Immer der erste zu sein ...« - Boxclub Basel

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vollen Heldentods zu sterben, statt zuHause ins beschauliche Seniorenalter zukommen, sondern vor allem dass er,als er von seinem ihm zwar vorgesetzten,aber an soldatischer Tüchtigkeitunterlegenen Heerführer Agamemnon inder Ehre (timé) gedemütigt wird, sichim Zorn der Empörung dem gemeinsamenKampf der Griechen verweigertund durch diesen seinen Streik »tausendfacheLeiden über die Achäer bringtund viele starke Seelen der Helden insTotenreich schickt ...« (Il. 1,2-4). Sobildet ein dem schieren Ehrgeiz (später:philotimía), ja geradezu der Ehrpusseligkeitentstammender Rangstreit – dennAgamemnon empfindet kaum andersals sein Rivale – den Kern dieser größtenund ältesten griechischen Dichtung,in der dann auch die für alle Zeitenberühmtesten literarischen Sportwettkämpfestattfinden.Aber bevor wir uns dieseansehen, sei wenigstens noch ein Blickauf sonstige musische Erscheinungsformenjenes agonalen Triebs der Griechengeworfen. Bezeichnend ist, dassschon die älteste uns erhaltene griechischeInschrift, die sich in Versformhingekritzelt auf einer attischen Kannefindet, eben diese als Kampfpreis ineinem Wettbewerb ausweist: »Wer nunvon allen Tänzern am feinsten ›spielt‹[die genaue Bedeutung ist umstritten],soll dieses nehmen«. Die Teilnahmean einem musischen Agon bezeugt dannauch der zweite große griechischeDichter, der Böoter Hesiod, der auf seinereinzigen Auslandsreise sich beiLeichenspielen auf Euböa einen Dreifußmit großen Ohren ersungen habenwill (Erga 651-660). Ihn bringt ein späteresVolksbuch, der sogenannte»Wettstreit von Homer und Hesiod«,sogar mit dem großen ionischenKonkurrenten persönlich zusammen. Dasergötzliche Werkchen zeigt zwarHomer als den geistig überlegenen Dichterund vor allem genialen Improvisator,dem Hesiod kein Bein stellen kann;aber am Schluss des Kampfes wirddann doch dieser gekrönt, weil er, stattwie Homer in einer rezitierten Musterpartiekriegerischen Kampf künstlerischzu gestalten, in biederen Versenden Bauern nützliche Ratschlägegibt – politically correct und höchstmodern! Hesiod in diesem seinem landwirtschaftlichenLehrgedicht gibtdann auch als erster eine ideologischeRechtfertigung der griechischenWettstreitsucht: Nicht e i n e Göttin Eris(wie früher auch von ihm selber angenommen)gebe es, sagt er (11-26) – Erisist die Göttin von Zank und Zwietracht–, sondern zwei: eine böse, dieKrieg und Zwist erzeuge – z.B. durchihren »Zankapfel« den troianischenKrieg –, und eine gute, die den SterblichenNutzen bringe:Hesiod weiß, wovon er redet:Wie sich alle Handwerker, ja sogardie Bettler, untereinander aus Brotneidbekriegen, so grolle auch, sagt er,»der Sänger dem Sänger«. Offenbar wirddas von ihm positiv beurteilt: Konkurrenzbelebt selbst das Dichtergeschäft(wir denken an die schöne Vase ausder Münchner Antikensammlung, wo dieLyriker Alkaios und Sappho friedlichmiteinander zu »concertieren« scheinen,wie später die singenden Hirten beimbukolischen Dichter Theokrit). So sahman es dann auch in Athen. DieFragment eines Kessels von Sophilos:Leichenspiele zu Ehren des Patroklos,um 580/570 v.Chr.»Sie erweckt auch den fauleren Mann gleichwohl zu der Arbeit:Sieht er den andern einmal im Reichtum, dürstet nach Arbeitalsbald der Sinn; dann beeilt er sich rasch, zu pflügen, zu säen,wohl zu bestellen sein Haus. Mit dem Nachbarn eifert der Nachbar,wenn er um Wohlstand sich müht: D i e Eris ist gut für die Menschen.«Friedlicher verlaufen inder Regel die rhetorischen Redeagone,die in Epen und Dramen, aber auchnatürlich auch in Gerichtsprozessen –der Prozess selber heißt sinnigerweiseagón – und sogar auf Trinkparties,Symposien, stattfinden. Der Dialog»Symposion«, in dem Platon erstmalsdas Konzept seiner, der »platonigroßenTragödien- und Komödienaufführungender klassischen Zeit –wir denken nur an die Namen Sophoklesund Aristophanes – fanden im Rahmenvon Dramenwettkämpfen statt, sodass zum Beispiel beim Fest der GroßenDionysien immer drei Dichter mitje drei Tragödien und einem Satyrspielkonkurrierten, d.h. sich dem Urteilund Ranking einer Jury zu stellenhatten. Im griechischen Mythos wurdesolcher Wettstreit auch auf die Götterübertragen – der erwähnte Weiler hat daseinschlägige Material zusammengestellt–: Wenn diese freilich untereinanderoder gar mit Sterblichen in musischeKonkurrenz treten, dann pflegtes mit dem Unterlegenen ein bösesEnde zu nehmen: Dem Aulos-, d.h. Klarinetten-BläserMarsyas, der es gewagthatte, den Saitenkünstler Apoll herauszufordern,wurde, wie bekannt,sogar bei lebendigem Leib die Haut abgezogen.Weitaus das größte Interesseerregt, schon dem Umfang nach,das Wagenrennen, das immer die angesehenstesportliche Disziplin bleibt,weil es neben Geschick und Tüchtigkeitdes Wagenlenkers ja auch etwas übersein (sich in der Qualität von Gestüt undWagen spiegelndes) materielles Verschen«,Liebe dargestellt hat, ist äußerlichnichts anderes als ein solcherden Umtrunk begleitender improvisierterRedewettbewerb über das Wesen derLiebe (was, wie man nebenbei sieht, dergriechenkundige Richard Wagnerim Sängerkrieg auf der Wartburg seines»Tannhäuser« nachgestaltet hat).Und Wettbewerbe gibt es nicht nur fürdie verschiedensten Berufe, sondernvielfach auch (unseren Misswahlen entsprechend)für weibliche Schönheit –man erinnert sich an das berühmte ausdem »Zankapfel« hervorgehendeParisurteil bei der Schönheitskonkurrenzunter den Göttinnen –, ja sogar füreuandría, die (dem Fitnesstraining verdankte)»männliche Wohlgeratenheit«!Noch erfreulicher, aber auch inder Urteilsfindung bedenklich schwerer,dürfte die Aufgabe für die Jury beieinem uns (von Theokrit 12,30 ff.)bezeugten Kusswettbewerb für schöneKnaben gewesen sein ...»Nützliche Ratschläge für die Bauern:politically correctund höchst modern.«Zurück zum Sport, der, wieerwähnt, schon in den ältesten beidengriechischen Epen eine wichtigeRolle spielt. In Homers Odyssee sind esdie Phäaken, die, weil sie glauben,»in Seefahrt, Füßen [also Wettlauf], Tanzund Gesang« allen Völkern überlegenzu sein, für ihren Gast Odysseus, nebenmusischen Darbietungen, ein kleinesSportfest veranstalten und diesen selbstschließlich, seinen sportlichen Ehrgeizbis an die Grenze der Beleidigungkitzelnd, zu einem gewaltigen Diskuswurfanimieren (Od. 8,97 ff.). Nochernsthafter geht es bei den Sportkämpfenzu, die im dreiundzwanzigsten,d.h. vorletzten Buch der Ilias vonAchill für seinen gefallenen Freund16 17Patroklos abgehalten werden (daauch sonst die ältesten uns in der Iliasbezeugten Sportfeste Leichenspielesind, hat man sie bzw. den griechischenSport überhaupt in neuerer Zeit gelegentlichaus einem ursprünglichen Menschenopferfür den Toten oder ähnlichemherleiten wollen). In den achtWettbewerben, die hier stattfinden(Wagenrennen, Boxkampf, Ringen, Wettlauf,Waffenkampf, Diskuswurf, Bogenschießen,Speerwurf), sind es interessanterweisefast durchweg die größtengriechischen Kriegshelden und Fürsten,die hier zum letzten Mal im Werkantreten, um sich auf diesem Gebiet einmalunmittelbar miteinander messenzu können; nur im Boxkampf siegt einsonst relativ unbedeutender Prahlhansnamens Epeios, der zugeben muss, einschlechter Soldat zu sein (Il. 23,670),und der auch später beim Diskuswurfeine klägliche Figur macht (also einschon fast professioneller Spezialist).Schönheitswettbewerb der GöttinnenColloquium


Siegerehrung, Detail aus dem »Großen Circusrennen«,Piazza Armerina, 5. Jh.mögen verrät und vor allem weil es mitAbstand den spannendsten und abwechslungsreichstenVerlauf bietet. Esbeginnt bei Homer (Il. 23,262 ff.)mit der Aussetzung der Preise, die hier(anders als bei den späteren berühmtengriechischen Sportagonen) auch fürdie Motivation der Kämpfer eineRolle spielen – Siegerprämie ist immerhineine kunstfertige Sklavin nebstgroßem Dreifuß; dann, auf einen AufrufAchills hin, der später noch dieWendemarke setzt, melden sich die Konkurrenten:der besonders pferdekundigeEumelos, der gewaltige KämpferDiomedes, dann Menelaos (um dessentwillender Krieg überhaupt geführtwird), Antilochos, der leidenschaftlicheSohn des alten Nestor (der vonseinem Vater mit einer langen Redein die Grundlagen der Wagenrennkunsteingeführt wird: das erste LehrgedichtEuropas!), und schließlich als fünfternoch der ebenfalls recht angeseheneMeriones. Die Entscheidung überdie ersten Plätze machen, wie zuerwarten, die Prominentesten unter sichaus, wobei z.T. auch – wieder einBeleg für die Wichtigkeit des Sports – dieGötter mitwirken. Zwar geht nachdem Start zunächst naturgemäß der Kön-ner Eumelos in Führung, aber balddroht der große Diomedes, ihn zu überholen.Dies scheint zu misslingen, alsihm Apollon aus persönlichem Groll diePeitsche aus der Hand schlägt (sodass er aus kindlicher Wut sogar weint!);aber Athene, wie ein Schutzengel desDiomedes, restituiert ihrem Liebling diePeitsche und zerbricht ihrerseits dasJoch der Pferde des Eumelos, woraufdieser vom Wagen stürzt und sich»Mund und Nase aufschürft« (auch erzu Tränen verzweifelt). Nachdem soder Kampf um den ersten Platz entschiedenscheint, richtet sich der Fokusauf die ebenso ehrgeizigen Verfolger.Heißsporn Antilochos, der seinenPferden bei Versagen den Tod androht,gelingt es, den vorerst nächstplatziertenMenelaos durch ein riskantesund unsportliches Manöver zu überholen,indem er ihn, trotz dessen Warnung,ausgerechnet in einem engenHohlweg attackiert: Der besonneneMenelaos muss sich, um einen gefährlichenUnfall zu vermeiden, wütenddazu verstehen, den Kürzeren zu ziehen.Nervosität und Ehrgeiz der Wettkämpferübertragen sich nun lustigerweiseauch auf die Zuschauer, vondenen zwei, Idomeneus und der so genanntekleinere Aias, auch sie bedeutendePersönlichkeiten, so heftig darüberin Streit geraten, welcher vonden Wagen nun gerade vorne liege – aufdie Entfernung sieht man schlecht –,dass Achill selber schlichtend eingreifenmuss. Als die Wagen wieder bei den»Schwere Aufgabefür die Jury beim Kusswettbewerbfür schöne Knaben.«Zuschauern eintreffen, hat Diomedes mitAbstand die Führung inne; Menelaosmacht Antilochos bis zum Schluss denzweiten Platz streitig, muss sich aber,weil dieser seinen Vorsprung geradenoch ins Ziel rettet, dann doch mit demdritten begnügen. Es folgen Merionesund, mit lädiertem Wagen abgeschlagen,Eumelos.Die Kampfleidenschaft klingtnoch nach bei der Preisverteilung.Nur der Champion Diomedes erhält unbestrittenseine Sklavin mit Dreifuß.Als dann Achill den zweiten Preis, eineträchtige Stute, an den ja durch schieresUnglück um den Sieg gekommenenFavoriten Eumelos vergeben will,protestiert Antilochos dagegen (unteranderem mit der Unterstellung, Eumeloshabe es versäumt, zu den Götternzu beten!) und bringt so Achill dazu, denVerunglückten nur mit einem Sonderpreiszu bedenken. Das ist nun demvon Antilochos betrogenen Menelaosentschieden zu viel. Er verlangt vondiesem, um ihn bloßzustellen, wütendeinen Eid, dass er ihn, Menelaos, nichtdolo malo behindert habe, woraufdieser überraschenderweise einlenkt, sichmit der eigenen Jugendlichkeit entschuldigtund die Stute sogar freiwilligabtreten will – was wiederum Menelaos,der nun seine Ehre hergestellt sieht,so rührt, dass er von sich aus dochmit dem dritten Preis zufrieden ist. Merioneserhält Nummer vier; dem altenNestor, der ja nur mit guten Ratschlägenteilgenommen hat, gibt Achill, umnicht knauserig zu scheinen, den nunmehrübrig gebliebenen letzten Preisals Souvenir an die Leichenspiele, woraufsich der Alte nochmals mit einerunerbetenen Rede über seine früheren,geradezu unglaublichen Sporterfolgein Jugendtagen revanchiert: ein weiteresDokument für die Bedeutung, die derDichter schon für die Frühzeit der Griechen– denn auch ihm spielt die Iliasin einer ferneren Vergangenheit – demSport bzw. der sportlichen Auszeichnungzuweist. Bezeichnend dafür istschließlich auch, dass Achill den letztenKampf, den Speerwurf, zu dem sichder Heerführer Agamemnon selber nebenMeriones meldet, überhaupt nichtmehr stattfinden lässt: Agamemnon erhältseinen Preis, da er, wie Achillbehauptet, ohnehin anerkanntermaßender Beste sei! Natürlich befürchtetAchill, dass auf seine neuerliche Versöhnungmit Agamemnon durch eineetwaige peinliche Niederlage des Vorgesetztenwieder ein Schatten fallenkönnte. So wichtig sind den Griechenihre Sportprämien.Fred Niblo, Verfilmung »Ben Hur« , 1926.Und doch gibt es in der griechischenGeschichte immer wiederauch Kritik an dem übertriebenen Kult,der mit dem Sport, vor allem denSportsiegern, getrieben wird. Dass spätereMänner des Geistes, wie Platonund Aristoteles, Vorbehalte gegen einZuviel an Körperpflege haben, nimmtuns nicht wunder – wer wie Epikur zumbescheidenen »Leben im Verborgenen«(láthe biósas) rät, muss ohnehindenJahrmarkt sportlicher Eitelkeiten fliehen;beachtlicher ist, dass auch schonfrühere Dichter den Wert des Sportsfür die Allgemeinheit bezweifeln odereinschränken. Der alte, in Spartawirkende Tyrtaios meint, es sei wichtiger,dass einer im Kampf seinen Mannstehe, als dass er im Wettlauf oder Ringkampfglänze (12 West) – Sparta warbekannt dafür, dass sein Sport vor allemauf militärische Ertüchtigung ausgerichtetwar; und der ionische DichterphilosophXenophanes hält seineeigene »Weisheit« (sophíe) ausdrücklichfür wertvoller als die Leistung derOlympiasieger, die zu Wohlergehen undWohlstand ihrer Stadt doch nur wenigbeitrügen (2 W.). Am ärgsten gingin einem Satyrspiel des Euripideseine der dort auftretenden Personen –gern wüssten wir, wer es war – mitden Sportlern ins Gericht: Sie nanntesie das »größte Übel von Hellas«,Sklaven ihres Bauches, die im Alter völligunbrauchbar, aber auch schonvorher für die Staatsgemeinschaft unnützseien (fr. 282 N.). Mit Befremdenkönnen auch Ausländer auf den griechischenSport reagieren. Ähnlich wiesich schon die Perser bei Herodot (8,26)über die Olympischen Spiele wundern,bei denen man sich nur für einenOlivenkranz so abmühe, ist auch derskythische Weltenbummler Anacharsisbei Lukian (der allerdings erst imzweiten Jahrhundert n.Chr. gelebt hat)ohne Verständnis für den Übungsbetriebin griechischen Palästren, mag ihmauch der alte Solon, der ihn durchColloquium18


Athen führt, ein Langes und Breites vonder Bedeutung des Sports sowohlim Hinblick auf die militärische Tauglichkeitals auch besonders für diedas menschliche Leben verklärende Ruhmesliebevorschwärmen. (Dieser mitdem Namen »Anacharsis« auch betitelteDialog, witzig, obschon ohne großenTiefgang, enthält übrigens die ausführlichsteDiskussion der Sportproblematikaus dem Altertum.)So sind wir denn nicht überrascht,dass auch die Römer, dieschließlich die großen Vermittler griechischerKultur vor allem für dieNeuzeit wurden, dem griechischen Sportzumindest anfangs höchst reserviertgegenüberstanden. Sie kennen ja in derRegel nicht oder sie verabscheuengeradezu die unmäßige, selbst über dieInteressen der Allgemeinheit hinweggehendeegozentrische Ruhmesliebeeines Achill, über dessen Zorn Cicerourteilt (Tusc. 4,52): quid Achille Homericofoedius? »Was ist scheußlicherals Achill bei Homer?« Es sind meist diehöheren, kollektiven Einheiten, aufdie sich römischer Ehrgeiz richtet: derRuhm der Familie (gens), der Vaterstadt(patria), schließlich des imperiumRomanum. Fehlt also diese entscheidendeKomponente des griechischenSportsgeistes, so fallen andere Bedenklichkeitenumso mehr ins Gewicht:der Unwille des vornehmen Römers, sichselber öffentlich zur Schau zu stellen(darum treten z.B. auch nur Sklavenund Freigelassene als Schauspielerder Theaterbühne auf), und vor allemdie Anstößigkeit des Nacktturnens,die Cicero nicht ohne Grund öfter mitder immer als ein wenig unrömischempfundenen griechischen Knabenliebezusammenbringt:flagiti principium est nudareinter cives corpora»Lasters Anfang ist es, wennman unter Bürgern sich entblößt« –so zitierte er in diesem Zusammenhang(Tusc. 4,70) aus Ennius (der hier immerhinvielleicht die sportkritische Äußerungschon eines griechischen Tragikerswiedergab). Der allzu philhellenischeOvid dürfte also scherzen, wenn er schonden Stadtvätern Romulus und Remus›gymnische‹ Sportübungen zuschreibt(fast. 2,366). Das allgemeinere Urteilbezeugt Cornelius Nepos, der ausdrücklichsagt, der den Griechen so wichtigeSieg in Olympia rechne nach römischemEmpfinden zu den »geringenund eher unschicklichen Dingen«(praef. 5); und sogar der GriechenbewundererHoraz spöttelt am Anfangseiner berühmten Oden, wo er diemenschlichen Spleens aufzählt (carm.1,1,3 ff.):»Leute gibt es, deren Wonne es ist, in Olympia mit dem WagenStaub aufgewirbelt zu haben und die, wenn sie mit glühenden Rädernan der Wendemarke vorbeigekommen sind, sich wegen der herrlichen Siegespalmezu den Herren der Erde, den hohen Göttern, emporgefahren glauben ...«.Nur ausgerechnet diesesWagenrennen hat auch eine alte, römischeTradition – die sogar bis aufRomulus zurückgeführt wird, der ja beieiner einschlägigen Sportveranstaltungden berühmten Raub der Sabinerinneninszeniert haben soll –: Längstbevor Rom griechische Theater oderStadien, ja auch bevor es Amphitheaterhat, gibt es dort den für Wagenrennenbestimmten Circus Maximus. Akteuredieser spezifisch römischen Leidenschaft,verewigt im berühmten panemet circenses (»Brot und Zirkusspiele«)und spätestens durch »Ben Hur« jedemgeläufig geworden, sind allerdingsnicht wie bei den Griechen die Vornehmen,sondern, zumindest in historischerZeit, Personen geringsten Stands,meist Sklaven und Freigelassene.Und noch etwas scheint für die Römerbezeichnend: Spätestens in der Kai-serzeit, aber wahrscheinlich schon früher,dominieren in der Gunst desPublikums nicht die einzelnen Fahrer,sondern ihre Vereine (factiones), dienach den Farben ihrer Trikots Blaue,Grüne, Weiße und Rote heißen, sodass also ganz Rom in die Anhängerschaftenund gewissermaßen Fanclubsdieser verschiedenen Mannschafteneingeteilt ist (und man sogar vonden einzelnen Kaisern weiß, welche derFarben sie jeweils bevorzugen). Auchhier geht also (ähnlich wie bei den Gladiatorenspielen,wo man mehr fürbestimmte Kämpfertypen als für einzelneKämpfer schwärmt) offenbar derRuhm des Kollektivs über den des Individuums.Im Übrigen kann aber nicht»Eine kunstvolle Sklavinnebst großem Dreifußals Siegprämie.«richtig sein, was man allenthalben liest:dass den »praktisch gesinnten Römern«– ein überstrapaziertes Klischee –gerade das im handgreiflichen SinnNutzlose am griechischen Sportmissfallen hätte.Was den übrigen Sport angeht,so sind zwar Boxen, Ringen,Laufen, Werfen wie das Schwimmen imTiber alte Vergnügungen besondersder römischen Jugend, die sich damitauch militärisch ertüchtigte – Raumbietet vor allem der Campus Martius,wo sich auch ältere Herrn mit Ballspieleine Motion verschaffen; aber,abgesehen vom schicklichen römischenLendenschurz, sie finden nicht inForm öffentlicher Schauveranstaltungenstatt, sie sind überhaupt nicht, wiein Griechenland, institutionalisiert.Erst im Jahr 186 v. Chr., einem wichtigenDatum der Sportgeschichte, gibtes in Rom als Teil öffentlicher ludi (»Festspiele«),ausgerichtet von M. FulviusNobilior, Sportvorführungen, nach griechischemVorbild und ohne Zweifelmit griechischen Athleten. Und dieswiederholt sich gelegentlich bis indie Augusteerzeit – ohne dass der Sportje die Beliebtheit von Wagenrennenoder Gladiatoren, deren Kämpfe etwaswesensmäßig anderes sind, erreichenkönnte. Augustus dann, ebenso um dieFörderung altrömischer Tugendenund Einrichtungen wie um den AnschlussRoms an die immer nochüberlegene griechische Kultur bemüht,wird zum größten Förderer des Sportsin Rom; er stiftete sogar, wenn auch aufgriechischem Boden, nach seinemSieg bei Actium (31 v.Chr.) ein echtesSportfest, ludi Actiaci, die von nunan alle vier Jahre stattfanden und erfolgreichin den Kreis der vier großenpanhellenischen Spiele eingegliedertwurden.Diesem Bemühen des KaisersAugustus entsprechend hat auchRoms liebster Dichter, Vergil, in seinemEpos Aeneis, dem Gedicht von Aeneas,dem Urvater Roms und Ahnherrndes Augustus – einem Mann, der nichtnach eigenem Ruhm strebt, sondernfür sein Volk eine Mission erfüllt –, demSport Raum gegeben: Wie bei HomerAchill für Patroklos, so veranstaltet beiihm Aeneas Leichenspiele auf Sizilienfür seinen verstorbenen Vater Anchises.Dabei wird dem römischen Empfindenfür Schicklichkeit – die von Aeneas geführtenTroianer sind ja Vorfahrender späteren Römer – ein Stück weitRechnung getragen. Zunächst einmalwird, um den Sport nicht überzubewerten,das bei Homer beobachtetespontane Eingreifen der Götter aus derHandlung eliminiert. Von den fünfWettbewerben: Schiffsregatta (1), Wettlauf(2), Boxkampf (3), Bogenschießen(4) und dem so genannten lususTroiae (5) – sind sodann nur die dreimittleren (2, 3, 4) aus Homer genommen:An ihnen, den gewissermaßen echtestenSportdisziplinen, sind neben Troianernjeweils auch ortsansässige Sizilianerbeteiligt. Das so unrömische Entkleidenwird nur beim Boxkampf (3),Fünfkampfszenen.Colloquium2021


»Was ist scheußlicherals Achill bei Homer?«der überhaupt eine Sonderstellung hat,erwähnt, obschon es zumindest auchbeim Laufen (2), weniger wohl beim Bogenschießen(4) faktisch vorausgesetztsein dürfte. Beim Laufen scheinendie Kämpfer auch alle jung zu sein,was die Anstößigkeit etwas mildert. (Wiebei Sueton 43,2 berichtet, ließ auchAugustus vornehme Jünglinge als Läuferauftreten.) Interessant ist, dassimmerhin gerade hier beim Lauf ein ganzgriechisch stilisiertes homoerotischesLiebespaar, Nisus und Euryalus, eingeführtwird.Anders ist es bei den rahmendenWettbewerben. Der abschließendelusus Troiae (5) ist überhauptkein echter Sportwettbewerb, sondernein (von Augustus, wie wir wissen,gefördertes) quasi-militärisches Reiterspielnur der troianischen bzw. römischenJugend, die sich hier nichts vergebenkann. Bei der Regatta (1) sinddie kommandierenden (auch hier durchwegtroianischen) Führer, die natürlichnicht selber rudern, als Stammvätergroßer römischer Familien (gensMemmia, Cluentia, Sergia) ausgewiesen;dass Vergil auf das sonst in literarischenLeichenspielen völlig obligatorischeWagenrennen verzichtet, dürfteweniger darin begründet sein, dass, wieman sagt, die zu Schiff angekommenenTroianer keine Wagen zur Verfügunghatten – diese hätte sie ja von denSizilianern leihen können –, als vielmehrdarin, dass gerade die Regatta undnur sie Vergil die Möglichkeit gab, dashervorzuheben, was auch für dieWagenrennpassion der Römer das Charakteristischewar (und bei den Griechenso nie vorkam): die Betonung derMannschaft statt des Individuums.Auch darin sind die beiden rahmendenWettbewerbe (1, 5) besonders römisch.Werfen wir aber zuletzt nocheinen Blick auf den am ›griechischsten‹stilisierten Wettkampf, das in derMitte (3) stehende Boxen (Aeneis 5,362 ff.), für das übrigens auch Augustuseine besondere Vorliebe gehabt habensoll. Hier und nur hier sind, wie andeutungsweiseschon bei Homer, diebeiden Kämpfer keine Dilettanten, sondernfast volle, durch frühere Kampferfolgeausgewiesene Professionelle. DerTroianer Dares, der durch mächtigeLufthiebe alle einschüchtertund niemandensich selber gewachsen wähnt, hatschon bei den Leichenspielen für HektorTriumphe gefeiert; sein Gegner, derSizilianer Entellus, ein fast nestorähnlicher,seiner sportlichen Jugend nachjammernderGreis, den man mühsamzum Kampf nötigen muss, besitztneben vielen Trophäen die gewaltigen,noch mit Hirn und Blut verklebtenHandschuhe des verstorbenen BoxmeistersEryx (antike Boxhandschuhesollen den Schlag nicht mildern, sondernverstärken; schon Homer spricht vom»schmerzlichen Faustkampf«). Kampfverhaltenund Kampfverlauf entsprechendem verschiedenen Alter der beiden Kontrahenten:Dares setzt auf flinke Beinarbeitund Offensive, Entellus auf seineMasse, auf Defensive und Wachsamkeit.Und nicht wie bei Homer siegt derAngeber, sondern – Vergil ist hierpsychologisch feiner und moralisch sensibler– sein physisch geschwächterGegner rettet noch einmal den Ruhmdes Alters. Als Entellus nämlich nachlangem Vorspiel zu einem vernichtendenHieb von oben ausholt – es handeltsich, wie Kundige sagen, um den erstheute verbotenen Hammerschlag –,entkommt ihm zwar der behende Dares,so dass der Schlagende, vom eigenenSchwung umgerissen, zur Erde stürzt;aber eben die Scham und Wut überso schmählichen Sturz beflügelt denKampfgeist des Alten: Zum Angriffübergehend, treibt er seinen Gegner mitRelief auf einer Statuenbasis, Palästraszene:Übendes Ringerpaar, startender Läufer, Speerwerfer.einem so mächtigen Hagel von Hiebenvor sich her, dass Aeneas, wegentechnischen k.o.-Schlags, wie wir sagenwürden, den Kampf abbricht und denDares, der »fettes Blut und vermischtmit dem Blut auch Zähne spuckt«,in die Kabine bzw. Kajüte schickt. Erstdann läuft der greise Meister Entelluszur Hochform auf. Mit einem Hiebstreckt er, als ein Totenopfer für MeisterEryx, den ihm als Siegpreis zugefallenenStier nieder (Versschluss: ... procumbithumi bos, wobei bos wie das»Bums« des Niederschlags zu hören ist).Tuts und entsagt, das letzte Mal, seinen»Handschuhen und der Kunst«. Sohat Vergil mit Feinheit und Sachverstandin diesem einzigen Sieg einesNichttroianers der Boxkunst undSizilien gehuldigt und somit auch diesesStück griechischer Kultur insein römisches Nationalepos eingefügt.Die kulturelle Integrationdes griechischen Sports in Rom wirdnach Augustus fortgesetzt. Besondersweit ging Kaiser Nero, der, zumEntsetzen vieler, auch persönlichals Sänger und Wagenlenker auftrat, undmit seinen Neronia i.J. 60 n.Chr.einen in Rom selber stattfindenden Agongänzlich griechischen Zuschnittsstiftete, bei dem neben sportlichen sogarauch musische Wettkämpfe stattfanden.Vor allem die Zumutung, dass römischeAdlige sich hier entkleiden undin die Sportarena steigen könnten, erregte,wie Tacitus ausführlich berichtet(ann. 14,20 f.), Anstoß in konservativenKreisen, die noch einmal mit demGespenst der unanständigen Knabenliebeagitierten und ernste römische Militärschulunggegen Müßiggang und griechischenSport ausspielten. BleibenderenErfolg aber hatte Domitian mit deni.J. 86 begründeten ludi Capitolini,für deren sportlichen Teil in Rom aucherstmals ein Stadion auf dem CampusMartius gebaut wurde, dessen Form nochheute in der Piazza Navona fortlebt.Erst die Christen haben dann wieder, mitTertullian beginnend, gegen denSport in Rom, wie gegen alle heidnischenSpetakel, die ja immer auch mit Religionverbunden waren, gewettert. Dabeiwurde freilich im Anschluss an denApostel Paulus, der gern in Gleichnissenund Bildern vom griechischen Sportwettkampfsprach, die Bewährung deschristlichen Märtyrers selber als Siegin einem (mit dem griechischen Fremdwort)als agon bezeichneten Kampfgedeutet – ein letzter, ironischer Triumphdes alten, mit unchristlicher Ehrsuchtund Ruhmesliebe verbundenen agonalenSinns der Griechen.So musste der neuzeitlicheSport, wie schon erwähnt, wiederan die alten Griechen anknüpfen. Woes freilich gerade um den Mannschaftssportgeht, in dem der Erfolg desGanzen dem des Einzelnen voranzustehenhat, da sollten wir uns in Zukunft– ich widme diese Anregungenunseren großen Münchner Fußballvereinen– eher an das Vorbild derRömer halten.Professor Dr. Wilfried Stroh istLehrstuhlinhaber am Institut für KlassischePhilologie an der Ludwig-Maximilians-UniversitätMünchen.Colloquium2223

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