliktesneue Konflikte hervorbringt3. Die Bearbeitung von Konflikten setzt einetragende und vertrauensvolle Beziehungzum Threapeuten voraus.häufig im Mittelpunkt stehen kann und dieWünsche nun sich ihm erfüllen, die er sonst imLeben zu vermissen meint.»prinzip maskeDie Sensibilität wird hinter der Maske von Stärke,Unnahbarkeit und Überlegenheit versteckt.Das «Demaskieren würde zum Zusammenbruchführen.» (Klages)innere emigrationa) resigniert-verbittert: mutlos, resigniert,passiv, leidend, in Stille getragen.b) die selbstgeschaffene Einsamkeit: oft «intellektuellverbrämt»; durchaus glücklicheElemente (z.B. Wissenschaftler im «Elfenbeinturm»)28


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTSexuelle Störungen und ihre EntstehungWohl kein Bereich des menschlichen Lebenslässt uns so eindringlich die Verwobenheitvon Leib und Seele, von Hormonen und Gedankenverspüren, wie die Sexualität. Es ist deshalbnicht verwunderlich, dass es bei übersensiblenMenschen gerade in diesem Bereich oft zuausgeprägten seelischen Konflikten, Ängstenund Hemmungen kommt. Das untenstehendeDiagramm zeigt, welche Einflussfaktoren zusexuellen Störungen führen können.29


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTAngst und Paniksensible Menschen neigen vermehrtzu Angst. Man versteht darunterverschiedene Kombinationenkörperlicher oder psychischerAngstsymptome, die keiner realenGefahr zugeordnet werden könnenund entweder als Angstanfälleoder als Dauerzustand auftreten.Die Angst ist meistens diffus undkann sich bis zu Panikattackensteigern.Panikstörung und Agoraphobie:Es treten unerwartet starke Angstgefühleauf, die nicht direkt im Zusammenhang miteiner aktuellen angstauslösenden Situationstehen. Diese sind begleitet von vegetativenBegleiterscheinungen (vgl. S. 10). Agoraphobieumschreibt Angst, sich an Orten oder in Situationenzu befinden, in denen beim plötzlichenAuftreten von Symptomen eine Flucht nurschwer möglich (oder peinlich) ist oder in denenkeine Hilfe verfügbar wäre (z.B. im GeschäftSchlange stehen; im Lift stecken zu bleiben;Ängste im Zug oder Tram; aber auch: z.B. Angst,in einem Theater plötzlich die Kontrolle überBlase oder Darm zu verlieren; in der Kircheplötzlich angesprochen zu werden). Folgen:Einschränkungen bei vielen Aktivitäten, Reisen;häufige Notwendigkeit von Begleitpersonen.Generalisierte Angststörung: Unrealistischeoder übertriebene Angst und Besorgnisbezüglich verschiedener Lebensumstände(Angst, dem Kind könnte etwas zustossen,obwohl keine Gefahr besteht; Geldsorgen ohnetriftigen Grund) über längere Zeit (min. sechsMonate). Neben den vegetativen Symptomenfinden sich besonders folgende Zeichen:ständige Anspannung, übertriebene Schreckreaktion,Konzentrationsschwierigkeiten oder«Blackout» aus Angst, Ein– und Durchschlafstörungensowie Reizbarkeit.«Einfache» Phobie: Angst vor ganz bestimmtenSituationen oder Objekten (Spinnen-,Hunde– oder Katzenphobie; Angst vor demAnblick von Blut etc. etc.). Konfrontation mitdem Auslöser ruft sofort heftige und überschiessendeAngst hervor. Solche Situationenwerden entweder vermieden oder nur untergrösster Angst und Anspannung durchgestanden.Die Person erkennt, dass ihre Angst übertriebenoder unvernünftig ist. Die Angst oderdas Vermeidensverhalten stören den normalenTagesablauf der Person, die üblichen sozialenAktivitäten oder Beziehungen, oder die Angstverursacht erhebliches Leiden.Soziale Phobie: Anhaltende Angst vor Situationen,wo eine Person im Mittelpunkt derAufmerksamkeit anderer steht und befürchtet,etwas zu tun, was demütigend oder peinlichsein könnte. z.B. Angst, in der Öffentlichkeitzu sprechen; sich vor anderen beim Essen zuverschlucken; in einer öffentlichen Toilettezu urinieren; etwas Lächerliches zu sagen etc.Konfrontation mit dem Auslöser ruft sofortheftige und überschiessende Angst hervor. SolcheSituationen werden entweder vermiedenoder nur unter grösster Angst und Anspannungdurchgestanden. Die Person erkennt, dass ihreAngst übertrieben oder unvernünftig ist. DieAngst oder das Vermeidensverhalten störenden normalen Tagesablauf der Person, die üblichenAktivitäten oder Beziehungen, oder dieAngst verursacht erhebliches Leiden.30


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTPosttraumatische Belastungsstörung(PTSD): Die Person hat ein Ereigniserlebt, das ausserhalb der üblichen menschlichenErfahrung liegt und für fast jedenstark belastend wäre (z.B. Vergewaltigung,Ausgeraubtwerden, Miterleben eines plötzlichenTodesfalles, Zerstörung des eigenenZuhauses, Kriegserlebnisse, Folter). Die Folge:Das Ereignis wird ständig auf mindestens eineder folgenden Arten wiedererlebt: Wiederholtesich aufdrängende Erinnerungen; wiederholtestark belastende Träume; plötzliches Gefühl,das Ereignis wieder zu erleben (Flashback);intensives psychisches Leiden bei der Konfrontationmit Ereignissen oder Jahrestagen,die an das traumatische Erlebnis erinnern.Vermeiden von Situationen und Auslösern,die mit dem Trauma in Verbindung stehen:Verdrängen der Gedanken daran; Erinnerungslücken;Entfremdungsgefühl; Einschränkungder Gefühlswelt (z.B. Verlust von zärtlichenEmpfindungen); Gefühl der Sinn– und Zukunftslosigkeit.Anhaltende Symptome einer erhöhtenErregung: Schlafstörungen, Reizbarkeit,Konzentrationsschwierigkeiten, Überwachheit(Hypervigilanz), Schreckhaftigkeit, vegetativeSymptome).Weitere InformationenDem Thema Angst ist eineigenes Heft der Reihe «Seelsorge und Psychiatrie»gewidmet. Dort finden Sie auchausführlicheLiteraturangaben.Erhöhte SensibilitätStudien haben gezeigt, dass erste Paniksymptome,selbst wenn es sich nicht um eine vollausgeprägte Störung handelte, später zu einerdeutlich erhöhten allgemeinen Sensibilitätführen können.— Paniksymptome im engeren Sinne— Ängstliche Erwartung von neuenSymptomen.— Ängstliche Vermeidung von Situationen,die Symptome auslösen könnten.— Abhängigkeit von ständigerBestätigung: starkes Bedürfnis nachAbsicherung, Trost, Ermutigung.— Überempfindlichkeit auf Substanzen,z.B. auf Kaffee.— Allgemeine Stress-Sensibilität:jede Zusatzbelastung, jede schlechteNachricht führt zu seelischer Anspannung.— Überempfindlichkeit / Angst beidrohender Trennung: starke Abhängigkeitvon anderen Menschen. Drohteine Trennung, treten starke Ängste auf.Quelle: Cassano, G.B. et al. (1997). The panic-agoraphobicspectrum: A descriptive approach to the assessmentand treament of subtle symptoms. American Journalof Psychiatry 154 (Suppl 6):27-37.31


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTDysthymie (neurotische Depression)definitionICD-10: Leichte depressive Verstimmung, die(mit kurzen Unterbrechungen) mindestens 2Jahre lang andauert. Die Patienten fühlen sichmüde und depressiv; alles ist anstrengend. VerminderteGenussfähigkeit, Grübeln, schlechterSchlaf, mangelndes Selbstwertgefühl; Mühe mitder Bewältigung des Alltags.DSM-IV: Oftmals werden im Vorfeld einerDysthymie andere Störungen beobachtet, wiez.B. Anorexia Nervosa, vermehrte körperlicheBeschwerden ohne organischen Befund, Medikamentenabhängigkeit,Angststörungen oderrheumatoide Arthritis.erbliche Belastung mit Depressionen,bipolaren Störungenfrüher Beginn der Symptome (ca. 12-j), allmählichzunehmend; Männer und Frauen gleichhäufig betroffen; ein Drittel hat nie geheiratet;67 % der Frauen klagten über PMS (vgl. S. 34)Zusatzprobleme:17 % Alkoholmissbrauch12 % Koffeinmissbrauch14 % Bulimie19 % Soziale Phobie10 % Panik-AttackenDOUBLE DEPRESSION: oft zusätzlich depressivePhasen im engeren Sinne.NEURASTHENIEEin Syndrom mit allgemeiner Schwäche, Reizbarkeit,Kopfweh, Depression, Schlaflosigkeit,Konzentrationsschwierigkeiten und Mangelder Fähigkeit, Freude zu empfinden. Es kanneiner Infektionskrankheit oder einer Erschöpfungfolgen oder sie begleiten oder aus eineranhaltenden Belastungssituation hervorgehen.Heute wird zunehmend der Begriff des "ChronicFatigue Syndrome" verwendet. Bedingungen:Es besteht keine andere Krankheit, diedie Müdigkeit erklären könnte. Die Müdigkeitmuss ausserordentlich schwer sein und mindestens6 Monate dauern. Begleiterscheinungenkönnen sein: leichtes Fieber, Halsschmerzen,leichte Lymphknotenschwellungen, Kopf-,Muskel– und Gelenkschmerzen, gestörterSchlaf, Vergesslichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten,depressive Verstimmung.Hua ByungIn Korea gibt es ein Syndrom,das übersetzt«Aufgestautes Feuer» heisst. Hauptsymptomesind: multiple Schmerzen, Hitzegefühl,Druck im Oberbauch, Herzklopfen, Seufzenund Weinen, Impulsives Herumwandern oder-fahren, Gefühlsausbrüche, exzessives Bitten,allgemeine Angst und depressive Zustände.Reizbarkeit und Zornsind häufige Symptome bei übersensiblen unddysthymen Menschen. Oft werden dadurchBeziehungen extrem belastet und es kommtzu weiterer Isolation.32


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTAndere «neurotische» Syndromesomatoforme störungenSomatisierung: Bei inneren Spannungenkommt es zu ausgeprägten, z.T. dramatischenkörperlichen Beschwerden (starke Bauch– undUnterleibsbeschwerden*, Lähmung, Zittern,Verlust der Schmerzempfindung, Blindheit,Taubheit, Anfälle und ähnliches). Oft entstehtder Eindruck, die Betroffenen wollten durchihren Zustand einen psychologischen Vorteil(Krankheitsgewinn) erreichen, der ihnen abernicht bewusst ist. Manche Patienten entwickelnhartnäckige Rücken– und Gliederschmerzen, fürdie es keine Erklärung gibt. Oft steht dahinterein psychosozialer Konflikt.HYPOCHONDRIE: übermässige Beschäftigungmit der eigenen Gesundheit im allgemeinenoder der Unversehrtheit und der Funktion voneinzelnen Körperorganen oder weniger häufigdes eigenen Verstandes, meist verbunden mitAngst oder Depression.Dissoziation: Sensible Personen reagierenauf schwere Erfahrungen (z.B. sexueller Missbrauch)oder auf innere Spannungen mit einerstarken Einengung des Bewusstseins ("hysterischerDämmerzustand" mit anschliessenderErinnerungslücke). Sie spüren sich nicht mehrund verlieren den Bezug zu ihrem Körper (Depersonalisation)und erleben diesen oder einzelneKörperteile als verändert, unwirklich, fremd.Eine Patientin erlebt sich z.B. wie in einem Film,in dem sie mitspielt. Im übrigen ist die Realitätskontrolleintakt (Gegensatz: Psychose). Sehrselten auch «Dissoziative Identitätsstörung»,früher «Multiple Persönlichkeit».ANDERE NEUROSEFORMENDazu zählen verschiedene seltene Syndromeund vor allem unklare Mischbilder. Besondershäufig:Sexuelle Störungen gehen oft mit denSymptomen einer allgemeinen Sensibilitäteinher und können intensives Leiden verursachen.Beispiele: verminderte oder übermässigesexuelle Erregbarkeit, Erektions– oder Orgasmusstörungen,als ich-fremd erlebte Störungder sexuellen Orientierung (z.B. ich-dystoneHomosexualität, Pädophilie).Störungen der sexuellen Präferenz: Sogenannte"Perversionen" wie z.B. Exhibitionismus, Fetischismus,sexueller Masochismus / Sadismus,Voyeurismus.Störungen des Ess-Verhaltens: Diesesind in unserer Kultur besonders verbreitet underfahren durch die oft dramatischen Auswirkungengrosse Aufmerksamkeit. Eine ausführlicheBeschreibung ist hier nicht möglich.— Anorexia nervosa (Magersucht)— Bulimie (Fress-Brechsucht)Neben der spezifischen Störung des krankhaftenKörperbildes und Essverhaltens findetman häufig neurotisch geprägte Verhaltens–und Beziehungsmuster.33


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTDas prämenstruelle Syndrom (PMS)Der weibliche Zyklus ist oft eng mit der psychischenBefindlichkeit verbunden. Etwa30 — 40 Prozent der Frauen im gebärfähigenAlter leiden an mässigen bis mittelschwerenprämenstruellen Symptome (PMS). Ca. 5 %zeigen ausgeprägte Symptome mit schwererStörung des Berufs– und Privatlebens (PMDS =Prämenstruelle Dysphorische Störung)Beispiel:«Mehrere Tage vor meiner Periode fühle ichmich emotional ausser Kontrolle. Dinge, dieich normalerweise problemlos löse, erscheinenmir überwältigend. Ich breche wegen nichts inTränen aus. Ich habe keine Nerven und schreiemeine Kinder an. Wenn die Mens vorbei ist,dann bin ich wieder wie normal.»DEFINITIONBezeichnung für eine Reihe unterschiedlicherkörperlicher und psychischer Symptome, dieregelmässig 1 bis 10 Tage vor dem Beginn derMonatsblutung auftreten, mit dem Beginnder Monatsblutung oder kurz danach verschwinden.Es folgt eine unterschiedlich langebeschwerdefreie Zeit, bis die Beschwerden vorder nächsten Periode wieder auftreten.SYMPTOME— Stimmungsschwankungen; Anspannung,Angst– oder Panikattacken— Depression, «Gefühl der Hoffnungslosigkeit»,«Weinen ohne Grund»— Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen— Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Energielosigkeit— Ärger, Empfindlichkeit— Schlafstörungen— Körperliche Symptome: Brustempfindlichkeitoder Schwellung; Kopfschmerzen;Gelenk– oder Muskelschmerzen; Völlegefühlund Gewichtszunahme; Herzrasen,Schwindel.UrsachenPMS ist mit dem weiblichen hormonellen Zyklusverbunden, aber die genauen Ursachen sindnoch unbekannt. Hormonelle, psychologische,kulturelle und soziale Faktoren und Ernährungsgewohnheitensind vermutlich beteiligt.PMS kann bei normaler Funktion der Eierstöckeauftreten.DIAGNOSE— Sorgfältige Beobachtung und Notieren derSymptome im Beziehung zum Zyklus (übermindestens 2 Zyklen)— Die Symptome müssen schwer genug sein,um ein normales «Funktionieren» zu stören— PMS kann nicht nachgewiesen werdendurch Bluttests oder andere Untersuchungen.BEHANDLUNGIn vielen Fällen hilft bereits das Führen einesSymptomkalenders und die Aufklärung überdas Krankheitsbild. Das Verstehen, dass es sichum eine hormonelle Störung handelt und nichtum eine psychische Krankheit oder um «Einbildung»,kann die Patientin bereits erleichtern.34


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTÄnderung der LebensweiseNormalgewicht — gesunde Lebensweise:regelmässig Sport (z.B. Aerobic) — ausgewogeneKost — genug Schlaf — verbessertes Stressmanagement— BeziehungsberatungHeilmittel— pflanzliche Heilmittel: Nachtkerzenöl,oder Mönchspfeffer-Extrakt (AgnusCastus)— Vitamin E oder B6— Mineralstoffe: Magnesium und Calcium.— Diuretika bei WassereinlagerungFür Frauen mit schweren Symptomenoder wenn obige Massnahmen nichthelfen:— Schmerzmittel helfen bei Krämpfen, Gliederschmerzen,Brustspannen etc.— Ovulationshemmer, Gestagene (hier istallerdings anzumerken, dass sehr sensibleFrauen mit starken Nebenwirkungen aufreine Gestagene reagieren können).— Antidepressiva während der symptomatischenZeit helfen bei 60% der Patientenmit überwiegend psychischen Symptomen.verhaltensanalyseTherapeutische Auswirkungen:— Hoffnung: Jemand nimmt mich ernst— Aktivierung: Ich bin nicht hilflos— Selbstwahrnehmung: So funktioniere ich— Kontrolle: Ich kann vorsorgen— Eingrenzung des Problems: Es geht mirnicht immer schlecht— Verständnis: Die Anderen können meinProblem einordnenTagesplan / Aktivitätenkalender— Allgemeine Abmachungen: z.B. Pauseneinlegen, kleine Mahlzeiten, mit dem Radzur Arbeit fahren usw.— Genauer Tagesplan: bei starken Symptomen,gibt Struktur— Angenehme Tätigkeiten einplanen— Stresserzeugende Umstände vermeidenÄnderung des Denkens— Wie sehe ich mich selbst?— Was erwarte ich von den Anderen?— Welche unbewussten Ziele verfolge ich?— Welche Methoden wähle ich, um mitSchwierigkeiten umzugehen?— Wie kann ich besser mit Anforderungenumgehen?— Wie kann ich mich schützen?ANREGUNGEN FÜR PARTNER UNDFREUNDE— Informieren über die Ursachen und Auswirkungender Krankheit— Der Krankheit die Schuld geben, nicht derFrau— Sich in den psychischen Zustand der Fraueinfühlen— Negative Haltung der Frau nicht persönlichnehmen— Die schwierigen Tage als Teil der Beziehungakzeptieren35


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTWenn der Glaube zum Problem wirdStichwort:Ekklesiogene NeuroseDefinition (nach Hark): «Die ekklesiogene Neurosebenennt in dem vielschichtigen Bereichder Seelenkrankheiten jene, die im religiösenGewande einhergeht und durch übertriebeneReligiosität ausgelöst wird. Ob Frömmigkeitund Glaube als Seelengift krank machen oder alsHeilmittel zur Seligkeit wirken, ist eine Frage derDosis und der religiösen Erziehung von Eltern,Schule und Kirche.»Studie von Hark über religiöse Neurosen:Er verglich anhand eines ausführlichen Fragebogens139 Patienten, die aufgrund ihrerseelischen Schwierigkeiten um Therapie nachsuchten,mit 234 Personen einer «gesunden»Kontrollgruppe.Macht der Glaube krank?In einer eigenen Studie (Pfeifer & Waelty1995) konnten wir nachweisen, dass es keinenstatistischen Zusammenhang zwischen demGrad des Neurotizismus und der Glaubensintensität(Religiosität) gibt. Allerdings scheinenreligiöse Menschen den Glauben öfter alsQuelle von inneren Spannungen zu erleben.Trotzdem lehnen sie die Aussage, der Glaubesei eher eine Bürde, deutlich ab.Schlussfolgerung: Es ist nicht derGlaube, der krank macht, aber übersensibleMenschen mit Ängsten und Depressionenneigen eher dazu, sich am Glauben und anBeziehungen mit gläubigen Menschen wundzu reiben.Schlussfolgerungen: «Bei der genanntenPatientengruppe konnte ein Zusammenhangzwischen den psychoneurotischen Schwierigkeitenund der religiösen Orientierungermittelt werden. Es liess sich statistischbelegen: Je ausgeprägter die psychische Problematikist, desto geringer ist das Ausmassder religiösen Orientierung und Frömmigkeit.Im umgekehrten Fall liess sich ermitteln, dasseine ausgewogene religiöse Orientierung diepsychischen Schwierigkeiten vermindert.Unsere Untersuchung bestätigt damit die imEinzelfall gemachte Erfahrung, dass die Neurosedas Glaubensleben beeinträchtigt und stört,während eine positive Frömmigkeit zur Heilungder Störungen beiträgt.»Das Glaubensleben wirdim Rahmen der PersönlichkeitsstruktureinesMenschen ausgelebt. Esist also «ein Schatz in irdenenGefässen.» (2. Kor 4:7)QUELLEN:Pfeifer S. (1993) Neurose und Religiosität – Gibt es einenkausalen Zusammenhang? Psychotherapie – Psychosomatik– medizinische Psychologie 43:356-363.Pfeifer S. & Waelty U. (1995): Psychopathology and religiouscommitment. A controlled study. Psychopathology 28:70-77.Pfeifer S. & Waelty U. (1999): Anxiety, depression and religiosity– a controlled study. Mental Health, Religion & Culture2:35-45.36


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTSpannungsfelder Neurose und ReligiositätSieben KonfliktbereicheDie früher beschriebenen Schwierigkeiten dessensiblen Menschen wirken sich auch aufdas Glaubensleben aus. Dabei kommt es oft zueiner derart engen Verbindung zwischen einereng-geführten Frömmigkeit und psychischenSymptomen, dass nicht immer klar zwischen Ursacheund Wirkung unterschieden werden kann.Es ergeben sich die folgenden Konfliktbereiche:5. Schuldgefühle als allgemeines menschlichesPhänomen6. Übernahme von eigenständiger Verantwortungbei gleichzeitigem Wunsch nachgöttlicher Führung7. Menschliche und kirchliche Gesetzlichkeitund Morallehre im Gegensatz zu persönlicherchristlicher Freiheit1. Allgemeine übersensible Konflikthaftigkeit,auch in Glaubensfragen2. Konflikte zwischen Familienloyalität undsubjektiv erlebten Verletzungen bzw. Ungerechtigkeiten3. Konflikte zwischen Glaubens-Idealen undder Alltags-Wirklichkeit4. Generell erhöhte Ängstlichkeit (auch inGlaubensfragen)Weitere Informationen:Diesem Thema ist ein ganzes Buch gewidmet.S. Pfeifer: Wenn der Glaube zum Konflikt wird. BrunnenverlagBasel.Download als e-book (PDF) von www.seminare-ps.net.37


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTWas bringen Medikamente?«Neurotische» Störungen galten lange Zeit alsDomäne der Psychotherapie.HIRNBIOLOGIE WESENTLICH: Die moderneForschung sieht hinter einer seelischen Übersensibilitätaber auch eine Veränderung desbiochemischen Gleichgewichts im Gehirn.In einer Studie (*) wurde untersucht, ob antidepressiveMedikamente auch bei Dysthymieund PMS wirksam sind. Die Ergebnisse warenüberraschend.Einige Eckdaten:— Die Betroffenen warteten durchschnittlich15 Jahre lang bevor sie Hilfe suchten (viellänger als bei schwere Depressionen).— Manche hatten jahrelange Psychotherapiengehabt, ohne Besserung.Nach sorgfältiger diagnostischer Abklärungerhielten die Patienten folgende Behandlung:— Antidepressiva vom Typ SSRI— unterstützende Psychotherapie, kognitiveTherapie, PaargesprächeBEHANDLUNGSRESULTATE:— deutliche Stabilisierung: Funktionsniveauvon 50 auf deutlich über 70 %— deutliche bessere Bewältigung von Stress.— Nicht mehr durch kleinere Störungen desAlltags überwältigt.— Die Patienten brauchten nach Einsetzeneiner vernünftigen medikamentösen Therapieviel weniger Psychotherapie«3 von 4 Patienten, die jahrelang unter Schwermut(gloom) gelitten hatten, erreichten erstmalsin ihrem Leben eine gutes bis sehr gutesFunktionsniveau, das über 5 Jahre anhielt.»«Erst seit ich Medika men tehabe, kann ich die Dingeumsetzen, mit denen ich inder Psychotherapie konfrontiertwerde.»Zitat einer PatientinVERÄNDERN MEDIKAMENTE DIEPERSÖNLICHKEIT?Manche Patienten erleben eine deutliche Veränderungihrer Grundstimmung. Vorteil oderNachteil? Hier einige Gedanken:— Was ist die wirkliche Grundpersönlichkeit?— Lethargie, Verdriesslichkeit und sozialerRückzug sind krankhafte Persönlichkeitszüge— Medikamente legen die eigentlichen Persönlichkeitszügewieder frei, die durch dieDysthymie verdeckt waren.— Medikamente reduzieren Reizbarkeit, sorgenvollesGrübeln, Neurotizismus, depressiveVerstimmung, und Ängstlichkeit undverbessern die Bewältigung des Alltags.Die behandelten Patienten haben wiedermehr Energiereserve für Kontakte und Aktivitäten.— Manche haben aber auch Mühe mit einersolchen Veränderung. «Das bin nicht mehrich» oder auch «jetzt verlangt man zuvielvon mir».Quelle:Haykal RF & Akiskal HS (1999). The long-term outcome ofdysthymia in private practice: clinical features, temperamentand the art of management. J Clin Psychiatry 60:508–51838


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTPsychotherapie – Chancen und GrenzenGemeinsam Keiteneiner erfolgreichenPsychotherapie:1. Eine intensive, gefühlsbetonte,vertrauensvolle Beziehung zurhelfenden Person.2. Eine nachvollziehbare Begründungoder ein mythologischerZusammenhang, der die Gründefür die Schwierigkeiten desPatienten erklärt und ihn vomTherapeuten überzeugt.3. Darlegung neuer Informationen über dieUrsache und Dynamik der Probleme desPatienten. Aufzeigen neuer alternativerWege zum Umgang mit diesen Schwierigkeiten.4. Hoffnung wecken: Stärkung der Erwartungendes Patienten auf Hilfe.5. Vermittlung eines Erfolgserlebnisses, dasihm das Vertrauen und den Glauben gibt,seine Schwierigkeiten meistern zu können.6. Anteilnahme und Engagement des TherapeutenReduziert man diese sechs Punkte, sokommt man auf den grundlegenden Dreiklangchristlicher Seelsorge:LIEBE ‐ GLAUBE ‐HOFFNUNGGrenzen derPsychotherapie1. Grenzen der Vergangenheitsbewältigung:Das Rad der Lebensgeschichte kann nichtzurückgedreht werden. Manche Wundenwerden immer weh tun.2. Der Rahmen der Gemeinschaft (Familie,Ehe, Beruf, Kirche): Gemeinschaft tutwohl, aber sie kann auch einengen.3. Die Grenzen der Ethik: Themen wieaussereheliche Beziehung, Scheidung,unerwünschte Schwangerschaft oderabgrundtiefe Feindschaft sind oft sehrkonflikthaft.4. Freiheit und Verantwortung des einzelnen:Der Therapeut kann einer Person nicht alleEntscheidungen abnehmen.5. Leben mit Schwachheit: Auch die besteTherapie kann Sensibilität nicht völligwegnehmen. Vielmehr geht es darum zulernen, mit Grenzen zu leben.als Basis einer wirksamen Therapie.39


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTHinweise für Seelsorge und BeratungSeelsorglichtherapeutischesZiel:REIFEPersönliche und geistliche Reife bedeutet, miteinem Mass von Ungewissheit zu leben. Reifebedeutet auch, Spannungen zwischen Ideal undRealität, zwischen Wunsch und Wirklichkeitauszuhalten. Es ist die Verantwortung jedesEinzelnen, Entscheidungen in den Spannungsfeldernseines Lebens zu treffen.Nicht immer kann Nächstenliebe und persönlichesWohlergehen in völligem Einklangstehen. Jeder geht das Risiko ein, von andernmissverstanden zu werden. Im Zusammenlebenist oft eine «Kompromissbildung» zwischenBeziehung und Bedürfnisbefriedigung nötig.Reife bedeutet, dass man sich im Zusammenlebenanpassen kann, in dem subtilen Gleichgewichtvon Durchsetzung und Nachgeben.Und der reife Mensch wird nicht nur seinenunerfüllten Wünschen nachtrauern, sondernErfüllung in anderen Bereichen seines Lebenssuchen. Reife ist nicht Selbstverwirklichung,sondern Leben in der Realität dieser Welt imWissen um Gottes Durchtragen und Begleiten.Praktische Rat Schläge fürSensibleDie schwache Seite als Teil desLebens akzeptierenGenügend Ruhezeiten einplanenNicht zuviel VerantwortungübernehmenPrioritäten setzenNicht alles persönlich nehmenDie eigenen Gefühle nicht aufdie anderen übertragenSensible Menschen können einen grossen innerenReichtum weiterschenken – doch dieserkann sich nur in einem geschützten Rahmenentfalten. Wählen Sie Ihr Betätigungsfeld undIhre Beziehungen sorgfältig aus. Sie könnenund müssen nicht die ganze Welt retten.Setzen Sie sich dort ein, wo es Ihren Gabenentspricht und überlassen Sie alles andere Gottund den anderen Menschen.(nach A. Pfeifer in LYDIA)Sechs SchritteSich selbst besser kennen lernenAushalten von UnterschiedenSelbstwert in Abhängigkeit von GottWissen um die Unvollkommenheit dieser Welt und der MenschenFreiheit in Verantwortung: Leben mit Regeln ohne Abhängigkeitdie «Gezeiten des Lebens» kennen – weniger Angst vor Veränderung40


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTInspiration durch BilderHenri Nouwen über Vincent van Gogh:«Ich spürte die Verbindungen zwischen demKampf von Vincent van Gogh und meinemeigenen, und ich realisierte, dass Vincent meinverwundeter Heiler wurde.Er hatte gemalt, was ich vorher nicht zu betrachtenwagte, er stellte in Frage, worüber ichzuvor nicht zu sprechen gewagt hatte und erbetrat Räume meines Herzens, denen ich michnicht zu nähern gewagt hatte. So brachte ermich meinen Ängsten näher und gab mir denMut, meine Suche nach dem Gott zu vertiefen,der uns liebt.»Vincent vanGogh:DrohenderHimmel«Der verwundete Heiler»über Henri Nouwen:«Seine Worte sprachen mit besonderer Sensibilitätzu denjenigen Menschen, die in ihremLeben seelisch gelitten hatten. Er entdeckte,dass er aus seinen eigenen Verwundungen dieVerletzungen anderer Menschen erreichenkonnte.»Aus Michael Ford: WOUNDEDPROPHET. A Portrait of HenriJ.M. Nouwen. Doubleday 1999.41


DR. SAMUEL PFEIFER: SENSIBLITÄTTitelgrafik: shutterstock.com – photos.com4. überarbeitete AuflageCopyright: Dr. med. Samuel Pfeifer 2012ISBN: 978-3-905709-24-7SEMINARHEFTE für TABLET-PCBewährte Inhalte für neue Medien! Unterfolgendem Link finden Sie mehr Infos zumDownload von iPad-optimierten PDFs derReihe PSYCHIATRIE & SEELSORGE:www.seminare-ps.net/ipad/Bezugsquelle für gedruckte hefte:Schweiz:Psychiatrische Klinik SonnenhaldeGänshaldenweg 28CH-4125 Riehen - SchweizTel. (+41) 061 645 46 46Fax (+41) 061 645 46 00ONLINE-Bestellung: www.seminare-ps.netE-Mail: seminare@sonnenhalde.chDeutschland / EU:Alpha BuchhandlungMarktplatz 9D-79539 LörrachTel. +49 (0) 7621 10303Fax +49 (0) 7821 82150XLIII

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