Der letzte Hippie

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Der letzte Hippie

Der letzte Hippie

Solo mit Musik von Volker Präkelt

Das Kabuff

Die Tür zu Riff Raffs Bude war kein Problem. Eigentlich musste ich

nur das Polizeisiegel beseitigen. Das war nicht schwer, denn

jemand schien schon vor mir da gewesen zu sein. Das Siegel war

beschädigt.

Ordnung und Sauberkeit schienen auf Riff Raffs Liste nicht oben zu

stehen. Die Dreizimmerwohnung war ein Loch. Die Gläser in der

Spüle sahen aus, als hätte er Kaulquappen darin gehalten, die

Matratze, als hätte man sie meilenweit durch die Oranienstraße

gezogen. Vor dem Fenster stand ein Keyboard. Der schwarze

Plastikbezug des Fender Rhodes hing in Fetzen herunter. Ich zog

den Schlüssel und probierte die Schlüssellöcher in sämtlichen

anderthalb Zimmern aus.

Nix Halleluja. Fehlanzeige. Der CD-Player blinkte. Ich wollte gerade

meinen Beitrag zu Rettung des Planeten leisten und den

Stromfresser ausschalten, da gehorchte ich meiner

musikjournalistischen Neugier und drückte die Play-Taste.

Wenn es das war, was er als letztes gehört hatte, war es nicht das

schlechteste. This cat is on a hot tin roof. Die Katze auf dem heißen

Blechdach. Na klar! Warum war ich nicht gleich drauf gekommen!

Vom Fenster kam man leicht aufs Dach. Leider gab es da etwas,

dass ich schlimmer fand als Bushido, Bohlen und Boris Becker:

Schwindelerregende Höhe.

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Mariannenplatz, Passionskirche, und das Schienenband der Linie U1

rotierten auf einer imaginären Umlaufbahn. Aus der Gegenrichtung

zogen dunkle Schauerwolken auf.

Ganz ruhig bleiben.

Ich ließ meinen Blick am Fernsehturm herunter gleiten und

konzentrierte mich auf den Dachgarten. In einem Bottich faulte eine

Yucca-Palme. Bei den dürren Birken in der alten Wanne war schon

Herbst angebrochen. An der äußersten Ecke klebte ein rotes

Holzkabuff. Der Schlüssel passte.

Eine nackte Glühbirne beleuchtete eine Pinnwand aus Kork. Fotos,

Plakate, Zeitungsausschnitte, Notizen. Vor der Wand stapelten sich

Kassetten und Tonbänder. Zwei leere Wodkaflaschen flankierten

einen Ätna aus Wachs.

Ein Altar? Das Objekt der Anbetung schien eine Band zu sein. Nach

den Frisuren und den Schlaghosen zu urteilen, Mitte der Sechziger.

Das zentrale Schwarz-Weiß-Foto zeigte die Gruppe bei einem

Auftritt. Der Gitarrist bearbeitete sein Instrument in der typischen

Rock ’n’ Roll Pose. Die herabhängenden blonden Locken verdeckten

seine Gesichtszüge. Vom Schlagzeuger sah man nur den

ausgestreckten Arm mit dem Trommelstock. An einer Orgel mit

Teleskopbeinen hockte - Riff Raff mit langen Koteletten und

Rüschenhemd und zog ein Schafsgesicht. Auf dem Fell der Bass

Drum stand etwas. Da der erste Buchstabe angeschnitten war,

möglicherweise nur der - halbe Bandname.

_ODS – oder GODS. Wie Götter sahen sie nicht gerade aus. Ich

betrachtete das Foto näher. Den Bass spielte ein blonder Jüngling

mit verkniffener Miene. Er trug eine Lederjacke. Ohne Zweifel, das

war ein Gott. Ein Musicalgott. Am Sonntag würde er in einer

Ehrenloge Platz nehmen und sein Werk begutachten. Im Theater

des Westens, bei der Premiere von MOSES.

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Warren S. Noble.

Fuck the duck. Wer waren diese - Götter? Ich steckte die erstbeste

Kassette in die Tasche seiner Parkajacke. Dann fischte ich eine

vergammelte BOLLE-Tüte vom Dach und begann die restlichen

Bänder und ein paar Notizbücher zu verstauen. Der Schlag traf mich

wie eine Dampframme. Sie schickte mich auf eine Supernova, die in

Galaxien aus Rosa und Pink explodierte.

Übrigens: Viele weitere Leseproben finden Sie auch auf

unserer Website www.whalesongs.de

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