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INVASION AM WATT

Auf den Spuren einer neuen Nordsee

Von Anne Mesecke


Direkt vor unserer Küste befindet sich ein Meer im Umbruch.

Für viele Wissenschaftler steht eines fest: Schon bald wird

die altbekannte Nordsee verschwunden sein. Doch was

genau spielt sich dabei in ihren Tiefen ab? Was verursacht

den Wechsel? Die Inseln Helgoland und Sylt sind Schwerpunkte

der Erforschung dieser Veränderungen. Auf ihnen

beginnt die faszinierende Entdeckungsreise in die Zukunft der

Nordsee — und in eine Wasserwelt im Wandel.

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Invasion am Watt

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ZEICHEN DER VERÄNDERUNG

Dreizehenmöwen tanzen an den Steilküsten Helgolands im Wind.

Die Insel, mitten in der Deutschen Bucht, ist einer der wichtigen

Rast- und Brutplätze für Zugvögel. An den Klippen ein ständiges

An- und Abfliegen, lautes Kreischen erfüllt die Luft. Die Altmöwen

stopfen Weich- oder Krustentiere und kleine Fische in die weit

geöffneten Schnäbel der Jungen. Vom Futter hängt in den ersten

Lebensmonaten das Wachstum des Nachwuchses ab — und

damit die Population für das nächste Jahr. Ein einzigartiges Ereignis,

denn Dreizehenmöwen brüten in ganz Mitteleuropa nur auf

Helgoland. Doch vor einigen Jahren geschieht etwas Überraschendes:

Die Dreizehenmöwen erweitern ihren Speiseteller aus bislang

unbekanntem Grund auf die Große Schlangennadel. Neue Nahrung,

die die Dreizehenmöwe nicht wirklich verträgt. Sie kann den

Fisch kaum verdauen. Noch schlimmer ist es für die Küken: Sie

verhungern. Ein lebensbedrohlicher Konflikt.

Ein anderer Fall, der erstmals im Herbst 2006 Aufmerksamkeit

erregte: Bei Bestandsaufnahmen fanden Wissenschaftler des

Kieler IFM GEOMAR Institutes bis zu achtzig Exemplare einer

bislang fremden Rippenqualle pro Kubikmeter Meereswasser: Ein

unerwartet starkes Wachstum des fragilen, gallertartigen Neulings.

Aufgrund ihrer Größe auch Meerwalnuss genannt, ernährt

sich von Zooplankton, Fischlarven und -eiern. Ihr Weg führte sie

höchstwahrscheinlich über den Ballastwassertank eines großen

Containerschiffes von der amerikanischen Atlantikküste in die

Nord- und Ostsee. Im Zielhafen, vielleicht am Burchardkai in Hamburg,

entlud der tonnenschwere Tanker die mit tausenden Litern

gefüllten, verwinkelten Hohlräume an den Seitenwänden – und

darin einen Fremdling mit zweifelhaftem Ruf. Eine Invasion der

Meerwalnuss in den achtziger und neunziger Jahren wurde für

einen dramatischen Rückgang der Fischpopulation im Schwarzen

Meer verantwortlich gemacht. Droht Ähnliches nun auch der

Nordsee?


Ein lebensbedrohlicher Konflikt.

Wie bei allen Meeren ist auch von der Nordsee nur die Oberfläche

auf den ersten Blick sichtbar — was sich in ihren Tiefen abspielt,

bleibt den meisten von uns verborgen. Doch der Wandel ist da.

Immer deutlicher und immer schneller wirbelt er das Artengefüge

im Meer durcheinander. Was am Ende bleibt, ist den meisten Wissenschaftlern

noch ein Rätsel. Doch sie sind ihm auf der Spur.

EXPEDITION IM WATT

Das Meer vor Sylt ist glatt und der Lister Hafen im Norden der

Insel noch menschenleer. Die Mya, der Forschungskatamaran des

Alfred Wegener Institutes, kurz AWI, fährt mit dem Tidenwechsel

langsam aus dem Hafen.

In fünf Stunden wird vor Sylt der Niedrigwasserstand erreicht

sein. Bis dahin wollen Prof. Dr. Karsten Reise und Dr. Christian

Buschbaum, zwei Forscher der Wattenmeerstation des AWI, ihre

Untersuchungsabschnitte im tieferen Wasser abgearbeitet haben.

Dann soll der Katamaran sie auf einer Sandbank absetzen, gerade

rechtzeitig, um selbst noch abzufahren und die Männer später, bei

Flut wieder aufzunehmen. Das Schiff ist perfekt an die Gezeitenwechsel

im Wattenmeer angepasst. Sein Name, Mya, wurde ihm

von den Wissenschaftlern zur Erinnerung an einen der ältesten

bekannten Einwanderer ins Wattenmeer verliehen; die Sandklaffmuschel,

Mya arenaria. Noch vor siebenhundert Jahren existierte

hier vermutlich keine einzige der hellen, ovalen Muscheln. Dann

kamen die Wikinger. Viele Wissenschaftler gehen heute davon

aus, dass sie die schmackhaften Schalentiere im dreizehnten Jahrhundert

aus Nordamerika mit brachten — als Reiseproviant.

Heute macht sich die Mya auf die Suche nach einem Einwanderer

der Gegenwart. Einer, der den Einfluss der Namensvetterin

des Katamaran mühelos in den Schatten stellen könnte. Östlich

des Ellenbogen, der nördlichsten Halbinsel Sylts, verlangsamt

die Mya ihr Tempo. An Heck des Schiffes lassen die Forscher mit

einem Kran die Austerndredge, eine Art Schleppnetz, ins Wasser.

scripten 12 Invasion am Watt

Rippenqualle

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An Bord der Mya

„Bis 1924 waren diese dauerüberfluteten Bereiche hier ertragreiche

Bänke für die kommerzielle Zucht der Europäischen Auster,

die dann Mitte des letzten Jahrhunderts komplett verschwand“,

erklärt Karsten Reise, während er neben dem Kran steht, der

das Netz nun über den Meeresboden zieht. Die Mya fährt einen

großen Halbkreis um den ausgewählten Standort im Watt. „Wir

vergleichen den Bestand von damals mit den Arten, die sich heute

hier angesiedelt haben. Sie werden sich wundern, was wir gleich

alles im Netz haben.“

Nach wenigen Minuten setzt sich die Winde des Kranseils erneut

in Bewegung. Langsam taucht das Schleppnetz aus der Nordsee,

prall gefüllt mit einem grau-braunen, nass glänzenden Gewimmel,

das direkt in große, blaue Kästen geschüttet wird. Sofort knien

Buschbaum und Reise neben ihren Funden, Tiere und Pflanzen, die

bis eben noch mehr oder weniger unbehelligt am Nordseeboden

lebten. Rötlich gefärbte Seesterne, verschiedenste Muschelarten,

flink über den Schiffsboden davon laufende Taschenkrebse – auf

den ersten Blick nicht spektakulär, was die Dredge aus dem Watt

gefischt hat. Doch für geübte Augen lassen sich schon hier, auf

kleinstem Raum, die Veränderungen erahnen, die sich im gesamten

Meer abspielen. „Allein dieser Fund zeigt, wie international die

Nordsee schon heute ist. Jede Menge Pantoffelschnecken aus

Amerika, die sind jetzt hier im Watt eine der häufigsten Arten. Hier

auf ihnen sitzen neuseeländische Seepocken. Und das ist ein wirklich

hässlicher Einwanderer.“ In der Hand hält Karsten Reise jetzt

eine Muschel, an der ein länglicher brauner Wulst sitzt. Lächelnd

zeigt er auf das unförmige Tier: „Die Warzige Seescheide, sie

ist vermutlich gemeinsam mit der Pazifischen Felsenauster aus

Ostasien ins Wattenmeer eingewandert.“

Die Forscher notieren sich ihre Funde genau. Langzeitbeobachtungen,

wie hier, auf Sylt, sind unerlässlich, um den Wandel zu

verstehen. Die zentrale Frage dabei lautet: Wie reagiert das

Artengefüge der Nordsee auf die Einwanderer aus dem

Süden?


„Blinde Passagiere“

in Ballastwassertanks!

Das Eindrucksvolle an den gegenwärtigen

Veränderungen in der Nordsee ist weniger,

dass neue Arten überhaupt zu uns gelangen.

Schon immer verteilten Handelsschiffe

oder Reisende fremde Tiere und Pflanzen

über den Globus. Doch erst seit einigen

Jahrzehnten, mit der Einführung der Dieselmotoren

und dem Bau moderner Containerschiffe,

beschleunigt sich der Prozess ihrer

Verschleppung rapide. Und gleichzeitig verändern

sich die Lebensbedingungen in ihrer

neuen Heimat.

EIN SYSTEMWECHSEL MIT FOLGEN

Der Klimawandel ist die stärkste treibende

Kraft ökologischer Veränderung. Und die

Deutsche Bucht ist überproportional stark

von ihm betroffen.“ Aus seinem Büro in

der Biologischen Anstalt Helgoland blickt

Prof. Dr. Heinz-Dieter Franke hinaus auf den

Hafen. Er forscht seit Ende der achtziger

Jahre auf Deutschlands einziger Hochseeinsel.

Als er mit seiner Arbeit hier begann,

war der Wandel der Nordseewelt noch kein

Thema für die Wissenschaft. „Ungefähr

zu diesem Zeitpunkt fanden wir die ersten

fremden Organismen. Sie damals mit der

klimatischen Erwärmung in Verbindung

zu bringen – wir wurden verlacht. All die

Klimaforscher und Physiker haben nicht

begriffen, dass Organismen viel empfindlicher

reagieren als ihre hochmodernen Messinstrumente.

Einfach, weil sie so viel mehr

messen, in einem System, das so komplex

ist.“

Die Zeitspanne Ende der achtziger Jahre

markiert den Beginn eines klimatischen

Wechsels, dessen Folgen bis heute spürbar

sind. Ein entscheidender Faktor ist dabei

die Veränderung im Bereich der Nordatlantischen

Oszillation, einem Klimasystem, das

für die ursprünglich meist kalten und trockenen

Winter in Nordwesteuropa sorgte.

Doch seit Anfang der Neunziger sind die

winterlichen Druckunterschiede zwischen

Island und den Azoren überwiegend hoch.

Stärkere Winterstürme transportieren

Wärme von den Ozeanen und führen zu

wärmeren und nassen Wintern. Temporäre

Schwankung oder grundlegender Wandel?

Das ist bis heute umstritten, in jedem Fall

sind die Konsequenzen des Umschwungs

gewaltig.

„Die Temperatur ist der Schlüssel zur Veränderung.

Sie ist einer der wichtigsten

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Invasion am Watt

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Faktoren, die über die Verbreitung von

Arten entscheiden“, erklärt Heinz-Dieter

Franke: „Die tiefen Wintertemperaturen

haben bisher südliche Arten daran gehindert,

sich hier anzusiedeln. Doch das ist

jetzt anders.“ Im Jahresmittel erwärmte

sich die Nordsee in den letzten vierzig

Jahren um mehr als ein Grad, in den oberen

Schichten sogar um zwei bis drei Grad. So

verschiebt sich unter anderem die Planktonblüte,

entscheidend für den Fischnachwuchs

im Frühjahr, in den letzten Jahren

um knapp zwei Wochen nach vorne. Entscheidend

dabei sind die fehlenden kalten

Winter. Für die sensiblen Beziehungsgeflechte

und komplexen Nahrungsketten in

den Gewässern zwischen Skandinavien und

den Britischen Inseln ist das ein dramatischer

Wandel. Und er geschieht zu schnell

für viele Lebewesen im Meer. So genannte

Mismatch-Phänomene sind die Folge. Das

Gleichgewicht zwischen Beute und Räuber

gerät ins Wanken. Es überlebt derjenige,

dem es die eigene Beschaffenheit erlaubt,

sich auf die neuen Lebensbedingungen einzustellen.

Andere verschwinden.

KONKURRENZ IM MEER

Das Frühjahr auf Helgoland ist stürmisch

und kühl, auf der See vor der Biologischen

Anstalt Helgoland tragen die Wellen kleine

Schaumkronen. Karin Boos, Doktorandin

von Prof. Dr. Heinz-Dieter Franke, marschiert

zielstrebig die Stufen zum Schiffsanleger

hinunter. Sie ist überzeugt, dass

sich die gegenwärtigen Veränderungen in

der Nordsee bereits im Artengefüge der

Kleinstlebewesen widerspiegeln. Einem

dieser Winzlinge ist die Doktorandin des

Alfred-Wegener auf der Spur. „Hier bin ich

damals mit Kommilitonen überhaupt erst

auf ihn aufmerksam geworden.“ Karin Boos

kniet sich auf die Holzplanken des Stegs

und greift unter die Planken. In ihrer Hand

ist jetzt ein Büschel Algen. Beim genauen

Hinsehen werden im leuchtenden Grün die

vielen kleinen Tierchen sichtbar, transparent

und flink. Der Pazifische Kleinfußkrebs,

Caprella mutica, ihr Forschungsobjekt,

wird bis zu fünf Zentimeter groß. Im Meer

klammern sich diese Mini-Krebse an feste

Oberflächen, wie Algen oder Muscheln,

und filtrieren das Wasser nach Nahrung.

Die feingliedrigen Tiere stammen ursprünglich

aus dem asiatischen Raum und kamen,

wie die Rippenqualle, als blinde Passagiere

in Ballastwassertanks nach Europa. Einmal

in der Nordsee angelangt war der kritische

Punkt ihrer Verbreitung stets das Überleben

in der neuen Umgebung – bis vor einigen

Jahren.

Seit 2005 beschäftigt sich die junge Forscherin

mit dem Neusiedler und beobachtet

in nur kurzer Zeit tief greifende Veränderungen.

Die Population des asiatischen

Fremdlings wächst explosionsartig. Gleichzeitig

nimmt die heimische Kleinkrebsart,

Caprella linearis, die Karin Boos als Vergleichsgruppe

für ihre Forschungsarbeit


Das Gleichgewicht zwischen Beute

und Räuber gerät ins Wanken.

braucht, in dramatischem Maße ab. Im letzten Jahr fing sie erstmals

gar keine mehr und musste auf ihre gezüchteten Exemplare

zurückgreifen. Was steckt hinter diesen Zahlen? Ist der ausländische

Gespensterkrebs ein ernstzunehmender Konkurrent für die

einheimischen Kleinkrebse der Nordsee? Ist er gar die Ursache

für das Verschwinden der anderen Art? Genau diesen Wechselbeziehungen

ist Karin Boos in ihrer Doktorarbeit auf der Spur. „Ich

denke, es gibt ein Konkurrenzverhältnis zur einheimischen Art. Der

Neuling kann sie verdrängen. Aber ob der einheimische Ruderfußkrebs

ausstirbt, so weit mag ich nicht gehen.“ Die Forscherin

glaubt, dass das Geheimnis des Erfolges von Caprella mutica in

der Reproduktion liegt. Die Neulinge sind größer als ihre einheimischen

Verwandten, sie sind stark und vor allem können sie sich

das ganze Jahr über vermehren. Eingewanderte Arten sind oft

Generalisten, Überlebenskünstler, die offene ökologische Nischen

besetzen. Ihre Robustheit ermöglicht es ihnen, so weit fernab ihrer

eigentlichen Heimat Fuß zu fassen.

Teilt sich die Nordseewelt auf in Klimaprofiteure

und Verlierer?

Strömungsmuster verändern sich und lassen verstärkt atlantisches,

salziges Wasser in die Nordsee einfließen. Südliche Fischarten wie

die Streifenbarbe, Dicklippige Meeräsche, Sardine, Goldbrasse

oder der Rote Knurrhahn treten immer öfter in der Nordsee auf.

Gleichzeitig scheinen andere, ursprünglich nördliche Nutzfische

wie der Kabeljau oder die Scholle aus der Nordsee zu verschwinden

– ob in Folge der industriellen Fischerei oder aus ökologischen

Gründen ist unklar. Wie viele neue Arten kann die Nordsee

aufnehmen? Bedeutet die Einwanderung südlicher Arten zwangsläufig

den Verlust alteingesessener Nordseebewohner?

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Helgoland ist ein

wichtiger Brutplatz.

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NEUE VIELFALT

Nordöstlich von Sylt: Kurz nach Mittag

lässt der Kapitän der Mya Karsten Reise

und Christian Buschbaum über eine Taucherleiter

von Bord. Hüfthoch landen sie

im kühlen Wasser, einige Meter weiter tauchen

mit der Ebbe die ersten Muschelbänke

aus dem Meer auf. Bis zum Strand sind es

knapp zweihundert Meter. Der Wattboden

ist an dieser Stelle komplett zugewachsen

– nicht mit Miesmuscheln, wie noch vor

einigen Jahren, sondern mit dem vielleicht

erfolgreichsten Einwanderer, den die Nordsee

bislang erlebt hat: Die Pazifische Felsenauster

hat längst alle anderen Neulinge in

den Schatten gestellt und bildet heute fußballfeldgroße

Riffe. Parallel zur Küste waten

die beiden Wissenschaftler zur wichtigsten

Station des Tages. Vorsichtiges Auftreten

schützt dabei vor schmerzhaften Schnitten.

Ohne die Füßlinge aus dickem Gummi

geht hier niemand mehr ins Watt. Dicht

an dicht, die scharfkantigen Schalen hoch

aufgerichtet, drängen sich die Austern und

überwachsen die untersten Artgenossen

Schicht um Schicht. Es herrscht ein ständiger

Kampf um den besten Platz in der

Gezeitenzone, einen Standpunkt, der es

ihnen ermöglicht, die Flachwasser optimal

zu filtrieren.

Anders als viele andere Einwanderer kam

die Auster nicht per Schiff. In den 1980er

Jahren wurde sie in Austernfarmen gezielt

Der Japanische Beerentang, Sargassum muticum.

im nördlichen Wattenmeer kultiviert. Niemand

glaubte daran, dass sie sich in der

neuen Umgebung außerhalb der Austernfarmen

vermehren könnte. Zur Fortpflanzung

benötigen Austern eine feste

Unterlage, an der sich die frei im Wasser

schwebenden Larven festsetzen können,

Molen, Steine – oder andere Tiere. Die für

das Wattenmeer typischen Miesmuschelbänke

boten ideale Lebensbedingungen.

Schon Anfang der Neunziger fanden Wissenschaftler

die ersten Austern im Freiland.

Heute haben sie an vielen Stellen die Miesmuschelbänke

verdrängt. Ihrem explosionsartigen

Wachstum scheint bislang kaum

etwas entgegenzustehen. „Die Pazifische

Auster ist die größte Veränderung, die ich

hier im Wattenmeer erlebt habe“ erzählt

Karsten Reise, während er zusammen mit

Christian Buschbaum eine Untersuchungsfläche

absteckt. Die Wattenmeerstation Sylt

verfolgt mit regelmäßigen Bestandsaufnahmen

die Entwicklung der Pazifischen Auster.

Doch die Auster kann mehr, als nur andere

Arten verdrängen: Als Christian Buschbaum

vorsichtig durch das kniehohe

Wasser watet, das mit der Ebbe kräftig aus

der Bucht abfließt, sind in der Strömung

dunkelbraune Algenbüschel deutlich zu

erkennen. Wie meterlange Zöpfe schweben

sie im Wasser, verwirbeln seine Oberfläche.

Der Japanische Beerentang, Sargassum

muticum, die derzeit größte Alge der


Nordsee, kam vermutlich zusammen mit der Pazifischen Auster

ins Wattenmeer. Entlang ihrer feinen Seitenäste wachsen zahlreiche

kleine gasgefüllte Beeren, die der bis zu drei Meter langen

Alge im Wattenmeer Auftrieb geben. So steht sie aufrecht und

gelangt an genügend Licht und Nährstoffe. Spannend ist, dass der

Japanische Beerentang in der Nordsee fast ausschließlich auf der

Pazifischen Auster wächst. Ein Neusiedler als ökologische Nische

für die Ansiedlung anderer Lebensformen? Mehr noch; überrascht

beobachten die Forscher des AWI nun, dass die fremdländische

Alge den Arten im Wattenmeer einen ganz neuen Lebensraum

bietet. In seinen dichten Verästelungen verstecken sich nicht nur

Taschenkrebse, sondern auch filigrane Schlangennadeln. Fische,

die eigentlich selten geworden sind, kehren nun zurück. Global ist

der Klimawandel die vielleicht größte Bedrohung für die Artenvielfalt.

Doch hier, auf regionaler Ebene, kann ein System auch von

klimatischen Veränderungen profitieren.

EINE MÖGLICHE ZUKUNFT

Wie könnte sie aussehen, die Nordsee im Jahr 2100? „Steigt die

Wassertemperatur um weitere zwei bis drei Grad, würde sich die

Nordsee von einem kalt- zu einem warmgemäßigten Meer entwickeln“,

prognostiziert Heinz-Dieter Franke. „Für ein realistisches Bild

dieser Entwicklung brauchen wir einfach nur in die Vergangenheit

der Nordsee zu schauen.“ Vor mehr als einhundertzwanzigtausend

Jahren herrschte in Europa die Eem-Warmzeit, die letzte vor

dem Holozän, in dem wir heute leben. Die Luft war circa drei bis

vier Grad wärmer, der Meeresspiegel lag um vermutlich fünfzehn

bis zwanzig Zentimeter über dem heutigen Stand. Fossile Funde

zeigen ein größeres Artenspektrum als in der heutigen Nordsee.

„Helgoland ist ein gutes Beispiel. Die Artenvielfalt steigt, gleichzeitig

bringt das auch den Verlust an Stabilität und Produktivität

mit sich. Denn artenarme Systeme produzieren pro Lebensform

mehr Individuen, während in artenreichen Lebensräumen die

einzelnen Tierarten weniger zahlreich vertreten sind. Damit sind

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Buschmann & Reise

Sandküste von Sylt

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Invasion am Watt

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solche Systeme auch leichter aus dem Gleichgewicht zu bringen“,

erklärt Franke. Die Fischindustrie bekommt die Veränderungen in

der Nordsee am deutlichsten zu spüren. Die ehemals wichtigsten

Nutzfischarten verschwinden. Klingen die neu zugewanderten

Arten auch zunächst verlockend, Streifenbarbe, Wolfsbarsch oder

Sardelle bieten, zumindest aus ökonomischer Sicht, keine Alternative.

Immer bedeutsamer wird dagegen die Einschleppung von Mikroorganismen;

fremdländische Viren eröffnen der Invasion von Lebewesen

eine völlig neue Dimension. Gleichzeitig scheinen selbst die

erfolgreichsten Einwanderer nicht unangreifbar. Zwar fand man

2003 die ersten Pazifischen Austern erstmals auch im Helgoländer

Felsenwatt. Doch nach Jahren der hemmungslosen Ausbreitung

beobachten Forscher nun eine Erkrankung bei dem Neuling.

Ein Parasit aus dem Wattenmeer setzt ihr zu. Das vorläufige Ende

einer erfolgreichen Invasion?

Zurück auf Sylt: Karsten Reise packt zusammen und geht mit

Christian Buschbaum durch das flache Wasser zurück zur Mya,

die einige hundert Meter weiter am Strand vor Anker liegt. Der

Meeresbiologe ist optimistisch: „Das Wattenmeer ist ein unterbesetztes,

relativ artenarmes Ökosystem und kann durchaus noch

einige Neulinge aufnehmen.“ Zwischen den Beerentangbüscheln

findet Buschbaum im Watt auf dem Weg einige kleine Exemplare

der Meerwalnuss, dieser fremden Qualle, deren Auftauchen in

Nord- und Ostsee vor zwei Jahren die Angst vor einem Einbruch

der Fischpopulation schürte. Im Tageslicht wirkt der Neuling

unscheinbar, milchig, leicht gelbfarben treibt er durch das flache

Wasser. Erst in der Dämmerung oder Nachts sind die leuchtend

bunten, irisierenden Lichteffekte entlang der Rippen sichtbar. Erste

Untersuchungen zeigen nun, dass eine Konkurrenz zu den Fischlarven,

speziell denen des Dorschnachwuchses unwahrscheinlich

ist. Der Neuling jagt seine Nahrung in ganz anderen Wassertiefen.


Das vorläufige Ende einer

erfolgreichen Invasion?

„Grundsätzlich kommen mehr neue Arten an, als dass wir einheimische

verlieren“, wägt Reise ab: „Ich denke, wir werden in einigen

Jahren eine buntere, artenreichere Nordsee haben. Sie ist eher

hart im Nehmen.“

Doch die Möglichkeit, dass ein einzelner Neuankömmling diese

Entwicklung ins Wanken bringt, ist für Prof. Dr. Heinz-Dieter

Franke auf Helgoland lediglich eine Frage der Zeit: „Das Ganze ist

eigentlich ein gewaltiges Naturexperiment. Bisher hatten wir in der

Nordsee noch nicht den Fall, dass eine eingeschleppte neue Art

wirklich großen Schaden angerichtet hat. Aber ich halte das eher

für Zufall. Schon der nächste Neuankömmling kann derjenige sein,

der einen wirklich grundlegenden Wandel verursacht.“

© Text und Fotos: Anne Mesecke

Anne Mesecke

1980 geboren und in Rostock aufgewachsen, hat Filmwissenschaft,

Anglistik und Romanistik in Leipzig, Aberdeen (UK) und

Mulhouse (Frankreich) studiert. Während dieser Zeit arbeitete sie

als Hörfunkreporterin und absolvierte Hospitanzen in der rbb/Arte-

Redaktion und diversen Film- und Fernsehproduktionsfirmen. Dem

Studium folgte ein redaktionelles Volontariat mit dem Schwerpunkt

Non-Fiction bei der Hoferichter & Jacobs Film- und Fernsehproduktionsgesellschaft.

Im Rahmen des Volontariates realisierte sie

unter anderem zwei Naturdokumentationen und arbeitet derzeit als

freie Autorin in Leipzig und Berlin.

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