Afrika am Scheideweg - UNHCR

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Afrika am Scheideweg - UNHCR

N R . 2 • J U L I 2 0 0 3 • A 9 1 1 3 F„Millionen Menschenstarben im Feuerdes Krieges ...Aber es gibtauch Hoffnung …in Ländern wieSierra Leone, Angolaund am Horn von Afrika.“— Hochkommissar RUUD LUBBERSAfrikaamScheideweg


EDITORIALDer Irak-Effekt …UNHCR/S.MANN/CS/UGA•2002Während die Welt gebannt auf den Irakschaute, glitten die Flüchtlinge Afrikasnoch tiefer in Elend und Verzweiflung ab.Als die Koalitionstruppen in den Irak einmarschierten,standen Mitarbeiter von Hilfsorganisationenund Journalisten in Jordanien, im Iran, in Syrien undder Türkei bereit, um Massen irakischer Flüchtlingein Empfang zu nehmen, die jedoch niemals kamen.Währenddessen flohen fast 100.000 Menschen vordem Bürgerkrieg in Côte d’Ivoire in den Osten vonLiberia, der selbst von einem Konflikt erschüttertwird. An den Rändern der liberianischenHauptstadt Monrovia gabes jedoch keine der so genannten„eingebetteten Reporter“, die übereinen Angriff der Rebellen auf einLager für Vertriebene hätten berichtenkönnen, bei dem mehrerehundert Zivilisten entführt oderermordet worden sein sollen.Erinnern Sie sich noch an Guinea,das westafrikanische Land, das indie Schlagzeilen kam, als man dieStimme des Landes für eine Resolutiondes Sicherheitsratesbrauchte? Dorthin kamen kürzlichmehr als 7.000 liberianischeSudanesische Frauen fliehen Flüchtlinge, von denen vielevor einem Rebellenangriff.Schussverletzungen hatten. DieMitarbeiter der Hilfsorganisationentaten ihr Möglichstes, um sie in ein sichereresGebiet weiter weg von der Grenze zu bringen.Im Süden des Tschad nächtigen über 30.000 Flüchtlingeaus der Zentralafrikanischen Republik unterBäumen und warten darauf, was nach dem jüngstenSturz der Patassé-Regierung in ihrer Heimat geschehenwird (vom dortigen Regimewechsel hat manauch nicht viel gehört).Natürlich war es auch schon schwierig, Interesse fürdie Flüchtlinge Afrikas zu mobilisieren, bevor dieKämpfe im Irak begannen. Am Valentinstag warntenUNHCR und das UN-Welternährungsprogramm(WFP) davor, die Nahrungsmittellieferungen anFlüchtlingslager in Afrika wegen fehlender Mittelmöglicherweise einstellen zu müssen.Im Gegensatz dazu hatte WFP binnen einer Wochenach einem Spendenappell in Höhe von 1,3 MilliardenUS-Dollar zur Nahrungsmittelversorgung derirakischen Bevölkerung (die noch über Vorräte fürdie nächsten beiden Monate verfügte) finanzielleZusagen über insgesamt 315 Millionen US-Dollarerhalten – fast dreimal so viel wie insgesamt für Afrika.Noch bevor die Nachrichten über ein weiteresschreckliches Massaker an fast 300 Zivilisten imNordosten der Demokratischen Republik Kongodurchgesickert waren, wies die HilfsorganisationRefugees International bei einer Anhörung imUS-Kongress darauf hin, dass im Kongo in nur einerWoche mehr Menschen durch Gewalt, Unterernährungund Krankheit gestorben waren als im Irakkrieginsgesamt.Leitartikel und Talkshows haben sich intensiv mitverschiedenen Szenarien für den Wiederaufbau desIrak beschäftigt. Der erste Jahrestag des Endes des27-jährigen Bürgerkrieges in Angola wurde dagegenvon kaum jemandem wahrgenommen, ebenso wenigwie die Aufrufe der Weltbank, die Reintegrationshilfezu erweitern, um nicht nur die ehemaligen UNITA-Rebellen, sondern auch Tausende von entführtenangolanischen Frauen zu unterstützen, die man dazugezwungen hat, als „Ehefrauen“ der Rebellen zu leben.Bei der Eröffnung einer UN-Konferenz in Ottawadachte Stephen Lewis, der Sondergesandte desUN-Generalsekretärs für HIV/AIDS in Afrika, lautdarüber nach, wie es wohl wäre, wenn der GlobaleFonds zur Bekämpfung von AIDS, Malaria undTuberkulose voll finanziert wäre, bevor er den800 anwesenden Studenten mitteilte, der Fonds seibeinahe zahlungsunfähig.Auch wenn der Irak die Aufmerksamkeit der Weltbeherrscht, wir müssen an die Not Afrikas und dieHoffnung eines afrikanischen Flüchtlings denken:„Wenn nur eine Koalition käme, um uns zu retten.“Dieser Kommentar von JUDITH KUMIN, UNHCR-Vertreterinin Kanada, ist zuvor in der „Montreal Gazette“ erschienen.2 FLÜCHTLINGE NR. 2/2003


N R . 2 - 2 0 0 3Redaktion:Ray WilkinsonDeutsche Ausgabe:Stefan TelökenAngelika EmmelmannAndreas KirchhofRedaktionelle Mitarbeit:Millicent Mutuli, Astrid VanGenderen Stort, Delphine Marie,Peter Kessler, Panos MoumtzisRedaktionsassistenz:Virginia ZekryaPhotoredaktion:Suzy Hopper, Anne KellnerLayout:Vincent Winter AssociésProduktion:Françoise JaccoudKlischees:Aloha Scan, GenfVertriebJohn O’Connor, Frédéric TissotKarte:UNHCR-KartenabteilungHistorische Dokumente:UNHCR-Archiv„FLÜCHTLINGE“ wird in deutscher,englischer, französischer, spanischer,italienischer, arabischer, chinesischerund russischer Sprache von der Informationsabteilungdes Amtes des HohenFlüchtlingskommissars der VereintenNationen herausgegeben.Die von beitragenden Autoren ausgedrückteMeinung entspricht nichtunbedingt der Meinung UNHCRs. Diein dieser Veröffentlichung verwendetenBezeichnungen und Darstellungendrücken in keiner Weise die MeinungUNHCRs über den rechtlichen Statuseines Gebietes oder seiner Behörde aus.Abzüge der mit einer UNHCR-Referenznummer versehenenPhotographien sind von der UNHCR-Informationsabteilung erhältlich.Artikel und Photographien, die nichtmit dem Vermerk Copyright versehensind, können ohne vorherige Anfrageunter Erwähnung UNHCRs abgedrucktwerden.Gesamtauflage: 224.000Druck: (dt. Ausgabe)DMB, BonnISSN 0252-791 XBestellungen der deutschen Ausgabe bei:UNHCR, Wallstr. 9-13, 10179 BerlinTel.: 030/202202-26, Fax: 030/202202-23E-Mail: gfrbe@unhcr.chSpendenkonten:Deutsche Stiftungfür UNO-Flüchtlingshilfe e.V.Sparkasse Bonn, BLZ 380 500 00,Kto.-Nr. 2000 2002UNHCR ÖSTERREICH:Bank Austria Creditanstalt,BLZ 120 00Konto Nr. 09583600300UNHCR SCHWEIZ:UBS SA240-D7100000.0Titelbild:Afrika: eine ungewisse Zukunft.UNHCR/R. WILKINSON/CS/CIV · 200312UNHCR/M. CAVINATO/DP/BDI•2003Sierra Leone, Angola,Afrika steht erneut aneinem Scheidweg. AusBurundi (Foto) und vom Hornvon Afrika kommen gute Nachrichtenüber die Rückkehrmehrerer hunderttausendMenschen. In Côte d’Ivoire,Liberia und in anderen Gebietenherrscht jedoch weiterKrieg, sodass die Situation aufdem Kontinent insgesamt sehruneinheitlich ist.28UNHCR/P. KESSLER/DP/IRQ•2003Nach dem offiziellenEnde des Irak-Kriegsrichtet UNHCR seineAufmerksamkeit auf dieUnterstützung der schätzungsweise500.000 irakischenLangzeitflüchtlinge in allerWelt, die jetzt vielleicht indas Land zurückkehren.30UNHCR/E. PARSONS/DP/SOM•2003Manche bezeichnensie als die neueMutter Teresa. DieItalienerin Annalena Tonelliwurde für ihre jahrzehntelangeArbeit für Not leidendeMenschen in Somalia mit demNansen-Flüchtlingspreisausgezeichnet.FLÜCHTLINGE NR. 2/20032 EDITORIALAfrika gleitet tiefer in das Elend ab, währendsich die Welt auf den Irak konzentriert.4 AFRIKANISCHE EINDRÜCKEBilddokumentation vom afrikanischenKontinent.12TITELIn einer Zeit kurzer Kriege und begrenzterOpferzahlen scheinen die Ereignisse in Afrikabeinahe unbegreiflich.Von Ray WilkinsonAfrika auf einen BlickEine kurze Übersicht über die Lagedes Kontinents.17 KARTEFlüchtlinge und Binnenvertriebene.MilitärJunge Flüchtlinge werden in Lagernrekrutiert.BurundiEin Machtwechsel in einem unruhigen Land.KongoDas Erbe des schrecklichsten bekanntenKrieges in der Geschichte Afrikas.GrenzeEin typischer Tag an einem afrikanischenGrenzposten.AngolaEin Neuanfang.28 IRAKWie wird es nach dem Krieg im Irakweitergehen?30 MENSCHENAfrikas Mutter Teresa.3


Bilderaus Afrika


©S. SALGADO•AGOHOFFNUNG:Nach einem jahrzehntelangen Krieg sieht Angolaeiner besseren Zukunft entgegen.


Afrikas bezeichnet. Schätzungsweise drei Millionen Menschen verloren ihr Leben.


Bilder aus Afrika


RÜCKKEHR:Nach dem Ende eines zehn Jahre langen Krieges sind etwa 240.000 Sierraleonerzurückgekehrt, um am Wiederaufbau des Landes mitzuwirken.UNHCR/J. AUSTIN/CS/SLE•2000


ON THE MEND Bilder aus Afrika


DIE ZUKUNFT:Selbst wenn Flüchtlinge zurückkehren, kann die Zukunft sehr schwierig sein –wie hier in Eritrea.UNHCR/S. BONESS/CS/ERI•2001


UNHCR/M.KAMBER/DP/CIV•2003AFRIKA am ABGDie Zahl der Opfer war erschreckend groß.Wann hellt sich das Licht am Ende des Tunnels ein wenig auf ?von Ray WilkinsonNach dem Ausbruchvon Kämpfenim NachbarlandCôte d’Ivoire fliehenliberianischeFlüchtlinge zurückin ihr Heimatland.In einer Zeit kurzer Kriege, „kontrollierter“ Opferzahlenund bereinigter Kriegsbilder wie denen ausdem Irak, scheint der Zustand Afrikas fast unbegreiflich.Tief im Inneren des Kongobeckens starben etwa dreiMillionen Menschen – wenn nicht viele mehr – in einemnicht enden wollenden Krieg, den manche als denschrecklichsten bekannten Konflikt in der GeschichteAfrikas beschreiben. Und noch während amerikanischeMarineinfanteristen im Scheinwerferlicht Tausender vonFernsehkameras die letzten Widerstandsnester in Bagdadaushoben, wurden in einer abgelegenen Gegend derDemokratischen Republik Kongo beinahe unbemerktvon der Weltöffentlichkeit mehrere hundert Menschenabgeschlachtet.Im Lauf dieses Konflikts, der 1998 begann und inden in manchen Phasen das Militär aus den sechs angrenzendenLändern sowie zahllose Milizen und einheimischeBanden verwickelt waren, wurden 2,5 MillionenMenschen entwurzelt und gezwungen, Zuflucht im12 FLÜCHTLINGE NR. 2/2003


Information desksFor assistance, you can stop by or call theInformation Desks in the first floor lobbies atthese locations:Posner Tower — 412-623-2446East Wing — 412-623-6730Shadyside Medical Building — 412-623-6168Patient handbookA helpful source of information about UPMCShadyside is the Patient Handbook that you oryour family member received when admitted tothe hospital. The handbook tells you abouthospital policies, hospital services, patient care,billing, discharge, and patients’ rights andresponsibilities. You can obtain a copy of thePatient Handbook by calling Patient Relations at412-623-2014.Special needsFor patients and visitors with special needs dueto hearing impairment, visual impairment, orlanguage barriers, the hospital offers printededucational materials, amplified telephones,closed-caption television, sign languageinterpreters, foreign language interpreters, and aportable teletypewriter (TTY) for the deaf. Uponrequest, the hospital can assist patients or visitorswho have physical limitations. For special needs,call Patient Relations at 412-623-2014.i n f o r m a t i o n f o r f a m i l y a n d f r i e n d s11


AFRIKA AM ABGRUNDFlüchtlinge(in Millionen)18,016,014,012,010,08,06,04,02,0-TIEF IMINNEREN DESKONGO-BECKENSSTARBENETWA DREIMILLIONENMENSCHEN INEINEM NICHTENDENWOLLENDENKRIEG, DENMANCHEALS DENSCHRECK-LICHSTENBEKANNTENKONFLIKTIN DERGESCHICHTEAFRIKASBESCHREIBEN.AfrikaGlobalgefähr 440.000 Langzeitflüchtlinge an ihre früherenWohnorte am Horn von Afrika zurück.Für fast zwei Millionen Flüchtlinge aus Burundi, demSudan, Somalia und der Kongo-Region hängen all ihreHoffnungen auf baldige Rückkehr in die Heimat von denverschiedenen Friedensverhandlungen ab, die derzeitgeführt werden.Länder wie die Vereinigten Staaten, die traditionellbesonders schutzbedürftige Flüchtlinge zur dauerhaftenAnsiedlung aufnehmen, widmen Afrika verstärkt ihreAufmerksamkeit (obwohl sich das gesamte amerikanischeWeiterwanderungsprogramm noch von den negativenAuswirkungen des 11. September 2001 erholen muss).Ein Projekt mit dem Namen „Neue Partnerschaft fürdie Entwicklung Afrikas“ (New Partnership for Africa’sDevelopment – NEPAD), dasdie nachhaltige Entwicklungfördern und so Frieden undStabilität auf dem Kontinentunterstützen soll, ist weltweitmit großem Beifall aufgenommenworden.1951-1955 ‘56-‘60 ‘61-‘65 ‘66-‘70 ‘71-‘75 ‘76-‘80 ‘81-‘85 ‘86-‘90 ‘91-‘95 ‘96-‘00 2003Algerier: Die ersten Flüchtlinge in Afrika.AM SCHEIDEWEGDoch zweifellos steht dasSchicksal Afrikas auf MessersSchneide.Der UN-FlüchtlingskommissarRuud Lubbers sagte:„Afrika steht erneut an einemScheideweg.“ Während „imwahrsten Sinne des Wortesim Feuer des Krieges Millionenvon Zivilisten starben,gibt es in manchen Ländernwie Sierra Leone oder Angolaund am Horn von AfrikaHoffnung“.David Lambo, Leiter der Afrika-Abteilung vonUNHCR, ist der Überzeugung, dass die Organisation beiden rein humanitären Problemen „etwas weiter ist als vorsechs Monaten. Das Licht am Ende des Tunnels wird einwenig heller. Es ist aber ebenso wahr, dass der Kontinenterneut an einem Scheideweg steht“.Warum scheint Afrika so verzweifelt und so vergessen,wo doch eine immer kleinere Welt Ländern wieAfghanistan und unlängst dem Irak – zumindest kurzfristig– so viel Aufmerksamkeit und Hilfe spendet?Der Kontinent bringt nach wie vor seine eigenenDespoten und fehlgeleitetenpolitischen Konzeptehervor. Die Ursachendes Übels liegenjedoch wesentlich tiefer.Afrika gilt immer nochals „ferner“ Kontinent,humanitäre Krisen spielensich „da unten“ ab,und in den Hauptstädtender Geberländer sowie in den Aufnahmeländern fürFlüchtlinge macht sich Verdruss über die immer neuenFlüchtlingsströme breit. Die Hilfe, die geleistet wird,reicht einfach nicht aus, und seine strategische Bedeutungscheint der Kontinent völlig verloren zu haben.Noch vor wenigen Jahren standen Länder wie Zaireund Angola wegen ihrer Öl- und Mineralienvorkommenhoch im Kurs. Inzwischen sind die kubanischen und dieweißen südafrikanischen Soldaten – einst als Stellvertreterder Supermächte ins Land gekommen – längst ausAngola abgezogen. Die Einmischung von außen wurdezum Katalysator für viele Probleme des Kontinents. Alsdie Fremden gingen, überließ man Afrika sich selbst,ohne die Hilfe zu leisten, die notwendig gewesen wäre,um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.Volkswirtschaften, die sichselbst tragen könnten, werdendurch Regelungen zum Zusammenbruchgebracht, die inweit entfernten Hauptstädtenaufgestellt werden. Die BauernAfrikas könnten ihren Beitragzur Ernährung der Weltbevölkerungleisten, doch unterlaufenAgrarsubventionen für Erzeugerin den Industrieländerneine der wenigen realen Möglichkeitendes Kontinents, ausdem Teufelskreis von ökonomischerVerelendung und Armutauszubrechen, der immerwieder aufs Neue Kriege undFlüchtlingsströme anfacht.Reiche Geber und internationaleInstitutionen habenMillionen US-Dollar für kurzfristigehumanitäre Hilfe ausgegeben,besonders, als Tausendevon Menschen vor den Fernsehkameras starben,wie es in Ruanda der Fall war. Sie zeigen jedoch wenigBereitschaft, die langfristige Entwicklung auf demKontinent zu fördern.Gesundheits- und Bildungswesen sowie die Sozialdienstebrechen zusammen. HIV/AIDS hat in vielen afrikanischenLändern epidemische Ausmaße erreicht. Alleinim Jahr 2001 sind über zwei Millionen Menschen andieser Krankheit gestorben. Weitere acht Millionen sindan leicht behandelbaren Erkrankungen wie Malaria, Masernund Durchfall gestorben. Bei dieser Sterblichkeitsratewäre die Bevölkerung eines europäischen Staatesmittlerer Größe wie Großbritannien oder Frankreich inweniger als einem Jahrzehnt vollkommen ausgelöscht.Afrika ist jedoch kein „ferner“ Kontinent mehr. ZehntausendeAfrikaner machen sich jedes Jahr auf den Wegzu den mehrere tausend Kilometer entfernten nördlichenUfern des Kontinents, wo sie sich auf unsicherenBooten einschiffen, um illegal nach Europa zu gelangen.David Lambo warnt: „Unter vielen Afrikanern herrschtein Gefühl der totalen Verzweiflung, und diese Menschen ÃUNHCR/S. WRIGHT/52414 FLÜCHTLINGE NR. 2/2003


Afrika auf einen BlickB Es gibt auf dem afrikanischenKontinent schätzungsweise15 Millionen Flüchtlinge, Binnenvertriebeneund andere entwurzelteMenschen. Mit einemveranschlagten Budget vonknapp 400 Millionen US-Dollarfür das Jahr 2003 will UNHCRfast 4,6 Millionen Menschenunterstützen.UNHCR/E. PARSONS/BW/TCD•2003B Die Unterstützung Afrikasdurch UNHCR hatte 1994 ihrenHöhepunkt erreicht, als dieOrganisation sieben MillionenFlüchtlingen half, von denenviele vor dem Völkermord inRuanda geflohen waren.B Im Jahr 2002 flohen mehr alseine Million Menschen aus ihrenWohnorten, während schätzungsweise600.000 Flüchtlinge undBinnenvertriebene mit Unterstützungvon UNHCR zurückkehrten.Allein in Angola kehrtenallerdings zusätzlich eine bis eineinhalbMillionen Binnenvertriebeneaus eigener Initiative an ihrefrüheren Wohnorte zurück.B Die größten FlüchtlingsgruppenAfrikas kamen aus denfolgenden Ländern: Burundi570.000, Sudan 490.000, Angola421.000, Demokratische RepublikKongo 395.000 und Somalia357.000.B Zu den afrikanischen Ländernmit den meisten Flüchtlingenzählen: Tansania 690.000,Demokratische Republik Kongo330.000, Sudan 328.000, Sambia247.000, Kenia 234.000 undUganda 217.000.B Seit dem Ende der Kolonialzeitwar Afrika Schauplatz einiger derlängsten und schlimmstenKonflikte weltweit. Der Sudanwurde durch einen Bürgerkriegzwischen dem überwiegend muslimischenNorden und dem animistischenund christlichenSüden zugrunde gerichtet, derpraktisch seit der Unabhängigkeitdes Landes im Jahr 1956 andauert.Schätzungsweise zwei MillionenMenschen wurden getötet,vier Millionen wurden innerhalbder Landesgrenzen vertrieben,und eine halbe Million floh in dieNachbarländer.Provisorische Unterkunft im Tschad.B Angola litt unter einemvergleichbaren Krieg, der in densechziger Jahren begann. Mindestenseine Million Menschenwurden getötet, vier Millionenwurden innerhalb der Landesgrenzenvertrieben, und weitere500.000 wurden zu Flüchtlingen.B Der Konflikt in der DemokratischenRepublik Kongo, der 1998seinen Anfang nahm, ist als„Afrikas erster Weltkrieg“bezeichnet worden. In diesenKrieg waren ein halbes DutzendArmeen verwickelt. Zwischendrei und fünf MillionenMenschen sollen gestorben sein,entweder direkt im Krieg oderdurch Krankheit und Unterernährung.Zwei Millionen Menschensind im Land selbst auf der Fluchtund 300.000 Menschen wurdenFlüchtlinge im Ausland.B Nach dem erneuten Ausbruchdes Bürgerkriegs in Liberia imJahr 1989 wurde ganz Westafrikadestabilisiert. Beinahe 70 Prozentder Bevölkerung dieses Landes,schätzungsweise 2,4 MillionenMenschen, wurden vertriebenund 150.000 getötet. Derbenachbarte Staat Côte d’Ivoire,der früher zu den Stabilsten aufdem afrikanischen Kontinentgehörte, stürzte gegen Ende desJahres 2002 ebenfalls in einenBürgerkrieg, durch den bis zu800.000 Menschen vertriebenwurden und weitere 400.000 zurFlucht aus dem Land gezwungenwaren.B Burundi ist eines der ärmstenund kleinsten Länder der Welt.Dennoch wurden dort in einemKonflikt, der sich über ein Jahrzehnthinzog, über 200.000 Menschengetötet und beinahe1 Million Menschen entwurzelt –fast 14 Prozent der Gesamtbevölkerung.B In politischer Hinsicht gab esauch ermutigende Entwicklungen.Nach der Unterzeichnung einesFriedensabkommens zu Beginn desJahres 2002 begann die Rückkehrnach Angola, und deren Tempodürfte sich in den kommendenMonaten noch beschleunigen. VorläufigeFriedensabkommen wurdenin Burundi und im Kongo unterzeichnet.Nach einem zehnjährigenBürgerkrieg in Sierra Leone hatauch dieses Land sich weiterstabilisiert.B Kriege und Vertreibungen sinddurch ökonomische und sozialeUmwälzungen angeheizt worden.Die Zahl der Menschen, die inAfrika südlich der Sahara in absoluterArmut lebt, wird in dennächsten Jahren wahrscheinlichvon 315 auf 404 Millionensteigen und den Kontinent zurärmsten Region der Welt machen.B Die Hälfte der Bevölkerung bestreitetihren täglichen Lebensunterhaltmit weniger als einemDollar. Über 50 Prozent habenkeinen Zugang zu sauberem Trinkwasser,und über zwei MillionenKleinkinder sterben jährlich, nochbevor sie ihren ersten Geburtstagerreichen.B Die Verbreitung von HIV/AIDShat in vielen Ländern epidemischeAusmaße angenommen.Allein im Jahr 2001 starben mehrals zwei Millionen Menschen andieser Krankheit. Acht Millionenweitere Menschen starben an Malaria,Masern, Tuberkulose undDurchfallerkrankungen.B Nach Angaben des Welternährungsprogrammsdrohtschätzungsweise 40 MillionenAfrikanern in Äthiopien, Eritrea,der Sahel-Zone und Westafrikader Hungertod.B Flüchtlinge sind Menschen, dieauf der Suche nach Sicherheit vorKrieg und Repressionen aus ihremLand geflohen sind. Binnenvertriebenesind aus denselben Gründen geflohen,aber innerhalb der Grenzenihres eigenen Landes geblieben.UNHCR unterstützt alle Flüchtlingeweltweit. Die Organisationbegann in den neunziger Jahrendamit, einem Teil der Binnenvertriebenenzu helfen. Aus diesem Grundsind Tabellen und Schaubilder zuArtikeln in dieser Ausgabe fürmanche Zeiträume gelegentlichnur für eine der beiden Gruppenverfügbar.FLÜCHTLINGE NR. 2/200315


UNHCR beginntseine Tätigkeit inAfrika im Jahr 1957.„DAS LICHTWIRD AM ENDEDES TUNNELSEIN WENIGHELLER. ES ISTABER EBENSOWAHR, DASSDERKONTINENTERNEUT ANEINEMSCHEIDEWEGSTEHT.“werdensich den Wegnach Europa und in anderewohlhabende Regionen derWelt notfalls mit Gewalt bahnen“.Afrika könnte sich auch als die entscheidendeSchwachstelle im Kampf gegen den internationalenTerrorismus erweisen. Flüchtlingslager und das Chaosin Ländern wie Somalia bieten nicht nur existierendenterroristischen Netzwerken wie El Kaida Schutz, sondernbringen auch neue Anhänger hervor. Ostafrika istbereits Schauplatz tödlicher Angriffe auf die Botschaftender USA in Kenia und Tansania geworden, und auchisraelische Touristen wurden in Kenia zur Zielscheibe.UNGLEICHBEHANDLUNGUnd dann gibt es noch den Verdacht der Ungleichbehandlung:Entwurzelte Afrikaner erhalten schlichtwegnicht gleich viel Hilfe wie Flüchtlinge in anderen Teilender Welt – ein Problem, das durch die Irak-Krise in denBlick geraten ist.Als der Krieg im Irak näher rückte, appellierte derafghanische Präsident Hamid Karsai an Washington:„Vergesst uns nicht, wenn es zum Krieg im Irak kommt.“Sein Land hatte die Invasion durch die Sowjetunionund den anschließenden Kampf der Supermächte ebensoerlebt wie Jahre der völligen Vernachlässigung vonSeiten einer desinteressierten internationalen Gemeinschaft,eine weitere Invasion von außen und schließlicherneute Beteuerungen, dass die Vergangenheit sich nichtwiederholen und der Westen Kabul dieses Mal nicht imStich lassen würde.Angesichts der allseits bekannten Regeln der Realpolitikwar Karsai nicht davon überzeugt, dass es wirklichso kommen würde.Auch für die Kritiker des heutigen Systems derhumanitären Hilfe hat sich der Irak-Krieg als Lackmustestdargestellt. Für sie hat er endgültig die Ungleichbehandlungbewiesen, nämlich, dass man im Nahen Osten massivmilitärische, wirtschaftliche und finanzielle Ressourcenfür Ziele einzusetzen bereit ist, die man ebenso inAfrika verfolgen könnte: Freiheit und Demokratie zu unterstützen,humanitäre Hilfe für eine verzweifelte Bevölkerungzu leisten und den Terrorismus zu bekämpfen.Das UN-System hatte dazu aufgerufen, für die humanitäreHilfe im Irak Mittel im Umfang von 2,2 MilliardenUS-Dollar bereitzustellen, der höchste je angeforderteBetrag. Diese Summe wäre zweifellos erreicht worden,hätte der Konflikt sich in die Länge gezogen.Im gleichen Zeitraum berichteten alle, die versuchten,Mittel für Afrika zu beschaffen, dass die traditionellenGeber zu Anfang des Jahres untätig verharrten undkeine anderen Verpflichtungen eingehen wollten, bisman wusste, wie sich der Krieg im Irak entwickelnwürde. Eine europäische Delegation bemerkte spitz:„Angola ist reich genug, um in diesem Jahr seineRückführungsaktion selbst zu finanzieren.“ EinMitarbeiter einer humanitären Organisation stelltedaraufhin laut und deutlich die Frage, ob dieseRegeln auch für irakische Flüchtlinge gelten würden.Afrikanische Kommentatoren wiesen auf die riesigen,aber menschenleeren Zeltstädte an den Rändern derirakischen Wüste hin, die auf Flüchtlinge warteten, dieniemals kamen, und verglichen den dafür betriebenenAufwand mit dem geringen Grad des Interesses und derBerichterstattung der internationalen Medien, als Zehntausendevon Menschen aus dem westafrikanischen StaatCôte d’Ivoire flohen.Der UN-Flüchtlingskommissar Lubbers betonte: „Ichbin besorgt, dass das Interesse am Irak das Interesse anAfrika verringert hat. Wenn man Geld für Afrikabraucht, werden die Mittel immer nur weniger, niemehr.“Prognosen lassen vermuten, dass das Afrika-Budgetvon UNHCR in diesem Jahr um mindestens 15 Prozentunterschritten wird, ein Betrag, der Lubbers zufolge„geringer ist als die Kosten für eine Stunde Krieg imIrak“. Er wird dennoch schmerzhafte Kürzungen beiProgrammen für Bildung, Selbstversorgung und anderegrundlegende Probleme erzwingen.Nach Schätzungen des Welternährungsprogramms(World Food Program – WFP) droht 40 Millionen Afrikanernder Hungertod. James Morris, Exekutivdirektordes WFP, teilte vor kurzem dem UN-Weltsicherheitsratmit: „Auch wenn es mir nicht gefällt, kann ich mich desGedankens nicht erwehren, dass es wirklich Ungleichbehandlunggibt. Wie kommt es, dass wir in Afrika einenGrad des Leidens und der Hoffnungslosigkeit einfach alsalltäglich hinnehmen, den wir in keinem anderen Teilder Erde akzeptieren würden. Wir können es dabei nichtbelassen.“Angesichts der Tatsache, das jede Familie zu Beginndes Irak-Krieges über einen Nahrungsmittelvorrat füreinen Monat verfügte, sagte Morris, dass es für Hungerleidende Afrikaner, „von denen die meisten Frauen und Ã16 FLÜCHTLINGE NR. 2/2003


Afrikas entwurzelte MenschenMarokkoAlgerien Tunesien LibyenWest-SaharaÄgyptenMauretanienSierraLeoneGuineaCôted’IvoireNigerNigeriaTschadZentralafrikanischeRepublikSudanEritreaÄthiopienLiberiaRepublikKongoDemokratischeRepublikKongoRuandaBurundiUgandaKeniaSomaliaTansaniaAngolaSambiaMalawi2.500.000500.000SimbabweMosambik5.000.000FlüchtlingeBinnenvertriebeneRückkehrerNamibiaSüdafrikaHauptaufnahmeländervonFlüchtlingenTansania 690.000Demokratische Rep. Kongo 330.000Sudan 328.000Sambia 247.000Kenia 234.000Uganda 217.000Guinea 182.000Algerien 169.000Äthiopien 133.000Republik Kongo 109.000


Flüchtlinge werden zu KämpfernMacht und Abenteuer statt Armut,Langeweile und Isolation – eine schwierige Entscheidungsschlachtum Herz und Geist der jungen GenerationSie kamen bei Sonnenaufgang mit Geldund Versprechungen auf Abenteuer,Macht und Frauen. In nur drei Stundenhatten sie im Flüchtlingslager Nicla imWesten von Côte d’Ivoire 150 junge liberianischeMänner als staatliche Söldner für die sogenannte „Lima“-Truppe rekrutiert.Jeder bekam 10.000 lokale CFA-Francs(17 US-Dollar), sie bestiegen einen der beidenLastwagen und verließen das Lager unter derFührung eines Kämpfers mit einem roten Piratentuch,der ein auf einem Jeep montiertes Maschinengewehrhin und her schwenkte. Denanderen Flüchtlingen, die die Szene verfolgten,sagten sie: „Wir wollen Geld. Hier sind wirnichts und haben nichts.“Nach der Ausbildung sollten die neuenSöldner auf der Seite der Regierung gegenandere Liberianer in den verschiedenen Rebellentruppenkämpfen, die in der besondersgefährdeten Grenzregion zwischen den beidenwestafrikanischen Staaten operierten.Nicla war früher ein verschlafenes kleinesNest auf dem Land wie viele andere ivorischeOrte auch. Es bot nur einem kleinen Teil dermehreren hunderttausend Flüchtlinge Zuflucht,die nach über einem Jahrzehnt immer neuerUnruhen aus dem benachbarten Liberia 35 Kilometerweiter westlich geflohen waren.Die große Mehrheit der Liberianer integriertesich schnell in die ivorischen Dörfer, statt inFlüchtlingslager zu gehen. Als Côte d’Ivoire imSeptember 2002 jedoch selbst vom Bürgerkriegerfasst wurde, mussten viele der entwurzeltenZivilisten aufs Neue fliehen. 6.000 bis 8.000drängten in das Lager Nicla, in die Sicherheiteiner Einrichtung mit internationaler Unterstützung,statt sich der Gefahr zunehmenderFremdenfeindlichkeit im Land auszusetzen.Angesichts der Nähe zu einer extrem instabilenGrenze, eines nahen Konflikts und einerAnsammlung einsatzfähiger weiblicher undmännlicher Flüchtlinge war es jedoch nichtüberraschend, dass das Lager stattdessen zueinem Tummelplatz für Rekrutierer wurde.Lager Nicla – Mahnung an Rekruten.Seit vielen Jahren kommt es immer wiederzum Widerstreit zwischen humanitären Idealenund militärischen Interessen – Nicla ist nureines der jüngsten und offensichtlichstenBeispiele.Schätzungsweise 300.000 Kindersoldaten,davon allein 3.000 in Côte d’Ivoire, dienenheute in Armeen und Milizen auf der ganzenWelt. Ein Teil von ihnen kommt direkt ausFlüchtlingslagern. Eine unbekannte Zahl älterer,aber immer noch besonders schutzbedürftigerjunger Menschen ist hier ebenfalls rekrutiertworden. Vor allem Mädchen sind gefährdet, dieals Trägerinnen und/oder Sexsklavinnen missbrauchtwerden.Die nationalen Regierungen, nicht diehumanitären Organisationen sind für die Sicherheitvon Flüchtlingslagern verantwortlich. Wennsie wirkliche Sicherheit jedoch nicht schaffenkönnen oder wollen, stehen Organisationenwie UNHCR oder die Caritas, die ebenfallsin Nicla vor Ort ist, vor schwierigen Entscheidungen.Als Mitte der neunziger Jahre über eineMillion Ruander vor dem Völkermord in ihremLand flohen, benutzten die gefürchtetenInterahamwe-Milizen die Flüchtlingslager imdamaligen Ostzaire nicht nur zur Rekrutierung,sondern auch als Ausgangspunkt für ihreGegenangriffe auf Ruanda. Angesichts deszerfallenden staatlichen Sicherheitsapparatsrief UNHCR die UN-Mitgliedstaaten ohneErfolg zu militärischer Unterstützung auf undbezahlte schließlich für eine eigene Sicherheitstruppe– mit mäßigem Erfolg.Letztlich musste die umstrittene Entscheidunggetroffen werden, ob man weiterHunderttausende echter Flüchtlinge versorgensollte, obwohl man wusste, dass dieKämpfer aus dieser Hilfe und der internationalenhumanitären Präsenz ihren Vorteilzogen.Seit Monaten hat UNHCR an „Lösungen“für Nicla gearbeitet. Diese reichen von lokalenBildungsprogrammen und kleinen Selbsthilfeprojektenbis zu dem Versuch, das Lager ausdem unmittelbaren Kampfgebiet zu verlegenund andere Länder zu bitten, die schutzbedürftigstenLiberianer zur dauerhaften Ansiedlungaufzunehmen.WILDER WESTENObwohl die Flüchtlinge den Ort „Stadtdes Friedens“ nennen, erinnert er eher an denWilden Westen.Es ist ein erschreckender Anblick, wenn Dutzendelaut johlender Jugendliche, begleitet vondem unvermeidlichen Mann mit Maschinengewehrund rotem Piratentuch, am helllichten Tagauf Lastwagen durch das Lager kurven (Rekrutierungsaktivitätendieser Art finden in anderenLagern oft versteckter statt, unter dem Schutzder Dunkelheit).ES GIBT WEDER ARBEIT NOCH GELD FÜR SIE, DAFÜR ABER IMMER MEHR ARMUT, WENIG BILDUNG UNDKAUM ETWAS ZU TUN – NUR LÄHMENDE LANGEWEILE, WACHSENDE RESSENTIMENTS UND ANGST.UNHCR/R.WILKINSON/CS/CIV•200318 FLÜCHTLINGE NR. 2/2003


Schusssalven unterbrechen immer wiederden Alltag, wenn die „Soldaten“ in das Lagerzurückkehren, um ihre Familien zu besuchen.Kürzlich verließ eine Gruppe von Schulkindernihr Klassenzimmer voller Panik durch Türenund Fenster, als Kugeln um das Schulgebäudesausten.Den Flüchtlingen zufolge steht ihr Lebenunter solchen Bedingungen ständig auf MessersSchneide. „Schon die Tatsache, dass ich jetztmit Ihnen spreche, könnte mich das Leben kosten“,sagt ein Flüchtling, der seine Identitätnicht preisgeben will. „Hier ist es wie auf einemgewaltigen Viehmarkt“, beklagt sich ein andererFlüchtling bei einem Mitarbeiter der Lagerverwaltung.„Was geschieht, wenn es zu einemMassaker kommt? Sie werden am Morgen indas Lager kommen (UNHCR-Mitarbeiterübernachten nicht im Lager), um die Toteneinzusammeln. Und das werden wir sein.“Weshalb das Militär für junge Flüchtlingeattraktiv ist, lässt sich leicht nachvollziehen.Ivorer, die einst den Liberianern freundlichbegegneten, sehen diese nun als Rebellen.Bestimmte Gebiete in der Umgebung von Niclawerden gemieden. Im Lager, abgekapselt vonder Außenwelt, gibt es weder Arbeit noch Geldfür sie, dafür aber immer mehr Armut, wenigBildung und kaum etwas zu tun – nur lähmendeLangeweile, wachsende Ressentiments undAngst.Unter solchen Bedingungen können vielezu dem Schluss kommen, dass ihnen keineAlternative bleibt, als sich rekrutieren zu lassen.Andere suchen die Aufregung und die nackteMacht, über die jeder verfügt, der eine Waffehat.Junge Mädchen werden auf anderen Wegenrekrutiert und sind auf andere, indirektere Artund Weise betroffen. Manche können sichdurch die weit verbreitete Prostitution etwasverdienen, indem sie sich an die jungenKämpfer verkaufen, die plötzlich zu Geldgekommen sind. Es gibt sexuellen Missbrauch(ein zwölfjähriges Mädchen wurde vor kurzemzu neuen Pflegeeltern gegeben, weil sie vonMännern rituell missbraucht wurde), dochandere Mädchen, die eigentlich die Schulebesuchen sollten, schließen sich aus eigenemAntrieb den Trinkgelagen in den sechs odersieben Bars im Lager an und werden freiwilligFreundinnen der Kämpfer.Jette Isaksen hat in Ruanda, Afghanistan, imKosovo und in Liberia gearbeitet. Ihr jetzigerEinsatzort in Nicla, wo sie täglich das Lagerbesucht, unterscheidet sich jedoch von allihren anderen Einsätzen in Krisengebieten.„Ich habe noch nie so viel Angst gehabt wiehier“, sagt sie bei ihrem Rundgang durch dasLager. „Mir gefällt die Atmosphäre nicht.“ BUNHCR/A. HOLLMANN/CS/DZA•1998Sahrauische Flüchtlinge in Algerien.Kinder sind, ein unglaublicher Segen wäre, für einenganzen Monat Nahrung zu haben“.BENACHTEILIGTWerden die Afrikaner also ungerecht behandelt? DieSummen zu vergleichen, die in verschiedenen Teilen derWelt für jeden Flüchtling aufgebracht werden, ist eineunsichere Sache. Ein solcher Vergleich spiegelt nicht unbedingtden „effektiven“ Umfang der Hilfe wider, die einMensch erhält. Beispielsweise können die Kosten für denBau von Unterkünften auf dem Balkan höher sein als inAfrika, was jede direkte Gegenüberstellung von Dollarbeträgenpro Flüchtling verzerren würde.UNHCR hat jedoch einen Mindeststandard der Unterstützungfestgelegt, die jeder Flüchtling erhalten sollte.Selbst diese grundlegenden Fixpunkte im Hinblick auf Lebensnotwendigkeitenwie Nahrung, Wasser und Unterkunftwerden in Afrika jedoch immer wieder unterschritten,weil es an finanziellen Mitteln und Personal fehlt.Das Welternährungsprogramm hat für mancheFlüchtlingslager die Rationen, die ohnehin bereits an dieseruntersten Mindestgrenze lagen, noch einmal halbierenmüssen. Vertriebene am Horn von Afrika, in den heißenSommermonaten einer der unwirtlichsten Orte der Welt,sollten jeden Tag mindestens 20 Liter Wasser erhalten.Trotzdem mussten einige in der Krise der neunzigerJahre mit weniger als drei Litern täglich überleben.Vergleichbare Knappheiten gibt es auch heute. Inmanchen Lagern erhalten nur etwa 30 Prozent der Kinderirgendeine Form von Schulbildung.Nach Auskunft von Jeff Crisp, dem Leiter der UNHCR-Evaluierungsabteilung, verschlechtern sich die ohnehinschon schrecklichen Bedingungen in manchen Lagern, jelänger sie bestehen. Ursachen hierfür seien der allgemeine„Überdruss“, der bei Langzeitkrisen eintrete, und dieUmleitung knapper Mittel zu anderen Projekten.UNHCR hat jetzt mit einer umfassenden Einschätzungder Finanzierungslücken zwischen den festgelegtenMindestzielvorgaben und der Realität vor Ort begonnen.Mit Blick auf den gesamten Kontinent ist dabei nichtzu vergessen, dass die Bedingungen sich je nach Regionstark unterscheiden. Die Erhebung erfasst zudem nur ÃDER SCHLIMMSTEALBTRAUM, DENSICH EINFLÜCHTLINGVORSTELLENKANN, IST FÜRDIE 26-JÄHRIGEABIGAILREALITÄT. SEITDEMDREIZEHNTENLEBENSJAHR WARSIE STÄNDIG AUFDER FLUCHT UNDAUF DER SUCHENACH EINEMSICHERENZUFLUCHTSORT.… STATTDESSENGERIET SIEIMMER WIEDERIN EINEN NEUENKRIEG.FLÜCHTLINGE NR. 2/200319


AFRIKA AM ABGRUNDFlüchtlinge in festen Lagern oder Durchgangslagern,nicht jedoch diejenigen, die zusammen mit der einheimischenBevölkerung leben.Die Lager Kakuma und Dadaab in Kenia gehören zuden größten Lagern in Afrika mit insgesamt 180.000Menschen. Die Erhebung zeigte, dass selbst so einfacheDinge wie Decken, Kanister und Kochutensilien ingrößerer Menge zum letzten Mal vor sieben Jahren verteiltwurden und die damals ausgegebenen Gegenständevermutlich längst nicht mehr zu gebrauchen sind. DerBericht warnte: „Die ausbleibende Erneuerung (solcherGebrauchsgegenstände) wird die ohnehin heikle Lage inden Lagern weiter verschlimmern. Das kann zum Ausbruchvon verschiedenen Krankheiten führen, die durchKälte, fehlende hygienische Einrichtungen usw. verursachtwerden.“In Dadaab, wo die Temperaturen im Sommer auf über40 Grad steigen, erhalten die Flüchtlinge momentan17 Liter Wasser pro Tag, mit dem sie jedoch auch ihr Viehversorgen müssen. Es gibt nur eine Toilette für jeweils 275Schüler an der Schule, obwohl eigentlich eine Toilette pro20 Schüler verfügbar sein sollte. 144 Kinder teilen sich einGewalt und Unruhen seit der UnabhängigkeitBurundi steht erneut an einem ScheidewegAuf der Flucht in das Nachbarland Tansania.Seit 30 Jahren wird das Land von gewaltsamenKonflikten erschüttert.Obwohl Burundi eines der kleinstenLänder Afrikas ist, sind in dem innerafrikanischenStaat allein im letzten Jahrzehnt150.000 Menschen getötet und weitere1,5 Millionen entwurzelt worden. Die Welt hatsich kaum dafür interessiert.Wie der gesamte Kontinent, so steht auchBurundi heute erneut an einem Scheideweg.Nach Jahren geduldiger Diplomatie, erst vonSeiten des verstorbenen StaatspräsidentenTansanias Julius Nyerere und später des ehemaligensüdafrikanischen StaatspräsidentenNelson Mandela, konnte eine nationale Übergangsregierungeingerichtet werden. Derendreijährige Regierungszeit ist Anfang Mai zurHälfte abgelaufen.Angesichts dieses Ereignisses übergabStaatspräsident Pierre Buyoya, ein Angehörigerder Volksgruppe der Tutsi, sein Amt – daser 1996 durch einen Coup erlangt hatte – anseinen Vizepräsidenten Domitien Ndayizeyevon der Volksgruppe der Hutu.Die beiden Bevölkerungsgruppen kämpfenum die Macht, seitdem das Land 1962 die Unabhängigkeiterlangte. Eine friedliche Machtübergabewar seitdem ein seltenes Ereignis.Die Zukunft des Landes und seiner sechsMillionen Einwohner hängt nun vom Erfolgdes neuesten Versuchs ab, einen dauerhaftenFrieden zu schaffen.Selbst in der Übergangsphase gab es unterschiedlicheSignale. In manchen Teilen desLandes kam es weiterhin zu Zusammenstößenzwischen der von den Tutsi dominiertenUNHCR/L.TAYLOR/CS/TZA•2002Armee und den beiden wichtigsten Rebellengruppender Hutu, den Kräften für die Verteidigungder Demokratie (Forces for theDefense of Democracy – FDD) und den NationalenBefreiungskräften (National LiberationForces – NLF).DIE GRÖSSTE FLÜCHTLINGS-BEVÖLKERUNGDie Burundier bilden die größte geschlosseneFlüchtlingsbevölkerung in Afrika. Etwa570.000 Zivilisten sind offiziell als Flüchtlingeanerkannt worden. Die meisten von diesenleben im benachbarten Tansania. Mehrerehunderttausend Menschen haben zudem seitJahrzehnten im Ausland gelebt und werdenoffiziell gar nicht statistisch erfasst.In dem seltsamen politischen KlimaZentralafrikas, in dem nichts unmöglichscheint, sind noch während der Verhandlungenund Kämpfe, die gleichzeitig stattfanden,schätzungsweise 40.000 Burundier in friedlicheLandesteile zurückgekehrt. Gleichzeitigfloh parallel dazu an anderen Orten einevergleichbar hohe Zahl von Menschen vorden andauernden Kämpfen, um Zuflucht ineinem Nachbarstaat zu suchen.UNHCR hat die langfristigen Chancenauf eine friedliche Lösung auch durch denBau von Gesundheitszentren und Schulenfür Flüchtlinge und einheimische Gemeinschaftenzu verbessern versucht. Sie unterstütztdie besonders Hilfsbedürftigenebenso wie ältere Menschen und bemühtsich sogar um die Einrichtung eines „mobilenGerichts“, das durch den Norden Burundisreisen soll, um Streitigkeiten zwischen Einheimischenund heimkehrenden Flüchtlingenbeizulegen. B20 FLÜCHTLINGE NR. 2/2003


©PANOS/S. TORFINNUnterwegs im Sudan.Klassenzimmer, und auf einen Lehrer kommen beinahe60 Schüler. Wegen der Mittelknappheit wird diese Lückein nächster Zukunft auch nicht gefüllt werden können.Dem Bericht zufolge wird UNHCR „seine Pflicht verletzthaben, sich um die Grundrechte des Kindes auf Grundschulbildungzu kümmern“.75 Prozent aller schwangeren Frauen leiden unterAnämie. Der jedem Flüchtling zur Verfügung stehendePlatz beträgt weniger als drei Quadratmeter, währendder Mindeststandard bei 3,5 Quadratmetern liegt, „unddie Unterkünfte sind in einem erschreckenden Zustand“.Im Bericht wurde hinzugefügt, dass „das Versäumnis, dieLebensbedingungen der Flüchtlinge zu verbessern …ihren Schutz vor Atemwegserkrankungen und anderenKrankheiten behindern würde sowie ihre Privatsphäreverletzen und ihre seelische Stabilität gefährden könnte“.KAMPF UM MITTELAbgesehen von spektakulären Krisen wie der im Irakwird es immer schwieriger, von den traditionellenGebern in den Industrieländern Mittel zur Unterstützungder fast 20 Millionen Menschen zu erhalten,denen UNHCR auf der ganzen Welt hilft.Manche Kritiker haben den Vorwurf erhoben, dassdie humanitären Organisationen selbst zu den FinanzproblemenAfrikas beigetragen hätten, indem sie nur dasangeben, was ihrer Meinung nach die Geber zu geben bereitsind, statt den tatsächlichen Bedarf vor Ort realistischzu schätzen – was letztlich hieße, dass sie selbst denBedarf herunterreden.Vor drei Jahren sagte Julia Taft, damals stellvertretendeamerikanische Außenministerin in der Abteilung fürBevölkerung, Flüchtlinge und Migration und damitranghöchste amerikanische Beamtin für Flüchtlingsfragen,gegenüber dieser Zeitschrift: „Die unterschiedlicheBehandlung von Flüchtlingen im Kosovo undbeispielsweise in Guinea war für uns alle vollkommeninakzeptabel. Man kann nicht 20 Millionen Dollar für500.000 Flüchtlinge aus Sierra Leone aufwenden unddann 240 Millionen für die gleiche Zahl im Kosovofordern. Das ist weder fair noch richtig.“Taft skizzierte im Anschluss daran einen Ansatz, aufden Washington seither in allen Diskussionen überMittel für Afrika gedrängt hat: „Nötigenfalls sollten dieGeber angeprangert werden. UNHCR sollte sagen, wieviel Geld das Amt braucht, und die Geber zwingen zusagen: „Das können wir uns nicht leisten.“ Man darf abernicht die Messlatte bei dem anlegen, was die Geber nachEinschätzung der Organisationen zu zahlen bereit sind.“Dennoch hat sich kaum etwas geändert, und dieMittel sind insgesamt weiter geschrumpft. Jedes Jahrmüssen die regionalen Büros in einem schmerzhaftenProzess um jeden knappen Dollar kämpfen und feilschen.Einer der jüngst in Westafrika eingetroffenen Mitarbeiter,der an diese Auseinandersetzungen noch nicht gewohntwar, kam regelrecht traumatisiert aus seiner erstenSitzung über die Mittelverteilung: „Das Büro vor Ort hattein seinen Berechnungen ursprünglich 185 US-Dollar fürjeden Vertriebenen zu Grunde gelegt, dem geholfenwerden sollte“, erinnert er sich. „Dieser Betrag wurde auf70 US-Dollar reduziert. Schließlich haben wir unsirgendwo in der Mitte getroffen. Ich habe mich wie ineinem Basar gefühlt, in dem man um einen Teppichfeilscht, und nicht wie jemand, der Menschenleben zuretten versucht.“HOFFNUNG UND VERZWEIFLUNGWestafrika ist ein Mikrokosmos – der Hoffnung wieder Verzweiflung, die den gesamten Kontinent beherrschen.Die Region ist eine Mahnung dafür, wie schnell dieLage selbst in den stabilsten Gesellschaften außer Kontrollegeraten kann. Umgekehrt zeigt sie aber auch, dassein Land mit angemessener Hilfe wieder auf den richtigenWeg gebracht werden kann.Im Jahre 1998 wurde ein Dorfschneider und Vater vonsieben Kindern, Alie K., von Rebellen in Sierra Leone gefangengenommen. In einem schrecklichen Ritual, das indem ein Jahrzehnt währenden Bürgerkrieg alltäglichwerden sollte, schlugen ihm die Guerillas seine linkeHand ab. „Drei von ihnen waren es, einer hielt mich mitdem Gewehr in Schach, die anderen schlugen sie mir ab“,erinnert sich Alie später. „Ich riss den Rest der Handselbst ab und warf ihn weg, weil ich sie nicht festhaltenkonnte, während ich rannte“, sagte er.Solche Gräueltaten wurden Alltag. Dennoch ist heute,in einem bemerkenswerten Umschwung nach zehnJahren des Bürgerkrieges, der 2002 endete, ein fragilerErholungsprozess erreicht worden. Eine zivile Regierungwurde gewählt, die Polizei und das Militär werden neuaufgebaut, und etwa 14.000 UN-Soldaten tragen dazu bei,den Frieden zu sichern. UNHCR und andere humanitäreOrganisationen halfen in den letzten zwei Jahren über ÃZWEI MILLIONENMENSCHENSTARBEN 2001 ANHIV/AIDS. WEITEREACHT MILLIONENSIND AN LEICHTBEHANDELBARENERKRANKUNGENWIE MALARIA,MASERN UNDDURCHFALLGESTORBEN. BEIDIESER STERB-LICHKEITSRATEWÄRE DIEBEVÖLKERUNGEINES EURO-PÄISCHEN STAATESMITTLERER GRÖSSEIN WENIGER ALSEINEM JAHRZEHNTVOLLKOMMENAUSGELÖSCHT.FLÜCHTLINGE NR. 2/200321


©S. SALGADO•ZREUNHCR HAT EINENMINDESTSTANDARDDERUNTERSTÜTZUNGFESTGELEGT, DIEJEDER FLÜCHTLINGERHALTEN SOLLTE.SELBST DIESEGRUNDLEGENDENFIXPUNKTE IMHINBLICK AUFLEBENSNOTWENDIGEDINGE WIENAHRUNG, WASSERUND UNTERKUNFTWERDEN IN AFRIKAJEDOCH IMMERWIEDERUNTERSCHRITTEN.220.000 Flüchtlingen und mehreren hunderttausendBinnenvertriebenen bei der Rückkehr nach Sierra Leone.Dazu zählten auch etwa 26.000 Flüchtlinge, die bisjetzt in diesem Jahr zurückgekehrt sind.Außerdem wurde das Projekt der so genannten „4R“eingeleitet. Der UN-Flüchtlingskommissar Ruud Lubbersnennt diese Initiative den Versuch, in den vierHauptphasen der Rückkehr von Flüchtlingen – Rückführung,Reintegration, Wiederherstellung der Infrastrukturund Wiederaufbau – die Hilfe von Regierungen,humanitären Organisationen und Entwicklungshilfeorganisationennahtlos zu gewährleisten. Mancher frühereFlüchtlingseinsatz litt unter Unterbrechungen in derKette der Hilfeleistungen. Diese berüchtigte „Lücke“drohte in vielen Fällen, einen gesamten Friedensprozesszu untergraben oder neue Flüchtlingswellen auszulösen.Wenn UNHCR seine eigene Beteiligung in SierraLeone im Jahr 2005 ausklingen lässt, nachdem die Organisationdort zwischen 80 und 100 MillionenUS-Dollaraufgewendet hat, werden Entwicklungshilfeorganisationenwie die Weltbank übernehmen, um den langfristigangelegten Wiederaufbau weiterer Schulen, Ambulanzenund von Teilen der Infrastruktur zu beschleunigen.Sierra Leone hat vor kurzem eine Wahrheits- undVersöhnungskommission eingesetzt, ähnlich dem Gremium,das in Südafrika zur Überwindung des Traumasund zur Ahndung der Verbrechen aus der Zeit derApartheid beigetragen hat. Staatspräsident Ahmed TejanKabbah zufolge werde die Kommission „einen therapeutischenBeitrag zum Friedensprozess leisten, um dasTrauma und die emotionalen Wunden des bewaffnetenKonflikts heilen zu lassen“.Der erste Zeuge vor dieser Kommission, Tamba Finnog,beschrieb, wie er entführt und ihm sein rechter Arm abgeschlagenwurde. Dann aber fügte er hinzu: „Ich habe alldas hinter mir gelassen und bin bereit, zu vergeben.“DER SCHLIMMSTE ALBTRAUMIm Vergleich dazu ist für die 26-jährige Abigail derschlimmste Albtraum, den sich ein Flüchtling vorstellenkann, immer noch Realität. Ihr Fall zeigt, wie schnell dieDinge in Afrika eine fatale Entwicklung nehmen können.Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr war sie ständig aufder Flucht und auf der Suche nach einem sicheren Zufluchtsort.Diesen Ort hat sie nie gefunden; immer wiedergeriet sie in einen neuen Krieg.Als Jugendliche floh sie 1990 aus Liberia, als das Landin die neueste Phase seines Bürgerkriegs eintrat. Zu Fußzog sie die Küste am Golf von Guinea entlang, wo überallKrankheiten herrschten, und gelangte schließlich in dieHauptstadt des Nachbarstaats Côte d’Ivoire. Ein Jahrzehntzuvor war Abidjan der Inbegriff des postkolonialenafrikanischen Traums, eine Stadt mit glitzerndenBürohochhäusern, eleganten französischen Restaurants,gepflegten Diplomaten, blühender Wirtschaft und dereinzigen Eislaufbahn von ganz Schwarzafrika, die amRande von alten Mangrovensümpfen lag.Liberianische Flüchtlinge und Hunderte von Gastarbeiternaus den Nachbarstaaten trugen zum wirtschaftlichenAufschwung des Landes bei, lebten aberunter weit weniger angenehmen Bedingungen in einerReihe von Slums um Abidjan.Abigail konnte ihre Ausbildung abschließen undwurde Lehrerin in der Stadt Tabou, die in der Nähe derGrenze zwischen den beiden Ländern liegt. Im letztenJahr jedoch löste sich der ivorische Traum, der seit Jahrenimmer fadenscheiniger wurde, in Nichts auf, und es kamzum Bürgerkrieg zwischen der Regierung und denMilitärrebellen.Das Unvorstellbare geschah: Liberianische Flüchtlinge,ivorische Staatsbürger und Gastarbeiter flohenvoller Panik aus dem Land. Beinahe 100.000 gingen nachLiberia, obwohl dort immer noch der Bürgerkrieg wütete.22 FLÜCHTLINGE NR. 2/2003


Die Bedingungen für Flüchtlinge in Afrika sind sehrviel schlechter als in Europa.NEUE ERWARTUNGENPanos Moumtzis, ein Veteran aus früheren Flüchtlingskrisenwie denen nach dem ersten Golfkrieg, in Somaliaund im ostafrikanischen Seenhochland Mitte derneunziger Jahre, hatte sich auf seinen neuen Job in Abidjangefreut. „Ich hatte ein gutes Gefühl. Einmal in demganzen Elend würde das ein positiver Einsatz sein.“An der Küste in Tabou hegte die neue Leiterin desFlüchtlingsbüros, Anne Dolan, die ebenfalls in vielenFlüchtlingskrisen Erfahrung gesammelt hatte, die gleicheHoffnung wie er.„Es sollte ganz anders kommen“, sagte Anne Dolanspäter.Eine bunte Karte der VereintenNationen erzählt die Geschichte desKongo. Sie ist ein Flickenteppich ausGelb-, Grün-, Blau-, Rosa- und sogarZartrosatönen und stellt die Wirklichkeitanschaulich dar – lauter Gebiete, die von derRegierung und den verschiedensten Splittergruppenkontrolliert werden. Ein Querstreifen– eine so genannte entmilitarisierte Zone – teiltdas Gebiet, das offiziell als DemokratischeRepublik Kongo bekannt ist und das seit fastfünf Jahren vom Krieg erschüttert wird.Das International Rescue Committee mit Sitzin Washington hat jüngst die Zahl der Opfer desKonflikts beziffert: Schätzungsweise 3,3 MillionenMenschen gingen in einem Krieg zugrunde, in denzeitweise Militärs aus den sechs umliegendenLändern verwickelt waren. Die Organisationnannte diesen Krieg „den tödlichsten bekanntenKonflikt in der Geschichte Afrikas“.Aber wie viele der Langzeitkriege Afrikaswurde auch er von der Welt weitgehendignoriert, während das Blutvergießen unvermindertweiterging.Côte d’Ivoire hatte zeitweise etwa 200.000 liberianischeFlüchtlinge aufgenommen. Viele waren vomGründungsvater der Nation, Staatspräsident FelixHouphouet-Boigny, als „Brüder und Schwestern in Not“willkommen geheißen worden und hatten sich in dielokalen Gemeinschaften integriert. Es gab nur ein kleinesFlüchtlingslager, Nicla, mit Platz für etwa 3.000 Menschen.In dieser scheinbar so positiven Umgebung gingenMoumtzis und Dolan davon aus, dass sie sich auf Projektezur Förderung von Integration, Bildung und Selbsthilfewürden konzentrieren können, „auf etwas, das im Unterschiedzu all dem Leid und dem Sterben in den anderenKrisen wirklich einmal positiv und befriedigend seinwürde“.In der Nacht vom 18. zum 19. September erwachteMoumtzis in der Hauptstadt durch das Geräusch vonSchüssen – der Beginn eines Konflikts, der das einst stabileLand in den Abgrund stürzen und nicht nur das Lebender Flüchtlinge verändern sollte, die dort Zufluchtgefunden hatten, sondern auch das Leben von vielenZehntausenden Einheimischen und Gastarbeitern ausden Nachbarländern.„Die UNHCR-Hilfseinsätze wurden gewissermaßenüber Nacht vollständig umgestellt“, sagt Moumtzis. „DerBau von Schulen, Ambulanzen, Infrastruktur, Integrationshilfefür Flüchtlinge, all das war plötzlich vorbei. WirDer schlimmste Krieg AfrikasAllen entwurzelten Menschen im Herzen des afrikanischenKontinents zu helfen, könnte sich als unmöglich erweisenUNHCR/R. CHALASANI/CS/YUG•2001Die Kombattanten haben jetzt eine Reihevon Friedenspakten unterzeichnet, die meistenTruppen ausländischer Staaten haben sichzurückgezogen, und die Vereinten Nationenhaben eine winzig kleine Streitmacht von4.300 Soldaten entsandt, die den fragilenFrieden stabilisieren soll.DIE HUMANITÄRE TRAGÖDIEEtwa zwei Millionen Zivilisten aus demKongo wurden während der jüngsten Verwerfungeninnerhalb des Landes vertrieben.Weitere 400.000 haben den Kongo ganzverlassen und in den Nachbarländern Zufluchtgesucht.Einige dieser Aufnahmeländer befandensich jedoch ebenfalls im Kriegszustand. Ineinem tragischen Austausch des Elends flohen330.000 Menschen aus Angola, Uganda, derbenachbarten Republik Kongo, Burundi,Ruanda und der Zentralafrikanischen Republikin die Demokratische Republik Kongo – aufder Suche nach Hilfe in einem Land, das vieleandere gleichzeitig zu verlassen suchten.Was die humanitäre Seite anging,so schuf UNHCR in derDemokratischen Republik Kongoein Netz von insgesamt zehn Büros.Die dort tätigen Mitarbeiter undihre Kollegen in den Nachbarstaatenhatten die Aufgabe, den unglücklichenMenschen zu helfen, deren Wege sich wiederholtebenso untereinander wie mit den Staatsgrenzenkreuzten und die schließlich in derMehrheit in ihre Heimatdörfer zurückkehrten.Gruppen von Flüchtlingen sind überZehntausende von Quadratmeilen eines oftundurchdringlichen Regenwaldes und derGrassavanne zerstreut. Es gibt praktisch keineStraßen, selbst an einfachsten Sicherheitsvorkehrungenfehlt es meist, und immerwieder kommt es zu Massakern. Jede Wochetauchen aus dem geheimnisvollen Herzen desKontinents neue Reste einer Armee ruandischerFlüchtlinge auf, die vor fast neun Jahrenvor dem Völkermord in Ruanda in diese Wäldergeflohen waren.Ein großer Einsatz zur Rückführungvon Tausenden von Angolanern wird in diesemJahr beginnen, aber angesichts so gewaltigerSchwierigkeiten könnte es sein, dass derhumanitäre Gesamtauftrag nicht erfüllt werdenkann und viele Flüchtlinge nicht gerettetwerden können. BFLÜCHTLINGE NR. 2/200323


Der Weg über die GrenzeAm Schlagbaum entscheidet sich das Schicksal vonMillionen von MenschenEs ist das letzte und größte Hindernis,das zwischen Angst, Chaos und dermöglichen Rettung liegt. Jeder derüber 50 Millionen Flüchtlinge, denenUNHCR seit 1951 geholfen hat, hat diese Hürdeüberwunden. Viele andere haben es versuchtund sind gescheitert.Die „normalen“ Reisenden und Touristen,die jeden Tag ohne nennenswerte BeeinträchtigungenGrenzen überqueren, haben kaumeine Vorstellung davon, welch ungeheureBarriere der Angst der Schlagbaum für einenpotenziellen Flüchtling bedeutet. Die Abweisungkönnte erneute Verfolgung bedeuten,Hunger oder sogar den Tod in dem Land, ausdem sie zu fliehen versuchen, ein „Ja“ dagegendie Chance auf Zuflucht und darauf, ein neuesLeben beginnen zu können.Menschen auf der Flucht überquerenGrenzen heutzutage in glitzernden Flugzeugen,schnittigen Zügen, mit dem Auto oder inLastwagen. Menschenschmuggler haben dasGeschäft mit dem Transport von Menschen aufder Flucht in ein den gesamten Globusumspannendes Milliardengeschäft verwandelt.Afrikaner nehmen oft den altmodischenWeg. Sie gehen zu Fuß oder werden von altersschwachenBussen mitgenommen, die oft Tagebrauchen, bis sie an einen Grenzüberganggelangen – häufig eine kleine Bude mit einereinsamen Schranke quer über dem Weg odereine unzugängliche natürliche Grenze wie einFluss. Dort kann ihnen größte Freundlichkeitebenso begegnen wie der offizielle Spießrutenlaufin Form von endlosen Verzögerungenund finanziellen oder sexuellen Schikanen.Sie gehen in kleinen Gruppen fort oder inMassen, wie dies beispielsweise 1994 währenddes Exodus aus Ruanda der Fall war, als täglichmehrere hunderttausend Menschen in Ostzaireeintrafen.ABSEITS DER GROSSEN WEGENero ist ein gesichtsloser Grenzübergangam Fluss Cavally zwischen Liberia undCôte d’Ivoire, mehrere Stunden entfernt vonder großen asphaltierten Straße, getrenntdurch ein Labyrinth von Palmölplantagen undRegenwald. Er ist schwer zu finden, selbst wennman gezielt nach ihm sucht. Eine Bambusschranke,ein offener Unterstand und einEmpfangsbereich mit Lehmboden sind alles,was es dort gibt. Hundert Meter weiter jenseitsUNHCR/R. WILKINSON/CS/CIV•2003Gepäckdurchsuchung an der ivorischen Grenze.des träge dahinfließenden Flusses hängt dieliberianische Flagge schlaff in der Hitze.Vor einigen Monaten flohen mehrere zehntausendLiberianer, Ivorer und Gastarbeiter vordem Chaos, das in Côte d’Ivoire ausbrach, umauf das nicht minder gefährliche Territoriumvon Liberia zu gelangen. Zwischen zwei Kriegengefangen, beginnen nun manche wiederzurückzukehren.Die Lage ist verwirrend. Ein Ivorer sagt, dieGrenze sei geschlossen, ein anderer, sie seioffen. Die „offizielle Seite“ wird durch ein paarabschreckende „Junge Patrioten“ repräsentiert,Angehörige einer zusammengesammelten Regierungsmiliz,die als Wachpersonal an Kontrollpunktenauf Straßen und an Flüssen eingesetztwird. Sie sind mit uralten Gewehren, Machetenund Messern bewaffnet, und einer von ihnenträgt das schwarze Abendkleid einer Frau.Vertreter der liberianischen Seite kommenzu einer Lagebesprechung mit einem Kanu überden 100 Meter breiten Fluss. Auch dieliberianische Grenze ist geschlossen worden,obwohl sich 50 bis 60 Zivilisten angesammelthaben, die vor einem Krieg geflohen sind, derder Grenze jeden Tag ein Stück näher rückt.Unter Umständen wird ihnen nichts anderesübrig bleiben, als mitten in den Konfliktzurückzukehren.Edward Moore, der liberianische Zollbeamte,erläutert in perfektem Englisch:„Wir haben Anweisungen, an die sichjeder halten muss.“ Aber dann fügt erhinzu: „Wir werden sie trotzdem gehenlassen. Wir müssen uns an die GenferFlüchtlingskonvention von 1951 halten.“ABGESCHNITTENDas Leben hier kann hart sein, nichtnur für die Flüchtlinge, sondern auch fürdie Einheimischen. Moore hat von seinerFamilie in Monrovia, der abgeschnittenenund fernen Hauptstadt Liberias, seit zweiJahren nichts mehr gesehen oder gehört.Seinen Lohn bekommt er nur sporadisch.Er ist begierig, sich mit Fremden zu unterhalten.„Warum bringen wir Afrikaner unsdie ganze Zeit gegenseitig um?“, fragt er.„Hier sollte Frieden herrschen. Wir kommenaus demselben Stamm. Aber im Irakbringen sie sich auch gegenseitig um“,fügt er dann noch hinzu.Die Flüchtlinge beginnen die Grenzezu überqueren, immer acht in einem Kanu, ihrewenige verbleibende Habe hoch um sichaufgetürmt. Sie verteilen Schmiergeld hier undda und zahlen einen enormen Betrag für dasKanu – das ist üblich, um den Prozess zu beschleunigen.Dann folgt das Ritual der Demütigung.Die Patrioten, die sich an ihrer ungewohntenMacht berauschen, werfen die Habe derFlüchtlinge einfach auf den Boden. Der Knabein dem schwarzen Abendkleid ist besondersbegeistert bei der Sache. „Verdächtige“Gegenstände wie Radios und Taschenlampenwerden genauestens untersucht. Ein paar Dingewerden konfisziert und auf einen Haufen geworfen.Zivilisten werden befragt.Sie haben praktisch kein Geld mehr, wenigzu Essen, kaum noch andere Besitztümer, undwenn sie sich auf den Weg ins Inland machen,werden sie aufs Neue der Feindseligkeit derIvorer begegnen, die erleben mussten, wie ihreigenes Land zerstört wurde.Trotzdem war dieser Grenzübertritt nochverhältnismäßig leicht; nur einen Tag hat er gedauert,und jeder durfte einreisen.Jetzt müssen sie irgendwo hier im Busch einenBus finden … oder weiter zu Fuß gehen. B24 FLÜCHTLINGE NR. 2/2003


gingen zu den üblichen Aufgaben in einerKrise über – für Menschen eine sichere Unterkunftfinden, sie aus gefährlichen Situationenherausbringen. Fremdenangst undNationalismus haben Brüderlichkeit undNachbarschaftshilfe zerstört.“Während Dolan einer traurigen Prozessionvon Menschen dabei half, nach Liberiazu gelangen, wusste sie: „Jeder stand voreinem schrecklichen Dilemma. ‚Soll ich hierbleiben, wo ich vielleicht getötet werde, odersoll ich nach Liberia gehen, wo ich auchgetötet werden könnte, aber vielleicht nichtso schnell?‘ Es war furchtbar, das mit anzusehen.“Im April wagte ein Teil der Tausendenvon Zivilisten, die nach Liberia geflohen waren, dieRückkehr. Im Osten von Liberia waren praktisch keineMitarbeiter von Hilfsorganisationen mehr vor Ort.UNHCR überwachte die gemeinsame Grenze, leisteteHilfe, wo dies möglich war, und versuchte mehreren Tausendenvon Flüchtlingen zu ihrer eigenen Sicherheit denWeg in die in aller Eile errichteten Transitzentren zu erleichtern,während in benachbarten Ländern angefragtwurde, ob sie einen Teil der bedrohten Liberianer aufnehmenkönnten. Es gab jedoch kaum Angebote.„Es ist eine traurige Tatsache, dass etwas, dessenAufbau vielleicht Jahrzehnte gedauert hat, quasi überNacht zerstört werden kann“, sagt Moumtzis.EIN GEFÄHRLICHER RIESEDie Liberianer mit ihrer langen Leidensgeschichtesind in den Nachbarstaaten zu Parias geworden, die alsUnruhestifter oder Schlimmeres gebrandmarkt werden– als Rebellen, Waffenschmuggler und Drogenhändler.Die Bedingungen in dem Land zwischen der aufblühendenHoffnung in Sierra Leone und der Verzweiflung inCôte d’Ivoire haben sich weiter verschlechtert.Flüchtlingskrisen entstehen aus einer Kombinationvon Faktoren – politischen, wirtschaftlichen odermilitärischen Problemen in einem Land, die in der Folgedurch Ereignisse in den Nachbarländern und von außenkommende Einflüsse verschlimmert werden können.Ein erfahrener Mitarbeiter einer Hilfsorganisationnannte Liberia den „gefährlichen Riesen“ Westafrikas,ein Land, das seit 1989 mit sich selbst im Krieg liegt, dasChaos und Anarchie aber wie eine Krebskrankheit in diebenachbarten Länder weiterträgt.Ein großer Teil des Landes ist heute nicht mehrzugänglich. Die ausländischen Mitarbeiter der Hilfsorganisationenwurden Anfang Juni aus Liberia evakuiert,nachdem der Bürgerkrieg erneut eskalierte. ZuBeginn dieses Jahres waren bereits drei Mitarbeiter derUS-Hilfsorganisation ADRA brutal ermordet worden. Ineinem allgemeinen Zustand der Anarchie, der einigeWochen später jenseits der Grenze in Côte d’Ivoire herrschte,wurden vier Mitarbeiter des Roten Kreuzes ebenfallsgezielt ermordet.Das Welternährungsprogramm hat für die MonateApril und Mai die Nahrungsmittelrationen für dieUNHCR/R. WILKINSON/CS/CIV•2003UNHCR-Mitarbeiterin befragt liberianische Flüchtlinge.Hilfeempfänger reduziert. Bis zum Frühjahr hatten dievorsichtig gewordenen Geber nur zwei Prozent der 42,6Millionen US-Dollar bereitgestellt, die die UN für diesesJahr für humanitäre Aufgaben in einem Appell angeforderthatten. Anfang Juni war die internationale Hilfepraktisch zum Erliegen gekommen.Bei einer strategischen Konferenz in Genua debattiertenvor einigen Wochen hochrangige Vertreterhumanitärer Organisationen über Optionen für dieUnterstützung der verzweifelten Zivilbevölkerung vonLiberia: Einrichtung sicherer Korridore für Hilfskonvois,Versorgung aus der Luft, Schutzzonen, eine internationaleFriedenstruppe, grenzübergreifende Einsätze.Jede dieser Möglichkeiten wurde geprüft und ohne diegleichzeitige Umsetzung einer politischen Lösung alsundurchführbar verworfen.DER ERSTE KONTAKTUNHCR nahm seine Tätigkeit 1951 auf – damals inerster Linie, um den Flüchtlingen in Europa nach demZweiten Weltkrieg zu helfen. Schon wenige Jahre späterbegann die lange Verbindung zu Afrika. Am 31. Mai1957 ersuchte der tunesische Ministerpräsident HabibBourguiba UNHCR darum, „zu prüfen, auf welche Weiseder Hohe Flüchtlingskommissar meiner Regierung Hilfedabei leisten kann, das Problem der algerischen Flüchtlingezu lösen“, die vor dem Unabhängigkeitskrieg ihresLandes gegen Frankreich in die umliegenden Staatenflohen.Die Organisation reagierte und wurde im Rahmendieser Krise zum ersten Mal in eine Nachkriegssituationverwickelt – Hilfe für ehemalige Flüchtlinge, nachdemdiese in die Heimat zurückgekehrt waren. „DasSchicksal der zurückgeführten früheren Flüchtlingekann nicht länger von dem der algerischen Bevölkerungin ihrer Gesamtheit getrennt werden, ohne dass die sozialeStabilität des Landes ernsthaft gefährdet wird“,schrieb der UN-Flüchtlingskommissar Felix Schnyderdamals. Dies wurde ein wichtiger Maßstab für denzukünftigen Einsatz von UNHCR in Sachen Flüchtlingsschutz.Im Jahr 1969 leistete Afrika ebenfalls einen bedeutendenBeitrag zum generellen Schutz von Flüchtlingen, alsdie Organisation für Afrikanische Einheit (OrganizationÃWESTAFRIKA IST EINMIKROKOSMOS –DER HOFFNUNG WIEDER VERZWEIFLUNG,DIE DEN GESAMTENKONTINENTBEHERRSCHEN. DIEREGION IST EINEMAHNUNG DARAN,WIE SCHNELL SELBSTIN DEN STABILSTENGESELLSCHAFTENDIE LAGE AUßERKONTROLLEGERATEN KANN.UMGEKEHRT ZEIGTSIE ABER AUCH,DASS EIN LAND MITANGEMESSENERHILFE WIEDER AUFDEN RICHTIGENWEG GEBRACHTWERDEN KANN.FLÜCHTLINGE NR. 2/200325


AFRIKA AM ABGRUNDEin riesiges Flüchtlingslager für Ruanderin Tansania.„ES IST EINETRAURIGETATSACHE,DASS ETWAS,DESSENAUFBAUVIELLEICHTJAHRZEHNTEGEDAUERT HAT,QUASI ÜBERNACHTZERSTÖRTWERDENKANN.“UNHCR/A. HOLLMANN/CS/ZRE/•1994for African Unity – OAU) eine eigeneKonvention verabschiedete. Diese erweitertedie Anerkennung vonFlüchtlingen zum ersten Mal aufMenschen, die in großen Gruppenflohen, und auf Menschen, die aufder Flucht vor Angriffen von außen,Besatzung oder Fremdherrschaftwaren. Zu dieser Konvention gehörteauch das heute allgemein anerkanntePrinzip der „freiwilligen“Rückführung.In diesen frühen postkolonialenTagen ließen sich viele Menschen,die in afrikanischen Ländern Sicherheitsuchten, einfach in Dörfern und Städten derAufnahmeländer nieder – in der Amtssprache hieß das,sie wurden vor Ort integriert.In späteren Jahrzehnten hat sich das allerdings geändert.Immer öfter wurden Flüchtlinge in großenLagern untergebracht. Dies löste bei Regierungen undhumanitären Organisationen eine lebhafte und häufig ingroßer Schärfe geführte Debatte darüber aus, wer für dieAusbreitung dieser „Lagerkultur“ verantwortlich warund welche Vor- oder Nachteile das System hatte.Jeff Crisp von der UNHCR-Evaluierungsabteilungverfolgte die Anfänge der sich verschlechternden Stimmunggegenüber Flüchtlingen und die wachsende Tendenz,sie in Lagern zu isolieren, zurück auf die Mitte derachtziger Jahre. Die westlichen Länder hatten begonnen,ihre Gesetze im Hinblick auf Asylsuchende zu verschärfen,was die afrikanischen Staaten ermutigte, ihremBeispiel zu folgen. Die Flüchtlingszahlen stiegen genauzu der Zeit in dem Maße drastisch an, als die wirtschaftlicheLage der afrikanischen Staaten sich verschlechterte.Paradoxerweise konnten immer mehr Politiker dieFlüchtlingsfrage im Zuge der allgemeinen Demokratisierungals politisches Instrument missbrauchen.Heute leben weltweit schätzungsweise 2,4 MillionenMenschen in 267 Lagern, von denen sich 170 in Afrika befinden.Bilder von Zelten und Hütten, die sich scheinbarendlos über die afrikanische Landschaft erstrecken, sindzum Synonym für die Notlage von Flüchtlingen geworden.Die Lebensbedingungen von Zehn- oder Hunderttausendenvon Menschen, die dort oft unter schrecklichenBedingungen auf engstem Raum zusammenleben,sind oftmals in dramatischen Bildern festgehaltenworden. Dort entstehen Krankheit und Verbrechen,hier wird die Umwelt zerstört und der Nachwuchs fürbewaffnete Milizen rekrutiert, die dort ebenfalls Unterschlupffinden.Immer mehr afrikanische Regierungen, die letztlichdafür verantwortlich sind, wo Flüchtlinge untergebrachtwerden, entschieden jedoch, dass solche Lager trotz ihreroffensichtlichen Nachteile die beste Lösung darstellten:aus Sicherheitsgründen, zum Schutz der einheimischenBevölkerung – und um in der Hoffnung auf mehr internationaleMittel Journalisten und Politikern bei derenBesuchen die großen Ansammlungen von Flüchtlingenbesser „vorführen“ zu können.Jeff Crisp zufolge können die Lager aber auch andereVorteile haben. Manche Flüchtlinge ziehen es vielleichtvor, sich in eine einheimische Gemeinschaft zu integrieren,wenn die neuen Nachbarn denselben ethnischenHintergrund haben. Aus Sicherheitsgründen bleiben siejedoch möglicherweise lieber im Lager, wenn sie sich ineiner fremden ethnischen Umgebung wieder finden. DieLager können auch in einer breit angelegten Überlebensstrategieein wichtiges Sicherheitselement darstellen.Jüngere und stärkere Flüchtlinge wagen sich zurArbeitsuche weiter von ihnen weg, während Frauen undKinder im Lager bleiben, in dem ihnen ein gewisses Maßan Sicherheit und ein Minimum an humanitärer Versorgunggewiss sind.Hoffnung statt „Elend und Verzweiflung“Angola sieht einer besseren Zukunft entgegen, doch wird das Landnoch sehr lange Unterstützung brauchen.Das ist ein Albtraum. Die Zahl der„Toten geht schon in die Hunderttausende,die der Vertriebenenin die Millionen, und dieder Verstümmelten beträgt ebenfalls mehr als100.000. Wegen der Morde, Entführungen,Bodenminen und Krankheiten ist dies derschrecklichste Ort der Welt für Kinder, umaufzuwachsen, und wenn sie überleben sollten,werden sie später, so weit das Augereicht, nur verbrannte Erde vorfinden.“So schätzte vor vier Jahren CatherineBertini, die damalige Leiterin des Welternährungsprogramms(WFP), die Lage Angolas ein.Zu Beginn dieses Jahres kam der UN-Generalsekretär,Kofi Annan, in einem Bericht zudem Schluss, „dass die Angolaner ohne Furchtvor einem wiederaufflackernden und verheerendenKrieg leben können“.Drei Jahrzehnte eines tödlichen Bürgerkriegesgingen im April letzten Jahres nachdem Tod von Jonas Savimbi, dem Anführerder Rebellenbewegung UNITA, faktisch zuEnde, und Angola erlebt seitdem einenbemerkenswerten Wandlungsprozess.Die Schusswechsel verstummten, dieKämpfer wurden im Zuge der Demobilisierungentlassen, und immerhin 1,5 von4 Millionen Binnenvertriebenen kehrten auseigener Initiative in ihre Heimat zurück, ebensowie etwa 100.000 von schätzungsweise470.600 Flüchtlingen, die in den NachbarländernZuflucht gefunden hatten.26 FLÜCHTLINGE NR. 2/2003


©S. SALGADO•AGOBei ihrem Versuch, zwischen den konträren Interessenauszugleichen, haben humanitäre Organisationenwie UNHCR eine Reihe flexibler Programme entwickelt.Zunehmend werden beim Bau von Schulen, Ambulanzenoder Straßen nicht nur die Flüchtlinge, sondern auchdie einheimische Bevölkerung einbezogen.Auch wenn man unter bestimmten Umständen aufLager nie wird verzichten können, hat UNHCR die Ausweitungder Integration vor Ort unterstützt, wo immer siemöglich ist. In Sambia wird ein jüngst eingeleitetes Projektbeispielsweise einem Teil der 247.000 Flüchtlinge indiesem Land dabei helfen, sich in nahe gelegenen Dörfernund Städten niederzulassen, Arbeitsplätze zu findenund zu möglichst produktiven Mitgliedern der GesellschaftSambias zu werden.Der Irak und zuvor Afghanistan haben die Vermutunggenährt, die internationale Gemeinschaft würdesich zu einem gewissen Zeitpunkt immer nur auf eineeinzige Krise konzentrieren. Afrika verharrt jedoch in einemständigen Krisenzustand. David Lambo äußert deshalbdie Befürchtung: „Wir kämpfen auf der Weltbühneum unseren Platz. Trotzdem dürfen wir Afrika nicht aufgeben.“Der UN-Flüchtlingskommissar Ruud Lubbers will,wie er sagte, die Industrienationen weiterhin immer wiederdarauf hinweisen, dass sie sich ungeachtet der Ereignissein anderen Teilen der Welt „stärker auf afrikanischeFlüchtlinge konzentrieren müssen“. BBildung ist derSchlüssel für eineerfolgreicheReintegration vonFlüchtlingen.In diesem Sommer beginnt UNHCR eineorganisierte Rückführung weiterer Flüchtlinge.Die Organisation hat in den Grenzregionenbereits mehrere Büros eröffnet,während Partnerorganisationen damitbeschäftigt sind, Schulen, Ambulanzen undTrinkwasserzapfstellen zur Vorbereitung derRückkehr instand zu setzen.SCHWIERIGE ZUKUNFTAuch wenn diese Entwicklungen sehrermutigend sind, steht Angola eine ausgesprochenschwierige Zukunft bevor.Während des Konflikts war ein großer Teildes Landes von der Außenwelt abgeschlossen.Als die Hilfsorganisationen die Lage zu erkundenbegannen, fanden sie eine Welt „desElends und der Verzweiflung“ vor, wie es LuciaTeoli von UNHCR formuliert. „Ein großer Teilder Bevölkerung war nahe daran, zu verhungern“,sagt sie. Oft überlebten die Menschennur durch Beeren und Wurzeln. „Viele fandman im Busch, wo sie geboren worden warenund aufgewachsen sind. Sie wussten zum Teilnicht einmal, dass der Krieg zu Ende war.“Die gesamte Infrastruktur des Landes– Straßen, Brücken, Schulen, Krankenhäuser –und die Umwelt waren zerstört. Dadurch wares nicht nur für die Menschen schwierig,manchmal gar unmöglich, in ihre alten Dörferzurückzukehren und ein neues Leben zu beginnen,auch den Hilfsorganisationen war der Zugangund die Möglichkeit zu helfen entsprechenderschwert. Zurück bleibt eines der amstärksten verminten Länder der Welt mit einerunvorstellbaren Zahl von Sprengkörpern, die inder fruchtbaren Erde verborgen liegen.Den Menschen steht eine schwierige Heimkehrbevor. Viele sind seit Jahren von Nahrungsmittelzuweisungenabhängig gewesen. Fürsie wird es nicht leicht sein, sich auf Landwirtschaftoder eigene Arbeit umzustellen, wennihnen diese Möglichkeit überhaupt gegebenwird. Lebensmittel werden auf dem freienMarkt möglicherweise bald erhältlich sein,aber die meisten Menschen sind viel zu arm,um etwas zu kaufen. Schulen könnten baldwieder öffnen, doch sprechen viele Kindernicht einmal Portugiesisch, die offizielle Landessprache.Familien sind auseinander gerissenworden und haben den Kontakt zueinanderverloren, oft schon seit Jahrzehnten. Unterernährungund früher Tod durch an sich leichtbehandelbare Krankheiten sind häufig. BFLÜCHTLINGE NR. 2/200327


IRAK: Was geschah?Der jüngste Krieg hat keinen Flüchtlingsstrom ausgelöst.Das Szenario: Mehrere MillionenFlüchtlinge würden über die durchlässigenGrenzen strömen, um dembevorstehenden militärischen Angriffzu entgehen.Globale Spendenappelle wurden veröffentlicht,Nahrungsmittel, Zelte und Deckenangesichts der befürchteten Katastrophe fürden Krisenfall auf Vorrat bereitgestellt undHilfsteams vorsorglich in die Berge und in dieWüste geschickt.Die Medien, die heute zu einem integralenBestandteil aller großen Krisen gewordensind, entsandten ihre eigenen Kräfte ingroßer Zahl – Hunderte von Reportern,Fotografen und Kameraleuten, die über dasangekündigte Drama berichten sollten.Doch der Flüchtlingsstrom blieb aus. Sowar es vor zwei Jahren an den GrenzenAfghanistans, und so war es zu Beginn diesesJahres an den Grenzen zum Irak. Die befürchtetenFlutwellen fliehender Menschenwaren wenig mehr als ein Rinnsaal. Mitarbeiterhumanitärer Organisationen warteten.Journalisten waren zunehmend frustriert,weil die Ereignisse an anderen Ortenihren Lauf nahmen.Was war geschehen?Prognosen im Hinblick auf Flüchtlingsströmesind bestenfalls eine unsichere Angelegenheit.Planer analysieren eine Situation,vor allem, wenn ein Krieg wahrscheinlichist, die Geschichte der Region, frühereFlüchtlingsströme, Berichte aus ihren Bürosvor Ort sowie alle staatlichen und militärischenInformationen, die sie bekommenkönnen, um auf dieser Grundlage zu einerEinschätzung der möglichen Entwicklungenund der eventuell erforderlichen Schutzmaßnahmenzu gelangen.EINE ÜBERRASCHUNGEs ist eine Binsenweisheit, dass auch diebesten militärischen Pläne kaum je die erstenKriegstage überstehen. Das Gleiche gilt fürden Versuch, die Entwicklung humanitärerKrisen zu antizipieren und für sie vorauszuplanen.Überraschungen sind das Einzige,was in einer Krise nicht überraschen kann.Zu Beginn des Konflikts im Kosovo imJahr 1999 prophezeiten nicht einmal die Geheimdienste,dass die serbischen Truppenmehrere hunderttausend Angehörige deralbanischen Volksgruppe gezielt mit Waffengewaltaus der Region vertreiben würden.Selbst wenn die humanitären Organisationendie ethnischen Säuberungen vorhergesehenhätten – was nicht der Fall war –,hätten sie unter den damaligen Umständenkeine Mittel in großem Umfang mobilisierenkönnen, weil die Geberstaaten ihnen nichtgeglaubt hätten.Im aktuellen Fall kam man zu widersprüchlichenSchlussfolgerungen. Es gabviele gute Gründe, für einen Massenexodusvon Zivilisten aus dem Irak zu planen, nachdemdie von den Amerikanern geführtenTruppen mit dem Angriff begonnen hatten.In den Jahrzehnten zuvor hatten mehrereMillionen Iraker das Land verlassen. Nachdem ersten Golfkrieg 1991 flohen schätzungsweisezwei Millionen Menschen ausihren Wohnorten. Als Vorbereitung aufdieses Szenario einer „mittelschweren“ Kriseschmiedete UNHCR Pläne zur Unterstützungvon bis zu 600.000 Flüchtlingen.Gleichzeitig warnte UNHCR-Sprecher RonRedmond öffentlich, dass es je nach Entwicklungdes Krieges möglicherweise wenige,vielleicht auch gar keine Flüchtlingegeben könnte.Letzten Endes sind dann bekanntlichauch tatsächlich nur wenige Menschen geflohen.Dem Internationalen Institut für StrategischeStudien in London zufolge war dasAusbleiben von Flüchtlingsbewegungen unmittelbarmit der Taktik der Koalitionstruppenverbunden: „Die militärische Anfangsstrategieder Alliierten, große Städte zuumgehen, militärische Angriffsziele gezieltzu bombardieren und Zivilisten davor zuwarnen, ihre Wohnorte zu verlassen und diegroßen Verkehrsstraßen zu benutzen, hatdie Zahl der Menschen reduziert, die sich aufden Weg machten.“Sten Bronee, UNHCR-Vertreter in Jordanien,sagt: „Die Menschen hatten Besitz undwollten nicht gehen. Kriegsmüdigkeit kamauf. Dieser Konflikt war für die Iraker nichtder Erste.“ Dem fügt der britische JournalistJonathan Steele hinzu: „Die Menschen entwickeltenangesichts der Bombardementseinen gewissen Gleichmut. Als sie schließlichvon der Wasser- und Elektrizitätsversorgungabgeschnitten waren, wurde diesdurch die Tatsache ausgeglichen, dassSaddam bereits gestürzt war.“DIE ZUKUNFTUnd wie geht es jetzt weiter?In einem Rückblick auf die Ereignisse im28 FLÜCHTLINGE NR. 2/2003


Wie geht es weiter?Werden nun viele Exil-Iraker in ihre Heimat zurückkehren können?Nahen Osten sagt Ron Redmond: „Es warzwingend, die erforderlichen Programme fürden Krisenfall auf der Grundlage der aktuellenEreignisse vorzubereiten. Wir habendieser Notwendigkeit entsprochen und sindmit unserer Planung zufrieden. Wir warensicherlich nicht unglücklich darüber, dass esnicht mehrere hunderttausend neue Flüchtlingegab, die die Zahl der beinahe 20 MillionenMenschen vergrößert hätten, denen wirauf der ganzen Welt bereits zu helfen versuchen.“Nach dem kurzen, von den Amerikanerngeführten Krieg in Afghanistan stellteUNHCR seine Pläne von einem potenziellenExodus auf die Unterstützung für diejenigenFlüchtlinge um, die lange im Exil gelebt hattenund in der Folge in das Land zurückkehrten.Über zwei Millionen Menschen kameninnerhalb des ersten Jahres zurück, unddie Rückführung wird stetig fortgesetzt.Auch wenn die internationale Aufmerksamkeitfür den Irak bereits abnimmt, setztdie Flüchtlingsorganisation nun einen Teilihrer Mitarbeiter sowie ihrer finanziellenund materiellen Ressourcen, die sich bereitsvor Ort befinden, in diesem Land für ähnlicheZwecke ein.Die Lage im Irak bleibt ungewiss. Diereligiösen und ethnischen Spannungenkönnten in der Zukunft immer noch Flüchtlingsbewegungenauslösen, vor allem, da dieStraßen nun relativ sicher geworden sind.Gelagerte Hilfsgüter wie Zelte, Herde,Kochtöpfe, Decken und Plastikplanen werdenvorläufig dort bleiben, wo sie sind, undschließlich entweder innerhalb oderaußerhalb des Irak eingesetzt werden.Zusätzlich wurde nun ein ambitioniertesneues Programm begonnen, mit dem nichtden prognostizierten Flüchtlingen aus demletzten Krieg, sondern immerhin 500.000Irakern geholfen werden soll, die in früherenJahren aus ihrem Land geflohen sind undmöglicherweise zurückkehren, um dort einneues Leben zu beginnen.Das Budget für einen vorläufigen Plan zuihrer Rückführung und Wiedereingliederungbeläuft sich für einen Zeitraum von achtMonaten auf 118 Millionen US-Dollar. Damitwürde die Organisation sich innerhalb desRahmens des vorhergehenden Irak-Krisenbudgetsvon 154 Millionen US-Dollar bewegen.In der Zeit der Herrschaft SaddamHusseins haben wahrscheinlich mehrereMillionen Iraker das Land verlassen. NachSchätzung von UNHCR waren etwa900.000 von ihnen Asylsuchende, Flüchtlingeoder andere Personen in flüchtlingsähnlichenSituationen. VorläufigeSchätzungen ließen vermuten, dass etwa dieHälfte von ihnen Unterstützung bei derHeimkehr benötigen könnte.Von der oben genannten Gruppe beherbergtallein der Iran die Hälfte der schätzungsweise400.000 irakischen Flüchtlinge.Etwa 165.000 Menschen dieser Gruppe könntenmöglicherweise zurückkehren.Weitere 183.000 Flüchtlinge leben in denIndustrieländern. Nur eine relativ kleineZahl von ihnen, vielleicht 35.000, wird sichunter Umständen für die Rückkehr in dasLand ihrer Vorfahren entscheiden.Von den 84.000 Irakern, die derzeit – vorallem in den Industrieländern – Asyl beantragthaben, dürften etwa drei Viertelbeziehungsweise 60.000 zurückkehren.Von den 450.000 Irakern, die insbesonderein Jordanien und Syrien unter „flüchtlingsähnlichen“Bedingungen leben und dortillegal arbeiten, könnten bis zu 240.000 in denIrak zurückgehen.ERWEITERUNGUm für diese Massenrückkehr gerüstet zusein, will UNHCR sein derzeitiges Netzwerkim Nahen Osten erweitern und 250 überwiegendirakische Mitarbeiter einsetzen, die15 Büros im gesamten Land eröffnen undsechs mobile Überwachungsteams bildensollen.Alle Rückführungen werden überwacht,um sicherzustellen, dass es sich um eine „freiwillige“Rückkehr handelt und die Iraker ausihren Gastländern nicht herausgedrängtoder abgeschoben werden. Eine Reihe vonKriterien wird festgelegt, „die die körperliche,materielle und rechtliche Sicherheitder Rückkehrer sowie ihr Wohlergehensicherstellen sollen“, sagt Redmond.„Dazu zählt, dass der Gewalt und derUnsicherheit ein Ende gesetzt und handlungsfähigeRechtsinstitutionen geschaffenwerden“, fügt der Sprecher hinzu. „Zurmateriellen Sicherheit gehört auch derZugang zu grundlegenden Dingen wieTrinkwasser, Lebensmitteln und Gesundheitsversorgung.Längerfristig müssen Maßnahmenergriffen werden, die eine dauerhafte Reintegrationermöglichen. Rechtssicherheitumfasst die Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen,Nichtdiskriminierungund ungehinderten Zugang zum Justizsystem.“Die Rückkehrer werden wie die Bevölkerunginsgesamt mit gewaltigen praktischenSchwierigkeiten konfrontiert sein – von denungefähr acht Millionen Landminen, die imNorden des Landes liegen, über eine kaumfunktionierende Infrastruktur bis hin zu dergroß angelegten Vernichtung von Grundbesitzeintragungen,Staatsbürgerschaftsnachweisenund anderen wichtigen Urkunden.Zwei Drittel der heimkehrenden Irakerdürften in die städtischen Zentren in der Mitteund im Süden des Irak zurückgehen, dasletzte Drittel, überwiegend ethnische Kurden,dagegen in die ländlichen Gebiete in dendrei nördlichen Provinzen des Irak.Zu weiteren ungelösten Fragen im humanitärenBereich gehört die Zukunft vonTausenden von binnenvertriebenen Zivilisteninnerhalb des Landes.Das UNHCR-Mandat erstreckt sich nichtdirekt auf Binnenvertriebene. Da ihre Lageder von Flüchtlingen jedoch häufig gleicht,hat die Organisation in der Vergangenheitschon oft beide Gruppen unterstützt. Dieswar etwa auf dem Balkan der Fall.Auch im Irak könnte das so sein, wenn dieVereinten Nationen eine entsprechende Entscheidungtreffen. BUNHCR/L. BOLDRINI/DP/JOR•2003FLÜCHTLINGE NR. 2/200329


EINE NEUE MUTTER TERESAEine italienische Ärztin ist für ihren jahrzehntelangen einsamenEinsatz zur Bekämpfung von Krankheiten und Vorurteilen in einemvergessenen Winkel der Erde ausgezeichnet wordenvon Kitty McKinseyEin fünfjähriger Junge, dessen Buckel Zeichen seines Kampfesgegen die Tuberkulose ist, nimmt seine Gehhilfe aus Aluminiumund bahnt sich entschlossen einen Weg zwischenden Krankhausbetten, nur um zu zeigen, dass er das schafft.Eine 39 Jahre alte Frau, deren Arme und Beine sich vor einem Jahrin eine fötale Stellung gekrümmt haben, entfernt sich ein paarSchritte von ihrem Krankenhausbett; auch sie demonstriert, dasssie auf dem Weg der Gesundung ist. Das Gesicht von MarianHassan Duale, einer 60-jährigen Frau, die vor kurzem im Komaliegend ins Krankenhaus eingeliefert wurde, hellt sich sichtlichauf, als sie vom „Wunder“ ihrer Genesung berichtet.Ihre „Retterin“ ist eine 60-jährige italienische Ärztin, AnnalenaTonelli, die Gewalt, Entführung, Raub und Tod nicht davon abhaltenkonnten, ganz allein am Horn von Afrika, gewissermaßenam Ende der Welt, einen 33-jährigen Kampf gegen Tuberkulose,AIDS, Analphabetentum, Blindheit, Unterernährung und dieVerstümmelung weiblicher Genitalien zu führen.Dr. Tonelli wurde vor kurzem in Würdigung ihres lebenslangenund einsamen Einsatzes der Nansen-Flüchtlingspreis verliehen.Diese Auszeichnung wurde 1954 geschaffen, um Einzelpersonenoder Organisationen zu ehren, die sich um die Sache der Flüchtlingebesonders verdient gemacht haben. Der Preis trägt denNamen Fridtjof Nansens, des norwegischen Polarforschers underste Hohen Flüchtlingskommissars, und ist mit 100.000 US-Dollarfür ein Flüchtlingsprojekt dotiert, das der Preisträger beziehungsweisedie Preisträgerin frei wählen kann.Dr. Tonelli, die von ihren Patienten Annalena genannt wird undmanchen Besuchern wie eine neue Mutter Teresa vorkommt,arbeitet vollkommen allein. Jeden Monat gelingt es ihr durch ihrenganz persönlichen Einsatz, die 20.000 US-Dollar an Mitteln aufzutreiben,die sie für die Finanzierung medizinischer Projekte unddie Bezahlung der insgesamt 75 Mitarbeiter in ihrem Krankenhausbenötigt. In der Hoffnung, die internationale Aufmerksamkeit aufdie chronischen Probleme Somalias zurücklenken zu können, dievon anderen Krisenherden der Welt seit langem überschattet werden,brach sie ihr Gelöbnis, „im Verborgenen zu arbeiten“ und dieÖffentlichkeit zu meiden. So entschied sie, den Nansen-Flüchtlingspreisanzunehmen.SCHWERE TAGEDie schlanke Frau, die ihr graues Haar in einem Knoten trägtund sich wie die einheimischen Frauen sittsam in ein Tuch hüllt,hat sich daran gewöhnt, jede Nacht nur vier Stunden zu schlafen.Dr. Tonelli beginnt ihren Arbeitstag um 7 Uhr morgens miteinem Gespräch mit ihren somalischen Ärzten, die ihreAusbildung im Ausland absolviert haben. Wenn sie anschließendihre Runde im Krankenhaus macht, unterhält sie sich in fließendemSomali mit ihren Patienten. Die Kinder nennen sie „Großmutter“und kuscheln sich zutraulich an sie, während sie berichtet,dass die heute so munter wirkenden Kleinkinder als Säuglinge mitschwerer Unterernährung zu ihr gekommen sind und im Altervon sechs Monaten weniger wogen als ein Neugeborenes. Ihrstrikter Arbeitstag endet erst in den frühen Morgenstunden desnächsten Tages, wenn sie ihre Dankesbriefe an private Spenderschreibt.Vor fast sieben Jahren hat sie sich in Borama niedergelassen,einer trockenen Stadt, in der starke Winde den Wüstensand intornadoähnliche Formationen wirbeln und in der es mehr Ziegenund Kamele als Autos gibt. In ihrem Krankenhaus werden etwa200 Patienten stationär und weitere 200 ambulant behandelt. AchtStationen wurden für sie von UNHCR gebaut, darunter auch daseinzige zweistöckige Gebäude der ganzen Stadt, das sich noch imBau befindet.Ein bequemes Leben ist für Dr. Tonelli völlig unwichtig. Wiederholtberichtete sie von ihrer lebenslangen Leidenschaft: „Ich binden Tuberkulose-Patienten vollkommen verfallen“, sagt sie undfügt später hinzu: „Ich möchte bis zum letzten Tag meines Lebensarm sein.“Sie lebt einfach und ernährt sich von denselben Nahrungsmittelnwie ihre Patienten – Fleisch gibt es nur zweimal die Woche,öfter Mais oder Reis und Bohnen. In ihrem Haus hat sie einFernsehgerät, damit taube Kinder Videos in Zeichensprache sehenkönnen, doch selbst sieht sie nie fern. Vom Krieg im Irak hat sie nurüber die somalischen Ärzte gehört, die in ihrem Krankenhausarbeiten.Die Ärztin besitzt lediglich zwei bescheidene Kaftane. IhreSandalen hat ihr eine Patientin geschenkt, und ihr Kopftuch warein Geschenk ihrer Mitarbeiter. Sie ist davon überzeugt, dassArmut notwendig ist, um die Kluft zwischen ihr und denMenschen, denen sie hilft, zu überbrücken. „Ich könnte niemalsdiesen Dienst tun, wenn ich Kleider, Möbel und all die Dinge hätte,die für unsere Gesellschaft normal sind“, sagt sie.UNAUSWEICHLICHER ZUSAMMENPRALLAllerdings sollte man ihr nicht mit dem Begriff des Opferskommen, da muss sie lachen. Als gläubige Katholikin sagt sie: „DasWort ‚Opfer‘ hat für mein Leben keine Bedeutung. Ich kann nichtverhehlen, dass es in vielen Beziehungen ein sehr schweres Lebenwar, aber es war ein Leben der Freude, ein Leben des Glücks undder Belohnung, ein privilegiertes Leben.“Ein solches Leben zu führen, hat sie sich seit ihrem fünftenLebensjahr gewünscht. „Meine Sehnsucht, mein ganzes Streben30 FLÜCHTLINGE NR. 2/2003


UNHCR/E. PARSONS/DP/SOM•2003„Mutter Teresa“ mit einem kranken Kind.und Wollen war seit diesen jungen Jahren darauf gerichtet, leidendenMenschen zu helfen.“Von diesen hat sie in ihren langen Jahren in Afrika viele gefunden.Nach dem Jurastudium, das sie mit 26 Jahren abgeschlossenhatte, ging sie direkt in den Nordosten von Kenia, um somalischeNomaden zu unterrichten. Dort wurde sie 1970 zum ersten Mal mitder Notlage von Menschen konfrontiert, die an Tuberkuloseerkrankt waren. Nicht nur ihr körperliches Leiden hat sie berührt,sondern auch die seelischen Schmerzen, die diese wegen ihrerKrankheit aus der Gesellschaft Ausgestoßenen erlebten, einerKrankheit, die in Verbindung mit Armut, beengten Wohnbedingungenund Unterernährung besonders häufig auftritt.Zusätzlich zu ihrem Juraexamen bildete sie sich weiter underwarb Diplome in Tropenmedizin, Gemeinschaftsmedizin sowieTuberkulose- und Leprabekämpfung, obgleich sie keine vollausgebildete Ärztin wurde.In den siebziger Jahren konnte die Tuberkulosebehandlungdurch ein neues Medikament von 12 bis 18 auf sechs Monate verkürztwerden. Dr. Tonelli setzte sich für die TB-Schnellbehandlungin Afrika ein, ein Ansatz, der in der Folge von der Weltgesundheitsorganisation(WHO) übernommen wurde. Was ihreBehandlung so wirksam macht – ihre Genesungsrate liegt ihrenAngaben zufolge bei 96 Prozent – ist die Tatsache, dass sie vieleder somalischen Nomaden zwingt, bis zur endgültigen Genesungdas Krankenhaus nicht zu verlassen. Ambulante Patientenbehält sie genauestens im Blick.Seit 1986 lebt sie in Somalia. Zuerst wohnte sie in der HauptstadtMogadischu, wo sie Tausende von verhungerndenEinwohnern mit Nahrung versorgte, später in Merca im Südendes Landes, wo sie ebenfalls Tuberkulosepatienten behandelte.Nachdem sie wiederholt Opfer tätlicher Angriffe geworden warund einmal sogar entführt wurde, ergriff sie die Flucht. DieÄrztin, die sie geschult hatte, damit diese ihre Stelle einnehmenkonnte, wurde nur ein Jahr später getötet. Auf Bitte der WHOsetzte Dr. Tonelli in der Folge ihren Kampf gegen die Tuberkulosefort, dieses Mal im relativ friedlichen Somaliland. Sie erweiterteihr Arbeitsfeld und begann, HIV/AIDS-Infektionen zu behandelnund sich für die AIDS-Prävention einzusetzen, dennAIDS ist eine Krankheit, die gerade geschwächte Tuberkulosekrankebefällt. Sie gründete eine Schule für taube und behinderteKinder und finanziert den Besuch von Ärzten einer deutschenWohltätigkeitsorganisation, die zweimal im Jahr kommen und3.700 Patienten, die an grauem Star litten, das Augenlicht wiedergegebenhaben. Sie setzt sich ebenso rückhaltlos im Kampf gegendie Verstümmelung weiblicher Genitalien ein und konnte nachihren eigenen Angaben inzwischen beinahe alle traditionellen Beschneiderinnenin Borama davon überzeugen, diese Praxis aufzugebenund sich ihrer Kampagne anzuschließen.Selbst im Alter von sechzig Jahren lässt Dr. Tonelli keine Anzeichenerkennen, kürzer treten zu wollen. Wenn sie jemals gezwungensein sollte, Somalia zu verlassen, sagte sie leise, „dann werde ichMenschen helfen, die an anderen Orten der Welt leiden. Die Weltist voll davon.“ BSadruddin Aga KhanDer frühere UN-FlüchtlingskommissarPrinz Sadruddin Aga Khan starb AnfangMai nach langer Krankheit in Boston im Altervon 70 Jahren. Prinz Sadruddin, der Onkel vonKarim Aga Khan, dem geistigen Oberhaupt vonzwölf Millionen ismailitischen Muslimen, hatsein ganzes Leben der humanitären Arbeit gewidmet.Nach drei Jahren als StellvertretenderUN-Flüchtlingskommissar wurde er 1966 imAlter von 33 Jahren zum Leiter von UNHCR ernannt.Er war der jüngste Hochkommissar, dendie Organisation je hatte, und führte sie zwölfJahre durch eine ihrer turbulentesten Phasen. Inseine Amtszeit fielen die Bangladesch-Krise von1971, in deren Verlauf zehn Millionen Menschenentwurzelt wurden, der Exodus mehrerer hunderttausendHutu aus Burundi 1972 und dieFlucht der indochinesischen Boatpeople Mitte dersiebziger Jahre.Nach dem Ende seiner Tätigkeit für UNHCR imJahr 1977 setzte er seine humanitäre Arbeit fürdie Vereinten Nationen in verschiedenen Teilender Welt fort, unter anderem in Afghanistan undUNHCR/J. LOWESadruddin Aga Khan im Jahr 1974.im Irak. Er veröffentlichte mehrere Bücher underhielt internationale Auszeichnungen wie denTitel eines Kommandeurs der französischenEhrenlegion und den UN-Menschenrechtspreis.FLÜCHTLINGE NR. 2/200331


Über drei Millionen Menschen sind in demBürgerkrieg im Kongo gestorben.Schätzungsweise zwei Millionen wurden indem andauernden Konflikt im Sudan getötet.In Angola wurden in den letzten dreiJahrzehnten mindestens eine MillionMenschen getötet.Die Konflikte in Liberia, Côte d’Ivoire undanderen Staaten dauern an.Wegen dieser Kriege leben etwa 15 MillionenMenschen weiterhin als Vertriebene.Mehrere hunderttausend Menschen kehrennach Angola, Sierra Leone und in andereLänder zurück.Zwei Millionen Flüchtlinge warten auf denAusgang derzeit laufender Friedensgespräche.

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