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Ostern 2013weltweitDas Magazin der Jesuitenmission


EditorialLiebe Freundinnen und Freundeunserer Missionare und Partner weltweit!Ich sitze an meinem Schreibtisch und höre die Aufnahme des Konzerts inNürnberg unserer „Weltweiten Klänge 2013“, die wir bald als CD herausbringenwerden. Aus meinen Lautsprechern ertönt das Trompetensolo zu Beginndes Salsa-Stückes „Rosa“. Viele schöne Erinnerungen gehen mir durch denKopf: die Unbeschwertheit und Offenheit unserer jugendlichen Musikerinnenund Musiker, ihre Freude am gemeinsamen und interkulturellen Musizieren,die Begeisterung der Zuhörer bei unseren neun Konzerten in Deutschland,Südtirol und der Schweiz.Beim Abschied in Frankfurt sind viele Tränen geflossen bei unseren mehrals 30 Teilnehmern, bei den beiden Dirigenten und dem Organisationsteam.Freundschaften wurden geschlossen über Grenzen und Kontinente hinweg,verschiedene Welten und Kulturen haben sich kennengelernt. Die Musik wardas Mittel der Verständigung jenseits aller Barrieren der sieben verschiedenenSprachen Deutsch, Englisch, Spanisch, Konkani, Nepali, Guarani und Acholi.Vielleicht kommt ja demnächst noch Tetum hinzu, die Muttersprache der Bewohnervon Osttimor: Hamilton, einer der ersten Schüler in der gerade eröffnetenJesuitenschule, freut sich besonders auf den Musikunterricht.Das neue „Colégio de Santo Inácio de Loiola“ nahe der osttimoresischenHauptstadt Dili ist noch eine große Baustelle, aber gleichzeitig ist sie Hoffnungfür viele zukünftige Generationen. Bei meinem Besuch im vergangenen Jahrin dem Inselstaat Südostasiens war diese Hoffnung greifbar. Besetzung vonfremden Mächten, gewalttätige Auseinandersetzungen, Armut und Unterentwicklungwollen die Bewohner von Osttimor hinter sich lassen und ihr Landneu aufbauen und gestalten. Ausbildung ist dafür wichtig. Und vielleicht trägtja auch die Musik zu Verständigung und neuer Lebensfreude bei.Für Ihre Unterstützung und Ihre Verbundenheit danke ich Ihnen von Herzenim Namen all unserer Missionare und Partner,IhrKlaus Väthröder SJMissionsprokurator2 weltweit


Hilfe für Ostafrika InhaltEine Baustelle voller Leben ➜ 4Kinder in Osttimor freuen sich auf den ersten Tag in ihrer neuen SchuleZeit für die Zukunft ➜ 7Mark Raper SJ berichtet über die Arbeit des Ordensin dem jungen InselstaatUnsere Spendenbitte für Osttimor ➜ 11Bauen Sie mit an der neuen Schule und Lehrerakademie!Titel Osttimor:Freude über den ersten Tagin der neuen SchuleRücktitelDominikanische Republik:Schwangere treffen sich beimMutter-Kind-ProgrammGloria singt ➜ 12Gloria Akello aus Uganda erzählt von ihren Eindrücken der„Weltweiten Klänge“„Da ging immer die Sonne auf“ ➜ 16Interview mit Max Röber, künstlerischer Leiter und Dirigent der„Weltweiten Klänge“Insel aus Licht ➜ 18Eine Meditation von Joe Übelmesser SJJedes Kind zählt ➜ 20José Navarro SJ leitet ein Mutter-Kind-Programm in derDominikanischen RepublikEin schimmerndes Bild der Religionen ➜ 24Wenzel Widenka ist in Israel als Jesuit Volunteer im Einsatz„Liebe den Fremden wie dich selbst“ ➜ 26Frido Pflüger SJ schreibt über die Flüchtlingsarbeit der Jesuiten inDeutschlandDas Leben wählen ➜ 30Eine Reflexion von Fouad Nakhla SJ mitten aus dem Krieg in Syrienweltweit notiert ➜ 32Aus der Jesuitenmission: Nachrichten, Rückblick und Leserbriefeweltweit 3


SimbabweEine Baustelle voller LebenNicht alle Kinder freuen sich auf den ersten Tag in einer neuen Schule. Knappachtzig Kinder in Osttimor warteten am 15. Januar 2013 jedoch schon eineganze Stunde vor Schulbeginn auf dem Gelände.Langsam fährt der Lastwagen dieBaustellenzufahrt entlang undkommt auf einem Kiesplatz zustehen. Sandig und staubig wirkt dasgroße, neu eingezäunte Gelände, hierund da eine Palme, ansonsten verschiedeneGebäude in unterschiedlichemGrad der Fertigstellung.Eine wertvolle LastDer Fahrer steigt aus, lässig eine Zigaretteim Mundwinkel, und öffnet dieblaue Ladeklappe. Es sind keine Baumaterialien,die er bringt. Kinder springenheraus – zuerst die Mädchen in Röckenund weißen Kniestrümpfen, dann dieJungen in sauber gebügelten T-Shirts.Alle sind aufgeregt, scherzen, lachen undfreuen sich. Es ist unglaublich, wie vieleKinder in so einen alten Lastwagen passen!Eltern haben sich zusammengetan,um den Transporter als provisorischenSchulbus zu mieten. Es ist der ersteSchultag ihrer Söhne und Töchter imneuen Colégio de Santo Inácio de Loiola,einer weiterführenden Sekundarschulein Kasait, einem Dorf nahe derosttimoresischen Hauptstadt Dili.Schulbänke aus Japan„Die Klassenräume sind erst gesternfertiggeworden, so dass wir nochspätabends die Tische und Stühle aufstellenmussten“, erzählt Noel Oliver.Der indische Jesuitenbruder, der bereitsin Kambodscha, Afghanistan undSri Lanka Projekte begleitet hat, kenntden damit verbundenen Stress undZeitdruck nur zu gut: „Es läuft nie allesnach Plan. Das ist Teil des Lebens.“ EinTeam aus timoresischen sowie einemphilippinischen, japanischen, australischenund portugiesischen Jesuiten hatseit der Grundsteinlegung im vergangenenSommer unermüdlich gearbeitet,um die Schule rechtzeitig eröffnenzu können. Auf die alten Schulbänkeweist Noel Oliver besonders hin: „Diehat Pater Ura aus Japan besorgt. Eindeutscher Jesuitenbruder hat sie dortvor über fünfzig Jahren getischlert. Jetztwerden sie uns hier noch weitere fünfzigJahre gute Dienste leisten.“Vor Aufregung viel zu frühFast achtzig Mädchen und Jungenströmen in das neue Schulgebäude,4 weltweit


Indienum gemeinsam mit einer Messe dasSchuljahr zu eröffnen. Die allermeistenwarten schon eine ganze Stunde,vor Aufregung sind sie viel zu frühgekommen. Hier Schüler zu sein, bedeutetfür die Kinder eine Chance,ihre Zukunftsträume zu verwirklichen.Jufrania hat schon genaue Pläne: „Ichmöchte einmal Ärztin werden. Und ichmöchte einfach auf eine gute Schule gehen,in der ich etwas über Jesus erfahreund lerne, andere zu respektieren. Ichbin mir sicher, dass es hier gute Lehrergibt, die uns verstehen und Zeit für unshaben.“ Hamilton freut sich vor allemauf den Kunst- und Musikunterrichtund Noe hat ein politisches Vorbild:„Viele intelligente Leute sind von Jesuitenunterrichtet worden, zum Beispielder ehemalige amerikanische PräsidentBill Clinton.“ Holandio möchte fürdie Zukunft ein guter und gebildeterMensch werden: „Deshalb bin ich froh,auf diese Schule zu gehen. Mein Vaterwird mich auf seinem Motorrad zurSchule bringen, jeden Tag.“Ein Dienst für die ZukunftPater Plinio, timoresischer Jesuit undDirektor der Schule, legt Wert aufeine ganzheitliche Erziehung. AlleLehrerinnen und Lehrer der neuenSchule haben in der Vorbereitungsphaseauf den Philippinen an einemKurs über ignatianische Pädagogikteilgenommen. In Osttimor fehlengute Schulen. Fast 40 Prozent der über15-Jährigen sind überhaupt nie in denGenuss von Schulbildung gekommen.Pater Plinio sieht in seiner Arbeit aucheinen Dienst für die Zukunft Osttimors:„Wir brauchen Bürger, die Sorgetragen für ihr Land. Dazu müssenwir der Jugend unsere bestmöglicheErziehung und Bildung bieten. Nur sowerden sie zu Menschen, die die Kircheund das Land braucht.“Ein Schulblock ist schonfertig (oben ganz links).Die alten Schulbänkekommen aus Japan (unten).Pater Plinio (nächsteSeite Mitte) begrüßtdie neuen Schülerinnenund Schüler.weltweit 5


OsttimorPflanz einen Baum!Rita Gusmao, Mutter einer Schülerin,ist als Kind selbst auf einer Jesuitenschulegewesen: „Ich weiß, dass meineTochter hier auch eine spirituelleBildung erhalten wird, was mir sehrwichtig ist. Zwar sieht der ganze Komplexnoch wie eine Baustelle aus, aberich bin überzeugt, dass die Lehrer undJesuiten gut vorbereitet sind auf ihreAufgabe.“ Die Baustellen-Atmosphärewird wohl noch einige Zeit erhaltenbleiben. Denn es wird noch eine Reiheweiterer Bauetappen geben zum Ausbauder Schule und dem Aufbau einerangrenzenden Lehrerakademie. Aberauch hier hat das Schulteam schonetwas vorbereitet: Nach den Orientierungs-und Unterrichtseinheiten in denKlassen pflanzen die Kinder gemeinsamkleine Bäume auf dem Gelände.Mut zu ProvisorienUnd dann ist der erste Tag in der neuenSchule auch schon vorbei und alle machensich auf den Heimweg. Holandioklettert auf das Motorrad seines Vaters,viele sind zu Fuß und auch der Lastwagenin Richtung Dili wartet bereits.Das Hinaufklettern ist mühsamer alsdas morgendliche Herunterspringen.Und wieder kann man nur staunen,wie viele Kinder hineinpassen auf dieenge Ladefläche. Noel Oliver schütteltbesorgt den Kopf: „Eine gute und sichereTransportlösung ist das nicht.“Einen richtigen Schulbus gibt es nochnicht. Aber trotz aller Provisorien istbei dieser Schuleröffnung in Osttimorzu spüren, dass hier eine gute Zukunftbeginnt.Judith Behnen6 weltweit


OsttimorZeit für die ZukunftDer Australier Mark Raper SJ ist Präsident der Jesuitenkonferenz Asien-Pazifikund zugleich verantwortlich für die Region Osttimor. Er berichtet über dieArbeit des Ordens in dem jungen Inselstaat, der erst im 21. Jahrhundert seineUnabhängigkeit erlangte.Eine gute Schulbildung!“ Dasist die Antwort aller Eltern inOsttimor auf die Frage, wasihre Kinder am meisten brauchen.Mehr als je in den Jahrhunderten zuvorhaben die Timoresen heute dieChance, ein eigenes Volk zu sein, einselbstständiges Leben zu führen, alsMenschen einer unabhängigen Nationzu leben.Bildung ist der SchlüsselSie wissen, dass es jetzt an ihnen ist,ihre Träume wahr werden zu lassen.Bildung ist für die Kinder in Osttimorwie überall in der Welt der Schlüsselzu dieser besseren Zukunft. Aber wiesie diese Bildung erhalten können, istin einem der ärmsten Länder der Erdedie große Frage und Herausforderung.Die Jesuiten sind seit über 100 Jahrenin Osttimor tätig. In all dieser Zeithaben sie das Leben und Leiden derMenschen geteilt. Und dies bis zumMartyrium. Der indonesische JesuitTarcisius Dewanto starb 1999 bei einemMassaker an über 200 Menschenin Suai. Ein paar Tage später wurdePater Karl Albrecht auf dem Grundstückunseres Hauses in Dili erschossen.In den letzten zehn Jahren habendie einheimischen Ordenseintritte zugenommen,so dass wir nun zum erstenMal auch eine große Zahl jungertimoresischer Mitbrüder haben. Siesind bereit, sich für ihr Land einzusetzenund den Menschen zu dienen.Deshalb sind wir heute in der Lage,uns in Osttimor langfristig und dauerhaftzu engagieren.weltweit 7


OsttimorDie jungen Timoresen,die in die GesellschaftJesu eintreten, habeneine Vision für ihr Land.„Wir haben es geschafft!“Der 15. Januar 2013 war ein großartigerTag für die Jesuiten in Osttimor.Erstmals öffnete das neue GymnasiumColegio de Santo Inácio de Loiolaseine Türen und begann mit demUnterricht für 79 Mädchen und Jungen.Vor allem unsere jungen Jesuitenwaren überglücklich und haben zahlloseBilder des ersten Schultages aufihren Facebook-Seiten veröffentlicht.Savio Freitas SJ, der an der Vorbereitungbeteiligt war, schreibt: „Endlichwird unser Traum wahr! Wir habenes geschafft. Allen, die nicht glaubenwollten, dass wir dazu fähig sind:Jetzt müsst ihr uns wohl glauben!“Die Schule ist Teil einer größeren Bildungseinrichtungder Jesuiten in Kasait,knapp 20 Kilometer westlich vonDili. Eine benachbarte Akademie wirdein vierjähriges Studienprogrammzur Ausbildung von Lehrerinnen undLehrern anbieten. Während wir Unterstützungfür unser Projekt sammelnund das Lehrerkollegium ausbilden,sollen in den nächsten Jahren auchweitere Klassenzimmer entstehen.Ein halbes Land kann nicht lesenMit der Schule werden einige Kinderdie Chance auf eine bessere Zukunfterhalten. Mit der Akademie zur Ausbildungvon Lehrkräften dienen wirdem ganzen Land. Diese Aufgabe hatüberwältigende Ausmaße. Mehr als40 Prozent der Bevölkerung habenkeinerlei Schulbildung. Fast die Hälfteder Erwachsenen in Osttimor sindAnalphabeten. Zwar werden immermehr Schulen gebaut, aber die Fortbildungder Lehrer bleibt eine Herausforderung.Selbst der ehemaligeBildungsminister hat mir gegenüberzugegeben, dass 75 Prozent der 12.000Lehrer keine richtige Ausbildung haben.Damit lassen auch Arbeitsmoralund Qualität des Unterrichts zuwünschen übrig. So können mehr als70 Prozent der Kinder am Ende desersten Schuljahres nicht ein einzigesWort lesen. Bis zum Abschluss derdritten Klasse sind es noch immer20 Prozent. Das erklärt auch die ungemeinhohe Zahl von Kindern, dieSchuljahre wiederholen müssen oderdie Schule komplett abbrechen. Fastein Drittel der Kinder im Schulalterbesucht derzeit keinen Unterricht undwächst ohne Schulbildung auf.Lehrer brauchen AusbildungMangelnde Bildung verschärft die Armut.Sie beeinträchtigt erheblich dieGesundheit – vor allem der Mütterund Kinder. Sie hemmt die Wertschätzungvon Bildung und behindert einenachhaltige Wirtschaftsentwicklungund demokratische Gesellschaftsordnung.Die Regierung Osttimors weißum diese heikle Situation und hält inihrem nationalen Strategieplan fest:„Bildung und Ausbildung sind der8 weltweit


Hilfe für OstafrikaUnsere Spendenbitte für OsttimorLiebe Leserin, lieber Leser!Der Aufbau der Schule und Lehrerakademie in Osttimor wird mehrere MillionenEuro kosten. Es ist ein ehrgeiziges, aber notwendiges Bildungsprojekt. Diefinanzielle Unterstützung ist genauso international wie das Jesuitenteam vorOrt. Auch die drei deutschsprachigen Jesuitenmissionen in Nürnberg, Zürichund Wien wollen das Projekt langfristig begleiten. Im Herbst 2012 war ichdort und konnte mir selbst ein Bild machen: Es lohnt sich, die Begeisterungund den Idealismus der jungen Timoresen zu unterstützen!JesuitenmissionSpendenkonto5 115 582Liga BankBLZ 750 903 00Stichwort:X31131 OsttimorAber mir sind die Hände gebunden, wenn nicht Sie mithelfen. Deshalb bitteich Sie um Ihre Spende für Osttimor: Es fehlen noch zwölf Klassenzimmer. Bei35 Kindern pro Klasse kostet der Bau 1.700 Euro pro Kind. Das ist viel Geld,aber die Investition wird vielen Generationen Osttimors zugutekommen undjeder Beitrag, den Sie entbehren können, hilft!Ich danke Ihnen von Herzen!Klaus Väthröder SJ,Missionsprokuratorweltweit 11


Hilfe für OstafrikaGloriasingtUnser internationales Jugendmusikprojekt „Weltweite Klänge“ hat mehr als 30 junge Leute ausKolumbien, Paraguay, Uganda, Indien und Deutschland zusammengebracht. Wie erleben Jugendlichediese Zeit? Die 18-jährige Gloria Akello aus Uganda hat für uns Tagebuch geführt und lässtuns einen Blick hinter die Kulissen werfen.Mein Gott, heute war ein wundervollerTag! Alles ist so schönund neu hier. Wir waren in einemriesigen Kaufhaus, in demes auch Musikinstrumente gab.Zum ersten Mal habe ich erlebt,wie freundlich Weiße sind. InDeutschland ist vieles so ganzanders als in meiner HeimatUganda. Die Leute belästigeneinander nicht, sondern munternsich gegenseitig auf.Undenkbar: Essen im StehenEine Sache hat mich wirklichüberrascht. Ich denke das liegtan der anderen Kultur: DieLeute hier essen sogar im Stehen.Einem erwachsenen Acholi– das ist mein Stamm – wäreso etwas niemals gestattet. Wasmich auch sehr erstaunt hat:Alle begegnen sich mit dem gleichenRespekt, ganz egal wie altjemand ist. In Uganda erwartendie Älteren immer den höchstenRespekt, während die meistenvon ihnen niemals auf die Ideekämen, gegenüber Jüngeren dengleichen Respekt zu zeigen.Beginn der ProbenwocheJetzt bin ich zum ersten Mal ineiner Jugendherberge und erlebe,wie interessant es ist, mitanderen jungen Leuten aus unterschiedlichenLändern zusammenzu sein: Ich habe schon sounglaublich viel Neues erfahren.Eigentlich wollte ich einigeGospelstücke für die Messeeinüben. Leider wurde darausnichts, was mich enttäuschthat. Ich schätze die Art, wiehier alles organisiert wird, aberdie Vorstellungen über Zeitmanagementsind in der Gruppedoch sehr unterschiedlich. Jedenfallsgab es keine Chorprobe,da unsere Leiter erst nochmalmit allen persönlich klären12 weltweit


weltweite klängemussten, wie die kommendenTage ablaufen sollten.Über mich selbstIch komme aus Gulu in Uganda.Mein Dorf heißt Oding.Ich gehe auf das Ocer CampionJesuit College in Unyama. Vorsechs Jahren habe ich angefangen,im Chor zu singen. In unsererFamilie sind wir zu zehnt.Es war nicht immer leicht. Wirhatten einen furchtbaren Krieg,so dass meine Familie gezwungenwar, in ein Lager zu fliehen,das von Regierungssoldatenbeschützt wurde. Dort gab eskeine Schulen und auch nichtgenug zu essen. Der Krieg dauerte22 Jahre. Deshalb bin ichin einer armen Familie ohneVerwandte aufgewachsen.Spiel im SchneeIn aller Frühe war ich fertig,um in die Messe zu gehen,musste aber feststellen, dass esgar keine Messe gab, und einenPriester hab ich auch nicht gesehen.Das hat mich ziemlichenttäuscht. Allerdings warenein paar von uns gefragt worden,ein gemeinsames Morgengebetzu leiten. Mir ist heutebewusst geworden, dass Menschenaus anderen Ländern aufunterschiedliche Arten ihrenGlauben zum Ausdruck bringen.Später haben wir mit traditionellenTänzen und Gesängenunsere Kultur in Ugandavorgestellt. Ich denke, unserePräsentation war ganz gut undvielen hat es sehr gefallen. Vonden Kolumbianern habe ich gelernt,wie sehr die Wirtschaftihres Landes vom Kaffee-Exportabhängig ist. Bis jetzt gefälltmir das Leben in unsererGruppe sehr gut. Bei einemSpaziergang in der Umgebunghabe ich eine lustige Beobachtunggemacht: ErwachseneLeute, die im Schnee spielen. InUganda würden sie wahrscheinlichziemlich böse Spitznamenbekommen oder gar als Verrückteangesehen werden.Viel zu kalt!Ich habe verschlafen. Aufzustehenwar wirklich schwer, weiles im Bett so schön warm undgemütlich war. Es ist viel zu kalt.Die Außentemperatur liegt beiminus vier Grad! Das Mittagessenwar auch keine Freude. Eswar sicher gut gemacht, aber esgab Schweinefleisch. Bei den gemeinsamenProben mit den Instrumentalistensind wir ein gutesStück weitergekommen. Alsich gehört habe, wie der Chor inweltweit 13


weltweite klängemeiner Landessprache singt, istmir klar geworden, wie sehr sichjeder von uns Mühe gibt undwie gut die Leute sind. Ganzegal, wie fremd und anspruchsvolldas Stück auch sein mag.LampenfieberÜben, üben, üben war dieHauptaufgabe des Tages, umunser erstes Konzert in Bürenvorzubereiten. Alle sind sehraufgeregt und auch ich habemir große Sorgen gemacht, oballes klappen würde. Überraschtwar ich auch davon, wie wenigeSänger wir schließlich waren,da der deutsche Chor, der unsbegleiten sollte, viel kleinerwar als gedacht. Jedenfalls wares großartig. Ich habe tatsächlichdas Benedictus gesungen!Überhaupt war es fantastisch,dass der Chor auch in fremdenSprachen singen konnte. Nachdem Konzert haben uns vieleLeute gelobt und uns wurdenviele Fragen gestellt.Freude über einen KaminDer Morgen begann mit Aufräumenund Packen, denn wir musstenweiter nach Bonn. In derKirche waren wirklich sehr, sehrviele Leute und viele von ihnenschienen das Projekt sehr zu mögen.Unser traditionelles Musikstückmit schauspielerischen Elementenhat viele Leute begeistert.Für mich war das seltsam, weilmir gar nicht klar war, wie wenigviele Deutsche über Afrika undüber mein Heimatland Ugandawissen. Meine neue Gastfamilieist unglaublich nett und wir habenden Rhein gesehen und dasfrühere Kanzleramt. Für mich isterstaunlich, dass sie aus nur dreiLeuten besteht, aus Vater, Mutterund Tochter. Fest steht jedenfalls,dass nicht nur die Afrikaner verstehen,ein wärmendes Feuer zumachen und sich darum zu versammeln.Ich habe mich sofortwie im Haus meiner Mutter inUganda gefühlt. Am Morgenhaben wir gemeinsam wie einerichtige Familie gefrühstückt, daswar ein wunderschöner Momentfür mich.Bettler an der FrauenkircheDresden ist eine der schönstenStädte, die ich je gesehen habe.Und ich habe eine der größtenKirchen gesehen, wie ich sie mirselbst nie hätte vorstellen können.Ich wünschte, eines Tageswürde mein Heimatland Ugandaauch so strahlend aussehenund funkeln. Sehr seltsam fandich einen bunt bemalten Mannin der Nähe der Kirche. Späterwurde mir erklärt, dass er einBettler ist. Bereits früher habeich gelernt, dass in Deutschlandvon jedem erwartet wird, zumindestirgendwas zu tun, umein wenig Geld zu verdienen.Auch das Schulsystem ist hierganz anders. In Uganda kannstdu nicht zur Schule gehen oderstudieren, wenn deine Eltern dieGebühren nicht bezahlen können.In Deutschland musst duin jedem Fall zur Schule gehen,ansonsten kann es sogar sein,dass dich die Polizei abholt undauch die Eltern Probleme bekommen.Ein kaltes EchoWährend des Konzerts in Nürnbergbin ich bei der Tanzauf-14 weltweit


weltweite klängeführung erstmals ins Schwitzengekommen. Ich hätte nicht gedacht,dass ich das in Deutschlandnoch erleben würde! Andem Abend waren sicher mehrals 500 Leute da und die Aufführungwar sehr bewegend. Sehrgespannt war ich auf die Reisenach München. Aber mein Gott:Die Kirche war so riesig und sokalt. Das Konzert hat auch nichtviel Freude gemacht, weil derRaum ein viel zu starkes Echohatte. Die Messe hat mir abergut gefallen, obwohl ich nicht einWort verstanden habe. Eine ersteÜberraschung war, dass hier auchFrauen Messdiener sein dürfen.Aus meiner bisherigen Erfahrunghätte ich nie gedacht, dassFrauen einen so herausragendenDienst verrichten dürfen. Beider Gabenbereitung konnte ichnicht glauben, dass zur Kollekteeinfach eine Art Korb durch dieReihen gegeben wurde und fastjeder etwas gegeben hat. Wieleicht wäre es für jemanden, sicheinfach etwas von dem Geld abzuzweigen!Der letzte TagDie Sonne scheint und ichfühle mich ein wenig wie inUganda. Zuerst hatte ich vorder Reise befürchtet, dass wirhier unter der Kälte begrabenwerden würden. Aber langsamwerden wir schon wie richtigeMitteleuropäer! Der letzte Tagin Deutschland und das letzteKonzert in Frankfurt, bevor esmorgen für uns alle wieder zurückin die Heimat geht. Ichbin sehr berührt, mit welcherHerzlichkeit wir überall empfangenwurden. In den letztenzwei Wochen habe ich unglaublichviele Erfahrungen gemachtund die Arbeit in dem Projektund die Konzerte sehr genossen.Dafür sage ich von ganzemHerzen Danke allen, die daranbeteiligt waren. Möge dieseZeit in uns allen noch langeweiterwirken!Gloria Akelloweltweit 15


„Da ging immer die Sonne auf“Wer bei den „Weltweiten Klängen“ den Taktstock hält, braucht interkulturellesFingerspitzengefühl. Das Jugendorchester der Jesuitenmission kam aus vierKontinenten, sprach sieben Sprachen und bestand nur zwei Wochen lang. Derangehende Musiklehrer Max Röber aus Dresden hat seine Premiere als künstlerischerLeiter mit Bravour bestanden. Im Interview erzählt der 27-Jährigedavon, wie er sich abwechselnd deutsch und international fühlte.Ein Musikerfreund hatte dir empfohlen,dich bei den „Weltweiten Klängen“ zubewerben. Eine gute Idee?Eine hervorragende. Ich würde es immerwieder tun. Es war eine Bereicherung,und ich möchte die Leute nichtmehr missen.Du hast 35 junge Amateure so trainiert,dass sie viel Jubel geerntet haben. Washast du selbst gelernt?Zum Beispiel, dass andere Kulturenviel mehr lachen. Unsere Probenwochewar sehr anstrengend, aber daging immer die Sonne auf. Ich habeauch eine unerwartet große Vielfaltmusikalischer Stile entdeckt. Dabeilernt man sich selbst und seine Kulturganz neu kennen. Wie man alsMitteleuropäer an Musik herangeht,unterscheidet sich doch sehr von anderen.Die Ugander oder Kolumbianermachen Musik viel mehr mit demHerzen; sie ist bei ihnen an keinemTag gleich. Bei uns muss immer allesüberlegt, formuliert und reflektiertwerden. Viele unserer Komponistenhaben mit dem Kopf konstruiert.Wie haben sich denn die Inder mitMozart angestellt? Oder die Deutschenmit Chorstücken aus Uganda?16 weltweit


InterviewNach dem ersten Konzert kam eineerfahrene Konzertbesucherin zu mir,die mir sagte, sie habe noch nie so einenMozart gehört. Sie meinte es ohneWertung. Ja, unser Mozart war anders,er würde so nie in Salzburg gespielt,und das war auch nicht das Ziel. Mozartist sowieso Weltmusik, er schillertin verschiedenen Farben wie eine Kristallkugel,und jeder unserer Musikerhat eine individuelle Bindung zu ihm.Wenn ich da etwas vorgeschrieben hätte,würde ich ihnen ihre Persönlichkeitnehmen. Auch mein Co-Dirigent Joséliest Mozart anders, weil er aus Paraguaykommt. Mit mehr Bewegung undTanz. Die deutschen Sänger standenvor der Schwierigkeit, dass es für dieugandischen Weisen keine Tonart undkeinen Notentext gibt. Der Gesangverändert sich je nach Gefühlslage undTageszeit. Den Ugandern wiederumfiel es schwer, stillzustehen, und sie sindkeinen Dirigenten gewohnt.Wie kann da Harmonie entstehen?Am Ende kommt es darauf an, ob ichmit der Musik einen Ausdruck erzieleund jemanden erreiche. Wir haben soetwas wie Glaube, Liebe, Hoffnungverkörpert. Wir haben den Leuten inden Konzerten eine Botschaft vermittelt,sei es durch geistliche Chortexte,durch ein Violinsolo oder dadurch,dass es möglich ist, zwischen den Kulturenzu kommunizieren.Die Jesuitenmission hofft, mit demProjekt zur Völkerverständigung beizutragen.Zu Recht?Ja, es gab ganz viele solche Erlebnisse.Das fing beim Aufwärmen an undhörte beim Schlittenfahren auf. Eswaren alles junge Menschen, die denanderen gern und ohne Vorurteile aufnahmen.Mir fiel aber auch auf, dass esdurch die Globalisierung und Medienwie Facebook schon wesentlich mehrBerührungspunkte gibt, als wir denken.Die Südamerikaner stehen derwestlichen Kultur sehr nahe. Anderswar es bei den Musikern aus Ugandaund Nordindien. Für sie bedeutete derAufenthalt eine neue Welt. Es wirdbei den Teilnehmern unterschiedlichnachwirken. Für manche war es einProjekt unter vielen, für andere derHöhepunkt in ihrem Leben, für andereentstehen Freundschaften daraus.Manche sind allein beim Musizierenüber sich hinausgewachsen. Für michwar das Projekt ein Juwel, das auf seinebesondere Art und Weise glänzt.Interview: Isabel LauerMax Röber (links) hatfür eine tolle Mischungaus Klassik, Big Band,Solo-Einlagen undChorstücken gesorgt –nachzuhören auf CD!Du liebst Big Bands und arrangierstStücke. Welche Musikkultur der Weltwürdest du gerne intensiver studieren?Salsa, Samba, Merengue, alles aus Lateinamerika.Und ich habe generell dieChormusik durch das Projekt neu fürmich entdeckt.Weltweite Klänge für zu HauseAuch dieses Mal produzieren wir wieder eine Musik-CD „WeltweiteKlänge 2013“, die wir Ihnen ab April gerne zuschicken.Bestellungen bitte an unser Sekretariat: Tel. (0911) 2346-160oder prokur@jesuitenmission.deweltweit 17


Hilfe für Ostafrika Insel,schillernd im Lichtund ringsherum nurwild wuchernde Natur,bereit zur Umarmung.Insel,schillernd im Licht.Jener ungeheure Versuch,die Nacht zum Tag zu machenund die Schöpfung zur Dienstmagdfür Bedarf und Begier.Doch:Schon dem Chaos verbündet,das ständig lauertan den Rändern der Zivilisation,spannt die Natur ihre Muskeln.Es beginnen die Lichter zu flackern,aus Angst, sie könnt uns verschlingenund alles wäre dann wieder so,wie vor der Zeit des Menschen.Joe Übelmesser SJ18 weltweit


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Dominikanische RepublikJedes Kind zähltUrlaub, Palmen, Strand – das verbinden die meisten mit der Karibik. Aberauch hier gibt es Armut und Unterernährung, gegen die ein Mutter-Kind-Programm in der Dominikanischen Republik kämpft.Mehr als 300.000 Menschensind vor drei Jahren beidem verheerenden Erdbebenam 12. Januar 2010 in Haiti umsLeben gekommen. Eines der Todesopferwar Zilda Arns, Kinderärztin undGründerin der „Pastoral da Criança“,einem sehr bekannten brasilianischenMutter-Kind-Programm der katholischenKirche gegen die hohe Kindersterblichkeit.Begraben unter TrümmernDer Schock und die Trauer sind JoséNavarro noch heute anzumerken.„Zilda war in Port-au-Prince, um Mitgliedernder Ordensoberenkonferenzder Karibik über die Pastoral da Criançazu berichten“, erzählt der Jesuit ausder Dominikanischen Republik. „Eigentlichsollte ich auch zu dem Treffen,aber ich habe gesagt, wenn Zildada ist, reicht das. Sie ist die Gründerinder Arbeit, sie weiß viel mehr als ich.Während des Erdbebens hielt sie geradeeinen Vortrag. Das Gebäude stürzteein und sie wurde mit vielen anderenunter den Trümmern begraben.“Vorbild und AnspornFür José Navarro war Zilda ArnsVorbild und Ansporn. „Nach dem20 weltweit


Dominikanische RepublikEintritt in den Orden habe ich inBrasilien Theologie studiert und dortZilda und die Arbeit der Pastoral daCriança kennengelernt. Ihr Ansatzhat mich fasziniert und überzeugt. Ichhabe dann in Brasilien einen Doktorin Ernährungswissenschaften gemachtund mich auf Fragen des öffentlichenGesundheitswesens spezialisiert. Anschließendwar es meine Aufgabe, dasbrasilianische Projekt auf unsere Situationzu übertragen und auch hier einzuführen.“Seit 2005 ist Pater NavarroLeiter der „Pastoral Materno Infantil“,dem Mutter-Kinder-Programmin der Dominikanischen Republikzur Begleitung von Schwangeren. Esgeht um Vorsorge, gesunde Ernährung,Verständnis der physischen undpsychisch-sozialen Vorgänge währendeiner Schwangerschaft und auch umdie Einbeziehung des Partners und derFamilie. Nach der Geburt werden dieFamilie und die neugeborenen Kinderweiter begleitet, bis zum sechsten Lebensjahr,also bis zum Schuleintritt.Begleitung von Schwangeren„Unsere Arbeit funktioniert so, dasswir Freiwillige ausbilden, die dieSchwangeren begleiten“, erklärt JoséNavarro. „Insgesamt haben wir 200Freiwillige, die in sieben Pfarreien invier Provinzen des Landes arbeiten.Es gibt gutes Material mit vielen Bildernfür die Begleiterinnen und für dieSchwangeren. Die Materialien sind soaufbereitet, dass man sie auch als Analphabetinverstehen kann.“ Der Jesuitzieht einige der bunt illustrierten Heftehervor und gerät bei den Erklärungender Schaubilder richtig in Fahrt.Mit Begeisterung weist er auf Detailshin, erläutert den Aufbau der verschiedenenModule, erklärt die Methodender praktischen Begleitung und öffneteine Power-Point-Präsentation auf seinemComputer, um die Erfolge desProjektes zu zeigen. „Wir untersuchenin Studien, welche positiven Effekteunsere Arbeit hat. Wir vergleichenbestimmte Indikatoren von Gruppen,die an den Kursen teilnehmen, mitVergleichsgruppen, die an den Kursennicht teilnehmen, z.B. Gewichtder Kinder, Größe, Ernährung. Undunsere Kinder schneiden bei allen In-José Navarro SJ (oben)leitet das Mutter-Kind-Programm. Freiwillige(unten und links)besuchen die Frauenauch zu Hause.weltweit 21


Dominikanische RepublikMit Schaubildernwerden wichtige Zusammenhängeerklärt(links). Das Gewicht derKinder wird regelmäßigkontrolliert (rechts).dikatoren besser ab.“ Fast schwingt soetwas wie väterlicher Stolz in der Stimmevon José Navarro. Auf die Frage,wieso ausgerechnet er als Priester undOrdensmann sich mit solcher Leidenschaftfür Schwangere und Neugeboreneeinsetzt, lacht er nur nachsichtig.„Das werde ich oft gefragt. Ich sehe daüberhaupt keinen Widerspruch oderein Problem!“Armut unter PalmenDas Mutter-Kind-Programm arbeitetin den Armenvierteln der DominikanischenRepublik. Jenseits der Touristengebietemit Palmen und wunderschönenSandstränden lebt fast dieHälfte der Einheimischen in teilweisegroßer Armut. Ein besonders hohesArmutsrisiko besteht für die vielenMigranten aus Haiti, die auf der Suchenach einem besseren Leben dieGrenze zum Nachbarland überqueren.Die Begleiterinnen des Mutter-Kind-Programms treffen in ihrer Arbeit oftauf sehr junge Frauen. „Einige werdenschon mit 13 oder 14 Jahren schwanger“,sagt Pater Navarro, „aber diemeisten sind Anfang bis Mitte Zwanzig,knapp ein Drittel sind alleinerziehendeMütter.“Von Freunden ausgelachtAm Anfang der Begleitung stehen individuelleHausbesuche und gemeinsameTreffen in der Nachbarschaft.„Sie finden in den Vierteln in derNähe der Mütter und Schwangerenstatt, also entweder in Schulklassenoder Kirchen oder im Haus einer derTeilnehmerinnen“, erklärt José Navarro.„Das fünfte Treffen in unseremKurs ist mit Familienmitgliedern, alsowerden auch die Väter einbezogen.Das ist nicht immer ganz einfach, weildie Dominikanische Republik eineziemliche Macho-Gesellschaft ist. DerMann einer unserer Frauen war neulichunterwegs zu dem Treffen, als ereinigen Freunden über den Weg lief.Sie haben gefragt, wo er denn hingeheund als er sagte, zum Treffen der PastoralMaterno Infantil, da haben sieihn ausgelacht und er ist dann dochnicht gekommen.“Endlich Liebe empfindenAlle zwei Wochen treffen sich dieSchwangeren. Einmal im Monatwird Unterstützung und Beratung fürMütter mit Kleinkindern angebotenund die Freiwilligen reflektieren undplanen regelmäßig ihre Aktivitäten.Bisher hat das Programm 4.500 Familienbetreut und die Unterernährungdieser Kinder konnte um 46 Prozentverringert werden. Möglich ist das nurdurch den Einsatz der vielen freiwilligenBegleiterinnen. Eine von ihnenist Germania Cabrera Santana und sie22 weltweit


Dominikanische Republikerzählt von ihren Erfahrungen: „Fürmich ist das Projekt ein Erfolg! Warum?Weil ich direkt mit schwangerenTeenagern arbeite und ihnen zeigenkann, was Liebe ist. Viele von ihnenfühlen nur wenig Liebe, eine Fraukonnte beispielsweise nie lachen. Nunhaben wir ihr erstes Lächeln gesehen.Sie ist glücklich, endlich Liebe empfindenzu können.“Kampf dem UntergewichtEine zweite Begleiterin namens Franciaergreift das Wort: „Wenn eineMutter zu mir kommt und sagt: ‚Hallo,wie geht es dir? Wir haben unslange nicht gesehen‘, merke ich, dassich vermisst wurde. Für mich ist eseine Freude, den Müttern zu helfenund sie aufzuklären, wie sie mit ihrenSäuglingen umgehen sollten.“ EineMutter zeigt stolz auf ihre Tochter,ein gesundes und fröhliches Kind. Esist mit Untergewicht zur Welt gekommen,hat dann aber schnell zugenommen,wie seine Mutter erzählt: „Seitder Unterstützung durch das Mutter-Kind-Programm hat sie nie wiederan Unterernährung gelitten.“ Bei denTreffen mit den Schwangeren undMüttern wird auch immer das Gewichtder Kinder kontrolliert, Nahrungsmittelergänzungan Schwangereund Babys ausgegeben und dem Kursentsprechend bestimmte Lernbausteinevermittelt.Leben in FülleHier bei dem Treffen und vor allemauch bei den Hausbesuchen ist zu spüren,dass die Begleiterinnen für viele zuwichtigen Bezugspersonen gewordensind. Es geht nicht nur um praktischesWissen, es geht um Lebensbegleitung:„Pastoral Materno Infantil“ heißt dasProgramm, wörtlich übersetzt „Mutter-Kind-Seelsorge“.José Navarro istdiese Dimension sehr wichtig: „Wasdas Pastorale an unserer Arbeit ist?Unser Schwerpunkt ist die Begleitungder Familien und unsere Arbeit ist ausdem Glauben heraus motiviert. Es isteine Sozialarbeit, die ihr Fundamentim Glauben hat. Es geht um Fe y Vida,um Glaube und Leben. Damit alle dasLeben haben und es in Fülle haben –das ist unser Motto.“ Ein Blick auf diestrahlenden Frauen und quirligen Kindergibt ihm Recht: Hier ist tatsächlichLeben in Fülle!Judith BehnenKurzfilm zum ProjektAuf unserer Internetseite finden Sie unter www.jesuitenmission.de/1261einen siebenminütigen Kurzfilm über die Arbeitdes Mutter-Kind-Programms. Auch zu einigen anderen Projektengibt es bereits kleine Videos.weltweit 23


Jesuit VolunteersEin schimmerndes Bild der ReligionenWenzel Widenka (26) berichtet über seinen Einsatz in Israel. Auf unsererInternetseite www.jesuit-volunteers.org finden Sie weitere Eindrücke undErfahrungen unserer Freiwilligen.taner, einer kleinen Glaubensgemeinschaft,die noch auf biblische Zeitenzurückgeht. Mit vielen anderen religiösenGemeinschaften bilden sie dasschimmernde Bild Israels, welches ichseit Ende September 2012 erkunde.Bis dahin hatte ich in Deutschlandbrav studiert, Geschichte und Theologie,„Interreligiöse Studien“ gar,und war dann zu dem Entschluss gekommen„hinaus“ zu müssen, umdie Probleme und Chancen des interreligiösenDialoges in der Praxis kennenzulernen.Und wo sollte man dasbesser tun können, als in Jerusalem,im Herzen des Nahost-Konflikts?Wenzel (rechts) trifftHusney W. Cohen, denzukünftigen Oberpriesterder Samaritaner.Der Herr trägt einen Fez undpräsentiert stolz gleich dreiPässe aus seinem Besitz. Sowohldas Blau des israelischen Passes,als auch das Grau des palästinensischenPasses blitzen unter seinem weitenGewand hervor, zu welchem sichauch noch schlussendlich der jordanischeReisepass gesellt. „Ich bin wederAraber noch Israeli“, gibt er dem erstauntenZuhörer zu Protokoll. „Ichbin Israelit!“In die Welt der PraxisDer freundliche Herr hinter dieserAussage ist niemand geringeres als derzukünftige Oberpriester der Samari-Dialog aus jüdischer SichtDas „Jerusalem Centre for Jewish-Christian Relations“ ((JCJCR) versuchtseit einigen Jahren, Frieden undVerständigung zwischen den mehr nebeneinanderals miteinander lebendenReligionsgruppen zu schaffen, indemes vor allem die jüdische Mehrheitsbevölkerungüber die christlichenMinderheiten im Land aufklärt. Diesesind, ganz im Gegensatz zu den mitKamera und Weihwasser bewaffnetenPilgern vor allem aus den USA undRussland, zumeist Araber, was derBegegnung Judentum-Christentumeinen besonders politischen Charakterzugverleiht, so wie alles hier einenpolitischen Charakterzug hat. DasAußergewöhnliche an der Arbeit des24 weltweit


Jesuit VolunteersJCJCR ist dabei, dass diese aus einerjüdischen Perspektive geschieht, alsoJuden ihre jüdischen Mitmenschenüber Christen aufklären. So sitze ichnun im Büro des JCJCR, erarbeitePräsentationen, überarbeite die Homepageund treffe eine stattliche Anzahlan bunt gewandeten Patriarchenaller möglichen Konfessionen.Begegnungen im HospizMeine Arbeit in Israel ist zweigeteilt.Beschäftigt sich das JCJCR mit derBegegnung der Glaubenswelten, sostellt die Arbeit im Hospiz eine völligandere Erfahrungswelt dar und isttrotzdem gelebter interreligiöser Dialog.Im Französischen Hospiz, gleichgegenüber den Altstadtmauern gelegen,liegen Juden, Christen, Moslemsbeieinander; Araber, Israelis, Russen,Franzosen, Äthiopier, ganz gleich, dasLeid des Sterbens verwischt hier alleUnterschiede. Die Küche ist koscher,damit alle mitessen können, undWeihnachten und Chanukka werdenschon mal innerhalb einer Woche gefeiert.Die Erfahrungen, die ich dabeimit den Patienten mache, verändernnachhaltig und sind äußerst intensiv.Mancher Patient liegt schon seit 16Jahren im Wachkoma, andere bleibennur sechs Tage, ehe sie in einem Sargwieder hinausgetragen werden. VielPlatz für Empfindlichkeiten bleibt beider Arbeit nicht. Liegewunden müssengesäubert werden, auch wenn sienoch so tief sind und nach Verwesungriechen, die Windeln müssen alle paarStunden gewechselt werden, die Patientengewaschen und manch rüderWortwechsel mit den manchmal verzweifeltenPatienten sowie Angehörigendurchgestanden werden, ehe dieSchicht vorbei ist. Dennoch gibt eshier keinen Volontär, keinen Arbeiter,der seiner Aufgabe nicht mit Begeisterungnachkommen würde. Das FrenchHospital ist ein besonderer Ort in Jerusalem,hier hören die Unterschiededes täglichen Konfliktes auf und dasErleben von Menschlichkeit wird aufvöllig andere Weise erfahrbar.Verwirrend und faszinierendKaum einer kann sagen, was verwirrenderund erschütternder ist, dieArbeit mit den Sterbenden im Hospizoder die umgebende Welt vorden Krankenhaustoren, mit ihrer Ansammlungaus täglichen Konflikten,Checkpoints und fanatisierten Fernsehpredigern,die laut jubelnd die ViaDolorosa hinunter wandeln. Aber dasalles in Jerusalem und dies alles machtdie Zeit hier unermesslich intensivund faszinierend.Wenzel WidenkaGruppenfoto imfranzösischen Hospizbeim jüdischenChanukka-Fest.weltweit 25


Hilfe für Ostafrika„Liebe den Fremden wie dich selbst“Seit September 2012 leitet Frido Pflüger SJ die Flüchtlingsarbeit der Jesuitenin Deutschland. Seine jahrelangen Erfahrungen aus Afrika kommen ihmdabei zugute.Flüchtlinge sind eine Bedrohung:Das scheint ein europäischerGrundkonsens zu sein. Vor einemhalben Jahr kam ich aus Ostafrikanach Deutschland zurück und wunderemich darüber, denn die Anzahl derAsylsuchenden hier ist ja so gering.Ich leite jetzt das Deutschlandbürodes Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS)mit fünf hauptamtlichen und siebenfreiwilligen Mitarbeitenden in Berlin,Eisenhüttenstadt und München.Flucht hat viele GründeAbgelehnte Asylsuchende oder lange inDeutschland lebende Menschen ohneBleiberecht kommen zu uns. In vielenGesprächen prüfen wir ihre Situation,ob sie nicht aus humanitären Gründenbei uns bleiben können. Es kommenFamilien mit Kindern, die seit Jahrenin Deutschland eine neue Heimat gefundenhaben und immer noch keindauerhaftes Aufenthaltsrecht haben.Menschen, die dem Elend ihrer Hei-26 weltweit


Deutschlandmat entflohen sind und bei uns etwasNeues aufbauen wollten. Andere warenverfolgt und ihr Leben bedroht.Krieg in ihrem Land hat sie vertrieben.Es sind so viele Gründe, wie esMenschen sind, und kaum einer vonihnen hat seine Heimat leichten Herzensverlassen, nur weil es sich bei unsbesser leben lässt.Prüfung von SchicksalenIch vertrete das Erzbistum Berlin inder Härtefallkommission, wo wir solcheSchicksale prüfen und dem Innensenatorzur Entscheidung vorlegen; esist eigentlich ein Gnadenerlass, wennalle Rechtsmittel ausgeschöpft sind.660 Beratungsgespräche haben wir2012 geführt; 56 Anträge für einzelne,für Ehepaare, für Familien mitKindern haben wir eingereicht. Davonwurden 32 Anträge positiv geklärtmit Aufenthaltsrecht. Das heißt dannauch: Sicherheit in der neuen Heimat.Manchmal denke ich: Unsere Gesetzesind einfach nicht gut genug, wennwir solchen Gnadenerlass brauchen,um inhumane Konsequenzen zu verhindern.Existenzielle RechteIn unserer Sozialberatung helfen wirMenschen, ihre berechtigten finanziellenoder medizinischen Unterstützungenzu erhalten – auch wenn sie illegalin Deutschland sind. Denn sie habenexistenzielle Rechte – in der Praxis ist esaber schwer, sie durchzusetzen. Wir beratensie im Einzelfall, vertreten ihre Anliegenaber auch gegenüber der Politik.Menschen in AbschiebungshaftJede Woche besuchen wir Menschenin der Abschiebungshaft in Berlin,Brandenburg und Bayern. Abschiebungshaftist eine reine Verwaltungsmaßnahme:Es sind keine Straftäter,sondern Flüchtlinge und Migranten,deren einziges „Vergehen“ in der Regeldarin besteht, dass sie kein gültiges Visumfür Deutschland haben. Viele verstehengar nicht, warum sie inhaftiertsind. Wir hören ihnen zu, nehmenihre Ängste wahr, erläutern ihnen dieSituation. Wir kümmern uns um ihreSeele und um ihr Recht. Wir feiernmit ihnen Gottesdienste und besorgenihnen auch Anwälte. Wir habendurch unseren spendenfinanziertenRechtshilfefonds in 80 Fällen anwaltlichenBeistand besorgt, wodurch 47Abschiebungshäftlinge ihr Recht erstreitenkonnten. Wir haben Musterprozessebegonnen zur Entschädigungfür rechtswidrige Haft. Dabei geht esnicht nur um Geld – das auch, denndie Menschen, die abgeschoben wurden,können es wirklich brauchen.Es geht aber auch um ein Zeichen derAnerkenntnis des erlittenen Unrechts.Foto links:Frido Pflüger SJ (rechts)in einem JRS-Projekt inDarfur/Sudan.Foto unten:Darf in Deutschlandbleiben: Familie B. hatüber die Härtefallkommissionein Bleiberechterhalten.weltweit 27


Hilfe für OstafrikaIm Flüchtlingslager DoloAdo in Äthiopien: SomalischeFrauen nehmen aneiner Sensibilisierungskampagnezu Gewaltgegen Frauen teil.Abschottung und AbschreckungWir werden recht oft von Medien gebeten,die aktuelle Asylpolitik aus unsererchristlichen Perspektive zu kommentieren– so z.B., als die Proteste derFlüchtlinge am Brandenburger Tor zumersten Mal die harten Lebensbedingungenvon Asylsuchenden in Deutschlandin das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeitgebracht haben. Dass eineFlüchtlingspolitik, die auf Abschottungund Abschreckung setzt, nicht demchristlichen Ideal entspricht, liegt aufder Hand.Flüchtlingsarbeit in AfrikaVorher war ich sechseinhalb Jahre inOstafrika, zuletzt als Leiter des JRSOstafrika. Dort steht der JRS vor ganzanderen Anforderungen. Wenn wir inDeutschland 60.000 Asylsuchende imJahr haben, sind es dort hundertmalmehr: Weit über sechs Millionen alleinin Kenia, Uganda, Äthiopien, Sudanund Südsudan. Menschen leben inriesigen Lagern meist in unwirtlichenGegenden und müssen vollständig versorgtwerden – im Durchschnitt über20 Jahre lang. Unvorstellbar für uns.Oder sie leben untergetaucht in denGroßstädten und schlagen sich durch,ungeschützt. Als JRS haben wir fürHunderttausende von Kindern undJugendlichen Schulausbildung ermöglicht,dabei besonders Mädchengefördert. Menschen, die traumatisiertsind durch brutalste Kriegs- undFluchterfahrungen, haben bei unsHilfe erfahren. Wir versuchen, denMenschen in den Lagern zu helfen,dass sie dort sinnvoll leben könnenund nicht nur in ständiger Langeweileund Bedeutungslosigkeit. Beratung,Seelsorge, kulturelle Angebote wieTanz und Theater, Sport, Alphabetisierung,Schulen, Berufstraining.Dies waren sehr wertvolle Jahre fürmich. Auch mit der Unterstützungaus Deutschland konnte ich sehr vielbewirken. Und ich habe viel gelernt.Meine Erfahrung aus diesen Ländernhilft mir jetzt, die Asylsuchenden besserzu verstehen, da ich die konkreteSituation vor Ort kenne und weiß,warum Menschen fliehen. Aber ichkann mich nicht daran gewöhnen,28 weltweit


Hilfe für Ostafrikadass man hier 60.000 Asylsuchendeals „Asylantenschwemme“ bezeichnet,dass Menschen, die aus existentiellerNot ihr Land verlassen, „Wirtschaftsflüchtlinge“genannt werden – wobeivergessen wird, dass Millionen Deutschefrüher auch „Wirtschaftsflüchtlinge“waren. Und gleichzeitig erlebeich, dass ich in meiner Arbeit in Afrikawie auch hier in Deutschland von sovielen Menschen Unterstützung erfahre,die sich dafür interessieren, die sichöffnen für diese Problematik.Ignatianische BerufungWarum ist denn der JRS so wichtig fürdie Jesuiten? 1980 war der damaligeGeneralobere Pedro Arrupe tief berührtvon der großen Not der „boat people“,der vietnamesischen Flüchtlinge im südchinesischenMeer, und gründete denFlüchtlingsdienst der Jesuiten (JRS).Bei der letzten Generalkongregationder Jesuiten sagte uns Papst Benedikt:„eure Gesellschaft [engagiert sich] imDienst für die Flüchtlinge, die oft zu denÄrms ten der Armen gehören und nichtnur materielle Unterstützung nötighaben, sondern auch tieferen geistlichen,menschlichen und psychologischen Beistand,wie er gerade eurem Dienst eigenist.“ Das ist also unsere ignatianischeBerufung: für die Ärmsten der Armenda zu sein und dorthin zu gehen, wo dieNot am größten ist.Bleibende HerausforderungOb wir zu ihnen gehen oder sie zu unskommen, sie sollen immer erfahren,dass sie willkommen sind und wertgeschätzt.„Liebe den Fremden wie dichselbst“ steht im gleichen Kapitel desAlten Testaments wie das Grundgesetz„Liebe den Nächsten wie dich selbst“(Levitikus 19). Eine bleibende Herausforderungfür uns alle!P. Frido Pflüger SJIn der AbschiebungshaftBerlin-Köpenick: Einsomalischer Flüchtlingwird nach Italien ausgewiesen.JRS DeutschlandMehr Informationen: www.jesuiten-fluechtlingsdienst.deSpenden für die Arbeit von Pater Pflüger können Sie auch anuns überweisen unter dem Stichwort: X42570 P. Pflüger SJweltweit 29


Das Leben wählenAngst vor dem Tod: VieleEltern lassen ihre Kinderwie hier in Aleppo nichtmehr aus dem Haus.Die Lage in Syrien scheint immer trostloser. Jesuiten in Aleppo, Homs und Damaskusbegleiten nach wie vor Flüchtlingsfamilien, indem sie über lokale FreiwilligennetzeNothilfe, psychosoziale Begleitung und Unterricht für die Kinderbieten. Fouad Nakhla ist ein junger Jesuit, der die Arbeit in Damaskus leitet.Mitten aus dem Kriegsgebiet teilt er mit uns seine Gedanken und Gefühle überHoffnungslosigkeit und Auferstehung.Es ist sehr schwierig, meine Gefühlein der gegenwärtigen Situationzu beschreiben. Ich bingespalten zwischen Freude und Trauer,Hoffnung und Unruhe, Erschöpfungund Enthusiasmus, Leben und Tod.Meine Situation ist vergleichbar dersyrischen Gesellschaft, die gespaltenund zerrissen ist. Der Riss zieht sichganz von einem Ende bis zum anderender Gesellschaft. Sie gleicht einerzerbrochenen Fensterscheibe. BeimVersuch, sie wieder zusammenzusetzen,riskiert man sich zu verletzen, undGott weiß, wie tief diese Verletzung ist.Wie kann man in dieser düsteren Realität,so voller Leid und Angst, neueHoffnung schöpfen? Wie soll manin einer Wirklichkeit, die uns, wie esscheint, in ein sicheres Scheitern führt,die Hoffnung auf eine bessere Zukunftwiedergewinnen? Wie kann man in einemMoment, in dem wir vom Tod inallen seinen Arten und Formen umgebensind, noch an das Leben glauben?Das sind die Fragen, die mich seit meinerAnkunft in Damaskus sehr beschäftigen.Trotz der Schwierigkeit, auch nurein Minimum an Zeit für mich zu fin-30 weltweit


Syrienden, bleiben mein christlicher Glaube,die ignatianische Spiritualität und meinGebet eine Grundlage, die ich brauche,die ich nicht aufgeben kann. Nurso erhalte ich mir ein gewisses inneresGleichgewicht und auch den manchmalnotwendigen Abstand zum Leidder Leute. Gleichzeitig weiß ich nicht,ob und inwieweit mir das hilft. Ich spüreja, dass die Situation, in der ich lebe,meinen Glauben auf eine harte Probestellt. Denn theoretisch oder theologischeine Antwort zu haben auf dieFrage nach dem Bösen und dem Leidenhat absolut nichts mit der Erfahrung zutun, die man macht, wenn man mitden Leidenden lebt, ihre Ängste teiltund jeden Tag neu mit dem Tod unddem Leben konfrontiert wird. Nur dasSchweigen macht da noch Sinn. Ist esdas Schweigen des Vaters gegenüberdem Tod seines Sohnes?Die Kraft, weiterzumachen und denAlltag zu bestehen, schenken mir ganzkonkret die Menschen, denen ich jedenTag begegne. Auf der einen Seite ist esdas Team, das die ganze Hilfsarbeit inDamaskus trägt. Es ist lebendig, motiviert,kreativ – eine echte Unterstützungfür mich. Diese Menschen, diezum größten Teil selbst Flüchtlingesind, setzen sich total für den Dienstam Nächsten ein, ohne auf die Zeit zuachten oder sich selbst zu schonen. Mitihnen zusammen fühle ich mich stärkerund fähiger, etwas zu unternehmen. Esist ihre Zähigkeit, das Leben zu meistern,die mir hilft, die Hoffnung aufeine bessere Zukunft zu bewahren.Auf der anderen Seite sind es die Familienund die Kinder, die zu uns kommenund sich in unseren Zentren wiein einem Zuhause fühlen dürfen. Siekommen völlig mittellos und erzählenuns ohne Vorbehalt und voller Vertrauenihre Geschichten und ihre Leiden.Wie jener Familienvater, der mit seinerganzen Familie kam. Seine Frau waram Tag zuvor nach der Nachricht vomTod ihres ältesten Sohnes gestorben. Ersagte mir, dass die Aufnahme bei unsfür sie ein Licht in der Nacht war unddass seine jüngeren Kinder weiterhinjeden Tag zu uns kommen wollen. Daswar für mich ein echter Trost. Ein großesLicht in dieser Finsternis waren fürmich auch die Augen jenes Kindes, diestrahlten, als ich es fragte, ob es nichtzum Lernen und Spielen zu uns kommenwolle. Das sind nur zwei Beispieleunter vielen, die meinem Leben hierSinn geben und mich drängen, bis zumEnde mein Bestes zu geben.So ist die Quelle meiner Kraft undmeines Trostes nicht nur der Glaubeoder das Gebet, sondern diese kleinenLichter, denen ich im Lauf des Tagesbegegne. Und auch die Botschaften derLiebe, die ich von den Leuten bekomme,ohne dass sie es wissen. So habe ichdie mir anfangs gestellten Fragen beiseitegeschobenund mir nur die Sorgebewahrt, das Leben zu wählen und unaufhörlichdaran zu glauben. Das Guteim Menschen und seine Größe zu sehenund sehen zu helfen, obwohl wir soviel menschliche Gewalttätigkeit undPerversion erfahren. Zu hoffen und zuarbeiten für eine friedliche Zukunft,auch wenn uns ein klarer Horizontfehlt. Und nicht aufzuhören, die Auferstehungeines neuen Lebens gerade ausder Tiefe dieses Leidens zu erwarten.Fouad Nakhla SJweltweit 31


NachrichtenFRAGENDER ZEITNeues Buch von P. Dr. Jörg Alt SJEntweltlichung oder Einmischung – wie viel Kirche braucht Gesellschaft?Jörg Alt (Hg.)Entweltlichungoder Einmischung –wie viel Kirchebraucht Gesellschaft?echterErscheint im März 2013224 Seiten, Echter VerlagISBN 978-3-429-03579-216,80 EuroDie „Entweltlichungs-Rede“ von Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch 2009in Freiburg ließ Deutschlands Katholiken ratlos zurück: War es ein Plädo yerzur Abschaffung der Kirchensteuer? Zu einer spirituelleren, unpolitischenKirche? Zu einer anderen Form gesellschaftspolitischen Engagements als bisher?Das Unpräzise an dieser Rede provoziert ein Nachdenken darüber, welcheKonsequenzen denn nun gezogen werden sollen. Dieses Buch sammeltpersönlich-nachdenklich gehaltene Überlegungen von 28 Vertretern aus Kirche,Politik, Medien und Zivilgesellschaft, darunter Gläubige, Kirchenferne, Atheisten,Arbeitslose, Migranten und Aktivisten aus armen Ländern. Das Ergebnis:Niemand befürwortet einen Rückzug der Kirchen, alle ein fortgesetztes gesellschaftspolitischesEngagement, wenngleich über die Art und Weise desselbenunterschiedliche Auffassungen bestehen.Weitere Informationen:Ausführlicher Reiseprospektmit Kostenangabenerhältlich unterwww.lassalle-haus.orgAnmeldung:Jesuitenmission ZürichP. Toni Kurmann SJHirschengraben 748001 ZürichTel. 0041 44 266 21 30prokur@jesuitenmission.chFaszination ChinaBegegnungsreise vom 29. August bis 14. September 2013Die Jesuitenmission Zürich veranstaltet gemeinsam mit dem Lassalle-Hauseine Begegnungs- und Studienreise mit Stationen in Peking, Nanjing, Shanghai,Macau und Hongkong. Das Reich der Mitte fasziniert nicht nur heute.Bereits Ende des 16. Jahrhunderts, als die ersten Jesuiten Fuß fassten, beganneine äußerst kreative Phase des Kulturaustausches, die gegenwärtig in Chinaerstaunliche öffentliche Anerkennung findet. Durch vielfältige Begegnungen imBereich Geschichte, Kultur und Religion wollen wir einen Zugang zu diesersagenumwobenen Kulturnation mit grandioser Vergangenheit finden und eineder wichtigsten Mächte im neuen Jahrtausend besser verstehen lernen.32 weltweit


RückblickVor 40 Jahren in SimbabwePater Wermter berichtet von einer Bischofsweihe im FußballstadionIm Mittelfeld des Rufaro-Fußballstadions in Salisbury war der Altar errichtet zurWeihe des ersten einheimischen Bischofs Rhodesiens, Weihbischof Patrick FaniChakaipa. Die Sonne brannte heiß. Die drei Stunden waren lang und die Betonbänkehart. Eine Aufmunterung war willkommen. So der Anblick eines baumlangenunbeweglich dreinblickenden afrikanischen Polizisten, der an der Tribüne entlangmarschierte und einen kleinen Jungen, den er lässig unter den Arm geklemmt hielt,dem Volke „feilbot“, vermutlich auf der Suche nach den verloren gegangenen Eltern.Aus drei Magazinen istweltweit entstanden:Sambesi, Nr. 17, 1973Vor 50 Jahren in IndienPater Übelmesser sieht schon 1963 das aufstrebende IndienUnd es ist dies keine Einbahnstraße, auf der all die ungelernten Arbeiter denneuen Industriezentren zuströmen. Diese Menschen gehen gelegentlich auchwieder heim: in Urlaub und besonders zu Hochzeiten. Und die Heimkehrerbringen mit sich all die neuen Ideen, neue Gewohnheiten und Sitten, diemanchmal den alten Dorfoberhäuptern diametral entgegengesetzt sind. Auchauf den Dörfern beginnt sich so der Sauerteig des „neuen Indien“ bereits zuregen und die Avantgarde der Technik ist bis in die entferntesten Winkel desLandes vorgedrungen: Erziehung, Zeitung, Film. Das andere, das alte Indienjedoch – all das, was man im internationalen Jargon als „unterentwickelte Gebiete“bezeichnet – ist überall im Rückzug begriffen. Indien ist unterwegs zueiner neuen Ordnung, die in ihrem Äußeren nicht viel anders aussehen wird,wie überall dort auf der Welt, wo das technische Zeitalter bereits begonnen hat.missio, Ostern 1963Vor 80 Jahren in JapanPater Hellweg staunt über einen Bazar für die Armen„Nächsten Sonntag haben wir Bazar“, erzählten mir die Studenten. In den letztenWochen waren viele von den „Liebes-Säckchen“, die man leer zu Bekanntenund Freunden gebracht hatte, gut gefüllt wieder zurück gekommen. So solltenall diese Schätze für 2,3,5 Pfennig in der Bannmeile Tokyos verkauft werden.Und wie sie dabei waren! Ehe man sich versah, waren schon die meisten Warenverkauft. Wir suchten noch an überflüssigen Sachen aus der kostbaren Bibliothekzusammen, soviel nur möglich war und banden wieder einige Heftchen zukleinen Päckchen zusammen. Die Jungen der Jugendgruppe halfen treu dabei.Zuletzt kamen wir gar nicht mehr so weit, die Päckchen zuzuschnüren, manholte sie uns schon halbfertig aus der Hand. Bis wir schließlich erklären mussten:„Jetzt müssen wir aufhören, sonst behalten wir keine Bücher mehr!“Aus dem Lande deraufgehenden Sonne,Nr. 17, 1933weltweit 33


LeserbriefeWeltweite Klänge 2013Zu den Konzerten unseres JugendorchestersDie Gestaltung des Programms mit seinen so unterschiedlichen und doch gut zueinanderpassenden Stücken aus ganz verschiedenen Kulturkreisen war für uns faszinierend.Vergleichbares haben wir noch nicht erlebt, wobei mir hervorhebenswertscheint, dass auch ausgesprochen christliche Stücke zur Aufführung kamen.Franz Freiherr von Loë, BonnDas Konzert war ein beeindruckender Beweis, wie vernetzt man weltweit diejunge Generation gewinnen kann für ein friedliches und kulturelles Miteinander.Ich finde es richtig, wenn auch die benachteiligten Länder zu uns kommenund uns ihr Erlerntes zeigen. Hier konnte jeder spüren, wohin seine Spendegegangen ist. Ich hoffe, dass dieses Projekt noch lange Bestand hat und empfehle,sich auch außerhalb kirchlicher Räume zu zeigen.Clemens Tommek, KölnPaternalistischZum Artikel „Leben unter Lasten“ (4/12)Den Beitrag über die Paharias empfand ich paradoxerweise ziemlich paternalistisch,obwohl er sich so dezidiert gegen eine Abwertung dieser Menschen ausspricht. Mulmigwar es mir auch zu lesen, dass die Schulkinder den Tag mit einer Messe anfangen,obwohl die wenigsten Christen sind. Könnte der Tag nicht viel eher anfangenmit einem Ritual, das der Weisheit und Tradition dieser Volksgruppe entstammt?Wir werden alle noch dankbar sein, wenn es neben der westlich-weißen-patriarchalenSicht auf die Welt noch andere Traditionen gibt, die unsere ausbeuterische undauf allen Ebenen missionarische Lebenshaltung korrigieren und ergänzen können.Gestern war ich in Berlin bei Frido Pflüger und habe seinen Vortrag in der Gemeindeüber JRS Ostafrika gehört. Hier war auch deutlich: die Muslime/Muslima lernenin den Jesuitenschulen, den Koran zu lesen – nicht die Bibel. Das finde ich gut so.Adelheid Fiedler, RadebeulTerra Preta – Schwarze ErdeZum Artikel „Hoffnung statt Zukunftsangst“ (3/12)Mit sehr großem Interesse habe ich die Artikel über Simbabwe gelesen. Besondersinteressiert hat mich die Aussage von Father Felix Mukaro über die Landwirtschaft.Im Grunde genommen geht es doch einmal um mehr Wasser und zumanderen um bessere Böden und Pflanzen. Vor einiger Zeit war in „Publik-Forum“ein Artikel über „Terra Preta - Schwarze Erde“. Vielleicht wäre damit ein Teil desProblems – bessere Böden – gelöst. Der botanische Garten Berlin führt da Versuchedurch und baut eine Anlage dafür.Rudolf Schlüter, Grundhof34 weltweit


Impressumweltweit – die JesuitenmissionÜberall auf der Welt leben Jesuiten mit den Armen,teilen ihre Not, setzen sich für Gerechtigkeit undGlaube ein. Über dieses weltweite Netzwerk fördertdie Jesuitenmission dank Ihrer Spenden rund 600Projekte in mehr als 50 Ländern. Sie leistet Unterstützungin den Bereichen Armutsbekämpfung,Flüchtlingshilfe, Bildung, Gesundheit, Ökologie,Menschenrechte und Pastoralarbeit.weltweit – das Magazingibt viermal im Jahr einen Einblick in das Leben unddie Arbeit unserer Missionare, Partner und Freiwilligen.✂Ja, schicken Sie mir weltweit – das Magazinder Jesuitenmission ab der nächsten Ausgabebitte kostenlos zu. (Für neue Abonnenten)Herausgeber: Klaus Väthröder SJRedaktion: Judith BehnenGestaltung: Katja Pelzner, dialogDruck auf zertifiziertem Papier aus nachhaltigerForstwirtschaft: EOS St. OttilienISSN 1860-1057, erscheint vierteljährlichAusgabe: 1/2013 – OsternBildnachweise:Oliver SJ (Titel,S.4-6,S.9,S.11), Noack (S.2),Tschiggerl SJ (S.7-8), Kurmann SJ (S.9-10), Fengler(S.12,S.14,S.16-17), Ender (S.13,S.15,S.20-23,S.34,Rücktitel), Baumberger (S.13,S.15), Teilnehmer „WeltweiteKlänge“ (S.13,S.15), Ölgemälde der indischenKünstlerin Anjali D’Souza/Kunstarchiv Jesuitenmission(S.18-19), Widenka (S.24-25), Balleis SJ/JRS (S.26),Haßkamp/JRS (S.27), Beltran/JRS (S.28), Fendt (S.29/www.sibyllefendt.de), JRS Middle East (S.30),Kurmann SJ (S.32), Karte: Fischer Weltalmanach (S.7)Leserbriefe bitte an:Redaktion weltweitKönigstraße 64, 90402 NürnbergTel. (0911) 23 46-160, Fax -161weltweit@jesuitenmission.dewww.jesuitenmission.deSpendenkonto: 5 115 582Liga Bank, BLZ 750 903 00IBAN: DE61750903000005115582SWIFT: GENODEF1M05Name, VornameStraße, Nr.PLZ, OrtE-Mail (falls vorhanden)AntwortAn dieJesuitenmissionRedaktion weltweitKönigstraße 6490402 NürnbergGeburtsdatum (freiwillige Angabe)weltweit 35


Danke für Ihre Unterstützung!jesuitenmission.deKönigstr. 64 • 90402 NürnbergTelefon: (0911) 2346-160E-Mail: prokur@jesuitenmission.deSpendenkonto 5 115 582Liga Bank • BLZ 750 903 00

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