Editorial & Inhalt (724 KB pdf ) - Folio Verlag

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Editorial & Inhalt (724 KB pdf ) - Folio Verlag

Editorial

Der Kunstmarktboom der letzten Jahre hat, bevor noch erste

Anzeichen der weltweiten Finanzkrise auf diesen Bereich

überzugreifen drohten, zu einer Reihe von virulenten Fragen

geführt. Nicht nur, was den Kult- und Fetischcharakter

von künstlerischer Ware betrifft, sondern auch hinsichtlich

der immer umfassenderen Funktionalität von Kunst scheinen

diese Fragen über rein ökonomische Erwägungen hinauszuführen.

Wie kommt es etwa, dass Kunst- und Kulturproduktion

heute in vielerlei Lebens- und Sozialbereichen geradezu

wie ein Allheilmittel betrachtet wird? Wie, dass der Kunst nicht

nur die Rolle eines vermeintlich interesselosen Behübschungsinstruments,

öffentlich wie privat, zukommt, sondern

dass auch ihr kritisches Potenzial zunehmend Verwertungsinteressen

ausgesetzt ist? Wie schließlich unterscheiden sich

klassische Auftraggeber der Moderne – Museen, Ausstellungshäuser,

Biennalen, Kunstvereine – von den oligarchischen

Gefügen, die gegenwärtig verstärkt Einzug in den Kunstbetrieb

halten?

»Art on Demand« fragt nach den vielfältigen Interessenstrukturen

hinter der allseitigen Kunstvalidierung, wie sie

heute beobachtbar ist. Der Idee der Freiheit, sowohl was den

Schaffens-, Verteilungs- als auch Rezeptionsprozess betrifft,

kommt dabei immer noch eine zentrale Rolle zu. Beti Žerovc

unterzieht in ihrem Beitrag das Konzept der im Ästhetischen

manifesten (oder darin vermuteten) Freiheit einer kritischen

Analyse, nicht zuletzt im Hinblick darauf, wie dieses Ideologem,

das selbst in »kritischsten« Arbeiten am Werk zu sein

scheint, gegenwärtigen globalkapitalistischen Verhältnissen

in die Hände spielt. Ähnlich gelagert ist der Ausgangspunkt

von Alessandro Ludovicos Überlegungen zu Markt-, Wert-

und Preisaspekten, wobei die Idee eines uneingeschränkten

Handelsplatzes heute immer noch ein entscheidendes Kriterium

für die freie Kunstentfaltung bildet, während eine Produktion

»jenseits des Marktes« schwer vorstellbar ist.

Zwei besondere geografische Schlaglichter sind in diesem

Zusammenhang auf Asien und Afrika gerichtet. Anna Schneider

geht in ihrer vergleichenden Studie über die Biennalen

von Gwangju und Shanghai den unterschiedlichen Kontextualisierungsformen

und politischen Einbettungen der beiden

letztjährigen Großveranstaltungen im Zuge des asiatischen Biennalebooms

nach. Den notorischen Problemen, Kunst aus

afrikanischen Ländern auf eine globale Bühne zu hieven, ohne

dabei allzu »verwestlichenden« Tendenzen zu erliegen, widmen

sich Khwezi Gule und Sharlene Khan aus ergänzenden

Blickwinkeln. Die Fallen, die sich rund um sogenannte »Supermarktkuratorenschaft«

und eine (gewollte oder ungewollte)

»Gatekeeping-Mentalität« auftun, weisen die Validierung der

davon betroffenen Kunst in den Schranken fortgesetzter

Fremdrepräsentation. Eine Reportage vor Ort, in der immer

lebendiger werdenden Szene der libyschen Hauptstadt Tripolis,

lässt erkennen, welchen lokalen Anforderungen und situationsspezifischen

Bedingungen eine auf keimende Produktion

unterworfen ist, was den westlichen Blick häufig ins

Leere schweifen lässt oder auf seine eigenen blinden Flecken

zurückverweist.

»Art on Demand« geht darüber hinaus aber auch den

Möglichkeiten nicht-instrumenteller Vertriebs- und Rezeptionsstrukturen

nach. Wie es um »nicht-sammelbare« Kunst,

in diesem Fall ein kunstmarktkritisches australisches Projekt,

bestellt ist, kommt ebenso zur Sprache wie das wiederentdeckte

Werk des – gleichfalls schwer sammelbaren –

polnischen Künstlers Paweł Freisler. Dass dessen zentrale Arbeiten

sich um nicht-wiederholbare Aktionen, fabrizierte

Le gendenbildungen und undokumentierte Galeristentätigkeiten

drehten, belegt mit Nachdruck, welch kontingenten

Umständen eine Kunst, die partout nicht einem »Demand«

nachkommen will, meist ausgesetzt ist.


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Netzteil

Anna und Paul halten das Maul

Hans-Christian Dany

Zur Aktualität kybernetischer

Steuerungsmetaphern im Kulturbetrieb

Topografien einer vernetzten Weltordnung

Franz Thalmair

Das Projekt »Networked Cultures«

im Wiener Open Space

Ungewollter Positivismus

Max Hinderer

Zum Begriff des Postmedialen

bei Rosalind Krauss

Futures & Pasts

Christian Höller

Bob Dylans Filme und die Nebenwege

des Kunst-Musik-Kinos

Würfelförmige Empfänger

Rahma Khazam

Wegmarken bei der Entwicklung

einer Kunst des Sounds

Shop Dropping

Alessandro Ludovico

Ansätze zur Entweihung

von Konsumtempeln

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Art on Demand

Die Idee der »schönen« Freiheit

Beti Žerovc

Wie KünstlerInnen und KuratorInnen

der dominanten Ideologie zuarbeiten

Kunst mit (oder ohne) Markt

Alessandro Ludovico

Zum Zusammenhang von aktueller

Produktion, Preis- und Wertbildung

Un-Collectable Art

Julia Gwendolyn Schneider

Das australische Netzwerk »nicht-sammelbarer

KünstlerInnen« und ein kritisches

Stadtentwicklungsprojekt in Sydney

Architekturen des Spektakels

Anna Schneider

Facetten des Ausstellungsbooms

in Südkorea und China im Kontext

der Strategie des Globalismus

Mut und Vorstellungskraft

Khwezi Gule

Über Wissensproduktion, Kapitalismus und

die Problematik »afrikanischer Kunst«

Gatekeeping Africa

Sharlene Khan

KuratorInnenschaft, Supermarktmentalität

und Selbstrepräsentation

Ausbruch aus der Isolation

Christine Wagner

In Libyen lässt ein kultureller Frühling

nicht mehr lange auf sich warten

Steine für Amerika

Peter Friedl

Eine archäologische Spurensuche zwischen

Copán (Honduras), New York und São Paulo

Anormale Wirkungsweisen

Łukasz Ronduda

Die Kunst Paweł Freislers in den

1960er und 1970er Jahren

Prekäre Trennlinie

Gislind Nabakowski

Religionen im digitalen Zeitalter

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Artscribe

Ausstellungen

Mark Wallinger

»Transitorische Orte und Wesen«

Yvonne Volkart

Aargauer Kunsthaus, Aarau

»Artist-Citizen«

Contextual artistic practices

Hedwig Saxenhuber

49. Oktobersalon, Belgrad

»In der Wüste der Moderne –

Koloniale Planung und danach«

Karin Rebbert

Haus der Kulturen der Welt, Berlin

»BOOM-BOOM«

The 4 th

Bishkek Contemporary Art Exhibition

Georg Schöllhammer

Diverse Orte, Bishkek

Martin Beck

»Panel 2: Nothing better than a touch of ecology

and catastrophe to unite the social classes …«

Jörn Ebner

Gasworks, London

»To Show Is To Preserve – Figures

and Demonstrations«

Hans-Christian Dany

Halle für Kunst e.V., Lüneburg

Catherine Opie

»American Photographer«

Ulrike Müller

Guggenheim Museum, New York

Carte Blanche à Jeremy Deller

»From one Revolution to another«

Jens Emil Sennewald

Palais de Tokyo, Paris

»Blacked Out. George Cup & Steve Elliott.

Retrospektive«

Naoko Kaltschmidt

Kunstverein Wolfsburg

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Lektüre

Bill Drummond »17«

Herwig G. Höller

Gerald Raunig »Tausend Maschinen«

Hans-Christian Dany

Guy Delisle »Burma Chronicles«

Emmanuel Guibert/Didier Lefèvre/

Frédéric Lemercier »Der Fotograf«

Martin Reiterer

Marie-Luise Angerer/Christiane König (Hg.)

»Gender Goes Life«

Paula-Irene Villa (Hg.) »schön normal«

Gislind Nabakowski

Hito Steyerl »Die Farbe der Wahrheit«

Kathi Hofer

Gabu Heindl (Hg.) »Arbeit Zeit Raum«

Jens Kastner

Michael Ponstingl »Wien im Bild«

Tania Hölzl/Michael Manfé

Impressum

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