Die rituelle Mannifaltigkeit des Hochamtes in den Handschriften des ...

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Die rituelle Mannifaltigkeit des Hochamtes in den Handschriften des ...

1Die rituelle Mannifaltigkeit des Hochamtes in den Handschriften des Avesta1. Avesta-Handschriften und Avesta-Ausgabe• Exegetischer Avesta vs. praktischer oder ritueller Avesta• Pahlavi-Handschriften vs. Sāde-Handschriften• Sasanidische Tradition des rituellen Avesta: Sāde-Hss. und Nērangestan• Folgen der Abhängigheit der Avesta-Ausgabe von den Phl.-Hss.2. Das Hochamt in den Handschriften: Hauptvarianten des Hochamtes• Hochamt vs. andere Ämter• Die vier Hochämter: Yasna, Visperad, Videvdad und Vištāp Yašt• Einschaltzeremonien und Visperad3. Das Visperad-Hochamt: Visperad Sāde vs. Phl.-Visperad• Die traditionelle Beschreibung des Visperad-HochamtesDie Einschaltungen nach Y54: der Baj-Dharnā und andere• Die Einschaltungen vor Y54, die in der Avesta-Ausgabe nicht vorkommen.• Notwendigkeit einer Ausgabe des Visperad-Hochamtes.4. Varianten innerhalb jeder Hauptvariante des Hochamtes• die Ratu-Listen• die Widmungen• Varianten im Rahmen von grösseren Zeremonien (Srōš, Frawardīgān,Gāhānbār, Hōmāst, usw):o Y23 und Y26o Y62.12Unter der Bezeichnung “Avesta” verbirgt sich eine zweifache Wirklichkeit:die Sammlung der Texte in avestischer Sprache, die bis heute in Handschriftenerhalten geblieben sinddie grosse Sammlung von 21 Bücher, die in drei Gruppen von je 7 Büchernorganisiert sind, und die in der nachsasanidischen Literatur in Pahlavi beschriebenist.Das im Denkard beschriebene Avesta ist nur aus parziellen Beschreibungen bekannt,aber aus ihnen ist mit gewisser Sicherheit zu entnehmen, dass diese Sammlung und ihrekünstliche Organisation das Ergebnis einer exegetischen Tradition sind, und dass die


2meisten Texte sowohl in einer avestischen und einer pahlavi Version überliefertwurden, einige wahrscheinlich nur in Pahlavi. Wir können dieses „das exegetischeAvesta“ nennen.Dagegen sind die avestischen Texte, die uns tatsächlich in Handschriften erhalten sind,meistens rituelle Texte, die im Ritual rezitiert werden. Es kommen einige Texte hinzu,die vom Ritual und von der Priesterausbildung handeln. Die meisten Handschriftenbestehen einfach aus dem Text einer Zeremonie in avestischer Sprache, zusammen miteiner Reihe von rituellen Anweisungen, die in verschiedenen Sprachen (Pahlavi,Pazand, Gujarati, Persisch) verfasst sind, je nachdem, wo und wann sieniedergeschrieben wurden. Sie bilden zusammen das, was ich „das praktische oderrituelle Avesta“ nenne.Unter den uns erhaltenen Handschriften sind jedoch auch einige, die die exetischeTradition fortzusetzten scheinen. Es sind die, die man als Pahlavi-Handschriftenbezeichnet. Sie enthalten neben dem avestischen Text auch seine Phl.-Übersetzung.Zwischen den Pahlavi-Handschriften und den Sāde- oder reinen Hss., die nur denavestischen Text und die rituellen Anweisungen enthalten, gibt es jedoch weitereUnterschiede. Die Phl.-Handschriften enthalten häufig nicht genau denselben Textenwie ihre Sāde- Entsprechungen. Nur der Text der Yasna-Handschriften ist derselbe inbeiden Überlieferungen.Die Visperad-Sāde-Handschriften enthalten eine etwas längere und feierlichereVariante des Yasna-Hochamtes. In den Phl.Hss. des Vr erscheinen hingegen die vomYasna abweichenden Fragmente sowie Einschübe, die im Yasna nicht vorkommen.Aber in der Tat kommen in den Phl.-Vr auch nicht alle abweichenden Fragmente undEinschübe vor, sondern nur eine Auswahl. Ferner hören die aufgenommenenVarianten bei Y55 auf, obwohl, wie wir sehen werden, auch danach Abweichungen undEinschübe vorhanden sind. Im Fall des Vidēvdāds enthalten die Phl.-Hss. nur dasVidēvdād-Buch, welches eins der 21 Bücher des exegetischen Avesta war. In den Sāde-Hss. finden wir den gesamten Text eines Visperad-Hochamtes wiedergegeben, wobeidas eigentliche Videvdad-Buch zwischen den Gāthās stellenweise interkaliert wird.Ähnlich sieht es bei den Phl.-Handschriften des Vištāsp Yašt aus.Die traditionelle Meinung war, dass die Phl.-Hss. die ursprünglicheren und die Sāde-Hss. aus ihnen bloss durch das Weglassen der Phl.-Übersetzung entstanden sind. Dafürgab es kaum andere philologische Argumente als das Vorhandensein einiger Glossen,die urspünglich in den Phl.-Kommentaren zuhause waren und trotzdem in den VS


3Handschriften erscheinen. Heute wissen wir (wie mein Schüler Juanjo Ferrer in einerTagung über die Überlieferung des Avesta, die September 2009 in Salamanca stattfand,gezeigt hat), dass die Einfügung dieser Glossen viel später, erst in Indien um das 16.und 17 Jhr. stattgefunden hat. Humbach (1973) versuchte philologische Argumente füreine Herleitung unsrer VS-Hss aus den Phl-Hss zu bieten, aber diese Argumente habenheute ihre Kraft eingebüsst. Die These der Ursprüngligkeit der Phl.-Hss war seit denAnfängen der Avesta-Forschung eine Folge der aprioristischen Annahme, dass unsereHandschriften Überreste des exegetischen Avesta sind. Da das exegetische Avesta einePU hatte, müssen die Hss mit PÜ die Originalen sein.Kellens hat jedoch 1998 in JA die Meinung geäussert, dass beide Sammlungenwenigsten seit dem 8 Jhr. unabhängig voneinander bestehen. Das „praktische Avesta“besteht nicht aus Überresten des „exegetischen Avesta“, sondern ist eine alternativeSammlung mit eigenen Zwecken, und sie steht in keiner direkten Verbindung zu dem„exegetischen Avesta“. Die Handschriften gehen also auf eine alternative Sammlungmit rituellem Zweck zurück. Heute können wir ein starkes Argument für dieseHerleitung anführen, das bisher in der Diskussion nicht aufgebracht worden ist.Es besteht eine unverkennbare Verbindung zwischen dem Nērangestān, einemsasanidsichen Buch mit ritualen Anweisungen, die neulich von Prof. Kreyenbroek undF. Kotwal ediert und übersetzt worden ist, und unseren Sāde-Handschriften. DieTradition, die zur Komposition des Nērangestān führte, ist dieselbe, die dieBeschreibungen der Rituale, so wie sie in den Sāde-Handschriften erscheinen, erzeugthat. Diese Beschreibungen dienen aber nicht dem Gebrauch im Ritual, sondernhauptsächlich der Priesterausbildung. Die Hss enthalten auch häufig nicht „den Text“einer Zeremonie, sondern unterschiedliche mögliche Varianten. Solche Handschriftensind wohl kaum für den Gebrauch in der rituellen Praxis entstanden, sondern sie sindfür Lehre in den priesterlichen Schulen bestimmt. Man beachte, dass in denKolophonen der Sāde-Hss der Unterricht immer als erste mögliche Verwendung derHss angegeben wird. Diese Beschreibungen der Zeremonie, in denen rituelleAnweisungen (nērang) den rituellen Text begleiten, wurden wahrscheinlich zunächstmündlich tradiert, aber es ist ebenfalls wahrscheinlich, dass sie ziemlich bald auch fürdie Ausbildung der Priester niedergeschrieben wurden. Eine schriftliche Versiondavon war wenigstens so nützlich wie eine schriftliche Version des Nērangestān. Es istfolglich denkbar, dass unsere Sāde–Handschriften auf die Zeit der Erfindung der


4Avesta-Schrift zurückgehen und nicht nur spät, aus Anlass des zunehmenden Verfallsder zoroastrischen Kirche, niedergeschrieben wurden.In der Tat ist die Verbindung zwischen Nērangestān und Sāde-Hss unverkennbar unddie konkreten Übereinstimmungen zahlreich, obwohl die uns bekannten Sāde-Handschriften etwas 600 Jahre später als die Verfassung des Nērangestān zu datierensind. Wenn man die Beschreibung der Zeremonien im Nērangestān (besonders Kapitel28 und 29) mit den Angaben in den Handschriften vergleicht, stellt man fest, dass sie bisin die kleinsten Details übereinstimmen. Es fehlen auch nicht Unterschiede unter demNerangestan und den Beschreibungen in den Handschriften: einige Ämter wie dasBayān Yašt, das im Nērangestān eine wichtige Rolle spielt, treten zurück, und Rituale,die im Nērangestān eine kleine, wenn überhaupt, Rolle spielten, werden dann in denHss wichtiger, wie z. B. das Videvdad-Hochamt. Trotzdem sind dieÜbereinstimmungen in kleinsten Details sehr zahlreich, und sie reichen allemal, um dieSāde-Handschriften und den Nērangestān derselben Tradition der priesterlichenAusbildung zuzuschreiben.Die Übereinstimmungen ausführlich zu zeigen würde uns weit über den zeitlichenRahmen dieses Vortrags hinaus bringen und uns eigentlich von unserem heutigenThema ablenken. Jedoch möchte ich ein paar Beispiele vortragen, das deutlich zeigt,dass der Nērangestān auf der Grundlage von ähnlichen Nērangs, wie sie in unserenSāde-Handschriften vorkommen, verfasst wurde.In N28.41 wird gezeigt, dass die Rezitation von Vr3, der Einweihung der im Hochamtteilnehmenden Priester, ein Kennzeichen der Visperad und andererEinschaltzeremonien (worüber wir später sprechen werden) ist. Der Text des Visperadsagt folgendes: ka hāuuanəm āstaiia nē gōwēd [ka nē pad kardag mad estēd] u-šān padyašt ī kēh bē *rāyēnīd pad wisperad ud bayān yasn šāyēd būdan rāspīg ka azəmvīsāi nē gōwēd ī pad kār andar yazišn pad tis-iz kār nē šāyēd ka ēk pad gāh-ēhamē gōwēd pad hamāg kār šāyēdIn der Übersetzung von Kotwal und Prof. Kreyenbroek ($ 1):If the zōt does not recite hāuuanəm āstaiia, [[if (the service) does not includekardas]], then they have arranged it as a lesser service (yašt ī keh); this mayhappen in the case of the Vīspered or the Bagān Yasn. If the rāspī does not


5recite azəm vīsāi, which must be recited in the ritual, then he is not fit for anyritual work. If he says it once, in any gāh, then he is fit for all ritual work.In dieser Übersetzung ist der letzter Satz etwas dunkel. Was ist mit „er sagt es einmal injedem gāh“ gemeint? Kotwal und Kreyenbroek äussern sich nicht dazu. Dienächstliegende Auffassung wäre „einmal bei jeder der fünf Tageseinteilungen“. DieseInterpretation ist jedoch in diesem Zusammenhang sinnlos. Die hier verwendetePhraseologie ist dieselbe, die wir in den rituellen Anweisungen der Sāde-Hss.ausgesprochen zur Rezitation von Vr3 finden und setzt voraus, dass die rituellenAnweisungen (nērang) der Handschriften schon zur Zeit des Verfassung desNērangestān vorhanden waren. Der Nērang lautet in der Hss. G18b des 17 Jhr.:zōt gōwēd hāuuanəm. āstaiia. rāspīg pad gāh ī hāwanān ud pad dast ī dašn zōt azəm. vīsāi. zōt gōwēd ātrauuaxšəm. āstaiia. rāspīg pad gāh atrawaxšazəm. vīsāi. zōt frabərətārəm. āstaiia. rāspīg pad gāh ī fraburdārān azəm. vīsāi.zōt ābərətārəm. āstaiia. rāspīg pad gāh ī āburdān azəm. vīsāi. zōtāsnatārəm. āstaiia. rāspīg pad gāh ī āsnadārān azəm. vīsāi. zōt raeθßiškarəm.āstaiia. rāspīg pad gāh ī rahwiškarān azəm. vīsāi. zōt sraošāuuarəzəm. āstaiia.dąhištəm. aršuuacastəməm rāspīg pad gāh ī srōšāwarān azəm. vīsāi.Der Zōt sagt: hāuuanəm. āstaiia. Der Rāspīg auf dem Platz der Hāwan-Priesterund auf der rechten Seite des Zōt (sagt): azəm. vīsāi. Der Zōt sagt:ātrauuaxšəm. āstaiia. Der Rāspīg auf dem Platz des Ātrauuaxš-Priestes (sagt):azəm. vīsāi. Der Zōt (sagt): frabərətārəm. āstaiia. Der Rāspīg auf dem Platz derFarburdar-Priester (sagt): azəm. vīsāi. Der Zōt (sagt): ābərətārəm. āstaiia. DerRāspīg auf dem Platz der Āburdar-Priester (sagt):azəm. vīsāi. Der Zōt (sagt):āsnatārəm. āstaiia. Der Rāspīg auf dem Platz der Āsnadar-Priester (sagt):azəm. vīsāi. Der Zōt (sagt): raeθßiškarəm. āstaiia. Der Rāspīg auf dem Platzder Rahwiškar-Priester (sagt):azəm. vīsāi. Der Zōt (sagt): sraošāuuarəzəm.āstaiia. dąhištəm. aršuuacastəməm Der Rāspīg auf dem Platz der Sōšwarz-Priester (sagt): azəm. vīsāi.Die rituellen Anweisungen sind völlig klar. Ein einziger Hilfspriester (rāspīg)übernimmt die Rollen der 7 Hilfspriester, die der Avesta-Text erwähnt. Bei derEinweihung der Priester, die im Visperad-Hochamt gefeiert wird, stellt sich derHilfspriester auf dem Platz einesjeden der sieben Priester, auf Befehl desHauptpriesters (zōt), und sagt dort: „Ich bin bereit“. Dies ist genau die Handlung, dieN28.41 beschreibt. Der lezte Satz ist unter Betrachtung der in G18b (und anderen Hss.)


6bezeugten rituellen Anweisungen ganz klar: der Rāspīg muss auf jedem Platz (auf demPlatz einesjeden der sieben Hilfspriester) je einmal azəm vīsāi sagen. Der Wortlaut (ēkpad gāh-ē) des Nērangestān setzt die Existenz eines Nērangs wie das im G18bbezeugten voraus.Das ist nur ein Beispiel, aber die Übereinstimmungen sind durchgehend. erlauben siemir ganz kuz ein zweites vorzuführen. In der Beschreibung der Vorbereitungen für dasHochamt lesen wir in Nērangestān (N28.31):zōt ka andar *ō yazišn āyēd az kust ī dašn pad gāh ī ātrawaxšān be estišn u-š warō ātaxš ud barsom rōn kunišn aš əm vohū 3 frauuarānē čē gāh dārēd pad mān iwehān tauua. ātarš puϑra. ahurahe. mazd . x naoϑra ast kē ēdōn gōwēed ayhamē āθrō. ahurahe. mazd . tauua. ātarš puϑra. ahurahe. mazd . x naoϑra.When the zo-t comes in for the act of worship, he should stand on the right-handside at the place of the ātarwaxš, face the fire and the barsom, and pray a. v. (3),frauuarānē (3) and the appropiate gāh prayer; (if he is) in the house of abeliever, tauua. ātarš puϑra. ahurahe. mazd . x naoϑra. There is one who saysthus: “āθrō. ahurahe. mazd . tauua. ātarš puϑra. ahurahe. mazd . x naoϑra.”Dies entspricht einem Nērang am Anfang des Hochamtes. Ich gebe es hier in derVersion der ältesten VS-Hs., die neulich im Iran auffunden wurde (Ave976):YDE PWN pʾtyʾp krtn’ OL y gʾh ʾbltʾn’ OZLWN-tn wl OL ʾthšgʾs W blswm krtnfrauuarāne. mazdaiiasnō. zaraϑuštriš. vīdaēuuō. ahura. kaē ō. ušahina. a aone.a ahe. raϑβe. yasnāica. vahmāica. x naoϑrāica. frasastaiiaēca. PWN mʾn y ʾthšāθrō. ahurahe. mazd . tauua. ātarš puϑra. ahurahe. mazd . x naoϑra. yasnāica.vahmāica. ϑrāica. frasastaiiaēca. PWN mʾn y ŠPYLʾn’ tauua. ātarš puϑra.ahurahe. mazd . x naoϑra. yasnāica. vah.. x. fra.Er reinigt seine Hand mit Pādyāb und geht zum Platz der Ābard-Priester undstellt sich gegenüber dem Feueraltar und dem Barsom. (Er sagt auf) frauuarāne.mazdaiiasnō. zaraϑuštriš. vīdaēuuō. ahura. kaē ō. ušahina. a aone. a ahe.raϑβe. yasnāica. vahmāica. x naoϑrāica. frasastaiiaēca. Im Feuertempel āθrō.ahurahe. mazd . tauua. ātarš puϑra. ahurahe. mazd . x naoϑra. yasnāica.vahmāica. ϑrāica. frasastaiiaēca. Im Haus der Guten: tauua. ātarš puϑra.ahurahe. mazd . x naoϑra. yasnāica. vah.. x. fra.Die Übereinstimmungen zwischen beiden Stellen sind nochmals himmelsklar. Und dieHs. erlaubt uns nochhmals die Nērangestān-Stelle besser zu verstehen. Nach Kotwal-


7Kreyenbroek’s Übersetzung folt dem frauuarānē das Gebet des entsprechendenTagesschnittes. Jedoch was der Text genau sagt ist „ein Frauuarānē, das den(entsprechenden) Gāh enthält. Die Hs. bestätigt diese Interpretation: man rezitiert andieser Stelle ein abweichende Version des Frauuarānē, in der statt der üblichenhāuuanəē, sauuahəē und raθßąm nur der entsprechende Gāh des Feiers erwähnt wird.D.h. in der nächtlichen Videvdad-Hochamt ušahina, der Tagesschnitt vom Mitternachtbis vor Morgendämmerung.Im Laufe dieses Vortrags werden wir mehrere weitere solche Übereinstimmungenfinden. So frappierend und zahlreich wie sie sind, wurden sie jedoch bisher nichtuntersucht, weil die rituellen Anweisungen der Handschriften bisher nicht ediertworden sind, und weil sie nur durch die direkte Benutzung der Handschriftenzugänglich sind. Die Hss. selbst, und besonders die iranischen Sāde-Hss. des 17 Jhr. mitden ältesten rituellen Anweisungen, die noch in Pahlavi verfasst sind, sind kaumzugänglich. In der Tat ist bisher nur die Vr.-Sāde Hss. K7a als Facsimile veröffentlichtworden. Diese Lage hat sich glücklicherweise in den letzten Jahren geändert. UnsereSuche von iranischen Handschriften im Rahmen des Avestan Digital Archive hatzahlreiche iranische Handschriften aufgedeckt, die in nächster Zukunft onlinezugänglich sein werden.Wir haben also Gründe für die Annahme, dass die rituellen Anweisungen derHandschriften dieselbe Tradition der rituellen priesterlichen Ausbildung desNērangestān fortsetzen. Dazu zeigen die zahlreichen Übereinstimmungen in denEinzelheiten der rituellen Praxis, dass die in den Handschriften geschilderten Rituale inden meisten Fällen auf die sasanidische rituelle Praxis zurückgehen und sie fortsetzen.Auch andere Indizien deuten darauf, wie z. B. die Erwähnung, schon im PahlaviKommentar des Videvdad, des in den Handschriften öfter geschilderten Videvdad-Srōš-Hochamtes, eine besonders häufige Variante des Videvdad-Hochamtes.Es ist jedenfalls eindeutig, dass die Sāde-Hss. nicht aus den Phl.-Hss. herzuleiten sind,da jene viele Texte enthalten, die in diesen nicht erscheinen. Aber das Umgekehrte isthingegen wohl möglich. Die Phl.-Hss sind vielmehr das Ergebnis einer Anpassung derexegetischen Tradition zum „praktischen Avesta“, zu einer nicht genau zubestimmenden Zeit. Diese Anpassung könnte man vielleicht zwischen dem 9 Jhr. unddem 12 Jhr. für die meisten Texte ansetzen.Die vielleicht zu lange Diskussion über den Charakter der Sāde und Phl.-Hss. und überden Vorrang, den man bei der Ausgabe des Avesta den einen oder den anderen zu


8geben hat, ist nicht unbedeutend. Die Entscheidung der Heruasgeber des Avestazugungsten der Phl.-Hss hat unser Bild des Avesta und zum Teil auch desZoroastrismus entscheidend geprägt. Das Avesta, das man in der GeldnerschenAusgabe findet, ist hauptsächlich das Avesta der Phl.-Hss., die das Ergebnis einerAnpassung der exegetischen Tratidition zu den rituellen Hss. des „praktischen Avesta“sind. Infolgedessen treten der rituelle Charakter der meisten Texte und ihre rituelleFunktion in der Ausgabe sehr zurück, wenn sie überhaupt erkennbar sind. Undselbstverständlich folgen alle vorhandene Übersetzungen Geldner’s Ausgabe undleiden unter derselben Ungereimtheit, wenn auch nicht alle gleichermaßen. DiejenigeÜbersetzung, in der der rituelle Charakter unseres Avesta am besten ans Licht tritt, istdie Französische von Darmesteter, während Wolff’s Übersetzung, die praktisch eineZusammenstellung aus Zitaten aus Bartholomae’s Altiranisches Wörterbuch ist,diesbezüglich ganz missglückt ist.Die Folgen von Geldner’s Abhängigkeit von den Phl.-Hss und der sich darausergebenen allgemeinen Vernachlässigung des rituellen Charakters der Texte sindzahlreich. Gravierend ist die Vorstellung einer mutmaßlichen rituellen Einförmigkeitdes Avesta, die durch jene Avesta-Ausgabe veranlasst wurde. Sie steht im Gegensatz: 1.zu der tatsälich in den Handschriften belegten rituellen Vielfältigkeit zwischen dem 13und dem 18 Jhr.; 2. zu den zahlreichen rituellen Variationen, die das Nērangestānbezeugt, und die häufig Entsprechungen in den Sāde Handschriften finden; und 3. zudem Reichtum an Ritualen, die die np. Rivāyats noch im 15-16 Jhr. beschreiben.Weiterhin hat die dürftige Edition der verschiedenen Varianten des Hochamtes dazugebracht, dass die verschiedenen Hochämter, so wie sie in den Handschriftenerscheinen, gar nicht beschrieben oder analysiert worden sind, obwohl ihnen zuverdanken ist, dass das Avesta, das wir kennen, überhaupt zu uns gekommen ist. DieVeröffentlichung des Nērangestān von Kotwal-Kreyenbroek enthält breite Informationüber die Rituale zur sasanidischen Zeit. Parsi Priester und Gelehrten haben uns dieheutige Ritualpraxis geschildert. Die genauen Beschreibungen des Hochamtes in denHandschriften haben jedoch bisher kaum Beachtung gefunden: die Handschriftenwaren kaum zugänglich, die Nērangs wurden nicht ediert, und die Analysen, die dieseAngaben berücksichtigen, sind äusserst selten. Die Aufdeckung der Handschriften stelltdie Avesta-Philologie vor einer neuen Aufgabe, die sicherlich für dieReligionsgeschichte des Zoroastrismus nicht ohne Folgen sein wird.


9Heute werde ich versuchen, Sie vertraut zu machen sowohl mit der rituellenVerschiedenheit, die wir in den Hss. des Avesta und besonders in den Handschriftendes Hochamtes finden, als auch mit der Schwierigkeit, sie rein aufgrund der Avesta-Ausgabe überhaupt zu erkennen. Schon aus dieser Ausgabe ist deutlich zu erkennen,dass das praktische Avesta aus zwei Sammlungen besteht:- 1. die Texte / Handschriften desselben Hochamtes, das in modernen Zeiten inTempeln zelebriert wird. Die gemeinsamen Nenner solcher Zeremonien sind diePressung des Haoma und die Rezitation der altavestischen Texte (Yasna und YH,die ich im Folgenden als Staota Yesniia bezeichnen werde), eventuell auch einTieropfer während der Rezitation des YH.- 2. eine Sammlung von rituellen Texten für Zeremonien, die ausserhalb des Tempelsgefeiert werden könnenIn Geldner’s Prolegomena zu seiner Ausgabe erfahren wir, dass es vier verschiedeneTypen von Sāde-Hss des Hochamtes gibt, die vier verschiedenen Zeremonienentsprechen: Yasna, Visperad, Videvdad and Vištāsp Yašt. Die zwei letzten (Vidēvdādund Vištāsp Yašt) sind das, was ich als Einschalt-Ämter bezeichne. Es handelt sich umÄmter, in welchen zwischen den Staota Yesniia jungavestische Texte eingeschaltetwerden, wodurch die ganze Symbologie und Funktion des Amtes geändert wird. ImVidēvdād-Hochamt wird eben das Nask Vidēvdād eingeschoben, und dadurch wird derParallelismus zwischen der individuellen Eschatologie des Opfers (der Reise der Seeledes Opferers ins Jenseits als Opfergabe) mit der universellen Eschatologie (derendgültigen Läuterung der Welt) betont. Wir wissen, dass es auch andere Einschalt-Ämter gab, wie der im Nērangestān reichlich beschriebene Bayān Yasn, aber leiderhaben sie keinen Eingang in die handschriftliche Tradition gefunden.Die Phl.-Hss. der Einschalt-Zeremonien geben nur den zwischen den Staota Yesniiaeingeschalteten Text wieder und nicht den Rest der Zeremonie. Dasselbe tun diemodernen Editionen und Übersetzungen. Die Einschalt-Ämter basieren auf demVisperad-Hochamt, d.h. die jungavestischen Texte werden mitten in der Rezitation derStaota Yesniia in einem Visperad-Hochamt eingeschaltet. Jedoch sind aus den Phl.-Hssdie Einschalt-Ämter nicht mehr zu rekonstruieren. Einerseits gibt es verschiedeneVarianten des Visperad-Hochamtes, und nur aus den Phl.-Hss wüssten wir nicht,welche im Fall des Videvdad-Hochamtes oder des Vištāsp Yašt als Basis genommenwird. Andererseits gibt es gelegentliche Änderungen gegenüber der VisperadZeremonie über die Einschaltungen hinaus: die bekanntesten sind im Fall des


10Videvdad die Ersetzung von hāuuani „die Tageseinteilung der Morgendämmung“durch die Formel dāta haδa.dāta vīdaēuua zaraθuštri, sowie Wechsel in derReihenfolge der Tageseinteilungen in den ratu-Listen, die für die nächtlicheZelebration adaptiert wurden. Man muss jedoch beachten, dass es auch andereVariationen gegeben haben mag, die ich bisher in keiner Beschreibung finden konnte.Neben Variationen in der Anzahl von Wiederholungen bestimmter Gebete findet manWiederholungen gewisser Texte an anderen Stellen als im Visperad-Hochamt ($3). Soerscheint VrS21.2-4 (Vr16.2-4) im Videvdad-Hochamt wieder in der Mitte von VrS29(Vr24), am Ende der Staota Yesniia. 1Im Fall des Visperad ist die Lage ganz anders, aber nicht viel glücklicher, obwohl diesesHochamt als Basis für alle Einschaltzeremonien dient. Die Phl.-Hss listen 24 kardag,Sektionen, die entweder Einschübe oder alternative Texte zum Yasna-Hochamt sind.Die Phl.-Hss geben nichtmal an, an welcher Stelle des Hochamtes sie einzuschiebensind oder welche Texte sie ersetzen. Diese modernen Ausgaben des Visperadbeschränken sich auf dieselben 24 Sektionen (kardag), und das Gleiche kann man überdie Beschreibungen dieses Amtes sagen. In der Tat ist folgendes Schema des Vr-Hochamtes, seit seiner ersten Publikation durch Geldner im Grundriss der ir. Ph. ,mehrmals mit leichten Variationen reproduziert worden:Y1.1-8 Vr 1Y 1.10-2.8 Vr 2Y 2.10-11.8 Vr 3.2-5Y 11.9-15 Vr 3.56-Vr 4Y 11.16-Y 14 Vr 5Y 15 Vr 6Y 16-17 Vr 7-8Y 18-21 Vr 9Y 22 Vr 10-11Y 23-27 Vr 12Y 28-30 Vr 13Y 31-34 Vr 141 Gleicherweise das yazamaide des Ahuna Vairiia (VrS19.3 =Vr14.3) erscheint imVidevdad-Hochamt inmitten des Visperad-Einschubs nach der Uštauuaiti Gāθā.


11Vr 15Y 35-42 (Yasna Hapt.) Vr 16-17Y 43-46 Vr 18Y 47-50 Vr 19Y 51 Vr 20(2º Yasna Hapt.) Vr 21-22Y 52-53 Vr 23Y 54 Vr 24Y 55-72Leider ist diese Beschreibung des Visperad-Hochamtes sehr ungenau. Aus diesenInformationen ist die Zeremonie, wie sie in den Handschriften erscheint, ganz und garnicht zu rekonstruieren. Geldner behauptet mit klaren Worten: „Mit Yasna 55 hörendiese Einschaltungen ganz auf und es wird nur noch der Yasna bis zum Ende rezitiert“.Leider ist diese Aussage unberechtigt, und Geldner hätte es genau wissen sollen. Nurseine Abhängigkeit von den Phl.-Hss. kann eine solche Behauptung erklären. Nach Y55finden wir 8 Einschaltungen. Davon ist eine, die dem Fšušō Mąθra (Y59) folgt, sehrlang. Sie umfasst in der Hs. K8 17 komplette Folios, wobei das gesamte Visperad-Hochamt in derselben Hs. aus 129 Folios besteht (man muss jedoch beachten, dass vieleYasna-Texte dabei sehr abgekürzt sind). Ich werde sie kurz schildern, um zu zeigen,dass es sich hier nicht um bloss unbedeutende Varianten handelt.Die Einschaltung nach dem Fšūšō Mąθra entspricht einer zweiten Feier der srōš drōn-Zeremonie, die wichtige Abweichungen gegenüber der ersten (Y3-8) zeigt. In dermodernen Praxis ist sie als Bāj-dharnā bekannt (Anklesaria 1957 403 ff.). Es ist imRahmen dieses Vortrags nicht möglich, eine eingehende Analyse dieser Abweichungenzu liefern. Ich werde jedoch die wichtigsten Züge zeigen, damit man sieht, dass solcheEinschaltungen wohl einer Analyse würdig sind. Auf der Ebene der rituellen Praxis istdie wichtigste Abweichung, dass im Bāj-Dharmnā kein cāšnīg „Genuss desOpferbrotes“ stattfindet. Es ist also keine Drōn-Zeremonie im engen Sinne des Wortes.Dementsprechend wird der begleitende Text des cāšnīg (Y8) nicht rezitiert, mitAusnahme des ersten Paragraphs.Die Einschaltung beginnt mit Y62.1-6, dem Anfang von der Feuerlitanei (ātaxš niyāyiš),der dann nach Y61 nicht wiederholt wird. Dies deutet daraufhin, dass in diesemHochamt die zweite Rezitation des Srōš-Drōn und die Dahma Āfrīti (Y60-61) als Teile


12der Feuerlitanei aufgefasst sind. Die zahlreiche Referenzen auf das Feuer im gesamtenBaj-Dharnā deuten auch darauf hin.Die Rezitation des eigentlichen Srōš Drōn fängt mit einer Variante von Y3.1-4 an, inwelcher die Hinweise auf die Speise und Haoma eliminiert worden sind, wie sich zudiesem Punkt der Zeremonie gebührt. Dasselbe geschieht später in der Rezitation derparallelen Version von Y7. Dazu kommt hier, und auch sonst in Baj-Dharnā, dieWidmung des Hochamtes, das man gerade feiert, statt der üblichen Widmung bei derersten Drōn-Zeremonie. Danach wird statt Y22.5-19 Y3.5-19 rezitiert, das zwar an sichidentisch ist, das aber die dem Visperad-eigene erweitete Ratuliste enthält (mitHineinbeziehung der textuellen Ratu der Staota Yesniia). Dasselbe geschieht im Fallevon Y6, wo Y6.1-18 durchY17.1-17 ersetzt wird.Es überrascht uns gar nicht, dass bei dieser Feuerlitenei, durch welche das Feuer, dasdas Fleischopfer aufgenommen hat, entweiht wird, wichtige Momente des Prozessesder Einweihung wiederholt und damit neutralisiert werden. So muss man m. E.verstehen, dass Y5, das ein Zitat von Y37 ist, durch die Einweihung des Feuers in YH(d. h. durch Y36) ersetzt wird.Ein weiterer bedeutender Einschub im Vergleich zur ersten Feier des Srōš-Drōnerscheint nach Y7.24-25. Diese zwei Paragraphen bestehen aus Zitaten aus derEndsektion des YH. In der Visperad-Zeremonie wird der YH bekanntlich ein zweitesMal nach Y51 und vor Y52 rezitiert. Mit dem Einschub von Y52.1-4 nach Y7.24-25schreibt man im Visperad-Hochamt diese Zitate des YH dem zweiten YH zu, und manstellt sie in Verbindung mit dem damit erreichten xšaθrəm, „der Macht für dieÜberwindung des Todes“.Auf Y52.4 folgt ein Paragraph, das ein Zitat aus Y41.5 (das seinerseits Y7.24entspricht) enthält, jedoch aber wenig verständlich ist:vahištąm. aš īm. 2 aogəmadaēca. usmahica.vīsāmadaēcaaməš anąm. spəṇtanąm. yasnāica. vahmāica.xšnaoϑrāica. frasastaiiaēca.raϑβō bərəzatō. yō. a ahe. raϑβąm.aiiaranąmca. asniianąmca. māhiianąmca.yāiriianąmca. sarəδanąmca. yōi həṇti. a ahe.Gāhānbāru. aš īm. aogəmadaēca. usmahica.vīsāmadaēca. aməš anąm. spəṇtanąm.yasnāica. vahmāica. xšnaoϑrāica.frasastaiiaēca raϑβō bərəzatō. yō.a ahe. raϑβąm. aiiaranąmca.asniianąmca. māhiianąmca.yāiriianąmca. sarəδanąmca. yōi həṇti.2 Sonst nicht belegte Fügung


13ratauuō. hāuuanōiš. raθßō. [ayāb har gāhbawēd] yasnāica. vahmāica. x naoϑrāica.frasastaiiaēca.a ahe. ratauuō. maiδiiāiriiehe. raϑβō.[ayāb har gāh bawēd] yasnāica.vahmāica. x naoϑrāica. frasastaiiaēcaDieser Text ist in zwei Varianten bekannt: der der üblichen Version und der derVariante, die in der Gāhānbār-Feier angewandt wird. Ferner ist zu beachten, dass dieFügung vahištąm. aš īm sonst im erhaltenen Avesta nicht belegt ist.Es folgt dann das entsprechende Xšnuman des Hochamtes. Das ganze erscheint alseine Erweiterung von Y52.4, und deswegen wird dann der zweite Teil von Y52.4 amEnde des Xšnūmans wiederholt.Nach 3 Aš əm Vohū kommen zwei Zitaten aus dem Anfang von YH (Y35.2 und 35.5),und das Thema des letzten Paragrpahs, das xšaθra desjenigen, der ein gutes xšaθra hat,wird dann in einem weiterem Paragraph aufgegrifen, das wiederum sonst nicht belegtist:huxšaϑrōtəmahe. xšaϑrəm. yazamaide. daϑušō. yat . ahurahe. mazdā .Am Ende dieses langen Einschubs wird dann wieder das Ende von Y7 (Y7.26-28)aufgenommen, wobei Y7.26 wiederum in einer Variante erscheint, aus der der Texthauruuata amərətāta yazamaide gāuš hud yazamaide haoməmca. para.haoməmca.yazamaide hauruuata weggelassen ist. An seiner Stelle erscheint nach aēsmąscabaoiδīmca yazamaide eine Erwähnung des Feuers: tauua. āθrō. ahurahe. mazd . puθra.imąm. anuiiąmca. aš aiiąmca. raθβąmca. Die Strophe ist, wie es scheint, demabweichenden rituellen Zusammenhang, der Feuerlitanei, angepasst. Das ganze Stückvon den 3 Aš əm Vohu bis Y7.28 wird als bāǰ oder “schützende Formel “ benutzt(Dhabhar 1932: 206)Diese lange Einschaltung endet mit Y8.1. Der Rest von Y8, der auch Teil der Drōn-Zeremonie ist, wird nicht rezitiert. Kellens (2007) hat richtig erkannt, dass Y7.24zusammen mit Y8.1 eine Einheit bildet. Das geht daraus hervor, dass Y8.1 Y7.24verspiegelt wiedergibt: der Anfangssatzt von Y7.24 ist der Endsatz von Y8.1: a aiia nōpaitī jamiiā . Seine Verwendung im Visperad-Hochamt bestätigt diese Interpretationund gibt dieses Stück in einer erweiterten und abweichender Version, meistens mitVerwendung von anderswo bekannten Texten und selten mit originalen Texten.Darüberhinaus wird das ganze Stück an den rituellen Kontext der Litanie des Feuersangepasst.


14Weiterhin ist es klar, dass in der gesamten Tradition das Drōn-Amt (Yašt ī keh) als eineigenes Amt innerhalb des Hochamtes aufgefasst wird. Ein Status das auch der YasnaHaptaŋhāiti, wie der Name selbt bestätigt, geniesst. Die Wiederholung des Drōn-Amtsist somit parallel zur Wiederholung des YH in den Visperad-Hochämtern und ändertdie gesamte Struktur der Zeremonie.Dies ist die längste Einschaltung im Visperad-Hochamt gegenüber dem Yasna-Hochamt. Trotzdem ist sie nirgendwo ediert, übersetzt oder analysiert. Jedoch ist sienicht die einzige nach Y55. Ich habe schon erwähnt, dass es 8 sind. SolcheEinschaltungen sind dem Nērangestān wohl bekannt. In der Tat stimmen der Text unddie rituellen Handlungen der Einschübe mit den Angaben im Nērangestān auf dieletzte Einzelheit, wie der Vergleich zwischen N52.9 und der Visperad-Einschaltungnach Y63.3 (VrS38 in meiner Zählung) zeigt. N52.9 plaziert folgende Ritualhandlungzwischen Y63.3 und Y64, was sowohl mit dem Text der Einschaltung von Visperad-Hochamt wie auch mit den Nērangs, die wir z. B. in RSPA 230 finden, übereinstimmt:N52.9 RSPA230 (265r)daitikanąmcā. aiδiiūnąm. hiia . urunō. y.rāspīg ō ī dast ī hōy zōt šawišn hāwan abarnihišn a āunąm. āa . urunō. y.Der Rāspīg muss zur linken Seite des Zōtgehen, und der Mörser niederlegen.kudō.zātanąmci kār-ē nē dānēm(Bei) kudō.zātanąmci kenne ich dieRitualhandlung nicht.pad kudō.zātanąmciandar hāwan kunišnzōt pārag ī zōhrBei kudō.zātanąmcąmci legt der Zōt einePortion des Zōhr auf dem Mörsernarąmca abar hāwan nāirinąmca ayabarhāwan(Bei) narąmca auf dem Mörser; (bei)nāirinąmca auf dem Mörserkeule;narąmca nāirinąmcahāwan zanišnabarhāwan abaryaēšąm. vahehīš. andar rāh vanaiṇtī. vā.abar θraxti abar ātaxš daēnå. abar zamīg(bei) yaēšąm. vahehīš. auf dem Weg;(bei) vanaiṇtī. vā. auf einer Ecke auf demFeuer; (bei) daēnå. auf der Erde;vaŋhən abar tašt ī warasyaē ąm. vahihīš. daēn . vanaiṇtī. vā.rāspīg hāwan andar urwis nihišn(bei) yaē ąm. vahihīš. daēn . vanaiṇtī. vā.der Rāspīg soll den Mörser in Urwisniederlegen;vəŋhən abar warasdān nihišn


15(bei) vaŋhən auf der Tasse des Waras(Ring mit Stierhaaren)(bei) vaŋhən auf dem Halter des Warasvaonar . dast ī zōt u-š pas *war ī zōhrag barišn u-š tā ō xšaθrəmca īsidīgar pad war ī zōhrag dārišn u-š tā ōxšaθrəmca ī sidīgar abāz ō barsomāwarišn(bei) vaonar . auf der Hand des Zōt unddann man soll es zum Platte des Zōhr undes bis zum dritten xšaθrəmca auf derPlatte des Zōhrag halten und bei demdritten xšaθrəmca zurück zum barsombringenvaonar . andaragnihišnādišt urwis abar zamīgWenn auch Schwierigkeiten bei der Deutung beider Stellen vorliegen, ist dieBeziehung zwischen ihnen deutlich. Beide beziehen sich auf eine Handlung, die ähnlichist zu der, die in den Handschriften bei der Visperad-Hochämtern beschrieben wird.Diese Variante des Visperad war also zur Zeit des Nērangestān in einer sehr ähnlichenForm wie in der Handschriften des 17 Jhr. vorhanden. In die Phl.-Hss. hat sie jedochnicht Eingang gefunden, obwohl dort nach Y39.2 und Yt13.155 eine Variante vonY25.2 vorkommt, in der die sonst nicht belegte Fügung haoməm. aš aiia. hutəm rezitiertwird.Nun, auch vor Y55 zeigt das Visperad-Hochamt Variationen, die jedoch in den Pahl.-Hss. nicht als Sektionen des Visperad auftreten. Der Grund für die Aufnahme in diePhl.-Hss. ist schlicht und einfach die Notwendigkeit einer Übersetzung, weil diese Textenicht in dem Yasna-Hochamt vorkommen. Folgilch Texte, die im Yasna anderswovorkommen, wurden in die Phl.-Hss nicht aufgenommen. Deswegen ist es schon klar,dass die Phl.-Hss und die dort aufgenommenen Sektionen kaum die Grundlage für eineBeschreibung des Visperad-Hochamtes sein können.Diese Beschränkung der Phl-Hss auf die Texte, die eine Übersetzung brauchen, weil siesonst nicht vorkommen, geht deutlich aus der Behandlung, in den Phl.-Visperad-Hss,der Listen der textuellen Ratu der Staota Yesniia hervor. Die Listen der Ratu, wie wirspäter sehen werden, listen alle im Amt teilnehmende Elemente (besonders die Zeiten,Götter, Texte, Darbringungen, usw.) auf. Diese Listen sind im Visperad und in denEinschaltzeremonien etwas anders als inm Yasna. Der Unterschied ist der Einschub der


16Liste der altav. Texte zusammen mit einigen jungav. Texte, die zwioschen ihneninterkaliert sind. Diese Ergänzung der Ratu-liste ist in zwei Modellen bekannt, dienach dem grammatischen Kasus der Ratu bestimmt sind: die Listen im Genitiv(Y1,22,24, 66) sind kürzer als die Listen im Akkusativ (Y2,17,59). In den Listen imAkkusativ wird vor den eigentlichen textuellen Ratu folgender Text eingeschoben, einText, der in den Listen im Genitiv fehlt:ϑβąm. ratūm. yazamaide. yim. ahurəm. mazdąm. mainiiaom. mainiiauuanąm.dāmanąm. mainiiaoiiā . stōiš. ahūmca. ratūmca:: ϑβąm. ratūm. yazamaide. yim.zaraϑuštrəm. spitāməm. gaēϑīm. gaēϑiianąm. dāmanąm. gaēϑiiaiiā . stōiš.ahūmca. ratūmca.raϑβąm. framarətārəm. yazamaide. yim. narəm. aš auuanəm. daδrānəm.humatəmca. manō. hūxtəmca. vacō. huuarštəmca. šìiiaoϑnəm:: spəṇtąm.ārmaitīm. darətəm. yōi. mąϑrəm. saošìiiaṇtō. yeŋìhe.šìiiaoϑnāiš. gaēϑā . aš a.frādəṇte.Diese Listen werden mit verschiedenen Einleitungsformeln eingeleitet. Da dieseEinleitungformeln in den entsprechenden Yasna-Listen schon übersetzt waren, und daes von den Listen nur zwei Modelle gibt, werden nur die zwei ersten vorkommendenListen (in Y1 und 2) aufgenommen. D.h., anderswo bekannte Texte werden nichtaufgenommen, weil das Interesse nicht der Beschreibung der Zeremonie gilt, sondernder Übersetzung der Texte, die im Yasna in derselben Form nicht erscheinen.Kombinationen von bekannten Text, wenn auch in anderer als der im Yasna bekanntenReihenfolge, werden dementsprechend nicht aufgenommen, ($ 8) z. B.- VrS5 ist eine Kombination aus Y2.1-2 + Y2.22;- VrS14, das in der Mitte von Y25 erscheint, aus Vr3.13-14 und Vr7.1-4;- VrS16 kombiniert Y15.2 mit einer Variante von Y15.3 in der Y27.6 interkaliert ist;usw.Für die Aufnahme der Einschaltungen und Varianten spielt keine Rolle, ob die Textean der entsprechenden Stelle eine besondere rituelle Bedeutung haben oder nicht. Dadiese Texte schon anderswo in Yasna oder früher in Visperad erscheinen, brauchen siekeine PÜ und werden dementsprechend nicht aufgenommen. Für eine Analyse derZeremonie ist jedoch ihre Auslassung ein definitives Hindernis.


17Jedoch reicht dieses Kriterium auch nicht aus, um die Auslassung der Einschaltungennach Y55 zu erklären, vor allem wenn man bedenkt, dass sich dort einige Texte finden,die ohne Entsprechung im Hochamt und auch sonstwo im Avesta sind. Wir habenschon VrS36.27 und 32 erwähnt. Ein weiteres Beispiel ist VrS39.6, das auch im Baj-Dharna rezitiert wird. Es handelt sich um eine Variante von Y25.2-3, wobei in derEntsprechung Y25.2 der Ausdruck haoməm. aš aiia. hutəm erscheint, der sonst nichtbelegt ist ($9):aiβiiō. vaŋuhibiiō. im . zaoϑr . haomauuaitīš.gaomauuaitīš. haδānaēpatauuaitīš. a aiia.uzdāt . yazamaide. aiβiiō. vaŋuhibiiō. apəmca.haomiiąm. yazamaide. asmanaca. hāuuana.yazamaide. aiiaŋhaēnaca. hāuuana. yazamaide.imąmcā. uruuarąm. barəsmanīm. jaγmū īmca.ratufritīm. marəϑrəmca. varəzīmca. daēnaii .vaŋhuii . māzdaiiasnōiš. gāϑanąmca.sraoϑrəm. jaγmū īmca. a aonō. a ahe. raϑβō.ratufritīm. imą. aēsmąsca. baoiδīmca.yazamaide. tauua. āϑrō. ahurahe. mazd .puϑra. vīspaca. vohu. mazdaδāta. a aciϑra.yazamaide.haoməm. aš aiia. hutəm. yazamaide.asmanaca. hāuuana. yazamaide.imąmcā. uruuarąm. barəsmanīm. jaγmū īmca.ratufritīm. marəϑrəmca. varəzīmca. daēnaii .vaŋhuii . māzdaiiasnōiš. gāϑanąmca.sraoϑrəm. jaγmū īmca. a aonō. a ahe. raϑβō.ratufritīm. yazamaide. vīspaca. vohu.mazdaδāta. a aciϑra. yazamaideVor einiger Zeit habe ich die Hypothese aufgestellt, dass die Auslassung derEinschaltungen nach Y55 dem Modell der PV-Hss folgen könnte.Wie dem auch sei, war Zweck der Hersteller der PHl.-Hss nicht die Darstellung desRituals. Dafür waren ja die Sāde-Hss da. Ihr zweck war eine PÜ der sonst nichtübersetzten Teile in anderen, von Yasna abweichenden Versionen des Hochamtes zuliefern. Das Problem sind nicht die Phl.-Hss selbst, sondern die Abhängigkeit unsererAvesta-Ausgabe von ihnen. Wenn die Avesta-Texte hauptsächlich als eine Schatzgrubefür linguistisches Material oder indogermanische Formeln betrachten werden, dann istdas Vorgehen des Herausgebers des Avesta verständlich. Wenn aber die Avesta-Ausgabe als Grundlage für philologische, literarische oder religionsgeschichtlicheForschung dienen soll, wird ein solches Verfahren zur Ursache zahlreicher wichtigerMissverständnisse. Für die philologische und religionsgeschichtliche Forschung ist eineAusgabe des Visperad-Hochamtes eine dringende Notwendigkeit, auch wenn dabei dassonst nicht belegte sprachliche Material gering ist. Ansonsten dürfte man mit ähnlichen


18Argumenten auf die Herausgabe langer Partien des Yasna verzichten, in denenebenfalls nur Wiederholtes vorkommt.Die Abhängigkeit der geldnerschen Ausgabe von den Phl.-Handschriften, und dieentsprechende Vernachlässigung der rituellen Aspekte, haben uns nicht nur die Editionder Hauptvarianten des Hochamtes gekostet. Die verfügbare Yasna-Ausgabe erwecktbeim Leser den Eindruck, dass es nur ein einziges Yasna-Hochamt gab, und dass mitAusnahme des Datums der Feier jede Zelebration identisch zur vorherigen und zurfolgenden ist. In der Tat zeigen jedoch die Handschriften eine ziemlich breite rituelleVielfältigkeit, welche stark an die im Nērangestān geschilderte erinnert. Zwei sind dieHauptelemente, die innerhalb des Hochamtes geändert werden können. Das Erstehaben wir schon erwähnt: die Liste der Ratu. In dieser Liste werden alle Teilnehmerdes Opfers als ratu, d. h. als richtige Fügungen erwähnt, die alle zusammen das aš a-“Ordnung” des Opfers und folglich auch des Universums bilden. Dementsprechedsollte die rituelle Variation ihre Spuren auch in der Ratu-Liste hinterlassen.Wir haben schon gesehen, dass in der Tat der Unterschied zwischen dem ordinären(Yasna) und dem feierlichen Hochamt (Visperad und Einschalt-Ämten) eineentscheidende Änderung der Liste der textuellen Ratu bedingt. Zwar entspricht dieabweichende Liste keiner der in den Handschriften geschilderten Zeremonien, sonderneinem Bayān Yasn oder Einschalt-Hochamt mit eingeschalteten Yašts. DieseZeremonie spielt im Nērangestān immer noch eine wichtige Rolle und erscheint häufigim selben Zusammenhang wie das Visperad-Hochamt. Diese ausgezeichnete Positiondes Bayān Yasn ist verantwortlich für die Verallgemeinerung seiner Liste der textuellenRatu auf das Visperad und auf alle weiteren Einschaltzeremonien. Dies bedeutet, dassdiese Listen zu einem gewissen Punkt erstarrten, und dass man von da ab nicht mehr inder Lage war, ganz neue Listen für abweichende Zeremonien zu verfassen. Es gab zweiListen für die zwei Haupttypen von Hochämtern: Yasna auf der einen Seite undVisperad und Einschaltzeremonien auf der anderen.Einige Änderungen waren jedoch immer noch möglich: die wichtigste war dieÄnderung der Liste der Ratu je nach der Zeit, in welcher die Zeremonie gefeiert wird.Unter den Ratu erscheinen immer die Ratu des Tages, des Monats und des Jahres. DieRatu des Tages werden geändert je nach der Tageszeit der Zeremonie. Wie wichtig dieZuordnung einer Zeremonie zu einem bestimmten Tagesratu war, zeigt das zweite


19Fragard des Nērangestān, in dem die verschiedenen Ämter nach der Tageszeit, in dersie gefeiert werden, klassifiziert werden. Hochämter werden nur im ušahina, hāuuaniund rapiθßina gefeiert. Dem entsprechen auch die Handschriften. Das Yasna-Hochamt wird immer im Ratu Hāuuani, d.h. der Morgendämmerung, gefeiert.Dementsprechend beginnt ihre Liste der fünf Tagesratu mit dem hāuuani. Der Yasna īRapihwin ist eine besondere Form des Yasna-Hochamtes, die man nicht im Hāwan gāh(der ersten Einteilung des Tages, der Morgendämmerung) feiert, sondern in derzweiten Tagesratu (Mittag) und besonders am Nouruz 3 . Die Liste der Tagesratu istdiesmal auf die Erwähnung vom Ratu rapiθßina beschränkt. In der Tat erscheint indieser Zeremonie eine viel kürzere Liste der Ratu: nur ein Tagesratu, Rapihwin, undweder Monats- und Jahresratu noch textuelle Ratu. Statt Y1.3-17 findet man nurfolgenden Text (s. G31):niuuaēδaiiemi. haṇkāraiiemi. asniiaēibiiō. a ahe. ratubiiō. rapiϑβināi a aone.a ahe. raϑβe: niuuaēδaiiemi. haṇkāraiiemi. frāda .f auue. zaṇtumāica. a aone.a ahe. raϑβe. niuuaēδaiiemi. haṇkāraiiemi. a ahe. vahištahe. āϑrasca. ahurahe.mazd .mit anschliessender Datumsformel.Das Videvdad-Hochamt beginnt im Ratu ušahina. Folglich fängt dort die Liste immermit der Mitternacht-ratu, d.h. ušahina- an. Die Tagesratu stehen in Verbindung mit dersozialen Organisation, was auch in Indien bei den entsprechenden r tu belegt ist. Dieübliche Reihenfolge der Stände erscheint nur wenn man die Liste mit dem Ratuušahina anfängt ($ 11):hāuuani- vīs- „Dorf“ ušahina- nmāna- „Haus“rapiϑβina- zaṇtu- „Sippe, Klan“ hāuuani- vīs- „Dorf“uzaiierina- da iiu- „Land“ rapiϑβina- zaṇtu- „Sippe, Klan“aiβisrūϑrima- zaraϑuštrō.təma- uzaiierina- da iiu- „Land“ušahina- nmāna- „Haus“ aiβisrūϑrima- zaraϑuštrō.təma-Daraus geht hervor, dass die aktuelle Liste der Tagesratu wahrscheinlich erstmal füreine nächtliche Zeremonie fixiert wurde. Dies stimmt mit der Tatsache überein, dass imNērangestān das Hochamt des ušahina als erstes erwähnt wird, und dass das3 s. Boyce 1969


20beschriebene Hochamt nicht eine Videvdad-Zeremonie ist, sondern ein Visperad, dasals das standard Hochamt erscheint. Es fragt sich, ob der Name Visperad nichtgeradedarauf anspielt, dass es das Hochamt ist, das man zu jedem Tagesratu (währendder Nacht oder zur Morgendämmerung) und auch zu jedem Jahresratu feiern darf(Visperad ist ja das für die Gāhānbār oder Jahreszeitenfeierlichkeiten bestimmteHochmamt). Mit dem Name wäre dann nicht gemeint ist, dass diese Zeremonie jedemRatu, im Sinne von jedem yazata oder Gottheit, gewidmet werden kann, wie manüblicherweise annimmt. Erstens ist eine solche Bedeutung bei ratu an sich selberfraglich, und zweitens darf Yasna tatsächlich jedem Gott gewidmet werden.Hingegen wäre das Hochamt, das in den Handschriftren als Yasna erscheint, einekonkrete Zeremonie, die nur zur Morgendämmerung (hāuuani) gefeiert werden darf.Es würde sich dann um eine vereinfachte Form handeln, bei der die Einschaltungenzwischen den Staota Yesniia nicht erlaubt sind. Im Yasna ī Rapihwin wird ja jedeErwähung des hāuuani ausserhalb der Ratuliste durch den Ratu Rapihwin ersetzt; inden Einschaltzeremonien dagegen durch eine Formel, die auf die eingeschalteten TexteBezug nimmt: im Videvdad durch dāta haδa.dāta vīdaēuua zaraθuštri; im Vištāsp Yaštdurch das nicht weniger rätselhafte haδa.mąϑra. zaini.paršta. upairi. gātubiiō. gərəpta.mąϑra. spəṇta. Im Visperad wird üblicherweise hāuuani beibehalten, weil die Visperad-Zeremonie eben zu dieser Zeit gefeiert wird. Jedoch, wenn das Visperad-Hochamt imRahmen der Gāhānbãr gefeiert wird, dann darf an bestimmten Stellen 4 hāuuani durchden entsprechen Jahresratu ersetzt werden. Es scheint, dass die Verbindung zum hāuuani-Ratuim Visperad und in den Einschalt-Zeremonien lockerer ist als im Yasna.Neben der Ratu-liste ist die xšnūmaine oder Widmungsformel ein wohl bekannterbeweglicher Teil des Hochamtes. An folgenden Stellen wird die Widmung desHochamtes erwähnt:YasnaY0.8-12Y4.23-24 (drōn šnūman)Y22.23-27Y24.28-32Visperad + Einschalt-HochämterY0.8-12Y4.23-24 (drōn šnūman)Y22.23-27VrS13.41-46 [Vr11.16]4Der Ausdruck hāuuanōiš. raϑβō. wird im Rahmen des Saztes raϑβō. bərəzatō. yō.a ahe: raϑβąm. aiiaranąmca. asniianąmca. māhiianąmca. x āiriianąmca. sarəδanąmca.yōi. həṇti. a ahe. ratauuō. hāuuanōiš. raϑβō. durch den Ratu des entsprechendenGāhānbār ersetzt. Einmal (VrS36.27) gibt G18b an, dass auch in anderen Feiern als inGāhānbar hāuuanōiš raθßō durch den entsprechenden Ratu zu ersetzen ist.


21Y25.4-8Y25.4-8VrS32.33VrS33.23-25VrS35.29VrS36.18VrS36.28Y66.17-19Y66.17-19Y72.6 Y72.6Da die Widmungen die wichtigsten beweglichen Teile des Hochamtes sind, haben sieeinen wichtigen Platz in der priesterlichen Ausbildung. Das schlägt sich sowohl imNērangestān als auch in den neupersischen Rivāyats nieder. Die Anweisungen sindzahlreich und die Anzahl möglicher Kombinationen von Widmungen sehr hoch. Jedochzeigen die Handschriften nur einige Spuren davon. Ich werde nun kurz schildern, wiedie Lage in den mir bekannten Handschriften ist. Weitere neue Hss. könnten diesesBild vielleicht etwas ändern, aber wir haben im Rahmen des Avestan Digital Archiveschon eine hohe Zahl von Hss. durchgecheckt.Im Yasna ī Rapihwin ist die Widmung in der Hs. G31 ähnlich wie die des Afrīnagān īRapihwin, nur etwas länger (vg. auch S1.30). Sie besteht aus der Widmung an AhuraMazdā und den Aməš a Spən ta, den Widmungen an Aš a und an das Feuer, und derWidmung vīspaēšąm “an alle (Götter)”:ahurahe. mazd . raēuuatō. arənaŋuhatō.amə anąm. spəṇtanąm. a ahe. vahištahe.āϑrasca. ahurahe. mazd . puϑra.vīspaē ąm. yazatanąm. a aonąm. mainiiauuanąm. gaēϑiianąm.a āunąm. frauua inąm. uγranąm. aiβiϑūranąm. paoiriiō. kaē anąm.frauua inąm. nabānazdištanąm. frauua inąm.In Nērangestān finden wir bezüglich der Widmung des Yasna ī Rapihwin folgendeAussage, die mit der Widmung in G31 grösstenteils übereinstimmt (N31.4):šnūman a ahe. vahištahe. āϑrasca. ahurahe. mazd . puϑra. ud ardā frawahr astkē ēdōn gōwēd a ahe. vahištahe. āϑrasca. ahurahe. mazd . puϑraDie Widmund (des Yasna ī Rapihwin) ist a ahe. vahištahe. āϑrasca. ahurahe.mazd . puϑra und die frommen Frauuaš is. Es gibt (einen Kommentator), der sosagt: “(Nur) a ahe. vahištahe. āϑrasca. ahurahe. mazd . puϑra.”Die in G31 belegte Widmung entspricht der kanonischen Meinung (obwohl G31 auchdie Rezitation von vīspaē ąm. yazatanąm. a aonąm. mainiiauuanąm. gaēϑiianąm


22vorschreibt) und nicht der alternativen Meinung eines nicht namentlich genanntenKommentators.Im Yasna-Hochamt darf die Widmung an jeden Gott verwendet werden, und auchweitere zahlreiche Widmungen, wie uns die neupersischen Rivāyats berichten. Jedochzeigen alle Handschriften, die ich bisher gesehen habe, nur die Standard-Widmung, dieder bei Geldner Y0.8-12 entspricht:ahurahe. mazd . raēuuatō.arənaŋuhatō.2 amə anąm.spəṇtanąm.3 miϑrahe. vouru.gaoiiaotōiš.4rāmanasca. āstrahehuuarəx aētahe.1 amə ahe. raēuuahe.auruua .aspahe: vaiiaoš. uparō.kairiiehe.taraδātō2 aniiāiš. dāmąn:*aēta . tē. vaiiō. ya . tē. asti.spəṇtō.mainiiaom:* razištaii .cistaii . mazdaδātaii . a aonii .daēnaii . vaŋhuii . māzdaiiasnōišmąϑrahe. spəṇtahe. a aonō. vərəziiaŋuhahe.1dātahe. vīdaēuuahe. dātahe.zaraϑuštrōiš. darəγaii . upaiianaii .2daēnaii . vaŋhuii . māzdaiiasnōiš.zarazdātōiš.3 mąϑrahe. spəṇtahe: *u i.darəϑrəm.4daēnaii . māzdaiiasnōiš. vaēδīm.mąϑrahe. spəṇtahe:* āsnahe. xraϑβō.mazdaδātahe. gao ō.srūtahe. xraϑβō.mazdaδātaheāϑrō. ahurahe. mazd . puϑrahe.1 tauua.ātarš. puϑra. ahurahe. mazd . ma .vīspaēibiiō. ātərəbiiō:2 garōiš. u i.darənahe.3mazdaδātahe. a a āϑrahevīspaē ąm. yazatanąm. a aonąm.mainiiauuanąm. gaēϑiianąm:1 a āunąm.2frauua inąm uγranąm aiβiϑūranąm paoiriiō. kaē anąm.frauua inąm. nabānazdištanąm.frauua inąm..


23Man beachte, dass auch bei der üblichen Yasna-Widmung eine Variante erscheint, diein den indischen Handschriften vom 17. Jhr ab vorkommt. In der Widmung an dasFeuer, zwischen puϑra. ahurahe. mazd und ma . vīspaēibiiō. ātərəbiiō, wird S1.9eingebettet.Hingegen enthalten die Visperad-Handschriften viel mehr Angaben von alternativenWidmungen. Es gibt Handschriften, die ein bestimmtes Visperad-Hochamt enthaltenund dementsprechend nur die in dieser Zeremonie zu verwendende Widmunghinschreiben. Andere Handschriften bieten hingegen an den entsprechenden Stellenmehrere verschiedene Widmungen, je nachdem, zu welchem Anlass das Visperad-Hochamt gefeiert wird. Die Hs K8, die einen Yašt Visperad ī Gāhānbār enthält,bezeugt alle möglichen alternativen Widmungen für die fünf verschiedenen Gāhānbār.Eine grössere Vielfältigkeit an Widmungen zeigt eine Hs, die zahlreiche Informationenüber die Ritualpraxis enthält. Es handelt sich um eine iranische Handschrift des 17 Jhr.,die sich heutzutage in der Mehereji-Rana Library in Nawsari befindet. In ihr tretenfolgende Widmungen auf:- Gāhānbār: Es ist die übliche Widmung des Visperad-Hochamtes, das im Nērangestānals šnūman ī raθβō bərəzatō bekannt ist: raϑβō. bərəzatō. yō. a ahe: raϑβąm. yō. a ahe.raϑβąm. aiiaranąmca. asniianąmca. māhiianąmca. yāiriianąmca. sarəδanąmca. raϑβąm.vīspe. mazištanąm. yōi. həṇti. a ahe. ratauuō. hāuuanīm. paiti. ratūm. + entsprechendesGāhānbār raϑβō- Srōš: sraošahe. aš iiehe. taxmahe. tanumąϑrahe. dar i. draoš. āhūiriiehe.- Frawardīgān und Ardā Frawahr: ahurahe. mazd . raēuuatō. arənaŋuhatō.amə anąm. spəṇtanąm. a āunąm. frauua inąm. uγranąm. aiβiϑūranąm.paoiriiō. kaē anąm. frauua inąm. nabānazdištanąm. frauua inąm. Obwohl dieWidmung für Frawardīgān und Ardā Frawahr dieselbe ist, handelt es sich umunterschiedliche Zeremonien. Die erste wird während der 5 ersten Frawardīgān-Tagegefeiert, während die zweite Widmung in einer Zeremonie gebraucht wird, die 10 und31 Tage nach dem Tod eines Gläubigen stattfindet.In K7a (81r 14 - 82r 2) findet man auch die Widmung für das Visperad derkombinierten Zeremonie des Dō-Hōmāst: isa .vāstrahe. zaraθuštrahe. aš aonō.frauuaš əe, das auch in N13.10 erwähnt wird. Bisher habe ich keine grosse Anzahl vonVisperad-Hss durchgehend untersucht, so dass es wahrscheinlich ist, das in nächsterZukunft weitere Widmungen auftauchen.


24Von den Videvdad-Handschriften habe ich jedoch zusammen mit anderen Mitarbeiterndes Avestan Digital Archive eine grosse Anzahl durchgesehen, so dass hier kaumÜberraschungen zu erwarten sind. Die meisten Handschriften enthalten das Amt, dasschon in der PÜ von Vidēvdãd als Juddēwdād-Srōš erwähnt wird. Die in Yasna üblicheWidmung ist hingegen selten. Ich kenne nur die späte Hss G112, die diese Widmung anallen Stellen zeigt. Ähnlich ist die deutlich ältere Hss T46, die jedoch in Y66 dieWidmung an Sraoša hat.Auffällig ist, dass häufig beide Widmungen innerhalb derselben Hss alternieren, wieman in der Tabelle sehen kann:Y0.8 Y22.23 Y25.4 Y66.17 Y72.6TU976 Sraoša 5 Sraoša Sraoša Sraoša SraošaB2 Sraoša Sraoša Sraoša SraošaR278 Sraoša Sraoša Sraoša nonvidiSraošaP1 Sraoša Sraoša abbr. abbr.O2 Sraoša Sraoša nērang SraošaL2 Sraoša Sraoša abbr. abbr.L5 Sraoša Sraoša Sraoša Sraoša SraošaB4 Sraoša Sraoša Sraoša Sraoša SraošaMl630 Sraoša Yasna nērang nērangL1 Yasna Sraoša abbr. abbr. SraošaT46 Yasna Yasna Yasna SraošaM2 Ahura Ahura Ahura nērang AhuraG112 Yasna Yasna nērang nērangFK1 Sraoša Sraoša Sraoša Yasna YasnaWir wissen nicht, ob diese Abwechslung von Widmungen innerhalb einer HandschriftFolge der Überlieferung und Kontamination zwischen Handschriften ist, oder ob sievielmehr einer rituellen Wirklichkeit entspricht.Ferner ist interesant festzustellen, dass die älteste uns bekannte VS-Hs, Ave976, die inder Bibliothek der Universität Tehran ist und dem Geldner nicht bekannt war,5 Es wid auch die Alternativ AH, AS und Fr angegeben.


25durchgehend die Widmung an Sraoša hat, aber an zwei Stellen (Y0 und Y25) gibt siezwei unterschiedliche alternative Widmungen: die Frawardīgān-Widmung in Y0 unddie ausschliessliche Widmung an Ahura Mazdā und die Aməš a Spən ta in Y25. Fernerenthält M2 eine ausschliessliche Widmung an Ahura Mazdā. Also zeigen auch dieVidevdad-Handschriften für das Videvdad-Hochamt Spuren einer grösserenGestaltungsfreiheit als die einfache Verteilung in Standard-Videvdad und Videvdad-Srōš.Eine von allen anderen abweichende Widmung zeigt auch das Vištāsp-Yašt-Hochmat:ahurahe. mazd . raēuuatō. arənaŋuhatō. amə anąm. spəṇtanąm razištaii . cistaii .mazdaδātaii . a aonii . daēnaii . vaŋhuii . māzdaiiasnōiš.[+a āunąm. frauua inąm uγranąm aiβiϑūranąm paoiriiō. kaē anąm. frauua inąm.nabānazdištanąm. frauua inąm., wenn Frawardīgān oder Ardā Frawahr]Im Grossen und Ganzen zeigen jedoch die Handschriften nur ein Bruchstück der sehrzahlreichen Kombinationen von Widmungen, die das Nērangestān und die np. Rivāyatsbezeugen. Die Tatsache, dass häufig bloss der Hinweis ān šnūman kē bawēd be guftanerscheint, zeigt, dass die Beherrschung der erlaubten Widmungen ein wichtiger Teil derpriesterlichen rituellen Ausbildung war, und dass häufig der Hinweis genügte, dass ander Stelle die entsprechende Widmung zu rezitieren ist.Jeder Haupytyp von Hochamt also (sei es Yasna, Visperad, Videvdad oder VištāspYašt) kann nun in unterschiedlichen Varianten gefeiert werden. Solche Variantenbenutzt man für Zelebrationen zu besonderen Zwecken oder an besonderenFeierlichkeiten. In den Handschriften werden folgende Varianten besonders häufigbeschrieben:- die Variante der Zeremonien im Zusammenhang des Todes, die eine Widmung anSraoša hat- die fünf Gāhānbār oder Jahreszeitenfeste- die Feiern während der 10 Frawardīgān-Tage am Ende des JahresDarüber hinaus erwähnt die Hss. K7b die Dō-Hōmāst-Zeremonie, eine der zahleichenVarianten der Hōmāst-Zeremonie, die im Nērangestān erwähnt werden.Solche Feiern setzen die Verwendung bestimmter Widmungen voraus, aber häufig auchweitere Variationen. Die Angabe der Widmung muss in diesem Zusammehangverstanden werden: es werden nicht alle mögliche Widmungen angegeben, sonderneher bestimmte Varianten des Hochamtes mit allen seinen Variationen (u.a. auch den


26Widmungen) beschrieben. Zusätzliche Variationen sind ja wohl besonders häufig imFall der Zeremonien an die Frauuaš iš. Heute werde ich hier die wichtigsten kurzschildern.Ich beginne mit Y23 und Y26. Kellens schreibt in seinem neulich erschienenen Buchüber Y16 bis 27: “Y23 et Y26 … sont omis dans le Vidêvdâd-Sâde”. Diese Behauptungist in dieser Form nicht wahr und muss nuanziert werden. Erstens fehlt der gesamteY23 in keiner VS-Hs. Die Auslassung betrifft nur Y23.1-3, und auch nicht in allen VS-Hss, und dazu nicht nur in den VS-Hss, sondern auch in anderen wie den VrS-Hss. Esgibt VS-Hss, die Y23 und 26 haben und andere, in den sie fehlen. Dasselbe gilt auch fürdie Visperad-Handschriften. Die Auslassung von Y23.1-3 und Y26 ist kein Merkmaleines Hauttyps von Hochamt (VS), sondern eine Variation, die in mehrerenHaupttypen stattfinden kann. Die Gründe dafür stehen in Verbindung mit den ebenangesprochenen Variationen in der Feier des Hochamtes unter bestimmtenBedingungen.Y23.1-3 erscheint in den Yasna-Handschriften zweimal: einmal an der entsprechendenStelle nach der Widmung von Y22 und ein weiteres Mal nach der Widmung von Y66,das bei Geldner als Y67 erscheint. Im Visperad-Hochamt und in den Einschalt-Zeremonien wird es noch einmal in VrS32.35 wiederholt, im Bhaj-Dharnā, weil dortstatt Y3 die ähnliche Variante Y22 erscheint 6 . Aufälligerweise fehlt jedoch Y23.1-3nach Y22 und nach Y67, sowie in VrS32.35 in den meisten Visperad-, Videvdad- undVīštāsp-Yašt-Handschriften. In einigen kommt es aber vor, wie z. B. in den Vīdēvdād-Handschriften T46 und ML630 in Y22 und in Y22 und Y66 in G112. Y23.1-3 erscheintalso nur in solchen Videvdad-Handschriften, die an den entsprechenden Stellen die imYasna übliche Widmung haben. Die Auslassung scheint also kein zufälligerÜberlieferungsfehler, sondern eine rituelle Variante zu sein. Dies wird von denNērangs der iranischen Handschriften (G18b, K4, Ave976, Ave977/78, RSPA 230, K7b)bestätigt. Sie sagen es deutlich: Wenn die Widmung mit der Erwähnung von denFrauuaš is endet, wie es in der in Yasna üblichen Widmung und in den Frawardīgān-Tagen u.a. der Fall ist, dann wird Y23.1-3 rezitiert. Dagegen wird es in den Visperad-Hochämtern, die im Rahmen der Gāhānbār und in Srōš-Zeremonien gefeiert werden,sowie im Vidēvdād-Srōš, nicht rezitiert.6Nach dem Zeugnis von K4 wird Y23.1-3 im Vištāsp Yašt auch nach Y66.1 rezitiert


27Y23.1-3 ist eine Erweiterung der Widmung an die Frauuaš iš (oder wenigstens so war esdamals aufgefasst worden). Als solche kann sie dann sowohl in den Yasna- wie auch inden Visperad, Videvdad oder Vištāsp Yašt Zeremonien erscheinen, und seinVorkommen hängt von der Widmung und vom Anlass zur Feier ab, die die Widmungbestimmt. Da unsere Avesta-Ausgabe die Yasna-Handschriften mit der dort üblichenWidmung, die mit den Frauuašiš endet, wiedergibt, erscheint dieser Text als ein festerBestandteil des Hochamtes, was er aber fürwahr nicht ist. Kellens Angabe über VSberuht möglichweise auf Brockhaus‘ Transliteration von P1, die ja ein Vidēvdād-Srōšist, so dass Y23.1-3 dort nicht zu erwarten ist. Leider hat Kellens daraus den falschenSchluss gezogen, weil er diese Angabe nicht mit anderen Hss kontrastiert hat.Eine ähnliche Erklärung bietet sich auch für Y26, das wieder die Frauuaš is als zentralesThema hat. Es folgt wiederum einer Widmung, diesmal der Widmung von Y25. K8, dieein Visperad-Gāhānbār-Hochamt enthält, lässt Y26 ganz aus. Die Nērangs geben unswieder den Schlüssel zum richtigen Verständnis. G18b schreibt vor Y26: agar šnūmanaš aonąm padiš bawēd, d. h. “wenn die Widmung aš aonąm [gemeint ist die Widmung andie Frauuaš iš] dabei vorkommt, [dann wird Y26 rezitiert]”. Ähnlich ist die Ausage deriranischen Sāde Ave976, 977/78 und RSPA 230. Nach dem Text mit der Widmung anSraoša kommt folgende Erklärung:agar šnūman nē srōš bawēd ān ī bawēd guftan agar ardā fraward bawēd čīyōnmazdaδāta. a aciϑra. y. (Ende von Y25.3) guftan ahurəm. mazdąm. raēuuaṇtəm.arənaŋuhaṇtəm. y. amə ā. spəṇtā. huxšaϑrā. hu ŋhō. y. [es folgt Y26]Wenn es die Widmung an Srōš nicht ist, man sagt die, die es ist. Wenn es anArdā Frawahr, sagt man wie mazdaδāta. a aciϑra. y. (Ende von Y25.3), (dann)(die Widmung) ahurəm. mazdąm. raēuuaṇtəm. arənaŋuhaṇtəm. y. amə ā.spəṇtā. huxšaϑrā. hu ŋhō. y. [es folgt Y26]Diese Angaben stimmen überein mit denen der np. Rivāyats (MU I 429 12) (Dhabhar1932: 324): “auuaŋhå (Y23.1-3) and staomi (Y26) should not be recited in thisceremonial (the Gāhānbār)”. Nach Dhabhar’s Auskunft werden diese Texte nur in denZeremonien von Ardafrawaš, Gāθā und Vīspaēšąm rezitiert, also gerade wo dieWidmungen mit denen der Frauuašiš enden.Die Verbindung mit den Zeremonien, in denen die Frauuašiš die zentrale Rollespielen, wird eindeutig auch im Bāj-Dharnā. Die Stelle, die ich als VrS35.27-30


28numeriere, erscheint in G18b in drei verschiedenen Varianten je nach Zeremonie($13b):VrS35.27VrS35.28ratauuō. vīspe.mazišta. yazamaide.aiiara. asniia. māhiia.yāiriia. sarəδaaēsmą. āiiese. yešti.baoiδi. tauua. āϑrō.ahurahe. mazdā .puϑra.imąm. aŋhuiiąmca.ašìiiąmca. raϑβąmca.ratufritīmca.yazamaide.VrS35.29 ahurəm. mazdąm.raēuuaṇtəm.arənaŋuhaṇtəm y.VrS35.30Frawardīgān / ardāFrawardratauuō. vīspe.mazišta. yazamaide.aiiara. asniia. māhiia.yāiriia. sarəδaaēsmą. āiiese. yešti.baoiδi. tauua. āϑrō.ahurahe. mazdā .puϑra.imąm. aŋhuiiąmca.ašìiiąmca. raϑβąmca.ratufritīmca.yazamaide.ahurəm. mazdąm.raēuuaṇtəm.arənaŋuhaṇtəm y.(agar xšnūman ī ardāfraward bawēd) Y26Gāhānbārratauuō. vīspe. mazišta.yazamaide.aiiara. asniia. māhiia. yāiriia.sarəδa. maiδiiōizarəmaēm.a auuanəm. a ahe. ratūm.yazamaide (ayāb ān gāh ībawēd)aēsmą. āiiese. yešti. baoiδi.tauua. āϑrō. ahurahe.mazdā . puϑra.imąm.ašìiiąmca.aŋhuiiąmca.raϑβąmca.ratufritīmca. yazamaide.ratauuō. vīspe. mazišta.yazamaide. aiiara. asniia.1māhiia. yāiriia. sarəδa.hāuuanīm. a auuanəm.a ahe. ratūm. y. (ayāb hargāh bawēd)Nur nach der Widmung an die Frauuaš iš folgt Y26. Der Parallelismus mit Y23.1-3 istgar nicht zu verkennen, und es scheint sehr wahrscheinlich, dass der ursprünglicheGrund für das Erscheinen oder nicht von Y26 die Widmung an die Frauuaš iš war.Jedoch ist die Lage im Fall von Y26 etwas dunkler. Auffällig ist erstmal, dass dasYasna-Hochamt in den Handschriften immer Y26 enthält, obwohl die in den Hss.vorkommende Widmung an die Frauuaš iš bei Y25 nicht erwähnt wird. Man fragt sichdeswegen, ob vielleicht dieselbe Verteilung, die eigentlich bei Y23.1-3 zuhause war,


29dem Y26 sekundär aufgedrängt wurde. In der Tat wird der grösste Teil von Y26 (Y26.1-9) auch in Y59.19ff. rezitiert, wo es keiner Erwähnung der Frauuašiš folgt.Jedoch ist das Umgekehrte wohl wahrscheinlicher: Y26 wäre eigentlich nur beiWidmungen an die Frauuaš is zuhause, und die Zusammenstellung der in den Hss.bezeugten Widmung mit Y26 wäre nicht ursprünglich. Man beachte, dass Y25.4 dieeinzige Widmung in Akkusativ ist. Alle andere stehen im Genitiv und sind identischmiteinander. Nur Y25, die Widmung in Akkusativ, weicht von den anderen ab undendet nicht mit den Frauuaš iš. Das Vorkommen von Y26 nach Y25 geht m.E. zurückauf eine Version des Hochamtes mit einer alternativen Widmung in Akkusativ, die mitden Frauuašiš endete. Leider ist diese Version nicht überliefert. Wie im Fall der Ratulistendes Visperad ist der üblich gewordene Text Ergebnis einer Kombination von zweiursprünglich nicht zusammengehörenden Texten.Eine weitere Variante in Verbindung mit der Feier eines Visperad-Hochamtes in denFrawardīgān-Tagen finden wir am Ende von Y62. Diese Variante ist uns nur bekanntwegen der detallierten Auskunft, die uns die wichtige Hs. G18b anbietet. Nach G18bgibt es drei verschiedene Versionen von Y62.11-13, je nachdem, ob das Visperad-Hochamt in den Frawardīgān- oder in den Gāhān-Tagen oder sonst wann gefeiertwurde. Einen Vergleich meiner Rekonstruktion der drei Versionen sehen sie infolgender Tabelle:Standard Frawardīgān Panǰag gāhānaš əm. vohū. 3 aš əm. vohū. 3 aš əm. vohū. 3aiβi.gərəδmahi.vaŋhīnąm.paiti.taēmca.aibijarə i tīmca.y[ešti.]apąm.frāitīmca.ā[iiese.]frauuarāne. [mazdaiiasnō.zaraϑuštriš.vīdaēuuō.ahura. kaē ō.] hāuuan e.[a aone. a ahe. raϑβe.yasnāica. vahmāica.x naoϑrāica.frasastaiiaēca.] sāuuaŋh e.[vīsiiāica. a aone. a ahe.raϑβe. yasnāica. vahmāica.x naoϑrāica.frauuarāne. [mazdaiiasnō.zaraϑuštriš.vīdaēuuō.ahura. kaē ō.] hāuuan e.[a aone. a ahe. raϑβe.yasnāica. vahmāica.x naoϑrāica.frasastaiiaēca.] sāuuaŋh e.[vīsiiāica. a aone. a ahe.raϑβe. yasnāica. vahmāica.x naoϑrāica.frauuarāne. [mazdaiiasnō.zaraϑuštriš.vīdaēuuō.ahura. kaē ō.] hāuuan e.[a aone. a ahe. raϑβe.yasnāica. vahmāica.x naoϑrāica.frasastaiiaēca.] sāuuaŋh e.[vīsiiāica. a aone. a ahe.raϑβe. yasnāica. vahmāica.x naoϑrāica.


30frasastaiiaēca.] raϑβąm.[aiiaranąmca. asniianąmca.māhiianąmca.yāiriianąmca.sarəδanąmca. yasnāica.vahmāica. x naoϑrāica.frasastaiiaēca]zwt’ yaϑā. ahū. vairiiō. yō.ātrauuaxšō. [frā.mē.mrūtē.] lʾspyk aϑā. ratuš.[a ā cī . haca. frā. a auua.vīδuu . mraotū.] krtn’hmlʾspyk yaϑā. ahū. vairiiō.yō. zaōtā. [frā.mē. mrūtē.]zwt’ aϑā. ratuš. [a ā cī .haca. frā. a auua. vīδuu .mraotū] krtnfrasastaiiaēca.] raϑβąm.[aiiaranąmca. asniianąmca.māhiianąmca.yāiriianąmca.sarəδanąmca. yasnāica.vahmāica. x naoϑrāica.frasastaiiaēca]ahurahe. mazd .[raēuuatō. arənaŋuhatō.]amə anąm. spəṇtanąma āunąm. frauua inąm.[uγranąm. aiβiϑūranąm.paoiriiō. kaē anąm.frauua inąm.nabānazdištanąm.frauua inąm x naoϑra.yasnāica. vahmāica.x naoϑrāica. frasastaiiaēca]zwt’ yaϑā. ahū. vairiiō.ātrauuaxšō. [frā.mē.mrūtē.] lʾspyk aϑā. ratuš.[a ā cī . haca. frā. a auua.vīδuu . mraotū.] krtn’hmlʾspyk yaϑā. ahū. vairiiō.yō. zaotā. yō. zaotā.[frā.mē. mrūtē] aϑā. ratuš.[a ā cī . haca. frā. a auua.vīδuu . mraotū] krtn’ahurəm. mazdąm.[raēuuaṇtəm.arənaŋuhaṇtəm.yazamaide: amə ā spəṇtā.hux aϑrā.] hu ŋhō.y[azamaide.]frasastaiiaēca.] raϑβąm.[aiiaranąmca. asniianąmca.māhiianąmca.yāiriianąmca.sarəδanąmca. yasnāica.vahmāica. x naoϑrāica.frasastaiiaēca][ahurahe. mazd .raēuuatō. arənaŋuhatō.amə anąm. spəṇtanąm]gāϑābiiō.(A2.1)[spəṇtābiiō.ratux aϑrābiiō. a aonibiiō.ahunauuaitii . gāϑaii .uštauuaitii . gāϑaii .spəṇtā.mainii uš. gāϑaii .vohu.x aϑraii .3 gāϑaii .vahištōištōiš. gāϑaii .]zwt’ yaϑā. ahū. vairiiō. yōātrauuaxšō. [frā.mē.mrūtē.] lʾspyk aϑā. ratuš.[a ā cī . haca. frā. a auua.vīδuu . mraotū.] krtn’hmlʾspyk yaϑā. ahū.vairiiō. yō. zaotā. [frā.mē.mrūtē] zwt aϑā. ratuš.[a ā cī . haca. frā. a auua.vīδuu . mraotū] krtn’ahurəm. mazdąm.[raēuuaṇtəm.arənaŋuhaṇtəm.yazamaide: amə ā spəṇtā.hux aϑrā. hu ŋhō.yazamaide. gāϑ .] spəṇt .ratux aϑr . a aonīš.yazamaide. ahunauuaitīm.gāϑąm. a aonīm. a ahe.ratūm. yazamaide:uštauuaitīm. gāϑąm.a aonīm.3 a ahe. ratūm.


31a āunąm. [vaŋuhīš. sūrā .spəṇtā .] frauuaš aiiō.y[azamaide. y . vīsāδa.[Yt13.49-52]yazamaide:spəṇtā.mainiiūm.4 gāϑąm.a aonīm. a ahe. ratūm.yazamaide: vohu.x aϑrąm.gāϑąm. a aonīm.3 a ahe.ratūm. yazamaide:vahištōištīm. gāϑąm.a aonīm. a ahe. ratūm.yazamaide]a āunąm. [vaŋuhīš. sūrā .spəṇtā .] frauuaš aiiō.y[azamaide. y . vīsāδa.[Yt13.49-52]Die Unterschiede zwischen den Versionen der Feier während der zehn Einschalttagen(Frawardīgān und Gāhān) und der üblichen sind folgende:- erstens die Auslassung von aiβi.gərəδmahi. apąm. vaŋhīnąm. frāitīmca.paiti.taēmca. aibijarə i tīmca. ā[iiese.] y[ešti.]; in der feierlicheren Angelegenheiten- zweitens, die Hinzufügung einer Widmung in Genitiv nach dem Frauuarāne, genauwie am Anfang des Hochamtes, wo die Widmung von Y0 dem Frauuāne folgt; undeiner weiteren auch in Akkusativ nach der dialogierten Rezitation des AhunaVairiia. Die Widmungen sind unteschiedlich für jede Feier.- drittens, die Hinzufügung wiederum eines Textes über die Frauuaš iš, diesmalYt13.49-52.Der in Y62.12 von der üblichen Zeremonie abweichende Text ist eigentlich dieAnfangsformel eines Āfrinagān, die vor das eigentliche Āfrīnagān kommt.Dementsprechend gelten für diese Stelle dieselben Vorschriften wie für die Rezitationdes Āfrīnagān, die im Nērangestān angegeben werden (N43.10) 7 :ān ī 10 rōz pad frawardīgān ān ī panǰ rōz ī fradom aš əm vohū 3 frauuarānē čēgāh dārēd, šnūman ahurahe mazdå ud aš āunąm kardag yå vīsāδa *āuuaiiein ti u-š āfrīnāmi pad sar ān ī panǰ rōz ī andar gāh ay aš əm vohū 3 frauuarānē čē gāhdārēd, xšnūmaine ahurahe mazdå ... gāθābiiō ud aš āunąm u-š kardag yå vīsāδau-š āfrīnagān pad sar7 Vgl. die Angabe über die Widmungen für diese Tage in N13.12-14


32Von den 10 Frawardīgān Tagen ist (der Āfrinagān für) die restlichen fünf Tage:3 aš əm vohū; frauuarānē; der entsprechende Gāh; die Widmung ahurahemazdå und aš āunąm. Das kardag ist yå vīsāδa *āuuaiiein ti (Yt13.49-52) unddann die āfrīnāmi bis zum Ende.Für die fünf Tage der Gāθā: 3 aš əm vohū; frauuarānē; der entsprechende Gāh;die Widmung ahurahe mazdå... gāθābiiō und aš āunąm. Das kardag ist yå vīsāδa*āuuaiiein ti (Yt13.49-52) und dann die āfrīnāmi bis zum Ende.Die Angaben in G18b finden wohl eine direkte Bestätigung im Nērangestān. DerNērangestān (N43.6-8) verzeichnet auch den Āfrīnagān für Srōš, fur die Nōg Nāwar-Zeremonie, für Visperad- und Hādōxt-Hochämter, jedoch kommen diese Angaben inden Handschriften nur im Fall der Feier für das Visperad der Frawardīgān-Tage vor. Inden übrigen Visperad-Feiern und in Videvdad und Vištāp Yašt erscheint Y62.12 in denHandschriften genau wie in den Yasna-Handschriften.Wie man sieht, setzt die in G18b beschriebene Praxis deutlich eine Tradition fort, diebis zum Nērangestān zurück zu verfolgen ist. Die Übereinstimmung ist jedoch nichtvollkommen. Man muss trotzdem sagen, dass es schon unter den sasanidischenExegeten diesbezüglich unterschiedliche Ansichten gab. Es sollte also nichtverwundern, dass wenigstens 600 Jahre Spuren in der Ritualpraxis hinterlassen haben.Es ist vielmehr so, dass die zahlreichen Übereinstimmungen über eine solcheZeitspanne hinweg von Bedeutung sein müssen.Zum Schluss erlauben Sie mir bitte eine kurze Zusammenfassung. Die Handschriftendes Hochamtes enthalten genaue Beschreibungen von fünf verschiedenen Hochämtern:Yasna, Yasna ī Rapihwin, Visperad, Videvdad und Vištāsp Yašt. Sie sind deutlich inzwei Gruppen zu teilen: auf der einen Seite stehen Yasna und Yasna ī Rapihwin undauf der anderen Visperad und die Einschalt-Zeremonien (Videvdad und Visperad), dieauf der Grundlage des Visperad-Hochamtes aufgebaut sind. Wir wissen von derExistenz weiterer Einschalt-Zeremonien wie dem Bayān Yasn und vielleicht auch demrätselhaften Hādōxt-Amt. Sie waren jedoch im 17. Jhr, der frühesten Zeit, aus der unseine bedeutende Anzahl von Handschriften erhalten geblieben sind, wahrscheinlichnicht mehr geläufig.Jeder dieser Haupttypen von Hochämtern konnte in unterschiedlicher Variation fürbesondere Zwecke oder im Rahmen grösserer Feste ausgeführt werden. Diese


33Varianten, oder wenigstens einige davon, sind auch in den Handschriften bezeugt.Einige Handschriften beschreiben eine konkrete Variante, während andere mehreremögliche Varianten angeben. Daraus geht hervor, dass wenigstens diese Hss. nicht zurunmittelbaren Verwendung im Ritual konzipiert waren, sondern vielmehr für diePriesterausbildung in den Priesterschulen.Diese ausbildende Tätigkeit setzt dieselbe Tradition des Nērangestān fort, und dieExistenz des Nērangestān setzt das Vorhandensein von Beschreibungen derHochämter, so wie sie in den Sāde-Hss erscheinen, voraus, obwohl sie ursprünglichauch mündlich tradiert werden konnten. Die Übereinstimmungen zwischen derBeschreibung der Hochämter in Nērangestān und den handschriftlich bezeugtenHochämtern sind sehr zahlreich und zeigen auch die Kontinuität nicht nur derpriesterlichen rituellen Ausbildung, sondern auch der Rituale selbst. Selbstverständlichgibt es in den Handschriften Abweichungen von den Beschreibungen im Nērangestān,aber sie verhindern uns nicht die Kontinuität zu sehen.Abweichungen waren schon zur Zeit der Abfassung des Nērangestān vorhanden, wiedie unterschieldlichen Meinungen einiger Kommentatoren zu ritualenAngelengeheiten bestätigen. Man kann auch die Existenz unterschiedlicher Schulen mitabweichender ritueller Praxis vermuten. So könnte man z. B. die Nicht-Erwähnung desVidevdad-Hochamtes im Nērangestān deuten, die mit der Fülle an Handschriften desVidevdad-Hochamtes stark kontrastiert. Das Fehlen des Videvdad-Hochamtesbedeutet wohl nicht, dass zur Zeit der Kompilation des Nērangestān das Videvdad-Hochamt nicht gefeiert wurde. Diedes Videvdad nennt eben das Videvdad-Srōš-Hochamt und ist sicherlich nicht viel später als der Nērangestān zu datieren.Es ist deutlich, dass im Laufe der Geschichte des Hochamtes eine zunehmendeFixierung und eine Reduktion der beweglichen Teile stattgefunden haben. Wir findenSpuren dieser Variationen eben in den starr gewordenen Teilen. Wir haben z. B.erwähnt, dass die Liste der textuellen Ratu des Visperad-Hochamtes ursprünglich nurfür den Bayān Yašt (oder eine konkrete Version dieses Amtes) tauglich war, dass siejedoch dann die für das Visperad und alle Einschalt-Zeremonien übliche Versiongeworden ist. Gezeigt wurde auch, dass wahrscheinlich die Kombination der Widmungvon Y25 und Y26 im Standard- Yasna-Hochamt und in den weiteren Hochämtern mitder Widmung an die Frauuaš iš wohl sekundar ist und ursprünglich Y26 wahrscheinlicheiner abweichenden Widmung folgte. Die Zelebration des Hochamtes bewegt sich


34zwischen der Tendenz zur Fixierung eines standardisierten Hochamtes und dernotwendigen rituellen Variation.Unsere Avesta-Ausgabe verbirgt geschickt die rituelle Vielfältigkeit des zoroastrischenHochamtes. Da diese Ausgabe selbstverständlich die vorhandenen Übersetzungengeprägt hat, hat ihr Vorgehen unser Bild des Avesta stark verstellt. Heute ist jedochklar, dass die Handschriften des Hochamtes vollständige Bescheibungen einerZeremonie in verschiedenen Varianten sind. Dass nur eine dieser standardisiertenVarianten und keine andere von Geldner ediert wurde war eine folgenschwereEntscheidung, der die damit anknüpfende Avestaforschung gravierendeMissverständnisse zu verdanken hat.Dhabhar, B. N. (1932). The persian Rivayats of Hormazyar Framarz and others. Theirversion with introduction and notes. Bombay

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