Gegen den Strich - Arnoldsche

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Gegen den Strich - Arnoldsche

ARNOLDSCHE ART PUBLISHERS

25 JAHRE

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Gegen den Strich

ARNOLDSCHE Art Publishers −

eine kurze Geschichte

Ralf Christofori

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel

ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff , sich von

etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen,

sein Mund steht off en und seine Flügel sind ausgebreitet.“ Die

aquarellierte Zeichnung von Paul Klee, die Walter Benjamin hier

beschreibt, stammt aus dem Jahr 1920 und ist nur etwa so groß

wie ein A4-Blatt. Für Benjamin war dieses Werk mehr als nur ein

Bild. Es war ein Denkbild. „Der Engel der Geschichte muß so

aussehen“, schreibt Benjamin. „Er hat das Antlitz der Vergangenheit

zugewandt“ und blickt staunend auf die Geschichte, von der

er sich mit fortschreitender Gegenwart immer weiter entfernt.

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So oder so ähnlich muss sich der Verleger Dieter Zühlsdorff füh-

len, wenn er staunend auf die Geschichte seines Verlages zurückblickt,

die vor 25 Jahren begann. Hier und heute sitzt er an einem

ovalen Tisch in seinem Verlagshaus. Es ist Abend. Die unter dem

Klingelschild angezeigten Geschäftszeiten von 10 bis 18 Uhr sind

längst vorbei. Sie scheinen weder für den Verleger noch für das

Verlagshaus zu gelten. Es ist ein off enes Haus, in dem früh am

Morgen die Lichter angehen und auch spät am Abend noch

Künstler und Autoren aus den USA, Japan oder Skandinavien

herzlich empfangen werden. Den prächtigen Blumenstrauß auf

dem Tisch hat Konrad Mehus geschickt, ein norwegischer

Schmuckkünstler, mit dem die ARNOLDSCHE gerade eine

umfangreiche Monografi e fertiggestellt hat. An den Wänden hängen

Malereien und Grafi ken – darunter ein Stöhrer, ein Pollock

und ein Stillleben vom Flohmarkt, das gut und gerne von Marianne

Werefkin stammen könnte. In einem Hängeregal sind unzählige

Keramiken aufgereiht, deren ideellen und monetären Wert

wahrscheinlich nur der Verleger kennt.

Zwischen so viel Kunst serviert der Verleger höchstpersönlich

Eiswein und schwäbische Maultaschen mit Salat und beginnt von

der Geschichte seines Verlages zu erzählen. Er macht keinen Hehl

daraus, wie schwer es ist, diese Geschichte an einem Zeitstrahl

aufzufädeln. Und säße Walter Benjamin mit am Tisch, dann hätte

der Philosoph dafür größtes Verständnis. Schließlich hatte er sich

vehement dagegen gewehrt, einfach nur eine „Kette von Begebenheiten“

wie Murmeln aneinanderzureihen, um so Geschichte als

kontinuierliche Fortschrittsgeschichte der Gegenwart zuzuführen.

Nein, ihm war daran gelegen, „die Geschichte gegen den

Strich zu bürsten“ und auf diesem Wege möglichst jeden Augenblick

in seinem Recht zu belassen, keine Murmel zu vergessen.

Genau das versucht Dieter Zühlsdorff in diesem Moment – zumindest

scheint das seine Körpersprache auszudrücken. Er legt den

Kopf mal auf die eine Seite, dann wieder auf die andere. Man

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Verlagsräume in Stuttgart, seit 2000

meint ein leises Klackern zu hören, wenn die vielen Murmeln in

seiner Erinnerung von der einen Hirnhälfte zur anderen purzeln.

In der linken, also der rationalen, analytischen und logischen

Hirnhälfte ist er der Unternehmer, der über 25 Jahre einen mittelständischen

Betrieb erfolgreich geführt hat. Die rechte Hirnhälfte,

die als die musische, kreative und emotionale gilt, zeichnet ihn als

leidenschaftlichen Kulturschaff enden aus. Beide Hemisphären

haben Dieter Zühlsdorff und seine Verlagsarbeit maßgeblich

geprägt – die eine vielleicht etwas mehr als die andere.

Dieter Zühlsdorff in seinem Büro

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Herr Arnoldsche, nehme ich an ...

Bei meinem ersten Besuch in Stuttgart hatte ich gehofft, Herrn oder

Frau Arnoldsche zu treffen, doch dazu kam es nie. Der Name bleibt ein

Rätsel. Doch obwohl ich Herrn Arnoldsche nicht persönlich kennenlernte

(und ziemlich enttäuscht war), fand ich etwas anderes in Stuttgart:

Vertrauen. Wenn man das Verlagsbüro der ARNOLDSCHEN betritt, fühlt

man sich sofort wie zu Hause. Die Räume sind angefüllt mit Büchern

(natürlich), aber auch mit Sammlerstücken oder, um genauer zu sein, mit

angewandter Kunst im guten alten Sinne: schönen häuslichen Objekten,

überwiegend aus Keramik und Porzellan, und Möbeln. Im Grunde ist

es ein Jammer, nur zur Arbeit zu kommen, weil man eigentlich an all diesen

Objekten entlangschlendern, sie in die Hand nehmen und um drehen

möchte, um nach Spuren des Handwerks, der Herstellung oder der

Signatur zu suchen. Nach einigen Stunden effizienter Arbeit fährt man

nach Hause, hoch zufrieden mit der Begegnung, um dann jedoch festzustellen,

dass man keines der Objekte richtig gesehen hat. Sie waren

einfach da, standen herum wie stille Gastgeber.

Dieses Gefühl kommt mir in den Sinn, wenn ich an die ARNOLDSCHE

denke: ein schönes Haus voller Bücher und Objekte mit engagierten

Menschen, die dort selbst abends und am Wochenende arbeiten, wenn

der Produktionsprozess es verlangt. Einzig auf diese Weise erfüllen sie

das Versprechen bedingungsloser Qualität.

Ein 25-jähriges Jubiläum ist auf dem Markt der Kunstbücher ein

bemerkenswertes Ereignis. Besonders im Schmuckbereich ist die

ARNOLDSCHE eine feste Größe und kümmert sich um zeitgenössische

Schmuckmonografien, die jedes Mal anders aussehen und stets ihr

eigenes Wesen und Format haben. In den letzten 25 Jahren erschienen

neben allen anderen Veröffentlichungen etwa 25 Monografien von

Schmuckkünstlern aus Deutschland, Österreich, Norwegen, Italien, den

Niederlanden, Frankreich, der Schweiz, Großbritannien und den USA.

Mit durchschnittlich einer Monografie pro Jahr (einer Zahl, die sich sehr

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ald erhöhen wird, da in den letzten Jahren deutlich mehr Monografien

herauskamen als in den ersten 10 bis 15) leistet die ARNOLDSCHE

hervorragende Arbeit − wie jeder weiß, ist der Markt für diese Art von

Büchern recht begrenzt.

25 Jahre ARNOLDSCHE sind in etwa die Zeit, die ich zu ungefähr den

gleichen Themen schreibe und veröffentliche. Irgendwie war die

Schmuckszene für mich immer mit der ARNOLDSCHEN verknüpft. Das

war gut, weil der Verlag interessante Bücher machte, aber ließ mich

auch über das „Warum“ nachdenken. Eine ganze Reihe von Jahren hielt

ich mich von diesen vemeintlichen „Monopolisten“ fern, doch als ich

mich entscheiden musste, wer mein eigenes Buch verlegen sollte,

entschied ich mich für sie. Warum? Es gibt nur einen guten Grund: weil

jedes Buch bei ihnen in guten Händen ist.

Ich gratuliere allen ARNOLDSCHE-Mitarbeitern zu diesem silbernen

Jubiläum und hoffe, auch das goldene noch mit ihnen feiern zu können!

Liesbeth den Besten // Amsterdam, April 2012

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Foto: Martijn Steiner Lovisa


Dieter Zühlsdorff, 1952

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1971

Fasching 1982

Der Augenblick jedenfalls, in dem 1987 die Entscheidung fi el,

einen Verlag zu gründen, geht ganz eindeutig auf die Rechnung

der rechten Hirnhälfte. Zühlsdorff s Leidenschaft scheint sich

damals über jedes vernünftige Argument hinweggesetzt zu haben.

Zumindest muss die Gründung eines Verlages – auch noch eines

Kunstbuchverlages! – von einem gegenwärtigen Standpunkt aus

betrachtet wie ein Himmelfahrtskommando erscheinen. Seit dem

Siegeszug digitaler Medien wird mit beharrlicher Regelmäßigkeit

das Ende des gedruckten Buches prophezeit. Ebenso miserabel

steht es um die Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg. Vor 25 Jahren

war die Situation nicht unbedingt besser, aber anders. Das digitale

Buch lag noch in weiter Ferne, dafür eröff neten neue Grafi kprogramme

im Verbund mit der digitalen Druckplattenbelichtung

ungeahnte Gestaltungsspielräume für Druckwerke. Die Verlagslandschaft

selbst ließ zumindest noch Nischen zu. „Uns war klar,

dass wir im Marktumfeld der Kunstbuchverlage, das damals von


1986

2010

großen Namen wie DuMont, Prestel oder Hatje dominiert wurde,

eine solche Nische fi nden mussten“, erinnert sich Dieter Zühls-

dorff . „Wir haben uns also thematisch auf Design und Angewandte

Kunst spezialisiert.“

Den Grundstein für das künftige Verlagsprogramm legt Die-

ter Zühlsdorff als Autor und Verleger in Personalunion. Fünf Jahre

lang arbeitet er an einem „Keramikmarken-Lexikon 1885–1935“

– einer Mammutpublikation mit 9.000 Markenabbildungen und

2.000 Künstlerbiografi en auf 800 Seiten. Dass sich dafür kein

Verlag erwärmen kann, ist durchaus nachvollziehbar. Zühlsdorff

realisiert also das Nachschlagewerk in Eigenregie und bringt es

als ersten Titel der neu gegründeten ARNOLDSCHEN Verlags-

anstalt heraus. Das Buch erscheint 1988.

Während Gabriela Arnold dem Verlag ihren Namen gibt und

für das Verlagsgeschäft zuständig ist, wirft Dieter Zühlsdorff zwei

Gaben in die Waagschale: zum einen seine Fachkenntnis in der

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Den ersten Kontakt mit ARNOLDSCHE Art Publishers hatte ich im Mai

des Jahres 1994. Die berühmte und altehrwürdige deutsche Kulturstätte,

die im Thüringischen Wald gelegene Wartburg in Eisenach, beauftragte

mich, ihre traumhaft schöne Sammlung „Historische Bestecke“ publika

tionsreif zu bearbeiten. Nur drei Monate später, bereits im August

desselben Jahres, sollte diese wunderbare aber völlig unbekannte Sammlung

zusammen mit einem Bestandskatalog erstmals in einer Art Weltpremiere

der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Die Zeit war äußerst knapp. Nur kurze drei Monate blieben uns

vom Beginn der Sammlungsbearbeitung bis zum Vorliegen eines kompletten

Bestandskataloges. Eigentlich eine unlösbare Aufgabe. Händeringend

suchte ich einen Verlag, der bereit war, sich auf ein solches

halsbrecherisches Abenteuer einzulassen. Ich fand, was ich suchte,

ich fand die ARNOLDSCHE.

Was ich dann erlebte, war ein Paradebeispiel für verlegerisches

Können auf höchstem professionellen Niveau. Sofort war der Verleger

Dieter Zühlsdorff persönlich zur Stelle, befragte mich als Autor und

Bearbeiter der Sammlung eindringlich nach Sinn und Zweck eines solchen

Vorhabens, ließ sich schnell überzeugen und begeistern, entwarf

dann mit wenigen Strichen einen punktgenauen zeitlichen Ablaufplan,

gab in Abstimmung mit dem Fotografen Hinweise für die bildoptische

Umsetzung, organisierte mit Charme und Überzeugungskraft im Kontakt

mit dem Herausgeber die komplette Finanzierung, traf alle erforderlichen

Vorbereitungen für Grafik, Lithografie, Druck und Bindung. Und

tatsächlich, das verlegerische Meisterstück gelang: Pünktlich zur

Ausstellungseröffnung am 18. August 1994, nur drei Monate nach meinem

allerersten Kontakt mit dem Verleger, lag das Werk vor. Und es

war nicht irgendein Buch. Nein, erstmals in der langen Geschichte

der Besteckliteratur präsentierte die ARNOLDSCHE „Historische Bestecke“

diesen zumeist stiefmütterlich behandelten Kunstgegenstand

− in Form, Ausstattung und Bildoptik in der Opulenz eines Kunstbuches.

Was so beginnt, kann nicht enden. Immer wieder habe ich seitdem

als Autor die Nähe zur ARNOLDSCHEN gesucht und gefunden, zuletzt

mit meiner Publikation aus diesem Jahr. Ich wiederhole gern, auch hier,

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was ich in meiner letzten Danksagung geschrieben habe: Dieter Zühlsdorff

und seinem Verlag habe ich alles zu verdanken, was ein Autor

einem Verleger verdanken kann, die hohe Qualität verlegerischer Produkte

und einen tiefen Einblick in Buchproduktion, Buchvertrieb und

Buchhandel. Aus der Beziehung zwischen Autor und Verleger ist

Freundschaft geworden.

Jochen Amme // Hamburg, im Jahre 2012

Keramik des Jugendstils und des Art Déco; zum anderen seine

Leidenschaft für gut gemachte Bücher. Mit diesen Gaben, einer

gehörigen Portion Mut und einem einzigen Buch im Gepäck fahren

die beiden ein Jahr später zur Frankfurter Buchmesse. Räumlich

gesehen, misst ihre programmatische Nische gerade einmal

vier Quadratmeter. „Wir standen in der kleinen Koje und haben

unseren ersten und einzigen Titel präsentiert. Das war natürlich

aufregend und extrem wichtig. Dort haben wir die ersten Kontakte

zum internationalen Buchhandel geknüpft. Und wir haben

gelernt, was es mit Lizenzen, Rabatten und Distribution auf sich

hat“, erzählt Zühlsdorff .

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Gabriela Arnold im Garten von Peggy

Guggenheim in Venedig, 1982

Schon mit der ersten Publikation setzt die ARNOLDSCHE Ver-

lagsanstalt ein Zeichen. Das Keramikmarken-Lexikon avanciert

innerhalb kürzester Zeit zum Standardwerk. Und sein Verkaufs-

erfolg ermöglicht weitere Buchprojekte. Es folgen Bücher über

Dagobert Peche, einen Mitarbeiter Josef Hoff manns bei der Wie-

ner Werkstätte, und über „Glas-Kunst aus Murano 1910–1970“.

Gemeinsam mit dem Schmuckmuseum Pforzheim, Direktor Fritz

Falk, realisiert die ARNOLDSCHE einen großen Werkkatalog

über den Schmuckfabrikanten Th eodor Fahrner, der zu Beginn

des 20. Jahrhunderts innovativen „Design-Schmuck“ nach Ent-

würfen namhafter Künstler des Jugendstils und des Art Déco

anfertigte.

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Theodor Fahrner, Schmuck

zwischen Avantgarde und

Tradition, 1990

Sukzessive fi ndet in der programmatischen Nische der

ARNOLDSCHEN Verlagsanstalt zusammen, was zusammenge-

hört – Design und Kunst, Keramik und Schmuck, Liebhaber- und

Sammlerobjekte. Von Anfang an legt Dieter Zühlsdorff größten


Wert auf höchste inhaltliche und gestalterische Qualität. Und

wenn die Bücher selbst zu Liebhaber- und Sammlerobjekten werden,

dann hat er alles richtig gemacht.

1997 produziert die ARNOLDSCHE Verlagsanstalt das Buch

„Plastics & Design“, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung

in der Neuen Sammlung – Th e International Design Museum

Munich, erscheint. Das Buch wird ein plastisches Gesamtkunstwerk,

gestaltet von der Grafi k-Designerin Silke Nalbach. Der

Buchdeckel ist tatsächlich aus Hartplastik gefertigt, der Titel auf

dem Cover ausgestanzt; knallbunte Farbfonds verleihen den

Inhaltseiten die Anmutung von Plastik; die

Buchhandelsausgabe steckt in einem Schuber

aus recyceltem Kunststoff . „Die deutsche Bundesregierung

hatte gerade das Recyceln von

Kunststoff abfällen beschlossen, aber keiner

wusste, was man damit anfangen sollte“, erinnert

sich Dieter Zühlsdorff . Aus dieser Not

macht er eine Tugend und aus der Tugend ein

verlegerisches Kunstwerk.

Für das außergewöhnlich gestaltete Buch

„Plastics & Design“ erhält die ARNOLDSCHE

ihre erste Auszeichnung: den renommierten

Design-Preis des Type Directors Club New York. Zudem wird das

Buch in die Sammlung des Museum of Modern Art in New York

aufgenommen – und erlangt damit die höchsten Weihen der

Zunft. 1998 fl iegt Zühlsdorff mit seiner Grafi k-Designerin nach

New York, um den Preis persönlich entgegenzunehmen. Es wird

nicht die letzte Auszeichnung für die beiden sein – aber es ist eben

doch die erste und dann auch noch eine ganz große.

Dieter Zühlsdorff jedenfalls erlebt diesen Augenblick auch

deshalb als einen besonderen, weil ihn seine Erinnerung in einer

Art Flashback in die 1960er-Jahre zurückversetzt. New York? Das

war für ihn der große Aus- und Aufbruch gewesen. Aufgewachsen

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in der schwäbischen Provinz, hatte er eine kaufmännische Lehre

bei einem Möbelhersteller in Wendlingen absolviert. Es folgten

ein paar Jahre Berufserfahrung in der Werbeabteilung einer

Maschinenfabrik. 1969 ging er nach New York. Als 22-Jähriger

bekam er die kreativen Impulse der Stadt hautnah mit. Auf dem

Broadway erlebte er die Konfettiparade, mit der die Helden der

Apollo 11 nach ihrer Rückkehr vom Mond gefeiert wurden. Entsprechend

euphorisiert kehrte Zühlsdorff nach Deutschland

zurück. Die Provinz war für ihn keine Option mehr, ebenso wenig

das Angestelltendasein in einem Unternehmen. In seinem jugendlichen

Sturm und Drang hatte er das Gefühl, unbedingt selbst

etwas bewegen zu wollen. Ganz im Sinne Friedrich Nietzsches:

„Lieber ein Narr sein auf eigene Faust, als ein Weiser nach fremdem

Gutdünken!“

Anfang der 1970er-Jahre machte sich Dieter Zühlsdorff mit

seiner damaligen Lebensgefährtin selbständig und gründete eine

Werbeagentur in Stuttgart. Der kreative Spielraum der Agentur

wurde erweitert um die Kunstgalerie Lutz. Über die Jahre pfl egte

Dieter Zühlsdorff als Marketingleiter,

1972, ...

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... und als „Fotomodell“ für Junkers

Gaswasser-Heizer, 1969


So schnell geht es − wenn man ein Desiderat einlöst und die richtige

Nische gefunden hat. Dann kommt das Alleinstellungsmerkmal

zumindest europaweit, wenn nicht weltweit, fast automatisch hinzu.

Aber nur, wenn man mit Liebe, Leidenschaft und legitimen Verlegerinteressen

bei der Sache ist!

Und dann kann man sich auch mal auf Experimente einlassen,

wenn einem der Laden gehört. So erlebt der Verleger Gewinn und

Verlust, Erfolg und Misserfolg nicht nur auf materieller, sondern auch

auf geistiger Ebene.

Damit ist das Geheimnis wohl gelüftet, aber vielleicht ist diese

Erfolgsgeschichte ja auch Anregung, um auch in Zukunft mit Leidenschaft

und aus Überzeugung heraus Bücher zur Kunst zu verlegen.

Liebe Herren Verleger: Vergessen Sie das Jubiläum! Machen Sie

einfach weiter, zur Freude Ihrer Leser!

Florian Hufnagl, Museumsdirektor

Die Neue Sammlung − The International Design Museum Munich

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Foto: Hannes Magerstaedt


Borsalino

Darmstadt, 27. April 1988, ein Mittwoch. Ich war gekommen, um für die

Weltkunst über die Ausstellung „fifty fifty − Formen und Farben der

50er Jahre“ zu berichten. Die Einladung hatte ich in der Tasche: Hessisches

Landesmuseum als Veranstalter, die Begleitpublikation in der

ARNOLDSCHEN Verlagsanstalt − alles klang sehr traditionell, sehr seriös,

vermutlich also eine Begrüßung mit langen und langweiligen Reden,

und auch sonst alles wie immer. Und dann war alles ganz anders: ein

lockerer Auftakt, eine ebensolche Präsentation, im Anschluss eine

große Party im Stil der 50er Jahre, und mittendrin ein Vierziger, dunkler

Oberlippenbart, lässiges Outfit, und auf dem Kopf − das musste ein

Borsalino sein. Borsalino Antica Casa, gegründet 1857, der Hut der Hüte!

Alle hatten sie ihn in jenen Jahren getragen: Humphrey Bogart, James

Cagney, Edward G. Robinson. Der aktuelle Hutträger war, wie sich

herausstellte, Dieter Zühlsdorff, Sammler, Autor und Geschäftsführer

des noch jungen Verlages. Wir kamen ins Gespräch. An den Hut dachte

ich nicht mehr. In den vierundzwanzig Jahren, die folgten, entstand

eine freundschaftliche Verbindung. Wir sind seitdem noch oft zusammengekommen,

haben manches zusammen gemacht und über vieles

miteinander gesprochen, nur über eines nicht, und das war doch gerade

das, was ich damals wissen wollte: War es ein Borsalino?

Horst Makus

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der erfolgreiche Werber engen Kontakt zu Künstlern. Mit dem

Geld, das seine Werbeagentur erwirtschaftete, baute er eine

Jugendstil-Sammlung auf, mit Schwerpunkt auf Keramiken. Im

Alter von 35 Jahren beschloss Zühlsdorff , sich aus dem Agenturund

Galeriebetrieb zurückzuziehen. Aus der geplanten Auszeit

wurden fünf Jahre intensive Arbeit an dem Keramikmarken-

Lexikon.

Dieter Zühlsdorff s Weg zum Verleger verläuft also alles andere

als geradlinig, aber jede Station, jede Erfahrung trägt ihren Teil

dazu bei, dass er und sein Verlag eine klare Linie entwickeln. Während

also seine Rückkehr aus New York im Jahr 1969 einer Art

Initialzündung glich, hat die dortige Preisverleihung 1998 richtungsweisenden

Charakter. Sie ist der Lohn für den hohen Einsatz,

den der Verlag in jedes einzelne Buchprojekt einbringt. Mehr

noch verkörpert die preisgekrönte Publikation ein verlegerisches

Ethos, das auch die Zukunft des Verlages maßgeblich bestimmen

wird: Sie steht für die publizistische Überzeugung, dass ein Buch

nicht einfach nur ein x-beliebiger Inhalt ist, den man zwischen

zwei Buchdeckel klemmt; sie steht für eine brillante Idee und den

unbedingten Willen, diese Idee auf höchstem Niveau zu realisieren;

was letztlich zu jener außergewöhnlich hohen Gestaltungsund

Produktionsqualität führt, an der die Grafi k-Designerin Silke

Nalbach maßgeblichen Anteil hat – und zwar nicht nur, was jede

einzelne von ihr gestaltete Publikation anbelangt, sondern auch

das gesamte Erscheinungsbild des Verlags.

Auf die Weihen im Ausland folgen viele internationale Projekte.

Zur Ausstellung „Picasso’s Ladies: Jewellery by Wendy

Ramshaw“, die 1998 im Londoner Victoria & Albert Museum und

anschließend im American Craft Museum, New York, gezeigt

wird, produziert die ARNOLDSCHE eine opulente Begleitpublikation.

Das Buch gehört ebenso zu den Inkunabeln des Schmuckdesign

wie das 2007 gemeinsam mit dem Museum of Fine Arts,

Houston, veröff entlichte Übersichtswerk „Ornament as Art“, das

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ARNOLDSCHE 25

Seit einem Vierteljahrhundert nun widmet sich die ARNOLDSCHE unter

dem Vollblutverleger Dieter Zühlsdorff der Gestaltung bibliophiler Buchausgaben

im Themenfeld der Angewandten und Bildenden Künste. Die

Wahl der Papiere, Druckverfahren und Aufmachung findet im Spannungsfeld

der Haptik, Materialität und handwerklichen Buchherstellung

statt. Dabei werden diese Dokumentationen häufig selbst wieder zu

einem Kunstwerk, das Thema in Wort und Bild gestaltend. Die Palette

reicht von kunsthandwerklichen bis rein künstlerischen Sujets, von

Gebrauchs- und Schmuckobjekten bis hin zur Fotografie. Mir persönlich

haben es die mittlerweile zu Standardwerken der jeweiligen Genres

avancierten Bücher in den Bereichen „Glas“, „Porzellan“ und „Keramik“

sowie „Bestecke“ besonders angetan. Allen voran jedoch jene des

die herausragende Sammlung der Helen Williams Drutt Collection

eindrucksvoll dokumentiert.

Mit den beiden Publikationen zu den Elementen „Luft“ und

„Wasser“ erreichen die Bücher des Verlags Objekt- und Kultcharakter.

Zwei weitere Bände zu „Feuer“ und „Erde“ sind in Planung.

In diese Reihe von Konzeptbüchern gehört auch „Filz. Kunst,

Kunsthandwerk und Design“ (2000) – ein Stoff , den das Buch im

Filzschuber nicht nur visuell, sondern auch haptisch vermittelt.

Annelies Štrbas feines Fotobuch „Frances und die Elfen“ von 2004

– eingeschlagen in indische Seide und mit Silberschnitt veredelt

– gilt nicht nur unter besonders bibliophilen Menschen als

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Jugendstils, wie auch die Werke gleichnamigen Titels oder Inhalts.

Textile wie industrielle Gestaltung hat über die Jahre nun das Konvolut

der ARNOLDSCHEN inhaltlich erweitert, bereichert und abgerundet.

Die Identität der Bücher bei ARNOLDSCHE Art Publishers liegt in der

qualitativen Ausführung, manchmal beinahe schon mit konkretem

Objektcharakter, stilsicher themenadäquat über die Kommunikationsgestaltung

dargestellt. Der Markenkern ist es, das Ungewöhnliche

zu zeigen, indem man handwerklich solide, aber experimentell wagend

Neues über das jeweilige Thema schafft. Und es gibt, dem (Kunst-)

Verlagssterben zum Trotz, ganz klassisch immer noch eine Backlist. Verleger

Dieter Zühlsdorff zieht sich nun langsam aus dem kreativen

Geschäft zurück. Ihm folgt Dirk Allgaier, nun seit 20 Jahren im Verlag,

nach. Beiden wünsche ich für die neuen Lebensabschnitte das immer

notwendige Quäntchen Glück und Zufriedenheit wie Gesundheit,

nicht zuletzt für das Weiterbestehen der ARNOLDSCHEN.

Axel Thallemer // München

Preziose. 2009 präsentiert die

ARNOLDSCHE im Metropoli-

tan Museum of Art, New York,

mit „Fired by Passion“ einen

weiteren international beachteten

Meilenstein der Öff entlichkeit:

Eine ca. 1.500 Seiten starke

Werkübersicht über Barockes Wiener Porzellan der Manufaktur

Claudius Innocentius Du Paquier, dessen Titel nicht nur den

Inhalt des Buches, sondern auch die Arbeit an dem Buch kaum

treff ender beschreiben könnte.

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Stream of consciousness ode written

upon the occasion of the twenty-fifth

anniversary of ARNOLDSCHE

Art Publishers, Stuttgart, spring 2012

Abou Ben Dieter made his MARK in clay

From an art world background in which he did play −

Patrons, connoisseurs with visual aplomb

Thought ceramic objects were quite dumb.

Zühlsdorff, you know, was personally smitten

By Art Nouveau/Deco − forms that the ART world forbidden.


In 1987 Dieter Z. fulfilled his dream

And Arnoldsche Art Publishers was born supreme.

Bearing the name of Gabriela Arnold − his partner, long time

He published books in two languages − heralding our field sublime.


In 1993, young Dirk appears to decisively shape

Global marketing and seducing all continents to take

AAP. Quality and passion were wed in print

While Silke, the graphic elf, appears like mint

Creating their distinctive books, which brought worldwide acclaim −

Our boys, Dieter and Dirk, embraced this dame.

Then along came Marion, Dirk’s Bumble ‘B’

Who edits while Allgaier flies over the sea.

And soon, in May, there will be a dynamic change

That Dieter at 65 will step out of close range

Tending his villa, his dog and his MARKS

Nurturing ceramics, hollow ware and jewellery with academic sparks.

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Not to mention his sets of settees

The world will visit him on bended knees

As quiet hours allow Dieter to think

While Dirk keeps Arnoldsche in the pink.

And so, Abou Ben Dieter − his tribe does increase

Leaving Liststrasse 9 in relative peace.

Artists, collectors, editors, curators − his family extensive

Will allow him to shop and acquire Dec Arts expensive.

Peter and Helen salute Arnoldsche Art

With the love that we’ve had from the very start!

Helen W. Drutt English and H. Peter Stern // Philadelphia, 17 April 2012

Befeuert von einer unbändigen Leidenschaft erscheinen bis 2012

über 250 Titel. Im Laufe der Zeit weitet der Verlag seinen thematischen

Einzugsbereich von Schmuck und Mode, Design und Bildender

Kunst über Fotografi e und Gartenarchitektur bis zur

Außereuropäischen Kunst aus. In zwei prachtvollen Titeln präsentiert

die ARNOLDSCHE japanische Netsuke aus den Sammlungen

Trumpf (1999) und Werdelmann (2005). 2009 erscheint

das von Martin Brauen verfasste Buch „Mandala: Sacred Circle in

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Buchpräsentation „Fired by Passion“, Liechtenstein Museum, Wien, November 2009

Tibetan Buddhism“ zur gleichnamigen Ausstellung im Rubin

Museum of Art, New York.

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Gestalterische Feinheiten, die in Fachkreisen unter dem

Begriff „Veredelung“ eher ins Reich der Extravaganzen gehören,

sind für die ARNOLDSCHE fast schon selbstverständlich. Den

Umschlag des Buches „Cairo Fashion Design“ (2011) von Beduinen-Frauen

auf dem Sinai mit fl oralen Ornamenten besticken zu

lassen oder das „Luft“-Buch tatsächlich in ein Luftkissen zu

packen, ist nicht bloß ein nettes Gimmick, sondern es treibt das

Konzept der Bücher auf die Spitze – und so manche Partner aus

der Druckvorstufe und den Druckereien in den Wahnsinn. Um ein

herausragendes Druckergebnis zu erzielen, wird jeder Bogen, jede


Stein Jørgenson und Bjørn Ransve, Oslo, 2006

Reproduktion an der Maschine abgenommen – ganz gleich, ob in

Deutschland oder im Ausland gedruckt wird. Manchmal, wie im

Falle eines Werkkatalogs des norwegischen Malers Bjørn Ransve,

muss eine Sonderfarbe auch extra angemischt werden, erklärt

Zühlsdorff : „Ransve malt unter anderem mit dem berühmten Yves-

Klein-Blau. Diese stark pigmentierte Farbe lässt sich nicht einfach

reproduzieren. Deshalb haben wir gemeinsam mit dem Drucker

ein Druckverfahren entwickelt, bei dem die Reproduktion dem

Original sehr nahe kommt. Der Künstler war begeistert.“

An solche besonderen verlegerischen Momente erinnert sich

Dieter Zühlsdorff gerne, während er sich zum Espresso genüsslich

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Dirk Allgaier, Frankfurter Buchmesse, 2011

eine Zigarette anzündet. Vor der Präsentationswand im Verlags-

haus greift er einige Titel heraus. „Jedes Buch hat seine eigene

Geschichte“, sagt er, aber es sind zu viele, um alle erwähnen zu

können. In jedem einzelnen ist der Enthusiasmus spürbar, der die

Verlagsarbeit im Innersten antreibt. Und würde man die Gesamtheit

der Bücher – wie in dem bereits beschriebenen Bild – als eine

Vielzahl von Murmeln begreifen, dann ergäbe sich daraus eine Art

Glasperlenspiel, in dem eine Perle eine andere anstößt und wiederum

viele weitere in Bewegung versetzt.

So gaben erste Projekte etwa mit dem Schmuckmuseum

Pforzheim oder der Neuen Sammlung München den Impuls für

eine langjährige Zusammenarbeit, die bis heute anhält. Darüber

hinaus sorgen die Verlagstitel der ARNOLDSCHEN zunehmend

für internationale Aufmerksamkeit. „Museen und Künstler aus

ganz Europa, aus Nordamerika und Asien haben bei uns an die

Verlagstür geklopft, weil sie über Referenzprojekte einen Eindruck

davon bekommen hatten, mit welcher Hingabe, Beharrlichkeit

und Sorgfalt wir hier Bücher machen“, freut sich der Kultur-

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Zwei Generationen Verleger


Foto: Angelika Grossmann

mensch Dieter Zühlsdorff . Und der Unternehmer in ihm ergänzt:

„Das fördert natürlich auch die Kundenbindung und hat uns welt-

weit viele Neukunden beschert.“ Hier zahlt sich auch aus, dass der

Verlag von Anfang an eine internationale Ausrichtung verfolgt

hat: Die Publikationen erscheinen fast durchgängig zweisprachig,

das Buch „Cairo Fashion Design“ liegt sogar auf Deutsch, Englisch

und Arabisch vor.

Insbesondere aber verdankt der Verlag den internationalen

Erfolg seinem dienstältesten und erfahrensten Mitarbeiter: Dirk

Allgaier. Zu ARNOLDSCHE Art Publishers kam der studierte

Archäologe 1993. Als Gabriela Arnold wenige Jahre später den

Verlag verlässt, übernimmt er zunehmend das Verlagsgeschäft

und prägt das Programm und den Geist des Hauses entscheidend

mit. Seit dem Jahrtausendwechsel hat er das Auslandsgeschäft

betreut und seine Kontakte zu internationalen Autoren, Künstlern,

Partnern und Kunden kontinuierlich ausgebaut. Aus den

Vertriebszentren in den USA, England und Australien kann die

ARNOLDSCHE inzwischen alle Länder beliefern. Dabei hat das

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Dirk Allgaier, 2011


weltweite Interesse an „Sammlerliteratur“ insbesondere aus Europa

deutlich zugenommen. „Die jüngste Erfolgsmeldung kommt aus

China: Dort ist ARNOLDSCHE Art Publishers nun auf Amazon

– und für alle Chinesen zugängig – gelistet“, freuen sich Dirk

Allgaier und Dieter Zühlsdorff .

Dirk Allgaiers Rolle und Aufgabe im Verlag soll künftig noch

mehr Gewicht bekommen. An ihn wird Zühlsdorff , der im Jubiläumsjahr

des Verlags seinen 65. Geburtstag feiert, den Staff el -

stab übergeben. „Ich habe ihn ganz gezielt als meinen Nachfolger

aufgebaut und freue mich nun, als ‚Alt-Verleger‘ hinter den ‚Jung-

Übersetzen für ARNOLDSCHE

Im Jahr 1996 drangsalierte ich die ARNOLDSCHE mit Anfragen, das

Marquardt-Buch über europäisches Essbesteck übersetzen zu dürfen.

Ich hatte Glück: Meine Bewerbung war erfolgreich. Damals war Wikipedia

noch Zukunftsmusik, und weder die ARNOLDSCHE noch ich waren mit

den heute verfügbaren Technologien ausgestattet. Darum habe ich

manchmal das Gefühl, als wären wir gemeinsam erwachsen geworden.

Seit jenem ersten Buch und unzähligen Rollen Faxpapier übersetze

ich regelmäßig für die ARNOLDSCHE, bis heute mein absoluter Lieblingsverlag.

Nicht nur sind die Bücher ausnahmslos schön anzusehen und

zu besitzen, auch die Breite und Vielfalt der Themen, Schreibstile und

optischen Aufmachungen ist nach meiner Erfahrung unübertroffen.

Jeder neue Übersetzungsauftrag ist ein Abenteuer. Der aktive Kontakt

mit all diesen anregenden Texten, für die ich den Autoren und natürlich

den Verlegern selbst zutiefst dankbar bin, hat meine intellektuellen

Horizonte unermesslich erweitert und meine Fachkenntnisse beträchtlich

vertieft.

Ein anderer, in meinem unsicheren Geschäft bedeutender Gesichtspunkt

ist die Sensibilität und Freundlichkeit, mit der ich stets behandelt

werde. Die Abgabetermine sind human, und wo sonst könnte eine

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Verleger‘ zurücktreten zu können“, betont Dieter Zühlsdorff . Zwei

Herzensangelegenheiten will er bis 2014 aber noch verwirklichen

– die eine von langer Hand geplant, die andere ereilte ihn eher

überraschend. Schon lange geplant ist die Überarbeitung des

Keramikmarken-Lexikons in fünfter Aufl age. Im Zuge dessen soll

das Nachschlagewerk auch in digitalisierter Form und online verfügbar

sein. Auf das zweite Projekt freut sich Zühlsdorff besonders,

weil es zeigt, welch hohes Ansehen die Bücher des Verlags

genießen: „Hartmut Esslinger, Gründer von frog design und langjähriger

Berater von Steve Jobs/Apple, plant ein umfangreiches

Übersetzerin so offen an einem Text herumnörgeln,

ohne kurzerhand gefeuert zu werden? Wo sonst

würde sie ein offenes, verständnisvolles Ohr finden

und taktvoll beschwichtigt werden, ohne dass man

sie von oben herab behandelt? Mit der ARNOLD-

SCHEN zu korrespondieren, ist immer eine Freude.

Angesichts der Tatsache, dass Übersetzer fast

am Ende der Nahrungskette stehen und jede organisationsbedingte

Unordnung an der Spitze umso stärker auf unsere Ebene durchschlägt,

ist − aus übersetzerischer Perspektive − die Organisationseffizienz, die

ich bei der ARNOLDSCHEN erlebe, in zwei Jahrzehnten Vollzeittätigkeit für

deutsche Verlage und Museen unerreicht geblieben. Bei aller mitunter

überirdischen Schönheit ihrer Bücher haben wir es hier nach allgemeinen

Maßstäben mit einem beispielhaft modernen Unternehmen zu tun.

Darum an dieser Stelle meine besten Zukunftswünsche für die

ARNOLDSCHE und ein schlichtes Dankeschön für die vielen wunder baren

Projekte, an denen ich teilhaben durfte.

Joan Clough, Übersetzerin // Penzance, Cornwall, England

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Optimale Bildqualität: Karina Moschke, Silke Nalbach, Dirk Allgaier

und Dieter Zühlsdorff (v.r.n.l)

Buch, das er gemeinsam mit ARNOLDSCHE Art Publishers reali-

sieren will.“

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Dieter Zühlsdorff wird sich nach 25 Jahren nun langsam aus

dem Geschäft zurückziehen. Der Verleger entschwebt also in den

Un-Ruhestand – eine Vorstellung, die durchaus an den Angelus

Novus erinnert, wie ihn Paul Klee gemalt und Walter Benjamin

gedeutet hat: mit ausgebreiteten Flügeln rücklings der Zukunft

entgegen, den staunenden Blick auf die letzten 25 Jahre gerichtet.

Dieter Zühlsdorff wird diese Verlagsgeschichte von heute aus

betrachten, aber nicht vom Ende her denken. Stattdessen wird er

sich der vielen Augenblicke erinnern, die seinen Verlag zu dem

gemacht haben, was er heute ist. Natürlich wird auch er sich mit

fortschreitender Gegenwart von seiner persönlichen Verlagsgeschichte

entfernen. Aus dem Blick verlieren wird er sie nicht. Ganz

sicher aber wird er sich ab und zu einen Rückspiegel zur Hand

nehmen, der ihn neugierig in die Zukunft blicken lässt.

In diesem Sinne: Dem Verleger und seinem Verlag auch in

Zukunft alles Gute!


Die ARNOLDSCHE

Seit einem Vierteljahrhundert verwandelt die ARNOLDSCHE Verlagsanstalt

gemeinsam mit Kuratoren, Künstlern und Autoren besondere

Spezialitäten der angewandten Kunst in präzise konzipierte, sehr

individuelle Bücher. In diesen 25 Jahren machte das Team um Dieter

Zühlsdorff das erstaunliche Potenzial künstlerischer und handwerklicher

Objektgestaltung sichtbar. In Ausstellungskatalogen, Themenbüchern

und Monografien werden Ideenwelten und Phänomene

aus Design, Schmuck, Mode, Kunst, Architektur und Fotografie vermittelt,

Schlaglichter gesetzt und der Blick in die Tiefe geführt.

Die Kunst des Büchermachens verhält sich in diesem Kontext

gleichberechtigt zu ihrem thematischen Gegenstand. Dieser wird in

größtmöglicher Freiheit und ernsthafter Neugier betrachtet, um dann

in der Konzeption und Gestaltung des Buches eine angemessene

Interpretation zu erfahren. Die Wahl der Mittel, Methoden und Materialien

wird von den Verantwortlichen schöpferisch und umsichtig

betrieben. Die formale wie inhaltliche Individualität der Bücher, und

damit die Vielfalt des Programms, kann man durchaus als Charakteristikum

der ARNOLDSCHEN Verlagsanstalt beschreiben.

Individualität wird aktuell gerne als Wert an sich propagiert.

Persönlicher Individualismus, und damit verbundener Nonkonformismus

macht das Wesen schöpferischen Tuns aus. Der daraus entstehende

Abstand in der Betrachtung von Alltäglichkeit ermöglicht erst

innovatives Sehen, Denken und Handeln. Die Flut der Informationen

und Bilder, die zunehmend unsere Gegenwart bestimmen, überspült

Einzelheiten, Details, Einzigartiges. Sie haben kaum eine Chance

wahrgenommen zu werden. Erst wenn sich individuelle Phänomene

29


30

zusammenfinden, können sie Cluster bilden, die sich auch im Massenhaften

eine Sichtbarkeit verschaffen. Die ARNOLDSCHE Verlagsanstalt

könnte man als ein solches Cluster beschreiben, das im Mainstream

nicht nur den Connaisseuren, den Sammlern und kulturell Interessierten

eine Insel nahe der Glückseligkeit, zum Verweilen bietet.

Die Zukunft des Buches wird mit den permanent wachsenden

Möglichkeiten digitaler Technologie immer wieder in Frage gestellt. Die

Macht schöpferischer Kräfte prägt unsere Kultur, sie findet neue Wege

Probleme zu lösen, Ideen umzusetzen, unsere Welt zu gestalten,

Visionen zu entwickeln und umzusetzen. Das, was und wie wir etwas

tun, definiert, wer wir sind und was wir sein möchten. Das Wissen darum,

wie etwas gemacht wird, egal ob es alltägliche Dinge sind oder

hochkomplexe Erfindungen, ist eine der kostbarsten menschlichen

Ressourcen. Die Themen der ARNOLDSCHEN, also Objektkunst, Design,

Kunsthandwerk und die verwandten Bereiche, spiegeln zutiefste

menschliche Genialität, Ideenreichtum und Handfertigkeit wieder. Diese

Besonderheiten finden in der Sinnlichkeit eines haptisch und optisch

erlebbaren Buches ihren idealen Botschafter, die in der Abstraktion

virtueller Medien − zumindest vorerst − nicht vermittelbar ist.

Den Büchern zu diesen Themen fällt die Rolle des Aufklärers und

Anstifters zu. Sie sind wie Fenster und Türen in Ateliers, Studios und

Werkstätten – in Geschichte, Gegenwart und manchmal auch Zukunft.

Sie sind wie ein Blick über die Schulter der Künstler, der Macher, Denker

und Visionäre. Sie geben Zeit zur Betrachtung, eröffnen Welten, würdigen

das Detail und weiten den Horizont. Viele Menschen sind heute

sensibel für diese individuellen, mit Sorgfalt und Sachkenntnis realisierten

Buch-Botschaften, die den besonderen Phänomenen der angewandten

Künste authentisch und individuell gerecht werden.

Schnuppe von Gwinnener // Hamburg


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W. Lindemann & FH Trier/ Idar-Oberstein

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ThinkingJewellery

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on the way towards a theory

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of jewellery

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SchmuckDenken

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unterwegs zu einer Theorie

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des Schmucks

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Arnoldsche Art Publishers

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25 Jahre Bücher aus Leidenschaft: 1987–2012

ARNOLDSCHE Art Publishers

Liststraße 9

70180 Stuttgart

Tel: +49 (0)711 / 64 56 18-0

www.arnoldsche.com

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