Letzter Vorhang

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Letzter Vorhang

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Schauspiel mit Musik von Krystyan Tomzek

Knef:

Öffnen Sie jetzt die Tür oder ich schreie um Hilfe.

Nachwächter:

Und wer sollte Sie hören, nachts in einem leerstehenden Theater?

Knef:

(die langsam die Fassung wiedergewinnt) Das haben Sie ja fein ausgeheckt. Wer

hätte das gedacht, das Hildchen es auf ihre alten Tage noch mal auf die

Titelseiten der internationalen Presse schafft! Ich sehe die Schlagzeilen schon

vor mir: „Hildegarde Neff killed in Berlin!". Oder „Hilde Knefs Leiche im

Schlossparktheater Berlin gefunden".

Nachtwächter:

Ich versichere Ihnen...

Knef:

„Bild" war dabei. Lesen Sie weiter auf Seite drei...

Nachtwächter:

Niemand hat vor...

Knef:

„Lebenslänglich für Knef-Mörder".

Nachtwächter:

(lauter) Niemand will Ihnen etwas antun!

Knef:

Schreien Sie mich nicht an! Ich bin leicht erregbar und garantiere für nichts!

Wenn Sie glauben, ich habe Angst vor Ihnen, dann sind Sie schief gewickelt!

Haben Sie schon mal jemanden erschossen? Ich schon, in Berlin 1945, da hab'

ich in Uniform am Endkampf um die Stadt teilgenommen. Der Krieg war

verloren, da haben die noch alles in Uniformen gesteckt, was noch laufen

konnte, Greise, Kinder. Und ich wollte nicht von den Siegern vergewaltigt

werden. Damals hatte ich Angst. Da habe ich mich als Mann verkleidet, sie

gaben mir eine Uniform und eine Waffe und ehe ich mich versah' lag ich im

Graben auf dem Bauch. Da hatte ich Angst. Ich zog mir den Helm tief ins Gesicht

und betete, dass nichts geschehen möge. Aber dann kam plötzlich, aus dem

Nichts, ein russischer Soldat mit gezücktem Gewehr auf mich zugerannt. Da

habe ich zwei Dinge getan: mir vor Angst in die Hosen geschissen und

abgedrückt. Da hatte ich Angst. Ich bin gerannt und gesprungen, ich hab'

geblutet und Menschen neben mir sterben sehen. Also glauben Sie nur nicht, Sie

könnten mir Angst machen!

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Nachtwächter.

Sie brauchen keine Angst zu haben. Niemand will Ihnen etwas antun.

Knef:

Und warum halten Sie mich dann hier fest?

Nachtwächter:

Um Sie kennen zu lernen. Damit Sie mich kennen lernen.

Knef:

Das tue ich gerade. Aber nicht von Ihrer besten Seite.

Nachtwächter:

Ich möchte nur mit Ihnen reden. Setzten Sie sich ... bitte.

Knef:

(Setzt sich)

Nachtwächter:

Haben Sie tatsächlich vor, Ihren Auftritt morgen abzusagen? ... Die Gala wird

sogar fürs Fernsehen aufgezeichnet, wie ich höre.

Knef:

Was soll das?

Nachtwächter:

Ich versuche, Konversation zu machen.

Knef:

Ich denke, das ist eine Entführung und kein Gesprächskreis.

Nachtwächter:

Wir haben Sie nicht entführt.

Knef:

Gut, dann kann ich ja gehen.

Pianist:

Singen Sie doch noch etwas!

Knef:

Das ist jetzt nicht Ihr Ernst! (plötzlich hoffnungsvoll) Natürlich: das soll ein Witz

sein! (zum Pianisten) Das ist alles nur ein Scherz, oder?

Nachtwächter:

Tut mir leid, es ist kein Scherz. Bitte setzen Sie sich wieder ... Gut, wenn Sie

nicht singen wollen, dann singe ich Ihnen etwas vor.

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Knef:

Jetzt weiß ich, was es ist: ich träume!

Nachtwächter:

Nehmen Sie es als kleine Hommage an Sie.

Knef:

Meine Entführer singen mir eine Hommage!

Nachtwächter:

(heftig) Wir haben Sie nicht ... (kapiert) Sie versuchen, mich aus der Fassung zu

bringen. Verstehe. Nicht schlecht ... (zum Pianisten) Komm, laß uns unseren

Gast würdigen.

Knef:

Ich verzichte auf Ihre Würdigung.

Nachtwächter:

Ihnen werden die Ohren klingeln.

Knef:

Oder abfallen.

Übrigens: Viele weitere Leseproben finden Sie auch auf

unserer Website www.whalesongs.de

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