und Leseprobe (PDF) - Vandenhoeck & Ruprecht

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Michael von Aster / Jens Holger Lorenz, Rechenstörungen bei Kindern16 Michael von AsterWas ist Intelligenz?Hier erfolgt keine wissenschaftlich detaillierte Abhandlung über den Stand derIntelligenzforschung, sondern lediglich ein kurzer Aufriss, der die durch Konstrukteder Intelligenz gesetzten Koordinaten besser verständlich machen soll.»Intelligenz ist, was der Intelligenztest misst.« Dieser oft gehörte Ausspruchführt die Forderung, wonach ein Test valide eben das messen soll, was er vorgibtzu messen, ironisch ad absurdum. Darin drückt sich auch die seit vielen Forschergenerationenbestehende Schwierigkeit aus, den Begriff der Intelligenzklar und übereinstimmend zu definieren. Ganz allgemein könnte formuliertwerden, dass unter Intelligenz diejenigen Denkfunktionen zu fassen sind, diezu einer erfolgreichen Lebensbewältigung befähigen. Und schon hier müssteman fragen, ob, zumindest in unserem Kulturkreis, die Fähigkeiten zu lesen,zu schreiben und zu rechnen nicht klar dazu gehörten. Konsens besteht darüber,dass Intelligenz die Fähigkeit umschreibt, sich in unvertrauten Situationendurch das denkende Erfassen von Bedeutungen und Zusammenhängenzurechtzufinden.Der jahrzehntelangen Kontroverse zwischen den Vertretern der so genanntenGeneralfaktor-Intelligenz (g), die Intelligenz als einheitliches, genetisch determiniertesund stabiles Persönlichkeitsmerkmal auffassen (Spearman 1904),und den Verfechtern der multiplen Intelligenzen (z. B. Gardner, 2002), alsovoneinander unabhängigen, primär erworbenen Fähigkeiten, hat Mike Anderson(1992) mit seiner Entwicklungstheorie der »Minimalen kognitiven Architektur«einen neuen Aspekt hinzugefügt. Er beschreibt in seiner Theorie –durchaus mit Bezug zu Cattells Konzept der fluiden und kristallinen Intelligenz(Cattell 1987) – zwei Wege des Wissenserwerbs: Der erste Weg ist der des Denkens,für den Anderson einen basalen Verarbeitungsmechanismus sowie zweispezifische Prozessoren postuliert für sprachliche und nonverbale Verarbeitung.Dieser Denkapparat ist seiner Theorie zufolge charakterisiert durch dieGeschwindigkeit der Informationsverarbeitung und stellt, analog g, ein stabilesPersönlichkeitsmerkmal dar, in dem sich Menschen gleichen Alters unterscheiden.Je schneller und effektiver die Informationsverarbeitung, desto mehr Wissenwird pro Zeiteinheit erworben. Dieser erste Weg hat große Ähnlichkeit mitdem von Baddeley und Hitch (1974) formulierten Konzept des Arbeitsgedächtnisses.Für den zweiten Weg des Wissenserwerbs gebraucht Anderson das Konzeptvon modular organisierten Funktionen. Er unterscheidet hier zwischensolchen Modulen, die bereits angeboren verfügbar sind (z. B. Erkennen desdreidimensionalen Raumes), und anderen Modulen, die über die Lebensspannedurch Übung und Automatisierung erworben werden und kognitive Funktionenund spezifisches Wissen mit hoher Geschwindigkeit unmittelbar zurVerfügung stellen. Durch diesen Weg werden Menschen mit zunehmendem Alterintelligenter. Jedes neu entstehende Modul entlastet den ersten Weg des Wissenserwerbsund setzt Kapazität für neues, denkendes Lernen frei.© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525462584 — ISBN E-Book: 9783647462585

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