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TEST & TECHNIK VERKEHRSSICHERHEIT

BEDIENSYSTEME IM VERGLEICH

UNTER

BEOBACHTUNG

Multimedia-Systeme sind längst in der Kompaktklasse

angekommen. Wie riskant deren Bedienung während der Fahrt

ist, haben wir wissenschaftlich untersucht.

Auf der Teststrecke in Ranshofen geht

es wieder rund. Zum zweiten Mal geben

sich Wissenschaftler der Universität Salzburg,

die Tester von ACE LENKRAD und insgesamt

36 Probanden ein Stelldichein der

besonderen Art: Der Bestseller von VW sowie

seine stärksten Konkurrenten von Ford und

Opel treten gegeneinander an. Bei unserem

HMI-Test kommt es jedoch weder auf den

Verbrauch oder das Fahrverhalten noch auf

das Kofferraumvolumen an. Stattdessen stehen

die Schnittstellen zwischen Mensch und

Maschine (englisch: Human-Machine-Interfaces,

kurz: HMI) von Ford Focus, Opel Astra

und VW Golf im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Besonderes Augenmerk legen wir dabei

auf die Ablenkungsgefahr, die von solchen

Schnittstellen ausgeht. Zu klären gilt: Welcher

Kompaktklässler das beste, ergo das sicherste

Bedienkonzept bietet und welche

Funktionen den Piloten zu stark vom Ver-

8 ACE LENKRAD 6/2012

FOTOS: KONSTANTIN TSCHOVIKOV

Die vier Kameras mit unterstützender

Infrarot-Ausleuchtung mussten

für jeden Probanden neu justiert

werden, damit die Augenpaare

exakt beobachtet werden konnten.

Bei jedem einzelnen Briefing der

insgesamt 36 Testpersonen ging die

Versuchsleiterin, Nicole Gridling,

mit feinem psychologischem Gespür

auf die Probanden ein.

kehrsgeschehen ablenken. Schließlich soll

sich der Fahrer voll und ganz auf die Straße

konzentrieren können und sich nicht in

komplexen Menüstrukturen der Bordelektronik

verlieren.

Zu unserem zweiten HMI-Test angetreten

sind die deutschen Klassiker der Kompaktklasse.

Bedingung für die Teilnahme war,

dass die drei Testwagen mit den hochwertigsten

Infotainment-Systemen, die die jeweilige

Preisliste hergibt, ausgestattet sein

müssen. Während sich in den oberen Fahrzeugsegmenten

der zentral angeordnete

Dreh-/Drück-Steller à la BMW-iDrive durch-

gesetzt hat, finden sich bei Golf & Co unterschiedliche

Konzepte: Vom Touchscreen im

VW über die Knopf-basierte Bedienung des

Ford bis zur Opel-eigenen Version des Dreh-/

Drück-Stellers reicht die versammelte Palette.

Mithilfe von jeweils zwölf Probanden haben

wir die Bedienung der drei Kompakten auf

Herz und Nieren untersucht.

Nach einer kurzen theoretischen Einweisung

dürfen sich die Testpersonen schon einmal

im Stand an das Cockpit des jeweiligen Fahrzeugs

gewöhnen. Auch die ersten Probeaufgaben

werden stehend gelöst, bevor es

endlich auf die Teststrecke des österrei-

chischen Forschungs- und Entwicklungsdienstleiters

Audio Mobil Elektronik geht.

Anschließend sammeln die Forscher des

Salzburger Christian-Doppler-Labors für

„Contextual Interfaces“ die ersten Eindrücke

der Probanden im Interview. Hier schneidet

die aufgeräumte Optik des VW-Systems besonders

gut ab: Zwei Drittel der Tester äußern

sich positiv über ihren ersten Golf-Eindruck

und attestieren dem Wolfsburger mehrheitlich:

„Die Bedienung ist einfach.“ Beim Opel

fällt das Ergebnis mit 53 zu 47 deutlich knapper,

aber immer noch überwiegend positiv

aus. Jedoch erwartet die Mehrheit der Pro-

ACE LENKRAD 6/2012 9


Konzept: Die Bedienung des

Focus-Infotainment-Systems

erfolgt vorwiegend über das

Steuerelement mit den vier

Richtungstasten und dem Bestätigungsknopf.

Um diesen Hauptregler gruppieren

sich vier Schnellwahltasten für das Haupt- und Navimenü.

Außerdem lässt sich die Kartendarstellung

über „Map“ aktivieren und unter„Sound“ sind die

Klangeinstellungen abrufbar. Unterhalb der zentralen

Bedieneinheit befinden sich vier sogenannte Kontexttasten,

deren Funktionen – abhängig vom jeweiligen

Modus – am unteren Rand des 5-Zoll-Monitors

dargestellt werden. Das aufwendigste Navigationssystem

für den Focus ist nur für die Topausstattung

„Titanium“ lieferbar. Aufgrund des ohnehin verbauten

Soundsystems beträgt der Aufpreis nur 640 Euro.

Konzept: Im getesteten Opel

Astra kommen zwei Dreh-/

Drück-Steller zum Einsatz.

Zum Ein- und Ausschalten

sowie zur Lautstärkeregelung

dient der kleinere Regler. Hauptsächlich wird dieses

Navi jedoch über die untere Bedieneinheit gesteuert.

Diese besteht aus dem mit Chrom eingefassten Dreh-/

Drück-Ring und einem integrierten Achtwegeschalter.

Die Direktwahltasten für Radio, CD, Navigation und

Telefon befinden sich – untereinander angeordnet –

auf der Fahrerseite. Das Display bietet mit einer Diagonale

von sieben Zoll die größte Bilddarstellung in

diesem Test. Zur Grundausstattung des (je nach Modellvariante)

1150 bis 2030 Euro teuren Geräts gehört

auch ein höchst informativer und umfangreicher

Reiseführer mit mehr als 100 000 Einträgen.

10 ACE LENKRAD 6/2012

FORD FOCUS: SONY NAVIGATIONSSYSTEM

Kritik: Sowohl die Experten als auch die Probanden

monieren das kleine Display, da die Fülle an Informationen

zu einer überladenen Darstellung führt.

Ebenfalls negativ fällt der Lautstärkeregler auf, der

schlecht erkenn- und greifbar das zentrale Bedienelement

einrahmt. Außerdem bekommt die schwarz -

glänzende Oberfläche der Mittelkonsole wegen der

spiegelnden Lichtreflexe schlechte Noten. Doch auch

die schiere Anzahl und die kleine Ausführung der

Knöpfe werden kritisiert. Zumal einige Funktionen

wie Clock (nur zur Verstellung der Uhrzeit) oder

Home (Heimat-Adresse) so selten benutzt werden,

dass eigene Knöpfe dafür unnötig erscheinen.

Die Kontexttasten sind zu weit vom Display entfernt.

Da deren aktuelle Funktion auf dem Bildschirm

dargestellt wird, müssen die Blicke ständig zwischen

Display und Tasten wechseln.

OPEL ASTRA: NAVI 900

Kritik: Dass zum Bestätigen einer Menüauswahl lediglich

der Ring des Dreh-/Drück-Stellers gedrückt

werden kann, fällt nicht nur den HMI-Experten, sondern

auch der Probandengruppe negativ auf. Die

Mehrzahl der Tester vermutet hinter dem Achtwegeschalter

einen Bestätigungsknopf, doch dieser ist

lediglich zur Auswahl eines Navi-Ziels aus der Kartendarstellung

vorgesehen. Somit steht ein Bedienelement

im Mittelpunkt, das relativ selten benutzt

wird. Während die Übersichtlichkeit der Menüdarstellungen

als sehr gelungen eingestuft wird, finden die

teils kryptischen Beschriftungen der einzelnen Tasten

nur wenige Fans. So verbirgt sich etwa hinter der Abkürzung

„RPT“ die Wiederholung des letzten Navigationshinweises

und auch die Schnellwahltaste zur

Zieleingabe ist – zumindest im deutschsprachigen

Raum – mit „DEST“ keineswegs selbsterklärend.

VOLKSWAGEN GOLF: RNS 510

Konzept: Im Gegensatz zu Ford und Opel setzt VW

bei seinem Topsystem (2225 bis 2715 Euro, je nach

Ausstattungslinie) auf einen berührungsempfindlichen

und 6,5 Zoll großen Bildschirm. Durch diese

Touchscreen-Bedienung können jede Menge konventioneller

Regler eingespart werden. Lediglich acht

Tasten – links: Radio, Media, Telefon, Klang und

rechts: Karte, Navigation, Verkehr, Einstellungen –

gruppieren sich noch um das Display. Auch mit seinem

DVD- statt des CD-Laufwerks setzt sich der

Wolfsburger von der hier versammelten Konkurrenz

ab. Die Navigationsdaten nehmen 10 Gigabyte der

30-GB-Festplatte ein, der Rest steht für die private

Musiksammlung zur Verfügung. Als einziges System

im Test zeigt das RNS 510 die erlaubte Höchstgeschwindigkeit,

die im Kartenmaterial hinterlegt,

aber daher nicht immer aktuell ist, an.

Kritik: Durch die stark reduzierte Anzahl der Bedienelemente

hinterlässt das VW-Gerät vor allem bei den

Probanden einen aufgeräumten Eindruck. Die Erreichbarkeit

und Übersichtlichkeit werden ausdrücklich

gelobt. Allerdings reagiert der Touchscreen nach

Meinung beider Tester-Gruppen nicht sensibel und

nicht schnell genug – da haben aktuelle Smartphones

die Messlatte bereits höher gelegt. Die HMI-

Experten monieren außerdem den kleinen Dreh-/

Drück-Steller rechts unten und die „Sterntaste“

rechts oben, da deren Funktion nicht klar ersichtlich

ist. Viele Pluspunkte sammelt der Golf dagegen aufgrund

der übersichtlichen Darstellung und einfachen

Nutzung der Radiosenderliste. Eher negativ wird die

Wortwahl in der Menüstruktur wahrgenommen: An

die Mischung aus englischen und deutschen Begriffen

muss man sich gewöhnen.

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter hatten die Testdurchläufe, von der Rückbank aus, genau im Blick.

Alle 36 Probanden mussten vier Aufgaben lösen: Dabei stellten sie

die Radio-Sendersuche, die Klangeinstellung, das Telefonieren und

die Navi-Zieleingabe vor unterscheidlich hohe Herausforderungen.

banden einen höheren Lernaufwand, um die

Aufgaben lösen zu können. Dagegen empfinden

58 Prozent der Befragten die Bedieneinheit

im Ford Focus als eher negativ. Vor allem

der kleinste Bildschirm im Test erregt die Gemüter:

„Das Display ist klein und etwas versteckt“,

hört man auf die Frage nach dem

ersten Eindruck, den der Kölner vermittelt,

häufiger.

Bei der Lösung der gewerteten Aufgaben sind

die Testfahrer ausschließlich auf der äußeren

– 64 Meter messenden – Kreisbahn unterwegs.

Während der Fahrt werden die Probanden

nicht nur von einem der Wissenschaftler

von der Rücksitzbank aus beobachtet, sondern

auch von vier Kameras, die auf dem Armaturenbrett

montiert sind. Die Kameras

sind auf die Augen der Tester gerichtet und

liefern dank zusätzlicher Infrarot-Ausleuchtung

ein präzises Bild der Blickrichtung des

Fahrers. Diese Eye-Tracking genannte Methode

hält sowohl die Richtung als auch die

Dauer der Blicke fest, die nötig sind, um die

gestellten Aufgaben zu lösen. Die Gesamtzeiten

stoppt der wissenschaftliche Mitarbeiter

von der Rückbank aus.

Alle Probanden müssen vier Aufgaben lösen:

das Eingeben einer kompletten Zieladresse

im Navigationsmenü, das Auswählen eines

bestimmten Senders, einen vorgegebenen

Gesprächspartner aus dem Telefonbuch anrufen

und schließlich die Lautsprecher-Verteilung

(Fader) aus der Mittellage nach

hinten regulieren. Allessamt Anforderungen,

die – so oder in ähnlicher Form – tagtäglich

PORTABLES NAVI IM HMI-CHECK

von vielen Autofahrern bewältigt werden.

Mit Abstand am schnellsten gelöst wurde

die Lautsprecher-Einstellung. Mit 16 (VW),

17 (Opel) und 18 (Ford) Sekunden liegen die

drei Systeme so dicht beieinander wie bei

keiner anderen Aufgabenstellung. Hier weiß

die Touchscreen-Bedienung des Wolfburgers

zu überzeugen. Die Probanden im Golf benötigten

für diese Aufgabe nicht nur am wenigsten

Zeit, auch die Ablenkung fällt am

niedrigsten aus. Lediglich 6,8 Sekunden der

Gesamtdauer verweilen die Augen der Testpersonen

durchschnittlich auf dem Display

des Wolfsburgers. Zum Vergleich: Im Astra

und Focus vergehen jeweils mehr als neun

Sekunden.

Erstaunlich lange dauert dagegen die Auswahl

eines vorgegebenen Radiosenders. Von

knapp 25 (VW) über 27 (Opel) bis hin zu gut

29 Sekunden (Ford) reicht die Skala. Mit der

Aufgabendauer steigt auch die Anzahl der

Blickwechsel. Sind bei der Boxenverstellung

nur neun bis elf Wechsel nötig, so wandern

die Augen der Probanden auf der Suche nach

dem vorgegebenen Sender schon 16 (VW) bis

19 (Ford und Opel) Mal zwischen Display und

Wie schlagen sich die weit verbreiteten portablen

Navis im Vergleich zu den fest eingebauten Geräten

von Ford, Opel und VW? Um dies beantworten zu

können, hat mit dem Tomtom Via 125 auch ein gängiges

Mobil-Navi an unserem HMI-Test teilgenommen

– natürlich außer Konkurrenz, denn im Gegensatz

zu den voll integrierten Systemen konnte hier ja

nur die Navigationsaufgabe abgearbeitet werden.

Erste Probleme gab es bereits vor dem Teststart: Bei

der Befestigung an der Windschutzscheibe war die

tiefe, vom Hersteller ausdrücklich empfohlene Position

– um das Sichtfeld des Fahrers nicht zu stören –

nicht praktikabel. Die weit nach vorne reichenden

Windschutzscheiben der verwendeten Kompaktmodelle

hätten das Bedienen des Geräts bei möglichst

niedriger Positionierung nahezu unmöglich gemacht,

deshalb mussten wir uns für eine Befestigung in der

Mitte der Frontscheibe entscheiden. Und trotzdem

klagten fast alle Probanden über eine schlechte Erreichbarkeit:

Zum Bedienen des Touchscreens mussten

die Testpersonen ihren rechten Arm weit nach

vorne strecken oder sogar den gesamten Oberkörper

vorbeugen. Beim Eintippen der Buchstaben des Navi-Ziels verweilten die Augen durchschnittlich am längsten

auf dem Display: Grund war – so die Wissenschaftler des CDL-Instituts der Uni Salzburg – das regelrechte

Anpeilen der Tastatur, das eine intensive Koordination zwischen Augen und Fingern erforderte. Dennoch lösten

die Probanden die gestellte Navigationsaufgabe mit dem Tomtom-Gerät am schnellsten – nach dem Siegeszug

der Smartphones stellt die Bedienung von Touchscreen-Oberflächen offensichtlich kaum noch jemand

vor ernsthafte Probleme. Allerdings lag die Blickabweichung über die Dauer der Aufgabe bei mehr als 60 Prozent

– und damit klar über den vergleichbaren Werten der fest installierten Navi-Geräte. Somit gilt auch für

portable Navis: Das Eingeben einer Zieladresse sollte während der Fahrt nicht möglich sein.

Das HMI-Testergebnis des Tomtom Via 125 in Zahlen: Aufgabendauer 75,94 Sekunden, durchschnittliche

Blickdauer 1,16 Sekunden, vier Blicke über zwei Sekunden, Blickabweichung insgesamt 43,15 Sekunden.

ACE LENKRAD 6/2012 11


Das Lösen der Navigationsaufgabe bereitete den Probanden am

meisten Schwierigkeiten. Die gemessene Ablenkung ist so groß,

dass der ACE die manuelle Eingabe während der Fahrt rügt.

Straße hin und her – grenzwertig! Dass es

noch risikoreicher geht, beweist die Telefon-

Aufgabe. Zur Anwahl eines vorgegebenen

Kontakts aus dem Telefonbuch benötigt die

Golf-Truppe fast 47 Sekunden! Noch schlimmer:

Während der Lösungsschritte schauen

die Probanden knapp 30 Sekunden lang auf

das Display. Dabei wandern die Blicke nun

schon 34 Mal hin und her. Pro Anruf verharren

die Augen der VW-Probanden im Durchschnitt

einmal sogar mehr als zwei Sekunden

lang durchgehend auf dem Bildschirm. Das

bedeutet bereits bei Tempo 50 einen „Blindflug“

von knapp 30 Metern – nur für diesen

einen Blick. Das ist zu viel, darin sind sich

12 ACE LENKRAD 6/2012

SO HABEN WIR GETESTET

Im Rahmen unseres HMI-Tests untersuchen wir, wie stark die Bedienung vom

Verkehrsgeschehen ablenken kann. Für den nunmehr zweiten Test der Schnittstellen

zwischen Mensch und Maschine haben wir die Topsysteme im Ford Focus, Opel

Astra und VW Golf gewählt. Die Planung und Durchführung des Versuchs erfolgte,

wie schon beim letzten Mal, in Zusammenarbeit des Christian-Doppler-Labors und

ACE LENKRAD. Um repräsentative Ergebnisse zu erreichen, kamen pro Fahrzeug

zwölf Probanden – in drei Altersklassen (von 20 bis 65 Jahren) mit jeweils sechs

Frauen und sechs Männern – zum Einsatz. Sie hatten vier verschiedene Aufgaben

zu bewältigen. Zusätzlich mussten alle Testpersonen die Eingabe einer Zieladresse

mit einem portablen Navigationssystem von Tomtom bewältigen. Gefahren wurde

auf der abgesperrten Teststrecke – einer Kreisbahn mit 64 Metern Durchmesser –

des F&E-Dienstleisters AUDIO MOBIL in Ranshofen, Österreich. Zur Aufgabenstellung

und der anschließenden Zeitmessung begleitete ein/-e Wissenschaftler/-in

die Fahrten auf der Rücksitzbank. Die Blickrichtung und -dauer wurde mithilfe von

vier speziellen Kameras – unterstützt durch Infrarot-Strahler – erfasst. Eine Kamera-

Brille, die die Probanden beim letzten HMI-Test noch tragen mussten, ist dadurch

nicht mehr nötig. Nach jeder Fahrt wurden die Testfahrer interviewt. Dabei gingen

die persönlichen Eindrücke zum Schwierigkeitsgrad der einzelnen Aufgaben ebenso

in das Ergebnis ein wie die subjektiv empfundene Attraktivität der Lösungsschritte.

Neben den 36 Probanden, die allesamt keine Erfahrungen im Umgang mit den getesteten

Systemen hatten, nahmen auch drei Interface-Profis an unserem Test teil.

Sie untersuchten den Bedienungsaufwand und die Übersichtlichkeit anhand der

von Wissenschaftlern der Universität Salzburg erstellten Richtlinien.

auch die Wissenschaftler einig. In mehreren

Studien wird daher darauf hingewiesen, dass

eine einzelne Blickablenkung nicht länger als

zwei Sekunden dauern sollte.

Fast 20 Sekunden schneller steht die gewünschte

Telefonverbindung im Ford. Zwar

bedarf es auch beim Focus durchschnittlich

eines Blicks von mehr als zwei Sekunden, jedoch

kann die Gesamtzeit auf 29 Sekunden

reduziert werden und auch die Dauer der Blicke

auf das Display ist mit knapp 16 Sekunden

nahezu halb so lang wie beim VW. Dass

die Telefon-Aufgabe deutlich schneller gelöst

werden kann, beweisen die Probanden im

Astra. Mit der durchschnittlichen Dauer von

22 Sekunden benötigt die Opel-Truppe nicht

nur die Hälfte der Golf-Zeit, sondern bleibt

damit sogar deutlich unter der Dauer, die die

Probanden im VW ausschließlich auf das

Display schauen. Mit 9,27 Sekunden fährt der

Astra bei dieser – schon recht komplexen Anforderung

– seine absolute Bestzeit ein.

Während der Rüsselsheimer beweist, dass

dieser Aufgabentyp auch fahrend gelöst werden

kann, disqualifizieren sich Focus und

Golf allein durch den jeweiligen Blick von

mehr als zwei Sekunden. Daher empfiehlt es

sich bei beiden, auf die Suche nach einem Telefonbucheintrag

während der Fahrt zu verzichten

und die wichtigsten Kontakte lieber

mithilfe von Schnellwahltasten zu organisieren.

Bei der Eingabe einer kompletten Zieladresse

wird die Ablenkungsgefahr aller drei Systeme

mehr als deutlich. Die Gesamtzeiten für diese

Aufgabe liegen zwischen 88 (VW), 119 (Opel)

BEDIENSYSTEME IM VERGLEICH

Ford Focus Opel Astra VW Golf

MESSWERTE

Navigation: Ziel eingeben

Aufgabendauer in s 130,87 118,71 87,62

Durchschn. Blickdauer in s 0,94 0,77 0,95

Anzahl Blicke über zwei Sek. 8 1 5

Blickabweichung insgesamt in s

Audio-Einstellung: Fader

77,74 57,87 56,61

Aufgabendauer in s 18,29 17,13 16,36

Durchschn. Blickdauer in s 0,80 0,70 0,69

Anzahl Blicke über zwei Sek. 0 0 0

Blickabweichung insgesamt in s

Telefon: Gesprächspartner anwählen

9,26 9,38 6,80

Aufgabendauer in s 29,02 22,16 46,56

Durchschn. Blickdauer in s 0,93 0,62 0,82

Anzahl Blicke über zwei Sek. 1 0 1

Blickabweichung insgesamt in s

Radio: Sender einstellen

15,64 9,27 29,41

Aufgabendauer in s 29,30 26,98 24,92

Durchschn. Blickdauer in s 0,77 0,78 0,77

Anzahl Blicke über zwei Sek. 0 0 0

Blickabweichung insgesamt in s

TEST-ERGEBNIS

Navigation: Ziel eingeben

12,84 16,13 11,75

Zeit (20) 7 9 14

Ablenkung (20)

Audio-Einstellung: Fader

0 11 7

Zeit (20) 9 10 11

Ablenkung (20)

Telefon: Gesprächspartner anwählen

9 9 14

Zeit (20) 12 16 1

Ablenkung (20)

Radio: Sender einstellen

12 20 0

Zeit (20) 8 10 11

Ablenkung (20)

Subjektive Bewertung

12 7 13

Probanden (20) 8 11 14

Experten (20) 11 12 14

Ergebnis (200) 88 115 99

Nach den 36 Probanden wurden die Bediensysteme auch von drei HMI-Experten ausführlich getestet.

und 131 Sekunden (Ford). Allein deshalb

sollte die Adresseingabe ausschließlich im

Stand vorgenommen werden. Noch schwerer

wiegen jedoch die insgesamt 57 (VW), 58

(Opel) und 78 Sekunden (Ford), in denen die

Probanden nur das jeweilige Display vor

Augen haben und das Verkehrsgeschehen gar

nicht beachten können. Außerdem riskieren

bei dieser Aufgabenstellung erstmals alle drei

Probanden-Gruppen durchschnittlich mindestens

einen Blick (Opel), der länger ist als

zwei Sekunden. Im Golf sind es derer fünf

und im Focus sogar acht „Langzeit-Blicke“.

Auch die Anzahl der Blickwechsel erreicht

bei dieser Aufgabe Negativ-Rekordwerte:

Zwischen 54 (VW) und 73 (Ford) Mal müssen

die Augen der Testpersonen zwischen Straße

und Bildschirm hin und her schwenken. Das

ist nicht nur grenzwertig, sondern schreit geradezu

nach klaren Regelungen.

Zumal in der Fachliteratur bereits seit Jahren

Kriterien zu finden sind, an denen sich die

Automobilindustrie messen lassen muss. So

stellte ein Forscher-Team aus den USA im

Jahr 2002 klar, dass eine sichere Bedienung

während der Fahrt nur dann möglich ist,

wenn die Blickabwendung – die zur Lösung

einer einzelnen Aufgabe benötigt wird – insgesamt

nicht länger als 20 Sekunden andauert.

Einzelne Blicke sollten, den US-Forschern

der Driver-Focus-Telematic-Working-

Group zufolge, die Zwei-Sekunden-Grenze

generell nicht überschreiten.

Doch davon sind die derzeit verbauten Systeme

eindeutig zu weit entfernt. Von einer sicheren

Eingabe einer kompletten Zieladresse

während der Fahrt, kann keine Rede

sein. Zum Schutze ihrer Kundschaft und im

Sinne der allgemeinen Verkehrssicherheit

sollten die Hersteller die manuelle Eingabe

solcher Adressen ausschließlich im Stand erlauben.

Auch wenn diese Einschränkung in

unserer digital-geprägten Zeit anachronistisch

erscheint, so hinken die aktuellen Bediensysteme

ihrer Funktionsvielfalt hinterher

und bedürfen dringend einer Modernisierung.

ACE-Tipp für Navi-Nutzer: Gehen Sie

auf „Nummer sicher“ und programmieren

Sie die Zieladresse nur im Stand!

Auch die abschließende Befragung der Probanden

zur subjektiv erlebten Anstrengung

weist in dieselbe Richtung. Auf der – von 0

bis 220 reichenden – Skala zur Erfassung von

Arbeitsbezogenheit (SEA) ergibt sich für die

Navigationsaufgabe ein Mittelwert von 81,

während sich die drei anderen Aufgaben im

30er-Bereich einordnen. Damit unterstreicht

diese Befragung die Ergebnisse aus der Eyetracking-Auswertung:

Das Eingeben einer

kompletten Adresse wird durchschnittlich

als mindestens doppelt so anstrengend eingestuft

wie die anderen Aufgaben.

Fazit: Im Vergleich der drei Kompaktwagen

erkämpft sich der Opel Astra den ersten Platz.

Sein Infotainment-System lenkt den Fahrer

insgesamt am wenigsten ab und zwingt ihn

durchschnittlich lediglich bei der Navi-Aufgabe

zu einem Blick, der länger als zwei Sekunden

dauert. Knapp dahinter landet der

VW Golf, dessen Touchscreen-Logik zwar im

Stand als sehr übersichtlich bewertet wird,

dann jedoch während der Fahrt mehr Konzentration

erfordert. Der Focus fährt auf dem

dritten Platz über die HMI-Ziellinie. Obwohl

das Ford-System – von den getesteten Festeinbauten

– am jüngsten ist, lässt sich der

Focus am wenigsten intuitiv bedienen. jps

INTERVIEW

Elchtest für HMI

Thomas Stottan,

Geschäftsführer

von AUDIO MOBIL,

einem auf Forschung

und Entwicklung

spezialisierten

Systemdienstleister

mit Sitz in Österreich.

Vor welchen Herausforderungen

stehen Ingenieure im Bereich

„Mensch-Maschine-Schnittstelle“

in den nächsten Jahren?

Die Entwicklung moderner Pkw-Bediensysteme

muss künftig mit dem

deutlich schnelleren Taktschlag, der bei

IT-Innovationen seit Jahren üblich ist,

Schritt halten. In immer stärkerem Maß

müssen dabei auch neue Anforderungen

des Gesetzgebers berück sichtigt

werden.

Die Eingabe eines Navigationsziels

per Tasten lenkt den Fahrer

in einem nicht tolerierbaren

Maß ab. Kann Sprachsteuerung

die Lösung sein?

Alleine nicht! Um komplexe Bedienaufgaben

im Auto auch verkehrssicher erledigen

zu können, ist eine intelligente

Kombination aus Haptik, Akustik und

Visualisierung erforderlich. Wichtig

wäre auch, dass sich die Pkw-Anbieter

bei den wesentlichen Funktionen auf

standardisierte Lösungen einigen – also

beispielsweise auf eine identische Bedienlogik

zum Abbrechen einer laufenden

Routenführung.

Wie kann sichergestellt

werden, dass neue Technologien

– beispielsweise die

Internet-Bedienung im Auto –

die Fahrer künftig nicht

überfordert?

Eine Art „HMI-Elchtest“ müsste eingeführt

werden. Sprich ein normiertes

Prüfverfahren, so wie es beispielsweise

der HMI-Test des Christian-Doppler-

Labors der Universität Salzburg ermöglicht.

Dabei wird erstmals unter einem

einfach reproduzierbaren, realen Umfeld,

also wirklich auf der Straße und

nicht in einem Fahrsimulator, das Ablenkungspotenzial

neuer Bedienkonzepte

unter neutralen Bedingungen

gemessen.

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