download_pdf_chronik - Westfalenfleiß
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Christian Lindner: Gemeinsam leben und arbeiten, 70 Jahre Westfalenfleiß<br />
Gemeinnützige Werkstätten - Ein Rückblick auf 70 Jahre Westfalenfleiß<br />
Gemeinnützige Werkstätten 1925 - 1995, Münster 1995.<br />
Druck: Recklinghäuser Werkstätten, anerkannte Werkstätten für Behinderte,<br />
Alte Grenzstraße 90, 45663 Recklinghausen.<br />
Umschlag: Communication Circle Düsseldorf.<br />
Bildredaktion und Layout: Margret Topp.<br />
Copyright: Westfalenfleiß GmbH Münster.<br />
ISBN 3-00-000215-4<br />
2<br />
Christian H. Lindner<br />
GEMEINSAM LEBEN UND ARBEITEN<br />
70 JAHRE WESTFALENFLEISS<br />
Ein Rückblick auf 70 Jahre Westfalenfleiß Gemeinnützige Werkstätten,<br />
1925 - 1995<br />
Westfalenfleiß GmbH Münster, Gemeinnützige Werkstätten<br />
Redaktion und Lektorat: Anne Schencking
Grußwort<br />
des Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen<br />
Als 1925 die Westfalenfleiß GmbH<br />
gegründet wurde, da bot man sofort<br />
fast hundert Menschen Betreuung<br />
und Beschäftigung. Das war damals<br />
etwas ganz Neues,<br />
etwas Einzigartiges.<br />
Behinderte<br />
sollten ihren Lebensunterhaltselber<br />
verdienen, sollten<br />
dazu beitragen,<br />
selbständiger zu<br />
werden und eigenverantwortlicher<br />
ihr Leben auf eine<br />
Grundlage zu stel-<br />
len. Was ist daraus<br />
geworden, nach<br />
sieben Jahrzehnten?<br />
Jetzt sind es<br />
sechshundertfünfundsechzig Plätze<br />
in den geschützten Werkstätten,<br />
zweihundertdreißig Wohnheime und<br />
die Statistik kann ich noch fortführen.<br />
Doch Zahlen alleine sagen nicht<br />
alles. Die langjährige Arbeit der<br />
Westfalenfleiß GmbH ist ein lebendiger<br />
Beweis dafür, daß die Behin-<br />
Dr. Johannes Rau<br />
Ministerpräsident<br />
des Landes NRW<br />
derten einen unersetzlichen Beitrag<br />
für unsere Gesellschaft erbringen.<br />
Freilich: Viel gibt es noch zu tun, da<br />
sind Vorurteile abzubauen, da muß<br />
auch weiterhin um<br />
Verständnis dafür<br />
geworben werden,<br />
daß Behinderte als<br />
gleichwertige und<br />
gleichberechtigte<br />
Mitmenschen Anerkennung<br />
finden<br />
müssen. Da muß<br />
den Behinderten<br />
die Chance wie jedem<br />
anderen auch<br />
gegeben werden,<br />
Verantwortung für<br />
unsere Gesellschaftmitzutragen.<br />
Nur so kann das geschehen,<br />
was die Politik eigentlich leisten soll:<br />
„Das Leben der Menschen etwas<br />
menschlicher machen.“<br />
3
4<br />
DIE OBERBÜRGERMEISTERIN DER STADT MÜNSTER<br />
Im Oktober 1995 haben wir in Münster<br />
in einem feierlichen Festakt das<br />
70jährige Jubiläum der Westfalenfleiß<br />
GmbH begangen. Nun liegt die<br />
Chronik, die Entstehungsgeschichte<br />
und der Lebensweg einer<br />
Gesellschaft vor,<br />
deren Ziel und Zweck<br />
vom ersten Tag an die<br />
Hilfe und die Unterstützung<br />
behinderter<br />
Menschen war.<br />
„Arbeit ist Leben“ ist<br />
seit der Gründung im<br />
Jahr 1925 der Wahlspruch<br />
der Westfalenfleiß<br />
GmbH, die mit<br />
diesem Motto zunächst<br />
Marion Tüns<br />
den Kriegsbeschädig- Oberbürgermeisterin<br />
ten des 1. Weltkrieges der Stadt Münster<br />
und in der Folgezeit<br />
auch immer mehr geistig und körperlich<br />
behinderten Menschen in der<br />
Arbeit neues Selbstbewußtsein und<br />
Selbstvertrauen in die eigene Kraft<br />
vermittelte.<br />
Auch heute hat dieses Motto für die<br />
500 Behinderten nichts von seiner<br />
Bedeutung eingebüßt, ist die Arbeit<br />
in den Werkstätten der Westfalenfleiß<br />
oder der Bewachungsdienst an<br />
den Parkplätzen ganz wesentlicher<br />
Bestandteil der integrativen Arbeit<br />
für die behinderten Menschen, die<br />
sich in den betreuten Wohnplätzen<br />
in ganz normalen Wohnsiedlungen<br />
fortsetzt. Hier haben sich vielfältige<br />
Kontakte zu den Gemeinden<br />
entwickelt,<br />
finden gemeinsame<br />
Aktivitäten Behinderter<br />
und Nichtbehinderter<br />
statt, wird ein Stück<br />
Integration gelebt.<br />
Die vorliegende<br />
Schrift ist auch ein<br />
Dokument für die Bedeutung<br />
der Westfalenfleiß<br />
GmbH für das<br />
soziale Leben, für das<br />
soziale Miteinander in<br />
unserer Stadt. Gemeinsam<br />
mit der<br />
Westfalenfleiß GmbH ist es das Ziel<br />
der Stadt Münster, allen Behinderten<br />
eine weitgehende Teilnahme am<br />
Leben in unserer Gesellschaft selbstverständlich<br />
zu machen.<br />
Die Chronik der Westfalenfleiß<br />
GmbH wird uns dafür ein weiterer<br />
Ansporn sein.
Sehr geehrte Damen und Herren,<br />
liebe Freunde,<br />
seit 1976 sind die Arbeiterwohlfahrt, Bezirk Westl. Westfalen und die<br />
Lebenshilfe, Ortsvereinigung Münster und Umgebung, Gesellschafter der<br />
Westfalenfleiß GmbH Münster.<br />
Mit Engagement und dem Ziel der Solidarität zwischen behinderten und<br />
nicht-behinderten Menschen haben die Gesellschafter dieses Unternehmen<br />
zu einer weit über die Grenzen der Stadt Münster beachteten Werkstatt für<br />
Behinderte formen können.<br />
Der siebzigste Geburtstag der Westfalenfleiß GmbH ist Grund zu feiern, aber<br />
auch Motiv für die Aufarbeitung der Geschichte der Gesellschaft, der mit ihr<br />
verbundenen Personen und Gruppen, aber auch ihres sozialen Umfelds.<br />
Da ohne eine bewußte Vergangenheit die Zukunft schwerer ist, wird uns diese<br />
Festschrift bei der Verwirklichung des Anspruchs helfen, behinderten Menschen<br />
ein Leben und Arbeiten in der Mitte der Gesellschaft zu ermöglichen.<br />
Integration und soziale Gerechtigkeit werden für behinderte Menschen<br />
immer schwer zu erreichen sein. Die Westfalenfleiß GmbH wird sich dieser<br />
Aufgabe auch in Zukunft nachdrücklich stellen.<br />
Münster, im Oktober 1995<br />
Bodo Champignon<br />
Vorsitzender<br />
der Gesellschafterversammlung<br />
Dr. Michael Kaven<br />
Vorsitzender<br />
des Aufsichtsrats<br />
5
6<br />
Dieses Buch haben durch Spenden gefördert:<br />
BASF-Lacke und Farben, Münster<br />
BOG, Münster<br />
Helmut Choryza, Bad Driburg<br />
Hildegard Damhorst, Münster<br />
Dr. Fritz Dieckmann, Münster<br />
Günter und Marianne Heede, Münster<br />
Kurt Henkel, Grünberg<br />
Hupfer Metallwerke, Coesfeld<br />
Dieter Kunath, Münster<br />
Roman Mehnert, Leinburg<br />
Prof. Dr. med. K.-M. Müller, Bochum<br />
Georg Reimann, Münster<br />
Dieter Schrappel, Memmingen<br />
Armin Senghas GmbH & Co. KG, Mannheim<br />
Stadtsparkasse Münster, Münster<br />
Konrad Stopp, Ottobrunn<br />
Westfalen AG<br />
und 2 anonyme Spender
Inhaltsverzeichnis<br />
0. Was will dieses Buch? Wer half mit? ............................. 10<br />
1. Miteinander leben - Gemeinsam arbeiten:<br />
Die Westfalenfleiß GmbH stellt sich vor ....................... 12<br />
2. „... Habe sehr viel verloren und danke Gott,<br />
daß ich noch meinen gesunden Verstand habe,<br />
wenn auch keine Hände und Füße mehr ...“<br />
- Kriegsversehrte des I. Weltkriegs als<br />
fürsorgerische Sondergruppe......................................... 14<br />
3. Münster in den Anfängen der Weimarer Republik ........ 24<br />
4. Die Gründung der Westfalenfleiß:<br />
Ein Hoffnungsschimmer gewinnt Gestalt ...................... 34<br />
5. Auf den Weg gebracht - Die Westfalenfleiß<br />
wird zu einem überregionalen Modell ........................... 55<br />
6. Neider, Ärger und große Schwierigkeiten -<br />
Die Westfalenfleiß am Vorabend der<br />
deutschen Katastrophe .................................................. 67<br />
7. Die Westfalenfleiß und ihre Beschäftigten<br />
während der Jahre im Nationalsozialismus .................... 83<br />
8. Zwei wichtige Veränderungen:<br />
Beschäftigungsverbot für Blinde und die<br />
Übernahme der KAGESO-Anteile durch<br />
den Provinzialverband ................................................. 102<br />
9. Krieg und Zerstörung .................................................. 121<br />
7
8<br />
10. Wie Phoenix aus der Asche -<br />
Der Wiederaufbau am Hafengrenzweg........................ 128<br />
11. Integration durch Arbeit: Die Westfalenfleiß<br />
wird Werkstatt für Behinderte ..................................... 141<br />
12. Die Westfalenfleiß heute: Produktive Vielfalt<br />
und soziale Gemeinschaft ............................................ 166<br />
12.1. Gut Kinderhaus: Behinderte arbeiten im<br />
landwirtschaftlichen Betrieb ........................................ 180<br />
12.2. ISM - Arbeitsplatz für<br />
psychisch behinderte Menschen ................................... 184<br />
12.3. Liebe geht durch den Magen - Die Küche ................... 186<br />
12.4. Viel frische Luft:<br />
Gartenbau und Landschaftsbepflanzung ...................... 188<br />
12.5. Arbeitsplätze mit Tradition -<br />
Die Parkplatzbewachung ............................................. 190<br />
12.6. Alle unter einem Dach: Schwerstbehinderte<br />
als vollwertige Werkstattmitglieder ............................. 192<br />
12.7. Freizeit und Feste ........................................................ 197<br />
13. Die begleitenden Dienste und<br />
Angebote in der Werkstatt für Behinderte................... 206<br />
13.1. Der Soziale Dienst ....................................................... 207<br />
13.2. Viel Spaß durch Spiel, Sport und Bewegung .............. 210<br />
13.3. Gesundheitsvorsorge -<br />
Zahnärztlicher und ärztlicher Dienst ............................ 214<br />
13.4. Besondere Angebote für Gehörlose ............................ 216<br />
14. Mitbestimmen und mitreden -<br />
Die Gremien der Werkstatt.......................................... 219<br />
14.1. Der Werkstattrat.......................................................... 220<br />
14.2. Der Werkstattbeirat ..................................................... 222<br />
14.3. Der Elternbeirat ........................................................... 223
15. Wohnen für Menschen mit Behinderungen.................. 224<br />
16. Behinderte Menschen im Alter .................................... 233<br />
17. Ausblick ....................................................................... 235<br />
18. Abkürzungsverzeichnis ................................................ 237<br />
19. Quellen ........................................................................ 238<br />
19.1. Gedruckte Quellen....................................................... 238<br />
19.2. Archivalien................................................................... 238<br />
20. Literaturverzeichnis ..................................................... 241<br />
9
10<br />
0. Was will dieses Buch? Wer half mit?<br />
In Münster ist die Westfalenfleiß ein fester Begriff. Jeder kennt die<br />
Firma mit den zwei orangenen Männchen im Logo, die nicht nur<br />
Parkplätze bewacht, sondern auch behinderten Menschen aus der<br />
Stadt und aus dem benachbarten Telgte, Arbeit, Wohnung und<br />
etlichen Beschäftigten auch so etwas wie eine Familie gibt.<br />
Fragt man jedoch nach dem historischen Werdegang dieser heute<br />
so wichtigen Institution, so erntet man im Regelfall ein Achselzukken<br />
zur Antwort. Kaum jemand kennt den Weg der Westfalenfleiß<br />
während der vergangenen siebzig Jahre ihres Bestehens, hin zu<br />
ihrer heutigen Aufgabe, der einer modernen Werkstatt für Behinderte.<br />
Ganz ähnlich verhält es sich mit der Sozialgeschichte der Stadt<br />
Münster, insbesondere der ihrer behinderten Menschen, seit dem<br />
Ende des I. Weltkrieges. Man weiß, wie es heute ist, nicht jedoch,<br />
wie es so geworden ist.<br />
Dieses Buch, erschienen zum siebzigsten Geburtstag der modernen<br />
Westfalenfleiß, versucht grundrißartig diese Lücke zu schließen.<br />
Dargestellt wird, wie aus den sozialen Zwängen einer Nachkriegsgesellschaft<br />
sich spezifische Strukturen entwickelten, die aus der<br />
staatlichen sozialen Fürsorge für Kriegsopfer, eine auf alle behinderten<br />
Menschen zielende Tätigkeit vieler Träger entstehen ließ.<br />
Aber auch wird kritisch dargelegt werden, wie Menschenverachtung<br />
und kriminelle Politik Mitmenschen Lebensrechte nahm,<br />
skrupellos menschenwürdiges Leben einschränkte.<br />
Schließlich soll aber auch beschrieben werden, wie sich die moderne<br />
Werkstattidee in Münster Raum brach.<br />
Trotz Bombenkrieg und Zerstörung konnten mannigfach Quellen
aufgetan werden, die es dem Historiker erlauben, die Vergangenheit<br />
noch einmal sprechen zu lassen.<br />
Dieser Aufgabe soll dieses Buch gerecht werden. Sie hätte nicht<br />
erfüllt werden können, wenn nicht Kollegen und Archivare, ehemalige<br />
Mitarbeiter der Firma und Freunde aus dem Kreis der<br />
Gesellschafter bereit gewesen wären, Hinweise zu geben und<br />
Anmerkungen zu machen.<br />
Alles dies wäre ohne den entspannten Umgang mit der Geschäftsleitung<br />
der Westfalenfleiß, Karl-Heinz Garbe und Gerda Fockenbrock,<br />
nicht möglich gewesen. Das ganze Projekt wäre sicherlich<br />
auch nicht in einem solchen Rahmen zu realisieren gewesen, wenn<br />
nicht Dieter Kunath wichtige Kontakte hergestellt und Sponsoren<br />
und Förderer von unserer Idee überzeugt hätte.<br />
Schließlich sollen der offene und kritische Rat von Dr. Fritz<br />
Dieckmann, Heinz Lichtenfeld und der Einsatz meiner Mitarbeiterin<br />
Susanne Löning nicht ungenannt bleiben.<br />
Allen gebührt Dank.<br />
Christian Lindner<br />
11
12<br />
1. Miteinander leben - Gemeinsam arbeiten: Die Westfalenfleiß<br />
GmbH stellt sich vor<br />
Für jeden Menschen ist es wichtig, einen festen Platz in der<br />
Gemeinschaft zu haben und eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben, die<br />
auch für andere nützlich ist. Nach dem Motto „Arbeit ist Leben“<br />
ist gerade für den behinderten Menschen die Arbeit ein Mittel, sein<br />
Leben so normal wie möglich zu gestalten, sein Selbstbewußtsein<br />
zu entwickeln und sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen,<br />
an der Gemeinschaft teilzuhaben. Die Befriedigung, Nützliches<br />
geleistet zu haben, ist für den behinderten Menschen eine wichtige<br />
Hilfe auf dem Weg zu Eigenständigkeit und Selbstvertrauen.<br />
Seit 1975 ist die Westfalenfleiß GmbH, die 1925 gegründet wurde,<br />
um für Schwerbeschädigte des 1. Weltkrieges auch in Münster<br />
geeignete Arbeitsplätze zu schaffen, in Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt,<br />
Bezirk Westliches Westfalen e.V. und der Lebenshilfe<br />
für geistig Behinderte, Ortsvereinigung Münster und Umgebung<br />
e.V. .<br />
Der satzungsgemäße Auftrag der GmbH ist die Errichtung, die<br />
Unterhaltung und der Betrieb von Werkstätten, Betrieben und<br />
Dienstleistungsunternehmen sowie angegliederten oder selbständigen<br />
Wohnheimen für geistig, körperlich, schwerst- und mehrfachbehinderte<br />
Menschen sowie psychisch Behinderte, die nicht,<br />
noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt<br />
tätig sein können, und der Betrieb aller damit im Zusammenhang<br />
stehenden Geschäfte. Hierzu gehören auch die die Rehabilitation<br />
begleitenden Aufgaben.<br />
Die Gesellschaft ist berechtigt, gleichartige oder ähnliche Unternehmungen<br />
zu erwerben, sich an solchen Unternehmungen zu
eteiligen sowie deren Geschäftsführung und Vertretung zu übernehmen<br />
und Zweigniederlassungen zu errichten.<br />
Die Gesellschaft unterhält eine Werkstatt für Behinderte mit drei<br />
Zweigwerkstätten, in der heute 574 geistig, seelisch, körperlich<br />
und mehrfach behinderte Menschen und 295 nichtbehinderte Mitarbeiter<br />
arbeiten. Die Westfalenfleiß GmbH bietet darüber hinaus<br />
in vier Wohnstätten 245 Wohnplätze für behinderte Menschen an.<br />
Es ist selbstverständlich, daß die Werkstatt der Westfalenfleiß ihre<br />
Aufgaben nur mit Hilfe von außen bewältigen kann. Die Auftragsvergabe<br />
durch die Industrie ist das Fundament ihrer Arbeit. Ihren<br />
Kunden bietet die Westfalenfleiß GmbH eine umfangreiche Palette<br />
der Arbeitsausführungen von der Fertigung über die Montage bis<br />
zur Verpackung.<br />
13
14<br />
2. „... Habe sehr viel verloren und danke Gott, daß ich<br />
noch meinen gesunden Verstand habe, wenn auch<br />
keine Hände und Füße mehr ...” 1 - Kriegsversehrte<br />
des I. Weltkriegs als fürsorgerische Sondergruppe<br />
Der Erste Weltkrieg brachte eine ganze Epoche zum Zusammenbruch.<br />
Siegessicher, blumengeschmückt und voller Begeisterung<br />
für Monarchie und Vaterland war 1914 eine ganze Generation in<br />
den Einsatz gezogen. - Viele kehrten nie wieder zurück. Millionen<br />
waren tief enttäuscht, krank und für ihr Leben gezeichnet, als 1918<br />
endlich Frieden herrschte.<br />
Schon recht schnell nach Kriegsbeginn stellte sich für viele Kriegsteilnehmer,<br />
angesichts grauenhaften Sterbens und Leidens an der<br />
Front, die Sinnfrage, die ein Zeitgenosse so formulierte:<br />
... Also ich begreife ... nicht, und das geht wohl allen<br />
anderen eingezogenen Genossen so ... Sollen wir denn die<br />
furchtbaren Opfer ganz für die Katz gebracht haben? ... 2<br />
Andererseits, angesichts des bisher noch nie so erlebten Stellungskrieges,<br />
hatte sich in Deutschland eine Mentalität des Aufopferns<br />
und selbstvergessenen Sterbens und Leidens entwickelt, die folgende<br />
Zitate aus zeitgenössischen Dokumenten verdeutlichen:<br />
... Einen Arm will ich opfern, ein Bein auch ... . 3<br />
... Habe sehr viel verloren und danke Gott, daß ich noch<br />
meinen gesunden Verstand habe, wenn auch keine Hände<br />
und Füße mehr ... . 4<br />
Mit dieser Mentalität einer patriotischen Mehrheit ließ sich über<br />
Jahre hinweg der Krieg fortführen, mit all den täglichen Tragödien,<br />
bis schließlich die Rechnung aufgemacht wurde:
Auf den Schlachtfeldern des I. Weltkrieges hatten mehr als 2<br />
Millionen deutscher Soldaten den Tod gefunden. 5 Fast doppelt<br />
soviele Soldaten kehrten behindert zurück. 6<br />
Die so verstümmelten ehemaligen Soldaten einer untergegangenen<br />
Monarchie, die Kriegsbeschädigten, bedeuteten eine schwere<br />
Hypothek für die junge Republik: Nach Kriegsende waren es vier<br />
Millionen, die ihr Recht auf Leben und Unterhalt zum Überleben<br />
forderten. 7<br />
Diese Gruppe, im Sprachgebrauch der Zeit „Kriegskrüppel” genannt,<br />
genoß fortan bestimmte Vorrechte, wurde privilegiert. Der<br />
patriotische Opferwille und die Mentalität des selbstvergessenen<br />
Einsatzes der Soldaten verlangte nach Anerkennung. Außerdem<br />
hatten die Kriegsbeschädigten eine starke Lobby in der Politik.<br />
Sie erhielten damit auch in der Weimarer Republik einen Sonderstatus,<br />
der schon für die Kaiserzeit typisch gewesen war. Damals<br />
schon hatte sich der Staat der Kriegsbeschädigten in besonderem<br />
Maße angenommen. 8 So dachte man auch schon 1915 über eine<br />
Versorgung der verstümmelten Männer nach:<br />
... Auszug aus einer Liste für ‘Verwendungsmöglichkeiten<br />
für Invalide’ (1915):<br />
... Chemische Industrie: Leute ohne Arm oder Fuß können<br />
Kanzleidiener, Torwächter oder Wagemeister sein. Beim<br />
Fehlen bestimmter Finger einer Hand sind sie verwendbar<br />
bei der Erzeugung von Soda, Chlorbarium, chlorsaurem<br />
Natron usf. sowie im Magazin, beim Transport, in Kammern<br />
und bei Hofarbeiten. ...<br />
Dachdecker: ... Beindefekte oder Deformitäten disqualifizieren.<br />
...<br />
Färber: Fehlen eines Armes oder Unterarmes macht unverwendbar.<br />
(Kunstfuß mit Stelze nicht verwendbar.) ...<br />
Hilfsarbeiter: Verwendung möglich beim Fehlen eines Fußes,<br />
eines Auges, des Kieferapparates. ...<br />
15
16<br />
Kartonagezuschneider: ... Ein Auge genügt. Fehlender<br />
linker Fuß müßte durch künstliches Bein ersetzt werden. ...<br />
Mechaniker: Beide Arme notwendig. Feinmechaniker können<br />
einarmig sein. ...<br />
Photographen: Retoucheure oder Kopisten können den<br />
linken Arm oder einzelne Finger sowie ein Auge entbehren.<br />
...<br />
Zahntechniker: Muß beide Hände haben, kann aber künstliche<br />
Beine besitzen ... . 9<br />
Vor dem Hintergrund der unzureichenden materiellen Versorgung<br />
der Kriegsbeschädigten und des ständigen Zuwachses dieser fürsorgebedürftigen<br />
Gruppe versuchten schon während des Krieges<br />
die Städte und Gemeinden und ihre Selbstverwaltungskörperschaften<br />
auf der Provinzebene, die Provinzialverbände, als die<br />
sogenannten Fürsorgeträger, den sozialen Fall der Kriegsbeschädigten<br />
zu bremsen. 10<br />
Deutlich wurde, daß es weitergehender Maßnahmen der Rehabilitation,<br />
Betreuung und Vermittlung bedurfte, die nur durch eine<br />
intensive, individuelle fürsorgerische Betreuung zu sichern waren.<br />
So entwickelte sich eine Dienstleistungsstruktur, die den Namen<br />
„soziale Fürsorge” bekam. Über sie hieß es:<br />
... Die soziale Fürsorge will den Kriegsbeschädigten und<br />
den Kriegshinterbliebenen mit Rat und Tat behilflich sein,<br />
die wirtschaftlichen Folgen erlittener Dienstbeschädigung<br />
oder des Verlustes des Ernährers zu überwinden oder doch<br />
nach Möglichkeit zu mildern. Vor allem ist ihr Ziel bei den<br />
Kriegsbeschädigten: sie, soweit es erreichbar ist, wieder<br />
erwerbsfähig zu machen und in das Wirtschaftsleben zurückzuführen;<br />
bei den Hinterbliebenen: den Witwen die<br />
Fortführung ihres Haushaltes sowie die Erziehung und<br />
Ausbildung ihrer Kinder tunlichst aus eigenen Kräften zu<br />
ermöglichen und den Waisen die Erlernung einer ihren<br />
Fähigkeiten angemessenen Lebensstellung zu erleichtern<br />
... . 11
Die Gruppe der Anspruchsberechtigten wuchs wegen der Spätfolgen<br />
des Krieges auch nach Kriegsende 1918 stetig weiter. Die<br />
Sorge für die Kriegsbeschädigten wurde zu einer dringlichen<br />
vaterländischen Angelegenheit.<br />
Die Verwaltung der sozialen Fürsorge für die Kriegsbeschädigten<br />
organisierte Fürsorgestellen, die bei den Kommunen, d.h. der<br />
Stadt Münster bzw. beim Provinzialverband Westfalen, dem Vorgänger<br />
des heutigen Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, angesiedelt<br />
waren. Die Kosten teilten sich das Deutsche Reich, die<br />
Länder (in unserem Fall Preußen) und die Gemeinden. 12<br />
Heilbehandlung und Berufsfürsorge standen dabei im Vordergrund.<br />
Geldleistungen sah die „soziale Fürsorge” eigentlich nicht<br />
vor. Es entstand jedoch große Not, da die Versorgungsraten<br />
bewußt sehr niedrig angesetzt waren, um die Versorgungsrentner<br />
möglichst schnell zur vollen Erwerbstätigkeit zu zwingen. 13<br />
Weil auch noch die Teuerung voranschritt, war recht bald die<br />
Situation gegeben, die die „Konzipierenden” der „sozialen Fürsorge”<br />
eigentlich hatten vermeiden wollen. Sollten doch die Kriegsbeschädigten<br />
davor bewahrt bleiben, unter die Anforderungen der<br />
Armenfürsorge zu fallen. 14<br />
So war auch folgerichtig in den Grundlagen des Reichsarbeitsamtes<br />
vom 06.12.1919 davon ausgegangen worden, daß die Kriegsbeschädigten<br />
nicht Zielgruppe der kommunalen Armenfürsorge<br />
seien. 15 Und doch trat diese Situation recht bald ein.<br />
Gemeinden und Provinzialverband, als zum Handeln verpflichtete<br />
Fürsorgeträger, waren also gefordert.<br />
Die Dotationsgesetze von 1873 und 1875 hatten den Provinzen<br />
Gelder zur Verfügung gestellt und ihnen Selbstverwaltungsaufgaben<br />
zugewiesen. Diese erstreckten sich auf den Straßenbau ebenso,<br />
wie auch auf den Bereich der Behindertenfürsorge. 16 Dies war<br />
auch der Bereich der Sorge für die Opfer des Krieges. Die dortigen<br />
Hauptfürsorgestellen wurden praktisch zu den Ausführenden der<br />
17
18<br />
staatlichen Sozialpolitik. 17 Die örtlichen Stellen, so auch die Stadt<br />
Münster, erhielten die entstandenen Fürsorgekosten nach Vorlage<br />
besonderer Verrechnungsnachweise von den Hauptfürsorgestellen,<br />
d.h. dem Provinzialverband Westfalen, erstattet.<br />
Die Hauptfürsorgestellen hatten bei der Durchführung der sozialen<br />
Fürsorge das Entscheidungsrecht in besonderen Einzelfällen<br />
und behielten sich die Durchführung genereller Maßnahmen vor.<br />
Zusätzlich zu diesen Aufgaben hatte der Provinzialverband die<br />
Durchführung des auf Druck der Gewerkschaften und der Kriegsopferverbände<br />
zustande gekommenen Schwerbeschädigtengesetzes<br />
vom April 1920 übernehmen müssen.<br />
Die Fürsorge für die Schwerbeschädigten ist in engem Zusammenhang<br />
mit der erwerbsarbeitsbezogenen Grundintention des Reichversorgungsgesetzes<br />
von 1920 zu sehen. Die wichtigste sozialpolitische<br />
Neuerung hinsichtlich dieser Personengruppe war der<br />
gesetzliche Einstellungszwang. 18<br />
Seit 1917 hatte dieses Thema die sozialpolitische Diskussion<br />
beherrscht. Drängte doch eine Armee von Behinderten im besten<br />
Erwerbsalter auf den Arbeitsmarkt. Sie stand dabei in Konkurrenz<br />
zur Legion der entlassenen unversehrten Soldaten, die auch in<br />
Arbeit und Brot kommen wollten.<br />
Aufgrund dessen erließ das Demobilmachungsamt am 9. Januar<br />
1919 eine Verordnung über die Beschäftigung Schwerbeschädigter,<br />
weil die bis dato praktizierte Freiwilligkeit der Einstellung von<br />
Schwerbeschädigten nur sporadisch praktiziert worden war und<br />
nun angesichts von Tausenden, die im Kriege Gesundheit und<br />
körperliche Unversehrtheit verloren hatten, auch unpraktikabel<br />
erschien. 19<br />
Folglich gab es einen Einstellungszwang, der am 01.02.1919 durch<br />
ein Kündigungsverbot für Schwerbeschädigte ergänzt wurde. 20 Daß<br />
die politische Meinungsvielfalt sich hinsichtlich dieser Frage im
Konsens befand, zeigte sich am 06.04.1920, als man einstimmig<br />
das Reichsgesetz über die Beschäftigung Schwerbeschädigter<br />
verabschiedete.21 Damit war die gesetzgeberische Qualität des<br />
Einstellungszwanges auf das höchste mögliche Niveau gehoben<br />
worden.<br />
Neu gefaßt wurde das Normenwerk am 12. Januar 1923. 22 Dieses<br />
regelte noch ausführlicher den Einstellungszwang und den Kündigungsschutz<br />
bei den durch Kriegseinwirkung Schwerbeschädigten,<br />
die im laxen Sprachgebrauch der Zeit als „Kriegskrüppel”<br />
bezeichnet wurden und etwa eine Anzahl von 270.000 Männern<br />
ausmachten. Ihnen gleichgestellt waren die sogenannten „Friedenskrüppel”.<br />
Diese Bezeichnung umfaßte etwa 100.000 Frauen<br />
und Männer, die nicht zu der Gruppe all jener gehörten, die durch<br />
einen Betriebsunfall zu Schaden kamen und damit in den Zuständigkeitsbereich<br />
der Berufsgenossenschaften fielen. 23 Das Gesetz<br />
sollte diesen - nicht durch einen Betriebsunfall - Beschädigten den<br />
Weg zurück in das normale Erwerbsleben ebnen, ihnen einen<br />
gesicherten Arbeitnehmerstatus bzw. die wirtschaftliche Selbständigkeit<br />
zu erhalten erleichtern.<br />
Nach diesem Gesetz hatten öffentliche und private Arbeitgeber,<br />
deren Betriebe mehr als 20 Beschäftigte umfaßten, 2 % der<br />
Arbeitsplätze mit Schwerbeschädigten zu besetzen. Behörden<br />
sollten für 3 % ihres Geschäftsbereiches, das Reichsarbeitsministerium<br />
sogar für 8,63 % seines Geschäftsbereiches Schwerbeschädigte<br />
einstellen. 24 Die Hauptfürsorgestellen, somit in Preußen die<br />
Provinzialverbände, bzw. die Schwerbeschädigtenabteilungen der<br />
amtlichen Fürsorgestellen, sollten die Durchführung des Gesetzes<br />
garantieren.<br />
Außerdem hatten die Hauptfürsorgestellen das Genehmigungsrecht<br />
hinsichtlich der Kündigung von Schwerbeschädigten. 25<br />
So wurde die Schwerbeschädigtenfürsorge zur Arbeitsfürsorge<br />
und die Gemeinden bzw. die Provinzialverbände zu Institutionen,<br />
19
20<br />
die in die Arbeitsmarktpolitik eingreifen konnten. Dies geschah mit<br />
sogenannten Schwerbeschädigtenbetrieben.<br />
Mit Betrieben somit, die den Schwerbeschädigten manchmal nur<br />
eine Ausbildungsmöglichkeit, im Regelfall jedoch - so im Bereich<br />
Westfalen - eine recht dauerhafte Beschäftigungsmöglichkeit bieten<br />
sollten. 26 Der sozialpolitische Fortschritt bei dieser Behandlung<br />
des Problems bestand darin, daß von der rentenmäßigen<br />
Entschädigung in Geld abgewichen wurde. Dies geschah zugunsten<br />
der Schaffung von Arbeitsplätzen, mit denen den Schwerbeschädigten<br />
eine Möglichkeit zur eigenen Sicherstellung des Lebensunterhalts<br />
gegeben wurde und sie sich nicht länger als Almosenempfänger<br />
betrachten mußten und als solche betrachtet wurden.<br />
Mit dieser Entwicklung befand man sich im Einklang mit der<br />
Weimarer Verfassung, die in Art. 157 festgelegt hatte, daß Sozialleistungen<br />
Arbeitsbeschaffungsleistungen sein sollten. 27<br />
Im Inflationsjahr 1923 hörte die Finanzierung der sozialen Kriegsopferfürsorge<br />
durch das Reich fast gänzlich auf. 28 Das Reich<br />
überwies jetzt nur noch Pauschalbeträge. Die Selbstverwaltungskörperschaften,<br />
wie Städte und Gemeinden, hatten nun erhebliche<br />
zusätzliche Mittel aufzubringen. Sie waren damit praktisch an den<br />
Rand des Machbaren gedrängt worden.<br />
Mit der Einführung der Fürsorgepflicht 1924 zog sich das Deutsche<br />
Reich schließlich endgültig aus der sozialen Kriegsopferfürsorge<br />
zurück. In Preußen wurden die neu geschaffenen Landesund<br />
Bezirksfürsorgeverbände mit den Aufgaben der sozialen<br />
Kriegsopferfürsorge belastet. Fortan fiel die Zuständigkeit für die<br />
Kriegsbeschädigten an den jeweiligen Bezirksfürsorgeverband,<br />
d.h. hier an die Stadt Münster, bzw. den übergeordneten Landesfürsorgeverband<br />
bei der Provinz.<br />
Die Hauptlast der Einzelfürsorge übernahmen die Bezirksfürsorgeverbände,<br />
die Kommunen und Kreise, die von nun an über ihre
Unabhängigkeit wachten gegenüber den Landesfürsorgeverbänden,<br />
in Westfalen dem Landesfürsorgeverband Westfalen. Dem<br />
Landesfürsorgeverband - nun hieß dort nur noch ein Amt, nicht<br />
mehr die ganze Behörde, Hauptfürsorgestelle - oblag nun die<br />
Durchführung des Schwerbeschädigtengesetzes, die Zahlung der<br />
Zusatzrente, die Bearbeitung von Sonderanträgen und die Heilund<br />
Erholungsfürsorge für die Kinder Schwerbeschädigter und die<br />
Betreuung der Kriegswaisen. An eine gedeihliche Zusammenarbeit<br />
war nur zu denken, wenn die Kompetenzen und ihre Anerkennung<br />
gegenseitig ausgesprochen waren. Buchstäblich notgedrungen<br />
fand dies statt.<br />
Die Weimarer Republik ist somit gekennzeichnet durch eine<br />
stetige Ausweitung der Kompetenzen der Provinzialverbände im<br />
Bereich der sozialen Fürsorge. So kamen zu den traditionellen<br />
Fürsorgetätigkeiten im Bereich der Irren- und Anstaltsfürsorge,<br />
die Jugendwohlfahrt, die Kriegsopfer- und die Krüppelfürsorge<br />
und die Bekämpfung der chronischen Infektionskrankheiten hinzu,<br />
ohne daß dabei aber die Staatszuschüsse erhöht worden wären.<br />
So verdoppelten sich z.B. in Westfalen gegenüber der Vorkriegszeit<br />
die Voranschläge für Aufwendungen im Rahmen des Sozialwesens<br />
auf 70 % der Haushaltsansätze. 29 Fernerhin erging mit der<br />
Fürsorgepflichtverordnung vom 17.02.1924 eine Regelung für<br />
eine abgestimmte Zusammenarbeit von öffentlicher Fürsorge und<br />
freier Wohlfahrtspflege. Sie regelte die Fürsorgepflicht. 30<br />
Die Kriegswohlfahrtspflege wurde auch nach 1924 hauptsächlich<br />
von den Gemeinden getragen. Es war deshalb abzusehen, daß<br />
diejenigen Gemeinden, deren finanzielles Aufkommen gering oder<br />
deren Anspruchsberechtigte zu zahlreich waren, in besonderem<br />
Maße in ihrer finanziellen Leistungskraft gefordert waren. Die<br />
Städte hatten von Anfang an versucht, möglichst einheitlich vor-<br />
21
22<br />
zugehen, um so eine Ungleichbehandlung der Unterstützten zu<br />
verhindern und Kosten zu sparen.<br />
Das war verständlich, denn die Inflation war von besonderer<br />
Auswirkung auf die Städte und deren finanzielle Situation. 31 Die<br />
erzbergerische Finanzreform hatte sie schon 1919 um ihre eigene<br />
Initiative bei der Steuererhebung gebracht.<br />
Sie erhielten fortan nur noch Schlüsselzuweisungen, was sie<br />
fürchten ließ, wie es Duisburg 1919 formulierte, ihren Aufgaben in<br />
der Kriegsbeschädigtenfürsorge nicht mehr gerecht werden zu<br />
können. 32 Das Reich reagierte auf derartige Befürchtungen mit der<br />
Zuweisung von Zuschüssen. 33 Gerade der sensible Bereich der<br />
Kriegsopferfürsorge sollte schonend behandelt werden. 34<br />
1 Aus einem Feldpostbrief, zitiert in: Ulrich, S. 83.<br />
2 Brief des Nikel Osterroth vom 29.12.1915, In: Ulrich, S. 60.<br />
3 Aus einem Feldpostbrief, zitiert In: Ulrich, S. 79.<br />
4 Aus einem der fiktiven Bruderbriefe der Elsa Höringer vom 19.7.1917, In: Ulrich,<br />
S. 83.<br />
5 Fandrey, S. 159; Zur Situation in Preußen: Burgdörfer, bes. S. 85, 100.<br />
6 Zahlen nach Jantzen: Sozialgeschichte, S. 100; S.a.: Zählung für den Reichstag<br />
(1926).<br />
7 Wolfgang Jantzen: Sozialgeschichte, S. 100.<br />
8 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 46.<br />
9 In: Ulrich, S. 81.<br />
10 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 53.<br />
11 Grundsätze über die Zuständigkeit für die soziale Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenenfürsorge<br />
vom 06.12.1919, zit. nach: Heinz Wolfram.<br />
12 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 90.<br />
13 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 90.<br />
14 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 90.
15 Vergl. „Grundsätze über die Verwendung der Reichsmittel für die soziale Kriegsbeschädigten-<br />
und Kriegshinterbliebenenfürsorge v. 30. August 1920, abgedr. bei W.<br />
Isberner, S. 55 ff.<br />
16 Teppe: Kontinuität, S. 11; Vgl. grdl.: Josef Hoffahrth.<br />
17 Castell-Rüdenhausen, S. 110.<br />
18 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 91.<br />
19 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 91; Grdl.: Richter, Kriegsbeschädigtenfürsorge; Horion.<br />
20 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 91.<br />
21 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 91.<br />
22 Siehe Rudolf Fülting: Die Pflicht zur Beschäftigung Schwerbeschädigter, Leipzig,<br />
1923; Grdl.: Richter: Schwerbeschädigtenfüsorge.<br />
23 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 91.<br />
24 Vgl. Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 91.<br />
25 Castell-Rüdenhausen, S. 110.<br />
26 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 92.<br />
27 Weimarer Verf. Art. 157.<br />
28 Castell-Rüdenhausen, S. 111.<br />
29 Vergl.: Castell-Rüdenhausen, S. 112 mit Krabbe, Tabelle S. 59.<br />
30 Wolfgang Jantzen, Sozialgeschichte, S. 100.<br />
31 Vgl. Zum Folgenden: Jürgen Reulecke, S. 97-116.<br />
32 Reulecke, S. 100,vergl.a.grdl.: Hirsch.<br />
33 Reulecke, S. 101 ff.<br />
34 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 89 ff.; Reulecke S. 107 f.<br />
23
24<br />
3. Münster in den Anfängen der Weimarer Republik<br />
Der Erste Weltkrieg endete auch in Münster mit einer politischen<br />
und sozialen Katastrophe. Wertvorstellungen und die soziale<br />
Ordnung des Wilhelminischen Deutschland waren im Sperrfeuer<br />
vor Verdun untergegangen.<br />
Alles das, was als unumstößliche Wahrheit gegolten hatte, hatte<br />
plötzlich aufgehört zu bestehen.<br />
Als große Garnisonsstadt und Sitz des Oberpräsidenten der Provinz<br />
Westfalen schien der Wechsel von der Monarchie zur parlamentarischen<br />
Demokratie, die Stadt in ein ideologisches Vakuum<br />
zu verwandeln, das extreme Kräfte des rechten wie linken Spektrums<br />
zu füllen versuchten. 1<br />
Zum von vielen als „Schandfrieden” empfundenen „Diktat von<br />
Versailles” kam der soziale Sprengstoff eines verlorenen Krieges.<br />
Dies machte die Lage so prekär und umriß den Handlungsspielraum<br />
alles politischen Agierens sehr eng.<br />
Noch dazu, wo sich extreme Kräfte der wirtschaftlichen Not<br />
bedienten und es zu Tätlichkeiten kam. Häufig veranstaltete man<br />
in der Folgezeit des Kriegsendes in Münster nun Demonstrationen<br />
und Streiks. Diese richteten sich gegen die überhöhten Lebensmittelpreise<br />
und die Mißstände bei der Verteilung von Grundnahrungsmitteln.<br />
2 Die Beteiligung an den Protesten war überraschend<br />
groß, zumal, wenn man ein eher auf Ruhe und Ordnung zielendes<br />
soziales Milieu in Rechnung stellt.<br />
Nach dem entschlossenen Auftreten von Militär und paramilitärischen<br />
Einheiten (Freikorps) stellte sich zwar in den Zwanzigern in<br />
der Stadt eine - nach außen hin so wirkende - Ruhe ein, jedoch<br />
unter der Oberfläche schwelte die politische Unzufriedenheit<br />
weiter. 3
Zwar gelang es der konservativen städtischen Führung, die Angriffe<br />
auf die öffentliche Ordnung zu unterdrücken, wobei eher der<br />
Restauration des alten Preußen, denn dem Schutz der jungen<br />
Demokratie Obacht gezollt wurde, doch in immer wieder auftretenden<br />
Streiks wurde die soziale Not öffentlich. 4<br />
Diese war eine Folge des verlorenen Krieges, der Umstellung von<br />
einer Kriegs- auf eine Friedenswirtschaft, wie auch der allgemeinen<br />
wirtschaftlichen Lage. Ihr äußeres Zeichen war der Anstieg<br />
der Arbeitslosigkeit. 5<br />
Der Verpflichtung der Stadt mit den Kriegsfolgen fertig zu werden,<br />
wie es die Reichsgesetze vorsahen, sah man in Münster mit<br />
Bitterkeit und tiefer Resignation entgegen. Im Jahre 1922 setzte<br />
schließlich die städtische Verwaltung mit eigenen Initiativen zur<br />
Bekämpfung der sozialen Mißstände an. 6 Dabei waren die Möglichkeiten<br />
äußerst beschränkt, denn am 31.05.1922 schloß der<br />
Haushaltsentwurf mit einem Fehlbetrag von 17.217.477 RM ab. 7<br />
Das war seinerzeit eine immense Summe.<br />
Die Stadt und ihre Wohlfahrtsbehörde, die Armenkommission,<br />
sahen durch das Defizit ihren Handlungsspielraum sehr beschränkt.<br />
Nachbewilligungen waren nun die Folge. Die Stadt wurde andererseits<br />
wegen der fortschreitenden Inflation auf einen eisernen<br />
Sparkurs gedrängt, denn vom Reich war Unterstützung nicht zu<br />
erwarten. Man griff deshalb drastisch in den eigenen Personalbestand<br />
ein. Unter anderem wurde der Türmer von Lamberti nicht<br />
mehr beschäftigt und selbst der Straßenbahnverkehr eingestellt. 8<br />
Mit der Inflation im Jahre 1923 erreichte die wirtschaftliche Krise<br />
dann ihren ersten Höhepunkt. Die Zahl der von der städtischen<br />
Fürsorge abhängigen Gruppen wuchs beständig an und schließlich<br />
erreichte die Verelendung derartige Ausmaße, daß große Teile der<br />
Bevölkerung zu den Unterstützungsempfängern gezählt werden<br />
mußten. 9 Mit Errichtung einer Volksküche sollte der Mangeler-<br />
25
26<br />
nährung der Bevölkerung Einhalt geboten werden. Zumindest<br />
sollte ein regelmäßiges Mittagessen möglich sein. 10<br />
Auch die Arbeiterwohlfahrt (AWO) führte in den 20er Jahren in<br />
Münster und Hamm Armenspeisungen kostenlos durch. 11<br />
Aktionen der Arbeiterbewegung gab es aber auch anderswo in der<br />
Provinz . 12<br />
In Münster gaben viele Pfarreien ihrerseits Hilfsgüter aus. 13<br />
In ganz erheblichem Maße waren die Sozial- und Kleinrentner von<br />
der sozialen Katastrophe betroffen. 14 Schließlich waren bis Ende<br />
November 1923 ständig cirka 2.000 Klein- und Sozialrentner zu<br />
betreuen. 15<br />
Die Kriegsbeschädigten stellten dabei eine größere Gruppe, da sie<br />
ja nur eine kleine Rente erhalten sollten. 16 Damit wollte man die<br />
Kriegsbeschädigten dazu anhalten, wieder erwerbstätig zu werden<br />
und somit der Sozialfürsorge nicht zur Last zu fallen. Aber ohne<br />
Gelegenheit zum Erwerb waren es auch gerade sie, die unter den<br />
nun herrschenden Bedingungen ständig vor dem Fall in das soziale<br />
Nichts standen. Mehr als 10 % der Münsteraner - cirka 11.000<br />
Personen - gehörten alsbald ob als Kriegsbeschädigte, zivile Behinderte<br />
oder aber verarmte Arbeiter oder Angestellte zum Kreis<br />
der Fürsorgeempfänger. 17<br />
Zwar bildeten sich immer wieder private Initiativen zur Behebung<br />
der unmittelbaren Not, die etwa Geld, Naturalien oder Kleidung<br />
sammelten, aber dies brachte nur eine kurzzeitige Erleichterung,<br />
nicht das Ende des Massenelends.<br />
Dieses dokumentiert sich in den Zahlen:<br />
1923 wurden von der Stadt 910 Kleinrentner und 1.100 Sozialrentner<br />
unterstützt. 18 Dazu war sie seit 1922 verpflichtet. 19<br />
Für die vielen Fürsorgeempfänger, ob nun kriegs- oder schwerbeschädigt<br />
und in der Stadt ohnehin schon arm dran, wurde durch die<br />
Inflation des Jahres 1923 jeder neue Tag zu einem Kampf um das<br />
nackte Überleben, denn das erhaltene Geld konnte trotz ungeheu-
er aufgedruckter Summen innerhalb von Stunden zu einem wertlosen<br />
Stück Papier werden.<br />
Die gewaltigen Schwierigkeiten ergaben sich aus der fortschreitenden<br />
Inflation. Insgesamt überschritten die Ausgaben für die<br />
Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen im ersten Dreiviertel-<br />
Jahr 1923 den Jahreskredit der Stadt Münster um 502.446,64 M. 20<br />
Die Höhe der Summe ist erklärbar, denn im November 1923 betrug<br />
schließlich der Preis für ein Fünf-Pfund-Brot - aufgrund der<br />
Inflation - 250 Milliarden Mark. 21 Die Angst vor dem Morgen<br />
wurde für die meisten Menschen, besonders aber die sozial Benachteiligten,<br />
zu einem ständigen Begleiter.<br />
Ab Ende 1924 - auch als Folge der Währungsreform - setzte dann<br />
ein langsamer wirtschaftlicher Erholungsprozess ein, der die Stadtoberen<br />
auch wieder den Blick auf die eigentlich privilegierte<br />
Gruppe der Kriegsopfer lenken ließ. Gleichwohl, Not, Arbeitslosigkeit<br />
und akuter Wohnungsmangel blieben weiterhin die Konstanten<br />
in der sozialen und politischen Topographie in der Stadt.<br />
Trotzdem kommentierte „Der Münsterische Anzeiger” überaus<br />
optimistisch die wirtschaftliche Besserung so: „... Münsters Bürger<br />
treiben gesunde Realpolitik und freuen sich der Besserung,<br />
die jeder Tag mit sich bringt ...”. 22 Diese Realpolitik zeigte sich in<br />
städtischen Investitionen.<br />
Das waren u. a. Straßenausbauten, Neupflasterungen, Wohnungsbauten<br />
und Verkehrsverbesserungen. 23<br />
Solche arbeitschaffende Maßnahmen waren auch notwendig, denn<br />
mit der Fürsorgepflichtverordnung vom Februar 1924 war die<br />
Stadt organisatorisch, wie auch geldlich, zur Intensivierung ihrer<br />
Fürsorgetätigkeit gezwungen worden.<br />
Nach der nunmehr geltenden Rechtsgrundlage, der Fürsorgepflichtverordnung,<br />
änderte sich ab Februar 1924 die Verwaltung<br />
27
28<br />
und Finanzierung des Wohlfahrtsbereiches erheblich. 24 Die städtische<br />
Armenkommission wurde nun in ein kommunales Wohlfahrtsamt<br />
überführt. Dessen nachgeordnete Behörden waren ein<br />
Fürsorge-, ein Gesundheits- und ein Jugendamt.<br />
Der neuen Dienststelle zugeordnet waren mannigfache Ausschüsse,<br />
die nicht nur von den städtischen Funktionsträgern aus Magistrat<br />
und Stadtverordnetenversammlung, sondern auch von Repräsentanten<br />
der Organisationen der freien Wohlfahrtspflege und der<br />
Geistlichkeit besetzt wurden.<br />
Damit war ein starker konfessioneller Einfluß in der städtischen<br />
Sozialpolitik festgeschrieben worden, der ein Handeln an den<br />
konservativen Maßstäben der beiden großen Religionen, insbesondere<br />
denen des sozialen Katholizismus, orientiert sein ließ.<br />
Dies ist einmalig in der fürsorgerischen Landschaft und kann als<br />
„Münstersches System” bezeichnet werden.<br />
Die Zusammenarbeit zwischen diesen Meinungsbildnern in der<br />
Stadt und dem städtischen Verwaltungskörper hatte sich bei der<br />
Errichtung des städtischen Wohlfahrtsamtes bewährt. Dessen<br />
Richtlinien waren vom Caritasdirektor der Diözese erarbeitet<br />
worden. Außerdem bestand eine große personale Einheit zwischen<br />
den Handelnden von Caritas, politischen Parteien (insbesondere<br />
dem Zentrum) und Stadtverordneten.<br />
Es waren auch die konfessionellen Wohlfahrtsorganisationen, die<br />
vor Ort wirkten. Die Stadt war dazu in 20 Fürsorgebezirke<br />
eingeteilt worden, in denen mehr als 300 ehrenamtliche Fürsorgepflegerinnen<br />
und Fürsorgepfleger tätig waren. Sie bildeten das<br />
Rückgrat der aktiven Hilfe in der Stadt, wenn es galt, die Folgen<br />
von Krieg und desolater Wirtschaft zu bekämpfen.<br />
So konstituierte sich auch im Wohlfahrtsbereich ein konfessionelles<br />
Milieu, das den konservativ- religiösorientierten Kurs in der<br />
Stadt auf Jahre festschrieb.<br />
Alles aktive Handeln fand allerdings da seine Grenze, wo der<br />
Haushalt der Stadt einfach überfordert war.
Schließlich hatte der Haushaltsplan 1925 eine Deckungslücke von<br />
7,4 Millionen Mark. Die Stadt plante nun Steuererhöhungen, stieß<br />
damit aber vor allem bei Gewerbetreibenden auf Kritik. 25<br />
Dabei war aktives Handeln von Nöten, denn die Arbeitslosigkeit<br />
lag in den Jahren 1924 - 1926 bei 11,4 %, 8,3 % und 17,9 %. Sie<br />
sank erst 1927 und 1928 auf 8,8 % und 9,7 % und stieg dann<br />
zunehmend. 1932 lag sie schließlich bei 44,4 %. 26<br />
Das Jahr 1925 schließlich ist besonders dadurch gekennzeichnet,<br />
daß in Münster, wie auch anderenorts, trotz der Haushaltsdefizite,<br />
alle erdenklichen Anstrengungen unternommen wurden, Kriegsbeschädigte<br />
und ihnen Gleichgestellte in Arbeit und Brot zu<br />
bringen. So nahm etwa die Oberpostdirektion Münster seit dem<br />
01.01.1925 Opfer des Krieges als Hilfspostschaffner an. 27<br />
Auch die gleichgestellten Schwerbeschädigten sollten schließlich<br />
ihr Auskommen finden.<br />
Im Sommer 1925 wäre ein erfolgreich geführtes Unternehmen für<br />
die vielen noch arbeitslosen Kriegsbeschädigten und Schwerbeschädigten<br />
auch in Münster von Nöten gewesen, denn der zuständige<br />
Dezernent und Stadtarzt Dr. Luig klagte:<br />
... Infolge der mißlichen Arbeitsmarktlage in Münster ist es<br />
uns unmöglich geworden, den zahlreichen Schwerbeschädigten<br />
die z. Zt. ohne Stellung sind, geeignete Arbeitsstellen<br />
zu verschaffen ... . 28<br />
Man hatte also durchaus erkannt, welche Bedeutung der Themenkreis<br />
der Beschäftigung der Schwerbeschädigten hatte.<br />
Die Kommune versuchte ihr Bestes und die Schwierigkeiten<br />
erklären sich aus der Vielzahl der zu versehenden Aufgaben der<br />
Kriegsbeschädigtenfürsorge, wie es folgendes Dokument zeigt:<br />
... Die örtliche Fürsorgestelle umfaßt die Fürsorge für die<br />
Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen.<br />
29
30<br />
Die Kriegsbeschädigtenfürsorge hat entsprechend dem Ziele<br />
der Einführung des Kriegsbeschädigten in das wirtschaftliche<br />
Leben vornehmlich folgende Aufgaben: Berufsberatung,<br />
Berufsausbildung, Arbeitsvermittelung und Arbeitsbeschaffung,<br />
Mitwirkung bei Ansiedlung und Selbständigmachung,<br />
sowie die Heilfürsorge.<br />
Weitere Aufgaben sind die Beratung und Vermittelung bei<br />
der Bewirkung der gesetzlichen Versorgungsgebührnisse,<br />
der sie ergänzenden Zuwendungen aus Reichsmitteln und<br />
der Versorgung auf Grund der sozialen Versicherung,<br />
ferner Beratung und Hilfeleistung in Fragen des Familienund<br />
Erwerbslebens, besonders auf dem Gebiete der wirtschaftlichen<br />
Fürsorge, der Kindererziehung und der Gesundheitsfürsorge,<br />
Wohnungs- und Möbelbeschaffung, sowie<br />
die Rechtsberatung.<br />
Eine weitere Aufgabe ist der Kriegsbeschädigtenfürsorge<br />
durch das Gesetz vom 6.4.20 auferlegt und zwar die Unterbringung<br />
der Schwerkriegsbeschädigten sowie die Ueberwachung<br />
der Schwerbeschädigten, welche die Fürsorgestelle<br />
aus körperlichen Gebrechen nicht aufsuchen können...<br />
. 29<br />
Man gab sich also durchaus große Mühe. Trotzdem gab es<br />
natürlich immer wieder Beschwerden:<br />
... Es liegt eine Beschwerde des Kriegsbeschädigten B. vor,<br />
gegen die Ablehnung seines Unterstützungsgesuches. B.<br />
hat aber inzwischen durch den Vorsitzenden des Reichsverbandes<br />
die Beschwerde zurückziehen und einen Antrag auf<br />
Bewilligung einer einmaligen Unterstützung stellen lassen.<br />
Der Vorsitzende erklärt, daß mit Rücksicht auf das Rheumatismusleiden<br />
des B. nur die Beschaffung von warmem<br />
Unterzeug in Frage komme, eine Barunterstützung müsse<br />
abgelehnt werden ... . 30<br />
Dabei mangelte es keineswegs an guten Vorschlägen, den Menschen<br />
zu helfen. Diese kamen auch von den Kriegsbeschädigten<br />
selbst:
... Der Vorsitzende des Beirats für Kriegsbeschädigte und<br />
Kriegshinterbliebene ... berichtet zunächst über den Antrag<br />
des Reichverbandes der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen<br />
auf freie Fahrt auf der Straßenbahn für die<br />
Schwerbeschädigten. Die Betriebsverwaltung lehne aus<br />
Grundsatz die Bewilligung freier Fahrten ab, es müsse<br />
daher das Wohlfahrtsamt die Kosten tragen. Da diese<br />
Kosten aus dem Etat nicht gedeckt werden können, müssen<br />
sie besonders von der Stadtverordnetenversammlung bewilligt<br />
werden ... . 31<br />
Das darf jedoch nicht dazu verführen zu glauben, den Schwer- oder<br />
Kriegsbeschädigten hätte ihre zweifelsohne privilegierte Stellung<br />
im deutschen Fürsorgewesen oder in der Stadt Münster einen<br />
Freibrief auf die Erfüllung aller Begehren gegeben:<br />
... Es wird auf Anregung des Herrn Vorsitzenden beschlossen,<br />
in Zukunft bei der Hergabe von Darlehen und der<br />
Zahlung von Vorschüssen strenger als bisher zu verfahren,<br />
damit nur die wirklich bedürftigen Kriegsopfer berücksichtigt<br />
werden.<br />
Es wird weiter beschlossen, den Beirat nur einzuberufen,<br />
für Beschwerden, schwierigere Entscheidungen bei größeren<br />
Anschaffungen und Ähnlichem.<br />
Einzelfälle sollen wie bisher vom Wohlfahrtsamt unmittelbar<br />
erledigt werden. Die Bezirksversammlungen sollen<br />
einstweilen mit der Betreuung der Kriegsopfer nicht befasst<br />
werden ... . 32<br />
Und schließlich gab es auch Mißbrauch:<br />
... Vom Herrn Vorsitzenden wird der Fall des Kriegsbeschädigten<br />
B. vorgetragen.<br />
Der Beirat beschliesst, dass ihm weitere Vorschüsse oder<br />
Unterstützungen nicht mehr gewährt werden sollen. Es soll<br />
ihm weiterhin angedroht werden, dass er in Zukunft bei<br />
weiteren unberechtigten Anträgen vollständig aus der sozialen<br />
Fürsorge ausgeschlossen werde ... . 33<br />
31
32<br />
Trotzdem waren die Kriegsbeschädigten insgesamt bevorrechtigt,<br />
denn<br />
... Auf Anregung des Herrn Geinert sagt[e] Herr Dr. Luig<br />
zu, dass in Zukunft die Nachprüfung der Familienverhältnisse<br />
pp. der Kriegsopfer auf das Notwendigste beschränkt<br />
werden soll ... . 34<br />
1 L. Grevelhörster (Kröll), S. 43 ff; Zum sozialen Milieu: Kaufmann, bes. S. 131 ff.<br />
2 Vergl.: Thamer: Stadtentwicklung und politische Kultur während der Weimarer<br />
Republik, S. 230 ff, In: F.-J. Jakobi (Hg), Geschichte der Stadt Münster.<br />
3 Ebd.: S. 234 ff.<br />
4 Grevelhörster (Kröll), S. 49.<br />
5 Haunfelder, S. 164.<br />
6 Grevelhörster (Kröll), S. 50 f.;Grdl: Rump.<br />
7 MA, 31.12.1922, Jahresrückblick.<br />
8 Grevelhörster (Kröll), S. 50.<br />
9 Thamer, Stadtentwicklung ..., S. 241.<br />
10 STDAM, Verwaltungsbericht, 1915-1926, S. 288.<br />
11 Gisela Wuttke, S. 47.<br />
12 Bochumer Volksblatt, 04.01.1923.<br />
13 Grevelhörster (Kröll), S. 50.<br />
14 STDAM, Verwaltungsbericht 1915-1926, S. 290.<br />
15 STDAM, Verwaltungsbericht 1915-1926, S. 290.<br />
16 Sachße/Tennstedt, Bd. 2, S. 49 ff.<br />
17 Haunfelder, S. 164.<br />
18 STDAM, Verwaltungsbericht 1915-1926, S. 288 ff.<br />
19 Ebd.: S. 241.<br />
20 LWL, C 61, III, NR. 78, Kriegsbeschädigtenfürsorge Münster-Stadt an Hauptfürsorgestelle,<br />
08.02.1923.<br />
21 Haunfelder, S. 164.<br />
22 MA, 31.12.1924, Jahresrückblick.<br />
23 MA, 31.12.1924, Jahresrückblick.<br />
24 Vergl.: zum Folgenden: Thamer, Stadtentwicklung, S. 267.
25 Haunfelder, S. 165.<br />
26 Zitat: Wolfgang Jantzen: Sozialgeschichte des Behindertenbetreuungswesens, S. 97.<br />
27 LWL, C 61, III, Nr. 121, Oberpostdirektion an HFST, 28.02.1925.<br />
28 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Wohlfahrtsamt Münster an den Magistrat Münster,<br />
09.08.1925.<br />
29 STDAM, Zentralbüro, Nr. 125, Fürsorgestelle f. Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene,<br />
Münster-Stadt an den Magistrat, o.D.<br />
30 STDAM, Stadtregistratur, Fach 20, Nr. 65, Sitzung des Beirats für Kriegsbeschädigte<br />
und Kriegshinterbliebene, 26.11.1925.<br />
31 Ebd..<br />
32 STDAM, Stadtregistratur, Fach 20, Nr. 65, Sitzung des Beirats f. d. Durchführung der<br />
soz. Fürsorge für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene, 22.01.1925.<br />
33 Ebd..<br />
34 Ebd..<br />
33
34<br />
4. Die Gründung der Westfalenfleiß: Ein Hoffnungsschimmer<br />
gewinnt Gestalt<br />
Im Großraum Münster war es nicht besonders gut um die Kriegsopfer<br />
gestellt. So waren 1921 im Amt St. Mauritz von der<br />
Kriegsfürsorge 90 Kriegsbeschädigte und 108 Kriegshinterbliebene<br />
zu unterhalten. Diese enorme Belastung war auch für eine<br />
wohlhabendere Gemeinde, wie das seinerzeit Amt St. Mauritz,<br />
eine auf Dauer nicht zu tragende Bürde. Dies galt besonders dann,<br />
wenn eine Rente zu zahlen war.<br />
Diese setzte sich folgendermaßen zusammen:<br />
a) Grundrente (je nach Grad der Minderung)<br />
b) Ortszulage<br />
c) Ausgleichszulage:<br />
- 35 % für einen früher ausgeübten Beruf, der erhebliche<br />
Kenntnisse und Fähigkeiten erfordert hatte,<br />
- 70 %, wenn der Beruf ehemals auch besondere Verantwortung<br />
und Leistung erforderte<br />
d) je nach Behinderung eine Schwerbehindertenzulage und<br />
eventuell eine Pflegezulage<br />
e) bei Ehemännern eine „Frauenzulage”<br />
f) Kinderzulage<br />
g) bei Bedürftigkeit eine Zusatzrente 1<br />
Es muß betont werden, daß diese Versorgung, die sogenannte<br />
Kriegsinvalidenrente, einkommensunabhängig war. 2<br />
Generell mußte etwa die Hälfte der schwerbeschädigten Kriegsteilnehmer<br />
einen sozialen Abstieg hinnehmen. Die Gruppe der 20bis<br />
40jährigen schwerkörperbehinderten Männer lebte dabei aber<br />
unter günstigeren Bedingungen als die Älteren. 3<br />
Die häufigsten Berufe, die von den Schwerbeschädigten ausgeübt<br />
wurden, waren Schneider, Schuhmacher, Tischler, Korbmacher<br />
und Flechter, Hausierer, Zigarrenhändler etc.
Auffällig ist, daß die Berufsbilder der Behinderten nach dem ersten<br />
Weltkrieg den bekannten typischen Behindertenberufen aus dem<br />
18. und 19. Jahrhundert entsprachen. 4<br />
Das materielle Elend der Arbeitslosigkeit war eine mehr oder<br />
minder ständige und alltägliche Erscheinung der Weimarer Jahre. 5<br />
Wieviel schlechter mußte es da denen gehen, die der Krieg an den<br />
Rand gedrängt hatte, indem er ihnen ihre Gesundheit und Erwerbsfähigkeit<br />
nahm.<br />
Auf Dauer war, angesichts der desolaten Finanzlage der Kommunen<br />
und dem zahlenmäßig starken Auftreten der zu Versorgenden,<br />
ein Nachdenken über neue Konzepte erforderlich. Bei dieser Art<br />
von Verrentung konnten in der Krisenzeit der 20er Jahre die Städte<br />
ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Deshalb machte<br />
man sich Gedanken über gezielte Selbsthilfe und Arbeitsbeschaffung<br />
für Schwerbeschädigte.<br />
So hieß es im Oktober 1921 in einer Denkschrift des Dr. Wölz<br />
(Reichszentrale für Heimatdienst, Berlin) hinsichtlich der Arbeitsbeschaffung<br />
für Schwerbeschädigte:<br />
... Die neuere Sozialpolitik bemüht sich ... soweit irgend<br />
möglich, ... Notständen durch Maßnahmen der Unfallverhütung<br />
sowie eine weitausschauende Gesundheitsfürsorge<br />
und Berufsvorbereitung vorzubeugen. Ergeben sich trotzdem<br />
infolge von Beschädigungen irgendwelcher Art wirtschaftliche<br />
Nachteile, so sucht man sie, soweit irgend<br />
tunlich, im Wege eines nichtgeldmäßigen Ausgleichs zu<br />
beseitigen ... Vor allem soll jeder Hilfsbedürftige, der noch<br />
irgendwie über einen Rest von Arbeitskraft verfügt, dadurch<br />
daß ihm Gelegenheit geboten wird, diese Arbeitskraft<br />
auszunutzen, in den Stand gesetzt werden, mindestens einen<br />
nichtunerheblichen Teil der bei ihm bestehenden Notlage<br />
aus eigener Kraft zu beseitigen. Schon vor dem Kriege hat<br />
35
36<br />
man in der Wandererfürsorge und in den Beschäftigungsanstalten<br />
der Armenfürsorge vielfach diesen Weg beschritten.<br />
Die Reichsverfassung stellt in dem Artikel 157 die<br />
Arbeitskraft unter den besonderen Schutz des Reiches. Als<br />
wesentlicher Ausfluß dieses Grundgedankens ergibt sich<br />
folgender Grundsatz: Jede Unterstützung für notleidende<br />
Volksteile , die sich ohne öffentliches Eingreifen aus eigener<br />
Kraft nicht durchzuhelfen vermögen, hat in erster Linie<br />
im Wege der Arbeitsbeschaffung zu erfolgen ... Die öffentlichen<br />
Mittel für Unterstützungszwecke werden zum Teil<br />
geschont, jedenfalls produktiv verwendet ... . 6<br />
Die erste Westfalenfleißwerkstatt am Katthagen (1925).<br />
Beschäftigung sollte also Menschenwürde, Selbstwertgefühl und<br />
Auskommen sichern. Das Hauptproblem bestand nun in der Beschaffung<br />
von Arbeit.<br />
Hilfestellung bei der Einrichtung angemessener Beschäftigungsorte<br />
wollte eine einzigartige Institution der Zwanziger Jahre geben -<br />
die KAGESO. Dieses Kürzel bezeichnet die Kreditgemeinschaft<br />
gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen. Sie nahm 1923 Kontakt<br />
mit führenden Persönlichkeiten der öffentlichen Wohlfahrts-
pflege auf. So schrieb sie auch an Landesrat Jung. 7 Bei der<br />
gegenwärtigen katastrophalen Entwicklung der wirtschaftlichen<br />
Verhältnisse hätte sie ihre Arbeit bereits mit möglichster Beschleunigung<br />
aufgenommen und sowohl selbst Rohstoffe für zu unterstützende<br />
Einrichtungen in erheblichem Umfang gekauft, wie auch<br />
den einzelnen örtlichen Stellen zum gleichen Zwecke größere<br />
Beträge darlehnsweise zur Verfügung gestellt. Dies entspreche<br />
ihren Zielen. Man wisse sich mit dem Reichsarbeitsministerium im<br />
Einklang, wenn geeignete Persönlichkeiten in den Provinzen den<br />
Aufbau von Landes- und Provinzialorganisationen initiierten.<br />
Die KAGESO schrieb weiterhin, daß die Einrichtungen der privaten<br />
Wohlfahrtspflege um ihre Existenz bangten. Viele Krankenund<br />
Pflegeanstalten griffen bereits ihre Sachwerte ernstlich an, so<br />
daß sie, wenn das so weiter gehe, dem Untergang geweiht seien.<br />
Und doch sei ihr Bestand unter den herrschenden Verhältnissen<br />
nötiger denn je, denn der Staat sei außerstande, die Aufgaben der<br />
freien Wohlfahrtspflege zu übernehmen. Aus diesem Grunde sei<br />
bereits 1921 die Gründung des Wirtschaftsbundes, einer gemeinnützigen<br />
Zentraleinkaufsgenossenschaft, erfolgt.<br />
Um aber im Überlebenskampf zu überstehen, hätten im März<br />
1923 fünf große Verbände der freien Wohlfahrtspflege die Hilfskasse<br />
gemeinnütziger Wohlfahrtseinrichtungen Deutschlands -<br />
[das waren alles Anstalten, C.L.] - gegründet. Es gehe nun<br />
darum, Unterstützung zu leisten - und zwar den weiten Kreisen<br />
der Arbeits- und Kapitalkleinrentner, den durch Familien- oder<br />
persönliche Verhältnisse erwerbsbeschränkten Personen sowie<br />
den Erwerbsungewohnten, die durch die Entwertung der Mark<br />
gezwungen seien, einen Erwerb zu suchen, wenn sie nicht völlig<br />
verelenden wollten. Nur wenigen gelänge es, sich im freien<br />
Wettbewerbsleben zu behaupten, obwohl sie alle, bei richtig<br />
ausgewählter Arbeit, bei sachgemäßer Schulung und Zusammenfassung<br />
der zahlreichen brachliegenden Kräfte wirtschaftlich<br />
37
38<br />
wertvolle Arbeit leisten und zu der so notwendigen Steigerung<br />
der Erzeugung beitragen könnten.<br />
Um den beteiligten Verbänden ein effizienteres Arbeiten bei Absatzvermittlung,<br />
Vermittlung von Heimarbeit und Erwerbsschulung<br />
zu ermöglichen, sei Ende März 1923 die Konsumgenossenschaft<br />
gegründet worden. Deren Gesellschafter seien:<br />
1. der Verein zur Förderung der Fürsorgeeinrichtungen<br />
Deutschlands e.V.,<br />
2. die Gesellschaft zur Förderung der freien Berufe m.b.H.,<br />
Sitz Berlin, und<br />
3. der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge<br />
e.V., Sitz Frankfurt a./M.<br />
Als weitere Gesellschafter seien andere Institutionen in Aussicht<br />
genommen:<br />
der Hauptausschuß für Arbeiterwohlfahrt,<br />
der Zentralausschuß der christlichen Arbeiterschaft,<br />
der deutsche Verein für ländliche Wohlfahrtsund<br />
Heimatpflege sowie<br />
die Spitzenkommunalverbände.<br />
Damit waren unterschiedlichste Kräfte über alle Parteigrenzen<br />
hinweg an einen Tisch gebracht. Sie fungierten nun als Kreditgemeinschaft.<br />
Gegenüber Landesrat Jung beschrieb diese ihre Ziele<br />
und Struktur:<br />
Die Tätigkeit der Kreditgemeinschaft sei in der Weise gedacht, daß<br />
sie, wenn auch die Auswirkung ihrer gesamten Arbeit sozial sein<br />
müßte, ihren Betrieb nach rationellen wirtschaftlichen Erfordernissen<br />
führen müßte. So sollten in der Folgezeit die Aufgaben<br />
hinsichtlich der Gewährung von Darlehen, die Beratung des einzelnen<br />
Betriebes in wirtschaftstechnischer Beziehung und die Anregung<br />
und organisatorische Hilfe für neu eingerichtete Stellen,<br />
Unterverbänden überlassen werden. Diese Unterverbände umfaßten<br />
das Gebiet eines Landes oder einer Provinz und würden in sich<br />
die Vertreter der Hauptgesellschafter, einen Vertreter der Landes-
egierung sowie andere auf diesem Gebiet besonders erfahrene<br />
Persönlichkeiten vereinigen.<br />
Gelänge es auf diese Weise „ein Netzwerk von Einrichtungen zu<br />
schaffen”, dann sei den notleidenden Kreisen der Bevölkerung<br />
[d.h. den Erwerbsbeschränkten, C.L.], die sich im Laufe der<br />
gegenwärtigen Entwicklung ständig erweiterten, besser und nachhaltiger<br />
geholfen, als durch Unterstützungen, die sie des wirtschaftlichen<br />
Denkens und Versorgens entwöhnten und ihren Willen<br />
zur Selbsthilfe erschlaffen ließen.<br />
Die KAGESO wollte also quasi nur eine Anschubhilfe leisten. In<br />
dieser Hinsicht ist auch ihr Beharren darauf zu sehen, daß sie keine<br />
verlorenen Zuschüsse gebe und darauf bestehe, daß nur Einrichtungen<br />
bei der Förderung berücksichtigt würden, bei denen,<br />
aufgrund eines nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten einwandfrei<br />
aufgestellten Arbeitsplanes, eine Rückzahlung des Darlehens<br />
innerhalb einer gewissen Zeit mit hinreichender Sicherheit zu<br />
erwarten sei.<br />
Es sei in vielen Fällen wünschenswert, eine Erleichterung der<br />
wirtschaftlichen Not durch Zuschüsse zu schaffen, so meinte sie,<br />
obwohl sich damit die allgemeine Notlage des Reiches und die<br />
Gefahr für das Wirtschaften der Einrichtungen verschärfe. Es sei<br />
aber keine Daueraufgabe der Kreditgemeinschaft, solche Zuschüsse<br />
auf längere Zeit zu gewähren.<br />
Aber nicht nur Jung hatte Post erhalten, auch der Hagener Stadtamtmann<br />
Sasse, ein Fachmann, war von der KAGESO ausersehen<br />
mitzuwirken. Er erhielt am 09.08.1923 Nachricht von der Kreditgemeinschaft,<br />
verbunden mit der Bitte, er möge bei der Bildung<br />
einer entsprechenden regionalen Organisation zur Abhilfe bei den<br />
Kriegsnachwirkungen mitwirken.<br />
So wurde man nicht nur auf lokaler Ebene in Hagen, sondern auch<br />
in der Provinzialverwaltung, d.h. in der Region, tätig.<br />
Landesrat Jung wurde einer der Hauptpropagandisten auf dieser<br />
Ebene. 8<br />
39
40<br />
In Würzburg kam es zu einer Besprechung von Vertretern der<br />
Provinzen, insbesondere Westfalens und der Rheinprovinz, mit<br />
Ministerialrat Wölz. Das KAGESO-Schreiben war eine wichtige<br />
Gesprächsgrundlage. Eines der diskutiertesten Themen war die<br />
Kreditgewährung.<br />
Der Vertreter der Rheinprovinz, Landesrat Gerlach aus Düsseldorf,<br />
war der Meinung, Westfalen und die Rheinprovinz sollten<br />
gemeinsam ihr Verhalten grundsätzlich abstimmen. Dies sollte<br />
eine Konferenz in Hagen bewerkstelligen. 9 Die Verkehrssperre,<br />
wegen der Rheinlandbesetzung, verhinderte jedoch einstweilen<br />
das Zusammentreffen in Hagen. 10 Am 15.10.1923 vermeldete die<br />
Hauptfürsorgestelle (HFST), daß Vertreter aus Dortmund, Bielefeld<br />
und Hagen nun nach Aufhebung der Verkehrssperre für ein<br />
Treffen bereit ständen. 11 Vertreter der Stadt Münster waren noch<br />
nicht dabei. 12<br />
Der 10.11.1923 wurde als neuer Konferenztermin ins Auge gefaßt.<br />
13 Es kam dann tatsächlich aber schon am 29.10.1923 zu einer<br />
Zusammenkunft. 14 Die Not duldete keinen Aufschub. Auf dieser<br />
Konferenz trug man der Provinz auf, einstweilen zu prüfen, was<br />
überhaupt an Kreditanträgen aus der Region eingehen werde, um<br />
nicht zentralistisch die Verteilung und Bearbeitung vornehmen zu<br />
müssen. Die Kompetenzen zwischen Reich und Provinz sollten<br />
ausgewogen verteilt sein.<br />
Dem Reich, vertreten durch Ministerialrat Wölz, ging es besonders<br />
darum, einen Zwischenweg zwischen Zentralisation und größtmöglichster<br />
Freiheit für die Zweigorganisationen zu finden. 15 In<br />
der Verwaltung bevorzugte man eher praktische Lösungen, die<br />
verständlicherweise darauf zielten, die Anspruchsberechtigten aus<br />
der Wohlfahrt zu lösen und in ein irgendwie geartetes Erwerbsverhältnis<br />
zu bringen. Dies machte Dr. Jung 1924 unmißverständlich<br />
auf der Sitzung der in den Verwaltungsrat entsandten Vertreter der
Länder deutlich. 16 Er sprach sogar von der Gefährlichkeit, nur<br />
Wohlfahrt zu gewähren. 17<br />
Das Reichsarbeitsministerium unterstützte die neuen fürsorgerischen<br />
Pläne in der Provinz. So konnte die HFST 1924 über 23.600<br />
Goldmark für solche Zwecke verfügen, die die Menschen aus der<br />
Wohlfahrt herauslösen sollten. 18<br />
Am 01.08.1924 schließlich teilte die KAGESO der HFST mit, daß<br />
300.000 Mark als Darlehenstopf für die Hilfe der Kriegsbeschädigten<br />
und Kriegshinterbliebenen wohl nicht ausreichen würden. 19<br />
Deshalb habe das Reichsarbeitsministerium die Verdoppelung der<br />
vom Amt gewährten Leistungen in Aussicht gestellt. Man beobachte<br />
mit einer gewissen Sorge, daß die Leute lieber in den Handel,<br />
denn in die gewerblichen Tätigkeitsfelder gingen. Dies sei wohl<br />
eine Folge der Inflation. Selber denke man eher an Werkstätten für<br />
Schwerbeschädigte.<br />
Damit war der Gedanke ausgesprochen, der fortan zum Leitbild<br />
aller Schwerbeschädigtenfürsorge werden sollte: „Arbeit statt<br />
Almosen” oder entsprechend dem späteren Motto der Westfalenfleiß<br />
„Arbeit ist Leben”. Dieses Konzept favorisierte auch das<br />
Reichsarbeitsministerium, ließen sich doch so Kosten sparen und<br />
politische Erfolge hinsichtlich eines ungeduldig werdenden Potentials<br />
in der Wählerschaft verbuchen.<br />
So hieß es dort: „... Und endlich kommen in Betracht, alle<br />
sonstwie durch körperliche oder seelische Abweichungen von der<br />
Norm in ihrem Erwerb Behinderten ...“. 20 und schließlich weiter:<br />
... Es mag nun freilich hart klingen, wenn man vom Arbeitszwang<br />
für gering Erwerbsfähige in dieser Form spricht,<br />
indessen steht als Antrieb dahinter doch die Notlage der<br />
Volksgesamtheit und außerdem wird die Härte auch wohl<br />
dadurch gemildert, dass nach allgemeiner Erholung der<br />
41
42<br />
gesamten Wohlfahrtspflege, insbesondere der letzten Jahre,<br />
Zuschüsse regelmäßig gar nicht im wohlverstandenen<br />
Interesse des Bedachten liegen, da sie statt der bei den<br />
Erwerbsbeschränkten besonders notwendigen Stärkung des<br />
wirtschaftlichen Selbsterhaltungstriebes, diesen vielmehr<br />
schwächen und eine Almoseneinstellung herbeiführen, die<br />
nicht nur eine Herabwürdigung der Einzelpersönlichkeit<br />
bedeuten würde, sondern auch eine Gefahr für die Gesamtwirtschaft.<br />
In deren Interesse liegt es vielmehr, daß das<br />
Interesse des Einzelnen auf wirtschaftlichem Gebiet mit<br />
dem Gedeihen der Gesamtwirtschaft eng verbunden ist, und<br />
in diesem Sinne bedeutet die Aufgabe der Kreditgemeinschaft<br />
nicht nur produktive Wohlfahrtspflege, sondern kann<br />
auch von erheblicher Bedeutung für unsere Gesamtwirtschaft<br />
sein ... . 21<br />
Aber nicht nur in der Ministerialbürokratie, auch im breiten<br />
Spektrum der Gewerkschaften stieß das Konzept der Erwerbsbeschränktenwerkstätten<br />
auf positive Resonanz. So sprachen sich F.<br />
Baltrusch, Geschäftsführer der christlichen Gewerkschaften und<br />
Dr. Elfriede Nibgen vom Zentralwohlfahrtsausschuß der christlichen<br />
Arbeiterschaft für ein solches Modell aus. 22<br />
Wie stark man nun beim Landesfürsorgeverband auf das Problem<br />
der Erwerbsbeschränktenfürsorge reflektierte, zeigt die Aktennotiz<br />
der Hauptfürsorgestelle vom 04.12.1924. 23 Dort heißt es:<br />
... [der LFV] hat der Frage, wie die wirtschaftliche Produktivität<br />
erwerbsbeschränkter Personen zu heben oder der<br />
Lebensbedarf minderbemittelter Bevölkerungskreise zu verbilligen<br />
ist, seine besondere Beachtung geschenkt ... . 24<br />
Der Werkstattgedanke war damit in den Rang eines durchsetzbaren<br />
Programms erhoben worden.<br />
Wie man dieses Programm „Anschubfinanzieren” sollte, war auch<br />
klar:
Zu den Mitteln der Provinz, bestehend aus Darlehen des Provinziallandtages<br />
und aus dem Wohlfahrtsfond der Landesbank, sollten<br />
solche der KAGESO hinzukommen. 25<br />
Angedacht werden mußte nun, wie eine solche Werkstatt aussehen<br />
sollte.<br />
Die Gedanken dazu finden sich zusammengefaßt im Protokoll der<br />
am 17.10.1925 in Breslau stattgefundenen Sitzung der Landesund<br />
Provinzialstellen der Kreditgemeinschaft gemeinnütziger<br />
Selbsthilfeorganisationen Deutschlands, GmbH Berlin, wo ein<br />
Referent, der Stadtamtmann Dr. Marx aus Nürnberg, die Ergebnisse<br />
formulierte:<br />
... Nun geht die Auffassung über den Begriff Erwerbsbeschränktenwerkstätten<br />
... weit auseinander ... Einzugehen<br />
wäre vor allem auf die gefährliche Vermischung der Erwerbsbeschränkten<br />
mit Asozialen, auch wenn sie erwerbsbeschränkt<br />
sind.<br />
Gewiß wäre es falsch, verschiedene Sachbearbeiter am<br />
gleichen Orte mit den beiden Gebieten, die sehr viel gemeinsam<br />
haben, zu befassen, aber unwirtschaftliche arbeitsscheue<br />
Bettler, Drückeberger in den gleichen Räumen,<br />
zu den gleichen Bedingungen, unter denselben Vergünstigungen<br />
wie Veteranen der Arbeit, unverschuldet in Not<br />
geratene, jugendliche Krüppel und Schwachsinnige zu beschäftigen,<br />
wäre ebenso falsch.<br />
Hier gebotene Fürsorge, Beseitigung der Hilfsbedürftigkeit<br />
durch Anweisung geeigneter Arbeit, dort gesuchte Armenunterstützung<br />
nach § 13 der Reichsgrundsätze, welche<br />
abhängig sind von Leistung von Arbeit, bei welcher nicht<br />
die produktive Verwendung der Arbeitskraft, sondern das<br />
erzieherische Moment im Vordergrund steht, mit dem Nebenzweck<br />
der Verbilligung des Unterstützungsaufwandes.<br />
... Dagegen erscheint es von Wichtigkeit, auf die Bedeutung<br />
der Werkstätten für die offene Krüppel- und Schwachsinnigenfürsorge<br />
aufmerksam zu machen. ... 26<br />
43
44<br />
Solche Werkstätten gab es in Westfalen schon, nämlich in Hagen,<br />
Essen und Bielefeld. Sie befanden sich jedoch in kommunaler<br />
Trägerschaft. In der Provinzialhauptstadt, in Münster, war derartiges<br />
bisher noch nicht errichtet worden. Damit fehlte dem politischen<br />
und gesellschaftlichen Zentrum der Provinz eine Einrichtung<br />
zur Behebung sozialer Mißstände.<br />
So war es nur verständlich, daß man sich über Abhilfe konkrete<br />
Gedanken machte. Im Spätsommer 1925 verhandelte man in der<br />
Stadt Münster über die Errichtung einer Werkstatt für Schwererwerbsbeschränkte.<br />
Endlich erging am 03.09.1925 vom Magistrat der folgende Antrag<br />
an die Stadtverordneten:<br />
... Betrifft: Errichtung einer Schwererwerbsbeschränktenwerkstätte<br />
in Münster.<br />
Infolge des Behördenabbaues, Betriebseinstellungen und<br />
Betriebseinschränkungen sind viele der bisher mit Schwerbeschädigten<br />
besetzten Arbeitsplätze fortgefallen. Eine neue<br />
Unterbringung dieser Schwerbeschädigten ist nicht möglich,<br />
so daß, da die Renten dieser Personen in den meisten<br />
Fällen zur Fristung des Lebens nicht ausreichen, sie der<br />
öffentlichen Fürsorge anheimfallen.<br />
Hierzu kommt noch eine große Anzahl von nicht rentenberechtigten<br />
Schwerbeschädigten, welche nicht unter das<br />
Schwerbeschädigtengesetz fallen und welche völlig von der<br />
öffentlichen Fürsorge unterhalten werden müssen.<br />
Es hat sich deshalb die Notwendigkeit ergeben, für die<br />
berufliche Versorgung der Schwerbeschädigten neue Wege<br />
zu beschreiten, um die Aufwendungen für diesen Personenkreis,<br />
dessen Arbeitskraft noch mehr oder weniger ausgenutzt<br />
werden kann, nicht ins Ungemessene steigen zu lassen.<br />
Zu diesem Zwecke hat man in einigen Städten, wie Essen,<br />
Hagen, Bielefeld von Gemeindewegen Schwererwerbsbeschränktenwerkstätten<br />
eingerichtet, in denen der oben genannte<br />
Personenkreis mit gutem Erfolge beruflich versorgt<br />
wird.
Auch der Landesfürsorgeverband der Provinz Westfalen<br />
hat in verschiedenen Rundschreiben aufgrund dieser günstigen<br />
Erfahrungen, die Errichtung von Schwererwerbsbeschränktenwerkstätten<br />
angeregt und seine Mitwirkung bei<br />
der Errichtung zugesagt.<br />
Aufgrund der Verhandlungen mit dem Landesfürsorgeverband<br />
und der Erfahrungen in anderen Städten ist beabsichtigt,<br />
eine gemeinnützige Gesellschaft m.b. Haftpflicht zum<br />
Betrieb einer derartigen Schwererwerbsbeschränktenwerkstätte<br />
zu gründen.<br />
Die Gesellschafter sind<br />
a) die Kreditgemeinschaft gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen<br />
Deutschlands (KAGESO)<br />
b) der Landesfürsorgeverband der Provinz Westfalen<br />
c) die Stadt Münster<br />
Das Stammkapital beträgt 20.000 M. Hiervon übernehmen<br />
a) die KAGESO 10 000 M<br />
b) der Landesfürsorgeverband 5 000 M<br />
c) die Stadt Münster 5 000 M<br />
Näheres ist in dem anliegenden Entwurf eines Gesellschaftervertrages<br />
dargelegt.<br />
Die Stadt Münster stellt der Gesellschaft die nötigen Räume<br />
zur Errichtung der Werkstätten zur Verfügung. Die Anmietung<br />
geeigneter Räume haben wir uns gesichert, so daß<br />
bauliche Aufwendungen für diesen Zweck nicht notwendig<br />
sind.<br />
Es sollen hauptsächlich Besen und Bürsten hergestellt<br />
werden, ferner Spulen und Schlaghölzer für die Textilindustrie.<br />
Dazu kommt noch eine Korb- [und] Stuhlflechterei.<br />
Der Warenabsatz soll durch Abschluß von Lieferungsverträgen<br />
sichergestellt werden auf Grund § 6 Absatz 2 des<br />
Schwerbeschädigtengesetzes, nach welchem private Arbeitgeber<br />
von der Verpflichtung des Schwerbeschädigtengesetzes<br />
durch die Hauptfürsorgestelle ganz oder teilweise<br />
befreit werden können, unter der Bedingung, daß sie der<br />
Förderung der Arbeitsfürsorge oder sonst der Schwerbeschädigtenfürsorge<br />
dienen. Die Hauptfürsorgestelle hat<br />
uns auch in dieser Beziehung ihre Mitwirkung zugesagt und<br />
45
46<br />
es ist bereits Fühlung mit der Textilindustrie genommen<br />
worden.<br />
Neben der Erwerbsbeschränkten-Werkstatt soll in einem<br />
besonderen Schuppen Arbeitsgelegenheit für Durchreisende,<br />
Arbeitsscheue usw. durch Brennholzzerkleinerung geschaffen<br />
werden, um auf diesem Wege dem Bettelunwesen<br />
[gegen] zu steuern. Da wir der Ansicht sind, daß auf diese<br />
Weise wesentliche Ersparnisse für das Wohlfahrtsamt zu<br />
erzielen sind, haben wir beschlossen, uns von Seiten der<br />
Stadt in der oben ausgeführten Weise an der Gemeinnützigen<br />
Gesellschaft m.b.H. zu beteiligen und die erforderlichen<br />
Mittel zur Verfügung zu stellen ... . 27<br />
Der Magistrat bat das Stadtparlament diesem gut begründeten<br />
Vorschlag zuzustimmen. 28 Die Versammlung tat dies gerne. 29<br />
Es verdient hervorgehoben zu werden, daß, noch dazu wo der<br />
Magistrat ausdrücklich bemerkt hatte, daß eine solche Einrichtung<br />
in den Städten Düsseldorf, Elberfeld, Hagen und Osnabrück 30<br />
schon seit Jahren eingeführt sei, keine längere Diskussion über die<br />
neue Einrichtung stattfand.<br />
Die Stadt hatte somit die Initiative ergriffen. Kein Wunder, denn<br />
sie war auch die Hauptbetroffene bei der Behebung des Elends.<br />
Gefordert war nun der Provinzialverband.<br />
Am 01.10 1925 tauchten nun endlich auch dort konkrete Pläne<br />
hinsichtlich der Errichtung einer Werkstatt für Schwerbeschädigte<br />
in Münster auf. Dies beweist der Aktenvermerk bei der KAGESO<br />
vom 02.10.1925, den sie Dr. Jung schickte.<br />
Dort heißt es:<br />
... Es sollen Bürsten- und Besenwaren für die dortige<br />
Industrie sowie Holzartikel hergestellt werden, und es wird<br />
dadurch gesichert, daß Firmen, die nicht in der Lage sind,<br />
die Pflichtzahl der Erwerbsbeschränkten einzustellen, sich<br />
zur Abnahme verpflichten.<br />
Daneben soll volle Arbeit geleistet werden.
Beabsichtigt ist die Gründung einer GmbH mit M. 20.000.-<br />
Kapital von denen M. 5.000 die Stadt,M. 7.500 die Landesstelle<br />
und 7.500 M. wir [die KAGESO, C.L.] übernehmen.<br />
Einstweilen übernehmen wir [die KAGESO] nach außen<br />
hin die ganze Summe von M. 15.000, verpflichten uns aber<br />
durch einen Treuhändervertrag für M. 7.500, die uns Münster<br />
[das ist der Provinzialverband (die Landesstelle)] über-<br />
Die Schreinerei der Westfalenfleiß in den 20er Jahren.<br />
weist, nach deren Weisungen zu handeln und sie unwiderruflich<br />
zu bevollmächtigen.<br />
Auch im übrigen werden wir der Landesstelle Münster<br />
Vollmacht erteilen, jedoch nur widerruflich, uns jedoch<br />
verpflichten, eine Vollmacht keinem Dritten zu erteilen, so<br />
daß also nur ich selbst oder mein Vertreter [d.h. Angestellte<br />
der KAGESO] in der Lage sind, den Geschäftsanteil zu<br />
vertreten.<br />
Außerdem werden wir uns verpflichten, der Landesstelle<br />
oder einer von ihr bezeichneten Stelle diese M. 7.500,jederzeit<br />
auf Verlangen gegen Zahlung des Nominalbetrages<br />
abzutreten.<br />
47
48<br />
In dem Vertrage, den ich entwerfen werde, soll aufgenommen<br />
werden:<br />
1. daß [die] Gesellschafterversammlung einberufen werden<br />
muß, wenn mindestens ¼ des Gesellschaftskapitals es<br />
beantragt,<br />
2. daß [eine] Abtretung nur mit Genehmigung sämtlicher<br />
Gesellschafter erfolgen kann. Wird sie aber abgelehnt, so<br />
soll einer der Untergesellschafter verpflichtet sein, binnen<br />
drei Monaten den Anteil zum Nennwert zu übernehmen oder<br />
aber, wenn das nicht geschieht, soll die Abtretung ohne<br />
Genehmigung zulässig sein. Endlich soll ein Delegierter<br />
der Gesellschafter in die Geschäftsführung bestimmt werden,<br />
der die volle Befugnis zur Kontrolle der Geschäfte bis<br />
ins Einzelne hinein hat, ohne indessen mitzeichnungsberechtigt<br />
zu sein ... . 31<br />
Zu diesem Zeitpunkt wurde in Hagen eine Westfalenfleiß GmbH<br />
errichtet und auch in Herford die Entwicklung einer solchen<br />
Gesellschaft projektiert. 32<br />
In Münster überstürzten sich die Ereignisse. Schließlich kam es am<br />
13. November 1925 zur Beurkundung des Gründungsvertrages<br />
vor dem Notar Peus in Münster. 33 Dies ist die Geburtsstunde des<br />
Betriebes!<br />
In dem Gründungsvertrag traten die Stadt Münster und die Kreditgemeinschaft<br />
gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen als alleinige<br />
- nach außen hin - Handelnde auf, ungeachtet der Tatsache, daß<br />
im Innenverhältnis der Provinzialverband und die KAGESO sich<br />
gegenseitig verpflichtet waren. Münster wurde durch den Bürgermeister<br />
Wilhelm Kiwitt 34 und den Stadtarzt Dr. Alexander Luig,<br />
der am 25.02.1926 verstarb und dessen Dezernat Prof. Dr. Linneborn<br />
übernahm, 35 vertreten. Die KAGESO vertrat Direktor Erich<br />
Becker aus Berlin.<br />
Man schloß sich zu einer Gesellschaft zusammen, die den Namen<br />
„Westfalenfleiß, Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Gemeinnützige<br />
Werkstätten Münster (Gewemü)” tragen sollte. 36
Die Gesellschafter brachten erhebliches Kapital ein, das im Verhältnis<br />
5 zu 1 zwischen ihnen aufgeteilt war. 37 Zweck der neuen<br />
Firma sollte es sein, erwerbsbeschränkten Personen, die infolge<br />
besonderer Notlage der Wirtschaft arbeitslos seien, Gelegenheit<br />
zur Arbeitsbetätigung in Werkstätten oder durch Heimarbeit zu<br />
geben. 38<br />
Die Überschüsse der Gesellschaft, sollten solche überhaupt erzielt<br />
werden, waren an die produktive Erwerbsbeschränktenfürsorge<br />
abzuführen, was der Landesfürsorgeverband überwachen<br />
sollte. 39<br />
Damit war schon klar geregelt, wer neben der Stadt bestimmend<br />
in den Geschäftsbetrieb eingreifen konnte: Der Landesfürsorgeverband.<br />
Zwar bestellte man den Stadtobersekretär Johannes Hartmann,<br />
einen Beamten aus dem Kriegsunterstützungsamt, der am<br />
15.04.1924 zum Wohlfahrtsamt kam, 40 zum Geschäftsführer,<br />
sein Stellvertreter aber wurde ein Beamter des Landesfürsorgeverbandes,<br />
der dortige Referent für Kriegsbeschädigte, Paul<br />
Sodemann. 41<br />
In einer zweiten Ausfertigung des Vertrages 42 wurde der Wortlaut<br />
teilweise etwas verändert bzw. erweitert.<br />
So ist hier in § 4 davon die Rede, daß das Ziel der Gesellschaft sei,<br />
Erwerbsbeschränkten die Gelegenheit zur Arbeitsbetätigung zu<br />
geben. Eine Präzisierung, wie sie in der ersten Ausfertigung noch<br />
steht, nämlich: „... Personen, die infolge besonderer Notlage der<br />
Wirtschaft arbeitslos sind ...”, fehlt. 43 Auch ist hier ein Titel für den<br />
Geschäftsführer genannt, der nach § 4 Betriebsdirektor heißen<br />
soll.<br />
Schon wenig später als einen Monat nach Abschluß des Gründungsvertrages<br />
erfuhr er eine Änderung. Der § 4 wurde im<br />
wesentlichen wieder in seine alte Form zurückgebracht und hieß<br />
nun:<br />
49
50<br />
... Zweck der Gesellschaft ist: Erwerbsbeschränkten und<br />
solchen Personen, die infolge besonderer Notlage der Wirtschaft<br />
arbeitslos sind, Gelegenheit zur Arbeitsbetätigung in<br />
Werkstätten oder durch Heimarbeit zu geben ... Der Zweck<br />
ist ein ausschließlich gemeinnütziger und dient wesentlich<br />
der Förderung minderbemittelter Volkskreise ... . 44<br />
Wichtig war es auch, daß Wohlfahrtserwerbslose zu Westfalenfleiß<br />
kamen.<br />
Diese waren arbeitslose aber arbeitsfähige Personen, die keinen<br />
Anspruch auf Leistungen der Arbeitslosenversicherung, der Krisenfürsorge<br />
oder der sonstigen Fürsorge bei berufsüblicher Arbeitslosigkeit<br />
hatten, gleichgültig ob sie Pflichtarbeit leisteten oder<br />
nicht. 45<br />
So konnten auch noch andere Personen als Kriegsbeschädigte in<br />
die neue Werkstatt aufgenommen werden. Sie konnten nun alle in<br />
eine bessere Zukunft blicken, da sie fortan eine relativ krisensichere<br />
Beschäftigungsmöglichkeit gefunden hatten.<br />
Die KAGESO überwies der Westfalenfleiß am 12.01.1926 einen<br />
Teil der Geschäftsanteile, nämlich 6.250 RM. 46<br />
Damit dokumentierte die Selbsthilfeorganisation ihr großes Interesse<br />
an der von ihr zum Modell für spätere Neugründungen<br />
erhobenen Münsterschen Werkstatt. Den Modellcharakter unterstrich<br />
auch Landesverwaltungsrat Sodemann in einem Schreiben<br />
an Pastor Vietor in Volmarstein:<br />
... Die Bestimmungen des Schwerb. Ges. reichen ... nicht<br />
aus, um allen Erwerbsbeschr. Arbeit zu beschaffen. Aus<br />
diesem Grunde wird versucht, geeignete Erwerbsbeschr.<br />
selbständig zu machen. Zu diesem Zwecke werden von der<br />
Kreditgemeinschaft und vom Landesfürsorgeverband Westfalen<br />
geringverzinsliche Darlehen bis zur Höhe von 5000.-<br />
M an dafür geeignete Erwerbsbeschr. gegeben. Etwa 900<br />
Erwerbsbeschränkte sind in letzter Zeit so selbständig gemacht<br />
worden. Aber nur ein verhältnismäßig geringer Teil<br />
der arbeitslosen Erwerbsbeschränkten ist für die Tätigkeit
als Selbständiger geeignet, weil nicht alle die erforderlichen<br />
Kenntnisse und Fähigkeiten haben. Aus diesem Grunde<br />
ist der Landesfürsorgeverband Westfalen in letzter Zeit<br />
zur Errichtung von Erwerbsbeschränkten Werkstätten übergegangen.<br />
In Westfalen bestehen zur Zeit 2 Erwerbsbeschränktenwerkstätten,<br />
die die Firma Westfalenfleiß GmbH<br />
erhalten haben und zwar in Münster und Hagen. In Münster<br />
sind 62, in Hagen 170 Personen beschäftigt. Weitere Werkstätten<br />
sind für Dortmund, Gelsenkirchen, Bochum, Hamm,<br />
Bielefeld und Herford in Aussicht genommen.<br />
Die Werkstätten sollen sich selber erhalten. Sie müssen also<br />
wirtschaftlich arbeiten. Sie haben nämlich die Form der<br />
GmbH, an der der zuständige Bezirksfürsorgeverband, der<br />
Landesfürsorgeverband und die Kreditgemeinschaft beteiligt<br />
sind.<br />
Die Erwerbsbeschränkten-Werkstätten zahlen dem erwerbsbeschränkten<br />
Arbeiter nur den tatsächlich verdienten Stücklohn.<br />
Soweit der Erwerbsbeschränkte damit den notwendigen<br />
Lebensbedarf nicht zu decken vermag, hat das Wohlfahrtsamt<br />
dem Erwerbsbeschränkten gegenüber im Unterstützungswege<br />
einzugreifen. Der Landesfürsorgeverband<br />
sucht den Verkauf der Erzeugnisse zu fördern durch Anwendung<br />
des § 6 Abs. 2 des Schwerbeschädigtengesetzes, d.h.<br />
durch Befreiung der Arbeitgeber von der Verpflichtung zur<br />
Einstellung Schwerbeschädigter gegen Auftragserteilung<br />
an die Erwerbsbeschränktenwerkstatt.<br />
Ein solcher Vertrag ist mit großem Erfolg mit der münsterländischen<br />
Textilindustrie schon abgeschlossen, die ihren<br />
gesamten Bedarf an Bürsten- und Besenwaren gegen Befreiung<br />
von der Einstellungsverpflichtung bei der Westfalenfleiß<br />
GmbH Münster eindeckt.<br />
Die Existenz sämtlicher Erwerbsbeschränktenwerkstätten<br />
hängt davon ab, daß sie wirklich in der Lage sind, sich selbst<br />
zu unterhalten. Gelingt dies nicht, werden sie mit Naturnotwendigkeit<br />
wieder verschwinden müssen. ...<br />
Es bestehen also ... für ... Werkstätten gemeinsame Interessen.<br />
Notwendig ist vor allem die Ausschaltung unnötigen<br />
Wettbewerbs, eine ausreichende Finanzierung und mög-<br />
51
52<br />
lichst gemeinsamer Großeinkauf.<br />
Unterbietung und unwirtschaftliche Preise müssen vollkommen<br />
ausgeschaltet werden, namentlich auch von den<br />
Ausbildungswerkstätten, da ja Endzweck nicht die Ausbildung,<br />
sondern die Beschaffung einer Existenz ist, und durch<br />
zu niedrige Preise der Lehrwerkstätten, den ausgebildeten<br />
Erwerbsbeschränkten eine Existenz im freien Wirtschaftsleben<br />
unmöglich gemacht wird ... . 47<br />
Dies klingt nach ungeheurem Optimismus. Jedoch, die Erwerbsbeschränktenfürsorge<br />
durch produktive Werkstätten war nicht nur<br />
von Erfolg geprägt. Dies zeigt der Bericht der KAGESO für die<br />
Zeit vom 01.01.1924 - 31.12.1926. 48 Die Krise kennzeichnete das<br />
Jahr 1925. Die schon gegründeten Erwerbsbeschränktenwerkstätten<br />
hatten keinen Absatz für ihre Produkte gefunden. Trotzdem<br />
war man der Ansicht, daß sich die Werkstätten durchaus glänzend<br />
bewährt hätten.<br />
Das Beispiel Münsters und sein modellhafter Vertrag mit der<br />
Textilindustrie wirkte nach und erlaubte die Ausdehnung des<br />
Werkstattgedankens. So entstanden Produktionsstätten in Bielefeld,<br />
Gladbeck und Witten im Laufe der folgenden Jahre. Die<br />
waren auch nötig, denn die Not unter den Erwerbsbeschränkten<br />
stieg und der Staat war außerstande, weitergehende Hilfe zu<br />
leisten. Zehn Jahre später, im Juni 1935, bewertete der Landesfürsorgeverband<br />
in einem schriftlichen Bericht für die Sitzung des<br />
Provinzialrates am 14.06.1935 das Engagement des vergangenen<br />
Jahrzehnts.<br />
... Dem ‘LFV’ obliegt nach der Fürsorgepflichtverordnung<br />
und nach dem Gesetz über die Beschäftigung Schwerbeschädigter<br />
vom 12.1.1923 als gesetzliche Aufgabe die Arbeitsbeschaffung<br />
für Kriegsbeschädigte, Unfallbeschädigte<br />
und sonstige Erwerbsbeschränkte. Die Erfahrung in der<br />
Durchführung dieser Bestimmungen zeigte, daß eine größere<br />
Zahl Beschädigter mangels geeigneter Arbeitsplätze<br />
und infolge ihres körperlichen Leidens und Zustandes auf
Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft nicht vermittelt werden<br />
konnte. Zur Erfüllung der gesetzlichen Verpflichtung<br />
und des Grundsatzes: ‘Arbeit statt Almosen’ wurden daher<br />
seit den Jahren 1925/26 vom LFV in Verbindung mit den<br />
örtlichen Fürsorgestellen und der KAGESO die vorgenannten<br />
Westfalenfleißgesellschaften gegründet.<br />
Das notwendige Stammkapital stellten diese drei Träger zur<br />
Verfügung; als Gesellschafter traten nach außen hin nur<br />
der örtliche Fürsorgeverband und die KAGESO auf, während<br />
der Landesfürsorgeverband der KAGESO im Innenverhältnis<br />
durchweg den halben Kapitalanteil erstattete<br />
und dafür Vertretungsvollmacht erhielt ... Die Westfalenfleiß<br />
Witten ist unter einer unfähigen Leitung der Wirtschaftskrise<br />
zum Opfer gefallen und inzwischen tatsächlich<br />
liquidiert ... . 49<br />
1 Vgl.: Reichsarbeitsministerium (Hg), Deutschlands Kriegsbeschädigte, Kriegshinterbliebene<br />
und sonstige Versorgungsberechtigte (Stand Okt.’24), o. D., o. J. (Berlin<br />
1924?), S. 32 f; Rappenecker, S. 47 ff; Vergl: Rump.<br />
2 Fandrey, S. 163.<br />
3 Fandrey, S. 167.<br />
4 Fandrey, S. 168.<br />
5 Kühnel, S. 151.<br />
6 LWL, C 61, I, Nr. 269, Denkschrift Dr. Wölz, Oktober 1921, S. 3.<br />
7 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, KAGESO an Dr. Jung, 09.08.1923.<br />
8 LWL, C 61, III, Nr. 24, Aktennotiz Jung vom 22.08.1923.<br />
9 LWL, C 61, III, Nr. 24, Aktennotiz Jung vom 22.08.1923.<br />
10 LWL, C 61, III, Nr. 24, Landeshauptmann Rheinprovinz an Dr. Jung, 25.08.1923.<br />
11 LWL, C 61, III, Nr. 24, HFST an Dr. Gerlach, 15.10.1923.<br />
12 LWL, C 61, III, Nr. 24, HFST an Dr. Gerlach, 15.10.1923.<br />
13 LWL, C 61, III, Nr. 24, HFST an KAGESO und Dr. Gerlach, 23.10.1923.<br />
14 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, Aktennotiz, 20.11.1923 und 06.11.1923.<br />
15 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, Ministerialrat Wölz an Jung, 12.01.1924.<br />
16 LWL, C 61, III, Nr. 24, Niederschrift über die Sitzung der in den Verwaltungsrat der<br />
KAGESO entsandten Vertreter der Länder, 18.01.1924.<br />
53
54<br />
17 LWL, C 61, III, Nr. 24, Niederschrift über die Sitzung der in den Verwaltungsrat der<br />
KAGESO entsandten Vertreter der Länder, 18.01.1924.<br />
18 LWL, C 61, III, Nr. 24, Reichsarbeitsministerium an LFV, 26.02.1924; Ferner:<br />
Albrecht/Richter.<br />
19 LWL, C 61, III, Nr. 24, KAGESO an LFV, 01.08.1924.<br />
20 LWL, C 61, III, Nr. 24, Reichsarbeitsministerium am 04.10.1923, S. 6 ff.<br />
21 Ebd., S. 8.<br />
22 LWL, C 61, III, Nr. 24, Reichsarbeitsministerium am 04.10.1923.<br />
23 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, Aktennotiz an LFV, 04.12.1924.<br />
24 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, Aktennotiz an LFV, 04.12.1924.<br />
25 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, Aktennotiz an LFV, 04.12.1924.<br />
26 LWL, C 61, III, Nr. 24, Protokoll über die Sitzung der Landes- und Provinzialstellen<br />
der Kreditgemeinschaft gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen Deutschlands,<br />
GmbH, Berlin, 17.10.1925, S. 12 ff, hier S. 14 f.<br />
27 STDAM, Stadtverordnetenreg., Nr. 363, Der Magistrat an die Stadtverordnetenver-<br />
sammlung, 03.09.1925.<br />
28 STDAM, Stadtverordnetenreg., Nr. 363, Der Magistrat an die Stadtverordnetenver-<br />
sammlung, 03.09.1925.<br />
29 Ebd., Auszug aus dem Protokoll der Stadtverordnetenversammlung vom 23. September<br />
1925: Anwesend: 34 Mitglieder, öffentliche Sitzung, Nr. 5093 des Stadtverordneten<br />
- Tagebuchs, o. D..<br />
30 Ebd..<br />
31 LWL, C 61, III, Nr. 24, Vermerk der KAGESO über Besprechung am 01.10.1925.<br />
32 Ebd..<br />
33 Vergl. Archiv Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925.<br />
34 Vergl. STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 19.<br />
35 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 19.<br />
36 Vergl. Archiv Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925, § 1, (1. Ausfertigung).<br />
37 Ebd., § 3.<br />
38 Ebd., § 4.<br />
39 Ebd., § 10.<br />
40 Ebd., § 13.<br />
41 Vergl. Archiv Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925, § 13, (1. Ausfertigung).<br />
42 Archiv Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925, § 13, (2. Ausfert.).<br />
43 Archiv Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925, § 13, (2. Ausfert.).<br />
44 Archiv Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 30.12.1925.<br />
45 Ebd..<br />
46 Archiv Westfalenfleiß - A 2 - KAGESO an Westfalenfleiß, 12.01.1926.<br />
47 LWL, C 61, III, Nr. 125, LVR Sodemann an Pastor Vietor in Volmarstein, 21.05.1926.<br />
48 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 23, KAGESO: Bericht über die Tätigkeit der<br />
Kreditgemeinschaft im Jahre 1926, 01.01.1924 - 31.12.1926.<br />
49 LWL, C 20, Nr. 491, Schriftlicher Bericht für die Sitzung des Provinzialrates am<br />
14.06.1935.
5. Auf den Weg gebracht - Die Westfalenfleiß wird zu<br />
einem überregionalen Modell<br />
Das Beispiel Münsters und Hagens blieb nicht ohne Wirkung auf<br />
die fürsorgerische Landschaft in Westfalen. So schrieb am<br />
08.09.1926 die Stadtverwaltung Witten an den Landesfürsorgeverband:<br />
„... Wir haben uns entschlossen, nach dem Muster von<br />
Hagen und Münster eine Werkstatt für Erwerbsbeschränkte ins<br />
Leben zu rufen ...”. 1 Diese wurde dem Münsterschen Vorbild<br />
nachempfunden.<br />
Voller Zufriedenheit über das bisher Erreichte konnte deshalb<br />
Landesrat Dr. Jung vom LFV an Direktor Becker von der KAGE-<br />
SO schreiben:<br />
... Im Übrigen kann ich Ihnen mitteilen, dass unsere beiden<br />
Westfalenfleiß-Werkstätten sich ganz ausgezeichnet machen<br />
und über Mangel an Arbeit und Gelegenheit zum<br />
Absatz nicht zu klagen brauchen. Sie sind beide auf Monate<br />
hinaus voll beschäftigt. In Hagen werden demnächst etwa<br />
200 Personen beschäftigt sein, während sich die Belegschaft<br />
der hiesigen Werkstätten zur Zeit etwa auf 30-40<br />
Personen beläuft. Nächste Woche sind wir in Dortmund, um<br />
dort die Grundlage für eine weitere Westfalenfleiß GmbH<br />
festzulegen. Auch Gelsenkirchen ist im Gange, so dass ich<br />
hoffen kann vor meinem Weggange diese beiden, vielleicht<br />
noch die Bochumer Werkstätte, den Übrigen hinzuzufügen.<br />
Weiterhin sind wir dabei, eine Arbeitsgemeinschaft der<br />
gesamten westfälischen Erwerbsbeschränktenwerkstätten<br />
öffentlicher, halböffentlicher und privater Art zusammen zu<br />
bringen, so dass wir auch hier eine tunlichst zusammenfassende<br />
Arbeit, insbesondere auf dem Gebiete des Absatzes<br />
und der gegenseitigen Abgrenzung erzielen werden ... . 2<br />
Bei der Frage einer Kooperation der Werkstätten bezog sich der<br />
Beamte auf eine Konferenz am 26.01.1926 in Hagen. Dort war<br />
55
56<br />
man zu dem Ergebnis gekommen, daß unter allen Umständen ein<br />
Preisübereinkommen geschaffen werden müsse. Desweiteren ginge<br />
es nicht an, daß gemeinnützige Werkstätten miteinander in<br />
Wettbewerb träten. Es müsse daher nach Möglichkeit dieser<br />
Wettbewerb ausgeschlossen werden. Ferner sei es notwendig, daß<br />
die Werkstätten einander unterstützen. Die Verkaufsorganisation<br />
müsse möglichst für alle Werkstätten ausgenutzt werden, dergestalt,<br />
daß z.B. Münster die Hagener Erzeugnisse und Hagen die Münsterschen<br />
Erzeugnisse mitverkauften.<br />
Es sei weiterhin erstrebenswert, daß die Werkstätten Erzeugnisse,<br />
die sie gebrauchten, voneinander kauften, soweit angemessene<br />
Preise gemacht würden. So sei es z.B. möglich, daß Münster die<br />
Werkstätten in Hagen, Soest und Paderborn mit Bürstenhölzern<br />
beliefere.<br />
Außer den in Hagen vertretenen Werkstätten kämen noch andere<br />
Unternehmungen gemeinnütziger Art für eine Kooperation in<br />
Frage, wie z.B. Volmarstein, Bigge und Bethel. Es sei wünschenswert,<br />
diese mit heranzuziehen, namentlich Volmarstein, über<br />
dessen Preise lebhaft Klage geführt werde. Man sei der Ansicht,<br />
daß Volmarstein nur deshalb so niedrige Preise machen könne,<br />
weil es hohe Pflegesätze erhalte und im übrigen von mancher<br />
anderen Seite, namentlich von der Provinz, finanziell unterstützt<br />
würde. Hier müsse unbedingt ein Wandel geschaffen werden. 3<br />
Schließlich beschloß man die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft.<br />
Dieser sollten vorläufig angehören:<br />
Die Westfalenfleiß Münster und ihre Schwesterwerkstatt in Hagen<br />
sowie die Blindenanstalten Soest und Paderborn.<br />
Der Landesfürsorgeverband sollte die Führung und den Vorsitz<br />
der neuen Arbeitsgemeinschaft übernehmen. Man war besonders<br />
daran interessiert, auch die caritativen Anstalten miteinzubeziehen.<br />
Dies galt als eine Aufgabe für die Zukunft. Fortan traf man sich<br />
wenigstens einmal monatlich.
So sollte die nächste Sitzung in Paderborn stattfinden, wo man<br />
beabsichtigte, sich mit Volmarstein zum Zweckverband zu konstituieren.<br />
4<br />
Dies geschah tatsächlich. Denn im Mai 1926 schrieb Landesrat<br />
Sodemann vom Provinzialverband an den Zweckverband der<br />
Arbeitsfürsorgeeinrichtung in den Provinzen Rheinland und Westfalen,<br />
eine gemeinnützige GmbH, wie der Verband zu organisieren<br />
sei und was diese Einrichtung bewirken solle:<br />
Zum einen diene die Verbandseinrichtung der Verfolgung wirtschaftlicher<br />
Interessen:<br />
1. Der Verband organisiere den Verkehr mit Handelskammern,<br />
Handelsauskunfteien über alle in den allgemeinen wirtschaftlichen<br />
Gebieten wichtigen Angelegenheiten. Über ständige Abnehmer<br />
und Bezugsquellen gebe es Informationen. Die dienstliche<br />
Orientierung der Mitgliederschaft erfolge durch Rundschreiben.<br />
2. Es gebe einen Auskunfts- und Signaldienst, der den Mitgliedern<br />
mündlich oder schriftlich Auskunft erteile und den Mitgliederschutz<br />
durch Bekanntgabe unreeller Unternehmen gewährleiste.<br />
3. In einer gemeinsamen Verkaufsregelung würden Lieferungsund<br />
Zahlungsbedingungen festgelegt.<br />
4. Der Verband halte Verbindung mit Behörden und sonstigen<br />
Institutionen. Er pflege den Verkehr mit Ministerien und sonstigen<br />
in Frage kommenden Behörden.<br />
5. Der Verband besorge die Kreditvermittlung.<br />
6. Er prüfe die Arbeitsmethoden für Erwerbsbeschränkte und lege<br />
diejenigen Berufszweige fest, die für Erwerbsbeschränkte geeignet<br />
erschienen.<br />
Zum zweiten diene der Verband als sozialpolitische Interessenvertretung,<br />
d.h. er organisiere den Tarif sowie den Nachrichtendienst<br />
und erteile Auskunft über sämtliche Lohn- und Tarifabkommen.<br />
57
58<br />
Zum dritten verstehe der Verband sich als Instanz zur allgemeinen<br />
Interessenwahrung, d.h. er sei zuständig für die Publikationen aller<br />
wirtschaftlichen, sozialpolitischen und sonstigen allgemein interessierenden<br />
Angelegenheiten in Fach- und sonstigen Wirtschaftszeitungen.<br />
5<br />
Von seiten des LFV wurde die Konstituierung eines Zweckverbandes<br />
befürwortet. Dessen Geschäftsführung habe sich aber im<br />
bisherigen Rahmen zu vollziehen. Sie sollte also ausschließlich<br />
folgende Aufgaben wahrnehmen: Anberaumung von Versammlungen<br />
zwecks Aussprache und Austausch von Empfehlungen,<br />
Festlegung der Absatzgebiete, Besprechung der Preisfragen und<br />
Beschaffung von Krediten.<br />
Besonders entschieden wehrte sich der LFV gegen die zentrale<br />
Regelung von Einkauf und Verkauf, wie auch gegen eine kaufmännische<br />
Zentralstelle. 6<br />
Ebenso war man dagegen, den Zweckverband auf Werkstätten<br />
außerhalb der Provinz auszudehnen. 7 Der Landesfürsorgeverband<br />
fürchtete wohl einerseits seinen Einfluß auf die Werkstätten zu<br />
verlieren, und andererseits die Werkstätten durch den Zweckverband<br />
in ihrer Position so gestärkt zu sehen, daß die Handwerkskammern<br />
dagegen Protest führen würden. 8<br />
Wirtschaftspolitische Rücksichtnahme begrenzte also den Förderanspruch<br />
für die Schwerbeschädigtenbetriebe. In einer Niederschrift<br />
über die Sitzung des Zweckverbandes der gemeinnützigen<br />
Werkstätten vom 10. Dezember 1926 in Münster definierte man<br />
daher die Begriffe genauer:<br />
... Die Arbeitsfürsorge für Erwerbsbeschränkte ist als ein<br />
Sondergebiet der gesetzlichen Fürsorge zu behandeln und<br />
deshalb dem Grunde nach Aufgabe der Wohlfahrtspflege.<br />
Der Begriff ‘erwerbsbeschränkt’ ist im Sinne der Fürsorge-
pflichtverordnung scharf abzugrenzen. Als erwerbsbeschränkt<br />
können nur Personen gelten, die geistig oder<br />
körperlich behindert sind und auf Grund dieser Behinderung<br />
einer besonderen Berufs- und Arbeits-Fürsorge bedürfen.<br />
Als Erwerbsbeschränktenwerkstätten sind deshalb auch<br />
solche Werkstätten und Einrichtungen anzusehen, deren<br />
Zweck auf die Ausbildung oder Beschäftigung des vorstehenden<br />
bezeichneten Personenkreises gerichtet ist. Die<br />
Einbeziehung anderer Arbeitsfürsorgeeinrichtungen, wie<br />
z.B. für Strafentlassene, Erwerbslose u.s.w. ist abzulehnen.<br />
Grundsätzlich sind die Erwerbsbeschränktenwerkstätten<br />
wirtschaftlich zu führen ... . 9<br />
Ferner hieß es:<br />
... Sie haben ... auch nur die tatsächliche wirtschaftliche<br />
Leistung der beschäftigten Erwerbslosen abzugelten. Darüber<br />
hinaus nach sozialen bzw. wohlfahrtspflegerischen<br />
Gesichtspunkten notwendige Unterstützungen sind von den<br />
Fürsorgeverbänden zu tragen ... . 10<br />
Ein weiterer Punkt in der Niederschrift besagte, auf die Arbeit bzw.<br />
Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Erwerbsbeschränkten<br />
Werkstätten sei nicht zu verzichten. 11<br />
Man war also bestrebt, im Rahmen des Möglichen seine Interessen<br />
mit Nachdruck zu verfolgen. Die Grenzen setzten die schon<br />
bestehenden starken Interessenvertretungen, etwa die der Blinden.<br />
So betonte man besonders, daß dem Blindenverein keine<br />
Konkurrenz gemacht werden solle und fernerhin neue Produktionszweige<br />
unerwünscht seien. Weitere erklärte Ziele waren: die<br />
Umstellung des Hausiererhandels, der Verzicht auf Dumpingpreise<br />
und die Schonung von bestehenden Selbständigen.<br />
Die Tatsache, daß die Westfalenfleiß-Werkstätten häufig Blinde<br />
beschäftigten und damit in Konkurrenz zu den Blindenwerkstät-<br />
59
60<br />
ten traten, sah der Verband mit großer Sorge. Er konnte jedoch<br />
keine Lösung anbieten. 12 So erklärt sich sein zaghaftes Handeln<br />
insbesondere hinsichtlich des Blindenvereins.<br />
Daß die Werkstätten nach kaufmännischen Grundsätzen geleitet<br />
würden, wurde im Jahr 1926 im Hinblick auf das Fortbestehen der<br />
Werkstätten für wichtiger erachtet als ein überregionaler Zusammenschluß.<br />
13 Als besonders störend empfand man den Einfluß von<br />
Behördenvertretern als Geschäftsführer. Deren Qualifikation war<br />
mehr als zweifelhaft. 14 Deshalb beschlossen am 04.08.1926 die<br />
Vertreter der Werkstätten, man möge sich andernorts nach geeigneten<br />
kaufmännischen Bewerbern umsehen. An denen herrschte<br />
kein Mangel. Gleichwohl, der Weg auf den Chefsessel der Werkstätten<br />
lief wieder über die Beamten des LFV.<br />
Die betroffenen Beschäftigten wurden in solchen für sie wichtigen<br />
Fragen natürlich nicht gefragt. Vielmehr blieb ihnen sogar das<br />
Wahlrecht zu den Betriebsratswahlen 1927 verwehrt, da sie keine<br />
Arbeitnehmer seien. 15<br />
Sie waren froh, überhaupt Arbeit zu haben. Denn die Not wurde<br />
immer größer und die Kosten für die allgemeine Fürsorge, wie<br />
auch für die Erwerbslosenfürsorge, stiegen zwischen 1926 und<br />
1930 von 2,0 auf 3,1 Mill. RM. 16 In Münster senkte man sogar<br />
wegen der Wirtschaftskrise die Steuern. 17<br />
Eine mögliche Beschäftigung für die Hauptleidtragenden von<br />
Krieg und nachfolgender Krise in dieser Stadt war die Arbeit als<br />
Radwächter.<br />
Genehmigt wurde die Erste Deutsche Radwache per Magistratsbeschluß<br />
vom 15.07.1924 18 , wobei die Stadt die Konzession dafür<br />
an einen privaten Betrieb vergab. Aus wirtschaftlichen Gründen<br />
sah sich diese Firma gezwungen, ihren Betrieb, der vielen Behinderten<br />
eine deutliche Lebensperspektive bot, am 05.12.1925 einzustellen.<br />
19<br />
Die Westfalenfleiß übernahm nun das Geschäft. 20 Sie investierte<br />
und organisierte enorm.
So hieß es in einem Schreiben an die Stadt:<br />
... Für Dienst- und Geschäftsräder haben wir das Verfahren<br />
von Monatskarten eingeführt. Diese Karten, welche wir zum<br />
Preise von M 3.- pro Rad und Monat abgeben, haben an<br />
unseren sämtlichen Wachen Gültigkeit. Für die Dauer der<br />
Aufbewahrung werden die Räder gegen Diebstahl mit einer<br />
Summe von M 200.- versichert ... . 21<br />
Radwächter von Westfalenfleiß vor der Hauptpost in den 20er Jahren.<br />
Die Idee, Radwachen als spezielle Arbeitsplätze für Schwerbeschädigte<br />
in Trägerschaft der Westfalenfleiß zu führen, blieb nicht<br />
auf Münster beschränkt. Auch in Witten bewachte man 1933<br />
Räder, wozu die erforderlichen Gestelle von der Westfalenfleiß-<br />
Münster geliefert wurden. Münster hatte also nicht nur eine Idee,<br />
sondern auch Möglichkeiten der Umsetzung aufgezeigt. 22<br />
Aus Minden ließ man schließlich verlauten:<br />
... Wie wir hören, soll in der Stadt Münster ein Verfahren,<br />
besonders vor öffentlichen Gebäuden, zur Verhütung von<br />
Fahrraddiebstählen eingerichtet worden sein ... Wir bitten<br />
61
62<br />
ergebenst um gefl. Auskunft, ob vorstehendes zutrifft und<br />
gegebenenfalls um Überlassung der Bedingungen, unter<br />
welchen das Unternehmen konzessioniert worden ist, oder,<br />
falls die Einrichtung in anderer ähnlicher Weise getroffen<br />
worden ist, um erschöpfende Auskunft über die Art der<br />
Einrichtung ... . 23<br />
Wohl auch das erfolgreiche Konzept führte dazu, daß man 1926<br />
mit gewissem Stolz dem Magistrat in Minden auf dessen Anfrage<br />
vom 07.12.1926 berichtete:<br />
... Der [sic] ‘Westfalenfleiß’ unterhält vor allen wichtigeren<br />
Gebäuden - Stadtverwaltung, Post, Badeanstalt usw. - und<br />
auch an besonders verkehrsreichen Punkten der Stadt solche<br />
Wachen, die vom Publikum außerordentlich stark in<br />
Anspruch genommen werden.<br />
Mit den Wachen sind hier die besten Erfahrungen gemacht<br />
worden, denn die Fahrraddiebstähle haben seit Einrichtung<br />
der Wachen fast ganz aufgehört.<br />
Eine Erteilung der Genehmigung zur Einrichtung der Wachen<br />
war bisher nach der Gewerbeordnung nicht erforderlich,<br />
daher ist eine besondere Konzession nicht erfolgt, wohl<br />
hat die Unternehmerfirma die Erlaubnis der ... Behörden<br />
und Privaten zur Einrichtung der Wachen in deren Gebäuden,<br />
Höfen usw. bei diesen nachgesucht ... . 24<br />
Im Stadtbild war fortan der Radwächter von Westfalenfleiß eine<br />
alltägliche Erscheinung. Schließlich wurde 1926 von der Stadt<br />
Münster auch der Servatiiplatz für eine moderne Fahrrad- und<br />
Autowache zur Verfügung gestellt. 25<br />
Eine andere Beschäftigungsart, die des Korbflechters, bedurfte der<br />
Protektion.<br />
So verwandte sich das Stadtoberhaupt, wie schon häufiger, mit<br />
folgenden Worten:<br />
... Der [sic] ‘Westfalenfleiß’ G.m.b.H., Gemeinnützige Werkstätte<br />
Münster (eine arbeitsfürsorgerische Einrichtung zur
Beschäftigung von erwerbsbeschränkten Personen), dessen<br />
segensreiche Tätigkeit Ihnen wohl hinreichend bekannt ist,<br />
bittet mich, mich bei Ihnen dahin zu verwenden, dass ein<br />
grösserer Auftrag auf Bürsten und Besenwaren und Kokskörben<br />
ihm erteilt würde. Ich entspreche dieser Bitte gern,<br />
Die Werkstatt am Hafengrenzweg zu Beginn der 30er Jahre.<br />
weil mir nicht nur das segenreiche Wirken des ‘Westfalenfleisses’,<br />
sondern auch seine mustergültigen Einrichtungen<br />
bekannt sind, die eine gute und dauerhafte Arbeit gewährleisten<br />
... . 26<br />
Für die Qualität und Professionalität der Arbeit der Westfalenfleiß<br />
steht schließlich folgendes Schreiben an die Reichsbahn:<br />
... In der Anlage überreichen wir ergebenst die Angebotsunterlagen<br />
für Bürsten, Besenwaren und Kokskörbe. Musterstücke,<br />
wie sie in Ihren Bedingungen vorgeschrieben sind,<br />
63
64<br />
haben wir Ihrer Hauptgerätesammelstelle in Osnabrück<br />
übersandt. Bei den Bürsten- und Besenwaren ist gesundes,<br />
astfreies Rotbuchenholz verwandt. Gegenüber den früheren<br />
Preisen sind die jetzigen nicht unerheblich höher, weil<br />
wir nach Ihren Bedingungen erheblich mehr Material ver-<br />
Blinde Korbflechter bei der Westfalenfleiß in den 30er Jahren.<br />
wenden mussten. Im Interesse der unserer Fürsorge anvertrauten<br />
Blinden, Kriegs- und Zivilbeschädigten würden wir<br />
es mit ganz besonderem Danke begrüssen, wenn Sie uns<br />
auch diesmal Ihren geschätzten Auftrag erteilten. Wir werden<br />
uns alle Mühe geben, durch einwandfreie Ausführung<br />
der Arbeiten Ihr Vertrauen zu würdigen.<br />
Bei dieser Gelegenheit glauben wir höflichst darauf hinweisen<br />
zu dürfen, dass wir dem Wunsche der Reichsbahndirektion<br />
Münster entsprechend, Unfallbeschädigte der<br />
Reichsbahn, u. a. einen nahezu blinden früheren Eisenbahnarbeiter<br />
aus Dülmen beschäftigen. Die zwischen Ih-
nen und uns bestehenden guten Beziehungen werden wir<br />
auch in Zukunft dadurch pflegen, dass wir auch fernerhin<br />
auf Wunsch Schwerunfallbeschädigte der Reichsbahn bei<br />
uns einstellen ... . 27<br />
Daß die Westfalenfleiß auf Erfolgskurs war, dokumentierte sich<br />
auch darin, daß 1927 das neue Gebäude des Unternehmens am<br />
Hafengrenzweg errichtet wurde. 28<br />
1 LWL, C 61 III, Nr. 154, Stadtverwaltung Witten an LFV, 08.09.1926.<br />
2 LWL, C 61 III, Nr. 24, Landesrat Dr. Jung (LFV) an Direktor Becker, KAGESO,<br />
02.03.1926.<br />
3 LWL, C 61 III, Nr. 151, LFV Niederschrift der Sitzung in Hagen hinsichtlich Preis- und<br />
Absatzfragen der Erwerbsbeschränktenwerkstätten der Provinz, 29.01.1926.<br />
4 LWL, C 61 III, Nr. 151, LFV Niederschrift der Sitzung in Hagen hinsichtlich Preis- und<br />
Absatzfragen der Erwerbsbeschränktenwerkstätten der Provinz, 29.01.1926.<br />
5 LWL, C 61 III, Nr. 151, Landesrat Sodemann an Zweckverband der Arbeitsfürsorgeeinrichtung<br />
in den Provinzen Rheinland und Westfalen, wahrscheinlich Mai 1926.<br />
6 LWL, C 61 III, Nr. 151, LFV an Landesverwaltungsrat Sodemann, 05.08.1926.<br />
7 LWL, C 61 III, Nr. 151, Niederschrift über die Sitzung mit dem LFV am 12.08.1926.<br />
8 LWL, C 61 III, Nr. 151, Niederschrift über die Sitzung mit dem LFV am 12.08.1926.<br />
9 LWL, C 61 III, Nr. 151, Niederschrift über die Sitzung des Zweckverbandes der<br />
gemeinnützigen Werkstätten in Münster, 10.12.1926.<br />
10 Ebd..<br />
11 Ebd..<br />
12 Ebd..<br />
13 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 151, Niederschrift der Sitzung von Vertretern der<br />
gemeinnützigen Werkstätten, 04.08.1926.<br />
14 Ebd..<br />
15 LWL, C 61 III, Nr. 152, Auszug aus dem Korrespondenzblatt des Reichsbundes der<br />
Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen Nr. 7, 8. Jahrgang,<br />
S. 101 (Berlin, Juli 1927).<br />
16 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 54.<br />
17 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 55.<br />
65
66<br />
18 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Stadt Münster an Erste Deutsche Fahrradwache,<br />
18.07.1924.<br />
19 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Magistrat Münster an Wohlfahrtsamt, 27.11.1925.<br />
20 Vermerk auf: STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Magistrat Münster an Wohlfahrtsamt,<br />
27.11.1925.<br />
21 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Westfalenfleiß an die Stadtverwaltung Münster,<br />
09.02.1926.<br />
22 LWL, C 61, III, Nr. 145, KAGESO an Landesrat Pork, 09.05.1933.<br />
23 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Stadtverwaltung Minden an Magistrat Münster,<br />
07.12.1926.<br />
24 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1, Stadtverwaltung Münster an Magistrat zu Minden,<br />
13.12.1926.<br />
25 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Westfalenfleiß an Stadt Münster, Anlage, 27.12.1965.<br />
26 STDAM, Stadtregistratur, Fach 155, Nr. 105, OB Münster an Reichsbahn, 12.03.27.<br />
27 STDAM, Stadtregistratur, Fach 155, Nr. 105, Westfalenfleiß an Reichsbahn,<br />
09.03.1927.<br />
28 LWL, C 61, III, Nr. 146, Westfalenfleiß an Landesbank, 16.06.1934.
6. Neider, Ärger und große Schwierigkeiten - Die Westfalenfleiß<br />
am Vorabend der deutschen Katastrophe<br />
Es kann der Friedlichste nicht gut leben, wenn es den Konkurrenten<br />
nicht gefällt. Dies bekam die Werkstatt ab 1927 zu spüren.<br />
Die Gewerbetreibenden, insbesondere die des Mittelstandes,<br />
wurden zu Hauptgegnern der Westfalenfleiß. Man sah in ihr<br />
einen lästigen Konkurrenten, denn sie wurde von der öffentlichen<br />
Hand unterstützt und kam - durch gewisse Protektion - schneller<br />
zu Aufträgen.<br />
Einen Höhepunkt der Kampagne erreichte das Agieren gegen die<br />
Firma im Jahre 1928.<br />
Die Industrie- und Handelskammer beanstandete in einem Schreiben<br />
an die Westfalenfleiß, daß die Gesellschaft auch solchen<br />
Personen, die infolge besonderer Notlage der Wirtschaft arbeitslos<br />
waren, Gelegenheit zur Betätigung gab. Dies stand so im<br />
Gesellschaftsvertrag (§ 4), war damit Firmenzweck - und störte<br />
die Kammer erheblich.<br />
Der Provinzialverband wurde schließlich tätig und erklärte, daß<br />
die Westfalenfleiß gar nicht die Absicht habe, andere, als erwerbsbeschränkte<br />
Personen in den Betrieb aufzunehmen. Auch<br />
sollte die Gesellschafterversammlung beschließen, so der Plan,<br />
der auch in der Firma mittlerweile angedacht worden war, die<br />
Klausel unmißverständlicher zu formulieren - oder gar zu streichen.<br />
1<br />
Landesrat Dr. Schulte, der die Provinz Westfalen 1928 bei der<br />
KAGESO vertrat, 2 äußerte jedoch eine gewisse Befriedigung,<br />
daß die Gegner der Westfalenfleiß nicht mehr den Bestand der<br />
Werkstatt selbst ablehnten, wie sie es noch im Vorjahr getan<br />
hatten. Er selbst wandte sich dagegen, den Begriff der Erwerbsbeschränktenwerkstatt<br />
zu weit zu fassen.<br />
67
68<br />
Mit dieser persönlichen Einschätzung konnte er ausgleichend<br />
wirken, da er weder zu sehr den Standpunkt der Erwerbsbeschränktenwerkstatt,<br />
noch einseitig den ihrer Gegner vertrat. So<br />
war nun ein Einlenken der Handelskammer zu erkennen. Sie war<br />
bereit, den gegnerischen Standpunkt gegenüber der Westfalenfleiß<br />
aufzugeben, wenn aus dem Gesellschaftsvertrag die Passage<br />
gestrichen würde, daß in den Werkstätten auch Arbeitslose einen<br />
Arbeitsplatz finden sollten. Die Handelskammer fürchtete, daß in<br />
den Werkstätten - mit öffentlichen Mitteln finanziert - reguläre<br />
Arbeitskräfte eine Anstellung finden sollten, die dann dem Markt<br />
entzogen gewesen wären. Die Arbeitslosen sollten dem freien<br />
Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.<br />
Jedoch, wenige Beschäftigte in der Wirtschaft, mit nur sehr<br />
geringen Löhnen, bedeuteten auch wenig Konsum. Die Folgen<br />
waren eklatant:<br />
Zwischen 1928 und 1932 sanken die Umsätze, etwa des Handwerks,<br />
um 50 %, die Gewinne gar um 66,5 %. Viele Betriebe<br />
steuerten geradewegs in den Ruin, entließen ihre Beschäftigten in<br />
die Arbeitslosigkeit. 3<br />
Die Wirtschaftspolitik der Weimarer Zeit ab 1927 4 vermochte<br />
diese sozialen Probleme nicht zu lösen. 5 Dadurch isolierte die<br />
demokratische Regierung sich selbst von den Wählern und die<br />
Mehrheit der Bevölkerung von der Demokratie. 6<br />
In Münster hatte die Stadtspitze in den Jahren bis zum letzten<br />
Drittel des zweiten Jahrzehnts versucht, soziale Brennpunkte zu<br />
entschärfen. Dies geschah unter anderem durch eine rege Bautätigkeit.<br />
Dabei waren besonders die Kriegsbeschädigten eine der<br />
Gruppen, deren Wohnungsnot im besonderen Maße und vor allen<br />
anderen Anspruchsberechtigten gemildert werden sollte.<br />
So entstand im südlichen Teil des Geistgeländes, in der Nähe des<br />
heutigen Clemenshospitals, nach dem Ende des Ersten Weltkrie-
ges die sogenannte Kriegersiedlung. Sie bot einfache Häuser für<br />
minderbemittelte Kriegsbeschädigte. Im Jahre 1926 bestand die<br />
Anlage aus 151 Kleinsthäuschen am Kriegerweg, dem Hohen<br />
Hainweg, Kleibach, Sternbusch und Duesbergweg. 7<br />
Mit dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise ab 1928 wurde die<br />
Sorge der Stadt für die sozial Benachteiligten, deren politisches<br />
Wohlverhalten dringend erforderlich war, zu einem zentralen<br />
Punkt der städtischen Politik.<br />
Dabei war die Stadt 1928 finanziell keineswegs auf Rosen gebettet.<br />
Die Belastung durch Anleihen betrug immerhin stolze 25<br />
Millionen Reichsmark. Allein die Zinszahlungen beliefen sich auf<br />
jährlich drei Millionen RM. Als dann noch für laufende Kosten<br />
neue Anleihen genommen wurden, war abzusehen, daß das nur<br />
ruinöse Folgen haben konnte. 8 Schließlich betrugen 1931 die<br />
Schulden der Stadt 34 Millionen RM. 9 Das war eine Folge der<br />
Wirtschaftskrise, die erhöhte Aufwendungen für das Fürsorgeressort<br />
notwendig machte. So stieg zwischen 1928 und 1932 der<br />
Haushaltsposten für diesen wichtigen Bereich von 1,8 Mill. auf 4,4<br />
Mill. RM. 10 Im selben Zeitraum stieg entsprechend auch die Zahl<br />
der Arbeitslosen von 1.492 auf 6.812 Personen. 11<br />
Politische Handlungsfreiheit gab es vor diesem Hintergrund<br />
natürlich nicht mehr. Um so erstaunlicher ist, mit welchem Eifer<br />
die Stadt Arbeitslose wieder in das Erwerbsleben einband. Um zu<br />
verhindern, daß diese aus der Unterstützungsleistung bald ausgesteuert,<br />
nur noch auf Fürsorgeleistungen angewiesen sein würden,<br />
wurden umfangreiche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in<br />
die Wege geleitet. Mit Baumaßnahmen, Erschließungsarbeiten<br />
und nicht zuletzt auch durch den Ausbau des Aasees versuchte<br />
die Stadt, dem sogenannten „Pflichtarbeiter” Arbeit und Brot zu<br />
geben. 12<br />
Nach § 19,2 der Verordnung über die Fürsorgepflicht (14.02.1924)<br />
war man bestrebt, den Wohlfahrtserwerbslosen eine angemessene<br />
69
70<br />
Arbeit zu beschaffen. 13 Dies war die sogenannte Pflichtarbeit.<br />
Auch bei Westfalenfleiß gab es sie. Hier wurde Brennholz „produziert”.<br />
Die Pflichtarbeiter erhielten als Anreiz zu ihrer Unterstützung<br />
besondere Arbeitsprämien von monatlich 50 RM. Ihre wöchentliche<br />
Arbeitszeit betrug cirka 30 Stunden.<br />
Eine noch wirksamere Hilfe schuf die Stadt durch Einführung der<br />
Fürsorgetarifarbeit ab 20.07.1930. Bei besonderen Notstandsarbeiten<br />
wurden Arbeitslose in ein versicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis<br />
eingewiesen. Die Vermittlung geschah mit Hilfe<br />
des Arbeitsamtes, wobei das Wohlfahrtsamt Kostenanteile übernahm.<br />
Diese sogenannten Fürsorgetarifarbeiter erwarben durch<br />
ihre Arbeit wieder unter bestimmten Bedingungen den Anspruch<br />
auf Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung. 14 Auch sie gab<br />
es bei Westfalenfleiß. Auch auf anderem Wege versuchte die<br />
Besen- und Bürsteneinzieherei am Hafengrenzweg in den 30er Jahren.
Stadt Wohlfahrtserwerbslose in Arbeit zu bringen. So erhielten<br />
Unternehmen nur städtische Aufträge, wenn sie auch Arbeitslose<br />
einstellten. 15<br />
Die Stadtverordneten traten relativ häufig zusammen, um die<br />
sozialen Aufgaben der Stadt schnellstmöglich zu erledigen. Es<br />
sollte verhindert werden, daß die Menschen, sozial in wirtschaftliche<br />
Not geraten, politisch in die extremen Lager der Rechten und<br />
der Linken getrieben wurden. 16 Dieses Handeln der Stadt hatte<br />
zunächst Erfolg: Bei der Gemeindewahl am 07.11.1929 erhielten<br />
die Feinde der Demokratie wenig Zuspruch. 17<br />
Daß Handlungsbedarf bestand, belegt folgende Tabelle:<br />
Laufend in der offenen Fürsorge unterstützte Parteien einschl. Wohlfahrtserwerbslose<br />
31.3.1928 31.3.1929 31.3.1930 31.3.1931 31.3.1932 31.3.1933<br />
1. Kriegsbeschädigte,Hinterbliebene<br />
und<br />
Gleichgestellte<br />
8 12 7 23 25 23<br />
2. Sozialrentner 545 640 672 736 786 828<br />
3. Kleinrentner 494 471 458 462 448 446<br />
4. Sonstige<br />
Hilfsbedürftige<br />
519 649 594 770 1.024 2.361<br />
Zusammen 1.566 1.772 1.731 1.991 2.283 3.658<br />
5. Wohlfahrtserwerbslose<br />
u. Arbeitslose<br />
mit gemeindl.Unterstützung*<br />
54 142 501 1.343 2.679 2.554<br />
Insgesamt 1.620 1.914 2.232 3.334 4.962 6.212<br />
* Wohlfahrtserwerbslose waren arbeitslose oder arbeitsfähige Personen, die keinen<br />
Anspruch auf Leistungen der Arbeitslosenversicherung, der Krisenfürsorge oder der<br />
sonstigen Fürsorge bei berufsüblicher Arbeitslosigkeit hatten, gleichgültig, ob sie Pflichtarbeit<br />
leisteten oder nicht.<br />
71
72<br />
Münster war sozialpolitisch kein Einzelfall. Im gesamten Deutschen<br />
Reich war die Situation alarmierend:<br />
Der Zuschußbedarf der kommunalen Wohlfahrtsämter, aufgrund<br />
der Erwerbslosigkeit, stieg von 1928 bis 1932 erheblich. Im<br />
Haushaltsjahr 1928/29 schlug das Wohlfahrtswesen mit 1,472<br />
Milliarden Reichsmark zu Buche. 1931/32 schließlich betrug der<br />
Ausgabenetat für das Wohlfahrtswesen in den Kommunen 2,255<br />
Milliarden Reichsmark bei einem Arbeitslosenanteil von 37,8 %. 18<br />
Dabei ist zu bemerken, daß die Arbeitslosigkeit ab 1928 derartig<br />
stark wurde, daß die Arbeitslosenversicherung eigentlich ständig<br />
überfordert war. 19<br />
Der Staat blieb demgegenüber machtlos. Sozialpolitische Einigkeit<br />
bestand in dieser Endphase der Demokratie nicht mehr.<br />
So erwies sich das Hoffen der Stadtväter Münsters auf die Hilfe des<br />
Reiches als Illusion. 20 Im Gegenteil, das Einkommensniveau sank.<br />
Die Folge war das Sinken des Konsums und damit mittelbar<br />
weniger städtische Einnahmen. Ein Teufelskreis war entstanden.<br />
Zunächst hielt noch die Stabilität des sogenannten katholischen<br />
Milieus, das auf Ruhe und Bestandswahrung zielte. 21 Jedoch 1931<br />
erging in Preußen eine Sparverordnung, die die Richtsätze der<br />
Fürsorge um cirka 12 % kürzte! 22 Damit war der Verelendung<br />
breitester Volkskreise Tür und Tor geöffnet.<br />
Mit der Weltwirtschaftskrise wurden die Spannungen im Rat<br />
besonders deutlich. Um die Etats drehte sich nun dauernd das<br />
politische Tauziehen zwischen Magistrat und Stadtverordneten. 23<br />
Beide Seiten waren aber einig, wenn es galt, mit dem Nötigsten zu<br />
helfen. So wurden wieder Brennstoffe für die Bedürftigen ausgegeben.<br />
24<br />
Das soziale Engagement in der Stadt konnte jedoch nicht verhindern,<br />
daß die politische Atmosphäre mehr und mehr vergiftet war.<br />
Es kam zu Schmutzkampagnen gegen die Stadtspitze, deren<br />
Nachwirkungen bis 1933 zu spüren waren. 25
Die Profiteure dieser politischen Schlammschlachten, bei gleichzeitig<br />
fortschreitendem wirtschaftlichem Elend, waren die Nazis. 26<br />
Man untergrub das Vertrauen der Bevölkerung in die politische<br />
Kompetenz der Stadtspitze und der Mehrheitspartei, des Zentrums.<br />
Die Feinde der Demokratie gewannen demgegenüber stetig<br />
an Ansehen. So wurde bei der Kommunalwahl 1933 die NSDAP<br />
stärkste Fraktion. 27<br />
Dies hatte ein Klima von Denunziationen und Gerüchten bewirkt.<br />
Zu den Diffamierungen der Stadtoberen durch die Nazis gehörte<br />
es auch, daß in einer niederträchtigen Kampagne im Kommunalwahlkampf<br />
1933 dem neuen Oberbürgermeister der Bezug seiner<br />
Dienstwohnung am Kreuztor 1 im vorhergehenden Jahr als persönliche<br />
Bereicherung ausgelegt wurde. 28<br />
Immer wieder war auch von dem angeblichen „Lotterleben” auf<br />
dem Rathaus die Rede. 29<br />
Die alte Führung der Stadt geriet nun in das Zwielicht eines<br />
Untersuchungsausschusses, 30 dessen Einrichtung auch das Zentrum<br />
- ehemals machttragende politische Kraft in Münster -<br />
zugestimmt hatte. 31 In der vagen Hoffnung damit die eigenen<br />
Kräfte aus dem Zwielicht der Verdächtigungen zu lösen, war dies<br />
geschehen. Ohne eine Möglichkeit zur Verteidigung wurde schließlich<br />
Oberbürgermeister Zuhorn, wie fast alle Nicht-Nazis im<br />
Magistrat, abgesetzt. 32 Sein Nachfolger wurde ein subalterner<br />
Verwaltungsbeamter, der seine Lorbeeren eher bei der NSDAP<br />
denn in der Verwaltung erworben hatte, der Stadtverordnetenvorsteher<br />
Hillebrand, ein überzeugter Nazi. 33<br />
Die NSDAP kontrollierte damit nicht nur die Repräsentanten der<br />
Münsterschen politischen Bevölkerung, auch die Verwaltung war<br />
damit gleichgeschaltet.<br />
Über eine Wahlentscheidung, unter den Gegebenheiten von Terror,<br />
vagen Verdächtigungen und Emotionen, war damit der Weg<br />
zur faschistischen Umgestaltung einer Stadt gefunden worden. Im<br />
Hinblick auf das Ansehen der Kriegsbeschädigten bedeutete es,<br />
73
74<br />
daß die Sonderbehandlung der Krieger, eine sozialpolitische Spezialität<br />
Weimars, nun durch den Mythos des verwundeten Kämpfers<br />
verklärt wurde.<br />
Die Kriegsbeschädigten selbst hatten schon zu Anfang der Dreißiger<br />
Jahre eine starke Lobby entwickelt, die es ihnen seinerzeit<br />
schon erlaubte, auch gegenüber der Stadtführung selbstbewußt, ja<br />
fordernd, aufzutreten:<br />
... In einer kürzlich stattgefundenen Beschwerdeausschußsitzung<br />
stellte uns Ihr Herr Direktor Pieper eine Mitteilung<br />
seitens des Magistrats der Stadt Münster in Aussicht, wonach<br />
die Mittel für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene<br />
nicht erhöht werden können. Wir teilen Ihnen<br />
hierdurch mit, dass ein solches Schreiben bis heute nicht in<br />
unsern Besitz gelangt ist. ... . 34<br />
Auch die Werkstatt blieb von den grundlegenden Veränderungen<br />
Die Bohrerei am Hafengrenzweg in den 30er Jahren.
im sozialen, politischen und wirtschaftlichen Klima gegen Ende<br />
der Zwanziger nicht unberührt. Das stetige Kritisieren der Handelskammer<br />
und das geschickte Lavieren des Provinzialverbandes,<br />
hinsichtlich der Existenz und der Klientel der Westfalenfleiß,<br />
führten schließlich dazu, daß man - um des lieben Friedens Willen<br />
- 1929 den Gesellschaftsvertrag änderte. 35 Die Gesellschafterversammlung<br />
beschloß am 22.04.1929 den § 4, den Hauptkritikpunkt<br />
der Kammer, neu zu gestalten. Er lautete nun: „... Der Zweck der<br />
Gesellschaft ist, Erwerbsbeschränkten Gelegenheit zur Arbeitsbetätigung<br />
zu geben ...”. 36<br />
Ferner wurde der Zusatz Gewemü, gemeinnützige Werkstätten<br />
Münster, zu diesem Zeitpunkt ersatzlos gestrichen. 37 Der Name<br />
Westfalenfleiß war eben zu einem festen Begriff geworden.<br />
Hinzu kam, daß man inzwischen vom Prinzip einer Nur-Kriegsbeschädigtenwerkstatt<br />
bei Westfalenfleiß abgewichen war, denn es<br />
heißt in einem Arbeitsgerichtsbeschluß vom 14.05.1928:<br />
... Die von der Antragsgegnerin betriebenen Erwerbsbeschränkten-Werkstätten<br />
dienen in erster Linie dazu, körperlich<br />
und geistig Beschädigte beruflich auszubilden, oder<br />
derartig umzuschulen, daß sie nach Erreichung dieses<br />
Zieles wieder ein Unterkommen in der Privatwirtschaft<br />
finden können. In anderen Fällen aber, in denen die Beschädigung<br />
derart hochgradig ist, daß eine Unterbringung<br />
im privaten Wirtschaftsleben unmöglich ist, sollten sie,<br />
soweit tunlich, auch als Dauerarbeiter in den Werkstätten<br />
bleiben ... . 38<br />
Zu diesem Zeitpunkt waren über 100 Beschäftigte bei Westfalenfleiß<br />
angestellt. 39<br />
Die Streitfälle, die absolut unvermeidlich bei einer solchen Betriebsgröße<br />
waren, schlichtete in der Weimarer Zeit ein sogenannter<br />
Arbeitsausschuß. Eine andere Interessenvertretung gab es<br />
nicht. 40 Das wollten die Beschäftigten nicht hinnehmen und es kam<br />
zu einem Arbeitsprozeß. 41<br />
75
76<br />
Anläßlich dieses Rechtsstreites behauptete das Unternehmen, es<br />
solle deswegen keinen Betriebsrat geben, da für die Beschäftigten<br />
gelte:<br />
... Diese seien intellektuell und moralisch nicht imstande,<br />
die verantwortlichen Aufgaben des Betriebsrates im Sinne<br />
des Gesetzes zu erfassen und ihnen gerecht zu werden ... . 42<br />
Gegen solch schweres Geschütz konnte man kaum noch etwas<br />
seitens der Beschäftigten ausrichten. Ein Betriebsrat wurde schließlich<br />
arbeitsgerichtlich abgelehnt. Die Begründung dafür lautete,<br />
daß die Westfalenfleiß kein Wirtschaftsunternehmen im engeren<br />
Sinne, sondern eine Fürsorgeeinrichtung sei. 43<br />
Die Beschäftigten wurden damit nicht als kompetente und vollwertige<br />
Arbeitnehmer anerkannt, sie galten vielmehr als quasi<br />
meinungslose Masse.<br />
Dies galt aber nicht hinsichtlich ihrer Arbeitsleistung. Da nahm<br />
man sie durchaus für voll. Gearbeitet wurde im Akkord und die<br />
große Palette produzierter Waren verkaufte man im freien Handel.<br />
44 So konnte hier von einem Sonderstatus eigentlich keine Rede<br />
sein.<br />
Mit der Wirtschaftskrise setzte dann ab 1929 die Katastrophe auch<br />
in der Werkstatt ein. Zunächst glaubte man nicht an ein wirtschaftliches<br />
Fiasko, das auch der Werkstatt drohen könnte, denn man<br />
verlangte sogar noch nach mehr Lagerkapazität. Deshalb schloß<br />
die Stadt Münster mit der Westfalenfleiß GmbH am 25.03.1930<br />
rückwirkend, mit dem 01.01.1929 beginnend, einen Mietvertrag<br />
über einen 2.351 qm umfassenden Lagerplatz, der für den Handel<br />
mit Bürstenwaren genutzt werden sollte. 45<br />
Voller Vertrauen darauf, daß es nur noch besser werden könnte,<br />
ließ man sich gar zu optimistischen Geschäften verleiten.
Die kaufmännische Art des Geschäftsführers und Betriebsdirektors<br />
Hartmann sah keine Risiken. Der ehemalige Beamte der Stadt<br />
war zu sehr daran gewöhnt, daß die öffentliche Hand stets über so<br />
profanen Dingen wie Konkurs und wirtschaftlichem Aus stand. In<br />
der Wirtschaftskrisenzeit 1929 versagte er dann völlig und bat um<br />
die Annahme seines Rücktritts. Seit März 1929 führte er die<br />
Geschäfte kommissarisch. Die Stelle war innerhalb der Stadtverwaltung<br />
ausgeschrieben - für einen Beamten.<br />
Eine Besetzung der Stelle erfolgte jedoch nicht. Das städtische<br />
Geld reichte wohl nicht aus, einen Beamten zu versetzen, denn der<br />
Posten war recht gut dotiert. Und einen weiteren Beamten zu<br />
versorgen, kostete auch etwas. Schließlich betrug 1927 die Besoldung<br />
des Geschäftsführers 4.344 RM. 46 Solche Summen konnte<br />
man nicht ohne weiteres zusätzlich aufwenden.<br />
Hartmann war somit gezwungen zu bleiben. Es blieb damit ein<br />
unmotivierter Beamter auf seinem ungeliebten Dienstposten erhalten.<br />
Es fehlte ihm fortan jegliche Begeisterung. Die Folgen waren<br />
fatal. Zu einem Skandal wurde eine Bürgschaft, die Hartmann für<br />
die Firma übernommen hatte.<br />
Am 15.09.1929 schloß der Stadtobersekretär mit dem Sauerstoffwerk<br />
Münster einen Pachtvertrag über eine Tankstelle an der<br />
Hammerstraße. 47 In § 11 des Vertrages fand sich der handschriftliche<br />
Zusatz<br />
... Die Abrechnungen des Autobetriebsstoffgeschäftes erfolgen<br />
unmittelbar zwischen dem Sauerstoffwerk und dem<br />
jeweiligen Tankwart unter Haftung der Westfalenfleiß GmbH<br />
... . 48<br />
So konnte die Schuld des Tankwarts H. bei seinem Benzinlieferanten<br />
zu ungeheuren Höhen auflaufen. Die Westfalenfleiß bürgte ja.<br />
Am Ende stand sie für eine Summe gerade, die sie gar nicht zu<br />
garantieren im Stande war (mehr als 7.000 RM).<br />
77
78<br />
Hinzu kam, daß das Unternehmen die Folgen der Wirtschaftskrise<br />
in vollem Umfang zu spüren bekam. Arbeit blieb aus, Rechnungen<br />
unerledigt, Zahlungen konnten nicht mehr geleistet werden. Die<br />
Werkstatt stand vor dem Ruin. Es mußte nun schnellstens gehandelt<br />
werden. Bedurft hätte es jetzt eines wendigen kaufmännischen<br />
Organisators, denn die Beschäftigten setzten alle Hoffnung auf den<br />
Weiterbestand der Firma: 12 Tischler, 4 Drechsler, 11 Stuhlflechter,<br />
56 Einzieher, 2 Verkäufer, 4 Tankwarte, 16 Fahrradwächter<br />
und zeitweise 30 - 40 Fürsorgeempfänger, die mit der Herrichtung<br />
Die Tankstelle an der Hammerstraße zu Anfang der 30er Jahre.<br />
von Brennholz betraut waren. 49<br />
Der Stadtobersekretär war aber mit seinem Latein am Ende und<br />
trat am 24.09.1931 endlich zurück. Landesrat Sodemann vom<br />
Provinzialverband rückte nach. 50 So war es wieder ein Beamter -<br />
und nicht der so dringend benötigte Kaufmann - der die Leitung der<br />
Firma übernahm.
Dem Unternehmen ging es nun auch weiterhin schlecht. Man<br />
mußte sogar schon an die eigene Substanz gehen. Am 22.09.1931<br />
erklärte die Gesellschafterversammlung, daß das Personenauto<br />
bestmöglich zu verkaufen sei. 51<br />
Auch dies versprach keine Lösung der Probleme, denn 1932 mußte<br />
man noch vor dem 28.06. größere Entlassungen vornehmen, da<br />
man sonst bankrott gewesen wäre. Das Defizit betrug mittlerweile<br />
23.739,39 RM. Schließlich arbeitete man nur noch vier Tage in der<br />
Woche, da die Aufträge des Kaufhauses Epa ausgeblieben waren. 52<br />
Es waren auch nur noch 72 Leute beschäftigt, für die neue Aufträge<br />
beschafft werden sollten - so denn welche zu bekommen waren.<br />
In dieser ausgesprochen schwierigen Lage gab es für die Gesellschafter<br />
nur noch eine Lösung: Ein neuer Geschäftsführer - und<br />
diesmal ein Kaufmann - mußte an die Spitze der Firma treten.<br />
Emil Blumensaat aus Hagen, der seit dem 1. November 1925 mit<br />
der Westfalenfleiß-Bewegung verbunden war, übernahm das Ruder<br />
der Firma. Der deutschnationale, ausgesprochen fleißige „Neue”<br />
galt als Organisationstalent und wacher Geist, der auch später<br />
immer wieder zu den Schwesterfirmen, so etwa in Witten und<br />
Gladbeck, gerufen wurde, wenn dort eine grundlegende Sanierung<br />
oder Umgestaltung erforderlich war. 53<br />
Er sah sich mit einer ausgesprochen schwierigen Situation in<br />
Münster konfrontiert, denn er deckte die Tankstellenangelegenheit<br />
auf. Die Tankstellengesellschaft forderte schließlich lautstark<br />
ihr Geld und wußte dabei - quasi als Druckmittel - eine sensationslüsterne<br />
Presse auf ihrer Seite. Die wartete nur darauf, einen Fall<br />
von Verschwendung öffentlicher Gelder oder gar Unfähigkeit und<br />
daraus resultierender Kosten aufzudecken.<br />
Deshalb war Blumensaat besonders bemüht, die Westfalenfleiß<br />
nicht in das Gerede kommen zu lassen. Das schien ihm im<br />
Oktober 1933 dann auch gelungen zu sein. 54 Denn er informierte<br />
schnellstens die Gesellschafter, daß ein Agreement nun gefunden<br />
79
80<br />
sei und die Westfalenfleiß aus dem Unterpächtervertrag, der sie<br />
so existenzbedrohlich verpflichtet hatte, gelöst wäre. Fast aufatmend<br />
konnte man vermelden:<br />
... Damit ist die Angelegenheit für uns erledigt. Wir werden<br />
den Tankwart H. im Auge behalten und sorgfältig darüber<br />
wachen, daß er den übernommenen Verpflichtungen nachkommt<br />
und für raschmöglichste Tilgung des Restbetrages ...<br />
Sorge tragen ... . 55<br />
Die Aufregung um die Tankstelle erklärt sich aus den Vorkommnissen<br />
des Jahres 1932, als ein Betrugsprozeß gegen den Stadtoberinspektor<br />
Heinrich Schreiber die Stadt erschütterte. Er hatte<br />
in der Bürgschaftsbearbeitung der Stadtverwaltung, unter anderem<br />
durch Manipulation und ungerechtfertigte Vergabe von Bürgschaften,<br />
der Stadt großen Schaden zugefügt. 56<br />
Die Westfalenfleiß wollte - angesichts der negativen Presse und<br />
der hitzigen Diskussion um Korruption und Betrug im öffentlichen<br />
Bereich - jegliche Vorwürfe ob kaufmännischer Inkompetenz<br />
oder Leichtfertigkeit abwehren. Noch dazu, wo sie durch die<br />
Art ihrer Gesellschaftsbildung auf das Engste mit der Stadt<br />
verflochten war. Jegliche Unregelmäßigkeit bei ihr konnte also<br />
wieder der Stadt von den Feinden der Demokratie angelastet<br />
werden.<br />
Gefahr drohte den Behinderten von Westfalenfleiß jedoch nicht<br />
nur durch die wirtschaftliche Lage in der Endphase Weimars.<br />
Noch bedrohlicher war das Umsichgreifen rassistischen Größenwahns.<br />
Die rassistischen Einstellungen unter den Ärzten, die im Dienste<br />
des Provinzialverbandes Westfalen, mithin einer der Gesellschafter<br />
der Werkstatt, als Psychiater und häufig auch als Leiter von<br />
Provinzial-Heilanstalten tätig waren, wurde unreflektiert ver-
eitet, ohne daß diese Ärzte unbedingt immer dem nationalsozialistischen<br />
Regime nahestehen mußten. Damit kündigte sich<br />
das Entmenschlichen der Behinderten per Sterilisation und Morden<br />
durch die Nazis an.<br />
1 Archiv Westfalenfleiß - A 2 - Provinzialverband an IHK (Abschrift), 11.04.1928.<br />
2 Zum Folgenden: LWL, C 61, III, Nr. 24, Sitzung des Verwaltungsrates der KAGESO,<br />
22.03.1928.<br />
3 John, S. 115.<br />
4 Kühnl, S. 152 ff.<br />
5 Kühnl, S. 152.<br />
6 Kühnl, S. 154.<br />
7 Siehe: Grevelhörster (Mappe) Begleittext o. S..<br />
8 Haunfelder, S. 165.<br />
9 Haunfelder, S. 166.<br />
10 STDAM Verwaltungsbericht 1926-45, S. 54 u. S. 163.<br />
11 STDAM Verwaltungsbericht 1926-45, S. 161, Statistischer Bericht für das Kalender-<br />
jahr 1932, S. 97.<br />
12 Grevelhörster (Kröll), S. 55.<br />
13 Zum Folgenden: Verwaltungsbericht 1926-45, S. 163.<br />
14 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 163.<br />
15 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 164.<br />
16 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 17.<br />
17 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 16.<br />
18 Grundlegend: Rebentisch.<br />
19 Vergl.: auch: Kolb, S. 90.<br />
20 MA, 01.01.1932, 2. Ausgabe.<br />
21 Vergl.: Kaufmann, S. 130 ff.<br />
22 Vergl.: STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 165.<br />
23 Grevelhörster (Kröll), S. 56.<br />
24 STDAM, Stadtreg., Fach 20, Nr. 65, Abschrift des Beschlusses des Unterstützungs-<br />
ausschusses vom 11.01.1929.<br />
25 Grevelhörster (Kröll), S. 56 mit ausführlichen Informationen.<br />
26 Grevelhörster (Kröll), S. 64 ff.<br />
27 Haunfelder, S. 166.<br />
28 Kuropka, Machtergreifung, Mappentext.<br />
29 STDAM, Plakatsammlung Nr. 3.<br />
30 Grevelhörster (Kröll), S. 65.<br />
81
82<br />
31 Grevelhörster (Kröll), S. 65.<br />
32 Grevelhörster (Kröll), S. 66 und zum Ablauf der Sitzung: STDAM, Verwaltungsbe-<br />
richt 1926-45, S. 23 f.<br />
33 Grevelhörster (Kröll), S. 66; MA 27.09.1933.<br />
34 STDAM, Stadtreg., Fach 20, Nr. 65, Reichsverband Deutscher Kriegsbeschädigter u.<br />
Kriegshinterbliebener, Ortsgruppe Münster an das Wohlfahrtsamt Münster,<br />
19.09.1930.<br />
35 Vergl. zum Folgenden: Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925 mit darauf<br />
befindlichen handschriftlichen Änderungen, durch Notar Peus aus dem Jahre 1929.<br />
36 Westfalenfleiß - A 1 - Vertrag vom 13.11.1925, handschriftliche Änderungsmitteilung<br />
und maschinenschriftliche Fassung der Änderung v. 22.04.1929.<br />
37 Ebd..<br />
38 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Prozesse, Arbeitsgerichtsbeschluß vom 14.05.1928.<br />
39 Hierzu und zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß, - Sondergut - Prozesse, Arbeitsgerichtsbeschluß<br />
vom 14.05.1928.<br />
40 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Prozesse, Arbeitsgerichtsbeschluß vom 14.05.1928.<br />
41 Ebd..<br />
42 Ebd..<br />
43 Ebd..<br />
44 Ebd..<br />
45 Archiv Westfalenfleiß - A 2 - Mietvertrag vom 25.03.1930.<br />
46 STDAM, Stadtreg., Fach 20, Nr. 65, Niederschrift über die Sitzung des Fürsorgeaus-<br />
schusses am 17.02.1927.<br />
47 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 147, Revisionsbericht für die Zeit vom 01.04.1932<br />
- 31.03.1933.<br />
48 Ebd..<br />
49 Ebd..<br />
50 Archiv Westfalenfleiß - A 2 - Amtsgericht Münster, Handelsregisterauszug<br />
(24.09.1931).<br />
51 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />
bis 1947, Niederschrift über die Gesellschafterversammlung am<br />
22.09.1931.<br />
52 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />
bis 1947, Niederschrift der Gesellschafterversammlung am<br />
23.11.1932.<br />
53 LWL, C 61 III, Nr. 145, KAGESO an Pork, 08.05.1933.<br />
54 LWL, C 61 III, Nr. 146, Westfalenfleiß an LFV, 12.10.1933.<br />
55 LWL, C 61 III, Nr. 146, Westfalenfleiß an LFV, 12.10.1933.<br />
56 STDAM, Amt 14, Best. E, Nr. 8, Betrugsprozeß Schreiber.
7. Die Westfalenfleiß und ihre Beschäftigten während<br />
der Jahre im Nationalsozialismus<br />
Noch im Jahre 1934 setzten die Nationalsozialisten eines jener<br />
Gesetze in Kraft, das noch die demokratisch legitimierte Weimarer<br />
Bürokratie konzipiert hatte: Das Gesetz zur Verhütung erbkranken<br />
Nachwuchses vom 14.07.33.<br />
Dieses Gesetz legitimierte die Sterilisation von Abertausenden.<br />
Dies und die spätere Euthanasie konnten ohne Schwierigkeiten<br />
größeren Ausmaßes stattfinden, da das Gros der Beamten durchaus<br />
bereit war, der Regierung stets loyal zu dienen 1 - ohne<br />
Rücksicht auf Einzelschicksale oder die unverrückbaren und unantastbaren<br />
Menschenrechte.<br />
Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses sollte die<br />
Gewähr dafür geben, daß die angebliche germanische Herrenrasse<br />
von allen anders-„artigen” Menschen, seien es Behinderte, angebliche<br />
Asoziale oder Suchtkranke, nicht belastet würde. Zuständig<br />
für die Durchführung waren die Amtsgerichte am Sitz des jeweiligen<br />
Landgerichts, die ihrerseits Erbgesundheitsgerichte einrichteten.<br />
In Münster waren Amtsgerichtsdirektor Dr. Bartels und Amtsgerichtsrat<br />
Spinn die Hauptpropagandisten der staatlich verordneten<br />
Verstümmelung. Noch im Jahr des Inkrafttretens des menschenverachtenden<br />
Gesetzes wurden 539 Zwangssterilisationen durchgeführt.<br />
1935 büßten gar 827 Menschen ihre Fortpflanzungsfähigkeit<br />
ein. 2<br />
So kam auf 1000 Einwohner exakt eine Zwangssterilisation. Das<br />
entsprach genau dem durchschnittlichen Sterilisationsanteil im<br />
gesamten Oberlandesgerichts-Bezirk. Amtsgerichtsdirektor Bartels<br />
bemühte sich darum, daß die Einzelfälle geheim blieben,<br />
angeblich um soziale Nachteile für die Betroffenen zu vermeiden.<br />
3 Die Gründe waren wohl eher, daß er den Widerstand der<br />
83
84<br />
Katholiken fürchtete. 4 Trotzdem, in Münster kam es gegen die<br />
Sterilisation zu keinen so weitreichenden Protesten, wie sie etwa<br />
aus dem Bereich des Arnsberger Regierungspräsidenten bekannt<br />
sind. 5<br />
Auch Beschäftigte der Westfalenfleiß wurden zwangssterilisiert.<br />
Jedoch verhinderte der privilegierte Status der Kriegsbeschädigten,<br />
die weiterhin in der Werkstatt vertreten waren, daß sie der<br />
nächsten menschenverachtenden Aktion der Nationalsozialisten<br />
zum Opfer fielen: der Euthanasie, dem planmäßigen Mord an<br />
Tausenden hilfloser Menschen, der 1939 begann.<br />
Die sogenannte T4 Aktion, benannt nach einer Berliner Adresse,<br />
betraf zunächst „nur“ die Insassen der Anstalten, sollte aber nach<br />
dem Krieg auf alle, nicht dem nationalsozialistischen Ideal entsprechenden,<br />
Menschen ausgeweitet werden. So wurden im Bereich<br />
der Stadt Münster zunächst nur die bedauernswerten Insassen des<br />
Provinzialkrankenhauses Marienthal von den mörderischen Aktionen<br />
erfaßt.<br />
Die eigentliche Perversität des Vorgehens zeigt sich darin, daß die<br />
regionalzuständigen Verwaltungstäter beim Provinzialverband<br />
saßen.<br />
Bei dieser Behörde wurden die Fäden für den behördenmäßig<br />
abgewickelten Mord von Menschen gezogen. Sie war aber auch<br />
der Ansprechpartner für einen Schwererwerbsbeschränktenbetrieb<br />
wie die Westfalenfleiß. Unter den Tätern war, nach der<br />
vorläufigen Amtsenthebung des aufrechten Beamten Wolters, Dr.<br />
Rudolf Pork. Der überzeugte Nazi war schnellstens Landesrat<br />
geworden, um in der Provinzialverwaltung die Parteilinie zum<br />
Prinzip der Fürsorge werden zu lassen. 6 Am 24.08.1936 hatte er<br />
seine Anstellungsurkunde erhalten. 7<br />
Unter seiner Ägide fand die „Tat vor der Tat” statt: Die verwaltungsmäßige<br />
Planung des Todes wehrloser und unschuldiger<br />
Menschen, hatte doch Josef Goebbels gefordert: „... Wir müssen<br />
ein gesundes Volk besitzen, um uns in der Welt durchsetzen zu<br />
können... “. 8
Rassismus wurde zum Vehikel für politische Herrschaft, Sterilisation<br />
und Mord zum Verwaltungsakt.<br />
Wissenschaftlich nüchtern wurden Menschen ausgegrenzt, zum<br />
Unmenschen erklärt. So war der Boden für die Euthanasie bereitet<br />
worden. Die Ermächtigung dazu erging im Oktober 1939. Auch<br />
Westfalen war betroffen:<br />
Am 14.06.1940 wandte sich der Reichsinnenminister an die Ärzte<br />
der Provinzialheilanstalten 9 mit der Bitte, im Hinblick auf die<br />
Notwendigkeit einer planwirtschaftlichen Erfassung, die gleichzeitig<br />
übersandten Meldebögen auszufüllen und zurückzuschikken.<br />
Danach waren zu melden: Patienten, die an Schizophrenie,<br />
Epilepsie, senilen Erkrankungen, Paralyse und Schwachsinn litten<br />
und in den Anstaltsbetrieben nicht oder nur mit mechanischen<br />
Arbeiten zu beschäftigen waren. Schließlich auch Patienten, die<br />
sich mindestens fünf Jahre dauernd in der Anstalt befanden. Die<br />
Euthanasieaktion begann mit der Übersendung fertiger Transportlisten<br />
an die Hauptverwaltung des Provinzialverbandes. Der Landeshauptmann<br />
hatte eine Kommission beauftragt, die aus den<br />
Landesverwaltungsbeamten Landesrat Dr. Rudolf Pork, Provinzialoberverwaltungsrat<br />
Dr. Alfred Schneider und Provinzialobermedizinalrat<br />
Dr. Heinrich Petermann bestand. Diese Kommission<br />
sollte die Listen der Anstalten überprüfen. Es stand ihr frei, bei<br />
entsprechender Begründung Alterskranke, Kriegsausgezeichnete<br />
- sie blieben in der Regel verschont -, noch in Behandlung befindliche<br />
Patienten und wichtige Arbeitskräfte von den Transportlisten<br />
zu streichen. 10 Viele dieser Patienten kehrten nie wieder von den<br />
Verlegungen in die Anstalten Herborn, Eichberg, Scheuern, Kalmenhof-Idstein<br />
und Valmünster zurück. In die frei werdenden<br />
Anstalten rückte die Reichswehr ein. Nach Abschluß der Verlegung,<br />
sprich Ermordung, konnte Landesrat Pork im Jahre 1943<br />
verlautbaren:<br />
... Die geräumten Anstalten haben lediglich soviel arbeitsfähige<br />
Kranke behalten, daß sie den Anstaltsbetrieb mit<br />
ihren neuen Aufgaben weiterführen können ... . 11<br />
85
86<br />
Erst die entschlossenen und mutigen Predigten des Bischofs von<br />
Münster, Clemens August Graf von Galen, brachten die Nationalsozialisten<br />
dazu, ihre Mordtaten vorläufig weitgehend einzustellen.<br />
Der Bischof hatte nämlich öffentlich gesagt, was viele verschwiegen.<br />
Diese Wahrheit war so gefürchtet, daß ein Spitzel seine<br />
Predigten mitschrieb. Auch am 03.08.1941 erhob der „Löwe von<br />
Münster“ in St. Lamberti seine Stimme. Dabei entstand die folgende<br />
Mitschrift:<br />
... Kurze Wiedergabe der Predigt des Bischofs von Münster,<br />
Clemens August Graf von Galen, abgehalten am 3. August<br />
1941 in der Lambertikirche.<br />
... In der obengenannten Predigt, deren zufälliger Zeuge ich<br />
war, wandte sich der Bischof, wie er es nannte, gegen die<br />
Tötung unschuldiger Volksgenossen. Er ging davon aus,<br />
dass in verschiedenen Orten Deutschlands und seit kurzem<br />
auch in der Pflege- und Heilanstalt Marienthal zu Münster,<br />
die dort untergebrachten Irrsinnigen, nachdem sie ärztlicherseits<br />
als unheilbar und somit als unproduktive Volksgenossen<br />
auf eine bestimmte Liste gesetzt worden sind, abtransportiert<br />
werden. Nach einiger Zeit erhielten dann die<br />
Angehörigen dieser Kranken die Nachricht, dass die Kranken<br />
an irgendeiner Krankheit gestorben seien. Die Leiche<br />
wäre verbrannt, und die Asche könnte gegen Entrichtung<br />
einer Gebühr abgeholt werden. Nach ihm zugetragenen<br />
Nachrichten stürben diese Kranken keines natürlichen Todes.<br />
Die Leiche würde deshalb verbrannt, damit die Angehörigen<br />
nachträglich nicht mehr feststellen können, an<br />
welcher Krankheit diese gestorben sind. Ein neuer Abtransport<br />
aus Marienthal würde vorbereitet.<br />
Der Bischof betonte in dieser Predigt immer wieder, dass<br />
dieses eine Tötung unschuldiger Volksgenossen wäre und<br />
eine gesetzliche vorsätzliche Tötung nach dem Gesetz nicht<br />
gestattet ist und bestraft wird. Eine Tötung Unschuldiger<br />
wäre nur im gerechten Krieg und in Notwehr gestattet.<br />
Nach dem bestehenden Gesetz, dass jeder, der von einer<br />
stattfindenden Tötung eines Menschen Kenntnis erhält,
verpflichtet ist, hiervon der Polizei oder dem betreffenden<br />
Menschen Kenntnis zu geben, hat der Bischof bei der<br />
hiesigen Staatsanwaltschaft und bei dem Polizeipräsidenten<br />
gegen die Tötung Unschuldiger Klage erhoben.<br />
Der Bischof las diese eingeschriebenen Briefe vor. Hierin<br />
bat er sich Nachricht, was weiterhin veranlasst worden<br />
wäre. Bis heute hätte er einen diesbezüglichen Brief noch<br />
nicht erhalten. Ungefähr wörtlich führte der Bischof dann<br />
weiter aus: ‘Wehe den Krüppeln und Invaliden, die vielleicht<br />
im Arbeitsprozess ihre Gesundheit eingebüsst haben,<br />
wehe den sonstigen Kranken und wehe unseren Frontsoldaten,<br />
die als Krüppel heimkehren. Dann werden diese auf die<br />
Liste der unproduktiven Volksgenossen gesetzt, und man<br />
schreitet denn auch bei diesen Menschen zur Tötung!’ Er<br />
verglich diese Menschen mit einem alten Pferd, das nicht<br />
mehr arbeiten kann und erschossen wird, mit einer Kuh, die<br />
keine Milch mehr gibt und deshalb geschlachtet wird.<br />
Ferner sagte er, dass man keinem Arzt mehr trauen könnte,<br />
denn man wüsste ja nicht, ob dieser uns nicht als unproduktive<br />
Volksgenossen melden würde und wir dann auch getötet<br />
würden. Die Polizei würde uns dann nicht in Schutz nehmen.<br />
Dann ging der Bischof weiter darauf ein, dass heute fast alle<br />
Gebote Christi, die er unter Donner und Blitz auf dem Berge<br />
Sinai bekanntgegeben hätte, nicht mehr eingehalten würden.<br />
Die ersten 3 Gebote würden seit längerer Zeit schon<br />
nicht mehr beachtet ...<br />
Diese Predigt wurde am darauffolgenden Sonntag hier in<br />
sämtlichen Kirchen verlesen.<br />
gez. N. P., wohnhaft in Münster i. W., Adolf-Hitler-Strasse<br />
... . 12<br />
Soviel Mut erzeugte Unruhe und schuf eine bedrohliche Öffentlichkeit,<br />
bis schließlich das Morden im Sommer 1941 offiziell<br />
eingestellt wurde. Insgeheim wurde aber weiter gemacht, wenn<br />
auch in kleinerem Rahmen. 13 Sterilisiert wurde ohnehin, ohne daß<br />
es dazu großangelegte Proteste gegeben hätte. Behinderte Menschen<br />
blieben im Nazi-Deutschland abgewertet.<br />
87
88<br />
Ganz anders verhielt man sich gegenüber den Kriegsbeschädigten.<br />
Das tragische Erlebnis des blutigen Schützengrabens machte sie zu<br />
den Privilegierten des Regimes. So hieß es in einer Rede des<br />
nationalsozialistischen Landeshauptmanns Kolbow im WDR in<br />
der Sendung „Stimme der Zeit”, die am 18.10.33 gehalten wurde:<br />
... Die Regierung unseres Volkskanzlers Adolf Hitler hat es<br />
wiederholt als bedeutsamen Teil ihrer nationalsozialistischen<br />
Aufbauarbeit bezeichnet, den Opfern des Krieges,<br />
unseren kriegsbeschädigten Volksgenossen, die Stellung in<br />
der Volksgemeinschaft zu verschaffen, die ihnen als Ehrenbürger<br />
des Staates zukommt. Dazu gehört vor allem, daß wir<br />
die Kriegsbeschädigten herausführen aus der Zahl der<br />
nichtstuenden Almosenempfänger, sie wieder einzugliedern<br />
in den Wirtschafts- und Arbeitsprozeß und ihnen die<br />
Möglichkeit geben, sich mit den ihnen verbliebenen Kräften<br />
selbst zu unterhalten. So soll ihnen wieder der Segen der<br />
Arbeit zuteil werden! ... . 14<br />
Und in der faschistischen Nationalzeitung war zu lesen:<br />
...Gebt den Kriegsbeschädigten Arbeit.<br />
Das ist der Dank des Vaterlandes ... Kein Weg soll unbeschritten<br />
bleiben, um Kriegsbeschädigten im Rahmen des<br />
Möglichen Arbeit und Brot zu geben. Damit wird eine<br />
Dankespflicht gegenüber den Männern erfüllt, die in schweren<br />
Jahren Leben und Blut für ihr Vaterland eingesetzt<br />
haben ... . 15<br />
Diese Bevorzugung der Menschen mit einem traumatischen<br />
Fronterlebnis stand in krassem Gegensatz zur menschenverachtenden<br />
und verbrecherischen Politik der Nazis. Wurde einerseits<br />
ausgemerzt, bedroht und verstümmelt, so wurden andererseits<br />
bestimmte Gruppen über den grünen Klee gelobt. Die Schwachen<br />
brauchten aber die Privilegierten, wollten sie möglichst<br />
unbehelligt bleiben.
Bei Westfalenfleiß wurden so die verbliebenen Kriegsbeschädigten<br />
zu einem Schutzschild für alle anderen Beschäftigten, denen<br />
das Regime das Recht auf ein menschenwürdiges Leben absprach.<br />
Dies war in der Stadt bekannt. Eltern brachten deshalb<br />
morgens ihre Kinder und holten sie abends wieder ab, um sie so<br />
Die Westfalenfleiß unterhielt bis in die 30er Jahre einen Laden auf der Bergstraße.<br />
vor dem Kenntlichwerden als Behinderte zu bewahren. 16 Der<br />
Bestand von Westfalenfleiß wurde so zur Beibehaltung einer<br />
sicheren Insel in einem Meer von Gefahr. Erfolge der Kriegsbeschädigten<br />
waren deshalb mittelbar immer auch welche für die<br />
Nicht-Kriegsopfer. 17<br />
Der Machtwechsel von 1933 blieb für die Westfalenfleiß-Bewegung<br />
relativ unerheblich. Mit einer Ausnahme: In Bielefeld war<br />
aus politischen Gründen der Geschäftsführer nicht zu halten. 18<br />
Solche Vorbehalte gab es, seitens der neuen Machthaber, hinsichtlich<br />
Blumensaats nicht. Seine deutschnationale Gesinnung,<br />
die er in seiner Hagener Zeit auch öffentlich gezeigt hatte, indem<br />
er patriotische Gedichte schrieb, machte ihn zu einem akzepta-<br />
89
90<br />
blen Amtsinhaber. So ist es auch nicht verwunderlich, daß der<br />
nationalsozialistischen Führungsriege beim Landesfürsorgeverband,<br />
Blumensaat als der geeignete Berater auch für andere<br />
Westfalenfleiß-Gesellschaften, die in Schwierigkeiten waren, erschien.<br />
Seine erfolgreiche Tätigkeit verlieh dem Unternehmen<br />
Aufwind, so daß Münster bald vor dem Konkurs gerettet war.<br />
Trotzdem gab es noch Kritik an der Westfalenfleiß in Münster. Die<br />
Nationalzeitung berichtete im April 1933 von Mißständen bei der<br />
Westfalenfleiß. Diese Kritik bezog sich insbesondere auf die<br />
Tätigkeit des Geschäftsführers Hartmann und die ungeschickte<br />
Bürgschaftsübernahme für den Pächter der Tankstelle. 19<br />
Blumensaat gelang es jedoch, die Firma relativ ungeschoren<br />
davonkommen zu lassen. Der geäußerten Kritik trat er aber nicht<br />
öffentlich entgegen, da er sich anpaßte.<br />
Aber es gab noch mehr Kritiker. Auch der Verband der münsterländischen<br />
Textilindustriellen machte sich bemerkbar.<br />
Von diesen bisherigen En gros-Beziehern von Bürsten- und Korbwaren<br />
aus der Werkstatt wurden nach Jahren guter Zusammenarbeit<br />
Vorbehalte geäußert. Sie hatten bisher exklusiv von der<br />
Westfalenfleiß in Münster Ware bezogen und schrieben jetzt:<br />
... In den früheren Jahren waren schon Bedenken aufgetreten,<br />
ob darin nicht eine Benachteiligung der in den einzelnen<br />
Orten ansässigen Schwerbeschädigten zu erblicken ist,<br />
zumal eine von den Unterzeichneten vorgenommene Nachprüfung<br />
zeigte, dass nur ein verhältnismäßig geringer Teil<br />
der beim Westfalenfleiß Beschäftigten als Schwerbeschädigte<br />
anzusprechen ist ... Wir hatten gegen die Westfalenfleiß<br />
GmbH den Verdacht, dass es sich im Wesentlichen um<br />
Versorgungspflichtige der Stadt Münster handelt ... . 20<br />
Man äußerte diese Bedenken aber nicht aus den vorgeschobenen<br />
Gründen, etwa daß die Schwerbeschädigten in Rheine und Bocholt<br />
durch den Bezug von Waren aus dem Münsterschen Betrieb<br />
benachteiligt würden. Vielmehr war das zeitweilig gesunkene
Renommee der Westfalenfleiß - durch die Tankstellenaffäre und<br />
den Fast-Konkurs - der Grund für dieses Vorgehen. Das Vertrauen<br />
war zeitweilig geschwunden.<br />
So war es verständlich, daß Blumensaat gegen Ende des Jahres -<br />
auf Anweisung des Landesfürsorgeverbandes - versuchte, alle<br />
Bedenken mit einer öffentlichen Kampagne noch einmal zu zerstreuen.<br />
Er verfaßte deshalb den Aufsatz: „... Nicht Unterstützung,<br />
sondern Arbeit und Verdienst...”. Darin schrieb er:<br />
... Das Unternehmen findet seine Begründung in den gesetzlichen<br />
Bestimmungen, die die Pflicht des Hilfsbedürftigen<br />
zur Arbeit betonen und es der Fürsorge zur Aufgabe machen,<br />
Gelegenheit zur Beschäftigung Erwerbsbeschränkter<br />
zu schaffen. Es handelt sich dabei um etwa 100 Personen<br />
(Geburtenkrüppel, Sieche, Unfallverletzte, Kriegsbeschädigte<br />
und Blinde) ... Eine ganze Skala menschlicher Gebrechen<br />
kann man in diesen Räumen abschreiten: Geistesschwache<br />
und schwer Nervenkranke hat man noch zu nutzbringender<br />
ihnen angemessener Arbeit herangezogen ... bei<br />
ihnen ist die wiedergewonnene Freude am Leben und Schaffen,<br />
das Bewußtsein, einen Platz auszufüllen, ihrem Leben<br />
wieder Inhalt, Zweck und Wert gegeben zu sehen, so überragend,<br />
daß sie leichter demgegenüber ihre körperlichen<br />
Gebrechen vergessen ... . 21<br />
Schließlich betonte Blumensaat, daß die Westfalenfleiß eine Institution<br />
sei,<br />
... die nicht nur das schwere Los einer erheblichen Anzahl<br />
von Volksgenossen wesentlich erleichtert, sondern auch der<br />
Allgemeinheit durch den produktiven Charakter ihrer Fürsorge<br />
nennenswerte Lasten abnimmt ... . 22<br />
Blumensaats Erfolge resultierten jedoch nicht allein aus der<br />
wortreichen und geschliffenen Verteidigung der Westfalenfleiß,<br />
91
92<br />
sondern auch daraus, daß er immer wieder vorrechnete, daß eine<br />
Auflösung des Unternehmens unter den neuen Machthabern<br />
auch finanziell gar nicht möglich gewesen sei, da die Folgekosten<br />
höher als die Sanierungskosten sein würden. 23 Man stand also<br />
gewissermaßen unter Erfolgszwang. Dies sahen die Gesellschafter<br />
genauso. 24<br />
Ein Fortbestand der Werkstatt bedeutete aber auch, daß die<br />
Strukturen des neuen Staates auf die Westfalenfleiß Anwendung<br />
fanden. Darauf legte besonders der Provinzialverband und der<br />
zuständige Referent, der Nationalsozialist Rudolf Pork, besonderen<br />
Wert. So beteuerte er, 25 daß die Westfalenfleiß-Gesellschaften<br />
Betriebe seien, auf die § 1 des Gesetzes zur Ordnung der Arbeit<br />
Anwendung finde. Er betonte in diesem Schreiben besonders das<br />
gute Verhältnis der, nun Gefolgschaftsmitglieder genannten, Betriebsangehörigen<br />
und die besonderen Verhältnisse in einem Betrieb<br />
mit fast ausschließlich „körperlich oder geistig gehemmten<br />
Personen” und wenigen gesunden Beschäftigten. 26<br />
Die Beschäftigten verließen sich auf ihren Geschäftsführer Blumensaat.<br />
Ihr Vertretungsgremium, sie hatten in der NS-Zeit einen<br />
Vertrauensrat erhalten, 27 bemühte sich auch inständig um Loyalität<br />
und Zusammenarbeit. Man wußte, daß man nur zusammen die<br />
Werkstatt am Leben erhalten konnte. Daran arbeitete man mit<br />
Nachdruck.<br />
So kam die Westfalenfleiß allmählich in eine bessere Verfassung.<br />
Auch war bald das Renommee der Westfalenfleiß Münster außerhalb<br />
der Stadt und der Provinz derartig gestiegen, daß sich 1933<br />
der Oberbürgermeister Berlins an den LFV wandte und in Sachen<br />
der „Berliner Lehr- und Beschäftigungswerkstätten für Kriegsbeschädigte,<br />
Kriegshinterbliebene und andere Erwerbsbeschränkte”<br />
um Informationen bat, wie eine Erwerbsbeschränktenwerkstatt
unter den Bedingungen des Nationalsozialismus weiterzuführen<br />
sei. 28 Er schickte dem LFV einen Fragebogen, der von der Westfalenfleiß<br />
Münster, stellvertretend für alle anderen Werkstätten,<br />
beantwortet wurde. Westfalenfleiß in Münster war reichsweit zu<br />
einer Modelleinrichtung geworden!<br />
Demnach beschäftigte der Betrieb 1933 cirka 100 Personen (das<br />
war fast die Hälfte aller Erwerbsbeschränkten der Provinz 29 ). Der<br />
Großteil dieser Betriebsangehörigen (63 Personen) arbeitete in<br />
der Bürstenmacherei, zwei Arbeiter wirkten in der Korbflechterei,<br />
drei Beschäftigte in der Stuhlflechterei, zehn Mitarbeiter<br />
bewachten Räder und zwei Arbeiter waren in der Holzzerkleine-<br />
Holzbearbeitung bei der Westfalenfleiß in den 30er Jahren.<br />
rung beschäftigt. Ferner gab es vier Büroangestellte, zwei Lehrlinge,<br />
einen Reisenden, zwei technische Angestellte (Meister)<br />
und schließlich elf Provisionsreisende. Alle wurden unter ortsüb-<br />
93
94<br />
lichen Arbeitsverhältnissen beschäftigt und empfingen Löhne<br />
und Gehälter als Arbeitsentgelt. Auf die Frage nach dem beschäftigten<br />
Personenkreis, die auf Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene<br />
zielte, setzte Westfalenfleiß Münsters Blumensaat in<br />
seiner Antwort andere Behinderte hinzu: Unfallbeschädigte,<br />
Sieche und Blinde. Man beeilte sich dann auch noch zu bemerken,<br />
daß man für die Werksangehörigen, soweit sie erwerbsbeschränkt<br />
seien, Zuschüsse vom LFV und der Stadt empfange. Mit besonderem<br />
Stolz vermerkte Blumensaat, daß es ihm gelungen sei, den<br />
Betrieb durch eine intensive Verkaufstätigkeit in einen wirtschaftlich<br />
gesünderen Stand zu versetzen.<br />
Aber nicht überall gab es Grund zur Freude. Der Betrieb in<br />
Witten befand sich seit dem 07.09.1933 in Auflösung, da die<br />
Führung nicht in der Lage gewesen war, den Betrieb kaufmännisch<br />
zu leiten. 30 Man resignierte mit der Feststellung: „... Das<br />
Ergebnis ist ein wüstes Trümmerfeld. Die investierten Gelder<br />
sind restlos verloren ...”. 31 Das war Münster dank seines Engagements<br />
erspart geblieben. Die Beschäftigten der münsterschen<br />
Werkstatt schauten in eine bessere Zukunft. Soziologisch betrachtet<br />
ergab sich im Jahr 1936 für die Westfalenfleiß-Beschäftigten<br />
folgende Struktur:<br />
... ledig: 47<br />
verheiratet ohne Kinder: 14<br />
verheiratet, 1 Kind: 9<br />
verheiratet, 2 Kinder: 10<br />
verheiratet, 3 Kinder: 2<br />
verheiratet, 6 Kinder: 1... . 32<br />
Blumensaat wurde für sie alle - Ledige wie auch für ganze<br />
Familien - zu einem charismatischen Geschäftsführer. Seine<br />
kaufmännischen Fähigkeiten schätzte insbesondere auch der<br />
Provinzialverband. Dort reflektierte Pork auf die provinzielle<br />
Gesamtsituation, als er schrieb:
... wir ... haben überall die städtischen Beamten aus der<br />
Geschäftsführung der Werkstätten entfernt und Kaufleute<br />
als Geschäftsführer eingesetzt, die in der Lage sind, einen<br />
solchen Betrieb nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu<br />
leiten. Ich habe es stets als meine besondere Aufgabe<br />
betrachtet, die Werkstätten so umzustellen, daß sie Fürsorgebetriebe<br />
mit bestimmtem sozialen Zweck sind, die<br />
aber nach möglichst wirtschaftlichen und kaufmännischen<br />
Gesichtspunkten arbeiten ... . 33<br />
Das tat man in Münster mit großem Erfolg. Trotzdem wollte der<br />
Referent das Heft des Handelns nicht gänzlich aus der Hand<br />
geben. So begrüßte er es außerordentlich, wenn eine strengere<br />
Kontrolle der Geschäftsführung etabliert würde, insbesondere<br />
von seiten der Stadtverwaltung. 34<br />
Blumensaat seinerseits verstand es hervorragend, den Gesellschaftern<br />
angenehm zu sein, indem er Probleme selbstbewußt<br />
löste und gleichzeitig die Einheit im Betrieb wahrte. Er reagierte<br />
auf jede Störung oder Beeinträchtigung prompt. Aber auch die<br />
Belegschaft war sehr hellhörig, wenn es um das Ansehen der<br />
Firma ging. Dies zeigte sich auch im Jahre 1933, als der Münstersche<br />
nationalsozialistische 2. Bürgermeister van Endert das<br />
Unternehmen besuchte. 35<br />
Im Oktober 1933 besichtigte er den Betrieb. Er traf dabei auf den<br />
Kriegsbeschädigten Theodor I., der vorgab, nur 6 bis 7 RM<br />
wöchentlich zu verdienen, womit er, der außerdem eine Kriegsrente<br />
von 22 RM beziehe, nicht sein Auskommen finde. Dieser<br />
Vorfall erboste die Belegschaft der Westfalenfleiß zutiefst. Nicht<br />
die Geschäftsführung, sondern die Betriebsangehörigen A., H.<br />
und M., wie auch der Werkmeister D. schrieben deshalb an den<br />
Bürgermeister.<br />
Sie bestritten, daß I. die Wahrheit gesagt habe. Er habe einen<br />
Wochenverdienst als Zurichter von 14,65 RM netto gehabt. Diese<br />
Arbeit habe er aber nicht weiterhin verrichten können, so daß der<br />
Werkmeister, d.h. D., ihn in die Bürstenmacherei versetzt habe, wo<br />
95
96<br />
er wöchentlich zwischen 7,26 RM und 6,16 RM verdient habe.<br />
Man glaube, daß I. passiven Widerstand gegen die Arbeit leiste, da<br />
er einen Antrag auf Rentenbewilligung eingereicht habe und<br />
meine, nicht zu viel verdienen zu dürfen. Sein momentanes Einkommen<br />
belaufe sich auf 116,60 RM monatlich. So müsse er<br />
sicherlich keine Not leiden. Man habe sich der Sache nun besonders<br />
angenommen und dabei sei I. von D. darauf hingewiesen<br />
worden, daß er seinen Alkoholkonsum drosseln solle, dann brauche<br />
er auch das Unternehmen nicht herabzusetzen.<br />
Die Kollegen konnten es sich nicht verkneifen, dem Bürgermeister<br />
gegenüber noch schnell I.s’ Eigenart, das stetige Herabsetzen<br />
der Westfalenfleiß, zu erwähnen. 36<br />
Ganz unkommentiert konnte auch die Geschäftsführung den<br />
Vorgang nicht lassen: Wenn sie untätig geblieben wäre, hätte sie<br />
doch damit riskiert, so dazustehen, als ob sie die Vorwürfe des<br />
Beschäftigten billigen würde.<br />
So schrieb auch der Geschäftsführer Emil Blumensaat an den<br />
Bürgermeister. 37 Er beklagte sogleich:<br />
... wie schwer es ist, ein Unternehmen dieser Art zu leiten,<br />
handelt es sich doch bei den Werksangehörigen größtenteils<br />
um anormale Menschen, die individuell behandelt<br />
werden müssen ... . 38<br />
Nachdem er seine Fähigkeiten, insbesondere seine wirtschaftlichen<br />
Erfolge („... ausgeglichene Bilanz und über 100 Beschäftigte<br />
...”) hervorgehoben hatte, kam er zum Hauptgegenstand<br />
seines Briefes, nämlich I., den er der Herabsetzung des Unternehmens<br />
in Wort und Schrift zieh. Auch habe I. sich an den<br />
Landesfürsorgeverband und die Kriegsopferversorgung gewandt,<br />
um Mitleid zu erregen. Wobei er stets unterschlagen habe, zu<br />
erwähnen, daß er ein ausreichendes Einkommen beziehe. I. habe<br />
auch stets nur einen Teil seiner Einkünfte als Gesamteinkommen<br />
dargelegt. So sei es ferner I. eine besondere Freude gewesen,
dem Bürgermeister van Endert seine Sache vorzutragen und<br />
damit der Geschäftsleitung „eins auszuwischen“. Eine Geschäftsleitung<br />
brauche aber die Rückendeckung ihrer Gesellschafter,<br />
zumal bei einem solchen Unternehmen. So schlage er vor I. „...<br />
für seine Verlogenheit ...” eine Rüge zu erteilen. 39<br />
Eine betriebsinterne Regelung kam Blumensaat nicht in den Sinn,<br />
was „coram publico“ geschah, wurde „coram publico“ repariert.<br />
Daran mußte ihm gelegen sein, wollte Westfalenfleiß weiterhin<br />
als wichtige soziale Einrichtung in der Stadt wirken und dies<br />
durchaus mit Erfolg tun. Solcher war der Werkstatt beschieden.<br />
So verwundert es auch nicht, daß zukünftig lange Betriebszugehörigkeiten<br />
immer wieder honoriert werden konnten, etwa 1935<br />
und 1940:<br />
... Beim zehnjährigen Bestehen unseres Unternehmens am<br />
13. November 1935 haben wir Jubilaren aus eigenen<br />
Mitteln an Geldgeschenken in Höhe von 20.000.- RM<br />
überreicht. Bis jetzt ist die Zahl der Gefolgschaftsmitglieder,<br />
die den Westfalenfleiß Werkstätten 10 Jahre lang<br />
angehörten auf 33 gestiegen, wovon gegenwärtig noch 23<br />
für das Unternehmen tätig sind. Am 13. November 1940,<br />
also Mittwoch nächster Woche, besteht das Unternehmen<br />
15 Jahre. Wir möchten denjenigen Gefolgschaftsmitgliedern,<br />
die den Werkstätten bis zum Ablauf des Geschäftsjahres<br />
(am 31. März 1940) 15 Jahre lang angehörten, ein<br />
Geldgeschenk ... machen und in einer Feierstunde in<br />
unserem Gefolgschaftsraum auf diesen Tag hinweisen ...<br />
. 40<br />
Wie alle Betriebe dieser Zeit wirkte die Westfalenfleiß auch bei<br />
den nationalsozialistischen Veranstaltungen und Organisationen<br />
mit. Sie konnte sich dem nicht entziehen. Die Belegschaftsmitglieder<br />
waren deshalb auch in der Deutschen Arbeitsfront organisiert.<br />
Die widmete sich in der Hauptsache der weltanschauli-<br />
97
98<br />
chen politischen Schulung, und, zur Steigerung der Arbeitsfähigkeit,<br />
der sozialen Betreuung ihrer Mitglieder. 41<br />
Die Beschäftigten beteiligten sich auch sonst am politisch organisierten<br />
sozialen Leben der Zeit, wobei es viel Lob gab:<br />
... Auf dem letzten Kameradschaftsabend in der Halle<br />
Münsterland vor 14 Tagen wurde das Werk ... von den<br />
Vertretern der NS-Gemeinschaft ‘Kraft durch Freude’ als<br />
vorbildlich hingestellt und der mustergültige Betrieb zur<br />
Nachahmung empfohlen ... . 42<br />
Aus diesem Mitmachen resultierten auch Aufträge, etwa in der<br />
Bewachung von Parkplätzen.<br />
So war es die Westfalenfleiß, die auch weiterhin - wie schon in<br />
Weimar - die Bewachung von Parkplätzen bei Großveranstaltungen<br />
sicherstellte. Dies war aber nicht immer ohne Klagen möglich.<br />
So etwa 1936 bei der Kundgebung in der Halle Münsterland<br />
mit Rudolf Hess anläßlich des Richtfestes des neuen Gauhauses<br />
am Aasee. 43<br />
Die Westfalenfleiß hatte schon am 19.03.1936 den Platz an der<br />
Halle von der Reit- und Fahrschule gemietet. 44 Wie bei allen<br />
anderen Anlässen, die in der Halle stattfanden, wollte die Firma<br />
auch diesmal die Bewachung übernehmen.<br />
Dies war auch bisher unstrittig akzeptiert worden. Die Kreisleitung<br />
der NSDAP sah dann auch in der Westfalenfleiß ihren<br />
Ansprechpartner und bat sie am 21.03.1936 während der Kundgebung<br />
am 24.03.1936 die Bewachung durchzuführen. Die Ordner<br />
(SA + SS) waren auch angewiesen, keine Autos außerhalb<br />
des Westfalenfleiß-Parkplatzes abstellen zu lassen.<br />
Die Polizei wurde schließlich gebeten, ihre Zustimmung zu<br />
geben. Es begann der typische Ablauf: Der erste Beamte wähnte<br />
sich nicht zuständig und schob die Kompetenz einem vorgesetzten<br />
Beamten zu, nämlich dem Polizeidirektor S. - der war<br />
abwesend. Der das Telefonat annehmende Beamte erklärte nun,
daß von seiten der Polizei keine Einwände dagegen bestünden,<br />
daß die Westfalenfleiß den Parkplatz betriebe, da die Polizei nur<br />
die Absperrung zu gewährleisten hätte. So schien für die Firma<br />
die Sache geklärt. Als man nun am 24. März auf dem Gelände<br />
erschien, wurde den vier Angestellten erklärt, daß die Polizei die<br />
Bewachung kostenlos leisten werde. Auch ein Telefonat mit<br />
Polizeidirektor S. konnte daran nichts mehr ändern. Ein Auftrag<br />
war verloren gegangen.<br />
Auch innerhalb der Werkstatt war man, wie alle anderen Unternehmen<br />
auch, gezwungen, nationalsozialistische Strukturen zu<br />
übernehmen und die staatlichen Aufforderungen zu Aktionen,<br />
wie etwa „Schönheit der Arbeit”, mitzutragen. Das belegt folgendes<br />
Dokument:<br />
... Als Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront haben Führer<br />
und Gefolgschaft sich an allen vaterländischen Feierlichkeiten<br />
und Veranstaltungen beteiligt. Wir hielten Kameradschaftsabende<br />
ab, die stets stark besucht waren und<br />
immer einen schönen Verlauf nahmen. Auch an den Veranstaltungen<br />
von ‘Kraft durch Freude’ haben die Werksangehörigen<br />
ebenfalls teilgenommen und das Westfalenfleiß-Unternehmen<br />
hat diese Veranstaltungen im Sinn und<br />
Geist der nationalsozialistischen Weltauffassung gefördert<br />
und finanziell unterstützt. In der gleichen Weise<br />
haben wir der heute mit Recht so betonten ‘Schönheit der<br />
Arbeit’ unsere besondere Beachtung geschenkt, so daß<br />
Werkstättengebäude, die Arbeitsräume usw. in Wahrheit<br />
als menschenwürdige Stätten bezeichnet werden können.<br />
In sozialer Beziehung wandelten wir den bisher stundenweise<br />
gezahlten Lohn für 12 Radwächter (Schwerbeschädigte<br />
und Kriegsbeschädigte) in einen festen Wochenlohn<br />
um, was für unser Unternehmen eine Mehrausgabe von ca.<br />
RM 1 000.- jährlich bedeutet. Ferner verbesserten wir<br />
freiwillig die Einziehlöhne für die rund 55 mit dem Einziehen<br />
beschäftigten Bürstenmacher, eine Maßnahme, die<br />
einen Mehrlohn von rund RM 2 500.- jährlich erfordert.<br />
99
100<br />
Wir verbesserten außerdem bei einigen Werksangehörigen<br />
die Löhne usw., so daß wir auch in sozialer Hinsicht<br />
von uns sagen können, daß wir im Rahmen des Möglichen<br />
alles getan haben, um den Lebensstandard unserer vom<br />
Schicksal besonders hart betroffenen Werksangehörigen<br />
aufzubessern, und wir werden das auch in Zukunft tun ... . 45<br />
1 Zur Loyalität der Beamtenschaft: Mommsen, S. 7.<br />
2 STAM. OLG Hamm. Erbgesundheitsgerichte Nr. 758.<br />
3 STAM. OLG Hamm. Erbgesundheitsgerichte Nr. 757.<br />
4 Vergl.: Rainer Pöppinghege, S. 188.<br />
5 Ebd..<br />
6 LWL, C 10/11, Nr. 714 - 717, Verwaltung des Provinzialverbandes an Reichs- und<br />
Preuß. Minister des Innern, 15.08.1936.<br />
7 LWL, C 10/11, Nr. 714-717, Reichs- und Preuß. Innenminister an OP-Westfalen,<br />
24.08.1936.<br />
8 Zitat aus: Wuttke, S. 61.<br />
9 Walter, S. 132.<br />
10 Ebd..<br />
11 Zitat, ebd..<br />
12 Kuropka, Stimmung und Lage, S. 541-542.<br />
13 Fandrey, S. 194.<br />
14 LWL, C 61, III, Nr. 123, Kolbow: Rede im WDR, „Stimmen der Zeit”, 18.10.1933;<br />
Zur Politik der Nationalsozialisten hinsichtlich der Kriegsbeschädigten vergl: Sachße/<br />
Tennstedt, Bd. 2, S. 184 ff.<br />
15 LWL, C 61, III, Nr. 123, Auszug aus Nationalzeitung vom 25.11.1934.<br />
16 Archiv Westfalenfleiß - C 1 - Interview Ursula W..<br />
17 LWL, C 61, III, Nr. 123, Vermerk: LFV, 06.09.1934.<br />
18 LWL, C 61, III, Nr. 145, Pork an KAGESO, 16.03.1933.<br />
19 Vergl.: LWL, C 61 III, Nr. 147, Niederschrift über Gesellschafterversammlung am<br />
07.06.1933 und ebd. Landesfürsorgeverband an Magistrat (Besprechungsprotokoll),<br />
22.06.1933.<br />
20 LWL, C 61, III, Nr. 146, Verband münsterl. Textilindustrieller an die Provinz<br />
Westfalen, 04.08.1933.<br />
21 LWL, C 61, III, Nr. 146, Ausarbeitung Blumensaat vom 20.12.1933.
22 LWL, C 61, III, Nr. 146, Ausarbeitung Blumensaat vom 20.12.1933.<br />
23 LWL, C 61 III, Nr. 147, Niederschrift Gesellschafterversammlung vom 12.12.1933<br />
und ebd.: Niederschrift Gesellschafterversammlung vom 17.03.1933.<br />
24 Ebd..<br />
25 Zum Folgenden: LWL - C 61 III, Nr. 145, Pork an Treuhänder der Arbeit, 17.06.1935.<br />
26 Zum Folgenden: LWL - C 61 III, Nr. 145, Pork an Treuhänder der Arbeit, 17.06.1935.<br />
27 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Prozesse, GeweHa an Westfalenfleiß-Münster,<br />
25.10.1935.<br />
28 Hierzu und zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, OB Berlin an LFV, 22.08.1933<br />
mit Antworten der Westfalenfleiß Münster; Zur NS-Wirtschaftspolitik: Fischer, S. 36<br />
ff.<br />
29 Vergl.: LWL, C 61 III, Nr. 145, Aktenvermerk Pork, 08.03.1934.<br />
30 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Witten an LFV, 07.09.1933.<br />
31 Ebd..<br />
32 Vergl.: Archiv Westfalenfleiß - A 3 - Aufstellung der Auflösungskosten (Blumensaat)<br />
vom 27.04.1936.<br />
33 LWL, C 61 III, Nr. 146, LFV an Magistrat Münster, 24.08.1933.<br />
34 LWL, C 61 III, Nr. 146, LFV an Magistrat Münster, 24.08.1933.<br />
35 Vergl. zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - A 3 - Brief des Betriebsrates an den<br />
Bürgermeister van Endert (21.10.1933).<br />
36 Archiv Westfalenfleiß - A 3 - Beschäftigte an Bürgermeister van Endert (21.10.1933);<br />
Ebd.: „... In der Tat, sehr geehrter Herr Bürgermeister, setzt I. unser Unternehmen bei<br />
jeder Gelegenheit in ein schlechtes Licht ...”.<br />
37 Zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - A 3 - Blumensaat an Bürgermeister van<br />
Endert (21.10.1933).<br />
38 Ebd..<br />
39 Ebd..<br />
40 Ebd..<br />
41 Tyrell, S. 24; Siehe auch: Reichel, S. 232 ff..<br />
42 LWL, C 61 III, Nr. 145, Die blinden Handwerker der Westfalenfleiß an Landesrat<br />
Pork, 25.11.1935.<br />
43 STDAM, Verwaltungsbericht 1926-45, S. 6.<br />
44 Zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - A 3 - Westfalenfleiß Notiz für Gesellschafter-<br />
versammlung 26.03.1936.<br />
45 LWL, C 61 III, Nr. 147, aus dem Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1935 der<br />
Westfalenfleiß-Münster vom 24.06.1935.<br />
101
102<br />
8. Zwei wichtige Veränderungen: Beschäftigungsverbot<br />
für Blinde und die Übernahme der KAGESO-<br />
Anteile durch den Provinzialverband<br />
Einzelschicksale zählten im faschistischen Deutschland nicht. Das<br />
bekamen die Blinden bei Westfalenfleiß ab 1934 zu spüren. Blumensaat<br />
bevorzugte diese Gruppe der Beschäftigten, da sich durch<br />
ihre Einstellung - jeweils mit einem Betrag von 200 RM - die<br />
Schulden der Westfalenfleiß abtragen ließen. 1 Jahrelang ließ man<br />
ihn gewähren, doch ab 1934 änderte sich dies. Denn es erging ein<br />
spezielles Gesetz hinsichtlich dieser Behindertengruppe und des<br />
Absatzes ihrer Produkte: Das Blindenwarenschutzzeichengesetz<br />
vom 01.10.1934.<br />
Die Weiterbeschäftigung von Blinden wurde dadurch allmählich<br />
zum Problem. 2 In den drei verbleibenden Westfalenfleiß-Werkstätten<br />
Münster, Hagen und Bielefeld waren neben den etwa 200<br />
sonstigen Erwerbsbeschränkten auch je etwa zehn Blinde beschäftigt.<br />
Diese, so meinte man 1935 in der Hauptfürsorgestelle, seien<br />
durch die geänderten Bestimmungen auch nicht von den Westfalenfleiß-Gesellschaften<br />
wegzunehmen. Es gäbe auch keine andere<br />
Möglichkeit sie zu beschäftigen, da der „Westfälische Blindenverein”<br />
unmöglich 30 Blinde übernehmen könne. Die Werkstätten der<br />
Westfalenfleiß-Bewegung gehörten nicht der Arbeitsgemeinschaft<br />
zur Förderung des deutschen Blindenhandwerks an und hätten<br />
auch nicht die Befugnis zur Verwendung des Blindenwarenzeichens.<br />
Dies sollte sich zum Hauptstreitpunkt zwischen Blindenverbänden<br />
und Westfalenfleiß-Werkstätten, insbesondere der in Münster,<br />
entwickeln. Die Firmenbezeichnung ließ keinerlei Hinweis<br />
auf die Blindheit der Beschäftigten zu. Der LFV erklärte noch am<br />
13.07.1935, 3 keine der Werkstätten werbe mit dem Hinweis auf<br />
die Beschäftigung von Blinden für die Produkte. Es sei auch
jedem Vertreter unter Strafandrohung verboten worden, dies zu<br />
tun. Eine wahrheitsgemäße Antwort auf die Frage nach den dort<br />
beschäftigten Blinden bleibe aber davon unberührt. So wäre also<br />
kein Problem ersichtlich gewesen, hätte nicht der Reichsverband<br />
für das Blindenhandwerk die Dinge ganz anders gesehen.<br />
So schrieb plötzlich am 30.10.1935 der Reichsverband für das<br />
Blindenhandwerk an den Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
Dortmund, man habe mitgeteilt bekommen, die Westfa-<br />
Blinde Stuhlflechter zu Beginn der 30er Jahre.<br />
lenfleiß-Gesellschaften Hagen, Münster und Bielefeld wollten<br />
die Blinden entlassen. Man wolle diese nun der Fürsorge des<br />
Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgevereins empfehlen. 4 Dies<br />
war ein Gerücht, das in Hagen aufgekommen war, denn von einer<br />
Entlassung oder Überführung der Blinden wußte sonst niemand<br />
etwas.<br />
103
104<br />
Die Blindenorganisationen gingen sogar noch weiter. Am nächsten<br />
Tag, dem 31.10.1935, schrieb der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
an die Westfalenfleiß-Münster mit der Bitte<br />
um Aufklärung. 5 Der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
glaubte nämlich - so schien es zumindest -, die angeblich zu<br />
Entlassenden auffangen zu müssen - so schrieb er an den LFV. 6<br />
Dies nicht ohne Hintergedanken, denn die Wegnahme der Blinden<br />
von der Westfalenfleiß war für die Blindenwerkstätten ein Mittel<br />
zum Zweck der Umsatzsteigerung, hieß es doch von dort:<br />
... Außerdem glaube ich, daß hierdurch eine wesentliche<br />
Verbesserung des Umsatzes an Bürstenwaren eintreten<br />
wird, da die Konkurrenz mit dem Wort ‘blind’ seitens der<br />
Westfalenfleiß-Werkstätten ganz in Fortfall kommt ... . 7<br />
Es ging also um die Eliminierung eines Konkurrenten - die Westfalenfleiß.<br />
Die großsprecherische Art des Blindenarbeitsfürsorgevereins<br />
hinsichtlich der Aufnahme der Blinden von der Konkurrenz<br />
wurde aber im letzten Teil des Briefes wieder zurückgenommen:<br />
„... In Münster müßte eine besondere Werkstätte geschaffen<br />
werden, falls es nicht möglich ist, die Blinden in Heimarbeit zu<br />
beschäftigen ...”. 8<br />
Beim Landesfürsorgeverband reagierte man nach Eingang des<br />
Schreibens seitens des Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgevereins<br />
ausgesprochen gereizt. 9 Man war aus allen Wolken gefallen,<br />
als man plötzlich von Dritten mitgeteilt bekommen hatte, was die<br />
Westfalenfleiß-Werkstätten mit den blinden Beschäftigten angeblich<br />
vorhatten. 10<br />
Die Westfalenfleiß in Münster reagierte auf die umgehend erfolgende<br />
Ermahnung seitens des LFV beschwichtigend. Man habe<br />
niemals und in gar keiner Weise Pläne zur Entlassung der Blinden<br />
gehabt. 11 Ganz ähnlich antwortete auch Bielefeld. Hier legte man<br />
Wert auf die Feststellung, daß man sich sogar einige Tage vorher<br />
um die Anstellung weiterer Blinder gekümmert habe. 12
Von Münster erhielt auch der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
ein entsprechendes Schreiben. 13 War Münster in seiner<br />
Entgegnung noch relativ höflich und um Formen bedacht gewesen,<br />
so reagierte Bielefeld empört:<br />
... Wir wissen wirklich nicht, was wir zu diesem Fall sagen<br />
sollen. Dass sich Westfalenfleiß-Hagen erdreistet über<br />
unseren Kopf hinweg einen Bericht an die behördlichen<br />
Stellen zu geben, der jeder Wahrheit entbehrt, ist doch<br />
ziemlich stark ... . 14<br />
Besen und Bürsten für den Straßenbau von Westfalenfleiß (cirka 1935).<br />
Nun war die Gerüchteküche zwar auf Sparflamme gesetzt worden,<br />
aber unter der Oberfläche brodelte es weiter. Am 25.11.1935<br />
zeigten die blinden Handwerker der Westfalenfleiß-Münster mit<br />
einem Schreiben an Landesrat Pork ihre tiefe Beunruhigung:<br />
... Während wir zum Betriebsführer Blumensaat von Westfalenfleiß<br />
volles Vertrauen haben, weil er unermüdlich für<br />
Arbeit sorgt und uns infolgedessen immer ohne Unterbre-<br />
105
106<br />
chung beschäftigen konnte, haben wir zu Herrn Meurer vom<br />
Westfälischen Blindenverein Dortmund gar kein Vertrauen.<br />
Wenn wir erst einmal beim Westfälischen Blindenverein<br />
Dortmund sind, dann erhalten wir keine Arbeit mehr ...<br />
Deshalb bitten wir alle in Frage kommenden Stellen, dafür<br />
zu sorgen, daß wir beim Westfalenfleiß Münster bleiben,<br />
dann ist uns um Arbeit nicht bange, weil wir zu dem<br />
Betriebsführer Blumensaat, zu Werkmeister Dorndeck und<br />
zum Unternehmen überhaupt unbedingtes Vertrauen haben.<br />
Dieses Werk ist doch in den letzten Jahren so auf Höhe<br />
gekommen, was von allen Seiten - auch der Partei - lobend<br />
anerkannt worden ist ... . 15<br />
Wenn schon die Blinden bei der Westfalenfleiß bleiben sollten, was<br />
zumindest Münster und Bielefeld, nicht aber Hagen, mit Nachdruck<br />
betrieben, so mußte die Frage der Weiterbeschäftigung -<br />
auch angesichts des Blindenwarenschutzzeichengesetzes - von<br />
den Westfalenfleiß-Werkstätten gelöst werden. War dies doch die<br />
Ursache dafür gewesen, daß man sich überhaupt Gedanken über<br />
eine Weiterbeschäftigung der Blinden bzw. deren Entlassung<br />
gemacht hatte. Dabei hatte man schon Klarheit hinsichtlich der<br />
Vertriebsbedingungen der Waren aus den Westfalenfleiß-Werkstätten<br />
geschaffen. So war schon am 21.09.1934 eine Anweisung<br />
an alle Vertreter ergangen:<br />
... Wir wollen ... auf die Führung des Blindenwarenzeichens<br />
verzichten und dafür ein eigenes Krüppelzeichen führen<br />
(das wir uns gesetzlich schützen lassen), womit wir unsere<br />
Bürstenwaren ab 1. Oktober versehen werden ... . 16<br />
Es hieß schließlich im Juli 1935: 17 Es solle keine Erwähnung von<br />
Blinden beim Verkauf stattfinden. Nur auf die konkrete Frage nach<br />
Blinden sei zu erwähnen, daß auch 14 Blinde beschäftigt würden. 18<br />
Wie bedrohlich die Westfalenfleiß-Münster die Sache der Blinden<br />
empfand, zeigt ein Schreiben vom 28.11.1935 an den LFV -
Westfalen: „... Die Blindenvereine, - Genossenschaften u.s.w. -<br />
haben das Blindenwarengesetz zum Anlaß genommen, die Werkstätten<br />
unserer Art zu vernichten ...”. 19<br />
So sei es zu Tätlichkeiten gegen Westfalenfleiß-Beschäftigte gekommen.<br />
Daraufhin habe man die Männer angezeigt. Sie seien<br />
verurteilt worden. 20 Fernerhin habe man Kenntnis davon, daß Herr<br />
K. vom Westfälischen Blindenverein seinen Vertretern mitgeteilt<br />
habe, daß es bei der Westfalenfleiß in Hagen und der Westfalenfleiß<br />
in Münster keinen einzigen Blinden mehr gebe. 21 Und man<br />
fuhr fort: Die Polizei sei sogar gegen Westfalenfleiß gehetzt<br />
worden. Man habe sogar Schriften (Broschüren, Listen, etc.)<br />
beschlagnahmt, woraufhin viele Vertreter, wohl aus Angst, in<br />
Dienste der Blindenvereine getreten seien. Schließlich forderte<br />
man:<br />
... Es muß nun unbedingt etwas unternommen werden, um<br />
uns und unsere Vertreter gegen derartige Angriffe zu schützen.<br />
Wir sind bereit, den Verkauf ohne die Bezugnahme auf<br />
die Blindheit der bei uns beschäftigten Werksangehörigen<br />
zu betreiben. Der Westf. Blindenverein hat sich bereit<br />
erklärt die blinden Handwerker von den WFF Hagen,<br />
Bielefeld und Münster (38 an der Zahl) zu übernehmen ... 22<br />
Nun kam das, was bisher als Gerücht gegolten hatte, nämlich die<br />
Frage einer Umsetzung der blinden Mitarbeiter, wieder zur Sprache.<br />
Die Westfalenfleiß-Münster, bisher stets bestrebt gewesen,<br />
alle solche Ansinnen abzulehnen, kam nun selbst mit einem derartigen<br />
Plan an die Öffentlichkeit. Was man bisher noch vehement<br />
abgelehnt hatte, war nun, am 28.11.1935, 23 Diskussionspunkt<br />
geworden. Man wollte angesichts des Umstandes, daß die Westfalenfleiß-Blinden<br />
ihre Arbeitsplätze behalten wollten und der<br />
Angriffe durch die Blindenorganisationen endlich Klarheit.<br />
Die Gesellschafterin KAGESO stand auf seiten der beschäftigten<br />
Blinden, die, wie sie es ja selbst zum Ausdruck gebracht hatten,<br />
107
108<br />
lieber bei der Westfalenfleiß-Münster bleiben wollten. Die KA-<br />
GESO riet, auf die Blindenorganisation, die aus öffentlichen<br />
Mitteln getragen würde, gezielt einzuwirken. 24 Aber der KAGE-<br />
SO waren die Hände gebunden, denn sie gab ihre Anteile zu<br />
diesem Zeitpunkt an die Provinz ab. Am 30.11.1935 schrieb man<br />
resignierend Blumensaat: „... Da wir wahrscheinlich bereits in<br />
der nächsten Woche unsere Anteile an die Provinz abtreten<br />
werden, können wir in dieser Angelegenheit kaum noch etwas<br />
unternehmen ...”. 25<br />
Damit war ein wichtiger Fürsprecher für die Blinden bei Westfalenfleiß-Münster<br />
verloren. Unter diesem Eindruck schwenkten<br />
die Geschäftsführer der Westfalenfleiß-Werkstätten mehr auf<br />
eine gemeinsame Linie, die darauf zielte, die Blinden in den<br />
Werkstätten zu halten. Man konnte die Dinge nicht einfach so<br />
laufen lassen.<br />
Der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein in Dortmund wurde<br />
damit zum Kontrahenten. So erklärten die Werkstätten am<br />
14.01.1936 dem Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk<br />
anläßlich eines Besuches in dessen Geschäftsstelle, daß der<br />
Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein gar nicht in der Lage<br />
sei, die Westfalenfleiß-Blinden aufzunehmen. 26 Diese Frage hatte<br />
nun der Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk zu<br />
erörtern. 27 Ebenso, ob die Vorwürfe stimmten, die die Westfalenfleiß-Geschäftsführer<br />
erhoben hatten. Nämlich, der Westfälische<br />
Blindenarbeitsfürsorgeverein bestelle große Mengen von gestanzten<br />
Bürsten mit Ziegenhaaren und fabrikmäßig hergestellte<br />
Aufnehmer. 28 Aus einem provinziellen Gerede war eine Reichsverbands-Angelegenheit<br />
geworden. Am 03.12.1935 bat der<br />
Reichsverband den LFV um Klarstellung der Tatsachen. 29 Von<br />
dort erhielt er am 14.12.1935 Antwort: 30 Unter Berücksichtigung<br />
der im Vertreterwesen aufgetretenen Schwierigkeiten beim<br />
Warenabsatz seit Inkrafttreten des Blindenwarenschutzzeichen-
gesetzes sei früher von den Geschäftsführern der Westfalenfleiß<br />
in unverbindlichen Besprechungen auch die Frage erörtert worden,<br />
ob die Entlassung der beschäftigten Blinden und ihre in<br />
Aussicht gestellte Beschäftigung durch den Westfälischen Blindenverein<br />
zur Klärung der Situation beitragen könnte. Diese<br />
Erörterungen seien beim LFV unbekannt gewesen und erst durch<br />
den Schriftwechsel mit der Westfalenfleiß-Hagen zur Kenntnis<br />
gebracht worden. Die Westfalenfleiß-Gesellschaften seien auch<br />
zur Folgsamkeit ermahnt worden. 31<br />
Der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein war nun bestrebt,<br />
sein Licht wieder heller leuchten zu lassen. So antwortete er dem<br />
Reichsverband am 20.01.1936, 32 daß die Westfalenfleiß-Gesellschaften<br />
keine 40 Blinde beschäftigten. Man sei gerne bereit, die<br />
wenigen Bürstenmacher zu beschäftigen, wie es auch in Petershagen,<br />
Dortmund, Minden und Gelsenkirchen geschehe.<br />
Ferner hieß es: Sollten die Westfalenfleiß-Gesellschaften das<br />
Blindenwarenschutzzeichen bekommen, würde man dies aufrichtig<br />
bedauern, da nicht nur ein Wirrwarr entstehen würde,<br />
sondern auch zu berücksichtigen sei, daß über die Westfalenfleiß<br />
aus dem ganzen Reich Klage geführt würde. Hinsichtlich der<br />
Beschwerden der Westfalenfleiß-Geschäftsführer über den Westfälischen<br />
Blindenarbeitsfürsorgeverein leugnete man aber jede<br />
Irregularität. 33<br />
Der Reichsverband wußte nun was der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
dachte und reagierte. Er schloß sich dieser<br />
Haltung an und wurde nun auch zum erklärten Gegner der<br />
Westfalenfleiß. Der Reichsverband schrieb an den Reichs- und<br />
Preußischen Arbeitsminister. 34 Dort bezichtigte er die Westfalenfleiß-Gesellschaften,<br />
daß in Geschäftspapieren auf die Blinden<br />
Bezug genommen werde und auch die Vertreter Äußerungen<br />
über die Beschäftigung von Blinden gemacht hätten. Die Westfalenfleiß<br />
besitze keine Konzession für das Blindenwarenschutzzeichen<br />
und reagiere auch auf Versuche, dieses Manko<br />
109
110<br />
abzuschaffen, apathisch. Die Westfalenfleiß wisse sich dabei im<br />
Recht, da die Gewerbeordnung nur auf die Händler, nicht aber<br />
die Inhaber der Betriebe, Anwendung finde. Nun solle der<br />
Minister entscheiden, ob die Westfalenfleiß dem Verband angehören<br />
solle oder nicht. 35 Pikant ist dieses Schreiben deshalb, da es<br />
sich quasi um eine Trotzreaktion auf Blumensaats Freispruch im<br />
Prozeß wegen Gewerbevergehens vom 06.03.1936 handelt, wo<br />
es um die gleiche Sachlage ging. 36<br />
Auch der LFV geriet mehr und mehr in das Fahrwasser dieser<br />
Affäre. So schrieb Pork am 27.05.1936 in einem Aktenvermerk für<br />
den Oberpräsidenten, 37 die Westfalenfleiß habe ununterbrochen<br />
Blinden Arbeit und Brot gegeben. So hätten die Beschäftigten<br />
schon Bürsten hergestellt, als es den Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
noch gar nicht gegeben hätte. Eine Entlassung der<br />
Blinden sei keineswegs zu verantworten, hätten doch die Blinden<br />
ihre Wohnverhältnisse ganz auf die Betriebsstätte abgestellt. Der<br />
Blindenarbeitsfürsorgeverein sei auch gar nicht in der Lage, die<br />
Westfalenfleiß-Blinden aufzunehmen und auch der freie Arbeitsmarkt<br />
habe seine Grenzen. Der Namenszug der Westfalenfleiß<br />
enthalte keine Hinweise auf eine gesetzwidrige Nennung der<br />
Blinden und die Vertreter seien auch angewiesen, sich entsprechend<br />
den Vorgaben der Geschäftsführung zu verhalten. Es sei<br />
unzweckmäßig, die Waren zu trennen, genauso wie es unzweckmäßig<br />
sei, die Blinden der Westfalenfleiß in der Öffentlichkeit zu<br />
verschweigen. Auch fertigten die Blinden in Zeiten von Hochdruck<br />
andere Waren mit an. Der LFV stand also auf der Seite seines<br />
Ziehkindes.<br />
Ganz anders als die Beamten der Provinzialverwaltung glaubte das<br />
Preußische und Reichs-Wirtschaftsministerium, im Einvernehmen<br />
mit dem Arbeitsminister, 38 daß bei den Westfalenfleiß-Gesellschaften<br />
gegen das Blindenwarenschutzzeichengesetz verstoßen<br />
werde. Dies sei auch dann gegeben, wenn die Bezeichnung Blindenwerkstatt<br />
gar nicht explizit genannt werde. Da eine Scheidung
innerhalb des Betriebes in eine Blinden- und eine Nichtblindeneinrichtung<br />
nicht möglich sei, erwarte das Ministerium, daß man die<br />
Blinden ganz aus der Westfalenfleiß herausnehme.<br />
Das Oberpräsidium der Provinz wies nun über den LFV die<br />
Westfalenfleiß-Gesellschaften in Münster, Hagen und Bielefeld<br />
an, 39 keine Blinden mehr einzustellen. Ferner sollten die Blinden<br />
weder mündlich noch schriftlich erwähnt werden und alsbald an<br />
den Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein überwiesen werden.<br />
Man setzte eine Frist bis zum 01.04.1937, die aber zu<br />
verlängern sein sollte.<br />
Angesichts dieser Anweisung wurde man beim Westfälischen<br />
Blindenarbeitsfürsorgeverein kleinlaut. Daß man tatsächlich für<br />
die Westfalenfleiß-Blinden aufkommen sollte, daran hatte man in<br />
Dortmund niemals ernstlich gedacht. Man wollte eben nicht mehr<br />
blinde Beschäftigte in den Verein bringen, als vielmehr die lästige<br />
Konkurrenz der Westfalenfleiß-Gesellschaften ausschalten. So ist<br />
es nicht weiter verwunderlich, daß von den zehn Blinden aus<br />
Hagen nur drei Aufnahme beim Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
finden sollten. 40<br />
Hinsichtlich der Münsteraner Blinden war es auch nicht besser.<br />
Nach einer Besprechung mit Blumensaat erklärte der Westfälische<br />
Blindenarbeitsfürsorgeverein am 02.03.1937 41 zwar, daß er die<br />
Überleitung wunschgemäß durchführen werde, aber keiner der<br />
zehn blinden Mitarbeiter hatte eine richtige und dauerhafte Arbeitsanstellung<br />
gefunden. Vielmehr sollte eine Beschäftigung nur<br />
im Rahmen von Heimarbeit, Einarbeitung in Petershagen („kennenlernen”)<br />
oder geringer Beschäftigung - quasi nebenher - erfolgen.<br />
Auch ist auffällig, daß die blinden Mitarbeiter, die eine<br />
Anbindung an den Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
finden sollten, auch jene waren, die den geringsten Verdienst<br />
erzielten. Für die zwei in der Entlohnung „teureren” Blinden sollte<br />
in Münster eine eigene Werkstatt errichtet werden, die von den<br />
111
112<br />
Westfalenfleiß-Werkstätten getrennt zu sein hatte. Also war man<br />
gar nicht so stark daran interessiert, wie man es immer vorgegeben<br />
hatte, die Blinden in ein spezielles System von Westfälischen<br />
Blindenarbeitsfürsorgeverein-Dependancen einzubinden, ihnen<br />
Brot und Arbeit ohne sozialen Abstieg zu gewährleisten. Es<br />
erklärten dann auch - schweren Herzens und nur auf Anweisung<br />
Blumensaats hin - die blinden Westfalenfleiß-Angehörigen ihr<br />
Einverständnis. 42<br />
Explizit gegen den Blindenarbeitsfürsorgeverband sprachen sich<br />
aber schließlich nur die Blinden in Bielefeld aus. 43 Dies blieb<br />
wirkungslos. Die Entscheidung der übergeordneten Behörden<br />
wurde also in der Werkstatt nur ausgeführt, nicht getragen. Dies<br />
geht auch aus der Korrespondenz vom 19.03.1937 der Westfalenfleiß-Münster<br />
an den LFV hervor.<br />
... Wir haben uns - dem Befehl unserer vorgesetzten Behörden<br />
folgend - schweren Herzens dazu entschlossen, den<br />
Kampf um die Beschäftigung von Blinden, den wir seit<br />
Jahren führten, aufzugeben, obwohl das hiesige Gericht<br />
bekanntlich noch vor Jahresfrist in unserem Hinweis auf die<br />
Blindheit eines Teils unserer Gefolgschaftsmitglieder auf<br />
Briefbogen, Verkaufspapieren u.s.w. keine strafbare Handlung<br />
erblickte - weil wir doch tatsächlich Blinde beschäftigten<br />
- und den unterzeichneten Geschäftsführer freisprach ...<br />
. 44<br />
Man äußerte also - wenn auch etwas verhalten - Kritik und dies<br />
auch berechtigt, denn wie die Überleitung zu erfolgen hatte und<br />
welche Schwierigkeiten in der angeblichen Konzeption des Westfälischen<br />
Blindenarbeitsfürsorgevereins steckten, wurde von diesem<br />
nie problematisiert. So war in Münster keine Regelung<br />
getroffen worden, wo die überwiesenen Blinden arbeiten sollten.<br />
Lediglich ein zu 50 % Sehbehinderter durfte bleiben. Die versprochenen<br />
Aufträge vom Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
blieben indessen aus. So wartete der blinde Korbflechter Peter
Müller im März 1937 immer noch auf Aufträge vom Westfälischen<br />
Blindenarbeitsfürsorgeverein, die man ihm so großspurig versprochen<br />
hatte. Das war für ihn ein jäher Rückschlag, hatte er doch im<br />
vergangenen Jahr für die Westfalenfleiß-Münster für 1.615,60 RM<br />
Körbe gefertigt und so ein gedeihliches Auskommen gefunden.<br />
Der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein ließ ihn aber, wie<br />
alle anderen Heimarbeiter auch, links liegen. 45<br />
Nicht zuletzt aufgrund der Klagen beim LFV über den Westfälischen<br />
Blindenarbeitsfürsorgeverein wurde man in der Provinzialverwaltung<br />
allmählich kritischer. 46 Man sah die Schwierigkeiten<br />
der Überweisung, war gegen eine separate Blindenwerkstatt - und<br />
spielte auf Zeit. Vielleicht verlief die Sache ja im Sande, da der<br />
Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein keine besondere Initiative<br />
zeigte, das, was er einforderte, auch Realität werden zu lassen.<br />
So waren im April 1937 noch drei Blinde ohne Versorgung durch<br />
den Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein geblieben. 47<br />
Erst im Mai 1937 kam es zu weiteren halbherzigen Aktionen und<br />
Vorschlägen seitens des Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgevereins.<br />
48 Nun sollten die Blinden B. und L., die Stuhlmacher<br />
waren, und der Bürstenmacher R. bei Peter Müller auf eigene<br />
Rechnung arbeiten oder eventuell, im Falle R., andere Beschäftigungen<br />
übernehmen. Wie verzweifelt die Lage von den Betroffenen<br />
empfunden wurde, 49 zeigt die Bitte der Blinden B. und B.,<br />
wieder bei der Westfalenfleiß anfangen zu dürfen, da man kein<br />
Auskommen finde. Kümmere sich doch der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
nicht um sie. Die Wiedereinstellung mußte<br />
aber aufgrund der Anweisung der übergeordneten Behörden von<br />
Blumensaat abgelehnt werden. Nun ließ aber die Westfalenfleiß-<br />
Münster ihre Beschäftigten nicht im Regen stehen, sondern bat<br />
selbst den LFV tätig zu werden. 50<br />
Einen Einblick in die verzweifelte Lage der ehemaligen Westfalenfleiß-Beschäftigten<br />
bietet der Brief des Heinrich L.:<br />
113
114<br />
..., teile ich Ihnen ... mit, daß wir in dem Angebot des Herrn<br />
M. vom Westfälischen Blindenverein genau denselben Mann<br />
wiedererkennen, den wir in Herrn M. immer gesehen haben,<br />
nämlich einen kalten Egoisten und einen Mann, der sein<br />
Wort nicht hält. Jetzt mutet er uns zu, daß wir bei dem<br />
Blinden Müller auf eigene Rechnung Reparaturen von<br />
Körben und Stühlen durchführen sollen. (Müller weiß übrigens<br />
von der Sache nichts.) Großzügig erklärt er, daß er<br />
selbstverständlich für Material sorgen würde, soweit dieses<br />
von hier aus möglich wäre. Wo bleibt das große Wort, das<br />
Herr Meurer immer hatte? ... Warum klagt denn der jetzt<br />
seit 6 Wochen für M. tätige blinde Bürstenmacher B. aus<br />
Sendenhorst, daß er mit seinen 7 Kindern und mit seiner<br />
Familie hungern müßte, da er bei M. nur eine Mark pro Tag<br />
erhielte!? B. möchte - wie alle anderen Blinden - gern<br />
wieder zum Westfalenfleiß, aber Herr Blumensaat darf die<br />
Blinden nicht wieder annehmen, obwohl er Arbeit in Hülle<br />
und Fülle hat ... . 51<br />
Wohin die Blinden verlegt werden sollten, war eines der zentralen<br />
Probleme des Jahres 1937. Ende März oder Anfang April 1937 gab<br />
es eine Besprechung von Stadtoberen und Westfälischem Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
in der Westfalenfleiß-Münster, bei der die<br />
Stadtspitze ihre Vermittlung anbot. Ein Ergebnis war schließlich,<br />
daß am 08.04.1937 der Oberbürgermeister vermelden ließ, 52 daß<br />
ihm von dem Blinden Peter Müller mitgeteilt worden sei, daß er<br />
bereit sei, seinen Laden und die dazugehörige Werkstatt dem<br />
Westfälischen Blindenarbeitsfürsorgeverein zu vermieten.<br />
Am 15.09.1937 verkündete schließlich der Westfälische Blindenarbeitsfürsorgeverein,<br />
daß alle Blinden von den Westfalenfleiß-Betrieben<br />
weggenommen und vollkommen mit ihrer Überweisung<br />
zufrieden seien. 53 Es wurde Ende 1938, bis auch die<br />
letzten Blinden der Westfalenfleiß-Münster anderweitig untergebracht<br />
waren. Einige wenige erhielten endlich eine Werkstatt<br />
auf der Hochstraße Nr. 4. 54
Eine andere Sache beschäftigte die Westfalenfleiß zur etwa gleichen<br />
Zeit. Diese war existenzbestimmend.<br />
Immer wieder hatte die KAGESO als einer der Hauptgläubiger der<br />
Firma darauf gedrungen, daß die noch bei ihr bestehenden Schulden<br />
beglichen würden. Die Höhe der zu leistenden Tilgungen<br />
bedrohten jedoch den Bestand der gerade wieder gesundenden<br />
Firma. So schrieb Blumensaat am 09.08.1934 an den LFV:<br />
... Es ist uns ganz unmöglich RM 300 monatlich Tilgung an<br />
die KAGESO zurückzuzahlen. Wie wir bereits ... ausführten,<br />
würde die Liquidität des Unternehmens dadurch wieder<br />
gefährdet sein ... . 55<br />
Die KAGESO zeigte jedoch kein Einlenken und beharrte darauf,<br />
daß Schulden auch Schulden seien und keine Zuschüsse und<br />
schrieb schließlich am 07.08.1934 einen Brief. 56 Darin hieß es:<br />
... Bei der Festsetzung der Tilgungsbeträge sind wir Ihnen<br />
soweit entgegengekommen, wie es uns irgendmöglich ist.<br />
Bitte beachten Sie jetzt und für alle Zukunft, dass wir<br />
genau wie die Landesbank Westfalen ein Bankunternehmen<br />
sind ... Die Kreditgemeinschaft ist kein Fürsorgeverband<br />
und lehnt es unter allen Umständen ab, dass ihr auf<br />
die bisherige Art und Weise die Fürsorgelasten zugeschoben<br />
werden ... Nur die Gemeinde und der Landesfürsorgeverband<br />
haben durch Einsparungen von Unterstützungsgeldern<br />
einen Vorteil aus der Existenz der Westfalenfleiß-<br />
Gesellschaften. Diese müssen also gegebenenfalls die<br />
Zuschüsse aufbringen, die notwendig sind, um den Betrieb<br />
am Leben zu erhalten ... . 57<br />
Dies ging so fort, bis plötzlich am 23.02.1935 zu vermelden war,<br />
daß sich die KAGESO in Liquidation befinde. Es war nun die<br />
Frage, wer in die Rolle des Gläubigers aller Westfalenfleiß-<br />
Gesellschaften eintreten sollte:<br />
115
116<br />
Wegen der zweckmäßigen Verwertung der vorgenannten Beteiligungen<br />
und Darlehen schrieb der Reichs- und Preußische Innenminister<br />
wie folgt:<br />
... Der preußische Staat kommt für die Übernahme der<br />
Beteiligungen der KAGESO an den Westfalenfleißgesellschaften<br />
nicht in Betracht, da die Funktionen der Gesellschafter<br />
nicht in das Gebiet der staatlichen Aufgaben<br />
fallen. Aus den gleichen Gründen sieht der preußische Staat<br />
davon ab, die Darlehen der KAGESO an den Westfalenfleißgesellschaften<br />
zu übernehmen. Da die Westfalenfleißgesellschaften<br />
indessen auch heute noch wertvolle fürsorgerische<br />
und volkswirtschaftliche Aufgaben erfüllen, ist<br />
dem preußischen Staat daran gelegen, dass die Gesellschaften<br />
erhalten bleiben ... . 58<br />
Deshalb richtete er an den Provinzialverband Westfalen das Ersuchen,<br />
diese Beteiligungen und Darlehen zu erwerben.<br />
Den dazu vorgesehenen Betrag von 147.185,65 RM stellte er dem<br />
Provinzialverband Westfalen gegen 3 % Zinsen und 1 % Amortisation<br />
zur Verfügung.<br />
Ferner hieß es:<br />
... Abgesehen von der liquidierten Westfalenfleiß-Werkstatt<br />
Witten sind die Gesellschaften alle neu durchorganisiert<br />
und durch entsprechende personelle Änderungen und wirtschaftliche<br />
Sanierungsmaßnahmen auf einen wirtschaftlichen<br />
Stand gesetzt worden, der ausweislich der letzten<br />
Bilanzen eine günstige wirtschaftliche Weiterentwicklung<br />
erwarten läßt. Die zu übernehmenden Darlehensbeträge<br />
sind durchweg durch Bürgschaften der Gemeinden, durch<br />
Hypotheken und durch Sicherungsübereignungen gesichert.<br />
... Die in Aussicht genommene Regelung ermöglicht es, den<br />
Gesellschaften das notwendige Betriebskapital langfristig<br />
und niedrigverzinslich zu belassen. Sie sichert ferner dem<br />
LFV den unbedingt notwendigen Einfluß auf die Weiterentwicklung<br />
der Arbeitsfürsorge überhaupt. Mit Rücksicht auf
die fürsorgerische Bedeutung dieser Werkstätten im Rahmen<br />
der Arbeitsbeschaffung für Erwerbsbeschränkte wird<br />
beabsichtigt, dem Ansatz des Herrn Reichs- und Preußischen<br />
Ministers des Innern stattzugeben und das angebotene<br />
Darlehen anzunehmen ... . 59<br />
Dies alles sollte im Wege der Verrechnung erfolgen. 60 Sicherlich<br />
nicht mit Begeisterung, aber durchaus willig, entschloß sich Landeshauptmann<br />
Kolbow am 27.07.1935 das Darlehen, das dem<br />
Holzverarbeitung zur Besen- und Bürstenherstellung Ende der 30er Jahre.<br />
Provinzialverband die maßgebliche Teilhaberschaft an den Westfalenfleiß-Gesellschaften<br />
garantierte, zu übernehmen. 61<br />
So trat der Provinzialverband an die Stelle der KAGESO und war<br />
nun - zusammen mit der Stadt - Kapitalgeber der Westfalenfleiß-<br />
Gesellschaften.<br />
Münster war dabei die geringste Last für die Gesellschafter und<br />
den neuen Großgläubiger, denn dank des rührigen Blumensaat<br />
117
118<br />
war Münster die Westfalenfleiß-Werkstatt, die die geringsten<br />
Schulden hatte. Gegenüber 9.144,60 RM in Münster, hatte<br />
Hagen 53.583,85 RM und Bielefeld 17.956,10 RM zu tilgen. 62<br />
Die Gesellschafter mußten fortan an dem Weiterbestand besonders<br />
interessiert sein, denn eine Liquidation hätte die Stadt im Falle<br />
Münsters ruinös belastet, wie eine Berechnung aus dem Jahre 1936<br />
zeigt. 63 Statt eines jährlichen Unterstützungsbetrages von 11.400<br />
RM hätte dann die Stadt Münster (ohne Nebenleistungen, wie<br />
Krankenkassenbeiträge, Kleidungszuschüsse etc.) für die 83 in<br />
Münster anspruchsberechtigten Werksangehörigen 46.410 RM<br />
zahlen müssen. Die Bürgschaft, die die Stadt hätte liquidieren<br />
müssen, hätte 2.662,72 RM an Zinsen, die Hafenplatzmiete<br />
1.340,08 RM, die Steuern und Abschreibungen rund 2.700 RM als<br />
Ausfall betragen, so daß der Stadt ein Schaden von 53.273,25 RM<br />
mittelbar oder unmittelbar entstanden wäre.<br />
1 LWL, C 61 III, Nr. 146, Aktenvermerk vom 04.08.1933, (Anruf Blumensaat vom<br />
selben Tag); Zu den Blinden generell: Deutsch, S. 26 ff.<br />
2 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, LFV an Oberpräsidenten der Provinz<br />
Westfalen, 13.07.1935.<br />
3 Ebd..<br />
4 LWL, C 61 III, Nr. 145, Reichsverband für das Blindenhandwerk an Westfälischen<br />
Blindenarbeitsfürsorgeverein Dortmund, 30.10.1935.<br />
5 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an Westfalenfleiß-Münster,<br />
31.10.1935; Eine Mitteilung über den Inhalt des Schreibens erhielt<br />
auch der Reichsverband, siehe: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
an Reichsverband für das Blindenhandwerk, 31.10.1935.<br />
6 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
an Pork, 31.10.1935.<br />
7 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
an Pork, 31.10.1935.
8 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
an Pork, 31.10.1935.<br />
9 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Pork an Westfalenfleiß-Gesellschaften,<br />
02.11.1935.<br />
10 Ebd..<br />
11 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an LFV, 04.11.1935.<br />
12 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Bielefeld an LFV, 04.11.1935.<br />
13 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an Pork,<br />
06.11.1935.<br />
14 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Bielefeld an LFV, 12.11.1935.<br />
15 LWL, C 61 III, Nr. 145, Die blinden Handwerker der Westfalenfleiß-Münster an<br />
Landesrat Pork, 25.11.1935.<br />
16 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß an alle Vertreter, Rundschreiben vom<br />
21.09.1934.<br />
17 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß an alle Vertreter, Ergänzung zum Rundschreiben<br />
vom 21.09.1934, 20.07.1935.<br />
18 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an alle Vertreter, 20.07.1935.<br />
19 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an LFV Westfalen, 28.11.1935.<br />
20 Ebd..<br />
21 Ebd..<br />
22 Ebd..<br />
23 Ebd; LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an LFV, 04.11.1935.<br />
24 LWL, C 61 III, Nr. 145, KAGESO an LFV, 30.11.1935.<br />
25 LWL, C 61 III, Nr. 145, KAGESO an Westfalenfleiß-Münster, 30.11.1935.<br />
26 LWL, C 61 III, Nr. 145, Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk an<br />
Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein, o. D., (Abschrift).<br />
27 LWL, C 61 III, Nr. 145, Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk an<br />
Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein, o. D., (Abschrift).<br />
28 LWL, C 61 III, Nr. 145, Blinde Handwerker der Westfalenfleiß-Münster an Reichsverband<br />
für das deutsche Blindenhandwerk, 25.11.1935.<br />
29 LWL, C 61 III, Nr. 145, Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk an LFV,<br />
03.12.1935.<br />
30 LWL, C 61 III, Nr. 145, LFV (HFST) an Reichsverband für das deutsche Blinden-<br />
handwerk, 14.12.1935.<br />
31 LWL, C 61 III, Nr. 145, LFV (HFST) an Reichsverband für das deutsche Blinden-<br />
handwerk, 14.12.1935.<br />
32 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
an Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk, 20.01.1936.<br />
33 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein<br />
an Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk, 20.01.1936.<br />
34 LWL, C 61 III, Nr. 145, Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk an Reichsund<br />
Preußischen Arbeitsminister, (Abschrift), 09.03.1936.<br />
35 LWL, C 61 III, Nr. 145, Reichsverband für das deutsche Blindenhandwerk an Reichsund<br />
Preußischen Arbeitsminister, (Abschrift), 09.03.1936.<br />
119
120<br />
36 LWL, C 61 III, Nr. 145, Urteil in Strafsache gegen Emil Blumensaat, AG Münster,<br />
06.03.1936, (Abschrift).<br />
37 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Aktenvermerk Pork, 27.05.1936.<br />
38 Vgl. zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Der Reichs- und Preuß. Wirtschaftsminister<br />
an OP-Provinz Westfalen, 09.12.1936.<br />
39 Vgl. LWL, C 61 III, Nr. 145, OP über LFV an Westfalenfleiß, 15.02.1937.<br />
40 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an LFV,<br />
24.02.1937.<br />
41 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an LFV,<br />
02.03.1937.<br />
42 Ebd..<br />
43 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Bielefeld an LFV, 09.03.1937.<br />
44 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an LFV, 19.03.1937.<br />
45 Ebd..<br />
46 LWL, C 61 III, Nr. 145, LFV an Westfalenfleiß-Münster, 27.03.1937<br />
47 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an LFV,<br />
09.04.1937.<br />
48 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an LFV, 18.05.1937.<br />
49 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfalenfleiß-Münster an LFV, 18.05.1937.<br />
50 Vergl. auch ebd., Westfalenfleiß an LFV, 28.05.1937.<br />
51 LWL, C 61 III, Nr. 145, Heinrich L. an LFV, 20.05.1937.<br />
52 Zum Folgenden: LWL, C 61 III, Nr. 145, OB Münster an Westfälischen Blindenverein<br />
und an LFV, 08.04.1937.<br />
53 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an LFV,<br />
15.09.1937.<br />
54 LWL, C 61 III, Nr. 145, Westfälischer Blindenarbeitsfürsorgeverein an LFV,<br />
02.12.1938.<br />
55 LWL, C 61 III, Nr. 144, Westfalenfleiß-Münster an LWL, 09.08.1934.<br />
56 LWL, C 61 III, Nr. 144, KAGESO an Blumensaat (07.08.1934), (Abschrift).<br />
57 LWL, C 61 III, Nr. 144, KAGESO an Blumensaat (07.08.1934), (Abschrift).<br />
58 LWL, C 20, Nr. 491, Schreiben des Reichs- und Preußischen Innenministers vom<br />
23.02.1935.<br />
59 LWL, C 20, Nr. 491, Schreiben des Reichs- und Preußischen Innenministers vom<br />
23.02.1935.<br />
60 Ebd..<br />
61 LWL, C 61 III, Nr. 144, Aktenvermerk Pork, 27.07.1935.<br />
62 LWL, C 61 III, Nr. 144, schriftl. Bericht für Sitzung des Provinzialrates am 14.06.1935,<br />
(o. Dat., wahrscheinlich von Pork).<br />
63 Vergl.: Archiv Westfalenfleiß - A 3 - Aufstellung der Auflösungskosten (Blumensaat)<br />
vom 27.04.1936.
9. Krieg und Zerstörung<br />
Die nationalsozialistische Politik strebte zielbewußt den Krieg<br />
an. Er sollte dem Deutschen Reich und der germanischen Rasse<br />
die angeblich ihm/ihr zustehende Größe verschaffen. 1 Auch im<br />
zivilen Leben wurde der Krieg als Ziel der nationalsozialistischen<br />
Politik überall bemerkbar. Bei Westfalenfleiß war er ebenfalls<br />
nicht weg zu diskutieren.<br />
Schon 1938 dachte man deshalb im Betrieb an die Schaffung<br />
eines Luftschutzkellers (in Verbindung mit der Errichtung neuer<br />
Büro- und erweiterter Lagerräume). 2<br />
Schließlich begann am 01. September 1939 der 2. Weltkrieg. Es<br />
war diesmal ganz anders als 1914. Die heldische Haltung und<br />
Siegeszuversicht, der begeisterte Taumel beim Ausmarsch der<br />
Truppen, fehlten nun. 3<br />
Der äußerst agile Westfalenfleiß-Geschäftsführer Blumensaat<br />
hatte noch zu Anfang des Jahres 1939 daran gedacht, von der<br />
Firma Wurstwagen betreiben zu lassen. 4 Der Krieg verhinderte<br />
dies. Planungen und Neuerungen, die jetzt erdacht wurden,<br />
konnten frühestens nach Kriegsende verwirklicht werden. Man<br />
versuchte vorerst - so gut wie eben möglich - weiter zu machen,<br />
denn ein Schließen der Werkstatt hätte für viele Beschäftigte<br />
bedeutet, daß der Staat Zugriffsmöglichkeit auf die bei Westfalenfleiß<br />
beschäftigten behinderten Menschen gehabt hätte.<br />
Blumensaat arbeitete deshalb wie besessen daran, der Werkstatt<br />
in der schwierigen Zeit Aufträge und Arbeit zu sichern.<br />
Im Jahre 1941, mitten im Krieg, ereilte die Werkstatt dann ein<br />
schwerer Rückschlag: Emil Blumensaat verstarb an den Folgen<br />
seines schon seit vielen Jahren vorhandenen Herzleidens. 5 Zu<br />
seinem Nachfolger wurde Albert Schluchtmann bestimmt, ein<br />
begabter Kaufmann und Organisator. Er trat am 01.04.1941<br />
seinen Dienst als Geschäftsführer an. Vorher war er in Petershagen<br />
(bei Minden) in der Blindenarbeit tätig gewesen. So konnte<br />
121
122<br />
er auf gute Kontakte zu den Blindenorganisationen zurückgreifen<br />
und in den folgenden Jahren die gespannten Beziehungen zwischen<br />
Blindenorganisationen und Westfalenfleiß normalisieren.<br />
Unter den schwierigen Bedingungen des Krieges gelang es<br />
Schluchtmann, das Unternehmen zu erhalten. 6 Er traf auf eine<br />
Firma, die folgenden Personalbestand hatte: 1 Meister, 36 Bürstenmacher,<br />
17 Mitarbeiter im Holzbetrieb, 3 Korbmacher, 7<br />
Radwächter und einen Brennholzmacher. Noch im Jahr zuvor war<br />
der Personalbestand höher gewesen: am 31.03.1940 beschäftigte<br />
die Westfalenfleiß insgesamt 71 Mitarbeiter, 1 Meister, 42 Bürstenmacher,<br />
16 Mann im Holzbetrieb, 3 Korbmacher, 7 Radwächter<br />
und 2 Brennholzmacher. Der Krieg hatte mittlerweile durch<br />
Umstrukturierungen in der Wirtschaft seinen personellen Tribut<br />
gefordert. Die Bürsten- und Korbwaren jener Jahre wurden in<br />
ausgesprochener Handarbeit hergestellt. Nach dem Verkaufskatalog<br />
waren in den genannten Abteilungen vor dem Krieg über 225<br />
Artikel hergestellt worden. Infolge der Verknappung des Rohmaterials<br />
und des teilweisen Fehlens von Ersatzstoffen und Arbeitskräften<br />
während des Krieges, mußte nun die Produktion vieler<br />
Artikel aufgegeben werden, so daß nur noch 70 % verblieben<br />
(Stand 1942). In der Verkaufsorganisation kam es während des<br />
Krieges zu grundlegenden Änderungen. Der Verkauf erfolgte bis<br />
zum Beginn des Krieges hauptsächlich an private Haushalte,<br />
industrielle Unternehmungen, Krankenhäuser und Behörden. Für<br />
das Vertreiben der Bürstenwaren an Private waren vor dem Krieg<br />
14 Hauptvertreter zuständig, die insgesamt mit 60-70 Untervertretern<br />
arbeiteten. Im Krieg wurde der Verkauf an Private umgestaltet:<br />
Nunmehr waren es zwölf selbständige Vertreter, die Aufträge<br />
von Haushaltungen hereinholten und diese in einem Sammelauftrag<br />
der Westfalenfleiß zustellten. Die Verteilung wurde durch<br />
einen vom Vertreter schriftlich verpflichteten Vertrauensmann<br />
gegen Bezahlung der Ware vorgenommen. Der Verdienst des<br />
Vertreters betrug etwa ein Drittel des Warenwertes, war damit gar
nicht so schlecht. Dies motivierte die Verkäufer zu ehrlichem<br />
Verhalten. Deshalb gab es selten Rückstände oder Verluste durch<br />
die Tätigkeit der Vertreter. Die Repräsentanten der Firma wurden<br />
auf diese Weise zum Garanten des Fortbestehens bis zum Jahre<br />
1944, als man kriegsbedingt keine Vertreter mehr beschäftigte.<br />
Sie hatten das wichtigste Bindeglied zwischen Kundschaft und<br />
Betrieb gebildet. Im Geschäftsjahr 40/41 waren die größten Kunden<br />
die Reichswerke Hermann Göring, die Beleuchtungskörperfabrik<br />
Wattenscheid und mehrere Private, außerdem die Heeresstandortverwaltung,<br />
die Gesellschaft für Teerverwertung, etc..<br />
Abgesehen von den Aufträgen der Heeresstandortverwaltung,<br />
somit Kriegsaufträgen, blieb die Werkstatt - wie auch Münster<br />
insgesamt - zunächst vom Krieg recht wenig betroffen. 7 1940<br />
wurden sogar noch Theaterkarten von der Firma für die Beschäftigten<br />
gekauft. Man konnte also noch an Vergnügungen denken,<br />
obwohl Krieg war. Es gab zu dieser Zeit auch - zum letzten Mal<br />
allerdings - eine Maifeier, die von der Firma mit über tausend<br />
Reichsmark bezahlt wurde. Im Jahre 1941 fand dann jedoch keine<br />
Maifeier mehr statt. Damit war die Absage an letzte Traditionen<br />
der Arbeiterbewegung endgültig vollzogen.<br />
Neue Prioritäten waren von den Machthabern im Staate gesetzt<br />
worden: Partei und Krieg. Dies zeigen die Spenden des Betriebes,<br />
die man leisten mußte, wenn man nicht auffallen wollte. Waren<br />
1940 etwa noch Summen von 21 RM für das Winterhilfswerk-<br />
Wunschkonzert und 27 RM für den Bund der Körperbehinderten<br />
gezahlt worden und hatte der Verein der Gehörlosen 10 RM<br />
erhalten, so wurde nun, drei Jahre nach Kriegsbeginn, klar, wer<br />
nunmehr Anspruch auf Geld erheben durfte: Die Kreisleitung der<br />
NSDAP erhielt 45 RM und die Adolf-Hitler-Spende betrug 41<br />
RM. 8 Westfalenfleiß verhielt sich da nicht anders als andere Betriebe,<br />
Unternehmen oder gesellschaftliche Vereinigungen auch. Man<br />
mußte sich - selbst als Schwererwerbsbeschränktenwerkstatt -<br />
anpassen, wenn man nicht untergehen wollte.<br />
123
124<br />
1942 trat ein Kriegsauflageprogramm in Kraft. Aufgrund der<br />
angelegten Rohstoffvorräte wurde die Westfalenfleiß in ihrer<br />
Produktion aber erst 1944 davon betroffen. Man war nun gezwungen,<br />
fast ausschließlich nur noch Grobbürsten, Besen aus<br />
Schmielewurzeln und - sehr begrenzt - Handfeger herzustellen. 9<br />
Die Qualität der Ware wurde damit auf einen vorher nicht<br />
geahnten Standard gedrückt. Die Kundschaft akzeptierte die<br />
Kriegsware - notgedrungen. Man war froh, in diesen schlechten<br />
Zeiten überhaupt noch etwas zu bekommen.<br />
Die Firma konnte auch nicht mehr die Preise nach wirtschaftlichen<br />
Kriterien kalkulieren. Man mußte sich durchwursteln, wollte<br />
man weiterhin existieren. So war bei den Grobbürsten die<br />
Verdienstspanne besonders niedrig gehalten, da andernfalls die<br />
Verkaufspreise für diesen Artikel zu hoch gewesen wären und die<br />
Artikel sich überhaupt nicht hätten absetzen lassen.<br />
In dieser schweren Zeit waren im Betrieb 65 Beschäftigte anzutreffen.<br />
Aufgrund des Kriegsauflageprogrammes wurde auch ab<br />
01.04.1942 die gesamte Fertigware beschlagnahmt. Lieferungen<br />
durften nur noch an die vom Landeswirtschaftsamt Münster bzw.<br />
an die von der Gauwirtschaftskammer Westfalen-Nord benannten<br />
Firmen und Großhändler erfolgen. Aufgrund dieser Verordnung<br />
war die Westfalenfleiß 1944 gezwungen, die beschäftigten<br />
zwölf Vertreter zu entlassen. Sämtliche Vertreter fanden aber<br />
andernorts eine Anstellung. Die Korbmacherei wurde am<br />
01.02.1942 stillgelegt, 10 weil die Anfertigung von Waschkörben<br />
unmöglich geworden war. Man erhielt kein Material mehr, da die<br />
Weiden zur Anfertigung von Geschoßkörben beschlagnahmt<br />
wurden. Geschoßkörbe konnten aber die behinderten Korbmacher<br />
aufgrund ihrer körperlichen Konstitution nicht herstellen.<br />
So mußten diese Beschäftigten in andere Bereiche des Betriebes<br />
versetzt werden. Auch hinsichtlich des eigentlichen Personalbestandes<br />
wurde der Krieg für das Unternehmen allmählich spürbar.<br />
So wurden zwei Betriebsangehörige dienstverpflichtet und<br />
einer zum Militärdienst eingezogen. 11
Der Krieg bezog in seinem Verlauf auch immer mehr Münster<br />
ein. Bis zum 25.03.1945 erlebte die Stadt 102 Bombenangriffe.<br />
Insgesamt wurde in der Stadt 1.128 mal Fliegeralarm gegeben. 12<br />
Die Einwohner der Stadt wurden allmählich zu Gejagten der<br />
alliierten Bomberflotten. Wo die Männer fehlten, da sie an der<br />
Front standen, wurden selbst Kinder zur Abwehr der Angriffe auf<br />
die Stadt eingesetzt, während sich die „Goldfasane“ der Partei in<br />
der Ausgabe von Durchhalteparolen gefielen. Schuljungen spielten<br />
indessen Soldat. 13 Aber nicht nur Kinder wurden zu unschuldigen<br />
Opfern, auch die Wehrlosen der Westfalenfleiß mußten<br />
den Krieg in seiner ganzen grauenhaften Zerstörungskraft erleben:<br />
Die Werkstattgebäude am Hafengrenzweg wurden zu 70 %<br />
zerstört. 14 Die Gesellschafterversammlung erhielt erst am<br />
05.07.1946 15 einen Bericht über die letzten Kriegsjahre durch<br />
den Geschäftsführer Albert Schluchtmann: Der erklärte, daß<br />
beim Großangriff auf das Hafenviertel am 05.10.1944 die West-<br />
Beim Großangriff auf das Hafenviertel am 5. Oktober 1944 wurde das Werkstattgebäude<br />
der Westfalenfleiß schwer beschädigt.<br />
125
126<br />
falenfleiß schwer beschädigt worden sei. Das Betriebsgebäude<br />
sei zur Hälfte, die Lagerhallen und die auf dem Betriebsgelände<br />
lagernden Rohstoffe und Holzbestände vollständig vernichtet<br />
worden. Die Buchhaltung war vor der Zerstörung schon teilweise<br />
nach Sendenhorst ausgelagert worden. Auch einige Rohstoffvorräte<br />
hatte man vorsorglich dorthin und auf das Gelände des<br />
Nur noch Trümmer - Die nach dem II. Weltkrieg zerbombte Westfalenfleiß.<br />
Landeskrankenhauses Marienthal gebracht. So konnten wenigstens<br />
bestimmte Betriebsteile weiterarbeiten.
1 Vergl.: Recker, S. 344 ff, und Müller: S. 357 ff und Steinert, S. 474 ff.<br />
2 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />
bis 1947, Niederschrift Gesellschafterversammlung,<br />
25.08.1938.<br />
3 Kuropka: Stimmung und Lage, S. 170.<br />
4 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />
bis 1947, Niederschrift Gesellschafterversammlung,<br />
15.02.1939.<br />
5 Zum Herzleiden vergl.: LWL, C 61, III, 146, Westfalenfleiß, Blumensaat an Pork,<br />
28.02.1934; Zum Tode Blumensaats: Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht<br />
... 1942; Zu Schluchtmann: Archiv Westfalenfleiß - Sondergut -<br />
Personalakte Schluchtmann.<br />
6 Hierzu und zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsberichte,<br />
Treuhandgesellschaft für kommunale Unternehmungen, Prüfungsbericht über die<br />
Westfalenfleiß GmbH Münster vom 27.01.1942.<br />
7 Ebd..<br />
8 Hierzu und zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsberichte,<br />
Treuhandgesellschaft für kommunale Unternehmungen, Prüfungsbericht über die<br />
Westfalenfleiß GmbH Münster vom 27.01.1942.<br />
9 Hierzu und zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und<br />
Protokolle über Gesellschafterversammlungen bis 1947, Westfalenfleiß an die<br />
Gesellschafter, 30.05.1944, Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1943.<br />
10 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />
bis 1947, Westfalenfleiß an die Gesellschafter, 30.05.1944,<br />
Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1943.<br />
11 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />
bis 1947, Westfalenfleiß an die Gesellschafter, 30.05.1944,<br />
Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1943.<br />
12 Kuropka, Stimmung und Lage, S. 17.<br />
13 Kuropka,Stimmung und Lage S. 395 - 396.<br />
14 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Eröffnungsbilanz 1948.<br />
15 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1946, auf<br />
Gesellschafterversammlung.<br />
127
128<br />
10. Wie Phoenix aus der Asche - Der Wiederaufbau<br />
am Hafengrenzweg<br />
Nach dem Einmarsch der Briten und Amerikaner am Ostersonntag<br />
1945 fanden sich die Westfalenfleiß-Mitarbeiter- ob behindert<br />
oder nicht- schnellstens zusammen, um den Betrieb wiederaufzubauen.<br />
Der Glaube an die gute Sache und ein gewisses<br />
Heimatgefühl in der Firma ersetzten die allenorts fehlenden<br />
Materialien. Sie glaubten, genauso wie die nach Münster zurückgekehrten<br />
demokratischen Kräfte, an eine gute Zukunft.<br />
Die durch Bomben zerstörte Westfalenfleiß: In ihr begann nach Kriegsende wieder die<br />
Produktion.<br />
Indessen hatten von den 62 Betriebsangehörigen des Jahres 1944<br />
cirka 50 % ihre Wohnung im Bereich der Stadt verloren, so daß<br />
1945 nur noch wenige Mitarbeiter vorhanden waren. Diese<br />
begannen eigenhändig unter der Leitung des Werkmeisters Hu-
ert Deeken und Albert Schluchtmanns, das Firmengelände von<br />
Trümmern zu räumen.<br />
Im Geschäftsjahr 1945 stand der Betrieb im Zeichen des notdürftigsten<br />
Weiterarbeitens. 1 Man unterhielt schon wieder 14 Radwachen.<br />
Die Produktion konnte zunächst nicht voll aufgenommen<br />
werden, da das Hauptstromkabel noch nicht wieder funktionierte.<br />
Die Arbeiter leisteten indessen Aufräumungsarbeiten.<br />
So wurde das Dach repariert und Türen und Fenster wieder<br />
hergestellt. Beschäftigt waren nun bei Westfalenfleiß: 11 Bürstenmacher,<br />
7 Holzverarbeiter und 20 Radwächter. Teile der<br />
ehemaligen Belegschaft lebten als Evakuierte außerhalb Münsters<br />
und nur wenige von ihnen fanden den Weg zurück in die<br />
Stadt - und zu Westfalenfleiß. Manche arbeiteten im unzerstörten<br />
Umland. 2 Schließlich konnte am 01.10.1945 auch die Holzabteilung<br />
die Arbeit wieder aufnehmen, da das zerstörte Hauptstromkabel<br />
wieder hergestellt worden war. 3 Die Bürstenmacher arbeiteten<br />
im hinteren Teil des Betriebsgebäudes, der mit großen<br />
Beschädigungen erhalten geblieben war. 4<br />
Vieles in jenen Jahren war improvisiert oder nur behelfsmäßig<br />
hergerichtet. Es herrschte, wie überall, eine Mangelsituation, die<br />
die Westfalenfleiß zu meistern verstand, da sie einen Teil ihrer<br />
Rohstoffvorräte, die im Landeskrankenhaus Marienthal gelagert<br />
waren, hatte retten können. Somit konnten Schieber und Kriegsgewinnler<br />
nicht mit ihren Geschäften die Westfalenfleiß beeinträchtigen.<br />
Die Beschäftigten, die aufgrund ihrer Behinderungen<br />
nicht so mobil waren, daß sie auf das Land fahren konnten, um<br />
Lebensmittel einzutauschen, waren in besonderem Maße von der<br />
Situation des Nichts-Kaufen-Könnens betroffen. In dieser Hinsicht<br />
verloren die Behinderten der Westfalenfleiß den Krieg zum<br />
zweiten Mal.<br />
Nach zwei Weltkriegen, die innerhalb von drei Jahrzehnten<br />
stattgefunden hatten, wurde der Krieg als Ursache von Körperbehinderung<br />
in jenen Jahren dominierend. Sieben von zehn<br />
129
130<br />
Körperbehinderten waren Kriegsopfer. In der Gruppe der 25- bis<br />
45jährigen Männer sogar neun von zehn. Die Volkszählung von<br />
1950 erfaßte in der Bundesrepublik 1,2 Millionen anerkannte<br />
Kriegsbeschädigte. Tatsächlich waren etwa zwei Millionen Bundesdeutsche<br />
kriegsbeschädigt. 5<br />
Die Kriegsbeschädigten des Zweiten Weltkrieges waren aber<br />
keine fürsorgerische Sondergruppe. 6 Die Alliierten verboten eine<br />
Bevorzugung ehemaliger Soldaten durch besondere Renten für<br />
Kriegsbeschädigte. Damit sollte erneuten militaristischen Tendenzen<br />
vorgebeugt werden. Grundsätzlich wurden die Kriegsbeschädigten<br />
wie zivile Unfallopfer behandelt. Die Bundesrepublik<br />
schuf nach ihrer Gründung mit dem Bundesversorgungsgesetz<br />
wieder eigenständige Leistungen für Kriegsbeschädigte, jedoch<br />
ohne eine Privilegierung derselben. Den Kern bildeten Rentenzahlungen.<br />
Ab 30 % anerkannter Minderung der Erwerbsfähigkeit<br />
erhielt der Kriegsbeschädigte eine Rente. Wie nach dem<br />
Ersten Weltkrieg auch, wurde mit einem Schwerbeschädigtengesetz<br />
die Eingliederung der Kriegsbeschädigten gefördert.7 Durch<br />
den wirtschaftlichen Aufschwung wurden viele Kriegsbeschädigte,<br />
die vorher zur traditionellen Klientel eines Schwerbeschädigtenbetriebes<br />
wie z.B. Westfalenfleiß gehörten, in die freie<br />
Wirtschaft geführt. Dort waren bessere Einkommen zu erzielen<br />
bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel. 8 Damit war ein Weg<br />
beschritten , der die Behinderten wieder in eine vollwertige<br />
Erwerbswelt führen sollte. Anders als in Weimar wurden die<br />
Opfer nicht gesondert behandelt, sondern konnten eingegliedert<br />
werden. Und, anders als in Weimar, war dies aufgrund der<br />
wirtschaftlichen Lage, des deutschen Wirtschaftswunders, auch<br />
möglich.<br />
In der Westfalenfleiß-Werkstatt wurden aufgrund der staatlichen<br />
Maßnahmen (Eingliederungsprogramme) die Kriegsbeschädigten<br />
nicht mehr zu einer dominierenden Gruppe. Der Großteil der
Kriegsbeschädigten blieb nach dem Zweiten Weltkrieg außerhalb<br />
der Westfalenfleiß in der freien Wirtschaft. Die Westfalenfleiß<br />
wurde so, obwohl es in der deutschen Nachkriegsgesellschaft<br />
mehr Kriegsbeschädigte denn je gab, zu einem Schwerbeschädigtenbetrieb.<br />
Die Existenzberechtigung der Firma aber<br />
erkannten auch die alliierten Sieger. Westfalenfleiß blieb so<br />
erhalten. So wurde Schluchtmann, der Geschäftsführer des Betriebes,<br />
dem nichts aus der Zeit der braunen Diktatur vorzuwerfen<br />
war, weiterhin mit der Führung der Firma betraut. Ganz<br />
langsam und schleppend gelang es ihm - zusammen mit den<br />
hochmotivierten Mitarbeitern - die Firma wieder in Gang zu<br />
bringen. Dabei war von entscheidender Bedeutung, daß er die<br />
Gesellschafter auch nach 1945 von der Berechtigung der Firmenexistenz<br />
überzeugen konnte. 1946 fand dann eine Gesellschafterversammlung<br />
statt und es wurden die Bilanzen und die Geschäftsberichte<br />
für 1944 und 1945 erstellt. 9 Dies konnte ohne<br />
Beanstandungen vor sich gehen, obwohl jetzt bei beiden Gesellschaftern<br />
kritische demokratische Kräfte die Aktionen jener vom<br />
Faschismus geprägten Jahre bewerteten. Das spricht für die<br />
Firma und Schluchtmann, dessen kaufmännisches Engagement<br />
hinsichtlich der Jahre 43/44 und 44/45 schon am 30.07.1945 mit<br />
einer Prämie honoriert worden war. 10<br />
So konnte die Westfalenfleiß unbelastet weiterarbeiten und auch<br />
an die Träger der Sozialhilfe Forderungen stellen, insbesondere<br />
später an den seit 1953 existierenden Landschaftsverband Westfalen-Lippe.<br />
Die „Bewirtschaftung“ der deutschen Industrie<br />
machte in jenen Jahren den Einkauf zwar schwierig, jedoch war<br />
genug Material vorhanden, um weiter zu machen und die Kundschaft<br />
zurückzugewinnen. 11 So ließen sich Besen und Bürsten<br />
produzieren und im Bewachungsbereich neue Ideen realisieren:<br />
Am 01.10.1947 eröffnete Westfalenfleiß an der Autobahnraststätte<br />
Hamm-Rhynern einen Autowachbetrieb, der fünf Kriegsbeschädigten<br />
Arbeit gab. 12<br />
131
132<br />
Der Aufbau des eigentlichen Betriebes ging aber bis 1947 schleppend<br />
vor sich, da die notwendigen Baustoffe nur sehr schwer zu<br />
bekommen waren. 13<br />
So waren vorerst nur die Decken der Werkstatt neu hergerichtet<br />
und einige Räume renoviert worden. Das Lager für Fertigware<br />
war wiedererstellt, aber die Holzverarbeitung hatte nur einen<br />
Not-“Spänebunker“ (zur Absaugung von Sägespänen) erhalten.<br />
Man konnte jedoch erst einmal arbeiten und das war angesichts<br />
des im Bombenhagel zerstörten Hafenviertels schon allerhand.<br />
Trotz der erschwerten Einkaufsmöglichkeiten war Arbeit genug<br />
da, denn alte Kontakte zur Industrie wurden wieder gepflegt. 14<br />
Man beschäftigte im Jahr 1947 schließlich 49 Belegschaftsmitglieder:<br />
4 im Büro, 12 in der Bürstenmacherei, 7 in der Holzverarbeitung,<br />
26 bei den Radwachen. 15 Sollten noch mehr Schwerbeschädigte<br />
und behinderte Menschen im eigentlichen Betrieb<br />
einen Platz finden, war Raum nötig. Das hieß, zerstörte Bausubstanz<br />
mußte wieder aufgebaut werden. Dazu war in der Folgezeit<br />
viel Geld nötig. Solches war vor der Währungsreform aber nicht<br />
vorhanden.<br />
Solange der Schwarzmarkt der wirtschaftliche Hauptschauplatz<br />
war, konnte es nicht zum wirtschaftlichen Aufschwung kommen.<br />
Der Wiederaufbau dümpelte deshalb so vor sich hin, bis mit der<br />
Währungsreform im Jahre 1948 und der ordnungspolitischen<br />
Hinwendung zur “Sozialen Marktwirtschaft” eine ungeheure<br />
Schwungkraft entstand. 16 Davon profitierte auch die Westfalenfleiß.<br />
Der Wiederaufbau lief jetzt über Darlehen. 17 Bis 1949 war man<br />
aber, wegen der Kriegsschäden, von deren Tilgung befreit. 18<br />
Aus den Krediten resultierten langwierige Verpflichtungen der<br />
Firma, die aber übernommen werden mußten, damit Arbeitsplätze<br />
gesichert blieben. Es mußte schon aus diesem Grunde gebaut<br />
werden. Und es wurde gebaut. So konnten allmählich die Büroräume<br />
und die Produktions- und Lagerhalle neu erstehen. Der
Das Firmengelände der Werkstatt nach dem Wiederaufbau: vom 1.1.1949 bis<br />
31.12.1978 schlossen die Westfalenfleiß und die Stadt Münster einen Mietvertrag über<br />
das Grundstück Hafengrenzweg Nr. 1.<br />
beliebte Meister Deeken baute sogar seine eigene Wohnung eigenhändig<br />
auf. 1950 schließlich konnte der Bürotrakt als letzter<br />
Bauabschnitt fertiggestellt werden. 19 Jedoch - alles in allem - waren<br />
die wiedererbauten Gebäude der Nachkriegs-Westfalenfleiß nur<br />
ein schwacher Abglanz des Vorkriegs-Betriebes.<br />
Aber nicht nur die Gebäude waren gesichert, auch das Grundstück<br />
hatte man 1949 langfristig für die Westfalenfleiß mieten können.<br />
Die Westfalenfleiß und die Stadt Münster schlossen nämlich vom<br />
01.01.1949 bis zum 31.12.1978 einen Mietvertrag über das Grundstück<br />
Hafengrenzweg Nr. 1. 20<br />
Gleich nach dem 2. Weltkrieg nahmen auch die Provinzialverwaltung<br />
und der Provinzialverband, die Behörden der Selbstverwaltung<br />
von Städten und Kreisen, ihre Tätigkeit im Bereich der<br />
Fürsorge, der heutigen Sozialhilfe, wieder auf. 21<br />
133
134<br />
Aus dem Provinzialverband wurde später unter Einbeziehung<br />
des Landes Lippe der Landschaftsverband Westfalen-Lippe.<br />
Dessen erster Chef war Karl Salzmann, der Landeshauptmann,ein<br />
Titel, der heute nicht mehr geführt wird. Er verwandte sich für<br />
die Kriegsbeschädigten:<br />
... Es wird uns aber auch besondere Ehrenpflicht sein, sich<br />
all derer helfend anzunehmen, die in den furchtbaren<br />
Kriegswirren den Ernährer verloren, die Schaden an ihrer<br />
Gesundheit erlitten haben oder heimatlos geworden sind.<br />
Das gilt auch für unsere Kriegsversehrten, für ihre Betreuung,<br />
auch Umschulung, muß alles getan werden, was<br />
nur möglich ist ... . 22<br />
Auch die mittlerweile wiedererstandenen caritativen Organisationen<br />
nahmen ihre Arbeit wieder auf . Der Provinzialverband<br />
arbeitete gerne mit ihnen zusammen. Dabei fußte man auch auf<br />
den traditionell guten Beziehungen zu den freien Wohlfahrtsverbänden.<br />
Diese bildeten schon im Januar 1946 den „Westfälischen<br />
Wohlfahrtsausschuß”, in dem der Landeshauptmann den Vorsitz<br />
hatte. 23 Im Sommer 1947 gründete sich die 1934 aufgelöste<br />
„Vereinigung der Fürsorgeverbände Westfalens” wieder. 24 Auch<br />
der münstersche Schwerbeschädigtenbetrieb organisierte sich.<br />
Am 05.05.1947 trat die Westfalenfleiß dem Verein der Gemeinnützigen<br />
Werkstätten von Nordrhein-Westfalen bei. 25<br />
In den folgenden Jahren wurde Westfalenfleiß durchgängig von<br />
den zuständigen Behörden als Schwerbeschädigtenbetrieb anerkannt.<br />
Damit dokumentierte sich die gute Arbeit des Betriebes<br />
und das sozialpolitische Engagement der Gesellschafter. 26<br />
Das Kriegsende hatten viele Menschen als einen grausamen, aber<br />
heilsamen Schock empfunden. Alle Kräfte waren nun auf das<br />
tägliche Überleben ausgerichtet: auf die Versorgung mit Nahrung,<br />
Strom und Wasser genauso, wie auf Kleidung und ein Dach
über dem Kopf 27 - nicht aber auf eine Reflexion über das Gewesene.<br />
Bedauerlicherweise erfolgte erst etwa ab Mitte der Siebziger<br />
Jahre eine Auseinandersetzung mit dem menschlichen Unrecht<br />
der Nazizeit, das Beamte aus Verwaltung und Justiz an Behinderten<br />
begangen hatten.<br />
Eine finanzielle Entschädigung für die gequälten Opfer von<br />
Sterilisationen ist bis zum heutigen Tage leider nicht erfolgt. Für<br />
einen Großteil käme mittlerweile jedwede Regelung zu spät - sie<br />
sind verstorben, ohne Anerkennung ihres unermeßlichen Leides.<br />
Während die Mehrzahl der Verwaltungstäter indessen - ohne<br />
Anfechtung - ihre Pensionen hat verzehren können. Auch die<br />
Sterilisierten der Westfalenfleiß haben keine Entschädigung erhalten.<br />
Nach außen hin wagten sie es nicht aufzutreten, da das<br />
politische Klima des Nachkriegsdeutschland ihnen keine Lobby<br />
zugestand. Bei den Arbeiten der 50er Jahre leisteten sie Erhebliches.<br />
Dadurch erkämpften sie sich häufig das Ansehen, das die<br />
Gesellschaft ihnen sonst versagt hatte.<br />
Die Fünfziger Jahre sind gekennzeichnet durch ein kontinuierlich<br />
starkes Auftragsvolumen bei der Westfalenfleiß - der Besen- und<br />
Bürstensektor boomte. Das hieß, es war stetig für Arbeit gesorgt,<br />
so daß die verbliebenen Kräfte sich keinerlei Sorge um ihren<br />
Arbeitsplatz zu machen brauchten.<br />
1951 beschäftigte man schon wieder 68 Mitarbeiter: 11 Schwerkriegsbeschädigte,<br />
43 Schwererwerbsbeschränkte und sonstige<br />
Leichtbeschädigte. 28 Wenn auch der immense Personalbestand<br />
der Vorkriegs- und Kriegsjahre nicht mehr erreicht wurde:<br />
Westfalenfleiß blieb eine gute Adresse.<br />
Besonders positiv wirkte sich die geringe Betriebsgröße auf das<br />
Klima unter den Beschäftigten aus. Jeder kannte jeden, seine<br />
Eigenarten und Vorzüge, man wurde zu einer Familie. Und das<br />
wiederum wirkte sich positiv auf die Produktivität im eigentlichen<br />
Betrieb aus.<br />
135
136<br />
Die Außenstellen des Betriebes, die Parkplätze, bereiteten da<br />
häufiger Sorgen. Es galt schon in jenen Jahren, wie auch heute,<br />
einen beständigen Kampf um ihren Erhalt und damit auch für die<br />
sich daraus ergebenen Beschäftigungen der jeweiligen Wächter<br />
zu führen. Ist es heute eine sich wandelnde Verkehrspolitik, so<br />
war es seinerzeit ein forcierter Wiederaufbau in der Stadt und<br />
eine Umstrukturierung im Verkehrssektor, die die ehemaligen,<br />
als Parkplatz genutzten, Freiflächen schrumpfen ließen. Zunächst<br />
waren die Fahrradwachen betroffen. Bis 1964 wurden sie kontinuierlich<br />
abgebaut 29 - Borgward Isabella und Käfer hatten<br />
allmählich die in Münster altbekannte Leeze verdrängt.<br />
So schrieb die Stadtverwaltung an Westfalenfleiß:<br />
... Sehr geehrter Herr Schluchtmann!<br />
Die von Ihnen aufgeworfene Frage betr. Aufstellung von<br />
Fahrradständern auf dem Syndikatplatz haben wir eingehend<br />
überprüft. Sowohl für Ihre Gesellschaft als auch für<br />
die Stadtverwaltung dürfte es unzweckmäßig sein, Fahrradständer<br />
an dieser Stelle aufzustellen, da bereits im<br />
Frühjahr mit dem Bau des 2. Abschnittes des Stadtverwaltungsgebäudes<br />
begonnen wird und damit eine erneute<br />
Umstellung Ihrer Radwache erfolgen müßte. Darüberhinaus<br />
enthält der bereits jetzt erstellte Teil des Stadthauses<br />
Fahrradkeller, die für das Abstellen von Fahrrädern der<br />
Bediensteten der Stadtverwaltung vollauf ausreichen. Zu<br />
unserem Bedauern sind wir daher leider gezwungen, vom<br />
1. Januar 1958 ab, auf die Inanspruchnahme Ihrer Radwache<br />
in der Clemensstraße verzichten zu müssen ... . 30<br />
Die veränderte Behandlung der Kriegsbeschädigten nach dem<br />
Kriege und die vielfältigen Maßnahmen der Rehabilitation der<br />
Schwerbeschädigten führten schließlich dazu, daß der Personalbestand<br />
der Westfalenfleiß ab Mitte der Fünfziger Jahre kontinuierlich<br />
sank. So gab es 1960 nur noch 44 Betriebsangehörige. Die<br />
Tendenz war fallend, denn die Beschäftigten kamen allmählich in
das Rentenalter. 31 Aus diesem Grunde hatte man die Westfalenfleiß<br />
in Bielefeld schon in den Fünfziger Jahren geschlossen.<br />
Auch für das Land rückte die Klientel allmählich aus dem<br />
Gesichtskreis einer gesonderten Förderung. So gab es 1959<br />
keine Einkellerungsbeihilfe mehr. 32<br />
Ab 1962 machte man sich bei der Stadt Sorgen darüber, was mit<br />
der Westfalenfleiß geschehen sollte, wenn der Personalbestand<br />
weiterhin so sinke. 33 So wollte man sich von der Lage vor Ort ein<br />
Bild verschaffen und sich gleichzeitig zu gezielten Maßnahmen<br />
bereit finden.<br />
Bei einer Betriebbesichtigung 1962 entstand der folgende Bericht:<br />
... Zur Zeit würden 48 Personen beschäftigt, davon 42<br />
Erwerbsbeschränkte. ... Der Betrieb habe in den letzten<br />
Jahren, seitdem die Zuschüsse des Landes wegfielen, mit<br />
einem jährlichen Verlust von ca. 3.000 DM abschließen<br />
müssen. 15-20 % des Umsatzes würden für Löhne verausgabt.<br />
Darüber hinaus würden für Kohlenbeihilfen, Weihnachtsbeihilfen<br />
sowie Beihilfen in besonderen Notfällen<br />
14 bis 16.000 DM jährlich verausgabt.<br />
Nach der hierauf folgenden Besichtigung des Betriebes<br />
wies Landesrat Alstede besonders darauf hin, daß die<br />
Rentabilität des Unternehmens besser gestaltet werden<br />
könne, wenn die öffentlichen Betriebe in der Stadt ihren<br />
Bedarf an Bürstenwaren beim Westfalenfleiß decken würden,<br />
wie es die Stadtverwaltung Münster von jeher überwiegend<br />
tue.<br />
Auf Akkordarbeit eingehend, führte Landesrat Alstede<br />
aus, daß eine andere Art von Lohnzahlung bei der Eigenart<br />
der Arbeit nicht möglich sei, da die Leistung der<br />
Arbeitnehmer zu unterschiedlich wäre. Ein Teil der Arbeiter<br />
erreiche einen Wochenlohn von 80 bis 100.- DM,<br />
während andere Arbeiter, die praktisch nur beschäftigt<br />
würden und kaum eine echte Leistung vollbringen, nur<br />
über einen Wochenlohn von 30 bis 35.- DM verfügten.<br />
137
138<br />
In diesem Zusammenhang wies Stadtoberamtmann Stetskamp<br />
darauf hin, daß die Stadt Münster seit einigen<br />
Jahren für zwei Schwerbeschädigte, deren Entlassung<br />
vom Westfalenfleiß wegen mangelnder Leistung in Erwägung<br />
gezogen werden mußte, einen jährlichen Zuschuß<br />
von zusammen 3.000 DM zahle. Dieser Zuschuß ermögliche<br />
es dem Westfalenfleiß, diesen beiden Arbeitern ohne<br />
deren Wissen einen Lohn zu zahlen, der weit über ihrem<br />
Leistungsvermögen liege.<br />
Landesrat Alstede wies zum Schluß seiner Ausführungen<br />
darauf hin, daß es sich bei der ‘Westfalenfleiß GmbH.’ um<br />
einen kaufmännischen Betrieb handele, der keinerlei steuerliche<br />
Vorteile genieße. Da sich der Betrieb mit der<br />
Herstellung von Bürstenwaren allein nicht halten könne,<br />
müsse auf die Einrichtung von Rad- und Autowachen in<br />
der Stadt besonderer Wert gelegt werden. Er erbitte hier<br />
die Unterstützung des Fürsorgeausschusses.<br />
Nach längerer eingehender Diskussion wurden Anregungen<br />
und Wünsche des Ausschusses in folgendem einstimmigen<br />
Beschluß zusammengefaßt:<br />
1.)Das Liegenschaftsamt soll gebeten werden, in der Frage<br />
der Einrichtung von Rad- und Autowachen in der Stadt<br />
Münster der ‘Westfalenfleiß GmbH.’ besonderes Entgegenkommen<br />
zu zeigen. Der Liegenschaftsausschuß soll<br />
von diesem Beschluß in Kenntnis gesetzt werden ... . 34<br />
Man wollte das Unternehmen erhalten. Besonders Stadtrat Heinrich<br />
Neuhaus dachte verstärkt über die Zukunft des Unternehmens<br />
nach. Dies hielt auch über die Bestellung Joachim Herferts<br />
zum Nachfolger Albert Schluchtmanns im Jahre 1965 an. 35<br />
Vielen war klar, Herfert wird der letzte Westfalenfleiß-Geschäftsführer<br />
sein, wenn nicht etwas Neues, gleich ob Intensivierung<br />
der Produktion oder die Gewinnung einer neuen Beschäftigtenklientel,<br />
in die Wege geleitet wird.<br />
Zunächst dachte man an Rationalisierung der Produktion: Im<br />
Bereich der Besen- und Bürstenproduktion war man 1965 dringend<br />
auf neue Technologien angewiesen, denn mit Handeinzug
ließ sich der Umsatz nicht mehr steigern. Man mußte also die<br />
Produktion rationalisieren, um auch als Schwerbeschädigtenbetrieb<br />
große Serien herstellen zu können. Deshalb beantragte man<br />
zum Kauf einer Stanzmaschine einen Zuschuß beim Landschaftsverband<br />
Westfalen-Lippe. 36 Dadurch erwartete man eine Gesundung<br />
des Betriebes herbeiführen zu können.<br />
Alles dies behandelte aber nur einen Sektor des Problems, die<br />
Produktivität. Wer produzierte und ob in zehn Jahren noch<br />
überhaupt einer bei Westfalenfleiß produzierte, war damit nicht<br />
geklärt.<br />
1 Zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per<br />
31.03.1946.<br />
2 Ebd.: Archiv Westfalenfleiß - C 1 - Interview Gerd K..<br />
3 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1946.<br />
4 Ebd..<br />
5 Fandrey, S. 195.<br />
6 Ebd.: S. 195 ff.<br />
7 Fandrey, S. 196.<br />
8 Zur Lage nach dem Zweiten Weltkrieg: Fandrey, S. 195 ff, besonders S. 196 ff.<br />
9 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />
bis 1947.<br />
10 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - HFST an Westfalenfleiß, 30.07.1945.<br />
11 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1946.<br />
12 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1947.<br />
13 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Niederschriften und Protokolle über Gesellschafterversammlungen<br />
bis 1947, Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1947.<br />
14 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1947.<br />
15 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.03.1947.<br />
16 Morsey, S. 11; Vergl. auch zur Nachkriegsentwicklung von Gesellschaft und<br />
Wirtschaft im westlichen Deutschland: Grebing, S. 24 ff.<br />
17 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Kapital, Westfalenfleiß an LFV, 10.09.1948,<br />
06.09.1948, LFV an Westfalenfleiß, 13.05.1949, 19.06.1948, Westfalenfleiß an<br />
LFV, 17.05.1949.<br />
18 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Westfalenfleiß an Provinzialverband LFV, 04.05.1949.<br />
19 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Gebäudeabnahmeschein, 29.11.1950.<br />
139
140<br />
20 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Mietvertrag vom 18.11.1948.<br />
21 Hartlieb von Wallthor, S. 62 f.<br />
22 LWL, C 10/11, Nr. 3-5, Landeshauptmann Salzmann an die Oberbürgermeister und<br />
Landräte der Provinz Westfalen, Büren, Juni 1945.<br />
23 Hartlieb von Wallthor in: Geschichte und Funktion, S. 62.<br />
24 Hartlieb von Wallthor in: Geschichte und Funktion, S. 62.<br />
25 LWL, C 61, III, Nr. 155, Aktenvermerk HFST, 28.05.1947.<br />
26 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - LWL an Westfalenfleiß, 21.12.1961.<br />
27 Grebing, S. 25 f.<br />
28 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Kapital, Westfalenfleiß an LFV, 24.03.1951.<br />
29 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Westfalenfleiß an LWL, 09.03.1964.<br />
30 STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 2, Stadtverwaltung an Westfalenfleiß, Dezember<br />
1957.<br />
31 Vgl. zum Folgenden: Fragebogen von Westfalenfleiß an LWL zum Schreiben LWL<br />
an Westfalenfleiß, 14.11.1961.<br />
32 Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Kapital, Westfalenfleiß an LFV, 25.11.1959.<br />
33 STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 1, Aktenvermerk Huckenbeck vom 23.12.1961.<br />
34 STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 2, Fürsorgeausschuß besichtigt Westfalenfleiß,<br />
26.01.1962; vergl. auch: STDAM, Amt 14, Nr. 6, Bd. 1, Fürsorgeamt an Westfalenfleiß,<br />
02.01.1962.<br />
35 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Gesellschafterbeschluß vom 19.02.1965.<br />
36 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Westfalenfleiß an LWL, 23.11.1965.
11. Integration durch Arbeit: Die Westfalenfleiß wird<br />
Werkstatt für Behinderte<br />
Mit der Zeit wurde die Frage, was zukünftig aus der Westfalenfleiß<br />
werden sollte, immer dringender. Da tauchte 1964 erstmals in der<br />
Stadt die Idee einer „Beschützenden Werkstatt” für Münster auf. 1<br />
Vorerst war man sich bei den Gesellschaftern, Stadt und Landschaftsverband,<br />
jedoch noch nicht darüber im klaren, wie eine<br />
solche Einrichtung aussehen könnte und welchen Status die GmbH,<br />
d.h. der Altbetrieb, in Zukunft erhalten sollte. 2<br />
Handlungsbedarf bestand durchaus, denn behinderte Menschen<br />
waren allenthalben - auch in Münster - vorzufinden. Und die<br />
Werkstatt-Idee war ja auch nicht neu.<br />
Vorläufer der Werkstätten waren die Bastel- und Werkgruppen,<br />
die ab 1958 überall für behinderte Menschen in der Bundesrepublik<br />
eingerichtet wurden. 3 Behinderte junge Erwachsene, die sonst<br />
kaum eine Förderung erhielten, besuchten sogenannte Anlernwerkstätten,<br />
um sich auf eine spätere einfache Arbeit vorzubereiten.<br />
In der „Beschützenden Werkstatt”, so die seinerzeitige Bezeichnung,<br />
wurde nicht nur beschäftigt. Ziel war, den einzelnen<br />
behinderten Menschen umfassend zu fördern, ihn zu einer optimalen<br />
Entwicklung seiner Persönlichkeit und seiner Fähigkeiten zu<br />
bringen. 4 Die Gesamtpersönlichkeit des Behinderten sollte entwikkelt<br />
werden; ein menschenwürdiges Leben des behinderten Mitmenschen<br />
stand nach den schrecklichen Vorkommnissen der Vergangenheit<br />
im Mittelpunkt.<br />
Einen bedeutenden Schritt nach vorn machte die Werkstatt-Idee,<br />
als 1962 das Bundessozialhilfegesetz wirksam wurde und die<br />
Werkstätten den Heimen und Anstalten gleichgestellt wurden. Bis<br />
1968 verzehnfachte sich dadurch die Zahl der Behindertenwerkstätten.<br />
5 Auch die moderne heutige Westfalenfleiß in Münster ist<br />
ein Produkt dieser Zeitströmung.<br />
141
142<br />
Landesrat Alstede, ein erfahrener und um das Wohl der Behinderten<br />
besorgter Verwaltungsmann, schlug auf der Gesellschafterversammlung<br />
am 21.06.1965 vor, die Westfalenfleiß als soziale<br />
Einrichtung fortzuführen, etwa in Form einer „Beschützenden<br />
Werkstatt”. 6<br />
Zwei Jahre stand diese Idee im Raum, ehe man im Jahre 1967 an<br />
ihre Realisierung ging. Zunächst erfolgte eine Sondierung im<br />
Bereich der konfessionellen Verbände, so wurde die Westfalenfleiß<br />
als „Beschützende Werkstatt” zunächst nur als Übergangslösung<br />
favorisiert. Es ließ sich dadurch für die Stadt das traditionelle<br />
Bild der engen Zusammenarbeit mit Caritas und Innerer Mission<br />
wahren und gleichzeitig das immer schon in den letzten Jahren<br />
angedachte Modell einer Umstrukturierung der Westfalenfleiß<br />
schonend vollziehen, ohne die konfessionellen Verbände zu brüskieren.<br />
Deshalb verlautbarte man:<br />
... Eine Beschützende Werkstatt soll nicht durch einen<br />
Neubau jetzt geschaffen werden, man will dem Vorhaben<br />
des Caritasverbandes nicht vorgreifen. Die Innere Mission<br />
hat an dem Bau einer Beschützenden Werkstatt kein Interesse<br />
und möchte gern, daß das vom Caritasverband geplante<br />
Vorhaben doch großzügig ausgebaut werden kann. Bis<br />
nun aber der Caritasverband das Bauvorhaben verwirklichen<br />
kann, in dem neben der Tagesstätte für das geistig<br />
behinderte Kind auch eine Anlernwerkstatt und Beschützende<br />
Werkstatt gebaut werden soll, soll eine Überbrükkung<br />
durch die Beschützenden Werkstätten im Westfalenfleiß<br />
geschaffen werden ... . 7<br />
Die Westfalenfleiß war damit ins Gespräch gebracht und, wenn es<br />
um sachgerechte Behindertenarbeit in Münster ging und geht, ist<br />
sie es immer noch.<br />
Die „Beschützende Werkstatt” sollte nach den Plänen jenes<br />
Jahres 8 zunächst 35 Personen (15 Frauen und 20 Männer im Alter<br />
von 14 - 50 Jahren) umfassen. Späterhin sollten etwa 50 Personen<br />
in der Werkstatt arbeiten. Eine Fürsorgerin war ebenfalls fest
einzustellen. 9 So ließen sich Arbeit, Sorge und Fürsorge sinnvoll<br />
verbinden.<br />
Auch der Betrieb selbst leitete nun konkrete Schritte ein. Am<br />
20.09.1967 stellte die Westfalenfleiß beim Arbeits- und Sozialminister<br />
des Landes Nordrhein-Westfalen den Antrag, man möge sie<br />
als „Beschützende Werkstatt” anerkennen (gem. § 2, I, Nr. 1 des<br />
Gesetzes zur Ausführung des Bundessozialhilfegesetzes CAG -<br />
BSHG). Am 02.02.1968 erfolgte dann schließlich die Anerkennung<br />
unter der Bedingung, daß die Gruppenleiter und der Leiter<br />
der Einrichtung eine heilpädagogische Zusatzausbildung erhielten<br />
und der LWL bis zum 30.06.1968 nähere Angaben über die Höhe<br />
der Entlohnung der Behinderten und die durchschnittliche Arbeitszeit<br />
machen möchte. 10 So stand die Anfrage über Lohn oder<br />
Bezahlung vor dem konkreten Beginn vor Ort. Das konnte jedoch<br />
den Elan nicht schmälern.<br />
Im Januar 1968 gab es erste konkrete Schritte zum Umbau der Westfalenfleiß am<br />
Hafengrenzweg Nr. 1. Noch im gleichen Jahr wird die Westfalenfleiß als „Beschützende<br />
Werkstatt” anerkannt.<br />
143
144<br />
Im Januar 1968 gab es erste konkrete Schritte zum Umbau der<br />
Westfalenfleiß am Hafengrenzweg Nr. 1. 11<br />
Die Presse schrieb dazu im gleichen Monat:<br />
... Darlehen und Zuschüsse der Siverdes-Stiftung, des Generalarmenfonds<br />
[insgesamt 100.000 DM, C.L.] und der<br />
Hauptfürsorgestelle des Landschaftsverbandes Westfalen-<br />
Lippe [100.000 DM, C.L.] machten es möglich, daß dieser<br />
Betrieb entstehen konnte.<br />
Erfreulich ist auch, daß die hier tätigen Menschen wirklich<br />
produktive Arbeit leisten können. Zur Zeit werden von zehn<br />
Personen manuelle Lohnarbeiten für einen münsterschen<br />
Betrieb ausgeführt. Drei Männer sind in der Tischlerei<br />
tätig, zwei in dem alten Schwerbeschädigtenbetrieb, in dem<br />
Besen hergestellt werden ... Bei den Beschäftigten handelt<br />
es sich um Jugendliche und um solche Erwachsene, die<br />
Sozialhilfeempfänger sind und über den Arbeitsmarkt nicht<br />
in eine Stelle vermittelt werden können. Das Ziel der Beschäftigung<br />
in der ‘Beschützenden Werkstatt’ ist es, einen<br />
möglichst großen Teil dieser Menschen später wieder dem<br />
öffentlichen Arbeitsmarkt zuführen zu können.<br />
Einem Schätzwert entsprechend gibt es in Münster rund 350<br />
geistig behinderte Menschen.<br />
Für die ‘Beschützende Werkstatt’ konnten bisher aber nur<br />
19 aufgenommen werden. Man hofft, noch im Februar<br />
rund 40 Personen beschäftigen zu können. Zur Zeit liegen<br />
rund 200 Voranmeldungen vor ... Ein Problem ist der<br />
Transport der Werkstattangehörigen zum Arbeitsplatz. Es<br />
ist hoch anzuerkennen, daß einige Betriebsangehörige der<br />
‘Westfalenfleiß’ sich persönlich der geistig behinderten<br />
Menschen angenommen haben, um es ihnen zu ermöglichen,<br />
zur Arbeitsstätte zu kommen. Andere Arbeitskräfte<br />
der ‘Beschützenden Werkstatt’ kommen mit dem Bus oder<br />
werden von Familienmitgliedern gebracht und wieder<br />
abgeholt. Wünschenswert wäre natürlich ein eigens für<br />
den Transport dieser Menschen eingesetzter Bus, zumal
einige der geistig Behinderten nicht in der Lage sind,<br />
selbständig einen Stadtbus zu benutzen. Das trifft besonders<br />
für die Jugendlichen zu ... . 12<br />
Am 04.05.1968 wurde bei der Westfalenfleiß die Werkstatt für<br />
Behinderte - seinerzeit hieß es noch „Beschützende Werkstatt“ -<br />
offiziell eröffnet.<br />
Die Gesellschafterversammlung am 23.08.1968 änderte folgerichtig<br />
per Beschluß den Namen der Westfalenfleiß in: „Westfalenfleiß<br />
GmbH Beschützende Werkstätten”. 13<br />
Ein gewisser Stolz schwingt schon in der Aufzeichnung über die<br />
erste Besichtigung der Werkstatt im Jahre 1968 mit:<br />
... Herr Wahle gab einen ausführlichen Bericht über die<br />
Einrichtung und das Ziel der Beschützenden Werkstatt.<br />
Unter Darlegung der gesetzlichen Bestimmungen versuchte<br />
er, den Anwesenden ein Bild über die Eingliederung des<br />
in der Beschützenden Werkstatt beschäftigten Personenkreises<br />
in die ... Gesellschaft zu vermitteln.<br />
U. a. führte er aus, daß für die Einstellung der geistig<br />
Behinderten eine Kommission unter Leitung eines Dipl.-<br />
Psychologen gebildet worden sei, der ein Vertreter der<br />
Arbeitsverwaltung, eine Familienfürsorgerin, der Geschäftsführer<br />
der ‘Westfalenfleiß GmbH’ und eine Fachkraft<br />
des Sozialamtes angehören. Von bisher 41 vorgeladenen<br />
Personen habe dieses Gremium 22 für geeignet befunden,<br />
in 10 Fällen lehnten die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten<br />
eine Aufnahme ab bzw. folgten der Einladung nicht.<br />
Von den verbleibenden 9 waren 4 Personen zum Zeitpunkt<br />
der Vorladung erkrankt, 5 waren für die Tätigkeit aus<br />
verschiedenen Gründen nicht geeignet. Es kann jedoch<br />
gesagt werden, daß die in der Beschützenden Werkstatt zur<br />
Verfügung stehenden 50 Plätze nach und nach besetzt<br />
werden können ...<br />
Geschäftsführer Herfert berichtete aus der Arbeit des<br />
Schwerbeschädigtenbetriebes. Zur Zeit werden Bürsten und<br />
Besen hergestellt. In die Produktion soll demnächst die<br />
145
146<br />
Herstellung von Paletten für Gabelstapler aufgenommen<br />
werden. ...<br />
Eine weitere Aufgabe des Schwerbeschädigtenbetriebes ist<br />
die Bewachung von Parkplätzen. Nach Darstellung des<br />
Berichterstatters wirft diese Bewachung zur Zeit keinen<br />
Gewinn ab, diese Erscheinung ist erfahrungsgemäß jahreszeitbedingt.<br />
Die Übernahme von weiteren Parkplätzen verursache<br />
erhebliche Einrichtungs- und Herstellungskosten.<br />
Sodann teilte Herr Herfert mit, daß am 2.1.1968 die Arbeit<br />
in der Beschützenden Werkstatt (Zusammensetzen von Filtern<br />
für die Firma Hengst) angelaufen sei. Für die ‘Beschützende<br />
Werkstatt’ seien 4 Personen (1 Fürsorgerin, 1<br />
Gruppenleiterin, 1 Gruppenleiter für die Filterproduktion,<br />
1 Tischler) eingestellt worden. Von einer produktiven Arbeitsleistung<br />
könne man im Augenblick noch nicht sprechen.<br />
Zunächst müsse sich dieser Personenkreis in die<br />
Gemeinschaft einfügen lernen, um allmählich an die Arbeit<br />
herangeführt zu werden.<br />
Herr Neuhaus regte an, nach einer gewissen Zeit in der<br />
Beschützenden Werkstatt einen sog. ‘Tag der offenen Tür’<br />
zu veranstalten um der Bevölkerung Möglichkeiten für eine<br />
Eingliederung des o. g. Personenkreises in den Arbeitsprozeß<br />
aufzuzeigen. Alsdann soll nach einhelliger Meinung der<br />
Ausschußmitglieder die Presse von dieser Einrichtung unterrichtet<br />
werden. Auf Anfrage von Herrn Murach teilte<br />
Herr Alstede mit, daß zu einem späteren Zeitpunkt auch an<br />
die Mitwirkung der Eltern und anderer Beteiligter gedacht<br />
sei ... . 14<br />
Gerade der Motor der Werkstattbewegung in der Stadt Münster,<br />
Stadtrat Neuhaus, war also in besonderem Maße an einer breiten<br />
Wirkung der Werkstatt in der Öffentlichkeit interessiert - wohl<br />
wissend, daß Toleranz gegenüber behinderten Menschen immer<br />
auf der Kenntnis ihrer Lebenssituation beruht.<br />
Etwas Einzigartiges war es nun, daß bei der Westfalenfleiß<br />
GmbH sowohl die Alten wie auch die Jungen einen Platz<br />
gefunden hatten, denn der Altbetrieb bestand als Teil der Firma<br />
fort. Daß verschiedene Generationen unter einem Dach beschäf-
tigt waren, führte zu einem lebendigen und anregenden gemeinsamen<br />
Miteinander. 15<br />
Personell ausgelastet war die Firma nun allemal: Am 31.12.1970<br />
hatte die „Beschützende Werkstatt” 48 behinderte Beschäftigte;<br />
der Altbetrieb hingegen 35 gewerbliche Arbeitnehmer: 17 Gleichgestellte,<br />
3 Unfallbeschädigte, 4 Kriegsbeschädigte und 11 Gesunde.<br />
16<br />
1968 wurden am Hafengrenzweg noch Besen und Bürsten hergestellt.<br />
Soviel Leben hatte es auf dem Gelände am Hafengrenzweg seit<br />
Jahrzehnten nicht mehr gegeben.<br />
Daß der Einklang unter den Beschäftigten und Kompetenz<br />
gewahrt blieb, war nicht zuletzt ein Verdienst der integrativen<br />
Kraft und Persönlichkeit der Fürsorgerin jener Jahre: Ursula<br />
Wulfert. Sie war seit 1970 der sozialpädagogische Spiritus<br />
Rector der Firma und wurde in dieser Position auch von den<br />
Gesellschaftern anerkannt. 17<br />
147
148<br />
Zu Garanten für menschliche Betreuung in den Gruppen wurden<br />
die ersten Gruppenleiter, die sich in schwierige Situationen<br />
Einer der ältesten Mitarbeiter der Westfalenfleiß (Hans Nick) 1969 beim Essenstransport<br />
von der Halle Münsterland.
einzudenken verstanden. Sie alle bildeten das Team der ersten<br />
Jahre und wichtige Mosaiksteine in der Fortentwicklung der<br />
Westfalenfleiß GmbH.<br />
Besieht man die Situation im Bereich des Einzugsgebietes des<br />
Landschaftsverbandes, so muß man dem folgenden Papier aus<br />
dem Jahre 1973 zustimmen:<br />
... Die Folgen des zweiten Weltkriegs mögen die Ursache<br />
gewesen sein, daß im Gegensatz zu der Entwicklung im<br />
Ausland die Betreuung Behinderter in Tageseinrichtungen<br />
in der Bundesrepublik erst Anfang der Sechziger<br />
Jahre begann.<br />
Die Voraussetzungen zu dieser Betreuung schaffte das<br />
Bundessozialhilfegesetz und das Ausführungsgesetz des<br />
Landes NW. Mit diesen Gesetzen wurde in NW den Landschaftsverbänden<br />
Rheinland und Westfalen, den überörtlichen<br />
Trägern der Sozialhilfe, die teilstationäre Betreuung<br />
Behinderter übertragen. Auch angespornt durch die<br />
Entwicklung in unseren Nachbarländern entstanden ab<br />
1963 in schneller Reihenfolge im ganzen Bereich des<br />
Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe Tageseinrichtungen,<br />
die in Sonderkindergärten, Tagesbildungsstätten und<br />
Werkstätten für Behinderte Behinderte in ihren Fähigkeiten<br />
entsprechend fördern ... . 18<br />
Und im Hinblick auf die Werkstätten heißt es dort:<br />
... Eine Werkstatt für Behinderte ist eine Einrichtung, in<br />
der für Personen, die wegen ihrer Behinderung auf dem<br />
allgemeinen Arbeitsmarkt nicht, noch nicht oder noch<br />
nicht wieder vermittelt werden können, Plätze für eine<br />
angemessene Arbeit oder Tätigkeit bereitstehen.<br />
Um den unterschiedlichen Behinderungen und Fähigkeiten<br />
der Behinderten gerecht werden zu können, muß ein<br />
differenziertes Arbeitsangebot sichergestellt werden.<br />
149
150<br />
Die Arbeitsvorgänge sind den körperlichen, geistigen und<br />
seelischen Fähigkeiten der Behinderten anzupassen. Die<br />
Arbeitsbedingungen sind den in der Wirtschaft üblichen<br />
anzugleichen soweit die Behinderungen der Beschäftigten<br />
dies zulassen. ... Der Standort soll so gewählt werden, daß<br />
eine gute Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und eine<br />
günstige Verkehrsverbindung gewährleistet sind.<br />
Das Einzugsgebiet ist so festzulegen, daß unzumutbar lange<br />
Anfahrtswege vermieden werden.<br />
Im Endausbau muß die Werkstatt mindestens 120 Plätze<br />
Pause der behinderten Beschäftigten auf dem Hof der Westfalenfleiß.<br />
umfassen.<br />
Die Arbeitsräume, Speise- und Aufenthaltsraum, Wirtschaftsraum,<br />
Kranken-, Ruhe- und Gymnastikraum, Umkleide-<br />
und Sanitärräume, Beratungs- und Arztraum dienen<br />
nicht nur der Eingliederung in die Arbeitswelt, sondern<br />
allgemein auch der Eingliederung in die Gemeinschaft.<br />
Eine Gutachtergruppe berät den Träger.<br />
Der Leiter der Werkstatt und die Leiter der Gruppe müssen<br />
eine entsprechende Ausbildung und Erfahrung besitzen.
Die Werkstatt muß dem Behinderten eine wöchentliche<br />
Arbeitszeit von 30 Stunden ermöglichen.<br />
Soweit erforderlich, werden die Behinderten von der Wohnung<br />
zur Werkstatt und zurück gefahren. ... In Westfalen-<br />
Lippe gab es am 1.2.1973 23 Werkstätten mit rund 1.700<br />
Plätzen. Bis zum 1.1.1980 sind geplant 35 Werkstätten mit<br />
rd. 5.600 Plätzen. Die Planung ist abgestimmt mit den<br />
Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege.<br />
Jeweils nur ein Spitzenverband ist verpflichtet, in dem<br />
geplanten Einzugsbereich einer Werkstatt die Behinderten<br />
Der eigens neu errichtete Speiseraum am Hafengrenzweg (1968).<br />
mit Werkstattplätzen zu versorgen.<br />
Die Finanzierung des Baus und der maschinellen Ausstattung<br />
der Werkstätten erfolgt durch Mittel des Landes, der<br />
Arbeitsverwaltung und durch Eigenmittel der Träger. Die<br />
laufenden Kosten werden durch einen Arbeitsplatzzuschuß<br />
des Landschaftsverbandes [von zur Zeit jährlich 4.300.-<br />
DM] abgefangen.<br />
Bis 1980 werden auch ca. 1.800 Wohnheimplätze in Westfalen-Lippe<br />
benötigt. Bei der Planung wird davon ausge-<br />
151
152<br />
gangen, daß ca. 1/3 aller Werkstattplätze mit Behinderten,<br />
die für eine Wohnheimunterbringung in Frage kommen,<br />
besetzt sein wird ... . 19<br />
So war also an eine Verbindung von Leben und Arbeiten gedacht.<br />
Die Zahl der Beschäftigten stieg indessen gewaltig.<br />
Auch aus dem seinerzeit noch existierenden Kreis Münster drängten<br />
behinderte Menschen in eine geeignete Werkstatt - zur Westfalenfleiß<br />
GmbH. Stadtrat Neuhaus stellte am 29.01.1969 fest, daß<br />
die Kompetenz für die Einstellung von Behinderten in die „Beschützende<br />
Werkstatt” beim Sozialamt der Stadt Münster liege.<br />
Die Einstellung von Behinderten aus dem Landkreis sei eine<br />
sozialpolitische Angelegenheit. 20<br />
Das hieß auch, daß es nicht unerwünscht war, den Kreis in die<br />
Gruppe der Kapitaleigner der Gesellschaft aufzunehmen.<br />
Deshalb verhandelte man am 02.04.1970 über den Beitritt des<br />
Kreises Münster, der um Aufnahme in die Gesellschaft der Westfalenfleiß<br />
GmbH gebeten hatte. 21 Die im münsterschen Umland,<br />
dem Kreis Münster, lebenden behinderten Menschen unterzubringen,<br />
war nämlich nicht mehr möglich. 22 Es fehlten einfach geeignete<br />
Einrichtungen.<br />
Auf der Gesellschafterversammlung am 14.04.1970 gab Stadtrat<br />
Neuhaus bekannt, daß für den Rat der Stadt Münster eine Vorlage<br />
erarbeitet worden war, die die Aufnahme des Landkreises Münster<br />
in die Westfalenfleiß GmbH vorsah. Der Kreis wollte 20.000 DM<br />
als Gesellschaftskapital und 50.000 DM als Investitionszuschuß<br />
geben. Die 50.000 DM sollten zur Erweiterung der Werkstatt auf<br />
70 Plätze verwendet werden. 23<br />
Das Geld wurde dringend gebraucht, denn allein die nötige Einrichtung<br />
von Sanitärräumen für Mädchen und Frauen kostete<br />
40.000 DM. 24 Die Gesellschafter der Westfalenfleiß GmbH stimmten<br />
dem Beitritt zu - mehr Effizienz durch mehr Kapital konnte der<br />
Werkstatt nur zuträglich sein.
In der Sitzung am 08.07.1970 beschloß der Kreistag des Kreises<br />
Münster der Westfalenfleißgesellschaft beizutreten. Eine Stammeinlage<br />
von 20.000 DM brachte er mit ein. Außerdem stellte er<br />
50.000 DM für die Schaffung von 20 weiteren Arbeitsplätzen in<br />
der Werkstatt zur Verfügung. Der Kreis ging davon aus, daß die<br />
Gesellschaft keine Verluste machte und daß die eventuell negative<br />
Bilanz vom Landschaftsverband als zuständigem Sozialhilfeträger<br />
ausgeglichen werden würde.<br />
Es wurden nun zusätzlich weitere 20 Arbeitsplätze geschaffen. 25<br />
Der Bedarf war jedoch erheblich größer. So wurden 1975 bereits<br />
105 Behinderte beschäftigt. 26 Aber auch damit war eine zufriedenstellende<br />
Versorgung noch nicht gegeben.<br />
In jenen Jahren änderte sich die Situation im Umfeld der „Beschützenden<br />
Werkstätten” radikal - und das auch in Münster. Die<br />
Institution „Beschützende Werkstatt” veränderte sich. War sie zu<br />
Beginn der Siebziger Jahre noch eher „... das letzte Glied in der<br />
Kette der Einrichtungen zur teilstationären Betreuung geistig<br />
Behinderter ...”, 27 so war sie 1975, durch das Arbeitsförderungsgesetz<br />
vom 25.06.1969, die A-Reha vom 02.07.1970 und das<br />
Schwerbehindertengesetz vom 30.04.1974 zu einer Werkstatt für<br />
Behinderte geworden. Aus einem abschließenden Therapieschritt<br />
war eine Einrichtung zur beruflichen Rehabilitation geworden. 28<br />
Sie bot - und bietet noch immer - behinderten Menschen einen<br />
Arbeitsplatz oder Gelegenheit zur Ausübung einer geeigneten<br />
Tätigkeit. 29<br />
Dadurch wurden - und werden - die unterschiedlichsten Behindertenkreise<br />
erfaßt. Im wesentlichen handelt es sich - immer noch - um<br />
geistig und seelisch Behinderte, Lernbehinderte, Körperbehinderte,<br />
Unfallgeschädigte und Sinnesgeschwächte.<br />
Der Staat, wie immer wenn er finanziell gefordert ist, drängte auf<br />
Normierung und Vereinheitlichung der Werkstatt, insbesondere<br />
153
154<br />
mit dem Schwerbehindertengesetz von 1974. Es war sein Ziel,<br />
eine arbeitsmarkt-, produktions- und leistungsorientierte Einrichtung<br />
zu schaffen.<br />
Per Erlaß ergingen am 05.12.1974 Grundsätze zur Konzeption<br />
der Werkstatt für Behinderte. 30 Diese umfangreiche Vorschriftensammlung<br />
brachte den Werkstätten nicht nur gesetzliche Auflagen,<br />
sondern auch drei Hauptvorteile:<br />
1. Aufträge waren leichter zu bekommen, denn Auftraggeber<br />
konnten 30 % der Rechnungsbeträge von der Ausgleichsabgabe<br />
absetzen.<br />
2. Die öffentliche Hand mußte Aufträge vorrangig an Werkstätten<br />
verteilen.<br />
3. Die Beschäftigten wurden in die Sozialversicherung aufgenommen.<br />
Auf die Gliederung der Werkstatt nahm der Staat natürlich auch<br />
Einfluß, denn er strukturierte die Werkstatt in Stufen:<br />
1. Eingangsstufe<br />
2. Arbeitstrainingsstufe<br />
3. Produktionsstufe<br />
Fernerhin sollte ein Arbeitsentgelt gezahlt werden. Für die Aufnahme<br />
sollte die Erfüllung folgender Kriterien gelten:<br />
1. Gemeinschaftsfähigkeit<br />
2. Pflegeunabhängigkeit (weitestgehend)<br />
3. Erbringen eines Mindestmaßes an wirtschaftlich verwertbarer<br />
Arbeit.<br />
Eine andere Neuerung der Mitte der 70er Jahre war der Gesellschafterwechsel<br />
bei Westfalenfleiß GmbH.<br />
Während der vorhergehenden Jahre waren beim Landschaftsverband<br />
Westfalen-Lippe Überlegungen gediehen, rechtsverbindliche<br />
Vereinbarungen zu treffen, innerhalb des Landesfürsorgeverbandes<br />
Bezirke zu bilden, die an die Träger der freien Wohlfahrtspflege<br />
zu vergeben sein sollten. 31
Im Jahre 1971 einigte man sich darüber, welcher Wohlfahrtsverband<br />
im Behindertenbereich gebietsmäßig wo versorgen sollte. 32<br />
Es wurden jeweilige Einzugsgebiete für die Werkstatt verbindlich<br />
abgesprochen und festgelegt. 33<br />
Die Arbeiterwohlfahrt (AWO), traditionell immer an der Seite der<br />
Schwachen und Benachteiligten, war demnach für Münster und<br />
den früheren Kreis Münster zuständig, wobei Greven ausgenommen<br />
sein sollte. 34 (Heute versorgt die Werkstatt Münster und<br />
Telgte.)<br />
Der Ausstieg des LWL war keine Überraschung: Er beabsichtigte<br />
schon seit geraumer Zeit seine Beteiligung an der Westfalenfleiß<br />
GmbH aufzugeben. So stellte er in der Gesellschafterversammlung<br />
vom 24.06.1975 den Antrag, die Gesellschaft möge einer Übertragung<br />
seines Anteils an die Arbeiterwohlfahrt zustimmen. 35 Dem<br />
widersetzte sich die Stadt Münster. 36 Der LWL konnte aber gemäß<br />
§ 5, I des Gesellschaftervertrages, trotz Widerspruchs der Stadt,<br />
mit sechsmonatiger Kündigungsfrist rechtswirksam kündigen. 37<br />
Der Widerstand der Stadt war demnach vollkommen sinnlos, denn<br />
er vermochte nichts zu verändern. Der Landschaftsverband würde<br />
so oder so sein Kapital auf die AWO übertragen. Das sah auch die<br />
Stadt ein. 38<br />
Die Stadt Münster stand nun in einem ziemlichen Dilemma, denn<br />
nach dem Subsidiaritätsprinzip (d.h.: angesprochen Hilfe zu leisten<br />
ist immer derjenige, der dazu am besten in der Lage ist) war sie<br />
einerseits stets bestrebt gewesen, die freie Wohlfahrtspflege in die<br />
Pflicht zu nehmen, andererseits war es weder ihre Absicht gewesen,<br />
alleiniger Betreiber einer Firma zu sein, die behinderte Menschen<br />
beschäftigte noch als einziger Träger aus dem Bereich der<br />
Öffentlichen Hand Mitbetreiber zu sein. 39<br />
Hinzu kam, daß neben der AWO mittlerweile die Lebenshilfe, ein<br />
von Eltern behinderter Kinder 1961 in Münster gegründeter<br />
Selbsthilfeverein, zum anerkannten Träger der Behindertenarbeit<br />
155
156<br />
im Bereich der Stadt Münster herangewachsen war, was bei der<br />
Vereinbarung von 1971 über die Vergabe der Sprengel noch keine<br />
Berücksichtigung gefunden hatte. 40<br />
Zwar war die nun beabsichtigte Beteiligung der Lebenshilfe an<br />
einer Werkstatt eigentlich eine Abänderung des seinerzeitigen<br />
Agreements, aber Stadt, wie auch Landschaftsverband, akzeptierten<br />
ohne Widerspruch, wegen der erwiesenen Kompetenz der<br />
Elternorganisation, die Aufnahme der Lebenshilfe in den Rang<br />
eines konzessionierten Trägers der Behindertenarbeit. Beide zusammen<br />
sollten in Münster Behindertenarbeit leisten. Das war ein<br />
anderes Ergebnis, als man zunächst erwartet hatte.<br />
Die AWO, wie auch die Lebenshilfe, gingen zunächst davon aus,<br />
daß der LWL-Gesellschaftsanteil von der AWO übernommen und<br />
um 41.000 DM aufgestockt werde. Die Lebenshilfe sollte 40.000<br />
DM einbringen und die Stadt weitere 40.000 DM als Stammkapital<br />
innehaben. 41<br />
Die Stadt war aber nicht bereit, weiter Kapital bei der Westfalenfleiß<br />
GmbH zu führen. Man wollte freie Träger alleine walten<br />
lassen - gerade, weil Handlungsbedarf bestand. 42<br />
(Sowohl die Westfalenfleiß GmbH wie auch die AWO-Werkstatt<br />
waren in dieser Zeit überbelegt. Es gab sogar eine Warteliste mit<br />
25 Behinderten, die noch nicht aufgenommen werden konnten.) 43<br />
Da sich die AWO und die Lebenshilfe bereit erklärten, die<br />
Schaffung von weiteren Arbeitsplätzen für Behinderte zu übernehmen,<br />
beabsichtigte nun auch die Stadt, sich von der Gesellschaft<br />
zu lösen, was bedeutete, daß sie an die AWO bzw. die<br />
Lebenshilfe ihren Stammkapitalanteil übertrug. 44 Der Lebenshilfe<br />
Münster und der AWO wurden zu gleichen Teilen die Stammkapitalanteile<br />
der Stadt Münster an der Westfalenfleiß GmbH<br />
übertragen, wie es der Ratsbeschluß vom 01.10.1975 vorsah. 45<br />
Die Stadt Münster war nämlich nach der Kommunalreform<br />
alleinige Inhaberin der 40.000 DM Stammkapital, das zur Hälfte
aus eigenen und zur anderen Hälfte aus dem Kapitalanteil des<br />
Kreises Münster herrührte.<br />
Gemeinsam sollten die beiden freien Träger die Werkstatt selbständig<br />
und eigenverantwortlich tragen und fortführen. 46<br />
Der LWL hatte sich damit weitgehend aus der Betreuung und<br />
Unterhaltung eigener Werkstätten zurückgezogen, weil er dies für<br />
zweckmäßig hielt. Träger der Werkstatt und Kostenträger sollten<br />
getrennt sein. 47<br />
Damit trug man gleichzeitig dem § 23 BSHG Rechnung, wo<br />
vorgesehen war, daß der örtliche Sozialhilfeträger keine eigenen<br />
Einrichtungen tragen sollte. Diese sollten vielmehr von freien<br />
Trägern bereitgestellt werden. 48<br />
Die konfessionellen Verbände, die auch diesmal gefragt worden<br />
waren, hatten auch jetzt kein Interesse gezeigt, weder an der<br />
Einrichtung einer Beschützenden Werkstatt auf dem Gelände der<br />
Westfalenfleiß GmbH, noch daran, die Einrichtung kapitalsmäßig<br />
fortzuführen. 49 Dieser Sektor konnte nicht von ihnen mitversorgt<br />
werden, da sie, insbesondere der katholische Teil, ihre Priorität im<br />
schulischen Bereich gesetzt hatten (Papst Johannes Schule in<br />
Kinderhaus). Deshalb waren die Anteile des Landschaftsverbandes<br />
in Höhe von 40.000 DM auf die AWO übertragen worden, 50<br />
was die Stadt schließlich akzeptierte. 51 Es war also ein auf gutes<br />
Einvernehmen bedachter Entschluß erfolgt.<br />
Die AWO konnte dabei als Idealpartner gelten, denn sie hatte<br />
bisher schon eng mit der Westfalenfleiß GmbH zusammengearbeitet,<br />
kannte also Probleme, Beschäftigte und Gebäude. 52<br />
Die Lebenshilfe, ursprünglich aus dem ehrenamtlichen Engagement<br />
von Eltern behinderter Kinder hervorgegangen, strebte nach<br />
Teilhabe an einer Werkstatt in Münster. Die Eltern wollten die<br />
Zukunft ihrer Kinder sichern. Die Kooperation mit der AWO war<br />
dabei ein Novum, da beide Organisationen bisher noch nie institu-<br />
157
158<br />
tionell zusammengearbeitet hatten. Auch hinsichtlich einer Behindertenwerkstatt<br />
in Wolbeck - das Engagement dort sah der Landschaftverband<br />
mit Wohlwollen 53 - hatte man bisher nur Gespräche<br />
geführt. 54 So schrieb die Lebenshilfe am 10.06.1975 an den Landschaftsverband:<br />
... Die Ortsvereinigung ‘Lebenshilfe für geistig Behinderte<br />
e.V.’, Münster, hält die vorläufige Anmietung des Hauses<br />
Montage von Heftrücken in der AWO-Werkstatt auf der Buckstraße.<br />
Wolbeck durch die Arbeiterwohlfahrt für den Betrieb einer<br />
Werkstatt für Behinderte und eines Wohnheimes für Behinderte<br />
zum 01.01.1976 für eine Übergangszeit von 10 Jahren<br />
für unbedingt erforderlich ... . 55<br />
Beide Träger, Arbeiterwohlfahrt wie Lebenshilfe, konnten und<br />
können als kompetente Partner für eine sachgerechte Behindertenarbeit<br />
in Münster gelten.<br />
Die AWO betrieb schon seit dem 01. April 1971 an der Buckstra-
ße eine eigene Werkstatt für Behinderte, die 45 Plätze umfaßte.<br />
Im Zeitraum 1973 bis 1974 war sie mit der Entwicklung ihrer<br />
Behindertenwerkstatt sehr zufrieden gewesen, was auch der<br />
Landschaftsverband so gesehen hatte. So stieg die Zahl der<br />
behinderten Mitarbeiter von 34 im Jahre 1973 auf 45 im Jahre<br />
1974. Die Aufnahmekapazität war damit eigentlich erschöpft.<br />
Platzmangel war ein Dauerproblem geworden. Schon seit 1971<br />
bemühte sich die AWO deshalb um ein geeignetes Gebäude für<br />
Herstellung von Gummimatten in der Buckstraße (Anfang der 70er Jahre).<br />
einen Werkstattumbau. 56<br />
So mietete man schließlich Haus Wolbeck, ein ehemaliges Hotel,<br />
wo eine Werkstatt für 80 Beschäftigte entstehen sollte - neben<br />
einem Wohnheim mit 40 Plätzen. Es entstand eine Verflechtung<br />
von Arbeit und Leben. Die AWO verstand sich dabei als Kämpfer<br />
für die Rechte der Behinderten als sozial vollwertige Menschen.<br />
So war es auch verständlich, daß die AWO 1975 besonders<br />
159
160<br />
sozialpolitisch positiv bewertete, daß die Behinderten nun Lohnzahlungen<br />
erhielten. 57<br />
Zu ihren besonderen Verdiensten zählt es, daß in Wolbeck für die<br />
münsterschen behinderten Menschen eine Werkstatt entstanden<br />
war.<br />
Kegeln im Haus Wolbeck - Verflechtung von Arbeit und Leben: In dem ehemaligen<br />
Hotel in Wolbeck entsteht neben einem Wohnheim mit 40 Plätzen eine Werkstatt für 80<br />
Beschäftigte.<br />
Ihr Partner, die Lebenshilfe, stand dem nicht nach.<br />
1958 wurde in Marburg die Lebenshilfe für das geistig behinderte<br />
Kind als Elternverband für die Bundesrepublik gegründet. 58 Dies<br />
geschah durch den Niederländer Tom Mutters, der als UNO-<br />
Beauftragter nach Deutschland geschickt worden war, um sich der<br />
Flüchtlingskinder anzunehmen. Sehr schnell stieß er auf geistig<br />
behinderte Kinder, die unter katastrophalen Bedingungen in Kinderheimen<br />
lebten. Er ging an die Öffentlichkeit und bat um Hilfe.<br />
Damit ermutigte er die betroffenen Eltern, die sich mit ihren
Sorgen an ihn wandten und in der ersten Lebenshilfevereinigung<br />
zusammen kamen.<br />
Gesellschaftlicher Hintergrund der Entstehung der Elternvereine<br />
behinderter Kinder bildete die sozio-ökonomische Nachkriegsentwicklung<br />
mit den Erscheinungen weiterer Verkleinerung der Haushalte,<br />
Auflösung traditioneller Familien- und Produktionsverbände<br />
und zunehmender Berufstätigkeit von Frauen.<br />
Deswegen organisierten sich die Eltern behinderter Kinder recht<br />
schnell in Art einer Selbsthilfeorganisation. Im Ausland boten sich<br />
die Vorbilder dazu: Der einflußreiche US-Lebenshilfeverein, der<br />
1930 gegründet wurde und der niederländische Elternverein dienten<br />
deutschen Gründungen als Vorbild. Beide waren sozialpolitisch<br />
erfolgreich aktiv. 59<br />
Es war ganz eindeutig das Verdienst der Lebenshilfe, daß der<br />
Gedanke einer „Beschützenden Werkstatt” in Deutschland neuen<br />
Aufschwung bekam. Der Holländer Tom Mutters, ihr geschickter<br />
Organisator, brachte dabei die enormen Fortschritte, die man bei<br />
unseren westlichen Nachbarn schon gemacht hatte, als Wissen ein.<br />
Er wurde zum Motor dieser einzigartigen Organisation.<br />
Auch in Münster wurde also diese segensreiche Entwicklung<br />
mitgetragen. 1961 gründete sich die „Lebenshilfe für das geistig<br />
behinderte Kind - Ortsvereinigung Münster/Westfalen”.<br />
Hier war es das Engagement vieler betroffener und engagierter<br />
Eltern, namentlich der Gattin des Oberstadtdirektors Austermann,<br />
Dr. Margret Austermann, das - aus der Perspektive<br />
betroffener Eltern - eine Selbsthilfegruppe zu einem funktionierenden<br />
Verband geformt hatte.<br />
Zunächst wurden in der „Alten Geist-Schule” durch ehrenamtliche<br />
Pädagogen sechs behinderte Kinder betreut. Die Anzahl der<br />
zu betreuenden Kinder nahm stetig zu und gleichzeitig wuchsen<br />
die Kinder zu jungen Erwachsenen heran. Angesichts dieser<br />
Tatsache wurde deutlich, daß sich die Arbeit der Lebenshilfe auf<br />
Dauer nicht nur auf die Kinderbetreuung beschränken konnte.<br />
161
162<br />
Um die Zukunft der Heranwachsenden zu sichern, arbeitete man<br />
auf die Errichtung einer Werkstatt für Behinderte hin.<br />
Zusammen mit vielen Mitstreitern warb man für eine menschlichere<br />
Umwelt für behinderte Menschen in Münster:<br />
... Beklagt wurde allgemein das Fehlen baulicher Voraussetzungen<br />
zugunsten des Körperbehinderten. So führte eine<br />
Zuhörerin das Beispiel der neuen Grundschule in Berg<br />
Fidel an, deren Stufen den Schulkindern im Rollstuhl das<br />
Leben schwer machten.<br />
Das Argument, daß derartige technische Barrieren nicht<br />
mit bösem Willen geschaffen worden seien, folgte der<br />
spontane Zwischenruf: ‘Nicht mit bösem Willen, aber ohne<br />
Kopf!’<br />
Daß der Kontakt des gesunden zum behinderten Kind im<br />
Rahmen des Klassenverbandes hilfreich ist, darauf wies<br />
Verwaltungsamtmann Peter Guhrauer hin. Im Interesse der<br />
Kinder, die auf Grund von Taub- oder Blindheit sowie<br />
wegen geistiger Schäden weiter die Sonderschule besuchen<br />
müßten, forderte er die ‘normalen’ Schulen zur Übernahme<br />
von Patenschaften mit regelmäßigen Besuchen auf ... . 60<br />
Und auch die Freizeit der behinderten Menschen konnte mit<br />
vielfältigen Angeboten sinnvoll bereichert werden. Etwa durch<br />
Schwimmunterricht, über den sogar die Presse lobend berichtete:<br />
... Behinderten-Schwimmen besteht seit zehn Jahren - DLRG<br />
und Lebenshilfe zogen jetzt Bilanz<br />
Ein kleines Jubiläum begehen in diesen Tagen gemeinsam<br />
die DLRG in Münster und die Lebenshilfe für geistig<br />
behinderte Kinder: Zehn Jahre alt werden nämlich die<br />
Schwimmkurse für geistig behinderte Kinder, Jugendliche,<br />
aber auch Erwachsene.<br />
Der erste Schwimmkurs hatte mit zwölf Behinderten am 23.<br />
Januar 1971 im Lehrschwimmbecken des Institutes für<br />
Leibesübungen am Horstmarer Landweg begonnen.<br />
Heute steht das moderne Hallenbad der Papst-Johannes-
Schule in Münster-Kinderhaus für die Kurse zur Verfügung.<br />
Jeden Dienstag bemühen sich zwölf Mitarbeiter der DLRG<br />
unter Federführung von Erich Pähler mit zum Teil bewundernswerter<br />
Geduld und mit viel Einfühlungsvermögen<br />
darum, die geistig Behinderten mit dem ‘feuchten Element’<br />
vertraut zu machen und sie schließlich soweit zu bringen,<br />
daß sie selbständig schwimmen können.<br />
Das dauert in günstigen Fällen etwa ein Jahr. Es gab bisher<br />
aber auch Kinder, die sechs Jahre Training benötigten, bis<br />
sie sich sicher und allein über Wasser halten konnten.<br />
Insgesamt haben von Januar 1971 bis heute 122 geistig<br />
Behinderte an den Schwimmkursen der Lebenshilfe und der<br />
DLRG teilgenommen.<br />
Zur Zeit nehmen 31 Behinderte im Alter von drei bis 36<br />
Jahren an einem Schwimmlehrgang teil. Unterrichtet werden<br />
die Schwimmschüler in drei Gruppen zu jeweils etwa<br />
zwölf Jungen und Mädchen. Jedem Teilnehmer steht dabei<br />
ein DLRG - Betreuer im Wasser zur Seite.<br />
Eine wichtige Aufgabe haben, laut Dr. Fritz Dieckmann von<br />
der Lebenshilfe, dabei die Eltern. Sie müssen ihre Kinder<br />
immer wieder neu motivieren, den Kursus durchzuhalten.<br />
Die Eltern haben in der Schwimmhalle der Papst-Johannes-Schule<br />
dann auch Gelegenheit, sich von den Fortschritten<br />
ihrer Sprößlinge zu überzeugen. Durch eine Glasscheibe<br />
haben sie freien Blick in die Halle und können alle<br />
Aktionen aufmerksam verfolgen.<br />
Die Bilanz, die Lebenshilfe und DLRG jetzt zogen, kann<br />
sich sehen lassen: Von den 91 Behinderten, die bisher schon<br />
den Schwimmkursus abgeschlossen haben, haben 48 das<br />
Schwimmen erlernt. Bis auf wenige besitzen alle das ‘Seepferdchen’,<br />
35 der Kursusteilnehmer haben ein Freischwimmerzeugnis,<br />
und 15 von ihnen besitzen sogar ein Fahrtenschwimmerzeugnis<br />
... . 61<br />
163
164<br />
1 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.12.1964 vom 17.12.1964.<br />
2 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Geschäftsbericht zur Bilanz per 31.12.1964 vom 17.12.1964.<br />
3 Savelsberg, S. 9.<br />
4 Savelsberg, S. 9.<br />
5 Savelsberg, S. 12.<br />
6 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Gesellschafterbesprechung am 21.06.1965.<br />
7 LWL, Abt. 60, Gr. 22, Sachgr. 02, Abt. 16, „Beschützende Werkstatt” Westfalenfleiß,<br />
1967.<br />
8 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Notiz über Gesellschafterversammlung am 06.09.1967.<br />
9 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Notiz über Gesellschafterversammlung am 06.09.1967.<br />
10 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Arbeits - und Sozialministerium NRW an Westfalenfleiß<br />
(02.02.1968).<br />
11 Archiv Westfalenfleiß - A 4 - Stadt Münster an Westfalenfleiß, 09.01.1968.<br />
12 Münstersche Zeitung, 26.01.1968.<br />
13 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Gesellschafterversammlung am 23.08.1968.<br />
14 STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 2, Niederschrift über die 18. Sitzung des Sozialausschus-<br />
ses am 25.01.1968, Punkt 3.<br />
15 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Interview Gerhard K. und Interview Ursula W..<br />
16 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - Aufstellung von Beschäftigten am 31.12.1970<br />
zum Fragebogen des LWL.<br />
17 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - Stadt Münster - Sozialdezernat an die Westfalen-<br />
fleiß GmbH, 21.09.1970.<br />
18 STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 3, Vortrag am 21.03.1973.<br />
19 STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 3, Vortrag am 21.03.1973.<br />
20 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Gesellschafterversammlung am 29.01.1969.<br />
21 Zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - Ratsvorlage Nr. 72/70/Soz. 3,<br />
02.04.1970.<br />
22 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Bd. 2, Niederschrift 4. Sitzung des Sozialausschusses,<br />
22.04.1970.<br />
23 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Protokoll der Gesellschafterversammlung am 14.04.1970.<br />
24 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Protokoll der Gesellschafterversammlung am 14.04.1970.<br />
25 Ebd..<br />
26 Ebd..<br />
27 Zitat nach: Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - LWL an Lebenshilfe, 18.02.1975<br />
(Kopie).<br />
28 Ebd..<br />
29 Ebd..<br />
30 Savelsberg, S. 13, von Schutz (Werkstatt für Behinderte) war keine Rede mehr.<br />
31 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Interview mit Reiner U. am 06.04.1995.<br />
32 Ebd..<br />
33 Ebd..<br />
34 Ebd..<br />
35 Ebd..<br />
36 Ebd..<br />
37 Ebd. und Gesellschaftervertrag.
38 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Interview Reiner U..<br />
39 So in Ratsvorlage wie oben.<br />
40 Vergl: Archiv Westfalenfleiß GmbH - C1 - Interview Rainer U..<br />
41 Ebd..<br />
42 Ebd..<br />
43 Vgl. hierzu und zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - AWO an Stadt<br />
Münster, LWL und Lebenshilfe, 09.05.1975.<br />
44 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Gesellschafterversammlung, 16.12.1975.<br />
45 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - Oberstadtdirektor von Münster, Ratsvorlage vom<br />
05.09.1975.<br />
46 Ebd..<br />
47 Ebd..<br />
48 Ebd..<br />
49 Ebd..<br />
50 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - Oberstadtdirektor von Münster, Ratsvorlage vom<br />
05.09.1975.<br />
51 STDAM, Amt 14, Nr. 6, Gesellschafterversammlung, 16.12.1975.<br />
52 Ebd..<br />
53 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - LWL an AWO, 16.06.1975.<br />
54 Ebd..<br />
55 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - Lebenshilfe an LWL (Kopie), 10.06.1975.<br />
56 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - AWO an Stadt Münster, LWL und Lebenshilfe,<br />
09.05.1975.<br />
57 Archiv Westfalenfleiß GmbH - A 4 - AWO - Geschäftsbericht 1973/74/75.<br />
58 Hierzu und zum Folgenden: Lebenshilfe, S. 150 f.<br />
59 Fandrey, S. 263.<br />
60 STDAM, OBM, Nr. 208, WN, 11.07.1975<br />
61 Westfälische Nachrichten, 21.01.1981.<br />
165
166<br />
12. Die Westfalenfleiß GmbH heute: Produktive Vielfalt<br />
und soziale Gemeinschaft<br />
Die heutige Westfalenfleiß GmbH als Werkstatt für Behinderte<br />
ist das Ergebnis eines langen und vielschichtigen Entwicklungsprozesses<br />
während der vergangenen (fast) drei Jahrzehnte. Sie<br />
hat sich in dieser Zeit zu einem sozialen Großbetrieb entwickelt.<br />
Immer mehr behinderte Menschen aus ihrem Einzugsgebiet, der<br />
Stadt Münster und Telgte, drängten auf Aufnahme in die gemeinnützige<br />
Werkstatt.<br />
Hinzu kam, daß im Rahmen der Enthospitalisierung auch Langzeitpatienten<br />
der Westfälischen Klinik für Psychiatrie (WKfP)<br />
arbeitsmäßig in die Werkstatt für Behinderte integriert wurden:<br />
Bis heute arbeiten geistig behinderte Menschen bei der Westfalenfleiß<br />
GmbH, während sie weiterhin in der WKfP ihren Wohnplatz<br />
haben.<br />
Die Westfalenfleiß GmbH heute ist ein Partner der Wirtschaft und arbeitet mit<br />
modernen Maschinen.
Dies alles ging mit der Aufgabe einher, alle, die nicht in der freien<br />
Wirtschaft einen Arbeitsplatz fanden, z. B. auch Unfallgeschädigte,<br />
Lernbehinderte und gehörlose Menschen, in die Werkstatt<br />
für Behinderte zu integrieren. Noch heute gilt die Leitidee<br />
„Selbstverwirklichung durch berufliche Eingliederung“.<br />
Heute zählen die Weltunternehmen Armstrong und BASF genauso zu den Partnern der<br />
Werkstatt wie Lancier und Ostermann & Scheiwe.<br />
Die Werkstätten insgesamt, so auch die Westfalenfleiß GmbH,<br />
haben diese Aufgabe bisher hinreichend erfüllen können. Es<br />
waren für sie Jahre voller Bewegung und Betriebsamkeit, bis man<br />
sagen konnte:<br />
... Die Werkstätten für behinderte Menschen sind in der<br />
Zwischenzeit zu einem nicht mehr zu unterschätzenden<br />
Wirtschaftszweig geworden.<br />
Längst vorbei sind die Zeiten, wo die Werkstätten nur als<br />
Hersteller für Holzspielzeug galten. Heute sind die Werkstätten<br />
unter anderem ein Partner der Wirtschaft und<br />
arbeiten mit modernen Maschinen und sind im Dienstleistungsgewerbe<br />
auf vielen Gebieten tätig ... . 1<br />
167
168<br />
Bei der Westfalenfleiß GmbH in Münster hat man nie den Fehler<br />
gemacht, sich ganz und gar auf die typischen Produktionsbereiche<br />
der Behindertenwerkstätten zu verlegen. Schon sehr früh<br />
machte man sich Gedanken darüber, in welchen Bereichen man<br />
eine Marktlücke für sich nutzen könnte.<br />
In enger Zusammenarbeit mit der Industrie wurden standardisierte<br />
Arbeiten verrichtet, die von dem traditionellen Beschäftigungsweg<br />
hin zum selbstbewußtseinstärkenden Arbeiten führten.<br />
Dafür sind die für den bekannten Filterproduzenten Hengst<br />
ausgeführten Tätigkeiten in den ersten Jahren Beleg. Heute<br />
zählen die Weltunternehmen Armstrong und BASF genauso zu<br />
den Partnern der Werkstatt wie Lancier und Ostermann &<br />
Scheiwe.<br />
Die Entwicklung und Förderung der Fähigkeiten der Beschäftigten<br />
stand und steht bei allen Arbeiten im Vordergrund.<br />
Um auch die in praktischen Arbeiten Untrainierten in ihrer<br />
Feinmotorik zu fördern, begann man in den ersten Jahren der<br />
Behindertenwerkstatt Modeschmuck zu produzieren, was auch<br />
von der Presse der Domstadt besonders lobend aufgenommen<br />
wurde:<br />
... Neue Lebensgrundlage durch Arbeit<br />
Die hübschen Ketten, in vielerlei Weise als Schmuckstücke<br />
zu verwenden, sind von Ingeborg gemacht. Sie ist spastisch<br />
gelähmt und leicht geistig behindert. Sie hat besondere<br />
Werkzeuge und ihr Arbeitsplatz wurde eigens hergerichtet.<br />
Bewundert man ihre Ketten, ist es ihr Ansporn zu<br />
eifriger Arbeit. Sie gehört zu den 13 Mädchen und 30<br />
Jungen, die bei ‘Westfalenfleiß’ in Münster einen Arbeitsplatz<br />
gefunden haben ... . 2<br />
Die Zufriedenheit der industriellen Firmen mit der Arbeit in<br />
Behindertenwerkstätten allgemein schlug sich für die Einrichtungen<br />
in der Vergangenheit durchweg positiv nieder. Auch für die<br />
Westfalenfleiß GmbH.
Die Werkstatt wurde mehr und mehr von einem einmaligen<br />
Auftragsnehmer zum gerne akzeptierten Partner.<br />
Die Werkstatt konnte, dank des Engagements der behinderten<br />
und nichtbehinderten Mitarbeiter und unterstützt durch die Gesellschafter,<br />
ihrem Auftrag in den vergangenen Jahren durchaus<br />
gerecht werden. Westfalenfleiß wurde zu einem klangvollen<br />
Namen in Nordrhein-Westfalen.<br />
Weil immer mehr behinderte Menschen zur Westfalenfleiß GmbH<br />
Mit dem Umzug zur neuen Hauptwerkstatt am Kesslerweg ab 1981 begann für die<br />
Westfalenfleiß GmbH eine neue Ära. Über ein halbes Jahrhundert sozialer Arbeit am<br />
Hafengrenzweg hatte damit ein Ende gefunden.<br />
an den Hafengrenzweg kamen und um eine zeitgemäße und<br />
angemessene Behindertenarbeit leisten zu können, brauchte man<br />
neue Räumlichkeiten.<br />
So entstand mit Hilfe der öffentlichen Hand am Kesslerweg eine<br />
moderne Werkstatt, die - so schien es in den 80er Jahren -<br />
ausreichend Platz für die behinderten Menschen aus Münster<br />
bieten konnte. In Telgte wurde weiterhin eine Dependance<br />
169
170<br />
betrieben. Die Außenstandorte der Vorjahre in Wolbeck und an<br />
der Buckstraße kamen zum Kesslerweg. Der Umzug zur neuen<br />
Hauptwerkstatt und damit die Umstrukturierung vollzog sich ab<br />
Oktober 1981 in Etappen.<br />
Eröffnet werden konnte die neue Werkstatt am Kesslerweg mit<br />
einer großen Feier am 06.11.1982. Über ein halbes Jahrhundert<br />
sozialer Arbeit am Hafengrenzweg hatte damit ein Ende gefunden.<br />
Skinabteilung am Höltenweg.<br />
Schon nach wenigen Jahren war die Werkstatt so gewachsen, daß<br />
an Erweiterung gedacht werden mußte. So kam zu den Werkstattgebäuden<br />
am Kesslerweg bald auch die Halle von Neon-<br />
Reinhard am Höltenweg hinzu.<br />
Damit ließen sich mittelfristig auch baulich die in der Werkstättenverordnung<br />
vorgegebenen Zielsetzungen durchführen.<br />
Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung der behinderten Menschen<br />
und des allgemeinen Anstiegs der Behindertenzahlen ist es<br />
abzusehen, daß sich die Frage nach Erweiterung der Werkstatt<br />
erneut stellen wird.
Die Westfalenfleiß GmbH bietet heute im Werkstattbereich 574<br />
Arbeitsplätze und im Wohnstättenbereich 245 Wohnplätze an. Zur<br />
Betreuung dieser behinderten Menschen beschäftigt die GmbH<br />
295 Mitarbeiter und 25 Zivildienstleistende und Praktikanten.<br />
Die behinderten Menschen, sie heißen in der Werkstatt Beschäftigte,<br />
kommen mit den unterschiedlichsten Einschränkungen zur<br />
Westfalenfleiß GmbH.<br />
Es gibt neben geistig-, körper- und psychisch behinderten Menschen<br />
auch mehrfachbehinderte, schwerstmehrfachbehinderte,<br />
gehörlose und blinde Menschen.<br />
Bevor sie an den mittlerweile fünf verschiedenen Standorten -<br />
Hauptwerkstatt am Kesslerweg, Werkstatt am Höltenweg, Werkstatt<br />
in Telgte, Gut Kinderhaus und Industrieservice Münster<br />
(ISM) - tätig werden, durchlaufen sie den Arbeitstrainingsbereich.<br />
Der behinderte Beschäftigte nimmt damit an einer Fördermaß-<br />
Im Arbeitstrainingsbereich werden die Beschäftigten individuell gefördert.<br />
171
172<br />
nahme nach § 56 Arbeitsförderungsgesetz teil. Ziel dieser Maßnahme<br />
ist es, den Beschäftigten individuell zu fördern, so daß<br />
seine Leistungsfähigkeit entwickelt, erhöht oder wiedergewonnen<br />
wird. Innerhalb des Arbeitstrainings, das zwischen sechs<br />
Monaten und zwei Jahren dauern kann, sollen die Fähigkeiten<br />
und Fertigkeiten des Beschäftigten erkannt und gefördert werden.<br />
Das Arbeitstraining umfaßt einen Grund- und einen Aufbaukurs,<br />
die sich - in der Regel - jeweils über zwölf Monate<br />
erstrecken. Im Grundkurs werden Fertigkeiten und Grundkenntnisse<br />
verschiedener Arbeitsabläufe in den Bereichen Elektro,<br />
Metall, Gartenbau, Holzverarbeitung, Hauswirtschaft, Küche<br />
und Näherei vermittelt. Im Aufbaukurs werden Fertigkeiten mit<br />
höherem Schwierigkeitsgrad, insbesondere der Umgang mit<br />
Angeleitet werden die Beschäftigten durch Meister in einem Handwerksberuf, die eine<br />
sonderpädagogische Zusatzausbildung absolviert haben
Maschinen, und tiefere Kenntnisse über Werkstoffe und Werkzeuge<br />
vermittelt. Begleitend zur praktischen Anleitung erfolgt<br />
die fachtheoretische und lebenspraktische Förderung.<br />
Von der Fertigung über die Montage bis zur Verpackung<br />
reicht die Palette der Arbeitsausführungen. Moderne<br />
Maschinen erleichtern die Auftragsabwicklung.<br />
Für behinderte Menschen ist die aktive Teilnahme am Arbeitsleben,<br />
am Leben in der Gemeinschaft von besonderer Bedeutung:<br />
Durch die Arbeit bei der Westfalenfleiß GmbH gewinnen die<br />
Behinderten einen zweiten Lebensraum hinzu und ein geregelter<br />
Tagesablauf gibt ihnen Sicherheit.<br />
Über die geleistete Arbeit - Produktherstellung und Entlohnung<br />
- erfahren die behinderten Beschäftigten Erfolgserlebnisse.<br />
173
174<br />
In einer sozialen Gemeinschaft eingebunden zu sein steht auch<br />
für: Freunde, Kontakte und Beziehungen. Das soziale Miteinander<br />
spielt sich vor allem in den jeweiligen Arbeitsbezügen ab.<br />
Deswegen ist für behinderte Menschen sinnvolle Beschäftigung<br />
so wichtig: Arbeit als Sinngebung für das Leben.<br />
Ein differenziertes Arbeits- und Auftragspotential macht<br />
es realisierbar, für jeden Beschäftigten der Werkstatt eine<br />
Möglichkeit zu lebenslangem Lernen und damit zur Weiterentwicklung<br />
zu bieten.<br />
Um für jeden eine passende und angemessene Tätigkeit zu<br />
finden, ist die Anleitung durch besonders geschulte Mitarbeiter,<br />
die eine sonderpädagogische Zusatzausbildung absolviert haben,<br />
wichtig. Sie stehen den behinderten Menschen als Gruppenleiter<br />
mit Rat und Tat zur Seite.
Die Befriedigung, Nützliches zu leisten, ist für den behinderten<br />
- wie für den „normalen“ Menschen auch - wesentlich für die<br />
Entwicklung seines Selbstbewußtseins und seiner beruflichen<br />
und persönlichen Identität.<br />
Mit großer Konzentration, Willenskraft und Genauigkeit sowie<br />
Begeisterung für das Resultat, werden die Arbeiten ausgeführt.<br />
Ihren Kunden bietet die Westfalenfleiß GmbH eine umfangreiche<br />
Palette der Arbeitsausführungen von der Fertigung über die<br />
Montage bis zur Verpackung. Der größte Teil der Arbeitsplätze<br />
befindet sich in der Werkstatt am Kesslerweg. Folgende Abteilungen<br />
sind hier eingerichtet:<br />
Holzverarbeitung: Fertigung für die holzverarbeitende Industrie.<br />
Darüber hinaus werden Produkte für Basar- und Boutique-<br />
Verkauf sowie Kleinmöbel hergestellt.<br />
Metallverarbeitung: An entsprechenden Maschinen werden Aufträge<br />
der Metallindustrie durchgeführt: Fräsen, Bohren, Drehen,<br />
Spanabheben, Draht aufwickeln, Leiterregale für Kaufhäuser montieren.<br />
Elektromontage: Lampen komplettieren, Kabel löten, aufwikkeln<br />
und Kabelschuhe anstanzen, Schaltermontage, Kabel ablängen,<br />
Kabelanschlußstücke verklemmen, Teilmontage an Elektrogeräten.<br />
Skin- und Blisterverpackungen: SB-Markt-Produkte verschiedenster<br />
Art werden maschinell mit Folie überzogen.<br />
Montage und Verpackung: Manuelle Montage-, Sortier- und<br />
Verpackungsarbeiten jeder Art werden im Auftrag von Firmen<br />
ausgeführt.<br />
175
176<br />
Näherei: Inlettbezüge, Waschhandschuhe und Putztücher werden<br />
zugeschnitten und an Industrienähmaschinen weiterverarbeitet.<br />
Außerdem Herstellung von dekorativen Textilien für den<br />
Basar- und Boutique-Verkauf.<br />
Wäscherei: Reinigung und Pflege der Hauswäsche (Werkstatt<br />
und Wohnstätte); Dienstleistungsangebote außer Haus.<br />
Besen- und Bürsteneinzieherei (im Betriebsteil Telgte): Bürsten,<br />
Besen und Sonderanfertigungen aller Art werden nach wie<br />
vor manuell aber auch maschinell eingezogen und im Direktvertrieb<br />
an Industrie-, Handwerks- und Handelsbetriebe verkauft.<br />
Parkplatzbewachung: In Zusammenarbeit mit der Stadt Münster<br />
bewacht die Westfalenfleiß GmbH in der Innenstadt von<br />
Münster neun gebührenpflichtige Park- und Einstellplätze für<br />
Autos und Fahrräder.<br />
Die Bereiche Garten- und Landschaftspflege und die Großküche,<br />
die auch am Kesslerweg beheimatet sind sowie das Gut<br />
Kinderhaus und der Industrieservice Münster (ISM), die sich<br />
an anderen Standorten befinden, werden gesondert vorgestellt.<br />
Die Ausstellung und der Verkauf von Eigenprodukten erfolgt<br />
an unterschiedlichen Standorten.<br />
Boutique in der Werkstatt am Kesslerweg:<br />
- Spielzeug<br />
- Geschenkartikel<br />
- Kunstgewerbe<br />
Laden der Gärtnerei am Kesslerweg:<br />
- Gemüse, Kräuter<br />
- Beet- und Balkonpflanzen
- Topfpflanzen<br />
- Trocken- und Adventsgestecke, Kerzen<br />
- Töpferwaren<br />
Ausstellungs- und Verkaufsraum im Betrieb Telgte,<br />
Orkotten 25:<br />
- Bürsten und Besen<br />
Diese Vielfalt der Produktionspalette - und damit verbunden ein<br />
differenziertes Arbeits- und Auftragspotential - macht es realisierbar,<br />
den Beschäftigten der Werkstatt für Behinderte eine<br />
Möglichkeit zu lebenslangem Lernen und damit zur Weiterent-<br />
In der Zweigwerkstatt in Telgte werden heute noch Besen und Bürsten gefertigt. Am<br />
traditionellen „Tag der Offenen Tür“ nutzen zahlreiche Besucher die Gelegenheit, bei<br />
der manuellen Herstellung zuzuschauen.<br />
177
178<br />
wicklung zu bieten. Die Westfalenfleiß GmbH ist geprägt durch<br />
ihren dualen Auftrag: Einerseits ist es ihre Aufgabe für behinderte<br />
Menschen Arbeitsplätze zu schaffen und sie pädagogisch zu<br />
betreuen, andererseits ist sie ein wirtschaftlich arbeitender Betrieb,<br />
der sich der Konkurrenz der freien Marktwirtschaft stellen muß.<br />
Die Elektroabteilung der Hauptwerkstatt.<br />
Einen Einblick in das reale Werkstattgeschehen ermöglicht die<br />
folgende Quelle:<br />
... Werner B.’s Arbeitstag beginnt bereits um sechs Uhr mit<br />
dem Aufstehen. Nach dem Waschen und Frühstücken ist<br />
Werner B. noch eine Stunde mit dem Bus unterwegs, bevor<br />
dieser um acht Uhr die Werkstatt erreicht. Werner B. wurde
von Anfang an mit Elektroarbeiten betraut. In den vielen<br />
Jahren hat er verschiedene Arbeiten und Aufträge ausgeführt.<br />
Zur Zeit arbeiten 14 Frauen und 13 Männer im Alter<br />
von 23 bis 50 Jahren dort. Ihre Behinderungsarten und -<br />
grade sind sehr unterschiedlich. Wo es nötig ist, hilft einer<br />
dem anderen. Mitverantwortlich für das gute Klima in den<br />
Gruppen sind die Gruppenleiter. Beide sind ausgebildete<br />
Elektriker und haben mehrere Jahre im Handwerk oder in<br />
der Industrie gearbeitet. ... . 3<br />
1 Dieter Kunath: Situation der Werkstätten für Behinderte in der Bundesrepublik<br />
Deutschland, In: Westfalenfleiß Echo 3/94; Grdl: Greskowiak und Cloerkes.<br />
2 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2 - Sammlung Nienhaus, Mustergültiger Westfalenfleiß<br />
in: Kirche und Leben, 13.04.1969.<br />
3 Von der Montage zum Transport, In: Westfalenfleiß Echo, Ausgabe 0, Dezember<br />
1991.<br />
179
180<br />
12.1. Gut Kinderhaus: Behinderte arbeiten im landwirtschaftlichen<br />
Betrieb<br />
Im Norden der Stadt, idyllisch mitten im Grünen, liegt das Gut<br />
Kinderhaus. Nur wenige Werkstätten verfügen über einen derartig<br />
großen landwirtschaftlichen Teilbereich. Die Geschichte seiner<br />
Zugehörigkeit zur Westfalenfleiß GmbH beginnt 1988.<br />
Gut Kinderhaus.<br />
Nachdem der Gesundheits- und Krankenhausausschuß des Landschaftsverbandes<br />
die Vorlage zur Änderung der Bewirtschaftung<br />
der Gutswirtschaften des Landschaftsverbandes in diesem Jahre<br />
gebilligt hatte, war die Westfalenfleiß GmbH als Pächter ins<br />
Gespräch gekommen. 1<br />
Das 120 ha große Gut Kinderhaus wurde seinerzeit noch von der<br />
Westfälischen Klinik für Psychiatrie bewirtschaftet. 2
Die Produktionszweige jener Jahre waren Bullen- und Schweinemast.<br />
Auf dem Bauernhof arbeiteten ein Verwalter und zwei<br />
Mitarbeiter neben einer großen Anzahl von psychisch behinderten<br />
Menschen aus der WKfP, den Langzeitpatienten. Eines der<br />
wichtigsten Probleme war für den LWL und die Westfalenfleiß<br />
GmbH, was aus den auf Gut Kinderhaus lebenden Menschen<br />
werden sollte. Man konnte sich einigen und sprach allen ein<br />
lebenslanges Wohnrecht zu.<br />
Von den 30 psychisch behinderten Menschen die auf dem Bauernhof<br />
lebten, waren neun für die Arbeit auf dem Gutsbetrieb<br />
vorgesehen, die übrigen ehemaligen älteren Patienten sollten mit<br />
tagesstrukturierenden Maßnahmen weiter betreut werden, etwa<br />
im Garten oder in der Kleinviehhaltung.<br />
Die Westfalenfleiß legte bei der Übernahme des Gutes im Jahr<br />
1990 Wert auf eine ökonomische und ökologische Arbeitsweise<br />
Tierhaltung auf Gut Kinderhaus: Kleinvieh macht auch Mist!<br />
181
182<br />
unter den Bedingungen einer angemessenen, zeitgemäßen Behindertenarbeit.<br />
Nach der Übernahme begann die grundlegende Umstrukturierung<br />
des Gutes zu einem behindertengerechten Betrieb. Die<br />
Schweinezucht und -mast - aus Sicherheitsgründen konnte die<br />
Bullenmast nicht fortgeführt werden - wurde zum Hauptbe-<br />
Ferkelaufzucht auf Gut Kinderhaus.<br />
triebszweig des Gutes, wobei der Umfang sich seither am selbstproduzierten<br />
Futteraufkommen und den Entsorgungsmöglichkeiten<br />
für die tierischen Abfälle zu orientieren hatte.<br />
Hinzu kommt heute ein leistungsstarker Obstbetrieb, der seit<br />
1994 „die Früchte seiner Arbeit“ direkt vermarktet. 3 Um auch<br />
Marmeladen und Konfitüren herstellen zu können, wurde 1993<br />
eine eigene Marmeladenküche erstellt.<br />
Innerhalb der Ernteperioden hat der Kunde die Möglichkeit, sein<br />
Obst selbst zu pflücken oder pflücken zu lassen. 4 Für den Verkauf<br />
„ab Feld“ spricht - neben der Qualität der Produkte - auch schon
Die „Fahrradflotte“ auf Gut Kinderhaus: Mit den betriebseigenen Fahrrädern radeln<br />
die Kunden zur Obstanlage und pflücken ihr Obst selbst.<br />
der malerische Weg zu den Erntestellen, der von Spaziergängern<br />
und anderen Erholungssuchenden gerne genutzt wird, da der<br />
ganze Komplex in einem Landschaftsschutzgebiet liegt.<br />
1 Westfalenfleiß Akte Gut Kinderhaus, o. D..<br />
2 Zum Folgenden ebd..<br />
3 Hit der Saison: Direktvermarktung, In: Westfalenfleiß Echo, Ausgabe 3, Juli -<br />
September 1994.<br />
4Leben und Arbeiten auf dem Bauernhof, In: Westfalenfleiß Echo, Ausgabe 0,<br />
Dezember 1991.<br />
183
184<br />
12.2. ISM - Arbeitsplatz für psychisch behinderte Menschen<br />
Die Vielfalt der Behinderungsarten und der Wunsch nach Differenzierung<br />
in ihrer Betreuung und Beschäftigung in den vergangenen<br />
zwei Dezennien führte dazu, daß von der Westfalenfleiß<br />
GmbH ein spezielles Angebot für die psychisch behinderten<br />
Menschen zur Verfügung zu stellen war. 1<br />
Seit Mai 1985 besteht bei der Westfalenfleiß GmbH ein Zweigbetrieb<br />
für psychisch behinderte Menschen, die zur Zeit nicht auf<br />
Eine Produktion des ISM: Das Schaukelmotorrad „Harley Davidson“.<br />
dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt sind. Neben der Bereitstellung<br />
von leistungsgerechten Dauerarbeitsplätzen ist es<br />
das Ziel, möglichst vielen Beschäftigten durch gezielte Arbeitstrainingsmaßnahmen<br />
den Zugang bzw. die Rückkehr auf den<br />
freien Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
Die Auftragsvergabe durch die Industrie ist das Fundament der<br />
Arbeit des ISM, dem Industrieservice Münster, so der Name des<br />
neuen Zweigbetriebes.<br />
Zunächst galt es beim ISM, Kooperationsformen, die in diesem<br />
Bereich der Behindertenarbeit unabdingbar sind, aufzubauen.<br />
Das Angebot wurde den psychosozialen Institutionen und Einrichtungen<br />
sodann vorgestellt. Über die Teilnahme an verschiedenen<br />
Arbeitskreisen und auf vielen Informationsveranstaltungen<br />
machte sich die neue Einrichtung bekannt. So kam es auch<br />
schon recht bald zu ersten Kontaktgesprächen mit Interessenten.<br />
Heute ist der ISM ein gerngesehener Vertragspartner etwa für<br />
Versand- und Druckarbeiten oder ähnliche Aufträge aus der<br />
Wirtschaft, die Elektromontage, die Holzverarbeitung und Verpackungs-<br />
und Montagearbeiten für die Industrie.<br />
Steigende Nachfrage nach den Dienstleistungsangeboten des<br />
Industrieservices sowie steigende Nachfrage auch seitens der<br />
Klientel verbunden mit mangelnder Raumkapazität erforderte<br />
einen Umzug des ISM vom Höltenweg 118 zum Höltenweg 105.<br />
Hier bietet der Betrieb 80 Arbeitsplätze für psychisch behinderte<br />
Personen an.<br />
1 Zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Interview Karl- Heinz R..<br />
185
186<br />
12.3. Liebe geht durch den Magen - Die Küche<br />
Ein Arbeitsbereich, der nach außen hin in Münster am bekanntesten<br />
ist, ist die Küche der Westfalenfleiß GmbH. 1 Hier wird für<br />
die Beschäftigten und die Mitarbeiter ein schmackhaftes Menü<br />
hergerichtet.<br />
Täglich ab 11.45 Uhr beginnt die Essensausgabe, wobei die<br />
Hungrigen zwischen drei Gerichten wählen können. Gegen 13.30<br />
Uhr haben dann die letzten Gäste den Speisesaal verlassen.<br />
Das bedeutet für die behinderten und nichtbehinderten Mitarbei-<br />
In der Küche der Westfalenfleiß GmbH werden pro Tag mehr als 1000 Essen gekocht.<br />
ter in der Küche, daß etwa tausend Hungrige satt geworden sind,<br />
denn am Kesslerweg wird nicht nur für die Beschäftigten, Mitarbeiter<br />
und Gäste gekocht, auch Schulen und Betriebe im Umland<br />
lassen sich von der Westfalenfleiß-Küche verwöhnen.
Es hat sich als ein Geheimtip herumgesprochen, daß man das<br />
Büfett, gleich ob kalt oder warm, von der Westfalenfleiß GmbH<br />
beziehen kann, wenn in Münster private oder geschäftliche<br />
Festivitäten zu begehen sind. Je nach Wunsch und Geschmack<br />
bereitet das Küchenteam deftige „Hausmannskost“ oder delikate<br />
Speisen nach „Feinschmecker Art“ zu.<br />
1 Vergl. zum Folgenden: Diner für 1000, In: Westfalenfleiß Echo, Nr. 4/94.<br />
187
188<br />
12.4. Viel frische Luft: Gartenbau und Landschaftsbepflanzung<br />
Schon sehr früh wurde Gartenbau und Landschaftspflege von der<br />
Westfalenfleiß GmbH betrieben. So beschäftigten sich vor mehr<br />
als zwanzig Jahren, 1973, die behinderten Menschen schon mit<br />
Gartenpflege. 1<br />
Ohne die Gärtnerei der Westfalenfleiß GmbH würde heute in<br />
Münster und seinem Umland etwas fehlen. 2<br />
Die Westfalenfleiß-Gärtnerei: Eine grüne Oase.
Alles was in einem schmucken Verkaufsraum am Kesslerweg<br />
heutzutage von der Gärtnerei präsentiert wird, ist größtenteils<br />
auch dort produziert worden.<br />
Versierte Zierpflanzengärtnerinnen betreuen auf einem Areal<br />
Ein Bild aus Pioniertagen: Die Gärtnergruppe der Westfalenfleiß GmbH.<br />
von Gewächshäusern und Beeten vom Stiefmütterchen bis zum<br />
biologischen Gemüse die ganze Palette gärtnerischer Kunst.<br />
Über den Winter bietet die Westfalenfleiß GmbH seit 1989 die<br />
Möglichkeit, frostempfindliche Pflanzen unter Glas überwintern<br />
zu lassen. Die Kunden aus Münster und der näheren Umgebung<br />
haben dieses Angebot begeistert angenommen.<br />
1 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2 - Sammlung Nienhaus, MZ, 05.10.1973.<br />
2 Vergl. zum Folgenden: Eine grüne Oase, In Westfalenfleiß Echo, 1/92.<br />
189
190<br />
12.5. Arbeitsplätze mit Tradition - die Parkplatzbewachung<br />
Die Parkplatzbewachung wird auch heute noch von der Werkstatt<br />
gepflegt. Das hat ihr sogar den Weg in die Literatur geebnet.<br />
Ein Parkplatzhäuschen der Westfalenfleiß GmbH.<br />
Hans Dieter Schwarze, ein bedeutsamer Schriftsteller aus Münster,<br />
hat dem langjährigen Mitarbeiter der Westfalenfleiß GmbH<br />
Theodor Abeck ein literarisches Denkmal gesetzt.<br />
... Kaum einen Schritt aus dem Hause, Engelstraße Nr. 35,<br />
schon muß ich an den Parkwächter denken, obwohl er<br />
längst nicht mehr im engen Holzhäuschen bei der Latüchte<br />
sitzt.<br />
Inzwischen zog er um, von Telgte nach Teneriffa. ‘Geh aus<br />
mein Herz’, hat er mir oft zugesungen. Sein Winken sehe<br />
ich jeden Morgen, wenn ich mich auf den Pad zur Promenade<br />
mache, Fuß für Fuß.
Der damalige Parkwächter von ‘Westfalenfleiß’ schwenkte<br />
seine Arme mit ganz unwestfälischer Ausdruckskraft;<br />
als wolle er mich so aufmuntern, wie man Kinder gut auf<br />
den Tag einstimmen und auf den Weg bringen möchte.<br />
Jetzt ist eine neue Generation von Parkwächtern und -<br />
wächterinnen in die Hütte an der Engelstraße eingezogen.<br />
Ihre Gesichter halten sie mir verborgen. Nicht einer singt<br />
mehr ‘Geh aus mein Herz und suche Freud’.<br />
Dafür schwenke ich mit beiden Armen, von der schönen,<br />
lieben Erinnerung an den Teneriffamann täglich ungemein<br />
belebt, allen Tauben, Amseln und Enten zu ... Die Tiere<br />
blicken mich an, sehen mir nach und nicken ernst, wenn ich<br />
Richtung Kanonengraben gehe. Fuß für Fuß ... . 1<br />
Gegenwärtig sind 32 Personen, die zum größten Teil schwerbehindert<br />
sind, mit der Bewirtschaftung der städtischen Parkplätze<br />
beschäftigt. Es sind über 1.700 Einstellplätze, die bewacht werden.<br />
Die ersten Verträge zwischen der Westfalenfleiß GmbH und<br />
der Stadt Münster wurden im November 1969 abgeschlossen<br />
und in den Nachfolgejahren entsprechend angepaßt.<br />
1 Hans Dieter Schwarze: Manteltaschennotizen In: Westfalenfleiß Echo 3/94.<br />
191
192<br />
12.6. Alle unter einem Dach: Schwerstbehinderte als vollwertige<br />
Werkstattmitglieder<br />
In all den Jahren ihres Bestehens hat die Werkstatt sich bemüht,<br />
dem behinderten Menschen zu einem vollwertigen Platz in der<br />
Gesellschaft zu verhelfen. Obwohl es viele Erfolge zu verzeichnen<br />
gibt, war und ist das Umfeld nicht grundsätzlich behindertenfreundlich.<br />
Das Problem der Euthanasie war auch in der Bundesrepublik nie<br />
vom Tisch. Genauso wie es heute bestimmte Kreise gibt, die den<br />
menschenverachtenden Thesen des Philosophen Singer noch<br />
positive Seiten abgewinnen können, erhitzten sich schon 1968 -<br />
im Jahr der Gründung der Behindertenwerkstatt - die Gemüter<br />
angesichts eines Beitrags im NDR-Magazin „Panorama”, der<br />
sich am 10.06.1968 mit dem Problem der Euthanasie auseinandersetzte.<br />
Die Schwester eines Westfalenfleiß-Beschäftigten, selbst eine<br />
der ältesten und erfahrensten Gruppenleiterinnen in der Werkstatt,<br />
machte ihrem Herzen Luft, als sie nach der Sendung an die<br />
Redaktion des Magazins schrieb:<br />
... Sehr geehrter Herr Merseburger!<br />
Am 10. Juni 1968 sah ich Ihre Sendung ‘Panorama’ mit<br />
dem Thema ‘Euthanasie ja oder nein?’. Sie haben das Bild<br />
der Behinderten so entstellt, daß ich, die ich selber einen<br />
behinderten Bruder habe, nicht wußte, ob ich lachen oder<br />
weinen sollte.<br />
Mein Bruder ist mongoloid, doch niemand in unserer<br />
Familie hält ihn für einen ‘Idioten’ wie sie es bezeichnen.<br />
Wir, unsere ganze Familie, fühlen uns von Ihrem arroganten<br />
Ausdruck beleidigt.<br />
In den ersten Lebensjahren war mein Bruder oft schwer<br />
krank. Doch durch die aufopfernde Liebe meiner Mutter<br />
wurde er gesund.
Nach dem vierten Lebensjahr ging es dann aufwärts.<br />
Unsere ganze Familie, wir sind mit 11 Kindern [sic], müht<br />
sich um ihn und betreut ihn. Er wurde überall mit hin<br />
genommen und wuchs somit in einer Gemeinschaft auf.<br />
Mit 9 Jahren bekam er Privatunterricht. Er konnte in der<br />
Zeit noch keinen Bleistift halten. Durch die Ausdauer<br />
einer Lehrerin brachte er es fertig, kleine Diktate und<br />
Lesestücke zu schreiben.<br />
Heute mit 20 Jahren geht er leichter Beschäftigung nach.<br />
In seiner Freizeit kann er Einkäufe tätigen und sich zu<br />
Hause oder im Garten beschäftigen.<br />
Im Gegensatz zu Ihrer Sendung bin ich der Meinung - mein<br />
Bruder und der Umgang mit anderen behinderten Menschen<br />
gibt mir ein praktisches Beispiel dafür -, daß auch<br />
diese Menschen gebildet werden können. Es gehört allerdings<br />
Ausdauer und Liebe dazu.<br />
Mit ihrer Sendung haben Sie, Herr Merseburger, den<br />
Zuhörern ein vollkommen falsches Bild von den Behinderten<br />
gegeben und den Eltern ‘behinderter Kinder’ den Mut<br />
und die Hoffnung genommen, daß aus Ihren Kindern noch<br />
etwas werden könnte.<br />
Natürlich sind Anstalten notwendig, aber es ist nicht der<br />
einzige Weg diesen Menschen zu helfen.<br />
Ich erwarte von Ihnen eine Entschuldigung und so - wie am<br />
10.6.68 - eine Sendung von 35 Minuten ‘Panorama’ über<br />
Behinderte, allerdings mit positiver Aussage. - ‘Wie könnte<br />
Behinderten geholfen werden ohne Anstalt, wie kann<br />
man selbst noch Behinderte mit Intelligenzquotient 0 ...<br />
bilden?’ Keiner ist so wertlos, daß es sich nicht lohnt sein<br />
Leben zu erhalten ... . 1<br />
Nicht nur sein Leben zu erhalten, möchte man angesichts dieser<br />
klaren Worte hinzufügen. Jemanden sein Leben leben zu lassen<br />
ist ähnlich wichtig. Dies gilt gerade auch für diejenigen, denen<br />
eine heute wieder populäre Meinung ihre Existenzberechtigung<br />
abzusprechen geneigt ist: den Schwerstmehrfachbehinderten.<br />
Der tägliche Erlebensbereich dieser Beschäftigten der Westfa-<br />
193
194<br />
lenfleiß GmbH befindet sich in einem Nebengebäude des Hauptbetriebes<br />
im Kesslerweg. Seine Vorgeschichte ist lang:<br />
Anfang der 80er Jahre regte der Landschaftsverband Westfalen-<br />
Lippe die Integration von schwerstmehrfachbehinderten Menschen<br />
in die Werkstätten an, die aufgrund ihrer Behinderung die<br />
Bedingungen der Werkstättenverordnung in Bezug auf Erbringung<br />
eines Mindestmaßes an wirtschaftlich verwertbarer Arbeit<br />
nur schwer erfüllen konnten.<br />
Die Integration unter dem „verlängerten Dach“ der Werkstatt -<br />
damit an einem Ort von Produktivität - war und ist erklärtes Ziel<br />
in den Werkstätten in Nordrhein-Westfalen.<br />
Die ersten Beschäftigten dieser Jahre waren fünf bis sechs schwer<br />
Schwerstmehrfachbehinderte Menschen brauchen gezielte Förderung.<br />
geistig behinderte Personen.<br />
Es wurde eine Integrationsgruppe eingerichtet, die den speziellen<br />
Bedürfnissen dieses Personenkreises Rechnung trug. In späteren<br />
Jahren änderte sich die Bezeichnung des Schwerstbehindertenbereiches<br />
in Förder- und Betreuungsbereich.
Damit wurde eine Bezeichnung gewählt, die insbesondere mit<br />
Nachdruck evident machen sollte, daß die körperlichen und<br />
geistigen Fähigkeiten dieses Personenkreises, soweit dies möglich<br />
ist, besonders gefördert werden sollen.<br />
Arbeit ist auch hier der zentrale Begriff, denn aus Gründen des<br />
Sozialrechts muß auch diesen Beschäftigten Arbeit angeboten<br />
werden - welcher Art und in welcher Intensität auch immer.<br />
Auch schwerbehinderte Menschen können durch gezielte Förderung<br />
mit entsprechenden Hilfsmitteln einfache Arbeiten durchführen.<br />
Ein großer Teil der sehr schwer behinderten Menschen benötigt<br />
eine Betreuung auch im Bereich ganz alltäglicher Dinge wie bei<br />
der Nahrungsaufnahme oder der Körperpflege.<br />
... Alle ... Aktivitäten richten sich grundsätzlich nach der<br />
sich häufig verändernden Verfassung und Bereitschaft<br />
der zu betreuenden Gruppenmitglieder, sich auf Forderungen<br />
Dritter einzulassen.<br />
Hier sind Einflüsse durch die Wetterlage, die Jahreszeit,<br />
durch häusliche Vorkommnisse, Müdigkeit, durch Alter<br />
und auch sich nicht deutlich manifestierendes Krankheitsgeschehen<br />
ausschlaggebend. ... . 2<br />
Die mittlerweile immer weiter anwachsende Gruppe benötigt<br />
einen erheblichen Anteil an Zuwendung und betreuenden Maßnahmen,<br />
so daß der Personalschlüssel hier 1:4 ist. Diese Gruppe<br />
der Schwerstmehrfachbehinderten, wie auch die Gruppe der<br />
immer älter werdenden behinderten Menschen wird das besondere<br />
Aufgabenfeld für die nächsten Jahre sein.<br />
Unter der sachkundigen Betreuung von Fachpersonal aus dem<br />
pflegerischen, wie aus dem pädagogischen Bereich wird hier<br />
versucht, diese behinderten Menschen einen für sie erfüllten Tag<br />
erleben zu lassen. Dazu ist besondere Zuwendung und Ruhe, viel<br />
Liebe und Geduld erforderlich.<br />
195
196<br />
Diese Menschen leben ihr Leben in einer ganz anderen, für den<br />
Nichtbehinderten verschlossenen Welt. Wir müssen schwerstbehinderte<br />
Menschen so akzeptieren, wie sie sind. Dies hat Prof.<br />
Andreas Fröhlich am Lebenshilfetag 1992 deutlich und zutreffend<br />
formuliert:<br />
... Wir wollen den Menschen nicht so wie er ist!<br />
Da wird geformt und gefördert. Nur soll er nicht so sein,<br />
wie er ist!<br />
Unsere Förderbemühungen sind ein Zerren ins Dunkle,<br />
Unbekannte. Die schwerstbehinderten Menschen wissen<br />
nicht, wohin wir sie ziehen. Da muß mehr nachgedacht<br />
werden.<br />
Keine aktionistische Therapie und Pädagogik mehr!<br />
Wir müssen ruhiger, sensibler, unkonventioneller werden.<br />
Wir müssen mehr das Anderssein respektieren.<br />
Ich darf in einer elementaren Form bei Ihnen sein.<br />
Sie schützen sich selbst vor ihrer Umgebung - perfekt!<br />
Sie machen zu, sagen konsequent ‘Nein’. Ich beneide sie<br />
da.<br />
Warum müssen sie denn sein wie wir?<br />
Diese Menschen sind deutlich glücklich oder unglücklich.<br />
Wir ‘Profis’ können sehr viel Unheil stiften.<br />
Das Fachwissen muß nur Werkzeug bleiben und ‘unten’<br />
hingesetzt<br />
werden ... . 3<br />
Das bedeutet, daß im Förder- und Betreuungsbereich versucht<br />
wird, behutsam den Einzelnen in seiner ganz individuellen Disposition<br />
zu unterstützen, ihn ein in sich selbst geschlossenes Ich sein<br />
zu lassen. Er soll kein Abklatsch eines Idealbildes werden,<br />
sondern er selbst - eine Persönlichkeit.<br />
1 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2 - Sammlung Nienhaus, Brief M. Nienhaus o.D..<br />
2 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Tagesplan Förder- und Betreuungsbereich o.D..<br />
3 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Referat Andreas Fröhlich (03.09.1992) -<br />
Auszug -.
12.7. Freizeit und Feste<br />
Alle Menschen bedürfen der<br />
besonderen Ereignisse, auf<br />
die man sich freuen kann, die<br />
das Leben strukturieren. Der<br />
Freizeitbereich ist für behinderte<br />
Menschen genauso<br />
wichtig wie für die Nichtbehinderten;<br />
hier kann man sich<br />
individuell entfalten, Lebensorientierung<br />
gewinnen.<br />
Die vielfache Ausdifferenzierung<br />
des Freizeitsektors geht<br />
häufig an behinderten Menschen<br />
total vorbei. 1 Deshalb<br />
bietet die Werkstatt unterschiedliche<br />
Aktivitäten an.<br />
Neben dem Sport und speziellen Angeboten sowohl in der<br />
Werkstatt als auch in den Wohnstätten müssen dabei besonders<br />
die Urlaubsaktivitäten in Form von Ferienfreizeiten genannt<br />
werden. Seit Jahren bietet die Westfalenfleiß GmbH ihren Beschäftigten<br />
die Möglichkeit, die freie Zeit sinnvoll zu nutzen,<br />
ohne daß dabei die behinderten Menschen auf Betreuung und<br />
Hilfe verzichten müssen.<br />
Schon sehr früh gediehen bei der Westfalenfleiß GmbH Pläne, die<br />
behinderten Menschen mit einer sinnvollen Freizeitgestaltung<br />
besser zu betreuen.<br />
Dazu gehörte, daß behinderte Menschen einmal im Jahr mit ihren<br />
Bezugspersonen aus der Werkstatt einen Ausflug machten. 1968<br />
197
198<br />
fand dieser Vorläufer der späteren Freizeiten zum ersten Mal<br />
statt. Er wurde wie folgt angekündigt:<br />
... beabsichtigen wir, am 27 August 1968 einen Ausflug zu<br />
machen, der das Einerlei der Arbeit einmal freundlich<br />
unterbrechen soll.<br />
Freundlicherweise hat sich die Bundeswehr bereit erklärt,<br />
für diese Tour zwei Busse zur Verfügung zu stellen.<br />
Die Fahrt geht über Greven, Ladbergen, Kattenvenne und<br />
Lienen in den Teutoburger Wald, wo wir im Gasthaus<br />
‘Malepartus’ zu Mittag essen werden. Nach einigen Spielen<br />
fahren wir dann über Ledde, Tecklenburg zu den<br />
Dörenther Klippen.<br />
Dort werden wir Kaffee trinken und gegen 17.00 Uhr<br />
wieder im Betrieb eintreffen.<br />
Wie Sie dem Vorgesagten entnehmen können, sind all´<br />
diese Dinge dazu angetan, das Selbstbewußtsein unserer<br />
behinderten Menschen zu stärken und ihnen auf den<br />
Schon von Anbeginn kümmerte sich die Werkstatt um den Freizeitsektor der Behinderten.<br />
Der erste Ausflug der Werkstatt führte 1968 ins Tecklenburger Land.
verschiedensten Gebieten die Möglichkeit zu freier Entfaltung<br />
ihrer Persönlichkeit zu geben ... . 2<br />
Der erste Ausflug der Werkstatt führte 1968 ins Tecklenburger<br />
Land. Die Fahrt war ein voller Erfolg, viele behinderte Menschen<br />
kamen in jenen Jahren zum ersten Mal aus ihrer Stadt heraus -<br />
1970 fuhr die gesamte Firma nach Stuckenbrock.<br />
199
200<br />
wenn auch nur für wenige Stunden. Deshalb mußte diese Veranstaltung<br />
unbedingt wiederholt werden.<br />
1970 machte man von der Westfalenfleiß GmbH aus dann wieder<br />
einen Ausflug für die gesamte Firma. Diesmal ging es nach<br />
Stukenbrock in den dortigen Safaripark.<br />
Aus den Ausflügen wurden ab 1972 die Ferienmaßnahmen der<br />
Werkstatt.<br />
Im Safaripark in Stuckenbrock.<br />
Die erste Ferienmaßnahme der Westfalenfleiß GmbH fand vom<br />
22. Juni bis 13. Juli 1972 auf Norderney statt. 3<br />
Bereits 1971 war der Gedanke dazu entstanden. Gerade die<br />
Gruppenleiter fanden es wichtig, daß die behinderten Menschen<br />
der Westfalenfleiß GmbH einen Urlaub mit gesicherter Betreuung<br />
und zu vertretbaren Kosten verbringen konnten. Nach einer<br />
umfangreichen und sachkundigen Vorbereitung, die die Werk-
statt, die Eltern, Ärzte und besonders die Gruppenleiter über<br />
Monate zusätzlich beanspruchte, konnte es am 22. Juni losgehen.<br />
Insgesamt gingen 56 Teilnehmer und 12 Betreuer auf diese Reise.<br />
Ziel war das Kurheim der AWO in der Viktoriastraße auf der<br />
Nordseeinsel Norderney. Das dortige Heimleiterehepaar verstand<br />
es, eine entspannte und liebevolle Atmosphäre zu vermitteln,<br />
was den behinderten Beschäftigten und ihren Betreuern gut<br />
tat. Die Belegung der Zimmer erfolgte so, daß die Zimmergenossen<br />
sich untereinander helfen konnten - und mußten. So wurde<br />
das Sozialgefüge der Gruppe äußerst positiv beeinflußt.<br />
Typisch für jene Jahre war noch die geradezu angstvolle Tren-<br />
Ebensfalls ein Bild aus Pioniertagen: Ferienfreizeit der Beschäftigten am Meer.<br />
201
202<br />
nung der Geschlechter - es sollte nicht zu unvorhergesehenen<br />
Begegnungen kommen.<br />
Das Engagement aller, der Leiterin, der Gruppenleiter und nicht<br />
zuletzt der freiwilligen Mitarbeiter und Helfer formte aus der<br />
Gruppe eine Einheit, wobei behinderte Menschen wie auch ihre<br />
Betreuer auf vielfältige Weise voneinander lernen konnten.<br />
Die Betreuer hatten dabei alles andere als einen Erholungsurlaub<br />
vor sich, denn der Tag dauerte für sie von spätestens 7.00 Uhr bis<br />
21.30 Uhr. Wobei nicht nur für Beschäftigung zu sorgen war,<br />
sondern auch für die Dinge des täglichen Lebens, die sonst<br />
Familie oder Angehörige verrichten.<br />
Es war für viele behinderte Menschen das erste Mal, daß sie das<br />
Meer sahen und so bildete auch der Strand die Hauptattraktion.<br />
Für alle war es ein tolles Erlebnis, als in Gemeinschaftsarbeit eine<br />
riesige Sandburg entstand und aus gesammelten Muscheln der<br />
Name Westfalenfleiß und das AWO-Herz gelegt wurde. So<br />
Skifreizeit der Beschäftigten der Westfalenfleiß GmbH 1993 in Pflersch in Tirol.
zeigte sich die Verbundenheit von Werkstatt, Beschäftigten und<br />
Betreuern über die Enge der Werkstattgebäude hinaus. Als dann<br />
noch viele Spaziergänge und Wanderungen, Anregungen und<br />
sinnvolle Selbstbeschäftigungen hinzu kamen, wurde klar: Dies<br />
ist ein voller Erfolg.<br />
Seitdem finden regelmäßig und über das ganze Jahr verteilt<br />
Freizeiten statt, die vom Skiurlaub bis zum Segeltörn reichen.<br />
Ferienfreizeit 1994 nach Oberbayern mit einem Ausflug zum Chiemsee.<br />
Auf Wunsch der Beschäftigtenvertretung fand 1995 erstmalig<br />
eine Selbständigen-Freizeit statt, die nur von einem Gruppenleiter<br />
begleitet wurde. Diese erste Selbständigen-Freizeit war sehr<br />
erfolgreich und wird wiederholt. Die Westfalenfleiß GmbH bietet<br />
inzwischen jährlich für ca. 350 behinderte Menschen 14tägige<br />
betreute Ferienfreizeiten an.<br />
Auch Feste aller Art, außerhalb der Werkstattzeit, besonders<br />
genossen nach längeren Arbeitsperioden, förderten das gemein-<br />
203
204<br />
same Miteinander und<br />
machten Freude. Solche<br />
Veranstaltungen ließen<br />
sich nur mit Hilfe der Mitarbeiter<br />
unter selbstlosem<br />
Arbeitseinsatz arrangieren.<br />
So hieß es im Dezember<br />
1970:<br />
... Am Freitag, dem<br />
18.12.1970 um 13.30<br />
Uhr werden wir uns im<br />
Weißen Saal der Halle<br />
Münsterland bei Kakao, Kaffee und Kuchen zusammensetzen<br />
in der Erwartung, daß St. Nikolaus - wenn auch mit<br />
Verspätung - doch noch zu uns kommt.<br />
Frohe Stunden in festlicher Kleidung bedürfen einer etwas<br />
sonntäglichen Kleidung. Dürfen wir Sie herzlich bitten,<br />
bei Ihrer Tochter/Ihrem Sohn das Notwendige zu veranlassen?<br />
... . 4<br />
Durch all diese Aktivitäten gewannen die Beschäftigten ein<br />
positives Bild von ihrer<br />
Werkstatt. Sie konnten sich<br />
allmählich mehr und mehr<br />
mit ihr identifizieren und<br />
auch mit einem gewissen<br />
Stolz verkünden, daß sie bei<br />
„Westfalenfleiß“ arbeiteten.<br />
Durch solche Aktivitäten<br />
verlor manch einer seine<br />
Vorbehalte und Vorurteile<br />
gegenüber einer Werkstatt<br />
für Behinderte.
Toleranz gerade gegenüber den geistig behinderten Menschen<br />
ließ sich aber nur erreichen, wenn man sich in der Öffentlichkeit<br />
zeigte - auf Festen oder auf dem Ausflug. Es sollte keinen<br />
Unterschied geben, wenn die Stadtverwaltung Münster oder die<br />
Westfalenfleiß GmbH verreiste. Hinzu kam, daß gerade die<br />
behinderten Menschen ein Recht auf Abwechslung und Erholung<br />
eingelöst bekommen sollten. Ein Recht, das man ihnen selten<br />
zugestand.<br />
1 MAGS, Behinderte in NRW, S. 207 ff.<br />
2 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2 - Sammlung Nienhaus, Westfalenfleiß an alle<br />
Eltern. 1968.<br />
3 Vergleiche zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2 - Sammlung<br />
Nienhaus kritische Auswertung der Ferienmaßnahme auf Norderney, 1972.<br />
4 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2 - Sammlung Nienhaus, Sozialabteilung (Frau<br />
Wulfert) an Eltern, 1970.<br />
205
206<br />
13. Die begleitenden Dienste und Angebote in der<br />
Werkstatt für Behinderte<br />
Neben dem reinen Arbeits-und Beschäftigungsangebot für die<br />
behinderten Menschen, haben die begleitenden Angebote der<br />
Werkstatt in den vergangenen Jahren einen immer größeren<br />
Stellenwert eingenommen.<br />
Begleitende Angebote und Dienste der Werkstatt dienen, wie die<br />
Arbeit, der gezielten Förderung und Unterstützung der Gesamtpersönlichkeit<br />
des behinderten Menschen. Sie sollen den Behinderten<br />
dazu motivieren, ihn befähigen und ihn unterstützen auch<br />
andere persönlichkeits-und sozialentwicklungsfördernde Angebote<br />
unter dem Dach der Werkstatt zu erfahren und wahrzunehmen.<br />
Die Reihe der Angebote und die einzelnen Aufgaben der Dienste<br />
sind daher vielschichtig und unterschiedlich, um ein möglichst<br />
breites Spektrum von individuellen Bedürfnissen abzudecken.<br />
Arbeit und begleitende Dienste ergänzen sich mit dem Ziel eines<br />
kontinuierlichen Bildungs-und Förderungsprozesses behinderter<br />
Menschen.
13.1 Der Soziale Dienst<br />
Die Sozialarbeiter/innen und Sozialpädagogen/innen des Sozialen<br />
Dienstes begleiten den behinderten Menschen und seine<br />
Angehörigen bereits bei den ersten Kontakten mit der Werkstatt<br />
für Behinderte.<br />
Durch die Zusammenarbeit mit den Sonderschulen für geistigbehinderte,<br />
körperbehinderte und gehörlose Menschen finden erste<br />
Begegnungen und Informationen bereits in den Jahren vor der<br />
Schulentlassung statt - verbunden mit orientierenden Praktika in<br />
der Werkstatt für Behinderte.<br />
Im Vorfeld der Aufnahme kooperiert der Soziale Dienst mit dem<br />
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sozialen Dienstes 1992.<br />
Arbeitsamt, Sozialen Diensten, Beratungsstellen, Wohneinrichtungen,<br />
Kliniken, behandelnden Ärzten und anderen vermittelnden<br />
Stellen.<br />
Im Erstgespräch informieren die Mitarbeiter/innen des Sozialen<br />
Dienstes den Beschäftigten und seine Angehörigen über die<br />
207
208<br />
Angebote zur beruflichen und persönlichen Bildung in der WfB<br />
und entwickeln gemeinsam mit dem Betroffenen einen individuellen<br />
Eingliederungsweg.<br />
Auf der Grundlage der mit den Kostenträgern vereinbarten<br />
Maßnahmen wird ein individueller Förderplan erstellt und während<br />
der gesamten Beschäftigungsdauer fortgeschrieben.<br />
Der Soziale Dienst begleitet die Eingliederung an den Arbeitsplätzen<br />
der Werkstatt im persönlichen Kontakt mit den Beschäftigten<br />
und den Gruppenleitern.<br />
Er entwickelt bzw. koordiniert begleitende Hilfen und Maßnahmen,<br />
die die Eingliederung unterstützen - von speziellen Hilfsmitteln<br />
und besonderen Betreuungsmaßnahmen über Hilfestellungen<br />
bei der persönlichen Versorgung, bis zur Teilnahmen an<br />
Bildungsmaßnahmen und Ferienfreizeiten.<br />
Die Gruppenleiter und Gruppenleiterinnen der Werkstatt werden<br />
in ihrer arbeitspädagogischen Aufgabe fachlich beraten und in<br />
Krisensituationen unterstützt.<br />
Der Soziale Dienst koordiniert und begleitet auch die Integration<br />
von behinderten Mitarbeitern in Außenarbeitsplätze bzw. den<br />
allgemeinen Arbeitsmarkt.<br />
Beim Ausscheiden aus der WfB vermittelt er auf Wunsch geeignete<br />
Nachfolgeeinrichtungen oder ambulante Dienste.<br />
Im Mittelpunkt der Tätigkeit des Sozialen Dienstes steht die<br />
ganzheitliche Sicht des behinderten Menschen. Er soll in einer<br />
sinnerfüllten Arbeit, im Zusammensein und in der Auseinandersetzung<br />
mit anderen Menschen, stets neue Chancen zur persönlichen<br />
Weiterentwicklung finden und sein Leben nach seinen<br />
persönlichen Möglichkeiten gestalten können.<br />
Hierzu bietet der Soziale Dienst begleitende Beratung in Konfliktsituationen,<br />
zur Wohn- und Lebensplanung, zu ärztlichen
und therapeutischen Maßnahmen, zur Verwirklichung finanzieller<br />
und rechtlicher Ansprüche für die behinderten Beschäftigten<br />
und ihre Angehörigen. Gewünschte Hilfen werden vermittelt.<br />
Planung und Durchführung von Informationsveranstaltungen für<br />
Beschäftigte, Eltern und Betreuer ergänzen dieses Angebot.<br />
In der Zusammenarbeit mit den Vertretungsgremien, den Abteilungen<br />
und Diensten der Werkstatt wirkt der Soziale Dienst an<br />
der inhaltlichen Gestaltung des Angebots behinderte Menschen<br />
mit. Er leistet Entwicklungsarbeit für neue und veränderte Anforderungen.<br />
209
210<br />
13.2. Viel Spaß durch Spiel, Sport und Bewegung<br />
Im Rahmen der arbeitsbegleitenden Maßnahmen kann jeder Beschäftigte<br />
während der Arbeitszeit ein Sportangebot pro Woche<br />
wahrnehmen. Dieses Angebot wird von den meisten Beschäftigten<br />
„Sport“ steht bei der Westfalenfleiß GmbH ganz oben.<br />
gerne genutzt, denn es bietet eine willkommene Abwechslung und<br />
trägt zum Ausgleich der Beanspruchung am Arbeitsplatz bei. Je<br />
nach Können und Notwendigkeit erhalten die behinderten Sportler<br />
Einzel- oder Gruppentraining.
Das Thema Sport hat sich zu einem der wichtigsten Begleitangebote<br />
bei der Westfalenfleiß GmbH entwickelt. Die behinderten<br />
Menschen sind mit viel Elan dabei, wie es der folgende Bericht<br />
einer behinderten Beschäftigten zeigt:<br />
Gymnastik in der hauseigenen Sporthalle.<br />
... Es ist fünf vor acht und Donnerstag. Ich gehe zu meinem<br />
Spind, um die Turnschuhe und das Sportzeug herauszuholen.<br />
Heute beginnt nämlich der Tag nicht mit Arbeit, sondern<br />
mit ‘Werkstattsport’. Eigentlich bin ich ja noch ziemlich<br />
müde. Soll ich mich wirklich bewegen oder geht es mir<br />
heute gar nicht so gut? Wenn ich es mir recht überlege, habe<br />
ich eigentlich Kreislaufprobleme und die Hüften tun mir<br />
weh! Ob ich heute mal aussetze mit dem Sport? Aber da<br />
kommt schon Jochen und will mich abholen. Na gut, auf<br />
geht´s. Wir sind die letzten, die ankommen. Alle anderen aus<br />
meiner Gruppe sind längst da und schon umgezogen.<br />
Jetzt muß ich mich auch noch beeilen! Na prima!! Endlich<br />
ist das Umziehen geschafft und ich gehe in die Halle. Ich<br />
211
212<br />
sehe es den anderen an den Augen an, die haben auf mich<br />
gewartet. Zum Begrüßen bleibt kaum Zeit, ich höre nur:<br />
’Jetzt woll´n wir uns mal aufwärmen!’ Darauf Jochens<br />
Standardsatz: ‘Ich bin warm!’ Alle kennen den Spruch,<br />
trotzdem lachen wir alle los. Aber es hilft nichts: aufwärmen<br />
muß sein. Ich kann mir die Übungen gut merken, nur das<br />
Stehen auf einem Bein ist schwierig. Ich schaue herum: die<br />
anderen haben auch ihre Probleme. Jeder soll heute seine<br />
Lieblingsübung vormachen - und alle übrigen machen diese<br />
dann nach. Wir schinden uns an der Sprossenwand, auf dem<br />
Kasten, am Standfahrrad. Um fünf Minuten vor neun sind<br />
wir alle erst einmal ‘platt’, aber zufrieden. Man fühlt sich<br />
nach einer Stunde Bewegung eben einfach verjüngt. Der<br />
Kreislauf ist in Ordnung, das Gehen fällt leichter und die<br />
Hüften - na ja, eben das alte Lied. Dennoch: Sport ausfallen<br />
lassen - für mich undenkbar ... . 1<br />
Nach Dienstschluß in der Werkstatt werden wöchentlich bzw.<br />
Die erfolgreiche Westfalenfleiß-Fußballmannschaft.
14tägig zehn Sportgruppen - Fußball, Tischtennis, Tennis, Speckbrett,<br />
Schwimmen, Kegeln - durch den Behindertensportverein<br />
der Westfalenfleiß GmbH angeboten. Die Angebote des Behindertensports<br />
werden regelmäßig von ca. acht bis zehn Behinderten<br />
pro Gruppe wahrgenommen.<br />
Auch nach außen hin versuchen die Sportler der Westfalenfleiß<br />
GmbH, Integration von behinderten Menschen zu verwirklichen<br />
- sei es beim Schwimmen, Kegeln, Tanzen sowie Fußball etc.<br />
Die neue Sporthalle am Kesslerweg steht deshalb Gruppen und<br />
Vereinen offen, die gemeinsam mit behinderten Menschen aktiv<br />
werden wollen. Regelmäßig werden zum Beispiel Fußballturniere<br />
durchgeführt.<br />
1 An einem Donnerstagmorgen, In: Westfalenfleiß Echo, 4/94.<br />
213
214<br />
13.3. Gesundheitsvorsorge - Zahnärztlicher und ärztlicher<br />
Dienst<br />
Auch die Gesundheitsvorsorge hat bei „Westfalenfleiß“ ihren<br />
festen Platz:<br />
Der zahnärztliche Dienst bietet seit 1989 den Beschäftigten<br />
Vorsorge und Versorgung rund um den Zahn. Durch die Konrad-<br />
Morgenroth-Förderer-Gesellschaft war es möglich, den behin-<br />
Fachgerechte Behandlung und Prophylaxe bietet der zahnärztliche Dienst.<br />
derten Werkstattbeschäftigten vor Ort - in dem Gebäude am<br />
Kesslerweg - zahnärztliche Behandlung anzubieten. Die vertraute<br />
Umgebung trägt dazu bei, die Schwellenangst der behinderten<br />
Patienten vor dem Besuch beim Zahnarzt herabzusetzen.<br />
So hat man Zahnärzte gewinnen können, die in einer voll eingerichteten<br />
Behandlungseinheit eine fachgerechte Behandlung der<br />
oftmals mit schwerwiegenden Zahnproblemen sich quälenden
ehinderten Menschen gewährleisten. Den zahnärztlichen Dienst<br />
leisten im Wechsel drei Zahnärzte und eine Zahnärztin mit ihren<br />
Helferinnen. 240 Patienten werden von ihnen versorgt. Darüber<br />
hinaus wird ein tägliches Zahnputztraining angeboten, damit es<br />
gar nicht erst zu Zahnproblemen kommt. In der Werkstatt<br />
nehmen etwa 100 behinderte Mitarbeiter an den Zahnputzanleitungen<br />
und den Maßnahmen zur Prophylaxe teil.<br />
In regelmäßigen Abständen werden in einer Informationsveranstaltung<br />
zum Thema „Zahngesundheit“ Eltern, Sorgeberechtigte<br />
und Wohnheimmitarbeiter über die Zahnpflege und -probleme<br />
aufgeklärt. Die Westfalenfleiß GmbH ist mit dieser Entwicklung<br />
„Zahnarztpraxis im eigenen Haus“ zum Wohl der behinderten<br />
Beschäftigten in der Werkstättenlandschaft richtungsweisend.<br />
Für die ärztliche, psychiatrische Beratung steht der Werkstatt<br />
eine Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie zur Verfügung.<br />
Die Fachärztin überprüft in Zusammenarbeit mit dem Sozialen<br />
Dienst, ob die Werkstatt für die jeweilige Person die adäquate<br />
Eingliederungsmaßnahme anbieten kann.<br />
Zu ihren Aufgaben gehört darüber hinaus die Diagnostik und<br />
Beratung bei der Eingliederungsplanung von behinderten Menschen<br />
zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Werkstatt. Auch<br />
umfaßt der ärztliche Dienst die beratende Tätigkeit zu medizinischen<br />
Fragen im Hinblick auf die Eignung für bestimmte Tätigkeiten<br />
und notwendige medizinische Versorgung.<br />
215
216<br />
13.4. Besondere Angebote für Gehörlose<br />
1989 wurde die Werkstatt Westfalenfleiß GmbH eine von fünf<br />
Schwerpunktwerkstätten für Gehörlose im Bereich des Landschaftsverbands<br />
Westfalen - Lippe.<br />
Der Beschluß zur Schaffung von Schwerpunktwerkstätten durch<br />
den Landschaftsverband und die Vertreter der Werkstätten verfolgte<br />
folgende Zielsetzung:<br />
Mehrfachbehinderten gehörlosen Menschen soll im Anschluß an<br />
ihre Schulausbildung ein möglichst heimatnahes Arbeitsangebot<br />
Gehört zur Standardeinrichtung der Werkstatt: das Gehörlosentelefon.<br />
gemacht werden, um lebendige Kontakte zu ihren Familien zu<br />
erleichtern.<br />
Gleichzeitig brauchen diese Menschen ein besonders an ihrer<br />
Behinderung ausgerichtetes Angebot, das ihnen hilft, die Nach-
teile durch ihre eingeschränkte Kommunikation so weit wie<br />
möglich zu überwinden und an einer Gemeinschaft teilzuhaben.<br />
Die Schwerpunktwerkstätten wollen in Kooperation mit dem<br />
Kostenträger diesem Bedarf durch gezielte Ausbildung und fortlaufende<br />
Weiterqualifizierung des Personals entgegenkommen.<br />
Zudem können besonders geeignete Arbeitsplätze für mehrfachbehinderte<br />
gehörlose Menschen entwickelt werden.<br />
In der WfB Westfalenfleiß GmbH sind dieses die Bereiche<br />
Gärtnerei, Wäscherei und Großküche , in denen insgesamt acht<br />
gehörlose Mitarbeiter/innen tätig sind.<br />
Weitere Beschäftigte sind nach ihren Neigungen und Fähigkeiten<br />
in den anderen Arbeitsbereichen der WfB beschäftigt.<br />
Die ca. 15 gehörlosen Mitarbeiter/innen begegnen einander an<br />
Arbeitsplätzen, in den Pausen und bei speziellen Veranstaltungen.<br />
Über die Teilnahme an den allgemeinen Angeboten der WfB<br />
hinaus finden sie als Gruppe während der Arbeitszeit spezielle<br />
Kurse, lebenspraktische Bildung und Beratungsangebote, die auf<br />
ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind.<br />
Ein Lehrer für Gehörlose a.D. sorgt für kontinuierliche Gesprächskontakte<br />
am Arbeitsplatz und unterstützt die Gruppenleiter<br />
vor Ort in der Kommunikation mit den gehörlosen Beschäftigten.<br />
Die Werkstatt kooperiert mit Gehörlosenbetreuern, der Gehörlosenschule,<br />
Fachärzten und - Kliniken und assistiert, wo nötig,<br />
bei der Verständigung mit der hörenden Umwelt. Das Angebot<br />
technischer Kommunikationshilfen wie Faxgerät und Schreibtelefon<br />
wird durch persönliche Hilfestellungen ergänzt.<br />
Durch Fortbildungsmaßnahmen in der Gebärdensprache, regelmäßige<br />
Arbeitstreffen und die begleitende Beratung ist bei den<br />
217
218<br />
Mitarbeiter/innen der Einrichtung ein breites Bewußtsein für die<br />
Lebenssituation gehörloser Menschen gewachsen.<br />
Hörende Beschäftigte wünschen, Grundgebärden zu erlernen,<br />
um mit den gehörlosen Kolleg/innen besser in Kontakt zu kommen.<br />
Ein entsprechendes Angebot wird seit vier Jahren rege<br />
wahrgenommen.<br />
Durch dieses Konzept entwickelte sich bei Mitarbeitern und<br />
behinderten Beschäftigten Sensibilität für die Bedürfnisse gehörloser<br />
Menschen in der Gemeinschaft sowie Mut und Einfallsreichtum,<br />
die sprachlichen Barrieren “mit Händen und Füßen” zu<br />
überwinden.
14. Mitbestimmen und Mitreden -<br />
Die Gremien der Werkstatt<br />
Die Werkstatt lebt aus der Kooperation der in ihr versammelten<br />
und mit ihr befaßten Personen.<br />
Um eine erfolgreiche Zusammenarbeit zur Zufriedenheit aller<br />
Beteiligten zu erreichen, bedarf es eines komplexen Systems, zu<br />
dem u.a. auch die Gremien gehören.<br />
219
220<br />
14.1. Der Werkstattrat<br />
Mit dem Werkstattrat wird dem § 54c Abs. 1 (Mitwirkung) des<br />
Schwerbehindertengesetzes Rechnung getragen, der den Menschen<br />
mit Behinderungen in den ihre Interessen berührenden<br />
Angelegenheiten Mitwirkungsmöglichkeiten zuspricht.<br />
Die Satzung für den Werkstattrat wird unterzeichnet.<br />
Der Werkstattrat der Westfalenfleiß GmbH, setzt sich aus elf<br />
gewählten Vertretern der Beschäftigten zusammen und wird alle<br />
vier Jahre gewählt. Die Beschäftigten, die sich in einem Arbeitnehmerstatus<br />
befinden, können sich entscheiden, ob sie an der<br />
Wahl zum Werkstattrat oder der zum Betriebsrat teilnehmen<br />
wollen.<br />
In der Satzung heißt es, daß sich der Werkstattrat versteht als<br />
... Interessenvertretung der Beschäftigten, die partnerschaftlich<br />
zusammen mit anderen (Werkstattbeirat, Ge-
schäftsführung, Gruppenleiter, Vertrauensperson, Sozialdienst,<br />
Betriebsrat und Betriebsleitung) an der Gestaltung<br />
der Werkstatt für Behinderte mitarbeitet. Der Werkstattrat<br />
bietet die Möglichkeit, das Gemeinschaftsbewußtsein der<br />
Beschäftigten aufzugreifen und weiterzuentwickeln ... . 1<br />
Von ihm wird auch der Vertrauensmitarbeiter gewählt. 2 Er soll<br />
die Vertreter des Werkstattrates begleiten, ihnen Verständnishilfen<br />
geben und die schriftlichen Aufgaben unterstützen.<br />
Ziel des Werkstattrates ist es, beim Zusammenleben und Arbeiten<br />
von Beschäftigten und Mitarbeitern vermittelnd mitzuarbeiten.<br />
Er beschreibt seine Aufgaben wie folgt:<br />
... ‘Wir wollen mit unserer Arbeit im Werkstattrat vor<br />
allem die Interessen der Beschäftigten aufgreifen und<br />
zwischen ihnen und den Mitarbeitern der WfB und deren<br />
Gremien vermitteln’... . 3<br />
Aufgabengebiete des Werkstattrates sind unter anderem die Entlohnung<br />
der Beschäftigten und die Ausgestaltung ihrer Arbeitsplätze,<br />
die Förder- und Weiterbildungsmaßnahmen sowie die<br />
Ferienfreizeiten der Beschäftigten. Desweiteren wirkt der Werkstattrat<br />
sowohl bei der Änderung der Werkstattordnung als auch<br />
bei der Planung und Durchführung von Veranstaltungen mit.<br />
Zweimal im Jahr beruft der Werkstattrat eine Beschäftigtenversammlung<br />
ein, auf der er dann über seine Tätigkeiten berichtet.<br />
Der Werkstattrat ist mit fünf Vertretern (drei aus der Werkstatt<br />
am Kesslerweg und je einem Vertreter der Zweigbetriebe ISM<br />
und Telgte) im Werkstattbeirat präsent.<br />
1 Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1 - Satzung der Beschäftigtenvertretung.<br />
2 Ebd..<br />
3 Partnerschaftliche Interessenvertretung, In: Westfalenfleiß Echo, 2/92.<br />
221
222<br />
14.2. Der Werkstattbeirat<br />
Um die Gesamtheit aller direkt mit der Werkstatt befaßten<br />
Menschen - Beschäftigte, Mitarbeiter, Sozialer Dienst, Geschäftsführung,<br />
Träger und Eltern - zu koordinieren und zu Entscheidungen<br />
zu kommen, die von allen mitgetragen werden können,<br />
gibt es seit 1983 den Werkstattbeirat, 1 in dem Vertreter aller<br />
Gruppen der Westfalenfleiß GmbH vertreten sind. Bis auf die<br />
Vertreter des Sozialen Dienstes und die der Gruppenleiter, die<br />
von der Geschäftsführung bestimmt werden, wählen diese Gruppen<br />
ihre Vertreter selbst und entsenden diese in den Werkstattbeirat,<br />
so daß fünf Vertreter der behinderten Beschäftigten, drei<br />
Vertreter des Elternbeirates, je ein Vertreter der Träger, ein<br />
Vertreter des Sozialen Dienstes, ein Vertreter der Gruppenleiter<br />
und die Geschäftsführung im Werkstattbeirat vertreten sind.<br />
Dieses Gremium kann zu seiner eigenen Beratung Fachleute<br />
hinzuziehen. Die Entscheidungen des Werkstattbeirates haben<br />
empfehlenden Charakter.<br />
Laut Satzung ist der Auftrag des Beirates, „die Interessen der<br />
behinderten Beschäftigten zu wahren und zu vertreten“. Konkret<br />
bedeutet das, die Interessen der Beschäftigten wahrzunehmen im<br />
Hinblick auf ihre Arbeits- und Freizeitmöglichkeiten, ihre Betreuung,<br />
ihre Wohnstättenunterbringung und die Gestaltung<br />
ihres Lebensabends.<br />
Er soll zu Problemlösungen bei individuellen Konflikten und bei<br />
grundsätzlichen Fragen beitragen. Die enge Zusammenarbeit mit<br />
den Wohnstätten ist dabei von großer Bedeutung.<br />
1 Hierzu und zum Folgenden: Archiv Westfalenfleiß GmbH C - 1 - Satzung Werkstattbeirat.
14.3. Der Elternbeirat<br />
Der Elternbeirat - die Vertretung der Sorgeberechtigten - ist ein<br />
Bindeglied zwischen Beschäftigten, Eltern, Sorgeberechtigten,<br />
Mitarbeitern und Trägern der Werkstatt für Behinderte.<br />
Der Elternbeirat ist das Bindeglied zwischen Beschäftigten, Eltern, Sorgeberechtigten,<br />
Mitarbeitern und Trägern der Werkstatt.<br />
Er kann zu allen Fragen des Werkstattgeschehens Stellung<br />
nehmen und Anregungen geben. Gewählt werden die elf Mitglieder<br />
von den Eltern und Sorgeberechtigten für die Dauer von vier<br />
Jahren.<br />
223
224<br />
15. Wohnen für Menschen mit Behinderungen<br />
Am 21.06.1976 eröffnete die Westfalenfleiß GmbH in Wolbeck<br />
die erste Wohnstätte.<br />
Heute bietet sie in 4 Wohnstätten 237 Wohnstättenplätze an, die<br />
sich in den Stadtteilen Gremmendorf, Wolbeck, Kinderhaus und<br />
in der Stadt Telgte befinden. Zusätzlich gibt es in Hiltrup und in<br />
Gremmendorf Außenwohngruppen mit insgesamt 15 Plätzen,<br />
die den Haupthäusern angegliedert sind.<br />
Mit diesem differenzierten Wohnangebot wird versucht, den<br />
unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen mit Behinderungen<br />
gerecht zu werden.<br />
So verfügt jede Wohnstätte über Einzel- und Doppelzimmer und<br />
pro separater Wohngruppe über Gemeinschaftsräume wie Wohnund<br />
Eßzimmer und Küche.<br />
Alle Gebäude sind behindertengerecht ausgestattet, Teilbereiche<br />
besonders für Rollstuhlfahrer konzipiert. Ausreichend Räumlichkeiten<br />
für Freizeitaktivitäten wie Sport, Kegeln, Spiel, Musik<br />
und Werken stehen Bewohnern und ihren Gästen jederzeit zur<br />
Verfügung.<br />
Bei dem jeweiligen Standort der Wohnstätten und Außenwohngruppen<br />
wurde zum Einen darauf geachtet, daß durch räumliche<br />
Nähe der vorhandenen Infrastruktur die Integration der Bewohner<br />
in den jeweiligen Stadtteil auch selbständig möglich ist, zum<br />
Anderen der Baustil sich nahtlos in seine Umgebung anpaßt.<br />
In unseren Wohnstätten leben erwachsene Menschen mit körperlichen,<br />
geistigen, seelischen und mehrfachen Behinderungen, die<br />
wegen Art und Schwere der Behinderung der Hilfe in einer<br />
Wohnstätte bedürfen (§§ 39 ff).<br />
Anlässe für einen erwachsenen Menschen mit Behinderung zum<br />
Auszug aus dem Elternhaus können sein:
· der eigene Wunsch, das Elternhaus zu verlassen,<br />
· das Erreichen des Erwachsenenalters,<br />
· Krankheit, Alter oder Tod der Eltern bzw. der Pflegepersonen,<br />
· pädagogische bzw. psychologische Gründe,<br />
· die Notwendigkeit einer Familienentlastung.<br />
Die rechtliche Grundlage bildet das Bundessozialhilfegesetz<br />
(BSHG), §§ 39 ff. Hier geht es um Eingliederungshilfen für<br />
Menschen mit Behinderungen, vor allem um die Teilnahme am<br />
Leben in der Gemeinschaft. Die Kosten für die Unterbringung in<br />
Die Wohnstätte auf dem Gut Kinderhaus.<br />
einer Wohnstätte übernimmt in der Regel der überörtliche Träger<br />
der Sozialhilfe, hier der Landschaftsverband Westfalen-Lippe.<br />
Im Einzelfall kann auch ein Versicherungsträger als Kostenträger<br />
auftreten, oder der behinderte Bewohner zahlt die Kosten selber.<br />
In unseren Wohnstätten sollen behinderte Menschen sich zuhause<br />
fühlen und die erforderliche Hilfe, Förderung und Unterstützung<br />
225
226<br />
bekommen, die sie aufgrund ihrer Behinderung brauchen.<br />
Die Bewohner leben unter weitestgehend normalen Lebensbedingungen,<br />
was sich im Alltag durch größtmögliche Selbstbestimmung<br />
und Selbständigkeit ausdrückt.<br />
Die Bewohner sind in den Wohnstätten in eine Gemeinschaft<br />
integriert, in der jedoch auch ausreichend Raum für die individuelle<br />
Privatsphäre sichergestellt sein muß.<br />
Die Wohnstätte Haus Gremmendorf.<br />
Alle Wohnstätten unterstützen ihre Bewohner je nach Bedarf<br />
beim Aufbau und der Pflege von Außenkontakten und Außenaktivitäten.<br />
Ziel der Begleitung und Unterstützung ist die ganzheitliche<br />
Förderung unter Berücksichtigung des Normalisierungsprinzips.<br />
Der Lebensalltag in der Wohnstätte soll sich dabei so wenig wie<br />
möglich vom Alltag der Gesellschaft unterscheiden.
Der Tagesablauf mit Aufstehen, Arbeiten, Freizeitgestaltung und<br />
Schlafengehen, wie auch die Trennung der Bereiche Wohnen,<br />
Arbeit und Freizeit orientiert sich an der Gesellschaft; ähnliches<br />
gilt auch für den Jahresrhythmus mit Urlaub, Reisen und Festen.<br />
Die lebenspraktischen Fertigkeiten, wie Körperhygiene, Essen,<br />
Trinken, An- und Ausziehen, Orientierung in der näheren und<br />
weiteren Umgebung, sollen eingeübt oder verbessert werden.<br />
Die Teilnahme am öffentlichen Leben, z. B. Teilnahme an Kursen,<br />
Mitgliedschaft in Vereinen, Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen,<br />
wird ermöglicht und gefördert.<br />
Desweiteren sollen soziale Fähigkeiten, wie die Bewältigung von<br />
Problemen und Konflikten, der Aufbau von Vertrauen aber auch<br />
Rücksichtnahme auf andere verbessert werden.<br />
Wie es einem erwachsenen Menschen angemessen ist, hat der<br />
behinderte Bewohner, je nach seinen Möglichkeiten, ein Selbstbestimmungsrecht<br />
in allen Entscheidungen, die ihn betreffen.<br />
Ein normales Zusammenleben mit dem anderen Geschlecht ist ein<br />
wichtiger Bereich des Erwachsenseins. Ehepaare und langjährige<br />
Im Wohnbereich der Außenwohngruppe im Gustav-Tweer-Weg.<br />
227
228<br />
Paare haben dementsprechend die Möglichkeit, zusammenzuwohnen.<br />
Die Wohnstätten stellen schwerpunktmäßig ein Angebot für<br />
Beschäftigte der Werkstatt für Behinderte der Westfalenfleiß<br />
GmbH dar, jedoch gehen auch einige Bewohner einer Beschäftigung<br />
auf dem freien Arbeitsmarkt nach.<br />
Das derzeitige Alter der Bewohner liegt zwischen 19 und 85<br />
Jahren, der Anteil von weiblichen und männlichen Bewohnern ist<br />
in etwa ausgeglichen.<br />
Keiner unserer Bewohner muß beim Ausscheiden aus dem Erwerbsleben<br />
seine Wohnung verlassen.<br />
Auch hier gilt der Grundsatz des „Normalisierungsprinzips“.<br />
Jeder Bewohner erhält die notwendige Hilfe, um die bestehende<br />
Selbständigkeit möglichst zu erhalten. Es gilt, auch im Alter<br />
eigene Kompetenzen und Fähigkeiten zu erhalten und zu fördern,<br />
ohne zu überfordern.<br />
Eine als sinnvoll erlebte Tagesstruktur, sowie Werktherapie für<br />
Einzel- und Gruppenarbeit wird angeboten. Der Tagesablauf<br />
muß so offen gestaltet sein, daß dem Einzelnen die Möglichkeit<br />
bleibt, seinen eigenen Wünschen und Interessen nachzugehen (z.<br />
B. Rückzugsmöglichkeiten, private Besuche und Kontakte, Hobbys).<br />
Für besonders betreuungsbedürftige Bewohner gibt es Wohngruppen,<br />
die mit einem erhöhten Personalschlüssel ausgestattet<br />
sind.<br />
In reizarmer Umgebung erhalten die besonders betreuungsbedürftigen<br />
Bewohnern gezielte Unterstützung. Sie können ihre<br />
Bedürfnisse individuell ausleben, wobei gemeinsame Aktivitäten<br />
und Begegnung mit anderen Bewohnern zum täglichen Leben<br />
gehören.<br />
Während in den Wohnstätten eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung<br />
gewährleistet ist, müssen Bewohner in den Außenwohngruppen
in der Lage sein, auch über einige Tage sowie in der Nacht ohne<br />
Betreuung auszukommen. Es besteht die Möglichkeit, den Außenwohngruppen-Betreuer<br />
telefonisch zu erreichen sowie auch Mitarbeiter<br />
des Haupthauses kurzfristig um Hilfe zu bitten.<br />
Üblicherweise leben in der Außenwohngruppe Menschen mit<br />
Behinderungen die so selbständig sind, daß sie unter Anleitung die<br />
Wohnung reinigen, mit Geld umgehen, Mahlzeiten zubereiten<br />
Die Wohnstätte Haus Wolbeck<br />
sowie ihre Freizeit eigenständig gestalten können. Diese Wohnform<br />
kann die Vorstufe sein für den Umzug in eine eigene<br />
Wohnung. Eine Durchlässigkeit zu beiden Seiten, d. h. zurück zum<br />
Haupthaus, und vom Haupthaus in die Außenwohngruppe ist<br />
gegeben; es gibt keine zeitliche Begrenzung für die Verweildauer<br />
in einer Außenwohngruppe.<br />
Die Wohnstätten verfügen über ein Angebot an Kurzzeitwohnplätzen.<br />
Dieses Wohnangebot wird von vielen Menschen mit<br />
229
230<br />
Behinderungen genutzt, deren Eltern entweder eine Erholungspause<br />
benötigen oder bedingt durch Krankheit oder Kuraufenthalt<br />
die Betreuung kurzfristig nicht sicherstellen können. Eine<br />
zeitliche Befristung für einen Kurzzeitwohnplatz ist nicht gegeben.<br />
Viele Bewohner nutzen dieses Angebot auch, um die Wohnstätte<br />
kennenzulernen und diese Erfahrung in die Entscheidung<br />
bei einem anstehenden Wohnungswechsel mit einfließen zu lassen.<br />
Außenansicht der Wohnstätte „Haus Telgte“.<br />
Die Leitungen der Wohnstätten sowie das Betreuungspersonal<br />
bestehen überwiegend aus qualifizierten, pädagogisch oder pflegerisch<br />
ausgebildeten Mitarbeitern. Mitarbeiter mit anderen beruflichen<br />
Qualifikationen sind durch Zusatzqualifikationen geschult,<br />
so daß sie die Voraussetzungen erfüllen, in einer Wohnstätte<br />
tätig zu sein. Ergänzt wird das Stammpersonal durch<br />
Berufspraktikanten für Sozialpädagogik, Zivildienstleistende,<br />
Mitarbeiter im freiwilligen sozialen Jahr sowie Praktikanten aller<br />
Fachrichtungen.
Für die Beratung der Mitarbeiter steht ein Psychologe zur<br />
Verfügung.<br />
Konsiliarisch werden die Bewohner der Wohnstätten durch<br />
Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie betreut. Die Bewohner<br />
haben selbstverständlich freie Arztwahl.<br />
Auf eine gute und enge Zusammenarbeit mit Eltern, Angehörigen<br />
und gesetzlichen Betreuern wird großer Wert gelegt. In den<br />
Wohnstätten finden regelmäßig Elternabende und Einzelgespräche<br />
statt.<br />
Engagierte Eltern haben Fördervereine mit dem Ziel gegründet,<br />
die Arbeit in den Wohnstätten zu begleiten und zu unterstützen.<br />
Durch gemeinsame Veranstaltungen und Feste, zu denen neben<br />
den Angehörigen alle Nachbarn und interessierte Mitbürger<br />
eingeladen sind, wollen sie Integration fördern, Berührungsängste<br />
abbauen und Brücken schlagen zwischen behinderten und<br />
nichtbehinderten Menschen.<br />
Grundsätzlich hat jeder Bewohner einmal im Jahr die Möglichkeit,<br />
an einem 14tägigen begleiteten Freizeitmaßnahme mit ande-<br />
Im Wohnbereich der Wohnstätte „Haus Telgte“.<br />
231
232<br />
ren Bewohnern und Betreuern teilzunehmen. Aus einem vielfältigen<br />
Angebot kann der Bewohner je nach Vorlieben auswählen.<br />
Über dieses Angebot hinaus werden die Informationen über<br />
Angebote anderer Verbände der Behindertenarbeit, Einrichtungen<br />
der Weiterbildung oder Projektgruppen an die Bewohner<br />
weitergegeben. Eine gewünschte Teilnahme findet soweit wie<br />
möglich Unterstützung.<br />
Die gesetzlichen Grundlagen für die Mitwirkung des Heimbeirates<br />
sind in § 5 des Heimgesetzes und in der Verordnung über die<br />
Mitwirkung der Wohnstättenbewohner in Angelegenheiten des<br />
Heimbeirates festgelegt.<br />
Seit Bestehen der Wohnstätten gibt es Heimbeirate, die jeweils<br />
aus 5 gewählten Bewohnern bestehen. Die Wahlperiode beträgt<br />
2 Jahre.<br />
Alle Bewohner sind wahlberechtigt bzw. können sich in den<br />
Heimbeirat wählen lassen.<br />
Sie können ihre Wünsche, ihre Kritik und ihre Anregung an den<br />
Heimbeirat weitergeben.<br />
Mitwirkungsmöglichkeit hat der Heimbeirat bei der Gestaltung<br />
der Freizeit, bei Durchführung von Veranstaltungen, bei Änderungen<br />
der Wohnstättenordnung, bei der Betreuung, Pflege und<br />
Verpflegung.<br />
Regelmäßige Treffen der Heimbeiräte, Einberufung von Vollversammlungen<br />
und Kontakt zu anderen Wohnstätten gehören<br />
ebenso zu seinem Aufgabenkreis.<br />
Der Heimbeirat wählt einen Mitarbeiter des Personals (Vertrauensperson),<br />
der ihn bei seiner Arbeit berät und unterstützt.
16. Behinderte Menschen im Alter<br />
Erst in jüngster Zeit stellt sich das Problem des Wohnens älterer<br />
Menschen mit Behinderungen als besonders dringliche Aufgabe.<br />
Aufgrund der verbrecherischen Vernichtungsprogramme der<br />
Nazis war dieser Bereich über Jahrzehnte hinweg kein Thema,<br />
denn die Generation, die für einen Platz zum Wohnen seinerzeit<br />
hätte einkommen können, ist durch die Euthanasieprogramme<br />
der Nazis erheblich dezimiert worden.<br />
Hinzu kommt, daß eine verbesserte medizinische Betreuung und<br />
auch eine umfassende Förderung gerade dem Menschen mit<br />
Alt, - aber nicht abgeschoben: Seniorenbetreuung im Haus Gremmendorf.<br />
Behinderungen eine Lebenserwartung verschafft hat, die etwa<br />
der Gesamtbevölkerung entspricht.<br />
Verstärkt wird das Problem dadurch, daß längst nicht alle Menschen<br />
mit Behinderungen schon in jungen Jahren außerhalb ihres<br />
Familienbezuges leben. Somit stellt sich die Frage des Wohin<br />
oftmals erst nach dem Tode der Eltern oder der altersbedingten<br />
Schwäche von Angehörigen, die es unmöglich macht, weiterhin<br />
„ihr Kind“, ihr Familienmitglied zu versorgen.<br />
233
234<br />
Gerade um diesen schwierigen und schmerzlichen Trennungsprozeß<br />
zu erleichtern, sollten Menschen mit Behinderungen<br />
möglichst schon zu Zeiten starker und noch voll im Leben<br />
stehender Eltern oder Angehöriger sich allmählich von diesen<br />
lösen, wie es bei den nichtbehinderten Menschen auch üblich ist,<br />
um in eine Gemeinschaft des gemeinsamen Altwerdens hineinwachsen<br />
zu können, genauso wie es sich jeder Nichtbehinderte<br />
wünscht.<br />
Deshalb sollte es keine separaten Altersheime, sondern Seniorenwohngruppen<br />
geben, die dem Menschen mit Behinderungen<br />
zu Zeiten seines körperlichen und geistigen Abbaus Halt und ein<br />
Zuhause bieten, was nicht nur während seiner Zeit in der Werkstatt,<br />
sondern auch nach dem Arbeitsleben von besonderem Wert<br />
ist.<br />
Menschen mit Behinderungen, die in ihrer Werkstattzeit schon<br />
die Wohnstätte als Zuhause und Gemeinschaft erfahren haben,<br />
sollen in Seniorenwohngruppen weiterhin der Wohnstätte oder<br />
anderen Wohnformen verbunden bleiben, erleben wie jeder Nichtbehinderte<br />
auch, daß Lebensbezüge, die erhalten werden, den<br />
alten Menschen fit und innerlich zufrieden erhalten.<br />
Jeder alte Mensch sollte wissen können, wohin er im Alter gehen<br />
kann, wo er seinen Lebensabend verbringen könnte, wenn sich<br />
diese Frage stellt.
17. Ausblick<br />
Wir stehen am Ende dieses<br />
Buches über das Werden einer<br />
ungewöhnlichen Werkstatt.<br />
Die Westfalenfleiß GmbH sah<br />
sich in den siebzig Jahren ihres<br />
Bestehens stets einem sozialen<br />
Anliegen verpflichtet:<br />
Dem Menschen aus einem sozialen<br />
Problemfeld zu Ansehen<br />
und Geltung zu verhelfen.<br />
Die Aufgaben der Werkstatt sind umrissen, ihre Klientel quantitativ<br />
nicht, denn das normale Altern in unserer Gesellschaft wird<br />
zu einer Zunahme der Anzahl von Behinderungen und damit der<br />
Menschen mit Behinderungen führen. 1<br />
Dadurch wird der Arbeit der Werkstatt auch in Zukunft besondere<br />
Bedeutung zukommen.<br />
Die Schließung von Teilen der psychiatrischen Krankenhäuser<br />
und die vermehrte Entlassung der dort befindlichen Patienten in<br />
das klinikfreie Leben, wird die Werkstatt in den kommenden<br />
Jahren enorm fordern. Auch im Bereich des Werkstättenausbaus<br />
wird sich in den nächsten Jahren etwas tun müssen. Die Westfalenfleiß<br />
GmbH hat auf diesem Sektor den Bau einer weiteren<br />
Zweigwerkstatt geplant, die 120 Menschen mit Behinderungen<br />
Arbeit bieten wird.<br />
Auch der Aufgabe, den sich verändernden Anforderungen im<br />
Wohnstättenbereich gerecht zu werden, die der gesellschaftliche<br />
Wandel, die Vereinzelung des Menschen und das Auflassen der<br />
traditionellen Familie sowie besondere Personenkreise wie Men-<br />
235
236<br />
schen mit Schwerstbehinderungen oder Verhaltensauffälligkeiten<br />
erforderlich machen, wird sich die Westfalenfleiß GmbH<br />
stellen müssen.<br />
Das alles hat unter dem Menetekel der leeren öffentlichen Kassen<br />
zu geschehen, wobei die Politik stets bestrebt sein wird, beim<br />
Sparen den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, was<br />
bedeutet in jenen Bereichen zu beschneiden und einzuschränken,<br />
wo die Lobby schwach ist.<br />
Zu verhindern, daß Menschen mit Behinderungen schlechter<br />
gestellt werden, als sie es ohnehin heute schon sind und auch<br />
weiterhin für noch mehr Menschen offen und zielgerichtet da zu<br />
sein, das ist die Aufgabe der Westfalenfleiß GmbH in Münster für<br />
die kommenden Jahrzehnte.<br />
1 Heinz Wieland: Die Zuspitzung einer lebenslangen Benachteiligung. Zur Lebenssituation<br />
alternder und alter Menschen mit geistiger Behinderung - einige theoretische<br />
und empirische Anmerkungen, In: Landschaftsverband Rheinland, Geistige Behinderung<br />
im Alter, S. 9 ff, hier: S. 11 f.
18. Abkürzungsverzeichnis<br />
AG: Amtsgericht<br />
AWO: Arbeiterwohlfahrt<br />
BV: Beschäftigtenvertretung<br />
DJK: Deutsche Jugendkraft<br />
GeweHA: Gemeinnützige Werkstätten Hagen<br />
Gewemü: Gemeinnützige Werkstätten Münster<br />
IHK: Industrie- und Handelskammer<br />
ISM: Industrieservice Münster<br />
HFST: Hauptfürsorgestelle<br />
KAGESO: Kreditgemeinschaft gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen Deutschlands<br />
LFV: Landesfürsorgeverband<br />
LKH: Landeskrankenhaus<br />
LWL: Landschaftsverband Westfalen-Lippe<br />
MA: Münsterischer Anzeiger<br />
MAGS: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales<br />
MZ: Münstersche Zeitung<br />
OBM: Oberbürgermeister der Stadt Münster<br />
OLG: Oberlandesgericht<br />
OP: Oberpräsident<br />
RP: Regierungspräsident<br />
STAM: Staatsarchiv Münster<br />
STAM OLG Hamm: Staatsarchiv Münster, Aktenbestände Oberlandesgericht Hamm<br />
STDAM: Stadtarchiv Münster<br />
WfB: Werkstatt für Behinderte<br />
WKfP: Westfälische Klinik für Psychiatrie<br />
Zivi: Zivildienstleistender<br />
237
238<br />
19. Quellen<br />
19.1 Gedruckte Quellen<br />
Bochumer Volksblatt, 04.01.1923.<br />
Brennicke: Handbuch für die Schulungsarbeit der HJ, o. J..<br />
Korrespondenzblatt des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer<br />
und Kriegshinterbliebenen, Nr. 7, 8. Jahrgang, Berlin, 1927.<br />
Münsterischer Anzeiger, 31.12.1919,<br />
Münsterischer Anzeiger, 31.12.1922,<br />
Münsterischer Anzeiger, 31.12.1924,<br />
Münsterischer Anzeiger, 01.01.1932,<br />
Münstersche Zeitung, 26.01.1968.<br />
Weimarer Verfassung.<br />
Westfälische Nachrichten, 21.01.1981.<br />
Westfalenfleiß-Echo<br />
19.2 Archivalien<br />
Archiv Westfalenfleiß GmbH, Münster:<br />
Archiv Westfalenfleiß - A 1.<br />
Archiv Westfalenfleiß - A 2.<br />
Archiv Westfalenfleiß - A 3.<br />
Archiv Westfalenfleiß - A 4.<br />
Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 1.<br />
Archiv Westfalenfleiß GmbH - C 2, Sammlung Nienhaus.<br />
Archiv Westfalenfleiß - Sondergut - Prozesse.<br />
Archiv Westfalenfleiß - Sondergut.<br />
Westfälisches Archivamt - Verwaltungsarchiv des Landschaftsverbandes<br />
Westfalen-Lippe, Münster:<br />
LWL, C 10/11, 3 - 5.<br />
LWL, C 10/11, Nr. 714 - 717.<br />
LWL, C 20, Nr. 413 - 414.<br />
LWL, C 20, Nr. 491.<br />
LWL, Abt. 60, Gr. 22, Sachgr. 02, Abt. 16.<br />
LWL, C 60, Nr. 260.<br />
LWL, C 60, Nr. 270.<br />
LWL, C 60, Nr. 346.<br />
LWL, C 61, Nr. 145.
LWL, C 61, Nr. 147.<br />
LWL, C 61, I, Nr. 166.<br />
LWL, C 61, I, Nr. 269.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 23.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 24.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 78.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 121.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 123.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 125.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 144.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 145.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 146.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 147.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 151.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 152.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 154.<br />
LWL, C 61, III, Nr. 155.<br />
LWL, C 66, III, Nr. 24.<br />
Stadtarchiv Münster:<br />
STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 1.<br />
STDAM, Amt 10, Nr. 62, Bd. 2.<br />
STDAM, Amt 10, Bd. 1.<br />
STDAM, Amt 14, Best. E, Nr. 8.<br />
STDAM, Amt 14, Nr. 6.<br />
STDAM, Amt 14, Nr. 6, Bd. 1.<br />
STDAM, Amt 14, Nr. 6, Bd. 2.<br />
STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 1.<br />
STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 2.<br />
STDAM, Amt 50, Nr. 55, Bd. 3.<br />
STDAM, Armenkommission, Nr. 159.<br />
STDAM, Armenkommission, Nr. 164<br />
STDAM, Armenkommission, Nr. 229.<br />
STDAM, Armenkommission, Nr. 313.<br />
STDAM, Plakatsammlung, Nr. 3.<br />
STDAM, Stadtregistratur, Fach 20, Nr. 65.<br />
STDAM, Stadtregistratur, Fach 155, Nr. 105.<br />
STDAM, OBM, Nr. 208.<br />
STDAM, Stadtverordnetenreg., Nr. 363.<br />
STDAM, Verwaltungsbericht, 1915 - 1926.<br />
STDAM, Verwaltungsbericht, 1926 - 1945.<br />
STDAM, Zentralbüro, Nr. 125.<br />
STDAM, Zentralbüro, Nr. 130, Bd. 1.<br />
STDAM, Zentralbüro, Nr. 137, Bd. 2.<br />
STDAM, Zentralbüro, Nr. 137, Bd. 6.<br />
239
240<br />
Staatsarchiv Münster:<br />
STAM. OLG Hamm, Erbgesundheitsberichte Nr. 757.<br />
STAM. OLG Hamm, Erbgesundheitsberichte Nr. 758.
20. Literaturverzeichnis<br />
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In: Karl Teppe (Hg.): Selbstverwaltungsprinzip und Herrschaftsordnung,<br />
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Beate Deutsch: Über die Betreuung der Blinden durch Schule und Beruf, Diss. Med.,<br />
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Ulrich Greskowiak: Die Einstellung der Gesellschaft zu geistig Behinderten, Untersuchungen<br />
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1980.<br />
Ludger Grevelhörster: Die Zeit der Weimarer Republik, (Geschichte original am<br />
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Ludger Grevelhörster: Münsters Weg von der Revolution bis zur Kapitulation:<br />
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(Hg.): Geschichte lehren und lernen - am Beispiel der Stadt Münster, Münster 1985.<br />
241
242<br />
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Bernd Haunfelder: Münster, Geschichte in Bildern, Münster 1991.<br />
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Wolfgang Jantzen: Geistig behinderte Menschen und gesellschaftliche Integration,<br />
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Doris Kaufmann: Katholisches Milieu in Münster 1928-1933, Politische Aktionsformen<br />
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R. Klare: Homosexualität und Strafrecht, Hamburg 1937.<br />
Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik, 3. Aufl., München 1993.<br />
Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage,<br />
München 1993.<br />
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Landschaftsverband Rheinland (Hg.): Zur Situation psychisch Behinderter im Berufsleben,<br />
Teil 1, 2. Auflage, Köln 1988.<br />
Landschaftsverband Rheinland (Hg.): Zur Situation psychisch Behinderter im Berufsleben,<br />
Teil 2, Köln 1989.<br />
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D. Feldmann (Hg.): Die Nachwirkungen der Inflation auf die deutsche Geschichte<br />
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244<br />
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Lothar Richter: Schwerbeschädigtenfürsorge, In: O. Karstedt (Hg.): Handwörterbuch<br />
der Wohlfahrtspflege, Berlin 1924.<br />
Berhard Rump: Die Kriegsteilnehmerfürsorge in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung<br />
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Marlies G. Steinert: Deutsche im Krieg: Kollektivmeinungen, Verhaltensmuster und<br />
Mentalitäten, In: K. D. Bracher u. a. (Hg.): Deutschland 1933-1945, 2. erg. Auflage,<br />
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Karl Teppe: Kontinuität und Wandel, Zur Geschichte der landschaftlichen Selbstverwaltung<br />
Westfalens 1885-1945, In: A. Hartlieb von Wallthor (Hg.): Geschichte und<br />
Funktion regionaler Selbstverwaltung in Westfalen, Münster 1978.<br />
Ders. (Hg.): Selbstverwaltungsprinzip und Herrschaftsordnung, Bilanz und Perspektiven<br />
landschaftlicher Selbstverwaltung in Westfalen, Münster 1987.<br />
Ders.: Massenmord auf dem Dienstweg, Hitlers „Euthanasie“-Erlaß und seine Durchführung<br />
in den Westfälischen Provinzialheilanstalten, Münster 1989.<br />
Ders.: Stadtentwicklung und politische Kultur während der Weimarer Reublik, In:<br />
Franz Josef Jakobi (Hg.): Geschichte der Stadt Münster, Bd. 2, 2. Aufl., Münster<br />
1993.<br />
Albrecht Tyrell: Auf dem Weg zur Diktatur, Deutschland 1930-1934, In: K. D.<br />
Bracher u. a.: Deutschland 1933-1945, 2. erg. Auflage, Bonn 1993.<br />
Bernd Ulrich/Benjamin Ziemann (Hg.): Frontalltag im Ersten Weltkrieg, Wahn und<br />
Wirklichkeit, Frankfurt a. M. 1994.<br />
Bernd Walter: Das behinderte Kind im Nationalsozialismus - ausgegrenzt und tödlich<br />
gefährdet, In: Die Rechte des Kindes, Wolfgang Genert (Hg.), Stuttgart u. a. 1992.<br />
Heinz Wieland: Die Zuspitzung einer lebenslangen Benachteiligung. Zur Lebenssituation<br />
alternder und alter Menschen mit geistiger Behinderung - einige theoretische<br />
und empirische Anmerkungen, In: Landschaftsverband Rheinland, Geistige Behinderung<br />
im Alter.<br />
Heinz Wolfram: Vom Armenwesen zum heutigen Fürsorgewesen, Greifswald 1930.<br />
Gisela Wuttke: Das Rad der Geschichte, Arbeitergeschichte aus dem Münsterland,<br />
Münster 1995.<br />
Kurt Zentner: Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches, München 1965.
245
246