FESTIVAL - Dietrichs

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Der Hauch der

Drachenfest Berlin – Potsdam

20 Jahre sind in historischen Dimensionen gemessen nur

ein Wimpernschlag der Geschichte. Auf der anderen Seite

staunt man manchmal ungläubig, was in 20 Jahren alles

passieren kann, wie schnell die Jahre buchstäblich im Fluge

vergangen sind. Denkt man an das Drachenfest Berlin –

Potsdam, so ist es ganz gewiss letzterer Gedanke, der einem

durch den Kopf geht. Mir zumindest ging es so, als es in

diesem Jahr nach Potsdam in den dortigen Volkspark ging,

um hier zusammen mit Drachenfreunden aus Deutschland,

England, den Niederlanden und der Schweiz ein schönes

Wochenende zu verleben.

Text und Fotos:

Ralf Dietrich

2

MEhr zuM ThEMA

Weitere Bilder der Veranstaltung finden

sich auf der Homepage des Autors:

http://www.dietrich.dk

Alle Infos zum Drachenfest Potsdam

kann man unter

http://www.flying-colors.de finden

Teamfliegen mit vier Leinen

und in höchster Perfektion

Rückblick: Sommer 1989. Deutschland

befindet sich mitten im Umbruch –

und ich mich im Intercity aus dem

Rhein-Main-Gebiet in Richtung

Drachenfest Berlin-Hoppegarten. An

der damaligen Deutsch-Deutschen-

Grenze hält der Zug. Die Grenzer West

steigen aus, die Grenzer Ost steigen ein.

Draußen sind Sperr an lagen zu sehen

und die „DDR-Beamten“ kontrollieren

den Unterboden des Zugs mit Spiegeln

und Hunden immer noch so, als ob zu

diesem Zeit punkt noch irgendjemand

fliehen wollte. Interzonen zug an einer

Stelle, an der sich Zonen schon längst

aufgelöst haben. Spätestens auf dem

Drachenfest in Hoppegarten gab es

dann aber wirklich keine Grenzen mehr.

Drachen freunde West trafen auf Drachen

freunde Ost, plauderten ungezwungen

und flogen an einem Wochen ende

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Geschichte

Die Moderatoren Duo Werner Siebenberg

und Martin Schob sorgten für gute Laune

gemeinsam ihre Drachen an einem

Himmel, dem die Unterschei dung

zwischen Ost und West ohnehin

herzlich egal war.

Innere Einheit

Gegenwart: Herbst 2009. Wir befinden

uns auf der Autobahn von Hamburg

nach Berlin. Auch das einmal eine

Transitstrecke. Doch diese Zeiten sind

vorbei, nichts erinnert mehr an dieses

Kapitel deutscher Geschichte. Berlin-

West, Berlin-Ost, Potsdam – alles ist nur

noch eine große Metropole. Das gleiche

Bild auf dem Drachenfest Berlin –

Potsdam. Zum 21. Mal fand dieses

Drachenfest nunmehr statt und alte

Ost-West-Gegensätze suchte man vergebens.

Drachenflieger aus fünf verschiedenen

Ländern gaben sich ein Stelldichein

und alles war eine einzige, große

Drachen flieger-Familie. Toll, was 20

Jahre Geschichte doch bewegen können.

Ein wenig Geschichte gab es auf dem

Drachenfest, das von einem Team um

Michael Stelzer von Flying Colors organisiert

wurde, dann aber doch. Anlässlich

des 20. Jahrestags des Mauerfalls präsentierte

Michael einige ganz besondere

Drachen. 1992 wurden Studenten der

Fachrichtung Grafik-Design der Kunsthochschule

„Weissensee“ und der Hochschule

der Künste zu einem Wettbewerb

RC-Heißluftballon von

Fiete aus Magdeburg

Der König der Flaute: Thomas Horvath

eingeladen. Unter dem Motto „Wie empfinde

ich die Wiedervereinigung am

Beispiel Berlin“ lag es an den Studenten,

Rokkakus zu gestalten. Heraus gekom men

sind bei dieser Aktion zehn Drachen, die

unterschiedlicher nicht sein können. Vom

eher mathematischen Drachen „1+1=1“

von Petra Rose über den Doppel bären

von Gerd Hafemann bis hin zum symbolischen

Reichen von Händen von

Jacqueline Spieweg. Michael Stelzer

gelang es an dieser Stelle eine Aus stellung

zu präsentieren, welche Kunst mit

Geschichte verknüpfte.

Die Verknüpfung von Kunst und

Geschichte konnte im übertragenen Sinn

auch an anderer Stelle bewundert werden.

Die hohe Schule des Vierleiner-Fliegens

wird von kaum einem anderen Team so

präsentiert, ja, vielleicht gar so gelebt,

wie von den „Decorators“ aus England.

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FESTIVAL

So unterschiedlich kann man das „Wie empfinde ich die

Wiedervereinigung am Beispiel Berlin“ interpretieren

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Die Decorators

in Aktion

Diese Piloten haben wie kaum ein anderes

Team die Wettkampfszene über Jahre

hinaus geprägt. Die Wettkampferfolge

sind längst Geschichte geworden, die

„Decorators“ reisen heute als reines

Showteam durch die Welt. Und so war es

nicht weiter verwunderlich, dass die täglichen

Flugvorführungen des englischen

Topteams zu den Höhepunkten beim

Publikum gehörten. Dass deutsche Piloten

hinter den Leistungen der munteren

Engländer nicht zurückstehen müssen,

zeigten Annette, Hans, Heiner, Markus,

Manuel und Stefan. Die Sechs bilden die

Gruppe „Team 4 Fun“ und verstehen sich

selbst als Showteam mit Schwerpunkt

Revolution. Gegründet 2004, reisen die

Drachenfreunde mittlerweile quer durch

Europa, um einem interessierten

Publikum die Kunst des Vierleiner fliegens

nahe zu bringen. Der ganz besondere

Höhepunkt war jedoch, als sich

„Decorators“ und „Team 4 Fun“ in Berlin

zusam menschlossen und ein Mega-

Vierleiner-Team bildeten.

Konditionswunder

Die Kunst des Pair-Flugs mit zwei Leinen

demonstrierten Grischa König und Oliver

Fischer. Die beiden Kumpels mischen seit

2007 die Trickflugszene ordentlich auf

und zeigten in Berlin präzise Flugfiguren

gepaart mit perfekten Trickroutinen. Kurz

gesagt: Freestyle par excellence. Und das

Grischa nicht nur an zwei Leinen top fit

ist, zeigte er, indem er bei absoluter Flaute

ein um das andere Mal den Einleiner-

Stern des Autors quer über den Platz zog.

Apropos Einleiner. Diese waren ganz

bestimmt die größte Fraktion im Volkspark

von Potsdam. Und geboten wurde einiges.

Allen voran die wohl niemals müde

werdende Gruppe „Elbwind Magdeburg“.

Nein, als Verein wollen sich die

Drachenverrückten nicht bezeichnen

lassen. Sie sind eine Gruppe von

Freunden. Gänzlich ohne Satzung,

Hier kommt die Maus: 30-Meter-Nager

von den Behrens-Brothers

Vorstand und was sonst noch so zu einem

eingetragenen Verein gehören mag.

Vielleicht ist genau dies das Geheimnis

hinter dem Erfolg dieser sympathischen

Truppe, die sich bereits 1995 zusammenfand

und seit dem Drachenfeste im

In- und Ausland besucht. Höhepunkt in

Potsdam waren die Massenstarts von

Drachen der Magdeburger, die in

Workshops entstanden sind. Scharen von

Genkis, Schmetterlingen und Käfern wurden

so ein ums andere Mal in den Himmel

über Potsdam gezogen. Und wenn denn

einmal der Wind ausblieb, packte Fiete

seine Geheimwaffe aus. Diese bestand aus

einem ferngesteuerten Heißluftballon im

XXL-Format. Das besondere an diesem

RC-Ballon war jedoch, dass nicht etwa

nur eine Ballonhülle gebaut wurde, nein,

Fietes RC-Ballon verfügte über ein sehr

realistisch anzusehendes Fuchs-Antlitz.

Vom Fuchs zur Maus ist es dabei nicht

weit, wenngleich unsere Maus erheblich

größer ist als Fietes Fuchs. Die Rede ist

vom Maus-Drachen der Nordlichter Nils

und Rüdiger Behrens, die mit gigantischen

30 auf 8 Meter eine Nachbildung

des bekannten Nagers aus der WDR-Reihe

„Die Sendung mit der Maus“ darstellt.

Ursprünglich als Drachen konzipiert,

wird die Maus nun bei Windstille als

Heißluftballon vorgeführt.

König der Flaute

Windstille – das war leider ein Thema auf

der diesjährigen Veranstaltung in Potsdam.

Immer wieder verabschiedete sich der

Wind und die Drachenfreunde mussten

mit Laufeinlagen ihre Drachen in der Luft

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und das Publikum bei Laune halten. Nur

gut, wenn der Veranstalter auch für solch

eine Wetterlage seine Vorkehrungen

getroffen hat und mit Thomas Horvath

aus der Schweiz so etwas wie den

Godfather der Windstille nach Potsdam

geholt hat. Thomas ist ein begnadeter

Drachenkonstrukteur und zeichnet für

Nullwind-Hightech-Drachen wie „like a

rolling stone“ und „long way home“ verantwortlich.

Wo andere Drachenfreunde

traurig auf die schlaff herab hängende

Windfahne blicken, blüht der Schweizer

erst so richtig auf. Denn dann ist es Zeit

für Zero, Ninja & Co. und die Wiese füllt

sich mit synergetischen Drachen aus dem

Hause Horvath. Mittendrin: der Meister

selbst, der nicht müde wurde, seine

Kreationen dem Publikum zu präsentieren.

Ebenfalls aus der Schweiz angereist

war René Maier, der mehrfache Deutsche

Meister, der bekannte Drachen mit pfiffigen

Lösungen und der berühmten schweizer

Präzision zu veredeln weiß. Leider litt

auch René teilweise unter den Windbedingungen,

aber dies wurde flugs mit

erhöhtem Laufeinsatz wettgemacht.

Quasi Nachbarn von René und Thomas

sind Daniela und Gerhard Zitzmann aus

Österreich. Kaum ein Paar repräsentiert

so viele Sparten des Drachenbaus wie die

Bezaubernde Drachen von Daniela Zitzmann

beiden sympathischen Alpenländer. Zum

einen sind Gerhard und Daniela nicht

mehr aus der Kampfdrachen szene

weg zudenken. Meisterlich steuern die

beiden diese kleinen Drachen aus Bam bus

und Papier über den Himmel und finden

dabei noch Zeit, um den gegne r ischen

Drachen im Auge zu behalten. In Detlef

„Moustache“ Köhler fanden die beiden

in Potsdam einen würdi gen Herausforderer.

Ebenfalls klein, ebenfalls aus

natürlichen Materialien aber ganz gewiss

nicht zum Drachenkampf geeignet sind

Danielas weiteren Kreationen. Wahre

Kunstwerke aus Bambus und Papier

zaubert die Drachenfee aus Österreich

an den Himmel.

Querverbindung

Wir verlassen die Alpenrepublik, reisen

einmal quer durch Deutschland und landen

bei unserem nördlichen Nachbarn in

Dänemark. Jørgen Møller Hansen, ein

bekannter dänischer Künstler und

Drachenbauer, war nach Potsdam gekommen,

um hier seine Meisterwerke vorzuführen.

Das Besondere an Jørgens Drachen

ist das einfache, aber immer wieder beeindruckende

Design. Mit einer spielerischen

Leichtigkeit verteilt der Däne farblich

Edos von Elbwind

Nachtfliegen just for fun: Außerhalb des

Programms, von und für Drachenfreunde

Jørgen Møller Hansen und einer seiner Edos

abgesetzte Balken auf seinen Drachen,

schafft hier eine massive Ansammlung

von schweren Balken, während andere

Bereiche seine Kreationen leicht und dem

irdischen entrückt erscheinen. Parafoils,

Edos und Deltas hat Jørgen auf diese Art

und Weise bereits verziert. Auf eine Sache

ist er ganz besonders stolz. Die Revolutions

der eingangs erwähnten Decorators fliegen

mit seinem Design.

So schließt sich der Kreis aus Drachenfreunden,

Vier-, Zwei- und Einleinern und

unsere kleine Rundreise über das

Drachenfest von Potsdam kommt zu ihrem

Ende. Zu guter Letzt müssen aber noch

zwei Personen genannt werden, ohne die

Potsdam nicht so erfolgreich wäre: Werner

Siebenberg und Martin Schob. Dieses Duo

führte an allen Tagen des Drachenfests mit

fachlich kompetenten, teils witzigen, teils

launischen Kommentaren durchs Programm

und sorgte dafür, dass

beim Publikum zu keiner Zeit

Langeweile aufkam.

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