RR_03_2012_098_Tellerrand_Bikepolo 2

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RR_03_2012_098_Tellerrand_Bikepolo 2

| Tellerand | BikepoloRennRadblickt übernTellerrandEtAppe 1: BikepoloSchweißtreibend, rasant und nicht immer ganzungefährlich – Bikepolo ist extrem… Eine Trendsportarterobert Deutschlands Städte.i9 Denise CordesC Jürgen Amannrgendwo quietschen Reifen. Geschrei und lauter werdende Musik. Benzingeruch. Im hinterstenEck einer Tiefgarage stoße ich auf Typen in Kapuzenpullis, die Plastikschläger schwingen. GrellesNeonlicht, bunte Fahrräder und Punkrock. Plötzlich bin ich mitten drin in der Szene. In der Bikepolo-Szene.Und die hat so gar nichts mit dem elitären Rasensport gemein. „Pferdepolo ist eineandere Welt.“, sagt Lorenz aus München. Er ist Teil einer eingeschworenen Gemeinde, die seit2005 in der Landeshauptstadt den Schläger schwingt. Im Winter spendet ihnen das Parkhauseines großen Baumarktes provisorischen Unterschlupf. Denn dann ist es draußen glatt, nassund windig – schlechte Bedingungen für ihr Spiel. Lorenz schwingt sich auf den Fahrradsattel,tritt in die Pedale und schlägt mit voller Wucht gegen den Ball...03_2012 | RennRad | 97


| Tellerrand | BikepoloWas zählt sind Mucke, Stimmungund Bier„Bikepolo ist genauso gut wie Sex. Danachist man sogar gleich verschwitzt.“ Recep vomBikepolo Karlsuhe e.V. lacht. „Schön ist auchdie Atmosphäre“, erzählt Mo weiter. „Musikan, Bier auf und am besten noch den Grillgleich neben dem Platz.“ – Ein urbaner Trendfür Fahrrad-Fans mit einem Faible für Nervenkitzel.Die meisten haben schon Anderesausprobiert: Surfen, Downhillen, Skaten oderHockey. Mitspielen kann jeder. Egal, ob Mannoder Frau, Reich oder Arm, Jung oder Alt. Auchdeshalb wächst die Gemeinde in rasantenSchritten. In jeder größeren deutschen Stadtgibt es Teams. Mädels wie Anja und Kathrinaus München sind keine Seltenheit mehr –aber ganze Frauenteams, so wie ihre Poloholica-Mannschaftbleiben dennoch eine Rarität.Bei der Europäischen Meisterschaft 2009 inLondon sind sie zum ersten Mal als Damen-Trio angetreten. „Nur für die Wettkämpfespielen wir als fixes Team, im Training oder aufsogenannten Throw-ins entscheidet das Losüber die Mannschaftszusammensetzung“erklärt mir Anja, die seit 2008 in München denSchläger schwingt.Die Tournaments, wie sie ihre Wettkämpfenennen, werden weltweit ausgetragen.Beim „Polocatepetl“, demMünchner Turnier 2011, wird mirklar: Die Szene pfeift auf Konventionen.Lange Bärte und Tatoos,aber auch schicke Campagnolo-Trägerspielen mit. Hier sindBankangestellte und Anwältinnengenauso unterwegs, wie Studenten,Rikscha-Fahrer und sonstigeBike-Freaks. Und sie reisen vonüberall an. Im Juli München, imAugust London, im Oktober Paris.Poloholics leben für ihre Passion.„Polo, das ist Flug, Essenund Bier“, doziert Lorenz. Bei denmeisten Spielern geht die verdienteKohle also für Drahteselund Reisekosten drauf. Aber eslohnt sich: Die Münchner Crewmitgliederspielen bei fast jedemTournament ganz vorne mit –Lorenz‘ Team darf sich deshalbunter anderem „Deutscher Meister2011“ nennen.Auf Wettkämpfen geht esfamiliär zu. Man kennt sich. DieSzene ist eine internationale Gemeinschaft,Zusammenhalt wirdgroß geschrieben. Man gewährtUrbaner Trendsport mit TraditionDas Spiel erinnert nur vom Prinzip an den Mannschaftssport,den Perser vor 2500 Jahren erfunden haben. Damalswie heute gilt es, einen Ball im gegnerischen Tor zuversenken – doch in der Großstadt des 21. Jahrhundertswurden Pferde gegen Drahtesel ersetzt und Rasen gegenAsphalt getauscht.Die Münchner Szene ist noch jung „Mittlerweile sindwir 25 feste Spieler“, erzählt Lorenz. „Mein Team heißtTough Shit“ erklärt er stolz. Und die Anzahl der Polo-Jüngervermehrt sich beständig. Ihre Teams tragen klangvolleNamen, wie Candy Colored Clowns, Poloholica oder IronPonies. Gespielt wird in Berlin, London, Tokio und Seattle –der Geburtsstadt des Bike-Polo. Vor ungefähr zehn Jahrenbrachten Fahrradkuriere die Bewegung nach Europa. Dabeiist der Sport gar nicht so jung. Denn schon vor hundertJahren wurde in Amerika gespielt. Damals war Rad-Poloein Arme-Leute-Sport für Spieler, die sich kein Pferd leistenkonnten. Ganz anders geht es beim heutigen HardcourtBikepolo zu: Asphalt-Jäger wie Lorenz tragen teureRennrad- oder MTB-Klamotten genauso selbstverständlichwie Second-Hand-Mode – hauptsache individuell.Die Ausrüstung kann man nicht im Sportgeschäftkaufen. Denn Bikepolo ist nicht kommerziell. Schläger sindumfunktionierte Skistöcke oder Alu-Stangen. An derenEnde wird ein abgeschnittenes Plastikrohr befestigt. Bestimmungen,was Rad und Stock betrifft, gibt es nicht. „Solange es hält und man draufhauen kann, passt es“, meintMo aus Karlsruhe (Name geändert). „Ein Fahrrad sollteman haben“, grinst Lorenz. „Was für eines, ist im Prinzipegal.“ Früher fuhren die meisten „Fixie“, heute steht manmehr auf Freilauf. Kontakt von Rädern und Stöcken ist erlaubt– logisch, dass man für einen „Polo-Fight“ also nichtsein edles Carbon-Rad aus dem Keller holt…Die Jünger kommen und gehen. Denn dieser Sportlässt wenig Platz für andere Hobbys. Wer top sein will,muss viel und oft trainieren. Fitness, Koordination und Körperspannung– bereits nach zehn Minuten auf dem Sattelfließt der Schweiß in Strömen. Doch Bikepolo ist nochvielmehr: Ein echter Teamsport, bei dem auch Taktik undGeselligkeit nicht zu kurz kommen dürfenBike-Polo ist genauso gut wie Sex. Danachist man sogar gleich verschwitz.sich gegenseitig Unterschlupf: Schlafmöglichkeiten, Essen und Partyswerden organisiert – urbane Bike-Kultur im Underground-Stil.Gespielt werden kann immer: morgens, mittags, abends. Bei Windund Wetter. Auf Parkplätzen in Toronto, in Mailänder Hinterhöfen oderMünchner Tiefgaragen. Wichtig ist nur der Boden. Windstill, eben undtrocken muss der sein – damit der Ball gut rollen kann.Vereinsmeierei? - Fehlanzeige!Teams wie „Tough Shit“ oder „Poloholica“ vom Münchner Bikepoloe.V. trainieren mindestens dreimal pro Woche. Neulinge sind jederzeitwillkommen. Man verabredet sich über das Internet. Auch Wettkämpfewerden so organisiert. Alle Bikepolo-Gruppierungen haben eine Plattform.Website und Forum – mehr braucht es nicht. Dennoch gründetendie Münchner Poloisten 2010 einen Verein. Um sich auf Messen oderFestivals zu präsentieren, um den noch jungen Sport populärer zu machenund weil man immer noch auf Unterstützung von der Stadt hofft.Dennoch: komplizierte Strukturen und Vereinsmeierei sucht man hiervergebens. Nicht einmal einen Schiedsrichter gibt es. Der wird meistnur bei großen Tournaments gestellt. „Es geht nicht ums Gewinnen,sondern darum ein gutes Spiel hinzulegen. Das Einhalten der Spielre-03_2012 | RennRad | 99

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