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Christian Lindner: Gemeinsam leben und arbeiten, 70 Jahre Westfalenfleiß<br />

Gemeinnützige Werkstätten - Ein Rückblick auf 70 Jahre Westfalenfleiß<br />

Gemeinnützige Werkstätten 1925 - 1995, Münster 1995.<br />

Druck: Recklinghäuser Werkstätten, anerkannte Werkstätten für Behinderte,<br />

Alte Grenzstraße 90, 45663 Recklinghausen.<br />

Umschlag: Communication Circle Düsseldorf.<br />

Bildredaktion und Layout: Margret Topp.<br />

Copyright: Westfalenfleiß GmbH Münster.<br />

ISBN 3-00-000215-4<br />

2<br />

Christian H. Lindner<br />

GEMEINSAM LEBEN UND ARBEITEN<br />

70 JAHRE WESTFALENFLEISS<br />

Ein Rückblick auf 70 Jahre Westfalenfleiß Gemeinnützige Werkstätten,<br />

1925 - 1995<br />

Westfalenfleiß GmbH Münster, Gemeinnützige Werkstätten<br />

Redaktion und Lektorat: Anne Schencking


Grußwort<br />

des Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen<br />

Als 1925 die Westfalenfleiß GmbH<br />

gegründet wurde, da bot man sofort<br />

fast hundert Menschen Betreuung<br />

und Beschäftigung. Das war damals<br />

etwas ganz Neues,<br />

etwas Einzigartiges.<br />

Behinderte<br />

sollten ihren Lebensunterhaltselber<br />

verdienen, sollten<br />

dazu beitragen,<br />

selbständiger zu<br />

werden und eigenverantwortlicher<br />

ihr Leben auf eine<br />

Grundlage zu stel-<br />

len. Was ist daraus<br />

geworden, nach<br />

sieben Jahrzehnten?<br />

Jetzt sind es<br />

sechshundertfünfundsechzig Plätze<br />

in den geschützten Werkstätten,<br />

zweihundertdreißig Wohnheime und<br />

die Statistik kann ich noch fortführen.<br />

Doch Zahlen alleine sagen nicht<br />

alles. Die langjährige Arbeit der<br />

Westfalenfleiß GmbH ist ein lebendiger<br />

Beweis dafür, daß die Behin-<br />

Dr. Johannes Rau<br />

Ministerpräsident<br />

des Landes NRW<br />

derten einen unersetzlichen Beitrag<br />

für unsere Gesellschaft erbringen.<br />

Freilich: Viel gibt es noch zu tun, da<br />

sind Vorurteile abzubauen, da muß<br />

auch weiterhin um<br />

Verständnis dafür<br />

geworben werden,<br />

daß Behinderte als<br />

gleichwertige und<br />

gleichberechtigte<br />

Mitmenschen Anerkennung<br />

finden<br />

müssen. Da muß<br />

den Behinderten<br />

die Chance wie jedem<br />

anderen auch<br />

gegeben werden,<br />

Verantwortung für<br />

unsere Gesellschaftmitzutragen.<br />

Nur so kann das geschehen,<br />

was die Politik eigentlich leisten soll:<br />

„Das Leben der Menschen etwas<br />

menschlicher machen.“<br />

3


4<br />

DIE OBERBÜRGERMEISTERIN DER STADT MÜNSTER<br />

Im Oktober 1995 haben wir in Münster<br />

in einem feierlichen Festakt das<br />

70jährige Jubiläum der Westfalenfleiß<br />

GmbH begangen. Nun liegt die<br />

Chronik, die Entstehungsgeschichte<br />

und der Lebensweg einer<br />

Gesellschaft vor,<br />

deren Ziel und Zweck<br />

vom ersten Tag an die<br />

Hilfe und die Unterstützung<br />

behinderter<br />

Menschen war.<br />

„Arbeit ist Leben“ ist<br />

seit der Gründung im<br />

Jahr 1925 der Wahlspruch<br />

der Westfalenfleiß<br />

GmbH, die mit<br />

diesem Motto zunächst<br />

Marion Tüns<br />

den Kriegsbeschädig- Oberbürgermeisterin<br />

ten des 1. Weltkrieges der Stadt Münster<br />

und in der Folgezeit<br />

auch immer mehr geistig und körperlich<br />

behinderten Menschen in der<br />

Arbeit neues Selbstbewußtsein und<br />

Selbstvertrauen in die eigene Kraft<br />

vermittelte.<br />

Auch heute hat dieses Motto für die<br />

500 Behinderten nichts von seiner<br />

Bedeutung eingebüßt, ist die Arbeit<br />

in den Werkstätten der Westfalenfleiß<br />

oder der Bewachungsdienst an<br />

den Parkplätzen ganz wesentlicher<br />

Bestandteil der integrativen Arbeit<br />

für die behinderten Menschen, die<br />

sich in den betreuten Wohnplätzen<br />

in ganz normalen Wohnsiedlungen<br />

fortsetzt. Hier haben sich vielfältige<br />

Kontakte zu den Gemeinden<br />

entwickelt,<br />

finden gemeinsame<br />

Aktivitäten Behinderter<br />

und Nichtbehinderter<br />

statt, wird ein Stück<br />

Integration gelebt.<br />

Die vorliegende<br />

Schrift ist auch ein<br />

Dokument für die Bedeutung<br />

der Westfalenfleiß<br />

GmbH für das<br />

soziale Leben, für das<br />

soziale Miteinander in<br />

unserer Stadt. Gemeinsam<br />

mit der<br />

Westfalenfleiß GmbH ist es das Ziel<br />

der Stadt Münster, allen Behinderten<br />

eine weitgehende Teilnahme am<br />

Leben in unserer Gesellschaft selbstverständlich<br />

zu machen.<br />

Die Chronik der Westfalenfleiß<br />

GmbH wird uns dafür ein weiterer<br />

Ansporn sein.


Sehr geehrte Damen und Herren,<br />

liebe Freunde,<br />

seit 1976 sind die Arbeiterwohlfahrt, Bezirk Westl. Westfalen und die<br />

Lebenshilfe, Ortsvereinigung Münster und Umgebung, Gesellschafter der<br />

Westfalenfleiß GmbH Münster.<br />

Mit Engagement und dem Ziel der Solidarität zwischen behinderten und<br />

nicht-behinderten Menschen haben die Gesellschafter dieses Unternehmen<br />

zu einer weit über die Grenzen der Stadt Münster beachteten Werkstatt für<br />

Behinderte formen können.<br />

Der siebzigste Geburtstag der Westfalenfleiß GmbH ist Grund zu feiern, aber<br />

auch Motiv für die Aufarbeitung der Geschichte der Gesellschaft, der mit ihr<br />

verbundenen Personen und Gruppen, aber auch ihres sozialen Umfelds.<br />

Da ohne eine bewußte Vergangenheit die Zukunft schwerer ist, wird uns diese<br />

Festschrift bei der Verwirklichung des Anspruchs helfen, behinderten Menschen<br />

ein Leben und Arbeiten in der Mitte der Gesellschaft zu ermöglichen.<br />

Integration und soziale Gerechtigkeit werden für behinderte Menschen<br />

immer schwer zu erreichen sein. Die Westfalenfleiß GmbH wird sich dieser<br />

Aufgabe auch in Zukunft nachdrücklich stellen.<br />

Münster, im Oktober 1995<br />

Bodo Champignon<br />

Vorsitzender<br />

der Gesellschafterversammlung<br />

Dr. Michael Kaven<br />

Vorsitzender<br />

des Aufsichtsrats<br />

5


6<br />

Dieses Buch haben durch Spenden gefördert:<br />

BASF-Lacke und Farben, Münster<br />

BOG, Münster<br />

Helmut Choryza, Bad Driburg<br />

Hildegard Damhorst, Münster<br />

Dr. Fritz Dieckmann, Münster<br />

Günter und Marianne Heede, Münster<br />

Kurt Henkel, Grünberg<br />

Hupfer Metallwerke, Coesfeld<br />

Dieter Kunath, Münster<br />

Roman Mehnert, Leinburg<br />

Prof. Dr. med. K.-M. Müller, Bochum<br />

Georg Reimann, Münster<br />

Dieter Schrappel, Memmingen<br />

Armin Senghas GmbH & Co. KG, Mannheim<br />

Stadtsparkasse Münster, Münster<br />

Konrad Stopp, Ottobrunn<br />

Westfalen AG<br />

und 2 anonyme Spender


Inhaltsverzeichnis<br />

0. Was will dieses Buch? Wer half mit? ............................. 10<br />

1. Miteinander leben - Gemeinsam arbeiten:<br />

Die Westfalenfleiß GmbH stellt sich vor ....................... 12<br />

2. „... Habe sehr viel verloren und danke Gott,<br />

daß ich noch meinen gesunden Verstand habe,<br />

wenn auch keine Hände und Füße mehr ...“<br />

- Kriegsversehrte des I. Weltkriegs als<br />

fürsorgerische Sondergruppe......................................... 14<br />

3. Münster in den Anfängen der Weimarer Republik ........ 24<br />

4. Die Gründung der Westfalenfleiß:<br />

Ein Hoffnungsschimmer gewinnt Gestalt ...................... 34<br />

5. Auf den Weg gebracht - Die Westfalenfleiß<br />

wird zu einem überregionalen Modell ........................... 55<br />

6. Neider, Ärger und große Schwierigkeiten -<br />

Die Westfalenfleiß am Vorabend der<br />

deutschen Katastrophe .................................................. 67<br />

7. Die Westfalenfleiß und ihre Beschäftigten<br />

während der Jahre im Nationalsozialismus .................... 83<br />

8. Zwei wichtige Veränderungen:<br />

Beschäftigungsverbot für Blinde und die<br />

Übernahme der KAGESO-Anteile durch<br />

den Provinzialverband ................................................. 102<br />

9. Krieg und Zerstörung .................................................. 121<br />

7


8<br />

10. Wie Phoenix aus der Asche -<br />

Der Wiederaufbau am Hafengrenzweg........................ 128<br />

11. Integration durch Arbeit: Die Westfalenfleiß<br />

wird Werkstatt für Behinderte ..................................... 141<br />

12. Die Westfalenfleiß heute: Produktive Vielfalt<br />

und soziale Gemeinschaft ............................................ 166<br />

12.1. Gut Kinderhaus: Behinderte arbeiten im<br />

landwirtschaftlichen Betrieb ........................................ 180<br />

12.2. ISM - Arbeitsplatz für<br />

psychisch behinderte Menschen ................................... 184<br />

12.3. Liebe geht durch den Magen - Die Küche ................... 186<br />

12.4. Viel frische Luft:<br />

Gartenbau und Landschaftsbepflanzung ...................... 188<br />

12.5. Arbeitsplätze mit Tradition -<br />

Die Parkplatzbewachung ............................................. 190<br />

12.6. Alle unter einem Dach: Schwerstbehinderte<br />

als vollwertige Werkstattmitglieder ............................. 192<br />

12.7. Freizeit und Feste ........................................................ 197<br />

13. Die begleitenden Dienste und<br />

Angebote in der Werkstatt für Behinderte................... 206<br />

13.1. Der Soziale Dienst ....................................................... 207<br />

13.2. Viel Spaß durch Spiel, Sport und Bewegung .............. 210<br />

13.3. Gesundheitsvorsorge -<br />

Zahnärztlicher und ärztlicher Dienst ............................ 214<br />

13.4. Besondere Angebote für Gehörlose ............................ 216<br />

14. Mitbestimmen und mitreden -<br />

Die Gremien der Werkstatt.......................................... 219<br />

14.1. Der Werkstattrat.......................................................... 220<br />

14.2. Der Werkstattbeirat ..................................................... 222<br />

14.3. Der Elternbeirat ........................................................... 223


15. Wohnen für Menschen mit Behinderungen.................. 224<br />

16. Behinderte Menschen im Alter .................................... 233<br />

17. Ausblick ....................................................................... 235<br />

18. Abkürzungsverzeichnis ................................................ 237<br />

19. Quellen ........................................................................ 238<br />

19.1. Gedruckte Quellen....................................................... 238<br />

19.2. Archivalien................................................................... 238<br />

20. Literaturverzeichnis ..................................................... 241<br />

9


10<br />

0. Was will dieses Buch? Wer half mit?<br />

In Münster ist die Westfalenfleiß ein fester Begriff. Jeder kennt die<br />

Firma mit den zwei orangenen Männchen im Logo, die nicht nur<br />

Parkplätze bewacht, sondern auch behinderten Menschen aus der<br />

Stadt und aus dem benachbarten Telgte, Arbeit, Wohnung und<br />

etlichen Beschäftigten auch so etwas wie eine Familie gibt.<br />

Fragt man jedoch nach dem historischen Werdegang dieser heute<br />

so wichtigen Institution, so erntet man im Regelfall ein Achselzukken<br />

zur Antwort. Kaum jemand kennt den Weg der Westfalenfleiß<br />

während der vergangenen siebzig Jahre ihres Bestehens, hin zu<br />

ihrer heutigen Aufgabe, der einer modernen Werkstatt für Behinderte.<br />

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Sozialgeschichte der Stadt<br />

Münster, insbesondere der ihrer behinderten Menschen, seit dem<br />

Ende des I. Weltkrieges. Man weiß, wie es heute ist, nicht jedoch,<br />

wie es so geworden ist.<br />

Dieses Buch, erschienen zum siebzigsten Geburtstag der modernen<br />

Westfalenfleiß, versucht grundrißartig diese Lücke zu schließen.<br />

Dargestellt wird, wie aus den sozialen Zwängen einer Nachkriegsgesellschaft<br />

sich spezifische Strukturen entwickelten, die aus der<br />

staatlichen sozialen Fürsorge für Kriegsopfer, eine auf alle behinderten<br />

Menschen zielende Tätigkeit vieler Träger entstehen ließ.<br />

Aber auch wird kritisch dargelegt werden, wie Menschenverachtung<br />

und kriminelle Politik Mitmenschen Lebensrechte nahm,<br />

skrupellos menschenwürdiges Leben einschränkte.<br />

Schließlich soll aber auch beschrieben werden, wie sich die moderne<br />

Werkstattidee in Münster Raum brach.<br />

Trotz Bombenkrieg und Zerstörung konnten mannigfach Quellen


aufgetan werden, die es dem Historiker erlauben, die Vergangenheit<br />

noch einmal sprechen zu lassen.<br />

Dieser Aufgabe soll dieses Buch gerecht werden. Sie hätte nicht<br />

erfüllt werden können, wenn nicht Kollegen und Archivare, ehemalige<br />

Mitarbeiter der Firma und Freunde aus dem Kreis der<br />

Gesellschafter bereit gewesen wären, Hinweise zu geben und<br />

Anmerkungen zu machen.<br />

Alles dies wäre ohne den entspannten Umgang mit der Geschäftsleitung<br />

der Westfalenfleiß, Karl-Heinz Garbe und Gerda Fockenbrock,<br />

nicht möglich gewesen. Das ganze Projekt wäre sicherlich<br />

auch nicht in einem solchen Rahmen zu realisieren gewesen, wenn<br />

nicht Dieter Kunath wichtige Kontakte hergestellt und Sponsoren<br />

und Förderer von unserer Idee überzeugt hätte.<br />

Schließlich sollen der offene und kritische Rat von Dr. Fritz<br />

Dieckmann, Heinz Lichtenfeld und der Einsatz meiner Mitarbeiterin<br />

Susanne Löning nicht ungenannt bleiben.<br />

Allen gebührt Dank.<br />

Christian Lindner<br />

11


12<br />

1. Miteinander leben - Gemeinsam arbeiten: Die Westfalenfleiß<br />

GmbH stellt sich vor<br />

Für jeden Menschen ist es wichtig, einen festen Platz in der<br />

Gemeinschaft zu haben und eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben, die<br />

auch für andere nützlich ist. Nach dem Motto „Arbeit ist Leben“<br />

ist gerade für den behinderten Menschen die Arbeit ein Mittel, sein<br />

Leben so normal wie möglich zu gestalten, sein Selbstbewußtsein<br />

zu entwickeln und sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen,<br />

an der Gemeinschaft teilzuhaben. Die Befriedigung, Nützliches<br />

geleistet zu haben, ist für den behinderten Menschen eine wichtige<br />

Hilfe auf dem Weg zu Eigenständigkeit und Selbstvertrauen.<br />

Seit 1975 ist die Westfalenfleiß GmbH, die 1925 gegründet wurde,<br />

um für Schwerbeschädigte des 1. Weltkrieges auch in Münster<br />

geeignete Arbeitsplätze zu schaffen, in Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt,<br />

Bezirk Westliches Westfalen e.V. und der Lebenshilfe<br />

für geistig Behinderte, Ortsvereinigung Münster und Umgebung<br />

e.V. .<br />

Der satzungsgemäße Auftrag der GmbH ist die Errichtung, die<br />

Unterhaltung und der Betrieb von Werkstätten, Betrieben und<br />

Dienstleistungsunternehmen sowie angegliederten oder selbständigen<br />

Wohnheimen für geistig, körperlich, schwerst- und mehrfachbehinderte<br />

Menschen sowie psychisch Behinderte, die nicht,<br />

noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt<br />

tätig sein können, und der Betrieb aller damit im Zusammenhang<br />

stehenden Geschäfte. Hierzu gehören auch die die Rehabilitation<br />

begleitenden Aufgaben.<br />

Die Gesellschaft ist berechtigt, gleichartige oder ähnliche Unternehmungen<br />

zu erwerben, sich an solchen Unternehmungen zu


eteiligen sowie deren Geschäftsführung und Vertretung zu übernehmen<br />

und Zweigniederlassungen zu errichten.<br />

Die Gesellschaft unterhält eine Werkstatt für Behinderte mit drei<br />

Zweigwerkstätten, in der heute 574 geistig, seelisch, körperlich<br />

und mehrfach behinderte Menschen und 295 nichtbehinderte Mitarbeiter<br />

arbeiten. Die Westfalenfleiß GmbH bietet darüber hinaus<br />

in vier Wohnstätten 245 Wohnplätze für behinderte Menschen an.<br />

Es ist selbstverständlich, daß die Werkstatt der Westfalenfleiß ihre<br />

Aufgaben nur mit Hilfe von außen bewältigen kann. Die Auftragsvergabe<br />

durch die Industrie ist das Fundament ihrer Arbeit. Ihren<br />

Kunden bietet die Westfalenfleiß GmbH eine umfangreiche Palette<br />

der Arbeitsausführungen von der Fertigung über die Montage bis<br />

zur Verpackung.<br />

13


14<br />

2. „... Habe sehr viel verloren und danke Gott, daß ich<br />

noch meinen gesunden Verstand habe, wenn auch<br />

keine Hände und Füße mehr ...” 1 - Kriegsversehrte<br />

des I. Weltkriegs als fürsorgerische Sondergruppe<br />

Der Erste Weltkrieg brachte eine ganze Epoche zum Zusammenbruch.<br />

Siegessicher, blumengeschmückt und voller Begeisterung<br />

für Monarchie und Vaterland war 1914 eine ganze Generation in<br />

den Einsatz gezogen. - Viele kehrten nie wieder zurück. Millionen<br />

waren tief enttäuscht, krank und für ihr Leben gezeichnet, als 1918<br />

endlich Frieden herrschte.<br />

Schon recht schnell nach Kriegsbeginn stellte sich für viele Kriegsteilnehmer,<br />

angesichts grauenhaften Sterbens und Leidens an der<br />

Front, die Sinnfrage, die ein Zeitgenosse so formulierte:<br />

... Also ich begreife ... nicht, und das geht wohl allen<br />

anderen eingezogenen Genossen so ... Sollen wir denn die<br />

furchtbaren Opfer ganz für die Katz gebracht haben? ... 2<br />

Andererseits, angesichts des bisher noch nie so erlebten Stellungskrieges,<br />

hatte sich in Deutschland eine Mentalität des Aufopferns<br />

und selbstvergessenen Sterbens und Leidens entwickelt, die folgende<br />

Zitate aus zeitgenössischen Dokumenten verdeutlichen:<br />

... Einen Arm will ich opfern, ein Bein auch ... . 3<br />

... Habe sehr viel verloren und danke Gott, daß ich noch<br />

meinen gesunden Verstand habe, wenn auch keine Hände<br />

und Füße mehr ... . 4<br />

Mit dieser Mentalität einer patriotischen Mehrheit ließ sich über<br />

Jahre hinweg der Krieg fortführen, mit all den täglichen Tragödien,<br />

bis schließlich die Rechnung aufgemacht wurde:


Auf den Schlachtfeldern des I. Weltkrieges hatten mehr als 2<br />

Millionen deutscher Soldaten den Tod gefunden. 5 Fast doppelt<br />

soviele Soldaten kehrten behindert zurück. 6<br />

Die so verstümmelten ehemaligen Soldaten einer untergegangenen<br />

Monarchie, die Kriegsbeschädigten, bedeuteten eine schwere<br />

Hypothek für die junge Republik: Nach Kriegsende waren es vier<br />

Millionen, die ihr Recht auf Leben und Unterhalt zum Überleben<br />

forderten. 7<br />

Diese Gruppe, im Sprachgebrauch der Zeit „Kriegskrüppel” genannt,<br />

genoß fortan bestimmte Vorrechte, wurde privilegiert. Der<br />

patriotische Opferwille und die Mentalität des selbstvergessenen<br />

Einsatzes der Soldaten verlangte nach Anerkennung. Außerdem<br />

hatten die Kriegsbeschädigten eine starke Lobby in der Politik.<br />

Sie erhielten damit auch in der Weimarer Republik einen Sonderstatus,<br />

der schon für die Kaiserzeit typisch gewesen war. Damals<br />

schon hatte sich der Staat der Kriegsbeschädigten in besonderem<br />

Maße angenommen. 8 So dachte man auch schon 1915 über eine<br />

Versorgung der verstümmelten Männer nach:<br />

... Auszug aus einer Liste für ‘Verwendungsmöglichkeiten<br />

für Invalide’ (1915):<br />

... Chemische Industrie: Leute ohne Arm oder Fuß können<br />

Kanzleidiener, Torwächter oder Wagemeister sein. Beim<br />

Fehlen bestimmter Finger einer Hand sind sie verwendbar<br />

bei der Erzeugung von Soda, Chlorbarium, chlorsaurem<br />

Natron usf. sowie im Magazin, beim Transport, in Kammern<br />

und bei Hofarbeiten. ...<br />

Dachdecker: ... Beindefekte oder Deformitäten disqualifizieren.<br />

...<br />

Färber: Fehlen eines Armes oder Unterarmes macht unverwendbar.<br />

(Kunstfuß mit Stelze nicht verwendbar.) ...<br />

Hilfsarbeiter: Verwendung möglich beim Fehlen eines Fußes,<br />

eines Auges, des Kieferapparates. ...<br />

15


16<br />

Kartonagezuschneider: ... Ein Auge genügt. Fehlender<br />

linker Fuß müßte durch künstliches Bein ersetzt werden. ...<br />

Mechaniker: Beide Arme notwendig. Feinmechaniker können<br />

einarmig sein. ...<br />

Photographen: Retoucheure oder Kopisten können den<br />

linken Arm oder einzelne Finger sowie ein Auge entbehren.<br />

...<br />

Zahntechniker: Muß beide Hände haben, kann aber künstliche<br />

Beine besitzen ... . 9<br />

Vor dem Hintergrund der unzureichenden materiellen Versorgung<br />

der Kriegsbeschädigten und des ständigen Zuwachses dieser fürsorgebedürftigen<br />

Gruppe versuchten schon während des Krieges<br />

die Städte und Gemeinden und ihre Selbstverwaltungskörperschaften<br />

auf der Provinzebene, die Provinzialverbände, als die<br />

sogenannten Fürsorgeträger, den sozialen Fall der Kriegsbeschädigten<br />

zu bremsen. 10<br />

Deutlich wurde, daß es weitergehender Maßnahmen der Rehabilitation,<br />

Betreuung und Vermittlung bedurfte, die nur durch eine<br />

intensive, individuelle fürsorgerische Betreuung zu sichern waren.<br />

So entwickelte sich eine Dienstleistungsstruktur, die den Namen<br />

„soziale Fürsorge” bekam. Über sie hieß es:<br />

... Die soziale Fürsorge will den Kriegsbeschädigten und<br />

den Kriegshinterbliebenen mit Rat und Tat behilflich sein,<br />

die wirtschaftlichen Folgen erlittener Dienstbeschädigung<br />

oder des Verlustes des Ernährers zu überwinden oder doch<br />

nach Möglichkeit zu mildern. Vor allem ist ihr Ziel bei den<br />

Kriegsbeschädigten: sie, soweit es erreichbar ist, wieder<br />

erwerbsfähig zu machen und in das Wirtschaftsleben zurückzuführen;<br />

bei den Hinterbliebenen: den Witwen die<br />

Fortführung ihres Haushaltes sowie die Erziehung und<br />

Ausbildung ihrer Kinder tunlichst aus eigenen Kräften zu<br />

ermöglichen und den Waisen die Erlernung einer ihren<br />

Fähigkeiten angemessenen Lebensstellung zu erleichtern<br />

... . 11


Die Gruppe der Anspruchsberechtigten wuchs wegen der Spätfolgen<br />

des Krieges auch nach Kriegsende 1918 stetig weiter. Die<br />

Sorge für die Kriegsbeschädigten wurde zu einer dringlichen<br />

vaterländischen Angelegenheit.<br />

Die Verwaltung der sozialen Fürsorge für die Kriegsbeschädigten<br />

organisierte Fürsorgestellen, die bei den Kommunen, d.h. der<br />

Stadt Münster bzw. beim Provinzialverband Westfalen, dem Vorgänger<br />

des heutigen Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, angesiedelt<br />

waren. Die Kosten teilten sich das Deutsche Reich, die<br />

Länder (in unserem Fall Preußen) und die Gemeinden. 12<br />

Heilbehandlung und Berufsfürsorge standen dabei im Vordergrund.<br />

Geldleistungen sah die „soziale Fürsorge” eigentlich nicht<br />

vor. Es entstand jedoch große Not, da die Versorgungsraten<br />

bewußt sehr niedrig angesetzt waren, um die Versorgungsrentner<br />

möglichst schnell zur vollen Erwerbstätigkeit zu zwingen. 13<br />

Weil auch noch die Teuerung voranschritt, war recht bald die<br />

Situation gegeben, die die „Konzipierenden” der „sozialen Fürsorge”<br />

eigentlich hatten vermeiden wollen. Sollten doch die Kriegsbeschädigten<br />

davor bewahrt bleiben, unter die Anforderungen der<br />

Armenfürsorge zu fallen. 14<br />

So war auch folgerichtig in den Grundlagen des Reichsarbeitsamtes<br />

vom 06.12.1919 davon ausgegangen worden, daß die Kriegsbeschädigten<br />

nicht Zielgruppe der kommunalen Armenfürsorge<br />

seien. 15 Und doch trat diese Situation recht bald ein.<br />

Gemeinden und Provinzialverband, als zum Handeln verpflichtete<br />

Fürsorgeträger, waren also gefordert.<br />

Die Dotationsgesetze von 1873 und 1875 hatten den Provinzen<br />

Gelder zur Verfügung gestellt und ihnen Selbstverwaltungsaufgaben<br />

zugewiesen. Diese erstreckten sich auf den Straßenbau ebenso,<br />

wie auch auf den Bereich der Behindertenfürsorge. 16 Dies war<br />

auch der Bereich der Sorge für die Opfer des Krieges. Die dortigen<br />

Hauptfürsorgestellen wurden praktisch zu den Ausführenden der<br />

17


18<br />

staatlichen Sozialpolitik. 17 Die örtlichen Stellen, so auch die Stadt<br />

Münster, erhielten die entstandenen Fürsorgekosten nach Vorlage<br />

besonderer Verrechnungsnachweise von den Hauptfürsorgestellen,<br />

d.h. dem Provinzialverband Westfalen, erstattet.<br />

Die Hauptfürsorgestellen hatten bei der Durchführung der sozialen<br />

Fürsorge das Entscheidungsrecht in besonderen Einzelfällen<br />

und behielten sich die Durchführung genereller Maßnahmen vor.<br />

Zusätzlich zu diesen Aufgaben hatte der Provinzialverband die<br />

Durchführung des auf Druck der Gewerkschaften und der Kriegsopferverbände<br />

zustande gekommenen Schwerbeschädigtengesetzes<br />

vom April 1920 übernehmen müssen.<br />

Die Fürsorge für die Schwerbeschädigten ist in engem Zusammenhang<br />

mit der erwerbsarbeitsbezogenen Grundintention des Reichversorgungsgesetzes<br />

von 1920 zu sehen. Die wichtigste sozialpolitische<br />

Neuerung hinsichtlich dieser Personengruppe war der<br />

gesetzliche Einstellungszwang. 18<br />

Seit 1917 hatte dieses Thema die sozialpolitische Diskussion<br />

beherrscht. Drängte doch eine Armee von Behinderten im besten<br />

Erwerbsalter auf den Arbeitsmarkt. Sie stand dabei in Konkurrenz<br />

zur Legion der entlassenen unversehrten Soldaten, die auch in<br />

Arbeit und Brot kommen wollten.<br />

Aufgrund dessen erließ das Demobilmachungsamt am 9. Januar<br />

1919 eine Verordnung über die Beschäftigung Schwerbeschädigter,<br />

weil die bis dato praktizierte Freiwilligkeit der Einstellung von<br />

Schwerbeschädigten nur sporadisch praktiziert worden war und<br />

nun angesichts von Tausenden, die im Kriege Gesundheit und<br />

körperliche Unversehrtheit verloren hatten, auch unpraktikabel<br />

erschien. 19<br />

Folglich gab es einen Einstellungszwang, der am 01.02.1919 durch<br />

ein Kündigungsverbot für Schwerbeschädigte ergänzt wurde. 20 Daß<br />

die politische Meinungsvielfalt sich hinsichtlich dieser Frage im


Konsens befand, zeigte sich am 06.04.1920, als man einstimmig<br />

das Reichsgesetz über die Beschäftigung Schwerbeschädigter<br />

verabschiedete.21 Damit war die gesetzgeberische Qualität des<br />

Einstellungszwanges auf das höchste mögliche Niveau gehoben<br />

worden.<br />

Neu gefaßt wurde das Normenwerk am 12. Januar 1923. 22 Dieses<br />

regelte noch ausführlicher den Einstellungszwang und den Kündigungsschutz<br />

bei den durch Kriegseinwirkung Schwerbeschädigten,<br />

die im laxen Sprachgebrauch der Zeit als „Kriegskrüppel”<br />

bezeichnet wurden und etwa eine Anzahl von 270.000 Männern<br />

ausmachten. Ihnen gleichgestellt waren die sogenannten „Friedenskrüppel”.<br />

Diese Bezeichnung umfaßte etwa 100.000 Frauen<br />

und Männer, die nicht zu der Gruppe all jener gehörten, die durch<br />

einen Betriebsunfall zu Schaden kamen und damit in den Zuständigkeitsbereich<br />

der Berufsgenossenschaften fielen. 23 Das Gesetz<br />

sollte diesen - nicht durch einen Betriebsunfall - Beschädigten den<br />

Weg zurück in das normale Erwerbsleben ebnen, ihnen einen<br />

gesicherten Arbeitnehmerstatus bzw. die wirtschaftliche Selbständigkeit<br />

zu erhalten erleichtern.<br />

Nach diesem Gesetz hatten öffentliche und private Arbeitgeber,<br />

deren Betriebe mehr als 20 Beschäftigte umfaßten, 2 % der<br />

Arbeitsplätze mit Schwerbeschädigten zu besetzen. Behörden<br />

sollten für 3 % ihres Geschäftsbereiches, das Reichsarbeitsministerium<br />

sogar für 8,63 % seines Geschäftsbereiches Schwerbeschädigte<br />

einstellen. 24 Die Hauptfürsorgestellen, somit in Preußen die<br />

Provinzialverbände, bzw. die Schwerbeschädigtenabteilungen der<br />

amtlichen Fürsorgestellen, sollten die Durchführung des Gesetzes<br />

garantieren.<br />

Außerdem hatten die Hauptfürsorgestellen das Genehmigungsrecht<br />

hinsichtlich der Kündigung von Schwerbeschädigten. 25<br />

So wurde die Schwerbeschädigtenfürsorge zur Arbeitsfürsorge<br />

und die Gemeinden bzw. die Provinzialverbände zu Institutionen,<br />

19


20<br />

die in die Arbeitsmarktpolitik eingreifen konnten. Dies geschah mit<br />

sogenannten Schwerbeschädigtenbetrieben.<br />

Mit Betrieben somit, die den Schwerbeschädigten manchmal nur<br />

eine Ausbildungsmöglichkeit, im Regelfall jedoch - so im Bereich<br />

Westfalen - eine recht dauerhafte Beschäftigungsmöglichkeit bieten<br />

sollten. 26 Der sozialpolitische Fortschritt bei dieser Behandlung<br />

des Problems bestand darin, daß von der rentenmäßigen<br />

Entschädigung in Geld abgewichen wurde. Dies geschah zugunsten<br />

der Schaffung von Arbeitsplätzen, mit denen den Schwerbeschädigten<br />

eine Möglichkeit zur eigenen Sicherstellung des Lebensunterhalts<br />

gegeben wurde und sie sich nicht länger als Almosenempfänger<br />

betrachten mußten und als solche betrachtet wurden.<br />

Mit dieser Entwicklung befand man sich im Einklang mit der<br />

Weimarer Verfassung, die in Art. 157 festgelegt hatte, daß Sozialleistungen<br />

Arbeitsbeschaffungsleistungen sein sollten. 27<br />

Im Inflationsjahr 1923 hörte die Finanzierung der sozialen Kriegsopferfürsorge<br />

durch das Reich fast gänzlich auf. 28 Das Reich<br />

überwies jetzt nur noch Pauschalbeträge. Die Selbstverwaltungskörperschaften,<br />

wie Städte und Gemeinden, hatten nun erhebliche<br />

zusätzliche Mittel aufzubringen. Sie waren damit praktisch an den<br />

Rand des Machbaren gedrängt worden.<br />

Mit der Einführung der Fürsorgepflicht 1924 zog sich das Deutsche<br />

Reich schließlich endgültig aus der sozialen Kriegsopferfürsorge<br />

zurück. In Preußen wurden die neu geschaffenen Landesund<br />

Bezirksfürsorgeverbände mit den Aufgaben der sozialen<br />

Kriegsopferfürsorge belastet. Fortan fiel die Zuständigkeit für die<br />

Kriegsbeschädigten an den jeweiligen Bezirksfürsorgeverband,<br />

d.h. hier an die Stadt Münster, bzw. den übergeordneten Landesfürsorgeverband<br />

bei der Provinz.<br />

Die Hauptlast der Einzelfürsorge übernahmen die Bezirksfürsorgeverbände,<br />

die Kommunen und Kreise, die von nun an über ihre


Unabhängigkeit wachten gegenüber den Landesfürsorgeverbänden,<br />

in Westfalen dem Landesfürsorgeverband Westfalen. Dem<br />

Landesfürsorgeverband - nun hieß dort nur noch ein Amt, nicht<br />

mehr die ganze Behörde, Hauptfürsorgestelle - oblag nun die<br />

Durchführung des Schwerbeschädigtengesetzes, die Zahlung der<br />

Zusatzrente, die Bearbeitung von Sonderanträgen und die Heilund<br />

Erholungsfürsorge für die Kinder Schwerbeschädigter und die<br />

Betreuung der Kriegswaisen. An eine gedeihliche Zusammenarbeit<br />

war nur zu denken, wenn die Kompetenzen und ihre Anerkennung<br />

gegenseitig ausgesprochen waren. Buchstäblich notgedrungen<br />

fand dies statt.<br />

Die Weimarer Republik ist somit gekennzeichnet durch eine<br />

stetige Ausweitung der Kompetenzen der Provinzialverbände im<br />

Bereich der sozialen Fürsorge. So kamen zu den traditionellen<br />

Fürsorgetätigkeiten im Bereich der Irren- und Anstaltsfürsorge,<br />

die Jugendwohlfahrt, die Kriegsopfer- und die Krüppelfürsorge<br />

und die Bekämpfung der chronischen Infektionskrankheiten hinzu,<br />

ohne daß dabei aber die Staatszuschüsse erhöht worden wären.<br />

So verdoppelten sich z.B. in Westfalen gegenüber der Vorkriegszeit<br />

die Voranschläge für Aufwendungen im Rahmen des Sozialwesens<br />

auf 70 % der Haushaltsansätze. 29 Fernerhin erging mit der<br />

Fürsorgepflichtverordnung vom 17.02.1924 eine Regelung für<br />

eine abgestimmte Zusammenarbeit von öffentlicher Fürsorge und<br />

freier Wohlfahrtspflege. Sie regelte die Fürsorgepflicht. 30<br />

Die Kriegswohlfahrtspflege wurde auch nach 1924 hauptsächlich<br />

von den Gemeinden getragen. Es war deshalb abzusehen, daß<br />

diejenigen Gemeinden, deren finanzielles Aufkommen gering oder<br />

deren Anspruchsberechtigte zu zahlreich waren, in besonderem<br />

Maße in ihrer finanziellen Leistungskraft gefordert waren. Die<br />

Städte hatten von Anfang an versucht, möglichst einheitlich vor-<br />

21


22<br />

zugehen, um so eine Ungleichbehandlung der Unterstützten zu<br />

verhindern und Kosten zu sparen.<br />

Das war verständlich, denn die Inflation war von besonderer<br />

Auswirkung auf die Städte und deren finanzielle Situation. 31 Die<br />

erzbergerische Finanzreform hatte sie schon 1919 um ihre eigene<br />

Initiative bei der Steuererhebung gebracht.<br />

Sie erhielten fortan nur noch Schlüsselzuweisungen, was sie<br />

fürchten ließ, wie es Duisburg 1919 formulierte, ihren Aufgaben in<br />

der Kriegsbeschädigtenfürsorge nicht mehr gerecht werden zu<br />

können. 32 Das Reich reagierte auf derartige Befürchtungen mit der<br />

Zuweisung von Zuschüssen. 33 Gerade der sensible Bereich der<br />

Kriegsopferfürsorge sollte schonend behandelt werden. 34<br />

1 Aus einem Feldpostbrief, zitiert in: Ulrich, S. 83.<br />

2 Brief des Nikel Osterroth vom 29.12.1915, In: Ulrich, S. 60.<br />

3 Aus einem Feldpostbrief, zitiert In: Ulrich, S. 79.<br />

4 Aus einem der fiktiven Bruderbriefe der Elsa Höringer vom 19.7.1917, In: Ulrich,<br />

S. 83.<br />

5 Fandrey, S. 159; Zur Situation in Preußen: Burgdörfer, bes. S. 85, 100.<br />

6 Zahlen nach Jantzen: Sozialgeschichte, S. 100; S.a.: Zählung für den Reichstag<br />

(1926).<br />

7 Wolfgang Jantzen: Sozialgeschichte, S. 100.<br />

8 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 46.<br />

9 In: Ulrich, S. 81.<br />

10 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 53.<br />

11 Grundsätze über die Zuständigkeit für die soziale Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenenfürsorge<br />

vom 06.12.1919, zit. nach: Heinz Wolfram.<br />

12 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 90.<br />

13 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 90.<br />

14 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 90.


15 Vergl. „Grundsätze über die Verwendung der Reichsmittel für die soziale Kriegsbeschädigten-<br />

und Kriegshinterbliebenenfürsorge v. 30. August 1920, abgedr. bei W.<br />

Isberner, S. 55 ff.<br />

16 Teppe: Kontinuität, S. 11; Vgl. grdl.: Josef Hoffahrth.<br />

17 Castell-Rüdenhausen, S. 110.<br />

18 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 91.<br />

19 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 91; Grdl.: Richter, Kriegsbeschädigtenfürsorge; Horion.<br />

20 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 91.<br />

21 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 91.<br />

22 Siehe Rudolf Fülting: Die Pflicht zur Beschäftigung Schwerbeschädigter, Leipzig,<br />

1923; Grdl.: Richter: Schwerbeschädigtenfüsorge.<br />

23 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 91.<br />

24 Vgl. Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 91.<br />

25 Castell-Rüdenhausen, S. 110.<br />

26 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 92.<br />

27 Weimarer Verf. Art. 157.<br />

28 Castell-Rüdenhausen, S. 111.<br />

29 Vergl.: Castell-Rüdenhausen, S. 112 mit Krabbe, Tabelle S. 59.<br />

30 Wolfgang Jantzen, Sozialgeschichte, S. 100.<br />

31 Vgl. Zum Folgenden: Jürgen Reulecke, S. 97-116.<br />

32 Reulecke, S. 100,vergl.a.grdl.: Hirsch.<br />

33 Reulecke, S. 101 ff.<br />

34 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 89 ff.; Reulecke S. 107 f.<br />

23


24<br />

3. Münster in den Anfängen der Weimarer Republik<br />

Der Erste Weltkrieg endete auch in Münster mit einer politischen<br />

und sozialen Katastrophe. Wertvorstellungen und die soziale<br />

Ordnung des Wilhelminischen Deutschland waren im Sperrfeuer<br />

vor Verdun untergegangen.<br />

Alles das, was als unumstößliche Wahrheit gegolten hatte, hatte<br />

plötzlich aufgehört zu bestehen.<br />

Als große Garnisonsstadt und Sitz des Oberpräsidenten der Provinz<br />

Westfalen schien der Wechsel von der Monarchie zur parlamentarischen<br />

Demokratie, die Stadt in ein ideologisches Vakuum<br />

zu verwandeln, das extreme Kräfte des rechten wie linken Spektrums<br />

zu füllen versuchten. 1<br />

Zum von vielen als „Schandfrieden” empfundenen „Diktat von<br />

Versailles” kam der soziale Sprengstoff eines verlorenen Krieges.<br />

Dies machte die Lage so prekär und umriß den Handlungsspielraum<br />

alles politischen Agierens sehr eng.<br />

Noch dazu, wo sich extreme Kräfte der wirtschaftlichen Not<br />

bedienten und es zu Tätlichkeiten kam. Häufig veranstaltete man<br />

in der Folgezeit des Kriegsendes in Münster nun Demonstrationen<br />

und Streiks. Diese richteten sich gegen die überhöhten Lebensmittelpreise<br />

und die Mißstände bei der Verteilung von Grundnahrungsmitteln.<br />

2 Die Beteiligung an den Protesten war überraschend<br />

groß, zumal, wenn man ein eher auf Ruhe und Ordnung zielendes<br />

soziales Milieu in Rechnung stellt.<br />

Nach dem entschlossenen Auftreten von Militär und paramilitärischen<br />

Einheiten (Freikorps) stellte sich zwar in den Zwanzigern in<br />

der Stadt eine - nach außen hin so wirkende - Ruhe ein, jedoch<br />

unter der Oberfläche schwelte die politische Unzufriedenheit<br />

weiter. 3


Zwar gelang es der konservativen städtischen Führung, die Angriffe<br />

auf die öffentliche Ordnung zu unterdrücken, wobei eher der<br />

Restauration des alten Preußen, denn dem Schutz der jungen<br />

Demokratie Obacht gezollt wurde, doch in immer wieder auftretenden<br />

Streiks wurde die soziale Not öffentlich. 4<br />

Diese war eine Folge des verlorenen Krieges, der Umstellung von<br />

einer Kriegs- auf eine Friedenswirtschaft, wie auch der allgemeinen<br />

wirtschaftlichen Lage. Ihr äußeres Zeichen war der Anstieg<br />

der Arbeitslosigkeit. 5<br />

Der Verpflichtung der Stadt mit den Kriegsfolgen fertig zu werden,<br />

wie es die Reichsgesetze vorsahen, sah man in Münster mit<br />

Bitterkeit und tiefer Resignation entgegen. Im Jahre 1922 setzte<br />

schließlich die städtische Verwaltung mit eigenen Initiativen zur<br />

Bekämpfung der sozialen Mißstände an. 6 Dabei waren die Möglichkeiten<br />

äußerst beschränkt, denn am 31.05.1922 schloß der<br />

Haushaltsentwurf mit einem Fehlbetrag von 17.217.477 RM ab. 7<br />

Das war seinerzeit eine immense Summe.<br />

Die Stadt und ihre Wohlfahrtsbehörde, die Armenkommission,<br />

sahen durch das Defizit ihren Handlungsspielraum sehr beschränkt.<br />

Nachbewilligungen waren nun die Folge. Die Stadt wurde andererseits<br />

wegen der fortschreitenden Inflation auf einen eisernen<br />

Sparkurs gedrängt, denn vom Reich war Unterstützung nicht zu<br />

erwarten. Man griff deshalb drastisch in den eigenen Personalbestand<br />

ein. Unter anderem wurde der Türmer von Lamberti nicht<br />

mehr beschäftigt und selbst der Straßenbahnverkehr eingestellt. 8<br />

Mit der Inflation im Jahre 1923 erreichte die wirtschaftliche Krise<br />

dann ihren ersten Höhepunkt. Die Zahl der von der städtischen<br />

Fürsorge abhängigen Gruppen wuchs beständig an und schließlich<br />

erreichte die Verelendung derartige Ausmaße, daß große Teile der<br />

Bevölkerung zu den Unterstützungsempfängern gezählt werden<br />

mußten. 9 Mit Errichtung einer Volksküche sollte der Mangeler-<br />

25


26<br />

nährung der Bevölkerung Einhalt geboten werden. Zumindest<br />

sollte ein regelmäßiges Mittagessen möglich sein. 10<br />

Auch die Arbeiterwohlfahrt (AWO) führte in den 20er Jahren in<br />

Münster und Hamm Armenspeisungen kostenlos durch. 11<br />

Aktionen der Arbeiterbewegung gab es aber auch anderswo in der<br />

Provinz . 12<br />

In Münster gaben viele Pfarreien ihrerseits Hilfsgüter aus. 13<br />

In ganz erheblichem Maße waren die Sozial- und Kleinrentner von<br />

der sozialen Katastrophe betroffen. 14 Schließlich waren bis Ende<br />

November 1923 ständig cirka 2.000 Klein- und Sozialrentner zu<br />

betreuen. 15<br />

Die Kriegsbeschädigten stellten dabei eine größere Gruppe, da sie<br />

ja nur eine kleine Rente erhalten sollten. 16 Damit wollte man die<br />

Kriegsbeschädigten dazu anhalten, wieder erwerbstätig zu werden<br />

und somit der Sozialfürsorge nicht zur Last zu fallen. Aber ohne<br />

Gelegenheit zum Erwerb waren es auch gerade sie, die unter den<br />

nun herrschenden Bedingungen ständig vor dem Fall in das soziale<br />

Nichts standen. Mehr als 10 % der Münsteraner - cirka 11.000<br />

Personen - gehörten alsbald ob als Kriegsbeschädigte, zivile Behinderte<br />

oder aber verarmte Arbeiter oder Angestellte zum Kreis<br />

der Fürsorgeempfänger. 17<br />

Zwar bildeten sich immer wieder private Initiativen zur Behebung<br />

der unmittelbaren Not, die etwa Geld, Naturalien oder Kleidung<br />

sammelten, aber dies brachte nur eine kurzzeitige Erleichterung,<br />

nicht das Ende des Massenelends.<br />

Dieses dokumentiert sich in den Zahlen:<br />

1923 wurden von der Stadt 910 Kleinrentner und 1.100 Sozialrentner<br />

unterstützt. 18 Dazu war sie seit 1922 verpflichtet. 19<br />

Für die vielen Fürsorgeempfänger, ob nun kriegs- oder schwerbeschädigt<br />

und in der Stadt ohnehin schon arm dran, wurde durch die<br />

Inflation des Jahres 1923 jeder neue Tag zu einem Kampf um das<br />

nackte Überleben, denn das erhaltene Geld konnte trotz ungeheu-


er aufgedruckter Summen innerhalb von Stunden zu einem wertlosen<br />

Stück Papier werden.<br />

Die gewaltigen Schwierigkeiten ergaben sich aus der fortschreitenden<br />

Inflation. Insgesamt überschritten die Ausgaben für die<br />

Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen im ersten Dreiviertel-<br />

Jahr 1923 den Jahreskredit der Stadt Münster um 502.446,64 M. 20<br />

Die Höhe der Summe ist erklärbar, denn im November 1923 betrug<br />

schließlich der Preis für ein Fünf-Pfund-Brot - aufgrund der<br />

Inflation - 250 Milliarden Mark. 21 Die Angst vor dem Morgen<br />

wurde für die meisten Menschen, besonders aber die sozial Benachteiligten,<br />

zu einem ständigen Begleiter.<br />

Ab Ende 1924 - auch als Folge der Währungsreform - setzte dann<br />

ein langsamer wirtschaftlicher Erholungsprozess ein, der die Stadtoberen<br />

auch wieder den Blick auf die eigentlich privilegierte<br />

Gruppe der Kriegsopfer lenken ließ. Gleichwohl, Not, Arbeitslosigkeit<br />

und akuter Wohnungsmangel blieben weiterhin die Konstanten<br />

in der sozialen und politischen Topographie in der Stadt.<br />

Trotzdem kommentierte „Der Münsterische Anzeiger” überaus<br />

optimistisch die wirtschaftliche Besserung so: „... Münsters Bürger<br />

treiben gesunde Realpolitik und freuen sich der Besserung,<br />

die jeder Tag mit sich bringt ...”. 22 Diese Realpolitik zeigte sich in<br />

städtischen Investitionen.<br />

Das waren u. a. Straßenausbauten, Neupflasterungen, Wohnungsbauten<br />

und Verkehrsverbesserungen. 23<br />

Solche arbeitschaffende Maßnahmen waren auch notwendig, denn<br />

mit der Fürsorgepflichtverordnung vom Februar 1924 war die<br />

Stadt organisatorisch, wie auch geldlich, zur Intensivierung ihrer<br />

Fürsorgetätigkeit gezwungen worden.<br />

Nach der nunmehr geltenden Rechtsgrundlage, der Fürsorgepflichtverordnung,<br />

änderte sich ab Februar 1924 die Verwaltung<br />

27


28<br />

und Finanzierung des Wohlfahrtsbereiches erheblich. 24 Die städtische<br />

Armenkommission wurde nun in ein kommunales Wohlfahrtsamt<br />

überführt. Dessen nachgeordnete Behörden waren ein<br />

Fürsorge-, ein Gesundheits- und ein Jugendamt.<br />

Der neuen Dienststelle zugeordnet waren mannigfache Ausschüsse,<br />

die nicht nur von den städtischen Funktionsträgern aus Magistrat<br />

und Stadtverordnetenversammlung, sondern auch von Repräsentanten<br />

der Organisationen der freien Wohlfahrtspflege und der<br />

Geistlichkeit besetzt wurden.<br />

Damit war ein starker konfessioneller Einfluß in der städtischen<br />

Sozialpolitik festgeschrieben worden, der ein Handeln an den<br />

konservativen Maßstäben der beiden großen Religionen, insbesondere<br />

denen des sozialen Katholizismus, orientiert sein ließ.<br />

Dies ist einmalig in der fürsorgerischen Landschaft und kann als<br />

„Münstersches System” bezeichnet werden.<br />

Die Zusammenarbeit zwischen diesen Meinungsbildnern in der<br />

Stadt und dem städtischen Verwaltungskörper hatte sich bei der<br />

Errichtung des städtischen Wohlfahrtsamtes bewährt. Dessen<br />

Richtlinien waren vom Caritasdirektor der Diözese erarbeitet<br />

worden. Außerdem bestand eine große personale Einheit zwischen<br />

den Handelnden von Caritas, politischen Parteien (insbesondere<br />

dem Zentrum) und Stadtverordneten.<br />

Es waren auch die konfessionellen Wohlfahrtsorganisationen, die<br />

vor Ort wirkten. Die Stadt war dazu in 20 Fürsorgebezirke<br />

eingeteilt worden, in denen mehr als 300 ehrenamtliche Fürsorgepflegerinnen<br />

und Fürsorgepfleger tätig waren. Sie bildeten das<br />

Rückgrat der aktiven Hilfe in der Stadt, wenn es galt, die Folgen<br />

von Krieg und desolater Wirtschaft zu bekämpfen.<br />

So konstituierte sich auch im Wohlfahrtsbereich ein konfessionelles<br />

Milieu, das den konservativ- religiösorientierten Kurs in der<br />

Stadt auf Jahre festschrieb.<br />

Alles aktive Handeln fand allerdings da seine Grenze, wo der<br />

Haushalt der Stadt einfach überfordert war.


Schließlich hatte der Haushaltsplan 1925 eine Deckungslücke von<br />

7,4 Millionen Mark. Die Stadt plante nun Steuererhöhungen, stieß<br />

damit aber vor allem bei Gewerbetreibenden auf Kritik. 25<br />

Dabei war aktives Handeln von Nöten, denn die Arbeitslosigkeit<br />

lag in den Jahren 1924 - 1926 bei 11,4 %, 8,3 % und 17,9 %. Sie<br />

sank erst 1927 und 1928 auf 8,8 % und 9,7 % und stieg dann<br />

zunehmend. 1932 lag sie schließlich bei 44,4 %. 26<br />

Das Jahr 1925 schließlich ist besonders dadurch gekennzeichnet,<br />

daß in Münster, wie auch anderenorts, trotz der Haushaltsdefizite,<br />

alle erdenklichen Anstrengungen unternommen wurden, Kriegsbeschädigte<br />

und ihnen Gleichgestellte in Arbeit und Brot zu<br />

bringen. So nahm etwa die Oberpostdirektion Münster seit dem<br />

01.01.1925 Opfer des Krieges als Hilfspostschaffner an. 27<br />

Auch die gleichgestellten Schwerbeschädigten sollten schließlich<br />

ihr Auskommen finden.<br />

Im Sommer 1925 wäre ein erfolgreich geführtes Unternehmen für<br />

die vielen noch arbeitslosen Kriegsbeschädigten und Schwerbeschädigten<br />

auch in Münster von Nöten gewesen, denn der zuständige<br />

Dezernent und Stadtarzt Dr. Luig klagte:<br />

... Infolge der mißlichen Arbeitsmarktlage in Münster ist es<br />

uns unmöglich geworden, den zahlreichen Schwerbeschädigten<br />

die z. Zt. ohne Stellung sind, geeignete Arbeitsstellen<br />

zu verschaffen ... . 28<br />

Man hatte also durchaus erkannt, welche Bedeutung der Themenkreis<br />

der Beschäftigung der Schwerbeschädigten hatte.<br />

Die Kommune versuchte ihr Bestes und die Schwierigkeiten<br />

erklären sich aus der Vielzahl der zu versehenden Aufgaben der<br />

Kriegsbeschädigtenfürsorge, wie es folgendes Dokument zeigt:<br />

... Die örtliche Fürsorgestelle umfaßt die Fürsorge für die<br />

Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen.<br />

29


30<br />

Die Kriegsbeschädigtenfürsorge hat entsprechend dem Ziele<br />

der Einführung des Kriegsbeschädigten in das wirtschaftliche<br />

Leben vornehmlich folgende Aufgaben: Berufsberatung,<br />

Berufsausbildung, Arbeitsvermittelung und Arbeitsbeschaffung,<br />

Mitwirkung bei Ansiedlung und Selbständigmachung,<br />

sowie die Heilfürsorge.<br />

Weitere Aufgaben sind die Beratung und Vermittelung bei<br />

der Bewirkung der gesetzlichen Versorgungsgebührnisse,<br />

der sie ergänzenden Zuwendungen aus Reichsmitteln und<br />

der Versorgung auf Grund der sozialen Versicherung,<br />

ferner Beratung und Hilfeleistung in Fragen des Familienund<br />

Erwerbslebens, besonders auf dem Gebiete der wirtschaftlichen<br />

Fürsorge, der Kindererziehung und der Gesundheitsfürsorge,<br />

Wohnungs- und Möbelbeschaffung, sowie<br />

die Rechtsberatung.<br />

Eine weitere Aufgabe ist der Kriegsbeschädigtenfürsorge<br />

durch das Gesetz vom 6.4.20 auferlegt und zwar die Unterbringung<br />

der Schwerkriegsbeschädigten sowie die Ueberwachung<br />

der Schwerbeschädigten, welche die Fürsorgestelle<br />

aus körperlichen Gebrechen nicht aufsuchen können...<br />

. 29<br />

Man gab sich also durchaus große Mühe. Trotzdem gab es<br />

natürlich immer wieder Beschwerden:<br />

... Es liegt eine Beschwerde des Kriegsbeschädigten B. vor,<br />

gegen die Ablehnung seines Unterstützungsgesuches. B.<br />

hat aber inzwischen durch den Vorsitzenden des Reichsverbandes<br />

die Beschwerde zurückziehen und einen Antrag auf<br />

Bewilligung einer einmaligen Unterstützung stellen lassen.<br />

Der Vorsitzende erklärt, daß mit Rücksicht auf das Rheumatismusleiden<br />

des B. nur die Beschaffung von warmem<br />

Unterzeug in Frage komme, eine Barunterstützung müsse<br />

abgelehnt werden ... . 30<br />

Dabei mangelte es keineswegs an guten Vorschlägen, den Menschen<br />

zu helfen. Diese kamen auch von den Kriegsbeschädigten<br />

selbst:


... Der Vorsitzende des Beirats für Kriegsbeschädigte und<br />

Kriegshinterbliebene ... berichtet zunächst über den Antrag<br />

des Reichverbandes der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen<br />

auf freie Fahrt auf der Straßenbahn für die<br />

Schwerbeschädigten. Die Betriebsverwaltung lehne aus<br />

Grundsatz die Bewilligung freier Fahrten ab, es müsse<br />

daher das Wohlfahrtsamt die Kosten tragen. Da diese<br />

Kosten aus dem Etat nicht gedeckt werden können, müssen<br />

sie besonders von der Stadtverordnetenversammlung bewilligt<br />

werden ... . 31<br />

Das darf jedoch nicht dazu verführen zu glauben, den Schwer- oder<br />

Kriegsbeschädigten hätte ihre zweifelsohne privilegierte Stellung<br />

im deutschen Fürsorgewesen oder in der Stadt Münster einen<br />

Freibrief auf die Erfüllung aller Begehren gegeben:<br />

... Es wird auf Anregung des Herrn Vorsitzenden beschlossen,<br />

in Zukunft bei der Hergabe von Darlehen und der<br />

Zahlung von Vorschüssen strenger als bisher zu verfahren,<br />

damit nur die wirklich bedürftigen Kriegsopfer berücksichtigt<br />

werden.<br />

Es wird weiter beschlossen, den Beirat nur einzuberufen,<br />

für Beschwerden, schwierigere Entscheidungen bei größeren<br />

Anschaffungen und Ähnlichem.<br />

Einzelfälle sollen wie bisher vom Wohlfahrtsamt unmittelbar<br />

erledigt werden. Die Bezirksversammlungen sollen<br />

einstweilen mit der Betreuung der Kriegsopfer nicht befasst<br />

werden ... . 32<br />

Und schließlich gab es auch Mißbrauch:<br />

... Vom Herrn Vorsitzenden wird der Fall des Kriegsbeschädigten<br />

B. vorgetragen.<br />

Der Beirat beschliesst, dass ihm weitere Vorschüsse oder<br />

Unterstützungen nicht mehr gewährt werden sollen. Es soll<br />

ihm weiterhin angedroht werden, dass er in Zukunft bei<br />

weiteren unberechtigten Anträgen vollständig aus der sozialen<br />

Fürsorge ausgeschlossen werde ... . 33<br />

31


32<br />

Trotzdem waren die Kriegsbeschädigten insgesamt bevorrechtigt,<br />

denn<br />

... Auf Anregung des Herrn Geinert sagt[e] Herr Dr. Luig<br />

zu, dass in Zukunft die Nachprüfung der Familienverhältnisse<br />

pp. der Kriegsopfer auf das Notwendigste beschränkt<br />

werden soll ... . 34<br />

1 L. Grevelhörster (Kröll), S. 43 ff; Zum sozialen Milieu: Kaufmann, bes. S. 131 ff.<br />

2 Vergl.: Thamer: Stadtentwicklung und politische Kultur während der Weimarer<br />

Republik, S. 230 ff, In: F.-J. Jakobi (Hg), Geschichte der Stadt Münster.<br />

3 Ebd.: S. 234 ff.<br />

4 Grevelhörster (Kröll), S. 49.<br />

5 Haunfelder, S. 164.<br />

6 Grevelhörster (Kröll), S. 50 f.;Grdl: Rump.<br />

7 MA, 31.12.1922, Jahresrückblick.<br />

8 Grevelhörster (Kröll), S. 50.<br />

9 Thamer, Stadtentwicklung ..., S. 241.<br />

10 STDAM, Verwaltungsbericht, 1915-1926, S. 288.<br />

11 Gisela Wuttke, S. 47.<br />

12 Bochumer Volksblatt, 04.01.1923.<br />

13 Grevelhörster (Kröll), S. 50.<br />

14 STDAM, Verwaltungsbericht 1915-1926, S. 290.<br />

15 STDAM, Verwaltungsbericht 1915-1926, S. 290.<br />

16 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 49 ff.<br />

17 Haunfelder, S. 164.<br />

18 STDAM, Verwaltungsbericht 1915-1926, S. 288 ff.<br />

19 Ebd.: S. 241.<br />

20 LWL, C 61, III, NR. 78, Kriegsbeschädigtenfürsorge Münster-Stadt an Hauptfürsorgestelle,<br />

08.02.1923.<br />

21 Haunfelder, S. 164.<br />

22 MA, 31.12.1924, Jahresrückblick.<br />

23 MA, 31.12.1924, Jahresrückblick.<br />

24 Vergl.: zum Folgenden: Thamer, Stadtentwicklung, S. 267.


25 Haunfelder, S. 165.<br />

26 Zitat: Wolfgang Jantzen: Sozialgeschichte des Behindertenbetreuungswesens, S. 97.<br />

27 LWL, C 61, III, Nr. 121, Oberpostdirektion an HFST, 28.02.1925.<br />

28 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Wohlfahrtsamt Münster an den Magistrat Münster,<br />

09.08.1925.<br />

29 STDAM, Zentralbüro, Nr. 125, Fürsorgestelle f. Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene,<br />

Münster-Stadt an den Magistrat, o.D.<br />

30 STDAM, Stadtregistratur, Fach 20, Nr. 65, Sitzung des Beirats für Kriegsbeschädigte<br />

und Kriegshinterbliebene, 26.11.1925.<br />

31 Ebd..<br />

32 STDAM, Stadtregistratur, Fach 20, Nr. 65, Sitzung des Beirats f. d. Durchführung der<br />

soz. Fürsorge für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene, 22.01.1925.<br />

33 Ebd..<br />

34 Ebd..<br />

33


34<br />

4. Die Gründung der Westfalenfleiß: Ein Hoffnungsschimmer<br />

gewinnt Gestalt<br />

Im Großraum Münster war es nicht besonders gut um die Kriegsopfer<br />

gestellt. So waren 1921 im Amt St. Mauritz von der<br />

Kriegsfürsorge 90 Kriegsbeschädigte und 108 Kriegshinterbliebene<br />

zu unterhalten. Diese enorme Belastung war auch für eine<br />

wohlhabendere Gemeinde, wie das seinerzeit Amt St. Mauritz,<br />

eine auf Dauer nicht zu tragende Bürde. Dies galt besonders dann,<br />

wenn eine Rente zu zahlen war.<br />

Diese setzte sich folgendermaßen zusammen:<br />

a) Grundrente (je nach Grad der Minderung)<br />

b) Ortszulage<br />

c) Ausgleichszulage:<br />

- 35 % für einen früher ausgeübten Beruf, der erhebliche<br />

Kenntnisse und Fähigkeiten erfordert hatte,<br />

- 70 %, wenn der Beruf ehemals auch besondere Verantwortung<br />

und Leistung erforderte<br />

d) je nach Behinderung eine Schwerbehindertenzulage und<br />

eventuell eine Pflegezulage<br />

e) bei Ehemännern eine „Frauenzulage”<br />

f) Kinderzulage<br />

g) bei Bedürftigkeit eine Zusatzrente 1<br />

Es muß betont werden, daß diese Versorgung, die sogenannte<br />

Kriegsinvalidenrente, einkommensunabhängig war. 2<br />

Generell mußte etwa die Hälfte der schwerbeschädigten Kriegsteilnehmer<br />

einen sozialen Abstieg hinnehmen. Die Gruppe der 20bis<br />

40jährigen schwerkörperbehinderten Männer lebte dabei aber<br />

unter günstigeren Bedingungen als die Älteren. 3<br />

Die häufigsten Berufe, die von den Schwerbeschädigten ausgeübt<br />

wurden, waren Schneider, Schuhmacher, Tischler, Korbmacher<br />

und Flechter, Hausierer, Zigarrenhändler etc.


Auffällig ist, daß die Berufsbilder der Behinderten nach dem ersten<br />

Weltkrieg den bekannten typischen Behindertenberufen aus dem<br />

18. und 19. Jahrhundert entsprachen. 4<br />

Das materielle Elend der Arbeitslosigkeit war eine mehr oder<br />

minder ständige und alltägliche Erscheinung der Weimarer Jahre. 5<br />

Wieviel schlechter mußte es da denen gehen, die der Krieg an den<br />

Rand gedrängt hatte, indem er ihnen ihre Gesundheit und Erwerbsfähigkeit<br />

nahm.<br />

Auf Dauer war, angesichts der desolaten Finanzlage der Kommunen<br />

und dem zahlenmäßig starken Auftreten der zu Versorgenden,<br />

ein Nachdenken über neue Konzepte erforderlich. Bei dieser Art<br />

von Verrentung konnten in der Krisenzeit der 20er Jahre die Städte<br />

ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Deshalb machte<br />

man sich Gedanken über gezielte Selbsthilfe und Arbeitsbeschaffung<br />

für Schwerbeschädigte.<br />

So hieß es im Oktober 1921 in einer Denkschrift des Dr. Wölz<br />

(Reichszentrale für Heimatdienst, Berlin) hinsichtlich der Arbeitsbeschaffung<br />

für Schwerbeschädigte:<br />

... Die neuere Sozialpolitik bemüht sich ... soweit irgend<br />

möglich, ... Notständen durch Maßnahmen der Unfallverhütung<br />

sowie eine weitausschauende Gesundheitsfürsorge<br />

und Berufsvorbereitung vorzubeugen. Ergeben sich trotzdem<br />

infolge von Beschädigungen irgendwelcher Art wirtschaftliche<br />

Nachteile, so sucht man sie, soweit irgend<br />

tunlich, im Wege eines nichtgeldmäßigen Ausgleichs zu<br />

beseitigen ... Vor allem soll jeder Hilfsbedürftige, der noch<br />

irgendwie über einen Rest von Arbeitskraft verfügt, dadurch<br />

daß ihm Gelegenheit geboten wird, diese Arbeitskraft<br />

auszunutzen, in den Stand gesetzt werden, mindestens einen<br />

nichtunerheblichen Teil der bei ihm bestehenden Notlage<br />

aus eigener Kraft zu beseitigen. Schon vor dem Kriege hat<br />

35


36<br />

man in der Wandererfürsorge und in den Beschäftigungsanstalten<br />

der Armenfürsorge vielfach diesen Weg beschritten.<br />

Die Reichsverfassung stellt in dem Artikel 157 die<br />

Arbeitskraft unter den besonderen Schutz des Reiches. Als<br />

wesentlicher Ausfluß dieses Grundgedankens ergibt sich<br />

folgender Grundsatz: Jede Unterstützung für notleidende<br />

Volksteile , die sich ohne öffentliches Eingreifen aus eigener<br />

Kraft nicht durchzuhelfen vermögen, hat in erster Linie<br />

im Wege der Arbeitsbeschaffung zu erfolgen ... Die öffentlichen<br />

Mittel für Unterstützungszwecke werden zum Teil<br />

geschont, jedenfalls produktiv verwendet ... . 6<br />

Die erste Westfalenfleißwerkstatt am Katthagen (1925).<br />

Beschäftigung sollte also Menschenwürde, Selbstwertgefühl und<br />

Auskommen sichern. Das Hauptproblem bestand nun in der Beschaffung<br />

von Arbeit.<br />

Hilfestellung bei der Einrichtung angemessener Beschäftigungsorte<br />

wollte eine einzigartige Institution der Zwanziger Jahre geben -<br />

die KAGESO. Dieses Kürzel bezeichnet die Kreditgemeinschaft<br />

gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen. Sie nahm 1923 Kontakt<br />

mit führenden Persönlichkeiten der öffentlichen Wohlfahrts-


pflege auf. So schrieb sie auch an Landesrat Jung. 7 Bei der<br />

gegenwärtigen katastrophalen Entwicklung der wirtschaftlichen<br />

Verhältnisse hätte sie ihre Arbeit bereits mit möglichster Beschleunigung<br />

aufgenommen und sowohl selbst Rohstoffe für zu unterstützende<br />

Einrichtungen in erheblichem Umfang gekauft, wie auch<br />

den einzelnen örtlichen Stellen zum gleichen Zwecke größere<br />

Beträge darlehnsweise zur Verfügung gestellt. Dies entspreche<br />

ihren Zielen. Man wisse sich mit dem Reichsarbeitsministerium im<br />

Einklang, wenn geeignete Persönlichkeiten in den Provinzen den<br />

Aufbau von Landes- und Provinzialorganisationen initiierten.<br />

Die KAGESO schrieb weiterhin, daß die Einrichtungen der privaten<br />

Wohlfahrtspflege um ihre Existenz bangten. Viele Krankenund<br />

Pflegeanstalten griffen bereits ihre Sachwerte ernstlich an, so<br />

daß sie, wenn das so weiter gehe, dem Untergang geweiht seien.<br />

Und doch sei ihr Bestand unter den herrschenden Verhältnissen<br />

nötiger denn je, denn der Staat sei außerstande, die Aufgaben der<br />

freien Wohlfahrtspflege zu übernehmen. Aus diesem Grunde sei<br />

bereits 1921 die Gründung des Wirtschaftsbundes, einer gemeinnützigen<br />

Zentraleinkaufsgenossenschaft, erfolgt.<br />

Um aber im Überlebenskampf zu überstehen, hätten im März<br />

1923 fünf große Verbände der freien Wohlfahrtspflege die Hilfskasse<br />

gemeinnütziger Wohlfahrtseinrichtungen Deutschlands -<br />

[das waren alles Anstalten, C.L.] - gegründet. Es gehe nun<br />

darum, Unterstützung zu leisten - und zwar den weiten Kreisen<br />

der Arbeits- und Kapitalkleinrentner, den durch Familien- oder<br />

persönliche Verhältnisse erwerbsbeschränkten Personen sowie<br />

den Erwerbsungewohnten, die durch die Entwertung der Mark<br />

gezwungen seien, einen Erwerb zu suchen, wenn sie nicht völlig<br />

verelenden wollten. Nur wenigen gelänge es, sich im freien<br />

Wettbewerbsleben zu behaupten, obwohl sie alle, bei richtig<br />

ausgewählter Arbeit, bei sachgemäßer Schulung und Zusammenfassung<br />

der zahlreichen brachliegenden Kräfte wirtschaftlich<br />

37


38<br />

wertvolle Arbeit leisten und zu der so notwendigen Steigerung<br />

der Erzeugung beitragen könnten.<br />

Um den beteiligten Verbänden ein effizienteres Arbeiten bei Absatzvermittlung,<br />

Vermittlung von Heimarbeit und Erwerbsschulung<br />

zu ermöglichen, sei Ende März 1923 die Konsumgenossenschaft<br />

gegründet worden. Deren Gesellschafter seien:<br />

1. der Verein zur Förderung der Fürsorgeeinrichtungen<br />

Deutschlands e.V.,<br />

2. die Gesellschaft zur Förderung der freien Berufe m.b.H.,<br />

Sitz Berlin, und<br />

3. der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge<br />

e.V., Sitz Frankfurt a./M.<br />

Als weitere Gesellschafter seien andere Institutionen in Aussicht<br />

genommen:<br />

der Hauptausschuß für Arbeiterwohlfahrt,<br />

der Zentralausschuß der christlichen Arbeiterschaft,<br />

der deutsche Verein für ländliche Wohlfahrtsund<br />

Heimatpflege sowie<br />

die Spitzenkommunalverbände.<br />

Damit waren unterschiedlichste Kräfte über alle Parteigrenzen<br />

hinweg an einen Tisch gebracht. Sie fungierten nun als Kreditgemeinschaft.<br />

Gegenüber Landesrat Jung beschrieb diese ihre Ziele<br />

und Struktur:<br />

Die Tätigkeit der Kreditgemeinschaft sei in der Weise gedacht, daß<br />

sie, wenn auch die Auswirkung ihrer gesamten Arbeit sozial sein<br />

müßte, ihren Betrieb nach rationellen wirtschaftlichen Erfordernissen<br />

führen müßte. So sollten in der Folgezeit die Aufgaben<br />

hinsichtlich der Gewährung von Darlehen, die Beratung des einzelnen<br />

Betriebes in wirtschaftstechnischer Beziehung und die Anregung<br />

und organisatorische Hilfe für neu eingerichtete Stellen,<br />

Unterverbänden überlassen werden. Diese Unterverbände umfaßten<br />

das Gebiet eines Landes oder einer Provinz und würden in sich<br />

die Vertreter der Hauptgesellschafter, einen Vertreter der Landes-


egierung sowie andere auf diesem Gebiet besonders erfahrene<br />

Persönlichkeiten vereinigen.<br />

Gelänge es auf diese Weise „ein Netzwerk von Einrichtungen zu<br />

schaffen”, dann sei den notleidenden Kreisen der Bevölkerung<br />

[d.h. den Erwerbsbeschränkten, C.L.], die sich im Laufe der<br />

gegenwärtigen Entwicklung ständig erweiterten, besser und nachhaltiger<br />

geholfen, als durch Unterstützungen, die sie des wirtschaftlichen<br />

Denkens und Versorgens entwöhnten und ihren Willen<br />

zur Selbsthilfe erschlaffen ließen.<br />

Die KAGESO wollte also quasi nur eine Anschubhilfe leisten. In<br />

dieser Hinsicht ist auch ihr Beharren darauf zu sehen, daß sie keine<br />

verlorenen Zuschüsse gebe und darauf bestehe, daß nur Einrichtungen<br />

bei der Förderung berücksichtigt würden, bei denen,<br />

aufgrund eines nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten einwandfrei<br />

aufgestellten Arbeitsplanes, eine Rückzahlung des Darlehens<br />

innerhalb einer gewissen Zeit mit hinreichender Sicherheit zu<br />

erwarten sei.<br />

Es sei in vielen Fällen wünschenswert, eine Erleichterung der<br />

wirtschaftlichen Not durch Zuschüsse zu schaffen, so meinte sie,<br />

obwohl sich damit die allgemeine Notlage des Reiches und die<br />

Gefahr für das Wirtschaften der Einrichtungen verschärfe. Es sei<br />

aber keine Daueraufgabe der Kreditgemeinschaft, solche Zuschüsse<br />

auf längere Zeit zu gewähren.<br />

Aber nicht nur Jung hatte Post erhalten, auch der Hagener Stadtamtmann<br />

Sasse, ein Fachmann, war von der KAGESO ausersehen<br />

mitzuwirken. Er erhielt am 09.08.1923 Nachricht von der Kreditgemeinschaft,<br />

verbunden mit der Bitte, er möge bei der Bildung<br />

einer entsprechenden regionalen Organisation zur Abhilfe bei den<br />

Kriegsnachwirkungen mitwirken.<br />

So wurde man nicht nur auf lokaler Ebene in Hagen, sondern auch<br />

in der Provinzialverwaltung, d.h. in der Region, tätig.<br />

Landesrat Jung wurde einer der Hauptpropagandisten auf dieser<br />

Ebene. 8<br />

39


40<br />

In Würzburg kam es zu einer Besprechung von Vertretern der<br />

Provinzen, insbesondere Westfalens und der Rheinprovinz, mit<br />

Ministerialrat Wölz. Das KAGESO-Schreiben war eine wichtige<br />

Gesprächsgrundlage. Eines der diskutiertesten Themen war die<br />

Kreditgewährung.<br />

Der Vertreter der Rheinprovinz, Landesrat Gerlach aus Düsseldorf,<br />

war der Meinung, Westfalen und die Rheinprovinz sollten<br />

gemeinsam ihr Verhalten grundsätzlich abstimmen. Dies sollte<br />

eine Konferenz in Hagen bewerkstelligen. 9 Die Verkehrssperre,<br />

wegen der Rheinlandbesetzung, verhinderte jedoch einstweilen<br />

das Zusammentreffen in Hagen. 10 Am 15.10.1923 vermeldete die<br />

Hauptfürsorgestelle (HFST), daß Vertreter aus Dortmund, Bielefeld<br />

und Hagen nun nach Aufhebung der Verkehrssperre für ein<br />

Treffen bereit ständen. 11 Vertreter der Stadt Münster waren noch<br />

nicht dabei. 12<br />

Der 10.11.1923 wurde als neuer Konferenztermin ins Auge gefaßt.<br />

13 Es kam dann tatsächlich aber schon am 29.10.1923 zu einer<br />

Zusammenkunft. 14 Die Not duldete keinen Aufschub. Auf dieser<br />

Konferenz trug man der Provinz auf, einstweilen zu prüfen, was<br />

überhaupt an Kreditanträgen aus der Region eingehen werde, um<br />

nicht zentralistisch die Verteilung und Bearbeitung vornehmen zu<br />

müssen. Die Kompetenzen zwischen Reich und Provinz sollten<br />

ausgewogen verteilt sein.<br />

Dem Reich, vertreten durch Ministerialrat Wölz, ging es besonders<br />

darum, einen Zwischenweg zwischen Zentralisation und größtmöglichster<br />

Freiheit für die Zweigorganisationen zu finden. 15 In<br />

der Verwaltung bevorzugte man eher praktische Lösungen, die<br />

verständlicherweise darauf zielten, die Anspruchsberechtigten aus<br />

der Wohlfahrt zu lösen und in ein irgendwie geartetes Erwerbsverhältnis<br />

zu bringen. Dies machte Dr. Jung 1924 unmißverständlich<br />

auf der Sitzung der in den Verwaltungsrat entsandten Vertreter der


Länder deutlich. 16 Er sprach sogar von der Gefährlichkeit, nur<br />

Wohlfahrt zu gewähren. 17<br />

Das Reichsarbeitsministerium unterstützte die neuen fürsorgerischen<br />

Pläne in der Provinz. So konnte die HFST 1924 über 23.600<br />

Goldmark für solche Zwecke verfügen, die die Menschen aus der<br />

Wohlfahrt herauslösen sollten. 18<br />

Am 01.08.1924 schließlich teilte die KAGESO der HFST mit, daß<br />

300.000 Mark als Darlehenstopf für die Hilfe der Kriegsbeschädigten<br />

und Kriegshinterbliebenen wohl nicht ausreichen würden. 19<br />

Deshalb habe das Reichsarbeitsministerium die Verdoppelung der<br />

vom Amt gewährten Leistungen in Aussicht gestellt. Man beobachte<br />

mit einer gewissen Sorge, daß die Leute lieber in den Handel,<br />

denn in die gewerblichen Tätigkeitsfelder gingen. Dies sei wohl<br />

eine Folge der Inflation. Selber denke man eher an Werkstätten für<br />

Schwerbeschädigte.<br />

Damit war der Gedanke ausgesprochen, der fortan zum Leitbild<br />

aller Schwerbeschädigtenfürsorge werden sollte: „Arbeit statt<br />

Almosen” oder entsprechend dem späteren Motto der Westfalenfleiß<br />

„Arbeit ist Leben”. Dieses Konzept favorisierte auch das<br />

Reichsarbeitsministerium, ließen sich doch so Kosten sparen und<br />

politische Erfolge hinsichtlich eines ungeduldig werdenden Potentials<br />

in der Wählerschaft verbuchen.<br />

So hieß es dort: „... Und endlich kommen in Betracht, alle<br />

sonstwie durch körperliche oder seelische Abweichungen von der<br />

Norm in ihrem Erwerb Behinderten ...“. 20 und schließlich weiter:<br />

... Es mag nun freilich hart klingen, wenn man vom Arbeitszwang<br />

für gering Erwerbsfähige in dieser Form spricht,<br />

indessen steht als Antrieb dahinter doch die Notlage der<br />

Volksgesamtheit und außerdem wird die Härte auch wohl<br />

dadurch gemildert, dass nach allgemeiner Erholung der<br />

41


42<br />

gesamten Wohlfahrtspflege, insbesondere der letzten Jahre,<br />

Zuschüsse regelmäßig gar nicht im wohlverstandenen<br />

Interesse des Bedachten liegen, da sie statt der bei den<br />

Erwerbsbeschränkten besonders notwendigen Stärkung des<br />

wirtschaftlichen Selbsterhaltungstriebes, diesen vielmehr<br />

schwächen und eine Almoseneinstellung herbeiführen, die<br />

nicht nur eine Herabwürdigung der Einzelpersönlichkeit<br />

bedeuten würde, sondern auch eine Gefahr für die Gesamtwirtschaft.<br />

In deren Interesse liegt es vielmehr, daß das<br />

Interesse des Einzelnen auf wirtschaftlichem Gebiet mit<br />

dem Gedeihen der Gesamtwirtschaft eng verbunden ist, und<br />

in diesem Sinne bedeutet die Aufgabe der Kreditgemeinschaft<br />

nicht nur produktive Wohlfahrtspflege, sondern kann<br />

auch von erheblicher Bedeutung für unsere Gesamtwirtschaft<br />

sein ... . 21<br />

Aber nicht nur in der Ministerialbürokratie, auch im breiten<br />

Spektrum der Gewerkschaften stieß das Konzept der Erwerbsbeschränktenwerkstätten<br />

auf positive Resonanz. So sprachen sich F.<br />

Baltrusch, Geschäftsführer der christlichen Gewerkschaften und<br />

Dr. Elfriede Nibgen vom Zentralwohlfahrtsausschuß der christlichen<br />

Arbeiterschaft für ein solches Modell aus. 22<br />

Wie stark man nun beim Landesfürsorgeverband auf das Problem<br />

der Erwerbsbeschränktenfürsorge reflektierte, zeigt die Aktennotiz<br />

der Hauptfürsorgestelle vom 04.12.1924. 23 Dort heißt es:<br />

... [der LFV] hat der Frage, wie die wirtschaftliche Produktivität<br />

erwerbsbeschränkter Personen zu heben oder der<br />

Lebensbedarf minderbemittelter Bevölkerungskreise zu verbilligen<br />

ist, seine besondere Beachtung geschenkt ... . 24<br />

Der Werkstattgedanke war damit in den Rang eines durchsetzbaren<br />

Programms erhoben worden.<br />

Wie man dieses Programm „Anschubfinanzieren” sollte, war auch<br />

klar:


Zu den Mitteln der Provinz, bestehend aus Darlehen des Provinziallandtages<br />

und aus dem Wohlfahrtsfond der Landesbank, sollten<br />

solche der KAGESO hinzukommen. 25<br />

Angedacht werden mußte nun, wie eine solche Werkstatt aussehen<br />

sollte.<br />

Die Gedanken dazu finden sich zusammengefaßt im Protokoll der<br />

am 17.10.1925 in Breslau stattgefundenen Sitzung der Landesund<br />

Provinzialstellen der Kreditgemeinschaft gemeinnütziger<br />

Selbsthilfeorganisationen Deutschlands, GmbH Berlin, wo ein<br />

Referent, der Stadtamtmann Dr. Marx aus Nürnberg, die Ergebnisse<br />

formulierte:<br />

... Nun geht die Auffassung über den Begriff Erwerbsbeschränktenwerkstätten<br />

... weit auseinander ... Einzugehen<br />

wäre vor allem auf die gefährliche Vermischung der Erwerbsbeschränkten<br />

mit Asozialen, auch wenn sie erwerbsbeschränkt<br />

sind.<br />

Gewiß wäre es falsch, verschiedene Sachbearbeiter am<br />

gleichen Orte mit den beiden Gebieten, die sehr viel gemeinsam<br />

haben, zu befassen, aber unwirtschaftliche arbeitsscheue<br />

Bettler, Drückeberger in den gleichen Räumen,<br />

zu den gleichen Bedingungen, unter denselben Vergünstigungen<br />

wie Veteranen der Arbeit, unverschuldet in Not<br />

geratene, jugendliche Krüppel und Schwachsinnige zu beschäftigen,<br />

wäre ebenso falsch.<br />

Hier gebotene Fürsorge, Beseitigung der Hilfsbedürftigkeit<br />

durch Anweisung geeigneter Arbeit, dort gesuchte Armenunterstützung<br />

nach § 13 der Reichsgrundsätze, welche<br />

abhängig sind von Leistung von Arbeit, bei welcher nicht<br />

die produktive Verwendung der Arbeitskraft, sondern das<br />

erzieherische Moment im Vordergrund steht, mit dem Nebenzweck<br />

der Verbilligung des Unterstützungsaufwandes.<br />

... Dagegen erscheint es von Wichtigkeit, auf die Bedeutung<br />

der Werkstätten für die offene Krüppel- und Schwachsinnigenfürsorge<br />

aufmerksam zu machen. ... 26<br />

43


44<br />

Solche Werkstätten gab es in Westfalen schon, nämlich in Hagen,<br />

Essen und Bielefeld. Sie befanden sich jedoch in kommunaler<br />

Trägerschaft. In der Provinzialhauptstadt, in Münster, war derartiges<br />

bisher noch nicht errichtet worden. Damit fehlte dem politischen<br />

und gesellschaftlichen Zentrum der Provinz eine Einrichtung<br />

zur Behebung sozialer Mißstände.<br />

So war es nur verständlich, daß man sich über Abhilfe konkrete<br />

Gedanken machte. Im Spätsommer 1925 verhandelte man in der<br />

Stadt Münster über die Errichtung einer Werkstatt für Schwererwerbsbeschränkte.<br />

Endlich erging am 03.09.1925 vom Magistrat der folgende Antrag<br />

an die Stadtverordneten:<br />

... Betrifft: Errichtung einer Schwererwerbsbeschränktenwerkstätte<br />

in Münster.<br />

Infolge des Behördenabbaues, Betriebseinstellungen und<br />

Betriebseinschränkungen sind viele der bisher mit Schwerbeschädigten<br />

besetzten Arbeitsplätze fortgefallen. Eine neue<br />

Unterbringung dieser Schwerbeschädigten ist nicht möglich,<br />

so daß, da die Renten dieser Personen in den meisten<br />

Fällen zur Fristung des Lebens nicht ausreichen, sie der<br />

öffentlichen Fürsorge anheimfallen.<br />

Hierzu kommt noch eine große Anzahl von nicht rentenberechtigten<br />

Schwerbeschädigten, welche nicht unter das<br />

Schwerbeschädigtengesetz fallen und welche völlig von der<br />

öffentlichen Fürsorge unterhalten werden müssen.<br />

Es hat sich deshalb die Notwendigkeit ergeben, für die<br />

berufliche Versorgung der Schwerbeschädigten neue Wege<br />

zu beschreiten, um die Aufwendungen für diesen Personenkreis,<br />

dessen Arbeitskraft noch mehr oder weniger ausgenutzt<br />

werden kann, nicht ins Ungemessene steigen zu lassen.<br />

Zu diesem Zwecke hat man in einigen Städten, wie Essen,<br />

Hagen, Bielefeld von Gemeindewegen Schwererwerbsbeschränktenwerkstätten<br />

eingerichtet, in denen der oben genannte<br />

Personenkreis mit gutem Erfolge beruflich versorgt<br />

wird.


Auch der Landesfürsorgeverband der Provinz Westfalen<br />

hat in verschiedenen Rundschreiben aufgrund dieser günstigen<br />

Erfahrungen, die Errichtung von Schwererwerbsbeschränktenwerkstätten<br />

angeregt und seine Mitwirkung bei<br />

der Errichtung zugesagt.<br />

Aufgrund der Verhandlungen mit dem Landesfürsorgeverband<br />

und der Erfahrungen in anderen Städten ist beabsichtigt,<br />

eine gemeinnützige Gesellschaft m.b. Haftpflicht zum<br />

Betrieb einer derartigen Schwererwerbsbeschränktenwerkstätte<br />

zu gründen.<br />

Die Gesellschafter sind<br />

a) die Kreditgemeinschaft gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen<br />

Deutschlands (KAGESO)<br />

b) der Landesfürsorgeverband der Provinz Westfalen<br />

c) die Stadt Münster<br />

Das Stammkapital beträgt 20.000 M. Hiervon übernehmen<br />

a) die KAGESO 10 000 M<br />

b) der Landesfürsorgeverband 5 000 M<br />

c) die Stadt Münster 5 000 M<br />

Näheres ist in dem anliegenden Entwurf eines Gesellschaftervertrages<br />

dargelegt.<br />

Die Stadt Münster stellt der Gesellschaft die nötigen Räume<br />

zur Errichtung der Werkstätten zur Verfügung. Die Anmietung<br />

geeigneter Räume haben wir uns gesichert, so daß<br />

bauliche Aufwendungen für diesen Zweck nicht notwendig<br />

sind.<br />

Es sollen hauptsächlich Besen und Bürsten hergestellt<br />

werden, ferner Spulen und Schlaghölzer für die Textilindustrie.<br />

Dazu kommt noch eine Korb- [und] Stuhlflechterei.<br />

Der Warenabsatz soll durch Abschluß von Lieferungsverträgen<br />

sichergestellt werden auf Grund § 6 Absatz 2 des<br />

Schwerbeschädigtengesetzes, nach welchem private Arbeitgeber<br />

von der Verpflichtung des Schwerbeschädigtengesetzes<br />

durch die Hauptfürsorgestelle ganz oder teilweise<br />

befreit werden können, unter der Bedingung, daß sie der<br />

Förderung der Arbeitsfürsorge oder sonst der Schwerbeschädigtenfürsorge<br />

dienen. Die Hauptfürsorgestelle hat<br />

uns auch in dieser Beziehung ihre Mitwirkung zugesagt und<br />

45


46<br />

es ist bereits Fühlung mit der Textilindustrie genommen<br />

worden.<br />

Neben der Erwerbsbeschränkten-Werkstatt soll in einem<br />

besonderen Schuppen Arbeitsgelegenheit für Durchreisende,<br />

Arbeitsscheue usw. durch Brennholzzerkleinerung geschaffen<br />

werden, um auf diesem Wege dem Bettelunwesen<br />

[gegen] zu steuern. Da wir der Ansicht sind, daß auf diese<br />

Weise wesentliche Ersparnisse für das Wohlfahrtsamt zu<br />

erzielen sind, haben wir beschlossen, uns von Seiten der<br />

Stadt in der oben ausgeführten Weise an der Gemeinnützigen<br />

Gesellschaft m.b.H. zu beteiligen und die erforderlichen<br />

Mittel zur Verfügung zu stellen ... . 27<br />

Der Magistrat bat das Stadtparlament diesem gut begründeten<br />

Vorschlag zuzustimmen. 28 Die Versammlung tat dies gerne. 29<br />

Es verdient hervorgehoben zu werden, daß, noch dazu wo der<br />

Magistrat ausdrücklich bemerkt hatte, daß eine solche Einrichtung<br />

in den Städten Düsseldorf, Elberfeld, Hagen und Osnabrück 30<br />

schon seit Jahren eingeführt sei, keine längere Diskussion über die<br />

neue Einrichtung stattfand.<br />

Die Stadt hatte somit die Initiative ergriffen. Kein Wunder, denn<br />

sie war auch die Hauptbetroffene bei der Behebung des Elends.<br />

Gefordert war nun der Provinzialverband.<br />

Am 01.10 1925 tauchten nun endlich auch dort konkrete Pläne<br />

hinsichtlich der Errichtung einer Werkstatt für Schwerbeschädigte<br />

in Münster auf. Dies beweist der Aktenvermerk bei der KAGESO<br />

vom 02.10.1925, den sie Dr. Jung schickte.<br />

Dort heißt es:<br />

... Es sollen Bürsten- und Besenwaren für die dortige<br />

Industrie sowie Holzartikel hergestellt werden, und es wird<br />

dadurch gesichert, daß Firmen, die nicht in der Lage sind,<br />

die Pflichtzahl der Erwerbsbeschränkten einzustellen, sich<br />

zur Abnahme verpflichten.<br />

Daneben soll volle Arbeit geleistet werden.


Beabsichtigt ist die Gründung einer GmbH mit M. 20.000.-<br />

Kapital von denen M. 5.000 die Stadt,M. 7.500 die Landesstelle<br />

und 7.500 M. wir [die KAGESO, C.L.] übernehmen.<br />

Einstweilen übernehmen wir [die KAGESO] nach außen<br />

hin die ganze Summe von M. 15.000, verpflichten uns aber<br />

durch einen Treuhändervertrag für M. 7.500, die uns Münster<br />

[das ist der Provinzialverband (die Landesstelle)] über-<br />

Die Schreinerei der Westfalenfleiß in den 20er Jahren.<br />

weist, nach deren Weisungen zu handeln und sie unwiderruflich<br />

zu bevollmächtigen.<br />

Auch im übrigen werden wir der Landesstelle Münster<br />

Vollmacht erteilen, jedoch nur widerruflich, uns jedoch<br />

verpflichten, eine Vollmacht keinem Dritten zu erteilen, so<br />

daß also nur ich selbst oder mein Vertreter [d.h. Angestellte<br />

der KAGESO] in der Lage sind, den Geschäftsanteil zu<br />

vertreten.<br />

Außerdem werden wir uns verpflichten, der Landesstelle<br />

oder einer von ihr bezeichneten Stelle diese M. 7.500,jederzeit<br />

auf Verlangen gegen Zahlung des Nominalbetrages<br />

abzutreten.<br />

47


48<br />

In dem Vertrage, den ich entwerfen werde, soll aufgenommen<br />

werden:<br />

1. daß [die] Gesellschafterversammlung einberufen werden<br />

muß, wenn mindestens ¼ des Gesellschaftskapitals es<br />

beantragt,<br />

2. daß [eine] Abtretung nur mit Genehmigung sämtlicher<br />

Gesellschafter erfolgen kann. Wird sie aber abgelehnt, so<br />

soll einer der Untergesellschafter verpflichtet sein, binnen<br />

drei Monaten den Anteil zum Nennwert zu übernehmen oder<br />

aber, wenn das nicht geschieht, soll die Abtretung ohne<br />

Genehmigung zulässig sein. Endlich soll ein Delegierter<br />

der Gesellschafter in die Geschäftsführung bestimmt werden,<br />

der die volle Befugnis zur Kontrolle der Geschäfte bis<br />

ins Einzelne hinein hat, ohne indessen mitzeichnungsberechtigt<br />

zu sein ... . 31<br />

Zu diesem Zeitpunkt wurde in Hagen eine Westfalenfleiß GmbH<br />

errichtet und auch in Herford die Entwicklung einer solchen<br />

Gesellschaft projektiert. 32<br />

In Münster überstürzten sich die Ereignisse. Schließlich kam es am<br />

13. November 1925 zur Beurkundung des Gründungsvertrages<br />

vor dem Notar Peus in Münster. 33 Dies ist die Geburtsstunde des<br />

Betriebes!<br />

In dem Gründungsvertrag traten die Stadt Münster und die Kreditgemeinschaft<br />

gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen als alleinige<br />

- nach außen hin - Handelnde auf, ungeachtet der Tatsache, daß<br />

im Innenverhältnis der Provinzialverband und die KAGESO sich<br />

gegenseitig verpflichtet waren. Münster wurde durch den Bürgermeister<br />

Wilhelm Kiwitt 34 und den Stadtarzt Dr. Alexander Luig,<br />

der am 25.02.1926 verstarb und dessen Dezernat Prof. Dr. Linneborn<br />

übernahm, 35 vertreten. Die KAGESO vertrat Direktor Erich<br />

Becker aus Berlin.<br />

Man schloß sich zu einer Gesellschaft zusammen, die den Namen<br />

„Westfalenfleiß, Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Gemeinnützige<br />

Werkstätten Münster (Gewemü)” tragen sollte. 36


Die Gesellschafter brachten erhebliches Kapital ein, das im Verhältnis<br />

5 zu 1 zwischen ihnen aufgeteilt war. 37 Zweck der neuen<br />

Firma sollte es sein, erwerbsbeschränkten Personen, die infolge<br />

besonderer Notlage der Wirtschaft arbeitslos seien, Gelegenheit<br />

zur Arbeitsbetätigung in Werkstätten oder durch Heimarbeit zu<br />

geben. 38<br />

Die Überschüsse der Gesellschaft, sollten solche überhaupt erzielt<br />

werden, waren an die produktive Erwerbsbeschränktenfürsorge<br />

abzuführen, was der Landesfürsorgeverband überwachen<br />

sollte. 39<br />

Damit war schon klar geregelt, wer neben der Stadt bestimmend<br />

in den Geschäftsbetrieb eingreifen konnte: Der Landesfürsorgeverband.<br />

Zwar bestellte man den Stadtobersekretär Johannes Hartmann,<br />

einen Beamten aus dem Kriegsunterstützungsamt, der am<br />

15.04.1924 zum Wohlfahrtsamt kam, 40 zum Geschäftsführer,<br />

sein Stellvertreter aber wurde ein Beamter des Landesfürsorgeverbandes,<br />

der dortige Referent für Kriegsbeschädigte, Paul<br />

Sodemann. 41<br />

In einer zweiten Ausfertigung des Vertrages 42 wurde der Wortlaut<br />

teilweise etwas verändert bzw. erweitert.<br />

So ist hier in § 4 davon die Rede, daß das Ziel der Gesellschaft sei,<br />

Erwerbsbeschränkten die Gelegenheit zur Arbeitsbetätigung zu<br />

geben. Eine Präzisierung, wie sie in der ersten Ausfertigung noch<br />

steht, nämlich: „... Personen, die infolge besonderer Notlage der<br />

Wirtschaft arbeitslos sind ...”, fehlt. 43 Auch ist hier ein Titel für den<br />

Geschäftsführer genannt, der nach § 4 Betriebsdirektor heißen<br />

soll.<br />

Schon wenig später als einen Monat nach Abschluß des Gründungsvertrages<br />

erfuhr er eine Änderung. Der § 4 wurde im<br />

wesentlichen wieder in seine alte Form zurückgebracht und hieß<br />

nun:<br />

49


50<br />

... Zweck der Gesellschaft ist: Erwerbsbeschränkten und<br />

solchen Personen, die infolge besonderer Notlage der Wirtschaft<br />

arbeitslos sind, Gelegenheit zur Arbeitsbetätigung in<br />

Werkstätten oder durch Heimarbeit zu geben ... Der Zweck<br />

ist ein ausschließlich gemeinnütziger und dient wesentlich<br />

der Förderung minderbemittelter Volkskreise ... . 44<br />

Wichtig war es auch, daß Wohlfahrtserwerbslose zu Westfalenfleiß<br />

kamen.<br />

Diese waren arbeitslose aber arbeitsfähige Personen, die keinen<br />

Anspruch auf Leistungen der Arbeitslosenversicherung, der Krisenfürsorge<br />

oder der sonstigen Fürsorge bei berufsüblicher Arbeitslosigkeit<br />

hatten, gleichgültig ob sie Pflichtarbeit leisteten oder<br />

nicht. 45<br />

So konnten auch noch andere Personen als Kriegsbeschädigte in<br />

die neue Werkstatt aufgenommen werden. Sie konnten nun alle in<br />

eine bessere Zukunft blicken, da sie fortan eine relativ krisensichere<br />

Beschäftigungsmöglichkeit gefunden hatten.<br />

Die KAGESO überwies der Westfalenfleiß am 12.01.1926 einen<br />

Teil der Geschäftsanteile, nämlich 6.250 RM. 46<br />

Damit dokumentierte die Selbsthilfeorganisation ihr großes Interesse<br />

an der von ihr zum Modell für spätere Neugründungen<br />

erhobenen Münsterschen Werkstatt. Den Modellcharakter unterstrich<br />

auch Landesverwaltungsrat Sodemann in einem Schreiben<br />

an Pastor Vietor in Volmarstein:<br />

... Die Bestimmungen des Schwerb. Ges. reichen ... nicht<br />

aus, um allen Erwerbsbeschr. Arbeit zu beschaffen. Aus<br />

diesem Grunde wird versucht, geeignete Erwerbsbeschr.<br />

selbständig zu machen. Zu diesem Zwecke werden von der<br />

Kreditgemeinschaft und vom Landesfürsorgeverband Westfalen<br />

geringverzinsliche Darlehen bis zur Höhe von 5000.-<br />

M an dafür geeignete Erwerbsbeschr. gegeben. Etwa 900<br />

Erwerbsbeschränkte sind in letzter Zeit so selbständig gemacht<br />

worden. Aber nur ein verhältnismäßig geringer Teil<br />

der arbeitslosen Erwerbsbeschränkten ist für die Tätigkeit


als Selbständiger geeignet, weil nicht alle die erforderlichen<br />

Kenntnisse und Fähigkeiten haben. Aus diesem Grunde<br />

ist der Landesfürsorgeverband Westfalen in letzter Zeit<br />

zur Errichtung von Erwerbsbeschränkten Werkstätten übergegangen.<br />

In Westfalen bestehen zur Zeit 2 Erwerbsbeschränktenwerkstätten,<br />

die die Firma Westfalenfleiß GmbH<br />

erhalten haben und zwar in Münster und Hagen. In Münster<br />

sind 62, in Hagen 170 Personen beschäftigt. Weitere Werkstätten<br />

sind für Dortmund, Gelsenkirchen, Bochum, Hamm,<br />

Bielefeld und Herford in Aussicht genommen.<br />

Die Werkstätten sollen sich selber erhalten. Sie müssen also<br />

wirtschaftlich arbeiten. Sie haben nämlich die Form der<br />

GmbH, an der der zuständige Bezirksfürsorgeverband, der<br />

Landesfürsorgeverband und die Kreditgemeinschaft beteiligt<br />

sind.<br />

Die Erwerbsbeschränkten-Werkstätten zahlen dem erwerbsbeschränkten<br />

Arbeiter nur den tatsächlich verdienten Stücklohn.<br />

Soweit der Erwerbsbeschränkte damit den notwendigen<br />

Lebensbedarf nicht zu decken vermag, hat das Wohlfahrtsamt<br />

dem Erwerbsbeschränkten gegenüber im Unterstützungswege<br />

einzugreifen. Der Landesfürsorgeverband<br />

sucht den Verkauf der Erzeugnisse zu fördern durch Anwendung<br />

des § 6 Abs. 2 des Schwerbeschädigtengesetzes, d.h.<br />

durch Befreiung der Arbeitgeber von der Verpflichtung zur<br />

Einstellung Schwerbeschädigter gegen Auftragserteilung<br />

an die Erwerbsbeschränktenwerkstatt.<br />

Ein solcher Vertrag ist mit großem Erfolg mit der münsterländischen<br />

Textilindustrie schon abgeschlossen, die ihren<br />

gesamten Bedarf an Bürsten- und Besenwaren gegen Befreiung<br />

von der Einstellungsverpflichtung bei der Westfalenfleiß<br />

GmbH Münster eindeckt.<br />

Die Existenz sämtlicher Erwerbsbeschränktenwerkstätten<br />

hängt davon ab, daß sie wirklich in der Lage sind, sich selbst<br />

zu unterhalten. Gelingt dies nicht, werden sie mit Naturnotwendigkeit<br />

wieder verschwinden müssen. ...<br />

Es bestehen also ... für ... Werkstätten gemeinsame Interessen.<br />

Notwendig ist vor allem die Ausschaltung unnötigen<br />

Wettbewerbs, eine ausreichende Finanzierung und mög-<br />

51


52<br />

lichst gemeinsamer Großeinkauf.<br />

Unterbietung und unwirtschaftliche Preise müssen vollkommen<br />

ausgeschaltet werden, namentlich auch von den<br />

Ausbildungswerkstätten, da ja Endzweck nicht die Ausbildung,<br />

sondern die Beschaffung einer Existenz ist, und durch<br />

zu niedrige Preise der Lehrwerkstätten, den ausgebildeten<br />

Erwerbsbeschränkten eine Existenz im freien Wirtschaftsleben<br />

unmöglich gemacht wird ... . 47<br />

Dies klingt nach ungeheurem Optimismus. Jedoch, die Erwerbsbeschränktenfürsorge<br />

durch produktive Werkstätten war nicht nur<br />

von Erfolg geprägt. Dies zeigt der Bericht der KAGESO für die<br />

Zeit vom 01.01.1924 - 31.12.1926. 48 Die Krise kennzeichnete das<br />

Jahr 1925. Die schon gegründeten Erwerbsbeschränktenwerkstätten<br />

hatten keinen Absatz für ihre Produkte gefunden. Trotzdem<br />

war man der Ansicht, daß sich die Werkstätten durchaus glänzend<br />

bewährt hätten.<br />

Das Beispiel Münsters und sein modellhafter Vertrag mit der<br />

Textilindustrie wirkte nach und erlaubte die Ausdehnung des<br />

Werkstattgedankens. So entstanden Produktionsstätten in Bielefeld,<br />

Gladbeck und Witten im Laufe der folgenden Jahre. Die<br />

waren auch nötig, denn die Not unter den Erwerbsbeschränkten<br />

stieg und der Staat war außerstande, weitergehende Hilfe zu<br />

leisten. Zehn Jahre später, im Juni 1935, bewertete der Landesfürsorgeverband<br />

in einem schriftlichen Bericht für die Sitzung des<br />

Provinzialrates am 14.06.1935 das Engagement des vergangenen<br />

Jahrzehnts.<br />

... Dem ‘LFV’ obliegt nach der Fürsorgepflichtverordnung<br />

und nach dem Gesetz über die Beschäftigung Schwerbeschädigter<br />

vom 12.1.1923 als gesetzliche Aufgabe die Arbeitsbeschaffung<br />

für Kriegsbeschädigte, Unfallbeschädigte<br />

und sonstige Erwerbsbeschränkte. Die Erfahrung in der<br />

Durchführung dieser Bestimmungen zeigte, daß eine größere<br />

Zahl Beschädigter mangels geeigneter Arbeitsplätze<br />

und infolge ihres körperlichen Leidens und Zustandes auf


Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft nicht vermittelt werden<br />

konnte. Zur Erfüllung der gesetzlichen Verpflichtung<br />

und des Grundsatzes: ‘Arbeit statt Almosen’ wurden daher<br />

seit den Jahren 1925/26 vom LFV in Verbindung mit den<br />

örtlichen Fürsorgestellen und der KAGESO die vorgenannten<br />

Westfalenfleißgesellschaften gegründet.<br />

Das notwendige Stammkapital stellten diese drei Träger zur<br />

Verfügung; als Gesellschafter traten nach außen hin nur<br />

der örtliche Fürsorgeverband und die KAGESO auf, während<br />

der Landesfürsorgeverband der KAGESO im Innenverhältnis<br />

durchweg den halben Kapitalanteil erstattete<br />

und dafür Vertretungsvollmacht erhielt ... Die Westfalenfleiß<br />

Witten ist unter einer unfähigen Leitung der Wirtschaftskrise<br />

zum Opfer gefallen und inzwischen tatsächlich<br />

liquidiert ... . 49<br />

1 Vgl.: Reichsarbeitsministerium (Hg), Deutschlands Kriegsbeschädigte, Kriegshinterbliebene<br />

und sonstige Versorgungsberechtigte (Stand Okt.’24), o. D., o. J. (Berlin<br />

1924?), S. 32 f; Rappenecker, S. 47 ff; Vergl: Rump.<br />

2 Fandrey, S. 163.<br />

3 Fandrey, S. 167.<br />

4 Fandrey, S. 168.<br />

5 Kühnel, S. 151.<br />

6 LWL, C 61, I, Nr. 269, Denkschrift Dr. Wölz, Oktober 1921, S. 3.<br />

7 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, KAGESO an Dr. Jung, 09.08.1923.<br />

8 LWL, C 61, III, Nr. 24, Aktennotiz Jung vom 22.08.1923.<br />

9 LWL, C 61, III, Nr. 24, Aktennotiz Jung vom 22.08.1923.<br />

10 LWL, C 61, III, Nr. 24, Landeshauptmann Rheinprovinz an Dr. Jung, 25.08.1923.<br />

11 LWL, C 61, III, Nr. 24, HFST an Dr. Gerlach, 15.10.1923.<br />

12 LWL, C 61, III, Nr. 24, HFST an Dr. Gerlach, 15.10.1923.<br />

13 LWL, C 61, III, Nr. 24, HFST an KAGESO und Dr. Gerlach, 23.10.1923.<br />

14 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, Aktennotiz, 20.11.1923 und 06.11.1923.<br />

15 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, Ministerialrat Wölz an Jung, 12.01.1924.<br />

16 LWL, C 61, III, Nr. 24, Niederschrift über die Sitzung der in den Verwaltungsrat der<br />

KAGESO entsandten Vertreter der Länder, 18.01.1924.<br />

53


54<br />

17 LWL, C 61, III, Nr. 24, Niederschrift über die Sitzung der in den Verwaltungsrat der<br />

KAGESO entsandten Vertreter der Länder, 18.01.1924.<br />

18 LWL, C 61, III, Nr. 24, Reichsarbeitsministerium an LFV, 26.02.1924; Ferner:<br />

Albrecht/Richter.<br />

19 LWL, C 61, III, Nr. 24, KAGESO an LFV, 01.08.1924.<br />

20 LWL, C 61, III, Nr. 24, Reichsarbeitsministerium am 04.10.1923, S. 6 ff.<br />

21 Ebd., S. 8.<br />

22 LWL, C 61, III, Nr. 24, Reichsarbeitsministerium am 04.10.1923.<br />

23 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, Aktennotiz an LFV, 04.12.1924.<br />

24 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, Aktennotiz an LFV, 04.12.1924.<br />

25 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, Aktennotiz an LFV, 04.12.1924.<br />

26 LWL, C 61, III, Nr. 24, Protokoll über die Sitzung der Landes- und Provinzialstellen<br />

der Kreditgemeinschaft gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen Deutschlands,<br />

GmbH, Berlin, 17.10.1925, S. 12 ff, hier S. 14 f.<br />

27 STDAM, Stadtverordnetenreg., Nr. 363, Der Magistrat an die Stadtverordnetenver-<br />

sammlung, 03.09.1925.<br />

28 STDAM, Stadtverordnetenreg., Nr. 363, Der Magistrat an die Stadtverordnetenver-<br />

sammlung, 03.09.1925.<br />

29 Ebd., Auszug aus dem Protokoll der Stadtverordnetenversammlung vom 23. September<br />

1925: Anwesend: 34 Mitglieder, öffentliche Sitzung, Nr. 5093 des Stadtverordneten<br />

- Tagebuchs, o. D..<br />

30 Ebd..<br />

31 LWL, C 61, III, Nr. 24, Vermerk der KAGESO über Besprechung am 01.10.1925.<br />

32 Ebd..<br />

33 Vergl. Archiv Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925.<br />

34 Vergl. STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 19.<br />

35 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 19.<br />

36 Vergl. Archiv Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925, § 1, (1. Ausfertigung).<br />

37 Ebd., § 3.<br />

38 Ebd., § 4.<br />

39 Ebd., § 10.<br />

40 Ebd., § 13.<br />

41 Vergl. Archiv Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925, § 13, (1. Ausfertigung).<br />

42 Archiv Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925, § 13, (2. Ausfert.).<br />

43 Archiv Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925, § 13, (2. Ausfert.).<br />

44 Archiv Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 30.12.1925.<br />

45 Ebd..<br />

46 Archiv Westfalenfleiß - A 2 - KAGESO an Westfalenfleiß, 12.01.1926.<br />

47 LWL, C 61, III, Nr. 125, LVR Sodemann an Pastor Vietor in Volmarstein, 21.05.1926.<br />

48 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 23, KAGESO: Bericht über die Tätigkeit der<br />

Kreditgemeinschaft im Jahre 1926, 01.01.1924 - 31.12.1926.<br />

49 LWL, C 20, Nr. 491, Schriftlicher Bericht für die Sitzung des Provinzialrates am<br />

14.06.1935.


5. Auf den Weg gebracht - Die Westfalenfleiß wird zu<br />

einem überregionalen Modell<br />

Das Beispiel Münsters und Hagens blieb nicht ohne Wirkung auf<br />

die fürsorgerische Landschaft in Westfalen. So schrieb am<br />

08.09.1926 die Stadtverwaltung Witten an den Landesfürsorgeverband:<br />

„... Wir haben uns entschlossen, nach dem Muster von<br />

Hagen und Münster eine Werkstatt für Erwerbsbeschränkte ins<br />

Leben zu rufen ...”. 1 Diese wurde dem Münsterschen Vorbild<br />

nachempfunden.<br />

Voller Zufriedenheit über das bisher Erreichte konnte deshalb<br />

Landesrat Dr. Jung vom LFV an Direktor Becker von der KAGE-<br />

SO schreiben:<br />

... Im Übrigen kann ich Ihnen mitteilen, dass unsere beiden<br />

Westfalenfleiß-Werkstätten sich ganz ausgezeichnet machen<br />

und über Mangel an Arbeit und Gelegenheit zum<br />

Absatz nicht zu klagen brauchen. Sie sind beide auf Monate<br />

hinaus voll beschäftigt. In Hagen werden demnächst etwa<br />

200 Personen beschäftigt sein, während sich die Belegschaft<br />

der hiesigen Werkstätten zur Zeit etwa auf 30-40<br />

Personen beläuft. Nächste Woche sind wir in Dortmund, um<br />

dort die Grundlage für eine weitere Westfalenfleiß GmbH<br />

festzulegen. Auch Gelsenkirchen ist im Gange, so dass ich<br />

hoffen kann vor meinem Weggange diese beiden, vielleicht<br />

noch die Bochumer Werkstätte, den Übrigen hinzuzufügen.<br />

Weiterhin sind wir dabei, eine Arbeitsgemeinschaft der<br />

gesamten westfälischen Erwerbsbeschränktenwerkstätten<br />

öffentlicher, halböffentlicher und privater Art zusammen zu<br />

bringen, so dass wir auch hier eine tunlichst zusammenfassende<br />

Arbeit, insbesondere auf dem Gebiete des Absatzes<br />

und der gegenseitigen Abgrenzung erzielen werden ... . 2<br />

Bei der Frage einer Kooperation der Werkstätten bezog sich der<br />

Beamte auf eine Konferenz am 26.01.1926 in Hagen. Dort war<br />

55


56<br />

man zu dem Ergebnis gekommen, daß unter allen Umständen ein<br />

Preisübereinkommen geschaffen werden müsse. Desweiteren ginge<br />

es nicht an, daß gemeinnützige Werkstätten miteinander in<br />

Wettbewerb träten. Es müsse daher nach Möglichkeit dieser<br />

Wettbewerb ausgeschlossen werden. Ferner sei es notwendig, daß<br />

die Werkstätten einander unterstützen. Die Verkaufsorganisation<br />

müsse möglichst für alle Werkstätten ausgenutzt werden, dergestalt,<br />

daß z.B. Münster die Hagener Erzeugnisse und Hagen die Münsterschen<br />

Erzeugnisse mitverkauften.<br />

Es sei weiterhin erstrebenswert, daß die Werkstätten Erzeugnisse,<br />

die sie gebrauchten, voneinander kauften, soweit angemessene<br />

Preise gemacht würden. So sei es z.B. möglich, daß Münster die<br />

Werkstätten in Hagen, Soest und Paderborn mit Bürstenhölzern<br />

beliefere.<br />

Außer den in Hagen vertretenen Werkstätten kämen noch andere<br />

Unternehmungen gemeinnütziger Art für eine Kooperation in<br />

Frage, wie z.B. Volmarstein, Bigge und Bethel. Es sei wünschenswert,<br />

diese mit heranzuziehen, namentlich Volmarstein, über<br />

dessen Preise lebhaft Klage geführt werde. Man sei der Ansicht,<br />

daß Volmarstein nur deshalb so niedrige Preise machen könne,<br />

weil es hohe Pflegesätze erhalte und im übrigen von mancher<br />

anderen Seite, namentlich von der Provinz, finanziell unterstützt<br />

würde. Hier müsse unbedingt ein Wandel geschaffen werden. 3<br />

Schließlich beschloß man die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft.<br />

Dieser sollten vorläufig angehören:<br />

Die Westfalenfleiß Münster und ihre Schwesterwerkstatt in Hagen<br />

sowie die Blindenanstalten Soest und Paderborn.<br />

Der Landesfürsorgeverband sollte die Führung und den Vorsitz<br />

der neuen Arbeitsgemeinschaft übernehmen. Man war besonders<br />

daran interessiert, auch die caritativen Anstalten miteinzubeziehen.<br />

Dies galt als eine Aufgabe für die Zukunft. Fortan traf man sich<br />

wenigstens einmal monatlich.


So sollte die nächste Sitzung in Paderborn stattfinden, wo man<br />

beabsichtigte, sich mit Volmarstein zum Zweckverband zu konstituieren.<br />

4<br />

Dies geschah tatsächlich. Denn im Mai 1926 schrieb Landesrat<br />

Sodemann vom Provinzialverband an den Zweckverband der<br />

Arbeitsfürsorgeeinrichtung in den Provinzen Rheinland und Westfalen,<br />

eine gemeinnützige GmbH, wie der Verband zu organisieren<br />

sei und was diese Einrichtung bewirken solle:<br />

Zum einen diene die Verbandseinrichtung der Verfolgung wirtschaftlicher<br />

Interessen:<br />

1. Der Verband organisiere den Verkehr mit Handelskammern,<br />

Handelsauskunfteien über alle in den allgemeinen wirtschaftlichen<br />

Gebieten wichtigen Angelegenheiten. Über ständige Abnehmer<br />

und Bezugsquellen gebe es Informationen. Die dienstliche<br />

Orientierung der Mitgliederschaft erfolge durch Rundschreiben.<br />

2. Es gebe einen Auskunfts- und Signaldienst, der den Mitgliedern<br />

mündlich oder schriftlich Auskunft erteile und den Mitgliederschutz<br />

durch Bekanntgabe unreeller Unternehmen gewährleiste.<br />

3. In einer gemeinsamen Verkaufsregelung würden Lieferungsund<br />

Zahlungsbedingungen festgelegt.<br />

4. Der Verband halte Verbindung mit Behörden und sonstigen<br />

Institutionen. Er pflege den Verkehr mit Ministerien und sonstigen<br />

in Frage kommenden Behörden.<br />

5. Der Verband besorge die Kreditvermittlung.<br />

6. Er prüfe die Arbeitsmethoden für Erwerbsbeschränkte und lege<br />

diejenigen Berufszweige fest, die für Erwerbsbeschränkte geeignet<br />

erschienen.<br />

Zum zweiten diene der Verband als sozialpolitische Interessenvertretung,<br />

d.h. er organisiere den Tarif sowie den Nachrichtendienst<br />

und erteile Auskunft über sämtliche Lohn- und Tarifabkommen.<br />

57


58<br />

Zum dritten verstehe der Verband sich als Instanz zur allgemeinen<br />

Interessenwahrung, d.h. er sei zuständig für die Publikationen aller<br />

wirtschaftlichen, sozialpolitischen und sonstigen allgemein interessierenden<br />

Angelegenheiten in Fach- und sonstigen Wirtschaftszeitungen.<br />

5<br />

Von seiten des LFV wurde die Konstituierung eines Zweckverbandes<br />

befürwortet. Dessen Geschäftsführung habe sich aber im<br />

bisherigen Rahmen zu vollziehen. Sie sollte also ausschließlich<br />

folgende Aufgaben wahrnehmen: Anberaumung von Versammlungen<br />

zwecks Aussprache und Austausch von Empfehlungen,<br />

Festlegung der Absatzgebiete, Besprechung der Preisfragen und<br />

Beschaffung von Krediten.<br />

Besonders entschieden wehrte sich der LFV gegen die zentrale<br />

Regelung von Einkauf und Verkauf, wie auch gegen eine kaufmännische<br />

Zentralstelle. 6<br />

Ebenso war man dagegen, den Zweckverband auf Werkstätten<br />

außerhalb der Provinz auszudehnen. 7 Der Landesfürsorgeverband<br />

fürchtete wohl einerseits seinen Einfluß auf die Werkstätten zu<br />

verlieren, und andererseits die Werkstätten durch den Zweckverband<br />

in ihrer Position so gestärkt zu sehen, daß die Handwerkskammern<br />

dagegen Protest führen würden. 8<br />

Wirtschaftspolitische Rücksichtnahme begrenzte also den Förderanspruch<br />

für die Schwerbeschädigtenbetriebe. In einer Niederschrift<br />

über die Sitzung des Zweckverbandes der gemeinnützigen<br />

Werkstätten vom 10. Dezember 1926 in Münster definierte man<br />

daher die Begriffe genauer:<br />

... Die Arbeitsfürsorge für Erwerbsbeschränkte ist als ein<br />

Sondergebiet der gesetzlichen Fürsorge zu behandeln und<br />

deshalb dem Grunde nach Aufgabe der Wohlfahrtspflege.<br />

Der Begriff ‘erwerbsbeschränkt’ ist im Sinne der Fürsorge-


pflichtverordnung scharf abzugrenzen. Als erwerbsbeschränkt<br />

können nur Personen gelten, die geistig oder<br />

körperlich behindert sind und auf Grund dieser Behinderung<br />

einer besonderen Berufs- und Arbeits-Fürsorge bedürfen.<br />

Als Erwerbsbeschränktenwerkstätten sind deshalb auch<br />

solche Werkstätten und Einrichtungen anzusehen, deren<br />

Zweck auf die Ausbildung oder Beschäftigung des vorstehenden<br />

bezeichneten Personenkreises gerichtet ist. Die<br />

Einbeziehung anderer Arbeitsfürsorgeeinrichtungen, wie<br />

z.B. für Strafentlassene, Erwerbslose u.s.w. ist abzulehnen.<br />

Grundsätzlich sind die Erwerbsbeschränktenwerkstätten<br />

wirtschaftlich zu führen ... . 9<br />

Ferner hieß es:<br />

... Sie haben ... auch nur die tatsächliche wirtschaftliche<br />

Leistung der beschäftigten Erwerbslosen abzugelten. Darüber<br />

hinaus nach sozialen bzw. wohlfahrtspflegerischen<br />

Gesichtspunkten notwendige Unterstützungen sind von den<br />

Fürsorgeverbänden zu tragen ... . 10<br />

Ein weiterer Punkt in der Niederschrift besagte, auf die Arbeit bzw.<br />

Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Erwerbsbeschränkten<br />

Werkstätten sei nicht zu verzichten. 11<br />

Man war also bestrebt, im Rahmen des Möglichen seine Interessen<br />

mit Nachdruck zu verfolgen. Die Grenzen setzten die schon<br />

bestehenden starken Interessenvertretungen, etwa die der Blinden.<br />

So betonte man besonders, daß dem Blindenverein keine<br />

Konkurrenz gemacht werden solle und fernerhin neue Produktionszweige<br />

unerwünscht seien. Weitere erklärte Ziele waren: die<br />

Umstellung des Hausiererhandels, der Verzicht auf Dumpingpreise<br />

und die Schonung von bestehenden Selbständigen.<br />

Die Tatsache, daß die Westfalenfleiß-Werkstätten häufig Blinde<br />

beschäftigten und damit in Konkurrenz zu den Blindenwerkstät-<br />

59


60<br />

ten traten, sah der Verband mit großer Sorge. Er konnte jedoch<br />

keine Lösung anbieten. 12 So erklärt sich sein zaghaftes Handeln<br />

insbesondere hinsichtlich des Blindenvereins.<br />

Daß die Werkstätten nach kaufmännischen Grundsätzen geleitet<br />

würden, wurde im Jahr 1926 im Hinblick auf das Fortbestehen der<br />

Werkstätten für wichtiger erachtet als ein überregionaler Zusammenschluß.<br />

13 Als besonders störend empfand man den Einfluß von<br />

Behördenvertretern als Geschäftsführer. Deren Qualifikation war<br />

mehr als zweifelhaft. 14 Deshalb beschlossen am 04.08.1926 die<br />

Vertreter der Werkstätten, man möge sich andernorts nach geeigneten<br />

kaufmännischen Bewerbern umsehen. An denen herrschte<br />

kein Mangel. Gleichwohl, der Weg auf den Chefsessel der Werkstätten<br />

lief wieder über die Beamten des LFV.<br />

Die betroffenen Beschäftigten wurden in solchen für sie wichtigen<br />

Fragen natürlich nicht gefragt. Vielmehr blieb ihnen sogar das<br />

Wahlrecht zu den Betriebsratswahlen 1927 verwehrt, da sie keine<br />

Arbeitnehmer seien. 15<br />

Sie waren froh, überhaupt Arbeit zu haben. Denn die Not wurde<br />

immer größer und die Kosten für die allgemeine Fürsorge, wie<br />

auch für die Erwerbslosenfürsorge, stiegen zwischen 1926 und<br />

1930 von 2,0 auf 3,1 Mill. RM. 16 In Münster senkte man sogar<br />

wegen der Wirtschaftskrise die Steuern. 17<br />

Eine mögliche Beschäftigung für die Hauptleidtragenden von<br />

Krieg und nachfolgender Krise in dieser Stadt war die Arbeit als<br />

Radwächter.<br />

Genehmigt wurde die Erste Deutsche Radwache per Magistratsbeschluß<br />

vom 15.07.1924 18 , wobei die Stadt die Konzession dafür<br />

an einen privaten Betrieb vergab. Aus wirtschaftlichen Gründen<br />

sah sich diese Firma gezwungen, ihren Betrieb, der vielen Behinderten<br />

eine deutliche Lebensperspektive bot, am 05.12.1925 einzustellen.<br />

19<br />

Die Westfalenfleiß übernahm nun das Geschäft. 20 Sie investierte<br />

und organisierte enorm.


So hieß es in einem Schreiben an die Stadt:<br />

... Für Dienst- und Geschäftsräder haben wir das Verfahren<br />

von Monatskarten eingeführt. Diese Karten, welche wir zum<br />

Preise von M 3.- pro Rad und Monat abgeben, haben an<br />

unseren sämtlichen Wachen Gültigkeit. Für die Dauer der<br />

Aufbewahrung werden die Räder gegen Diebstahl mit einer<br />

Summe von M 200.- versichert ... . 21<br />

Radwächter von Westfalenfleiß vor der Hauptpost in den 20er Jahren.<br />

Die Idee, Radwachen als spezielle Arbeitsplätze für Schwerbeschädigte<br />

in Trägerschaft der Westfalenfleiß zu führen, blieb nicht<br />

auf Münster beschränkt. Auch in Witten bewachte man 1933<br />

Räder, wozu die erforderlichen Gestelle von der Westfalenfleiß-<br />

Münster geliefert wurden. Münster hatte also nicht nur eine Idee,<br />

sondern auch Möglichkeiten der Umsetzung aufgezeigt. 22<br />

Aus Minden ließ man schließlich verlauten:<br />

... Wie wir hören, soll in der Stadt Münster ein Verfahren,<br />

besonders vor öffentlichen Gebäuden, zur Verhütung von<br />

Fahrraddiebstählen eingerichtet worden sein ... Wir bitten<br />

61


62<br />

ergebenst um gefl. Auskunft, ob vorstehendes zutrifft und<br />

gegebenenfalls um Überlassung der Bedingungen, unter<br />

welchen das Unternehmen konzessioniert worden ist, oder,<br />

falls die Einrichtung in anderer ähnlicher Weise getroffen<br />

worden ist, um erschöpfende Auskunft über die Art der<br />

Einrichtung ... . 23<br />

Wohl auch das erfolgreiche Konzept führte dazu, daß man 1926<br />

mit gewissem Stolz dem Magistrat in Minden auf dessen Anfrage<br />

vom 07.12.1926 berichtete:<br />

... Der [sic] ‘Westfalenfleiß’ unterhält vor allen wichtigeren<br />

Gebäuden - Stadtverwaltung, Post, Badeanstalt usw. - und<br />

auch an besonders verkehrsreichen Punkten der Stadt solche<br />

Wachen, die vom Publikum außerordentlich stark in<br />

Anspruch genommen werden.<br />

Mit den Wachen sind hier die besten Erfahrungen gemacht<br />

worden, denn die Fahrraddiebstähle haben seit Einrichtung<br />

der Wachen fast ganz aufgehört.<br />

Eine Erteilung der Genehmigung zur Einrichtung der Wachen<br />

war bisher nach der Gewerbeordnung nicht erforderlich,<br />

daher ist eine besondere Konzession nicht erfolgt, wohl<br />

hat die Unternehmerfirma die Erlaubnis der ... Behörden<br />

und Privaten zur Einrichtung der Wachen in deren Gebäuden,<br />

Höfen usw. bei diesen nachgesucht ... . 24<br />

Im Stadtbild war fortan der Radwächter von Westfalenfleiß eine<br />

alltägliche Erscheinung. Schließlich wurde 1926 von der Stadt<br />

Münster auch der Servatiiplatz für eine moderne Fahrrad- und<br />

Autowache zur Verfügung gestellt. 25<br />

Eine andere Beschäftigungsart, die des Korbflechters, bedurfte der<br />

Protektion.<br />

So verwandte sich das Stadtoberhaupt, wie schon häufiger, mit<br />

folgenden Worten:<br />

... Der [sic] ‘Westfalenfleiß’ G.m.b.H., Gemeinnützige Werkstätte<br />

Münster (eine arbeitsfürsorgerische Einrichtung zur


Beschäftigung von erwerbsbeschränkten Personen), dessen<br />

segensreiche Tätigkeit Ihnen wohl hinreichend bekannt ist,<br />

bittet mich, mich bei Ihnen dahin zu verwenden, dass ein<br />

grösserer Auftrag auf Bürsten und Besenwaren und Kokskörben<br />

ihm erteilt würde. Ich entspreche dieser Bitte gern,<br />

Die Werkstatt am Hafengrenzweg zu Beginn der 30er Jahre.<br />

weil mir nicht nur das segenreiche Wirken des ‘Westfalenfleisses’,<br />

sondern auch seine mustergültigen Einrichtungen<br />

bekannt sind, die eine gute und dauerhafte Arbeit gewährleisten<br />

... . 26<br />

Für die Qualität und Professionalität der Arbeit der Westfalenfleiß<br />

steht schließlich folgendes Schreiben an die Reichsbahn:<br />

... In der Anlage überreichen wir ergebenst die Angebotsunterlagen<br />

für Bürsten, Besenwaren und Kokskörbe. Musterstücke,<br />

wie sie in Ihren Bedingungen vorgeschrieben sind,<br />

63


64<br />

haben wir Ihrer Hauptgerätesammelstelle in Osnabrück<br />

übersandt. Bei den Bürsten- und Besenwaren ist gesundes,<br />

astfreies Rotbuchenholz verwandt. Gegenüber den früheren<br />

Preisen sind die jetzigen nicht unerheblich höher, weil<br />

wir nach Ihren Bedingungen erheblich mehr Material ver-<br />

Blinde Korbflechter bei der Westfalenfleiß in den 30er Jahren.<br />

wenden mussten. Im Interesse der unserer Fürsorge anvertrauten<br />

Blinden, Kriegs- und Zivilbeschädigten würden wir<br />

es mit ganz besonderem Danke begrüssen, wenn Sie uns<br />

auch diesmal Ihren geschätzten Auftrag erteilten. Wir werden<br />

uns alle Mühe geben, durch einwandfreie Ausführung<br />

der Arbeiten Ihr Vertrauen zu würdigen.<br />

Bei dieser Gelegenheit glauben wir höflichst darauf hinweisen<br />

zu dürfen, dass wir dem Wunsche der Reichsbahndirektion<br />

Münster entsprechend, Unfallbeschädigte der<br />

Reichsbahn, u. a. einen nahezu blinden früheren Eisenbahnarbeiter<br />

aus Dülmen beschäftigen. Die zwischen Ih-


nen und uns bestehenden guten Beziehungen werden wir<br />

auch in Zukunft dadurch pflegen, dass wir auch fernerhin<br />

auf Wunsch Schwerunfallbeschädigte der Reichsbahn bei<br />

uns einstellen ... . 27<br />

Daß die Westfalenfleiß auf Erfolgskurs war, dokumentierte sich<br />

auch darin, daß 1927 das neue Gebäude des Unternehmens am<br />

Hafengrenzweg errichtet wurde. 28<br />

1 LWL, C 61 III, Nr. 154, Stadtverwaltung Witten an LFV, 08.09.1926.<br />

2 LWL, C 61 III, Nr. 24, Landesrat Dr. Jung (LFV) an Direktor Becker, KAGESO,<br />

02.03.1926.<br />

3 LWL, C 61 III, Nr. 151, LFV Niederschrift der Sitzung in Hagen hinsichtlich Preis- und<br />

Absatzfragen der Erwerbsbeschränktenwerkstätten der Provinz, 29.01.1926.<br />

4 LWL, C 61 III, Nr. 151, LFV Niederschrift der Sitzung in Hagen hinsichtlich Preis- und<br />

Absatzfragen der Erwerbsbeschränktenwerkstätten der Provinz, 29.01.1926.<br />

5 LWL, C 61 III, Nr. 151, Landesrat Sodemann an Zweckverband der Arbeitsfürsorgeeinrichtung<br />

in den Provinzen Rheinland und Westfalen, wahrscheinlich Mai 1926.<br />

6 LWL, C 61 III, Nr. 151, LFV an Landesverwaltungsrat Sodemann, 05.08.1926.<br />

7 LWL, C 61 III, Nr. 151, Niederschrift über die Sitzung mit dem LFV am 12.08.1926.<br />

8 LWL, C 61 III, Nr. 151, Niederschrift über die Sitzung mit dem LFV am 12.08.1926.<br />

9 LWL, C 61 III, Nr. 151, Niederschrift über die Sitzung des Zweckverbandes der<br />

gemeinnützigen Werkstätten in Münster, 10.12.1926.<br />

10 Ebd..<br />

11 Ebd..<br />

12 Ebd..<br />

13 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 151, Niederschrift der Sitzung von Vertretern der<br />

gemeinnützigen Werkstätten, 04.08.1926.<br />

14 Ebd..<br />

15 LWL, C 61 III, Nr. 152, Auszug aus dem Korrespondenzblatt des Reichsbundes der<br />

Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen Nr. 7, 8. Jahrgang,<br />

S. 101 (Berlin, Juli 1927).<br />

16 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 54.<br />

17 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 55.<br />

65


66<br />

18 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Stadt Münster an Erste Deutsche Fahrradwache,<br />

18.07.1924.<br />

19 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Magistrat Münster an Wohlfahrtsamt, 27.11.1925.<br />

20 Vermerk auf: STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Magistrat Münster an Wohlfahrtsamt,<br />

27.11.1925.<br />

21 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Westfalenfleiß an die Stadtverwaltung Münster,<br />

09.02.1926.<br />

22 LWL, C 61, III, Nr. 145, KAGESO an Landesrat Pork, 09.05.1933.<br />

23 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Stadtverwaltung Minden an Magistrat Münster,<br />

07.12.1926.<br />

24 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Stadtverwaltung Münster an Magistrat zu Minden,<br />

13.12.1926.<br />

25 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Westfalenfleiß an Stadt Münster, Anlage, 27.12.1965.<br />

26 STDAM, Stadtregistratur, Fach 155, Nr. 105, OB Münster an Reichsbahn, 12.03.27.<br />

27 STDAM, Stadtregistratur, Fach 155, Nr. 105, Westfalenfleiß an Reichsbahn,<br />

09.03.1927.<br />

28 LWL, C 61, III, Nr. 146, Westfalenfleiß an Landesbank, 16.06.1934.


6. Neider, Ärger und große Schwierigkeiten - Die Westfalenfleiß<br />

am Vorabend der deutschen Katastrophe<br />

Es kann der Friedlichste nicht gut leben, wenn es den Konkurrenten<br />

nicht gefällt. Dies bekam die Werkstatt ab 1927 zu spüren.<br />

Die Gewerbetreibenden, insbesondere die des Mittelstandes,<br />

wurden zu Hauptgegnern der Westfalenfleiß. Man sah in ihr<br />

einen lästigen Konkurrenten, denn sie wurde von der öffentlichen<br />

Hand unterstützt und kam - durch gewisse Protektion - schneller<br />

zu Aufträgen.<br />

Einen Höhepunkt der Kampagne erreichte das Agieren gegen die<br />

Firma im Jahre 1928.<br />

Die Industrie- und Handelskammer beanstandete in einem Schreiben<br />

an die Westfalenfleiß, daß die Gesellschaft auch solchen<br />

Personen, die infolge besonderer Notlage der Wirtschaft arbeitslos<br />

waren, Gelegenheit zur Betätigung gab. Dies stand so im<br />

Gesellschaftsvertrag (§ 4), war damit Firmenzweck - und störte<br />

die Kammer erheblich.<br />

Der Provinzialverband wurde schließlich tätig und erklärte, daß<br />

die Westfalenfleiß gar nicht die Absicht habe, andere, als erwerbsbeschränkte<br />

Personen in den Betrieb aufzunehmen. Auch<br />

sollte die Gesellschafterversammlung beschließen, so der Plan,<br />

der auch in der Firma mittlerweile angedacht worden war, die<br />

Klausel unmißverständlicher zu formulieren - oder gar zu streichen.<br />

1<br />

Landesrat Dr. Schulte, der die Provinz Westfalen 1928 bei der<br />

KAGESO vertrat, 2 äußerte jedoch eine gewisse Befriedigung,<br />

daß die Gegner der Westfalenfleiß nicht mehr den Bestand der<br />

Werkstatt selbst ablehnten, wie sie es noch im Vorjahr getan<br />

hatten. Er selbst wandte sich dagegen, den Begriff der Erwerbsbeschränktenwerkstatt<br />

zu weit zu fassen.<br />

67


68<br />

Mit dieser persönlichen Einschätzung konnte er ausgleichend<br />

wirken, da er weder zu sehr den Standpunkt der Erwerbsbeschränktenwerkstatt,<br />

noch einseitig den ihrer Gegner vertrat. So<br />

war nun ein Einlenken der Handelskammer zu erkennen. Sie war<br />

bereit, den gegnerischen Standpunkt gegenüber der Westfalenfleiß<br />

aufzugeben, wenn aus dem Gesellschaftsvertrag die Passage<br />

gestrichen würde, daß in den Werkstätten auch Arbeitslose einen<br />

Arbeitsplatz finden sollten. Die Handelskammer fürchtete, daß in<br />

den Werkstätten - mit öffentlichen Mitteln finanziert - reguläre<br />

Arbeitskräfte eine Anstellung finden sollten, die dann dem Markt<br />

entzogen gewesen wären. Die Arbeitslosen sollten dem freien<br />

Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.<br />

Jedoch, wenige Beschäftigte in der Wirtschaft, mit nur sehr<br />

geringen Löhnen, bedeuteten auch wenig Konsum. Die Folgen<br />

waren eklatant:<br />

Zwischen 1928 und 1932 sanken die Umsätze, etwa des Handwerks,<br />

um 50 %, die Gewinne gar um 66,5 %. Viele Betriebe<br />

steuerten geradewegs in den Ruin, entließen ihre Beschäftigten in<br />

die Arbeitslosigkeit. 3<br />

Die Wirtschaftspolitik der Weimarer Zeit ab 1927 4 vermochte<br />

diese sozialen Probleme nicht zu lösen. 5 Dadurch isolierte die<br />

demokratische Regierung sich selbst von den Wählern und die<br />

Mehrheit der Bevölkerung von der Demokratie. 6<br />

In Münster hatte die Stadtspitze in den Jahren bis zum letzten<br />

Drittel des zweiten Jahrzehnts versucht, soziale Brennpunkte zu<br />

entschärfen. Dies geschah unter anderem durch eine rege Bautätigkeit.<br />

Dabei waren besonders die Kriegsbeschädigten eine der<br />

Gruppen, deren Wohnungsnot im besonderen Maße und vor allen<br />

anderen Anspruchsberechtigten gemildert werden sollte.<br />

So entstand im südlichen Teil des Geistgeländes, in der Nähe des<br />

heutigen Clemenshospitals, nach dem Ende des Ersten Weltkrie-


ges die sogenannte Kriegersiedlung. Sie bot einfache Häuser für<br />

minderbemittelte Kriegsbeschädigte. Im Jahre 1926 bestand die<br />

Anlage aus 151 Kleinsthäuschen am Kriegerweg, dem Hohen<br />

Hainweg, Kleibach, Sternbusch und Duesbergweg. 7<br />

Mit dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise ab 1928 wurde die<br />

Sorge der Stadt für die sozial Benachteiligten, deren politisches<br />

Wohlverhalten dringend erforderlich war, zu einem zentralen<br />

Punkt der städtischen Politik.<br />

Dabei war die Stadt 1928 finanziell keineswegs auf Rosen gebettet.<br />

Die Belastung durch Anleihen betrug immerhin stolze 25<br />

Millionen Reichsmark. Allein die Zinszahlungen beliefen sich auf<br />

jährlich drei Millionen RM. Als dann noch für laufende Kosten<br />

neue Anleihen genommen wurden, war abzusehen, daß das nur<br />

ruinöse Folgen haben konnte. 8 Schließlich betrugen 1931 die<br />

Schulden der Stadt 34 Millionen RM. 9 Das war eine Folge der<br />

Wirtschaftskrise, die erhöhte Aufwendungen für das Fürsorgeressort<br />

notwendig machte. So stieg zwischen 1928 und 1932 der<br />

Haushaltsposten für diesen wichtigen Bereich von 1,8 Mill. auf 4,4<br />

Mill. RM. 10 Im selben Zeitraum stieg entsprechend auch die Zahl<br />

der Arbeitslosen von 1.492 auf 6.812 Personen. 11<br />

Politische Handlungsfreiheit gab es vor diesem Hintergrund<br />

natürlich nicht mehr. Um so erstaunlicher ist, mit welchem Eifer<br />

die Stadt Arbeitslose wieder in das Erwerbsleben einband. Um zu<br />

verhindern, daß diese aus der Unterstützungsleistung bald ausgesteuert,<br />

nur noch auf Fürsorgeleistungen angewiesen sein würden,<br />

wurden umfangreiche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in<br />

die Wege geleitet. Mit Baumaßnahmen, Erschließungsarbeiten<br />

und nicht zuletzt auch durch den Ausbau des Aasees versuchte<br />

die Stadt, dem sogenannten „Pflichtarbeiter” Arbeit und Brot zu<br />

geben. 12<br />

Nach § 19,2 der Verordnung über die Fürsorgepflicht (14.02.1924)<br />

war man bestrebt, den Wohlfahrtserwerbslosen eine angemessene<br />

69


70<br />

Arbeit zu beschaffen. 13 Dies war die sogenannte Pflichtarbeit.<br />

Auch bei Westfalenfleiß gab es sie. Hier wurde Brennholz „produziert”.<br />

Die Pflichtarbeiter erhielten als Anreiz zu ihrer Unterstützung<br />

besondere Arbeitsprämien von monatlich 50 RM. Ihre wöchentliche<br />

Arbeitszeit betrug cirka 30 Stunden.<br />

Eine noch wirksamere Hilfe schuf die Stadt durch Einführung der<br />

Fürsorgetarifarbeit ab 20.07.1930. Bei besonderen Notstandsarbeiten<br />

wurden Arbeitslose in ein versicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis<br />

eingewiesen. Die Vermittlung geschah mit Hilfe<br />

des Arbeitsamtes, wobei das Wohlfahrtsamt Kostenanteile übernahm.<br />

Diese sogenannten Fürsorgetarifarbeiter erwarben durch<br />

ihre Arbeit wieder unter bestimmten Bedingungen den Anspruch<br />

auf Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung. 14 Auch sie gab<br />

es bei Westfalenfleiß. Auch auf anderem Wege versuchte die<br />

Besen- und Bürsteneinzieherei am Hafengrenzweg in den 30er Jahren.


Stadt Wohlfahrtserwerbslose in Arbeit zu bringen. So erhielten<br />

Unternehmen nur städtische Aufträge, wenn sie auch Arbeitslose<br />

einstellten. 15<br />

Die Stadtverordneten traten relativ häufig zusammen, um die<br />

sozialen Aufgaben der Stadt schnellstmöglich zu erledigen. Es<br />

sollte verhindert werden, daß die Menschen, sozial in wirtschaftliche<br />

Not geraten, politisch in die extremen Lager der Rechten und<br />

der Linken getrieben wurden. 16 Dieses Handeln der Stadt hatte<br />

zunächst Erfolg: Bei der Gemeindewahl am 07.11.1929 erhielten<br />

die Feinde der Demokratie wenig Zuspruch. 17<br />

Daß Handlungsbedarf bestand, belegt folgende Tabelle:<br />

Laufend in der offenen Fürsorge unterstützte Parteien einschl. Wohlfahrtserwerbslose<br />

31.3.1928 31.3.1929 31.3.1930 31.3.1931 31.3.1932 31.3.1933<br />

1. Kriegsbeschädigte,Hinterbliebene<br />

und<br />

Gleichgestellte<br />

8 12 7 23 25 23<br />

2. Sozialrentner 545 640 672 736 786 828<br />

3. Kleinrentner 494 471 458 462 448 446<br />

4. Sonstige<br />

Hilfsbedürftige<br />

519 649 594 770 1.024 2.361<br />

Zusammen 1.566 1.772 1.731 1.991 2.283 3.658<br />

5. Wohlfahrtserwerbslose<br />

u. Arbeitslose<br />

mit gemeindl.Unterstützung*<br />

54 142 501 1.343 2.679 2.554<br />

Insgesamt 1.620 1.914 2.232 3.334 4.962 6.212<br />

* Wohlfahrtserwerbslose waren arbeitslose oder arbeitsfähige Personen, die keinen<br />

Anspruch auf Leistungen der Arbeitslosenversicherung, der Krisenfürsorge oder der<br />

sonstigen Fürsorge bei berufsüblicher Arbeitslosigkeit hatten, gleichgültig, ob sie Pflichtarbeit<br />

leisteten oder nicht.<br />

71


72<br />

Münster war sozialpolitisch kein Einzelfall. Im gesamten Deutschen<br />

Reich war die Situation alarmierend:<br />

Der Zuschußbedarf der kommunalen Wohlfahrtsämter, aufgrund<br />

der Erwerbslosigkeit, stieg von 1928 bis 1932 erheblich. Im<br />

Haushaltsjahr 1928/29 schlug das Wohlfahrtswesen mit 1,472<br />

Milliarden Reichsmark zu Buche. 1931/32 schließlich betrug der<br />

Ausgabenetat für das Wohlfahrtswesen in den Kommunen 2,255<br />

Milliarden Reichsmark bei einem Arbeitslosenanteil von 37,8 %. 18<br />

Dabei ist zu bemerken, daß die Arbeitslosigkeit ab 1928 derartig<br />

stark wurde, daß die Arbeitslosenversicherung eigentlich ständig<br />

überfordert war. 19<br />

Der Staat blieb demgegenüber machtlos. Sozialpolitische Einigkeit<br />

bestand in dieser Endphase der Demokratie nicht mehr.<br />

So erwies sich das Hoffen der Stadtväter Münsters auf die Hilfe des<br />

Reiches als Illusion. 20 Im Gegenteil, das Einkommensniveau sank.<br />

Die Folge war das Sinken des Konsums und damit mittelbar<br />

weniger städtische Einnahmen. Ein Teufelskreis war entstanden.<br />

Zunächst hielt noch die Stabilität des sogenannten katholischen<br />

Milieus, das auf Ruhe und Bestandswahrung zielte. 21 Jedoch 1931<br />

erging in Preußen eine Sparverordnung, die die Richtsätze der<br />

Fürsorge um cirka 12 % kürzte! 22 Damit war der Verelendung<br />

breitester Volkskreise Tür und Tor geöffnet.<br />

Mit der Weltwirtschaftskrise wurden die Spannungen im Rat<br />

besonders deutlich. Um die Etats drehte sich nun dauernd das<br />

politische Tauziehen zwischen Magistrat und Stadtverordneten. 23<br />

Beide Seiten waren aber einig, wenn es galt, mit dem Nötigsten zu<br />

helfen. So wurden wieder Brennstoffe für die Bedürftigen ausgegeben.<br />

24<br />

Das soziale Engagement in der Stadt konnte jedoch nicht verhindern,<br />

daß die politische Atmosphäre mehr und mehr vergiftet war.<br />

Es kam zu Schmutzkampagnen gegen die Stadtspitze, deren<br />

Nachwirkungen bis 1933 zu spüren waren. 25


Die Profiteure dieser politischen Schlammschlachten, bei gleichzeitig<br />

fortschreitendem wirtschaftlichem Elend, waren die Nazis. 26<br />

Man untergrub das Vertrauen der Bevölkerung in die politische<br />

Kompetenz der Stadtspitze und der Mehrheitspartei, des Zentrums.<br />

Die Feinde der Demokratie gewannen demgegenüber stetig<br />

an Ansehen. So wurde bei der Kommunalwahl 1933 die NSDAP<br />

stärkste Fraktion. 27<br />

Dies hatte ein Klima von Denunziationen und Gerüchten bewirkt.<br />

Zu den Diffamierungen der Stadtoberen durch die Nazis gehörte<br />

es auch, daß in einer niederträchtigen Kampagne im Kommunalwahlkampf<br />

1933 dem neuen Oberbürgermeister der Bezug seiner<br />

Dienstwohnung am Kreuztor 1 im vorhergehenden Jahr als persönliche<br />

Bereicherung ausgelegt wurde. 28<br />

Immer wieder war auch von dem angeblichen „Lotterleben” auf<br />

dem Rathaus die Rede. 29<br />

Die alte Führung der Stadt geriet nun in das Zwielicht eines<br />

Untersuchungsausschusses, 30 dessen Einrichtung auch das Zentrum<br />

- ehemals machttragende politische Kraft in Münster -<br />

zugestimmt hatte. 31 In der vagen Hoffnung damit die eigenen<br />

Kräfte aus dem Zwielicht der Verdächtigungen zu lösen, war dies<br />

geschehen. Ohne eine Möglichkeit zur Verteidigung wurde schließlich<br />

Oberbürgermeister Zuhorn, wie fast alle Nicht-Nazis im<br />

Magistrat, abgesetzt. 32 Sein Nachfolger wurde ein subalterner<br />

Verwaltungsbeamter, der seine Lorbeeren eher bei der NSDAP<br />

denn in der Verwaltung erworben hatte, der Stadtverordnetenvorsteher<br />

Hillebrand, ein überzeugter Nazi. 33<br />

Die NSDAP kontrollierte damit nicht nur die Repräsentanten der<br />

Münsterschen politischen Bevölkerung, auch die Verwaltung war<br />

damit gleichgeschaltet.<br />

Über eine Wahlentscheidung, unter den Gegebenheiten von Terror,<br />

vagen Verdächtigungen und Emotionen, war damit der Weg<br />

zur faschistischen Umgestaltung einer Stadt gefunden worden. Im<br />

Hinblick auf das Ansehen der Kriegsbeschädigten bedeutete es,<br />

73


74<br />

daß die Sonderbehandlung der Krieger, eine sozialpolitische Spezialität<br />

Weimars, nun durch den Mythos des verwundeten Kämpfers<br />

verklärt wurde.<br />

Die Kriegsbeschädigten selbst hatten schon zu Anfang der Dreißiger<br />

Jahre eine starke Lobby entwickelt, die es ihnen seinerzeit<br />

schon erlaubte, auch gegenüber der Stadtführung selbstbewußt, ja<br />

fordernd, aufzutreten:<br />

... In einer kürzlich stattgefundenen Beschwerdeausschußsitzung<br />

stellte uns Ihr Herr Direktor Pieper eine Mitteilung<br />

seitens des Magistrats der Stadt Münster in Aussicht, wonach<br />

die Mittel für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene<br />

nicht erhöht werden können. Wir teilen Ihnen<br />

hierdurch mit, dass ein solches Schreiben bis heute nicht in<br />

unsern Besitz gelangt ist. ... . 34<br />

Auch die Werkstatt blieb von den grundlegenden Veränderungen<br />

Die Bohrerei am Hafengrenzweg in den 30er Jahren.


im sozialen, politischen und wirtschaftlichen Klima gegen Ende<br />

der Zwanziger nicht unberührt. Das stetige Kritisieren der Handelskammer<br />

und das geschickte Lavieren des Provinzialverbandes,<br />

hinsichtlich der Existenz und der Klientel der Westfalenfleiß,<br />

führten schließlich dazu, daß man - um des lieben Friedens Willen<br />

- 1929 den Gesellschaftsvertrag änderte. 35 Die Gesellschafterversammlung<br />

beschloß am 22.04.1929 den § 4, den Hauptkritikpunkt<br />

der Kammer, neu zu gestalten. Er lautete nun: „... Der Zweck der<br />

Gesellschaft ist, Erwerbsbeschränkten Gelegenheit zur Arbeitsbetätigung<br />

zu geben ...”. 36<br />

Ferner wurde der Zusatz Gewemü, gemeinnützige Werkstätten<br />

Münster, zu diesem Zeitpunkt ersatzlos gestrichen. 37 Der Name<br />

Westfalenfleiß war eben zu einem festen Begriff geworden.<br />

Hinzu kam, daß man inzwischen vom Prinzip einer Nur-Kriegsbeschädigtenwerkstatt<br />

bei Westfalenfleiß abgewichen war, denn es<br />

heißt in einem Arbeitsgerichtsbeschluß vom 14.05.1928:<br />

... Die von der Antragsgegnerin betriebenen Erwerbsbeschränkten-Werkstätten<br />

dienen in erster Linie dazu, körperlich<br />

und geistig Beschädigte beruflich auszubilden, oder<br />

derartig umzuschulen, daß sie nach Erreichung dieses<br />

Zieles wieder ein Unterkommen in der Privatwirtschaft<br />

finden können. In anderen Fällen aber, in denen die Beschädigung<br />

derart hochgradig ist, daß eine Unterbringung<br />

im privaten Wirtschaftsleben unmöglich ist, sollten sie,<br />

soweit tunlich, auch als Dauerarbeiter in den Werkstätten<br />

bleiben ... . 38<br />

Zu diesem Zeitpunkt waren über 100 Beschäftigte bei Westfalenfleiß<br />

angestellt. 39<br />

Die Streitfälle, die absolut unvermeidlich bei einer solchen Betriebsgröße<br />

waren, schlichtete in der Weimarer Zeit ein sogenannter<br />

Arbeitsausschuß. Eine andere Interessenvertretung gab es<br />

nicht. 40 Das wollten die Beschäftigten nicht hinnehmen und es kam<br />

zu einem Arbeitsprozeß. 41<br />

75


76<br />

Anläßlich dieses Rechtsstreites behauptete das Unternehmen, es<br />

solle deswegen keinen Betriebsrat geben, da für die Beschäftigten<br />

gelte:<br />

... Diese seien intellektuell und moralisch nicht imstande,<br />

die verantwortlichen Aufgaben des Betriebsrates im Sinne<br />

des Gesetzes zu erfassen und ihnen gerecht zu werden ... . 42<br />

Gegen solch schweres Geschütz konnte man kaum noch etwas<br />

seitens der Beschäftigten ausrichten. Ein Betriebsrat wurde schließlich<br />

arbeitsgerichtlich abgelehnt. Die Begründung dafür lautete,<br />

daß die Westfalenfleiß kein Wirtschaftsunternehmen im engeren<br />

Sinne, sondern eine Fürsorgeeinrichtung sei. 43<br />

Die Beschäftigten wurden damit nicht als kompetente und vollwertige<br />

Arbeitnehmer anerkannt, sie galten vielmehr als quasi<br />

meinungslose Masse.<br />

Dies galt aber nicht hinsichtlich ihrer Arbeitsleistung. Da nahm<br />

man sie durchaus für voll. Gearbeitet wurde im Akkord und die<br />

große Palette produzierter Waren verkaufte man im freien Handel.<br />

44 So konnte hier von einem Sonderstatus eigentlich keine Rede<br />

sein.<br />

Mit der Wirtschaftskrise setzte dann ab 1929 die Katastrophe auch<br />

in der Werkstatt ein. Zunächst glaubte man nicht an ein wirtschaftliches<br />

Fiasko, das auch der Werkstatt drohen könnte, denn man<br />

verlangte sogar noch nach mehr Lagerkapazität. Deshalb schloß<br />

die Stadt Münster mit der Westfalenfleiß GmbH am 25.03.1930<br />

rückwirkend, mit dem 01.01.1929 beginnend, einen Mietvertrag<br />

über einen 2.351 qm umfassenden Lagerplatz, der für den Handel<br />

mit Bürstenwaren genutzt werden sollte. 45<br />

Voller Vertrauen darauf, daß es nur noch besser werden könnte,<br />

ließ man sich gar zu optimistischen Geschäften verleiten.


Die kaufmännische Art des Geschäftsführers und Betriebsdirektors<br />

Hartmann sah keine Risiken. Der ehemalige Beamte der Stadt<br />

war zu sehr daran gewöhnt, daß die öffentliche Hand stets über so<br />

profanen Dingen wie Konkurs und wirtschaftlichem Aus stand. In<br />

der Wirtschaftskrisenzeit 1929 versagte er dann völlig und bat um<br />

die Annahme seines Rücktritts. Seit März 1929 führte er die<br />

Geschäfte kommissarisch. Die Stelle war innerhalb der Stadtverwaltung<br />

ausgeschrieben - für einen Beamten.<br />

Eine Besetzung der Stelle erfolgte jedoch nicht. Das städtische<br />

Geld reichte wohl nicht aus, einen Beamten zu versetzen, denn der<br />

Posten war recht gut dotiert. Und einen weiteren Beamten zu<br />

versorgen, kostete auch etwas. Schließlich betrug 1927 die Besoldung<br />

des Geschäftsführers 4.344 RM. 46 Solche Summen konnte<br />

man nicht ohne weiteres zusätzlich aufwenden.<br />

Hartmann war somit gezwungen zu bleiben. Es blieb damit ein<br />

unmotivierter Beamter auf seinem ungeliebten Dienstposten erhalten.<br />

Es fehlte ihm fortan jegliche Begeisterung. Die Folgen waren<br />

fatal. Zu einem Skandal wurde eine Bürgschaft, die Hartmann für<br />

die Firma übernommen hatte.<br />

Am 15.09.1929 schloß der Stadtobersekretär mit dem Sauerstoffwerk<br />

Münster einen Pachtvertrag über eine Tankstelle an der<br />

Hammerstraße. 47 In § 11 des Vertrages fand sich der handschriftliche<br />

Zusatz<br />

... Die Abrechnungen des Autobetriebsstoffgeschäftes erfolgen<br />

unmittelbar zwischen dem Sauerstoffwerk und dem<br />

jeweiligen Tankwart unter Haftung der Westfalenfleiß GmbH<br />

... . 48<br />

So konnte die Schuld des Tankwarts H. bei seinem Benzinlieferanten<br />

zu ungeheuren Höhen auflaufen. Die Westfalenfleiß bürgte ja.<br />

Am Ende stand sie für eine Summe gerade, die sie gar nicht zu<br />

garantieren im Stande war (mehr als 7.000 RM).<br />

77


78<br />

Hinzu kam, daß das Unternehmen die Folgen der Wirtschaftskrise<br />

in vollem Umfang zu spüren bekam. Arbeit blieb aus, Rechnungen<br />

unerledigt, Zahlungen konnten nicht mehr geleistet werden. Die<br />

Werkstatt stand vor dem Ruin. Es mußte nun schnellstens gehandelt<br />

werden. Bedurft hätte es jetzt eines wendigen kaufmännischen<br />

Organisators, denn die Beschäftigten setzten alle Hoffnung auf den<br />

Weiterbestand der Firma: 12 Tischler, 4 Drechsler, 11 Stuhlflechter,<br />

56 Einzieher, 2 Verkäufer, 4 Tankwarte, 16 Fahrradwächter<br />

und zeitweise 30 - 40 Fürsorgeempfänger, die mit der Herrichtung<br />

Die Tankstelle an der Hammerstraße zu Anfang der 30er Jahre.<br />

von Brennholz betraut waren. 49<br />

Der Stadtobersekretär war aber mit seinem Latein am Ende und<br />

trat am 24.09.1931 endlich zurück. Landesrat Sodemann vom<br />

Provinzialverband rückte nach. 50 So war es wieder ein Beamter -<br />

und nicht der so dringend benötigte Kaufmann - der die Leitung der<br />

Firma übernahm.


Dem Unternehmen ging es nun auch weiterhin schlecht. Man<br />

mußte sogar schon an die eigene Substanz gehen. Am 22.09.1931<br />

erklärte die Gesellschafterversammlung, daß das Personenauto<br />

bestmöglich zu verkaufen sei. 51<br />

Auch dies versprach keine Lösung der Probleme, denn 1932 mußte<br />

man noch vor dem 28.06. größere Entlassungen vornehmen, da<br />

man sonst bankrott gewesen wäre. Das Defizit betrug mittlerweile<br />

23.739,39 RM. Schließlich arbeitete man nur noch vier Tage in der<br />

Woche, da die Aufträge des Kaufhauses Epa ausgeblieben waren. 52<br />

Es waren auch nur noch 72 Leute beschäftigt, für die neue Aufträge<br />

beschafft werden sollten - so denn welche zu bekommen waren.<br />

In dieser ausgesprochen schwierigen Lage gab es für die Gesellschafter<br />

nur noch eine Lösung: Ein neuer Geschäftsführer - und<br />

diesmal ein Kaufmann - mußte an die Spitze der Firma treten.<br />

Emil Blumensaat aus Hagen, der seit dem 1. November 1925 mit<br />

der Westfalenfleiß-Bewegung verbunden war, übernahm das Ruder<br />

der Firma. Der deutschnationale, ausgesprochen fleißige „Neue”<br />

galt als Organisationstalent und wacher Geist, der auch später<br />

immer wieder zu den Schwesterfirmen, so etwa in Witten und<br />

Gladbeck, gerufen wurde, wenn dort eine grundlegende Sanierung<br />

oder Umgestaltung erforderlich war. 53<br />

Er sah sich mit einer ausgesprochen schwierigen Situation in<br />

Münster konfrontiert, denn er deckte die Tankstellenangelegenheit<br />

auf. Die Tankstellengesellschaft forderte schließlich lautstark<br />

ihr Geld und wußte dabei - quasi als Druckmittel - eine sensationslüsterne<br />

Presse auf ihrer Seite. Die wartete nur darauf, einen Fall<br />

von Verschwendung öffentlicher Gelder oder gar Unfähigkeit und<br />

daraus resultierender Kosten aufzudecken.<br />

Deshalb war Blumensaat besonders bemüht, die Westfalenfleiß<br />

nicht in das Gerede kommen zu lassen. Das schien ihm im<br />

Oktober 1933 dann auch gelungen zu sein. 54 Denn er informierte<br />

schnellstens die Gesellschafter, daß ein Agreement nun gefunden<br />

79


80<br />

sei und die Westfalenfleiß aus dem Unterpächtervertrag, der sie<br />

so existenzbedrohlich verpflichtet hatte, gelöst wäre. Fast aufatmend<br />

konnte man vermelden:<br />

... Damit ist die Angelegenheit für uns erledigt. Wir werden<br />

den Tankwart H. im Auge behalten und sorgfältig darüber<br />

wachen, daß er den übernommenen Verpflichtungen nachkommt<br />

und für raschmöglichste Tilgung des Restbetrages ...<br />

Sorge tragen ... . 55<br />

Die Aufregung um die Tankstelle erklärt sich aus den Vorkommnissen<br />

des Jahres 1932, als ein Betrugsprozeß gegen den Stadtoberinspektor<br />

Heinrich Schreiber die Stadt erschütterte. Er hatte<br />

in der Bürgschaftsbearbeitung der Stadtverwaltung, unter anderem<br />

durch Manipulation und ungerechtfertigte Vergabe von Bürgschaften,<br />

der Stadt großen Schaden zugefügt. 56<br />

Die Westfalenfleiß wollte - angesichts der negativen Presse und<br />

der hitzigen Diskussion um Korruption und Betrug im öffentlichen<br />

Bereich - jegliche Vorwürfe ob kaufmännischer Inkompetenz<br />

oder Leichtfertigkeit abwehren. Noch dazu, wo sie durch die<br />

Art ihrer Gesellschaftsbildung auf das Engste mit der Stadt<br />

verflochten war. Jegliche Unregelmäßigkeit bei ihr konnte also<br />

wieder der Stadt von den Feinden der Demokratie angelastet<br />

werden.<br />

Gefahr drohte den Behinderten von Westfalenfleiß jedoch nicht<br />

nur durch die wirtschaftliche Lage in der Endphase Weimars.<br />

Noch bedrohlicher war das Umsichgreifen rassistischen Größenwahns.<br />

Die rassistischen Einstellungen unter den Ärzten, die im Dienste<br />

des Provinzialverbandes Westfalen, mithin einer der Gesellschafter<br />

der Werkstatt, als Psychiater und häufig auch als Leiter von<br />

Provinzial-Heilanstalten tätig waren, wurde unreflektiert ver-


eitet, ohne daß diese Ärzte unbedingt immer dem nationalsozialistischen<br />

Regime nahestehen mußten. Damit kündigte sich<br />

das Entmenschlichen der Behinderten per Sterilisation und Morden<br />

durch die Nazis an.<br />

1 Archiv Westfalenfleiß - A 2 - Provinzialverband an IHK (Abschrift), 11.04.1928.<br />

2 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, Sitzung des Verwaltungsrates der KAGESO,<br />

22.03.1928.<br />

3 John, S. 115.<br />

4 Kühnl, S. 152 ff.<br />

5 Kühnl, S. 152.<br />

6 Kühnl, S. 154.<br />

7 Siehe: Grevelhörster (Mappe) Begleittext o. S..<br />

8 Haunfelder, S. 165.<br />

9 Haunfelder, S. 166.<br />

10 STDAM Verwaltungsbericht 1926-45, S. 54 u. S. 163.<br />

11 STDAM Verwaltungsbericht 1926-45, S. 161, Statistischer Bericht für das Kalender-<br />

jahr 1932, S. 97.<br />

12 Grevelhörster (Kröll), S. 55.<br />

13 Zum Folgenden: Verwaltungsbericht 1926-45, S. 163.<br />

14 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 163.<br />

15 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 164.<br />

16 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 17.<br />

17 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 16.<br />

18 Grundlegend: Rebentisch.<br />

19 Vergl.: auch: Kolb, S. 90.<br />

20 MA, 01.01.1932, 2. Ausgabe.<br />

21 Vergl.: Kaufmann, S. 130 ff.<br />

22 Vergl.: STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 165.<br />

23 Grevelhörster (Kröll), S. 56.<br />

24 STDAM, Stadtreg., Fach 20, Nr. 65, Abschrift des Beschlusses des Unterstützungs-<br />

ausschusses vom 11.01.1929.<br />

25 Grevelhörster (Kröll), S. 56 mit ausführlichen Informationen.<br />

26 Grevelhörster (Kröll), S. 64 ff.<br />

27 Haunfelder, S. 166.<br />

28 Kuropka, Machtergreifung, Mappentext.<br />

29 STDAM, Plakatsammlung Nr. 3.<br />

30 Grevelhörster (Kröll), S. 65.<br />

81


82<br />

31 Grevelhörster (Kröll), S. 65.<br />

32 Grevelhörster (Kröll), S. 66 und zum Ablauf der Sitzung: STDAM, Verwaltungsbe-<br />

richt 1926-45, S. 23 f.<br />

33 Grevelhörster (Kröll), S. 66; MA 27.09.1933.<br />

34 STDAM, Stadtreg., Fach 20, Nr. 65, Reichsverband Deutscher Kriegsbeschädigter u.<br />

Kriegshinterbliebener, Ortsgruppe Münster an das Wohlfahrtsamt Münster,<br />

19.09.1930.<br />

35 Vergl. zum Folgenden: Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925 mit darauf<br />

befindlichen handschriftlichen Änderungen, durch Notar Peus aus dem Jahre 1929.<br />

36 Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925, handschriftliche Änderungsmitteilung<br />

und maschinenschriftliche Fassung der Änderung v. 22.04.1929.<br />

37 Ebd..<br />

38 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Prozesse, Arbeitsgerichtsbeschluß vom 14.05.1928.<br />

39 Hierzu und zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß, - Sondergut - Prozesse, Arbeitsgerichtsbeschluß<br />

vom 14.05.1928.<br />

40 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Prozesse, Arbeitsgerichtsbeschluß vom 14.05.1928.<br />

41 Ebd..<br />

42 Ebd..<br />

43 Ebd..<br />

44 Ebd..<br />

45 Archiv Westfalenfleiß - A 2 - Mietvertrag vom 25.03.1930.<br />

46 STDAM, Stadtreg., Fach 20, Nr. 65, Niederschrift über die Sitzung des Fürsorgeaus-<br />

schusses am 17.02.1927.<br />

47 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 147, Revisionsbericht für die Zeit vom 01.04.1932<br />

- 31.03.1933.<br />

48 Ebd..<br />

49 Ebd..<br />

50 Archiv Westfalenfleiß - A 2 - Amtsgericht Münster, Handelsregisterauszug<br />

(24.09.1931).<br />

51 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />

bis 1947, Niederschrift über die Gesellschafterversammlung am<br />

22.09.1931.<br />

52 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />

bis 1947, Niederschrift der Gesellschafterversammlung am<br />

23.11.1932.<br />

53 LWL, C 61 III, Nr. 145, KAGESO an Pork, 08.05.1933.<br />

54 LWL, C 61 III, Nr. 146, Westfalenfleiß an LFV, 12.10.1933.<br />

55 LWL, C 61 III, Nr. 146, Westfalenfleiß an LFV, 12.10.1933.<br />

56 STDAM, Amt 14, Best. E, Nr. 8, Betrugsprozeß Schreiber.


7. Die Westfalenfleiß und ihre Beschäftigten während<br />

der Jahre im Nationalsozialismus<br />

Noch im Jahre 1934 setzten die Nationalsozialisten eines jener<br />

Gesetze in Kraft, das noch die demokratisch legitimierte Weimarer<br />

Bürokratie konzipiert hatte: Das Gesetz zur Verhütung erbkranken<br />

Nachwuchses vom 14.07.33.<br />

Dieses Gesetz legitimierte die Sterilisation von Abertausenden.<br />

Dies und die spätere Euthanasie konnten ohne Schwierigkeiten<br />

größeren Ausmaßes stattfinden, da das Gros der Beamten durchaus<br />

bereit war, der Regierung stets loyal zu dienen 1 - ohne<br />

Rücksicht auf Einzelschicksale oder die unverrückbaren und unantastbaren<br />

Menschenrechte.<br />

Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses sollte die<br />

Gewähr dafür geben, daß die angebliche germanische Herrenrasse<br />

von allen anders-„artigen” Menschen, seien es Behinderte, angebliche<br />

Asoziale oder Suchtkranke, nicht belastet würde. Zuständig<br />

für die Durchführung waren die Amtsgerichte am Sitz des jeweiligen<br />

Landgerichts, die ihrerseits Erbgesundheitsgerichte einrichteten.<br />

In Münster waren Amtsgerichtsdirektor Dr. Bartels und Amtsgerichtsrat<br />

Spinn die Hauptpropagandisten der staatlich verordneten<br />

Verstümmelung. Noch im Jahr des Inkrafttretens des menschenverachtenden<br />

Gesetzes wurden 539 Zwangssterilisationen durchgeführt.<br />

1935 büßten gar 827 Menschen ihre Fortpflanzungsfähigkeit<br />

ein. 2<br />

So kam auf 1000 Einwohner exakt eine Zwangssterilisation. Das<br />

entsprach genau dem durchschnittlichen Sterilisationsanteil im<br />

gesamten Oberlandesgerichts-Bezirk. Amtsgerichtsdirektor Bartels<br />

bemühte sich darum, daß die Einzelfälle geheim blieben,<br />

angeblich um soziale Nachteile für die Betroffenen zu vermeiden.<br />

3 Die Gründe waren wohl eher, daß er den Widerstand der<br />

83


84<br />

Katholiken fürchtete. 4 Trotzdem, in Münster kam es gegen die<br />

Sterilisation zu keinen so weitreichenden Protesten, wie sie etwa<br />

aus dem Bereich des Arnsberger Regierungspräsidenten bekannt<br />

sind. 5<br />

Auch Beschäftigte der Westfalenfleiß wurden zwangssterilisiert.<br />

Jedoch verhinderte der privilegierte Status der Kriegsbeschädigten,<br />

die weiterhin in der Werkstatt vertreten waren, daß sie der<br />

nächsten menschenverachtenden Aktion der Nationalsozialisten<br />

zum Opfer fielen: der Euthanasie, dem planmäßigen Mord an<br />

Tausenden hilfloser Menschen, der 1939 begann.<br />

Die sogenannte T4 Aktion, benannt nach einer Berliner Adresse,<br />

betraf zunächst „nur“ die Insassen der Anstalten, sollte aber nach<br />

dem Krieg auf alle, nicht dem nationalsozialistischen Ideal entsprechenden,<br />

Menschen ausgeweitet werden. So wurden im Bereich<br />

der Stadt Münster zunächst nur die bedauernswerten Insassen des<br />

Provinzialkrankenhauses Marienthal von den mörderischen Aktionen<br />

erfaßt.<br />

Die eigentliche Perversität des Vorgehens zeigt sich darin, daß die<br />

regionalzuständigen Verwaltungstäter beim Provinzialverband<br />

saßen.<br />

Bei dieser Behörde wurden die Fäden für den behördenmäßig<br />

abgewickelten Mord von Menschen gezogen. Sie war aber auch<br />

der Ansprechpartner für einen Schwererwerbsbeschränktenbetrieb<br />

wie die Westfalenfleiß. Unter den Tätern war, nach der<br />

vorläufigen Amtsenthebung des aufrechten Beamten Wolters, Dr.<br />

Rudolf Pork. Der überzeugte Nazi war schnellstens Landesrat<br />

geworden, um in der Provinzialverwaltung die Parteilinie zum<br />

Prinzip der Fürsorge werden zu lassen. 6 Am 24.08.1936 hatte er<br />

seine Anstellungsurkunde erhalten. 7<br />

Unter seiner Ägide fand die „Tat vor der Tat” statt: Die verwaltungsmäßige<br />

Planung des Todes wehrloser und unschuldiger<br />

Menschen, hatte doch Josef Goebbels gefordert: „... Wir müssen<br />

ein gesundes Volk besitzen, um uns in der Welt durchsetzen zu<br />

können... “. 8


Rassismus wurde zum Vehikel für politische Herrschaft, Sterilisation<br />

und Mord zum Verwaltungsakt.<br />

Wissenschaftlich nüchtern wurden Menschen ausgegrenzt, zum<br />

Unmenschen erklärt. So war der Boden für die Euthanasie bereitet<br />

worden. Die Ermächtigung dazu erging im Oktober 1939. Auch<br />

Westfalen war betroffen:<br />

Am 14.06.1940 wandte sich der Reichsinnenminister an die Ärzte<br />

der Provinzialheilanstalten 9 mit der Bitte, im Hinblick auf die<br />

Notwendigkeit einer planwirtschaftlichen Erfassung, die gleichzeitig<br />

übersandten Meldebögen auszufüllen und zurückzuschikken.<br />

Danach waren zu melden: Patienten, die an Schizophrenie,<br />

Epilepsie, senilen Erkrankungen, Paralyse und Schwachsinn litten<br />

und in den Anstaltsbetrieben nicht oder nur mit mechanischen<br />

Arbeiten zu beschäftigen waren. Schließlich auch Patienten, die<br />

sich mindestens fünf Jahre dauernd in der Anstalt befanden. Die<br />

Euthanasieaktion begann mit der Übersendung fertiger Transportlisten<br />

an die Hauptverwaltung des Provinzialverbandes. Der Landeshauptmann<br />

hatte eine Kommission beauftragt, die aus den<br />

Landesverwaltungsbeamten Landesrat Dr. Rudolf Pork, Provinzialoberverwaltungsrat<br />

Dr. Alfred Schneider und Provinzialobermedizinalrat<br />

Dr. Heinrich Petermann bestand. Diese Kommission<br />

sollte die Listen der Anstalten überprüfen. Es stand ihr frei, bei<br />

entsprechender Begründung Alterskranke, Kriegsausgezeichnete<br />

- sie blieben in der Regel verschont -, noch in Behandlung befindliche<br />

Patienten und wichtige Arbeitskräfte von den Transportlisten<br />

zu streichen. 10 Viele dieser Patienten kehrten nie wieder von den<br />

Verlegungen in die Anstalten Herborn, Eichberg, Scheuern, Kalmenhof-Idstein<br />

und Valmünster zurück. In die frei werdenden<br />

Anstalten rückte die Reichswehr ein. Nach Abschluß der Verlegung,<br />

sprich Ermordung, konnte Landesrat Pork im Jahre 1943<br />

verlautbaren:<br />

... Die geräumten Anstalten haben lediglich soviel arbeitsfähige<br />

Kranke behalten, daß sie den Anstaltsbetrieb mit<br />

ihren neuen Aufgaben weiterführen können ... . 11<br />

85


86<br />

Erst die entschlossenen und mutigen Predigten des Bischofs von<br />

Münster, Clemens August Graf von Galen, brachten die Nationalsozialisten<br />

dazu, ihre Mordtaten vorläufig weitgehend einzustellen.<br />

Der Bischof hatte nämlich öffentlich gesagt, was viele verschwiegen.<br />

Diese Wahrheit war so gefürchtet, daß ein Spitzel seine<br />

Predigten mitschrieb. Auch am 03.08.1941 erhob der „Löwe von<br />

Münster“ in St. Lamberti seine Stimme. Dabei entstand die folgende<br />

Mitschrift:<br />

... Kurze Wiedergabe der Predigt des Bischofs von Münster,<br />

Clemens August Graf von Galen, abgehalten am 3. August<br />

1941 in der Lambertikirche.<br />

... In der obengenannten Predigt, deren zufälliger Zeuge ich<br />

war, wandte sich der Bischof, wie er es nannte, gegen die<br />

Tötung unschuldiger Volksgenossen. Er ging davon aus,<br />

dass in verschiedenen Orten Deutschlands und seit kurzem<br />

auch in der Pflege- und Heilanstalt Marienthal zu Münster,<br />

die dort untergebrachten Irrsinnigen, nachdem sie ärztlicherseits<br />

als unheilbar und somit als unproduktive Volksgenossen<br />

auf eine bestimmte Liste gesetzt worden sind, abtransportiert<br />

werden. Nach einiger Zeit erhielten dann die<br />

Angehörigen dieser Kranken die Nachricht, dass die Kranken<br />

an irgendeiner Krankheit gestorben seien. Die Leiche<br />

wäre verbrannt, und die Asche könnte gegen Entrichtung<br />

einer Gebühr abgeholt werden. Nach ihm zugetragenen<br />

Nachrichten stürben diese Kranken keines natürlichen Todes.<br />

Die Leiche würde deshalb verbrannt, damit die Angehörigen<br />

nachträglich nicht mehr feststellen können, an<br />

welcher Krankheit diese gestorben sind. Ein neuer Abtransport<br />

aus Marienthal würde vorbereitet.<br />

Der Bischof betonte in dieser Predigt immer wieder, dass<br />

dieses eine Tötung unschuldiger Volksgenossen wäre und<br />

eine gesetzliche vorsätzliche Tötung nach dem Gesetz nicht<br />

gestattet ist und bestraft wird. Eine Tötung Unschuldiger<br />

wäre nur im gerechten Krieg und in Notwehr gestattet.<br />

Nach dem bestehenden Gesetz, dass jeder, der von einer<br />

stattfindenden Tötung eines Menschen Kenntnis erhält,


verpflichtet ist, hiervon der Polizei oder dem betreffenden<br />

Menschen Kenntnis zu geben, hat der Bischof bei der<br />

hiesigen Staatsanwaltschaft und bei dem Polizeipräsidenten<br />

gegen die Tötung Unschuldiger Klage erhoben.<br />

Der Bischof las diese eingeschriebenen Briefe vor. Hierin<br />

bat er sich Nachricht, was weiterhin veranlasst worden<br />

wäre. Bis heute hätte er einen diesbezüglichen Brief noch<br />

nicht erhalten. Ungefähr wörtlich führte der Bischof dann<br />

weiter aus: ‘Wehe den Krüppeln und Invaliden, die vielleicht<br />

im Arbeitsprozess ihre Gesundheit eingebüsst haben,<br />

wehe den sonstigen Kranken und wehe unseren Frontsoldaten,<br />

die als Krüppel heimkehren. Dann werden diese auf die<br />

Liste der unproduktiven Volksgenossen gesetzt, und man<br />

schreitet denn auch bei diesen Menschen zur Tötung!’ Er<br />

verglich diese Menschen mit einem alten Pferd, das nicht<br />

mehr arbeiten kann und erschossen wird, mit einer Kuh, die<br />

keine Milch mehr gibt und deshalb geschlachtet wird.<br />

Ferner sagte er, dass man keinem Arzt mehr trauen könnte,<br />

denn man wüsste ja nicht, ob dieser uns nicht als unproduktive<br />

Volksgenossen melden würde und wir dann auch getötet<br />

würden. Die Polizei würde uns dann nicht in Schutz nehmen.<br />

Dann ging der Bischof weiter darauf ein, dass heute fast alle<br />

Gebote Christi, die er unter Donner und Blitz auf dem Berge<br />

Sinai bekanntgegeben hätte, nicht mehr eingehalten würden.<br />

Die ersten 3 Gebote würden seit längerer Zeit schon<br />

nicht mehr beachtet ...<br />

Diese Predigt wurde am darauffolgenden Sonntag hier in<br />

sämtlichen Kirchen verlesen.<br />

gez. N. P., wohnhaft in Münster i. W., Adolf-Hitler-Strasse<br />

... . 12<br />

Soviel Mut erzeugte Unruhe und schuf eine bedrohliche Öffentlichkeit,<br />

bis schließlich das Morden im Sommer 1941 offiziell<br />

eingestellt wurde. Insgeheim wurde aber weiter gemacht, wenn<br />

auch in kleinerem Rahmen. 13 Sterilisiert wurde ohnehin, ohne daß<br />

es dazu großangelegte Proteste gegeben hätte. Behinderte Menschen<br />

blieben im Nazi-Deutschland abgewertet.<br />

87


88<br />

Ganz anders verhielt man sich gegenüber den Kriegsbeschädigten.<br />

Das tragische Erlebnis des blutigen Schützengrabens machte sie zu<br />

den Privilegierten des Regimes. So hieß es in einer Rede des<br />

nationalsozialistischen Landeshauptmanns Kolbow im WDR in<br />

der Sendung „Stimme der Zeit”, die am 18.10.33 gehalten wurde:<br />

... Die Regierung unseres Volkskanzlers Adolf Hitler hat es<br />

wiederholt als bedeutsamen Teil ihrer nationalsozialistischen<br />

Aufbauarbeit bezeichnet, den Opfern des Krieges,<br />

unseren kriegsbeschädigten Volksgenossen, die Stellung in<br />

der Volksgemeinschaft zu verschaffen, die ihnen als Ehrenbürger<br />

des Staates zukommt. Dazu gehört vor allem, daß wir<br />

die Kriegsbeschädigten herausführen aus der Zahl der<br />

nichtstuenden Almosenempfänger, sie wieder einzugliedern<br />

in den Wirtschafts- und Arbeitsprozeß und ihnen die<br />

Möglichkeit geben, sich mit den ihnen verbliebenen Kräften<br />

selbst zu unterhalten. So soll ihnen wieder der Segen der<br />

Arbeit zuteil werden! ... . 14<br />

Und in der faschistischen Nationalzeitung war zu lesen:<br />

...Gebt den Kriegsbeschädigten Arbeit.<br />

Das ist der Dank des Vaterlandes ... Kein Weg soll unbeschritten<br />

bleiben, um Kriegsbeschädigten im Rahmen des<br />

Möglichen Arbeit und Brot zu geben. Damit wird eine<br />

Dankespflicht gegenüber den Männern erfüllt, die in schweren<br />

Jahren Leben und Blut für ihr Vaterland eingesetzt<br />

haben ... . 15<br />

Diese Bevorzugung der Menschen mit einem traumatischen<br />

Fronterlebnis stand in krassem Gegensatz zur menschenverachtenden<br />

und verbrecherischen Politik der Nazis. Wurde einerseits<br />

ausgemerzt, bedroht und verstümmelt, so wurden andererseits<br />

bestimmte Gruppen über den grünen Klee gelobt. Die Schwachen<br />

brauchten aber die Privilegierten, wollten sie möglichst<br />

unbehelligt bleiben.


Bei Westfalenfleiß wurden so die verbliebenen Kriegsbeschädigten<br />

zu einem Schutzschild für alle anderen Beschäftigten, denen<br />

das Regime das Recht auf ein menschenwürdiges Leben absprach.<br />

Dies war in der Stadt bekannt. Eltern brachten deshalb<br />

morgens ihre Kinder und holten sie abends wieder ab, um sie so<br />

Die Westfalenfleiß unterhielt bis in die 30er Jahre einen Laden auf der Bergstraße.<br />

vor dem Kenntlichwerden als Behinderte zu bewahren. 16 Der<br />

Bestand von Westfalenfleiß wurde so zur Beibehaltung einer<br />

sicheren Insel in einem Meer von Gefahr. Erfolge der Kriegsbeschädigten<br />

waren deshalb mittelbar immer auch welche für die<br />

Nicht-Kriegsopfer. 17<br />

Der Machtwechsel von 1933 blieb für die Westfalenfleiß-Bewegung<br />

relativ unerheblich. Mit einer Ausnahme: In Bielefeld war<br />

aus politischen Gründen der Geschäftsführer nicht zu halten. 18<br />

Solche Vorbehalte gab es, seitens der neuen Machthaber, hinsichtlich<br />

Blumensaats nicht. Seine deutschnationale Gesinnung,<br />

die er in seiner Hagener Zeit auch öffentlich gezeigt hatte, indem<br />

er patriotische Gedichte schrieb, machte ihn zu einem akzepta-<br />

89


90<br />

blen Amtsinhaber. So ist es auch nicht verwunderlich, daß der<br />

nationalsozialistischen Führungsriege beim Landesfürsorgeverband,<br />

Blumensaat als der geeignete Berater auch für andere<br />

Westfalenfleiß-Gesellschaften, die in Schwierigkeiten waren, erschien.<br />

Seine erfolgreiche Tätigkeit verlieh dem Unternehmen<br />

Aufwind, so daß Münster bald vor dem Konkurs gerettet war.<br />

Trotzdem gab es noch Kritik an der Westfalenfleiß in Münster. Die<br />

Nationalzeitung berichtete im April 1933 von Mißständen bei der<br />

Westfalenfleiß. Diese Kritik bezog sich insbesondere auf die<br />

Tätigkeit des Geschäftsführers Hartmann und die ungeschickte<br />

Bürgschaftsübernahme für den Pächter der Tankstelle. 19<br />

Blumensaat gelang es jedoch, die Firma relativ ungeschoren<br />

davonkommen zu lassen. Der geäußerten Kritik trat er aber nicht<br />

öffentlich entgegen, da er sich anpaßte.<br />

Aber es gab noch mehr Kritiker. Auch der Verband der münsterländischen<br />

Textilindustriellen machte sich bemerkbar.<br />

Von diesen bisherigen En gros-Beziehern von Bürsten- und Korbwaren<br />

aus der Werkstatt wurden nach Jahren guter Zusammenarbeit<br />

Vorbehalte geäußert. Sie hatten bisher exklusiv von der<br />

Westfalenfleiß in Münster Ware bezogen und schrieben jetzt:<br />

... In den früheren Jahren waren schon Bedenken aufgetreten,<br />

ob darin nicht eine Benachteiligung der in den einzelnen<br />

Orten ansässigen Schwerbeschädigten zu erblicken ist,<br />

zumal eine von den Unterzeichneten vorgenommene Nachprüfung<br />

zeigte, dass nur ein verhältnismäßig geringer Teil<br />

der beim Westfalenfleiß Beschäftigten als Schwerbeschädigte<br />

anzusprechen ist ... Wir hatten gegen die Westfalenfleiß<br />

GmbH den Verdacht, dass es sich im Wesentlichen um<br />

Versorgungspflichtige der Stadt Münster handelt ... . 20<br />

Man äußerte diese Bedenken aber nicht aus den vorgeschobenen<br />

Gründen, etwa daß die Schwerbeschädigten in Rheine und Bocholt<br />

durch den Bezug von Waren aus dem Münsterschen Betrieb<br />

benachteiligt würden. Vielmehr war das zeitweilig gesunkene


Renommee der Westfalenfleiß - durch die Tankstellenaffäre und<br />

den Fast-Konkurs - der Grund für dieses Vorgehen. Das Vertrauen<br />

war zeitweilig geschwunden.<br />

So war es verständlich, daß Blumensaat gegen Ende des Jahres -<br />

auf Anweisung des Landesfürsorgeverbandes - versuchte, alle<br />

Bedenken mit einer öffentlichen Kampagne noch einmal zu zerstreuen.<br />

Er verfaßte deshalb den Aufsatz: „... Nicht Unterstützung,<br />

sondern Arbeit und Verdienst...”. Darin schrieb er:<br />

... Das Unternehmen findet seine Begründung in den gesetzlichen<br />

Bestimmungen, die die Pflicht des Hilfsbedürftigen<br />

zur Arbeit betonen und es der Fürsorge zur Aufgabe machen,<br />

Gelegenheit zur Beschäftigung Erwerbsbeschränkter<br />

zu schaffen. Es handelt sich dabei um etwa 100 Personen<br />

(Geburtenkrüppel, Sieche, Unfallverletzte, Kriegsbeschädigte<br />

und Blinde) ... Eine ganze Skala menschlicher Gebrechen<br />

kann man in diesen Räumen abschreiten: Geistesschwache<br />

und schwer Nervenkranke hat man noch zu nutzbringender<br />

ihnen angemessener Arbeit herangezogen ... bei<br />

ihnen ist die wiedergewonnene Freude am Leben und Schaffen,<br />

das Bewußtsein, einen Platz auszufüllen, ihrem Leben<br />

wieder Inhalt, Zweck und Wert gegeben zu sehen, so überragend,<br />

daß sie leichter demgegenüber ihre körperlichen<br />

Gebrechen vergessen ... . 21<br />

Schließlich betonte Blumensaat, daß die Westfalenfleiß eine Institution<br />

sei,<br />

... die nicht nur das schwere Los einer erheblichen Anzahl<br />

von Volksgenossen wesentlich erleichtert, sondern auch der<br />

Allgemeinheit durch den produktiven Charakter ihrer Fürsorge<br />

nennenswerte Lasten abnimmt ... . 22<br />

Blumensaats Erfolge resultierten jedoch nicht allein aus der<br />

wortreichen und geschliffenen Verteidigung der Westfalenfleiß,<br />

91


92<br />

sondern auch daraus, daß er immer wieder vorrechnete, daß eine<br />

Auflösung des Unternehmens unter den neuen Machthabern<br />

auch finanziell gar nicht möglich gewesen sei, da die Folgekosten<br />

höher als die Sanierungskosten sein würden. 23 Man stand also<br />

gewissermaßen unter Erfolgszwang. Dies sahen die Gesellschafter<br />

genauso. 24<br />

Ein Fortbestand der Werkstatt bedeutete aber auch, daß die<br />

Strukturen des neuen Staates auf die Westfalenfleiß Anwendung<br />

fanden. Darauf legte besonders der Provinzialverband und der<br />

zuständige Referent, der Nationalsozialist Rudolf Pork, besonderen<br />

Wert. So beteuerte er, 25 daß die Westfalenfleiß-Gesellschaften<br />

Betriebe seien, auf die § 1 des Gesetzes zur Ordnung der Arbeit<br />

Anwendung finde. Er betonte in diesem Schreiben besonders das<br />

gute Verhältnis der, nun Gefolgschaftsmitglieder genannten, Betriebsangehörigen<br />

und die besonderen Verhältnisse in einem Betrieb<br />

mit fast ausschließlich „körperlich oder geistig gehemmten<br />

Personen” und wenigen gesunden Beschäftigten. 26<br />

Die Beschäftigten verließen sich auf ihren Geschäftsführer Blumensaat.<br />

Ihr Vertretungsgremium, sie hatten in der NS-Zeit einen<br />

Vertrauensrat erhalten, 27 bemühte sich auch inständig um Loyalität<br />

und Zusammenarbeit. Man wußte, daß man nur zusammen die<br />

Werkstatt am Leben erhalten konnte. Daran arbeitete man mit<br />

Nachdruck.<br />

So kam die Westfalenfleiß allmählich in eine bessere Verfassung.<br />

Auch war bald das Renommee der Westfalenfleiß Münster außerhalb<br />

der Stadt und der Provinz derartig gestiegen, daß sich 1933<br />

der Oberbürgermeister Berlins an den LFV wandte und in Sachen<br />

der „Berliner Lehr- und Beschäftigungswerkstätten für Kriegsbeschädigte,<br />

Kriegshinterbliebene und andere Erwerbsbeschränkte”<br />

um Informationen bat, wie eine Erwerbsbeschränktenwerkstatt


unter den Bedingungen des Nationalsozialismus weiterzuführen<br />

sei. 28 Er schickte dem LFV einen Fragebogen, der von der Westfalenfleiß<br />

Münster, stellvertretend für alle anderen Werkstätten,<br />

beantwortet wurde. Westfalenfleiß in Münster war reichsweit zu<br />

einer Modelleinrichtung geworden!<br />

Demnach beschäftigte der Betrieb 1933 cirka 100 Personen (das<br />

war fast die Hälfte aller Erwerbsbeschränkten der Provinz 29 ). Der<br />

Großteil dieser Betriebsangehörigen (63 Personen) arbeitete in<br />

der Bürstenmacherei, zwei Arbeiter wirkten in der Korbflechterei,<br />

drei Beschäftigte in der Stuhlflechterei, zehn Mitarbeiter<br />

bewachten Räder und zwei Arbeiter waren in der Holzzerkleine-<br />

Holzbearbeitung bei der Westfalenfleiß in den 30er Jahren.<br />

rung beschäftigt. Ferner gab es vier Büroangestellte, zwei Lehrlinge,<br />

einen Reisenden, zwei technische Angestellte (Meister)<br />

und schließlich elf Provisionsreisende. Alle wurden unter ortsüb-<br />

93


94<br />

lichen Arbeitsverhältnissen beschäftigt und empfingen Löhne<br />

und Gehälter als Arbeitsentgelt. Auf die Frage nach dem beschäftigten<br />

Personenkreis, die auf Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene<br />

zielte, setzte Westfalenfleiß Münsters Blumensaat in<br />

seiner Antwort andere Behinderte hinzu: Unfallbeschädigte,<br />

Sieche und Blinde. Man beeilte sich dann auch noch zu bemerken,<br />

daß man für die Werksangehörigen, soweit sie erwerbsbeschränkt<br />

seien, Zuschüsse vom LFV und der Stadt empfange. Mit besonderem<br />

Stolz vermerkte Blumensaat, daß es ihm gelungen sei, den<br />

Betrieb durch eine intensive Verkaufstätigkeit in einen wirtschaftlich<br />

gesünderen Stand zu versetzen.<br />

Aber nicht überall gab es Grund zur Freude. Der Betrieb in<br />

Witten befand sich seit dem 07.09.1933 in Auflösung, da die<br />

Führung nicht in der Lage gewesen war, den Betrieb kaufmännisch<br />

zu leiten. 30 Man resignierte mit der Feststellung: „... Das<br />

Ergebnis ist ein wüstes Trümmerfeld. Die investierten Gelder<br />

sind restlos verloren ...”. 31 Das war Münster dank seines Engagements<br />

erspart geblieben. Die Beschäftigten der münsterschen<br />

Werkstatt schauten in eine bessere Zukunft. Soziologisch betrachtet<br />

ergab sich im Jahr 1936 für die Westfalenfleiß-Beschäftigten<br />

folgende Struktur:<br />

... ledig: 47<br />

verheiratet ohne Kinder: 14<br />

verheiratet, 1 Kind: 9<br />

verheiratet, 2 Kinder: 10<br />

verheiratet, 3 Kinder: 2<br />

verheiratet, 6 Kinder: 1... . 32<br />

Blumensaat wurde für sie alle - Ledige wie auch für ganze<br />

Familien - zu einem charismatischen Geschäftsführer. Seine<br />

kaufmännischen Fähigkeiten schätzte insbesondere auch der<br />

Provinzialverband. Dort reflektierte Pork auf die provinzielle<br />

Gesamtsituation, als er schrieb:


... wir ... haben überall die städtischen Beamten aus der<br />

Geschäftsführung der Werkstätten entfernt und Kaufleute<br />

als Geschäftsführer eingesetzt, die in der Lage sind, einen<br />

solchen Betrieb nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu<br />

leiten. Ich habe es stets als meine besondere Aufgabe<br />

betrachtet, die Werkstätten so umzustellen, daß sie Fürsorgebetriebe<br />

mit bestimmtem sozialen Zweck sind, die<br />

aber nach möglichst wirtschaftlichen und kaufmännischen<br />

Gesichtspunkten arbeiten ... . 33<br />

Das tat man in Münster mit großem Erfolg. Trotzdem wollte der<br />

Referent das Heft des Handelns nicht gänzlich aus der Hand<br />

geben. So begrüßte er es außerordentlich, wenn eine strengere<br />

Kontrolle der Geschäftsführung etabliert würde, insbesondere<br />

von seiten der Stadtverwaltung. 34<br />

Blumensaat seinerseits verstand es hervorragend, den Gesellschaftern<br />

angenehm zu sein, indem er Probleme selbstbewußt<br />

löste und gleichzeitig die Einheit im Betrieb wahrte. Er reagierte<br />

auf jede Störung oder Beeinträchtigung prompt. Aber auch die<br />

Belegschaft war sehr hellhörig, wenn es um das Ansehen der<br />

Firma ging. Dies zeigte sich auch im Jahre 1933, als der Münstersche<br />

nationalsozialistische 2. Bürgermeister van Endert das<br />

Unternehmen besuchte. 35<br />

Im Oktober 1933 besichtigte er den Betrieb. Er traf dabei auf den<br />

Kriegsbeschädigten Theodor I., der vorgab, nur 6 bis 7 RM<br />

wöchentlich zu verdienen, womit er, der außerdem eine Kriegsrente<br />

von 22 RM beziehe, nicht sein Auskommen finde. Dieser<br />

Vorfall erboste die Belegschaft der Westfalenfleiß zutiefst. Nicht<br />

die Geschäftsführung, sondern die Betriebsangehörigen A., H.<br />

und M., wie auch der Werkmeister D. schrieben deshalb an den<br />

Bürgermeister.<br />

Sie bestritten, daß I. die Wahrheit gesagt habe. Er habe einen<br />

Wochenverdienst als Zurichter von 14,65 RM netto gehabt. Diese<br />

Arbeit habe er aber nicht weiterhin verrichten können, so daß der<br />

Werkmeister, d.h. D., ihn in die Bürstenmacherei versetzt habe, wo<br />

95


96<br />

er wöchentlich zwischen 7,26 RM und 6,16 RM verdient habe.<br />

Man glaube, daß I. passiven Widerstand gegen die Arbeit leiste, da<br />

er einen Antrag auf Rentenbewilligung eingereicht habe und<br />

meine, nicht zu viel verdienen zu dürfen. Sein momentanes Einkommen<br />

belaufe sich auf 116,60 RM monatlich. So müsse er<br />

sicherlich keine Not leiden. Man habe sich der Sache nun besonders<br />

angenommen und dabei sei I. von D. darauf hingewiesen<br />

worden, daß er seinen Alkoholkonsum drosseln solle, dann brauche<br />

er auch das Unternehmen nicht herabzusetzen.<br />

Die Kollegen konnten es sich nicht verkneifen, dem Bürgermeister<br />

gegenüber noch schnell I.s’ Eigenart, das stetige Herabsetzen<br />

der Westfalenfleiß, zu erwähnen. 36<br />

Ganz unkommentiert konnte auch die Geschäftsführung den<br />

Vorgang nicht lassen: Wenn sie untätig geblieben wäre, hätte sie<br />

doch damit riskiert, so dazustehen, als ob sie die Vorwürfe des<br />

Beschäftigten billigen würde.<br />

So schrieb auch der Geschäftsführer Emil Blumensaat an den<br />

Bürgermeister. 37 Er beklagte sogleich:<br />

... wie schwer es ist, ein Unternehmen dieser Art zu leiten,<br />

handelt es sich doch bei den Werksangehörigen größtenteils<br />

um anormale Menschen, die individuell behandelt<br />

werden müssen ... . 38<br />

Nachdem er seine Fähigkeiten, insbesondere seine wirtschaftlichen<br />

Erfolge („... ausgeglichene Bilanz und über 100 Beschäftigte<br />

...”) hervorgehoben hatte, kam er zum Hauptgegenstand<br />

seines Briefes, nämlich I., den er der Herabsetzung des Unternehmens<br />

in Wort und Schrift zieh. Auch habe I. sich an den<br />

Landesfürsorgeverband und die Kriegsopferversorgung gewandt,<br />

um Mitleid zu erregen. Wobei er stets unterschlagen habe, zu<br />

erwähnen, daß er ein ausreichendes Einkommen beziehe. I. habe<br />

auch stets nur einen Teil seiner Einkünfte als Gesamteinkommen<br />

dargelegt. So sei es ferner I. eine besondere Freude gewesen,


dem Bürgermeister van Endert seine Sache vorzutragen und<br />

damit der Geschäftsleitung „eins auszuwischen“. Eine Geschäftsleitung<br />

brauche aber die Rückendeckung ihrer Gesellschafter,<br />

zumal bei einem solchen Unternehmen. So schlage er vor I. „...<br />

für seine Verlogenheit ...” eine Rüge zu erteilen. 39<br />

Eine betriebsinterne Regelung kam Blumensaat nicht in den Sinn,<br />

was „coram publico“ geschah, wurde „coram publico“ repariert.<br />

Daran mußte ihm gelegen sein, wollte Westfalenfleiß weiterhin<br />

als wichtige soziale Einrichtung in der Stadt wirken und dies<br />

durchaus mit Erfolg tun. Solcher war der Werkstatt beschieden.<br />

So verwundert es auch nicht, daß zukünftig lange Betriebszugehörigkeiten<br />

immer wieder honoriert werden konnten, etwa 1935<br />

und 1940:<br />

... Beim zehnjährigen Bestehen unseres Unternehmens am<br />

13. November 1935 haben wir Jubilaren aus eigenen<br />

Mitteln an Geldgeschenken in Höhe von 20.000.- RM<br />

überreicht. Bis jetzt ist die Zahl der Gefolgschaftsmitglieder,<br />

die den Westfalenfleiß Werkstätten 10 Jahre lang<br />

angehörten auf 33 gestiegen, wovon gegenwärtig noch 23<br />

für das Unternehmen tätig sind. Am 13. November 1940,<br />

also Mittwoch nächster Woche, besteht das Unternehmen<br />

15 Jahre. Wir möchten denjenigen Gefolgschaftsmitgliedern,<br />

die den Werkstätten bis zum Ablauf des Geschäftsjahres<br />

(am 31. März 1940) 15 Jahre lang angehörten, ein<br />

Geldgeschenk ... machen und in einer Feierstunde in<br />

unserem Gefolgschaftsraum auf diesen Tag hinweisen ...<br />

. 40<br />

Wie alle Betriebe dieser Zeit wirkte die Westfalenfleiß auch bei<br />

den nationalsozialistischen Veranstaltungen und Organisationen<br />

mit. Sie konnte sich dem nicht entziehen. Die Belegschaftsmitglieder<br />

waren deshalb auch in der Deutschen Arbeitsfront organisiert.<br />

Die widmete sich in der Hauptsache der weltanschauli-<br />

97


98<br />

chen politischen Schulung, und, zur Steigerung der Arbeitsfähigkeit,<br />

der sozialen Betreuung ihrer Mitglieder. 41<br />

Die Beschäftigten beteiligten sich auch sonst am politisch organisierten<br />

sozialen Leben der Zeit, wobei es viel Lob gab:<br />

... Auf dem letzten Kameradschaftsabend in der Halle<br />

Münsterland vor 14 Tagen wurde das Werk ... von den<br />

Vertretern der NS-Gemeinschaft ‘Kraft durch Freude’ als<br />

vorbildlich hingestellt und der mustergültige Betrieb zur<br />

Nachahmung empfohlen ... . 42<br />

Aus diesem Mitmachen resultierten auch Aufträge, etwa in der<br />

Bewachung von Parkplätzen.<br />

So war es die Westfalenfleiß, die auch weiterhin - wie schon in<br />

Weimar - die Bewachung von Parkplätzen bei Großveranstaltungen<br />

sicherstellte. Dies war aber nicht immer ohne Klagen möglich.<br />

So etwa 1936 bei der Kundgebung in der Halle Münsterland<br />

mit Rudolf Hess anläßlich des Richtfestes des neuen Gauhauses<br />

am Aasee. 43<br />

Die Westfalenfleiß hatte schon am 19.03.1936 den Platz an der<br />

Halle von der Reit- und Fahrschule gemietet. 44 Wie bei allen<br />

anderen Anlässen, die in der Halle stattfanden, wollte die Firma<br />

auch diesmal die Bewachung übernehmen.<br />

Dies war auch bisher unstrittig akzeptiert worden. Die Kreisleitung<br />

der NSDAP sah dann auch in der Westfalenfleiß ihren<br />

Ansprechpartner und bat sie am 21.03.1936 während der Kundgebung<br />

am 24.03.1936 die Bewachung durchzuführen. Die Ordner<br />

(SA + SS) waren auch angewiesen, keine Autos außerhalb<br />

des Westfalenfleiß-Parkplatzes abstellen zu lassen.<br />

Die Polizei wurde schließlich gebeten, ihre Zustimmung zu<br />

geben. Es begann der typische Ablauf: Der erste Beamte wähnte<br />

sich nicht zuständig und schob die Kompetenz einem vorgesetzten<br />

Beamten zu, nämlich dem Polizeidirektor S. - der war<br />

abwesend. Der das Telefonat annehmende Beamte erklärte nun,


daß von seiten der Polizei keine Einwände dagegen bestünden,<br />

daß die Westfalenfleiß den Parkplatz betriebe, da die Polizei nur<br />

die Absperrung zu gewährleisten hätte. So schien für die Firma<br />

die Sache geklärt. Als man nun am 24. März auf dem Gelände<br />

erschien, wurde den vier Angestellten erklärt, daß die Polizei die<br />

Bewachung kostenlos leisten werde. Auch ein Telefonat mit<br />

Polizeidirektor S. konnte daran nichts mehr ändern. Ein Auftrag<br />

war verloren gegangen.<br />

Auch innerhalb der Werkstatt war man, wie alle anderen Unternehmen<br />

auch, gezwungen, nationalsozialistische Strukturen zu<br />

übernehmen und die staatlichen Aufforderungen zu Aktionen,<br />

wie etwa „Schönheit der Arbeit”, mitzutragen. Das belegt folgendes<br />

Dokument:<br />

... Als Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront haben Führer<br />

und Gefolgschaft sich an allen vaterländischen Feierlichkeiten<br />

und Veranstaltungen beteiligt. Wir hielten Kameradschaftsabende<br />

ab, die stets stark besucht waren und<br />

immer einen schönen Verlauf nahmen. Auch an den Veranstaltungen<br />

von ‘Kraft durch Freude’ haben die Werksangehörigen<br />

ebenfalls teilgenommen und das Westfalenfleiß-Unternehmen<br />

hat diese Veranstaltungen im Sinn und<br />

Geist der nationalsozialistischen Weltauffassung gefördert<br />

und finanziell unterstützt. In der gleichen Weise<br />

haben wir der heute mit Recht so betonten ‘Schönheit der<br />

Arbeit’ unsere besondere Beachtung geschenkt, so daß<br />

Werkstättengebäude, die Arbeitsräume usw. in Wahrheit<br />

als menschenwürdige Stätten bezeichnet werden können.<br />

In sozialer Beziehung wandelten wir den bisher stundenweise<br />

gezahlten Lohn für 12 Radwächter (Schwerbeschädigte<br />

und Kriegsbeschädigte) in einen festen Wochenlohn<br />

um, was für unser Unternehmen eine Mehrausgabe von ca.<br />

RM 1 000.- jährlich bedeutet. Ferner verbesserten wir<br />

freiwillig die Einziehlöhne für die rund 55 mit dem Einziehen<br />

beschäftigten Bürstenmacher, eine Maßnahme, die<br />

einen Mehrlohn von rund RM 2 500.- jährlich erfordert.<br />

99


100<br />

Wir verbesserten außerdem bei einigen Werksangehörigen<br />

die Löhne usw., so daß wir auch in sozialer Hinsicht<br />

von uns sagen können, daß wir im Rahmen des Möglichen<br />

alles getan haben, um den Lebensstandard unserer vom<br />

Schicksal besonders hart betroffenen Werksangehörigen<br />

aufzubessern, und wir werden das auch in Zukunft tun ... . 45<br />

1 Zur Loyalität der Beamtenschaft: Mommsen, S. 7.<br />

2 STAM. OLG Hamm. Erbgesundheitsgerichte Nr. 758.<br />

3 STAM. OLG Hamm. Erbgesundheitsgerichte Nr. 757.<br />

4 Vergl.: Rainer Pöppinghege, S. 188.<br />

5 Ebd..<br />

6 LWL, C 10/11, Nr. 714 - 717, Verwaltung des Provinzialverbandes an Reichs- und<br />

Preuß. Minister des Innern, 15.08.1936.<br />

7 LWL, C 10/11, Nr. 714-717, Reichs- und Preuß. Innenminister an OP-Westfalen,<br />

24.08.1936.<br />

8 Zitat aus: Wuttke, S. 61.<br />

9 Walter, S. 132.<br />

10 Ebd..<br />

11 Zitat, ebd..<br />

12 Kuropka, Stimmung und Lage, S. 541-542.<br />

13 Fandrey, S. 194.<br />

14 LWL, C 61, III, Nr. 123, Kolbow: Rede im WDR, „Stimmen der Zeit”, 18.10.1933;<br />

Zur Politik der Nationalsozialisten hinsichtlich der Kriegsbeschädigten vergl: Sachße/<br />

Tennstedt, Bd. 2, S. 184 ff.<br />

15 LWL, C 61, III, Nr. 123, Auszug aus Nationalzeitung vom 25.11.1934.<br />

16 Archiv Westfalenfleiß - C 1 - Interview Ursula W..<br />

17 LWL, C 61, III, Nr. 123, Vermerk: LFV, 06.09.1934.<br />

18 LWL, C 61, III, Nr. 145, Pork an KAGESO, 16.03.1933.<br />

19 Vergl.: LWL, C 61 III, Nr. 147, Niederschrift über Gesellschafterversammlung am<br />

07.06.1933 und ebd. Landesfürsorgeverband an Magistrat (Besprechungsprotokoll),<br />

22.06.1933.<br />

20 LWL, C 61, III, Nr. 146, Verband münsterl. Textilindustrieller an die Provinz<br />

Westfalen, 04.08.1933.<br />

21 LWL, C 61, III, Nr. 146, Ausarbeitung Blumensaat vom 20.12.1933.


22 LWL, C 61, III, Nr. 146, Ausarbeitung Blumensaat vom 20.12.1933.<br />

23 LWL, C 61 III, Nr. 147, Niederschrift Gesellschafterversammlung vom 12.12.1933<br />

und ebd.: Niederschrift Gesellschafterversammlung vom 17.03.1933.<br />

24 Ebd..<br />

25 Zum Folgenden: LWL - C 61 III, Nr. 145, Pork an Treuhänder der Arbeit, 17.06.1935.<br />

26 Zum Folgenden: LWL - C 61 III, Nr. 145, Pork an Treuhänder der Arbeit, 17.06.1935.<br />

27 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Prozesse, GeweHa an Westfalenfleiß-Münster,<br />

25.10.1935.<br />

28 Hierzu und zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, OB Berlin an LFV, 22.08.1933<br />

mit Antworten der Westfalenfleiß Münster; Zur NS-Wirtschaftspolitik: Fischer, S. 36<br />

ff.<br />

29 Vergl.: LWL, C 61 III, Nr. 145, Aktenvermerk Pork, 08.03.1934.<br />

30 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Witten an LFV, 07.09.1933.<br />

31 Ebd..<br />

32 Vergl.: Archiv Westfalenfleiß - A 3 - Aufstellung der Auflösungskosten (Blumensaat)<br />

vom 27.04.1936.<br />

33 LWL, C 61 III, Nr. 146, LFV an Magistrat Münster, 24.08.1933.<br />

34 LWL, C 61 III, Nr. 146, LFV an Magistrat Münster, 24.08.1933.<br />

35 Vergl. zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - A 3 - Brief des Betriebsrates an den<br />

Bürgermeister van Endert (21.10.1933).<br />

36 Archiv Westfalenfleiß - A 3 - Beschäftigte an Bürgermeister van Endert (21.10.1933);<br />

Ebd.: „... In der Tat, sehr geehrter Herr Bürgermeister, setzt I. unser Unternehmen bei<br />

jeder Gelegenheit in ein schlechtes Licht ...”.<br />

37 Zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - A 3 - Blumensaat an Bürgermeister van<br />

Endert (21.10.1933).<br />

38 Ebd..<br />

39 Ebd..<br />

40 Ebd..<br />

41 Tyrell, S. 24; Siehe auch: Reichel, S. 232 ff..<br />

42 LWL, C 61 III, Nr. 145, Die blinden Handwerker der Westfalenfleiß an Landesrat<br />

Pork, 25.11.1935.<br />

43 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 6.<br />

44 Zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - A 3 - Westfalenfleiß Notiz für Gesellschafter-<br />

versammlung 26.03.1936.<br />

45 LWL, C 61 III, Nr. 147, aus dem Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1935 der<br />

Westfalenfleiß-Münster vom 24.06.1935.<br />

101


102<br />

8. Zwei wichtige Veränderungen: Beschäftigungsverbot<br />

für Blinde und die Übernahme der KAGESO-<br />

Anteile durch den Provinzialverband<br />

Einzelschicksale zählten im faschistischen Deutschland nicht. Das<br />

bekamen die Blinden bei Westfalenfleiß ab 1934 zu spüren. Blumensaat<br />

bevorzugte diese Gruppe der Beschäftigten, da sich durch<br />

ihre Einstellung - jeweils mit einem Betrag von 200 RM - die<br />

Schulden der Westfalenfleiß abtragen ließen. 1 Jahrelang ließ man<br />

ihn gewähren, doch ab 1934 änderte sich dies. Denn es erging ein<br />

spezielles Gesetz hinsichtlich dieser Behindertengruppe und des<br />

Absatzes ihrer Produkte: Das Blindenwarenschutzzeichengesetz<br />

vom 01.10.1934.<br />

Die Weiterbeschäftigung von Blinden wurde dadurch allmählich<br />

zum Problem. 2 In den drei verbleibenden Westfalenfleiß-Werkstätten<br />

Münster, Hagen und Bielefeld waren neben den etwa 200<br />

sonstigen Erwerbsbeschränkten auch je etwa zehn Blinde beschäftigt.<br />

Diese, so meinte man 1935 in der Hauptfürsorgestelle, seien<br />

durch die geänderten Bestimmungen auch nicht von den Westfalenfleiß-Gesellschaften<br />

wegzunehmen. Es gäbe auch keine andere<br />

Möglichkeit sie zu beschäftigen, da der „Westfälische Blindenverein”<br />

unmöglich 30 Blinde übernehmen könne. Die Werkstätten der<br />

Westfalenfleiß-Bewegung gehörten nicht der Arbeitsgemeinschaft<br />

zur Förderung des deutschen Blindenhandwerks an und hätten<br />

auch nicht die Befugnis zur Verwendung des Blindenwarenzeichens.<br />

Dies sollte sich zum Hauptstreitpunkt zwischen Blindenverbänden<br />

und Westfalenfleiß-Werkstätten, insbesondere der in Münster,<br />

entwickeln. Die Firmenbezeichnung ließ keinerlei Hinweis<br />

auf die Blindheit der Beschäftigten zu. Der LFV erklärte noch am<br />

13.07.1935, 3 keine der Werkstätten werbe mit dem Hinweis auf<br />

die Beschäftigung von Blinden für die Produkte. Es sei auch


jedem Vertreter unter Strafandrohung verboten worden, dies zu<br />

tun. Eine wahrheitsgemäße Antwort auf die Frage nach den dort<br />

beschäftigten Blinden bleibe aber davon unberührt. So wäre also<br />

kein Problem ersichtlich gewesen, hätte nicht der Reichsverband<br />

für das Blindenhandwerk die Dinge ganz anders gesehen.<br />

So schrieb plötzlich am 30.10.1935 der Reichsverband für das<br />

Blindenhandwerk an den Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

Dortmund, man habe mitgeteilt bekommen, die Westfa-<br />

Blinde Stuhlflechter zu Beginn der 30er Jahre.<br />

lenfleiß-Gesellschaften Hagen, Münster und Bielefeld wollten<br />

die Blinden entlassen. Man wolle diese nun der Fürsorge des<br />

Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgevereins empfehlen. 4 Dies<br />

war ein Gerücht, das in Hagen aufgekommen war, denn von einer<br />

Entlassung oder Überführung der Blinden wußte sonst niemand<br />

etwas.<br />

103


104<br />

Die Blindenorganisationen gingen sogar noch weiter. Am nächsten<br />

Tag, dem 31.10.1935, schrieb der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

an die Westfalenfleiß-Münster mit der Bitte<br />

um Aufklärung. 5 Der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

glaubte nämlich - so schien es zumindest -, die angeblich zu<br />

Entlassenden auffangen zu müssen - so schrieb er an den LFV. 6<br />

Dies nicht ohne Hintergedanken, denn die Wegnahme der Blinden<br />

von der Westfalenfleiß war für die Blindenwerkstätten ein Mittel<br />

zum Zweck der Umsatzsteigerung, hieß es doch von dort:<br />

... Außerdem glaube ich, daß hierdurch eine wesentliche<br />

Verbesserung des Umsatzes an Bürstenwaren eintreten<br />

wird, da die Konkurrenz mit dem Wort ‘blind’ seitens der<br />

Westfalenfleiß-Werkstätten ganz in Fortfall kommt ... . 7<br />

Es ging also um die Eliminierung eines Konkurrenten - die Westfalenfleiß.<br />

Die großsprecherische Art des Blindenarbeitsfürsorgevereins<br />

hinsichtlich der Aufnahme der Blinden von der Konkurrenz<br />

wurde aber im letzten Teil des Briefes wieder zurückgenommen:<br />

„... In Münster müßte eine besondere Werkstätte geschaffen<br />

werden, falls es nicht möglich ist, die Blinden in Heimarbeit zu<br />

beschäftigen ...”. 8<br />

Beim Landesfürsorgeverband reagierte man nach Eingang des<br />

Schreibens seitens des Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgevereins<br />

ausgesprochen gereizt. 9 Man war aus allen Wolken gefallen,<br />

als man plötzlich von Dritten mitgeteilt bekommen hatte, was die<br />

Westfalenfleiß-Werkstätten mit den blinden Beschäftigten angeblich<br />

vorhatten. 10<br />

Die Westfalenfleiß in Münster reagierte auf die umgehend erfolgende<br />

Ermahnung seitens des LFV beschwichtigend. Man habe<br />

niemals und in gar keiner Weise Pläne zur Entlassung der Blinden<br />

gehabt. 11 Ganz ähnlich antwortete auch Bielefeld. Hier legte man<br />

Wert auf die Feststellung, daß man sich sogar einige Tage vorher<br />

um die Anstellung weiterer Blinder gekümmert habe. 12


Von Münster erhielt auch der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

ein entsprechendes Schreiben. 13 War Münster in seiner<br />

Entgegnung noch relativ höflich und um Formen bedacht gewesen,<br />

so reagierte Bielefeld empört:<br />

... Wir wissen wirklich nicht, was wir zu diesem Fall sagen<br />

sollen. Dass sich Westfalenfleiß-Hagen erdreistet über<br />

unseren Kopf hinweg einen Bericht an die behördlichen<br />

Stellen zu geben, der jeder Wahrheit entbehrt, ist doch<br />

ziemlich stark ... . 14<br />

Besen und Bürsten für den Straßenbau von Westfalenfleiß (cirka 1935).<br />

Nun war die Gerüchteküche zwar auf Sparflamme gesetzt worden,<br />

aber unter der Oberfläche brodelte es weiter. Am 25.11.1935<br />

zeigten die blinden Handwerker der Westfalenfleiß-Münster mit<br />

einem Schreiben an Landesrat Pork ihre tiefe Beunruhigung:<br />

... Während wir zum Betriebsführer Blumensaat von Westfalenfleiß<br />

volles Vertrauen haben, weil er unermüdlich für<br />

Arbeit sorgt und uns infolgedessen immer ohne Unterbre-<br />

105


106<br />

chung beschäftigen konnte, haben wir zu Herrn Meurer vom<br />

Westfälischen Blindenverein Dortmund gar kein Vertrauen.<br />

Wenn wir erst einmal beim Westfälischen Blindenverein<br />

Dortmund sind, dann erhalten wir keine Arbeit mehr ...<br />

Deshalb bitten wir alle in Frage kommenden Stellen, dafür<br />

zu sorgen, daß wir beim Westfalenfleiß Münster bleiben,<br />

dann ist uns um Arbeit nicht bange, weil wir zu dem<br />

Betriebsführer Blumensaat, zu Werkmeister Dorndeck und<br />

zum Unternehmen überhaupt unbedingtes Vertrauen haben.<br />

Dieses Werk ist doch in den letzten Jahren so auf Höhe<br />

gekommen, was von allen Seiten - auch der Partei - lobend<br />

anerkannt worden ist ... . 15<br />

Wenn schon die Blinden bei der Westfalenfleiß bleiben sollten, was<br />

zumindest Münster und Bielefeld, nicht aber Hagen, mit Nachdruck<br />

betrieben, so mußte die Frage der Weiterbeschäftigung -<br />

auch angesichts des Blindenwarenschutzzeichengesetzes - von<br />

den Westfalenfleiß-Werkstätten gelöst werden. War dies doch die<br />

Ursache dafür gewesen, daß man sich überhaupt Gedanken über<br />

eine Weiterbeschäftigung der Blinden bzw. deren Entlassung<br />

gemacht hatte. Dabei hatte man schon Klarheit hinsichtlich der<br />

Vertriebsbedingungen der Waren aus den Westfalenfleiß-Werkstätten<br />

geschaffen. So war schon am 21.09.1934 eine Anweisung<br />

an alle Vertreter ergangen:<br />

... Wir wollen ... auf die Führung des Blindenwarenzeichens<br />

verzichten und dafür ein eigenes Krüppelzeichen führen<br />

(das wir uns gesetzlich schützen lassen), womit wir unsere<br />

Bürstenwaren ab 1. Oktober versehen werden ... . 16<br />

Es hieß schließlich im Juli 1935: 17 Es solle keine Erwähnung von<br />

Blinden beim Verkauf stattfinden. Nur auf die konkrete Frage nach<br />

Blinden sei zu erwähnen, daß auch 14 Blinde beschäftigt würden. 18<br />

Wie bedrohlich die Westfalenfleiß-Münster die Sache der Blinden<br />

empfand, zeigt ein Schreiben vom 28.11.1935 an den LFV -


Westfalen: „... Die Blindenvereine, - Genossenschaften u.s.w. -<br />

haben das Blindenwarengesetz zum Anlaß genommen, die Werkstätten<br />

unserer Art zu vernichten ...”. 19<br />

So sei es zu Tätlichkeiten gegen Westfalenfleiß-Beschäftigte gekommen.<br />

Daraufhin habe man die Männer angezeigt. Sie seien<br />

verurteilt worden. 20 Fernerhin habe man Kenntnis davon, daß Herr<br />

K. vom Westfälischen Blindenverein seinen Vertretern mitgeteilt<br />

habe, daß es bei der Westfalenfleiß in Hagen und der Westfalenfleiß<br />

in Münster keinen einzigen Blinden mehr gebe. 21 Und man<br />

fuhr fort: Die Polizei sei sogar gegen Westfalenfleiß gehetzt<br />

worden. Man habe sogar Schriften (Broschüren, Listen, etc.)<br />

beschlagnahmt, woraufhin viele Vertreter, wohl aus Angst, in<br />

Dienste der Blindenvereine getreten seien. Schließlich forderte<br />

man:<br />

... Es muß nun unbedingt etwas unternommen werden, um<br />

uns und unsere Vertreter gegen derartige Angriffe zu schützen.<br />

Wir sind bereit, den Verkauf ohne die Bezugnahme auf<br />

die Blindheit der bei uns beschäftigten Werksangehörigen<br />

zu betreiben. Der Westf. Blindenverein hat sich bereit<br />

erklärt die blinden Handwerker von den WFF Hagen,<br />

Bielefeld und Münster (38 an der Zahl) zu übernehmen ... 22<br />

Nun kam das, was bisher als Gerücht gegolten hatte, nämlich die<br />

Frage einer Umsetzung der blinden Mitarbeiter, wieder zur Sprache.<br />

Die Westfalenfleiß-Münster, bisher stets bestrebt gewesen,<br />

alle solche Ansinnen abzulehnen, kam nun selbst mit einem derartigen<br />

Plan an die Öffentlichkeit. Was man bisher noch vehement<br />

abgelehnt hatte, war nun, am 28.11.1935, 23 Diskussionspunkt<br />

geworden. Man wollte angesichts des Umstandes, daß die Westfalenfleiß-Blinden<br />

ihre Arbeitsplätze behalten wollten und der<br />

Angriffe durch die Blindenorganisationen endlich Klarheit.<br />

Die Gesellschafterin KAGESO stand auf seiten der beschäftigten<br />

Blinden, die, wie sie es ja selbst zum Ausdruck gebracht hatten,<br />

107


108<br />

lieber bei der Westfalenfleiß-Münster bleiben wollten. Die KA-<br />

GESO riet, auf die Blindenorganisation, die aus öffentlichen<br />

Mitteln getragen würde, gezielt einzuwirken. 24 Aber der KAGE-<br />

SO waren die Hände gebunden, denn sie gab ihre Anteile zu<br />

diesem Zeitpunkt an die Provinz ab. Am 30.11.1935 schrieb man<br />

resignierend Blumensaat: „... Da wir wahrscheinlich bereits in<br />

der nächsten Woche unsere Anteile an die Provinz abtreten<br />

werden, können wir in dieser Angelegenheit kaum noch etwas<br />

unternehmen ...”. 25<br />

Damit war ein wichtiger Fürsprecher für die Blinden bei Westfalenfleiß-Münster<br />

verloren. Unter diesem Eindruck schwenkten<br />

die Geschäftsführer der Westfalenfleiß-Werkstätten mehr auf<br />

eine gemeinsame Linie, die darauf zielte, die Blinden in den<br />

Werkstätten zu halten. Man konnte die Dinge nicht einfach so<br />

laufen lassen.<br />

Der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein in Dortmund wurde<br />

damit zum Kontrahenten. So erklärten die Werkstätten am<br />

14.01.1936 dem Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk<br />

anläßlich eines Besuches in dessen Geschäftsstelle, daß der<br />

Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein gar nicht in der Lage<br />

sei, die Westfalenfleiß-Blinden aufzunehmen. 26 Diese Frage hatte<br />

nun der Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk zu<br />

erörtern. 27 Ebenso, ob die Vorwürfe stimmten, die die Westfalenfleiß-Geschäftsführer<br />

erhoben hatten. Nämlich, der Westfälische<br />

Blindenarbeitsfürsorgeverein bestelle große Mengen von gestanzten<br />

Bürsten mit Ziegenhaaren und fabrikmäßig hergestellte<br />

Aufnehmer. 28 Aus einem provinziellen Gerede war eine Reichsverbands-Angelegenheit<br />

geworden. Am 03.12.1935 bat der<br />

Reichsverband den LFV um Klarstellung der Tatsachen. 29 Von<br />

dort erhielt er am 14.12.1935 Antwort: 30 Unter Berücksichtigung<br />

der im Vertreterwesen aufgetretenen Schwierigkeiten beim<br />

Warenabsatz seit Inkrafttreten des Blindenwarenschutzzeichen-


gesetzes sei früher von den Geschäftsführern der Westfalenfleiß<br />

in unverbindlichen Besprechungen auch die Frage erörtert worden,<br />

ob die Entlassung der beschäftigten Blinden und ihre in<br />

Aussicht gestellte Beschäftigung durch den Westfälischen Blindenverein<br />

zur Klärung der Situation beitragen könnte. Diese<br />

Erörterungen seien beim LFV unbekannt gewesen und erst durch<br />

den Schriftwechsel mit der Westfalenfleiß-Hagen zur Kenntnis<br />

gebracht worden. Die Westfalenfleiß-Gesellschaften seien auch<br />

zur Folgsamkeit ermahnt worden. 31<br />

Der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein war nun bestrebt,<br />

sein Licht wieder heller leuchten zu lassen. So antwortete er dem<br />

Reichsverband am 20.01.1936, 32 daß die Westfalenfleiß-Gesellschaften<br />

keine 40 Blinde beschäftigten. Man sei gerne bereit, die<br />

wenigen Bürstenmacher zu beschäftigen, wie es auch in Petershagen,<br />

Dortmund, Minden und Gelsenkirchen geschehe.<br />

Ferner hieß es: Sollten die Westfalenfleiß-Gesellschaften das<br />

Blindenwarenschutzzeichen bekommen, würde man dies aufrichtig<br />

bedauern, da nicht nur ein Wirrwarr entstehen würde,<br />

sondern auch zu berücksichtigen sei, daß über die Westfalenfleiß<br />

aus dem ganzen Reich Klage geführt würde. Hinsichtlich der<br />

Beschwerden der Westfalenfleiß-Geschäftsführer über den Westfälischen<br />

Blindenarbeitsfürsorgeverein leugnete man aber jede<br />

Irregularität. 33<br />

Der Reichsverband wußte nun was der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

dachte und reagierte. Er schloß sich dieser<br />

Haltung an und wurde nun auch zum erklärten Gegner der<br />

Westfalenfleiß. Der Reichsverband schrieb an den Reichs- und<br />

Preußischen Arbeitsminister. 34 Dort bezichtigte er die Westfalenfleiß-Gesellschaften,<br />

daß in Geschäftspapieren auf die Blinden<br />

Bezug genommen werde und auch die Vertreter Äußerungen<br />

über die Beschäftigung von Blinden gemacht hätten. Die Westfalenfleiß<br />

besitze keine Konzession für das Blindenwarenschutzzeichen<br />

und reagiere auch auf Versuche, dieses Manko<br />

109


110<br />

abzuschaffen, apathisch. Die Westfalenfleiß wisse sich dabei im<br />

Recht, da die Gewerbeordnung nur auf die Händler, nicht aber<br />

die Inhaber der Betriebe, Anwendung finde. Nun solle der<br />

Minister entscheiden, ob die Westfalenfleiß dem Verband angehören<br />

solle oder nicht. 35 Pikant ist dieses Schreiben deshalb, da es<br />

sich quasi um eine Trotzreaktion auf Blumensaats Freispruch im<br />

Prozeß wegen Gewerbevergehens vom 06.03.1936 handelt, wo<br />

es um die gleiche Sachlage ging. 36<br />

Auch der LFV geriet mehr und mehr in das Fahrwasser dieser<br />

Affäre. So schrieb Pork am 27.05.1936 in einem Aktenvermerk für<br />

den Oberpräsidenten, 37 die Westfalenfleiß habe ununterbrochen<br />

Blinden Arbeit und Brot gegeben. So hätten die Beschäftigten<br />

schon Bürsten hergestellt, als es den Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

noch gar nicht gegeben hätte. Eine Entlassung der<br />

Blinden sei keineswegs zu verantworten, hätten doch die Blinden<br />

ihre Wohnverhältnisse ganz auf die Betriebsstätte abgestellt. Der<br />

Blindenarbeitsfürsorgeverein sei auch gar nicht in der Lage, die<br />

Westfalenfleiß-Blinden aufzunehmen und auch der freie Arbeitsmarkt<br />

habe seine Grenzen. Der Namenszug der Westfalenfleiß<br />

enthalte keine Hinweise auf eine gesetzwidrige Nennung der<br />

Blinden und die Vertreter seien auch angewiesen, sich entsprechend<br />

den Vorgaben der Geschäftsführung zu verhalten. Es sei<br />

unzweckmäßig, die Waren zu trennen, genauso wie es unzweckmäßig<br />

sei, die Blinden der Westfalenfleiß in der Öffentlichkeit zu<br />

verschweigen. Auch fertigten die Blinden in Zeiten von Hochdruck<br />

andere Waren mit an. Der LFV stand also auf der Seite seines<br />

Ziehkindes.<br />

Ganz anders als die Beamten der Provinzialverwaltung glaubte das<br />

Preußische und Reichs-Wirtschaftsministerium, im Einvernehmen<br />

mit dem Arbeitsminister, 38 daß bei den Westfalenfleiß-Gesellschaften<br />

gegen das Blindenwarenschutzzeichengesetz verstoßen<br />

werde. Dies sei auch dann gegeben, wenn die Bezeichnung Blindenwerkstatt<br />

gar nicht explizit genannt werde. Da eine Scheidung


innerhalb des Betriebes in eine Blinden- und eine Nichtblindeneinrichtung<br />

nicht möglich sei, erwarte das Ministerium, daß man die<br />

Blinden ganz aus der Westfalenfleiß herausnehme.<br />

Das Oberpräsidium der Provinz wies nun über den LFV die<br />

Westfalenfleiß-Gesellschaften in Münster, Hagen und Bielefeld<br />

an, 39 keine Blinden mehr einzustellen. Ferner sollten die Blinden<br />

weder mündlich noch schriftlich erwähnt werden und alsbald an<br />

den Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein überwiesen werden.<br />

Man setzte eine Frist bis zum 01.04.1937, die aber zu<br />

verlängern sein sollte.<br />

Angesichts dieser Anweisung wurde man beim Westfälischen<br />

Blindenarbeitsfürsorgeverein kleinlaut. Daß man tatsächlich für<br />

die Westfalenfleiß-Blinden aufkommen sollte, daran hatte man in<br />

Dortmund niemals ernstlich gedacht. Man wollte eben nicht mehr<br />

blinde Beschäftigte in den Verein bringen, als vielmehr die lästige<br />

Konkurrenz der Westfalenfleiß-Gesellschaften ausschalten. So ist<br />

es nicht weiter verwunderlich, daß von den zehn Blinden aus<br />

Hagen nur drei Aufnahme beim Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

finden sollten. 40<br />

Hinsichtlich der Münsteraner Blinden war es auch nicht besser.<br />

Nach einer Besprechung mit Blumensaat erklärte der Westfälische<br />

Blindenarbeitsfürsorgeverein am 02.03.1937 41 zwar, daß er die<br />

Überleitung wunschgemäß durchführen werde, aber keiner der<br />

zehn blinden Mitarbeiter hatte eine richtige und dauerhafte Arbeitsanstellung<br />

gefunden. Vielmehr sollte eine Beschäftigung nur<br />

im Rahmen von Heimarbeit, Einarbeitung in Petershagen („kennenlernen”)<br />

oder geringer Beschäftigung - quasi nebenher - erfolgen.<br />

Auch ist auffällig, daß die blinden Mitarbeiter, die eine<br />

Anbindung an den Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

finden sollten, auch jene waren, die den geringsten Verdienst<br />

erzielten. Für die zwei in der Entlohnung „teureren” Blinden sollte<br />

in Münster eine eigene Werkstatt errichtet werden, die von den<br />

111


112<br />

Westfalenfleiß-Werkstätten getrennt zu sein hatte. Also war man<br />

gar nicht so stark daran interessiert, wie man es immer vorgegeben<br />

hatte, die Blinden in ein spezielles System von Westfälischen<br />

Blindenarbeitsfürsorgeverein-Dependancen einzubinden, ihnen<br />

Brot und Arbeit ohne sozialen Abstieg zu gewährleisten. Es<br />

erklärten dann auch - schweren Herzens und nur auf Anweisung<br />

Blumensaats hin - die blinden Westfalenfleiß-Angehörigen ihr<br />

Einverständnis. 42<br />

Explizit gegen den Blindenarbeitsfürsorgeverband sprachen sich<br />

aber schließlich nur die Blinden in Bielefeld aus. 43 Dies blieb<br />

wirkungslos. Die Entscheidung der übergeordneten Behörden<br />

wurde also in der Werkstatt nur ausgeführt, nicht getragen. Dies<br />

geht auch aus der Korrespondenz vom 19.03.1937 der Westfalenfleiß-Münster<br />

an den LFV hervor.<br />

... Wir haben uns - dem Befehl unserer vorgesetzten Behörden<br />

folgend - schweren Herzens dazu entschlossen, den<br />

Kampf um die Beschäftigung von Blinden, den wir seit<br />

Jahren führten, aufzugeben, obwohl das hiesige Gericht<br />

bekanntlich noch vor Jahresfrist in unserem Hinweis auf die<br />

Blindheit eines Teils unserer Gefolgschaftsmitglieder auf<br />

Briefbogen, Verkaufspapieren u.s.w. keine strafbare Handlung<br />

erblickte - weil wir doch tatsächlich Blinde beschäftigten<br />

- und den unterzeichneten Geschäftsführer freisprach ...<br />

. 44<br />

Man äußerte also - wenn auch etwas verhalten - Kritik und dies<br />

auch berechtigt, denn wie die Überleitung zu erfolgen hatte und<br />

welche Schwierigkeiten in der angeblichen Konzeption des Westfälischen<br />

Blindenarbeitsfürsorgevereins steckten, wurde von diesem<br />

nie problematisiert. So war in Münster keine Regelung<br />

getroffen worden, wo die überwiesenen Blinden arbeiten sollten.<br />

Lediglich ein zu 50 % Sehbehinderter durfte bleiben. Die versprochenen<br />

Aufträge vom Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

blieben indessen aus. So wartete der blinde Korbflechter Peter


Müller im März 1937 immer noch auf Aufträge vom Westfälischen<br />

Blindenarbeitsfürsorgeverein, die man ihm so großspurig versprochen<br />

hatte. Das war für ihn ein jäher Rückschlag, hatte er doch im<br />

vergangenen Jahr für die Westfalenfleiß-Münster für 1.615,60 RM<br />

Körbe gefertigt und so ein gedeihliches Auskommen gefunden.<br />

Der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein ließ ihn aber, wie<br />

alle anderen Heimarbeiter auch, links liegen. 45<br />

Nicht zuletzt aufgrund der Klagen beim LFV über den Westfälischen<br />

Blindenarbeitsfürsorgeverein wurde man in der Provinzialverwaltung<br />

allmählich kritischer. 46 Man sah die Schwierigkeiten<br />

der Überweisung, war gegen eine separate Blindenwerkstatt - und<br />

spielte auf Zeit. Vielleicht verlief die Sache ja im Sande, da der<br />

Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein keine besondere Initiative<br />

zeigte, das, was er einforderte, auch Realität werden zu lassen.<br />

So waren im April 1937 noch drei Blinde ohne Versorgung durch<br />

den Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein geblieben. 47<br />

Erst im Mai 1937 kam es zu weiteren halbherzigen Aktionen und<br />

Vorschlägen seitens des Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgevereins.<br />

48 Nun sollten die Blinden B. und L., die Stuhlmacher<br />

waren, und der Bürstenmacher R. bei Peter Müller auf eigene<br />

Rechnung arbeiten oder eventuell, im Falle R., andere Beschäftigungen<br />

übernehmen. Wie verzweifelt die Lage von den Betroffenen<br />

empfunden wurde, 49 zeigt die Bitte der Blinden B. und B.,<br />

wieder bei der Westfalenfleiß anfangen zu dürfen, da man kein<br />

Auskommen finde. Kümmere sich doch der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

nicht um sie. Die Wiedereinstellung mußte<br />

aber aufgrund der Anweisung der übergeordneten Behörden von<br />

Blumensaat abgelehnt werden. Nun ließ aber die Westfalenfleiß-<br />

Münster ihre Beschäftigten nicht im Regen stehen, sondern bat<br />

selbst den LFV tätig zu werden. 50<br />

Einen Einblick in die verzweifelte Lage der ehemaligen Westfalenfleiß-Beschäftigten<br />

bietet der Brief des Heinrich L.:<br />

113


114<br />

..., teile ich Ihnen ... mit, daß wir in dem Angebot des Herrn<br />

M. vom Westfälischen Blindenverein genau denselben Mann<br />

wiedererkennen, den wir in Herrn M. immer gesehen haben,<br />

nämlich einen kalten Egoisten und einen Mann, der sein<br />

Wort nicht hält. Jetzt mutet er uns zu, daß wir bei dem<br />

Blinden Müller auf eigene Rechnung Reparaturen von<br />

Körben und Stühlen durchführen sollen. (Müller weiß übrigens<br />

von der Sache nichts.) Großzügig erklärt er, daß er<br />

selbstverständlich für Material sorgen würde, soweit dieses<br />

von hier aus möglich wäre. Wo bleibt das große Wort, das<br />

Herr Meurer immer hatte? ... Warum klagt denn der jetzt<br />

seit 6 Wochen für M. tätige blinde Bürstenmacher B. aus<br />

Sendenhorst, daß er mit seinen 7 Kindern und mit seiner<br />

Familie hungern müßte, da er bei M. nur eine Mark pro Tag<br />

erhielte!? B. möchte - wie alle anderen Blinden - gern<br />

wieder zum Westfalenfleiß, aber Herr Blumensaat darf die<br />

Blinden nicht wieder annehmen, obwohl er Arbeit in Hülle<br />

und Fülle hat ... . 51<br />

Wohin die Blinden verlegt werden sollten, war eines der zentralen<br />

Probleme des Jahres 1937. Ende März oder Anfang April 1937 gab<br />

es eine Besprechung von Stadtoberen und Westfälischem Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

in der Westfalenfleiß-Münster, bei der die<br />

Stadtspitze ihre Vermittlung anbot. Ein Ergebnis war schließlich,<br />

daß am 08.04.1937 der Oberbürgermeister vermelden ließ, 52 daß<br />

ihm von dem Blinden Peter Müller mitgeteilt worden sei, daß er<br />

bereit sei, seinen Laden und die dazugehörige Werkstatt dem<br />

Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein zu vermieten.<br />

Am 15.09.1937 verkündete schließlich der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein,<br />

daß alle Blinden von den Westfalenfleiß-Betrieben<br />

weggenommen und vollkommen mit ihrer Überweisung<br />

zufrieden seien. 53 Es wurde Ende 1938, bis auch die<br />

letzten Blinden der Westfalenfleiß-Münster anderweitig untergebracht<br />

waren. Einige wenige erhielten endlich eine Werkstatt<br />

auf der Hochstraße Nr. 4. 54


Eine andere Sache beschäftigte die Westfalenfleiß zur etwa gleichen<br />

Zeit. Diese war existenzbestimmend.<br />

Immer wieder hatte die KAGESO als einer der Hauptgläubiger der<br />

Firma darauf gedrungen, daß die noch bei ihr bestehenden Schulden<br />

beglichen würden. Die Höhe der zu leistenden Tilgungen<br />

bedrohten jedoch den Bestand der gerade wieder gesundenden<br />

Firma. So schrieb Blumensaat am 09.08.1934 an den LFV:<br />

... Es ist uns ganz unmöglich RM 300 monatlich Tilgung an<br />

die KAGESO zurückzuzahlen. Wie wir bereits ... ausführten,<br />

würde die Liquidität des Unternehmens dadurch wieder<br />

gefährdet sein ... . 55<br />

Die KAGESO zeigte jedoch kein Einlenken und beharrte darauf,<br />

daß Schulden auch Schulden seien und keine Zuschüsse und<br />

schrieb schließlich am 07.08.1934 einen Brief. 56 Darin hieß es:<br />

... Bei der Festsetzung der Tilgungsbeträge sind wir Ihnen<br />

soweit entgegengekommen, wie es uns irgendmöglich ist.<br />

Bitte beachten Sie jetzt und für alle Zukunft, dass wir<br />

genau wie die Landesbank Westfalen ein Bankunternehmen<br />

sind ... Die Kreditgemeinschaft ist kein Fürsorgeverband<br />

und lehnt es unter allen Umständen ab, dass ihr auf<br />

die bisherige Art und Weise die Fürsorgelasten zugeschoben<br />

werden ... Nur die Gemeinde und der Landesfürsorgeverband<br />

haben durch Einsparungen von Unterstützungsgeldern<br />

einen Vorteil aus der Existenz der Westfalenfleiß-<br />

Gesellschaften. Diese müssen also gegebenenfalls die<br />

Zuschüsse aufbringen, die notwendig sind, um den Betrieb<br />

am Leben zu erhalten ... . 57<br />

Dies ging so fort, bis plötzlich am 23.02.1935 zu vermelden war,<br />

daß sich die KAGESO in Liquidation befinde. Es war nun die<br />

Frage, wer in die Rolle des Gläubigers aller Westfalenfleiß-<br />

Gesellschaften eintreten sollte:<br />

115


116<br />

Wegen der zweckmäßigen Verwertung der vorgenannten Beteiligungen<br />

und Darlehen schrieb der Reichs- und Preußische Innenminister<br />

wie folgt:<br />

... Der preußische Staat kommt für die Übernahme der<br />

Beteiligungen der KAGESO an den Westfalenfleißgesellschaften<br />

nicht in Betracht, da die Funktionen der Gesellschafter<br />

nicht in das Gebiet der staatlichen Aufgaben<br />

fallen. Aus den gleichen Gründen sieht der preußische Staat<br />

davon ab, die Darlehen der KAGESO an den Westfalenfleißgesellschaften<br />

zu übernehmen. Da die Westfalenfleißgesellschaften<br />

indessen auch heute noch wertvolle fürsorgerische<br />

und volkswirtschaftliche Aufgaben erfüllen, ist<br />

dem preußischen Staat daran gelegen, dass die Gesellschaften<br />

erhalten bleiben ... . 58<br />

Deshalb richtete er an den Provinzialverband Westfalen das Ersuchen,<br />

diese Beteiligungen und Darlehen zu erwerben.<br />

Den dazu vorgesehenen Betrag von 147.185,65 RM stellte er dem<br />

Provinzialverband Westfalen gegen 3 % Zinsen und 1 % Amortisation<br />

zur Verfügung.<br />

Ferner hieß es:<br />

... Abgesehen von der liquidierten Westfalenfleiß-Werkstatt<br />

Witten sind die Gesellschaften alle neu durchorganisiert<br />

und durch entsprechende personelle Änderungen und wirtschaftliche<br />

Sanierungsmaßnahmen auf einen wirtschaftlichen<br />

Stand gesetzt worden, der ausweislich der letzten<br />

Bilanzen eine günstige wirtschaftliche Weiterentwicklung<br />

erwarten läßt. Die zu übernehmenden Darlehensbeträge<br />

sind durchweg durch Bürgschaften der Gemeinden, durch<br />

Hypotheken und durch Sicherungsübereignungen gesichert.<br />

... Die in Aussicht genommene Regelung ermöglicht es, den<br />

Gesellschaften das notwendige Betriebskapital langfristig<br />

und niedrigverzinslich zu belassen. Sie sichert ferner dem<br />

LFV den unbedingt notwendigen Einfluß auf die Weiterentwicklung<br />

der Arbeitsfürsorge überhaupt. Mit Rücksicht auf


die fürsorgerische Bedeutung dieser Werkstätten im Rahmen<br />

der Arbeitsbeschaffung für Erwerbsbeschränkte wird<br />

beabsichtigt, dem Ansatz des Herrn Reichs- und Preußischen<br />

Ministers des Innern stattzugeben und das angebotene<br />

Darlehen anzunehmen ... . 59<br />

Dies alles sollte im Wege der Verrechnung erfolgen. 60 Sicherlich<br />

nicht mit Begeisterung, aber durchaus willig, entschloß sich Landeshauptmann<br />

Kolbow am 27.07.1935 das Darlehen, das dem<br />

Holzverarbeitung zur Besen- und Bürstenherstellung Ende der 30er Jahre.<br />

Provinzialverband die maßgebliche Teilhaberschaft an den Westfalenfleiß-Gesellschaften<br />

garantierte, zu übernehmen. 61<br />

So trat der Provinzialverband an die Stelle der KAGESO und war<br />

nun - zusammen mit der Stadt - Kapitalgeber der Westfalenfleiß-<br />

Gesellschaften.<br />

Münster war dabei die geringste Last für die Gesellschafter und<br />

den neuen Großgläubiger, denn dank des rührigen Blumensaat<br />

117


118<br />

war Münster die Westfalenfleiß-Werkstatt, die die geringsten<br />

Schulden hatte. Gegenüber 9.144,60 RM in Münster, hatte<br />

Hagen 53.583,85 RM und Bielefeld 17.956,10 RM zu tilgen. 62<br />

Die Gesellschafter mußten fortan an dem Weiterbestand besonders<br />

interessiert sein, denn eine Liquidation hätte die Stadt im Falle<br />

Münsters ruinös belastet, wie eine Berechnung aus dem Jahre 1936<br />

zeigt. 63 Statt eines jährlichen Unterstützungsbetrages von 11.400<br />

RM hätte dann die Stadt Münster (ohne Nebenleistungen, wie<br />

Krankenkassenbeiträge, Kleidungszuschüsse etc.) für die 83 in<br />

Münster anspruchsberechtigten Werksangehörigen 46.410 RM<br />

zahlen müssen. Die Bürgschaft, die die Stadt hätte liquidieren<br />

müssen, hätte 2.662,72 RM an Zinsen, die Hafenplatzmiete<br />

1.340,08 RM, die Steuern und Abschreibungen rund 2.700 RM als<br />

Ausfall betragen, so daß der Stadt ein Schaden von 53.273,25 RM<br />

mittelbar oder unmittelbar entstanden wäre.<br />

1 LWL, C 61 III, Nr. 146, Aktenvermerk vom 04.08.1933, (Anruf Blumensaat vom<br />

selben Tag); Zu den Blinden generell: Deutsch, S. 26 ff.<br />

2 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, LFV an Oberpräsidenten der Provinz<br />

Westfalen, 13.07.1935.<br />

3 Ebd..<br />

4 LWL, C 61 III, Nr. 145, Reichsverband für das Blindenhandwerk an Westfälischen<br />

Blindenarbeitsfürsorgeverein Dortmund, 30.10.1935.<br />

5 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an Westfalenfleiß-Münster,<br />

31.10.1935; Eine Mitteilung über den Inhalt des Schreibens erhielt<br />

auch der Reichsverband, siehe: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

an Reichsverband für das Blindenhandwerk, 31.10.1935.<br />

6 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

an Pork, 31.10.1935.<br />

7 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

an Pork, 31.10.1935.


8 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

an Pork, 31.10.1935.<br />

9 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Pork an Westfalenfleiß-Gesellschaften,<br />

02.11.1935.<br />

10 Ebd..<br />

11 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an LFV, 04.11.1935.<br />

12 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Bielefeld an LFV, 04.11.1935.<br />

13 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an Pork,<br />

06.11.1935.<br />

14 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Bielefeld an LFV, 12.11.1935.<br />

15 LWL, C 61 III, Nr. 145, Die blinden Handwerker der Westfalenfleiß-Münster an<br />

Landesrat Pork, 25.11.1935.<br />

16 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß an alle Vertreter, Rundschreiben vom<br />

21.09.1934.<br />

17 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß an alle Vertreter, Ergänzung zum Rundschreiben<br />

vom 21.09.1934, 20.07.1935.<br />

18 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an alle Vertreter, 20.07.1935.<br />

19 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an LFV Westfalen, 28.11.1935.<br />

20 Ebd..<br />

21 Ebd..<br />

22 Ebd..<br />

23 Ebd; LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an LFV, 04.11.1935.<br />

24 LWL, C 61 III, Nr. 145, KAGESO an LFV, 30.11.1935.<br />

25 LWL, C 61 III, Nr. 145, KAGESO an Westfalenfleiß-Münster, 30.11.1935.<br />

26 LWL, C 61 III, Nr. 145, Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk an<br />

Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein, o. D., (Abschrift).<br />

27 LWL, C 61 III, Nr. 145, Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk an<br />

Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein, o. D., (Abschrift).<br />

28 LWL, C 61 III, Nr. 145, Blinde Handwerker der Westfalenfleiß-Münster an Reichsverband<br />

für das deutsche Blindenhandwerk, 25.11.1935.<br />

29 LWL, C 61 III, Nr. 145, Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk an LFV,<br />

03.12.1935.<br />

30 LWL, C 61 III, Nr. 145, LFV (HFST) an Reichsverband für das deutsche Blinden-<br />

handwerk, 14.12.1935.<br />

31 LWL, C 61 III, Nr. 145, LFV (HFST) an Reichsverband für das deutsche Blinden-<br />

handwerk, 14.12.1935.<br />

32 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

an Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk, 20.01.1936.<br />

33 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />

an Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk, 20.01.1936.<br />

34 LWL, C 61 III, Nr. 145, Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk an Reichsund<br />

Preußischen Arbeitsminister, (Abschrift), 09.03.1936.<br />

35 LWL, C 61 III, Nr. 145, Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk an Reichsund<br />

Preußischen Arbeitsminister, (Abschrift), 09.03.1936.<br />

119


120<br />

36 LWL, C 61 III, Nr. 145, Urteil in Strafsache gegen Emil Blumensaat, AG Münster,<br />

06.03.1936, (Abschrift).<br />

37 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Aktenvermerk Pork, 27.05.1936.<br />

38 Vgl. zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Der Reichs- und Preuß. Wirtschaftsminister<br />

an OP-Provinz Westfalen, 09.12.1936.<br />

39 Vgl. LWL, C 61 III, Nr. 145, OP über LFV an Westfalenfleiß, 15.02.1937.<br />

40 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an LFV,<br />

24.02.1937.<br />

41 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an LFV,<br />

02.03.1937.<br />

42 Ebd..<br />

43 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Bielefeld an LFV, 09.03.1937.<br />

44 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an LFV, 19.03.1937.<br />

45 Ebd..<br />

46 LWL, C 61 III, Nr. 145, LFV an Westfalenfleiß-Münster, 27.03.1937<br />

47 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an LFV,<br />

09.04.1937.<br />

48 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an LFV, 18.05.1937.<br />

49 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an LFV, 18.05.1937.<br />

50 Vergl. auch ebd., Westfalenfleiß an LFV, 28.05.1937.<br />

51 LWL, C 61 III, Nr. 145, Heinrich L. an LFV, 20.05.1937.<br />

52 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, OB Münster an Westfälischen Blindenverein<br />

und an LFV, 08.04.1937.<br />

53 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an LFV,<br />

15.09.1937.<br />

54 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an LFV,<br />

02.12.1938.<br />

55 LWL, C 61 III, Nr. 144, Westfalenfleiß-Münster an LWL, 09.08.1934.<br />

56 LWL, C 61 III, Nr. 144, KAGESO an Blumensaat (07.08.1934), (Abschrift).<br />

57 LWL, C 61 III, Nr. 144, KAGESO an Blumensaat (07.08.1934), (Abschrift).<br />

58 LWL, C 20, Nr. 491, Schreiben des Reichs- und Preußischen Innenministers vom<br />

23.02.1935.<br />

59 LWL, C 20, Nr. 491, Schreiben des Reichs- und Preußischen Innenministers vom<br />

23.02.1935.<br />

60 Ebd..<br />

61 LWL, C 61 III, Nr. 144, Aktenvermerk Pork, 27.07.1935.<br />

62 LWL, C 61 III, Nr. 144, schriftl. Bericht für Sitzung des Provinzialrates am 14.06.1935,<br />

(o. Dat., wahrscheinlich von Pork).<br />

63 Vergl.: Archiv Westfalenfleiß - A 3 - Aufstellung der Auflösungskosten (Blumensaat)<br />

vom 27.04.1936.


9. Krieg und Zerstörung<br />

Die nationalsozialistische Politik strebte zielbewußt den Krieg<br />

an. Er sollte dem Deutschen Reich und der germanischen Rasse<br />

die angeblich ihm/ihr zustehende Größe verschaffen. 1 Auch im<br />

zivilen Leben wurde der Krieg als Ziel der nationalsozialistischen<br />

Politik überall bemerkbar. Bei Westfalenfleiß war er ebenfalls<br />

nicht weg zu diskutieren.<br />

Schon 1938 dachte man deshalb im Betrieb an die Schaffung<br />

eines Luftschutzkellers (in Verbindung mit der Errichtung neuer<br />

Büro- und erweiterter Lagerräume). 2<br />

Schließlich begann am 01. September 1939 der 2. Weltkrieg. Es<br />

war diesmal ganz anders als 1914. Die heldische Haltung und<br />

Siegeszuversicht, der begeisterte Taumel beim Ausmarsch der<br />

Truppen, fehlten nun. 3<br />

Der äußerst agile Westfalenfleiß-Geschäftsführer Blumensaat<br />

hatte noch zu Anfang des Jahres 1939 daran gedacht, von der<br />

Firma Wurstwagen betreiben zu lassen. 4 Der Krieg verhinderte<br />

dies. Planungen und Neuerungen, die jetzt erdacht wurden,<br />

konnten frühestens nach Kriegsende verwirklicht werden. Man<br />

versuchte vorerst - so gut wie eben möglich - weiter zu machen,<br />

denn ein Schließen der Werkstatt hätte für viele Beschäftigte<br />

bedeutet, daß der Staat Zugriffsmöglichkeit auf die bei Westfalenfleiß<br />

beschäftigten behinderten Menschen gehabt hätte.<br />

Blumensaat arbeitete deshalb wie besessen daran, der Werkstatt<br />

in der schwierigen Zeit Aufträge und Arbeit zu sichern.<br />

Im Jahre 1941, mitten im Krieg, ereilte die Werkstatt dann ein<br />

schwerer Rückschlag: Emil Blumensaat verstarb an den Folgen<br />

seines schon seit vielen Jahren vorhandenen Herzleidens. 5 Zu<br />

seinem Nachfolger wurde Albert Schluchtmann bestimmt, ein<br />

begabter Kaufmann und Organisator. Er trat am 01.04.1941<br />

seinen Dienst als Geschäftsführer an. Vorher war er in Petershagen<br />

(bei Minden) in der Blindenarbeit tätig gewesen. So konnte<br />

121


122<br />

er auf gute Kontakte zu den Blindenorganisationen zurückgreifen<br />

und in den folgenden Jahren die gespannten Beziehungen zwischen<br />

Blindenorganisationen und Westfalenfleiß normalisieren.<br />

Unter den schwierigen Bedingungen des Krieges gelang es<br />

Schluchtmann, das Unternehmen zu erhalten. 6 Er traf auf eine<br />

Firma, die folgenden Personalbestand hatte: 1 Meister, 36 Bürstenmacher,<br />

17 Mitarbeiter im Holzbetrieb, 3 Korbmacher, 7<br />

Radwächter und einen Brennholzmacher. Noch im Jahr zuvor war<br />

der Personalbestand höher gewesen: am 31.03.1940 beschäftigte<br />

die Westfalenfleiß insgesamt 71 Mitarbeiter, 1 Meister, 42 Bürstenmacher,<br />

16 Mann im Holzbetrieb, 3 Korbmacher, 7 Radwächter<br />

und 2 Brennholzmacher. Der Krieg hatte mittlerweile durch<br />

Umstrukturierungen in der Wirtschaft seinen personellen Tribut<br />

gefordert. Die Bürsten- und Korbwaren jener Jahre wurden in<br />

ausgesprochener Handarbeit hergestellt. Nach dem Verkaufskatalog<br />

waren in den genannten Abteilungen vor dem Krieg über 225<br />

Artikel hergestellt worden. Infolge der Verknappung des Rohmaterials<br />

und des teilweisen Fehlens von Ersatzstoffen und Arbeitskräften<br />

während des Krieges, mußte nun die Produktion vieler<br />

Artikel aufgegeben werden, so daß nur noch 70 % verblieben<br />

(Stand 1942). In der Verkaufsorganisation kam es während des<br />

Krieges zu grundlegenden Änderungen. Der Verkauf erfolgte bis<br />

zum Beginn des Krieges hauptsächlich an private Haushalte,<br />

industrielle Unternehmungen, Krankenhäuser und Behörden. Für<br />

das Vertreiben der Bürstenwaren an Private waren vor dem Krieg<br />

14 Hauptvertreter zuständig, die insgesamt mit 60-70 Untervertretern<br />

arbeiteten. Im Krieg wurde der Verkauf an Private umgestaltet:<br />

Nunmehr waren es zwölf selbständige Vertreter, die Aufträge<br />

von Haushaltungen hereinholten und diese in einem Sammelauftrag<br />

der Westfalenfleiß zustellten. Die Verteilung wurde durch<br />

einen vom Vertreter schriftlich verpflichteten Vertrauensmann<br />

gegen Bezahlung der Ware vorgenommen. Der Verdienst des<br />

Vertreters betrug etwa ein Drittel des Warenwertes, war damit gar


nicht so schlecht. Dies motivierte die Verkäufer zu ehrlichem<br />

Verhalten. Deshalb gab es selten Rückstände oder Verluste durch<br />

die Tätigkeit der Vertreter. Die Repräsentanten der Firma wurden<br />

auf diese Weise zum Garanten des Fortbestehens bis zum Jahre<br />

1944, als man kriegsbedingt keine Vertreter mehr beschäftigte.<br />

Sie hatten das wichtigste Bindeglied zwischen Kundschaft und<br />

Betrieb gebildet. Im Geschäftsjahr 40/41 waren die größten Kunden<br />

die Reichswerke Hermann Göring, die Beleuchtungskörperfabrik<br />

Wattenscheid und mehrere Private, außerdem die Heeresstandortverwaltung,<br />

die Gesellschaft für Teerverwertung, etc..<br />

Abgesehen von den Aufträgen der Heeresstandortverwaltung,<br />

somit Kriegsaufträgen, blieb die Werkstatt - wie auch Münster<br />

insgesamt - zunächst vom Krieg recht wenig betroffen. 7 1940<br />

wurden sogar noch Theaterkarten von der Firma für die Beschäftigten<br />

gekauft. Man konnte also noch an Vergnügungen denken,<br />

obwohl Krieg war. Es gab zu dieser Zeit auch - zum letzten Mal<br />

allerdings - eine Maifeier, die von der Firma mit über tausend<br />

Reichsmark bezahlt wurde. Im Jahre 1941 fand dann jedoch keine<br />

Maifeier mehr statt. Damit war die Absage an letzte Traditionen<br />

der Arbeiterbewegung endgültig vollzogen.<br />

Neue Prioritäten waren von den Machthabern im Staate gesetzt<br />

worden: Partei und Krieg. Dies zeigen die Spenden des Betriebes,<br />

die man leisten mußte, wenn man nicht auffallen wollte. Waren<br />

1940 etwa noch Summen von 21 RM für das Winterhilfswerk-<br />

Wunschkonzert und 27 RM für den Bund der Körperbehinderten<br />

gezahlt worden und hatte der Verein der Gehörlosen 10 RM<br />

erhalten, so wurde nun, drei Jahre nach Kriegsbeginn, klar, wer<br />

nunmehr Anspruch auf Geld erheben durfte: Die Kreisleitung der<br />

NSDAP erhielt 45 RM und die Adolf-Hitler-Spende betrug 41<br />

RM. 8 Westfalenfleiß verhielt sich da nicht anders als andere Betriebe,<br />

Unternehmen oder gesellschaftliche Vereinigungen auch. Man<br />

mußte sich - selbst als Schwererwerbsbeschränktenwerkstatt -<br />

anpassen, wenn man nicht untergehen wollte.<br />

123


124<br />

1942 trat ein Kriegsauflageprogramm in Kraft. Aufgrund der<br />

angelegten Rohstoffvorräte wurde die Westfalenfleiß in ihrer<br />

Produktion aber erst 1944 davon betroffen. Man war nun gezwungen,<br />

fast ausschließlich nur noch Grobbürsten, Besen aus<br />

Schmielewurzeln und - sehr begrenzt - Handfeger herzustellen. 9<br />

Die Qualität der Ware wurde damit auf einen vorher nicht<br />

geahnten Standard gedrückt. Die Kundschaft akzeptierte die<br />

Kriegsware - notgedrungen. Man war froh, in diesen schlechten<br />

Zeiten überhaupt noch etwas zu bekommen.<br />

Die Firma konnte auch nicht mehr die Preise nach wirtschaftlichen<br />

Kriterien kalkulieren. Man mußte sich durchwursteln, wollte<br />

man weiterhin existieren. So war bei den Grobbürsten die<br />

Verdienstspanne besonders niedrig gehalten, da andernfalls die<br />

Verkaufspreise für diesen Artikel zu hoch gewesen wären und die<br />

Artikel sich überhaupt nicht hätten absetzen lassen.<br />

In dieser schweren Zeit waren im Betrieb 65 Beschäftigte anzutreffen.<br />

Aufgrund des Kriegsauflageprogrammes wurde auch ab<br />

01.04.1942 die gesamte Fertigware beschlagnahmt. Lieferungen<br />

durften nur noch an die vom Landeswirtschaftsamt Münster bzw.<br />

an die von der Gauwirtschaftskammer Westfalen-Nord benannten<br />

Firmen und Großhändler erfolgen. Aufgrund dieser Verordnung<br />

war die Westfalenfleiß 1944 gezwungen, die beschäftigten<br />

zwölf Vertreter zu entlassen. Sämtliche Vertreter fanden aber<br />

andernorts eine Anstellung. Die Korbmacherei wurde am<br />

01.02.1942 stillgelegt, 10 weil die Anfertigung von Waschkörben<br />

unmöglich geworden war. Man erhielt kein Material mehr, da die<br />

Weiden zur Anfertigung von Geschoßkörben beschlagnahmt<br />

wurden. Geschoßkörbe konnten aber die behinderten Korbmacher<br />

aufgrund ihrer körperlichen Konstitution nicht herstellen.<br />

So mußten diese Beschäftigten in andere Bereiche des Betriebes<br />

versetzt werden. Auch hinsichtlich des eigentlichen Personalbestandes<br />

wurde der Krieg für das Unternehmen allmählich spürbar.<br />

So wurden zwei Betriebsangehörige dienstverpflichtet und<br />

einer zum Militärdienst eingezogen. 11


Der Krieg bezog in seinem Verlauf auch immer mehr Münster<br />

ein. Bis zum 25.03.1945 erlebte die Stadt 102 Bombenangriffe.<br />

Insgesamt wurde in der Stadt 1.128 mal Fliegeralarm gegeben. 12<br />

Die Einwohner der Stadt wurden allmählich zu Gejagten der<br />

alliierten Bomberflotten. Wo die Männer fehlten, da sie an der<br />

Front standen, wurden selbst Kinder zur Abwehr der Angriffe auf<br />

die Stadt eingesetzt, während sich die „Goldfasane“ der Partei in<br />

der Ausgabe von Durchhalteparolen gefielen. Schuljungen spielten<br />

indessen Soldat. 13 Aber nicht nur Kinder wurden zu unschuldigen<br />

Opfern, auch die Wehrlosen der Westfalenfleiß mußten<br />

den Krieg in seiner ganzen grauenhaften Zerstörungskraft erleben:<br />

Die Werkstattgebäude am Hafengrenzweg wurden zu 70 %<br />

zerstört. 14 Die Gesellschafterversammlung erhielt erst am<br />

05.07.1946 15 einen Bericht über die letzten Kriegsjahre durch<br />

den Geschäftsführer Albert Schluchtmann: Der erklärte, daß<br />

beim Großangriff auf das Hafenviertel am 05.10.1944 die West-<br />

Beim Großangriff auf das Hafenviertel am 5. Oktober 1944 wurde das Werkstattgebäude<br />

der Westfalenfleiß schwer beschädigt.<br />

125


126<br />

falenfleiß schwer beschädigt worden sei. Das Betriebsgebäude<br />

sei zur Hälfte, die Lagerhallen und die auf dem Betriebsgelände<br />

lagernden Rohstoffe und Holzbestände vollständig vernichtet<br />

worden. Die Buchhaltung war vor der Zerstörung schon teilweise<br />

nach Sendenhorst ausgelagert worden. Auch einige Rohstoffvorräte<br />

hatte man vorsorglich dorthin und auf das Gelände des<br />

Nur noch Trümmer - Die nach dem II. Weltkrieg zerbombte Westfalenfleiß.<br />

Landeskrankenhauses Marienthal gebracht. So konnten wenigstens<br />

bestimmte Betriebsteile weiterarbeiten.


1 Vergl.: Recker, S. 344 ff, und Müller: S. 357 ff und Steinert, S. 474 ff.<br />

2 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />

bis 1947, Niederschrift Gesellschafterversammlung,<br />

25.08.1938.<br />

3 Kuropka: Stimmung und Lage, S. 170.<br />

4 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />

bis 1947, Niederschrift Gesellschafterversammlung,<br />

15.02.1939.<br />

5 Zum Herzleiden vergl.: LWL, C 61, III, 146, Westfalenfleiß, Blumensaat an Pork,<br />

28.02.1934; Zum Tode Blumensaats: Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht<br />

... 1942; Zu Schluchtmann: Archiv Westfalenfleiß - Sondergut -<br />

Personalakte Schluchtmann.<br />

6 Hierzu und zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsberichte,<br />

Treuhandgesellschaft für kommunale Unternehmungen, Prüfungsbericht über die<br />

Westfalenfleiß GmbH Münster vom 27.01.1942.<br />

7 Ebd..<br />

8 Hierzu und zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsberichte,<br />

Treuhandgesellschaft für kommunale Unternehmungen, Prüfungsbericht über die<br />

Westfalenfleiß GmbH Münster vom 27.01.1942.<br />

9 Hierzu und zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und<br />

Protokolle über Gesellschafterversammlungen bis 1947, Westfalenfleiß an die<br />

Gesellschafter, 30.05.1944, Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1943.<br />

10 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />

bis 1947, Westfalenfleiß an die Gesellschafter, 30.05.1944,<br />

Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1943.<br />

11 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />

bis 1947, Westfalenfleiß an die Gesellschafter, 30.05.1944,<br />

Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1943.<br />

12 Kuropka, Stimmung und Lage, S. 17.<br />

13 Kuropka,Stimmung und Lage S. 395 - 396.<br />

14 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Eröffnungsbilanz 1948.<br />

15 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1946, auf<br />

Gesellschafterversammlung.<br />

127


128<br />

10. Wie Phoenix aus der Asche - Der Wiederaufbau<br />

am Hafengrenzweg<br />

Nach dem Einmarsch der Briten und Amerikaner am Ostersonntag<br />

1945 fanden sich die Westfalenfleiß-Mitarbeiter- ob behindert<br />

oder nicht- schnellstens zusammen, um den Betrieb wiederaufzubauen.<br />

Der Glaube an die gute Sache und ein gewisses<br />

Heimatgefühl in der Firma ersetzten die allenorts fehlenden<br />

Materialien. Sie glaubten, genauso wie die nach Münster zurückgekehrten<br />

demokratischen Kräfte, an eine gute Zukunft.<br />

Die durch Bomben zerstörte Westfalenfleiß: In ihr begann nach Kriegsende wieder die<br />

Produktion.<br />

Indessen hatten von den 62 Betriebsangehörigen des Jahres 1944<br />

cirka 50 % ihre Wohnung im Bereich der Stadt verloren, so daß<br />

1945 nur noch wenige Mitarbeiter vorhanden waren. Diese<br />

begannen eigenhändig unter der Leitung des Werkmeisters Hu-


ert Deeken und Albert Schluchtmanns, das Firmengelände von<br />

Trümmern zu räumen.<br />

Im Geschäftsjahr 1945 stand der Betrieb im Zeichen des notdürftigsten<br />

Weiterarbeitens. 1 Man unterhielt schon wieder 14 Radwachen.<br />

Die Produktion konnte zunächst nicht voll aufgenommen<br />

werden, da das Hauptstromkabel noch nicht wieder funktionierte.<br />

Die Arbeiter leisteten indessen Aufräumungsarbeiten.<br />

So wurde das Dach repariert und Türen und Fenster wieder<br />

hergestellt. Beschäftigt waren nun bei Westfalenfleiß: 11 Bürstenmacher,<br />

7 Holzverarbeiter und 20 Radwächter. Teile der<br />

ehemaligen Belegschaft lebten als Evakuierte außerhalb Münsters<br />

und nur wenige von ihnen fanden den Weg zurück in die<br />

Stadt - und zu Westfalenfleiß. Manche arbeiteten im unzerstörten<br />

Umland. 2 Schließlich konnte am 01.10.1945 auch die Holzabteilung<br />

die Arbeit wieder aufnehmen, da das zerstörte Hauptstromkabel<br />

wieder hergestellt worden war. 3 Die Bürstenmacher arbeiteten<br />

im hinteren Teil des Betriebsgebäudes, der mit großen<br />

Beschädigungen erhalten geblieben war. 4<br />

Vieles in jenen Jahren war improvisiert oder nur behelfsmäßig<br />

hergerichtet. Es herrschte, wie überall, eine Mangelsituation, die<br />

die Westfalenfleiß zu meistern verstand, da sie einen Teil ihrer<br />

Rohstoffvorräte, die im Landeskrankenhaus Marienthal gelagert<br />

waren, hatte retten können. Somit konnten Schieber und Kriegsgewinnler<br />

nicht mit ihren Geschäften die Westfalenfleiß beeinträchtigen.<br />

Die Beschäftigten, die aufgrund ihrer Behinderungen<br />

nicht so mobil waren, daß sie auf das Land fahren konnten, um<br />

Lebensmittel einzutauschen, waren in besonderem Maße von der<br />

Situation des Nichts-Kaufen-Könnens betroffen. In dieser Hinsicht<br />

verloren die Behinderten der Westfalenfleiß den Krieg zum<br />

zweiten Mal.<br />

Nach zwei Weltkriegen, die innerhalb von drei Jahrzehnten<br />

stattgefunden hatten, wurde der Krieg als Ursache von Körperbehinderung<br />

in jenen Jahren dominierend. Sieben von zehn<br />

129


130<br />

Körperbehinderten waren Kriegsopfer. In der Gruppe der 25- bis<br />

45jährigen Männer sogar neun von zehn. Die Volkszählung von<br />

1950 erfaßte in der Bundesrepublik 1,2 Millionen anerkannte<br />

Kriegsbeschädigte. Tatsächlich waren etwa zwei Millionen Bundesdeutsche<br />

kriegsbeschädigt. 5<br />

Die Kriegsbeschädigten des Zweiten Weltkrieges waren aber<br />

keine fürsorgerische Sondergruppe. 6 Die Alliierten verboten eine<br />

Bevorzugung ehemaliger Soldaten durch besondere Renten für<br />

Kriegsbeschädigte. Damit sollte erneuten militaristischen Tendenzen<br />

vorgebeugt werden. Grundsätzlich wurden die Kriegsbeschädigten<br />

wie zivile Unfallopfer behandelt. Die Bundesrepublik<br />

schuf nach ihrer Gründung mit dem Bundesversorgungsgesetz<br />

wieder eigenständige Leistungen für Kriegsbeschädigte, jedoch<br />

ohne eine Privilegierung derselben. Den Kern bildeten Rentenzahlungen.<br />

Ab 30 % anerkannter Minderung der Erwerbsfähigkeit<br />

erhielt der Kriegsbeschädigte eine Rente. Wie nach dem<br />

Ersten Weltkrieg auch, wurde mit einem Schwerbeschädigtengesetz<br />

die Eingliederung der Kriegsbeschädigten gefördert.7 Durch<br />

den wirtschaftlichen Aufschwung wurden viele Kriegsbeschädigte,<br />

die vorher zur traditionellen Klientel eines Schwerbeschädigtenbetriebes<br />

wie z.B. Westfalenfleiß gehörten, in die freie<br />

Wirtschaft geführt. Dort waren bessere Einkommen zu erzielen<br />

bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel. 8 Damit war ein Weg<br />

beschritten , der die Behinderten wieder in eine vollwertige<br />

Erwerbswelt führen sollte. Anders als in Weimar wurden die<br />

Opfer nicht gesondert behandelt, sondern konnten eingegliedert<br />

werden. Und, anders als in Weimar, war dies aufgrund der<br />

wirtschaftlichen Lage, des deutschen Wirtschaftswunders, auch<br />

möglich.<br />

In der Westfalenfleiß-Werkstatt wurden aufgrund der staatlichen<br />

Maßnahmen (Eingliederungsprogramme) die Kriegsbeschädigten<br />

nicht mehr zu einer dominierenden Gruppe. Der Großteil der


Kriegsbeschädigten blieb nach dem Zweiten Weltkrieg außerhalb<br />

der Westfalenfleiß in der freien Wirtschaft. Die Westfalenfleiß<br />

wurde so, obwohl es in der deutschen Nachkriegsgesellschaft<br />

mehr Kriegsbeschädigte denn je gab, zu einem Schwerbeschädigtenbetrieb.<br />

Die Existenzberechtigung der Firma aber<br />

erkannten auch die alliierten Sieger. Westfalenfleiß blieb so<br />

erhalten. So wurde Schluchtmann, der Geschäftsführer des Betriebes,<br />

dem nichts aus der Zeit der braunen Diktatur vorzuwerfen<br />

war, weiterhin mit der Führung der Firma betraut. Ganz<br />

langsam und schleppend gelang es ihm - zusammen mit den<br />

hochmotivierten Mitarbeitern - die Firma wieder in Gang zu<br />

bringen. Dabei war von entscheidender Bedeutung, daß er die<br />

Gesellschafter auch nach 1945 von der Berechtigung der Firmenexistenz<br />

überzeugen konnte. 1946 fand dann eine Gesellschafterversammlung<br />

statt und es wurden die Bilanzen und die Geschäftsberichte<br />

für 1944 und 1945 erstellt. 9 Dies konnte ohne<br />

Beanstandungen vor sich gehen, obwohl jetzt bei beiden Gesellschaftern<br />

kritische demokratische Kräfte die Aktionen jener vom<br />

Faschismus geprägten Jahre bewerteten. Das spricht für die<br />

Firma und Schluchtmann, dessen kaufmännisches Engagement<br />

hinsichtlich der Jahre 43/44 und 44/45 schon am 30.07.1945 mit<br />

einer Prämie honoriert worden war. 10<br />

So konnte die Westfalenfleiß unbelastet weiterarbeiten und auch<br />

an die Träger der Sozialhilfe Forderungen stellen, insbesondere<br />

später an den seit 1953 existierenden Landschaftsverband Westfalen-Lippe.<br />

Die „Bewirtschaftung“ der deutschen Industrie<br />

machte in jenen Jahren den Einkauf zwar schwierig, jedoch war<br />

genug Material vorhanden, um weiter zu machen und die Kundschaft<br />

zurückzugewinnen. 11 So ließen sich Besen und Bürsten<br />

produzieren und im Bewachungsbereich neue Ideen realisieren:<br />

Am 01.10.1947 eröffnete Westfalenfleiß an der Autobahnraststätte<br />

Hamm-Rhynern einen Autowachbetrieb, der fünf Kriegsbeschädigten<br />

Arbeit gab. 12<br />

131


132<br />

Der Aufbau des eigentlichen Betriebes ging aber bis 1947 schleppend<br />

vor sich, da die notwendigen Baustoffe nur sehr schwer zu<br />

bekommen waren. 13<br />

So waren vorerst nur die Decken der Werkstatt neu hergerichtet<br />

und einige Räume renoviert worden. Das Lager für Fertigware<br />

war wiedererstellt, aber die Holzverarbeitung hatte nur einen<br />

Not-“Spänebunker“ (zur Absaugung von Sägespänen) erhalten.<br />

Man konnte jedoch erst einmal arbeiten und das war angesichts<br />

des im Bombenhagel zerstörten Hafenviertels schon allerhand.<br />

Trotz der erschwerten Einkaufsmöglichkeiten war Arbeit genug<br />

da, denn alte Kontakte zur Industrie wurden wieder gepflegt. 14<br />

Man beschäftigte im Jahr 1947 schließlich 49 Belegschaftsmitglieder:<br />

4 im Büro, 12 in der Bürstenmacherei, 7 in der Holzverarbeitung,<br />

26 bei den Radwachen. 15 Sollten noch mehr Schwerbeschädigte<br />

und behinderte Menschen im eigentlichen Betrieb<br />

einen Platz finden, war Raum nötig. Das hieß, zerstörte Bausubstanz<br />

mußte wieder aufgebaut werden. Dazu war in der Folgezeit<br />

viel Geld nötig. Solches war vor der Währungsreform aber nicht<br />

vorhanden.<br />

Solange der Schwarzmarkt der wirtschaftliche Hauptschauplatz<br />

war, konnte es nicht zum wirtschaftlichen Aufschwung kommen.<br />

Der Wiederaufbau dümpelte deshalb so vor sich hin, bis mit der<br />

Währungsreform im Jahre 1948 und der ordnungspolitischen<br />

Hinwendung zur “Sozialen Marktwirtschaft” eine ungeheure<br />

Schwungkraft entstand. 16 Davon profitierte auch die Westfalenfleiß.<br />

Der Wiederaufbau lief jetzt über Darlehen. 17 Bis 1949 war man<br />

aber, wegen der Kriegsschäden, von deren Tilgung befreit. 18<br />

Aus den Krediten resultierten langwierige Verpflichtungen der<br />

Firma, die aber übernommen werden mußten, damit Arbeitsplätze<br />

gesichert blieben. Es mußte schon aus diesem Grunde gebaut<br />

werden. Und es wurde gebaut. So konnten allmählich die Büroräume<br />

und die Produktions- und Lagerhalle neu erstehen. Der


Das Firmengelände der Werkstatt nach dem Wiederaufbau: vom 1.1.1949 bis<br />

31.12.1978 schlossen die Westfalenfleiß und die Stadt Münster einen Mietvertrag über<br />

das Grundstück Hafengrenzweg Nr. 1.<br />

beliebte Meister Deeken baute sogar seine eigene Wohnung eigenhändig<br />

auf. 1950 schließlich konnte der Bürotrakt als letzter<br />

Bauabschnitt fertiggestellt werden. 19 Jedoch - alles in allem - waren<br />

die wiedererbauten Gebäude der Nachkriegs-Westfalenfleiß nur<br />

ein schwacher Abglanz des Vorkriegs-Betriebes.<br />

Aber nicht nur die Gebäude waren gesichert, auch das Grundstück<br />

hatte man 1949 langfristig für die Westfalenfleiß mieten können.<br />

Die Westfalenfleiß und die Stadt Münster schlossen nämlich vom<br />

01.01.1949 bis zum 31.12.1978 einen Mietvertrag über das Grundstück<br />

Hafengrenzweg Nr. 1. 20<br />

Gleich nach dem 2. Weltkrieg nahmen auch die Provinzialverwaltung<br />

und der Provinzialverband, die Behörden der Selbstverwaltung<br />

von Städten und Kreisen, ihre Tätigkeit im Bereich der<br />

Fürsorge, der heutigen Sozialhilfe, wieder auf. 21<br />

133


134<br />

Aus dem Provinzialverband wurde später unter Einbeziehung<br />

des Landes Lippe der Landschaftsverband Westfalen-Lippe.<br />

Dessen erster Chef war Karl Salzmann, der Landeshauptmann,ein<br />

Titel, der heute nicht mehr geführt wird. Er verwandte sich für<br />

die Kriegsbeschädigten:<br />

... Es wird uns aber auch besondere Ehrenpflicht sein, sich<br />

all derer helfend anzunehmen, die in den furchtbaren<br />

Kriegswirren den Ernährer verloren, die Schaden an ihrer<br />

Gesundheit erlitten haben oder heimatlos geworden sind.<br />

Das gilt auch für unsere Kriegsversehrten, für ihre Betreuung,<br />

auch Umschulung, muß alles getan werden, was<br />

nur möglich ist ... . 22<br />

Auch die mittlerweile wiedererstandenen caritativen Organisationen<br />

nahmen ihre Arbeit wieder auf . Der Provinzialverband<br />

arbeitete gerne mit ihnen zusammen. Dabei fußte man auch auf<br />

den traditionell guten Beziehungen zu den freien Wohlfahrtsverbänden.<br />

Diese bildeten schon im Januar 1946 den „Westfälischen<br />

Wohlfahrtsausschuß”, in dem der Landeshauptmann den Vorsitz<br />

hatte. 23 Im Sommer 1947 gründete sich die 1934 aufgelöste<br />

„Vereinigung der Fürsorgeverbände Westfalens” wieder. 24 Auch<br />

der münstersche Schwerbeschädigtenbetrieb organisierte sich.<br />

Am 05.05.1947 trat die Westfalenfleiß dem Verein der Gemeinnützigen<br />

Werkstätten von Nordrhein-Westfalen bei. 25<br />

In den folgenden Jahren wurde Westfalenfleiß durchgängig von<br />

den zuständigen Behörden als Schwerbeschädigtenbetrieb anerkannt.<br />

Damit dokumentierte sich die gute Arbeit des Betriebes<br />

und das sozialpolitische Engagement der Gesellschafter. 26<br />

Das Kriegsende hatten viele Menschen als einen grausamen, aber<br />

heilsamen Schock empfunden. Alle Kräfte waren nun auf das<br />

tägliche Überleben ausgerichtet: auf die Versorgung mit Nahrung,<br />

Strom und Wasser genauso, wie auf Kleidung und ein Dach


über dem Kopf 27 - nicht aber auf eine Reflexion über das Gewesene.<br />

Bedauerlicherweise erfolgte erst etwa ab Mitte der Siebziger<br />

Jahre eine Auseinandersetzung mit dem menschlichen Unrecht<br />

der Nazizeit, das Beamte aus Verwaltung und Justiz an Behinderten<br />

begangen hatten.<br />

Eine finanzielle Entschädigung für die gequälten Opfer von<br />

Sterilisationen ist bis zum heutigen Tage leider nicht erfolgt. Für<br />

einen Großteil käme mittlerweile jedwede Regelung zu spät - sie<br />

sind verstorben, ohne Anerkennung ihres unermeßlichen Leides.<br />

Während die Mehrzahl der Verwaltungstäter indessen - ohne<br />

Anfechtung - ihre Pensionen hat verzehren können. Auch die<br />

Sterilisierten der Westfalenfleiß haben keine Entschädigung erhalten.<br />

Nach außen hin wagten sie es nicht aufzutreten, da das<br />

politische Klima des Nachkriegsdeutschland ihnen keine Lobby<br />

zugestand. Bei den Arbeiten der 50er Jahre leisteten sie Erhebliches.<br />

Dadurch erkämpften sie sich häufig das Ansehen, das die<br />

Gesellschaft ihnen sonst versagt hatte.<br />

Die Fünfziger Jahre sind gekennzeichnet durch ein kontinuierlich<br />

starkes Auftragsvolumen bei der Westfalenfleiß - der Besen- und<br />

Bürstensektor boomte. Das hieß, es war stetig für Arbeit gesorgt,<br />

so daß die verbliebenen Kräfte sich keinerlei Sorge um ihren<br />

Arbeitsplatz zu machen brauchten.<br />

1951 beschäftigte man schon wieder 68 Mitarbeiter: 11 Schwerkriegsbeschädigte,<br />

43 Schwererwerbsbeschränkte und sonstige<br />

Leichtbeschädigte. 28 Wenn auch der immense Personalbestand<br />

der Vorkriegs- und Kriegsjahre nicht mehr erreicht wurde:<br />

Westfalenfleiß blieb eine gute Adresse.<br />

Besonders positiv wirkte sich die geringe Betriebsgröße auf das<br />

Klima unter den Beschäftigten aus. Jeder kannte jeden, seine<br />

Eigenarten und Vorzüge, man wurde zu einer Familie. Und das<br />

wiederum wirkte sich positiv auf die Produktivität im eigentlichen<br />

Betrieb aus.<br />

135


136<br />

Die Außenstellen des Betriebes, die Parkplätze, bereiteten da<br />

häufiger Sorgen. Es galt schon in jenen Jahren, wie auch heute,<br />

einen beständigen Kampf um ihren Erhalt und damit auch für die<br />

sich daraus ergebenen Beschäftigungen der jeweiligen Wächter<br />

zu führen. Ist es heute eine sich wandelnde Verkehrspolitik, so<br />

war es seinerzeit ein forcierter Wiederaufbau in der Stadt und<br />

eine Umstrukturierung im Verkehrssektor, die die ehemaligen,<br />

als Parkplatz genutzten, Freiflächen schrumpfen ließen. Zunächst<br />

waren die Fahrradwachen betroffen. Bis 1964 wurden sie kontinuierlich<br />

abgebaut 29 - Borgward Isabella und Käfer hatten<br />

allmählich die in Münster altbekannte Leeze verdrängt.<br />

So schrieb die Stadtverwaltung an Westfalenfleiß:<br />

... Sehr geehrter Herr Schluchtmann!<br />

Die von Ihnen aufgeworfene Frage betr. Aufstellung von<br />

Fahrradständern auf dem Syndikatplatz haben wir eingehend<br />

überprüft. Sowohl für Ihre Gesellschaft als auch für<br />

die Stadtverwaltung dürfte es unzweckmäßig sein, Fahrradständer<br />

an dieser Stelle aufzustellen, da bereits im<br />

Frühjahr mit dem Bau des 2. Abschnittes des Stadtverwaltungsgebäudes<br />

begonnen wird und damit eine erneute<br />

Umstellung Ihrer Radwache erfolgen müßte. Darüberhinaus<br />

enthält der bereits jetzt erstellte Teil des Stadthauses<br />

Fahrradkeller, die für das Abstellen von Fahrrädern der<br />

Bediensteten der Stadtverwaltung vollauf ausreichen. Zu<br />

unserem Bedauern sind wir daher leider gezwungen, vom<br />

1. Januar 1958 ab, auf die Inanspruchnahme Ihrer Radwache<br />

in der Clemensstraße verzichten zu müssen ... . 30<br />

Die veränderte Behandlung der Kriegsbeschädigten nach dem<br />

Kriege und die vielfältigen Maßnahmen der Rehabilitation der<br />

Schwerbeschädigten führten schließlich dazu, daß der Personalbestand<br />

der Westfalenfleiß ab Mitte der Fünfziger Jahre kontinuierlich<br />

sank. So gab es 1960 nur noch 44 Betriebsangehörige. Die<br />

Tendenz war fallend, denn die Beschäftigten kamen allmählich in


das Rentenalter. 31 Aus diesem Grunde hatte man die Westfalenfleiß<br />

in Bielefeld schon in den Fünfziger Jahren geschlossen.<br />

Auch für das Land rückte die Klientel allmählich aus dem<br />

Gesichtskreis einer gesonderten Förderung. So gab es 1959<br />

keine Einkellerungsbeihilfe mehr. 32<br />

Ab 1962 machte man sich bei der Stadt Sorgen darüber, was mit<br />

der Westfalenfleiß geschehen sollte, wenn der Personalbestand<br />

weiterhin so sinke. 33 So wollte man sich von der Lage vor Ort ein<br />

Bild verschaffen und sich gleichzeitig zu gezielten Maßnahmen<br />

bereit finden.<br />

Bei einer Betriebbesichtigung 1962 entstand der folgende Bericht:<br />

... Zur Zeit würden 48 Personen beschäftigt, davon 42<br />

Erwerbsbeschränkte. ... Der Betrieb habe in den letzten<br />

Jahren, seitdem die Zuschüsse des Landes wegfielen, mit<br />

einem jährlichen Verlust von ca. 3.000 DM abschließen<br />

müssen. 15-20 % des Umsatzes würden für Löhne verausgabt.<br />

Darüber hinaus würden für Kohlenbeihilfen, Weihnachtsbeihilfen<br />

sowie Beihilfen in besonderen Notfällen<br />

14 bis 16.000 DM jährlich verausgabt.<br />

Nach der hierauf folgenden Besichtigung des Betriebes<br />

wies Landesrat Alstede besonders darauf hin, daß die<br />

Rentabilität des Unternehmens besser gestaltet werden<br />

könne, wenn die öffentlichen Betriebe in der Stadt ihren<br />

Bedarf an Bürstenwaren beim Westfalenfleiß decken würden,<br />

wie es die Stadtverwaltung Münster von jeher überwiegend<br />

tue.<br />

Auf Akkordarbeit eingehend, führte Landesrat Alstede<br />

aus, daß eine andere Art von Lohnzahlung bei der Eigenart<br />

der Arbeit nicht möglich sei, da die Leistung der<br />

Arbeitnehmer zu unterschiedlich wäre. Ein Teil der Arbeiter<br />

erreiche einen Wochenlohn von 80 bis 100.- DM,<br />

während andere Arbeiter, die praktisch nur beschäftigt<br />

würden und kaum eine echte Leistung vollbringen, nur<br />

über einen Wochenlohn von 30 bis 35.- DM verfügten.<br />

137


138<br />

In diesem Zusammenhang wies Stadtoberamtmann Stetskamp<br />

darauf hin, daß die Stadt Münster seit einigen<br />

Jahren für zwei Schwerbeschädigte, deren Entlassung<br />

vom Westfalenfleiß wegen mangelnder Leistung in Erwägung<br />

gezogen werden mußte, einen jährlichen Zuschuß<br />

von zusammen 3.000 DM zahle. Dieser Zuschuß ermögliche<br />

es dem Westfalenfleiß, diesen beiden Arbeitern ohne<br />

deren Wissen einen Lohn zu zahlen, der weit über ihrem<br />

Leistungsvermögen liege.<br />

Landesrat Alstede wies zum Schluß seiner Ausführungen<br />

darauf hin, daß es sich bei der ‘Westfalenfleiß GmbH.’ um<br />

einen kaufmännischen Betrieb handele, der keinerlei steuerliche<br />

Vorteile genieße. Da sich der Betrieb mit der<br />

Herstellung von Bürstenwaren allein nicht halten könne,<br />

müsse auf die Einrichtung von Rad- und Autowachen in<br />

der Stadt besonderer Wert gelegt werden. Er erbitte hier<br />

die Unterstützung des Fürsorgeausschusses.<br />

Nach längerer eingehender Diskussion wurden Anregungen<br />

und Wünsche des Ausschusses in folgendem einstimmigen<br />

Beschluß zusammengefaßt:<br />

1.)Das Liegenschaftsamt soll gebeten werden, in der Frage<br />

der Einrichtung von Rad- und Autowachen in der Stadt<br />

Münster der ‘Westfalenfleiß GmbH.’ besonderes Entgegenkommen<br />

zu zeigen. Der Liegenschaftsausschuß soll<br />

von diesem Beschluß in Kenntnis gesetzt werden ... . 34<br />

Man wollte das Unternehmen erhalten. Besonders Stadtrat Heinrich<br />

Neuhaus dachte verstärkt über die Zukunft des Unternehmens<br />

nach. Dies hielt auch über die Bestellung Joachim Herferts<br />

zum Nachfolger Albert Schluchtmanns im Jahre 1965 an. 35<br />

Vielen war klar, Herfert wird der letzte Westfalenfleiß-Geschäftsführer<br />

sein, wenn nicht etwas Neues, gleich ob Intensivierung<br />

der Produktion oder die Gewinnung einer neuen Beschäftigtenklientel,<br />

in die Wege geleitet wird.<br />

Zunächst dachte man an Rationalisierung der Produktion: Im<br />

Bereich der Besen- und Bürstenproduktion war man 1965 dringend<br />

auf neue Technologien angewiesen, denn mit Handeinzug


ließ sich der Umsatz nicht mehr steigern. Man mußte also die<br />

Produktion rationalisieren, um auch als Schwerbeschädigtenbetrieb<br />

große Serien herstellen zu können. Deshalb beantragte man<br />

zum Kauf einer Stanzmaschine einen Zuschuß beim Landschaftsverband<br />

Westfalen-Lippe. 36 Dadurch erwartete man eine Gesundung<br />

des Betriebes herbeiführen zu können.<br />

Alles dies behandelte aber nur einen Sektor des Problems, die<br />

Produktivität. Wer produzierte und ob in zehn Jahren noch<br />

überhaupt einer bei Westfalenfleiß produzierte, war damit nicht<br />

geklärt.<br />

1 Zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per<br />

31.03.1946.<br />

2 Ebd.: Archiv Westfalenfleiß - C 1 - Interview Gerd K..<br />

3 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1946.<br />

4 Ebd..<br />

5 Fandrey, S. 195.<br />

6 Ebd.: S. 195 ff.<br />

7 Fandrey, S. 196.<br />

8 Zur Lage nach dem Zweiten Weltkrieg: Fandrey, S. 195 ff, besonders S. 196 ff.<br />

9 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />

bis 1947.<br />

10 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - HFST an Westfalenfleiß, 30.07.1945.<br />

11 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1946.<br />

12 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1947.<br />

13 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />

bis 1947, Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1947.<br />

14 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1947.<br />

15 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1947.<br />

16 Morsey, S. 11; Vergl. auch zur Nachkriegsentwicklung von Gesellschaft und<br />

Wirtschaft im westlichen Deutschland: Grebing, S. 24 ff.<br />

17 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Kapital, Westfalenfleiß an LFV, 10.09.1948,<br />

06.09.1948, LFV an Westfalenfleiß, 13.05.1949, 19.06.1948, Westfalenfleiß an<br />

LFV, 17.05.1949.<br />

18 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Westfalenfleiß an Provinzialverband LFV, 04.05.1949.<br />

19 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Gebäudeabnahmeschein, 29.11.1950.<br />

139


140<br />

20 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Mietvertrag vom 18.11.1948.<br />

21 Hartlieb von Wallthor, S. 62 f.<br />

22 LWL, C 10/11, Nr. 3-5, Landeshauptmann Salzmann an die Oberbürgermeister und<br />

Landräte der Provinz Westfalen, Büren, Juni 1945.<br />

23 Hartlieb von Wallthor in: Geschichte und Funktion, S. 62.<br />

24 Hartlieb von Wallthor in: Geschichte und Funktion, S. 62.<br />

25 LWL, C 61, III, Nr. 155, Aktenvermerk HFST, 28.05.1947.<br />

26 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - LWL an Westfalenfleiß, 21.12.1961.<br />

27 Grebing, S. 25 f.<br />

28 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Kapital, Westfalenfleiß an LFV, 24.03.1951.<br />

29 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Westfalenfleiß an LWL, 09.03.1964.<br />

30 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 2, Stadtverwaltung an Westfalenfleiß, Dezember<br />

1957.<br />

31 Vgl. zum Folgenden: Fragebogen von Westfalenfleiß an LWL zum Schreiben LWL<br />

an Westfalenfleiß, 14.11.1961.<br />

32 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Kapital, Westfalenfleiß an LFV, 25.11.1959.<br />

33 STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 1, Aktenvermerk Huckenbeck vom 23.12.1961.<br />

34 STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 2, Fürsorgeausschuß besichtigt Westfalenfleiß,<br />

26.01.1962; vergl. auch: STDAM, Amt 14, Nr. 6, Bd. 1, Fürsorgeamt an Westfalenfleiß,<br />

02.01.1962.<br />

35 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Gesellschafterbeschluß vom 19.02.1965.<br />

36 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Westfalenfleiß an LWL, 23.11.1965.


11. Integration durch Arbeit: Die Westfalenfleiß wird<br />

Werkstatt für Behinderte<br />

Mit der Zeit wurde die Frage, was zukünftig aus der Westfalenfleiß<br />

werden sollte, immer dringender. Da tauchte 1964 erstmals in der<br />

Stadt die Idee einer „Beschützenden Werkstatt” für Münster auf. 1<br />

Vorerst war man sich bei den Gesellschaftern, Stadt und Landschaftsverband,<br />

jedoch noch nicht darüber im klaren, wie eine<br />

solche Einrichtung aussehen könnte und welchen Status die GmbH,<br />

d.h. der Altbetrieb, in Zukunft erhalten sollte. 2<br />

Handlungsbedarf bestand durchaus, denn behinderte Menschen<br />

waren allenthalben - auch in Münster - vorzufinden. Und die<br />

Werkstatt-Idee war ja auch nicht neu.<br />

Vorläufer der Werkstätten waren die Bastel- und Werkgruppen,<br />

die ab 1958 überall für behinderte Menschen in der Bundesrepublik<br />

eingerichtet wurden. 3 Behinderte junge Erwachsene, die sonst<br />

kaum eine Förderung erhielten, besuchten sogenannte Anlernwerkstätten,<br />

um sich auf eine spätere einfache Arbeit vorzubereiten.<br />

In der „Beschützenden Werkstatt”, so die seinerzeitige Bezeichnung,<br />

wurde nicht nur beschäftigt. Ziel war, den einzelnen<br />

behinderten Menschen umfassend zu fördern, ihn zu einer optimalen<br />

Entwicklung seiner Persönlichkeit und seiner Fähigkeiten zu<br />

bringen. 4 Die Gesamtpersönlichkeit des Behinderten sollte entwikkelt<br />

werden; ein menschenwürdiges Leben des behinderten Mitmenschen<br />

stand nach den schrecklichen Vorkommnissen der Vergangenheit<br />

im Mittelpunkt.<br />

Einen bedeutenden Schritt nach vorn machte die Werkstatt-Idee,<br />

als 1962 das Bundessozialhilfegesetz wirksam wurde und die<br />

Werkstätten den Heimen und Anstalten gleichgestellt wurden. Bis<br />

1968 verzehnfachte sich dadurch die Zahl der Behindertenwerkstätten.<br />

5 Auch die moderne heutige Westfalenfleiß in Münster ist<br />

ein Produkt dieser Zeitströmung.<br />

141


142<br />

Landesrat Alstede, ein erfahrener und um das Wohl der Behinderten<br />

besorgter Verwaltungsmann, schlug auf der Gesellschafterversammlung<br />

am 21.06.1965 vor, die Westfalenfleiß als soziale<br />

Einrichtung fortzuführen, etwa in Form einer „Beschützenden<br />

Werkstatt”. 6<br />

Zwei Jahre stand diese Idee im Raum, ehe man im Jahre 1967 an<br />

ihre Realisierung ging. Zunächst erfolgte eine Sondierung im<br />

Bereich der konfessionellen Verbände, so wurde die Westfalenfleiß<br />

als „Beschützende Werkstatt” zunächst nur als Übergangslösung<br />

favorisiert. Es ließ sich dadurch für die Stadt das traditionelle<br />

Bild der engen Zusammenarbeit mit Caritas und Innerer Mission<br />

wahren und gleichzeitig das immer schon in den letzten Jahren<br />

angedachte Modell einer Umstrukturierung der Westfalenfleiß<br />

schonend vollziehen, ohne die konfessionellen Verbände zu brüskieren.<br />

Deshalb verlautbarte man:<br />

... Eine Beschützende Werkstatt soll nicht durch einen<br />

Neubau jetzt geschaffen werden, man will dem Vorhaben<br />

des Caritasverbandes nicht vorgreifen. Die Innere Mission<br />

hat an dem Bau einer Beschützenden Werkstatt kein Interesse<br />

und möchte gern, daß das vom Caritasverband geplante<br />

Vorhaben doch großzügig ausgebaut werden kann. Bis<br />

nun aber der Caritasverband das Bauvorhaben verwirklichen<br />

kann, in dem neben der Tagesstätte für das geistig<br />

behinderte Kind auch eine Anlernwerkstatt und Beschützende<br />

Werkstatt gebaut werden soll, soll eine Überbrükkung<br />

durch die Beschützenden Werkstätten im Westfalenfleiß<br />

geschaffen werden ... . 7<br />

Die Westfalenfleiß war damit ins Gespräch gebracht und, wenn es<br />

um sachgerechte Behindertenarbeit in Münster ging und geht, ist<br />

sie es immer noch.<br />

Die „Beschützende Werkstatt” sollte nach den Plänen jenes<br />

Jahres 8 zunächst 35 Personen (15 Frauen und 20 Männer im Alter<br />

von 14 - 50 Jahren) umfassen. Späterhin sollten etwa 50 Personen<br />

in der Werkstatt arbeiten. Eine Fürsorgerin war ebenfalls fest


einzustellen. 9 So ließen sich Arbeit, Sorge und Fürsorge sinnvoll<br />

verbinden.<br />

Auch der Betrieb selbst leitete nun konkrete Schritte ein. Am<br />

20.09.1967 stellte die Westfalenfleiß beim Arbeits- und Sozialminister<br />

des Landes Nordrhein-Westfalen den Antrag, man möge sie<br />

als „Beschützende Werkstatt” anerkennen (gem. § 2, I, Nr. 1 des<br />

Gesetzes zur Ausführung des Bundessozialhilfegesetzes CAG -<br />

BSHG). Am 02.02.1968 erfolgte dann schließlich die Anerkennung<br />

unter der Bedingung, daß die Gruppenleiter und der Leiter<br />

der Einrichtung eine heilpädagogische Zusatzausbildung erhielten<br />

und der LWL bis zum 30.06.1968 nähere Angaben über die Höhe<br />

der Entlohnung der Behinderten und die durchschnittliche Arbeitszeit<br />

machen möchte. 10 So stand die Anfrage über Lohn oder<br />

Bezahlung vor dem konkreten Beginn vor Ort. Das konnte jedoch<br />

den Elan nicht schmälern.<br />

Im Januar 1968 gab es erste konkrete Schritte zum Umbau der Westfalenfleiß am<br />

Hafengrenzweg Nr. 1. Noch im gleichen Jahr wird die Westfalenfleiß als „Beschützende<br />

Werkstatt” anerkannt.<br />

143


144<br />

Im Januar 1968 gab es erste konkrete Schritte zum Umbau der<br />

Westfalenfleiß am Hafengrenzweg Nr. 1. 11<br />

Die Presse schrieb dazu im gleichen Monat:<br />

... Darlehen und Zuschüsse der Siverdes-Stiftung, des Generalarmenfonds<br />

[insgesamt 100.000 DM, C.L.] und der<br />

Hauptfürsorgestelle des Landschaftsverbandes Westfalen-<br />

Lippe [100.000 DM, C.L.] machten es möglich, daß dieser<br />

Betrieb entstehen konnte.<br />

Erfreulich ist auch, daß die hier tätigen Menschen wirklich<br />

produktive Arbeit leisten können. Zur Zeit werden von zehn<br />

Personen manuelle Lohnarbeiten für einen münsterschen<br />

Betrieb ausgeführt. Drei Männer sind in der Tischlerei<br />

tätig, zwei in dem alten Schwerbeschädigtenbetrieb, in dem<br />

Besen hergestellt werden ... Bei den Beschäftigten handelt<br />

es sich um Jugendliche und um solche Erwachsene, die<br />

Sozialhilfeempfänger sind und über den Arbeitsmarkt nicht<br />

in eine Stelle vermittelt werden können. Das Ziel der Beschäftigung<br />

in der ‘Beschützenden Werkstatt’ ist es, einen<br />

möglichst großen Teil dieser Menschen später wieder dem<br />

öffentlichen Arbeitsmarkt zuführen zu können.<br />

Einem Schätzwert entsprechend gibt es in Münster rund 350<br />

geistig behinderte Menschen.<br />

Für die ‘Beschützende Werkstatt’ konnten bisher aber nur<br />

19 aufgenommen werden. Man hofft, noch im Februar<br />

rund 40 Personen beschäftigen zu können. Zur Zeit liegen<br />

rund 200 Voranmeldungen vor ... Ein Problem ist der<br />

Transport der Werkstattangehörigen zum Arbeitsplatz. Es<br />

ist hoch anzuerkennen, daß einige Betriebsangehörige der<br />

‘Westfalenfleiß’ sich persönlich der geistig behinderten<br />

Menschen angenommen haben, um es ihnen zu ermöglichen,<br />

zur Arbeitsstätte zu kommen. Andere Arbeitskräfte<br />

der ‘Beschützenden Werkstatt’ kommen mit dem Bus oder<br />

werden von Familienmitgliedern gebracht und wieder<br />

abgeholt. Wünschenswert wäre natürlich ein eigens für<br />

den Transport dieser Menschen eingesetzter Bus, zumal


einige der geistig Behinderten nicht in der Lage sind,<br />

selbständig einen Stadtbus zu benutzen. Das trifft besonders<br />

für die Jugendlichen zu ... . 12<br />

Am 04.05.1968 wurde bei der Westfalenfleiß die Werkstatt für<br />

Behinderte - seinerzeit hieß es noch „Beschützende Werkstatt“ -<br />

offiziell eröffnet.<br />

Die Gesellschafterversammlung am 23.08.1968 änderte folgerichtig<br />

per Beschluß den Namen der Westfalenfleiß in: „Westfalenfleiß<br />

GmbH Beschützende Werkstätten”. 13<br />

Ein gewisser Stolz schwingt schon in der Aufzeichnung über die<br />

erste Besichtigung der Werkstatt im Jahre 1968 mit:<br />

... Herr Wahle gab einen ausführlichen Bericht über die<br />

Einrichtung und das Ziel der Beschützenden Werkstatt.<br />

Unter Darlegung der gesetzlichen Bestimmungen versuchte<br />

er, den Anwesenden ein Bild über die Eingliederung des<br />

in der Beschützenden Werkstatt beschäftigten Personenkreises<br />

in die ... Gesellschaft zu vermitteln.<br />

U. a. führte er aus, daß für die Einstellung der geistig<br />

Behinderten eine Kommission unter Leitung eines Dipl.-<br />

Psychologen gebildet worden sei, der ein Vertreter der<br />

Arbeitsverwaltung, eine Familienfürsorgerin, der Geschäftsführer<br />

der ‘Westfalenfleiß GmbH’ und eine Fachkraft<br />

des Sozialamtes angehören. Von bisher 41 vorgeladenen<br />

Personen habe dieses Gremium 22 für geeignet befunden,<br />

in 10 Fällen lehnten die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten<br />

eine Aufnahme ab bzw. folgten der Einladung nicht.<br />

Von den verbleibenden 9 waren 4 Personen zum Zeitpunkt<br />

der Vorladung erkrankt, 5 waren für die Tätigkeit aus<br />

verschiedenen Gründen nicht geeignet. Es kann jedoch<br />

gesagt werden, daß die in der Beschützenden Werkstatt zur<br />

Verfügung stehenden 50 Plätze nach und nach besetzt<br />

werden können ...<br />

Geschäftsführer Herfert berichtete aus der Arbeit des<br />

Schwerbeschädigtenbetriebes. Zur Zeit werden Bürsten und<br />

Besen hergestellt. In die Produktion soll demnächst die<br />

145


146<br />

Herstellung von Paletten für Gabelstapler aufgenommen<br />

werden. ...<br />

Eine weitere Aufgabe des Schwerbeschädigtenbetriebes ist<br />

die Bewachung von Parkplätzen. Nach Darstellung des<br />

Berichterstatters wirft diese Bewachung zur Zeit keinen<br />

Gewinn ab, diese Erscheinung ist erfahrungsgemäß jahreszeitbedingt.<br />

Die Übernahme von weiteren Parkplätzen verursache<br />

erhebliche Einrichtungs- und Herstellungskosten.<br />

Sodann teilte Herr Herfert mit, daß am 2.1.1968 die Arbeit<br />

in der Beschützenden Werkstatt (Zusammensetzen von Filtern<br />

für die Firma Hengst) angelaufen sei. Für die ‘Beschützende<br />

Werkstatt’ seien 4 Personen (1 Fürsorgerin, 1<br />

Gruppenleiterin, 1 Gruppenleiter für die Filterproduktion,<br />

1 Tischler) eingestellt worden. Von einer produktiven Arbeitsleistung<br />

könne man im Augenblick noch nicht sprechen.<br />

Zunächst müsse sich dieser Personenkreis in die<br />

Gemeinschaft einfügen lernen, um allmählich an die Arbeit<br />

herangeführt zu werden.<br />

Herr Neuhaus regte an, nach einer gewissen Zeit in der<br />

Beschützenden Werkstatt einen sog. ‘Tag der offenen Tür’<br />

zu veranstalten um der Bevölkerung Möglichkeiten für eine<br />

Eingliederung des o. g. Personenkreises in den Arbeitsprozeß<br />

aufzuzeigen. Alsdann soll nach einhelliger Meinung der<br />

Ausschußmitglieder die Presse von dieser Einrichtung unterrichtet<br />

werden. Auf Anfrage von Herrn Murach teilte<br />

Herr Alstede mit, daß zu einem späteren Zeitpunkt auch an<br />

die Mitwirkung der Eltern und anderer Beteiligter gedacht<br />

sei ... . 14<br />

Gerade der Motor der Werkstattbewegung in der Stadt Münster,<br />

Stadtrat Neuhaus, war also in besonderem Maße an einer breiten<br />

Wirkung der Werkstatt in der Öffentlichkeit interessiert - wohl<br />

wissend, daß Toleranz gegenüber behinderten Menschen immer<br />

auf der Kenntnis ihrer Lebenssituation beruht.<br />

Etwas Einzigartiges war es nun, daß bei der Westfalenfleiß<br />

GmbH sowohl die Alten wie auch die Jungen einen Platz<br />

gefunden hatten, denn der Altbetrieb bestand als Teil der Firma<br />

fort. Daß verschiedene Generationen unter einem Dach beschäf-


tigt waren, führte zu einem lebendigen und anregenden gemeinsamen<br />

Miteinander. 15<br />

Personell ausgelastet war die Firma nun allemal: Am 31.12.1970<br />

hatte die „Beschützende Werkstatt” 48 behinderte Beschäftigte;<br />

der Altbetrieb hingegen 35 gewerbliche Arbeitnehmer: 17 Gleichgestellte,<br />

3 Unfallbeschädigte, 4 Kriegsbeschädigte und 11 Gesunde.<br />

16<br />

1968 wurden am Hafengrenzweg noch Besen und Bürsten hergestellt.<br />

Soviel Leben hatte es auf dem Gelände am Hafengrenzweg seit<br />

Jahrzehnten nicht mehr gegeben.<br />

Daß der Einklang unter den Beschäftigten und Kompetenz<br />

gewahrt blieb, war nicht zuletzt ein Verdienst der integrativen<br />

Kraft und Persönlichkeit der Fürsorgerin jener Jahre: Ursula<br />

Wulfert. Sie war seit 1970 der sozialpädagogische Spiritus<br />

Rector der Firma und wurde in dieser Position auch von den<br />

Gesellschaftern anerkannt. 17<br />

147


148<br />

Zu Garanten für menschliche Betreuung in den Gruppen wurden<br />

die ersten Gruppenleiter, die sich in schwierige Situationen<br />

Einer der ältesten Mitarbeiter der Westfalenfleiß (Hans Nick) 1969 beim Essenstransport<br />

von der Halle Münsterland.


einzudenken verstanden. Sie alle bildeten das Team der ersten<br />

Jahre und wichtige Mosaiksteine in der Fortentwicklung der<br />

Westfalenfleiß GmbH.<br />

Besieht man die Situation im Bereich des Einzugsgebietes des<br />

Landschaftsverbandes, so muß man dem folgenden Papier aus<br />

dem Jahre 1973 zustimmen:<br />

... Die Folgen des zweiten Weltkriegs mögen die Ursache<br />

gewesen sein, daß im Gegensatz zu der Entwicklung im<br />

Ausland die Betreuung Behinderter in Tageseinrichtungen<br />

in der Bundesrepublik erst Anfang der Sechziger<br />

Jahre begann.<br />

Die Voraussetzungen zu dieser Betreuung schaffte das<br />

Bundessozialhilfegesetz und das Ausführungsgesetz des<br />

Landes NW. Mit diesen Gesetzen wurde in NW den Landschaftsverbänden<br />

Rheinland und Westfalen, den überörtlichen<br />

Trägern der Sozialhilfe, die teilstationäre Betreuung<br />

Behinderter übertragen. Auch angespornt durch die<br />

Entwicklung in unseren Nachbarländern entstanden ab<br />

1963 in schneller Reihenfolge im ganzen Bereich des<br />

Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe Tageseinrichtungen,<br />

die in Sonderkindergärten, Tagesbildungsstätten und<br />

Werkstätten für Behinderte Behinderte in ihren Fähigkeiten<br />

entsprechend fördern ... . 18<br />

Und im Hinblick auf die Werkstätten heißt es dort:<br />

... Eine Werkstatt für Behinderte ist eine Einrichtung, in<br />

der für Personen, die wegen ihrer Behinderung auf dem<br />

allgemeinen Arbeitsmarkt nicht, noch nicht oder noch<br />

nicht wieder vermittelt werden können, Plätze für eine<br />

angemessene Arbeit oder Tätigkeit bereitstehen.<br />

Um den unterschiedlichen Behinderungen und Fähigkeiten<br />

der Behinderten gerecht werden zu können, muß ein<br />

differenziertes Arbeitsangebot sichergestellt werden.<br />

149


150<br />

Die Arbeitsvorgänge sind den körperlichen, geistigen und<br />

seelischen Fähigkeiten der Behinderten anzupassen. Die<br />

Arbeitsbedingungen sind den in der Wirtschaft üblichen<br />

anzugleichen soweit die Behinderungen der Beschäftigten<br />

dies zulassen. ... Der Standort soll so gewählt werden, daß<br />

eine gute Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und eine<br />

günstige Verkehrsverbindung gewährleistet sind.<br />

Das Einzugsgebiet ist so festzulegen, daß unzumutbar lange<br />

Anfahrtswege vermieden werden.<br />

Im Endausbau muß die Werkstatt mindestens 120 Plätze<br />

Pause der behinderten Beschäftigten auf dem Hof der Westfalenfleiß.<br />

umfassen.<br />

Die Arbeitsräume, Speise- und Aufenthaltsraum, Wirtschaftsraum,<br />

Kranken-, Ruhe- und Gymnastikraum, Umkleide-<br />

und Sanitärräume, Beratungs- und Arztraum dienen<br />

nicht nur der Eingliederung in die Arbeitswelt, sondern<br />

allgemein auch der Eingliederung in die Gemeinschaft.<br />

Eine Gutachtergruppe berät den Träger.<br />

Der Leiter der Werkstatt und die Leiter der Gruppe müssen<br />

eine entsprechende Ausbildung und Erfahrung besitzen.


Die Werkstatt muß dem Behinderten eine wöchentliche<br />

Arbeitszeit von 30 Stunden ermöglichen.<br />

Soweit erforderlich, werden die Behinderten von der Wohnung<br />

zur Werkstatt und zurück gefahren. ... In Westfalen-<br />

Lippe gab es am 1.2.1973 23 Werkstätten mit rund 1.700<br />

Plätzen. Bis zum 1.1.1980 sind geplant 35 Werkstätten mit<br />

rd. 5.600 Plätzen. Die Planung ist abgestimmt mit den<br />

Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege.<br />

Jeweils nur ein Spitzenverband ist verpflichtet, in dem<br />

geplanten Einzugsbereich einer Werkstatt die Behinderten<br />

Der eigens neu errichtete Speiseraum am Hafengrenzweg (1968).<br />

mit Werkstattplätzen zu versorgen.<br />

Die Finanzierung des Baus und der maschinellen Ausstattung<br />

der Werkstätten erfolgt durch Mittel des Landes, der<br />

Arbeitsverwaltung und durch Eigenmittel der Träger. Die<br />

laufenden Kosten werden durch einen Arbeitsplatzzuschuß<br />

des Landschaftsverbandes [von zur Zeit jährlich 4.300.-<br />

DM] abgefangen.<br />

Bis 1980 werden auch ca. 1.800 Wohnheimplätze in Westfalen-Lippe<br />

benötigt. Bei der Planung wird davon ausge-<br />

151


152<br />

gangen, daß ca. 1/3 aller Werkstattplätze mit Behinderten,<br />

die für eine Wohnheimunterbringung in Frage kommen,<br />

besetzt sein wird ... . 19<br />

So war also an eine Verbindung von Leben und Arbeiten gedacht.<br />

Die Zahl der Beschäftigten stieg indessen gewaltig.<br />

Auch aus dem seinerzeit noch existierenden Kreis Münster drängten<br />

behinderte Menschen in eine geeignete Werkstatt - zur Westfalenfleiß<br />

GmbH. Stadtrat Neuhaus stellte am 29.01.1969 fest, daß<br />

die Kompetenz für die Einstellung von Behinderten in die „Beschützende<br />

Werkstatt” beim Sozialamt der Stadt Münster liege.<br />

Die Einstellung von Behinderten aus dem Landkreis sei eine<br />

sozialpolitische Angelegenheit. 20<br />

Das hieß auch, daß es nicht unerwünscht war, den Kreis in die<br />

Gruppe der Kapitaleigner der Gesellschaft aufzunehmen.<br />

Deshalb verhandelte man am 02.04.1970 über den Beitritt des<br />

Kreises Münster, der um Aufnahme in die Gesellschaft der Westfalenfleiß<br />

GmbH gebeten hatte. 21 Die im münsterschen Umland,<br />

dem Kreis Münster, lebenden behinderten Menschen unterzubringen,<br />

war nämlich nicht mehr möglich. 22 Es fehlten einfach geeignete<br />

Einrichtungen.<br />

Auf der Gesellschafterversammlung am 14.04.1970 gab Stadtrat<br />

Neuhaus bekannt, daß für den Rat der Stadt Münster eine Vorlage<br />

erarbeitet worden war, die die Aufnahme des Landkreises Münster<br />

in die Westfalenfleiß GmbH vorsah. Der Kreis wollte 20.000 DM<br />

als Gesellschaftskapital und 50.000 DM als Investitionszuschuß<br />

geben. Die 50.000 DM sollten zur Erweiterung der Werkstatt auf<br />

70 Plätze verwendet werden. 23<br />

Das Geld wurde dringend gebraucht, denn allein die nötige Einrichtung<br />

von Sanitärräumen für Mädchen und Frauen kostete<br />

40.000 DM. 24 Die Gesellschafter der Westfalenfleiß GmbH stimmten<br />

dem Beitritt zu - mehr Effizienz durch mehr Kapital konnte der<br />

Werkstatt nur zuträglich sein.


In der Sitzung am 08.07.1970 beschloß der Kreistag des Kreises<br />

Münster der Westfalenfleißgesellschaft beizutreten. Eine Stammeinlage<br />

von 20.000 DM brachte er mit ein. Außerdem stellte er<br />

50.000 DM für die Schaffung von 20 weiteren Arbeitsplätzen in<br />

der Werkstatt zur Verfügung. Der Kreis ging davon aus, daß die<br />

Gesellschaft keine Verluste machte und daß die eventuell negative<br />

Bilanz vom Landschaftsverband als zuständigem Sozialhilfeträger<br />

ausgeglichen werden würde.<br />

Es wurden nun zusätzlich weitere 20 Arbeitsplätze geschaffen. 25<br />

Der Bedarf war jedoch erheblich größer. So wurden 1975 bereits<br />

105 Behinderte beschäftigt. 26 Aber auch damit war eine zufriedenstellende<br />

Versorgung noch nicht gegeben.<br />

In jenen Jahren änderte sich die Situation im Umfeld der „Beschützenden<br />

Werkstätten” radikal - und das auch in Münster. Die<br />

Institution „Beschützende Werkstatt” veränderte sich. War sie zu<br />

Beginn der Siebziger Jahre noch eher „... das letzte Glied in der<br />

Kette der Einrichtungen zur teilstationären Betreuung geistig<br />

Behinderter ...”, 27 so war sie 1975, durch das Arbeitsförderungsgesetz<br />

vom 25.06.1969, die A-Reha vom 02.07.1970 und das<br />

Schwerbehindertengesetz vom 30.04.1974 zu einer Werkstatt für<br />

Behinderte geworden. Aus einem abschließenden Therapieschritt<br />

war eine Einrichtung zur beruflichen Rehabilitation geworden. 28<br />

Sie bot - und bietet noch immer - behinderten Menschen einen<br />

Arbeitsplatz oder Gelegenheit zur Ausübung einer geeigneten<br />

Tätigkeit. 29<br />

Dadurch wurden - und werden - die unterschiedlichsten Behindertenkreise<br />

erfaßt. Im wesentlichen handelt es sich - immer noch - um<br />

geistig und seelisch Behinderte, Lernbehinderte, Körperbehinderte,<br />

Unfallgeschädigte und Sinnesgeschwächte.<br />

Der Staat, wie immer wenn er finanziell gefordert ist, drängte auf<br />

Normierung und Vereinheitlichung der Werkstatt, insbesondere<br />

153


154<br />

mit dem Schwerbehindertengesetz von 1974. Es war sein Ziel,<br />

eine arbeitsmarkt-, produktions- und leistungsorientierte Einrichtung<br />

zu schaffen.<br />

Per Erlaß ergingen am 05.12.1974 Grundsätze zur Konzeption<br />

der Werkstatt für Behinderte. 30 Diese umfangreiche Vorschriftensammlung<br />

brachte den Werkstätten nicht nur gesetzliche Auflagen,<br />

sondern auch drei Hauptvorteile:<br />

1. Aufträge waren leichter zu bekommen, denn Auftraggeber<br />

konnten 30 % der Rechnungsbeträge von der Ausgleichsabgabe<br />

absetzen.<br />

2. Die öffentliche Hand mußte Aufträge vorrangig an Werkstätten<br />

verteilen.<br />

3. Die Beschäftigten wurden in die Sozialversicherung aufgenommen.<br />

Auf die Gliederung der Werkstatt nahm der Staat natürlich auch<br />

Einfluß, denn er strukturierte die Werkstatt in Stufen:<br />

1. Eingangsstufe<br />

2. Arbeitstrainingsstufe<br />

3. Produktionsstufe<br />

Fernerhin sollte ein Arbeitsentgelt gezahlt werden. Für die Aufnahme<br />

sollte die Erfüllung folgender Kriterien gelten:<br />

1. Gemeinschaftsfähigkeit<br />

2. Pflegeunabhängigkeit (weitestgehend)<br />

3. Erbringen eines Mindestmaßes an wirtschaftlich verwertbarer<br />

Arbeit.<br />

Eine andere Neuerung der Mitte der 70er Jahre war der Gesellschafterwechsel<br />

bei Westfalenfleiß GmbH.<br />

Während der vorhergehenden Jahre waren beim Landschaftsverband<br />

Westfalen-Lippe Überlegungen gediehen, rechtsverbindliche<br />

Vereinbarungen zu treffen, innerhalb des Landesfürsorgeverbandes<br />

Bezirke zu bilden, die an die Träger der freien Wohlfahrtspflege<br />

zu vergeben sein sollten. 31


Im Jahre 1971 einigte man sich darüber, welcher Wohlfahrtsverband<br />

im Behindertenbereich gebietsmäßig wo versorgen sollte. 32<br />

Es wurden jeweilige Einzugsgebiete für die Werkstatt verbindlich<br />

abgesprochen und festgelegt. 33<br />

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO), traditionell immer an der Seite der<br />

Schwachen und Benachteiligten, war demnach für Münster und<br />

den früheren Kreis Münster zuständig, wobei Greven ausgenommen<br />

sein sollte. 34 (Heute versorgt die Werkstatt Münster und<br />

Telgte.)<br />

Der Ausstieg des LWL war keine Überraschung: Er beabsichtigte<br />

schon seit geraumer Zeit seine Beteiligung an der Westfalenfleiß<br />

GmbH aufzugeben. So stellte er in der Gesellschafterversammlung<br />

vom 24.06.1975 den Antrag, die Gesellschaft möge einer Übertragung<br />

seines Anteils an die Arbeiterwohlfahrt zustimmen. 35 Dem<br />

widersetzte sich die Stadt Münster. 36 Der LWL konnte aber gemäß<br />

§ 5, I des Gesellschaftervertrages, trotz Widerspruchs der Stadt,<br />

mit sechsmonatiger Kündigungsfrist rechtswirksam kündigen. 37<br />

Der Widerstand der Stadt war demnach vollkommen sinnlos, denn<br />

er vermochte nichts zu verändern. Der Landschaftsverband würde<br />

so oder so sein Kapital auf die AWO übertragen. Das sah auch die<br />

Stadt ein. 38<br />

Die Stadt Münster stand nun in einem ziemlichen Dilemma, denn<br />

nach dem Subsidiaritätsprinzip (d.h.: angesprochen Hilfe zu leisten<br />

ist immer derjenige, der dazu am besten in der Lage ist) war sie<br />

einerseits stets bestrebt gewesen, die freie Wohlfahrtspflege in die<br />

Pflicht zu nehmen, andererseits war es weder ihre Absicht gewesen,<br />

alleiniger Betreiber einer Firma zu sein, die behinderte Menschen<br />

beschäftigte noch als einziger Träger aus dem Bereich der<br />

Öffentlichen Hand Mitbetreiber zu sein. 39<br />

Hinzu kam, daß neben der AWO mittlerweile die Lebenshilfe, ein<br />

von Eltern behinderter Kinder 1961 in Münster gegründeter<br />

Selbsthilfeverein, zum anerkannten Träger der Behindertenarbeit<br />

155


156<br />

im Bereich der Stadt Münster herangewachsen war, was bei der<br />

Vereinbarung von 1971 über die Vergabe der Sprengel noch keine<br />

Berücksichtigung gefunden hatte. 40<br />

Zwar war die nun beabsichtigte Beteiligung der Lebenshilfe an<br />

einer Werkstatt eigentlich eine Abänderung des seinerzeitigen<br />

Agreements, aber Stadt, wie auch Landschaftsverband, akzeptierten<br />

ohne Widerspruch, wegen der erwiesenen Kompetenz der<br />

Elternorganisation, die Aufnahme der Lebenshilfe in den Rang<br />

eines konzessionierten Trägers der Behindertenarbeit. Beide zusammen<br />

sollten in Münster Behindertenarbeit leisten. Das war ein<br />

anderes Ergebnis, als man zunächst erwartet hatte.<br />

Die AWO, wie auch die Lebenshilfe, gingen zunächst davon aus,<br />

daß der LWL-Gesellschaftsanteil von der AWO übernommen und<br />

um 41.000 DM aufgestockt werde. Die Lebenshilfe sollte 40.000<br />

DM einbringen und die Stadt weitere 40.000 DM als Stammkapital<br />

innehaben. 41<br />

Die Stadt war aber nicht bereit, weiter Kapital bei der Westfalenfleiß<br />

GmbH zu führen. Man wollte freie Träger alleine walten<br />

lassen - gerade, weil Handlungsbedarf bestand. 42<br />

(Sowohl die Westfalenfleiß GmbH wie auch die AWO-Werkstatt<br />

waren in dieser Zeit überbelegt. Es gab sogar eine Warteliste mit<br />

25 Behinderten, die noch nicht aufgenommen werden konnten.) 43<br />

Da sich die AWO und die Lebenshilfe bereit erklärten, die<br />

Schaffung von weiteren Arbeitsplätzen für Behinderte zu übernehmen,<br />

beabsichtigte nun auch die Stadt, sich von der Gesellschaft<br />

zu lösen, was bedeutete, daß sie an die AWO bzw. die<br />

Lebenshilfe ihren Stammkapitalanteil übertrug. 44 Der Lebenshilfe<br />

Münster und der AWO wurden zu gleichen Teilen die Stammkapitalanteile<br />

der Stadt Münster an der Westfalenfleiß GmbH<br />

übertragen, wie es der Ratsbeschluß vom 01.10.1975 vorsah. 45<br />

Die Stadt Münster war nämlich nach der Kommunalreform<br />

alleinige Inhaberin der 40.000 DM Stammkapital, das zur Hälfte


aus eigenen und zur anderen Hälfte aus dem Kapitalanteil des<br />

Kreises Münster herrührte.<br />

Gemeinsam sollten die beiden freien Träger die Werkstatt selbständig<br />

und eigenverantwortlich tragen und fortführen. 46<br />

Der LWL hatte sich damit weitgehend aus der Betreuung und<br />

Unterhaltung eigener Werkstätten zurückgezogen, weil er dies für<br />

zweckmäßig hielt. Träger der Werkstatt und Kostenträger sollten<br />

getrennt sein. 47<br />

Damit trug man gleichzeitig dem § 23 BSHG Rechnung, wo<br />

vorgesehen war, daß der örtliche Sozialhilfeträger keine eigenen<br />

Einrichtungen tragen sollte. Diese sollten vielmehr von freien<br />

Trägern bereitgestellt werden. 48<br />

Die konfessionellen Verbände, die auch diesmal gefragt worden<br />

waren, hatten auch jetzt kein Interesse gezeigt, weder an der<br />

Einrichtung einer Beschützenden Werkstatt auf dem Gelände der<br />

Westfalenfleiß GmbH, noch daran, die Einrichtung kapitalsmäßig<br />

fortzuführen. 49 Dieser Sektor konnte nicht von ihnen mitversorgt<br />

werden, da sie, insbesondere der katholische Teil, ihre Priorität im<br />

schulischen Bereich gesetzt hatten (Papst Johannes Schule in<br />

Kinderhaus). Deshalb waren die Anteile des Landschaftsverbandes<br />

in Höhe von 40.000 DM auf die AWO übertragen worden, 50<br />

was die Stadt schließlich akzeptierte. 51 Es war also ein auf gutes<br />

Einvernehmen bedachter Entschluß erfolgt.<br />

Die AWO konnte dabei als Idealpartner gelten, denn sie hatte<br />

bisher schon eng mit der Westfalenfleiß GmbH zusammengearbeitet,<br />

kannte also Probleme, Beschäftigte und Gebäude. 52<br />

Die Lebenshilfe, ursprünglich aus dem ehrenamtlichen Engagement<br />

von Eltern behinderter Kinder hervorgegangen, strebte nach<br />

Teilhabe an einer Werkstatt in Münster. Die Eltern wollten die<br />

Zukunft ihrer Kinder sichern. Die Kooperation mit der AWO war<br />

dabei ein Novum, da beide Organisationen bisher noch nie institu-<br />

157


158<br />

tionell zusammengearbeitet hatten. Auch hinsichtlich einer Behindertenwerkstatt<br />

in Wolbeck - das Engagement dort sah der Landschaftverband<br />

mit Wohlwollen 53 - hatte man bisher nur Gespräche<br />

geführt. 54 So schrieb die Lebenshilfe am 10.06.1975 an den Landschaftsverband:<br />

... Die Ortsvereinigung ‘Lebenshilfe für geistig Behinderte<br />

e.V.’, Münster, hält die vorläufige Anmietung des Hauses<br />

Montage von Heftrücken in der AWO-Werkstatt auf der Buckstraße.<br />

Wolbeck durch die Arbeiterwohlfahrt für den Betrieb einer<br />

Werkstatt für Behinderte und eines Wohnheimes für Behinderte<br />

zum 01.01.1976 für eine Übergangszeit von 10 Jahren<br />

für unbedingt erforderlich ... . 55<br />

Beide Träger, Arbeiterwohlfahrt wie Lebenshilfe, konnten und<br />

können als kompetente Partner für eine sachgerechte Behindertenarbeit<br />

in Münster gelten.<br />

Die AWO betrieb schon seit dem 01. April 1971 an der Buckstra-


ße eine eigene Werkstatt für Behinderte, die 45 Plätze umfaßte.<br />

Im Zeitraum 1973 bis 1974 war sie mit der Entwicklung ihrer<br />

Behindertenwerkstatt sehr zufrieden gewesen, was auch der<br />

Landschaftsverband so gesehen hatte. So stieg die Zahl der<br />

behinderten Mitarbeiter von 34 im Jahre 1973 auf 45 im Jahre<br />

1974. Die Aufnahmekapazität war damit eigentlich erschöpft.<br />

Platzmangel war ein Dauerproblem geworden. Schon seit 1971<br />

bemühte sich die AWO deshalb um ein geeignetes Gebäude für<br />

Herstellung von Gummimatten in der Buckstraße (Anfang der 70er Jahre).<br />

einen Werkstattumbau. 56<br />

So mietete man schließlich Haus Wolbeck, ein ehemaliges Hotel,<br />

wo eine Werkstatt für 80 Beschäftigte entstehen sollte - neben<br />

einem Wohnheim mit 40 Plätzen. Es entstand eine Verflechtung<br />

von Arbeit und Leben. Die AWO verstand sich dabei als Kämpfer<br />

für die Rechte der Behinderten als sozial vollwertige Menschen.<br />

So war es auch verständlich, daß die AWO 1975 besonders<br />

159


160<br />

sozialpolitisch positiv bewertete, daß die Behinderten nun Lohnzahlungen<br />

erhielten. 57<br />

Zu ihren besonderen Verdiensten zählt es, daß in Wolbeck für die<br />

münsterschen behinderten Menschen eine Werkstatt entstanden<br />

war.<br />

Kegeln im Haus Wolbeck - Verflechtung von Arbeit und Leben: In dem ehemaligen<br />

Hotel in Wolbeck entsteht neben einem Wohnheim mit 40 Plätzen eine Werkstatt für 80<br />

Beschäftigte.<br />

Ihr Partner, die Lebenshilfe, stand dem nicht nach.<br />

1958 wurde in Marburg die Lebenshilfe für das geistig behinderte<br />

Kind als Elternverband für die Bundesrepublik gegründet. 58 Dies<br />

geschah durch den Niederländer Tom Mutters, der als UNO-<br />

Beauftragter nach Deutschland geschickt worden war, um sich der<br />

Flüchtlingskinder anzunehmen. Sehr schnell stieß er auf geistig<br />

behinderte Kinder, die unter katastrophalen Bedingungen in Kinderheimen<br />

lebten. Er ging an die Öffentlichkeit und bat um Hilfe.<br />

Damit ermutigte er die betroffenen Eltern, die sich mit ihren


Sorgen an ihn wandten und in der ersten Lebenshilfevereinigung<br />

zusammen kamen.<br />

Gesellschaftlicher Hintergrund der Entstehung der Elternvereine<br />

behinderter Kinder bildete die sozio-ökonomische Nachkriegsentwicklung<br />

mit den Erscheinungen weiterer Verkleinerung der Haushalte,<br />

Auflösung traditioneller Familien- und Produktionsverbände<br />

und zunehmender Berufstätigkeit von Frauen.<br />

Deswegen organisierten sich die Eltern behinderter Kinder recht<br />

schnell in Art einer Selbsthilfeorganisation. Im Ausland boten sich<br />

die Vorbilder dazu: Der einflußreiche US-Lebenshilfeverein, der<br />

1930 gegründet wurde und der niederländische Elternverein dienten<br />

deutschen Gründungen als Vorbild. Beide waren sozialpolitisch<br />

erfolgreich aktiv. 59<br />

Es war ganz eindeutig das Verdienst der Lebenshilfe, daß der<br />

Gedanke einer „Beschützenden Werkstatt” in Deutschland neuen<br />

Aufschwung bekam. Der Holländer Tom Mutters, ihr geschickter<br />

Organisator, brachte dabei die enormen Fortschritte, die man bei<br />

unseren westlichen Nachbarn schon gemacht hatte, als Wissen ein.<br />

Er wurde zum Motor dieser einzigartigen Organisation.<br />

Auch in Münster wurde also diese segensreiche Entwicklung<br />

mitgetragen. 1961 gründete sich die „Lebenshilfe für das geistig<br />

behinderte Kind - Ortsvereinigung Münster/Westfalen”.<br />

Hier war es das Engagement vieler betroffener und engagierter<br />

Eltern, namentlich der Gattin des Oberstadtdirektors Austermann,<br />

Dr. Margret Austermann, das - aus der Perspektive<br />

betroffener Eltern - eine Selbsthilfegruppe zu einem funktionierenden<br />

Verband geformt hatte.<br />

Zunächst wurden in der „Alten Geist-Schule” durch ehrenamtliche<br />

Pädagogen sechs behinderte Kinder betreut. Die Anzahl der<br />

zu betreuenden Kinder nahm stetig zu und gleichzeitig wuchsen<br />

die Kinder zu jungen Erwachsenen heran. Angesichts dieser<br />

Tatsache wurde deutlich, daß sich die Arbeit der Lebenshilfe auf<br />

Dauer nicht nur auf die Kinderbetreuung beschränken konnte.<br />

161


162<br />

Um die Zukunft der Heranwachsenden zu sichern, arbeitete man<br />

auf die Errichtung einer Werkstatt für Behinderte hin.<br />

Zusammen mit vielen Mitstreitern warb man für eine menschlichere<br />

Umwelt für behinderte Menschen in Münster:<br />

... Beklagt wurde allgemein das Fehlen baulicher Voraussetzungen<br />

zugunsten des Körperbehinderten. So führte eine<br />

Zuhörerin das Beispiel der neuen Grundschule in Berg<br />

Fidel an, deren Stufen den Schulkindern im Rollstuhl das<br />

Leben schwer machten.<br />

Das Argument, daß derartige technische Barrieren nicht<br />

mit bösem Willen geschaffen worden seien, folgte der<br />

spontane Zwischenruf: ‘Nicht mit bösem Willen, aber ohne<br />

Kopf!’<br />

Daß der Kontakt des gesunden zum behinderten Kind im<br />

Rahmen des Klassenverbandes hilfreich ist, darauf wies<br />

Verwaltungsamtmann Peter Guhrauer hin. Im Interesse der<br />

Kinder, die auf Grund von Taub- oder Blindheit sowie<br />

wegen geistiger Schäden weiter die Sonderschule besuchen<br />

müßten, forderte er die ‘normalen’ Schulen zur Übernahme<br />

von Patenschaften mit regelmäßigen Besuchen auf ... . 60<br />

Und auch die Freizeit der behinderten Menschen konnte mit<br />

vielfältigen Angeboten sinnvoll bereichert werden. Etwa durch<br />

Schwimmunterricht, über den sogar die Presse lobend berichtete:<br />

... Behinderten-Schwimmen besteht seit zehn Jahren - DLRG<br />

und Lebenshilfe zogen jetzt Bilanz<br />

Ein kleines Jubiläum begehen in diesen Tagen gemeinsam<br />

die DLRG in Münster und die Lebenshilfe für geistig<br />

behinderte Kinder: Zehn Jahre alt werden nämlich die<br />

Schwimmkurse für geistig behinderte Kinder, Jugendliche,<br />

aber auch Erwachsene.<br />

Der erste Schwimmkurs hatte mit zwölf Behinderten am 23.<br />

Januar 1971 im Lehrschwimmbecken des Institutes für<br />

Leibesübungen am Horstmarer Landweg begonnen.<br />

Heute steht das moderne Hallenbad der Papst-Johannes-


Schule in Münster-Kinderhaus für die Kurse zur Verfügung.<br />

Jeden Dienstag bemühen sich zwölf Mitarbeiter der DLRG<br />

unter Federführung von Erich Pähler mit zum Teil bewundernswerter<br />

Geduld und mit viel Einfühlungsvermögen<br />

darum, die geistig Behinderten mit dem ‘feuchten Element’<br />

vertraut zu machen und sie schließlich soweit zu bringen,<br />

daß sie selbständig schwimmen können.<br />

Das dauert in günstigen Fällen etwa ein Jahr. Es gab bisher<br />

aber auch Kinder, die sechs Jahre Training benötigten, bis<br />

sie sich sicher und allein über Wasser halten konnten.<br />

Insgesamt haben von Januar 1971 bis heute 122 geistig<br />

Behinderte an den Schwimmkursen der Lebenshilfe und der<br />

DLRG teilgenommen.<br />

Zur Zeit nehmen 31 Behinderte im Alter von drei bis 36<br />

Jahren an einem Schwimmlehrgang teil. Unterrichtet werden<br />

die Schwimmschüler in drei Gruppen zu jeweils etwa<br />

zwölf Jungen und Mädchen. Jedem Teilnehmer steht dabei<br />

ein DLRG - Betreuer im Wasser zur Seite.<br />

Eine wichtige Aufgabe haben, laut Dr. Fritz Dieckmann von<br />

der Lebenshilfe, dabei die Eltern. Sie müssen ihre Kinder<br />

immer wieder neu motivieren, den Kursus durchzuhalten.<br />

Die Eltern haben in der Schwimmhalle der Papst-Johannes-Schule<br />

dann auch Gelegenheit, sich von den Fortschritten<br />

ihrer Sprößlinge zu überzeugen. Durch eine Glasscheibe<br />

haben sie freien Blick in die Halle und können alle<br />

Aktionen aufmerksam verfolgen.<br />

Die Bilanz, die Lebenshilfe und DLRG jetzt zogen, kann<br />

sich sehen lassen: Von den 91 Behinderten, die bisher schon<br />

den Schwimmkursus abgeschlossen haben, haben 48 das<br />

Schwimmen erlernt. Bis auf wenige besitzen alle das ‘Seepferdchen’,<br />

35 der Kursusteilnehmer haben ein Freischwimmerzeugnis,<br />

und 15 von ihnen besitzen sogar ein Fahrtenschwimmerzeugnis<br />

... . 61<br />

163


164<br />

1 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.12.1964 vom 17.12.1964.<br />

2 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.12.1964 vom 17.12.1964.<br />

3 Savelsberg, S. 9.<br />

4 Savelsberg, S. 9.<br />

5 Savelsberg, S. 12.<br />

6 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Gesellschafterbesprechung am 21.06.1965.<br />

7 LWL, Abt. 60, Gr. 22, Sachgr. 02, Abt. 16, „Beschützende Werkstatt” Westfalenfleiß,<br />

1967.<br />

8 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Notiz über Gesellschafterversammlung am 06.09.1967.<br />

9 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Notiz über Gesellschafterversammlung am 06.09.1967.<br />

10 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Arbeits - und Sozialministerium NRW an Westfalenfleiß<br />

(02.02.1968).<br />

11 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Stadt Münster an Westfalenfleiß, 09.01.1968.<br />

12 Münstersche Zeitung, 26.01.1968.<br />

13 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Gesellschafterversammlung am 23.08.1968.<br />

14 STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 2, Niederschrift über die 18. Sitzung des Sozialausschus-<br />

ses am 25.01.1968, Punkt 3.<br />

15 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Interview Gerhard K. und Interview Ursula W..<br />

16 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - Aufstellung von Beschäftigten am 31.12.1970<br />

zum Fragebogen des LWL.<br />

17 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - Stadt Münster - Sozialdezernat an die Westfalen-<br />

fleiß GmbH, 21.09.1970.<br />

18 STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 3, Vortrag am 21.03.1973.<br />

19 STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 3, Vortrag am 21.03.1973.<br />

20 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Gesellschafterversammlung am 29.01.1969.<br />

21 Zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - Ratsvorlage Nr. 72/70/Soz. 3,<br />

02.04.1970.<br />

22 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Bd. 2, Niederschrift 4. Sitzung des Sozialausschusses,<br />

22.04.1970.<br />

23 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Protokoll der Gesellschafterversammlung am 14.04.1970.<br />

24 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Protokoll der Gesellschafterversammlung am 14.04.1970.<br />

25 Ebd..<br />

26 Ebd..<br />

27 Zitat nach: Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - LWL an Lebenshilfe, 18.02.1975<br />

(Kopie).<br />

28 Ebd..<br />

29 Ebd..<br />

30 Savelsberg, S. 13, von Schutz (Werkstatt für Behinderte) war keine Rede mehr.<br />

31 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Interview mit Reiner U. am 06.04.1995.<br />

32 Ebd..<br />

33 Ebd..<br />

34 Ebd..<br />

35 Ebd..<br />

36 Ebd..<br />

37 Ebd. und Gesellschaftervertrag.


38 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Interview Reiner U..<br />

39 So in Ratsvorlage wie oben.<br />

40 Vergl: Archiv Westfalenfleiß GmbH - C1 - Interview Rainer U..<br />

41 Ebd..<br />

42 Ebd..<br />

43 Vgl. hierzu und zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - AWO an Stadt<br />

Münster, LWL und Lebenshilfe, 09.05.1975.<br />

44 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Gesellschafterversammlung, 16.12.1975.<br />

45 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - Oberstadtdirektor von Münster, Ratsvorlage vom<br />

05.09.1975.<br />

46 Ebd..<br />

47 Ebd..<br />

48 Ebd..<br />

49 Ebd..<br />

50 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - Oberstadtdirektor von Münster, Ratsvorlage vom<br />

05.09.1975.<br />

51 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Gesellschafterversammlung, 16.12.1975.<br />

52 Ebd..<br />

53 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - LWL an AWO, 16.06.1975.<br />

54 Ebd..<br />

55 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - Lebenshilfe an LWL (Kopie), 10.06.1975.<br />

56 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - AWO an Stadt Münster, LWL und Lebenshilfe,<br />

09.05.1975.<br />

57 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - AWO - Geschäftsbericht 1973/74/75.<br />

58 Hierzu und zum Folgenden: Lebenshilfe, S. 150 f.<br />

59 Fandrey, S. 263.<br />

60 STDAM, OBM, Nr. 208, WN, 11.07.1975<br />

61 Westfälische Nachrichten, 21.01.1981.<br />

165


166<br />

12. Die Westfalenfleiß GmbH heute: Produktive Vielfalt<br />

und soziale Gemeinschaft<br />

Die heutige Westfalenfleiß GmbH als Werkstatt für Behinderte<br />

ist das Ergebnis eines langen und vielschichtigen Entwicklungsprozesses<br />

während der vergangenen (fast) drei Jahrzehnte. Sie<br />

hat sich in dieser Zeit zu einem sozialen Großbetrieb entwickelt.<br />

Immer mehr behinderte Menschen aus ihrem Einzugsgebiet, der<br />

Stadt Münster und Telgte, drängten auf Aufnahme in die gemeinnützige<br />

Werkstatt.<br />

Hinzu kam, daß im Rahmen der Enthospitalisierung auch Langzeitpatienten<br />

der Westfälischen Klinik für Psychiatrie (WKfP)<br />

arbeitsmäßig in die Werkstatt für Behinderte integriert wurden:<br />

Bis heute arbeiten geistig behinderte Menschen bei der Westfalenfleiß<br />

GmbH, während sie weiterhin in der WKfP ihren Wohnplatz<br />

haben.<br />

Die Westfalenfleiß GmbH heute ist ein Partner der Wirtschaft und arbeitet mit<br />

modernen Maschinen.


Dies alles ging mit der Aufgabe einher, alle, die nicht in der freien<br />

Wirtschaft einen Arbeitsplatz fanden, z. B. auch Unfallgeschädigte,<br />

Lernbehinderte und gehörlose Menschen, in die Werkstatt<br />

für Behinderte zu integrieren. Noch heute gilt die Leitidee<br />

„Selbstverwirklichung durch berufliche Eingliederung“.<br />

Heute zählen die Weltunternehmen Armstrong und BASF genauso zu den Partnern der<br />

Werkstatt wie Lancier und Ostermann & Scheiwe.<br />

Die Werkstätten insgesamt, so auch die Westfalenfleiß GmbH,<br />

haben diese Aufgabe bisher hinreichend erfüllen können. Es<br />

waren für sie Jahre voller Bewegung und Betriebsamkeit, bis man<br />

sagen konnte:<br />

... Die Werkstätten für behinderte Menschen sind in der<br />

Zwischenzeit zu einem nicht mehr zu unterschätzenden<br />

Wirtschaftszweig geworden.<br />

Längst vorbei sind die Zeiten, wo die Werkstätten nur als<br />

Hersteller für Holzspielzeug galten. Heute sind die Werkstätten<br />

unter anderem ein Partner der Wirtschaft und<br />

arbeiten mit modernen Maschinen und sind im Dienstleistungsgewerbe<br />

auf vielen Gebieten tätig ... . 1<br />

167


168<br />

Bei der Westfalenfleiß GmbH in Münster hat man nie den Fehler<br />

gemacht, sich ganz und gar auf die typischen Produktionsbereiche<br />

der Behindertenwerkstätten zu verlegen. Schon sehr früh<br />

machte man sich Gedanken darüber, in welchen Bereichen man<br />

eine Marktlücke für sich nutzen könnte.<br />

In enger Zusammenarbeit mit der Industrie wurden standardisierte<br />

Arbeiten verrichtet, die von dem traditionellen Beschäftigungsweg<br />

hin zum selbstbewußtseinstärkenden Arbeiten führten.<br />

Dafür sind die für den bekannten Filterproduzenten Hengst<br />

ausgeführten Tätigkeiten in den ersten Jahren Beleg. Heute<br />

zählen die Weltunternehmen Armstrong und BASF genauso zu<br />

den Partnern der Werkstatt wie Lancier und Ostermann &<br />

Scheiwe.<br />

Die Entwicklung und Förderung der Fähigkeiten der Beschäftigten<br />

stand und steht bei allen Arbeiten im Vordergrund.<br />

Um auch die in praktischen Arbeiten Untrainierten in ihrer<br />

Feinmotorik zu fördern, begann man in den ersten Jahren der<br />

Behindertenwerkstatt Modeschmuck zu produzieren, was auch<br />

von der Presse der Domstadt besonders lobend aufgenommen<br />

wurde:<br />

... Neue Lebensgrundlage durch Arbeit<br />

Die hübschen Ketten, in vielerlei Weise als Schmuckstücke<br />

zu verwenden, sind von Ingeborg gemacht. Sie ist spastisch<br />

gelähmt und leicht geistig behindert. Sie hat besondere<br />

Werkzeuge und ihr Arbeitsplatz wurde eigens hergerichtet.<br />

Bewundert man ihre Ketten, ist es ihr Ansporn zu<br />

eifriger Arbeit. Sie gehört zu den 13 Mädchen und 30<br />

Jungen, die bei ‘Westfalenfleiß’ in Münster einen Arbeitsplatz<br />

gefunden haben ... . 2<br />

Die Zufriedenheit der industriellen Firmen mit der Arbeit in<br />

Behindertenwerkstätten allgemein schlug sich für die Einrichtungen<br />

in der Vergangenheit durchweg positiv nieder. Auch für die<br />

Westfalenfleiß GmbH.


Die Werkstatt wurde mehr und mehr von einem einmaligen<br />

Auftragsnehmer zum gerne akzeptierten Partner.<br />

Die Werkstatt konnte, dank des Engagements der behinderten<br />

und nichtbehinderten Mitarbeiter und unterstützt durch die Gesellschafter,<br />

ihrem Auftrag in den vergangenen Jahren durchaus<br />

gerecht werden. Westfalenfleiß wurde zu einem klangvollen<br />

Namen in Nordrhein-Westfalen.<br />

Weil immer mehr behinderte Menschen zur Westfalenfleiß GmbH<br />

Mit dem Umzug zur neuen Hauptwerkstatt am Kesslerweg ab 1981 begann für die<br />

Westfalenfleiß GmbH eine neue Ära. Über ein halbes Jahrhundert sozialer Arbeit am<br />

Hafengrenzweg hatte damit ein Ende gefunden.<br />

an den Hafengrenzweg kamen und um eine zeitgemäße und<br />

angemessene Behindertenarbeit leisten zu können, brauchte man<br />

neue Räumlichkeiten.<br />

So entstand mit Hilfe der öffentlichen Hand am Kesslerweg eine<br />

moderne Werkstatt, die - so schien es in den 80er Jahren -<br />

ausreichend Platz für die behinderten Menschen aus Münster<br />

bieten konnte. In Telgte wurde weiterhin eine Dependance<br />

169


170<br />

betrieben. Die Außenstandorte der Vorjahre in Wolbeck und an<br />

der Buckstraße kamen zum Kesslerweg. Der Umzug zur neuen<br />

Hauptwerkstatt und damit die Umstrukturierung vollzog sich ab<br />

Oktober 1981 in Etappen.<br />

Eröffnet werden konnte die neue Werkstatt am Kesslerweg mit<br />

einer großen Feier am 06.11.1982. Über ein halbes Jahrhundert<br />

sozialer Arbeit am Hafengrenzweg hatte damit ein Ende gefunden.<br />

Skinabteilung am Höltenweg.<br />

Schon nach wenigen Jahren war die Werkstatt so gewachsen, daß<br />

an Erweiterung gedacht werden mußte. So kam zu den Werkstattgebäuden<br />

am Kesslerweg bald auch die Halle von Neon-<br />

Reinhard am Höltenweg hinzu.<br />

Damit ließen sich mittelfristig auch baulich die in der Werkstättenverordnung<br />

vorgegebenen Zielsetzungen durchführen.<br />

Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung der behinderten Menschen<br />

und des allgemeinen Anstiegs der Behindertenzahlen ist es<br />

abzusehen, daß sich die Frage nach Erweiterung der Werkstatt<br />

erneut stellen wird.


Die Westfalenfleiß GmbH bietet heute im Werkstattbereich 574<br />

Arbeitsplätze und im Wohnstättenbereich 245 Wohnplätze an. Zur<br />

Betreuung dieser behinderten Menschen beschäftigt die GmbH<br />

295 Mitarbeiter und 25 Zivildienstleistende und Praktikanten.<br />

Die behinderten Menschen, sie heißen in der Werkstatt Beschäftigte,<br />

kommen mit den unterschiedlichsten Einschränkungen zur<br />

Westfalenfleiß GmbH.<br />

Es gibt neben geistig-, körper- und psychisch behinderten Menschen<br />

auch mehrfachbehinderte, schwerstmehrfachbehinderte,<br />

gehörlose und blinde Menschen.<br />

Bevor sie an den mittlerweile fünf verschiedenen Standorten -<br />

Hauptwerkstatt am Kesslerweg, Werkstatt am Höltenweg, Werkstatt<br />

in Telgte, Gut Kinderhaus und Industrieservice Münster<br />

(ISM) - tätig werden, durchlaufen sie den Arbeitstrainingsbereich.<br />

Der behinderte Beschäftigte nimmt damit an einer Fördermaß-<br />

Im Arbeitstrainingsbereich werden die Beschäftigten individuell gefördert.<br />

171


172<br />

nahme nach § 56 Arbeitsförderungsgesetz teil. Ziel dieser Maßnahme<br />

ist es, den Beschäftigten individuell zu fördern, so daß<br />

seine Leistungsfähigkeit entwickelt, erhöht oder wiedergewonnen<br />

wird. Innerhalb des Arbeitstrainings, das zwischen sechs<br />

Monaten und zwei Jahren dauern kann, sollen die Fähigkeiten<br />

und Fertigkeiten des Beschäftigten erkannt und gefördert werden.<br />

Das Arbeitstraining umfaßt einen Grund- und einen Aufbaukurs,<br />

die sich - in der Regel - jeweils über zwölf Monate<br />

erstrecken. Im Grundkurs werden Fertigkeiten und Grundkenntnisse<br />

verschiedener Arbeitsabläufe in den Bereichen Elektro,<br />

Metall, Gartenbau, Holzverarbeitung, Hauswirtschaft, Küche<br />

und Näherei vermittelt. Im Aufbaukurs werden Fertigkeiten mit<br />

höherem Schwierigkeitsgrad, insbesondere der Umgang mit<br />

Angeleitet werden die Beschäftigten durch Meister in einem Handwerksberuf, die eine<br />

sonderpädagogische Zusatzausbildung absolviert haben


Maschinen, und tiefere Kenntnisse über Werkstoffe und Werkzeuge<br />

vermittelt. Begleitend zur praktischen Anleitung erfolgt<br />

die fachtheoretische und lebenspraktische Förderung.<br />

Von der Fertigung über die Montage bis zur Verpackung<br />

reicht die Palette der Arbeitsausführungen. Moderne<br />

Maschinen erleichtern die Auftragsabwicklung.<br />

Für behinderte Menschen ist die aktive Teilnahme am Arbeitsleben,<br />

am Leben in der Gemeinschaft von besonderer Bedeutung:<br />

Durch die Arbeit bei der Westfalenfleiß GmbH gewinnen die<br />

Behinderten einen zweiten Lebensraum hinzu und ein geregelter<br />

Tagesablauf gibt ihnen Sicherheit.<br />

Über die geleistete Arbeit - Produktherstellung und Entlohnung<br />

- erfahren die behinderten Beschäftigten Erfolgserlebnisse.<br />

173


174<br />

In einer sozialen Gemeinschaft eingebunden zu sein steht auch<br />

für: Freunde, Kontakte und Beziehungen. Das soziale Miteinander<br />

spielt sich vor allem in den jeweiligen Arbeitsbezügen ab.<br />

Deswegen ist für behinderte Menschen sinnvolle Beschäftigung<br />

so wichtig: Arbeit als Sinngebung für das Leben.<br />

Ein differenziertes Arbeits- und Auftragspotential macht<br />

es realisierbar, für jeden Beschäftigten der Werkstatt eine<br />

Möglichkeit zu lebenslangem Lernen und damit zur Weiterentwicklung<br />

zu bieten.<br />

Um für jeden eine passende und angemessene Tätigkeit zu<br />

finden, ist die Anleitung durch besonders geschulte Mitarbeiter,<br />

die eine sonderpädagogische Zusatzausbildung absolviert haben,<br />

wichtig. Sie stehen den behinderten Menschen als Gruppenleiter<br />

mit Rat und Tat zur Seite.


Die Befriedigung, Nützliches zu leisten, ist für den behinderten<br />

- wie für den „normalen“ Menschen auch - wesentlich für die<br />

Entwicklung seines Selbstbewußtseins und seiner beruflichen<br />

und persönlichen Identität.<br />

Mit großer Konzentration, Willenskraft und Genauigkeit sowie<br />

Begeisterung für das Resultat, werden die Arbeiten ausgeführt.<br />

Ihren Kunden bietet die Westfalenfleiß GmbH eine umfangreiche<br />

Palette der Arbeitsausführungen von der Fertigung über die<br />

Montage bis zur Verpackung. Der größte Teil der Arbeitsplätze<br />

befindet sich in der Werkstatt am Kesslerweg. Folgende Abteilungen<br />

sind hier eingerichtet:<br />

Holzverarbeitung: Fertigung für die holzverarbeitende Industrie.<br />

Darüber hinaus werden Produkte für Basar- und Boutique-<br />

Verkauf sowie Kleinmöbel hergestellt.<br />

Metallverarbeitung: An entsprechenden Maschinen werden Aufträge<br />

der Metallindustrie durchgeführt: Fräsen, Bohren, Drehen,<br />

Spanabheben, Draht aufwickeln, Leiterregale für Kaufhäuser montieren.<br />

Elektromontage: Lampen komplettieren, Kabel löten, aufwikkeln<br />

und Kabelschuhe anstanzen, Schaltermontage, Kabel ablängen,<br />

Kabelanschlußstücke verklemmen, Teilmontage an Elektrogeräten.<br />

Skin- und Blisterverpackungen: SB-Markt-Produkte verschiedenster<br />

Art werden maschinell mit Folie überzogen.<br />

Montage und Verpackung: Manuelle Montage-, Sortier- und<br />

Verpackungsarbeiten jeder Art werden im Auftrag von Firmen<br />

ausgeführt.<br />

175


176<br />

Näherei: Inlettbezüge, Waschhandschuhe und Putztücher werden<br />

zugeschnitten und an Industrienähmaschinen weiterverarbeitet.<br />

Außerdem Herstellung von dekorativen Textilien für den<br />

Basar- und Boutique-Verkauf.<br />

Wäscherei: Reinigung und Pflege der Hauswäsche (Werkstatt<br />

und Wohnstätte); Dienstleistungsangebote außer Haus.<br />

Besen- und Bürsteneinzieherei (im Betriebsteil Telgte): Bürsten,<br />

Besen und Sonderanfertigungen aller Art werden nach wie<br />

vor manuell aber auch maschinell eingezogen und im Direktvertrieb<br />

an Industrie-, Handwerks- und Handelsbetriebe verkauft.<br />

Parkplatzbewachung: In Zusammenarbeit mit der Stadt Münster<br />

bewacht die Westfalenfleiß GmbH in der Innenstadt von<br />

Münster neun gebührenpflichtige Park- und Einstellplätze für<br />

Autos und Fahrräder.<br />

Die Bereiche Garten- und Landschaftspflege und die Großküche,<br />

die auch am Kesslerweg beheimatet sind sowie das Gut<br />

Kinderhaus und der Industrieservice Münster (ISM), die sich<br />

an anderen Standorten befinden, werden gesondert vorgestellt.<br />

Die Ausstellung und der Verkauf von Eigenprodukten erfolgt<br />

an unterschiedlichen Standorten.<br />

Boutique in der Werkstatt am Kesslerweg:<br />

- Spielzeug<br />

- Geschenkartikel<br />

- Kunstgewerbe<br />

Laden der Gärtnerei am Kesslerweg:<br />

- Gemüse, Kräuter<br />

- Beet- und Balkonpflanzen


- Topfpflanzen<br />

- Trocken- und Adventsgestecke, Kerzen<br />

- Töpferwaren<br />

Ausstellungs- und Verkaufsraum im Betrieb Telgte,<br />

Orkotten 25:<br />

- Bürsten und Besen<br />

Diese Vielfalt der Produktionspalette - und damit verbunden ein<br />

differenziertes Arbeits- und Auftragspotential - macht es realisierbar,<br />

den Beschäftigten der Werkstatt für Behinderte eine<br />

Möglichkeit zu lebenslangem Lernen und damit zur Weiterent-<br />

In der Zweigwerkstatt in Telgte werden heute noch Besen und Bürsten gefertigt. Am<br />

traditionellen „Tag der Offenen Tür“ nutzen zahlreiche Besucher die Gelegenheit, bei<br />

der manuellen Herstellung zuzuschauen.<br />

177


178<br />

wicklung zu bieten. Die Westfalenfleiß GmbH ist geprägt durch<br />

ihren dualen Auftrag: Einerseits ist es ihre Aufgabe für behinderte<br />

Menschen Arbeitsplätze zu schaffen und sie pädagogisch zu<br />

betreuen, andererseits ist sie ein wirtschaftlich arbeitender Betrieb,<br />

der sich der Konkurrenz der freien Marktwirtschaft stellen muß.<br />

Die Elektroabteilung der Hauptwerkstatt.<br />

Einen Einblick in das reale Werkstattgeschehen ermöglicht die<br />

folgende Quelle:<br />

... Werner B.’s Arbeitstag beginnt bereits um sechs Uhr mit<br />

dem Aufstehen. Nach dem Waschen und Frühstücken ist<br />

Werner B. noch eine Stunde mit dem Bus unterwegs, bevor<br />

dieser um acht Uhr die Werkstatt erreicht. Werner B. wurde


von Anfang an mit Elektroarbeiten betraut. In den vielen<br />

Jahren hat er verschiedene Arbeiten und Aufträge ausgeführt.<br />

Zur Zeit arbeiten 14 Frauen und 13 Männer im Alter<br />

von 23 bis 50 Jahren dort. Ihre Behinderungsarten und -<br />

grade sind sehr unterschiedlich. Wo es nötig ist, hilft einer<br />

dem anderen. Mitverantwortlich für das gute Klima in den<br />

Gruppen sind die Gruppenleiter. Beide sind ausgebildete<br />

Elektriker und haben mehrere Jahre im Handwerk oder in<br />

der Industrie gearbeitet. ... . 3<br />

1 Dieter Kunath: Situation der Werkstätten für Behinderte in der Bundesrepublik<br />

Deutschland, In: Westfalenfleiß Echo 3/94; Grdl: Greskowiak und Cloerkes.<br />

2 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2 - Sammlung Nienhaus, Mustergültiger Westfalenfleiß<br />

in: Kirche und Leben, 13.04.1969.<br />

3 Von der Montage zum Transport, In: Westfalenfleiß Echo, Ausgabe 0, Dezember<br />

1991.<br />

179


180<br />

12.1. Gut Kinderhaus: Behinderte arbeiten im landwirtschaftlichen<br />

Betrieb<br />

Im Norden der Stadt, idyllisch mitten im Grünen, liegt das Gut<br />

Kinderhaus. Nur wenige Werkstätten verfügen über einen derartig<br />

großen landwirtschaftlichen Teilbereich. Die Geschichte seiner<br />

Zugehörigkeit zur Westfalenfleiß GmbH beginnt 1988.<br />

Gut Kinderhaus.<br />

Nachdem der Gesundheits- und Krankenhausausschuß des Landschaftsverbandes<br />

die Vorlage zur Änderung der Bewirtschaftung<br />

der Gutswirtschaften des Landschaftsverbandes in diesem Jahre<br />

gebilligt hatte, war die Westfalenfleiß GmbH als Pächter ins<br />

Gespräch gekommen. 1<br />

Das 120 ha große Gut Kinderhaus wurde seinerzeit noch von der<br />

Westfälischen Klinik für Psychiatrie bewirtschaftet. 2


Die Produktionszweige jener Jahre waren Bullen- und Schweinemast.<br />

Auf dem Bauernhof arbeiteten ein Verwalter und zwei<br />

Mitarbeiter neben einer großen Anzahl von psychisch behinderten<br />

Menschen aus der WKfP, den Langzeitpatienten. Eines der<br />

wichtigsten Probleme war für den LWL und die Westfalenfleiß<br />

GmbH, was aus den auf Gut Kinderhaus lebenden Menschen<br />

werden sollte. Man konnte sich einigen und sprach allen ein<br />

lebenslanges Wohnrecht zu.<br />

Von den 30 psychisch behinderten Menschen die auf dem Bauernhof<br />

lebten, waren neun für die Arbeit auf dem Gutsbetrieb<br />

vorgesehen, die übrigen ehemaligen älteren Patienten sollten mit<br />

tagesstrukturierenden Maßnahmen weiter betreut werden, etwa<br />

im Garten oder in der Kleinviehhaltung.<br />

Die Westfalenfleiß legte bei der Übernahme des Gutes im Jahr<br />

1990 Wert auf eine ökonomische und ökologische Arbeitsweise<br />

Tierhaltung auf Gut Kinderhaus: Kleinvieh macht auch Mist!<br />

181


182<br />

unter den Bedingungen einer angemessenen, zeitgemäßen Behindertenarbeit.<br />

Nach der Übernahme begann die grundlegende Umstrukturierung<br />

des Gutes zu einem behindertengerechten Betrieb. Die<br />

Schweinezucht und -mast - aus Sicherheitsgründen konnte die<br />

Bullenmast nicht fortgeführt werden - wurde zum Hauptbe-<br />

Ferkelaufzucht auf Gut Kinderhaus.<br />

triebszweig des Gutes, wobei der Umfang sich seither am selbstproduzierten<br />

Futteraufkommen und den Entsorgungsmöglichkeiten<br />

für die tierischen Abfälle zu orientieren hatte.<br />

Hinzu kommt heute ein leistungsstarker Obstbetrieb, der seit<br />

1994 „die Früchte seiner Arbeit“ direkt vermarktet. 3 Um auch<br />

Marmeladen und Konfitüren herstellen zu können, wurde 1993<br />

eine eigene Marmeladenküche erstellt.<br />

Innerhalb der Ernteperioden hat der Kunde die Möglichkeit, sein<br />

Obst selbst zu pflücken oder pflücken zu lassen. 4 Für den Verkauf<br />

„ab Feld“ spricht - neben der Qualität der Produkte - auch schon


Die „Fahrradflotte“ auf Gut Kinderhaus: Mit den betriebseigenen Fahrrädern radeln<br />

die Kunden zur Obstanlage und pflücken ihr Obst selbst.<br />

der malerische Weg zu den Erntestellen, der von Spaziergängern<br />

und anderen Erholungssuchenden gerne genutzt wird, da der<br />

ganze Komplex in einem Landschaftsschutzgebiet liegt.<br />

1 Westfalenfleiß Akte Gut Kinderhaus, o. D..<br />

2 Zum Folgenden ebd..<br />

3 Hit der Saison: Direktvermarktung, In: Westfalenfleiß Echo, Ausgabe 3, Juli -<br />

September 1994.<br />

4Leben und Arbeiten auf dem Bauernhof, In: Westfalenfleiß Echo, Ausgabe 0,<br />

Dezember 1991.<br />

183


184<br />

12.2. ISM - Arbeitsplatz für psychisch behinderte Menschen<br />

Die Vielfalt der Behinderungsarten und der Wunsch nach Differenzierung<br />

in ihrer Betreuung und Beschäftigung in den vergangenen<br />

zwei Dezennien führte dazu, daß von der Westfalenfleiß<br />

GmbH ein spezielles Angebot für die psychisch behinderten<br />

Menschen zur Verfügung zu stellen war. 1<br />

Seit Mai 1985 besteht bei der Westfalenfleiß GmbH ein Zweigbetrieb<br />

für psychisch behinderte Menschen, die zur Zeit nicht auf<br />

Eine Produktion des ISM: Das Schaukelmotorrad „Harley Davidson“.<br />

dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt sind. Neben der Bereitstellung<br />

von leistungsgerechten Dauerarbeitsplätzen ist es<br />

das Ziel, möglichst vielen Beschäftigten durch gezielte Arbeitstrainingsmaßnahmen<br />

den Zugang bzw. die Rückkehr auf den<br />

freien Arbeitsmarkt zu ermöglichen.


Die Auftragsvergabe durch die Industrie ist das Fundament der<br />

Arbeit des ISM, dem Industrieservice Münster, so der Name des<br />

neuen Zweigbetriebes.<br />

Zunächst galt es beim ISM, Kooperationsformen, die in diesem<br />

Bereich der Behindertenarbeit unabdingbar sind, aufzubauen.<br />

Das Angebot wurde den psychosozialen Institutionen und Einrichtungen<br />

sodann vorgestellt. Über die Teilnahme an verschiedenen<br />

Arbeitskreisen und auf vielen Informationsveranstaltungen<br />

machte sich die neue Einrichtung bekannt. So kam es auch<br />

schon recht bald zu ersten Kontaktgesprächen mit Interessenten.<br />

Heute ist der ISM ein gerngesehener Vertragspartner etwa für<br />

Versand- und Druckarbeiten oder ähnliche Aufträge aus der<br />

Wirtschaft, die Elektromontage, die Holzverarbeitung und Verpackungs-<br />

und Montagearbeiten für die Industrie.<br />

Steigende Nachfrage nach den Dienstleistungsangeboten des<br />

Industrieservices sowie steigende Nachfrage auch seitens der<br />

Klientel verbunden mit mangelnder Raumkapazität erforderte<br />

einen Umzug des ISM vom Höltenweg 118 zum Höltenweg 105.<br />

Hier bietet der Betrieb 80 Arbeitsplätze für psychisch behinderte<br />

Personen an.<br />

1 Zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Interview Karl- Heinz R..<br />

185


186<br />

12.3. Liebe geht durch den Magen - Die Küche<br />

Ein Arbeitsbereich, der nach außen hin in Münster am bekanntesten<br />

ist, ist die Küche der Westfalenfleiß GmbH. 1 Hier wird für<br />

die Beschäftigten und die Mitarbeiter ein schmackhaftes Menü<br />

hergerichtet.<br />

Täglich ab 11.45 Uhr beginnt die Essensausgabe, wobei die<br />

Hungrigen zwischen drei Gerichten wählen können. Gegen 13.30<br />

Uhr haben dann die letzten Gäste den Speisesaal verlassen.<br />

Das bedeutet für die behinderten und nichtbehinderten Mitarbei-<br />

In der Küche der Westfalenfleiß GmbH werden pro Tag mehr als 1000 Essen gekocht.<br />

ter in der Küche, daß etwa tausend Hungrige satt geworden sind,<br />

denn am Kesslerweg wird nicht nur für die Beschäftigten, Mitarbeiter<br />

und Gäste gekocht, auch Schulen und Betriebe im Umland<br />

lassen sich von der Westfalenfleiß-Küche verwöhnen.


Es hat sich als ein Geheimtip herumgesprochen, daß man das<br />

Büfett, gleich ob kalt oder warm, von der Westfalenfleiß GmbH<br />

beziehen kann, wenn in Münster private oder geschäftliche<br />

Festivitäten zu begehen sind. Je nach Wunsch und Geschmack<br />

bereitet das Küchenteam deftige „Hausmannskost“ oder delikate<br />

Speisen nach „Feinschmecker Art“ zu.<br />

1 Vergl. zum Folgenden: Diner für 1000, In: Westfalenfleiß Echo, Nr. 4/94.<br />

187


188<br />

12.4. Viel frische Luft: Gartenbau und Landschaftsbepflanzung<br />

Schon sehr früh wurde Gartenbau und Landschaftspflege von der<br />

Westfalenfleiß GmbH betrieben. So beschäftigten sich vor mehr<br />

als zwanzig Jahren, 1973, die behinderten Menschen schon mit<br />

Gartenpflege. 1<br />

Ohne die Gärtnerei der Westfalenfleiß GmbH würde heute in<br />

Münster und seinem Umland etwas fehlen. 2<br />

Die Westfalenfleiß-Gärtnerei: Eine grüne Oase.


Alles was in einem schmucken Verkaufsraum am Kesslerweg<br />

heutzutage von der Gärtnerei präsentiert wird, ist größtenteils<br />

auch dort produziert worden.<br />

Versierte Zierpflanzengärtnerinnen betreuen auf einem Areal<br />

Ein Bild aus Pioniertagen: Die Gärtnergruppe der Westfalenfleiß GmbH.<br />

von Gewächshäusern und Beeten vom Stiefmütterchen bis zum<br />

biologischen Gemüse die ganze Palette gärtnerischer Kunst.<br />

Über den Winter bietet die Westfalenfleiß GmbH seit 1989 die<br />

Möglichkeit, frostempfindliche Pflanzen unter Glas überwintern<br />

zu lassen. Die Kunden aus Münster und der näheren Umgebung<br />

haben dieses Angebot begeistert angenommen.<br />

1 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2 - Sammlung Nienhaus, MZ, 05.10.1973.<br />

2 Vergl. zum Folgenden: Eine grüne Oase, In Westfalenfleiß Echo, 1/92.<br />

189


190<br />

12.5. Arbeitsplätze mit Tradition - die Parkplatzbewachung<br />

Die Parkplatzbewachung wird auch heute noch von der Werkstatt<br />

gepflegt. Das hat ihr sogar den Weg in die Literatur geebnet.<br />

Ein Parkplatzhäuschen der Westfalenfleiß GmbH.<br />

Hans Dieter Schwarze, ein bedeutsamer Schriftsteller aus Münster,<br />

hat dem langjährigen Mitarbeiter der Westfalenfleiß GmbH<br />

Theodor Abeck ein literarisches Denkmal gesetzt.<br />

... Kaum einen Schritt aus dem Hause, Engelstraße Nr. 35,<br />

schon muß ich an den Parkwächter denken, obwohl er<br />

längst nicht mehr im engen Holzhäuschen bei der Latüchte<br />

sitzt.<br />

Inzwischen zog er um, von Telgte nach Teneriffa. ‘Geh aus<br />

mein Herz’, hat er mir oft zugesungen. Sein Winken sehe<br />

ich jeden Morgen, wenn ich mich auf den Pad zur Promenade<br />

mache, Fuß für Fuß.


Der damalige Parkwächter von ‘Westfalenfleiß’ schwenkte<br />

seine Arme mit ganz unwestfälischer Ausdruckskraft;<br />

als wolle er mich so aufmuntern, wie man Kinder gut auf<br />

den Tag einstimmen und auf den Weg bringen möchte.<br />

Jetzt ist eine neue Generation von Parkwächtern und -<br />

wächterinnen in die Hütte an der Engelstraße eingezogen.<br />

Ihre Gesichter halten sie mir verborgen. Nicht einer singt<br />

mehr ‘Geh aus mein Herz und suche Freud’.<br />

Dafür schwenke ich mit beiden Armen, von der schönen,<br />

lieben Erinnerung an den Teneriffamann täglich ungemein<br />

belebt, allen Tauben, Amseln und Enten zu ... Die Tiere<br />

blicken mich an, sehen mir nach und nicken ernst, wenn ich<br />

Richtung Kanonengraben gehe. Fuß für Fuß ... . 1<br />

Gegenwärtig sind 32 Personen, die zum größten Teil schwerbehindert<br />

sind, mit der Bewirtschaftung der städtischen Parkplätze<br />

beschäftigt. Es sind über 1.700 Einstellplätze, die bewacht werden.<br />

Die ersten Verträge zwischen der Westfalenfleiß GmbH und<br />

der Stadt Münster wurden im November 1969 abgeschlossen<br />

und in den Nachfolgejahren entsprechend angepaßt.<br />

1 Hans Dieter Schwarze: Manteltaschennotizen In: Westfalenfleiß Echo 3/94.<br />

191


192<br />

12.6. Alle unter einem Dach: Schwerstbehinderte als vollwertige<br />

Werkstattmitglieder<br />

In all den Jahren ihres Bestehens hat die Werkstatt sich bemüht,<br />

dem behinderten Menschen zu einem vollwertigen Platz in der<br />

Gesellschaft zu verhelfen. Obwohl es viele Erfolge zu verzeichnen<br />

gibt, war und ist das Umfeld nicht grundsätzlich behindertenfreundlich.<br />

Das Problem der Euthanasie war auch in der Bundesrepublik nie<br />

vom Tisch. Genauso wie es heute bestimmte Kreise gibt, die den<br />

menschenverachtenden Thesen des Philosophen Singer noch<br />

positive Seiten abgewinnen können, erhitzten sich schon 1968 -<br />

im Jahr der Gründung der Behindertenwerkstatt - die Gemüter<br />

angesichts eines Beitrags im NDR-Magazin „Panorama”, der<br />

sich am 10.06.1968 mit dem Problem der Euthanasie auseinandersetzte.<br />

Die Schwester eines Westfalenfleiß-Beschäftigten, selbst eine<br />

der ältesten und erfahrensten Gruppenleiterinnen in der Werkstatt,<br />

machte ihrem Herzen Luft, als sie nach der Sendung an die<br />

Redaktion des Magazins schrieb:<br />

... Sehr geehrter Herr Merseburger!<br />

Am 10. Juni 1968 sah ich Ihre Sendung ‘Panorama’ mit<br />

dem Thema ‘Euthanasie ja oder nein?’. Sie haben das Bild<br />

der Behinderten so entstellt, daß ich, die ich selber einen<br />

behinderten Bruder habe, nicht wußte, ob ich lachen oder<br />

weinen sollte.<br />

Mein Bruder ist mongoloid, doch niemand in unserer<br />

Familie hält ihn für einen ‘Idioten’ wie sie es bezeichnen.<br />

Wir, unsere ganze Familie, fühlen uns von Ihrem arroganten<br />

Ausdruck beleidigt.<br />

In den ersten Lebensjahren war mein Bruder oft schwer<br />

krank. Doch durch die aufopfernde Liebe meiner Mutter<br />

wurde er gesund.


Nach dem vierten Lebensjahr ging es dann aufwärts.<br />

Unsere ganze Familie, wir sind mit 11 Kindern [sic], müht<br />

sich um ihn und betreut ihn. Er wurde überall mit hin<br />

genommen und wuchs somit in einer Gemeinschaft auf.<br />

Mit 9 Jahren bekam er Privatunterricht. Er konnte in der<br />

Zeit noch keinen Bleistift halten. Durch die Ausdauer<br />

einer Lehrerin brachte er es fertig, kleine Diktate und<br />

Lesestücke zu schreiben.<br />

Heute mit 20 Jahren geht er leichter Beschäftigung nach.<br />

In seiner Freizeit kann er Einkäufe tätigen und sich zu<br />

Hause oder im Garten beschäftigen.<br />

Im Gegensatz zu Ihrer Sendung bin ich der Meinung - mein<br />

Bruder und der Umgang mit anderen behinderten Menschen<br />

gibt mir ein praktisches Beispiel dafür -, daß auch<br />

diese Menschen gebildet werden können. Es gehört allerdings<br />

Ausdauer und Liebe dazu.<br />

Mit ihrer Sendung haben Sie, Herr Merseburger, den<br />

Zuhörern ein vollkommen falsches Bild von den Behinderten<br />

gegeben und den Eltern ‘behinderter Kinder’ den Mut<br />

und die Hoffnung genommen, daß aus Ihren Kindern noch<br />

etwas werden könnte.<br />

Natürlich sind Anstalten notwendig, aber es ist nicht der<br />

einzige Weg diesen Menschen zu helfen.<br />

Ich erwarte von Ihnen eine Entschuldigung und so - wie am<br />

10.6.68 - eine Sendung von 35 Minuten ‘Panorama’ über<br />

Behinderte, allerdings mit positiver Aussage. - ‘Wie könnte<br />

Behinderten geholfen werden ohne Anstalt, wie kann<br />

man selbst noch Behinderte mit Intelligenzquotient 0 ...<br />

bilden?’ Keiner ist so wertlos, daß es sich nicht lohnt sein<br />

Leben zu erhalten ... . 1<br />

Nicht nur sein Leben zu erhalten, möchte man angesichts dieser<br />

klaren Worte hinzufügen. Jemanden sein Leben leben zu lassen<br />

ist ähnlich wichtig. Dies gilt gerade auch für diejenigen, denen<br />

eine heute wieder populäre Meinung ihre Existenzberechtigung<br />

abzusprechen geneigt ist: den Schwerstmehrfachbehinderten.<br />

Der tägliche Erlebensbereich dieser Beschäftigten der Westfa-<br />

193


194<br />

lenfleiß GmbH befindet sich in einem Nebengebäude des Hauptbetriebes<br />

im Kesslerweg. Seine Vorgeschichte ist lang:<br />

Anfang der 80er Jahre regte der Landschaftsverband Westfalen-<br />

Lippe die Integration von schwerstmehrfachbehinderten Menschen<br />

in die Werkstätten an, die aufgrund ihrer Behinderung die<br />

Bedingungen der Werkstättenverordnung in Bezug auf Erbringung<br />

eines Mindestmaßes an wirtschaftlich verwertbarer Arbeit<br />

nur schwer erfüllen konnten.<br />

Die Integration unter dem „verlängerten Dach“ der Werkstatt -<br />

damit an einem Ort von Produktivität - war und ist erklärtes Ziel<br />

in den Werkstätten in Nordrhein-Westfalen.<br />

Die ersten Beschäftigten dieser Jahre waren fünf bis sechs schwer<br />

Schwerstmehrfachbehinderte Menschen brauchen gezielte Förderung.<br />

geistig behinderte Personen.<br />

Es wurde eine Integrationsgruppe eingerichtet, die den speziellen<br />

Bedürfnissen dieses Personenkreises Rechnung trug. In späteren<br />

Jahren änderte sich die Bezeichnung des Schwerstbehindertenbereiches<br />

in Förder- und Betreuungsbereich.


Damit wurde eine Bezeichnung gewählt, die insbesondere mit<br />

Nachdruck evident machen sollte, daß die körperlichen und<br />

geistigen Fähigkeiten dieses Personenkreises, soweit dies möglich<br />

ist, besonders gefördert werden sollen.<br />

Arbeit ist auch hier der zentrale Begriff, denn aus Gründen des<br />

Sozialrechts muß auch diesen Beschäftigten Arbeit angeboten<br />

werden - welcher Art und in welcher Intensität auch immer.<br />

Auch schwerbehinderte Menschen können durch gezielte Förderung<br />

mit entsprechenden Hilfsmitteln einfache Arbeiten durchführen.<br />

Ein großer Teil der sehr schwer behinderten Menschen benötigt<br />

eine Betreuung auch im Bereich ganz alltäglicher Dinge wie bei<br />

der Nahrungsaufnahme oder der Körperpflege.<br />

... Alle ... Aktivitäten richten sich grundsätzlich nach der<br />

sich häufig verändernden Verfassung und Bereitschaft<br />

der zu betreuenden Gruppenmitglieder, sich auf Forderungen<br />

Dritter einzulassen.<br />

Hier sind Einflüsse durch die Wetterlage, die Jahreszeit,<br />

durch häusliche Vorkommnisse, Müdigkeit, durch Alter<br />

und auch sich nicht deutlich manifestierendes Krankheitsgeschehen<br />

ausschlaggebend. ... . 2<br />

Die mittlerweile immer weiter anwachsende Gruppe benötigt<br />

einen erheblichen Anteil an Zuwendung und betreuenden Maßnahmen,<br />

so daß der Personalschlüssel hier 1:4 ist. Diese Gruppe<br />

der Schwerstmehrfachbehinderten, wie auch die Gruppe der<br />

immer älter werdenden behinderten Menschen wird das besondere<br />

Aufgabenfeld für die nächsten Jahre sein.<br />

Unter der sachkundigen Betreuung von Fachpersonal aus dem<br />

pflegerischen, wie aus dem pädagogischen Bereich wird hier<br />

versucht, diese behinderten Menschen einen für sie erfüllten Tag<br />

erleben zu lassen. Dazu ist besondere Zuwendung und Ruhe, viel<br />

Liebe und Geduld erforderlich.<br />

195


196<br />

Diese Menschen leben ihr Leben in einer ganz anderen, für den<br />

Nichtbehinderten verschlossenen Welt. Wir müssen schwerstbehinderte<br />

Menschen so akzeptieren, wie sie sind. Dies hat Prof.<br />

Andreas Fröhlich am Lebenshilfetag 1992 deutlich und zutreffend<br />

formuliert:<br />

... Wir wollen den Menschen nicht so wie er ist!<br />

Da wird geformt und gefördert. Nur soll er nicht so sein,<br />

wie er ist!<br />

Unsere Förderbemühungen sind ein Zerren ins Dunkle,<br />

Unbekannte. Die schwerstbehinderten Menschen wissen<br />

nicht, wohin wir sie ziehen. Da muß mehr nachgedacht<br />

werden.<br />

Keine aktionistische Therapie und Pädagogik mehr!<br />

Wir müssen ruhiger, sensibler, unkonventioneller werden.<br />

Wir müssen mehr das Anderssein respektieren.<br />

Ich darf in einer elementaren Form bei Ihnen sein.<br />

Sie schützen sich selbst vor ihrer Umgebung - perfekt!<br />

Sie machen zu, sagen konsequent ‘Nein’. Ich beneide sie<br />

da.<br />

Warum müssen sie denn sein wie wir?<br />

Diese Menschen sind deutlich glücklich oder unglücklich.<br />

Wir ‘Profis’ können sehr viel Unheil stiften.<br />

Das Fachwissen muß nur Werkzeug bleiben und ‘unten’<br />

hingesetzt<br />

werden ... . 3<br />

Das bedeutet, daß im Förder- und Betreuungsbereich versucht<br />

wird, behutsam den Einzelnen in seiner ganz individuellen Disposition<br />

zu unterstützen, ihn ein in sich selbst geschlossenes Ich sein<br />

zu lassen. Er soll kein Abklatsch eines Idealbildes werden,<br />

sondern er selbst - eine Persönlichkeit.<br />

1 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2 - Sammlung Nienhaus, Brief M. Nienhaus o.D..<br />

2 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Tagesplan Förder- und Betreuungsbereich o.D..<br />

3 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Referat Andreas Fröhlich (03.09.1992) -<br />

Auszug -.


12.7. Freizeit und Feste<br />

Alle Menschen bedürfen der<br />

besonderen Ereignisse, auf<br />

die man sich freuen kann, die<br />

das Leben strukturieren. Der<br />

Freizeitbereich ist für behinderte<br />

Menschen genauso<br />

wichtig wie für die Nichtbehinderten;<br />

hier kann man sich<br />

individuell entfalten, Lebensorientierung<br />

gewinnen.<br />

Die vielfache Ausdifferenzierung<br />

des Freizeitsektors geht<br />

häufig an behinderten Menschen<br />

total vorbei. 1 Deshalb<br />

bietet die Werkstatt unterschiedliche<br />

Aktivitäten an.<br />

Neben dem Sport und speziellen Angeboten sowohl in der<br />

Werkstatt als auch in den Wohnstätten müssen dabei besonders<br />

die Urlaubsaktivitäten in Form von Ferienfreizeiten genannt<br />

werden. Seit Jahren bietet die Westfalenfleiß GmbH ihren Beschäftigten<br />

die Möglichkeit, die freie Zeit sinnvoll zu nutzen,<br />

ohne daß dabei die behinderten Menschen auf Betreuung und<br />

Hilfe verzichten müssen.<br />

Schon sehr früh gediehen bei der Westfalenfleiß GmbH Pläne, die<br />

behinderten Menschen mit einer sinnvollen Freizeitgestaltung<br />

besser zu betreuen.<br />

Dazu gehörte, daß behinderte Menschen einmal im Jahr mit ihren<br />

Bezugspersonen aus der Werkstatt einen Ausflug machten. 1968<br />

197


198<br />

fand dieser Vorläufer der späteren Freizeiten zum ersten Mal<br />

statt. Er wurde wie folgt angekündigt:<br />

... beabsichtigen wir, am 27 August 1968 einen Ausflug zu<br />

machen, der das Einerlei der Arbeit einmal freundlich<br />

unterbrechen soll.<br />

Freundlicherweise hat sich die Bundeswehr bereit erklärt,<br />

für diese Tour zwei Busse zur Verfügung zu stellen.<br />

Die Fahrt geht über Greven, Ladbergen, Kattenvenne und<br />

Lienen in den Teutoburger Wald, wo wir im Gasthaus<br />

‘Malepartus’ zu Mittag essen werden. Nach einigen Spielen<br />

fahren wir dann über Ledde, Tecklenburg zu den<br />

Dörenther Klippen.<br />

Dort werden wir Kaffee trinken und gegen 17.00 Uhr<br />

wieder im Betrieb eintreffen.<br />

Wie Sie dem Vorgesagten entnehmen können, sind all´<br />

diese Dinge dazu angetan, das Selbstbewußtsein unserer<br />

behinderten Menschen zu stärken und ihnen auf den<br />

Schon von Anbeginn kümmerte sich die Werkstatt um den Freizeitsektor der Behinderten.<br />

Der erste Ausflug der Werkstatt führte 1968 ins Tecklenburger Land.


verschiedensten Gebieten die Möglichkeit zu freier Entfaltung<br />

ihrer Persönlichkeit zu geben ... . 2<br />

Der erste Ausflug der Werkstatt führte 1968 ins Tecklenburger<br />

Land. Die Fahrt war ein voller Erfolg, viele behinderte Menschen<br />

kamen in jenen Jahren zum ersten Mal aus ihrer Stadt heraus -<br />

1970 fuhr die gesamte Firma nach Stuckenbrock.<br />

199


200<br />

wenn auch nur für wenige Stunden. Deshalb mußte diese Veranstaltung<br />

unbedingt wiederholt werden.<br />

1970 machte man von der Westfalenfleiß GmbH aus dann wieder<br />

einen Ausflug für die gesamte Firma. Diesmal ging es nach<br />

Stukenbrock in den dortigen Safaripark.<br />

Aus den Ausflügen wurden ab 1972 die Ferienmaßnahmen der<br />

Werkstatt.<br />

Im Safaripark in Stuckenbrock.<br />

Die erste Ferienmaßnahme der Westfalenfleiß GmbH fand vom<br />

22. Juni bis 13. Juli 1972 auf Norderney statt. 3<br />

Bereits 1971 war der Gedanke dazu entstanden. Gerade die<br />

Gruppenleiter fanden es wichtig, daß die behinderten Menschen<br />

der Westfalenfleiß GmbH einen Urlaub mit gesicherter Betreuung<br />

und zu vertretbaren Kosten verbringen konnten. Nach einer<br />

umfangreichen und sachkundigen Vorbereitung, die die Werk-


statt, die Eltern, Ärzte und besonders die Gruppenleiter über<br />

Monate zusätzlich beanspruchte, konnte es am 22. Juni losgehen.<br />

Insgesamt gingen 56 Teilnehmer und 12 Betreuer auf diese Reise.<br />

Ziel war das Kurheim der AWO in der Viktoriastraße auf der<br />

Nordseeinsel Norderney. Das dortige Heimleiterehepaar verstand<br />

es, eine entspannte und liebevolle Atmosphäre zu vermitteln,<br />

was den behinderten Beschäftigten und ihren Betreuern gut<br />

tat. Die Belegung der Zimmer erfolgte so, daß die Zimmergenossen<br />

sich untereinander helfen konnten - und mußten. So wurde<br />

das Sozialgefüge der Gruppe äußerst positiv beeinflußt.<br />

Typisch für jene Jahre war noch die geradezu angstvolle Tren-<br />

Ebensfalls ein Bild aus Pioniertagen: Ferienfreizeit der Beschäftigten am Meer.<br />

201


202<br />

nung der Geschlechter - es sollte nicht zu unvorhergesehenen<br />

Begegnungen kommen.<br />

Das Engagement aller, der Leiterin, der Gruppenleiter und nicht<br />

zuletzt der freiwilligen Mitarbeiter und Helfer formte aus der<br />

Gruppe eine Einheit, wobei behinderte Menschen wie auch ihre<br />

Betreuer auf vielfältige Weise voneinander lernen konnten.<br />

Die Betreuer hatten dabei alles andere als einen Erholungsurlaub<br />

vor sich, denn der Tag dauerte für sie von spätestens 7.00 Uhr bis<br />

21.30 Uhr. Wobei nicht nur für Beschäftigung zu sorgen war,<br />

sondern auch für die Dinge des täglichen Lebens, die sonst<br />

Familie oder Angehörige verrichten.<br />

Es war für viele behinderte Menschen das erste Mal, daß sie das<br />

Meer sahen und so bildete auch der Strand die Hauptattraktion.<br />

Für alle war es ein tolles Erlebnis, als in Gemeinschaftsarbeit eine<br />

riesige Sandburg entstand und aus gesammelten Muscheln der<br />

Name Westfalenfleiß und das AWO-Herz gelegt wurde. So<br />

Skifreizeit der Beschäftigten der Westfalenfleiß GmbH 1993 in Pflersch in Tirol.


zeigte sich die Verbundenheit von Werkstatt, Beschäftigten und<br />

Betreuern über die Enge der Werkstattgebäude hinaus. Als dann<br />

noch viele Spaziergänge und Wanderungen, Anregungen und<br />

sinnvolle Selbstbeschäftigungen hinzu kamen, wurde klar: Dies<br />

ist ein voller Erfolg.<br />

Seitdem finden regelmäßig und über das ganze Jahr verteilt<br />

Freizeiten statt, die vom Skiurlaub bis zum Segeltörn reichen.<br />

Ferienfreizeit 1994 nach Oberbayern mit einem Ausflug zum Chiemsee.<br />

Auf Wunsch der Beschäftigtenvertretung fand 1995 erstmalig<br />

eine Selbständigen-Freizeit statt, die nur von einem Gruppenleiter<br />

begleitet wurde. Diese erste Selbständigen-Freizeit war sehr<br />

erfolgreich und wird wiederholt. Die Westfalenfleiß GmbH bietet<br />

inzwischen jährlich für ca. 350 behinderte Menschen 14tägige<br />

betreute Ferienfreizeiten an.<br />

Auch Feste aller Art, außerhalb der Werkstattzeit, besonders<br />

genossen nach längeren Arbeitsperioden, förderten das gemein-<br />

203


204<br />

same Miteinander und<br />

machten Freude. Solche<br />

Veranstaltungen ließen<br />

sich nur mit Hilfe der Mitarbeiter<br />

unter selbstlosem<br />

Arbeitseinsatz arrangieren.<br />

So hieß es im Dezember<br />

1970:<br />

... Am Freitag, dem<br />

18.12.1970 um 13.30<br />

Uhr werden wir uns im<br />

Weißen Saal der Halle<br />

Münsterland bei Kakao, Kaffee und Kuchen zusammensetzen<br />

in der Erwartung, daß St. Nikolaus - wenn auch mit<br />

Verspätung - doch noch zu uns kommt.<br />

Frohe Stunden in festlicher Kleidung bedürfen einer etwas<br />

sonntäglichen Kleidung. Dürfen wir Sie herzlich bitten,<br />

bei Ihrer Tochter/Ihrem Sohn das Notwendige zu veranlassen?<br />

... . 4<br />

Durch all diese Aktivitäten gewannen die Beschäftigten ein<br />

positives Bild von ihrer<br />

Werkstatt. Sie konnten sich<br />

allmählich mehr und mehr<br />

mit ihr identifizieren und<br />

auch mit einem gewissen<br />

Stolz verkünden, daß sie bei<br />

„Westfalenfleiß“ arbeiteten.<br />

Durch solche Aktivitäten<br />

verlor manch einer seine<br />

Vorbehalte und Vorurteile<br />

gegenüber einer Werkstatt<br />

für Behinderte.


Toleranz gerade gegenüber den geistig behinderten Menschen<br />

ließ sich aber nur erreichen, wenn man sich in der Öffentlichkeit<br />

zeigte - auf Festen oder auf dem Ausflug. Es sollte keinen<br />

Unterschied geben, wenn die Stadtverwaltung Münster oder die<br />

Westfalenfleiß GmbH verreiste. Hinzu kam, daß gerade die<br />

behinderten Menschen ein Recht auf Abwechslung und Erholung<br />

eingelöst bekommen sollten. Ein Recht, das man ihnen selten<br />

zugestand.<br />

1 MAGS, Behinderte in NRW, S. 207 ff.<br />

2 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2 - Sammlung Nienhaus, Westfalenfleiß an alle<br />

Eltern. 1968.<br />

3 Vergleiche zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2 - Sammlung<br />

Nienhaus kritische Auswertung der Ferienmaßnahme auf Norderney, 1972.<br />

4 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2 - Sammlung Nienhaus, Sozialabteilung (Frau<br />

Wulfert) an Eltern, 1970.<br />

205


206<br />

13. Die begleitenden Dienste und Angebote in der<br />

Werkstatt für Behinderte<br />

Neben dem reinen Arbeits-und Beschäftigungsangebot für die<br />

behinderten Menschen, haben die begleitenden Angebote der<br />

Werkstatt in den vergangenen Jahren einen immer größeren<br />

Stellenwert eingenommen.<br />

Begleitende Angebote und Dienste der Werkstatt dienen, wie die<br />

Arbeit, der gezielten Förderung und Unterstützung der Gesamtpersönlichkeit<br />

des behinderten Menschen. Sie sollen den Behinderten<br />

dazu motivieren, ihn befähigen und ihn unterstützen auch<br />

andere persönlichkeits-und sozialentwicklungsfördernde Angebote<br />

unter dem Dach der Werkstatt zu erfahren und wahrzunehmen.<br />

Die Reihe der Angebote und die einzelnen Aufgaben der Dienste<br />

sind daher vielschichtig und unterschiedlich, um ein möglichst<br />

breites Spektrum von individuellen Bedürfnissen abzudecken.<br />

Arbeit und begleitende Dienste ergänzen sich mit dem Ziel eines<br />

kontinuierlichen Bildungs-und Förderungsprozesses behinderter<br />

Menschen.


13.1 Der Soziale Dienst<br />

Die Sozialarbeiter/innen und Sozialpädagogen/innen des Sozialen<br />

Dienstes begleiten den behinderten Menschen und seine<br />

Angehörigen bereits bei den ersten Kontakten mit der Werkstatt<br />

für Behinderte.<br />

Durch die Zusammenarbeit mit den Sonderschulen für geistigbehinderte,<br />

körperbehinderte und gehörlose Menschen finden erste<br />

Begegnungen und Informationen bereits in den Jahren vor der<br />

Schulentlassung statt - verbunden mit orientierenden Praktika in<br />

der Werkstatt für Behinderte.<br />

Im Vorfeld der Aufnahme kooperiert der Soziale Dienst mit dem<br />

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sozialen Dienstes 1992.<br />

Arbeitsamt, Sozialen Diensten, Beratungsstellen, Wohneinrichtungen,<br />

Kliniken, behandelnden Ärzten und anderen vermittelnden<br />

Stellen.<br />

Im Erstgespräch informieren die Mitarbeiter/innen des Sozialen<br />

Dienstes den Beschäftigten und seine Angehörigen über die<br />

207


208<br />

Angebote zur beruflichen und persönlichen Bildung in der WfB<br />

und entwickeln gemeinsam mit dem Betroffenen einen individuellen<br />

Eingliederungsweg.<br />

Auf der Grundlage der mit den Kostenträgern vereinbarten<br />

Maßnahmen wird ein individueller Förderplan erstellt und während<br />

der gesamten Beschäftigungsdauer fortgeschrieben.<br />

Der Soziale Dienst begleitet die Eingliederung an den Arbeitsplätzen<br />

der Werkstatt im persönlichen Kontakt mit den Beschäftigten<br />

und den Gruppenleitern.<br />

Er entwickelt bzw. koordiniert begleitende Hilfen und Maßnahmen,<br />

die die Eingliederung unterstützen - von speziellen Hilfsmitteln<br />

und besonderen Betreuungsmaßnahmen über Hilfestellungen<br />

bei der persönlichen Versorgung, bis zur Teilnahmen an<br />

Bildungsmaßnahmen und Ferienfreizeiten.<br />

Die Gruppenleiter und Gruppenleiterinnen der Werkstatt werden<br />

in ihrer arbeitspädagogischen Aufgabe fachlich beraten und in<br />

Krisensituationen unterstützt.<br />

Der Soziale Dienst koordiniert und begleitet auch die Integration<br />

von behinderten Mitarbeitern in Außenarbeitsplätze bzw. den<br />

allgemeinen Arbeitsmarkt.<br />

Beim Ausscheiden aus der WfB vermittelt er auf Wunsch geeignete<br />

Nachfolgeeinrichtungen oder ambulante Dienste.<br />

Im Mittelpunkt der Tätigkeit des Sozialen Dienstes steht die<br />

ganzheitliche Sicht des behinderten Menschen. Er soll in einer<br />

sinnerfüllten Arbeit, im Zusammensein und in der Auseinandersetzung<br />

mit anderen Menschen, stets neue Chancen zur persönlichen<br />

Weiterentwicklung finden und sein Leben nach seinen<br />

persönlichen Möglichkeiten gestalten können.<br />

Hierzu bietet der Soziale Dienst begleitende Beratung in Konfliktsituationen,<br />

zur Wohn- und Lebensplanung, zu ärztlichen


und therapeutischen Maßnahmen, zur Verwirklichung finanzieller<br />

und rechtlicher Ansprüche für die behinderten Beschäftigten<br />

und ihre Angehörigen. Gewünschte Hilfen werden vermittelt.<br />

Planung und Durchführung von Informationsveranstaltungen für<br />

Beschäftigte, Eltern und Betreuer ergänzen dieses Angebot.<br />

In der Zusammenarbeit mit den Vertretungsgremien, den Abteilungen<br />

und Diensten der Werkstatt wirkt der Soziale Dienst an<br />

der inhaltlichen Gestaltung des Angebots behinderte Menschen<br />

mit. Er leistet Entwicklungsarbeit für neue und veränderte Anforderungen.<br />

209


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13.2. Viel Spaß durch Spiel, Sport und Bewegung<br />

Im Rahmen der arbeitsbegleitenden Maßnahmen kann jeder Beschäftigte<br />

während der Arbeitszeit ein Sportangebot pro Woche<br />

wahrnehmen. Dieses Angebot wird von den meisten Beschäftigten<br />

„Sport“ steht bei der Westfalenfleiß GmbH ganz oben.<br />

gerne genutzt, denn es bietet eine willkommene Abwechslung und<br />

trägt zum Ausgleich der Beanspruchung am Arbeitsplatz bei. Je<br />

nach Können und Notwendigkeit erhalten die behinderten Sportler<br />

Einzel- oder Gruppentraining.


Das Thema Sport hat sich zu einem der wichtigsten Begleitangebote<br />

bei der Westfalenfleiß GmbH entwickelt. Die behinderten<br />

Menschen sind mit viel Elan dabei, wie es der folgende Bericht<br />

einer behinderten Beschäftigten zeigt:<br />

Gymnastik in der hauseigenen Sporthalle.<br />

... Es ist fünf vor acht und Donnerstag. Ich gehe zu meinem<br />

Spind, um die Turnschuhe und das Sportzeug herauszuholen.<br />

Heute beginnt nämlich der Tag nicht mit Arbeit, sondern<br />

mit ‘Werkstattsport’. Eigentlich bin ich ja noch ziemlich<br />

müde. Soll ich mich wirklich bewegen oder geht es mir<br />

heute gar nicht so gut? Wenn ich es mir recht überlege, habe<br />

ich eigentlich Kreislaufprobleme und die Hüften tun mir<br />

weh! Ob ich heute mal aussetze mit dem Sport? Aber da<br />

kommt schon Jochen und will mich abholen. Na gut, auf<br />

geht´s. Wir sind die letzten, die ankommen. Alle anderen aus<br />

meiner Gruppe sind längst da und schon umgezogen.<br />

Jetzt muß ich mich auch noch beeilen! Na prima!! Endlich<br />

ist das Umziehen geschafft und ich gehe in die Halle. Ich<br />

211


212<br />

sehe es den anderen an den Augen an, die haben auf mich<br />

gewartet. Zum Begrüßen bleibt kaum Zeit, ich höre nur:<br />

’Jetzt woll´n wir uns mal aufwärmen!’ Darauf Jochens<br />

Standardsatz: ‘Ich bin warm!’ Alle kennen den Spruch,<br />

trotzdem lachen wir alle los. Aber es hilft nichts: aufwärmen<br />

muß sein. Ich kann mir die Übungen gut merken, nur das<br />

Stehen auf einem Bein ist schwierig. Ich schaue herum: die<br />

anderen haben auch ihre Probleme. Jeder soll heute seine<br />

Lieblingsübung vormachen - und alle übrigen machen diese<br />

dann nach. Wir schinden uns an der Sprossenwand, auf dem<br />

Kasten, am Standfahrrad. Um fünf Minuten vor neun sind<br />

wir alle erst einmal ‘platt’, aber zufrieden. Man fühlt sich<br />

nach einer Stunde Bewegung eben einfach verjüngt. Der<br />

Kreislauf ist in Ordnung, das Gehen fällt leichter und die<br />

Hüften - na ja, eben das alte Lied. Dennoch: Sport ausfallen<br />

lassen - für mich undenkbar ... . 1<br />

Nach Dienstschluß in der Werkstatt werden wöchentlich bzw.<br />

Die erfolgreiche Westfalenfleiß-Fußballmannschaft.


14tägig zehn Sportgruppen - Fußball, Tischtennis, Tennis, Speckbrett,<br />

Schwimmen, Kegeln - durch den Behindertensportverein<br />

der Westfalenfleiß GmbH angeboten. Die Angebote des Behindertensports<br />

werden regelmäßig von ca. acht bis zehn Behinderten<br />

pro Gruppe wahrgenommen.<br />

Auch nach außen hin versuchen die Sportler der Westfalenfleiß<br />

GmbH, Integration von behinderten Menschen zu verwirklichen<br />

- sei es beim Schwimmen, Kegeln, Tanzen sowie Fußball etc.<br />

Die neue Sporthalle am Kesslerweg steht deshalb Gruppen und<br />

Vereinen offen, die gemeinsam mit behinderten Menschen aktiv<br />

werden wollen. Regelmäßig werden zum Beispiel Fußballturniere<br />

durchgeführt.<br />

1 An einem Donnerstagmorgen, In: Westfalenfleiß Echo, 4/94.<br />

213


214<br />

13.3. Gesundheitsvorsorge - Zahnärztlicher und ärztlicher<br />

Dienst<br />

Auch die Gesundheitsvorsorge hat bei „Westfalenfleiß“ ihren<br />

festen Platz:<br />

Der zahnärztliche Dienst bietet seit 1989 den Beschäftigten<br />

Vorsorge und Versorgung rund um den Zahn. Durch die Konrad-<br />

Morgenroth-Förderer-Gesellschaft war es möglich, den behin-<br />

Fachgerechte Behandlung und Prophylaxe bietet der zahnärztliche Dienst.<br />

derten Werkstattbeschäftigten vor Ort - in dem Gebäude am<br />

Kesslerweg - zahnärztliche Behandlung anzubieten. Die vertraute<br />

Umgebung trägt dazu bei, die Schwellenangst der behinderten<br />

Patienten vor dem Besuch beim Zahnarzt herabzusetzen.<br />

So hat man Zahnärzte gewinnen können, die in einer voll eingerichteten<br />

Behandlungseinheit eine fachgerechte Behandlung der<br />

oftmals mit schwerwiegenden Zahnproblemen sich quälenden


ehinderten Menschen gewährleisten. Den zahnärztlichen Dienst<br />

leisten im Wechsel drei Zahnärzte und eine Zahnärztin mit ihren<br />

Helferinnen. 240 Patienten werden von ihnen versorgt. Darüber<br />

hinaus wird ein tägliches Zahnputztraining angeboten, damit es<br />

gar nicht erst zu Zahnproblemen kommt. In der Werkstatt<br />

nehmen etwa 100 behinderte Mitarbeiter an den Zahnputzanleitungen<br />

und den Maßnahmen zur Prophylaxe teil.<br />

In regelmäßigen Abständen werden in einer Informationsveranstaltung<br />

zum Thema „Zahngesundheit“ Eltern, Sorgeberechtigte<br />

und Wohnheimmitarbeiter über die Zahnpflege und -probleme<br />

aufgeklärt. Die Westfalenfleiß GmbH ist mit dieser Entwicklung<br />

„Zahnarztpraxis im eigenen Haus“ zum Wohl der behinderten<br />

Beschäftigten in der Werkstättenlandschaft richtungsweisend.<br />

Für die ärztliche, psychiatrische Beratung steht der Werkstatt<br />

eine Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie zur Verfügung.<br />

Die Fachärztin überprüft in Zusammenarbeit mit dem Sozialen<br />

Dienst, ob die Werkstatt für die jeweilige Person die adäquate<br />

Eingliederungsmaßnahme anbieten kann.<br />

Zu ihren Aufgaben gehört darüber hinaus die Diagnostik und<br />

Beratung bei der Eingliederungsplanung von behinderten Menschen<br />

zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Werkstatt. Auch<br />

umfaßt der ärztliche Dienst die beratende Tätigkeit zu medizinischen<br />

Fragen im Hinblick auf die Eignung für bestimmte Tätigkeiten<br />

und notwendige medizinische Versorgung.<br />

215


216<br />

13.4. Besondere Angebote für Gehörlose<br />

1989 wurde die Werkstatt Westfalenfleiß GmbH eine von fünf<br />

Schwerpunktwerkstätten für Gehörlose im Bereich des Landschaftsverbands<br />

Westfalen - Lippe.<br />

Der Beschluß zur Schaffung von Schwerpunktwerkstätten durch<br />

den Landschaftsverband und die Vertreter der Werkstätten verfolgte<br />

folgende Zielsetzung:<br />

Mehrfachbehinderten gehörlosen Menschen soll im Anschluß an<br />

ihre Schulausbildung ein möglichst heimatnahes Arbeitsangebot<br />

Gehört zur Standardeinrichtung der Werkstatt: das Gehörlosentelefon.<br />

gemacht werden, um lebendige Kontakte zu ihren Familien zu<br />

erleichtern.<br />

Gleichzeitig brauchen diese Menschen ein besonders an ihrer<br />

Behinderung ausgerichtetes Angebot, das ihnen hilft, die Nach-


teile durch ihre eingeschränkte Kommunikation so weit wie<br />

möglich zu überwinden und an einer Gemeinschaft teilzuhaben.<br />

Die Schwerpunktwerkstätten wollen in Kooperation mit dem<br />

Kostenträger diesem Bedarf durch gezielte Ausbildung und fortlaufende<br />

Weiterqualifizierung des Personals entgegenkommen.<br />

Zudem können besonders geeignete Arbeitsplätze für mehrfachbehinderte<br />

gehörlose Menschen entwickelt werden.<br />

In der WfB Westfalenfleiß GmbH sind dieses die Bereiche<br />

Gärtnerei, Wäscherei und Großküche , in denen insgesamt acht<br />

gehörlose Mitarbeiter/innen tätig sind.<br />

Weitere Beschäftigte sind nach ihren Neigungen und Fähigkeiten<br />

in den anderen Arbeitsbereichen der WfB beschäftigt.<br />

Die ca. 15 gehörlosen Mitarbeiter/innen begegnen einander an<br />

Arbeitsplätzen, in den Pausen und bei speziellen Veranstaltungen.<br />

Über die Teilnahme an den allgemeinen Angeboten der WfB<br />

hinaus finden sie als Gruppe während der Arbeitszeit spezielle<br />

Kurse, lebenspraktische Bildung und Beratungsangebote, die auf<br />

ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind.<br />

Ein Lehrer für Gehörlose a.D. sorgt für kontinuierliche Gesprächskontakte<br />

am Arbeitsplatz und unterstützt die Gruppenleiter<br />

vor Ort in der Kommunikation mit den gehörlosen Beschäftigten.<br />

Die Werkstatt kooperiert mit Gehörlosenbetreuern, der Gehörlosenschule,<br />

Fachärzten und - Kliniken und assistiert, wo nötig,<br />

bei der Verständigung mit der hörenden Umwelt. Das Angebot<br />

technischer Kommunikationshilfen wie Faxgerät und Schreibtelefon<br />

wird durch persönliche Hilfestellungen ergänzt.<br />

Durch Fortbildungsmaßnahmen in der Gebärdensprache, regelmäßige<br />

Arbeitstreffen und die begleitende Beratung ist bei den<br />

217


218<br />

Mitarbeiter/innen der Einrichtung ein breites Bewußtsein für die<br />

Lebenssituation gehörloser Menschen gewachsen.<br />

Hörende Beschäftigte wünschen, Grundgebärden zu erlernen,<br />

um mit den gehörlosen Kolleg/innen besser in Kontakt zu kommen.<br />

Ein entsprechendes Angebot wird seit vier Jahren rege<br />

wahrgenommen.<br />

Durch dieses Konzept entwickelte sich bei Mitarbeitern und<br />

behinderten Beschäftigten Sensibilität für die Bedürfnisse gehörloser<br />

Menschen in der Gemeinschaft sowie Mut und Einfallsreichtum,<br />

die sprachlichen Barrieren “mit Händen und Füßen” zu<br />

überwinden.


14. Mitbestimmen und Mitreden -<br />

Die Gremien der Werkstatt<br />

Die Werkstatt lebt aus der Kooperation der in ihr versammelten<br />

und mit ihr befaßten Personen.<br />

Um eine erfolgreiche Zusammenarbeit zur Zufriedenheit aller<br />

Beteiligten zu erreichen, bedarf es eines komplexen Systems, zu<br />

dem u.a. auch die Gremien gehören.<br />

219


220<br />

14.1. Der Werkstattrat<br />

Mit dem Werkstattrat wird dem § 54c Abs. 1 (Mitwirkung) des<br />

Schwerbehindertengesetzes Rechnung getragen, der den Menschen<br />

mit Behinderungen in den ihre Interessen berührenden<br />

Angelegenheiten Mitwirkungsmöglichkeiten zuspricht.<br />

Die Satzung für den Werkstattrat wird unterzeichnet.<br />

Der Werkstattrat der Westfalenfleiß GmbH, setzt sich aus elf<br />

gewählten Vertretern der Beschäftigten zusammen und wird alle<br />

vier Jahre gewählt. Die Beschäftigten, die sich in einem Arbeitnehmerstatus<br />

befinden, können sich entscheiden, ob sie an der<br />

Wahl zum Werkstattrat oder der zum Betriebsrat teilnehmen<br />

wollen.<br />

In der Satzung heißt es, daß sich der Werkstattrat versteht als<br />

... Interessenvertretung der Beschäftigten, die partnerschaftlich<br />

zusammen mit anderen (Werkstattbeirat, Ge-


schäftsführung, Gruppenleiter, Vertrauensperson, Sozialdienst,<br />

Betriebsrat und Betriebsleitung) an der Gestaltung<br />

der Werkstatt für Behinderte mitarbeitet. Der Werkstattrat<br />

bietet die Möglichkeit, das Gemeinschaftsbewußtsein der<br />

Beschäftigten aufzugreifen und weiterzuentwickeln ... . 1<br />

Von ihm wird auch der Vertrauensmitarbeiter gewählt. 2 Er soll<br />

die Vertreter des Werkstattrates begleiten, ihnen Verständnishilfen<br />

geben und die schriftlichen Aufgaben unterstützen.<br />

Ziel des Werkstattrates ist es, beim Zusammenleben und Arbeiten<br />

von Beschäftigten und Mitarbeitern vermittelnd mitzuarbeiten.<br />

Er beschreibt seine Aufgaben wie folgt:<br />

... ‘Wir wollen mit unserer Arbeit im Werkstattrat vor<br />

allem die Interessen der Beschäftigten aufgreifen und<br />

zwischen ihnen und den Mitarbeitern der WfB und deren<br />

Gremien vermitteln’... . 3<br />

Aufgabengebiete des Werkstattrates sind unter anderem die Entlohnung<br />

der Beschäftigten und die Ausgestaltung ihrer Arbeitsplätze,<br />

die Förder- und Weiterbildungsmaßnahmen sowie die<br />

Ferienfreizeiten der Beschäftigten. Desweiteren wirkt der Werkstattrat<br />

sowohl bei der Änderung der Werkstattordnung als auch<br />

bei der Planung und Durchführung von Veranstaltungen mit.<br />

Zweimal im Jahr beruft der Werkstattrat eine Beschäftigtenversammlung<br />

ein, auf der er dann über seine Tätigkeiten berichtet.<br />

Der Werkstattrat ist mit fünf Vertretern (drei aus der Werkstatt<br />

am Kesslerweg und je einem Vertreter der Zweigbetriebe ISM<br />

und Telgte) im Werkstattbeirat präsent.<br />

1 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Satzung der Beschäftigtenvertretung.<br />

2 Ebd..<br />

3 Partnerschaftliche Interessenvertretung, In: Westfalenfleiß Echo, 2/92.<br />

221


222<br />

14.2. Der Werkstattbeirat<br />

Um die Gesamtheit aller direkt mit der Werkstatt befaßten<br />

Menschen - Beschäftigte, Mitarbeiter, Sozialer Dienst, Geschäftsführung,<br />

Träger und Eltern - zu koordinieren und zu Entscheidungen<br />

zu kommen, die von allen mitgetragen werden können,<br />

gibt es seit 1983 den Werkstattbeirat, 1 in dem Vertreter aller<br />

Gruppen der Westfalenfleiß GmbH vertreten sind. Bis auf die<br />

Vertreter des Sozialen Dienstes und die der Gruppenleiter, die<br />

von der Geschäftsführung bestimmt werden, wählen diese Gruppen<br />

ihre Vertreter selbst und entsenden diese in den Werkstattbeirat,<br />

so daß fünf Vertreter der behinderten Beschäftigten, drei<br />

Vertreter des Elternbeirates, je ein Vertreter der Träger, ein<br />

Vertreter des Sozialen Dienstes, ein Vertreter der Gruppenleiter<br />

und die Geschäftsführung im Werkstattbeirat vertreten sind.<br />

Dieses Gremium kann zu seiner eigenen Beratung Fachleute<br />

hinzuziehen. Die Entscheidungen des Werkstattbeirates haben<br />

empfehlenden Charakter.<br />

Laut Satzung ist der Auftrag des Beirates, „die Interessen der<br />

behinderten Beschäftigten zu wahren und zu vertreten“. Konkret<br />

bedeutet das, die Interessen der Beschäftigten wahrzunehmen im<br />

Hinblick auf ihre Arbeits- und Freizeitmöglichkeiten, ihre Betreuung,<br />

ihre Wohnstättenunterbringung und die Gestaltung<br />

ihres Lebensabends.<br />

Er soll zu Problemlösungen bei individuellen Konflikten und bei<br />

grundsätzlichen Fragen beitragen. Die enge Zusammenarbeit mit<br />

den Wohnstätten ist dabei von großer Bedeutung.<br />

1 Hierzu und zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß GmbH C - 1 - Satzung Werkstattbeirat.


14.3. Der Elternbeirat<br />

Der Elternbeirat - die Vertretung der Sorgeberechtigten - ist ein<br />

Bindeglied zwischen Beschäftigten, Eltern, Sorgeberechtigten,<br />

Mitarbeitern und Trägern der Werkstatt für Behinderte.<br />

Der Elternbeirat ist das Bindeglied zwischen Beschäftigten, Eltern, Sorgeberechtigten,<br />

Mitarbeitern und Trägern der Werkstatt.<br />

Er kann zu allen Fragen des Werkstattgeschehens Stellung<br />

nehmen und Anregungen geben. Gewählt werden die elf Mitglieder<br />

von den Eltern und Sorgeberechtigten für die Dauer von vier<br />

Jahren.<br />

223


224<br />

15. Wohnen für Menschen mit Behinderungen<br />

Am 21.06.1976 eröffnete die Westfalenfleiß GmbH in Wolbeck<br />

die erste Wohnstätte.<br />

Heute bietet sie in 4 Wohnstätten 237 Wohnstättenplätze an, die<br />

sich in den Stadtteilen Gremmendorf, Wolbeck, Kinderhaus und<br />

in der Stadt Telgte befinden. Zusätzlich gibt es in Hiltrup und in<br />

Gremmendorf Außenwohngruppen mit insgesamt 15 Plätzen,<br />

die den Haupthäusern angegliedert sind.<br />

Mit diesem differenzierten Wohnangebot wird versucht, den<br />

unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen mit Behinderungen<br />

gerecht zu werden.<br />

So verfügt jede Wohnstätte über Einzel- und Doppelzimmer und<br />

pro separater Wohngruppe über Gemeinschaftsräume wie Wohnund<br />

Eßzimmer und Küche.<br />

Alle Gebäude sind behindertengerecht ausgestattet, Teilbereiche<br />

besonders für Rollstuhlfahrer konzipiert. Ausreichend Räumlichkeiten<br />

für Freizeitaktivitäten wie Sport, Kegeln, Spiel, Musik<br />

und Werken stehen Bewohnern und ihren Gästen jederzeit zur<br />

Verfügung.<br />

Bei dem jeweiligen Standort der Wohnstätten und Außenwohngruppen<br />

wurde zum Einen darauf geachtet, daß durch räumliche<br />

Nähe der vorhandenen Infrastruktur die Integration der Bewohner<br />

in den jeweiligen Stadtteil auch selbständig möglich ist, zum<br />

Anderen der Baustil sich nahtlos in seine Umgebung anpaßt.<br />

In unseren Wohnstätten leben erwachsene Menschen mit körperlichen,<br />

geistigen, seelischen und mehrfachen Behinderungen, die<br />

wegen Art und Schwere der Behinderung der Hilfe in einer<br />

Wohnstätte bedürfen (§§ 39 ff).<br />

Anlässe für einen erwachsenen Menschen mit Behinderung zum<br />

Auszug aus dem Elternhaus können sein:


· der eigene Wunsch, das Elternhaus zu verlassen,<br />

· das Erreichen des Erwachsenenalters,<br />

· Krankheit, Alter oder Tod der Eltern bzw. der Pflegepersonen,<br />

· pädagogische bzw. psychologische Gründe,<br />

· die Notwendigkeit einer Familienentlastung.<br />

Die rechtliche Grundlage bildet das Bundessozialhilfegesetz<br />

(BSHG), §§ 39 ff. Hier geht es um Eingliederungshilfen für<br />

Menschen mit Behinderungen, vor allem um die Teilnahme am<br />

Leben in der Gemeinschaft. Die Kosten für die Unterbringung in<br />

Die Wohnstätte auf dem Gut Kinderhaus.<br />

einer Wohnstätte übernimmt in der Regel der überörtliche Träger<br />

der Sozialhilfe, hier der Landschaftsverband Westfalen-Lippe.<br />

Im Einzelfall kann auch ein Versicherungsträger als Kostenträger<br />

auftreten, oder der behinderte Bewohner zahlt die Kosten selber.<br />

In unseren Wohnstätten sollen behinderte Menschen sich zuhause<br />

fühlen und die erforderliche Hilfe, Förderung und Unterstützung<br />

225


226<br />

bekommen, die sie aufgrund ihrer Behinderung brauchen.<br />

Die Bewohner leben unter weitestgehend normalen Lebensbedingungen,<br />

was sich im Alltag durch größtmögliche Selbstbestimmung<br />

und Selbständigkeit ausdrückt.<br />

Die Bewohner sind in den Wohnstätten in eine Gemeinschaft<br />

integriert, in der jedoch auch ausreichend Raum für die individuelle<br />

Privatsphäre sichergestellt sein muß.<br />

Die Wohnstätte Haus Gremmendorf.<br />

Alle Wohnstätten unterstützen ihre Bewohner je nach Bedarf<br />

beim Aufbau und der Pflege von Außenkontakten und Außenaktivitäten.<br />

Ziel der Begleitung und Unterstützung ist die ganzheitliche<br />

Förderung unter Berücksichtigung des Normalisierungsprinzips.<br />

Der Lebensalltag in der Wohnstätte soll sich dabei so wenig wie<br />

möglich vom Alltag der Gesellschaft unterscheiden.


Der Tagesablauf mit Aufstehen, Arbeiten, Freizeitgestaltung und<br />

Schlafengehen, wie auch die Trennung der Bereiche Wohnen,<br />

Arbeit und Freizeit orientiert sich an der Gesellschaft; ähnliches<br />

gilt auch für den Jahresrhythmus mit Urlaub, Reisen und Festen.<br />

Die lebenspraktischen Fertigkeiten, wie Körperhygiene, Essen,<br />

Trinken, An- und Ausziehen, Orientierung in der näheren und<br />

weiteren Umgebung, sollen eingeübt oder verbessert werden.<br />

Die Teilnahme am öffentlichen Leben, z. B. Teilnahme an Kursen,<br />

Mitgliedschaft in Vereinen, Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen,<br />

wird ermöglicht und gefördert.<br />

Desweiteren sollen soziale Fähigkeiten, wie die Bewältigung von<br />

Problemen und Konflikten, der Aufbau von Vertrauen aber auch<br />

Rücksichtnahme auf andere verbessert werden.<br />

Wie es einem erwachsenen Menschen angemessen ist, hat der<br />

behinderte Bewohner, je nach seinen Möglichkeiten, ein Selbstbestimmungsrecht<br />

in allen Entscheidungen, die ihn betreffen.<br />

Ein normales Zusammenleben mit dem anderen Geschlecht ist ein<br />

wichtiger Bereich des Erwachsenseins. Ehepaare und langjährige<br />

Im Wohnbereich der Außenwohngruppe im Gustav-Tweer-Weg.<br />

227


228<br />

Paare haben dementsprechend die Möglichkeit, zusammenzuwohnen.<br />

Die Wohnstätten stellen schwerpunktmäßig ein Angebot für<br />

Beschäftigte der Werkstatt für Behinderte der Westfalenfleiß<br />

GmbH dar, jedoch gehen auch einige Bewohner einer Beschäftigung<br />

auf dem freien Arbeitsmarkt nach.<br />

Das derzeitige Alter der Bewohner liegt zwischen 19 und 85<br />

Jahren, der Anteil von weiblichen und männlichen Bewohnern ist<br />

in etwa ausgeglichen.<br />

Keiner unserer Bewohner muß beim Ausscheiden aus dem Erwerbsleben<br />

seine Wohnung verlassen.<br />

Auch hier gilt der Grundsatz des „Normalisierungsprinzips“.<br />

Jeder Bewohner erhält die notwendige Hilfe, um die bestehende<br />

Selbständigkeit möglichst zu erhalten. Es gilt, auch im Alter<br />

eigene Kompetenzen und Fähigkeiten zu erhalten und zu fördern,<br />

ohne zu überfordern.<br />

Eine als sinnvoll erlebte Tagesstruktur, sowie Werktherapie für<br />

Einzel- und Gruppenarbeit wird angeboten. Der Tagesablauf<br />

muß so offen gestaltet sein, daß dem Einzelnen die Möglichkeit<br />

bleibt, seinen eigenen Wünschen und Interessen nachzugehen (z.<br />

B. Rückzugsmöglichkeiten, private Besuche und Kontakte, Hobbys).<br />

Für besonders betreuungsbedürftige Bewohner gibt es Wohngruppen,<br />

die mit einem erhöhten Personalschlüssel ausgestattet<br />

sind.<br />

In reizarmer Umgebung erhalten die besonders betreuungsbedürftigen<br />

Bewohnern gezielte Unterstützung. Sie können ihre<br />

Bedürfnisse individuell ausleben, wobei gemeinsame Aktivitäten<br />

und Begegnung mit anderen Bewohnern zum täglichen Leben<br />

gehören.<br />

Während in den Wohnstätten eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung<br />

gewährleistet ist, müssen Bewohner in den Außenwohngruppen


in der Lage sein, auch über einige Tage sowie in der Nacht ohne<br />

Betreuung auszukommen. Es besteht die Möglichkeit, den Außenwohngruppen-Betreuer<br />

telefonisch zu erreichen sowie auch Mitarbeiter<br />

des Haupthauses kurzfristig um Hilfe zu bitten.<br />

Üblicherweise leben in der Außenwohngruppe Menschen mit<br />

Behinderungen die so selbständig sind, daß sie unter Anleitung die<br />

Wohnung reinigen, mit Geld umgehen, Mahlzeiten zubereiten<br />

Die Wohnstätte Haus Wolbeck<br />

sowie ihre Freizeit eigenständig gestalten können. Diese Wohnform<br />

kann die Vorstufe sein für den Umzug in eine eigene<br />

Wohnung. Eine Durchlässigkeit zu beiden Seiten, d. h. zurück zum<br />

Haupthaus, und vom Haupthaus in die Außenwohngruppe ist<br />

gegeben; es gibt keine zeitliche Begrenzung für die Verweildauer<br />

in einer Außenwohngruppe.<br />

Die Wohnstätten verfügen über ein Angebot an Kurzzeitwohnplätzen.<br />

Dieses Wohnangebot wird von vielen Menschen mit<br />

229


230<br />

Behinderungen genutzt, deren Eltern entweder eine Erholungspause<br />

benötigen oder bedingt durch Krankheit oder Kuraufenthalt<br />

die Betreuung kurzfristig nicht sicherstellen können. Eine<br />

zeitliche Befristung für einen Kurzzeitwohnplatz ist nicht gegeben.<br />

Viele Bewohner nutzen dieses Angebot auch, um die Wohnstätte<br />

kennenzulernen und diese Erfahrung in die Entscheidung<br />

bei einem anstehenden Wohnungswechsel mit einfließen zu lassen.<br />

Außenansicht der Wohnstätte „Haus Telgte“.<br />

Die Leitungen der Wohnstätten sowie das Betreuungspersonal<br />

bestehen überwiegend aus qualifizierten, pädagogisch oder pflegerisch<br />

ausgebildeten Mitarbeitern. Mitarbeiter mit anderen beruflichen<br />

Qualifikationen sind durch Zusatzqualifikationen geschult,<br />

so daß sie die Voraussetzungen erfüllen, in einer Wohnstätte<br />

tätig zu sein. Ergänzt wird das Stammpersonal durch<br />

Berufspraktikanten für Sozialpädagogik, Zivildienstleistende,<br />

Mitarbeiter im freiwilligen sozialen Jahr sowie Praktikanten aller<br />

Fachrichtungen.


Für die Beratung der Mitarbeiter steht ein Psychologe zur<br />

Verfügung.<br />

Konsiliarisch werden die Bewohner der Wohnstätten durch<br />

Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie betreut. Die Bewohner<br />

haben selbstverständlich freie Arztwahl.<br />

Auf eine gute und enge Zusammenarbeit mit Eltern, Angehörigen<br />

und gesetzlichen Betreuern wird großer Wert gelegt. In den<br />

Wohnstätten finden regelmäßig Elternabende und Einzelgespräche<br />

statt.<br />

Engagierte Eltern haben Fördervereine mit dem Ziel gegründet,<br />

die Arbeit in den Wohnstätten zu begleiten und zu unterstützen.<br />

Durch gemeinsame Veranstaltungen und Feste, zu denen neben<br />

den Angehörigen alle Nachbarn und interessierte Mitbürger<br />

eingeladen sind, wollen sie Integration fördern, Berührungsängste<br />

abbauen und Brücken schlagen zwischen behinderten und<br />

nichtbehinderten Menschen.<br />

Grundsätzlich hat jeder Bewohner einmal im Jahr die Möglichkeit,<br />

an einem 14tägigen begleiteten Freizeitmaßnahme mit ande-<br />

Im Wohnbereich der Wohnstätte „Haus Telgte“.<br />

231


232<br />

ren Bewohnern und Betreuern teilzunehmen. Aus einem vielfältigen<br />

Angebot kann der Bewohner je nach Vorlieben auswählen.<br />

Über dieses Angebot hinaus werden die Informationen über<br />

Angebote anderer Verbände der Behindertenarbeit, Einrichtungen<br />

der Weiterbildung oder Projektgruppen an die Bewohner<br />

weitergegeben. Eine gewünschte Teilnahme findet soweit wie<br />

möglich Unterstützung.<br />

Die gesetzlichen Grundlagen für die Mitwirkung des Heimbeirates<br />

sind in § 5 des Heimgesetzes und in der Verordnung über die<br />

Mitwirkung der Wohnstättenbewohner in Angelegenheiten des<br />

Heimbeirates festgelegt.<br />

Seit Bestehen der Wohnstätten gibt es Heimbeirate, die jeweils<br />

aus 5 gewählten Bewohnern bestehen. Die Wahlperiode beträgt<br />

2 Jahre.<br />

Alle Bewohner sind wahlberechtigt bzw. können sich in den<br />

Heimbeirat wählen lassen.<br />

Sie können ihre Wünsche, ihre Kritik und ihre Anregung an den<br />

Heimbeirat weitergeben.<br />

Mitwirkungsmöglichkeit hat der Heimbeirat bei der Gestaltung<br />

der Freizeit, bei Durchführung von Veranstaltungen, bei Änderungen<br />

der Wohnstättenordnung, bei der Betreuung, Pflege und<br />

Verpflegung.<br />

Regelmäßige Treffen der Heimbeiräte, Einberufung von Vollversammlungen<br />

und Kontakt zu anderen Wohnstätten gehören<br />

ebenso zu seinem Aufgabenkreis.<br />

Der Heimbeirat wählt einen Mitarbeiter des Personals (Vertrauensperson),<br />

der ihn bei seiner Arbeit berät und unterstützt.


16. Behinderte Menschen im Alter<br />

Erst in jüngster Zeit stellt sich das Problem des Wohnens älterer<br />

Menschen mit Behinderungen als besonders dringliche Aufgabe.<br />

Aufgrund der verbrecherischen Vernichtungsprogramme der<br />

Nazis war dieser Bereich über Jahrzehnte hinweg kein Thema,<br />

denn die Generation, die für einen Platz zum Wohnen seinerzeit<br />

hätte einkommen können, ist durch die Euthanasieprogramme<br />

der Nazis erheblich dezimiert worden.<br />

Hinzu kommt, daß eine verbesserte medizinische Betreuung und<br />

auch eine umfassende Förderung gerade dem Menschen mit<br />

Alt, - aber nicht abgeschoben: Seniorenbetreuung im Haus Gremmendorf.<br />

Behinderungen eine Lebenserwartung verschafft hat, die etwa<br />

der Gesamtbevölkerung entspricht.<br />

Verstärkt wird das Problem dadurch, daß längst nicht alle Menschen<br />

mit Behinderungen schon in jungen Jahren außerhalb ihres<br />

Familienbezuges leben. Somit stellt sich die Frage des Wohin<br />

oftmals erst nach dem Tode der Eltern oder der altersbedingten<br />

Schwäche von Angehörigen, die es unmöglich macht, weiterhin<br />

„ihr Kind“, ihr Familienmitglied zu versorgen.<br />

233


234<br />

Gerade um diesen schwierigen und schmerzlichen Trennungsprozeß<br />

zu erleichtern, sollten Menschen mit Behinderungen<br />

möglichst schon zu Zeiten starker und noch voll im Leben<br />

stehender Eltern oder Angehöriger sich allmählich von diesen<br />

lösen, wie es bei den nichtbehinderten Menschen auch üblich ist,<br />

um in eine Gemeinschaft des gemeinsamen Altwerdens hineinwachsen<br />

zu können, genauso wie es sich jeder Nichtbehinderte<br />

wünscht.<br />

Deshalb sollte es keine separaten Altersheime, sondern Seniorenwohngruppen<br />

geben, die dem Menschen mit Behinderungen<br />

zu Zeiten seines körperlichen und geistigen Abbaus Halt und ein<br />

Zuhause bieten, was nicht nur während seiner Zeit in der Werkstatt,<br />

sondern auch nach dem Arbeitsleben von besonderem Wert<br />

ist.<br />

Menschen mit Behinderungen, die in ihrer Werkstattzeit schon<br />

die Wohnstätte als Zuhause und Gemeinschaft erfahren haben,<br />

sollen in Seniorenwohngruppen weiterhin der Wohnstätte oder<br />

anderen Wohnformen verbunden bleiben, erleben wie jeder Nichtbehinderte<br />

auch, daß Lebensbezüge, die erhalten werden, den<br />

alten Menschen fit und innerlich zufrieden erhalten.<br />

Jeder alte Mensch sollte wissen können, wohin er im Alter gehen<br />

kann, wo er seinen Lebensabend verbringen könnte, wenn sich<br />

diese Frage stellt.


17. Ausblick<br />

Wir stehen am Ende dieses<br />

Buches über das Werden einer<br />

ungewöhnlichen Werkstatt.<br />

Die Westfalenfleiß GmbH sah<br />

sich in den siebzig Jahren ihres<br />

Bestehens stets einem sozialen<br />

Anliegen verpflichtet:<br />

Dem Menschen aus einem sozialen<br />

Problemfeld zu Ansehen<br />

und Geltung zu verhelfen.<br />

Die Aufgaben der Werkstatt sind umrissen, ihre Klientel quantitativ<br />

nicht, denn das normale Altern in unserer Gesellschaft wird<br />

zu einer Zunahme der Anzahl von Behinderungen und damit der<br />

Menschen mit Behinderungen führen. 1<br />

Dadurch wird der Arbeit der Werkstatt auch in Zukunft besondere<br />

Bedeutung zukommen.<br />

Die Schließung von Teilen der psychiatrischen Krankenhäuser<br />

und die vermehrte Entlassung der dort befindlichen Patienten in<br />

das klinikfreie Leben, wird die Werkstatt in den kommenden<br />

Jahren enorm fordern. Auch im Bereich des Werkstättenausbaus<br />

wird sich in den nächsten Jahren etwas tun müssen. Die Westfalenfleiß<br />

GmbH hat auf diesem Sektor den Bau einer weiteren<br />

Zweigwerkstatt geplant, die 120 Menschen mit Behinderungen<br />

Arbeit bieten wird.<br />

Auch der Aufgabe, den sich verändernden Anforderungen im<br />

Wohnstättenbereich gerecht zu werden, die der gesellschaftliche<br />

Wandel, die Vereinzelung des Menschen und das Auflassen der<br />

traditionellen Familie sowie besondere Personenkreise wie Men-<br />

235


236<br />

schen mit Schwerstbehinderungen oder Verhaltensauffälligkeiten<br />

erforderlich machen, wird sich die Westfalenfleiß GmbH<br />

stellen müssen.<br />

Das alles hat unter dem Menetekel der leeren öffentlichen Kassen<br />

zu geschehen, wobei die Politik stets bestrebt sein wird, beim<br />

Sparen den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, was<br />

bedeutet in jenen Bereichen zu beschneiden und einzuschränken,<br />

wo die Lobby schwach ist.<br />

Zu verhindern, daß Menschen mit Behinderungen schlechter<br />

gestellt werden, als sie es ohnehin heute schon sind und auch<br />

weiterhin für noch mehr Menschen offen und zielgerichtet da zu<br />

sein, das ist die Aufgabe der Westfalenfleiß GmbH in Münster für<br />

die kommenden Jahrzehnte.<br />

1 Heinz Wieland: Die Zuspitzung einer lebenslangen Benachteiligung. Zur Lebenssituation<br />

alternder und alter Menschen mit geistiger Behinderung - einige theoretische<br />

und empirische Anmerkungen, In: Landschaftsverband Rheinland, Geistige Behinderung<br />

im Alter, S. 9 ff, hier: S. 11 f.


18. Abkürzungsverzeichnis<br />

AG: Amtsgericht<br />

AWO: Arbeiterwohlfahrt<br />

BV: Beschäftigtenvertretung<br />

DJK: Deutsche Jugendkraft<br />

GeweHA: Gemeinnützige Werkstätten Hagen<br />

Gewemü: Gemeinnützige Werkstätten Münster<br />

IHK: Industrie- und Handelskammer<br />

ISM: Industrieservice Münster<br />

HFST: Hauptfürsorgestelle<br />

KAGESO: Kreditgemeinschaft gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen Deutschlands<br />

LFV: Landesfürsorgeverband<br />

LKH: Landeskrankenhaus<br />

LWL: Landschaftsverband Westfalen-Lippe<br />

MA: Münsterischer Anzeiger<br />

MAGS: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales<br />

MZ: Münstersche Zeitung<br />

OBM: Oberbürgermeister der Stadt Münster<br />

OLG: Oberlandesgericht<br />

OP: Oberpräsident<br />

RP: Regierungspräsident<br />

STAM: Staatsarchiv Münster<br />

STAM OLG Hamm: Staatsarchiv Münster, Aktenbestände Oberlandesgericht Hamm<br />

STDAM: Stadtarchiv Münster<br />

WfB: Werkstatt für Behinderte<br />

WKfP: Westfälische Klinik für Psychiatrie<br />

Zivi: Zivildienstleistender<br />

237


238<br />

19. Quellen<br />

19.1 Gedruckte Quellen<br />

Bochumer Volksblatt, 04.01.1923.<br />

Brennicke: Handbuch für die Schulungsarbeit der HJ, o. J..<br />

Korrespondenzblatt des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer<br />

und Kriegshinterbliebenen, Nr. 7, 8. Jahrgang, Berlin, 1927.<br />

Münsterischer Anzeiger, 31.12.1919,<br />

Münsterischer Anzeiger, 31.12.1922,<br />

Münsterischer Anzeiger, 31.12.1924,<br />

Münsterischer Anzeiger, 01.01.1932,<br />

Münstersche Zeitung, 26.01.1968.<br />

Weimarer Verfassung.<br />

Westfälische Nachrichten, 21.01.1981.<br />

Westfalenfleiß-Echo<br />

19.2 Archivalien<br />

Archiv Westfalenfleiß GmbH, Münster:<br />

Archiv Westfalenfleiß - A 1.<br />

Archiv Westfalenfleiß - A 2.<br />

Archiv Westfalenfleiß - A 3.<br />

Archiv Westfalenfleiß - A 4.<br />

Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1.<br />

Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2, Sammlung Nienhaus.<br />

Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Prozesse.<br />

Archiv Westfalenfleiß - Sondergut.<br />

Westfälisches Archivamt - Verwaltungsarchiv des Landschaftsverbandes<br />

Westfalen-Lippe, Münster:<br />

LWL, C 10/11, 3 - 5.<br />

LWL, C 10/11, Nr. 714 - 717.<br />

LWL, C 20, Nr. 413 - 414.<br />

LWL, C 20, Nr. 491.<br />

LWL, Abt. 60, Gr. 22, Sachgr. 02, Abt. 16.<br />

LWL, C 60, Nr. 260.<br />

LWL, C 60, Nr. 270.<br />

LWL, C 60, Nr. 346.<br />

LWL, C 61, Nr. 145.


LWL, C 61, Nr. 147.<br />

LWL, C 61, I, Nr. 166.<br />

LWL, C 61, I, Nr. 269.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 23.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 24.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 78.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 121.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 123.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 125.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 144.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 145.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 146.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 147.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 151.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 152.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 154.<br />

LWL, C 61, III, Nr. 155.<br />

LWL, C 66, III, Nr. 24.<br />

Stadtarchiv Münster:<br />

STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1.<br />

STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 2.<br />

STDAM, Amt 10, Bd. 1.<br />

STDAM, Amt 14, Best. E, Nr. 8.<br />

STDAM, Amt 14, Nr. 6.<br />

STDAM, Amt 14, Nr. 6, Bd. 1.<br />

STDAM, Amt 14, Nr. 6, Bd. 2.<br />

STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 1.<br />

STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 2.<br />

STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 3.<br />

STDAM, Armenkommission, Nr. 159.<br />

STDAM, Armenkommission, Nr. 164<br />

STDAM, Armenkommission, Nr. 229.<br />

STDAM, Armenkommission, Nr. 313.<br />

STDAM, Plakatsammlung, Nr. 3.<br />

STDAM, Stadtregistratur, Fach 20, Nr. 65.<br />

STDAM, Stadtregistratur, Fach 155, Nr. 105.<br />

STDAM, OBM, Nr. 208.<br />

STDAM, Stadtverordnetenreg., Nr. 363.<br />

STDAM, Verwaltungsbericht, 1915 - 1926.<br />

STDAM, Verwaltungsbericht, 1926 - 1945.<br />

STDAM, Zentralbüro, Nr. 125.<br />

STDAM, Zentralbüro, Nr. 130, Bd. 1.<br />

STDAM, Zentralbüro, Nr. 137, Bd. 2.<br />

STDAM, Zentralbüro, Nr. 137, Bd. 6.<br />

239


240<br />

Staatsarchiv Münster:<br />

STAM. OLG Hamm, Erbgesundheitsberichte Nr. 757.<br />

STAM. OLG Hamm, Erbgesundheitsberichte Nr. 758.


20. Literaturverzeichnis<br />

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Friedrich Burgdörfer: Volks- und Wehrkraft, Krieg und Rasse, Berlin 1936.<br />

Adelheid Gräfin zu Castell-Rüdenhausen: Die Fürsorgetätigkeit der Provinzialverbände,<br />

In: Karl Teppe (Hg.): Selbstverwaltungsprinzip und Herrschaftsordnung,<br />

Bilanz und Perspektiven landschaftlicher Selbstverwaltung in Westfalen, Münster,<br />

1987.<br />

Günther Cloerkes: Einstellung und Verhalten gegenüber Behinderten, Eine kritische<br />

Bestandsaufnahme internationaler Forschung, 3. erweiterte Auflage, Berlin 1985.<br />

Beate Deutsch: Über die Betreuung der Blinden durch Schule und Beruf, Diss. Med.,<br />

Münster 1944.<br />

Gerhard G. Dittrich: Wohnen Körperbehinderter, Stuttgart 1972.<br />

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sonstigen Versorgungsberechtigte vom Oktober 1926, (Reichstag Ds. III 1924/27,<br />

Nr. 2894), Berlin 1927.<br />

Walter Fandrey: Krüppel, Idioten, Irre, Zur Sozialgeschichte behinderter Menschen in<br />

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Wolfram Fischer: Die Wirtschaftspolitik des Nationalsozialismus, Lüneburg 1961.<br />

Frauenleben im NS-Alltag 1933-1945, Ausstellungsbeiheft erarbeitet vom Seminar<br />

für Geschichte und ihre Didaktik, Lehrgebiet Frauengeschichte der Universität<br />

Bonn, Begleithefte, o. O. o. J..<br />

Rudolf Fülting: Die Pflicht zur Beschäftigung Schwerbeschädigter, Leipzig, 1923.<br />

Christian Ganssmüller: Die Erbgesundheitspolitik des Dritten Reiches, Planung,<br />

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Helga Grebing u. a.: Die Nachkriegsentwicklung in Westdeutschland, Stuttgart 1980.<br />

Ulrich Greskowiak: Die Einstellung der Gesellschaft zu geistig Behinderten, Untersuchungen<br />

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1980.<br />

Ludger Grevelhörster: Die Zeit der Weimarer Republik, (Geschichte original am<br />

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Ludger Grevelhörster: Münsters Weg von der Revolution bis zur Kapitulation:<br />

Brennpunkte der städtischen Geschichte zwischen 1918 und 1945, In: Ulrich Kröll<br />

(Hg.): Geschichte lehren und lernen - am Beispiel der Stadt Münster, Münster 1985.<br />

241


242<br />

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Rassenpflege, In: Ernst Rüdin (Hg.): Erblehre und Rassenhygiene im völkischen<br />

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Alfred Hartlieb von Wallthor: Die Verwaltung des Provinzialverbandes unter dem<br />

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Bernd Haunfelder: Münster, Geschichte in Bildern, Münster 1991.<br />

Rolf G. Heinze, Peter Runde (Hg): Lebensbedingungen Behinderter im Sozialstaat,<br />

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Paul Hirsch: Kommunale Kriegsfürsorge, Berlin 1915.<br />

Josef Hoffarth: Die Dotationsgesetze und ihre Ausführung in der Provinz Westfalen<br />

von 1876 bis 1921, Münster 1936.<br />

Johannes Horion: Die gesetzliche Regelung der Krüppelfürsorge in Preußen, In:<br />

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von Arthur Schloßmann, 16. Dezember 1927, Düsseldorf 1927.<br />

Wilhelm Isberner: Jahrbuch für Beamte im Versorgungs- und Fürsorgewesen 1921,<br />

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Wolfgang Jantzen: Geistig behinderte Menschen und gesellschaftliche Integration,<br />

Bern, Stuttgart, Wien 1980.<br />

Wolfgang Jantzen: Sozialgeschichte des Behindertenwesens, München 1982.<br />

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Doris Kaufmann: Katholisches Milieu in Münster 1928-1933, Politische Aktionsformen<br />

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R. Klare: Homosexualität und Strafrecht, Hamburg 1937.<br />

Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik, 3. Aufl., München 1993.<br />

Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage,<br />

München 1993.<br />

Wolfgang R. Krabbe: Kommunalpolitik und Industrialisierung, Die Entfaltung der<br />

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Reinhard Kühnl: Die Weimarer Republik, Errichtung, Machtstruktur und Zerstörung<br />

einer Demokratie - Ein Lehrstück, überarbeitete Neuauflage, Heilbronn 1993.


Joachim Kuropka: Stimmung und Lage der Bevölkerung in Westfalen zu Kriegsbeginn<br />

1939. In: Westf. Forschungen 30, Münster 1980.<br />

Ders.: Die Machtergreifung der Nationalsozialisten, Dokumente, Fragen, Erläuterungen,<br />

- Geschichte original am Beispiel der Stadt Münster, Münster 1978.<br />

Ders.: Vom Antisemitismus zum Holocaust, zu Vorgeschichte und Folgen des 9.<br />

November 1938 unter Berücksichtigung der Stadt Münster. In: Westfälische Zeitschrift<br />

140, 1990.<br />

Ernst Klee: Euthanasie im NS-Staat, Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens”, 3.<br />

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Landschaftsverband Rheinland (Hg.): Zur Situation psychisch Behinderter im Berufsleben,<br />

Teil 1, 2. Auflage, Köln 1988.<br />

Landschaftsverband Rheinland (Hg.): Zur Situation psychisch Behinderter im Berufsleben,<br />

Teil 2, Köln 1989.<br />

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1993.<br />

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Bracher u. a. (Hg.): Deutschland 1933-1945, 2. erg. Auflage, Bonn 1993.<br />

Rainer Pöppinghege: „Keinerlei weltanschauliche Hemmungen“, - Zur Anpassungsbereitschaft<br />

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Ostendorf (Hg.): „Wer seine Geschichte nicht kennt“, Nationalsozialismus und<br />

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Marie Luise Recker: Vom Revisionismus zur Großmachtstellung, Deutsche Außenpolitik<br />

1933-1939. In: K. D. Bracher u.a. (Hg.): Deutschland 1933-1945, 2. erg.<br />

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Jürgen Reulecke: Auswirkungen der Inflation auf die städtischen Finanzen, In: Gerald<br />

D. Feldmann (Hg.): Die Nachwirkungen der Inflation auf die deutsche Geschichte<br />

1924-1933, München 1985.<br />

243


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Lothar Richter: Kriegsbeschädigtenfürsorge, In: O. Karstedt (Hg.): Handwörterbuch<br />

der Wohlfahrtspflege, Berlin 1924.<br />

Lothar Richter: Schwerbeschädigtenfürsorge, In: O. Karstedt (Hg.): Handwörterbuch<br />

der Wohlfahrtspflege, Berlin 1924.<br />

Berhard Rump: Die Kriegsteilnehmerfürsorge in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung<br />

von Münster i. W., Phil. Diss., Münster 1925.<br />

Christoph Sachße, Florian Tennstedt: Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland,<br />

Bd. 2 u. 3, Stuttgart u. a. 1988/92.<br />

Marlies G. Steinert: Deutsche im Krieg: Kollektivmeinungen, Verhaltensmuster und<br />

Mentalitäten, In: K. D. Bracher u. a. (Hg.): Deutschland 1933-1945, 2. erg. Auflage,<br />

Bonn 1993.<br />

Karl Teppe: Kontinuität und Wandel, Zur Geschichte der landschaftlichen Selbstverwaltung<br />

Westfalens 1885-1945, In: A. Hartlieb von Wallthor (Hg.): Geschichte und<br />

Funktion regionaler Selbstverwaltung in Westfalen, Münster 1978.<br />

Ders. (Hg.): Selbstverwaltungsprinzip und Herrschaftsordnung, Bilanz und Perspektiven<br />

landschaftlicher Selbstverwaltung in Westfalen, Münster 1987.<br />

Ders.: Massenmord auf dem Dienstweg, Hitlers „Euthanasie“-Erlaß und seine Durchführung<br />

in den Westfälischen Provinzialheilanstalten, Münster 1989.<br />

Ders.: Stadtentwicklung und politische Kultur während der Weimarer Reublik, In:<br />

Franz Josef Jakobi (Hg.): Geschichte der Stadt Münster, Bd. 2, 2. Aufl., Münster<br />

1993.<br />

Albrecht Tyrell: Auf dem Weg zur Diktatur, Deutschland 1930-1934, In: K. D.<br />

Bracher u. a.: Deutschland 1933-1945, 2. erg. Auflage, Bonn 1993.<br />

Bernd Ulrich/Benjamin Ziemann (Hg.): Frontalltag im Ersten Weltkrieg, Wahn und<br />

Wirklichkeit, Frankfurt a. M. 1994.<br />

Bernd Walter: Das behinderte Kind im Nationalsozialismus - ausgegrenzt und tödlich<br />

gefährdet, In: Die Rechte des Kindes, Wolfgang Genert (Hg.), Stuttgart u. a. 1992.<br />

Heinz Wieland: Die Zuspitzung einer lebenslangen Benachteiligung. Zur Lebenssituation<br />

alternder und alter Menschen mit geistiger Behinderung - einige theoretische<br />

und empirische Anmerkungen, In: Landschaftsverband Rheinland, Geistige Behinderung<br />

im Alter.<br />

Heinz Wolfram: Vom Armenwesen zum heutigen Fürsorgewesen, Greifswald 1930.<br />

Gisela Wuttke: Das Rad der Geschichte, Arbeitergeschichte aus dem Münsterland,<br />

Münster 1995.<br />

Kurt Zentner: Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches, München 1965.


245


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