Zeit zeugen - Diakonie Landshut

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Zeit zeugen - Diakonie Landshut

100

JAHRE

Diakonie

Landshut

Elisabeth-Maria Bauer

Im Mittelpunkt der Mensch

100 Jahre Diakonie Landshut


Im Mittelpunkt der Mensch

100 Jahre Diakonie Landshut


2009

Herausgeber: Diakonisches Werk des Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirkes Landshut e.V.

Gabelsbergerstraße 46, 84034 Landshut

Autorin: Dr. Elisabeth-Maria Bauer

Lektorat: Gernot Häublein, DAS TEXTBÜRO, Altfraunhofen

Layout: Andreas Niederhuber, freistil grafik&design, München

Druck: Pinsker Druck und Medien, Mainburg


In der vorliegenden Publikation werden 100 Jahre Geschichte lebendig. Facettenreich

und bunt zeichnet die Chronik ein Bild unserer Landshuter Diakonie, das turbulente

Zeiten und Phasen der Hilflosigkeit ebenso darstellt wie Zeiten voller Innovationsfreude

und kraftvollen Aufbruchs. Bei Kennern des Diakonischen Werks werden vielfältige

Erinnerungen geweckt – etwa an bekannte Personen, an Begebenheiten oder an einschneidende

Ereignisse. Doch auch für alle, die mit den Landshuter

Verhältnissen wenig vertraut sind, ist die Lektüre lohnend. Denn vor

dem Leser breiten sich 100 Jahre Sozialgeschichte aus.

Das 20. Jahrhundert mit seinen beiden Weltkriegen, mit der Zeit des

Nationalsozialismus, der Not nach 1945 oder den Sozialreformen in

den Siebzigerjahren bildete den Hintergrund für das diakonische Handeln.

Die Bedürfnisse und die speziellen Fragestellungen der jeweiligen

Zeit wurden aufgegriffen und mit geeigneten Taten beantwortet: So

haben beispielsweise die Diakonissen im ersten Evangelischen Altenheim

in den 1930er-Jahren auch Schüler vom Land aufgenommen, um

ihnen den Besuch einer weiterführenden Schule zu ermöglichen. In der

Nachkriegszeit verteilte die Innere Mission – wie die Diakonie damals hieß – Lebensmittelspenden,

und sie qualifizierte arbeitslose Jugendliche für einen Beruf. In den nachfolgenden

Jahrzehnten entstand ein wertvolles Netz aus Beratungsstellen und professionalisierten

Fachdiensten.

Immer hat die Diakonie Antworten gesucht auf die aktuellen Herausforderungen der

Zeit. Es war pragmatische Hilfe, die geleistet wurde. Es wurde wenig theoretisiert und

analysiert, im Vordergrund stand die Tat; doch die war gut durchdacht, solide vorbereitet

und sie wurde sorgfältig ausgeführt. Immer geschah sie aus dem Glauben heraus,

dass uns Gott in den Armen und Hilfsbedürftigen nahe ist.

„Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ fragt Jesus im Evangelium einen Blinden,

der zu ihm kommt (Lukas 18, 41). Die Diakonie orientiert sich an Jesus. Auch sie sieht

die Nöte der Menschen und fragt nach deren Bedürfnissen. Und sie hilft wie er – ohne

Unterschiede zu machen und ohne Einschränkungen. Ich bin stolz, dass die Diakonie

durch ihr vielfältiges karitatives Handeln die soziale Landschaft im Dekanat Landshut

mit geprägt hat. Möge sie sich ihren wachen Blick bewahren und weiterhin mit der richtigen

Hilfe auf die Anforderungen der Zukunft reagieren.

Siegfried Stelzner, Dekan

1. Vorsitzender des Diakonischen Werks Landshut

Vorwort


Frauen machten den Anfang

Die diakonische Tätigkeit in Landshut beginnt mit dem Engagement

einiger tatkräftiger Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts. Sie beteiligen

sich am Bau der Christuskirche, helfen Armen und besuchen

Kranke. Wenige Jahre später entsteht der Evangelische Frauenverein

(1909 bis 1912).

12

Seite

Nachkriegszeit: Aufbauarbeit

und Hilfe in der Not

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ändert für die Diakonie viel:

Das Dekanat Landshut wird gegründet und ebenso die Innere

Mission, die die Arbeit des Diakonievereins übernimmt. Die

Landeskirche ruft das Evangelische Hilfswerk ins Leben, um die

zahlreichen Probleme in der Nachkriegsnot zu bewältigen.

2

Die 1960er-Jahre:

Ausbau der Altenhilfe

4

Fürsorge für Arme und Kranke:

Der evangelische Diakonieverein

Es ist die Tätigkeit der Diakonissen, die den Evangelischen Diakonieverein

(1912 bis 1948) prägt: Mit der Leitung des ersten evangelischen Altersheimes,

der Jugendarbeit, der Fürsorgearbeit für Bedürftige und der ambulanten Pflege

der Kranken sind die Schwestern gefordert und aufgrund von Kriegsnot,

politischer Zwänge und übergroßer Aufgabenfülle nicht selten überfordert.

3

1

8Seite

22

Seite

Der fortschreitende wirtschaftliche Aufschwung in den 1960er-Jahren

bringt für die Wohlfahrtsverbände ein großes Personalproblem mit sich:

Die Arbeitsnehmer wandern in die lukrativere industrielle Produktion ab

und stehen für soziale Tätigkeiten nicht mehr zur Verfügung. Hinzu kommt,

dass die Diakonissen-Mutterhäuser aufgrund rückläufiger Eintritte mit

Schwesternmangel kämpfen. Daher geht in Landshut und kurze Zeit später

auch in Vilsbiburg die Zeit der Diakonissen zu Ende.

36

Seite


45

Seite

In der Zerreißprobe: Investitions-

und Krisenzeit der Diakonie

In den 1990er-Jahren stehen für das Diakonische Werk Landshut umfangreiche

Investitionen an, gleichzeitig gehen die Spendenbeträge zurück und öffentliche

Zuschüsse werden gekürzt, sodass sich notwendige finanzielle Einschränkungen

abzeichnen. Dass allerdings am Ende dieses Jahrzehnts die gesamte Landshuter

Diakonie eine materielle und immaterielle Krise von existenzbedrohenden

Ausmaßen durchleiden wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellbar.

Der Aufbruch

7

85Seite

Das Jahr 2003 verspricht spannend zu werden, da mit Siegfried Stelzner

und Holger Peters ein neuer Dekan und ein neuer Geschäftsführer in die

Leitungsebene des Diakonischen Werks wechseln. Um die vorhandenen

Probleme zu bewältigen, bedarf es allerdings erheblicher gemeinsamer

Anstrengungen.

5

Die Diakonie auf dem Weg in die Zukunft

96

Seite

Inhalt

Das Diakonische Werk auf Expansionskurs

Die Ausweitung der Sozialgesetzgebung in Deutschland führt dazu, dass

sich die soziale Arbeit immer mehr ausdifferenziert und vielfältige neue

Aufgabenbereiche entstehen. Aus der Inneren Mission Landshut wird im

Jahr 1973 das Diakonische Werk Landshut mit diversen Fachdiensten,

offenen Gruppenangeboten und einer steigenden Zahl von Beschäftigten.

74

6

Seite

Fit für die Zukunft: Neben den traditionellen diakonischen Aufgaben

wird die Diakonie mit neuen Projekten auf neue gesellschaftliche

Bedürfnisse reagieren. Dabei nehmen ökonomische Zwänge in

einem umkämpften Sozialmarkt mit begrenzten Mittelzuweisungen

immer stärker Einfluss auf Entscheidungen.

8


1

Die Christuskirche wird gebaut (1894 bis 1897): Auf und unter dem Baugerüst befanden sich etwa

80 Maurer, Handlanger und Frauen, die auch „Mörtel-Weiber“ genannt wurden. Sie waren meist

freiwillige Helferinnen der evangelischen Gemeinde, die Baumaterial schleppten.

8 Der evangelische Frauenverein 1909-1912


Frauen machten den Anfang

Das Diakonische Werk Landshut präsentiert sich heute als ein in Stadt und Landkreis

etablierter Wohlfahrtsverband, der vielfältige soziale Dienste mit einem breiten Leistungsspektrum

anbietet. Umso bemerkenswerter ist sein Ursprung: Begonnen hat die diakonische

Tätigkeit mit dem Engagement einiger tatkräftiger Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts.

Handarbeiten für die Christuskirche

Heutzutage würde sich die Frauengruppe, die sich am

1. Oktober 1895 in der Münch’schen Gastwirtschaft

versammelte, möglicherweise „Förderverein Christuskirche“

nennen. Damals hatte Johanna von Jan, die Ehefrau

des Stadtpfarrers, eingeladen, um mit insgesamt 54

Frauen den Evangelischen Frauenverein Landshut zu

gründen. In erster Linie ging es darum, zum Bau der

Christuskirche beizutragen. Zusätzlich waren wohltätige

Zwecke, wie die Unterstützung von Armen und Kranken,

angedacht: „Es werden sich in unserer Gemeinde, besonders

unter den junge Damen und Fräulein, geübte

Stickerinnen finden, welche gerne mit Hand anlegen, um

unserer Gotteshaus würdig schmücken zu helfen. Auch

den Armen und Kranken werden wir Frauen öfter

Gelegenheit finden, tätig und hilfsbereit zu sein, sei es

durch Unterstützung der Bedürftigen mit milden Gaben

oder sei es auch durch Bezeugung unserer fürsorglichen

Teilnahme an dem Ergehen unserer in Not geratenen

Gemeindemitglieder.“ 1

Die evangelische Pfarrgemeinde in Landshut umfasste

damals nur 1200 Gläubige. Frauen hatten noch

wenig Gelegenheit, sich aktiv am öffentlichen gesellschaftlichen

Leben zu beteiligen. Dennoch gelang es den

Mitgliedern des Frauenvereins, mit den unterschiedlichsten

Veranstaltungen, wie dem Verkauf von Handarbeiten,

Gelder einzuwerben, so dass zur Kircheneinweihung

vier Paar Leuchter sowie zwei Kanzel- und Altartücher

gespendet werden konnten.

Der evangelische Frauenverein 1909-1912

Als im Oktober 1908 eine Generalversammlung des

Frauenvereins abgehalten wurde, konnte die Vereinsgründerin,

Johanna von Jan, aus gesundheitlichen

Gründen nicht mehr teilnehmen. Maria Seidel, die Frau

des neuen evangelischen Stadtpfarrers Georg Seidel, leitete

die Sitzung und erklärte die Anstellung einer Gemeindeschwester

zum nächsten wichtigen Vereinsziel.

An der Notwendigkeit einer eigenen Diakonisse in der

Diaspora Landshut bestand kein Zweifel, zumal es in

anderen nahen Städten wie Straubing bereits seit Jahren

Diakonissen gab, die mit der Gemeindearbeit ausgelastet

waren. Dazu musste jedoch die finanzielle Basis, die

bisher nur aus einem kleinen Fonds in Höhe von 200

Mark und Rücklagen in Höhe von 600 Mark bestand,

erweitert werden.

9

Über die

Erweiterung des

Frauenvereins

wurde auch im

„Kurier von

Niederbayern“

berichtet.


Der evangelische Frauenverein

wird gegründet

Als ersten Schritt veranlasste die neue Vorsitzende Maria

Seidel die Registrierung des seit Jahren bestehenden

Vereins: Am 2. März 1909 wurde beim Königlichen Amtsgericht

Landshut die Satzung des Evangelischen Frauenvereins

errichtet. Dieses historische Datum gilt als Gründungstag

des Diakonischen Werks Landshut.

In der folgenden Zeit versuchten die Frauen beharrlich,

mit Verlosungen, Konzertveranstaltungen, dem Verkauf

von Handarbeiten und ihren Mitgliedsbeiträgen die

Ersparnisse des Vereins zu vergrößern, um ihren Plan

einer eigenen Diakonissenstation umsetzen zu können.

Für die Anstellung einer Gemeindeschwester kalkulierten

sie einen Jahresbetrag von 800 Mark.

Als einige Jahre später die Finanzen für eine Diakonissenstation

immer noch nicht ausreichten, wurde

beschlossen, den Frauenverein zu öffnen. So heißt es im

Protokoll der Mitgliederversammlung vom 29.10.1912:

„Eine wesentliche Änderung besteht darin, dass statt

bisher Frauen und Jungfrauen als Mitglieder des Vereins

nunmehr alle unbescholtenen Gemeindemitglieder Mitglieder

werden können.“ 2 Vor diesem Hintergrund entstand

der Evangelische Diakonieverein Landshut als ein

Wohltätigkeitsverein. Sein Vorläufer, der Evangelische

Frauenverein, wurde integriert.

Schon ein Jahr später ging der Wunsch der Gemeindemitglieder

in Erfüllung: Im November 1913 kam Schwester

Marie Benker als erste Augsburger Diakonisse nach

Landshut. Damit begann ein langer und wichtiger Zeitabschnitt,

in dem die Diakonissen den sozialen Dienst in

der Diasporagemeinde Landshut übernahmen.

Im Kassenbuch wurden alle Einnahmen und

Ausgaben mit exakter Handschrift festgehalten.

10 Der evangelische Frauenverein 1909-1912

Die kirchliche

Armenpflege und

die Anstellung von

Gemeindediakonissen

waren in der Satzung

festlegt.


Der evangelische Frauenverein 1909-1912

11

Vorstandsmitglieder


2

Gemeindestation und Altenheim standen

unter der Leitung von Augsburger Diakonissen.

Fürsorge für Arme und Kranke:

Der evangelische Diakonieverein

Landshut

Es war die Tätigkeit der Diakonissen, die das Wirken des Evangelischen Diakonievereins

(1912 bis 1948) prägte: Die Leitung des ersten evangelischen Altersheimes, Jugendarbeit,

die Fürsorgearbeit für Bedürftige und die ambulante Pflege der Kranken in der Gemeinde –

in diesen unterschiedlichen sozialen Aufgabenbereichen waren die Schwestern gefordert

und nicht selten überfordert. Kriegsnot, politische Zwänge und die Armut in dieser Zeit

steigerten die persönliche Belastung für manche Pflegerin ins Unerträgliche. Die Erinnerung

an die aus dem Glauben heraus hilfstätigen Diakonissen ist bei vielen Landshutern bis

heute in positiver Weise erhalten.

12 Der evangelische Diakonieverein 1912-1948


Die Gemeindepflegestation entsteht

Nach Verhandlungen mit dem Evangelischen Diakonieverein

entsandte das Mutterhaus in Augsburg im Jahr

1913 die erste Diakonisse, Marie Benker, nach Landshut.

Hier erwarteten die Schwester die schwierigen Verhältnisse

einer Diasporagemeinde. Da noch kein vereinseigener

Wohnraum zur Verfügung stand, bezog sie zwei

angemietete möblierte Zimmer. 3 Diese Wohnsituation

war für die Schwester unbefriedigend und aufgrund häufig

gestörten Schlafes so belastend, dass sogar ein Neubau

überlegt wurde. Schließlich konnte der Diakonieverein

kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs von den

Eheleuten Schmidtbauer ein Anwesen in der Klötzlmüllerstraße

10 erwerben. Dort entstand nicht nur die ersehnte

Gemeindediakonie-Station, sondern auch das

erste evangelische Altenstift Landshuts.

Der erste Weltkrieg stellte den Diakonieverein vor

neue und unvorhergesehene Aufgaben. So schrieb die

Vorstandschaft im September 1914: „Zudem hat sich

das Bedürfnis geltend gemacht, unseren nicht schulpflichtigen

evangelischen Kindern ein Heim in Gestalt

einer Kinderbewahranstalt zu schaffen.“ Auch wäre dringend

eine zweite Gemeindeschwester nötig gewesen.

Der evangelische Diakonieverein 1912-1948

Es fehlten jedoch die finanziellen Mittel. Kriegsbedingt

war die noch junge Gemeindestation in der Klötzlmüllerstraße

bald verwaist: Schwester Marie Benker wurde

1915 aus Landshut abberufen, um Verwundete in den

Lazaretten zu pflegen. In den folgenden vier Jahren blieb

die Station unbesetzt.

Dass schließlich trotz aller Schwierigkeiten nach

Kriegsende eine funktionierende Gemeindestation entstand,

war ein entscheidender Verdienst von Maria

Seidel, der früheren Vorsitzenden des Evangelischen

Frauenvereins. Denn die Vorstandschaft war – angesichts

des jahrelang leer stehenden Gebäudes – entschlossen,

das Anwesen in der Klötzlmüllerstraße zu verkaufen.

Maria Seidel schrieb vor der Mitgliederversammlung im

Jahr 1918 an den Vorstand: „Ich kann es mit meinem

Gewissen nicht vereinbaren, zu diesem dem Vereinszweck

zuwider laufenden Schritt auch nur durch Stillschweigen

meine Zustimmung zu geben und sehe mich

daher zu meinem Bedauern veranlasst, aus der Vorstandschaft

auszuscheiden.“ 4 Das Haus wurde nicht verkauft.

Und als im März 1919 Schwester Marie Spörner

nach Landshut kam und ein Jahr später zusätzlich

Margarete Semmer, konnte die Gemeindepflege in der

Diakoniestation endgültig beginnen.

13

1912 umfasste die

Evangelische Gemeinde

in der Stadt Landshut

nur 1302 Mitglieder.


Erste Pflegesätze

Den Diakonissen-Mutterhäusern war es ein Anliegen,

dass die Dienste ihrer Gemeindeschwestern unentgeltlich

angeboten wurden und insbesondere den hilfsbedürftigen

und unbemittelten Bürgern zugute kamen. Es

wurde zwar eingeräumt, dass in Diasporagemeinden wie

Landshut viel Privatpflege angefragt würde. Private und

längere Einzelpflege in Familien sollte jedoch nur dann

geleistet werden, wenn der allgemeine Dienst der

Schwestern dies zuließe. 5

Da dem Evangelischen Diakonieverein die Finanzierung

der Diakonissenstation nicht leicht fiel, geriet die

Entlohnung der Gemeindeschwestern immer wieder zum

Diskussionsthema. Im April 1919 wurden Fragebögen an

verschiedene Pfarrämter (Bamberg, Passau, Eichstätt,

Regensburg, Rosenheim, Straubing) verschickt, bei

denen ähnliche Diasporaverhältnisse vorlagen, um nachzufragen,

wie dort die Pflegedienste der Diakonissen

entschädigt wurden. Man kam zu dem Entschluss, die

Entlohnung der Schwestern den Familien als eine freiwillige

Gabe selbst zu überlassen. Auch aus sozialen

Gründen und moralischer Verpflichtung riet der Diakonievorsitzende

Pfarrer Georg Seidel von festen Pflegesätzen

ab: „Der Dienst einer Gemeindeschwester ist geeignet,

einer kurzsichtigen, lieblosen Welt, die nur rohe materielle

Rücksichten kennt, etwas von einem christlichen

Ideal der Uneigennützigkeit und der helfenden Liebe

merken zu lassen.“ 6

Infolge der Inflation zu Beginn der 1920er-Jahre spitzte

sich die wirtschaftliche Situation im Evangelischen

Diakonieverein zu. Es wurde überlegt, mit welcher Art

von Veranstaltungen man zu Einnahmen gelangen könnte,

etwa mit einem Bunten Abend oder doch besser mit

einem Kirchenkonzert? Zudem bat Pfarrer Seidel die

Vereinsmitglieder, ihre Beiträge aufgrund der Geldentwertung

freiwillig zu erhöhen. Schließlich konnten die

Dienste der Diakonissen nicht länger unentgeltlich angeboten

werden. 1921 erließ der Diakonieverein Richtlinien

für die Entschädigung: Mitglieder mussten für die Tagespflege

vier Mark, für die Nachtpflege sechs Mark bezahlen.

Nichtmitglieder hatten für die Tagespflege fünf Mark,

für die Nachtpflege sieben Mark zu entrichten. Massage,

Bäder und Wickel kosteten für alle gleichermaßen zwei

Mark, Injektionen eine Mark.

Die galoppierende Inflation während der Währungskrise

brachte große finanzielle Nöte. Waren es ursprüng-

lich 500 Mark jährlich, die der Diakonieverein als Entgelt

für eine Schwester an die Diakonissenanstalt in Augsburg

abführen musste, so erhöhte sich der Beitrag rapide:

Im Juli 1922 musste das jährliche Stationsentgelt

bereits von 2000 auf 3600 Mark erhöht werden. Dazu

schrieb Christian Caselmann, Rektor des Diakonissenmutterhauses

in Augsburg: „Nur schweren Herzens und

dem Zwang der Verhältnisse folgend gehen wird daran,

die Stationen um erhöhte Jahresleistung für die Ihnen

überlassenen Diakonissen zu ersuchen. (…) Wir bitten,

diese unliebe Mitteilung als eine aus der Not hervorgegangene

aufnehmen zu wollen.“ 7 Ab Juli 1923 wurden

100 000 Mark monatlich gefordert, am 1. September

waren es schließlich zwei Millionen Mark, die an die

Diakonissenanstalt abgeführt werden sollten. Hinzu

kam, dass auch die Evangelische Gemeinde in den

zurück liegenden Jahren mit den Schulden für den Bau

der Christuskirche belastet war und diese erst 1923

tilgen konnte.

Bereits während des ersten Weltkrieges war die staatliche

Wohlfahrtspflege ausgebaut worden. Infolge der

Nachkriegsnot – es gab viele Kriegswitwen, Waisen und

körperbehinderte Kriegsopfer – wurden in der Weimarer

Republik Fürsorgegesetze erlassen. Ab Mitte der

1920er-Jahre gewährte der Staat den Wohlfahrtsverbänden

zunehmende finanzielle Unterstützung, was eine

Ausdehnung der diakonischen Arbeitsgebiete und einen

Wohlfahrtsboom auslöste. 8

14 Der evangelische Diakonieverein 1912-1948

Kassenbericht des

Evangelischen

Diakonievereins


Auch Pfarrer Georg Seidel stellte 1929 für die Pflegetätigkeit

ein Zuschussgesuch an die Reichsversicherungsanstalt

für Angestellte in Berlin. Er schrieb: “(…) allein die

Kosten des Unterhalts der Schwestern und der Aufwand

für die Diakonissenstation und das Altenheim, der die

eingehenden Pflegegelder weit übersteigt, belasten die

kleine Gemeinde sehr schwer, zumal in der jetzigen Zeit

großer Erwerbslosigkeit nur wenige

Gemeindemitglieder in der Lage sind,

für die Pflege angemessen zu bezahlen.“

9 Von Seiten der Landesversicherungsanstalt

Niederbayern wurden dem

Evangelischen Diakonieverein in diesem

Jahr 300 Mark zur Förderung der Krankenfürsorgearbeit

gewährt.

Altenheim und Internat

Älteren hilfsbedürftigen Menschen ein Zuhause

zu geben, wo sie Essen, ein warmes

Zimmer und ein eigenes Bett hatten - das war

der einfache Anspruch der ersten Altenheime.

Damals wurden sie auch als Siechenheime

bezeichnet, obwohl zu dieser Zeit die Bewohner

beim Einzug noch sehr rüstig und kaum pflegebedürftig

waren. Das erste evangelische Altenheim

des Diakonievereins in der Klötzlmüllerstraße

10 wurde zwischen den beiden Weltkriegen

eher als eine Art Altenstift geführt. Elf Einzelzimmer

standen in dem von Diakonissen geführten

Heim zur Verfügung, für die mit den Bewohnern

Mietverträge abgeschlossen wurden. Die monatliche

Miete einschließlich der Verpflegung betrug im Jahr

1926 nur 50 Mark. Die Art der Verköstigung war vertraglich

geregelt: Kaffee oder Kakao zum Frühstück,

Suppe, Fleisch oder Mehlspeise zum Mittagessen und

einfaches kaltes bzw. warmes Essen am Abend. Im Fall

einer Erkrankung „erhalten die Heimbewohner die erforderliche

Pflege, soweit sie die Kräfte der Schwestern

nicht übersteigt.“ Heizung und Wäsche waren im Preis

nicht enthalten, auch musste ein Pauschalbetrag von

einer Reichsmark für Licht und ebenso für den Anschluss

eines Radios zusätzlich bezahlt werden. 10

Der evangelische Diakonieverein 1912-1948

15

Der Heimvertrag aus

dem Jahr 1926 enthielt

nur wenige Punkte.


Als ein weiterer Aufgabebereich für die Diakonissen kam

die Jugendfürsorge hinzu. Ende der 1920er-Jahre wurde

das Gebäude in der Klötzlmüllerstraße auch als Internat

genutzt. Mädchen ab zehn Jahren und einige Jungen aus

den Umlandgemeinden, die in Landshut Schulen besuchten,

bekamen hier Unterkunft. Für 40 bis 65 Mark pro

Monat wurden „volle Verpflegung, Wohnung, Licht, Beheizung

und Bettwäsche“ gewährt. Allerdings gestaltete

sich das generationenübergreifende Zusammenleben

der unterschiedlichen Bewohner der Klötzlmüllerstraße

10 nicht immer konfliktfrei. Pfarrer Seidel und später

auch Pfarrer Wagner hatten gelegentlich die Aufgabe,

Beschwerdebriefe an die Eltern der Pensionsschüler zu

formulieren.

Danben wurden in dem Diakonissenhaus auch

wöchentliche Treffen der Christenlehr-Mädchen und der

Mädchenschar abgehalten, die von den Schwestern

betreut wurden. Am 20. Juli 1930 fuhr Schwester Anni

Henle mit ihrer Mädchenschar zum Jugendtag nach

Augsburg, um im Mutterhaus an einem Lehrgang über

Jugendarbeit teilzunehmen. Zudem wurden im Jahr 1932

Konfirmanden bis zur Konfirmation in der Klötzlmüllerstraße

untergebracht. Hin und wieder durften auch

Gäste dort übernachten, die Angehörige im Heim oder

Verwandte in Landshut besuchten.

Brief vom 28.12.1934 von Pfarrer Wagner an die

Eltern der im Heim untergebrachten Schüler

16 Der evangelische Diakonieverein 1912-1948

Der 1914 für

Mädchen und junge

Frauen gegründete

Marthaverein wurde

von einer Diakonisse

(Bildmitte hinten)

betreut.


In der Zeit des Nationalsozialismus

Ab 1933 war die Arbeit des Evangelischen Diakonievereins

ebenso wie die kirchliche Tätigkeit aufgrund politischer

Repressalien behindert. Nach der Machtergreifung

Hitlers und seiner NSDAP wurden von der Reichsleitung

Kirchenvorstandswahlen mit der Absicht angeordnet,

darin Parteigenossen zu positionieren, um dadurch mehr

Parteieinfluss auf Kirchenbelange zu gewinnen. Im Ergebnis

wurden in der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Landshut

tatsächlich alle sechs neu auf der Liste platzierten nationalsozialistischen

Kandidaten gewählt. Pfarrer Johannes

Wagner bedauerte, dass die bisherigen treuen Kirchenvorsteher

lediglich als Ersatzleute im neuen Vorstand

vertreten waren. 11 In einem Schreiben an das Dekanat

Regensburg berichtete er, dass die Gottesdienstbesuche

beeinträchtig würden; Schüler könnten nicht in die

Der 1927 gegründete Mädchenbibelkreis gehörte zu den Anfängen

evangelischer Jugendarbeit.

Kirche kommen, weil zur gleichen Zeit SA-Appelle, HJ-

Appelle und Übungen abgehalten würden. Gemeindeabende

mussten wiederholt verlegt werden, weil die

NSDAP in Landshut Massenversammlungen anberaumte.

Der evangelische Diakonieverein 1912-1948

1934 wurde die Diakonissenanstalt dem

Landesführer der Inneren Mission unterstellt.

Die Einrichtungen der Diakonie

waren ebenso wie die

evangelische Kirche von der

Gleichschaltung bedroht. Im

Mai 1933 gab die Innere

Mission Bayerns ihre Selbständigkeit

gegenüber der

Landeskirche auf mit der Begründung,

dass sie dadurch

die Gefahr der Gleichschaltung

abwenden wolle. In Übernahme

des nationalsozialistischen

Führerprinzips unterstellte

sie sich dem berufenen

„Führer“ der Evang.-Luth.

Landeskirche Bayerns, dem

neuen Landesbischof Hans

Meiser. Daraufhin mussten

die diakonischen Einrichtungen

eine Unterstellungserklärung

abgeben, in denen

sie erklärten, „sich dem von

dem Herrn Landesbischof bestellten

Landesführer der

Inneren Mission zu unterstellen und sich zur Einhaltung

der in der Anordnung des Herrn Landesbischofs vom

28. Juni 1934 erlassenen Ordnung der Inneren Mission

in Bayern zu verpflichten.“ 12

17


Dies taten – mit einzelnen Ausnahmen - alle großen und

kleinen diakonischen Einrichtungen in Bayern. Ziel dieser

Aktion war es, einen gewissen Schutz vor Eingriffen

des NS-Regimes zu erlangen und der drohenden Auflösung

zu entkommen.

Dennoch kam es im Vereinswesen und in der Jugendarbeit

zu massiven Einschränkungen, etwa beim evangelischen

Schulwesen und im Bereich der Kindererziehung.

Mit der Hitlerjugend und dem Bund deutscher Mädel

entstanden Konkurrenzbewegungen zu den christlichen

Jugendvereinen.

In Landshut wurde die evangelische Jugendarbeit, die

zum Teil von den Diakonissen geleistet wurde 13 , zunehmend

erschwert und ihrer Eigenständigkeit beraubt.

1933 marschierten Mitglieder des Mädchenbibelkreises

aus Protest gegen die nationalsozialistische Gleichschaltung

mit Wimpeln durch die Landshuter Altstadt.

Im Februar 1934 klagte Schwester Margarethe Hertle:

“Wie arg, dass unsere evang. Kirche so bedroht ist; Gott

helfe in Gnaden – der Marthaverein ist recht klein geworden,

da viele in den Bund deutscher Mädchen getreten

sind.“ 14 Der Marthaverein, der 1914 zur Pflege der christlichen

Gemeinschaft und zur Teilnahme am Gemeindeleben

für junge evangelische Frauen gegründet worden

war, löste sich im Dezember 1934 auf. Dennoch kamen

Der Mädchenbibelkreis

marschierte 1933 mit Wimpeln

durch die Altstadt.

einmal pro Woche noch abends zwei Mädchen und wurden

von den Diakonissen betreut.

1934 sollte erstmals eine von der Reichsregierung

anerkannte Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege

in Erscheinung treten und für das Hilfswerk

Mutter und Kind eine Sammlung organisieren. Diese

Arbeitsgemeinschaft - bestehend aus den von der Regierung

anerkannten Spitzenverbänden NS-Volkswohlfahrt,

Innere Mission, Caritas und Rotes Kreuz - war dem Amt

für Volkswohlfahrt unterstellt. Die Verteilung der Spendengelder

sollten die Gauamtsleiter zusammen mit den

Gaukassenführern vornehmen. „Eine prozentuale Aufteilung

der Sammelergebnisse an die beteiligten Verbände

hat nicht zu erfolgen.“ 15 Der Landesverein für Innere

Mission befürchtete den Verlust seiner Selbständigkeit

und schrieb an den Evangelischen Diakonieverein nach

Landshut:“(…) es ist deshalb außerordentlich wichtig,

dass die Zusammensetzung der Arbeitsgemeinschaft

gleich das erste Mal klappt und dass die Innere Mission,

die ja auf dem Boden der Müttererholung und der

Kinderfürsorge kein Neuling ist, nicht an die Wand gedrückt

wird, sondern tätig und vollgültig mit in der Reihe

steht.“ 16

1938 kam auf die Gemeindeschwestern eine zusätzliche

Aufgabe zu. Aufgrund der Rekordernte und des

18 Der evangelische Diakonieverein 1912-1948


estehenden Landarbeitermangels ordnete das Amt für

Volkswohlfahrt an, dass die ältere Schuljugend zur

Erntehilfe eingesetzt werden soll. Der Landesverein für

Innere Mission teilte allen Gemeindepflegestationen mit,

dass die gesundheitliche Betreuung der Schüler in den

einzelnen Orten durch die Gemeindeschwestern erfolgen

müsse. Die Diakonissen sollten am Abend die landwirtschaftlichen

Arbeitsstellen der Schüler aufsuchen

und die nötigen medizinischen Behandlungen vornehmen.

17 Dazu hatten die Mutterhäuser in Augsburg und

Neuendettelsau ihr Einverständnis gegeben. Es ist nicht

aktenkundig, wie viele dieser Betreuungseinsätze die

Landshuter Diakonissen tatsächlich zu leisten hatten.

Belastung der Diakonissen

Für die Schwestern stellte die Gemeindearbeit vor und

während des zweiten Weltkrieges eine enorme gesundheitliche

und psychische Belastung dar. Es wurde

wiederholt berichtet, dass Schwestern erholungsbedürftig,

„chronisch müde“ waren und nicht weiter arbeiten

konnten. Zum Beispiel war 1936 Schwester Margarethe

Hertle völlig überlastet und kam zur Erholung in das

Mutterhaus. An ihrer Stelle wurde Schwester Anna Dick

für die Gemeindearbeit eingesetzt.

Im Frühjahr 1937 starb überraschend die Leiterin des

Altenheimes, Schwester Kunigunde Wiedmann. Die damalige

Situation im Heim war so schwierig und konfliktträchtig,

dass die Nachfolgerin, Schwester Sophie

Lindner, schon bald nach ihrem Arbeitsantritt um

Versetzung bat. Daraufhin schrieb der Diakonieverein an

das Mutterhaus in Augsburg: “Wir bräuchten notwendig

eine Schwester, die sich den Heiminsassen getrost einmal

zur Wehr zu setzen versteht, denn sonst sind ja die

Schwestern allen Launen und Schrullen der Damen

immer mehr ausgesetzt. Eine energische Schwester wird

unser Heim sehr bald wieder in Ordnung haben.“ 18 In seinem

Antwortschreiben machte Pfarrer Heinrich Kern,

Rektor der Diakonissenanstalt Augsburg, deutlich,

dass „die Art der Behandlung, die die Arbeit unserer

Schwestern zur Zeit erfährt, unter keinen Umständen

auf die Dauer getragen werden kann, dass also hier eine

völlige Wendung zu erfolgen hat, wenn nicht unsere

Schwestern uns eines Tages erklären sollen, dass sie der

Aufgabe im Diakonissenheim in Landshut zur Zeit nicht

mehr gewachsen sind.“ 19

Der evangelische Diakonieverein 1912-1948

Nicht nur die Tätigkeit im Heim, auch die die

Gemeindepflege überforderte die Schwestern zeitweise.

Diakonisse Mina Edelmann musste 1940 von der

Gemeindearbeit abgezogen werden, weil sie „in eine

erschreckend tiefe Schwermütigkeit geraten“ war. Große

Aufregung gab es 1941, als Diakonisse Lina Kauß und

ihre beiden Schwestern, die zu Besuch waren, schwer

erkrankten. Der Grund dafür war mysteriös, es wurde

eine Gasvergiftung im Diakonissenheim vermutet. Rektor

Kern forderte Stadtpfarrer Wagner auf, die Ursache

durch die städtische Gesundheits- und Feuerpolizei einwandfrei

klären zu lassen. Die entsprechende Untersuchung

zeigte allerdings, dass für die drei Krankheitsfälle

keine äußeren Umstände verantwortlich waren.

Anfang der 1940er-Jahre war das evangelische Altenheim

voll besetzt. Bei Bombenalarmen flüchteten die

Heimbewohner in das benachbarte Pfarrhaus, drei

Bewohner mussten mit Rollstühlen zum Luftschutzkeller

in der Klötzlmüllerstraße 33 gebracht werden. Schwester

Lina Meier schrieb dazu nach Augsburg: „Ein dreiviertel

Jahr betreue ich nun schon die lieben Alten hier;

in unserem Heim will die Angst Platz greifen, besonders

seit dem Angriff am 29. Dezember 1944, da gibt es zu

trösten, beruhigen, zu schlichten und zu ordnen.“ 20

Im April 1945 war Landshut dem letzten Großangriff

ausgesetzt. Wie das Evangelische Pfarramt berichtete, 21

hatte die Bevölkerung gehofft, dass die Stadt mit Rücksicht

auf die Lazarette mit insgesamt 4000 Verwundeten

geschont würde. Aber auf Veranlassung eines Kreisleiters

und eines SS-Führers waren angesichts der nahenden

amerikanischen Truppen stärkere Sprengladungen

an der Luitpoldbrücke befestigt worden. Mit dem Auftakt

des Beschusses durch die US-Soldaten traf eine Granate

den ersten Stock des Pfarrhauses und auch das Portal

der Kirche wurde beschädigt. Im Evangelischen Altenheim

gingen einige Fenster zu Bruch. Plünderer schlugen

Türen ein und durchwühlten Schränke und Schubläden.

Dabei wurden 500 Mark und Wäschestücke entwendet.

Viele Heimbewohner wurden krank, weil sie im Keller

ausharren mussten, bis die kaputten Fenster durch Winterfenster

ersetzt waren. 22

19


Auch das Schreiben von Berichten gehörte zum

Aufgabenbereich der Schwestern.

Gründung des Evangelischen Hilfswerks

und der Inneren Mission

Beim Evangelischen Diakonieverein waren seit 1935

keine amtlichen Eintragungen mehr erfolgt, deshalb

fragte das Amtgericht Landshut im Jahr 1946 nach dessen

Existenz. Pfarrer Johannes Wagner antwortete,

dass der Verein nie aufgehört hat zu bestehen und 200

Mitglieder umfasse.

Um die Nachkriegsnot zu lindern, wurde 1946 das

Evangelische Hilfswerk gegründet. Es hatte die Aufgabe,

„die durch die Kriegs- und Nachkriegsereignisse hilfsbedürftig

gewordenen Glaubensgenossen, insbesondere

der Flüchtlinge geistlich und materiell zu betreuen.“ 23

Die Zeit des Nationalsozialismus hatte die Gefahr

deutlich gemacht, dass Institutionen dem Einfluss der

Kirche entzogen und für politische Zwecke instrumentalisiert

werden können. Deshalb verabschiedete die

Evang.-Luth Landeskirche ein Kirchengesetz, das die

Stellung der Inneren Mission und ihr Verhältnis zur

Kirche festmachte. Die Innere Mission wurde als eine

„notwendige Lebensäußerung der Kirche“ definiert. „Als

ihr Werk ist sie darum an ihre Bekenntnis gebunden und

ihrer Leitung verantwortlich. Die Innere Mission hat in

ihren Werken für ihre Einrichtungen innerhalb der kirchlichen

Ordnungen die zur Erfüllung ihrer Aufgaben notwendige

Beweglichkeit und Freiheit in Aufbau und Verwaltung.“

24 Dieses Gesetz war ausschlaggebend für den

Beschluss des Kirchenvorstandes der Pfarrgemeinde

Landshut, am 1.7.1947 den Verein für Innere Mission

Landshut e.V. zu gründen und sich mit den von der

Breslauer Stadtmission übernommenen Altersheimen

Deutenkofen und Vilsbiburg dem Landesverein für

Innere Mission Nürnberg zu unterstellen. Die Tätigkeit

des Evangelischen Hilfswerkes wurde übernommen.

Erster Vorsitzender war Stadtpfarrer Johannes Wagner,

zweiter Vorsitzender Pfarrer Karl Winzler.

20 Der evangelische Diakonieverein 1912-1948


Das Arbeitspensum der Schwestern war groß.

Zum hauptberuflichen Geschäftsführer wurde der

Kirchenvorsteher und Betriebskaufmann Willi Ludwig

bestellt. In einer Kanzelabkündigung vom Oktober 1947

wurde dazu erklärt: „Die Altersheime werden fortgeführt;

Einrichtung eines Schülerheims, Kinderheims,

Kindergärten, Nähstube sind in Angriff genommen. Die

tatkräftige Hilfe der ganzen Gemeinde ist im Interesse

der auch in unserer Gemeinde vorhandenen Notstände

dringend erforderlich. Zur Durchführung der Arbeiten

soll ein Freundeskreis für den Verein ins Leben gerufen

werden. Es wird erwartet, dass kein Gemeindemitglied

sich einem an ihn demnächst ergehenden Aufruf für diesen

Freundeskreis entzieht und nicht nur mit seiner

Fürbitte, sondern auch mit seinen Gaben sich zur Verfügung

stellt.“ 25

Der Aufbau des Vereinswesens ging nach dem Krieg

langsam vonstatten, weil als Voraussetzung für die Gründung

eine so genannte Lizensierung, d.h. eine Zulassung

durch die bayerischen Behörden, verlangt wurde. Dazu

musste eine Erklärung beigefügt werden, dass sich der

Der evangelische Diakonieverein 1912-1948

Vereinsvorstand verpflichtet, (durch Spruchkammern

wegen ihrer NS-Aktivitäten verurteilte) „Hauptschuldige“,

„Belastete“ und „Minderbelastete“ nicht als Mitglieder

aufzunehmen, dass alle jetzigen und künftigen

Mitglieder politisch vollkommen einwandfrei oder nicht

mehr Mitläufer nach dem Befreiungsgesetz seien und

dass die Tätigkeit des Vereins mit den demokratischen

Zielen der Besatzungsmächte übereinstimme. Da die

Innere Mission als ein kirchlicher Verein galt, wurde ihm

die Lizensierung nach einer Mitteilung des Stadtrates

Landshut erlassen. 26

Am 9.5.1948 beschloss die Mitgliederversammlung des

Evangelischen Diakonievereins unter Vorsitz von Pfarrer

Wagner einstimmig, die Arbeiten der Inneren Mission im

Pfarramtsbezirk Landshut zu übernehmen. Die beiden

Vereine wurden zu einem einzigen zusammengeführt,

der sich gemäß der neuen Satzung Innere Mission

(Evang. Diakonieverein) Landshut nannte.

21


3

Nachkriegszeit:

Aufbauarbeit und Hilfe in der Not

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg änderte für die Diakonie viel: Das Dekanat Landshut

wurde gegründet und ebenso die Innere Mission, die die Arbeit des Diakonievereins übernahm.

Die Landeskirche rief das Evangelische Hilfswerk ins Leben und trug so dazu bei,

dass in großem Umfang diakonische Aufgaben bewältigt werden konnten.

22 Die Innere Mission 1948-1973

Spendenverteilung


Der Aufgabenbereich wächst

Aufgrund der Flüchtlingsströme vergrößerte

sich die evangelische Gemeinde

in Stadt und Umland von

etwa 1 600 Mitglieder im Jahr 1939

auf mehr als 28 000 im Jahr 1947. 27

Für die Diakonie bedeutete dies eine

enorme Herausforderung. Pfarrer

Johannes Wagner, damals Vorsitzender

des Diakonievereins, und die beiden

Vikare für Rottenburg und Vilsbiburg

bekamen Unterstützung von

anderen Pfarrern, die mit den Flüchtlingen

nach Landshut gekommen

waren.

Einer von ihnen war Pfarrer Karl Winzler aus Breslau.

Er wurde mit der Aufgabe betraut, das ehemalige Lager

Aurolfing (heute Landkreis Rottal-Inn) in ein Flüchtlingsaltersheim

umzugestalten. Auch bekam er das ehemalige

Kinderheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt

in Wildenberg bei Rottenburg zugewiesen, um es

als evangelisches Altersheim unter der Leitung von Hensoltshöher

Diakonissen weiterzuführen. In seinem Tätigkeitsbericht

für 1946/47 schrieb Pfarrer Winzler über

die Situation in Landshut: „Das Evangelische Hilfswerk

ist mit seinem Büro in dem einen Raum des Evangelischen

Kirchenbüros untergebracht, wegen der ohnehin

schon vorhandenen Enge ein kaum erträglicher Zustand.

Wir sind in das Jahr 1946 mit dem Plan hinein getreten:

Ausreichende Büroräume, ein Kindergarten (Landshut-

Stadt hat heute etwa 6000 evangelische Einwohner), ein

Schülerheim, ein Durchgangsheim. Ich habe diese Pläne

dem Herrn Oberbürgermeister vortragen können. Er hat

mir tatkräftige Förderung zugesagt, auch der Verbindungsmann

zwischen Kirchen und Behörden, Stadtrat

Lektor Schwarz, wollte die Pläne bei der Stadtverwaltung

fördern, ein Erfolg war aber bis Jahresende nicht zu

verzeichnen.“ 28 Es vergingen noch einige Jahre, bis diese

Wünsche realisiert werden konnten.

Das Arbeitsgebiet der Inneren Mission erstreckte sich

auf den Gesamtbereich des Evangelisch-Lutherischen

Kirchenbezirks Landshut. Die Zwecke des Vereins waren

Armen- und Krankenpflege sowie Kinder-, Jugend- und

Altersfürsorge – beispielsweise die Errichtung von Kinderheimen,

Kindergärten, Schülerheimen und Altersheimen.

Mit der Gründung des Dekanats Landshut im Jahr

Die Innere Mission 1948-1973

Diakonievorsitzender Dekan Krauß (links) unterwegs mit

seinem Dienstwagen: Die Sitzschiene im VW Käfer musste

wegen der Körpergröße des Dekans verlängert werden.

1949 wurde Paul Krauß zum ersten Dekan berufen und

in dieser Funktion gleichzeitig erster Vorsitzender der

Inneren Mission.

Die Währungsreform im Juni 1948 bildete die wirtschaftliche

Grundlage für das schwer angeschlagene

Nachkriegsdeutschland. Doch sie forderte auch Opfer:

Für die „Währungsverarmten“ wurde 1949 in Bayern eine

Landessammlung organisiert. Diese erbrachte Geldspenden,

Beträge für den Kauf von Textilien und Freiplätze

für Erholungsaufenthalte. Auf das Evangelische

Hilfswerk im Dekanat Landshut entfielen davon 4539,08

DM, die von Dekan Krauß an die Pfarrämter Freising,

Landau, Landshut und an die Vikariate Dingolfing, Neufahrn/Ndb.,

Rottenburg und Vilsbiburg weiterverteilt

wurden.

Nach der Währungsreform erfuhren nicht nur die bestehenden

Landshuter Betriebe eine Aufwärtsentwicklung,

es siedelten sich auch zahlreiche neue Gewerbebetriebe

an. Etwa zehn Jahre später, am Ende der

1950er–Jahre, herrschte in Landshut Vollbeschäftigung,

zum Teil sogar Fachkräftemangel. Doch bis dahin gab es

für Innere Mission und Evangelisches Hilfswerk eine

Menge zu tun.

Das Wirtschaftsjahr 1950 brachte wesentliche Erweiterungen

des Aufgabenbereichs: Zu den bereits vorhandenen

Einrichtungen kamen das Evangelische Altenheim

Vilsbiburg, die Villa Kronwinkl, die Berufung einer Fürsorgerin

und die Einrichtung einer Nähschule hinzu. Die

Geschäftsstelle der Inneren Mission befand sich seit

1948 in angemieteten Räumen am Nahensteig 182.

23


Zeitzeugen

Heimatvertriebene in

Niederbayern –

eine Annäherung

Dekan Kirchenrat Paul Krauß, Vorsitzender der Inneren Mission Landshut

(von 1949 bis 1966), erinnert sich an Begegnungen in der Nachkriegszeit

Kein Wunder, wenn Bürger einer solchen Stadt (Landshut) ein starkes Selbstbewusstsein haben

und in ihrer Haltung konservativ sind! Kein Wunder aber auch, wenn die vielen Heimatvertriebenen

aus dem deutschen Osten, die ebenso schöne Städte hatten und mit Recht ein

ebensolches Selbstbewusstsein, zunächst nur schwer zum niederbayerischen Menschen fanden.

Vergessen darf man auch nicht, dass ja in ganz Niederbayern vor 1945 weniger Evangelische

lebten als heute im Bereich des Pfarramts Landshut allein. Wir Evangelischen – zumal wer nicht

aus Bayern stammte – waren zunächst ein Fremdkörper im niederbayerischen Raum.

Aber das Bild hat sich inzwischen doch wesentlich gewandelt. Auf der einen Seite waren es die

Landschaft und ihre Städte und Siedlungen, die die Brücke bei den Heimatvertriebenen bauten.

Erst in diesen Tagen sagten mir zwei Schlesier: „Wenn man die Laubengänge sieht oder den

Martinsdom oder die Isar, so ist es doch wie in Breslau oder Jauer.“ Und bei den Einheimischen:

Da war es das gegenseitige Sichkennenlernen, was allmählich die Reserve, die man zunächst

bewahrte, abbaute. Und das galt nicht nur im beruflichen Zusammenleben, sondern auch im

religiösen Gebet. Dass in der evangelischen Kirche das gleiche Glaubensbekenntnis, das gleiche

Vaterunser, sogar Beichte, Tauf- und Altarsakrament zu Hause sind, wussten viele nicht.

Freilich, die Angst vor den „Protestanten“, wie man uns weithin noch nennt, ist bei vielen

Katholiken nicht überwunden. Das gibt einem allerdings immer wieder zu schaffen. Aber das

soll uns nicht irre machen in unserer Haltung. Wir wollen beitragen, was wir können, dass auch

in Niederbayern das gegenseitige Sich-achten-und-verstehen-Wollen der Konfessionen wächst,

damit wir nicht bloß reden von Ökumene, sondern sie zuallererst bei uns im engen Raum zu

praktizieren versuchen.

Aus: Blätter für Innere Mission in Bayern, Heft 11, November 1962, 15. Jg., S. 2 f.

24 Die Innere Mission 1948-1973


Die evangelischen Altersheime

Von der Diakonie übernommen wurde auch die Breslauer

Mission, eine Arbeitsgemeinschaft von 20 bezahlten

Kräften. Deren Pfleglinge aus Hoyerswerda waren in

einer Notunterkunft in Deutenkofen untergebracht.

Nach und nach konnten die Vertriebenen, die in Notunterkünften

und Baracken wohnen mussten, in die

Altenheime der Inneren Mission aufgenommen werden.

Als 1950 ein Haus in Kronwinkl gekauft werden konnte,

fanden fast 100 alte und pflegebedürftige Menschen

dort eine neue Unterkunft. Allerdings wurde bald deutlich,

dass das Angebot an Heimplätzen der steigenden

Nachfrage nicht gerecht wurde. So wurde ein weiterer

Bau mit 20 zusätzlichen Heimplätzen erstellt. „Daheim“

und „Abendsonne“ hießen die beiden zusätzlichen freistehenden

Gebäude. Als jedoch der Bauzustand nicht

mehr zufriedenstellend war, die Gegebenheiten den

aktuellen Anforderungen nicht mehr genügten – es fehlten

beispielsweise Einzelzimmer – und weil zudem die

Verkehrsanbindung schlecht war, wurde das Heim in

Kronwinkl nach gründlicher Abwägung 1967 geschlossen.

Ein Jahr später zogen die Bewohner in das neue

Altenheim in Bogen um. 29

Die Innere Mission 1948-1973

Das Alten- und Pflegeheim der Inneren Mission in

Kronwinkl wurde aufgrund der hohen Nachfrage um

zwei Anbauten erweitert.

25

Eier aus Franken

Lese

text

Lebensmittelspenden waren in den

1950er-Jahren eine unverzichtbare Hilfe

in der Not. Um die Innere Mission

Landshut zu unterstützen, hatte sich

der fränkische Patenbezirk Thalmässing

eine besondere Art der Hilfe überlegt.

Im Frühjahr baten dort Sammler um

Eierspenden – mit großem Erfolg. Wie

diese Tausende von Eiern unversehrt

nach Niederbayern transportiert und

verteilt wurden, ist nicht dokumentiert.

Allerdings wurde exakt festgehalten,

wie viele Stück welches Heim bekam.

Mehr als 20 Jahre lang wurden immer

im Frühjahr etwa 5000 Eier und im

Herbst jeweils Lebensmittel gesammelt,

die den Altenheimen der Inneren

Mission zugute kamen.


Vom 15. bis 20. Juni 1950 unternahmen vier Vertreter

des Landesverbandes der Inneren Mission eine Informationsreise

durch die Dekanate Passau, Landshut und

Regensburg. Aus dem Bereich Landshut nahmen Diakon

Rau, Dekan Krauß und Diakon Krocker teil. Besichtigt

wurden die Altenheime in Wildenberg, in Vilsbiburg, in

Kronwinkl und in Aurolfing (das letztere Heim sollte an

das Dekanat Passau gegeben werden), außerdem die

Geschäftsstelle und die Nähstube in Landshut. Als

Ergebnis der Reise wurde festgehalten: „Keines dieser

Heime darf jetzt aufgegeben werden. Sie dienen alle

dem unverminderten Notstand. Dies geht vor allem auch

aus der starken Überbelegung hervor. (…) Die Bedrohung

der Heime besteht darin, dass sie nicht auf eigenem

Grund und Boden stehen. Es ist auch das ausgesprochene

und zugegebene Bestreben führender

Männer der kath. Kirche, dass sich die evang. Kirche in

Niederbayern nicht festsetzen soll.

Diese Bedrohung ist beseitigt durch den Ankauf von

Kronwinkl und Vilsbiburg, besteht nicht ernstlich für

Wildenberg (…)“. 30 Als nächste Aufgabe wurde festgelegt,

die Heime zu verbessern, die noch den ursprünglichem

Not- und Barackencharakter hatten. Besonders

das Altersheim in Vilsbiburg, in dem die neu eingesetzten

Hensoltshöher Schwestern tätig waren, bedurfte

einiger Renovierungsarbeiten. Bereits am 1.12.1958

wurde das Altenheim in Wildenberg aufgelöst.

26 Die Innere Mission 1948-1973

Die Bewohner

des Altenheims in

Landshut (links)

und in Kronwinkl


Die Bewohner des Altenheims in Wildenberg

Das Ende einer Flucht

Noch heute erinnert ein Gedenkstein in Adlkofen an das Schicksal

von 67 Heimatvertriebenen aus Schlesien. 400 kranke und behinderte

Menschen aus dem Verbandspflegeheim in Tormersdorf (Niederschlesien)

hatten sich am 20. Februar 1945 in einem Sonderzug auf

die Flucht gemacht. Doch bereits nach wenigen Kilometern schlug

eine russische Granate in einen Güterwaggon ein und tötete zehn

Personen. Viele Patienten starben während der langen und beschwerlichen

Reise. In Deutenkofen wurden etwa 100 der zum Teil schwerkranken

Menschen in einer alten Brauerei ohne ausreichende sanitäre

Einrichtungen behelfsmäßig untergebracht. Trotz der Fürsorge eines

Arztes aus Adlkofen und der Nahrungsmittelgaben durch die

Bevölkerung starben viele dieser Menschen innerhalb eines kurzen

Zeitraums.

Lese

text

Am Waldrand von Adlkofen wurde ein abgeschiedener Friedhof

angelegt, auf dem die verstorbenen Heimatvertriebenen in den

Jahren von 1945 bis 1949 beerdigt wurden. Der Landshuter

Bildhauer Karl Reidel schuf im Jahr 1960 ein Denkmal aus

Muschelkalk, das an die Verstorbenen erinnert. 1979 fand anläßlich

der Renovierung des Steins eine Gedenkfeier statt.

Die Innere Mission 1948-1973

27


Spendenverteilung an Bedürftige

Zur Linderung der materiellen Not nach dem Krieg war

die Innere Mission auch für die Verteilung von Spenden

zuständig. Nach den vorhandenen Aufzeichnungen leistete

sie allein im Jahr 1950 in 4920 Fällen Hilfe, wobei

sie 53 760 kg Lebensmittel und 4370 Kleidungsstücke

verteilte. Sie hatte ihre Geschäftsstelle am Nahensteig,

wo die Spendenübergabe koordiniert wurde. Geschäftsführer

Gerhard Krocker beschrieb die Situation so: 31

Da läutet das Telefon. Ein Lastzug mit Liebesgaben

ist unterwegs nach Landshut. Sofortige Entladung ist

erforderlich, da der Transport gleich weiterfahren

muss! Einige Minuten Stille, bis die Überraschung

verdaut war. Die Mittagspause war wieder einmal

hin. So wurde wieder einmal die „Alarmkette“ in

Bewegung gesetzt. Alle Mitarbeiter waren zur Stelle.

Das Entladen konnte beginnen. Zahlreiche Pakete,

Trommeln, Fässer, Ballen und sonstige Verpackungen

kamen zum Vorschein. An neugierigen Zuschauern

fehlte es nie. Schnell war die Nachricht: „Spenden

sind eingetroffen!“ verbreitet. Alles wurde sortiert,

gezählt, geprüft und in Karteien eingetragen.

Ordnung muss sein, denn der Landesverband der

Inneren Mission verlangte Berichte und Nachweise.

Die Spender im Ausland wollten ja genau informiert

werden. Da standen dann Stapel von Fässern mit

Trockenmilch, jedes zwei Zentner schwer, große

Pakete mit Käse und Butter, Fässer mit Fett und

Fleisch, Sirup und Lebertran, Ballen mit Bekleidung,

Säcke mit Schuhen. Alles Zeugen des ungebrochenen

Liebeswillens eines Volkes, das vor nicht allzu langer

Zeit noch im Krieg mit uns stand. Nicht vergelten,

sondern „Liebe üben“ stand über dieser weltweiten

Aktion.

Ein Lastwagen brachte gespendete Lebensmittel

und Bekleidung.

Zur Nachkriegsnot kam im Jahr 1954 auch noch ein Isar-

Hochwasser, so dass das Evangelische Hilfswerk hier

ebenfalls Hilfe leistete und etwa 2000 Hochwassergeschädigte

versorgte. Frauen und Kinder aus Mitterwöhr

wurden in der Kirchenbaracke im Niedermayerviertel

untergebracht. Auch die Bewohner von Landau

und Umgebung waren vom Hochwasser betroffen und

wurden mit Lebensmitteln und Kleiderspenden unterstützt.

28 Die Innere Mission 1948-1973

Im Beisein von

Geschäftsführer

Krocker wurden die

Spenden gezählt,

geprüft und notiert.

Für die

Hochwasseropfer

aus dem Jahr 1954

leistete die Innere

Mission Hilfe.


Lebendige Hilfe: Kühe aus Texas

Mit einer ungewöhnlichen Aufgabe wurde das Evangelische Hilfswerk in den 50er Jahren betraut: der

Übergabe von amerikanischen Milchkühen an Flüchtlingsbauern. Die Tiere waren von texanischen Farmern

gespendet worden, um den vertriebenen Landwirten einen Neuanfang in Bayern zu erleichtern.

Einen Monat lang waren die 18 Kühe und 4 Kälber aus Texas unterwegs, bis sie am 3. Oktober 1957 Landshut

erreichten. Vom Güterbahnhof trotteten die Schwarzbunten zur Viehmarkthalle. Dort warteten nicht nur

Flüchtlingsbauern aus dem südbayerischen Raum, sondern auch Vertreter der Wohlfahrtsverbände, der

Kirchen und Behörden sowie eine Delegation des amerikanischen Heifer-Committee. Diese 1946 in den

Vereinigten Staaten gegründete Organisation sandte im Rahmen des Färsen-Projekts Tausende von Tieren in

die ganze Welt – überall dorthin, wo Not und Nahrungsmittelknappheit herrschten.

Für die Verteilung der Kühe vor Ort waren das Evangelische Hilfswerk und die Innere Mission zuständig.

Dekan Paul Krauß begrüßte die Gäste, Diakon Gerhard Krocker, der die kleine Feier organisiert hatte, führte

die Verlosung der Tiere an die freudestrahlenden neuen Besitzer durch. Drei Landwirte hatten besonders

viel Glück: Ihre Tiere hatten bereits Stierkälbchen bekommen, die die Bauern behalten durften. Eine Auflage

gab es nämlich für die Beschenkten – sie mussten das erstgeborene weibliche Kalb ebenfalls an einen

Heimatvertriebenen spenden und so ihrerseits zum wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes beitragen.

Als ein „Christentum der Tat“ wurde das außergewöhnliche Ereignis damals gepriesen. Tatsächlich handelte

es sich bei dieser Aktion nicht um eine kirchliche oder staatliche Zuwendung, sondern um private Geschenke

amerikanischer Farmer, die aus religiöser Überzeugung heraus Gutes tun wollten. Auch für sie stellte die

Abgabe eines Tiers ein Opfer dar.

Bis 1955 waren bereits mehr als 2000 amerikanische Kühe nach Westdeutschland gespendet worden. Ins Leben

gerufen wurde das Projekt 1938 von dem Amerikaner Dan West, der währen des spanischen Bürgerkrieges in

einem Wohlfahrtsverband Hilfe leistete und dabei auf die Idee kam, mit Kuh-Spenden das vorherrschende

Nahrungsmittelproblem zu lösen. Die Empfänger wurden nach ihrer Bedürftigkeit und ihrer Fähigkeit ausgewählt,

das Spendentier angemessen zu halten. Sie mussten Flüchtlingslandwirte sein, die sich eine neue

landwirtschaftliche Existenz aufbauen wollten und hilfsbedürftig waren.

Die Innere Mission 1948-1973

29

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text


Bibeln und Krimis zum Ausleihen

Neben materiellen Dingen wurden immer wieder – auch

aus dem Ausland – Bibeln gespendet. Dies war einer der

Gründe dafür, dass die Evangelische Buchhandlung in

einem kleinen Laden neben der Geschäftsstelle am

Nahensteig eingerichtet wurde. Sie war fortan bei Bibelwochen,

Seminaren und anderen Gemeindeveranstaltungen

mit einem Büchertisch vertreten. Um die Jugendlichen

„von den Gefahren der in Massen vorhandenen

schlechten Literatur wegzuführen“ 32 , wurde zudem eine

Leihbücherei im Bayerischen Verband evangelischer

Büchereien gegründet. Etwa 650 Bände standen zur

Ausleihe: Bibelwerke, Jugendbücher, Kunstkalender,

auch Aufklärungsliteratur für Buben und Mädchen war

darunter. Als die Innere Mission in das neu erbaute

Gemeindehaus umgezogen war, wurden dort weiterhin

regelmäßige Buchausstellungen veranstaltet und – von

der Kinderbibel bis zum Krimi – Literatur für Jung und Alt

vorgestellt. „Es genüge nicht, (…) nur über schlechte

Bücher zu schimpfen und Schmutz und Schund zu verdammen.

Man müsse den Eltern, jungen Menschen und

Kindern auch zeigen, was es alles an Lesenswertem in

der Welt der Bücher gibt.“ Mit diesen Worten zitierte die

Landshuter Zeitung 1966 den Ausstellungsinitiator und

Geschäftsführer Krocker.

30 Die Innere Mission 1948-1973

Die Evangelische

Buchhandlung befand

sich am Nahensteig.


Theoretischer Unterricht gehörte zum Bergbaukurs.

Jugendbildung: Bergbau und

Haushaltsschule

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten in Bayern ein

eklatanter Lehrstellenmangel, bedrückende Arbeitslosigkeit

und eine anhaltende Wohnungsnot. In den städtischindustriellen

Regionen hingegen wurden Arbeiter händeringend

gesucht. Zu den boomenden Sektoren und

wesentlichen Wirtschaftsstützen der Nachkriegszeit

zählte der Bergbau. Da die Ausweitung der Kohleförderung

in den Zechen aufgrund fehlender zusätzlicher

Arbeitskräfte stagnierte, warben Regierung, Arbeitsämter

und Unternehmen gezielt Arbeiter aus dem Kreis

der Flüchtlinge und Vertriebenen an. Auch in Bayern, das

zu den Flüchtlingsaufnahmeländern gehörte, wurden

Bergleute gesucht.

So kam es, dass sich Anfang der 1950er-Jahre Landshuter

Jugendliche für den Bergbau entschieden und ins

Ruhrgebiet zogen. Die Innere Mission Landshut hatte

nämlich auf die Jugendarbeitslosigkeit mit einer pragmatischen

Lösung reagiert: Mit Unterstützung durch die

Bergbau AG Consolidation aus Gelsenkirchen wurde ein

Jugendwohnheim auf dem Gelände der ehemaligen

Höhnkaserne in der Podewilsstraße errichtet und damit

die Basis für die Berufsausbildung der Jugendlichen

gelegt. In diesem im Juni 1952 eröffneten Wohn- und

Schulungsheim fanden jeweils dreimonatige Auswahlund

Schulungskurse statt – übrigens die einzigen Bergbaulehrgänge

in Bayern! Die Jungen wurden dort nicht

nur theoretisch auf ihren künftigen anstrengenden Beruf

Die Innere Mission 1948-1973

Die angehenden Bergbaulehrlinge verschönerten

den Herzog-Georg-Platz.

vorbereitet, sondern sie wurden auch zu Aufbauarbeiten

im Stadtgebiet herangezogen, etwa zu Erdbewegungen

in der Schwimmschule oder zu Straßenarbeiten am

Klausenberg. Für diese unentgeltlichen Arbeiten zeigte

sich die Stadt erkenntlich und gab Zuschüsse zu den

Ausflügen der Jugendlichen.

Im September 1953 trafen die ersten 29 Lehrlinge

aus Landshut zusammen mit Diakon Gerhard Krocker in

Gelsenkirchen ein, wo sich der Geschäftsführer in der

Zeche informierte und auch eine Grubenfahrt unternahm.

Die Teilnehmer der ersten drei Bergbaukurse wurden

von der Consolidation Bergbau AG in Gelsenkirchen

übernommen, die weiteren gingen zur Dortmunder Bergbau

AG.

31

Diakon Krocker

mit den

Jugendlichen im

Wohnheim an

der Podewilsstraße


Aufgrund der strengen Vorauswahl gab es bei den

Landshuter Jugendlichen einen sehr geringen Anteil, der

die Bergbaulehre abbrach, während es bei den übrigen

Lehrlingen 30 Prozent waren. Auch hatte der Ausbildungsleiter

Wilhelm Kraft in Landshut großen Wert auf

den Aufbau kameradschaftlicher Beziehungen gelegt. So

wurden gemeinsame Ausflüge unternommen, auch

Musikstücke oder Vorführungen für den abschließenden

Elternnachmittag einstudiert. Die Innere Mission lud die

Eltern der Lehrlinge regelmäßig zu einem Informationsnachmittag

in das Heim ein, wo sie von den Mädchen

des Haushaltungslehrgangs bewirtet wurden. Ansprechpartner

von der Bergbau AG, Dekan Krauß und Diakon

Krocker waren dabei anwesend, um den Eltern Fragen zu

den Ausbildungsinhalten und zu den beruflichen Bedingungen

in der Zeche zu beantworten.

Für die Jugendlichen bedeutete das Ende des Lehrgangs

gleichzeitig, Abschied von Familie und Heimat zu

nehmen. „Obgleich erst am 3. Oktober die Abschiedsstunde

schlägt, ließ der Trennungsschmerz schon beim

Elternnachmittag des siebenten Landshuter Kurses der

Dortmunder Bergbau AG manche Mutter Tränen vergießen“,

schrieb die „Isar-Post“. 33 Nicht nur Jugendliche,

auch komplette Familien verließen damals Bayern.

Angetrieben von der Suche nach Arbeitsplätzen setzte

eine Flucht aus den ländlichen Regionen ein, die durch

insgesamt fünf Umsiedlerprogramme des Bundes gesteuert

wurde. Zwischen 1949 und 1956 wurden auf dieser

Basis rund eine Million Menschen in ganz Deutschland

in andere Bundesländer umverteilt. Gewinner war

dabei Nordrhein-Westfalen, vor allem das Ruhrgebiet,

denn der Kohlebergbau versprach den Umsiedlern eine

sichere und attraktive Zukunft.

Zum Jahresende 1955 löste die Innere Mission sowohl

das Wohnheim als auch den Grundausbildungslehrgang

auf. Insgesamt waren etwa 470 Jungen aus dem

Landshuter Kurs für die Bergbaulehre vorbereitet worden.

Zuvor war auch schon die Haushaltsschule für die

Mädchen geschlossen und deren Mobiliar dem Ursulinenkloster

überlassen worden. In der Haushalts- und

Nähschule der Inneren Mission in der Baracke Gabelsbergerstraße

10b waren insgesamt 340 Mädchen ausgebildet

worden. Die Nähschule wurde durch den Staat

gefördert und zählte zu den sozialen Maßnahmen des

Bayerischen Jugendwerks zur Linderung der Berufsnot

der Jugend.

In der Haushaltsschule der Inneren Mission lernten

die Mädchen das Kochen.

32 Die Innere Mission 1948-1973

Abschied von Landshut: Die Jugendlichen

auf dem Weg in ihre berufliche Zukunft im

Ruhrgebiet.

Auch Diakon Krocker (rechts) machte eine

Grubenfahrt.


In der Nähstube der Inneren Mission Landshut fertigten die jungen Frauen Kleidungsstücke und stellten sie aus.

Mehr als nur eine Werkstatt!

Diakon Gerhard Krocker, Geschäftsführer der Inneren Mission Landshut (von 1950 bis 1972), berichtet über die Nähstube

Durch den Zustrom von Flüchtlingen aus dem Osten entstand auf dem Arbeitsmarkt eine katastrophale Lage.

Fast 200 000 evangelische Flüchtlinge kamen in die niederbayerische Diaspora. Infolge Übervölkerung dieses

Gebietes gibt es noch heute eine erschreckend große Zahl von Arbeitslosen. Unvorstellbar ist die Berufsnot der

Jugend! Die große Gefahr des sittlichen Abgleitens unserer Jugend infolge Arbeitslosigkeit ist heute noch eine

große Sorge.

Unsere Nähstube ist aus Sorge um die Berufsnot unserer Jugend im Rahmen der sozialen Maßnahmen des

bayerischen Jugendwerkes im Juli 1950 entstanden. Bisher sind 92 Mädchen im Schneidern, Handarbeiten,

Schnittzeichnen, Kochen und fast allen vorkommenden hauswirtschaftlichen Arbeiten gefördert worden.

Auch in unserem Kindergarten im DP-Lager1 wird eine Gruppe unserer Mädels unter Anleitung der

Kindergärtnerin beschäftigt. In diesem Zusammenhang macht der Bastelunterricht, der Fertigkeiten für die

Beschäftigung mit Kindern vermittelt, den Mädels große Freude. Gesang, Volkstanz und Spiel sind beliebte

Beschäftigungen. Auch in Säuglingskunde, Gesundheitslehre und „erste Hilfe bei Unfällen“ werden

Kenntnisse und Fertigkeiten übermittelt. Lichtbildervorträge werden besonders im Winterhalbjahr gehalten.

Sie sollen die Allgemeinbildung fördern und den Unterrichtsstoff veranschaulichen.

Zur Zeit ist unsere Nähstube mit 34 Mädels im Alter von 14 bis 16 Jahren belegt. Sie sind fast alle Flüchtlinge

und kommen zum großen Teil aus Familien, die wirtschaftlich und wohnraummäßig in recht kümmerlichen

Verhältnissen leben. Von einem großen Teile sind die Väter arbeitslos oder nur Hilfsarbeiter. Besonders groß

ist die Not in den kinderreichen Familien, die oft durch Arbeitslosigkeit und Wohnraumenge bis an die

Grenze des Ertragbaren geht! Wir wollen die Mädels, die recht lange auf eine Lehrstelle warten müssen, von

den Gefahren der Straße und des Nichtstuns fernhalten und sie für ihren späteren Beruf ertüchtigen. Von den

Mädchen, die bisher unsere Nähstube besuchten, erhielten 75 % Stellen als Hausangestellte und 25 % bekamen

Lehrstellen. Unsere Nähstube soll aber nicht nur eine Werkstatt sein, in der die Mädchen einige Fertigkeiten

erwerben, sondern sie werden auch das gewinnen, was die Kraft zum Leben gibt!

1 DP-Lager waren Einrichtungen zur vorübergehenden Unterbringung so genannter Displaced Persons (DPs) nach dem Ende

des Zweiten Weltkriegs. Unter diesem Begriff wurden zunächst alle Personen verstanden, die sich als ehemalige KZ-Häftlinge

oder Zwangsarbeiter oder als von den Nationalsozialisten angeworbene ausländische Arbeitskräfte in Deutschland befanden.

Die Innere Mission 1948-1973

33

Lese

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Beginn der Kindergartenarbeit

In einer Baracke am Gutenbergweg eröffnete die Innere

Mission im Januar 1953 den ersten evangelischen

Kindergarten in Landshut. Er konnte bis zu 60 Kinder im

Alter von drei bis sechs Jahren aufnehmen. Als zwei

Jahre später das evangelische Gemeindehaus fertiggestellt

war, übersiedelte der Kindergarten dorthin: Dekan

Krauß, Diakon Krocker und Lektor Schwarz waren am

Eröffnungstag gekommen, um die Räume ihrer neuen

Bestimmung zu übergeben. Zwar fehlten noch die Vorhänge,

aber die Zimmer waren wohnlich gestaltet. Durch

die Zentralheizung waren sie warm und – anders als vorher

in der Holzbaracke – durch die großen Fenster auch

hell. Begeisterung erzielte vor allem der neue Waschraum

mit richtigen Waschbecken, denn in der Baracke

mussten sich die Kinder mit Schüsseln behelfen. Auch

gab es ein Klavier, an dem die Erzieherin, Fräulein

Gertrud Mätschke, die Kinder zu rhythmischen Musikspielen

animierte, ebenso einen separaten Schlafraum

mit Liegematten.

1956 wurde ein weiterer Kindergarten der Inneren

Mission im Niedermayerviertel eröffnet – ebenfalls in

einer Baracke der evangelischen Notkirche. Trotz der

Der erste Kindergarten

der Inneren Mission

befand sich in einer

Baracke am

Gutenbergweg.

behelfsmäßigen Einrichtung war der Zuspruch zu diesem

neuen Angebot schon am Eröffnungstag unerwartet

hoch: Es wurden elf Kinder aus evangelischen und neun

aus katholischen Familien angemeldet.

Diese Fürsorgearbeit der Inneren Mission erstreckte

sich allerdings nur über einen vergleichsweise kurzen

Zeitraum, denn bereits 1961 wurden beide Kindergärten

in die Trägerschaft der Evangelischen Kirchengemeinde

übergeben.

Kreative Spiele trotz einer behelfsmäßigen Unterbringung:

Der Kindergarten im Niedermayerviertel.

34 Die Innere Mission 1948-1973


Ein neues Haus für die Evangelische

Gemeinde

Mit dem neuen Evangelischen Gemeindehaus ging ein

lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Die Evangelische

Gemeinde war stark angewachsen und wünschte sich

eine Begegnungsstätte. Es dauerte einige Jahre, bis auch

die materiellen Möglichkeiten dafür gegeben waren und

der Plan verwirklicht werden konnte. Auf dem Grundstück

am Gutenbergweg wurden die beiden Baracken,

die als Kindergarten und als Nähstube gedient hatten,

abgerissen. Im August 1955 wurde Richtfest gefeiert, im

Dezember fand die feierliche Einweihung durch Oberkirchenrat

Koller statt. Das neue Haus bot im Erdgeschoss

Platz für die Büros der Inneren Mission und des

Evangelischen Hilfswerks. Auch die Evangelische Buchhandlung

zog dorthin um. Besonders stolz war man auf

einen geräumigen Saal und ein Sitzungszimmer. Die

Jugend bekam ebenfalls Räume für ihre Treffen, sogar

einen Ping-Pong-Raum im Keller. Im Obergeschoß und

unter dem Dach waren Wohnungen für Pfarrer, Hausmeister,

Katechetin und Pfarrhelferin vorgesehen.

Die Innere Mission 1948-1973

35

Wo noch Baracken stehen, soll bald das neue Gemeindehaus erbaut

werden.

Wo noch Baracken

stehen, soll bald das

neue Gemeindehaus

erbaut werden.

Bot Platz für die

Bedürfnisse der

Evangelischen Gemeinde

in Landshut: das

Gemeindehaus am

Gutenbergweg.


4

Die 1960er-Jahre:

Ausbau der Altenhilfe

Die Leiterin des evangelischen

Altenheims Vilsbiburg, Diakonisse

Anna Maul, mit Frau Krocker

Der fortschreitende wirtschaftliche Aufschwung in den

1960er-Jahren brachte für die Wohlfahrtsverbände ein

großes Personalproblem mit sich: Die Arbeitsnehmer wanderten

in die lukrativere industrielle Produktion ab und

standen daher für soziale Tätigkeiten nicht mehr zur Verfügung.

Hinzu kam, dass die Diakonissen-Mutterhäuser

aufgrund rückläufiger Eintritte mit Schwesternmangel zu

kämpfen hatten. So mussten Diakonissen aus jahrzehntelang

von ihnen verantworteten Aufgabenbereichen in die

Mutterhäuser zurückgerufen werden. Auch konnten keine

Ersatzschwestern geschickt werden. Diese Entwicklung

führte dazu, dass neue Berufsgruppen entstanden, etwa in

der Altenpflege und in der Heilerziehungspflege. Die

Fachkräfte übernahmen die Arbeit der Schwestern. Auch in

Landshut und kurze Zeit später in Vilsbiburg ging die Zeit

der Diakonissen zu Ende.

36 Die Innere Mission 1948-1973


Das Ende der Diakonissenära

1969 verließ die letzte Diakonisse Landshut: Schwester

Anna Held konnte nach einem Krankheitsurlaub ihren

Dienst nicht mehr aufnehmen. Sie hatte als einzige

Diakonisse in Landshut seit 1963 Einsame, Kranke und

Gefährdete betreut. Aufgrund des allgemeinen Schwesternmangels

war das Mutterhaus Augsburg nicht in der

Lage, für sie einen Ersatz zu stellen. Deshalb versuchte

die Innere Mission, die Gemeindepflege mit weltlichen

Kräften fortzuführen, was nicht gelang. Schließlich musste

die Gemeindestation im Jahr 1971 aufgelöst werden.

Erst einige Jahre später lebte die ambulante Pflege mit

der Einrichtung der Sozialstation neu auf.

Im evangelischen Altenheim Vilsbiburg waren Hensoltshöher

Schwestern tätig. Die letzten Diakonissen

wurden 1973 durch das Mutterhaus in Gunzenhausen

abberufen. Schwester Anna Maul hatte in Vilsbiburg

über viele Jahre die Leitung des Altenheims der Inneren

Mission an der Bergstraße innegehabt. Zu ihrem 60.

Die Innere Mission 1948-1973

Das Altenheim Vilsbiburg schloss 1979 seine Pforten.

Geburtstag im Juli 1966 schrieb die Vilsbiburger Zeitung:

„Kein Achtstundentag und kein Tarif sind Gegenstand

ihres Arbeitsvertrages, den sie mit einem hilfstätigen

Werk geschlossen hat. Wo es gilt, für ihre Leute etwas zu

tun, da ist Schwester Anna unermüdlich.“ 34

Herausforderungen im Wirtschaftswunder

Da während des Krieges in Landshut viel Wohnraum zerstört

worden war und gleichzeitig infolge des Flüchtlingszustroms

ein hoher zusätzlicher Wohnungsbedarf

entstand, musste gebaut werden. Es standen immer

noch Notbaracken, die soziale Probleme aufwarfen.

1969 beschloss der damalige dritte Bürgermeister, Josef

Deimer, einen Fünf-Jahres-Plan zur Errichtung von 500

Sozialwohnungen und 200 Wohnungen für Pendler, um

der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Insbesondere für

ältere Menschen, denen gekündigt worden war, wurden

Wärmestuben eingerichtet. 35

37


Die Fürsorgerin musste mobil sein.

Für den damaligen Geschäftsführer der Inneren Mission,

Gerhard Krocker, stellten sich immer neue Herausforderungen.

Trotz voller Schaufenster und neu erwachtem

Konsumvergnügen der 1960er-Jahre waren Innere Mission

und Evangelisches Hilfswerk weiterhin gefordert,

für Kinder, Flüchtlinge und Spätaussiedler zu sorgen. Im

Flüchtlingslager in Ganacker wurden 1961 83 Familien

mit Kleidung, Schuhen, Geschirr und Lebensmitteln aus

der Friedlandhilfe 36 versorgt. Weitere Aufgaben der

Inneren Mission waren: Erholungsfürsorge für Erwachsene

und Kinder, rund 90 Vormundschaften, Behördenbesuche

und Anträge, Altenheime und Kindergärten,

Auswandererberatung, Nichtsesshaften- und Strafentlassenenfürsorge

und Mütterdienst.

1966 waren für die Innere Mission Landshut zwei

Diakone als Geschäftsführer bzw. Heimleiter, zwei Hausmütter,

sechs Diakonissen, zwei Fürsorgerinnen, vier

Bürokräfte und 16 Hausangestellte (in den Altenheimen)

tätig. Dazu kamen zwei Kindergärtnerinnen, die im

Dienst der Gesamtkirchenverwaltung standen.

Prägend für die 1960er-Jahre waren der Bau des

neuen Altenheimes, der Ausbau der offenen Seniorenarbeit

sowie das Angebot altersgerechter Mietwohnungen

für Senioren. Dieses ganzheitliche Konzept zur

Betreuung älterer Menschen in allen Lebenslagen

entstand unter der Federführung des engagierten

Geschäftsführers Gerhard Krocker. Er erhielt für seine

sozialen Verdienste 1978 die goldene Bürgermedaille

der Stadt Landshut.

Für den Diakonieverein war eine funktionierende Verwaltung

unerlässlich.

38 Die Innere Mission 1948-1973


Das Altenheim am Bettinaweg

Eine deutliche Verbesserung in der Heimunterbringung

brachte der Bau des neuen Altenheims am Bettinaweg,

das als eines der modernsten in Bayern gelobt wurde.

Eine wichtige Neuerung war, dass überwiegend Einzelzimmer

angeboten werden konnten. Ebenso neuartig war

damals auch das Konzept der „Hauseltern“ – Diakonen-

Ehepaare, die das Heim leiteten. Die ersten Hauseltern

waren Ernst und Auguste Schuch,

ab 1972 folgte das Diakonen-Ehepaar

Paul und Gudrun Kornacher, ab

1988 leiteten Arnold und Marianne

Schubert das Altenheim.

Im Volksmund hieß das Altenund

Pflegeheim „Bettinaheim“, obwohl

es nie offiziell so genannt

wurde. Der Grund war einfach: Die

Hausanschrift lautete Bettinaweg

11. Eigentlich lag das Heim aber an

der Sandnerstraße, genau dort, wo

heute seine Nachfolgeeinrichtung –

das Matthäusstift – steht.

Die Stadt Landshut hatte bereits

1958 aus ihrem Besitz ein größeres

Baugrundstück an die Innere Mission

Landshut verkauft. Nach 14

Monaten Bauzeit wurde das Heim

Gleichzeitig war für das erste evangelische Altenheim an

der Klötzlmüllerstraße die Zeit abgelaufen. Es wurde aufgelöst

und an die Evangelische Kirchengemeinde verkauft,

die dort ein Pfarr- und Mesnerhaus baute. Ebenfalls

verkauft wurde das Altenheim in Kronwinkl, dessen

15 taubstumme Bewohner in ein modernes Heim in

Bogen übersiedeln konnten.

am 20. Juli 1962 in Gegenwart von

Vertretern des öffentlichen und

kirchlichen Lebens eingeweiht. Für

rund 1,3 Millionen Mark vom Evangelischen

Siedlungswerk gebaut,

bot es 60 Senioren Platz. Wie damals Dr. Uhlemann, der

Geschäftsführer des Evangelischen Siedlungswerks,

betonte, sollte der Bau des Heims auch ein Beitrag zur

Bekämpfung der Wohnungsnot sein. Im Blick war die

Zielgruppe der älteren Menschen, die in den ersten

Aufbaujahren nach dem Krieg fast vergessen worden

wären. Durch die Geborgenheit im Heim und mit der

Möglichkeit, am städtischen Leben teilzunehmen, wollte

man bei diesen Menschen das Bewusstsein stärken,

dass sie nicht aufgegeben, sondern ein wichtiger Teil der

Gemeinschaft waren. 37 Das Altenheim am Bettinaweg galt als eines der

modernsten Heime in Bayern.

Der Preis für einen Heimplatz Viel Prominenz versammelte sich zur Einweihungsfeier.

betrug 320 Mark monatlich.

Die Innere Mission 1948-1973

39


Das Altenheim am Bettinaweg war sehr gefragt.

1971 erhielt das Altenheim am Bettinaweg einen

Erweiterungsbau mit zusätzlichen 90 Betten. Aufgrund

der zunehmenden Pflegebedürftigkeit der Bewohner

ergab sich im Laufe der Zeit die Notwendigkeit eines

separaten Pflegebereichs. Als 1980 nach einjähriger

Bautätigkeit eine neue Pflegestation mit 20 Betten eröffnet

wurde, bedeutete dies eine große Erleichterung für

das Personal.

Bereits 1968 hatte das Evangelische Siedlungswerk in

unmittelbarer Nachbarschaft zum Altenheim ein Appartementhaus

mit Mietwohnungen für 36 Senioren eröffnet.

Diese Anlage, die altersgerechte Wohnungen und

eine umfassende Unterstützung etwa im Sinne von

Betreutem Wohnen anbot, wurde ab 1981 einige Jahre

lang vom Diakonischen Werk verwaltet.

Da die Bewohner dieses Appartementhauses älter

und hilfsbedürftiger geworden waren, richtete die Diakonie

ab 1984 eine Halbtagsstelle zu deren Betreuung

ein. Dazu gehörten die Hilfe im Haushalt, in Notsituationen,

bei Krankheit, ein Einkaufsdienst sowie medizinische

Versorgung in Zusammenarbeit mit der Sozialstation.

Das „Bettinaheim“ mit den Erweiterungsbauten

in den 1980er-Jahren

40 Die Innere Mission 1948-1973


„Man musste

vielseitig sein“

Das Diakonen-Ehepaar Gudrun und Paul Kornacher

berichtet über die Zeit als Hauseltern im Altersheim

am Bettinaweg (1972 bis 1988)

»Als „Hauseltern“ waren wir familiäre Ansprechpartner, das heißt, wir haben jeden

Heimbewohner und auch die Angehörigen persönlich gekannt. Dazu kam, dass wir

auch im Heim gewohnt haben, sodass wir Tag und Nacht ansprechbar waren.

Früher gingen die Menschen ja in einem sehr rüstigen Zustand ins Heim. Viele von ihnen

haben zu Anfang noch Reisen unternommen. Diese Menschen wurden natürlich im Laufe

der Jahre betreuungsbedürftiger. Später kamen dann immer mehr pflegebedürftige

Menschen zu uns ins Heim, so dass der Bau einer eigenen Pflegestation unumgänglich

wurde. Für uns war das eine schwierige Zeit: den Bewohnern klarzumachen, dass sie von

einem Einzelzimmer in ein 3-Bett-Zimmer zur Pflege umziehen mussten. Als die Nachfrage

nach Pflegebetten in Landshut immer größer wurde, haben wir für die neue

Pflegestation das Personal aufgestockt und Altenpfleger eingestellt.«

Gudrun Kornacher: »Ich erinnere mich noch gut, als die Bewohner aus ihren gewohnten

Zimmern in die neue Pflegestation umziehen mussten, da gab es Tränen. Das machte es

mir noch schwerer, den alten Menschen den Umzug zu erklären.«

Einmal im Monat kamen ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, die mit den Bewohnern im Speisesaal

Spiele organisiert oder mit ihnen gesungen haben. Sie nannten sich „Bettina-Club“. Auf die Unterhaltung

der Heimbewohner legte Paul Kornacher großen Wert. Es war geradezu ein Steckenpferd

von ihm, Referenten zu gewinnen. Für Gudrun Kornacher war dies manchmal sogar ein bisschen

zu viel, denn dazu musste am Abend immer der komplette Speisesaal umgeräumt werden.

Paul Kornacher: »Als Heimleiter musste man damals vielseitig sein. Als Seelsorger

habe ich jeden Abend im Heim eine kurze Andacht gehalten oder auf Wunsch mit den

einzelnen Bewohnern gebetet. Als Krankenpfleger half ich auch bei der Pflege mit.

Nur die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse haben mir gefehlt, deshalb war ich froh,

dass die Buchhaltung von der Verwaltung des Diakonischen Werks übernommen wurde.

Die Heimleitung des Altenheimes war mein schönster Abschnitt im Berufsleben. Denn

die Tätigkeit war so vielseitig, dass ich mich auch persönlich entfalten konnte. Und das

Arbeitsklima war gut, sogar heute treffen wir uns noch einmal im Monat mit einigen

ehemaligen Mitarbeitern.«

Die Innere Mission 1948-1973

Gespräch mit dem Ehepaar Kornacher am 16.04.2008.

41

Zeitzeugen


Ausbau der offenen Seniorenarbeit

Neben der stationären Altenpflege gewann die offene

Seniorenarbeit an Bedeutung. 1966 wurde Erika Dahl als

zweite Sozialarbeiterin der Inneren Mission angestellt.

Unter ihrer Anleitung wurden in den Landshuter Gemeinden

sechs Altenkreise gegründet, die von 300

Gemeindemitgliedern regelmäßig besucht wurden.

29 ehrenamtliche Mitarbeiter leiteten insgesamt 20

Seniorengruppen. Sie boten den älteren Menschen die

Möglichkeit, über einzelne Lebensphasen zu erzählen,

Probleme der Vergangenheit oder die Belastungen der

Gegenwart im Gespräch zu bewältigen. Gedankenaustausch,

Kommunikation, aber auch körperliche und geistige

Aktivierung standen im Vordergrund der Seniorenarbeit.

Ab 1977 bekam die offene Seniorenarbeit Aufschwung,

als die Begegnungsstätte im Gemeindehaus

am Gutenbergweg 16 bezogen werden konnte: Tanzen,

Gymnastik, kreative Arbeit und Gespräche in der Gruppe

wurden dort angeboten. Noch heute gibt es einen

Offenen Altenclub, der sich in der Begegnungsstätte im

Diakonischen Zentrum trifft, ebenso einen Club WUF

(Wir um Fünfzig) und mehrere Gymnastik- und Bewegungsgruppen

für Senioren. Betreut werden diese

ehrenamtlich geleiteten Kurse von der Kirchlichen Allgemeinen

Sozialarbeit des Diakonischen Werks, vielfach

in Zusammenarbeit mit den Kirchengemeinden.

Senioren-Bewegungsgruppe

42 Die Innere Mission 1948-1973

Der „Bettinaclub“:

Auf ehrenamtlicher Basis wurden

für die Senioren Nachmittage im

Altenheim gestaltet.


Heimalltag in den 1980er-Jahren

Die Innere Mission 1948-1973

43


Zeitzeugen

Für geistige Anregung und

körperliche Beweglichkeit

Erika Dahl, ehemalige Sozialarbeiterin für Altenarbeit beim Diakonischen Werk,

erinnert sich an die ersten Seniorengruppen

Als ich im Januar 1966 meine Aufgabe beim Diakonischen Werk übernahm, die Arbeit mit

Senioren aufzubauen, gab es – auch auf Bundesebene – außer den Seniorennachmittagen sowie

einem Ausflug keine weiterführenden Angebote, keine Modelle. An meinem vorherigen

Arbeitsplatz hatte ich in der Gefährdetenhilfe erste zaghafte Versuche in der Zusammenarbeit

mit Ehrenamtlichen unternommen. Warum sollten sich nicht auch hier Menschen zur verantwortlichen

Mitarbeit gewinnen lassen?

Durch Befragungen der Besucher der großen Seniorennachmittage stellte sich heraus, daß einige

Ältere sich gerne 8- oder 14-täglich treffen würden. Es gelang, für die daraufhin geplante erste

Gruppe drei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen zu finden. Im Laufe der nächsten Jahre entstanden

immer neue Seniorenkreise: Gesprächsgruppen, sog. Hobbykreise für Basteln, Singen, Gymnastik

und Tanz, der Herrentreff, der von einem Mann geleitet wurde. Es wurde von uns eine Zurüstung

für Clubleiterinnen zur Vorbereitung auf ihre Aufgabe angeboten, nach einigen Jahren als einwöchiges

Seminar auf Landesebene. Die bald 20 Mitarbeiterinnen trafen sich 14-täglich zur

Anleitung und Begleitung. Die Ziele ihrer Arbeit legten sie wie folgt fest: Die breit gefächerten

Angebote für die ältere Generation sollen aus der Isolation herausführen bzw. diese verhindern;

das Miteinander in der Gruppe einüben, um es auch im Alltag praktizieren zu können; über

diese Zusammenkünfte hinaus Kontakte halten, geistige Anregung bieten und die körperliche

Beweglichkeit möglichst lange erhalten; Gespräche über Glaubensfragen führen, sich gegenseitig

Mut machen zum Leben und das Selbstvertrauen stärken.

In vielen Gemeinden unseres Dekanats wurde unser langjähriges Angebot, Ehrenamtliche für den

Aufbau von Seniorengruppen auszubilden, gerne angenommen und so entstanden immer mehr

Altenkreise. Unsere Gemeinden werden da lebendig sein, wo vielen Menschen in vielfältiger

Weise geholfen werde kann. Dazu gehört das enge Zusammenwirken von Ehrenamtlichen und

Hauptamtlichen.

Unveröffentlichtes Manuskript des Diakonischen Werks, Dezember 1986, und Interview im Jahr 2008

44 Die Innere Mission 1948-1973


5

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Das Diakonische

Werk auf

Expansionskurs

Die Ausweitung der Sozialgesetzgebung in

Deutschland führte dazu, dass sich die

soziale Arbeit immer mehr ausdifferenzierte

und vielfältige neue Aufgabenbereiche entstanden.

Aus der „Inneren Mission Landshut

wurde nach einer Satzungsänderung

im Jahr 1973 das „Diakonische Werk

Landshut“ mit diversen Fachdiensten,

offenen Gruppenangeboten und einer steigenden

Zahl von Beschäftigten.

Aufgrund dieser Entwicklung wird die

Geschichte der Diakonie Landshut ab Mitte

der 1970er-Jahre geprägt von der Entstehungshistorie

der einzelnen Fachdienste.

So reichen zum Beispiel die Wurzeln der

Sozialstation, der Erziehungs-, Ehe- und

Lebensberatung, des Sozialpsychiatrischen

Dienstes und der Beruflichen Hilfen in

diese Zeit zurück.

45


Der erste Dienstwagen der Sozialstation war ein

gebrauchter VW. Auf dem Bild sind auch die erste

Leiterin Gisela Wasserrab (vorne Mitte) und dahinter

Geschäftsführer Werner Heger zu sehen.

Von der Gemeindediakonie zur

Sozialstation

Als die letzte Diakonisse in Landshut, Schwester Anna

Held, aus gesundheitlichen Gründen abberufen worden

war, versuchte die Innere Mission zunächst, den Pflegedienst

mit einer Krankenschwester weiterzuführen: Ab

November 1970 war Schwester Käthe Muck in der Gemeindepflegestation

tätig. Jedoch blieb die Inanspruchnahme

des Pflegedienstes trotz intensiver Öffentlichkeitsarbeit

gering, deshalb musste er schließlich zum

1.8.1971 eingestellt werden.

In dieser Tradition, jedoch unter zeitgemäßen räumlichen

und fachlichen Bedingungen, eröffnete 1978 die

Sozialstation des Diakonischen Werkes als erste ambulante

Pflegeeinrichtung in Landshut, anfänglich jedoch

nur probeweise. Initiatoren waren der damalige Geschäftsführer,

Diakon Werner Heger, und die Verwaltungsangestellte

Gisela Wasserrab, die anschließend

20 Jahre lang den ambulanten Pflegedienst des Diakonischen

Werks leitete. Für die Anfangszeit diente ein winziges

Büro am Gutenberg als Anlaufstelle, wenig später

erfolgte ein Umzug in die Arnimstraße.

Die Schwestern der ersten Stunde waren Sieglinde Brunner,

Brigitte Gora, Ingrid Scheugenpflug und Rita Dannenböck

(von links).

Ein Meilenstein war die staatliche Anerkennung der

Sozialstation am 1. Januar 1979. Noch im gleichen Jahr

wurde sie offiziell in der Gabelsbergerstraße 38, in unmittelbarer

Nähe zum Altenheim, eingeweiht und vom

damaligen Diakonie-Vorsitzenden, Dekan Reinhard von

Loewenich, gesegnet. Zu dieser Zeit entstanden aufgrund

staatlicher Förderung flächendeckend ambulante

Dienste: Die Sozialstation der Diakonie war bereits die

zehnte ambulante Pflegestation in Niederbayern.

46 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


In guten Händen:

Zivildienstleistende arbeiten

in der Sozialstation.

Vor allem aus dem ländlichen Bereich kamen immer

mehr Pflegeanfragen, weil auch dort die früheren Großfamilien

fehlten und immer mehr ältere Menschen vereinsamten.

1978 wurden bereits 2700 Hausbesuche mit

6800 Pflegemaßnahmen durchgeführt. Am Ende ihres

ersten Arbeitsjahres waren für die Sozialstation 14 Fachkräfte

und zwei Haushaltshilfen tätig. Zehn Jahre später

waren es 31 MitarbeiterInnen, die in einem einzigen Jahr

fast 35 000 Hausbesuche machten.

Um die pflegenden Angehörigen zu schulen, wurde 1985

der erste Pflegekurs dieser Art organisiert. 14 Frauen im

Alter von 19 bis 60 Jahren nahmen mit großem Engagement

daran teil. 1990 wurde der „Mobile Soziale Hilfsdienst“

gegründet und es wurden zwei weitere Zivildienststellen

eingerichtet, so dass heute insgesamt vier

Zivis zusätzliche Leistungen für Senioren erbringen können.

Ab 1998 bestand einige Jahre lang ein gemeinsamer

Nachtruf-Bereitschaftsdienst zusammen mit der

Arbeiterwohlfahrt und den ambulanten Pflegediensten

des Caritas-Verbandes und des Roten Kreuzes Landshut.

Im Juli 2003 übernahm dann die Sozialstation der

Diakonie den Pflegedienst des Caritas-Verbandes Landshut

mit sechs Schwestern und 30 Patienten.

Heute versorgt die Sozialstation des Diakonischen

Werks mit mehr als 60 Mitarbeitern – Krankenschwestern,

Pfleger, Altenpfleger, Hauswirtschafterinnen und

vier Zivildienstleistende – etwa 300 Menschen. Dabei

beschränkt sich ihr Einsatzgebiet nicht nur auf die Stadt

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Ambulante Wundversorgung

Landshut. Es reicht vielmehr bis in die Gemeinden Adlkofen,

Altdorf, Bruckberg, Eching, Ergolding, Mettenbach,

Kumhausen, Niederaichbach, Tiefenbach, Postau

und Wörth. Finanziert werden die Leistungen über die

Pflege-Entgelte der Krankenkassen und der Patienten,

über Zuschüsse der evangelischen Kirche sowie über

Kostenbeteiligungen der Stadt und des Landkreises

Landshut.

Die Sozialstation bietet kranken und pflegebedürftigen

Menschen eine umfassende Pflege und Betreuung in

ihrer vertrauten häuslichen Umgebung – täglich, auch an

Sonn- und Feiertagen, oder in Vertretung für pflegende

Angehörige. Wie wichtig dies ist, beschreibt ein pflegender

Ehemann in einem Brief an die Sozialstation:

»Danke für Ihr großes Engagement, in den verschiedensten

Momenten immer die angemessene Lösung

zu suchen und zu finden. Es gab viele Herausforderungen

gemeinsam zu bewältigen. Auch solche Situationen,

in denen sich das kleine Pflegezimmer hier im

Haus in einen Weltraumbahnhof zu verwandeln

schien, wo die Startrampe bereits aufgebaut war. Für

die Unterstützung in diesen schwierigen Momenten

besonders herzlichen Dank.«

47


Für pflegerische Notfälle ist die Sozialstation in 24-

Stunden-Rufbereitschaft. Zum Wohl der Patienten wird

großer Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit deren

Hausärzten und behandelnden Fachärzten gelegt. Die

Leistungen richten sich dabei immer nach dem Pflegeauftrag,

aber auch nach den individuellen Bedürfnissen

des einzelnen Pflegebedürftigen und nach den neuesten

fachlichen Erkenntnissen. Durch eine aktivierende

Pflege wird die weitgehende Selbstständigkeit der

Pflegebedürftigen unterstützt.

Maßnahmen zur Qualitätssicherung – dazu gehören

auch sorgfältige Pflegedokumentation und permanente

fachliche Weiterbildung der Pflegekräfte – sind unverzichtbar.

Erst im Jahr 2008 wurden so genannte Wundexperten

ausgebildet – Fachkräfte, die spezielle Kenntnisse

im Bereich der Wundheilung haben und ihre Kollegen

bei der täglichen Arbeit beratend unterstützen.

Neben der fachlichen Kompetenz bleibt für das Team der

Sozialstation jedoch die menschliche Begegnung besonders

wichtig.

Die Wundexperten der Sozialstation( von links): Carola Schlesier,

Silke Marcinkowski, Marianne Amendinger (Pflegedienstleiterin),

Hubert Triller, Erna Fischer, Roswitha Kronbeck (stellv. Pflegedienstleiterin)

Im Mittelpunkt: die Mitarbeiter

Der 1972 angetretene neue Geschäftsführer, Diakon

Werner Heger, legte von Anfang an großen Wert auf ein

gutes Arbeitsklima. Dazu trugen die von ihm eingeführten

regelmäßigen Dienstbesprechungen mit den Mitarbeitern

und den Heimleitungen bei. In diesen Gesprächen

wurden für alle Angestellten in der Geschäftsstelle

Arbeitsplatzbeschreibungen erstellt, um individuelle

Zuständigkeiten und Entscheidungsbefugnisse klar zu

regeln. Im gleichen Jahr konnte auch die erste eigene

Mitarbeitervertretung im Diakonischen Werk Landshut

gewählt werden. Wie viel Diakon Heger an gemeinsamer

Meinungsbildung und Entscheidungsfindung gelegen

war, dokumentierte er sogar statistisch: Für das Geschäftsjahr

1975 wies er 31 Besprechungen mit dem

ersten Diakonievorsitzenden, Dekan Ernst Borger, 43

Besprechungen mit den Heimleitungen in Landshut und

Vilsbiburg, 28 Dienstbesprechungen

mit den Mitarbeitern der Geschäftsstelle

und 91 Einzelgespräche aus.

Dabei wurden nicht nur Informationen

ausgetauscht, sondern auch Probleme

behandelt und Konflikte besprochen.

Um das gegenseitige Kennenlernen

der Mitarbeiter zu fördern, fanden

regelmäßig Betriebsausflüge und

-feste statt.

Auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter

erfuhren Anerkennung: Neben den

seit den 1960er-Jahren etablierten

jährlichen Helfertagen für Ehrenamtliche

– auch „Rüstzeiten“ genannt –

führte Heger „Anleitungstreffen“ der

ehrenamtlichen Mitarbeiter ein, um

sie zu betreuen und auch weiterzubilden.

Als einen Erfolg seiner kooperativen

Personalführung konnte er im

Jahresbericht für 1975 vermelden:

„Kaum Krankheitstage, gegenseitige

Hilfsbereitschaft, kein Misstrauen und

Neid, Übernahme von Verantwortung

und Entscheidung, eine freundliche

Atmosphäre.“

48 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Dass dieses Arbeitsklima der Diakonie auch von

Besuchern als ungewöhnlich offen empfunden wurde,

zeigen die Erinnerungen von Pfarrer Helmut Dietzfelbinger.

Er war 1983 Teilnehmer eines Intensivkurses für

Spätberufene im Diakonischen Werk Landshut:

„Schon vor sechs Jahren spürte ich jedes Mal, wenn

ich die Geschäftsräume des Diakonischen Werks im

Gutenbergweg betrat: „Hier kommt mir eine freundliche

warme Atmosphäre entgegen, hier fühle ich

mich sofort wie zu Hause!“ Damals wusste ich noch

nicht so recht, wie das kam. Ich dachte auch nicht

besonders darüber nach. Aber diesmal wurde mir

klar, was der Grund dafür ist. Die Mitarbeiter des

Diakonischen Werks wissen offenbar, wie viel ihnen

eine gute menschliche Beziehung zueinander wert ist,

denn sie arbeiten intensiv an diesem Punkt.“ 38

Die Mitarbeiter

des Diakonischen Werks

im Jahr 1980.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Mit einem offenen Ohr für Anliegen: Geschäftsführer Werner

Heger (rechts) im Gespräch mit einem Seminarteilnehmer

Heute beschäftigt das Diakonische Werk insgesamt 270

MitarbeiterInnen auf 140 Vollzeitstellen. In Arbeitsprojekten

sind weitere 180 Personen tätig. Unverzichtbar ist

die Unterstützung durch ehrenamtlich tätige BürgerhelferInnen,

ohne die die Vielzahl der diakonischen Angebote

nicht aufrechterhalten werden könnte. Ihre

Mitarbeit wird von den einzelnen Fachdiensten, in denen

sie tätig sind, geschätzt und gewürdigt. In manchen

Bereichen werden ihnen auch Möglichkeiten zur Weiterbildung

durch interne Schulungen angeboten.

49


Zeitzeugen

„Mit Geld und Gaben

anderen helfen!“

Gespräch mit Diakon Werner Heger,

Geschäftsführer des Diakonischen Werks Landshut von 1972 bis 1988

Kurz nach Ihrem Amtsantritt wurde die Innere Mission in „Diakonisches Werk“ umbenannt.

Hat zeitgleich mit der Namensänderung auch eine neue Ära für den Wohlfahrtsverband begonnen?

Als ich Geschäftsführer in Landshut wurde, habe ich ein gut bestelltes Haus übernommen.

Mit vielen Fördermitteln konnte der Ausbau auf breiter Basis gelingen und das freut mich

noch heute. Noch immer habe ich hierher persönliche Beziehungen, auch mein Sohn

wohnt da. Es ist viel von meinem Herzblut hier in der Stadt geblieben.

Als evangelischer Diakon in der niederbayerischen Diaspora – das war sicher keine leichte Aufgabe in

den 1970er-Jahren?

Neben einigen Heimleitern war ich zeitweise der einzige evangelische Diakon in ganz

Niederbayern. Bei der jährlichen Straßensammlung stellte ich mich direkt vor das Rathaus.

Die Stadträte gingen zur Stadtratssitzung und von der Regierung kamen die Angestellten.

Es war ein einträgliches Geschäft. Wollte sich jemand vorbeimogeln, den ich kannte, dann

sprach ich ihn an. Meist gab es einen Ruck und der Geldbeutel wurde beschämt gezogen.

Als sich Ministerpräsident Alfons Goppel im Regierungsbezirk Niederbayern verabschiedete,

bekam das Diakonische Werk keine Einladung zum Empfang. Meine telefonische Rückfrage

erbrachte die Auskunft, man wisse nicht, zu welcher Gruppe ich zugeordnet werden sollte.

Meine Nachfrage, ob die Caritasdirektoren eingeladen seien, wurde bejaht. „Da gehöre ich

hin“, war meine Antwort. Seitdem stand ich als Diakon auf den Einladungslisten der

Regierung. Mir war klar, dass ich immer Zweiter sein würde, aber falsche Bescheidenheit

wollte ich auch nicht.

50 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Sie haben unter anderem das Landshuter Ferienprogramm – als eines der ersten in Bayern – ins Leben

gerufen. Erinnern Sie sich an Ihr Lieblingsprojekt?

Die Idee für unser Ferienprogramm ging damals von den Mitarbeitern der Diakonie aus.

Ihre eigenen Kinder mussten ja während der Ferien auch betreut werden. Schon im ersten

Jahr 1976 wurden von Ehrenamtlichen 20 Angebote gemacht, an denen zu unserer Überraschung

über 400 Kinder teilnahmen. Als ich erstmals bei der Stadt Landshut einen

Zuschuss beantragte, wurde er mit dem Kommentar abgelehnt: „Das ist ja sozialistische

Ferienverplanung!“ Doch haben sich in den Folgejahren die Volkshochschule und

die städtische Jugendpflege angeschlossen. Heute ist das Ferienprogramm nicht mehr

wegzudenken.

Anlässlich ihrer Verabschiedung wurde Folgendes formuliert: „Ein unbequemer Mann verlässt Landshut,

ein Mann, der seinen Beruf, ja seine Berufung so ernst genommen hat, dass er sich dafür stets mit

Vehemenz eingesetzt hat.“ Sind Sie mit dieser Charakterisierung einverstanden?

Es stimmt, dass ich nicht immer konform ging mit der vorherrschenden politischen Meinung.

Ja, ich war auch unbequem, wenn ich um die Finanzierung für ein gutes Vorhaben kämpfen

musste. Als Vorsitzender des Evangelischen Bildungswerkes habe ich schon gelegentlich

unbequeme Referenten eingeladen, beispielsweise anlässlich einer Diskussion über

Atomkraftwerke. Aber ich glaube nicht, dass die Charakterisierung verletzend gemeint war,

denn ich habe immer große Anerkennung gespürt.

Wie beurteilen sie die heutigen Bedingungen für diakonisches Handeln?

Das Bundessozialhilfegesetz von 1962 stellte die Würde des Hilfe- und Ratsuchenden in

den Mittelpunkt. Behörden, Ämter, Verbände suchten meist gemeinsam nach Lösungen.

Man achtete sich gegenseitig. Heute wird der Markt zum Maßstab erklärt. Der Markt kennt

weder Mitleid noch soziale Gerechtigkeit. Die Konkurrenz und der Schwächere werden

weggedrückt. Misstrauen und Kontrolle werden zur Geschäftsgrundlage. Die Ellenbogengesellschaft

wird gefördert, wenn keine soziale Kontrolle dem Markt Einhalt gebietet. Für

mich sind Tafeln und Kleiderkammern ein Armutszeugnis. Wir werden es noch erleben,

dass arme und hungrige Menschen sich brutal holen, was ihnen vorenthalten wird. Die

christliche Botschaft erwartet, sich mit seinem Geld und seinen Gaben für den anderen

einzusetzen.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Gespräch mit Werner Heger am 23.04.2008 in Landshut

51


Geschäftsführer Werner Heger und

Vorsitzender Dekan Reinhard von Loewenich

besuchten den Diakonie-Stand auf der

Niederbayernschau (Oktober 1979).

Auch Landshuts ehemaliger Oberbürgermeister

Josef Deimer war zu Gast bei der Diakonie

auf der Niederbayernschau im Jahr 1983.

Diakonie und Öffentlichkeit

Ab Herbst 1977 erschien regelmäßig das

Informationsblatt „Diakonie aktuell“.

Nicht nur die interne Kommunikation wurde intensiviert,

auch gewann ab Mitte der 1970er-Jahre die Öffentlichkeitsarbeit

zunehmende Bedeutung. Mit Broschüren,

Zeitungsartikeln, Gremientätigkeit und der Teilnahme an

Ausstellungen sollten die neuen Angebote des Diakonischen

Werks bekannt gemacht werden. So präsentierte

sich das Diakonische Werk 1975 zum ersten Mal mit

einem eigenen Stand auf der Niederbayernschau, wo

nicht nur über die Angebote der Diakonie informiert,

sondern den Besuchern auch eine Kinderbetreuung angeboten

wurde. Außerdem wurden Bastelarbeiten aus

den Seniorenkreisen verkauft. Jeweils zehn Tage lang

waren ehrenamtliche Mitarbeiter am Diakonie-Stand tätig.

Erstmals 1977 wurde ein Prospekt gedruckt, um der

Öffentlichkeit einen Überblick über die Arbeit des Diakonischen

Werks Landshut zu geben. Im gleichen Jahr

erschien zum ersten Mal das Nachrichtenblatt „Diakonie

aktuell“, das im Rhythmus von vier Wochen mit einer

Auflage von 70 Stück an interessierte Personen und Einrichtungen

verteilt wurde. Sowohl die Lokalzeitungen als

auch kirchliche Medien wurden regelmäßig mit Presseinformationen

beliefert. „Gerade in der Diaspora ist es

notwendig, Stellung zu beziehen und evangelisches

Gedankengut einzubringen. Es ist ein Anliegen des Geschäftsführers,

in Ausschüssen zur Meinungsbildung

beizutragen, persönliche Kontakte zu pflegen und die

Öffentlichkeit zu informieren“, schrieb Heger in seinem

Jahresbericht 1976. Immer wieder lud er Politiker, Vertreter

von Behörden und öffentlichen Einrichtungen ein,

um ihnen die diakonische Arbeit vor Ort zu zeigen.

Durch die Vergabe von Praktika an Studenten wurden

die ersten Kontakte zur neu gegründeten Fachhochschule

Landshut aufgebaut. Gelegentliche Vorträge und

die Teilnahme von Geschäftsführer und Diakonie-Mitarbeitern

in Ausschüssen und Gremien zählten zu den

Anfängen der externen Kommunikation, die heute zum

Tagesgeschäft des Wohlfahrtsverbandes gehört.

52 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Unter einem Dach:

Ökumenische

Erziehungsberatung

und Eheberatung

Drei einzelne Hinweisschilder wurden 1975 am Haus

Bismarckplatz 16 angebracht: Eines wies den Weg zur

Ökumenischen Erziehungsberatung, eines führte zur

Evangelischen Eheberatung des Diakonischen Werks

und eines zur Katholischen Eheberatung des Seelsorge-

Amtes der Diözese Regensburg. Eigentlich hatten Diakonisches

Werk und Caritasverband Landshut die

Errichtung einer gemeinsamen umfassenden Beratungsstelle

für Ehe-, Erziehungs- und Familienfragen geplant.

Juristische Gründe verhinderten dies jedoch und führten

zu einer strengen räumlichen Trennung der drei inhaltlich

eng verknüpften Beratungsstellen, die dennoch gut

kooperierten, zumal sich in der Praxis die Zusammenhänge

von Ehe- und Erziehungsproblemen oftmals nicht

eindeutig trennen ließen.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Spieltherapie und Online-Beratung

Kurz nach der Gründung der Ökumenischen Beratungsstelle

für Erziehungs-, Jugend- und Elternfragen durch

Caritasverband und Diakonisches Werk bestand das

Team aus zwei Psychologinnen, einer Sozialpädagogin

und einer Verwaltungsangestellten. Die Einrichtung wurde

von der Bevölkerung sehr gut angenommen: In den

ersten drei Jahren hatten schon allein aus dem Landkreis

Landshut 500 Personen die Möglichkeit genutzt,

sich in Erziehungsfragen – kostenlos und unbürokratisch

– helfen zu lassen.

Bald reichten die fünf kleinen Räume am Bismarckplatz

für die wachsenden Anforderungen nicht mehr aus.

So zogen im Juli 1980 Erziehungsberatung und Eheberatung

gemeinsam in neue Räume am Nahensteig 182.

Diese waren größer und heller, sie boten für die Kinder

Platz zum Spielen, Möglichkeit für andere Therapieformen

sowie Gruppenarbeit und eine insgesamt ruhigere Atmosphäre.

In den Anfangszeiten konzentrierte sich die Arbeit des

Teams auf Krisenintervention durch Kurzberatungen.

Weil die Probleme in den Familien komplexer wurden,

verlagerte man später den Schwerpunkt der Beratungstätigkeit

auf intensivere längere Betreuung, bei der mehrere

Bezugspersonen mit einbezogen wurden. Verursacht

durch schwierige Lebens- und Ausbildungssituationen,

wuchs auch der Anteil der Probleme bei Jugendlichen.

Zusätzlich zur Beratung bot der Fachdienst

spieltherapeutische Gruppen

für Kinder sowie Gesprächsgruppen

für Jugendliche und für Mütter an.

Um auch der Bevölkerung im Umland

wohnortnähere Beratungsmöglichkeiten

zu bieten, wurden in

Rottenburg und Vilsbiburg Außenstellen

eingerichtet.

53

Gruppenarbeit in der Ökumenischen

Erziehungsberatungsstelle mit deren

erster Leiterin, Diplom-Psychologin

Monika Niederberger (zweite von links)


Die Erziehungsberatung feierte ihr fünfjähriges Bestehen.

Seit 2001 befinden sich die Landshuter Beratungsräume

in der Freyung. Insgesamt sechs BeraterInnen auf 3,5

Fachstellen sind für die als Jugendhilfeleistung anerkannten

Dienste im Einsatz. Waren es früher neben den

allgemeinen Erziehungsfragen vor allem Probleme im

Leistungsbereich, so kommen seit einiger Zeit immer

mehr Schwierigkeiten im Sozialverhalten zum Tragen.

Gruppenangebote für Kinder und Jugendliche sollen diesen

sozialen Störungen entgegenwirken. Zu einem wichtigen

Thema wurden auch die mit Trennung und Scheidung

verbunden Erziehungsprobleme, von denen etwa

ein Drittel aller Klienten betroffen sind. Um speziell die

Kinder in der schwierigen Zeit der Elterntrennung zu

unterstützen, werden regelmäßig Gruppen für betroffene

Kinder angeboten.

Auf eine sehr gute Resonanz stieß die im Jahr 2005

eingeführte Online-Beratung, bei der von Landshut aus

acht Wochenstunden lang per Internet Unterstützung

geleistet wird. Ein in Zusammenarbeit mit dem Landshuter

Netzwerk entwickeltes Gesprächsangebot ist

bereits preisgekrönt: der Elterntalk. Das sind Gesprächsrunden

von geschulten Eltern für interessierte Eltern zu

allen gerade aktuellen und brennenden Erziehungsfragen

wie Computerspiele oder Handy-Nutzung. Elterntalk

ist ein Projekt zur Gewalt- und Suchtprävention.

Beratung für Partner in der Krise

Bevor im Jahr 1975 die Evangelische Ehe- und Familienberatung

gegründete wurde, war diese Art der Beratungstätigkeit

im Rahmen der allgemeinen Sozialarbeit

durchgeführt worden. Brigitta Zimmermann, die erste

Eheberaterin des Diakonischen Werks, verstand unter

Beratung nicht „einen Rat erteilen im Sinne von Rezept

geben“. Vielmehr strebte sie eine partnerschaftliche

Zusammenarbeit mit den Klienten an, um unter Berücksichtigung

der Möglichkeiten gemeinsam nach Auswegen

aus den Schwierigkeiten zu suchen. Beratungsgründe

in den 1970er-Jahren waren vor allem Kommunikationsprobleme

der Paare, Trennungsabsichten, sexuelle

Störungen und auch die Angst vor Einsamkeit.

Brigitta Zimmermann war von 1976 bis 1999 in der Eheberatung

des Diakonischen Werks mit viel Engagement

tätig und erhielt für ihre langjährigen Verdienste das

Goldene Kronenkreuz 39 .

Das heutige Team der Erziehungsberatungsstelle mit dem Leiter

Emmeram Wolf-Ehresmann

In den 1990er-Jahren waren drei Honorarkräfte – neben

Brigitta Zimmermann auch Helmut Leipold und Elke

Brakebusch – mit der Beratungstätigkeit für Paare betraut.

Im Rahmen von vertraulichen, überkonfessionellen

und kostenlosen Gesprächen wurde sowohl zum Fortführen

der Partnerschaft als auch zu Trennungs- und

Scheidungsabsichten Unterstützung angeboten. Auch

„Single-Dasein“ und „Torschlusspanik“ waren jetzt häufige

Gründe von Klienten, das Beratungsteam zu konsultieren.

54 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Boten in den 1980er-Jahren Unterstützung bei

Partnerschaftsproblemen an: die Eheberaterinnen

Brigitta Zimmermann und Lore Hähndel.

Sucht gemeinsam mit den Klienten nach einer Lösung:

Die Eheberaterin und Psychologin Martina Schäfer.

Es sind Paare aller Altersgruppen und aus allen sozialen

Schichten, die heute in die Beratungsstunden kommen.

Die Untreue eines Partners, Spannungen aufgrund hoher

Belastungen im Arbeitsleben und auch Konflikte aufgrund

von anhaltender Arbeitslosigkeit eines Partners

zählen derzeit zu den wichtigen Themen. Die Psychologin

Martina Schäfer und die systemische Paar- und

Familienberaterin Anja Lachmann helfen dabei, eingeschliffene

Kommunikationsmuster zu überdenken.

Wesentliches Ziel der Partnerschafts-, Ehe- und Lebensberatung

ist, zusammen mit dem Klienten eine geeignete

Lösung zu finden und dabei – wenn es nötig ist – auch

Mut zur Veränderung der Lebensumstände zu machen.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Hilfe in seelischer Not:

sozialpsychiatrische

Betreuung

Lange bevor der „Sozialpsychiatrische Dienst (SpDi)“ als

Beratungsstelle institutionalisiert wurde, begann das

Diakonische Werk Landshut damit, Angebote für psychisch

kranke Menschen aufzubauen. Als in den 1980-er

Jahren auf der Grundlage des ersten Bayerischen Psychiatrieplans

sozialpsychiatrische Dienste ergänzend zu

Bezirkskrankenhäusern und niedergelassenen Fachärzten

konzipiert wurden, übernahm das Diakonische Werk

Landshut eine Trägerschaft. Mit Hilfe staatlicher Finanzierung,

überprüfbarer Qualitätsstandards und aufgrund

der vorhandenen Erfahrungen mit Betreuungsangeboten

im Wohlfahrtsverband konnte die Situation psychisch

kranker Menschen deutlich verbessert werden. Heute

sind die Maßnahmen und Hilfen des multiprofessionellen

Diakonie-Teams ein wesentlicher Bestandteil der

psychosozialen Versorgung im Raum Landshut.

Der Sozialpsychiatrische Dienst entsteht

Zusammen mit dem Psychiater Dr. Franz Brandl entwickelte

die Sozialpädagogin und Supervisorin Erika Dahl

bereits ab 1978 ein Konzept für Gesprächsgruppen mit

psychisch kranken Menschen und bildete dafür ehrenamtliche

Mitarbeiter im Diakonischen Werk aus: Diese

wurden in psychiatrische Krankheitsbilder eingeführt

und mit praktischen Übungen zur Gesprächsführung geschult.

Auch aufgrund der wirtschaftlichen Situation und der

Probleme am Arbeitsmarkt nahm das Ausmaß psychischer

Erkrankungen in der Folgezeit immer weiter zu.

Nach intensiven Verhandlungen mit dem Bayerischen

Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, mit

dem Bezirk und der Regierung von Niederbayern sowie

nach der Zustimmung des Diakonie-Kuratoriums konnte

trotz finanzieller Schwierigkeiten ein Sozialpsychiatrischer

Dienst eingerichtet werden.

55


Die Mitarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Jahr

1984: Ernst Höfer, Eva-Maria Rau, Dr. Franz Brandl und

Monika Hundemer (von links) in den Räumen in der

Arnimstraße.

Die fachliche Begleitung und Finanzierung der Beratungsstelle

war beim Bezirk angesiedelt, die konkrete

Umsetzung lag in der Verantwortung der Diakonie. Am

1.3.1983 nahmen der Psychologe Ernst Höfer und die

Sozialpädagogin Monika Hundemer vorerst halbtags ihre

Tätigkeit auf. Schon wenige Monate später arbeitete das

Fachpersonal ganztags; eine Verwaltungskraft stand für

zehn Stunden pro Woche zur Verfügung und ein Facharzt

führte auf Honorarbasis Supervisionen durch.

Die Beratungsstelle teilte sich in der Anfangsphase

die Räume mit der Eheberatungsstelle am Nahensteig.

Schon im Dezember 1983 bezog der Dienst jedoch eigene

Räumlichkeiten in der Arnimstraße 7 und bekam

einen Dienstwagen. Dieser war auch deshalb nötig, weil

das Versorgungsgebiet sehr groß war: Es erstreckte sich

auf die Stadt Landshut und die Landkreise Landshut,

Dingolfing-Landau, Rottal/Inn und Kehlheim. Es umfasste

426 000 Einwohner und Fahrstrecken von bis zu

100 km ab Landshut. Das nächstgelegene psychiatrische

Krankenhaus war in Mainkofen.

Mehrere Jahre lang existierten Außensprechstellen

des SpDi in Pfarrkirchen und in Dingolfing. Derzeit gibt

es diese Angebote in Vilsbiburg und in Rottenburg, wo

einmal wöchentlich Einzelgespräche und Hausbesuche

stattfinden können. 131 Klienten kamen im Gründungsjahr

1983 in die Beratungsstelle, 2007 haben – trotz

des mittlerweile verkleinerten Einzugsbereiches – 542

Klienten die Beratung des SpDi-Teams in Anspruch genommen.

Das Team des Sozialpsychiatrischen Dienstes in den 1990er-

Jahren: Angelika Popp, P. Weinzierl, Thomas Gustorff, Barbara

Haussmann, Andrea Gessert und Peter Hilbinger (von links).

Anlaufstelle Teestube

Ab Juli 1985 wurde eine Sozialpädagogin halbtags eingestellt,

um eine Begegnungsstätte für psychisch kranke

Menschen – eine so genannte Teestube – einzurichten.

Zielsetzung war, diesen Menschen soziale Kontakte zu

ermöglichen, einen Halt im Alltag zu geben und so

therapiebegleitend in Krisen zu helfen. Zu den wesentlichen

Elementen dieses Konzepts gehört bis heute, dass

die Gesprächstreffen von geschulten Laienhelfern auf

ehrenamtlicher Basis geleitet werden. Diese ehrenamtlichen

MitarbeiterInnen erhalten von den Fachkräften

regelmäßige professionelle Unterstützung in Anleitungstreffen,

wo Anliegen und Probleme aus der Einzelbetreuung

oder aus der Gruppenarbeit besprochen und bearbeitet

werden.

Die erste Teestube wurde 1986 viermal wöchentlich in

angemieteten Räumen in der Landshuter Altstadt angeboten.

Derzeit befindet sie sich im Diakonischen

Zentrum in der Gabelsberger Straße. Durch die Tätigkeit

von 15 ehrenamtlichen MitabeiterInnen kann der Sozialpsychiatrische

Dienst vielfältige Angebote machen: eine

Bewegungsgruppe, Frühstücksgruppen, eine Kaffeezeit

oder eine Feierabendrunde. Nicht nur in Landshut,

sondern auch in Vilsbiburg und Neufahrn gibt es gut besuchte

Gruppenangebote.

56 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Betreuung von Selbsthilfegruppen

In Zusammenarbeit mit der Selbsthilfe-Kontaktstelle und

dem Verein „Hand in Hand“ entstanden in Stadt und

Landkreis Landshut seit 2002 Selbsthilfegruppen für

unterschiedliche Problemlagen: für depressive Menschen,

für die Angehörigen psychisch Kranker, für Psychiatrie-

Erfahrene, für Menschen mit Zwangsstörungen, für

Borderline-Patienten und für Menschen mit Angststörungen.

Diesen Gruppen ist gemeinsam, dass sie von

Betroffenen organisiert, vom Sozialpsychiatrischen

Dienst unterstützt und von Supervision begleitet werden.

Indem die Teilnehmer ihre Isolation überwinden

und sich selbst in Gruppen engagieren, können sie die

Lebensqualität für sich und für andere verbessern.

Das Diakonische Werk

betreut

Selbsthilfegruppen, unter

anderem für Menschen

mit Angststörungen.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Beratung durch den

Sozialpsychiatrischen Dienst

Heute hält das Team des Sozialpsychiatrischen Dienstes

ein vielfältiges Beratungsangebot bereit: Von der Beratung

für Betroffene und Angehörige über Krisenintervention,

Klinikbesuche bis hin zur Nachsorge nach stationärem

Aufenthalt. Daneben sind die Hilfeplanung und

eine begleitende Weitervermittlung der Klienten an andere

Einrichtungen von Bedeutung. Eine wichtige Rolle

spielt dabei die Zusammenarbeit mit niedergelassenen

Ärzten, Bezirkskrankenhäusern, Fachdiensten und anderen

Einrichtungen der Gemeindepsychiatrie.

Seit 1997 unterhält der SpDi auch eine ambulante

Kontakt- und Beratungsstelle für ältere Menschen mit

psychischen Erkrankungen und für deren Angehörige –

den Gerontopsychiatrischen Fachdienst. Gezielte Beratung

und Begleitung bieten Entlastung für Betroffene

und Angehörige und dienen dem Erhalt von Selbständigkeit

und Lebensqualität der älteren Klienten in ihrem

vertrauten Umfeld.

57

Der erste Teestuben-Raum

befand sich in der Altstadt.


Unterstützung durch Ambulante

Soziotherapie

Die Ambulante Soziotherapie ergänzt seit 2005 das

Beratungsangebot des Sozialpsychiatrischen Dienstes.

Dabei betreut die Diakonie auf ärztliche Verordnung im

gesamten Dekanat chronisch an Psychosen und psychosenahen

Zuständen erkrankte Menschen. Die ambulante

Soziotherapie bietet individuelle Unterstützung, wie

Training zum Aufbau positiver Verhaltensweisen, die Anleitung

zur Krankheitswahrnehmung und Motivationsarbeit.

Bei Bedarf werden Familienangehörige und

Freunde miteinbezogen. Ziel ist, Klinikaufenthalte zu vermeiden,

die physische und psychische Gesundheit und

die soziale Integration der Klienten zu fördern und deren

Selbsthilfepotenzial zu aktivieren. Die Abrechnung der

Leistungen erfolgt über die Krankenkassen.

Intensive Betreuung zu Hause durch

Ambulant Betreutes Wohnen

Als weiteren Aufgabenbereich erschloss das Diakonische

Werk Landshut 2006 das Ambulant Betreute

Wohnen (ABW) für psychisch kranke Menschen. Mit diesem

aufsuchenden Betreuungsangebot soll die seelische

und körperliche Gesundheit stark beeinträchtigter

Menschen individuell stabilisiert werden. Durch intensive

Einzelbetreuung wird eine selbstständige Lebens-

Das aktuelle Team des Fachdienstes „Ambulant Betreutes

Wohnen (ABW)“: Gerlinde Gaßlhuber, Susanne Pauer, Jutta

Tremmel, Nicole Schweizer, Michèle Staudinger (von links).

führung der Klienten in der eigenen Wohnung ermöglicht.

Die Fachkräfte pflegen dazu einen regelmäßigen

persönlichen und telefonischen Kontakt mit den Betroffenen.

Die Beratung im Umgang mit der Erkrankung, die

Krisenintervention, die Begleitung im gemeindepsychiatrischen

Versorgungssystem, die Förderung von Alltagsstruktur

und Selbstversorgung sowie die Unterstützung

beim Aufbau sozialer Kontakte und beruflicher Tätigkeit

zählen zu den Leistungen des ABW. Neben der Einzelbetreuung

bestehen Gruppenangebote für gemeinsame

Freizeitaktivitäten. Die Kosten der Betreuung übernimmt

in der Regel der Bezirk Niederbayern im Rahmen der Eingliederungshilfe.

Die sozialpsychiatrisch tätigen Fachkräfte der Diakonie

sehen sich in der Pflicht, auf die sich verändernden

Krankheitsbilder und Hilfebedürfnisse der Betroffenen

auch in Zukunft mit einer bedarfsgerechten Weiterentwicklung

der gemeindepsychiatrischen Versorgung zu

reagieren - im Dienst für den Menschen und als professioneller

Kooperationspartner der Region.

58 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Möbel-Recycling und

Mäharbeiten –

berufsbezogene Hilfen

Arbeitslosigkeit mündet nicht selten in Armut. Das ist ein

wesentlicher Grund dafür, dass die Diakonie den

Menschen, die im ersten Arbeitsmarkt keinen Platz finden,

berufsbezogene Hilfen anbietet: In den Arbeitsprojekten

des Fachdienstes Connect, in den Gebrauchtwarenhäusern

„Hab & Gut“ und auch in der Mobilen

Ökologiewerkstatt „MÖWE“ bekommen Jugendliche und

Erwachsenen heute eine Chance, mit Hilfe individueller

Betreuung den Weg zurück in das Erwerbsleben zu finden.

Die Ursprünge dieses diakonischen Arbeitsfeldes

reichen bis in die 1950er-Jahre zurück, als Jugendliche

durch Bergbau-Lehrgänge und Hauswirtschaftskurse

qualifiziert wurden. Aus dringender sozialer Notwendigkeit

wurden berufsbezogene Projekte in den 1980er-

Jahren auf breiter Basis aufgelegt.

Projektleiter Jürgen Handschuch im

Gespräch mit arbeitslosen Jugendlichen

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Arbeit für Jugendliche

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit war ab Mitte der

1980er-Jahre ein bewegendes Thema. Vor diesem Hintergrund

rief die Diakonie Landshut mit Unterstützung

des Arbeitsamtes das „Jugendprojekt Arbeit“ ins Leben.

Dadurch konnten erstmals im August 1986 zwölf junge

Arbeitslose im Diakonischen Werk und in anderen

öffentlichen und sozialen Einrichtungen beschäftigt werden.

Sie arbeiteten in der Hauswirtschaft, in der Gartenpflege

und im handwerklich-technischen Bereich, beispielsweise

im Stadtgartenamt, im Kreiskrankenhaus

Achdorf oder im Kinderheim St. Vincenz, in einem gemeindlichen

Bauhof oder in einer Wäscherei.

Die Kernidee: Mit einem ganzheitlichen Angebot aus

Beschäftigung, Bildung und Beratung sollten die benachteiligten

jungen Menschen beruflich und sozial integriert

werden. Dazu begleitete sie der damals zuständige Projektleiter

Jürgen Handschuch sowohl an ihrem Arbeitsplatz

als auch einmal wöchentlich bei einem Gruppentag

im Diakonischen Werk. Dieses Treffen hatte das Ziel,

persönliche und berufliche Konflikte aufzuarbeiten, die

individuellen Fähigkeiten der Teilnehmer zu fördern und

ihre Persönlichkeit zu stabilisieren.

Zehn Jahre nach Beginn des Projekts hatten 147

Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren das Programm

absolviert und ihr wichtigstes Ziel erreicht: Die meisten

von ihnen konnten eine feste Anstellung

bekommen. Der Erfolg wurde

sogar wissenschaftlich bestätigt. 1998

war dieses diakonische Betreuungsangebot

Gegenstand einer Diplomarbeit

an der Fachhochschule Landshut, die

belegte, dass sich das „Jugendprojekt

Arbeit“ als eine bemerkenswert erfolgreiche

Maßnahme der berufsbezogenen

Jugendhilfe etabliert hatte.

59


Die gespendete Ausbildung

Mit fachlicher Unterstützung

kann der Weg zurück ins

Arbeitsleben gelingen.

Eine Pionierleistung vollbrachte Diakonie-Geschäftsführer Werner Heger im Jahr 1984:

Auf seine Initiative hin konnte erstmals ein kaufmännischer Ausbildungsplatz im

Diakonischen Werk eingerichtet werden, weil er komplett über Spenden finanziert wurde.

In einer beispiellosen solidarischen Gemeinschaftsaktion setzten sieben Pfarrämter und elf

Privatpersonen ein Zeichen und verpflichteten sich vertraglich, die Kosten der zweijährigen

Ausbildung – insgesamt 800 Mark monatlich – zu übernehmen.

Damals fanden in Bayern jährlich 10 000 bis 15 000 Schulabgänger keine Lehrstelle. Insbesondere

bei den Verwaltungsberufen für Mädchen herrschte ein eklatanter Stellenmangel. „Immer mehr

junge Menschen fragen nach einem Ausbildungsplatz, immer mehr bewerben sich, und das hat

uns bewegt.“ So schilderte Werner Heger die Ausgangssituation für seine außergewöhnliche Idee.

Er schlug geschickt die Werbetrommel, berichtete in der Öffentlichkeit und sogar in den Gottesdiensten

von seinem Plan. Denn er wollte mit seiner Aktion auch zum Nachdenken anregen und

Betroffenheit auslösen.

Als schließlich die Industrie- und Handelskammer ihre Zustimmung gab, konnte Karin Schobel

ab dem 15. September 1984 zur Bürogehilfin ausgebildet werden. Sie wurde 1988 von der

Diakonie in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen und arbeitet heute in der Verwaltung des

Matthäusstifts. Sie war der erste „Lehrling“ im Diakonischen Werk überhaupt und vermutlich

auch das erste Mädchen in Landshut, dem auf diese unkonventionelle Weise eine Ausbildung

ermöglicht wurde.

60 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Lese

text


Arbeit für Jugendliche:

sinnvolle Tätigkeiten in

einer Gärtnerei

Arbeit statt Sozialhilfe

An die Zielgruppe erwachsener und schwer vermittelbarer

Langzeitarbeitsloser gerichtet, begann am 1.10.1994

das Projekt „Arbeit statt Sozialhilfe“. Die von Arbeitslosigkeit

betroffenen Bürgerinnen und Bürger des Landkreises

sollten sozialpädagogisch betreut und in das Arbeitsleben

zurückgeführt werden. Sie wurden im öffentlichen

Dienst – also auf Bauhöfen, in Krankenhäusern

und Altenheimen – beschäftigt. Auch hier wurde mit den

Komponenten Beratung, Beschäftigung und Bildung

versucht, Sozialhilfeempfängern, die länger arbeitslos

waren, zu einem Wiedereinstieg in den Beruf zu verhelfen.

Die Erfolgsquote lag bei etwa 50 Prozent.

Im November 2002 beschloss der Kreistag, den Vertrag

mit der Diakonie um ein Jahr zu verlängern und

8600 Euro dafür zur Verfügung zu stellen. Der Tenor war

damals: Auch in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche sollte

unbedingt an dem Projekt festgehalten werden, weil

dadurch Sozialhilfeempfänger wieder in die finanzielle

Selbständigkeit gebracht werden können.

Zum Jahresende 2004 jedoch musste aufgrund des

öffentlichen Sparkurses das Projekt Arbeit statt Sozialhilfe

dennoch eingestellt werden. Die Gründe hierfür lagen

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

in einer rückwirkenden Mittelkürzung und im Wegfall der

gesetzlichen Grundlage (Bundessozialhilfegesetz) im

Zusammenhang mit der Umsetzung von „Hartz IV“.

Wiedereinstieg mit „Connect“

Heute führt das Diakonische Werk diese Art von beruflichen

Hilfen in bedarfsgerechter Form fort. Der Fachdienst

Connect unterstützt schwer vermittelbare Jugendliche

und Erwachsene bei ihrer Rückkehr ins Arbeitsleben.

Mit den Projekten „Arbeit für Jugendliche (AFJ)“

und „Arbeit für Erwachsene (AFE)“ bietet die Diakonie

Arbeitslosengeld-II-Empfängern eine sinnvolle und nützliche

Beschäftigungsmöglichkeit an. Durch die Kombination

aus Arbeit, sozialpädagogischer Beratung und sozialem

Kompetenztraining ergeben sich für die Teilnehmer

neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt.

Die beiden Projekte dienen mit ihren praktischen und

theoretischen Inhalten der Persönlichkeitsbildung der

Jugendlichen und jungen Erwachsenen und helfen ihnen

damit, ihre eigenen Fähigkeiten und Ziele zu entdecken.

Auf diese Weise werden die Grundlagen für einen Erfolg

am Arbeitsmarkt geschaffen.

61


Im Frühling ist das MÖWE-Team um Anleiter Hans Winklmann

(2. von rechts) in Gärten und Parkanlagen im Einsatz.

Doppelt gut: Umweltschutz und

Beschäftigung

Schon mehr als 20 Jahre alt, aber immer noch lebendig

und aktiv ist „MÖWE - die Mobile Ökologiewerkstatt der

Diakonie“. Sie entstand als zweite berufsbezogene Hilfe

im August 1987. Hier konnten damals sechs Menschen,

die von der Sozialhilfe lebten, für ein Jahr Arbeit finden

und bekamen dadurch eine Chance, auf dem Arbeitsmarkt

wieder Fuß zu fassen. Dazu mussten die Teilnehmer

allerdings zuerst ein Auswahlverfahren beim

Arbeitsamt und beim Sozialamt geschafft haben.

Danach folgten ein Erstgespräch im Diakonischen Werk

und eine Probezeit.

Bei MÖWE ist körperliche Fitness eine wichtige Voraussetzung,

weil die Arbeitsaufträge der Ökologiewerkstatt

nicht immer leicht zu bewältigen sind: pflanzen,

Wege pflastern, Waldarbeiten durchführen oder Biotope

pflegen. Körperliche Anstrengung ist unvermeidlich,

wenn beispielsweise bei sommerlichen Temperaturen

mehrere Hektar Halbtrockenrasen in einem Naturschutzgebiet

gemäht werden müssen. Im Wesentlichen

sind dies zusätzliche und gemeinnützige Arbeiten, die

nicht an private Unternehmen vergeben würden, so dass

keine Konkurrenz entsteht.

Mit diesem Fahrzeug startete

die Mobile Ökologiewerkstatt.

Während zu Anfangszeiten Aufträge noch mühsam

akquiriert werden mussten, arbeitet die MÖWE mittlerweile

kostendeckend. Als im Jahr 2003 kommunale

Aufträge wegfielen, konnten neue Auftraggeber gefunden

und Einnahmen erzielt werden. Ab April 2007 wurde

in Zusammenarbeit mit der ARGE der Stadt Landshut

zusätzlich das Projekt MÖWE plus eingerichtet, das

Beschäftigung für bis zu 10 Menschen bietet.

Müllvermeidung im Recyclingzentrum

Als vierte der berufsbezogenen Hilfen entstand das

Landshuter Recyclingzentrum (LRZ)“: In Zusammenarbeit

mit dem Arbeitsamt und der Stadt Landshut eröffnete

das Diakonische Werk ab Oktober 1992 am Brauneckweg

eine neue zentrale Sammelstelle für Sperrmüll.

12 Langzeitarbeitslose filterten Wertstoffe aus dem

Sperrmüll und setzten Brauchbares wieder instand.

Unter anderem wurden nicht funktionierende Elektround

elektronische Geräte zerlegt, Rohstoffe – wie Kupfer

oder Aluminium – wurden weiterverkauft.

62 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Im Landshuter Recyclingzentrum wurde

Elektronikschrott sortiert.

Trotz des Rohstoffverkaufs war das Projekt auf finanzielle

Unterstützung durch Arbeitsamt und Stadt Landshut

angewiesen. Letztere profitierte dabei auch durch die

erzielte Müllvermeidung.

Ein Jahr lang bekamen in diesem Projekt arbeitslose

Männer die Möglichkeit, 24 Stunden pro Woche zu arbeiten.

Ergänzt wurde diese Tätigkeit durch berufsbezogene

Bildungsmaßnahmen. Sogar eine Zertifizierung als Entsorgungsfachbetrieb

erhielt das LRZ: Mit einer TÜV-

Urkunde wurde dem Zentrum 1998 bescheinigt, dass es

eine gesicherte, ordnungsgemäße und umweltverträgliche

Behandlung des Mülls gewährleistet. 40 Zu diesem

Zeitpunkt waren in der Einrichtung 18 Menschen beschäftigt,

die auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt waren.

Rund ein Drittel der Langzeitarbeitslosen fand nach einem

Jahr bei der Diakonie wieder eine feste Arbeitsstelle.

Ende der 1990er-Jahre geriet das Recyclingzentrum

am Brauneckweckweg unverschuldet in die Negativschlagzeilen.

Was war passiert? Unter der damaligen

Geschäftsführung von Diakon Friedrich Schröder waren

Überschüsse des Zentrums umgebucht worden, sodass

buchhalterische Defizite für das LRZ entstanden. Dafür

hatte man zu Unrecht kommunale Zuschüsse in Höhe

von insgesamt 400 000 DM beantragt.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Wenngleich dieser beschämende Vorgang auch mit juristischen

Schritten geahndet wurde, so blieb doch das

Verhältnis zwischen der Stadt Landshut und dem Diakonischen

Werk eine Zeit lang angespannt. Dieser Vorfall

dürfte ein wesentlicher Grund dafür gewesen sein,

dass sich die Stadt aus der Finanzierung des Recyclingzentrums

zurückzog. Die Recyclingtätigkeit musste eingestellt,

das LRZ auf den Gebrauchtmöbelverkauf reduziert

werden. Aus dieser Zeit stammt das Gebrauchtwarenhaus

„Hab & Gut“, das heute als ein Vorzeigeprojekt

der Diakonie Landshut gilt.

Am Brauneckweg befand sich das

Recyclingzentrum der Diakonie.

63

So wurde von den Mitarbeitern

Sperrmüll abtransportiert.

Ihre kreativen Fähigkeiten zeigten die

Mitarbeiter des Recyclingzentrums 1995:

Im Rahmen des Projekts „Kunstmeile“

fertigten sie zusammen mit Schülerinnen

des Gymnasiums Seligenthal Windfahnen

aus Schrott.


„Hab & Gut“ – ein Erfolgsmodell

An drei Standorten betreibt das Diakonische Werk

Landshut mittlerweile Gebrauchtwarenhäuser: in Altdorf,

in Vilsbiburg und in Rottenburg. Durch die Möglichkeit,

dort Waren günstig einzukaufen, werden

Menschen in problematischen Einkommenssituationen

unterstützt. In dem Beschäftigungsprojekt sind rund 70

behinderte oder auf dem Arbeitsmarkt benachteiligte

Menschen mit sinnvollen Aufgaben betraut. Und es gibt

noch einen dritten positiven Effekt: Durch die Verwertung

gut erhaltener Waren wird das Müllaufkommen

reduziert, Abfall in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt

und dadurch die Umwelt entlastet. Mit ihren Sachspenden

und ihrem Einkauf bei „Hab & Gut“ können Bürger

somit einen Beitrag zum Umweltschutz und zur Verringerung

der Arbeitslosigkeit leisten.

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte des Projekts mit

der Eröffnung des ersten Gebrauchtwarenhauses am

Das erste Gebrauchtwarenhaus der Diakonie in Altdorf vor der Eröffnung 2001

23. Oktober 2001 auf dem Gelände des städtischen Bauhofs

an der Äußeren Parkstraße in Altdorf. Als das

Landshuter Recyclingzentrum wenige Monate zuvor geschlossen

worden war, waren sich Diakonie, Arbeitsamt

und Stadt Landshut einig, dass auch weiterhin Arbeitsplätze

für Menschen ohne Beschäftigung geschaffen

werden müssten. Die Planungen für einen Umzug des

Gebrauchtmöbelverkaufs gab es bereits seit einigen

Jahren, auch weil die Verkaufsfläche am Brauneckweg zu

klein war. So fanden in Altdorf auf insgesamt 1700

Quadratmetern zunächst zehn Langzeitarbeitslose neue

Arbeit mit vielfältigen Aufgaben – von der Terminplanung

über die Möbelaufbereitung bis hin zur Kundenberatung

und zum Verkauf.

Aktion Rollentausch 2008: Bezirkstagspräsident Manfred

Hölzlein verbrachte einen Tag im Gebrauchtwarenhaus und

informierte sich über die Arbeit der Diakonie.

64 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


In den Anfangszeiten von „Hab & Gut“, das sich in sinnvoller

Nachbarschaft zum Wertstoff- und Entsorgungszentrum

Landshut befindet, musste um sein Bestehen

gebangt werden. Noch im Juli 2003 blickte das Gebrauchtwarenhaus

„Hab & Gut“ in eine unsichere Zukunft,

weil die freie Förderung des Arbeitsamts auslief

und eine Verlängerung der ABM-Förderung von Mitarbeitern

ungewiss war. Auch konnte das Diakonische

Werk aufgrund seiner eigenen angespannten Finanzlage

keine weiteren Finanzierungsanteile übernehmen. Jedoch

trugen die gute Lage und die helle, geräumige Halle

dazu bei, dass „Hab & Gut“ von Anfang an bei Kunden

auf positive Resonanz stieß.

Die ABM-Förderung durch die Agentur für Arbeit

wurde verlängert, und auch die Umsätze stiegen weiter.

So arbeitete die Einrichtung im Jahr 2006 bereits kostendeckend.

Pro Jahr wurden allein in Altdorf 180 Tonnen

Waren angeliefert. Für die Vermeidung von Sperrmüll

erhielt „Hab & Gut“ von der Stadt Landshut eine Vergütung,

vom Landkreis Landshut kam vorübergehend

Viel Aufmerksamkeit bekam der Stand von „Hab & Gut“ auf der Landshuter Umweltmesse 2008.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

ein Zuschuss hinzu. Zum fünfjährigen Bestehen des

Gebrauchtwarenhauses im Jahr 2006 zog der Leiter

Georg Zinkl-Rau Bilanz: 1 500 000 kg Waren waren bis

dahin bereits umgesetzt, 108 000 Kunden betreut und

160 Personen beschäftigt worden.

Im Januar 2006 wurde das zweite Gebrauchtwarenhaus

in Vilsbiburg eröffnet. So entstanden in den Räumen

eines ehemaligen Supermarktes in der Innenstadt weitere

20 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung und

für Langzeitarbeitslose sowie eine günstige Einkaufsmöglichkeit

für bedürftige Menschen. Anfang des Jahres

2008 öffnete schließlich auf dem ehemaligen Kasernengelände

in Rottenburg das dritte Gebrauchtwarenhaus

der Diakonie seine Türen.

Das jüngste Projekt von „Hab & Gut“ in Altdorf ist

„Buntstift“ – ein Schulmaterialladen, in dem bedürftige

Familien mit Kindern preisgünstig Schulsachen einkaufen

können. Die Idee und die Anschubfinanzierung

kamen von der Bürgerstiftung Landshut, die ersten Sachspenden

von verschiedenen Firmen und Privatpersonen.

65


Ansprechpartner

für alle: die allgemeine

Sozialarbeit

Erholungsmaßnahmen für Kinder, offene Seniorenarbeit,

Straffälligenhilfe, Schuldnerberatung, Treffpunkt für

Alleinerziehende und Ferienprogramm – mit dieser breiten

Aufgabenpalette waren die Mitarbeiterinnen der allgemeinen

Sozialarbeit in den 1970er- und 1980er-Jahren

konfrontiert.

Heute ist die „Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit

(KASA)“ – wie der Dienst nun heißt - oft die erste Anlaufstelle

für Menschen in Armut und Not. Sie ist ein konstitutives

Element der Kirche und ihrer Diakonie in den

Bezirksstellen, gleichzeitig gilt sie als der „soziale Grunddienst“

jeder Diakonie. Die Aufgaben haben sich seit den

Anfängen verändert, manche wurden aufgegeben, manche

als eigene Dienste verselbständigt – umfangreich ist

der Leistungskatalog der KASA aber nach wie vor. Die

dort tätigen Sozialpädagoginnen unterstützen Hilfesuchende

in unterschiedlichsten Problemsituationen:

Sie beraten in Lebenskrisen aller Art, vermitteln an Fachdienste,

helfen beim Umgang mit Behörden, informieren

über Mutter-Kind-Kuren, organisieren Ferienaktionen

und Aktivitäten im Bereich der Seniorenarbeit. Um die

Belange von Familien und Kindern in der Region Landshut

zu stärken, ist die KASA im Lokalen Bündnis für

Familien, einem Zusammenschluss von Vereinen, Unternehmen

und sozialen Einrichtungen, vertreten. Darüberhinaus

ist sie Mitbegründerin und Koordinatorin der

Landshuter Armutskonferenz – Forum für soziale

Rechte. Dieser „Runde Tisch“ von MitarbeiterInnen und

SozialpädagogInnen aus Beratungsdiensten der regionalen

Wohlfahrtsverbände verfolgt das Ziel, die Lebensverhältnisse

von sozial benachteiligten Menschen in

Stadt und Landkreis Landshut zu verbessern.

Jährlich wurden rund 500 bedürftige Familien aus dem Fundus

des Kleiderkellers versorgt.

Beratung für Gefangene und

Haftentlassene

Seit Anfang der 1970er-Jahre wird die Straffälligenhilfe

als ein Teilbereich der Sozialarbeit in den Akten des Diakonischen

Werks erwähnt. Damals ging es vorwiegend

darum, die Entlassung von Gefangenen aus der Justizvollzugsanstalt

vorzubereiten, Kleidung zu beschaffen,

Gepäck auszulösen und Arbeits- und Ausweispapiere zu

beschaffen. Zusammen mit der Caritas wurde damals

auch regelmäßig eine „Weihnachtsbetreuung“ angeboten.

1978 begann die Diakonie mit Gruppengesprächen

für Strafentlassene und ihre Familienangehörigen.

In den 1980er-Jahren wurden regelmäßige Besuche in

den Justizvollzugsanstalten Erding und Landshut durchgeführt.

Neben den wenigen Beratungsgesprächen mit

Inhaftierten waren damals vor allem fürsorgerische Maßnahmen

die Hauptaufgabe. Im Jahresbericht des Diakonischen

Werks von 1983 heißt es dazu: „Erklärtes Ziel

der Beratung ist, den Gefangenen mit seiner Problematik

zu konfrontieren, aufzuzeigen, dass ein Teil dieser persönlichen

Schwierigkeiten auch in einem abweichenden

Verhalten liegt.“ Soweit möglich, sollten diese Schwierigkeiten

gemeinsam aufgearbeitet werden. In späteren

Jahren war es ein wichtiges Ziel, die Eigenverantwortlichkeit

der Straffälligen zu fördern.

66 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Der damalige Sachgebietsleiter für Sozialarbeit,

Hans Scharf, bot Beratungsgespräche in den

Justizvollzugsanstalten Landshut und Erding an.

In dieser Zeit sah das Diakonische Werk die zusätzliche

Notwendigkeit, Strafentlassenen im Rahmen eines Wohnprojekts

eine Art festen Wohnsitz anzubieten, um so ihre

Chancen auf soziale Reintegration zu verbessern. Weil

die Eingliederung nach der Haftentlassung oft an einer

geeigneten Wohnmöglichkeit scheiterte und daher die

Bedingungen für eine erfolgreiche Resozialisierung besonders

negativ erschienen, mietete die Diakonie Landshut

eine geeignete Wohnung an. Denn nur mit einer festen

Adresse war es für die Betroffenen möglich, z. B.

Leistungen des Arbeitsamts oder der Sozialhilfe zu beziehen

bzw. einer geregelten Arbeit nachzugehen.

Ab 1985 konnten zunächst zwei, später vier Haftentlassene

in einer Wohnung in der Klötzlmüllerstraße

untergebracht werden. Allerdings handelte es sich hier

nicht um die geeignete Klientel – die Prognosen für

deren Resozialisierung waren zu ungünstig. So wurde

das Projekt zum Jahresende 1988 aufgegeben.

Die Wohnung wurde danach Umsiedlern zur Verfügung

gestellt. Heute liegt die Beratung von Gefangenen

in der Verantwortung der Fachdienste des Diakonischen

Werks, etwa der Schuldnerberatung und des Sozialpsychiatrischen

Dienstes. Aufgrund ihrer Spezialisierung

sind sie in der Lage, gezielt auf individuelle Probleme

einzugehen und wirkungsvoll Hilfe zu leisten.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Das Ferienprogramm der Diakonie 1983

Von Höhlentour bis Zaubercamp:

das Ferienprogramm

Längst nicht alle Kinder konnten Mitte der 1970er-Jahre

mit ihren Eltern in den Urlaub fahren. Für sie entwarf die

Diakonie ein Ferienprogramm, das die Kinder anregen

sollte, ihre Ferientage schöpferisch zu gestalten und die

eigene Stadt zu erkunden (siehe auch Interview mit

Werner Heger, Seite 50f.) Ursprünglich aus einer Idee

von Diakonie-Mitarbeitern entstanden, entwickelte es

sich zu einem festen Angebot in Landshut, das auch nach

mehr als 30 Jahren unvermindert attraktiv und beliebt ist.

Zunächst sammelten die Mitarbeiter der Diakonie im

Jahr 1976 ihre Ideen zur Feriengestaltung, dann wurden

Ehrenamtliche gesucht und schließlich konnten die teilnehmenden

Kinder aus einem breit gefächerten Angebot

auswählen: Spaghetti kochen, „Montagsmaler“, Musikinstrumente

basteln, Kuchen backen und vieles mehr,

um ihre Fantasie und ihr Gestaltungspotenzial anzuregen.

Sportliche Angebote wie Radfahren, Wandern und

sogar Bogenschießen sowie informative Ausflüge zu

diversen städtischen Einrichtungen waren schon in den

Anfangsjahren Bestandteil des Ferienprogramms – eines

der ersten dieser Art in Bayern. Ab 1979 beteiligten

sich daran auch das Stadtjugendamt und die Volkshochschule.

67


Aufgrund dieser organisatorischen und finanziellen

Gemeinschaftsaktion kann den Landshuter Kindern bis

heute jedes Jahr eine abwechslungsreiche Feriengestaltung

angeboten werden. Das Diakonische Werk trägt

mit fast 40 Veranstaltungen und 600 teilnehmenden

Kindern dazu bei. Den Verantwortlichen der Kirchlichen

Allgemeinen Sozialarbeit ist dabei wichtig, dass die

Kinder ohne Leistungsdruck, Konkurrenzdruck und bewertender

Beurteilung ihre Fähigkeiten entdecken und

ausprobieren können. Bei den Veranstaltungen sollen

soziale Kontakte und Fähigkeiten auf spielerische Weise

eingeübt werden. Ein weiteres Anliegen ist es, den

Kindern mit dem Ferienprogramm ihre Heimat Landshut

und Umgebung nahezubringen.

Vor allem an berufstätige Eltern richtet sich das

zusätzliche Ferienangebot der Diakonie im Gemeindehaus

der Evangelischen Auferstehungskirche. Dort werden

Kinder im Alter von vier bis zehn Jahren wochenweise

von Montag bis Freitag mit einem abwechslungsreichen

Spiel- und Kreativangebot beschäftigt.

Ansprechpartnerinnen

für

Menschen in

Krisensituationen

Eine Aktion auf dem Spielplatz während des Ferienprogramms

von 2007

Alleinerziehende und Patchwork-Familien

Meist prägt die einsam zu tragende Verantwortung für

die Kinder den Alltag alleinerziehender Mütter und Väter.

Nicht selten kommen aufgrund fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten

Schwierigkeiten bei der Arbeitsplatzsuche,

enge finanzielle Grenzen und eine mangelnde private

Erholungszeit hinzu. Um diese Probleme gemeinsam

besprechen zu können, bietet das Diakonische

Werk seit 1976 einen Treffpunkt für Alleinerziehende an

(siehe auch „Wir sind nicht alleine!“, S. 69).

Einmal im Monat gibt es im Diakonischen Zentrum in

Landshut die Gelegenheit, Menschen mit einem ähnlichen

Lebenshintergrund zu treffen und sich mit ihnen

auszutauschen. In dieser Zeit betreuen ehrenamtliche

geschulte MitarbeiterInnen die Kinder. Zur Information

und zur Unterstützung der Erziehungsarbeit von Alleinerziehenden

werden immer wieder Fachvorträge angeboten.

Ein ähnliches Ziel hat sich die im Februar 2009

gegründete Selbsthilfegruppe für Patchwork-Familien

gesetzt. Denn gerade in diesen immer häufiger entstehenden,

aus Teilfamilien neu gebildeten Familien gibt es

neuartige Probleme. Der Status einer Patchwork-Familie

ist sowohl für die Kinder als auch für die erwachsenen

Partner eine besondere Herausforderung. Die Diakonie

will dazu mit ihrem Gruppenangebot nicht nur einen

regelmäßigen Erfahrungsaustausch ermöglichen, sondern

Betroffene auch gezielt informieren, beispielsweise in

rechtlichen oder wirtschaftlichen Fragen.

Unter dem Motto „Mut tut gut“ bastelten die alleinerziehenden

Frauen eine Collage.

68 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


»Wir sind nicht alleine!«

1976 wurde im Diakonischen Werk Landshut der Treffpunkt für Alleinerziehende ins Leben gerufen. Zu den monatlichen

Treffen kamen damals durchschnittlich 25 Mütter. Ihre Kinder wurden während dieser Treffen von Helfern betreut.

Eine Teilnehmerin aus dem Jahr 1979 erzählt:

Im Verborgenen blüht der Treffpunkt schon über zwei Jahre.

Nun ist es an der Zeit, ihn einmal vorzustellen. Er ist durchaus

vorzeigbar, steht er doch unter einem wirklich guten Stern.

Das Diakonische Werk rief ihn ins Leben. Es suchte und fand

damals zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, selbst Alleinerziehende,

die diesen Kreis mit Schwung vortrefflich leiten,

und stellte auch die geeigneten Räume am Gutenbergweg zur

Verfügung.

Wir sitzen also einmal monatlich bei Kaffee und Kuchen

zusammen und wissen unsere Kinder im benachbarten Raum –

unter Anleitung der Kinderbetreuer spielend – gut aufgehoben.

Weit diffiziler ist es, unsere Zusammenkünfte entsprechend zu

füllen, beschäftigen uns doch die verschiedensten Probleme,

seien sie familiärer oder beruflicher Art. Diese werden ganz

offen und ehrlich mitgeteilt und diskutiert und, wenn

erwünscht, gelegentlich Fachleute von Ämtern, ein Kinderarzt

oder auch, wie demnächst, ein Pfarrer eingeladen.

Weit wichtiger jedoch scheinen mir zwei Dinge zu sein, die

sich immer wieder heraus kristallisieren. Erstens: Es haben

sich nicht nur die zwei Leiterinnen während der zwei Jahre

in gegenseitiger Freundschaft gefunden. Es haben sich auch

viele andere Bindungen ergeben, sogar manchmal über eine

Generation hinweg; das ist so hilfreich und tröstlich in der

heutigen Zeit: Wir sind nicht alleine.

Und bei dem Stichpunkt „allein“ kommt auch gleich der zweite Punkt. Fast bei jedem Zusammensein erlebt

jede von uns: Das geht ja nicht nur mir so mit den Schwierigkeiten als alleinstehende Frau, fast alle anderen

habe die gleichen oder ähnliche Probleme und meistern sie auch. Das ist für meine Begriffe das wahrhaft

Starke an diesem Kreis, dass jeder sich mit seinen Problemen, die nun einmal da sind und beileibe nicht in die

Ecke gekehrt werden, nicht alleine weiß. Noch eines wäre erwähnenswert: Es gibt keine soziale Schichtung,

jede, wirklich jede Frau ist herzlich willkommen.(…)

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

69

Aus: Landshuter Zeitung vom 6. September 1979

Lese

text


Gespräche, Gymnastik und Besuchsdienst

für Senioren

Die lange Tradition der offenen Seniorenarbeit im Diakonischen

Werk Landshut wird von der KASA fortgeführt

(siehe auch Kapitel 4). In Zusammenarbeit mit den evangelischen

Kirchengemeinden im Dekanat Landshut

werden vielfältige Aktivitäten für Senioren angeboten:

Gesprächskreise, Gymnastik- und Tanzveranstaltungen

wie beispielsweise „WUF – Wir um Fünfzig“ oder der

Offene Altenclub. Die Teilnahme an den Gruppenangeboten

ist jederzeit möglich, nicht an eine konfessionelle

Zugehörigkeit gebunden und wird von erfahrenen ehrenamtlichen

Mitarbeiterinnen geleitet.

„Ohrensessel“ nennt sich der Besuchsdienst, der

ebenfalls von der allgemeinen Sozialarbeit organisiert

wird. Ehrenamtliche Mitarbeiter des „Ohrensessels“ besuchen

ältere Menschen in Seniorenwohnheimen, die

sich allein fühlen und gerne Ansprache hätten. Sie hören

den Senioren zu, lesen ihnen etwas vor, machen Gesellschaftsspiele

oder begleiten sie zum Arzt.

Wenn die Schuldenlast

drückt – die Diakonie

berät

Viel Erfahrung hat das Team der diakonischen Schuldnerberatung,

die schon seit 1991 als separater Fachdienst

besteht. Vorher war diese Aufgabe Bestandteil

der allgemeinen Sozialarbeit. Die Nachfrage nach dieser

kostenlosen Hilfeleistung war von Anfang an groß.

Bürger aus Stadt und Landkreis Landshut hatten damals

mit Wartezeiten von bis zu neun Monaten zu rechnen.

Als 1999 die rechtliche Möglichkeit der Privatinsolvenz

geschaffen wurde, stieg die Zahl der Ratsuchenden noch

zusätzlich an. Erst die Aufstockung der zur Verfügung

stehenden Beraterstellen brachte eine Erleichterung für

die Klienten.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Großes Augenmerk lag von jeher auf der Präventionsarbeit.

In diversen Schulen macht das Schuldnerberater-

Team auf Schuldenfallen für Jugendliche, wie beispielsweise

Handy-Verträge, aufmerksam. Die zunehmende

Komplexität des Wirtschaftslebens ist nach den Erkenntnissen

der Schuldnerberater heute eine wesentliche

Ursache für Verschuldung: Die Menschen seien nicht

mehr in der Lage sich ausreichend zu informieren und

machten deshalb Fehler. So sei es nicht weiter verwunderlich,

dass sich seit Anfang der 1990er-Jahre die Zahl

der überschuldeten Haushalte verdoppelt hat. Die Ressourcen

für die Lebensführung seien mittlerweile so

knapp, dass es kaum mehr Einsparpotential gebe. Und

noch etwas hat sich im Laufe der Zeit verändert: Die

Gläubiger sind immer weniger zu Vergleichen bereit.

Derzeit werden pro Jahr mehrer hundert Bürger beraten.

Ziel der Beratungsstelle, die von Stadt und Landkreis

gleichermaßen finanziert wird, ist in erster Linie die

Existenzsicherung; das heißt, Klienten sollen ihre Wohnung

und ihren Arbeitsplatz behalten können. Erst an

zweiter Stelle steht die Entschuldung. Zu diesem Zweck

werden Haushalts- und Schuldenbereinigungspläne

erstellt. Wenn nötig, verhandeln die Berater auch mit

den Gläubigern über Vergleiche und Rückzahlungsmodalitäten.

Um einen Teil der Sachkosten finanzieren zu können, hat

das Diakonische Werk 2003 ein Kooperationsabkommen

mit der Bewährungshilfe Südostbayern geschlossen, die

seitdem ebenfalls Klienten nach Landshut zur Schuldnerberatung

schickt.

Das Team der Schuldnerberatungsstelle besteht aus

Thomas Beißner, Jürgen Höft, der Leiterin Petra Anneser und

der Verwaltungsmitarbeiterin Angelika Kandler (von links).

71


Integrationsarbeit

bei der

Aussiedlerbetreuung

Die politischen Umwälzungen in den ehemaligen Ostblockstaaten

verursachten vollkommen neue Herausforderungen

für die Wohlfahrtsverbände. Aufgrund der erleichterten

Ausreisemöglichkeiten für Bürger deutscher

Abstammung setzte ab Ende der 1980er-Jahre eine

Zuwanderungswelle ungeahnten Ausmaßes ein: 1988

kamen 174 Aus- und Umsiedlerfamilien in das Dekanat

Landshut , 1990 waren es 534 Familien 42 . Dies führte dazu,

dass die vorhandenen Übergangswohnheime bald

völlig überbelegt waren. So mussten viele Menschen –

vor allem aus der ehemaligen UdSSR, aus Rumänien und

Polen sowie aus der vormaligen DDR – bei Verwandten,

Freunden und in Gasthöfen unterkommen 43 , die als Ausweichquartiere

eingerichtet wurden. Die räumliche Beengtheit

in diesen Notquartieren war nicht selten Auslöser

für Spannungen und Auseinandersetzungen.

Begrüßungskaffee, Besuchsdienst

und Beratung

Weil dringender Handlungsbedarf bestand, bot das Diakonische

Werk Landshut ab 1988 Beratungen für Aussiedler

an. Eine Sozialpädagogin der Diakonie konnte

dafür in der Anfangszeit 10 Stunden, später 20 Stunden

pro Woche einsetzen. Sie wurde unterstützt von zwei

Praktikantinnen der Fachhochschule Landshut und von

ehrenamtlichen Mitarbeitern, die Besuchsdienste durchführten

und „Begrüßungskaffees“ organisierten. Materielle

Hilfe kam aus dem Kleiderkeller der Diakonie.

Außerdem wurden gebrauchte Möbel und Hausrat vermittelt

sowie Spielsachen für die Aussiedler-Kinder

gesammelt.

Es war das Ziel der diakonischen Arbeit, die Aussiedler

vor Ort sozial und kirchlich zu integrieren. Bei persönlichen

und familiären Problemen konnten sich die Menschen

an die BeraterInnen der Diakonie wenden, die

auch über die Zuständigkeiten der Behörden informierten

und sozialrechtliche Ansprüche klärten. Wie aus den

Jahresberichten der Beratungsstelle hervorgeht, war es

den damaligen Mitarbeitern ein besonderes Anliegen, in

der Öffentlichkeit um Verständnis für die Situation der

Aussiedler zu werben, deren Akzeptanz zu fördern und

zur Versachlichung diesbezüglicher – zum Teil sehr emotionsgeladener

– Diskussionen beizutragen.

Im März 1991 wurde der erste Außenstützpunkt des

Diakonischen Werkes in Dingolfing, in der Oberen Stadt

2, in angemieteten Räumen eröffnet. Dieser Standort

wurde deshalb gewählt, weil dort aufgrund der beiden

Übergangswohnheime besonders viele Aussiedler zu betreuten

waren. Zudem gab es das Bestreben, die diakonischen

Angebote im großen Flächendekanat zu dezentralisieren.

Bronze für vorbildliche Integrationsarbeit

Die beiden Sozialpädagoginnen Beatrix Eberl und Petra

Götz berichteten 1993 vor der Presse über ihre schwierige

Arbeit im Dekanat Landshut, wo insgesamt 1300

Aussiedler in 18 Wohnheimen und Ausweichquartieren

lebten: Die Voraussetzungen für einen Neustart der Neubürger

hatten sich damals bereits verschlechtert, weil

öffentliche Mittel für Sprachkurse gekürzt worden

waren. Wegen des Wohnungsmangels auf dem freien

kkk

Beatrix Eberl nahm eine

Auszeichnung für die

Aussiedlerberatungsstelle

Dingolfing entgegen.

72 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Wohnungsmarkt mussten die Aussiedler-Familien bis zu

drei Jahre in den Übergangsheimen Landshut und Dingolfing

bleiben, in die sie aus dem Durchgangslager in

Nürnberg mit Zwischenstation in der „Verteilerstelle“ in

Deggendorf geschickt worden waren.

Trotz dieser restriktiven Bedingungen leisteten die

AussiedlerbetreuerInnen der Diakonie hervorragende

Arbeit. Beim „Bundeswettbewerb zur vorbildlichen Integration

von Aussiedlern in der Bundesrepublik Deutschland“

erreichte die Außenstelle Dingolfing im Jahr 1994

den dritten Platz. Beatrix Eberl und Geschäftsführer

Friedrich Schröder bekamen dafür in Köln eine Bronze-

Plakette zusammen mit einer Urkunde verliehen.

Sport, Spiele und Streetwork für

jugendliche Spätaussiedler

Nach einer Vakanzzeit wurde die Beratungsstelle in

Dingolfing 1998 wieder besetzt, um Projektarbeit mit

jugendlichen Spätaussiedlern anzubieten, da in Schulen,

in politischen Gremien und bei der Polizei vermehrt

Probleme mit dieser Teilgruppe bekannt geworden

waren. Aufgrund der Migration traten Sprachhemmnisse

und damit auch schulische Schwierigkeiten in den

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Hilfe in der Orientierungslosigkeit leistete

die Aussiedlerberatung der Diakonie.

Vordergrund, Auffälligkeiten und aggressive Verhaltensweisen

kamen hinzu. Für die Projektarbeit mit den

Jugendlichen beschäftigte die Diakonie qualifizierte

Honorarkräfte – überwiegend Lehrerinnen aus den Herkunftsländern.

Sie veranstalteten mit den jungen Teilnehmern

Rollenspiele, Erzählcafés, Bastel- und Spiele-

Nachmittage. So konnten zu den meisten Jugendlichen

positive Beziehungen aufgebaut, ihre Kompetenzen verbessert

und für sie neue Lebensperspektiven eröffnet

werden. In Streetwork-Maßnahmen und in Kooperation

mit den Schulen wurden sie auch nach dem Ende des

Projekts begleitet. Weil die Fördervereinbarung zwischen

dem Diakonischen Werk Landshut und dem Landkreis

Dingolfing-Landau nicht verlängert wurde, mussten

die Büroräume in Dingolfing im Jahr 2000 aufgegeben

werden.

In Landshut setzte die Aussiedlerberatung verstärkt auf

Sport- und Freizeitangebote für Jugendliche, die zusammen

mit den örtlichen Vereinen und anderen sozialen

Trägern organisiert wurden. Um die jungen Spätaussiedler

im Raum Landshut und Altdorf noch besser

betreuen zu können, gründeten Diakonie, Katholisches

Jugendsozialwerk, Stadtdiakon und Aussiedlerpfarrer

einen Arbeitskreis. Ende Juni 2002 musste die Aussiedlerberatung

der Diakonie aus Gründen der Wirtschaftlichkeit

an allen Standorten eingestellt werden.

73


Oben: Der Diakonie-Vorsitzende Dekan Jürgen Wieber nahm im

Oktober 1988 den Spatenstich für das Diakonische Zentrum vor.

Mitte links: An das bereits bestehende Gebäude wurde angebaut.

Unten: Fast alle Fachdienste fanden im Diakonischen Zentrum Platz.

74 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


In der Zerreißprobe:

Investitions- und Krisenzeit

der Diakonie

Dass die 1990er-Jahre für das Diakonische Werk Landshut nicht leicht werden würden, war

vorauszusehen. Denn es standen einerseits umfangreiche Investitionen an, beispielsweise

der bereits geplante Neubau des Diakonischen Zentrums und die notwendige Sanierung des

Seniorenheims am Bettinaweg. Andererseits gingen die Spendenbeträge zurück und öffentliche

Zuschüsse wurden gekürzt, sodass sich notwendige finanzielle Einschränkungen abzeichneten.

Dass allerdings am Ende dieses Jahrzehnts die gesamte Landshuter Diakonie

eine materielle und immaterielle Krise von existenzbedrohenden Ausmaßen durchleiden

würde, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellbar.

Der Bau des Diakonischen Zentrums

Die Spezialisierung und Aufgabenerweiterung in den

diversen Fachdiensten der Diakonie verlangte nach zusätzlichem

Arbeitsraum. 1986 konnte noch unter der

Geschäftsführung von Werner Heger in unmittelbarer

Nähe zu den bisherigen Diensträumen das „Zech-

Grundstück“ mit einem Gebäude in der Gabelsbergerstraße

46 erworben werden. Wenige Monate nach der

Amtseinführung des neuen Geschäftsführers, Diakon

Friedrich Schröder, und des neuen ersten Vorsitzenden,

Dekan Jürgen Wieber, begannen im Oktober 1988 die

Bauarbeiten für das neue Diakonische Zentrum. Im Beisein

zahlreicher Ehrengäste – darunter der Präsident des

Diakonischen Werks Bayern, Pfarrer Heinz Miederer –

wurde der erste Spatenstich getan. Aufgrund des milden

Wetters machte der auf zwei Millionen Mark veran-

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

schlagte Bau schnelle Fortschritte, sodass bereits im

März des darauffolgenden Jahres Richtfest gefeiert werden

konnte. Mit dem Diakonischen Zentrum ging für die

Mitarbeiter ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Denn

in dem neuen, 660 Quadratmeter großen Gebäudekomplex

wurde für fast alle Fachdienste, die teilweise über

die Stadt verteilt waren, Platz geschaffen: Sozialarbeit,

Seniorenbegegnungsstätte, Sozialpsychiatrischer Dienst

(außer der Teestube in der Altstadt), Verwaltung und

Geschäftsführung, Jugendprojekt Arbeit, Eheberatung,

Werkräume, die Mobile Ökologiewerkstatt sowie ein

Kleiderkeller wurden dort untergebracht.

Die Einweihung erfolgte im Mai 1990 mit einem Festgottesdienst

in der Christuskirche, den Regionalbischof

Oberkirchenrat Gotthard Preiser hielt. Anlässlich des Festaktes

wurden im Garten des neuen Diakonie-Zentrums

mehr als 400 Gäste bewirtet. Das Haus war zu diesem

Zeitpunkt bereits mit Mitarbeitern voll belegt.

75

6


Der Erbschaftsstreit und personelle

Konsequenzen

Vermutlich war der hohe Kapitalbedarf der Diakonie für

den geplanten Neubau des Seniorenzentrums einer der

Gründe, weshalb sich ein über mehrere Jahre andauernder

Erbschaftsstreit entfachen konnte, der das Ansehen

des Diakonischen Werks Landshut gravierend und nachhaltig

beeinträchtigt hat. Der Streitfall begann 1992,

als Geschäftsführer Schröder als Vertreter der Diakonie

Landshut mit den hochbetagten Schwestern Friederike

und Helene Below aus Landshut einen Erbschaftsvertrag

schloss.

Die beiden Schwestern, die lange in der evangelischen

Kirchengemeinde aktiv gewesen waren, hatten erwogen,

auf ihrem Grundstück eine Kindertagesstätte zu

errichten, deren Leitung ihre Nichte übernehmen sollte,

und sich diesbezüglich Rat suchend an die Diakonie

gewandt. Als Friederike Below durch eine Krebserkrankung

in einer sehr schlechten körperlichen und psychischen

Verfassung war, wurde ihr und ihrer Schwester im

Krankenhaus ein von Geschäftsführer Schröder entworfener

Erbschaftsvertrag vorgelegt, den beide Schwestern

unterschrieben. Darin wurde der Diakonie Landshut

das Villengrundstück mit einem geschätzten Wert von

1,5 Millionen Mark vermacht. Als es der kranken Schwester

gerade etwas besser ging (sie starb bald darauf),

bemerkten die beiden, dass die mündlich vereinbarten

Gegenleistungen der Diakonie für die Erbschaft nicht

Vertragsgegenstand waren. Beide wollten daraufhin den

Erbvertrag rückgängig machen. Als das Diakonische

Werk nicht darauf einging, wurde von ihnen Klage eingereicht.

Geschäftsführer Schröder geriet nun in den Verdacht,

den Erbvertrag mit unlauteren Methoden bewirkt zu

haben. Außerdem stellte sich heraus, dass der erste

Vorsitzende des Diakonischen Werks, Dekan Wieber, im

Vorfeld nicht über den Vertragsinhalt informiert worden

und auch bei der Vertragsunterzeichnung selbst nicht

anwesend gewesen war. Das Landgericht Landshut beantwortete

die Frage nach einer möglichen Sittenwidrig-

keit des Vertrags 1993 zwar mit Nein, jedoch „mit erheblichen

Bedenken“. Nach diesem Urteil blieb das Diakonische

Werk zunächst rechtmäßiger Erbe.

Knapp ein Jahr später, im November 1994, hob das

Oberlandesgericht München das Urteil des Landgerichts

Landshut jedoch auf und bemängelte dabei das Missverhältnis

von Leistung und Gegenleistung im Erbvertrag.

Dieser Rechtsauffassung wollte sich allerdings das

Landeskirchenamt nicht anschließen. Es sah in der im

Münchener Urteil enthaltenen Auslegung des Heimgesetzes

einen Präzedenzfall, wollte für alle Heimträger

Revision einlegen und begann daher ein Revisionsverfahren

vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Gleichzeitig

änderte sich auch die Sachlage: Helene Below

adoptierte ihre Nichte, wodurch der Erbvertrag mit der

Diakonie nichtig wurde. Schließlich beschloss das Kuratorium

des Diakonischen Werks Landshut in Übereinstimmung

mit der Landeskirche, mittels einer förmlichen

Erklärung auf die Erbschaft zu verzichten.

Im Januar 1996 zog der Bundesgerichtshof endgültig

einen Schlussstrich unter den Erbstreit und erklärte die

Anfechtung der Erbschaft durch die Schwestern Below

nach dem Heimgesetz für rechtskräftig. Die Adoption

wäre demnach zur Rückübertragung des Grundstücks

nicht nötig gewesen.

Für das Diakonische Werk Landshut blieben als Ergebnis

des Erbschaftsstreits eine schwere Rufschädigung, ein

hoher Fehlbetrag infolge der Prozesskosten, Differenzen

in der Leitungsebene, Unverständnis bei Vereinsmitgliedern

und Mitarbeitern und auch große Sorgen bezüglich

der Finanzierung des geplanten Seniorenzentrums.

Dekan Jürgen Wieber war bereits vor Beginn des ersten

Prozesses von seinem Amt als erster Vorsitzender zurückgetreten.

Er hatte diesen Schritt mit Kompetenzstreitigkeiten

mit Geschäftsführer Schröder und Informationsdefiziten

begründet. Nach dem Bekanntwerden

des Erbschaftsvertrages hatte er die sofortige Rückgabe

des Grundstückes beabsichtigt. Er gab sein Amt schließlich

auch deshalb auf, weil er von Geschäftsführung und

Kuratorium der Landshuter Diakonie keine Rückendeckung

in dieser Angelegenheit bekommen hatte.

76 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Bei der Jahresmitgliederversammlung des Diakonischen

Werks im März 1993 herrschte aufgrund dieser Vorkommnisse

eine gespannte Atmosphäre. Zum neuen Vorsitzenden

ließ sich Pfarrer Werner Fritz von der Erlöserkirche

wählen. Als die Prozesse Jahre später beendet

waren, zeigte sich Pfarrer Fritz, der den Erbschaftsstreit

trotz persönlicher moralischer Bedenken in Übereinstimmung

mit dem Kuratorium mitgetragen hatte, erleichtert

über den Ausgang. Er erklärte in der Mitgliederversammlung

1997: „Das war kein Ruhmesblatt in der Geschichte

der Diakonie.“ 44 Für eine Wiederwahl wollte er

sich allerdings – auch aufgrund von Querelen zwischen

ihm und Dekan Jürgen Wieber und damit zwischen der

Diakonie und den Pfarrern des Dekanats – nicht mehr

zur Verfügung stellen.

So drehte sich das Personalkarussell zurück: Bei der

Jahreshauptversammlung im Juni 1997 wurde Dekan

Jürgen Wieber als einziger zur Verfügung stehender

Kandidat in geheimer Wahl mit Zweidrittelmehrheit erneut

zum ersten Vorsitzenden des Diakonischen Werks

gewählt. Jedoch verließ er bereits im April des darauffolgenden

Jahres das Dekanat Landshut, um eine neue

Dekanstelle in Bad Tölz anzutreten. Beim Abschiedsgottesdienst

in der Christuskirche wurde ihm Dank und

Anerkennung für sein zehnjähriges Wirken im Dekanat

Landshut ausgesprochen. In den folgenden Monaten

übernahm der zweite Vereinsvorsitzende der Diakonie,

Edgar Walter, allein die Leitungsaufgaben, bis kurz vor

Jahresende der neue Landshuter Dekan Helmut Völkel

einstimmig zum ersten Vorsitzenden gewählt wurde.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

77


Neubau von Johannesstift

und Matthäusstift

Während im Diakonischen Werk Anfang der 1990er-

Jahre noch über die mögliche Sanierung des Altenheims

am Bettinaweg nachgedacht wurde, hatte Geschäftsführer

Schröder bereits eine andere Vision: Er erklärte

den Bau eines modernen Seniorenzentrums zu seinem

Fernziel. Das bestehende Altenheim genügte nicht mehr

den aktuellen Standards und war nicht auf die zunehmende

Pflegebedürftigkeit der Patienten ausgerichtet.

Es war klar, dass dessen Umwandlung in ein zeitgemäßes

Pflegeheim umfangreiche bauliche Veränderungen

fordern würde.

Im April 1992 wurden die Pläne für den Neubau eines

Seniorenwohn- und Pflegeheims veröffentlicht. Der Endausbau

sah 80 bis 90 Pflegebetten sowie 30 bis 40

Heimplätze vor. Veranschlagt waren Baukosten in Höhe

von 25 Millionen Mark, wovon der größte Teil als Zuschuss

von der evangelischen Kirche in Bayern zugesagt

wurde. Zehn Prozent sollte das Diakonische Werk Landshut

aus Eigenmitteln finanzieren.

Es dauerte noch drei Jahre, bis die endgültigen Pläne

für das neue Heim – jetzt nicht mehr in Landshut, sondern

in Altdorf geplant – öffentlich vorgestellt werden

konnten. Am 8. März 1996 fand dann der erste Spatenstich

für das Johannesstift statt. Im April 1997 zogen die

Heimbewohner vom Bettinaweg nach Altdorf um.

Der Rohbau des Johannesstifts war fertig.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Planungen für den Neubau

eines weiteren Seniorenwohn- und Pflegezentrums,

des Matthäusstifts, bereits in vollem Gange. Zur Realisierung

dieses auf 20 Millionen Mark veranschlagten

Projekts hatte das Kuratorium einen Vertrag geplant, der

vorsah, das Diakonie-Grundstück am Bettinaweg auf

dem Weg des Erbbaurechts an eine Wohnbaugesellschaft

zu übertragen. Dieser Investor sollte im Gegenzug

das Heim errichten und die Baukosten tragen, die er

über den Verkauf der Pflegeappartements finanzieren

konnte. Das Diakonische Werk sollte das Seniorenheim

mieten und betreiben. Für dieses gewichtige Vorhaben

war die Zustimmung der Diakonie-Mitglieder notwendig,

die sich die Entscheidung darüber nicht leicht machten.

So brachte die im Januar 1997 anberaumte Mitgliederversammlung

trotz großer Beteiligung und hitziger

Debatten kein Ergebnis bezüglich eines Neubaus. Die

Landshuter Zeitung formulierte: „Dicke Überraschung

bei Mammutsitzung der Diakonie: Altenheim-Neubau gebremst

– Mitglieder klagen über mangelnde Information

– Ohne Jahresrechnung keine Mehrheit für Baupläne“.

78 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Weil die Jahresrechnung für 1996 noch nicht vorlag, verweigerten

die Diakoniemitglieder dem Kuratorium ihre

Zustimmung, sodass dieses nicht über das Erbbaurecht

am Bettinaweg verhandeln konnte. Nach geheimer Abstimmung

wurde beschlossen, die Entscheidung über

den Neubau bis zum Vorliegen der Jahresrechnung 1996

zu vertagen. 45

Rund 100 Interessierte fanden sich ein, als im Februar

1999 die abgeschlossenen Planungen für das Seniorenzentrum

Matthäusstift vorgestellt wurden. Noch im

gleichen Jahr nahmen Oberbürgermeister Josef Deimer,

Dekan Helmut Völkel und Jürgen Kraus von der Wohnbaugesellschaft

Kraus Grundbesitz AG & Co. Immobilien

KG die Grundsteinlegung vor. Nach einer Bauzeit von eineinhalb

Jahren wurde das Matthäusstift, das 80 Pflegeplätze

und 33 Appartements für Betreutes Wohnen umfasst,

im Mai 2001 feierlich eingeweiht.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Das Bauprojekt Matthäusstift im Mai 2000

und im Februar 2001

Mit Unterstützung des

Pflegepersonals und der

Angehörigen zogen die

Bewohner um.

79

Der Pflegebereich

des Seniorenzentrums

Johannesstift in

Altdorf bietet

63 Plätze.


Der Flughafensozialdienst

wurde zusammen mit der

Caritas angeboten.

80 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Auf dem Höhepunkt der Krise

Mit der Person Helmut Völkel zeichnete sich von Anfang

an eine ruhigere Zukunft für die Diakonie Landshut ab.

Der neue Dekan setzte auf direkte Information und enge

Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer. „Brücken,

die bröckeln und teilweise schon schwer begehbar sind,

sollen wieder aufgebaut werden“, sagte Helmut Völkel

bei seinem Amtsantritt im November 1998 gegenüber

der Landshuter Zeitung (siehe auch Interview mit Dekan

Völkel, S.83).

Im Dekanat Landshut hatte sich inzwischen viel verändert.

Auf Beschluss des Landeskirchenrates waren die

Landkreise Freising und Erding vom Flächendekanat

Landshut abgetrennt worden. Ein Grund dafür dürfte der

Neubau des Münchner Flughafens gewesen sein, in dessen

Folge eine schwer zu bewältigende Aufgabenfülle

entstand. Es dauerte nicht lange, bis im neuen Dekanatsbezirk

Freising auch ein eigenes Diakonisches Werk

gegründet wurde. Dadurch musste die Diakonie Landshut,

deren Zuständigkeitsbereich flächenmäßig um die

Hälfte verkleinert worden war, Aufgaben abgeben (z.B.

den Flughafensozialdienst).

Ein weitere einschneidende Veränderung für die Diakonie

Landshut ergab sich durch eine gravierende Maßnahme,

die vom Dekan vollzogen werden musste und

vom im Juli 1999 neu gewählten Kuratorium mitgetragen

wurde: Die sofortige Trennung von Geschäftsführer

Friedrich Schröder im Oktober 1999. Dies war die notwendige

Konsequenz aus einer Reihe von falschen und

moralisch untragbaren Managemententscheidungen des

Geschäftsführers. Begründet wurde die fristlose Entlassung

mit Fehlbuchungen beim Betrieb des Recyclingzentrums

am Brauneckweg, durch die das Diakonische

Werk übermäßig hohe Zuschüsse von der Stadt Landshut

erhalten hatte. Die Stadt hatte bei einer Rechnungsprüfung

für die Jahre 1994 bis 1998 diese Fehlbuchungen

des Diakonischen Werks entdeckt: Überschüsse aus

dem Bilanzkreislauf des Recyclingzentrums waren in den

Bilanzkreislauf der Diakonie geflossen. Außerdem waren

nicht gerechtfertigte Abschreibungen und überzogene

Personalkostenumlagen aufgeführt worden, sodass die

Stadt Landshut über mehrere Jahre zu viele Zuschüsse

bezahlt hatte. Friedrich Schröder hatte sich dadurch

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

zwar nicht persönlich bereichert, durch sein Verhalten

aber dem Diakonischen Werk Landshut einen immensen

institutionellen Schaden zugefügt.

Der ehemalige Geschäftsführer wurde später zu

einem Jahr und zehn Monaten Haft, der frühere Buchhalter

der Diakonie zu einem Jahr und zwei Monaten Haft

verurteilt – jeweils auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Die Wirtschaftsstrafkammer sah es als erwiesen

an, dass beide Beschuldigte mehrfach falsche Angaben

gemacht und dadurch die Stadt Landshut um etwa

400 000 Mark und darüber hinaus die evangelische

Landeskirche um Zuschüsse aus dem Arbeitslosenprojekt

„1+1“ in Höhe von 90 000 Mark betrogen hatten.

Die Diakonie musste nun zum einen die Rückzahlungsforderung

der Stadt Landshut begleichen und zum

anderen das angeschlagene Vertrauensverhältnis wieder

aufbauen, um die weitere Kooperation auf eine solide

gemeinsame Basis zu stellen. Trotz dieser schweren Erblast

widmete sich der Vorsitzende Dekan Helmut Völkel

beharrlich und erfolgreich der Schadensbegrenzung und

der Pflege von Kontakten.

Aufarbeitung der Altlasten

Der Start in das neue Jahrtausend bedeutete für das

Diakonische Werk Landshut eine mühevolle Aufarbeitung

seiner Altlasten. Wie kräftezehrend diese Aufgabe

war, zeigten die folgenden raschen personellen Wechsel

in der Geschäftsleitung. Nachdem der Leiter der Gesamtkirchenverwaltung,

Nikolaus Fendler, von Oktober

1999 bis März 2000 die Geschäfte der Diakonie kommissarisch

geführt hatte, trat am 1. April 2000 Sabine

Frey ihr Amt an. Die Diplom-Betriebswirtin und Theologin

galt als Hoffnungsträgerin für einen Neuanfang. Mit

einem Festgottesdienst, den Pfarrer Heimo Liebl, Präsident

des Diakonischen Werks Bayern, zusammen mit

Dekan Völkel hielt, wurde sie offiziell in ihre Tätigkeit eingeführt.

Jedoch kündigte sie bald aufgrund der schwierigen

personellen, finanziellen und strukturellen Gegebenheiten

und verließ das Diakonische Werk bereits

nach vier Monaten wieder.

81


In der folgenden Zeit übernahm die Kirchliche Dienstleistungs-

und Beratungsgesellschaft für Soziale Einrichtungen

(KDsE) die Geschäftsführung. Unter der Verantwortung

des Interims-Geschäftsführers Jürgen Meier

wurden die Bilanzen der vergangenen Jahre aufgearbeitet.

Es wurde deutlich, dass zur besseren Steuerung des

Diakonischen Werks klare Kompetenzregelungen, kurze

Informationswege und mehr Handlungsfähigkeit geschaffen

werden mussten. Auch eine Satzungsreform

wurde diskutiert. Auf Anregung von Dekan Völkel und

mit Unterstützung der Mitarbeitervertretung konnte ein

Beschwerde-Management eingeführt werden mit dem

Ziel, die Kritik zu versachlichen. In dieser schwierigen

Zeit, die von drohender Insolvenz geprägt war, bangten

viele MitarbeiterInnen um ihre Stellen. Für die Rechnungsjahre

1998 und 1999 wurde das frühere Kuratorium

von der Mitgliederversammlung nicht entlastet.

Als mit der Prüfung der Bilanzen eine externe Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

beauftragt wurde, stellte

sich nach realistischer Bewertung der Vermögenslage ein

tatsächlicher Verlust von mehr als 1,8 Millionen Mark

heraus. Belastend war vor allem, dass Rücklagen fehlten.

Sie wären nötig gewesen wären, um die Verluste aus

den laufenden Geschäften aufzufangen. Von der Landeskirche

und vom Dachverband der Diakonie kamen zwar

finanzielle Hilfen. Andererseits musste die Liquidität weiter

verbessert und notwendige Anschaffungen für den

Fuhrpark und die Verwaltung getätigt werden. So beschloss

die Mitgliederversammlung schließlich im Juli

2001, ihr Anwesen in der Arnimstraße 7 zu verkaufen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits die Betriebswirtin

Katrin Kalkowski als Nachfolgerin von Jürgen Meier die

Geschäftsführung übernommen. Ihr oblag die schwere

Aufgabe, Maßnahmen zur Konsolidierung der Finanzlage

zu ergreifen und das Diakonische Werk umzustrukturieren.

Mit dem Ziel, die wirtschaftliche Zukunft des Werkes

sicherzustellen, wurden defizitäre Bereiche komplett

geschlossen bzw. reduziert. Zu diesen finanziellen

Rettungsaktionen zählten die Schließung des Recyclingzentrums,

der Ausstieg aus dem Jugendprojekt Arbeit

und die Aufgabe der Aussiedlerberatung. Mit einer Konzentration

auf die Kernkompetenzen der Diakonie

ambulante und stationäre Altenhilfe, kirchliche allgemeine

Sozialarbeit und offene Altenarbeit – verfolgte die

Geschäftsführerin einen strengen Sanierungskurs, der

für die MitarbeiterInnnen des Diakonischen Werks eine

weitere harte Belastungsprobe darstellte.

Zur eigenen Misere des Diakonischen Werks kam hinzu,

dass die finanzielle Situation der Stadt Landshut aufgrund

hoher Gewerbesteuerausfälle im Jahr 2002 ebenfalls

problematisch war. Es mussten Investitionen gestrichen

und eine Haushaltssperre verhängt werden, sodass

auf mehr kommunale Zuschüsse für die Diakonie nicht

zu hoffen war. Im Gegenteil: Wegen ihrer schlechten

Haushaltslage kürzte die Stadt ihren Beitrag zum Ferienprogramm.

Für die Schuldnerberatungsstelle und das

Projekt Arbeit statt Sozialhilfe gab es noch eine Verlängerung,

da zusätzliche öffentliche Mittel befristet bereitgestellt

werden konnten.

„Wir sind krank, aber auf dem Weg der Besserung.“

So beschrieb Katrin Kalkowski die Situation bei der Mitgliederversammlung

im Juli 2002. 46 Mit einem konsequenten

Spar- und Sanierungskurs war es gelungen eine

Insolvenz abzuwenden. Um die Finanzen aufzubessern,

diskutierten die Mitglieder eine Betragserhöhung. Beschlossen

wurde gleichzeitig, die Satzung in Bezug auf

den Haftungsumfang von Vorstand und Kuratorium zu

ändern.

Der als Krisenmanager erfolgreiche Diakonievorsitzende

Dekan Völkel verließ im September 2002 Landshut, um

das Amt des Regionalbischofs von Ansbach-Würzburg

anzutreten. Bei der feierlichen Verabschiedung in der

Christuskirche wurden seine Verdienste mit den Worten

gewürdigt: „Es ist Ihnen gelungen, Licht ins Dunkel zu

bringen und die einsturzgefährdete Höhle wieder zu stabilisieren.“

47 Aufgrund seiner Leistungen für das Diakonische

Werk ernannte das Kuratorium Helmut Völkel

zum Ehrenvorsitzenden. Wenige Monate später, Ende

Januar 2003, gab Geschäftsführerin Katrin Kalkowski

ihre Position beim Diakonischen Werk aus persönlichen

und familiären Gründen auf.

82 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


In der Rolle

des Krisenmanagers

Dekan und Diakonievorsitzender Helmut Völkel berichtet über die Bewältigung

der Krisenzeit des Diakonischen Werks – ein Interview im Jahr 1999

Herr Dekan, ich möchte kurz eingehen auf die jüngsten Probleme innerhalb der Diakonie.

Welche Lehren hat man aus den Fehlern gezogen?

Zunächst einmal: Es sind Fehler gemacht worden. Für diese Fehler haben wir uns bei der

Stadt Landshut offiziell entschuldigt. Und wir haben das zu Unrecht erhaltene Geld zurück

überwiesen. Besonders gravierend ist, dass hier Vorgänge, die allgemein in der Gesellschaft

ein großes Thema sind, nun in der eigenen Institution, in der Diakonie vor Ort, aufgetaucht

sind.

Welche Konsequenzen haben Sie gezogen?

Wir haben uns vom Geschäftsführer getrennt und versuchen, das Prinzip der unmittelbaren

Verantwortung für bestimmte Bereiche ernst zu nehmen. Dort, wo in der Geschäftsführung

und Buchhaltung Dinge passiert sind, die von anderer Stelle nicht wahrgenommen wurden,

müssen nun Veränderungen stattfinden. Aber mit dem Auswechseln von ein, zwei Personen

ist noch keine Reform passiert. Es geht doch in unserer Arbeit um die biblischen Leitideen

vom Dienen und vom Dienst am Mitmenschen. Die müssen wieder hervorgeholt werden,

da müssen wir zu den Ursprüngen zurück. Und hier passiert im Denken der Menschen, die

in der Diakonie tätig sind, momentan wahnsinnig viel. Es geht also nicht nur um eine punktuelle

Reform, sondern um eine Reform an Haupt und Gliedern.

Sie treten hier ja weniger als Dekan, sondern vielmehr als Personalmanager auf. Liegt Ihnen diese Rolle?

Ich bin hier in die Rolle des Krisenmanagers gekommen. Das habe ich mir nicht träumen

lassen. Ich erlebe diese Rolle als sehr umfassend, aber es gibt in dieser Erneuerungsphase

auch sehr viele erfreuliche Aspekte, nämlich dass viele gute Seiten und Talente von

Menschen, die bisher nicht nach vorne gekommen sind, ans Tageslicht kommen. Ich meine,

dass in jeder Krise auch die Chance zur Erneuerung steckt. Es ist eine gewisse Aufbruchstimmung

zu spüren, obwohl wir uns derzeit in einer großen finanziellen Belastungsprobe

befinden.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Auszug aus einem Interview mit der Landshuter Zeitung vom 20.11.1999

83

Zeitzeugen


Treppenhausgestaltung

Der Mensch als inspirierendes Motiv: Schülerinnen und Schüler des Hans-Leinberger-

Gymnasiums gestalteten die Treppenhäuser im Johannesstift und im Matthäusstift.

84 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Der Aufbruch

Das Jahr 2003 versprach spannend zu werden, da mit Siegfried Stelzner und Holger Peters

ein neuer Dekan und ein neuer Geschäftsführer in die Leitungsebene des Diakonischen

Werks wechselten. Ebenfalls neu gewählt wurden das Kuratorium und die Mitarbeitervertretung.

Der Tenor der Mitgliederversammlung war: „Die schwierigen Zeiten liegen

hinter uns. Wir blicken zuversichtlich in die Zukunft.“

Um die anstehenden Probleme zu bewältigen, bedurfte

es allerdings erheblicher gemeinsamer Anstrengungen.

Die finanzielle Konsolidierung des Wohlfahrtsverbandes

stand weiterhin ganz oben auf der Prioritätenliste. Aus

diesem Grund kennzeichneten ein strenger Sparkurs,

Einkommenseinbußen für die Mitarbeiter und harte Verhandlungen

mit öffentlichen Geldgebern diese Aufbruchsphase

im neuen Jahrtausend. Trotz der Restriktionen

gelang es in den folgenden Jahren, sowohl die

bestehenden Dienste auf hohem Niveau fortzuführen als

auch eine Reihe neuer Angebote ins Leben zu rufen:

beispielsweise die drei Tafeln in Landshut, Vilsbiburg

und Rottenburg, die neuen Gebrauchtwarenhäuser in

Vilsbiburg und Rottenburg, das „Ambulant Betreute

Wohnen“, der Ausbau des Angebots im Bereich der

Jugendhilfe, das „Betreute Wohnen Daheim“, das Patenmodell

und - in Kooperation mit anderen Verbänden - die

„Freiwilligenagentur Landshut“.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

85

7

Die neue Leitung:

Diakonievorsitzender Dekan Siegfried Stelzner (rechts) und

der geschäftsführende zweite Vorsitzende Holger Peters.


Auch hier musste wieder aufgebaut werden:

Der Carport des Diakonischen Zentrums

und zwei dort abgestellte Fahrzeuge wurden

bei einem Brand im April 2007 zerstört.

Konsolidierung und Innovation

Resultierend aus negativen Erfahrungen der zurückliegenden

Jahre verabschiedete die Mitgliederversammlung

im Jahr 2004 eine neue Satzung, die eine klare

Trennung zwischen Geschäftsführung und Aufsicht vorsah.

Der Vorstand ist seither ein eigenes Organ und

nicht mehr Teil des Aufsichtsgremiums „Kuratorium“.

Mit der Einbindung des Geschäftsführers in den Vorstand

erfolgte auch eine Zusammenführung von Entscheidung

und Verantwortung. Durch die Bildung eines

Beirats und dessen Einbindung in das Kuratorium ist

man auch dem Ziel, die diakonische Arbeit in den Evangelisch-Lutherischen

Kirchengemeinden des Dekanatsbezirkes

Landshut zu fördern, ein Stück näher gekommen.

Zusätzliche Räume für die Diakonie:

Im Jahr 2008 wurde das Haus in der

Maistraße 8 gemietet. Dort ist auch

das Evangelische Bildungswerk

untergebracht.

86 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Das gemeinsame Malen macht Spaß: Kindergartenkinder und Senioren im Matthäusstift.

Drei Ziele gab der neue Geschäftsführer Holger Peters

für 2004 vor: kostendeckendes Arbeiten, Abbau des

Schuldenberges und dennoch für die Beschäftigten die

Freude an der Arbeit erhalten. Das war kein leichtes

Unterfangen, zumal die Mittel von der Landeskirche und

von der Bayerischen Staatsregierung rückläufig waren.

Wegen der Abhängigkeit von Zuschüssen und Pflegesatzverhandlungen

ließ sich die Zukunft der Diakonie

Landshut schwer abschätzen.

In der Diakonie selbst wurde ein Reformkurs eingeschlagen,

der dazu führte, dass interne Arbeitsabläufe stärker

unter die Lupe genommen wurden. Um Kritik zu versachlichen

und gemeinsame konstruktive Lösungen zu

finden, wurde ein Beschwerde-Innovations-Management

unter der Leitung des Unternehmensberaters Fred Becker

eingeführt, dessen Arbeit großen Zuspruch fand.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Als eines der Reformergebnisse wurde die Altenhilfe

umstrukturiert, indem ambulante Versorgung, betreutes

Wohnen und die stationären Einrichtungen enger miteinander

verknüpft wurden. Auch bemühte man sich um

eine intensivere Kooperation zwischen Diakonie und

Kirchengemeinden. Aus dieser Zielsetzung entwickelte

sich das Gemeinschaftsangebot „Betreutes Wohnen

Daheim“. Die Altenhilfe ist nicht nur das traditionsreichste

Aufgabengebiet der Diakonie, sie zählt auch heute

noch zu ihren Kerngeschäftsfeldern. Die drei Bereiche

der stationären, ambulanten und offenen Altenhilfe sind

mit den Seniorenzentren, der Sozialstation, den Angeboten

der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit und den

ehrenamtlichen Initiativen gut aufgestellt.

87


Die Seniorenwohn- und Pflegezentren

In den beiden Diakonie-Seniorenzentren, dem Matthäusstift

in Landshut und dem Johannesstift in Altdorf, mussten

zunächst Einsparpotenziale gefunden werden.

Gleichzeitig wurde viel investiert, um die Pflegeleistungen

zu qualifizieren und die Betreuungsangebote für die

Bewohner zu erweitern. Musiktherapie, Kunsttherapie,

ehrenamtliche Besuchsdienste, Gedächtnistraining sind

einige Schlagworte aus den vielfältigen Angeboten. Mit

den neu eingeführten gerontopsychiatrischen Wohnbereichen

haben die beiden Stifte ein Betreuungssegment

entwickelt, das in der Öffentlichkeit positiv aufgenommen

wurde und zu vermehrten Belegungsanfragen geführt

hat.

So wurde im Matthäusstift Anfang 2008 speziell für

Senioren mit Demenzerkrankung der Wohnbereich

„Residenz“ neu gestaltet: Bilder und Möbel aus früheren

Zeiten schaffen nun mehr Behaglichkeit für die Bewohner.

Diese Umgestaltung, die die Lebensqualität für die

Für mehr Lebensqualität: Für die Bewohner des

Matthäusstifts wurde ein Hochbeet angelegt.

Senioren spürbar erhöht, ist Teil des Projekts „Herausforderung

Demenz“, an dem das Pflegezentrum des

Matthäusstifts teilnimmt. Mitarbeiterfortbildungen zum

Umgang mit dementen Menschen gehören ebenso dazu

wie Aktivierungsrunden mit den Betreuten. Dies sind Gesprächskreise,

bei denen durch die Beschäftigung mit

bekannten Gebrauchsgegenständen Erinnerungen wachgerufen

werden.

Derzeit sind in den beiden Seniorenzentren etwa 140

Mitarbeiter beschäftigt. Die Heimleitung liegt seit 2006

bei Manuela Berghäuser.

Betreutes Wohnen Daheim

Im Alter selbständig bleiben, in den eigenen vier Wänden

wohnen und Hilfe bekommen, wenn es nötig ist – so stellen

sich viele Menschen ihren Lebensabend vor. Um

Senioren das Leben in der eigenen Wohnung trotz zu-

88 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Ein Aufenthaltsraum im Matthäusstift

nehmender Hilfs- und Pflegebedürftigkeit zu ermöglichen,

hat das Diakonische Werk Landshut das Projekt

Betreutes Wohnen Daheim entwickelt. Dieses Angebot

wird in verschiedenen Stadtteilen (im Niedermayerviertel,

im Klötzlmüllerviertel, in der Wolfgangsiedlung sowie

in Altdorf) zusammen mit den evangelischen und katholischen

Kirchengemeinden realisiert.

Nach den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen

der älteren Menschen können verschiedene Leistungen

in Anspruch genommen werden, z. B. vielseitige Freizeitangebote

und Möglichkeiten zur Begegnung wie Reisen,

Seniorennachmittage oder ein gemeinsamer Mittagstisch.

Auch Besuchsdienste, soziale Beratung und Unterstützung

bei behördlichen Angelegenheiten werden

angeboten. Zur häuslichen Unterstützung können im Bedarfsfall

verschiedene Haushaltshilfen, Begleit- und

Botendienste sowie kleine handwerkliche Hilfen und

sogar Haustierbetreuung vermittelt werden. Bei Krankheit

leistet die Sozialstation der Diakonie Unterstützung.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Kunsttherapie gehört zum Angebot der Seniorenzentren.

89


Tierischer Besuch

Jack, Jacobus, Jamie und Jilly – so heißen

die zutraulichen Vierbeiner, die seit

kurzem abwechslungsreiches Leben in

das Matthäus- und das Johannesstift

bringen. An jeweils einem Tag in der

Woche sind die kleinen Hunde zu Gast

bei den Bewohnern der Seniorenzentren

der Diakonie.

Tierliebhaberin Jutta Jakob, die zuhause

außerdem Schafe und Pferde betreut,

ist Mitarbeiterin der Sozialstation. Wenn

sie mit ihren vier Hunden in die Heime

geht, erhalten die Bewohner die Möglichkeit,

mit den Tieren zu spielen, sie

zu streicheln oder sie einfach nur zu

bestaunen. Jacobus, ein weißer Spitz,

ist der erklärte Liebling der Senioren:

Er setzt sich auf jeden Schoß und lässt

sich liebkosen.

Da viele der alten Menschen früher

selbst Hunde hatten, ermöglicht dieser

Besuchsdienst wertvolle Biografiearbeit.

Noch Tage später bieten die Tiere Gesprächsstoff

und sowohl die Bewohner

auch das Personal freuen sich auf die

nächste Begegnung.

90 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Lese

text


Behindertenhilfe:

Der Integrationsfachdienst

Das Team des Integrationsfachdienstes (IFD) berät Behinderte

am Arbeitsplatz, hilft bei der Suche nach einer

Stelle und unterstützt Betriebe in allen Fragen zum

Thema Behinderung und Beschäftigung. Diese Art von

Fachdiensten gibt es flächendeckend in ganz Deutschland.

Träger des IFD Niederbayern sind die gemeinnützige

Stiftungsgesellschaft Johann Peters und das Diakonische

Werk Landshut. Die Mitarbeiter des IFD betreuen

behinderte Arbeitnehmer und ihre Arbeitgeber von

Landshut aus in Stadt und Landkreis Landshut sowie

in den Landkreisen Kelheim, Dingolfing-Landau und

Rottal-Inn. Die Außenstelle des Diakonischen Werks in

Deggendorf ist für die Landkreise Deggendorf, Regen

und Straubing-Bogen sowie für die

Stadt Straubing zuständig.

Der Tätigkeitsbereich einer Berufsbegleitung

von Menschen mit

psychischer Erkrankung war schon

lange vor Entstehung des IFD als

Aufgabe in der Diakonie angesiedelt.

Der Berufsbegleitende Dienst

(BBD) hatte sich aus dem Modellprojekt

Arbeitsassistenz entwickelt,

das 1987 eingerichtet wurde und

bis 2002 zum Sozialpsychiatrischen

Dienst gehörte. Als die Aufgaben

des BBD auf alle Behinderungsarten

ausgeweitet wurden,

konnte er als eigenständiger Beratungsdienst

im Diakonischen Werk

eingerichtet werden. Es war ein

Wunsch des BBD-Kostenträgers,

die Berufsbegleitung mit der Vermittlung

(damals beim privaten Berufsförderzentrum

Peters) zu einem

Fachdienst zusammenzuführen.

Unter der Bezeichnung Integrationsfachdienst formierte

er sich deshalb im Jahr 2005 neu, zunächst in den

Räumen des Diakonischen Zentrums. Aus Platzgründen

zogen die MitarbeiterInnen im Jahr 2007 in die Landshuter

Freyung um.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Das kostenlose Beratungsangebot umfasst alle Fragen

rund um das Schwerbehindertenrecht mit Bezug zum

Arbeitsleben, zum Beispiel: Wie beantragt man einen

Schwerbehindertenausweis und welche Konsequenzen

hat dies? Bei Problemen am Arbeitsplatz und in Fragen

der beruflichen Zukunftsplanung ist das IFD-Team eine

kompetente Anlaufstelle. Um gute Berufsperspektiven

für jeden einzelnen Klienten zu erzielen, werden bei Bedarf

auch Bewerbungsgespräche trainiert. Die Mitarbeiter

sind außerdem Ansprechpartner für Angehörige oder

Ärzte und helfen bei der Antragstellung in Behörden. Als

neutrale Einrichtung berät der Integrationsfachdienst

Arbeitgeber, die Schwerbehinderte einstellen wollen oder

bereits beschäftigen, beispielsweise über finanzielle

Fördermöglichkeiten. Bei Konflikten wird versucht, vor

Ort eine gemeinsame Lösung zu finden. Alle Gespräche

des IFD unterliegen der Schweigepflicht.

Christine Brummer,

Sabine Angermaier,

Renate Ziegler und Iris

Winkler (von links)

helfen behinderten

Menschen in beruflichen

Angelegenheiten.

91


Ausbau der Jugendhilfe

„Erziehung ist erfolgreich“ – unter dieser Prämisse hat

die Diakonie Landshut im Jahr 2008 begonnen, unterstützende

Konzepte in der Jugendhilfe zu entwickeln

und damit die bereits vorhandenen Angebote (z.B. Erziehungs-

und Familienberatung, Ferienbetreuung) bedarfsgerecht

zu ergänzen. Die Basis dafür wurde durch

eine Kooperation mit der Jugendhilfe Oberbayern geschaffen.

Die Jugendhilfe Oberbayern ist das Dach aller

Einrichtungen der Erziehungshilfen, der Jugendsozialarbeit

und der Einrichtungen zur Eingliederung ins Berufsleben

im Diakonischen Werk Rosenheim.

Das erste Projekt unter der Trägerschaft der Diakonie

Landshut konnte bereits realisiert werden: Die Gemeinde

Buch am Erlbach hat mit staatlicher Bezuschussung

eine offene Ganztagsschule an der Hauptschule eingerichtet.

Die Betreuung, die von einer Sozialpädagogin

des Diakonischen Werks verantwortet wird, beginnt nach

dem Unterricht mit dem gemeinsamen Mittagessen. In

der anschließenden Studierzeit werden unter qualifizierter

Aufsicht gemeinsam Hausaufgaben gemacht und

überwacht. Danach können die SchülerInnen ihre Freizeit

selbst gestalten und dazu aus einem breiten Programm

von Sport-, Musik- oder Spielangeboten wählen.

Junge Menschen in ihren jeweiligen Stärken zu fördern

und sie bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu unterstützen,

ist das Ziel diakonischer Jugendsozialarbeit. Im

Blickfeld stehen dabei die Bedürfnisse der Kinder und

Jugendlichen und ihrer Familien. Es ist selbstverständlich,

dass sich die Projektverantwortlichen gleichzeitig

an den Wünschen und Vorstellungen der jeweiligen Leistungsträger

orientieren, damit eine stabile Vernetzung

aller Maßnahmen im sozialen Nahraum gelingen kann.

Gemeinsam essen und dann Hausaufgaben machen:

Schüler der Ganztagsschule in Buch am Erlbach.

92 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Anerkennung

und Freude

Therese Skordou, seit 16 Jahren ehrenamtliche Leiterin

einer Frühstücksgruppe des Sozialpsychiatrischen Dienstes,

berichtet über ihre ehrenamtliche Tätigkeit

Angefangen habe ich damals in der Erziehungspause, weil mir der Umgang mit Menschen

gefehlt hat, den ich von meinem Beruf als Krankenschwester gewöhnt war. Der Beginn war

dann schon aufregend. Man macht sich natürlich viele Gedanken. Und ich hatte Angst, etwas

Falsches zu sagen. Wenn jemand beim nächsten Treffen abwesend war, habe ich gleich gegrübelt:

Ob das wohl an mir liegt? Die meisten Besucher sind aber irgendwann wieder gekommen; und

durch die Gespräche mit den Klienten habe ich bald gelernt, dass psychisch kranke Menschen

aufgrund ihrer Krankheit nicht anders behandelt werden möchten. Je natürlicher und authentischer

ich mich gebe, desto lockerer ist die Atmosphäre. (…)

Wir haben viele Klienten, die relativ regelmäßig kommen, und das zeigt, dass sie sich

angenommen und willkommen fühlen. Man merkt, dass die Gruppentreffen Struktur in

ihren Tagesablauf bringen, und das tut ihnen gut. Es ist immer wieder schön, wenn sich

die Klienten auch privat treffen und private Freundschaften entstehen.

Inzwischen besteht in der Gruppe ein fast familiäres Zusammengehörigkeitsgefühl. Wie in

einer Familie gibt es auch bei uns schon mal Unstimmigkeiten. Dafür wird aber ein anderes

Mal gemeinsam über Probleme oder Sorgen gesprochen und nach Lösungen gesucht.

Eine besondere Anerkennung und Freude ist es immer wieder, wenn von den Klienten eine

positive Rückmeldung kommt, z.B. wie froh sie sind, dass es die Teestube gibt. Wie gerne ich

selber in die Gruppe gehe, merke ich besonders in den Sommerferien, wenn ich mich nach

sechs Wochen Pause wieder so richtig auf das gemeinsame Frühstück freue.

Rede von Therese Skordou anlässlich der Jubiläumsfeier des Sozialpsychiatrischen Dienstes am 24.11.2008 in Landshut

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

93

Therese Skordou (rechts) und

Irmgard Pannek leiten als

ehrenamtliche Laienhelferinnen

die Montag-Teestube im

Diakonischen Zentrum.

Zeitzeugen


Wertvoll und

unverzichtbar:

ehrenamtliche

Mitarbeiter

Ohne freiwillige und unentgeltliche Arbeit für soziale

Zwecke könnten Vereine und Verbände kaum bestehen.

Vor 100 Jahren waren es evangelische Frauen, die

Kranke in der Pfarrgemeinde Landshut besuchten und

mit Handarbeiten Geld für Bedürftige verdienten. Heute

haben die rund 160 ehrenamtlichen Mitarbeiter der

Diakonie Landshut vielfältigere und qualifizierte Aufgaben.

Unter dem Dach des Diakonischen Werks, jedoch

vollständig ehrenamtlich organisiert, sind die Tafeln an

den Standorten Landshut, Vilsbiburg und Rottenburg,

die Talentbörse und das 2008 gegründete Patenmodell.

Die Seniorenwohnheime und nahezu alle Abteilungen

der Diakonie brauchen engagierte Bürgerhelfer: für

offene Seniorenarbeit, Ferienaktionen für Kinder, Gesprächsgruppen

für psychisch Kranke und vieles mehr.

Gerade in den sozialen Einrichtungen, in denen freiwillige

Mitarbeiter schon jetzt unverzichtbar sind, werden

noch mehr motivierte Helfer gebraucht. Gleichzeitig wollen

sich immer mehr Menschen für gemeinnützige, kulturelle

oder sportliche Zwecke engagieren – und dies lieber

in zeitlich begrenzten Projekten als in Vereinen. Aus

diesem Grund wurde im Jahr 2008 die Freiwilligenagentur

Landshut (fala) gegründet, die als Bindeglied

zwischen Freiwilligen-Angebot und Helfer-Nachfrage

steht. Getragen wird die Agentur von einem Förderverein,

in dem das Diakonische Werk und weitere soziale

Verbände vertreten sind. Die Freiwilligenagentur hat die

Aufgabe, sowohl Ehrenamtliche zu unterstützen und

neue Kräfte zu gewinnen als auch Organisationen darin

zu beraten, wie Bürgerhelfer optimal eingebunden

werden können.

Die Talentbörse:

mit Tausch zum Glück

Nicht in Euro, sondern in der Währung „Talent“ bezahlen

die Mitglieder der Talent- und Tauschbörse, die unter der

Trägerschaft des Diakonischen Werks steht, für Waren

und Dienstleistungen. Hans Scharf und Susanne Goebel

von der offenen Sozialarbeit der Diakonie gaben im

Oktober 1996 den Startschuss für diese ehrenamtliche

Initiative. In erster Linie ging es darum, ein soziales

Netzwerk zu schaffen, Nachbarschaftskontakte zu intensivieren

und auch den Austausch zwischen den Generationen

anzuregen.

Heute hat die Talentbörse 95 Mitglieder, die in einer

Marktzeitung regelmäßig ihre Talente zum Tausch anbieten.

Fenster putzen, Bügeln und Fahrräder reparieren

sind dabei nach den Worten von Dolores Lang, Mitglied

im Börsenbeirat, besonders begehrte Angebote. Im Wesentlichen

geht es um Dienstleistungen – von Renovierungs-

und Gartenarbeiten über Lebens-, Finanz- oder

Computerberatung bis hin zur Kinder- oder Seniorenbetreuung

–, die angeboten werden. Darüber hinaus

tauschen die Mitglieder untereinander auch vielfältige

und sicherlich individuell nützliche Dinge wie Filzhüte,

Blütenstauden oder Apfelkuchen.

Durch diesen Tausch von Dienstleistungen und Waren

wollen die Tausch-Börsianer bewusst einen Kontrapunkt

zur Konsumorientierung in der Gesellschaft setzen. Eine

Arbeitsstunde ist übrigens 10 Talente wert.

Für ausreichend viele Talente

kann man mit Glück auch ein

schönes Bild bekommen.

94 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Die Tafeln:

Nahrung für bedürftige Menschen

„Tafeln“ sind Brücken zwischen Arm und Reich, zwischen

Mangel und Überfluss. Es gibt sie mittlerweile flächendeckend

in ganz Deutschland. In Landshut wurde die

Tafel im Herbst 2004 auf Anregung der Armutskonferenz

gegründet. Betreut wird sie vom Diakonischen Werk.

Rund 50 ehrenamtliche Helfer sammeln jede Woche in

Supermärkten überzählige Lebensmittel und gespendete

Waren ein und verteilen sie an bedürftige Menschen.

Bezahlt werden muss lediglich ein Euro pro Einkauf, jedoch

wird ein Berechtigungsnachweis bei den Bedürftigen

vorausgesetzt.

Als die Landshuter Tafel im Juni 2005 im Tunnelhaus

an der Inneren Münchner Straße ihre Warenausgabe eröffnete,

konnte niemand ahnen, wie sich Akzeptanz und

Nachfrage entwickeln würden. Nur wenige Wochen später

wurde das Team der Tafel sowohl von dem zu leistenden

Arbeitsanfall als auch von dem Ansturm der bedürftigen

Menschen überrollt. Fünf Monate nach der Eröffnung

platzten die Räume aus allen Nähten, denn mehr

als 430 Familien – davon ein Drittel aus dem Landkreis

Landshut – hatten sich bereits bei der Tafel angemeldet.

Mittlerweile ist das Team um Brigitte Hochban in allen

Arbeitsabläufen routiniert und immer auf der Suche nach

Spenden – auch um knappe Grundnahrungsmittel zukaufen

zu können.

Heute gibt es im Dekanat Landshut

drei Tafeln, die Zeugnis weit verbreiteter

Armut ablegen: Unter der

Trägerschaft der Diakonie eröffnete

im Jahr 2006 eine Tafel in Vilsbiburg

und 2008 eine Tafel in Rottenburg,

beide in den Räumen der Gebrauchtwarenhäuser

„Hab & Gut“.

Viele helfende Hände werden zum

Einsammeln und Verteilen der

Lebensmittel gebraucht.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

Das Patenmodell:

Mentoren helfen

Führungskräfte mit guten Kontakten und großer Berufserfahrung

helfen Menschen auf deren Weg zurück ins

Arbeitsleben. Das ist die Kernidee des Patenmodells, das

von der Diakonie Landshut im Jahr 2008 realisiert

wurde. Die Jobpaten arbeiten ehrenamtlich, daher ist die

Betreuung für Arbeit suchende Klienten kostenlos. Ihre

Aufgabe ist, das Selbstwertgefühl der Klienten aufzubauen,

sie für die Bewerbungsphase zu motivieren und

ihnen Tipps für die Stellensuche zu geben. Diese Betreuungsform

hat den Vorteil, dass auf die Stärken und

Schwächen jedes Einzelnen individuell eingegangen werden

kann. Die Jobpaten sind nicht dazu da, eine neue

Arbeitsstelle anzubieten, aber sie aktivieren ihre eigenen

Netzwerke und stellen Kontakte für ihre Klienten her. Auf

diese Weise kann der Pate im Einzelfall durchaus zum

„Türöffner“ in den begehrten Beruf werden.

Von der Patentätigkeit profitieren jedoch nicht nur die

Klienten. Sie kann auch für die Jobpaten selbst gesellschaftliche

Anerkennung, persönliche Zufriedenheit und

ein Plus an sozialer Kompetenz bringen. Der Koordinator

für den Raum Niederbayern, Bernhard Huber, freut sich

über jeden Neuzugang: „Wir wünschen uns noch mehr

ehrenamtliche Kräfte mit Führungserfahrung, damit wir

möglichst viele Arbeitslose betreuen können.“

95


8

Die Diakonie auf dem Weg

in die Zukunft: soziales und

wirtschaftliches Handeln

Holger Peters,

Geschäftsführer des

Diakonischen

Werks Landshut

Vor 100 Jahren war die Unterstützung armer, alter und kranker

Menschen das dringlichste Anliegen des Diakonievereins in der

Diaspora Landshut. Heute zählt der Bereich Altenhilfe – mit den

beiden Wohn- und Pflegeheimen, der Sozialstation und der offenen

Seniorenarbeit – zu den Kerngeschäftsfeldern der Diakonie, die

nicht nur auf einem hohen Qualitätsstandard gesichert, sondern

auch beständig ausgebaut werden. Kirchliche Sozialarbeit, Betreuung

von psychisch Kranken und Behinderten, Beschäftigungsmaßnahmen

sowie vielfältige Beratungsdienste sind seit langem unverzichtbare

Dienstleistungsangebote der Diakonie. Neben diesen

traditionellen Aufgaben wird es künftig darum gehen, mit innovativen

Projekten auf neue gesellschaftliche Bedürfnisse zu reagieren.

Dabei werden ökonomische Zwänge in einem umkämpften

Sozialmarkt mit begrenzten Mittelzuweisungen immer stärkeren

Einfluss auf Entscheidungen nehmen.

96 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


Wie kann die Diakonie der Zukunft aussehen?

Fragen an Holger Peters, Geschäftsführer des

Diakonischen Werks Landshut:

Das Diakonische Werk Landshut entstand ursprünglich

aus einer Hilfsaktion für den Bau der Christuskirche.

Sie haben sich in den letzten Jahren persönlich für eine

engere Anbindung der Diakonie an die evangelischen

Kirchengemeinden eingesetzt. Wo sehen Sie die wichtigsten

Berührungspunkte im Dekanat Landshut?

Die stetige Professionalisierung sozialer Arbeit

hat zu einer Verlagerung von Hilfs- und Beratungsangeboten

aus den Kirchengemeinden in die

Diakonischen Werke geführt. Mit dieser Aufgabenteilung

– der Verkündung durch die Kirchengemeinden,

der tätigen Hilfe durch die Diakonie

ging eine gegenseitige Entfremdung einher.

Dieser begegnen wir in vielfältiger Weise.

Dem Kuratorium und dem Vorstand ist ein Beirat

mit den Diakonie-Beauftragten der Kirchenge-

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

97

Im Sommer 2010 wird in

Adlkofen das Wohn- und

Pflegeheim „Elisabethstift“

mit 49 Pflegeplätzen und

44 Pflegeapartements eröffnet.

Unter der Trägerschaft der

Diakonie Landshut entstehen

dort 30 bis 40 neue

Arbeitsplätze.

meinden beigeordnet. In diesem Gremium erfolgt

ein regelmäßiger Austausch über die Aktivitäten

in den jeweiligen Bereichen und es werden Unterstützungsmöglichkeiten

des Diakonischen Werkes

für neue Angebote in den Kirchengemeinden abgestimmt.

Ein gelungenes Beispiel für ein gemeinsames

Wirken von Diakonie und Kirchengemeinden stellt

das Betreute Wohnen im Landshuter Niedermayer-Viertel

dar. Im Zuge der Entwicklung dieses

Angebotes entstehen mit dem Mittagstisch und

einer aufsuchenden Seniorenberatung eigene

diakonische Angebote der Erlöserkirche Landshut.

Mit der Ausweitung dieses Angebotes auf

weitere Kirchengemeinden verzeichnen wir auch

hier vergleichbare Entwicklungen.

Weitere Belege für unsere Bestrebungen, diakonische

Arbeit außerhalb Landshuts in enger Vernetzung

mit den Kirchengemeinden zu verankern,

sind die Gebrauchtwarenhäuser und Tafeln in

Rottenburg und Vilsbiburg.


Die Geschichte des Diakonischen Werks zeigt deutlich,

dass es in der Vergangenheit stets darum ging, mit

schnellen und pragmatischen Lösungen auf immer neue

soziale Notlagen zu reagieren. Gibt es diese Art von

„evangelischer Liebestätigkeit“ heute noch?

Die Tafeln unter dem Dach der Diakonie sind

Ausdruck dieser Liebestätigkeit. Hier finden sich

Bürgerinnen und Bürger zusammen, um Menschen

zu helfen. In unzähligen Stunden ehrenamtlichen

Engagements tragen sie unverbrauchte Lebensmittel

zusammen, um sie an bedürftige Familien

auszugeben.

Darüber hinaus verfügt das Diakonische Werk

über ein durch Spenden gespeistes Budget, aus

dem unbürokratisch und schnell finanzielle Hilfe

als Zuschuss oder Darlehen in besonderen Notlagen

geleistet werden kann.

Armut und Arbeitslosigkeit sind derzeit die größten

sozialen Probleme. Die Diakonie hält diverse Angebote

und Beschäftigungsprojekte vor, um betroffenen Menschen

zu helfen. Kann diese Arbeit im Sinne einer Kompensation

auf Dauer gelingen?

Eine Kompensation wäre eine Überforderung

unserer Angebote. Wir schaffen zwar in der stetigen

Ausweitung unserer Beschäftigungsprojekte

auch jeweils Dauerarbeitsplätze, im Fordergrund

stehen jedoch das Arbeitstraining und der Erwerb

von Sozialkompetenz. Mit dem Herausarbeiten

von individuellen Fähigkeiten und dem Einsatz an

speziell zugeschnittenen Arbeitsplätzen stärken

wir das Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein

der Menschen. Hiermit versetzen wir die Projektteilnehmer

in die Lage, sich mit verbesserten

Chancen am ersten Arbeitsmarkt zu bewerben.

Insofern verbessern wir für einen Teil der von sozialen

Problemen betroffenen Menschen die persönlichen

Lebensumstände. Zu einer grundsätzlichen

Vermeidung von Armut und Arbeitslosigkeit

sind diese Maßnahmen aber nicht geeignet.

Wie politisch soll oder darf ein Wohlfahrtsverband sein?

Die verbandliche Diakonie versteht sich auch als

anwaltschaftliche Diakonie für die von ihr beratenen

und betreuten Menschen. Durch die Nähe zu

den von sozialen Problemen betroffenen Menschen

gewinnen wir eine vertiefte Kenntnis von

Nöten und Bedürfnissen dieser Menschen. Wir

sehen es als unsere Verpflichtung an, hieraus

Lösungen zu entwickeln und diese als politische

Forderungen zu formulieren. Diese Aufgabe gilt

es auch weiterhin in verstärktem Maße wahrzunehmen.

In den kommenden Jahren wird auf Landesebene das

Thema Diakonie und Wirtschaft in den Fokus gerückt.

Welche Chancen sehen Sie für das Diakonische Werk

zwischen seiner anwaltschaftlichen, klientenbezogenen

Aufgabe einerseits und einem immer wichtiger werdenden

ökonomischen Handeln andererseits?

Nur eine wirtschaftlich gesunde Diakonie ist in

der Lage, die Aufgabe der anwaltschaftlichen

Diakonie umfänglich auszufüllen. Durch ökonomisches

Handeln können wir die notwendigen

Eigenmittel für die Entwicklung und Durchführung

innovativer Konzepte erwirtschaften. Unser Vorteil

als gemeinnütziger Träger ist es, dass wir

jeden Ertrag ohne Abzug von Dividenden hierzu

verwenden können.

Als eine weitere Herausforderung sehen wir es,

Unternehmen der Privatwirtschaft als Partner für

soziale Projekte und Aufgabenfelder zu gewinnen.

Durch die Werbung von Spendengeldern, die für

notleidende Familien oder Einzelprojekte bereitgestellt

werden, besteht bereits eine eingeübte

Zusammenarbeit. Diese Partner über einen längeren

Zeitraum in die Finanzierung einer Einrichtung

oder in die Bereitstellung eines Beratungsangebots

einzubinden, ist eine noch zu lösenden

Aufgabe.

98 Das Diakonische Werk Landshut seit 1973


In welchen Bereichen wird sich die Diakonie Landshut

in der Zukunft engagieren? Gibt es dazu Ideen bzw. konkrete

Projekte?

Neben der Stärkung der vorhandenen Geschäftsbereiche,

wie zum Beispiel in der Altenhilfe mit

dem Bau des Elisabethstifts in Adlkofen bzw. mit

einem Gärtnereiprojekt zur Beschäftigung seelisch

erkrankter Menschen, wenden wir uns auch

neuen Aufgabenbereichen zu. In Kooperation mit

dem Diakonischen Werk Rosenheim entwickeln

wir Angebote in der Jugendhilfe. Die ebenfalls gemeinsame

Projektierung eines Übergangswohnheims

für Strafentlassene greift ein Tätigkeitsfeld

auf, in dem die Diakonie in Landshut früher schon

aktiv war.

Das Diakonische Werk Landshut seit 1973

99

Diese Verbreiterung unseres Hilfeangebots hat

einerseits das Ziel, die wirtschaftliche Abhängigkeit

des Diakonischen Werks Landshut von einzelnen

Aufgabenbereichen zu verringern. Im Mittelpunkt

unserer Aktivitäten stehen jedoch auch in

Zukunft weiterhin die Menschen mit ihren individuellen

Bedürfnissen. Sie bestimmen die Maxime

unseres Handelns gemäß unserem Leitmotiv:

Was willst du, dass ich für dich tun soll?

Lukas 18, 41

Ihr Wohl ist unser Auftrag!

Holger Peters plant ideenreich

die Zukunft des Diakonischen

Werks.


„Regenbogen”

Selbsthilfegruppe

für Menschen mit

Angststörungen

und ihrer

Angehörigen

Ferienbetreuung

Ferienprogramm

Alleinerziehende

Angehörige

psychisch kranker

Menschen im

Raum Landshut

Offene Jugendund

Familienhilfen

Kontaktkreis

Selbsthilfegruppe

für depressive

Menschen in

Vilsbiburg

Mutter-/ Vater-

Kind-Kuren

Schuldnerberatung

Seniorengymnastik

Empfang

Tanzen im Sitzen

Selbsthilfegruppe

für depressive

Menschen in

Landshut

Ehe-, Familien- und

Lebensberatung

Betreutes Wohnen

Altdorf

Gärtnerei

(in Planung)

Netzwerk Autismus

Niederbayern/

Oberpfalz gGmbH

(Beteiligung)

Familienhilfen

Fuhrpark

Versicherungen

Betreutes Wohnen

Wolfgangsiedlung

Schulmaterialladen

„Buntstift“

Autistenzentrum

Reut (in Planung)

Behinderte und

ihre Freunde

Selbsthilfegruppen

Schulverweigerer -

2. Chance

Buchhaltung

Betreutes Wohnen

Klötzlmüllerviertel

Geselliger

Kreis

Teestube

Mobile

Ökologiewerkstatt

Plus

Arbeitsvermittlung

Integrationsfachdienst

für Niederbayern

Projektmitarbeiter

Betreutes Wohnen

Niedermayerviertel

Nachmittagsbetreuung

Buch am Erlbach

Soziales

Kompetenztraining

Seniorennachmittag

Offene

Psychiatrische

Hilfen

Mobile

Ökologiewerkstatt

Personalabteilung

Stammpersonal

Betreutes Wohnen

Daheim

Schulsozialarbeit

Arbeit für

Jugendliche

Plus

Behindertenhilfe

Offener

Altenclub

Ambulante

Soziotherapie

Gebrauchtwarenhaus

Rottenburg

100

Verwaltungsleitung

(in Planung)

Matthäusstift

Landshut

Wir um Fünfzig

Elisabethstift

Adlkofen

(in Planung)

Ökumenische

Erziehungsberatung

Arbeit für

Jugendliche

Patenmodell für

Arbeitssuchende

Verwaltung

Beratungsbüro

Niederaichbach

Johannesstift

Altdorf

Sozialpsychiatrischer

Dienst

Angebote zur

Kinderbetreuung

Gebrauchtwarenhaus

Vilsbiburg

Seniorengruppen

Matthäusstift

Landshut

Arbeit für

Erwachsene

Plus

Rottenburger Tafel

Seniorenreisen

Diakonie-

Sozialstation

Landshut

Betreutes

Wohnen

im Alter

Johannesstift

Altdorf

Ambulant

Betreutes

Einzelwohnen

Sozialpädagogische

Familienhilfen

(in Planung)

Gebrauchtwarenhaus

Landshut

Arbeit für

Erwachsene

Vilsbiburger Tafel

Kirchliche

Allgemeine

Sozialarbeit

Offene

Altenhilfe

Ambulante

Altenhilfe

Stationäre

Altenhilfe

Koordination

Gemeindepsychiatrie

Jugendhilfe

Landshut

Landshuter Tafel

Arbeitsprojekte

Diakonie für Arbeit

Connect

Bezirksstelle

Gremienarbeit

Talentbörse

Übergangswohnheim

Haus Landshut

(in Planung)

Bezirksstelle

Altenhilfe

Psychiatrische

Hilfen

Jugend- und

Familienhilfen

Berufliche

Hilfen

Ehrenamtliche

Initiativen

Straffälligenhilfe

Stabsstelle,

Controlling,

Benchmarking

Geschäftsführung

Assistenz der

Geschäftsführung

Datenverarbeitung

Sekretariat der

Geschäftsführung

Telekommunikation

Spendenwesen

Vorstand

Kuratorium

(Aufsichtsrat)

Diakonisches Werk Landshut e. V.

Mitgliederversammlung


Auf einen Blick: 100 Jahre Diakonie Landshut

1909

1912

1913

1914

1946

1948

1952

1953

1955

1962

1973

1975

1976

1978

1983

1985

1986

1987

1988

1991

1992

1994

1997

2001

2005

2006

2008

2009

1947

1949

1972

1988

1999

2000

2000

2001

2003

Evangelischer Frauenverein wird im Vereinsregister eingetragen

Evangelischer Diakonieverein wird gegründet

Erste Augsburger Diakonisse kommt nach Landshut

Gemeindestation in der Klötzlmüllerstraße 10 entsteht

Evangelisches Hilfswerk wird gegründet

Evangelischer Diakonieverein und Innere Mission werden zu einem Verein zusammengeführt

Die Innere Mission unterhält Altersheime in Landshut, Vilsbiburg, Kronwinkl und Wildenberg,

eine Gemeindepflege-Station, eine Haushalts- und Nähschule und ein Jugendwohnheim.

Beginn der Kindergartenarbeit in einer Baracke am Gutenbergweg

Umzug der Inneren Mission in das Gemeindehaus am Gutenbergweg

Altersheim am Bettinaweg 11 wird eröffnet

Aus der Inneren Mission wird nach Satzungsänderung das Diakonische Werk Landshut e.V.

Ökumenische Erziehungsberatung sowie Ehe- und Lebensberatung werden gegründet

Ferienprogramm der Diakonie startet, Treffpunkt für Alleinerziehende wird eröffnet

Eröffnung der Sozialstation

Sozialpsychiatrischer Dienst wird eingerichtet

Wohnprojekt für Haftentlassene, erster Kurs für pflegende Angehörige

Beginn des Jugendprojekts Arbeit, erste Teestube des SpDi für psychisch kranke Menschen

Gründung der Mobilen Ökologiewerkstatt MÖWE

Aussiedlerberatung in Landshut und ab 1991 in Dingolfing

Schuldnerberatung wird ein selbständiger Fachdienst

Landshuter Recyclingzentrum eröffnet

Arbeit statt Sozialhilfe startet

Eröffnung des Johannesstifts in Altdorf

Einweihung des Matthäusstifts, Hab&Gut in Altdorf wird eröffnet

Ambulante Soziotherapie startet

Eröffnung von Hab&Gut in Vilsbiburg, Einrichtung des Fachdienstes Ambulant Betreutes Wohnen

Hab&Gut in Rottenburg, die Rottenburger Tafel und der Schulmaterialladen Buntstift in Landshut

werden eröffnet, Ausbau der Jugendhilfe und Einrichtung einer Ganztagsbetreuung an der

Hauptschule Buch am Erlbach

Spatenstich für das Elisabethstift in Adlkofen

Die Geschäftsführer der Diakonie

Willi Ludwig

Diakon Gerhard Krocker

Diakon Werner Heger

Diakon Friedrich Schröder

Nikolaus Fendler (kommissarisch)

Sabine Frey

Jürgen Meier

Katrin Kalkowski

Holger Peters

(als geschäftsführender 2. Vorsitzender)

101

Die Vorsitzenden der Diakonie

Johanna von Jan (ab 1895)

Maria Seidel (ab 1909)

Pfarrer Georg Seidel (ab 1912)

Pfarrer Johannes Wagner (ab 1933)

Dekan Paul Krauß (ab 1950)

Dekan Ernst Borger (ab 1966)

Dekan Reinhard von Loewenich (ab 1978)

Dekan Jürgen Wieber (ab 1988)

Pfarrer Werner Fritz (ab 1993)

Dekan Jürgen Wieber (ab 1997)

Edgar Walter (kommissarisch 1998)

Dekan Helmut Völkel (ab 1998)

Dekan Siegfried Stelzner (seit 2003)


Literatur

Blätter für Innere Mission in Bayern, 15. Jahrgang, Heft 11, November 1962

Dannheimer, Erika / Knoch, Hans-Dieter (Hrsg.): 30 Jahre Evang.-Luth.

Dekanat Landshut 1949-1979, Landshut 1979

Ebermeier, Werner: Landshut, die 50er und 60er Jahre. Deutschland auf dem Weg zum

Wirtschaftswunder, Horb am Neckar, 2006

Evang.-Luth. Dekanat Landshut (Hrsg.): Pflügen auf Hoffnung. Ein Streifzug durch das

Evangelische Dekanat Landshut, Landshut 1999

Flierl, Hans: Ein Jahrhundert Diakonie in Bayern: Werk der Kirche und Wohlfahrtsverband,

Claudius-Verlag, München 1988

Flothow, Matthias: Evangelisch in Landshut, in: Stadt Landshut (2004), S. 405-431

Heger, Werner: Diakonisch predigen. Predigten aus vier Jahrzehnten, Hersbruck 1996

Honold, Matthias: Der unbekannte Riese _ Geschichte der Diakonie in Bayern,

Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur, Band 31, Augsburg 2004

Kirchenvorstand der Christuskirche Landshut (Hrsg.): 100 Jahre Christuskirche Landshut,

Landshut 1997

Kowalsky, Susanne / Jell, Andreas (Hrsg.): Frauen im Licht – Frauen im Schatten.

Eine Landshuter Frauengeschichte, Landshut 2005

Kubatschka, Ute: Diakonissen in Landshut, in: Kowalsky, Susanne / Jell, Andreas (2005),

S. 201-209

Schäfer, Gerhard K. / Herrmann, Volker: Geschichtliche Entwicklungen der Diakonie, in: Ruddat,

Günter / Schäfer, Gerhard K. (Hrsg.), Diakonisches Kompendium, Göttingen 2005, 36-67.

Spitzlberger, Georg: Landshuter Stadtchronik 1970 – 1990, Band III, Landshut 1998

Stadt Landshut (Hrsg.): „Weitberühmt und vornehm …“. Landshut 1204 – 2004, Beiträge zu 800

Jahren Stadtgeschichte, Landshut 2004

Tausche, Gerhard (2004): Zwischen den Weltkriegen, in: Stadt Landshut (2004), S. 475-484

102


Anmerkungen

1 Protokoll der Gründungsversammlung 1895 (Archiv des DW Landshut)

2 Archiv des DW Landshut

3 Vgl. zur Situation der Diakonissen im folgenden Kubatschka (2005), S. 201 ff.

4 Schreiben von Maria Seidel an den Ev. Diakonievereins im Jahr 1918(Archiv Dekanat Landshut)

5 Schreiben der Ev. Diakonissenanstalt Augsburg vom 13.11.1917 (Archiv des DW Landshut)

6 Schreiben von Pfarrer Georg Seidel vom 3.6.1919 (Archiv des DW Landshut)

7 Schreiben der Ev. Diakonissenanstalt Augsburg vom 26.7.1922 (Archiv des DW Landshut)

8 Vgl. Honold (2004), S. 36 f.

9 Kubatschka (2005), S. 205, Archiv der Diakonissenanstalt Augsburg Stationsheft Landshut

10 Vgl. Mietverträge mit dem Evangelischen Diakonieverein (Archiv des DW Landshut)

11 Vgl. Flothow (2004), S. 197 f.

12 Honold (2004), S. 40 ff.

13 Der Martha-Verein wurde von den Augsburger Diakonissen betreut, der Mädchenbibelkreis

vom Stadtvikar; vgl. Kirchenvorstand der Christuskirche Landshut (1997), S. 84 f.

14 Kubatschka (2005), S. 206

15 Schreiben des Amtes für Volkswohlfahrt vom 13. Juni 1934 (Akte Nr. 251,

Archiv der Christuskirche Landshut)

16 Schreiben des Landesvereins für Innere Mission von 7. Mai 1934

(Akte Nr. 251, Archiv der Christuskirche Landshut)

17 Schreiben des Landesvereins für Innere Mission vom 9.8.1938 (Akte Nr. 251,

Archiv der Christuskirche Landshut)

18 Schreiben von Pfarrer Wagner vom 17. April 1937 (Archiv des DW Landshut)

19 Schreiben der Ev. Diakonissenanstalt Augsburg vom 28.4.1937 (Archiv des DW Landshut)

20 Kubatschka (2005), S. 206

21 Archiv der Christuskirche Landshut

22 Vgl. Kubatschka (2005), S. 207

23 Richtlinien für das Evangelische Hilfswerk (Archiv des DW Landshut)

24 Amtsblatt vom 6. Juni 1947 (Archiv Christuskirche Landshut)

25 Archiv Christuskirche Landshut

26 Schreiben vom 19. Mai 1948 (Archiv des DW Landshut)

27 Vgl. Flothow (2004), S. 425

28 Akte D4/44 1949–1962 (Archiv des Dekanats Landshut)

29 Vgl. Dannheimer/Knoch (1979), S. 68

30 Akte D4/44 1949-1962 (Archiv des Dekanats Landshut)

31 Vgl. Dannheimer/Knoch (1979), S. 66

32 Dannheimer/Knoch (1979), S. 67, Zitat Diakon Gerhard Krocker

33 Isarpost vom 8.6.1954

34 Vilsbiburger Zeitung vom 15. Juli 1966, S. 11

35 Vgl. Ebermeier (2006)

36 Die Friedlandhilfe wurde 1957 gegründet, um die Arbeit der Wohlfahrtsverbände in den

Flüchtlings- und Vertriebenenlagern Deutschlands mit ausreichenden Finanzmitteln aus

privaten Spenden zu versorgen.

37 Vgl. Landshuter Zeitung vom 21. Juli 1962

38 Vgl. Heger (1996), S. 239 ff.

39 Das goldene Kronenkreuz kann nach mindestens 15jähriger haupt-, neben- oder

ehrenamtlicher Tätigkeit im Diakonischen Bereich als besondere Ehrung verliehen werden.

40 Vgl. Landshuter Zeitung vom 19.9.1998

41 Das Dekanat Landshut umfasste damals Stadt und Landkreis Landshut und die Landkreise

Dingolfing-Landau, Freising und Erding.

42 Vgl. jeweilige Jahresberichte der Aussiedlerberatung (Archiv des DW Landshut)

43 In den drei großen Übergangswohnheimen in Dingolfing und Landshut standen insgesamt

1000 Plätze zur Verfügung, weitere 650 Unterkunftsplätze gab es in Ausweichquartieren.

44 Landshuter Zeitung vom 19.3.1997

45 Vgl. Landshuter Zeitung vom 15.3.1997

46 Landshuter Zeitung vom 25.7.2002

47 Landshuter Zeitung vom 23.9.2002

103


Bildnachweis

Archiv Christuskirche:

Archiv Diakonie Landshut:

Bauer, Elisabeth-Maria:

Fronauer, Edeltraud:

Hackl, Raimund:

Kraus Immobilien:

Litvai, Peter:

Ritterbusch, Manfred:

Skordou, Therese:

wob Immobilien:

Aus: 100 Jahre Christuskirche

Landshut (1997):

104

8, 12, 16, 24, 26 oben, 83

40 unten, 46, 47, 48, 49, 52, 54, 55 unten,

56 links, 57, 59, 60, 61, 62, 63, 64, 65, 67

rechts, 68, 70, 71, 72, 74, 78, 79 3. und

4. Bild von oben, 84, 86 oben, 87, 88, 89,

90, 91, 92, 96

27, 41, 44, 50, 86 unten

2, 20, 21, 22, 23, 25, 26 Mitte, 27 oben, 28,

29, 30, 31, 32, 33, 34, 35, 36, 37, 38, 39,

42, 43, 53, 55 oben, 56 rechts,

63 oben links, 66, 67 links, 69, 73, 80

79 1. und 2. Bild von oben,

Titelbild, 5, 45, 58, 77, 85, 95, 99, 105

94

93

97

17, 18


Dank

Eine Chronik zu schreiben, ist wie ein Puzzle zu legen: Selten findet man die richtigen

Teile sofort. Manchmal findet man Teile, nach denen man gar nicht gesucht hat. Überraschenderweise

passen sie doch und bringen neue Informationen. Manche Teilstücke

und Bildsegmente hingegen bleiben trotz intensiven Suchens unauffindbar.

Am Ende dieser Puzzle-Arbeit steht eine bunte, wenn auch sicher unvollständige und

zwangsläufig subjektive historische Darstellung. Möglich wurde sie nur durch die vielfältige

Hilfe vieler Personen.

An dieser Stelle möchte ich meinen Interviewpartnern in und außerhalb der Diakonie

Landshut für die Zeit danken, die sie mir zur Verfügung gestellt haben. Ebenso herzlich

bedanke ich mich bei den zuvorkommenden Mitarbeitern des Stadtarchivs Landshut um

Herrn Gerhard Tausche, bei allen ehemaligen und aktuellen Beschäftigten des Diakonischen

Werks für ihre freundliche Unterstützung, bei Frau Ludwina Klankermeier und

Herrn Eduard Ringlstetter für die Nachhilfe in Sütterlin, bei Barbara Priehäußer (Diakonie),

Susanna Schneider (Dekanat Landshut) und Roswita Reimann (Christuskirche

Landshut) für ihre Hilfe in Archivfragen sowie bei Frau Edeltraud Fronauer für die schönen

historischen Fotos.

Mein besonderer Dank gilt meinem Lektor, Herrn Gernot Häublein, für seine fürsorgliche

Betreuung und seine professionellen Ratschläge in allen Problemlagen. Nicht zuletzt

bedanke ich mich bei meiner Familie für ihre geduldige Rücksichtnahme und bei

allen anderen Menschen, die mich beim Suchen der Puzzle-Teile unterstützt haben.

Dr. Elisabeth-Maria Bauer

105


www.diakonie-landshut.de

„Im Mittelpunkt der Mensch“ beschreibt bilder- und detailreich die Entstehungsetappen

des Diakonischen Werks Landshut – vom Evangelischen

Frauenverein bis heute. Am Beispiel des Wohlfahrtsverbandes wird die

Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts in Dokumenten, Zeitzeugenberichten

und Lesetexten lebendig: Weltwirtschaftskrise, Repressalien während des

NSDAP-Regimes, Nachkriegsnot, Flüchtlings- und Vertriebenenströme und

Arbeitslosigkeit stellten den Diakonieverein immer vor neue Herausforderungen.

Christliche Nächstenliebe und Pragmatismus prägten dessen Hilfeleistungen.

Aufgrund der veränderten sozialpolitischen Rahmenbedingungen

weiteten sich die Aufgabenbereiche der Diakonie schließlich aus, die Dienste

spezialisierten sich.

Mit einem breiten professionellen Leistungsspektrum stellt sich das Diakonische

Werk heute den aktuellen gesellschaftlichen Nöten und begegnet

ihnen mit geeigneten neuen Projekten. Der Blick auf ein Jahrhundert wohltätiger

Arbeit zeigt: Im Mittelpunkt diakonischer Tätigkeit stehen die individuellen

Bedürfnisse des einzelnen Menschen.

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JAHRE

Diakonie

Landshut

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