Handbuch Menschenrechte (Mai 2010) - Ludwig Boltzmann Institut ...

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Handbuch Menschenrechte (Mai 2010) - Ludwig Boltzmann Institut ...

WAS SIND MENSCHENRECHTE Beispielsweise sind Kinder bis in die jüngste Vergangenheit vielfach als Objekteelterlicher Verfügungsgewalt betrachtet worden, die gleichsam im „Eigentum“ ihrerEltern standen und über die nach Gutdünken verfügt werden konnte. Mit der Verabschiedungder VN-Konvention über die Rechte des Kindes 1989, die heute vonfast allen Staaten der Welt als verbindlich anerkannt ist, werden demgegenüberKinder als eigenständige und kompetente AkteurInnen, als Subjekte und TrägerInnenvon Rechten anerkannt, denen eine Fülle von Pflichten des Staates, der Schule,der Eltern und der Gemeinschaft gegenüberstehen (zum Beispiel bezüglich Schutzvor Gewalt und Ausbeutung, Zugang zu Bildung, Gesundheitsdiensten). Unter demEinfluss dieser Konvention hat das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UnitedNations International Children's Emergency Fund – UNICEF) seinen vormals eherpaternalistischen Ansatz, der Kinder vor allem als hilfsbedürftige Wesen betrachtete,durch einen emanzipatorischen, an den Rechten der Kinder orientierten Ansatzersetzt (Kapitel 3.3.1 Menschenrechte von Kindern).Ein vergleichbarer Paradigmenwechsel wurde durch die im Jahr 2006 verabschiedeteVN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung eingeleitet.Die physische oder geistige Beeinträchtigung von Menschen wird nicht mehr als dieeigentliche Behinderung angesehen, sondern die Hindernisse und Diskriminierungdieser Menschen durch die Gesellschaft. Ziel der Konvention ist es folglich, physischeBarrieren, die es zum Beispiel Menschen im Rollstuhl verwehren, gleichberechtigtenZugang zu Gebäuden oder Verkehrsmitteln zu genießen, und geistigeBarrieren und Vorurteile abzubauen, durch die Menschen mit Behinderung im täglichenLeben diskriminiert und von der gleichberechtigten Teilnahme am sozialen,kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Leben ausgeschlossen werden. Barrierefreiheit,Inklusion in allen Lebensbereichen, Nicht-Diskriminierung und Partizipationsind die Grundprinzipien der Konvention, die zum Empowerment von Menschen mitBehinderung führen sollen (siehe Kapitel 3.3.3).1.2.2 Menschenrechtsschutz als Ziel von EntwicklungspolitikDer Menschenrechtsansatz trägt nicht nur zur Emanzipation von Menschen bei, dietraditionell benachteiligt und diskriminiert wurden, sondern gewährt auch eine neueSichtweise auf Phänomene wie Entwicklung oder Armut. Über viele Jahrzehntewurde das Ziel von Entwicklung primär im Wirtschaftswachstum und in der Industrialisierungder Welt nach dem Vorbild der reichen Industriestaaten des Nordens gesehen.„Entwickelte“ Industriestaaten versuchten insbesondere durch ökonomische„Entwicklungshilfe“ „unterentwickelten“ Völkern in den „Entwicklungsländern“ Afrikas,Asiens und Lateinamerikas die Segnungen von Industrialisierung und Wirtschaftswachstumnahezubringen.Dass die staatliche Entwicklungshilfe letztlich auch den wirtschaftlichen Interessendes Nordens zugute kam und vielfach zur Herausbildung korrupter Eliten im Südenführte, wodurch die Entwicklungsländer in neokolonialer Abhängigkeit von den Industriestaatenverharrten, wird der Entwicklungshilfe – teilweise wohl auch zu Recht– vielfach vorgeworfen. Gemeinsam mit einem äußerst ungerechten WelthandelsundWeltfinanzsystem konnte ein halbes Jahrhundert von Entwicklungshilfe jedenfallsnicht (bzw. nur vereinzelt) dazu beitragen, dass die Unterschiede zwischenreichen und armen Ländern, aber auch zwischen reichen und armen Menschen indiesen Ländern kleiner geworden sind. Die Armut hat weltweit viel zu lange Zeit zustattabgenommen und kann heute als eine der größten menschenrechtlichen Herausforderungenverstanden werden. Auch wenn es in den letzten Jahren Erfolgegab, lebt eine Milliarde Menschen nach wie vor in absoluter Armut, rund vier Milliarden,also knapp zwei Drittel der Menschheit, leben in relativer Armut.Handbuch Menschenrechte | 9

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