DEUTSCHE BAUZEITUNG

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DEUTSCHE BAUZEITUNG59. JAHRGANG * N2 39 * BERLIN, DEN 16. M AI 1925HERAUSGEBER: P R O FE SSO R ERICH BLUNCK, ARCH.SCHRIFTLEITER: REG.-BAUMEISTER a. D. FRITZ EISELEN.Alle Rechte Vorbehalten. — Für nicht verlangte Beiträge keine Gewähr.Neuere Villenbauten.III. Groß-Berliner Landhäuser der Arch. B. D. A. Ernst Paulus u. Reg.-Baumeister Dr.-Ing. Günther Paulus, Berlin.(Hierzu eine Bildbeilage und die Abbildungen auf S. 311.)eim D urchw andern Groß-BerlinerVororte ist leider offensichtlich,was wir an dieser Stelle früherbereits ausgesprochen haben, daßunter den vielen in den letztenJahren entstandenen Landhausbautengediegene Leistungen, diein ihrer G esam theit etwas voneiner w irklichen B aukultur verkörpernund dam it den Anblickunserer L andhausviertel restlos erfreulich machenkönnten, leider recht w enig zahlreich sind. Zu diesenA usnahm en dürfen wir auch die A rbeiten der ArchitektenE rnst & G ünther Paulus rechnen, von deneneinige aus der Zeit Paulus u. Lilloe stammen. Den hierw iedergegebenen L andhäusern soll eine Reihe w eitererA rbeiten folgen und so ein Gesam tbild vom neuerenSchaffen der A rchitekten verm ittelt werden.Die B etrachtung dieser baulichen Leistungen läßterkennen, daß mit ihnen keine billigen Zugeständnissean den Form alism us der Mode gem acht werden. Auchstehen sie dem R ingen und T asten der jüngsten B aukunstbew ußt fern. U nverm eidbare Fehlschläge desExperim entes bleiben so verm ieden. Dagegen sprichtaus diesen A rbeiten ein gefestigtes, durch E rfahrungerprobtes K önnen, das in bestim m ter W eise (formal inA nnäherung an die Art eines bürgerlichen Barock) einegestellte Aufgabe zu abgerundeter, reifer Lösung bringt.Die Anforderungen, die in bezug auf Zweckm äßigkeitund Behaglichkeit des W ohnens und das rechte Maß angesellschaftlicher R epräsentation an den Landhausbaugestellte w erden müssen, prägen sich in erster Linie inder G rundrißdurchbildung aus. Hier ist vor allem derW eg zu finden, der gesunde, allgem eingültige Normenin glücklicher W eise m it der Einfühlung in die P e r ­sönlichkeit des Bauherrn/ verbindet. U nter diesem Gesichtspunktsehen wir in den uns vorliegenden Beispieleneine günstige Raum folge der Gesellschafts-,W ohn- und Schlafzimmer, eine sachgem äße Lage undZusam m enfassung der W irtschaftsräum e und zweckvolleRegelung des V erkehrs im Hause sowie jenervielen Dinge und Beziehungen, die für das Leben imLandhaus eine Rolle spielen, hergestellt. Dabei ist das,was im engeren Sinne eigentliche, zugleich auchschwierigste Aufgabe des A rchitekten ist, die D urchführungweniger großer Achsenbeziehungen, die Schaffungguter Raum w irkungen im Innen- und, zum al beiden größeren, gruppierten Anlagen, auch im A ußenbaukeineswegs vernachlässigt. F ür den Baukörper ergibtsich dam it ein ruhiges Gleichgewicht der Massen, dasAbb. 1. Landhaus Adler in Berlin-Dahlem. Gesamtansicht nach der Straßenseite.305


die an gesetzliche Bestimmungen gebunden sind, in ausreichendem Maße und mit vorsorgendem Interesse verfolgtzu werden.Für diese Bebauungsplanfrage kann allein die zuständigeGemeinde das richtige Verständnis aufbringen undentstand, war der wissenschaftliche Städtebau noch nichterfunden, das schnelle Wachstum der modernen Industriestädtekonnte kaum erst geahnt, das riesenhafte Anschwellenvon Groß-Berlin zu einer W eltstadt von 4 Millionenüberhaupt nicht in Betracht gezogen werden.Abb. 15 (oben). Gartenfront. — Abb. 16 (unten). Hauptfront nach der Straße.Landhaus Heydenreich in Berlin-Dahlem.Arch. B. D. A. Ernst u. Reg.-Baumstr. Dr.-Ing. Günther Paulus.Neuere Villenbauten.die volle Verantwortung übernehmen. Schon nach dem soganz überalterten sog. Fluchtliniengesetz vom 2. Juli 1875sind für die Anlegung und Veränderung von Straßen undPlätzen in Städten und ländlichen Ortschaften die StraßenundBaufluchtlinien vom Gemeindevorstande im Einverständnismit der Gemeinde festzusetzen. Als dieses GesetzGleichwohl war damals schon erkannt und im Gesetz deutlichausgesprochen, daß die Anlage und Führung derStraßen und Plätze ausschließliche Angelegenheit der Gemeindeund des Gemeindevorstandes sei. Nur diese haben— und sollten es jetzt — bei der weiteren Ausbildung desSelbstverwaltungsrechts der Gemeinden — in noch aus­16. Mai 1925. 311


geplagterem Maße tun dürfen, nämlich zu bestimmen,welche Gestalt der Bebauungsplan der Gemeinde erhalten,w elche Bauweise in jedem Teile ihres Gebietes herrschen,welche Grundstücksausnutzung zugelassen werden soll.Es sind also Aufgaben der kommunalen Selbstverwaltung,mit denen sich die §§ 7— 9 der neuen Bauordnungbefassen. Für die liier behandelte Regelung der örtlichenVerhältnisse, die in jedem Bezirk, in jedem Teil desBezirks, an jeder Straße, auf jedem Platze verschiedenartigsein werden, darf allein der Bebauungsplan, der den wirtschaftlichenBedürfnissen jew eilig anzupassen ist, undnicht die Bauordnung von Groß-Berlin bestimmend sein!Die Bauklasseneinteilung, die der neue Entwurf vorsieht,kann dem , wechselnden Bedürfnisse einer neuzeitlichenStadtentwicklung jetzt ebensowenig folgen, w ie dies zumSchaden des alten Berlin schon bisher nicht mit der nötigenFeinfühligkeit hat geschehen können. Die örtlich genauunterrichteten Städtebauämter der Bezirke haben an derHand von veränderungsfähigen Teilbebauungsplänen diebisher durch die §§ 7— 9 der Bauordnung behandelten,künftig aber hier wegfallenden Bestim m ungen zu treffen,während das Städtebauamt der Zentrale darüber zu wachenhat. daß in allen Allgemeinfragen (Verteilung der WohnStätten, G eschäfts- und Industrieflächen, Grünflächen, desD urchgangsverkehrs und dergleichen) den allgemeinenR ichtlinien des Generalbebauungsplans gefolgt wird.Den Städtebauämtern der Bezirke und der Zentralemüssen die Sachverständigen-Ausschüsse zurSeite stehen, die sich aus wirtschaftlich, technisch undkünstlerisch hervorragenden Fachleuten zusammensetzen.So kann jeder Bezirk in lebendiger Fühlung mit denwechselnden örtlichen Bedürfnissen diejenige Entwicklungnehmen, die ihm selbst innerhalb der durch den Gesamtplan bezeichneten Grenzen und Richtlinien die zweckmäßigstescheint. Die allein interessierten örtlichen Kräfteeines Bezirks entscheiden darüber, welche Gestaltung desStadtplans und des Aufbaus ihrem Geschmacke und ihremBedürfnisse am meisten entspricht.So tritt eine individuelle Behandlung der verschiedenenStadtteile ein. die aber doch der gemeinsamen Idee vonGroß-Berlin untergeordnet bleibt. An Stelle bauordnungsmäßiger Festlegung von Schablonen kommt der eigeneWille der Bürgerschaft geläutert durch sachverständigeBeratung zur Erscheinung. —Die Neugestaltung der Bauordnungen und derVon Arch. Henrm Jahrg. 1919, S. 591 der „Deutschen Bauzeitung“schrieb ich über die Neugestaltungdes Bauordnungswesens. Der II. Teil diesesAufsatzes enthielt bestimmte Vorschläge, dieich zuvor dem „Architekten-Ausschuß Groß-Berlin“ vorgelegt hatte. Dieser hatte meineAnregungen aufgenommen und sie als „Vorschläge zurReform der Bauklasseneinteilung für die Vororte vonBerlin“ dem Minister der öffentl. Arbeiten vorgelegt.Zu meiner Freude sind diese Vorschläge beachtet undbei der Bearbeitung der neuen Bauordnung für Berlinberücksichtigt worden; insbesondere soll die von mir zumersten Mal angeregte Art der Bauklassenfestsetzung nacheiner Bebauungsziffer eingeführt werden.Im Gegensatz hierzu muß ich jedoch mit großemBedauern feststellen, daß eine wichtige Anregung imI. Teil des genannten Aufsatzes nicht beachtet worden ist;sie war allerdings in der Eingabe des Architekten-AusschussesGroß-Berlin noch nicht enthalten.Es handelt sich nämlich darum, endlich einmal einengrundsätzlichen Fehler in der Zusammensetzungund Handhabung unserer Bauordnungen auszumerzen unddiese nach ihren natürlichen Bestandteilen aufzubauen undanzuwenden.Diese Bestandteile sind einmal die rein polizeiliehen, mehr formalen Vorschriften, wobei nach wie vordie Baupolizei die durchführende Behörde bleiben würde,und zum anderen diejenigen Vorschriften, die den Zweckhaben, die Bebauung zu regeln. Diese sind aber nichtsAnderes als eine Ergänzung oder noch richtiger einBestandteil des Bebauungsplanes und können ohneZusammenhang mit diesem nicht aufgestellt werden; daherist also auch ihre Ausarbeitung und Durchführung nichtSache der Baupolizei, sondern des Stadtbauamtes.Besonders verhängnisvoll erscheint es mir aber, daßdie für die bauliche Zukunft von Berlin so außerordentlichbedeutungsvolle Einführung einer neuen Bauordnungerfolgen soll, ohne daß die Stelle des verantwortlichenStadtbau rats besetzt ist und ohne daßdieser hierbei seine ausschlaggebende Auffassung vertretenund damit die Grundlinien für die baulicheEntwicklung festlegen kann. Dieser Umstand ist um sowichtiger, nachdem Berlin gerade in seiner wichtigstenEntwicklungszeit ohne jede städtebauliche Führung war.Die Einführung dieser neuen Bauordnung steht jetztvor der Tür, und es ist daher die letzte Stunde erschienen,die noch zu grundlegender Verbesserung bleibt. DieseVerbesserung ist aber nicht allein für Berlin von Bedeutung,sondern von ganz allgemeiner Bedeutung für dieNeugestaltung unseres gesamten Bauordnungswesens, daVermischtes.Die Industrie-Ausstellung für das Baufach, Wohnungswesenund verwandte Gewerbe in Berlin, auf die wir inNr. 38 bereits ausführlicher hingewiesen haben, wird heuteeröffnet. Der gründliche Überblick über das Baugewerbeund seine Nebengewerbe, den die Ausstellung zu gebenverspricht, wird durch eine Bauschul-Ausstellung derStaatl. und der Städt. Baugewerkschule Berlin, durchModelle wichtiger Berliner städt. Bauten, durch eineSonderausstellung über Schwammforschung, durch Vorträgeführender Persönlichkeiten des Baufaches über Bau­312Entwurf zur neuen Bauordnung für Berlin.y Groß, Berlin.bekanntlich das Berliner Vorbild von vielen Städten alsMuster angesehen wird und eigentlich auch gelten soll.Ich möchte daher diesen für unseren deutschen Städtebaubedeutsamen Zeitpunkt benutzen und meine Anregungin einem Antrag niederlegen, den ich hiermit öffentlicliden maßgebenden Stellen unterbreite. Mein Antrag zurneuen Bauordnung für Berlin lautet folgendermaßen:„Ohne auf Einzelheiten der neuen Bauordnung einzugehen,muß festgestellt werden, daß sie den Anforderungenneuzeitlichen Städtebaus nicht entspricht und daher nichtgeeignet ist, die bauliche Entwicklung Groß-Berlins ingesunde Bahnen zu lenken.Sie übernimmt die überlieferte, aber durch nichtsbegründete Auffassung der alten Bauordnungen, die polizeilicheund städtebauliche Vorschriften unzweckmäßig miteinanderverquicken. Es ist daher Folgendes zu verlangen:1. die rein polizeilichen Vorschriften (geschäftlicher,gesundheitlicher, technischer, feuersicherer usw. Art) sindals Teil für sich zu behandeln; da sie überall gleich sind,können sie von der Landesregierung einheitlich geregeltwerden (Baugesetz!).Die Prüfung der eingereichten Bauvorhaben und dieKontrolle der Ausführung erfolgt durch eine polizeilicheStelle, aber nur in bezug auf die vorstehend aufgeführtenVorschriften.2. alle Bebauungsvorschriften (Bebauungsart, Ausnützungder Flächen, zulässige Höhe und Geschoßzahl,äußerer Gestaltung, auch der Vorgärten, usw.) bilden ebenfallseinen Teil für sich. Ihre Aufstellung erfolgt nur imZusammenhang mit dem Bebauungsplan, mit dem sie einunzertrennliches Ganzes bilden, und darf daher nur vonderselben Stelle vorgenommen werden, die den Bebauungsplanaufstellt (Magistrat bzw. Stadtbaurat).Derselben Stelle (Stadtbaurat) ist daher auch diePrüfung der eingereichten Bauvorhaben zu übertragen inbezug auf diese Vorschriften; hier ist eine ordnende, vonder Baupolizei unabhängige Hand ganz besonders nötig.3. Da Berlin noch keinen verantwortlichen Stadtbauratbesitzt, so muß zunächst verhindert werden, daß die neueBauordnung Gültigkeit erlangt, wenigstens bezüglich derBebauungsvorschriften, da sonst dem neuen Stadtbauratvon vornherein die Hände gebunden sind.Da aber die hier angeschnittenen Fragen für Berlin vongrößter W ichtigkeit und Dringlichkeit sind, so muß fernergefordert werden, daß die noch offene Stelle des verantwortlichenStadtbaurats nunmehr unverzüglich besetztwird. Dabei kann aber nur eine Persönlichkeit von großemAusmaß in Frage kommen, die den richtigen Blick für dasGanze besitzt und deren ganzes W irken und Denken nurauf das alles umfassende Städtebauliche eingestellt ist. —kunst, arbeitswissenschaftliche und psychotechnischeUntersuchungen über Baustoffhandel u. a. noch ergänzt, —Inhalt: Neuere Villenbauten. — Die neue Berliner Bauordnungund der Städtebau. — Die Neugestaltung der Bauordnungenund der Entwurf zur neuen Bauordnung für Berlin. —Vermischtes. —Bildbeilage: Neuere Villenbauten. Haus Heydenreich inBerlin-Dahlem. —Verlag der Deutschen Bauzeitung, G .m .b.H . in Berlin.Für die Redaktion verantwortlich: Fritz Eiselen in Berlin.Druck: W. Büxenstein, Berlin SW 48.No. 39.


NEUERE VILLENBAUTEN/HAUS HEYDENREICH IN BERLIN-DAHLEMARCHITEKTEN: ERNST & R E G .-B A U M E IS T E R D R.-IN G . GÜNTHER PAULUSARCHITEKTEN B.D.A., BERLINDEUTSCHE B A U ZEITU N G . LIX. JAHRGANG 1925. NR. 39

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