Die Geschichte der Evangelischen im Rosenheimer Land ...

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Die Geschichte der Evangelischen im Rosenheimer Land ...

Gestaltung: Michael Schlierbach, schriftbildwort.de

Bildnachweis: Caroline von Baden, Privatbesitz,

Markgräflich Badische Verwaltung, Salem

Freiheit

und Glaube

Die Geschichte der

Evangelischen

im Rosenheimer Land

Dokumentation

75 Jahre


Freiheit und Glaube

Die Geschichte der Evangelischen im Rosenheimer Land

Dokumentation


Herausgeber:

Evangelisch-Lutherisches Dekanat Rosenheim

Dekan Michael Grabow

Rosenheim 2008

Jegliche Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher vorheriger

schriftlicher Genehmigung der Rechteinhaber.

Typografie und Satz: Michael Schlierbach, schriftbildwort.de

Evangelisch-Lutherisches Dekanat Rosenheim

Königstr. 23

83022 Rosenheim

Tel. (0 80 31) 1 70 82

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www.rosenheim-evangelisch.de


Freiheit

und Glaube

Die Geschichte der Evangelischen

im Rosenheimer Land

Dokumentation

Evangelisch-Lutherisches Dekanat Rosenheim


Inhalt

6 Grußwort

8 Einleitung

11 Die Reformation in und um Rosenheim

45 Die Ansiedlung evangelischer Christen und die Entstehung evangelischen

Lebens in und um Rosenheim zwischen 1800 und 1933

57 Die Anfänge der „Protestantischen Gesammtgemeinde“ im

Kurfürstentum/Königreich Bayern

87 Die Entstehung des Dekanats Rosenheim (1928 – 1933)

101 Das Dekanat Rosenheim im „Dritten Reich“

151 Ausstellung:

Freiheit und Glaube.

Die Geschichte der Evangelischen im Rosenheimer Land

187 Ausstellung:

Protestanten unter der Burg Hohenaschau

197 Ausstellung:

Freiheit und Glaube in der Grafschaft Haag


Wir danken allen Mitwirkenden

in Dekanat und Gemeinden

sehr herzlich.

Ohne ihr Engagement

wären das Zustandekommen

des Jubiläums und der Ausstellungen

nicht möglich gewesen.

Ebenso danken wir herzlich

der Stadt und dem Landkreis Rosenheim

für alle Unterstützung.


75 Jahre Dekanat Rosenheim

Grußwort von Landesbischof Dr. Johannes Friedrich

Als sich die Notwendigkeit ergab, das

Dekanat München II zu teilen, das – mit

Ausnahme der Stadt München – ganz

Oberbayern umfasste, wählte man den

Bahnknotenpunkt Rosenheim als Sitz. Die

Errichtung erfolgte mit Wirkung vom 1.

Januar 1933. Von Rosenheim aus waren

nämlich die Pfarreien der östlichen Hälfte

Oberbayerns am bequemsten zu erreichen.

Man sieht, wie vorteilhaft es ist, wenn die

Kirche moderne Verkehrs- und Kommunikationswege

beachtet. Das Pfarrhaus, jetzt

Dekanat, und die Kirche in Rosenheim waren

einst direkt dem Bahnhof gegenüber

errichtet worden – bis der Bahnhof verlegt

wurde. Jetzt ist der ehemalige Bahnhof

das Rathaus, der Lokschuppen ein Museum von überregionaler Bedeutung.

In heutiger Zeit ist das Gegenüber zum Rathaus wichtiger als die

Nähe zum Bahnhof. Also: damals wie heute eine Lage, wie man sie sich

nicht besser wünschen kann.

Die vor 1960 gegründeten Kirchengemeinden in Ostbayern werden

zuweilen eine vergleichbare Lage in Bahnhofsnähe haben. Evangelisch –

das hieß und heißt in vielen Gegenden immer noch: in der Diaspora

leben. Die Wege waren weit, und es war oft beschwerlich, sonntags

zum Gottesdienst zu kommen. 1945 lebten 11.000 evangelische Christen

im damaligen Dekanatsbezirk Rosenheim, davon 1.000 in der Rosenheimer

Kirchengemeinde. Kaum 10 Jahre später, 1954, war die Zahl der

Evangelischen auf 40.000 gestiegen.

6 Freiheit und Glaube


Inzwischen sind die Dekanatsbezirke Traunstein, Freising und Bad Tölz

gegründet worden. Die Entfernungen sind für die Pfarrerinnen und

Pfarrer nicht mehr so groß, wenn sie zu einer Konferenz zusammenkommen.

Die Zahl der Evangelischen aber ist nicht kleiner geworden.

Der Dekanatsbezirk in seinen jetzigen Grenzen zählt rund 50.000 evangelische

Christinnen und Christen.

Überschaut man den Dekanatsbezirk auf der Landkarte, gerät man

ins Schwärmen: Da, wo halb Deutschland Urlaub macht, sind die

Evangelischen im Dekanat Rosenheim zuhause: Chiemsee, Wasserburg,

Inntal, Samerberg, Kampenwand … ja, da lässt sich´s leben. Da wollen

viele leben. So haben die Gemeinden Zuzug aus ganz Deutschland.

Und viele, die zuziehen, pflegen ihre kirchliche Bindung.

Als ich vor einigen Jahren zum Dekanatsbesuch in den Gemeinden

war, ist mir vor allem das ausgezeichnete ökumenische Klima aufgefallen.

Die Evangelischen sind keine Minderheit, die sich verstecken muss,

sie gehören dazu.

Zu den herkömmlichen sind viele neue übergemeindliche Aufgaben

gekommen, vor allem im Bereich von Diakonie, Tourismus- und

Krankenhausseelsorge. Der Dekanatsbezirk hat sich dazu gut aufgestellt.

Als Landesbischof danke ich allen Haupt- und Ehrenamtlichen für

ihren tatkräftigen Einsatz. Ich grüße alle evangelischen Christinnen

und Christen und wünsche den Kirchengemeinden und Einrichtungen

Gottes Segen und Fortune für ihre weitere Arbeit zum Lobe Gottes und

zur Freude und Hilfe für die Menschen.

Dr. Johannes Friedrich

Landesbischof

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 7


Freiheit und Glaube

Die Geschichte der Evangelischen im Rosenheimer Land

Das evangelische Dekanat feiert sein

75jähriges Bestehen.

Doch die ältesten Spuren evangelischen

Lebens finden sich bereits

in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Die Reformation Martin

Luthers hinterließ im 16. Jahrhundert

deutliche Spuren, auch in Oberbayern.

Schon in den 20er Jahren des 16.

Jahrhunderts wurde in Wasserburg

evangelisch gepredigt. In der Reichsgrafschaft

Haag führte Graf Ladislaus

von Fraunberg die Reformation ein

und unterschrieb die Confessio Augustana,

das evangelische Bekenntnis.

Unter dem jungen Herzog Albrecht

V. forderten die bayerischen Landstände, unterstützt von Pankraz von

Freyberg, Herr von Hohenaschau und Wildenwart, den Laienkelch

beim Abendmahl. In Rosenheim und an vielen anderen Orten wurde

in dieser Zeit das Abendmahl in beiderlei Gestalt von Brot und Wein

gereicht, die Psalmen auf Deutsch gesungen und das „Salve Regina“

durch das „Salve Rex Christe“ ersetzt.

Ein Neuanfang geschah um 1800, als sich Pfälzer Kolonisten in Großkarolinenfeld

niederließen. Unter ihnen fanden sich auch zahlreiche

Protestanten. Die evangelische Kirche von Großkarolinenfeld ist die

älteste evangelische Kirche Oberbayerns.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der Evangelischen in

und um Rosenheim stetig zu. Weitere Kirchen wurden gebaut.

8 Freiheit und Glaube


1933 wurde Rosenheim zum Sitz des neu gegründeten Dekanats Rosenheim,

in dem heute rund 50.000 Protestanten leben.

Mit diesem Heft / dieser CD-ROM legen wir eine Dokumentation

der wichtigsten geschichtlichen Ereignisse vor. Diese Dokumentation

gewährt einen faszinierenden Blick auf das evangelische Leben einst

und jetzt. Schwerpunkte bilden die Zeit der Reformation, der Neuanfang

im 19. Jahrhundert, die Dekanatsgründung und die Zeit des

„Dritten Reiches“.

Eine Geschichte und Darstellung der einzelnen Kirchengemeinden

sowie der Werke und Dienste findet sich in dem Dekanatsbuch „Rosenheim

– ein Dekanat in Oberbayern“, das 1991 vom Dekanatsbezirk

herausgegeben wurde. Diese Geschichte, vor allem nach 1945, zu

erarbeiten und darzustellen, wird einer eventuellen späteren Auflage

vorbehalten sein müssen.

Ich wünsche Ihnen einen faszinierenden Blick auf ein weithin unbekanntes

evangelisches Oberbayern.

Ihr Michael Grabow

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 9


10 Freiheit und Glaube


Die Reformation in und um Rosenheim

Von Michael Grabow

1. Die Anfänge

1.1. Über wen kam die Reformation nach Rosenheim?

Bereits kurz nach Martin Luthers Thesenanschlag 1517 finden sich erste

Hinweise auf Anhänger der Reformation im Umkreis Rosenheims.

Einer der Ursprungsorte ist sicher das Kloster der Augustiner-Eremiten

in Ramsau bei Haag. Diesem Orden und dem Augustiner-Eremiten-

Kloster in Erfurt gehörte ja von 1505 bis 1525 auch Martin Luther selbst

an. Durch eine Klosterreform im 15. Jahrhundert hatten die Augustiner-

Eremiten in Deutschland einen engen und intensiven geistigen wie

personellen Austausch begonnen. Dieser Austausch führte zum einen

dazu, dass reformatorisches Gedankengut sich außerordentlich schnell

über viele der Augustinerklöster verbreitete. Zum anderen besuchten

sich Augustiner-Eremiten gegenseitig zu Austausch und Studium in

den Klöstern vor allem der Städte. So reiste zum Beispiel der Prior des

Klosters Ramsau bei Haag, Martin Glaser, der aus Nürnberg stammte

und in Wittenberg auch bei Luther studiert hatte, später immer wieder

in Städte der Reformation, wie Augsburg oder Nürnberg. 1 Seine Verbundenheit

mit Martin Luther, der ihn einmal seinen „guten Mitbruder

und Klosterling“ nannte, bewies er durch einen Besuch bei Luther, als

dieser das schwierige Religionsgespräch mit Kajetan in Augsburg führte.

Er stellte Luther bei seiner anschließenden Flucht nach Nürnberg auch

sein Pferd zur Verfügung. 2 Wohl vor allem auch über Glaser und seine

1 Hans Rößler, Geschichte und Strukturen der evangelischen Bewegung im Bistum

Freising, Nürnberg 1966, S. 186. Die Zitate folgen, wenn nicht anders angegeben,

diesem Buch.

2 vgl. Luthers Brief an Glaser, Wittenberg 1519 V 30, Martin Luther, Werke (WA),

Weimar 1883 ff, Briefe 1 (Weimar 1930), S. 408 ff: Luther bittet Glaser, den Verlust

des Pferdes zu verschmerzen. Er fährt fort: „Deo sine dubio dedisti, non

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 11


Mitbrüder kamen die Menschen in und um Haag sehr früh mit der

Reformation in Berührung.

Der hohe, humanistisch geprägte Bildungsstand brachte die Augustiner

sehr schnell mit dem Gedankengut der Reformation in Verbindung.

Der Münchner Professor und Prior von Staupitz 3 , Ordensvikar der

deutschen Augustiner-Eremiten, war an der Gründung der Wittenberger

Universität beteiligt gewesen und ein Beichtvater und väterlicher

Freund Luthers. Der spätere Münchner Prior Wolfgang Käpplmair lehrte

von 1507 bis 1510 als Professor Philosophie und Theologie ebenfalls

in Wittenberg. 4

Und diese ganz sicher von Luther beeinflussten Klostervorsteher

wirkten nun von Ramsau und München aus weiter in ihre Klöster und

über Predigt und Seelsorge weit hinaus in die Städte und Dörfer. Es

entstanden geistig sehr rege Laienkreise, die den Augustinerpredigern

ein anspruchsvolles Publikum boten.

Ein zweiter wichtiger Faktor gerade im Inntal und entlang den

großen Handelsstraßen war der Ideenaustausch über Fuhrleute, Säumer,

Schiffsleute und Handelsherren. Sie reisten weit im Land herum

und kamen so am schnellsten mit neuen Nachrichten und Gedanken in

Berührung. Sie waren auf den Märkten und in den Gastherbergen auch

gesuchte Neuigkeitenlieferanten. So ist es kein Wunder, dass gerade

in den drei großen Handelszentren des Herzogtums Bayern, München,

Landshut und Wasserburg, sehr früh Luthers und auch Zwinglis Lehre

verbreitet wurde. Kristallisationsorte waren die Gasthäuser und Herbergen,

sehr bald auch die Handelshäuser der ortsansässigen Kaufleute.

Viele Kaufleute schickten ihre Söhne zur Ausbildung und zum Studium

in die Städte und an die Universitäten. Nicht wenige dieser Söhne

brachten dann die neue Lehre mit und wollten sie auch praktizieren,

nicht zuletzt durch Teilnahme am Abendmahl „sub utraque“, also in

beiderlei Gestalt, Brot und Wein.

Besonders von Wasserburg wissen wir, dass die handeltreibenden

Familien sehr stark an reformatorischen Bestrebungen beteiligt waren;

mihi“ – „Gott hast Du es ohne Zweifel gegeben, nicht mir.“

3 v. Staupitz hatte Luther in einer entscheidenden Phase seines Lebens begleitet. Er

hatte ihm nahegelegt, den Doktorgrad zu erwerben, damit Luther später die Professur

v. Staupitz´ in Wittenberg übernehmen könne. Auch hatte er Luther zum

Subprior und Klosterprediger in Erfurt berufen. Besonders dieses Predigeramt

hatte Luther, der später ein begnadeter und berühmter Prediger werden sollte,

außerordentlich geängstigt.

4 Hans Rößler, a.a.O., S. 186

12 Freiheit und Glaube


gleichzeitig bildeten diese Kaufleute die oberste Schicht des Stadtbürgertums

und hatten so als Ratsherren direkten Einfluss auf die Geschicke

der Stadt, bis hin zur Besetzung der Pfarrerschaft. 5

Auch Wandergesellen, Fremdarbeiter und Handwerker, unter ihnen

nicht zuletzt die in Aibling besonders starke Maurer- und Steinmetzzunft,

brachten die evangelische Lehre ins Land rund um Rosenheim.

So zogen Saisonarbeiter aus den „notigen“ Gebieten des Aiblinger

Landgerichts jedes Frühjahr hinaus nach Böhmen und in die überwiegend

evangelischen Reichsstädte und kamen dann im Herbst voller

„sektischer Missbräuche“ 6 zurück in ihre Heimat, wie der Propst Valentin

von Weyarn einmal klagte.

Als dann erst einmal der Same der Reformation gelegt war und

immer weiter keimte, wurden durch herumreisende Buchhändler

Schriften der Reformation verbreitet und an Bauern, Bürger und Geistliche

verkauft. Diesen war dieses Schriftgut im wahrsten Sinne so teuer,

dass manchmal mehrere zusammenlegten, um eine Bibel oder ein Buch

zu erwerben. So wird aus dem Jahr 1556 berichtet, dass einige Bauern

aus Au bei Aibling zum Erwerb einer Züricher Bibel zusammengelegt

hatten. 7 Der Preis war offensichtlich so hoch, dass einer allein sich

diese Bibel nicht hätte leisten können. Er lag bei einer Bibel etwa auf

dem Niveau eines knappen Monatslohnes für einen Handwerker oder

dem Preis für ein fettes Mastschwein.

Auch Hauspostillen, Gebets- und Liederbücher waren vor allem

beim Volk sehr gefragt, während die Geistlichen vor allem Kommentare

biblischer Bücher und Predigtsammlungen bevorzugten, die sie für

ihre gottesdienstliche Arbeit gut brauchen konnten.

5 Zu nennen wären hier z.B. die Kienberger und Kern in Wasserburg, die Schiffsmeisters

und Gastwirtsfamilie Stier in Rosenheim. Der aus der Wasserburger

Händlerfamilie Gumpelzheimer stammende Jakob Gumpelzheimer taucht später

in Linz und dann als Religionsflüchtling in der evangelischen Reichstadt Regensburg

auf; er zeigt so die Wege auf, die der Schiffshandel von Wasserburg aus über

Inn und Donau nahm, und über unter anderem die wohl auch die evangelische

Lehre ins Inntal gekommen war. (a.a.O. S. 198)

6 Staatsarchiv Oberbayern (STO), Landgericht (LG) 109/87/10

7 Bayerisches Hauptstaatsarchiv München (HSTA), Staatsverwaltung (STV) 3019, fol.

244 f.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 13


1.2. Was war die reformatorische Bewegung

und was machte sie interessant?

Nach außen hin war die Reformation eine Protestbewegung, nach

innen und in die Tiefe gesehen aber eine echte Frömmigkeitsbewegung.

Beides entsprach zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Bedürfnissen des

geistig und geistlich erwachenden Bürgertums und der unter Leibeigenschaft

und Unterdrückung stöhnenden und zunehmend aufbegehrenden

Bauernschaft.

Der Protest der von der Reformation berührten Laienkreise richtete

sich auf die Messe, die Heiligenverehrung und den Klerus selbst. Bei

der Messe protestierte man gegen das Verständnis, dass der Besuch

und das Abhalten von Messen zum Beispiel als Totenmesse verdienstlich

sei und man sich und die Toten durch das damit verbundene „Opfer“

gewissermaßen von Sünden loskaufen könne. Damit verbunden

war die Kritik an Theologie und Vollzug der Eucharistie. Man lehnte

die Anbetung und Präsentation der Hostie zum Beispiel bei Prozessionen

ab und forderte den Laienkelch für alle.

Die Marien- und die Heiligenverehrung wurden ebenfalls scharf

abgelehnt. Dadurch wurde das Wallfahrtswesen, das gerade erst seit

einem halben Jahrhundert in Blüte stand, in seinem Mark getroffen. In

St. Wolfgang bei Haag kamen die Wallfahrten gar völlig zum Erliegen.

In Rosenheim und Wasserburg wurde bereits kurz nach 1520 das „Salve

Regina“, das sich an Maria richtete, umgedichtet in ein „Salve Rex

Christe“ und so auch in den Gottesdiensten gesungen. 8 Dabei wurden

alle auf Maria bezogenen Aussagen auf Christus hin gedeutet und

formuliert – ein urreformatorisches Anliegen.

Bei der Kritik am niederen Klerus wird heute meist das Konkubinat

an erster Stelle genannt. In der Tat lebte zu Beginn des 16. Jahrhundert

mehr als die Hälfte der Pfarrerschaft ganz offen mit Frauen zusammen

und hatte zum Teil mehrere Kinder. Das wurde aber kaum als anstößig

erlebt. Viel stärkere Kritik richtete sich gegen das weitverbreitete völlige

Unwissen des niederen Klerus in Bezug auf Bibelkenntnis und

Theologie. Diese Kenntnislosigkeit und theologische Unbedarftheit

wurde von den Laien vor allem bei der sonntäglichen Predigt erlebt

8 Für Wasserburg sh. Simon, Zeitschrift für Bayerische Kirchengeschichte (ZbKG) Bd.

30 (1961), 136 A. 57; für Rosenheim sh.Visitationsprotokoll von 1560; HSTA, Hochstift

Freising, Lit. 138, fol. 544 ff.

14 Freiheit und Glaube


und erlitten. Und wegen der gestiegenen geistigen und geistlichen Ansprüche

entstand nun hier Unzufriedenheit und Protest.

Die protestantische Bewegung nahm nun diese drei zentralen Kritikpunkte

auf, bot theologisch fundierte Alternativen und verband sie mit

einer tiefen und echten Frömmigkeit. Die Verwendung der deutschen

Sprache für den gesamten Gottesdienst, auch für die Spendung der

Sakramente, tat ein Übriges. Endlich verstanden die Gläubigen, was da

geschah. So nahmen viele Menschen, auch Bauern aus dem ländlichen

Raum, weite Wege in Kauf, um ihre Kinder „deutsch taufen zu lassen“

und die Eucharistie auf Deutsch zu feiern und unter Brot und Kelch zu

empfangen.

Aus diesem Bedürfnis entstand dann auch bald die für Südostbayern

typische Form des „Auslaufens“ evangelisch glaubender Christen hin zu

den evangelischen Gottesdiensten in evangelischen Grafschaften und

in den Märkten und Städten mit evangelisch gesonnenen Pfarrern. Sie

liefen allsonntäglich lange Strecken, um in Rosenheim, Aibling, Pang,

Haag, Maxlrain, Aschau evangelisch predigen zu hören und Gottesdienst

zu feiern. Deshalb trachteten die katholisch gesonnenen und

Aufruhr fürchtenden bayerischen Herzöge dieses „Auslaufen“ bald zu

unterbinden und stellten bewaffnete Posten an den Straßen auf, die

zum einen abschreckend wirken sollten, zum anderen aber hartnäckige

Evangelische verhaften und den Gerichten zuführen sollten.

2. Die erste Welle der Reformation in den 1520er Jahren

Martin Luther war bis 1520 im breiten Volk weniger als Reformator,

sondern vor allem als der – allerdings meistgelesene – religiöse Schriftsteller

und Seelsorger bekannt. Seine polemischen Schriften gegen

ein fehlgeleitetes Papsttum und eine reformbedürftige Kirche waren

im Wesentlichen nur den Humanisten bekannt. Mit den drei großen

reformatorischen Schriften des Jahres 1520 („An den christlichen Adel“,

„Von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ und „Von der

Freiheit eines Christenmenschen“) änderte sich das grundlegend. Nun

war Luther breiten Volksschichten auch als Reformator bekannt. Sein

Anliegen einer Reform von Kirche, Theologie und Adel wurde in allen

Volksschichten heiß diskutiert.

Das geschah auch in und um Rosenheim. Besonders viele Dokumente

haben wir aus Wasserburg, dem Bereich des Landgerichts Aibling

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 15


und aus Teilen des Chiemgaus. Vor allem in Wasserburg, wo die

Reformation vom dortigen Klerus, aber auch von Teilen des Stadtrates

unterstützt wurde, kam es bald zu Gegenreaktionen der geistlichen und

weltlichen Macht. Da die bayerischen Herzöge zwar selbst eine Kirchenreform

durch die Bischöfe forderten, aber durch Luthers Schriften

Angst vor Aufruhr und Aufstand hatten, hatten sie am 5. März 1522 ein

erstes Religionsedikt gegen die Anhänger der neuen Lehre erlassen.

Dieses hatte jedoch nur wenig Wirkung gezeigt. Auch eine Mehrheit

des Rates der Stadt und wohl auch der Bürgermeister waren anscheinend

evangelisch gesonnen und zeigten wenig Eifer, dieses Edikt umzusetzen.

So statuierten die Herzöge Ende 1525 gegen die Wasserburger

Geistlichen Georg Ammann, Johannes Hörl und Michael Haydnecker

ein Exempel, ließen Johannes Hörl am 11. Mai 1526 in Wasserburg enthaupten

und sperrten die anderen beiden in ewige Kerkerhaft. Dieses

Exempel scheint seine Wirkung auf die Wasserburger Bürgerschaft

nicht verfehlt zu haben.

Wie im Umland kamen auch Rosenheimer Bürger bereits zu Beginn

der 20er Jahre mit der Reformation in Berührung. Aus der Wasserburger

Reformationsgeschichte können wir lernen, dass zu dieser Zeit

das Wirken von Laien und Pfarrern, die der neuen Lehre zuneigten,

sich zunächst eher in kleinen und privaten Zirkeln abspielte als in einer

großen Öffentlichkeit 9 . Ganz parallel gab es auch in Rosenheim eher

private Zusammenkünfte, in denen die Bibel oder Luthers Schriften

gelesen wurden. Aber es gibt zwischen 1520 und 1527 aus Rosenheim

keinen Nachweis über einen Geistlichen, der der Reformation anhing

und dieses auch in Gottesdiensten liturgisch umsetzte. Und so wurden

in Rosenheim, anders als in Wasserburg, keine Priester oder Bürger

angeklagt, der Reformation anzuhängen. 10

Wahrscheinlich hat auch der Prozess gegen die Wasserburger

Priester weit ins Umland hinausgewirkt und die Anhänger der neuen

Lehre zur Vorsicht gemahnt. So haben die Wiedertäufer, anders als in

anderen Gegenden, in Wasserburg keine Bedeutung erlangt. 11

9 Hans Rößler, a.a.O. S. 81

10 Viele sehr aufschlussreiche Nachrichten über die evangelische Bewegung in

Südost-Oberbayern haben wir ja aus den entsprechenden Gerichtsakten. Auch

deshalb gibt es über diese Zeit über Rosenheims Evangelische keine schriftlichen

Dokumente. Dazu kommt, dass in Rosenheim selbst durch Brände die Archive

aus dieser Zeit weitgehend ein Raub der Flammen wurden

11 Hans Rößler, a.a.O., S. 83

16 Freiheit und Glaube


Die Wiedertäufer hatten die Kindertaufe für ungültig erklärt, da nur

eine auf Grund eigener Glaubensüberzeugung begehrte und erfolgte

Taufe vor Gott Bestand haben könne. Deshalb verlangten sie, dass alle

zum Glauben gekommenen Christen sich als Erwachsene erneut (=wieder)

taufen lassen sollten. Sie wurden deshalb Wiedertäufer genannt.

Diese Wiedertäufer erlangten in weiten Teilen Deutschlands zur Mitte

der Zwanzigerjahre eine zunehmende Bedeutung. Sie radikalisierten

die evangelische Bewegung vorübergehend und fanden ihre Anhänger

fast nie in den noch nicht von der evangelischen Lehre berührten Gebieten,

sondern meist in den bereits existierenden evangelisch gesonnenen

Gruppen in vielen Städten.

In Wasserburg also spielten die Wiedertäufer nach Quellenlage keine

Rolle. Wir wissen aber, dass 1527 und 1528 die Wiedertäufer in Rosenheim,

Aibling und Aurpurg (Oberaudorf) Anhänger gefunden haben,

von denen manche wegen ihres standhaften Verhaltens dann auch

gefoltert und hingerichtet wurden. 12 Das ist ein weiterer deutlicher Hinweis,

dass es vorher bereits Anhänger der Reformation gegeben haben

muss, an die die Täufer anknüpfen konnten.

Um dieser Radikalisierung durch die Wiedertäufer zu wehren und die

evangelische Bewegung insgesamt mit Gewalt zu beenden, griffen die

Behörden auch im Herzogtum Bayern immer härter durch. Die Herzöge

hatten zwar ein starkes Interesse an Reformen in der bisherigen Kirche,

aber gleichzeitig Sorge, dass die „Neue Evangelische Lehre“ zu Unruhe

und Störung der bisherigen staatlichen Ordnung führen werde. So

bekämpften sie diese neue Lehre, um ihre eigene Herrschaft zu sichern

und gleichzeitig auch die kirchliche Ordnung wiederherzustellen.

Wenn schon die katholische Kirche in diesen Jahren nicht zu durchgreifenden

Reformen in der Lage war, so sollte doch die bisherige Ordnung

und damit auch die Ruhe wiederhergestellt werden.

Schon nach dem Niederschlagen der Bauernkriege 1525, die außerhalb

des Herzogtums Bayern geblieben waren, hatten die Herzöge zum

ersten Mal gesehen, dass man mit harten Strafen und erfolgreich gegen

die „Ketzer“ vorgehen könne, auch ohne, dass die alte Kirche Reformen

durchgeführt hatte. Als nun die Wiedertäufer auch in vielen Teilen

des bayerischen Herzogtums immer mehr Anhänger fanden, griffen

die Behörden 1527 bis 1528 massiv durch und verhängten auch gegen

12 Vgl. Pernöders Chronik in der Bayerischen Staatsbibliothek, München, Cgm. 1594,

fol. 27 f.; ferner HSTA, STV 2778, fol. 186 u.a.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 17


Priester die Todesstrafe, so dass das dritte Religionsedikt von 1531 nur

noch wenige ernsthafte Gegner vorfand.

Sie hatten damit zumindest vorläufig ihr Ziel erreicht. Jedenfalls

spielte die evangelische Bewegung zwischen 1530 und 1550 keine

nennenswerte öffentliche Rolle im Herzogtum Bayern und damit auch

nicht in Rosenheim. Dennoch sind auch nach 1530 mit Sicherheit Evangelische

im Rosenheimer Land geblieben und haben ihren Glauben

gelebt, wenn auch nicht öffentlich, sondern im Verborgenen. Anders

wäre das neuerliche Erstarken der evangelischen Bewegung nur 20

Jahre später kaum erklärlich.

3. Die evangelische Bewegung in Rosenheim ab 1550

Im 16. Jahrhundert war Rosenheim kirchlich gesehen nur ein Filialort

der Pfarrei Pfaffenhofen. Die Äbtissin von Frauenchiemsee, zu

deren Stift auch die Pfarrei Pfaffenhofen gehörte, hatte das Recht, in

Rosenheim Pfarrer einzusetzen. Allerdings hatte die Rosenheimer

Bürgerschaft um 1550 in einem Vertrag mit Frauenchiemsee erreicht,

dass sie selbst einen Priester und einen Prädikanten einsetzen durften.

Damit war das wichtigste kirchliche Amt für Rosenheim in den Händen

des Rosenheimer Rates.

1558 beruft der Rat von Rosenheim den Priester Wolfgang Muerpeckh

13 nach St. Nikolaus. In einem späteren Schriftwechsel heißt es

dazu, er sei vor allem wegen seiner Bereitschaft berufen worden, das

Abendmahl in beiderlei Gestalt, also in Brot und Wein zu feiern. 14 Offensichtlich

war dem Rat als oberstem Vertreter der Stadt Rosenheim

dieses Feiern des Abendmahls mit Laienkelch besonders wichtig. Das

zeigt, wie sehr gerade auch die Stadtoberen immer noch oder wieder

von der evangelischen Lehre geprägt waren. Daraus ist zu schließen,

dass die Reformation in Rosenheim nicht erst 1558, sondern schon

seit längerer Zeit wieder heimisch geworden war und weite Kreise der

Stadt, nicht zuletzt auch die Stadtspitze, erfasst hatte.

Die herzögliche Deklaration vom 31. März 1556, die Herzog Albrecht

nur unter politischem Druck erlassen hatte, hatte zwar denen, die aus

13 Der Name Muerpeckh findet sich mehrfach in etwas unterschiedlicher Schreibweise.

Die Identität der Person ist aber gesichert.

14 Er sei „insonderheit propter communionem sub utraque aufgenommen“; aus

einem Brief des Herzogs an die Stadt Rosenheim aus dem Jahr 1559 (Bayer. Staatsarchiv

für Oberbayern, München, GL 3578/93

18 Freiheit und Glaube


Gewissensgründen die Kommunion in Brot und Kelch feiern wollten,

Straffreiheit zugesichert, ansonsten aber enge Grenzen gezogen: keine

Feier in deutscher Sprache, keine Kommunion außerhalb der Messe.

In den Kreisen der evangelischen Bewegung war nun diese Deklaration

weitgehend missverstanden worden. An manchen Orten, auch

in Rosenheim, sah man in ihr geradezu einen Freibrief, jetzt in aller

Öffentlichkeit einen evangelischen Abendmahlsritus einzuführen.

Und das eigentliche Ziel, das Herzog Albrecht mit ihr verfolgt hatte,

wurde gänzlich verfehlt: nämlich den Evangelischen die Rückkehr

in den Schoß der alten Kirche zu erleichtern. Das genaue Gegenteil

geschah – die Deklaration förderte die evangelische Bewegung, anstatt

sie zu beenden. So sah sich der Herzog bereits im Frühsommer 1558

genötigt, den ursprünglichen Sinn seiner Deklaration durch ein neuerliches

Religionsmandat in Erinnerung zu rufen und alle weitergehenden

Neuerungen drastisch zu untersagen. Darüber hinaus stellte er die

privaten Zusammenkünfte der Evangelischen in „winckhln, heusern, …

wierdt- und ladschaften“ sowie das „Auslaufen“ an protestantische Orte

unter strenge Strafe. 15

Diese ab 1558 eingetretene Verschärfung der herzöglichen Religionspolitik

bekam sehr schnell auch Wolfgang Muerpeckh zu spüren. Da er

bei der Messliturgie die deutsche Sprache verwendete und außerdem

die Kommunion nicht nur in der Messe, sondern auch bei Hausbesuchen

und kranken Menschen, also nach dem herzöglichen Verständnis

in „winckhln, heusern,“ reichte, war die Toleranz der herzöglichen

Behörden bei weitem überschritten.

Gemeinsam mit den Geistlichen von Au, Berbling und Irschenberg

wurde er verhaftet und nach München in den Falkenturm verbracht.

Nach vierwöchiger Haft wurde er durch die herzöglichen Behörden

dem Bischof von Freising übergeben und durch herzogliches Gebot des

Landes verwiesen. 16

Durch Vermittlung des Herrn von Hohenaschau, Pankraz von Freiberg,

fand Muerpeckh bereits im September 1558 eine neue Stelle in

der evangelischen Kirche Württembergs, wo er bis 1582 als Pfarrer in

Hermaringen wirkte. In der Kirchenvisitation von Hermaringen heißt

es im Jahr 1581: „Wolfgang Maurpeck, alt 71 Jahr, bei dieser Kirchen in

15 HSTA, STV 3019. 219`- 223

16 HSTA, STV, 3019, fol. 206`, und Archiv des Historischen Vereins Oberbayern,

Urkunde 937, Beilage

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 19


dinsten gewesen 23 jar, versiet sein Kirchen, dass jederman seins dinst

vergnueget ist.“ 17

Von diesem Zeitpunkt der Entfernung Muerpeckhs aus Rosenheim

an machte es der Herzog zur Bedingung, dass der Kandidat durch den

Münchner Religionsrat geprüft und zugelassen wurde. Das trug sicher

dazu bei, dass sich die Neubesetzung der Stelle äußerst schwierig

gestaltete. Der Rat des Marktes war „durchaus in der Religion vergift“,

wie es der Religionsrat in München niederschrieb. 18 Die Kreise, die

bisher die Kommunion in beiderlei Gestalt genommen hatten, gehörten

zur tonangebenden Oberschicht: Schiffsmeister, Pfleger, Richter,

Gerichts- und Marktschreiber, Ratsherren. Man kann sich vorstellen,

wie auseinanderstrebend die Vorstellungen von Rechtgläubigkeit und

wie unterschiedlich die Ansprüche an den neuen Pfarrer waren, und

wie schwierig sich in der Folge die Verhandlungen zwischen den Vertretern

des Marktes und dem Religionsrat in München gestalteten.

Mehr als anderthalb Jahre sollte sich die Wiederbesetzung der Stelle

schließlich hinziehen und auch nur von kurzer Dauer sein.

Der zunächst ins Auge gefasste Pfarrer Andreas Schiller lehnte

seine Berufung ab. Der von den Rosenheimern vorgeschlagene Frühmesser

Michael Scherer fand im Examen des Religionsrates keine

Gnade. Schließlich willigte die Regierung in München im Januar 1560

in die Anstellung des Geistlichen Johannes Ameranger ein, obwohl

man „seiner geschickhlichkhait etwas zweifl und fürsorg“ trug. 19 Diese

Zweifel waren offensichtlich durchaus berechtigt. Denn eine nachträglich

durchgeführte Examination Amerangers durch den Religionsrat

in München zeigte ihn derart ungeschickt, „das er weiter dabei nit

zu gedulden, auch ine derwegen aus unserem fürstenthumb schaffen

lassen“. 20

Dass Ameranger unverzüglich des Landes verwiesen wurde, zeigt,

dass er weniger wegen mangelnder Kenntnisse oder sonstiger Ungeschicklichkeit

in Ungnade gefallen war, sondern wegen einer Hinneigung

zur evangelischen Lehre.

Die Rosenheimer mussten sich also neuerlich nach einem geeigneten

neuen Pfarrer für ihre Prädikatur umsehen. Sie ließen sich von ihren

17 Zitiert nach: „Evangelisches Leben in Rosenheim zur Zeit der Reformation, S. 17,

in: Rosenheim, ein Dekanatsbezirk in Oberbayern, Rosenheim 1991, Selbstverlag

des Evang.-Luth. Dekanats Rosenheim

18 HSTA, STV, 2780, fol 318 in Randbemerkung

19 Zitiert nach H. Rößler, a.a.O. S. 177

20 A.a.O.

20 Freiheit und Glaube


isherigen Erfahrungen nicht abschrecken und stellten Johannes Klinger

aus Wasserburg an. Dieser hatte bereits eine interessante Biographie

21 hinter sich, die deutlich machte, dass auch er der evangelischen

Lehre zumindest nicht abgeneigt war. Dass die Münchner Regierung

dazu ihre Zustimmung gab, ist nur durch den damals herrschenden

schlimmen Priestermangel zu erklären.

Klinger, ein gebürtiger Wasserburger, war in seiner Jugend in Rom in

das Franziskanerkloster Ara Coeli eingetreten, hatte dort die Profess

abgelegt und die niederen Weihen empfangen, was er übrigens später

energisch abstritt. Vor seiner Priesterweihe verließ er das Kloster und

kehrte nach Deutschland zurück. In Freising ließ er sich jetzt zum

Priester weihen, feierte in München seine Primiz und zog dann als

wandernder Geistlicher einige Jahre im Land umher. Während dieser

Zeit war er auch 1552 einige Monate lang Helfer bei St. Anna in Augsburg,

wo damals noch das Augsburger Interim in Geltung war. 22

Hier in Augsburg heiratete Klinger eine evangelische Bürgerstochter.

Diese hielt ihm auch dann noch die Treue, als er durch den päpstlichen

Nuntius Zacharias Delphino von der „lutherischen Ketzerei“ absolviert

wurde und sich offiziell von ihr trennen musste. Klinger hatte von

ihr zahlreiche Kinder, die er auch mit nach Rosenheim brachte. Und

obwohl er sich ja offiziell von ihr getrennt hatte, kamen auch seine

ehemalige Frau und seine Schwiegermutter mit nach Rosenheim.

Seine letzte Station vor Rosenheim hieß Burghausen, wo, wie in den

meisten Gebieten an der unteren Salzach, die Kommunion in beiderlei

21 Über Klinger vgl. Fr. Roth, Augsburgs Reformationsgeschichte, 4 Bd., München

1901 – 1911, S. 404, 468, 706; sowie Pastoralblatt des Bistums Eichstätt 39 (1892),

die Wemdinger Kelchbewegung; Klinger taucht auch auf im Visitationsprotokoll

von 1560 (HSTA; Hochstift Freising, Lit. 138, fol 544)

22 1548 hatte Kaiser Karl V. nach seinem Sieg über die evangelischen Fürsten beschlossen,

der evangelischen Bewegung selbst Herr zu werden. Er nötigte auf

dem Reichstag in Augsburg den evangelischen Fürsten die Zusage ab, Gesandte

zum Trienter Konzil zu senden und sich dessen Beschlüssen zu unterwerfen. In

der Zwischenzeit (Interim) sollte durch Reichsgesetz eine weitgehende Rückkehr

der evangelischen Länder in die katholische Kirche mit Ausnahme des Laienkelchs

und der Priesterehe festgeschrieben werden. Allerdings nahmen nur wenige

evangelische Fürsten dieses Interim an. Durch den Augsburger Religionsfrieden

von 1555 wurde das Interim aufgehoben und den beiden Konfessionen ein

Existenzrecht zugebilligt. Mit der Begründung „ubi unus deus, ibi sit una religio“

wurde der Grundsatz aufgestellt, dass der Landesherr das jeweilige Bekenntnis

seiner Untertanen zu bestimmen habe. (Nach R. Stupperich, Die Reformation in

Deutschland, Gütersloh 1980, S. 1 128 ff.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 21


Gestalt gereicht wurde, und wo noch 1559 ein Priester öffentlich in den

Stand der Ehe getreten war. 23

Dieses Vorleben konnte den Rosenheimern nicht unbekannt geblieben

sein. Es steht im Gegenteil zu vermuten, dass Klinger gerade

wegen dieser seiner Vergangenheit von den Rosenheimern aufgenommen

wurde. Wenn sie schon keinen rein evangelischen Pfarrer mehr

haben konnten, so suchten sie doch einen, der ihrem Anliegen mit

Sympathie und Toleranz begegnete. Klinger, der sich einen großen Teil

seines beruflichen Lebens zwischen den konfessionellen Fronten aufgehalten

und durch seine ehemalige Frau und die Kinder einen engen

biografischen Bezug zur evangelischen Lehre hatte, schien ihnen dafür

wohl besonders geeignet.

Nicht nur Muerpeckhs und Amerangers Geschichte, sondern auch

Klingers Schicksal muss deshalb als deutliches Symptom für eine starke

evangelische Bewegung in den Kreisen der Rosenheimer Bürgerschaft

gewertet werden, die über die Besetzung der Prädikatur zu befinden

hatte.

In Rosenheim scheint Klinger die Kommunion nicht mehr in Brot

und Kelch gereicht zu haben. Seine Predigten jedoch waren anscheinend

so ausgerichtet, dass er bei den evangelischen Pfarrkindern

großen Anklang fand. Deshalb wohl auch beobachtete die Münchner

Regierung im Jahr 1563 mit Sorge, dass die Rosenheimer, die „durchaus

in der religion vergift“ waren, so großen .Gefallen an seinen Predigten

fanden. Man befürchtete wohl, er leiste gegen die evangelischen Tendenzen

zu wenig Widerstand und erfülle alle Wünsche der Anhänger

der neuen Lehre.

Ein Jahr später, 1564, wurde er anlässlich einer Visitation getadelt,

dass er die Benediktion nicht verwende. Klinger entschuldigte sich

damit, dass er die Benediktion nur bei den von der katholischen Lehre

abgefallenen Personen weggelassen habe. Außerdem warf man ihm vor,

dass seine ehemalige Frau und deren Mutter bisher stets nur unter beiderlei

Gestalt, also mit Brot und Kelch, kommuniziert hätten. Kurz, die

Visitatoren gewannen ganz offensichtlich den Eindruck, dass Klinger

nicht der geeignete Mann war, um die Rekatholisierung Rosenheims

voranzutreiben. 24

23 A. Knöpfler, Die Kelchbewegung in Bayern unter Herzog Albrecht V., München

1891

24 HSTA, STV 2780, fol 318 in Randbemerkung

22 Freiheit und Glaube


Der Herzog versetzte ihn deshalb noch im gleichen Jahr nach Wemding

im Ries, das unter dem eben verstorbenen Pfarrer Christoph Theyß

innerlich bereits längst zur neuen Lehre übergetreten war. Durch einen

Mann wie Klinger, hoffte der Herzog, der das Besetzungsrecht für diese

Pfarrei besaß, könne er die Wemdinger, die einen völlig katholischen

Priester sicher abgelehnt hätten, wenigstens von weiteren Schritten

abhalten.

Klingers Tätigkeit in Wemding dauerte knapp drei Jahre, dann war

er auch hier für den Herzog nicht mehr tragbar. Nach der Visitation

von Wemding durch bischöfliche und herzogliche Beamte im Januar

1567 wurde er zusammen mit seinem Frühmesser aus dem Pfarramt

entfernt. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Die evangelische Bewegung in Rosenheim zeigt all die typischen

Symptome, die wir bereits an vielen anderen Orten immer wieder

kennen gelernt haben. In der Kirche und bei den Begräbnissen wurden

deutsche Psalmen gesungen. Wie in Wasserburg hatte auch hier der

lateinische Schulmeister Wagner das Salve Regina in ein Salve Rex

Christe umgewandelt. Im Markt gab es Winkelprediger und häusliche

Glaubensunterweisung. Die lutherischen Bücher wurden von reisenden

Buchhändlern nach Rosenheim gebracht und von vielen Menschen

gelesen.

Immer wieder wurde die Kommunion in Brot und Kelch verlangt. 25

Die Kreise, die bisher innerhalb ihrer Pfarrei und dann an anderen

Orten die Kommunion mit Brot und Kelch nahmen, zählten zu den

besten der Stadt. 1563 hieß es: „Pfleger, richter, gerichtschreiber, marktschreiber

und die fürnembsten des rats send all sectisch“. Von den ca.

1500 Kommunikanten des Marktes wagte der Prediger damals nur 100

als wirklich katholisch anzusprechen. Im Übrigen äußerte er damals die

Meinung, dass die Ausspendung der Kommunion unter zwei Gestalten

nach Maßgabe der herzoglichen Deklaration in Rosenheim keinen Sinn

habe, da die Pfarrkinder nicht nur die eine Gestalt, sondern die Messe

überhaupt verachteten.

Nachdem in Rosenheim die Kommunion nicht mehr in beiderlei

Gestalt, sondern nur noch in Brot gereicht wurde, gingen viele Rosenheimer

nach außerhalb des Marktes an andere Kirchen zum Abendmahl.

Wohin, das verrät uns das herzogliche Mandat vom 18. Juni 1561

25 Alle Angaben aus dem Visitationsprotokoll von 1560: HSTA, Hochstift Freising, Lit.

138, fol 544 ff

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 23


gegen das „Auslaufen“ in die Grafschaft Haag 26 . Dieses Mandat wurde

auch im Markt Rosenheim öffentlich verlesen. Noch im Dezember 1564

zählte Rosenheim zu den 13 Pfarreien im ganzen Bistum, „da es des auslaufs

halben am gefehrlichsten war“. 27

Im März 1564 konnten die Visitatoren keine der vorgeladenen Personen

dazu bringen, die Kommunion wieder nur in Brot zu nehmen.

Die Vorgeladenen baten im Gegenteil darum, dass ihnen die Kommunion

wie früher in deutscher Sprache gereicht werde. Der innere Rat des

Marktes bat dringend darum, dass auch in Rosenheim die Kommunion

wieder in der Form gespendet werde, wie sie die herzogliche Deklaration

von 1556 gestattet hatte.

Der Rat erhielt damals einen scharfen Tadel, dass er „von dem ritu

verae catholicae ecclesiae abgewichen“ sei. 28

Die Bitten der Rosenheimer hatten schließlich 1565 insofern einen

Erfolg, als der Markt nach der Publikation der Päpstlichen Kelchkonzession

einer der Orte wurde, an denen in der Messe den Laien auch der

Kelch gereicht werden durfte. Knapp 300 Personen, das sind gut 20%

der Bevölkerung, machten von dieser Vergünstigung Gebrauch.

Allerdings wurde dieses Entgegenkommen nur fünf Jahre lang

gewährt. Als die Rosenheimer im Februar 1570 von der Visitation der

Landgerichte Schwaben und Aibling hörten und erfuhren, dass die

Visitatoren auch nach Rosenheim kommen würden, da ahnten sie, was

die Stunde geschlagen hatte – und gingen alle rasch noch einmal zur

Kommunion.

Der Urheber dieser spontanen Aktion scheint der Marktschreiber

Gryll gewesen zu sein. Der Herzog war über diese „sträfliche arglistigkhayt“

sehr aufgebracht und drohte den Rosenheimern mit schweren

Strafen.

Insgesamt scheint aber das Ergebnis der Visitation für die Religionsbehörde

nicht unbefriedigend gewesen zu sein. So schickte der Herzog

zur endgültigen Bekehrung der restlichen Widerspenstigen im Juli 1570

seinen Hofprediger Johann Gressenicus nach Rosenheim.

Die entschiedensten Mitglieder der evangelischen Bewegung in Rosenheim

waren sicher bereits 1568, als Dr. Jonas Adler den Markt und

das Landgericht Rosenheim visitierte, zum Schweigen gebracht worden.

Nach der Visitation von 1570 bat der Schulmeister Andreas Meisel aus

26 HSTA, Grafschaft Haag, Lit. 30, fol. 243 f.

27 HSTA, STV 2782, fol. 48

28 Alle Angaben aus den Visiationsakten von 1564: HSTA, STV 2782, fol 187–190

24 Freiheit und Glaube


Rosenheim bei der evangelischen Kirchenbehörde in Stuttgart um Anstellung;

er war schon 1560 als Student vom Stuttgarter Kirchenkasten

unterstützt worden.

Im Januar 1571 musste der Rat ein letztes Mal diejenigen vorladen

und zum Gehorsam auffordern, die bisher noch nicht katholisch kommuniziert

hatten. Unter ihnen befand sich auch der Ratsherr Martin

Arba, der deswegen seinen Ratssitz verlor. 29

Diese Vorladung kann mit Recht als das Ende der evangelischen

Bewegung in Rosenheim gelten. Einige Rosenheimer verkauften

Haus und Besitz und verließen ihre Heimat. So auch die Nachfahren

des berühmten Schiffsmeisters Johann Stier, der seinerzeit die Sankt-

Wolfgang-Kapelle, die heutige Heilig-Geist-Kirche, mit dem berühmten

Lucca-Bild hatte errichten lassen. Aus dieser Familie gingen bedeutende

Pfarrer und Gelehrte im Hohenloher Land hervor.

Nach dem Umrittsprotokoll von 1581 war Pfarrer Martin Lindtmair

mit der religiösen Haltung von Obrigkeit und Bürgerschaft recht zufrieden.

Lediglich die Fasttage wurden noch nicht wieder korrekt eingehalten,

und der Rat sah sich deshalb veranlasst, in den Häusern Razzien

durchzuführen und nach Hinweisen auf Fleischgenuss bei Freitagsmahlzeiten

zu suchen, um die Schuldigen dann zu bestrafen. 30

Und der Herzog konnte triumphierend verkünden: „Das ganze Volk

von Rosenheim ist zum schuldigen Gehorsam und heilwertiger christlicher

Einigkeit zurückgekehrt.“

So gab es 1603, als Rosenheim zur eigenständigen Pfarrei von St.

Nikolaus erhoben wurde, keinerlei Evangelische mehr.

4. Die Evangelische Bewegung im Umland Rosenheims

Diese im Wesentlichen ähnlich wie in Rosenheim verlaufene Geschichte

kann hier nur angerissen werden. In Wasserburg, in den

Grafschaften Haag, Aschau und Maxlrain, im ganzen Bereich des Landgerichts

Aibling, im Chiemgau und an der Salzach, bis weit hinein ins

Salzburgische entstanden reformatorische Bewegungen, die weit in die

jeweiligen Orte und Pfarreien hineinwirkten und von nicht wenigen

Pfarrern auch nachhaltig unterstützt wurden.

29 HSTA, STV 2783, fol 251–253

30 HSTA, STV, 2787, fol. 271

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 25


Neben den Geistlichen wurde diese Bewegung in den Märkten und

Städten auch von vielen einflussreichen Bürgern unterstützt. In Wasserburg

gehörten noch 1570 mindestens 12 der Mitglieder des Stadtrates zu

den Evangelischen. Und sogar 1581 wurde im Rentmeisterumrittsprotokoll

noch vermerkt: „ es mechten zwen im rath vorhanden sein, so in

religione suspect sein sollen, doch lassen sie sich nit merkhen“. 31

Immerhin hat allein die Stadt Wasserburg zwischen 1550 und 1570

sieben lutherische Geistliche hervorgebracht, die später in anderen

Landeskirchen ihren Dienst taten.

Neben Geistlichen und Ratsherren aber wurde die evangelische

Bewegung getragen von vielen einfachen Menschen: von Handwerksburschen,

die ihren evangelischen Glauben von ihrer Wanderschaft

mitgebracht hatten, von Schiffsleuten und Saumknechten. Auf dem

Lande wurde die Reformation getragen von vielen Bauern, die sich

ansprechen ließen von der Ernsthaftigkeit des Glaubens, aber auch

von den Schriften der Reformation, in denen sie sich ernst genommen

sahen in ihrem Streben nach einem Ende der Leibeigenschaft.

Gerade die Bauern waren es, die noch lange über die Landesgrenzen

hin ausliefen in die evangelischen Grafschaften, um dort lutherischen

Gottesdienst zu feiern und aus der Bibel zu hören.

4.1. Aibling, Au, Berbling, Götting, Irschenberg und Pang

Das alte Landgericht Aibling ist einer der größten Gerichtsbezirke

des alten Herzogtums Bayern. Es war von vielen Handelsstraßen und

schiffbaren Flüssen durchzogen und kam so über Durchreisende und

Handelseute schnell mit geistigen Strömungen und Ideen in Berührung.

Durch den schlechten Boden waren viele Bauern auf Nebenverdienst

angewiesen als Schiffsleute, Säumer, aber auch reisende Saisonhandwerker.

So war die Aiblinger Maurer- und Steinmetzenzunft die wohl

bedeutendste Altbayerns. Auch sie kamen während ihrer auswärtigen

Tätigkeiten, Maurer und Steinmetze nicht zuletzt beim Kirchenbau, mit

reformatorischen Gedanken und Gottesdiensten in Berührung. 32

Kein Wunder, dass auch die neuen religiösen Strömungen sehr

schnell im Aiblinger Landgericht bekannt wurden und Wirkung

zeigten.

31 HSTA, STV 2787, fol. 269 f.

32 Rößler, a.a.O., S. 157

26 Freiheit und Glaube


Bereits 1527 und 1528 fanden die Wiedertäufer in Aibling, Oberaudorf

und Rosenheim Anhänger, wurden aber sofort blutig unterdrückt.

Damit war für knapp drei Jahrzehnte Ruhe mit etwaigen evangelischen

Bestrebungen.

In den 50er-Jahren muss wohl eine neue Blüte reformatorischen

Gedankenguts stattgefunden haben. Das lässt sich aus der großen Zahl

von Geistlichen ableiten, die wegen „Ketzerei“ nach München zitiert

wurden.

Bereits 1558 wurden die Geistlichen von Au, Berbling, Götting,

Irschenberg und Pang nach München vorgeladen und empfindlich bestraft.

Von den Prozessakten gegen diese Geistlichen haben sich drei

Dokumente erhalten. Diese lassen erkennen, dass in ihren Gemeinden

die evangelische Brandenburgisch-Nürnbergische Kirchenordnung des

Veit Dietrich von 1543 verwendet wurde, Dazu passt auch, dass diese

Pfarrer öffentlich lehrten, dass die Kommunion unter beiderlei Gestalt

und auch das Fleischessen an Fasttagen ausdrücklich erlaubt seien.

Wie nahe die von ihnen vertretene Lehre der Reformation stand,

wird aus der Verteidigungsschrift des Berblinger Pfarrers David Preu

ersichtlich, der offensichtlich „wohlgelehrt war und sich in der Bibel

sowie den Kirchenvätern, aber auch in der Konzilsgeschichte und den

päpstlichen Verlautbarungen sehr gut auskannte. Die Kirche war für

ihn weder an Rom noch an Wittenberg gebunden, sondern „ein Haufen

Leut“, der sich an die Lehre Christi gebunden weiß. Konzilien können

irren, wie er nachwies. Auch gab es für ihn nur zwei Sakramente (Taufe

und Abendmahl). Gerecht vor Gott mache allein der Glaube an Christus.

Reliquienkult und Wallfahrten, aber auch die Weihe von Wasser,

Kräutern und anderen Gegenständen seien abzulehnen. 33

Damit wird deutlich, dass Preu sich auf die Confessio Augustana

bezogen haben muss, was auch der Religionsrat, der gegen ihn ermittelte,

in seinen Akten notierte.

Die meisten der vorgeladenen Priester wurden des Landes verwiesen.

Einige (Arsatius Preu und Martin Stadelberger aus Au, David

Preu aus Berbling) wurden durch ein Schreiben des Grafen Pankraz von

Freiberg nach Württemberg empfohlen und erhielten dort Pfarrstellen

in evangelischen Gemeinden, wo sie alle bis ins hohe Alter ehrenvoll

wirkten. Batlthasar Steub aus Götting ging 1559 in den pfalz-neuburgischen

Kirchendienst.

33 Rößler, a.a.O., S. 161

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 27


Abraham Preu, Maternus Eisenreich und Leonhard Hagen wurden

zunächst wieder freigelassen und durften auf ihre alten Pfarrstellen

zurückkehren. Aber nur Leonhard Hagen blieb noch längere Zeit dort.

Abraham Preu ging in die Grafschaft Maxlrain und wirkte dort bis 1583

zunächst in Parsberg, dann in Miesbach und zuletzt als Schlossprediger

auf Maxlrain.

Aber auch nach 1560 wurden bei Geistlichen quer durch das Landgericht

Aibling reformatorische Schriften gefunden, von Hauspostillen

und Predigtsammlungen über eine Lutherbibel bis zur Zürcher Bibel.

Aber auch bei den Laien waren reformatorische Bücher weit verbreitet.

Sie fanden Verwendung bei den Zusammenkünften in „Winkelpredigten

und –schulen, wo man Lutherlieder sang und seinen

Katechismus studierte. Solche Zusammenkünfte gab es nach den

Visitationsakten in den Pfarreien Au, Ellbach, Högling, Irschenberg,

Neukirchen, Pang und Götting. Dort und an anderen Orten sang man

in der offiziellen Messe lutherische Choräle und deutsche Psalmen,

sicher ein Zugeständnis an die entsprechend gesonnenen.

Besonders deutlich wird der reformatorische Einfluss aber an der

Messfeier. 1560 kommunizierten im Landgericht Aibling fast ein Viertel

unter beiderlei Gestalt, in Au waren es gar 80%. Selbst 1565 waren es

trotz zunehmender Repressalien und Einschränkungen immer noch

19%. Als die Kommunion unter Brot und Wein nicht mehr möglich war,

protestierten in vielen Orten Menschen, indem sie vor der Eucharistie

demonstrativ die Kirche verließen, oder indem sie bei der „Erhebung“

der Hostie die Hüte vor das Gesicht hielten, weil sie es ablehnten, die

Monstranz anzubeten.

Auch wurde immer wieder die Einzelbeichte abgelehnt oder der

Gebrauch der deutschen Sprache bei der Taufe gefordert. Schwierigkeiten

gab es auch, wenn ein Pfarrer sich weigerte, einen „Sektischen“

auf dem Friedhof zu bestatten. 34

So war auch Jahre nach der Verhaftung und Vertreibung der reformatorisch

geprägten Priester die kirchliche Situation alles andere als

geklärt. So wurde 1564 eine Visitation durchgeführt, bei der so viele

„Sektische“ gefunden wurden, dass die Visitatoren weitere personelle

Unterstützung anforderten, um alle des Landes verweisen zu können.

Der Herzog berief deshalb im April 1564 speziell für den Bereich Aibling

in München eine Religionskonferenz ein, bei der man beschloss,

nur die Rädelsführer, immerhin noch ca. 25 Personen, auszuweisen.

34 Rößler, a.a.O., S. 165 f.

28 Freiheit und Glaube


Fast alle abgefallenen Untertanen hatten sich auf den Parsberger

Pfarrer Abraham Preu berufen, der indirekt in Diensten des Grafen von

Maxlrain stand. Es war klar, dass dieser Pfarrer starken Einfluss auf die

umliegenden Gemeinden ausübte. So erhöhte der bayrische Herzog

den Druck auf Maxlrain, Preu zu entlassen. Dieser wirkte schließlich

bis 1583, dem Jahr der endgültigen Rekatholisierung der Maxlrainschen

Besitztümer, als Schlossprediger auf Maxlrain.

1568 erfolgte eine weitere herzogliche Visitation in Aibling durch

den Hofprediger Jonas Adler. Nach Abschluss dieser Visitation sah

sich der Münchner Herzog veranlasst, den Grafen Wolfdietrich von

Maxlrain energisch auf ein Ende des Auslaufens nach Parsberg und

Frauenried hinzuwirken. Der Parsdorfer Pfarrer Abraham Preu bekannte

sich dabei offen zur Confessio Augustana.

Als Hinweis darauf, dass auch nach der Visitation von 1570 und sogar

nach der durch Exkommunikation und Handelssperre durchgesetzten

Rekatholisierung von Hohenwaldeck der religiöse Protest nicht aufhörte

und sich sogar bis ins 18. Jahrhundert fortsetzte, führt Rößler

das weit überdurchschnittliche Vorkommen alttestamentlicher Namen

gerade in den Gebieten des Landgerichts Aibling an, die im 16.Jahrhundert

am stärksten mit reformatorischem Gedankengut in Berührung

gekommen waren. Er sieht darin eine „lang anhaltende Protestwelle

gegen die katholische Heiligenverehrung“. 35

4.2. Reformatorische Spuren im Bereich Grafing

Im Raum des Landgerichtes Markt Schwaben sind für reformatorische

Tendenzen vor allem zwei Namen und zwei Pfarreien zu nennen:

In Markt Schwaben war es Pfarrer Stephan Rohrsdorfer, der die

Möglichkeiten der Münchner herzoglichen Deklaration vom 31. März

1556 aufgriff und ab diesem Zeitpunkt die Spendung der Kommunion

unter beiderlei Gestalt feierte. Das wäre noch mit der innerkatholischen

Kelchbewegung zu erklären. Aber Rohrsdorfer sprach die Einsetzungsworte

Christi in Deutsch, was verboten blieb, und ließ statt des

lateinischen Credo das Lied „Wir glauben all an einen Gott“ von Martin

Luther singen. 36

35 Rößler, a.a.O., S. 167

36 Rößler, a.a.O., S. 149

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 29


In Bruck, im südlichen Teil des Landgerichtes Schwaben, war Johann

Salzhuber Pfarrer. Er war dem unmittelbaren Zugriff des bayerischen

Herzogs entzogen, da seine Pfarrei in der Hofmark Wildenholzen lag,

die den Herren von Pienzenau gehörte. Auf Schloss Wildenholzen

wohnte Afra, die Witwe von Georg Pienzenauer, die eine der eifrigsten

Anhängerinnen der reformatorischen Bewegung in Südostoberbayern

war. Diese hatte wohl Einfluss auf Salzhubers Berufung genommen und

hielt ihre schützende Hand über ihn.

Salzhuber führte wie Rohrsdorfer die Kommunion mit Brot und

Kelch ein, auch pflegte er die Kinder in deutscher Sprache zu taufen

und ließ Lutherchoräle wie „Aus tiefer Not…“ von der Gemeinde

singen. 37

Am 29. April 1558 wurden beide Pfarrer vor den Münchner Religionsrat

zitiert und am 4. Mai dort „Irer verdechtlichen leer halben“

verhört. Über die Inhalte dieses Verhörs geben die Akten leider keinen

Aufschluss. Beide wurden, offenbar ohne Strafen, wenig später wieder

entlassen und durften in ihre Pfarreien zurückkehren.

Dennoch scheint Rohrsdorfer der Boden zu heiß unter den Füßen

geworden zu sein, denn er verlässt wenig später Markt Schwaben, „begleitet

von seiner dienerin, die er für sein eheweib ausgiebt“, wie der

Religionsrat in seinen Akten vermerkt. Rohrsdorfer begibt sich nach

Wittenberg, um dort seine Kenntnisse in der neuen Lehre zu vervollkommnen.

Salzhuber scheint sich auf die schützende Hand seiner Herrin verlassen

zu haben. Seit in den Landgerichten Aibling und Rosenheim

die vier führenden reformatorischen geistlichen Maternus Eisenreich

(Pang), Christoph Hagen (Irschenberg). Wolfgang Muurbeck (Rosenheim)

und Arsatius Preu (Au bei Aibling) verhaftet und des Landes verwiesen

waren, suchten viele Menschen nach einem anderen Ort, wo

sie einen reformatorisch gesonnenen Pfarrer fänden.

Viele von ihnen fanden ihn in Salzhuber. Aus den Visitationsprotokollen

von 1560 geht hervor, dass Menschen aus 11 Pfarreien zu

Salzhuber in den Gottesdienst kamen: aus Au, Egmating, Emmering,

Feldkirchen, Glonn, Götting, Högling, Holzen, Kirchdorf, Neukirchen,

sogar aus Schliersee. Da diese Menschen bis zu acht Stunden Fußweg

zurückzulegen hatten, entwickelte sich die Notwendigkeit einer Verpflegung

dieser weitgereisten Gäste.

37 Rößler, a.a.O.

30 Freiheit und Glaube


Salzhubers Wirken, vor allem dieser rege Zulauf, blieb natürlich nicht

verborgen. Was die bayerischen Behörden aber am meisten erboste,

war, dass Salzhuber seine Beichtlinge in die Hand verpflichtete, in Zukunft

die Kommunion nie mehr nur in einer Gestalt, also nur als Hostie

zu empfangen. Im Frühjahr 1560 ist er schließlich „entloffen“, wie

seine Kollegen im Herbst den Visitatoren berichteten.

Damit gab es im weiten Umkreis keine Möglichkeit mehr, das

Abendmahl in beiderlei Gestalt zu empfangen oder die Messe auf

Deutsch zu feiern. Denn in Wasserburg traf sich nur ein eingeschworener

und exklusiver Zirkel zur Abendmahlsfeier in Brot und Wein, Haag

aber war viel zu weit weg, und der Weg dorthin verboten und gefährlich.

Dennoch nahmen nicht wenige Menschen sogar diese weite und

gefährliche Reise auf sich – nicht wenige regelmäßig: 1563 Menschen

aus Holzen, Zorneding, Bruck und Glonn sind in einem Bericht des

Rentamtes München überliefert. 38 Aus diesem Bericht von Rentmeister

Benedikt Pirchinger und Kanzler L. Bruno vom März 1564 geht hervor,

dass die von Papst Pius IV an Neujahr 1564 angebotene Kelchkonzession

vielen Menschen nicht reichte. Sie wollten nicht nur den Laienkelch,

sondern sie wollten die Eucharistie in deutscher Sprache und vor der

Kommunion eine „teutsche vermahnung“.

Pirchinger und Bruno brachten diese Forderungen dann auf der

Religionskonferenz vor, die vom 17. bis 23. April 1564 in München

stattfand. Dort wurde allerdings beschlossen, dass die Darreichung des

Sakraments auf keinen Fall in deutscher Sprache geschehen dürfe.

Man bot allerdings als Kompromiss an, die Kommunion in Brot und

Kelch an einem Ort im Landgericht Schwaben anzubieten, nämlich in

Markt Schwaben selbst. Das wurde dann aber erst ein Jahr später in die

Tat umgesetzt.

Viele Menschen gaben sich damit zufrieden. Andere verließen das

Herzogtum.

Darüber hinaus gab es weiterhin geheime „Winkelschulen“, die sich

um Winkelprediger versammelten. Solche geheimen Treffen sind aus

Bruck, Glonn, Holzen, Schönau, Schwaber und Zorneding bekannt. In

Glonn wurden bei diesen Versammlungen auch deutsche Psalmlieder

gesungen. Auch fielen die Teilnehmer dadurch auf, dass sie über die

lateinische Messe und die lateinische Predigt spotteten. 1563 gingen immer

noch acht Glonner regelmäßig den weiten Weg zum lutherischen

38 HSTA, STV, 2780, fol 304–322

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 31


Gottesdienst nach Haag. Und als der Glonner Pfarrer 1565 über seine

Pfarrei befragt wurde, hatte er immer noch 5 „rebelles“ unter seinen

850 Kommunikanten.

In der Pfarrei Holzen versammelten sich in Aßling einige Anhänger

um Stephan Hauzenberger. Sie hatten ihm versprochen, „ … sy wellen

ym schutz halten, wo er ihres gefalens predig; wo ers aber nit tuen

wellen, seien sie ime truelich gewesn“, wie der katholische Ortspfarrer

Wolfgang Röll 1560 den Visitatoren mitteilte. Wie weit die Abgrenzung

zur Ortspfarrei inzwischen ging, wird deutlich daran, dass sie „ … begern,

da sie sterben, ins moos hinaus vergraben zwerden; und der

Schuester hat sambt seinen sönen ainen toten sectischen mit gewalt

wider des pfarrers willen vergraben“. Hauzenberger war wohl der

Wortführer dieser Gruppe. Er verlangte im Namen aller, dass ihnen das

Abendmahl der Einsetzung Christi gemäß und in seiner, Hauzenbergers,

Sprache gereicht werde.

Neben diesen Bewegungen, die sich auf den Gottesdienst beziehen,

gibt es noch kleinere Indizien für die Verbreitung reformatorischen

Gedankengutes.

So fanden sich, weit übers Land verstreut, immer wieder Bücher

reformatorischen Inhalts.

In Moosach bei Grafing wurden bei dem Pfarrer Michael Ostler

Bücher des lutherischen Theologen Caspar Huberinus 39 aus Augsburg

gefunden. Auch aus Öxing-Grafing, Schönau und anderen Orten wird

von solchen Buchfunden berichtet. Es handelte sich um Bibelkommentare,

Postillen, Bibeln, Predigtsammlungen, Katechismen und

Gesangbücher, die größtenteils auch für Gottesdienst und Seelsorge

benutzt wurden.

Über Grafing wird im Visitationsprotokoll 1560 berichtet: „Zu gräfing

sein zwen wirt, die haben postillam lutheri“. Überhaupt scheinen

Gasthäuser ein wichtiger Verbreitungsort für diese „sectischen“ Ideen

gewesen zu sein.

Seit 1565 wurde nun, wie oben erwähnt, gemäß der päpstlichen

Kelchkonzession, in der Kommunion auch der Laienkelch gereicht. Das

mag zu einer gewissen Befriedung beigetragen haben.

Im Jahr 1570 versuchte man, dieses Zugeständnis wieder zurückzuholen.

Im Februar 1570 kamen die herzoglichen Religionskommis-

39 Caspar Huberinus, *21.12.1500 in Stotzard b. Augsburg, 6.10.1553 in Oehringen,

Evang. Pfarrer und Superintendent (Oehringen), bekannt v. a. durch erbauliche

und polemische Schriften sowie Kirchenlieder

32 Freiheit und Glaube


sare 40 , unter ihnen der Hoftheologe Johann Gressenicus nach Markt

Schwaben. Sie luden die 40 Bürger, die ihnen der Rat als „Utraquisten“

genannte hatte, zu Einzelgesprächen vor. Zum allgemeinen Erstaunen

konnten sie alle 40 davon überzeugen, zur Kommunion allein unter

Brot zurückzukehren. Daraufhin wurde das Reichen des Laienkelchs in

Markt Schwaben eingestellt.

Am 20. Februar begaben sich die Visitatoren weiter nach Ebersberg.

Ihre Hoffnung, hier ebenso rasch Erfolg zu haben wie in Markt

Schwaben, wurde jedoch schnell enttäuscht. Besonders in den Pfarreien

Bruck und Glonn stießen sie auf unerwarteten Widerstand. Besonders

entsetzt zeigten sie sich in ihren Berichten über den „Unfleiß,

Ungeschicklichkeit und Wandel“, den sie beim Landklerus feststellen

mussten. Sie berichteten nach München, dass sie unter den Laien so

manche Person kennengelernt hätten, die über Glaubenssachen besser

Bescheid wusste als die Priester. Die Priesterschaft trüge an der „eingerissenen

sectischen religion“ größere Schuld als der gemeine Mann.

Mit dieser Visitation des Jahres 1570 wurde ein Schlussstrich unter

die „sectischen“ Bewegungen im Bereich des Landgerichtes Schwaben

gezogen. Zehn Jahre später sieht der Pfarrer von Markt Schwaben,

Wolfgang Rehlinger, niemand mehr „in religione suspect vorhanden“.

Er beschwert sich allerdings darüber, dass das „gemaine paursvolkh“

nicht bis zum Ende des Gottesdienstes in der Kirche bleibe.

Ausführlich nachzulesen ist das alles in den Visitationsprotokollen

von 1560, 1564, 1568 und 1570.

4.3. Die Reformatorische Bewegung

in der Grafschaft Hohenaschau und Wildenwart

Ein besonderes Kapitel bildet der Beitrag der adligen Herren von

Aschau, Haag und Maxlrain, die sich gemeinsam mit dem Grafen von

Ortenburg bei Passau darum bemühten, dem bayerischen Herzog Albrecht

die Anliegen der Evangelischen Bewegung nahe zu bringen und

so auch im Herzogtum Bayern die Reformation durchzusetzen.

40 Über diese Visitation existieren mehrere Berichte: ein offizieller Bericht der

Visitationskommissare an Landhofmeister Ottheinrich Graf von Schwarzenberg,

sowie zwei Berichte des Kommissionsmitgliedes Abraham Strobl, auch ein

Schreiben Herzog Albrechts an die Visitatoren, datiert München 1570

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 33


Eine besonders wichtige Rolle unter ihnen spielte Pankraz von Freiberg,

Herr von Hohenaschau und Wildenwarth.

Schon seine direkten Vorfahren und Verwandten waren Anhänger

oder zumindestens Förderer der Reformation gewesen. 41 So hatte ein

Angehöriger der Augsburger Verwandtschaft der Freybergs, Sebastian

von Freyberg, Luther während seines Aufentehalts in Augsburg 1518

unterstützt und förderte lutherische Prädikanten dort.

Pankraz´ Mutter, Helena von Münichau, die aus einem Tiroler Geschlecht

stammte und 1506 Onophrius von Freyberg geheiratet hatte,

kam bei Besuchen in ihrem Tiroler Besitz um 1525 mit den Täufern in

Berührung, die in Kitzbühl ein Zentrum ihrer Bewegung hatten. Bald

unterstützte Helena die Täuferbewegung in Tirol, indem sie deren

Prediger bei sich aufnahm und deren Boten zwischen den einzelnen

Gemeinden unterstützte. Auch ließ sie sich selbst die Wiedertaufe erteilen.

Dadurch geriet sie in Konflikt mit Kaiser Ferdinand, der ihre Tiroler

Besitztümer einziehen ließ, und mit dem bayrischen Herzog Herzog IV,

der 1530 versuchte, sie in Hohenaschau zu verhaften. Sie konnte jedoch

rechtzeitig fliehen und hielt sich später, von ihrer Familie finanziell

unterstützt, an wechselnden Orten auf, wo sie weiterhin, wie z.B. in

Augsburg, Täufergemeinden tatkräftig unterstützte. 1539 erhielt sie,

durch die Fürsprache einflussreicher Persönlichkeiten unterstützt, ihre

Besitzungen zurück und konnte nach Bayern und Tirol zurückkehren.

Trotz eines 1534 geleisteten Widerrufs hielt sie bis an ihr Lebensende

Kontakte zu den Führern der täuferischen Bewegung aufrecht. 42

Es liegt nahe, dass sich die Gesinnung der Herrschaft und die Nähe

von Kitzbühl auch auf die Bewohner des Prientals auswirkten. So war

der Boden bereitet, als Pankraz von Freyberg die Herrschaft in Hohenaschau

übernahm. Pankraz galt als Mittelpunkt des Kreises evangelisch

gesonnener Adliger in Südostbayern. Er unterhielt sehr gute Beziehungen

zu den protestantischen Herzögen August von Sachsen und

Christoph von Württemberg sowie zu Pfalzgraf Wolfgang von Zweibrücken-Veldenz.

Auch war er maßgeblich beteiligt an der Konstruktion

des gemischtkonfessionellen Landsberger Bundes (1556 bis 1598).

41 Sh. Stefan Breit, Die protestantische Bewegung in Hohenaschau und Wildenwart,

in: W. Wüst, G. Kreuzer, N. Schümann (Hg.), Der Augsburger Religionsfriede 1555,

ein Epochenereignis und seine regionale Verankerung, Zeitschrift des Historischen

Vereins für Schwaben, 98. Band

42 Stefan Breit, a.a.O., S. 288 f.

34 Freiheit und Glaube


Pankraz war ein hervorragender Wirtschafts- und Verwaltungsfachmann

und wurde 1552 zum herzoglichen Rat und Hofmarschall nach

München berufen.

Schon bald kam es zu ersten Konflikten. Denn Pankraz wollte seinen

Herzog bekehren, wie er in einem Brief an seinen Freund Joachim

von Ortenburg schrieb: „Ich entdecke meinem Fürsten, wo die wahre

katholische Kirche und wo des Antichrists Reich und Stuhl ist, und was

ein christlicher Fürst seines Amtes wegen zu tun schuldig ist. Will der

liebe Gott etwas wirken und meinem frommen Fürsten seine Augen

und sein Herz in wahrer Erkenntnis seines heiligen Wortes erleuchten,

so sei ihm Lob und Preis. Soll es aber nicht sein, so habe ich das

Meinige getan. Soll ich aber im Falkenturm werde aufstehen, so bitte

ich eure Gnade, sie wolle an mich denken und für mich beten. Denn

Gott sei Lob, ich kann gut leiden und dulden.“ 43

Im März 1563 trat der Landtag in Ingolstadt zusammen, wo die evangelischen

Adeligen unter der Führung von Joachim von Ortenburg die

Stände befragten, ob man nicht beim Herzog auf die völlige Einführung

der Reformation dringen sollte. Da zeigte sich, dass die protestantische

Partei in der Minderheit war. Von den anwesenden 120 Adeligen waren

nur 50 evangelisch. Die Einführung der Reformation im Herzogtum

war damit gescheitert. Es kam noch schlimmer: Bei einer kriegerischen

Auseinandersetzung mit Joachim von Ortenburg fielen dem bayerischen

Herzog geheime Briefe und Akten in die Hände.

Herzog Albrecht klagte vor einem ordentlichen Gericht auf Bruch

des Religionsfriedens und Verschwörung gegen den Landesherrn. Die

angeklagten Adeligen mussten nach München und kniend Abbitte

leisten. Sie hatten zu unterschreiben, dass sie künftig in Sachen der

Religion gehorsam sein wollten.

Joachim von Ortenburg erschien gar nicht erst in München. Pankraz

von Freiberg verweigerte Unterschrift und Kniefall. Diesen Ungehorsam

musste er teuer bezahlen. Er landete schließlich im Falkenturm in

München. Das Verfahren gegen ihn und die anderen Adeligen erregte

in ganz Deutschland Aufsehen, so dass sich evangelische Fürsten in

Franken, Sachsen, Hessen und Württemberg für den Freiberger einsetzten.

43 Zitiert nach: „Evangelisches Leben in Rosenheim zur Zeit der Reformation, S. 15,

in: Rosenheim, ein Dekanatsbezirk in Oberbayern, Rosenheim 1991, Selbstverlag

des Evang.-Luth. Dekanats Rosenheim

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 35


Im November 1564 kehrte er nach mehrmonatiger Kerkerhaft als

körperlich gebrochener Mann nach Hohenaschau zurück, wo er am

Heiligen Abend des nächsten Jahres starb und als evangelischer Christ

begraben wurde – wie er ausdrücklich gewünscht hatte.

Damit war jedoch der protestantische Einfluss in der Grafschaft

Hohenaschau und Wildenwart noch nicht zu Ende.

Nach dem Tod von Pankraz übernahm sein Sohn Wilhelm die Herrschaft.

Er vermählte sich 1567 mit Ursula Tiefstetter von Angelroda.

Ihr Vater war ein Münchner Klingenschmied, der zum evangelischen

Glauben übergetreten und in den Kriegsdienst bei Herzog August von

Sachsen getreten war. Auf Grund seiner Verdienste wurde er 1543 von

Herzog August, der ihn persönlich sehr schätzte, in den Adelsstand erhoben

und mit dem Privileg ausgestattet, Burgen und Schlösser bauen

zu dürfen. 1556 wurde er in den Ritterstand erhoben.

Die Ehe war noch von seinem Vater Pankraz arrangiert worden. Sie

wurde in München in Anwesenheit des bayerischen Herzogs durch

einen sächsischen lutherischen Geistlichen geschlossen. Das ist angesichts

der sonst so unversöhnlichen Haltung Herzog Albrechts von

Bayern gegenüber den Lutheranern außerordentlich bemerkenswert. 44

Auch viele weitere katholische und protestantische Reichsfürsten, sogar

der Salzburger Erzbischof, nahmen an der Trauungszeremonie teil und

bewiesen so eine konfessionsübergreifende Solidarität mit der Familie

Freyberg.

Wilhelms Schwiegervater Wolf Tiefstetter zog aus Sachsen nach Wildenwart,

lebte dort aber seinen evangelischen Glauben weiter, so gut

es möglich war. So fällt auf, dass später bei den Untersuchungen 1587

und der Visitation 1601 vor allem im nördlichen Teil der Grafschaft,

also im Einflussbereich von Wildenwart, „sectische“ Umtriebe auffielen,

was sicher auch am Einfluss und der Förderung von Tiefstetter lag.

Wilhelm von Freyberg selbst teilte wohl die protestantische Gesinnung

seines Vaters und seines Schwiegervaters, aber er konnte sie

nicht mehr so offen zeigen. Er förderte und unterstützte aber vorsichtig

diejenigen seiner Untertanen, die reformatorisch gesinnt waren, und

bemühte sich, seine Hand schützend über sie zu halten.

Bemerkenswert ist, dass viele seiner Hofbeamten religiös auffielen,

indem sie die Einzelbeichte ablehnten, den Laienkelch forderten und

reformatorische Aussagen teilten.

44 Stefan Breit, a.a.O., S. 297

36 Freiheit und Glaube


Aber nicht nur in der Oberschicht, sondern auch bei den Metallarbeitern

und sogar in der Bauernschaft wurden solche religiösen Auffassungen

vertreten. Wobei festzustellen ist, dass es sich hier oft nicht

um fertige lutherische Dogmatik handelte, Vielmehr wurden zum Teil

eklektizistisch evangelische und katholische Glaubenshaltungen miteinander

vermengt. Auch kann man ein friedliches und sich gegenseitig

unterstützendes Zusammenleben von „evangelischen“ und „katholischen“

Familien für diese Zeit konstatieren – ein Zeichen eines frühen

„Pluralismus“; der aber nur wenige Jahrzehnte anhielt. So glaubte der

26jährige Mesner Hans Sailer, es weren die lutherischen und catholischen

in den Himel khommen“. Auch die Schmiedin Anna Angerin

meinte, „das beed thail seelig werden“. In manchen Familien auch war

ein Elternteil lutherisch, der andere katholisch. 45

Dass in Hohenaschau zum Teil evangelischer Glaube über Generationen

weitergegeben wurde, kann an manchen Familiengeschichten

nachvollzogen werden. 46 So bekannte bei den Religionsverhören von

1601 der 85-jährige Christoph Mändl von Stein, dass er bereits von

seinem Vater in lutherischem Glauben unterwiesen worden sei. Das

zeigt eine „konfessionelle“ Kontinuität von den 1520er Jahren bis 1600.

Ähnliches berichten in diesen Verhören diverse andere Befragte.

Das sich solche Kontinuität trotz der rigiden Religionspolitik der

bayerischen Herzöge überhaupt halten konnte, lag sicher an der zunächst

offen, dann eher verdeckt praktizierten Unterstützung durch die

jeweilige Herrschaft.

Aber diese Abweichungen von der katholischen Lehre fielen natürlich

auf. Immer wieder berichteten die Pröpste von Herrenchiemsee

von solchen Abweichlern, die die Beichte und die Kommunion verweigerten

oder die Jungfrau Maria und die Heiligen verunglimpften.

Sie lieferten Namenslisten nach München, führten Verhöre durch und

drohten mit Landverweisung, falls nicht die professio fidei, also das

Bekenntnis zum wahren Glauben des Katholizismus beeidet werde.

Die meisten so Bedrängten versuchten zunächst eine Hinhaltetaktik.

Sie versprachen die Rückkehr zur Einzelbeichte und Kommunion.

Viele auch waren bereit, nach außen hin die professio fidei abzulegen,

mochten das aber nicht unter Eid tun. Wahrscheinlich wollten sie, die

in ihrem Inneren immer noch der reformatorischen Lehre anhingen,

keinen Meineid leisten.

45 Stefan Breit, a.a.O., S. 309

46 Stefan Breit, a.a.O., S. 305

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 37


Zunächst setzten Herzog und katholische Kirche auf Überzeugungsarbeit.

Die Abtrünnigen wurden von Jesuiten im katholischen Glauben

unterwiesen. Doch im Verborgenen blieben doch einige evangelisch.

Und das ließ sich nicht wirklich verbergen.

So griff 1601 der bayerische Herzog durch. Es wurden Religionsverhöre

durchgeführt bei denen, die immer wieder aufgefallen waren.

Dabei wurde deutlich, dass nicht nur Bauern, Arbeiter und Hofbeamte

unter den Abtrünnigen waren, sondern dass ihr Herr, Graf Wilhelm,

davon immer Kenntnis gehabt hatte.

Um dies ein für allemal zu beenden, wurden zwei Maßnahmen getroffen.

Zum einen wurde eine dauernde Kontrolle der auffälligen

Personen eingeführt, zum anderen sollte an allen Sonn- und Feiertagen

eine katholische Unterweisung in Katechismus und Kinderlehre

erfolgen. „Sectische Puecher“ sollten aufgespürt und vernichtet werden.

Als 1602 Graf Wilhelm verstarb, hatten die noch übrig gebliebenen

Untertanen mit lutherischer Gesinnung ihren letzten Fürsprecher verloren.

1603 gab es aber immer noch einige, die die professio fidei verweigerten.

Sie wurden aufgefordert, entweder innerhalb 14 Tagen alle

Auflagen zu erfüllen. Andernfalls müssten sie nach Fristablauf unverzüglich

das Land verlassen.

Nun gaben auch die letzten lutherischen Anhänger auf und konvertierten

zum katholischen Glauben. Keiner von ihnen machte von der

Möglichkeit der Auswanderung Gebrauch, das Bleiben in der Heimat

war ihnen wichtiger.

Dennoch gibt es auch aus den Folgejahren Berichte, dass einzelne

Unvorsichtige zum Beispiel in der Wirtschaft ihre wahre Meinung

kundtaten. So wurde Sebastian Taurer bestraft, weil er im Wirtshaus

in Prien in betrunkenem Zustand über die Muttergottes gelästert hatte,

„sye sei nit besser noch seliger als ein anders weib.“ Außerdem hatte er

Matthias von Österreich dafür gelobt, er „seye der Recht, der den alten

Glauben wieder passiern lasse, vnd den Pfaffen nicht nach irem sinn

thue.“ 47 Noch immer also hofften also Einzelne, dass ihnen ein Herrscher

religiöse Tolereanz erweise.

1614 sollte Ferdinand Freiherr von Schurff, der neue Besitzer der

Herrschaft Wildenwart, rückblickend feststellen, dass die „Khezeieri

47 Stefan Breit, a.a.O. S. 313

38 Freiheit und Glaube


Lutheri (…) vor vill verschinen Jaren in dieße Refier ja sogar im Closter

Herren Chiembsee sehr starckh in Schwung gangen.“ 48

4.4. Reformation in den Grafschaften Haag und Maxlrain

Die kleinen reichsunmittelbaren Territorien im Herzogtum widersetzten

sich standhaft, waren jedoch wirtschaftlich und politisch vom

Herzog abhängig. In dreien dieser kleinen Länder fand die Reformation

Eingang: in der niederbayerische Grafschaft Ortenburg, in der Grafschaft

Haag (bei Wasserburg) und in der Reichsherrschaft Hohenwaldeck

bei Schliersee, die Wolfdietrich von Maxirain geerbt hatte.

So konnte in der Herrschaft Hohenwaldeck und damit in der

Miesbacher Gegend die Kommunion lange Zeit unter beiderlei Gestalt

gefeiert werden, bis schließlich der Herzog und die katholische Kirche

gemeinsam gegen die Bevölkerung vorgingen.

Diesem wirtschaftlichen und geistlichen Druck war die Bevölkerung

in Hohenwaldeck nicht gewachsen. Viele Familien wanderten aus, und

als Dietrich von Maxlrain 1586 verbittert starb, war die ganze Herrschaft

Waldeck wieder katholisch.

Die Grafschaft Haag war, wie weiter oben bereits beschrieben, durch

das Wirken der Augustiner aus dem Kloster Ramsau bei Haag bereits

früh mit reformatorischem Gedankengut in Berührung gekommen. So

nimmt es nicht Wunder, dass die evangelische Bewegung gerade dort

auch breiteste Resonanz fand. Nicht zuletzt die evangelischen Predigten

übten eine große Anziehungskraft aus. Bis zu 3000 Personen sollen um

1560 die lutherischen Gottesdienste an einem Sonntag besucht haben,

viel mehr Menschen, als die Grafschaft überhaupt Einwohner zählte.

Graf Ladislaus von Fraunberg, der Herr von Haag, lebte von 1505 bis

1566. Er vermählte 1538 seine Schwester Maximiliane mit dem Grafen

Karl von Ortenburg, der ebenfalls der evangelischen Bewegung zuneigte.

1541 feierte Ladislaus selber mit großem Prunk in München Hochzeit

mit Marie-Salome von Baden-Sponheim. Der Schwiegervater, Markgraf

Ernst, hatte zur Bedingung gemacht, dass Ladislaus „seine in der reinen

Lehre der Augsburgischen Konfession erzogene Tochter dabei bleiben

48 Zitiert nach: Stefan Breit, a.a.O., S. 314

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 39


lassen, auch des Glaubens halber sie wider ihr Gewissen nicht beschweren

solle“. 49

So zog im Gefolge von Marie-Salome ein lutherischer Prediger in

Haag ein. Die Abendmahlsfeiern in der Schlosskapelle standen auch

den gräflichen Untertanen offen.

Schließlich wandte sich auch Graf Ladislaus der lutherischen Lehre

zu und begann, in den Pfarreien der Grafschaft, Kirchdorf (mit Schloßkapelle

in Haag), Schwindau, Schwindkirchen und Rechtmehring die

Reformation auf äußerst tolerante Weise durchzuführen.

Die bisherigen Pfarrer blieben im Amt. Wenn sie sich nicht bereit

fanden, das Abendmahl unter beiderlei Gestalt auszuteilen und

in deutscher Sprache zu predigen und zu taufen, wurden ihnen lutherische

»Kooperatoren« beigegeben. Falls diese Kooperatoren weder

vom Pfarrherrn noch der Gemeinde unterhalten und besoldet wurden,

wurden sie aus der gräflichen Kasse entlohnt.

So bekam der Pfarrer Seemüller in Schwindkirchen den Hilfsgeistlichen

Wolfgang Kosmann von Dorfen, dessen Unterhalt die Gemeinde

übernahm.

So konnten Anhänger der alten und solche der neuen Lehre nebeneinander

wohnen bleiben und fanden dennoch einen Gottesdienst vor,

der ihrem Glauben entsprach.

Diese religiöse Toleranz sprach sich bald herum und hatte breite

Strahlkraft. So war es kein Wunder, dass der Herzog in München

diesem Treiben ein Ende bereiten wollte, bevor es sich auf seinen

Herrschaftsbereich auszudehnen begann. In der Grafschaft Haag selbst

konnte er nicht eingreifen, da sie reichsunmittelbar war und somit

nicht seiner Herrschaft unterstand. Doch er konnte die Grafschaft

abriegeln, um das Auslaufen seiner eigenen Untertanen nach Haag zu

verhindern. Bewaffnete kontrollierten die Straßen und Wege; Ausläufern

aus wittelsbachischem Gebiet nach Haag wurden härteste Strafen

angedroht. Ebenso mussten die Haager Untertanen beim Verlassen der

Grafschaft mit ihrer sofortigen Verhaftung rechnen. Doch trotz dieser

drakonischen Maßnahmen ging das Auslaufen nach Haag weiter.

Dabei scheint auch Graf Ladislaus nicht zimperlich gewesen zu

sein. So ließ er von den herzoglichen Untertanen, die nach Haag in die

Gottesdienste kamen, eine „Contribution“ zahlen. Auch überschritten

49 Zitiert nach: „Die Reformation in der freien Reichsgrafschaft Haag“, S. 19, in:

Rosenheim, ein Dekanatsbezirk in Oberbayern, Rosenheim 1991, Selbstverlag des

Evang.-Luth. Dekanats Rosenheim

40 Freiheit und Glaube


seine eigenen Prediger die Grenzen der Grafschaft und predigten auf

herzoglichem Gebiet. Deshalb schreibt Herzog Albrecht V. am 20. Juni

1561 einen Beschwerdebrief an Graf Ladsilaus von Haag, in dem er

sich solche Übergriffe verbittet. Unter Hinweis auf den Augsburger

Religionsfrieden fordert er den Grafen auf, dafür zu sorgen, dass dessen

Prädikanten die Sakramente nicht außerhalb der Grafschaft im bayerischen

Herzogtum austeilen, und verlangt, herzogliche Untertanen, die

zu diesem Zweck in die Grafschaft Haag kommen, zurück in ihre angestammten

Pfarrgemeinden zu schicken. Im Falle der Nichtbefolgung

werden Strafen angedroht. 50

Die letzten 15 Lebensjahre des Grafen Ladislaus, seit 1549 von Marie-

Salome verwitwet, waren geprägt von großer Unruhe. Eine Italienreise

zur erneuten Heirat mit einer Nichte des Herzogs von Ferrara verlief

unglücklich. Die Frau verschwand in einem Kloster, Ladislaus kehrte

als geschlagener Mann heim, um einen guten Teil seines Vermögens

ärmer – und ohne erbberechtigten Nachfolger. Es ist zu vermuten, dass

50 Aus diesem Schreiben: „Vnsernn gunstlichen grues zuuor, wolgeborner lieber

getreuer. Wir khumen in erfarung, wie sich deine Predicanten understeen und

herein in vnser Fuerstenthumb begeben, welche heimblich winckhelschulen ainrichten,

die Sacrament raichen, vnd vnser vnderthanen zu abfahl vnd vngehorsam

anrathen vnd bewegen, also das daraus geuolget, das gedachte vnsere vnderthanen

hauffenweyss vnnd in grosser meng in dein Graffschaft lauffen, vnd sich alda

der leern anhengig vnd theilhaftig machen, dardurch sy andern vnsern gehorsam

vnd vnderthanen hochschedliche vnd vns vnleidendliche ergernuße geben, vnd

darzue allerlay zerrittlichkeit wenigkheit und mißvertraven auch freuenliche widersetzung

vnd so villerlei irrthumben, erwickhen. Wivil du bis daher Predicanten

in gedachter deiner Grafschafft aufsteen lassen, weil dern yeder ain besondere

Sect eingesagt, vnd nach seinem eigenen schwirrnerischen kopf gepredigt hat,

wie du deren als wir bericht seyen, sy derselben vrsachen haben selbs nit leiden

khunden, vnd derwegen zu etlich mallen verwendet hast, vber das werden wir

bericht, das gedachte vnssere vngehorsamen vnderthanen, so sy in dein Grafschafft

solcher sachen halben khumen, alsbald beschriben, vnnd zu ainer Contrubution

angehalten werden, nit wissen wir warumben solche beschreybungen

vnserer vnderthanen obs auch aus deinem befelich vnd wem zu guetten die

Contrubution vnd beschatzung der armen Leith bescheht, daru sollen sy vnsere

vnderthanen in deiner Grafschafft mit sonderm pflichten beladen werden, das

sy furterhin bey ihrer schwermerei bestendig beleiben vnnd nit wieder abfallen

wöllen. So du dann waist, das gergleichen Abpracticirn der unterhanen des

heylligen Reichs teutscher Nation Religions Friden lauter zuwider vnd vnns ferer

der Abfahl vnd verfurung der vnsern kheines wegs will leidenlich sein. Demnach

ist an dich vnser beger, du wöllest bey deinen Predicanten ernstlich darob sein,

das sy unsers Fürstenthumbs und vnderthanen gentzlich (muessig) stehen,vonsern

pfarrern im landt khainerlay weg furgreiffen, den vnnsernn, ob sy schon zu

inen in die Grafschafft khumen, die Sacrament raichen, noch weniger sy solches

heraussen inn vnnserm Lande zethuen anmassen. … “

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 41


diese so unglückliche Heirat, die sich nicht mehr auflösen ließ, abgesprochen

war und zum Ziel hatte, Graf Ladislaus eine erneute Heirat

und die Geburt eines Nachfolgers unmöglich zu machen. Ladislaus

bemühte sich zwar um eine Nichtigkeitserklärung, konnte sie aber

nicht durchsetzen und blieb so kinderlos.

1559 unterzeichnete Graf Ladislaus auch öffentlich die Confessio

Augustana, das grundlegende Bekenntnis der Evangelischen Landesherren.

Durch diese Unterschrift war Ladislaus nach dem Reichsrecht

legitimiert, in seiner Grafschaft offiziell die Reformation einzuführen.

1561 wurde die sächsische Kirchenordnung eingeführt. Dem Haager

Kirchenwesen stand Thomas Molitor, ein gelehrter und feinsinniger

Mann, als Superintendent vor. Durch die Predigten des Prädikanten

Veit Gilger blühte die neue lutherische Kirche richtig auf.

Doch bevor sie sich festigen konnte, starb am 31. August 1566 Graf

Ladislaus ohne Erben. Somit fiel seine Grafschaft an die bayerischen

Herzöge. Gleich nach seinem Tod zogen die herzöglichen Kommissare

auf, um die Grafschaft einzuziehen und die Rekatholisierung einzuleiten.

Es gab Verhöre. Nicht wenige Haager wanderten aus. Um 1570

wurden Streitfälle um die Bestattung von »Sektiererischen« so entschieden,

dass sie außerhalb der Friedhöfe begraben werden sollten.

Dann verlieren sich die Nachrichten. Bis zum heutigen Tag werden

in Bauernhöfen immer wieder versteckte reformatorische Schriften

gefunden. 51

Im Jahre 1559, dem Jahr des Beitritts zur Augsburgischen Konfession,

hatte Graf Ladislaus von allen Kanzeln verkünden lassen, er werde beide

Konfessionen dulden. Die kleine Landeskirche der Grafschaft Haag

war wohl das erste Beispiel religiöser Toleranz im Römischen Reich. Es

hatte zu seiner Zeit keine lange Lebensdauer.

Der einzige Bereich in Altbayern, wo sich die Reformation bis in

die Gegenwart halten konnte, ist die Grafschaft Ortenburg bei Passau.

Auch die härtesten Strafandrohungen, auch der Versuch, Ortenburg

durch bewaffnete herzögliche Kräfte von der Außenwelt abzuriegeln

und es so wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, hatten keinen Erfolg.

Graf Joachim von Ortenburg verbitterte zwar zusehends, doch er hielt

durch, bis der bayerische Herzog schließlich aufgab. Und so entstand

mitten im katholischen Niederbayern, zwanzig Kilometer vor Passau

51 F. Flamm, W. Schäch, Die Reformation in der freien Grafschaft Haag, S. 21 in:

Rosenheim, ein Dekanatsbezirk in Oberbayern, Rosenheim 1991, Selbstverlag des

Evang.-Luth. Dekanats Rosenheim

42 Freiheit und Glaube


eine kleine lutherische Kirche, die bis in die Gegenwart Bestand hat

und jetzt Teil der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern ist.

Die anderen Gebiete des Herzogtums Bayern aber waren, jedenfalls

nach außen hin, ab dem Beginn des 17. Jahrhunderts wieder vollständig

rekatholisiert.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 43


44 Freiheit und Glaube


Die Ansiedlung evangelischer Christen

und die Entstehung evangelischen Lebens

in und um Rosenheim zwischen 1800 und 1933

Von Michael Grabow

Das Kurfürstentum Bayern hatte sich nach vielfältigen evangelischreformatorischen

Bestrebungen vor allem im Gebiet des heutigen Dekanats

Rosenheim zwischen 1520 und 1580 ab dem Ende des 16. Jahrhunderts

erfolgreich abgeschottet gegen jede nicht römisch-katholische

Konfession. Bewohner des Kurfürstentums konnte nur sein, wer auch

römisch-katholisch war. Um 1800 änderte sich dies. Unter dem Einfluss

Napoleons gewann das ursprünglich kleine Kurfürstentum Bayern

große Territorien hinzu, v.a. in Franken. Und hier war die Bevölkerung

evangelisch. Die Religionspolitik des neuen bayerischen Staates öffnete

sich jetzt auch für die Protestanten.

Diese religiöse Toleranz hatte bereits mit Karl Theodor begonnen,

der der kurpfälzischen Linie der Wittelsbacher entstammte und 1777

Kurfürst der Pfalz und von Bayern wurde. Er trug „die herkömmlicherweise

freiere Konfessionspolitik der Pfalz auch nach Oberbayern“. 1 Da

Karl Theodor kinderlos verstarb, übernahm Max IV. Josef (1756 – 1825)

aus der Pfälzer Linie Birkenfeld-Zweibrücken 1799 die Herrschaft.

Dieser, der spätere König Maximilian I. Josef, war im Geiste der Aufklärung

aufgewachsen und unterstützte in religiöser Toleranz diese Öffnung.

Sein Vater und seine erste Frau, die Mutter des späteren bayerischen

Königs Ludwig I., waren evangelisch gewesen, was ihn bereits

mit dem Protestantismus in Berührung gebracht hatte. Nun heiratete er

1797 in zweiter Ehe in Karlsruhe Friederike Caroline Wilhelmine, Prinzessin

von Baden (1776 bis 1841). Auch sie war evangelisch-lutherisch

und durfte ihren Glauben auch in München ausüben. Dafür brachte

1 Alois Schmid: Vom Westfälischen Frieden bis zum Reichsdeputationshauptschluss.

Altbayern 1648 – 1803. In: Walter Brandmüller (HG.): Handbuch der

Bayerischen Kirchengeschichte. Zweiter Band: Von der Glaubensspaltung bis zur

Säkularisation. St. Ottilien 1993, S. 345

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 45


sie ihren eigenen evangelischen Hof-Geistlichen mit. Da sich zuvor in

München nur Katholiken in Bayern niederlassen durften, erließ Max

Josef nach mehreren Vorläufern am 26.8.1801 ein endgültiges Toleranzedikt,

das besagte, dass bei der Ansiedelung von Protestanten nicht

mehr vom Toleranzprinzip abgewichen werden durfte. 2

1802 schließlich kamen auf Einladung Maximilians 60 Pfälzer

Familien – Katholiken, Lutheraner, Reformierte –, um das Moor vor

den Toren Rosenheims zu kultivieren. Die Siedlung, die hier entstand,

nannten die Kolonisten nach ihrer Landesherrin: Carolinenfeld. Allerdings

müssen die Zustände dieser Siedlung mitten im Moor in der

ersten Zeit mehr als erbärmlich gewesen sein. 3

Um 1800 hatte es einen evangelischen Feldprediger nach Oberbayern

verschlagen. Er berichtete: Nicht wenige glauben hier, „die Protestanten

seien anders gestaltet“, seien dann aber überrascht, „dass sie am

Äußeren keine abweichenden Körperformen“ besitzen. Und so machte

der erste evangelische Pfarrer Elias Merckle aus Ulm, der auf der 1804

geschaffenen kombinierten Pfarr- und Schulstelle in Carolinenfeld die

oberbayerischen Evangelischen betreuen sollte, zunächst eine interessante

Erfahrung: Als sich die Kunde seiner Ankunft in Aibling verbreitet

hatte, versammelten sich vor seinem Haus eine große Menge,

die sehen wollte, „ob ein protestantischer Pfarrer auch ein menschlich

Antlitz habe.“

Das Verhältnis der drei Konfessionen war anfangs oft nicht leicht. Vor

allem zwischen Lutheranern und Reformierten kam es immer wieder

zu heftigen Auseinandersetzungen. Deshalb wurde der evangelische

Pfarrer durch Dekret zu freundlichem Umgang mit den anderen Konfessionen

gebeten. Von dem Pfarrer erwartet man, dass er „sich aller

anzüglichen und anstössigen Ausfälle sorgfältigst enthalten, und vielmehr

unausgesetzt bemüht seyn wird, durch liebreiche Verträglichkeit

und durch entgegen kommendes gefälliges Einnehmen die Achtung

2 Zitiert nach: Ulrike Kuschel, Die Anfänge der „Protestantischen Gesammtgemeinde“

im Kurfürstentum/Königtum Bayern, exemplarisch dargestellt an der protestantischen

Kirchengemeinde der Pfälzer Kolonie Großkarolinenfeld 1802–1839,

das ebenfalls in dieser Dokumentation abgedruckt ist.

3 Die hier und in Folge geschilderten Ereignisse werden im wesentlichen den

Pfarrbüchern der Gemeinde Großkarolinenfeld entnommen: das „Zweite Pfarrbuch

oder allgemeine Beschreibung des gesamten Kirchenwesens in der unierten

Pfarrey Groß-Carolinenfeld, gefertigt von Johann Stephan Tretzel, protestantischer

Pfarrer daselbst, im Jahre 1833“; sowie das „Kirchenbuch 1804 – 1846“, beides im

Archiv der Kirchengemeinde Großkarolinenfeld

46 Freiheit und Glaube


und nachbarliche Freundschaft der anders Denkenden“ zu gewinnen. 4

Der erste Pfarrer Merckle musste seine kleine Gemeinde von Aibling

aus versorgen, da es in Carolinenfeld noch kein Pfarrhaus gab. Er unterrichtete

als Lehrer die katholischen und evangelischen Schüler gemeinsam.

Die Siedler, die die Entsendung eines Lehrers vom Kurfürsten

erbeten hatten, begründeten das damit, „dass sich die intellektuelle

und sittliche Vervollkommnung aller Menschen auf einerlei Grundsätze“

fuße. 5

Um überhaupt Gottesdienst feiern zu können, schenkte Prinzessin

Caroline die wichtigsten liturgischen Geräte, einen Abendmahlskelch

und eine Gottesdienstagende. Doch der Dienst war offensichtlich

beschwerlich und so floh Merckle vor den schwierigen Umständen

bereits nach zwei Jahren. Sein Nachfolger, Pfarrer Johann David Haug,

konnte 1806 in das soeben fertig gestellte Pfarrhaus einziehen. Er blieb

14 Jahre bis 1820.

Auch für ihn scheint der Dienst nicht leicht gewesen zu sein, denn

er berichtete über Unzulänglichkeiten im Pfarrhaus und vor allem die

unwürdigen Zustände des Gottesdienstortes: „Nichts, auf der Welt

nichts, was sonst in christlichen Kirchen ohne Unterschied angetroffen

wird, ist da zu finden, auch nicht einmal eine Kanzel oder Katheder,

geschweige denn ein Altar oder deß etwas.“ 6 Haug warnte vor dem

Eindruck, den dies auf die katholischen Mitbürger, aber auch Gäste

machen könnte: „Und ob nicht unsere katholischen Nachbarn, deren

Kirchen freilich durchgängig eine zweckmässigere Einrichtung haben,

und die sich zum voraus noch immer nicht die freundlichsten Vorstellungen

von den Lutherischen und ihrem Glauben machen, nicht eine

so geringschätzigere Idee von uns fassen müssen, je armseliger sie

unseren religiösen Versammlungen geweihten Ort eingerichtet sehen,

will ich dahin gestellt seyn lassen. (…) Am meisten hat man sich zu

schämen vor Gästen, welche doch hin und wieder als Protestanten von

Aibling und mehr noch von Rosenheim her zur Kirche kommen.“ 7

Neben dieser Schilderung der Zustände wird aus Haugs Worten

auch deutlich dass Carolinenfeld als älteste evangelische Gemeinde in

4 Aus der „Pastoral-Instruction für den Pfarrer auf dem Carolinenfeld“, 1806, Archiv

der Kirchengemeinde Großkarolinenfeld

5 Zitiert nach: Ottmar Dimmling, „Die bewegte Geschichte der Evang.-Luth.

Kirchengemeinde Großkarolinenfeld“, Archiv der Kirchengemeinde Großkarolinenfeld

6 Staatsarchiv München, RA 8536, fol. 7r/v

7 A.a.O.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 47


Oberbayern einen weiten Einzugsbereich hatte und letztlich auch für

die angrenzenden Orte wie Aibling und Rosenheim zuständig war. In

Rosenheim notiert Pfarrer Elias Merckle im Jahr 1806 einen „in Rosenheim

in Arbeit stehenden Handwerksburschen Jakob Strauß“. 8 Mit dem

Bau der Königlichen Saline 1810 kamen dann weitere Protestanten nach

Rosenheim.

Ab 1833 gab es in den Kirchenbüchern von Großkarolinenfeld Einträge

über die genaue Zahl der in Rosenheim wohnenden Protestanten. So

vermerkte der dortige Pfarrer Tretzel: „Fünf ganze und drei halbe (sc.

gemischte) Familien mit 30 Seelen“. 9

Nach einem Jahr Vakanz kam am 25.8.1821 Johann Stephan Tretzel

als neuer Pfarrer in die Gemeinde, die inzwischen dem Dekanat

München zugeordnet war, das ganz Oberbayern umfasste.

1822 schließlich wurde die evangelische Kirche in Großkarolinenfeld

eingeweiht, knapp 30 Jahre vor der katholischen. Es war die erste evangelische

Kirche in Oberbayern. Ihre nüchterne Ausstattung erinnert

bis heute an die Zeit, als Reformierte und Lutheraner hier gemeinsam

Gottesdienst feierten. Die erste Orgel stiftete der König; es war die

ehemalige Orgel des Klosters Tegernsee.

Während man sich in einer Art früher Ökumene zwischen Katholiken

und Protestanten trotz mancher Bedenken schon einmal gegenseitig

aushalf 10 , gestaltete sich das Zusammenleben zwischen Lutheranern

und Reformierten auch weiterhin schwierig. Es kam zu heftigen

Streitigkeiten über den Abendmahlsritus und andere theologische

Fragen. Eine Lösung ergab sich dadurch, dass die Gemeinde, durch

Pfarrer Tretzel direkt nach seinem Amtsantritt mit den für eine solche

Entscheidung nötigen Informationen versehen, sich am 22.9.1822 der

1818 gegründeten Rheinischen Union anschloss, einem Zusammenschluss

von Lutheranern und Reformierten. Diese Union enthielt in

ihrer Verfassung eine Kombination lutherischer und reformierter Elemente,

was zur Befriedung der zerstrittenen Gemeinde beitrug. Aller-

8 Communionsanzeiger 1806, Archiv der Kirchengemeinde Großkarolinenfeld

9 Kirchenbuch 1804 bis 1846, Jahr 1833, Archiv der Kirchengemeinde Großkarolinenfeld

10 So hatte der evangelische Pfarrer bis 1811 auch katholische Kinder unterrichtet

und der katholische Kollege zumindest in den ersten Jahren auch evangelische

Verstorbene bestattet. Sh. Kirchengemeinde Großkarolinenfeld, in „Rosenheim,

ein Dekanatsbezirk in Oberbayern“, Hg. Evang.-Luth. Dekanat Rosenheim, 1991,

S. 68

48 Freiheit und Glaube


dings wirkte der damit verbundene reformierte Abendmahlsritus in der

katholischen Umgebung sehr viel fremder als der vorher praktizierte

lutherische. 11

Die Zahl der Evangelischen in Südostoberbayern wächst

Hatte Großkarolinenfeld seit 1804 einen eigenen Pfarrer, so wurde die

rasch anwachsende Zahl der Evangelischen in Oberbayern bald durch

sog. „Reiseprediger“ versorgt, die von München kamen, um mit den

verstreuten Protestanten Gottesdienst zu feiern.

1860 erwähnte Reiseprediger Adolf Elsperger die Station Wasserburg.

Dort halte er zweimal im Jahr Gottesdienst im dortigen Rathaussaal.

Notfalls müsse er allerdings das Klavier selbst spielen. 1877 lebten

dort laut Reiseprediger Max Hirz 75 Evangelische. 12

Vor allem der Bau der Eisenbahnlinie München – Rosenheim – Salzburg

und Rosenheim – Kufstein brachte eine weitere Zunahme der

Evangelischen vor allem in den Orten entlang dieser Linien. Außerdem

kamen durch die zunehmende Industrialisierung zunehmend Evangelische

ins Land. So entstanden zeitgleich 1863 der Ort Kolbermoor

und seine kleine evangelische Gemeinde, als die Spinnerei Kolbermoor

ihren Betrieb aufnahm. Die Direktoren kamen aus Augsburg und

waren evangelisch. Und so richteten sie auf dem Betriebsgelände einen

Betsaal ein, der zunächst von Pfarrer Lindner aus Großkarolinenfeld

mit versehen wurde. Später gehörte Kolbermoor zu Rosenheim und

dann Bad Aibling 13

Die Entwicklung Rosenheims zu einem Zentrum

der evangelischen Kirche

Bald schon fiel den Reisepredigern Rosenheim auf. Auch Rosenheim

hatte durch den Bau der Eisenbahn einen großen Aufschwung genommen.

Die anfangs noch kleine evangelische Gemeinde war sehr

engagiert und traf sich 1856 zum ersten Mal zu einem Gottesdienst in

11 Sh. Kuschel, „Die Anfänge der protestantischen Gesammtgemeinde“, S. 94 ff.

12 Zu den Berichten der Reiseprediger sh. Landeskirchliches Archiv der Evang.-Luth.

Kirche in Bayern (LAELKB), Bay. D. München I, Nr. 466

13 Siehe Kirchengemeinde Kolbermoor, in „Rosenheim, ein Dekanatsbezirk in

Oberbayern“, Hg. Evang.-Luth. Dekanat Rosenheim, 1991, S. 80

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 49


der Wohnung des Schneidermeisters Klepper. Zu diesem Zeitpunkt gab

es knapp 100 Evangelische in Rosenheim. 14

Am 26.9.1858 stellten die evangelischen Rosenheimer an das Münchner

Oberkonsistorium den Antrag, in Rosenheim regelmäßig Gottesdienste

halten zu dürfen und erbaten die Gründung eines Vikariats

und die Errichtung eines Bethauses. Einer der Unterzeichnenden war

wieder Schneidermeister Klepper. 15 Doch soweit wollte das Oberkonsistorium

zunächst nicht gehen. Immerhin wurden ab 1860, nachdem

der Rosenheimer Magistrat einen Raum im Rathaus am Max-Josefs-

Platz zur Verfügung gestellt hatte, durch Reiseprediger Gottesdienste

abgehalten, zunächst drei bis vier mal im Jahr, ab 1870 monatlich.

1876 schrieb Reiseprediger Max Hirz: „Rosenheim könnte allem

Anschein nach eine blühende, überaus günstig gelegene evangelische

Gemeinde, ein Bollwerk der Evangelischen Diaspora für Oberbayern

werden.“ Etwa 600 Evangelische lebten zu diesem Zeitpunkt in Rosenheim.

Zum Gottesdienst drängten sie sich in einen kleinen Saal im Rathaus,

„so daß die Gemeindeglieder zum Theil vor den Thüren stehen,

während im Innern die Temperatur bald eine geradezu graisliche“ ist. 16

Der Bau einer eigenen Kirche wurde nun dringend erforderlich und

von den Rosenheimern auch mit vollem Einsatz betrieben. Bereits 1879

war ein Grundstück für den späteren Kirchbau erworben worden. 1881

wurde Rosenheim zu einer eigenen Filialkirchengemeinde von München.

Und schon ein Jahr später wurde der bereits seit 1860 agierende

Kirchbauverein, jetzt unter dem Vorsitz von Georg Kämpfe (1843 –1917),

offiziell gegründet. Dieser bemühte sich sehr erfolgreich um Spenden

für den Kirchbau.

Der angesehene Leipziger Architekt und spätere Straßburger

Dombaumeister August Hartel entwarf die Pläne für eine evangelische

Kirche in Rosenheim. Die ursprünglichen Pläne, die eher süddeutsche

Kirchenarchitektur aufgenommen hatten, wurden nach dem Wunsch

der Gemeinde deutlich verändert. Es entstand eine Kirche in eher norddeutscher

Backstein-Neugotik.

Der Bauplatz kostete im Jahr 1879 10.000,- Mark, wodurch die vom

Kirchbauverein seit 1860 gesammelte Summe von 12.000,– Mark fast

14 Siehe Kirchengemeinde Rosenheim, in „Rosenheim, ein Dekanatsbezirk in

Oberbayern“, Hg. Evang.-Luth. Dekanat Rosenheim, 1991, S. 107

15 Evang.-Luth. Kirchengemeinde Rosenheim, Pfarrarchiv 59

16 Landeskirchliches Archiv der Evang.-Luth. Kirche in Bayern (LAELKB), Bay. D.

München I, Nr. 466

50 Freiheit und Glaube


vollständig aufgebraucht wurde. Dafür lag dieser Bauplatz zentral, nur

50 m vom damaligen Rosenheimer Bahnhof und späteren Rathaus entfernt.

Die Grundsteinlegung erfolgte am 7. Juni 1885, bereits am 2. Dezember

1885 war der Rohbau fertig. Das erste Probeläuten der „evangelischen“

Glocken erklang am 30. Juni 1886. Und am 3. Oktober 1886

konnte die neue Kirche durch Oberkonsistorialrat Buchrucker aus

München eingeweiht werden.

Allein der Rohbau kostete die damals außerordentlich hohe Summe

von 59.000,– Mark.

Das Gestühl wurde durch drei Rosenheimer Schreiner gefertigt.

Der damalige Altar, die Kanzel und der Taufblock waren ein Werk des

Münchner Bildhauers Rolff. Sie standen in der Kirche bis zur Umgestaltung

1965. Die erste Orgel war ein Werk des Rosenheimer Orgelbauers

Jakob Müller. Sie wurde 1980 ersetzt durch eine zweimanualige Schleifladenorgel

des Landshuter Orgelbauers Ekkehard Simon.

Eine Besonderheit in der Kirche stellt der sogenannte Wendelstadtsche

Stuhl dar, eine Art Chorgestühl mit Intarsien mit neugotischer Ornamentik

und dem Wappen des Barons von Wendelstadt (Türme und

Innfische). Der evangelische Baron Jan von Wendelstadt (1856–1909),

der damalige Besitzer von Schloss Neubeuern, war ein großer Förderer

seines Wohnortes und seiner Kirche. Und da er mit seiner Frau regelmäßig

in der neuen Rosenheimer Kirche den Gottesdienst besuchte,

finanzierte er einen Teil der Innenausstattung dieser Kirche mit. Jan

und Julie von Wendelstadt empfingen Ende des 19. und Anfang des 20.

Jahrhunderts viele bedeutende Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und

Politik. In den Gästebüchern finden sich Einträge von Hugo von Hofmannsthal,

Annette Kolb, Rudolf Alexander Schröder und anderen. 17

1907 wurden in die Seitenwände des Chorraums zwei Reliefs eingelassen,

Nachbildungen aus einem Nürnberger Kreuzweg des berühmten

Künstlers Adam Krafft. Ebenfalls von Krafft stammt die Vorlage für die

Nachbildung des Nürnberger Reliefs „Geburt unseres Herrn“, die in die

Stirnwand des Kirchenschiffes eingelassen ist.

Nach dem ersten Weltkrieg wurde eine Gedenktafel für die Gefallenen

des 1. Weltkrieges geschaffen; sie ist ein Werk des Münchner

Kunstprofessors Albertshofer.

17 Gästebücher Schloss Neubeuern, heute im Besitz der Privatschule auf Schloss

Neubeuern.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 51


Früher im hinteren Teil der Kirche, heute rechts und links von der

Orgel, hängen zwei Bilder des Traunsteiner Malers und Architekten

von Kotzebue: Luther und Melanchthon.

Bereits drei Jahre nach dem Kirchbau entstand ein großes Pfarrhaus

mit Gemeinderäumen, längst bevor Rosenheim einen eigenen Geistlichen

zugesprochen bekam.

In der Folgezeit wuchs die Rosenheimer Gemeinde stetig. So konnte

die Versorgung von München aus durch Reiseprediger schon bald nicht

mehr geleistet werden. Im Jahr 1900 wurde deshalb in Rosenheim eine

eigene Pfarrstelle eingerichtet, die den ganzen Bereich bis Traunstein

und Berchtesgaden, aber auch das Inntal bis Kiefersfelden mitversorgen

sollte. Erster Pfarrer in Rosenheim wurde Pfarrer Philipp Weber, der

bis 1921 in Rosenheim wirkte.

Aber auch in vielen anderen Orten Südostoberbayerns wuchs die

Zahl der Evangelischen weiter, und es wurden evangelische Vereine

gegründet, so z.B. auch in Aibling, das damals noch von Rosenheim

aus versorgt wurde. 1904 wurde auch hier eine Kirche eingeweiht,

damals noch gleichsam auf der grünen Wiese außerhalb des Ortes. Die

Aiblinger Christuskirche war ein weiteres Symbol dafür, dass der evangelische

Glaube in Oberbayern dauerhaft Fuß gefasst hatte.

In den Folgejahren kam es durch vermögende evangelische Gemeindeglieder

zu mehreren Vermächtnissen, die der Rosenheimer Gemeinde

Grundstücke, Mietshäuser und auch Geldvermögen brachten.

In diesem Zusammenhang sind Emma Landl (1840 – 1921) und Konrad

Wellein (1843 – 1929) zu nennen. 18 Das von Emma Landl der Gemeinde

vermachte Landlstift an der Innsbrucker Straße diente längere Zeit als

evangelische Schule und später als Jugend- und Gemeindehaus der

Kirchengemeinde. Die ebenfalls geerbten Mietshäuser in der Münchner

und der Riederstraße sind bis heute im Besitz der Gemeinde. In der

Riederstraße befindet sich seit den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts die

Verwaltungsstelle des Dekanatsbezirkes.

Der später für die evangelische Gemeinde sehr wichtige evangelische

Lehrer Karl Weber ( 1874 – 1953), der viele Jahre Mitglied des Kirchenvorstandes

war und bei der Entstehung des Dekanats Rosenheim

ein entscheidende Rolle spielte, war wohl bereits in jungen Jahren eine

in Rosenheim allgemein bekannte Persönlichkeit. So berichtete der

Rosenheimer Anzeiger Anfang August 1914, dass dieser Lehrer Weber

vom Beginn des ersten Weltkriegs in Serbien überrascht, dort als Spion

18 Sh. die Marmortafel im Bereich des Kircheneingangs der Erlöserkirche

52 Freiheit und Glaube


verhaftet und gemeinsam mit einem Kollegen in Belgrad erschossen

worden sei. 19 In seiner Ausgabe vom 11. August 1914 konnte dieselbe

Zeitung berichten, dass Weber mit seinen Begleitern der Gefahr glücklich

entkommen und über Konstantinopel und Athen glücklich nach

Rosenheim zurückgekehrt sei. 20

Der Ausbruch des 1. Weltkrieges stellte die Kirchengemeinde insgesamt

vor große Herausforderungen. Wöchentlich wurden sog.

Kriegsgebetsstunden gehalten. Verwundete Soldaten in den Lazaretten

wurden seelsorgerlich begleitet und die im Feld stehenden Soldaten

wurden u.a. an Weihnachten mit Paketen versorgt. 21

1922 kam Adolf Schott als Pfarrer nach Rosenheim. Er blieb bis 1931.

In seine Amtszeit fielen die Bemühungen der Rosenheimer Gemeinde,

zum Sitz des neu zu gründenden Dekanats im Osten Münchens zu

werden. Ab Anfang 1932 wurde Franz Schmid Pfarrer in Rosenheim. Er

war ab 1933 der erste Rosenheim Dekan.

Die Entstehung weiterer evangelischer Gemeinden rund um

Rosenheim bis 1933 22

Insgesamt wurde der Raum Südostoberbayerns bis ins 20. Jahrhundert

hinein überwiegend von München aus mit Reisepredigern versorgt,

die je nach Zahl der Evangelischen und räumlichen Gegebenheiten

zwischen dreimal im Jahr und monatlichen Abständen Gottesdienste

hielten. Ihre Gebiete waren nach evangelischen Zentren aufgeteilt,

dennoch riesig. So umfasste der Reispredigerbezirk Rosenheim fast

ganz Südostoberbayern. So war es kein Wunder, dass an vielen Orten

nur selten evangelische Gottesdienste gefeiert werden konnten. Die

Reiseprediger gaben regelmäßig Berichte über ihre Erfahrungen und die

Entwicklungen in den besuchten kleinen Gemeinschaften. 23

Später, ab dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden diese Reiseprediger

zunehmend unterstützt von den Pfarrern in den ersten offiziellen

Gemeinden im Oberland wie Großkarolinenfeld, Rosenheim und später

Aibling, Prien und Mühldorf.

19 Rosenheimer Anzeiger ??. August 1914, Archiv Kirchengemeinde Rosenheim

20 Rosenheim Anzeiger, 11. August 1914, Archiv Kirchengemeinde Rosenheim

21 Evang.-Luth. Kirchengemeinde Rosenheim, Pfarrarchiv 68

22 In diesem Abschnitt beziehe ich mich vor allem auf: „Rosenheim, ein Dekanatsbezirk

in Oberbayern“, Hg. Evang.-Luth. Dekanat Rosenheim, 1991

23 LAELKB, Bay. D München I, Nr. 466

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 53


So ergaben sich in vielen Orten mit der größer werdenden „Gemeinde“

zunehmende Bestrebungen, eigene Gottesdiensträume zu haben und

regelmäßigere Gottesdienste feiern zu können. Diese Bestrebungen

wurden häufig unterstützt von wohlhabenden Familien, die ihre

eigenen Räume, oder evangelischen Fabrikanten, die Räume in ihren

Fabriken zur Verfügung stellten.

In Aschau entstand Ende des 19. Jahrhunderts rund um die Familie des

evangelischen Barons von Cramer Klett eine erste kleine Gemeinde, die

sich vor allem aus evangelischen Beamten des Barons zusammensetzte

und sich zum Gottesdienst im Betsaal traf, der in einem der Verwaltungsgebäude

des Barons eingerichtet worden war. Diese Gottesdienste

wurden von Reisepredigern aus München, später aus Rosenheim,

gehalten. Als das Ehepaar Cramer-Klett starb, konvertierte der Sohn

zum Katholizismus. So musste die inzwischen auf rund 100 Mitglieder

angewachsene Gemeinde in ein Schulzimmer in Niederaschau ausweichen,

das häufig überfüllt war. Auf eine eigene Kirche in Aschau musste

sie bis 1941, und in Bernau bis 1956 warten. Gemeindlich gehörten die

Aschauer zunächst nach Rosenheim und ab 1934 nach Prien.

In Aibling, das schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts evangelische

Einwohner aufweisen konnte und das zunächst von Großkarolinenfeld

mit betreut wurde, wurde 1892 ein evangelischer Verein gegründet. Bereits

12 Jahre später konnte die Christuskirche 1904 eingeweiht werden.

1922 wurde Aibling zu einer eigenständigen Pfarrei.

Nach Endorf kamen die ersten Evangelischen durch den Bau der Bahnlinie

München – Rosenheim – Salzburg ab 1859. Zunächst waren diese

ganz nach Rosenheim orientiert. So wurde erst 1922 zum ersten Mal ein

evangelischer Gottesdienst gefeiert – in der Villa der Familie Lehmann.

Später gab es dann regelmäßige Gottesdienste im Schulhaus. 1934

wurde Endorf ein exponiertes Vikariat, das zur Kirchengemeinde Prien

gehörte.

In Brannenburg siedelten sich ab Beginn des 20. Jahrhunderts erste

Evangelische an. Sie wurden bis 1949 von Rosenheim aus betreut. Ihre

Gottesdienste hielten sie in einem Betsaal, in Schulen und, von Gräfin

Julie von Wendelstadt gefördert, in der Neubeurer Schlosskapelle.

54 Freiheit und Glaube


Bruckmühl, das selbst erst im 19. Jahrhundert als eigenständiger Ort

entstand, kennt seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Evangelische.

Sie feierten Andachten und Gottesdienste ab 1920. 1927 konnten sie

Gottesdienste im Mausoleum Hohenfried feiern, das der Diplomat und

Fabrikant Karl Stollwerck für seine früh verstorbene Tochter Carlita in

der Nähe von Feldkirchen-Westerham erbauen ließ. Ab 1929 wurde an

der Bruckmühler Schule ein Betsaal zur Verfügung gestellt. Bruckmühl

gehörte bis 1962 zur Mutterpfarrei Aibling.

Ebersberg, in dem vor 1945 nur sehr wenige Evangelische wohnten,

gehörte bis 1923 zur Gemeinde Feldkirchen bei München, danach bis

1958 zur Gemeinde Großkarolinenfeld. Die Evangelischen mussten

bis 1924 den weiten Weg zur Kirche in Feldkirchen zurücklegen. Ab

1924 konnten sie, ebenso wie die Kirchseeonner, das neu gebaute erste

Kirchlein im nahegelegenen Grafing besuchen.

In Grafing, das eine vergleichbare Entwicklung wie Ebersberg genommen

hatte, konnte 1924 eine erste kleine Kirche eingeweiht werden,

zu der die Evangelischen aus der ganzen Umgebung kamen. Für die

Gottesdienste zuständig war der Pfarrer von Großkarolinenfeld.

Großkarolinenfeld: siehe die ausführlichen Darstellungen.

In Haag fanden ab 1920 gelegentlich evangelische Gottesdienste in den

Räumen des Amtsgerichts statt. Gehalten wurden sie zunächst von

Erding, später von Mühldorf und nach 1945 von Wasserburg aus.

In Kolbermoor entstanden zeitgleich 1863 der Ort Kolbermoor und

seine kleine evangelische Gemeinde, als die Spinnerei Kolbermoor

ihren Betrieb aufnahm. Die Direktoren kamen aus Augsburg und

waren evangelisch. Und so richteten sie auf dem Betriebsgelände einen

Betsaal ein, der zunächst von Pfarrer Lindner aus Großkarolinenfeld

mit versehen wurde. Später gehörte Kolbermoor zu Rosenheim und

dann zu Bad Aibling.

Oberaudorf und Kiefersfelden, wo es bis zum Ende des 2. Weltkrieges

nur vereinzelt Evangelische gab, wurden von Rosenheim aus mitversorgt.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 55


In Prien gab es ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Evangelischen.

1919 wurde hier der erste evangelische Gottesdienst gefeiert.

Und bereits acht Jahre später konnte 1927 die Christuskirche eingeweiht

werden, die bis 1934, als Prien eigene Pfarrei wurde, von Rosenheim

aus mitversorgt wurde.

Rosenheim: siehe die ausführliche vorstehende Darstellung

Die bis 1940 nur sehr wenigen Evangelischen in Stephanskirchen

waren auf Grund der räumlichen Nähe ganz nach Rosenheim hin

orientiert. Stephanskirchen bekam erst 1966 eine eigene Kirche und

wurde 1976 eigenständig.

In Wasserburg fanden bereits ab 1851 evangelische Gottesdienste im

Rathaussaal statt. Ab 1900 gehörte es zur Kirchengemeinde Rosenheim,

ab 1923 zu Mühldorf. Ab 1923 konnte ein eigener Betsaal benutzt

werden. Und 1925 erwarben die Wasserburger ein Grundstück, auf dem

32 Jahre später die Christuskirche erbaut wurde.

56 Freiheit und Glaube


Die Anfänge der

„Protestantischen Gesammtgemeinde“

im Kurfürstentum/Königreich Bayern*

Exemplarisch dargestellt an der protestantischen Kirchengemeinde

der Pfälzer Kolonie Großkarolinenfeld 1802–1839

Von Ulrike Kuschel

Vorbemerkungen

Die folgenden Überlegungen befassen sich mit den Anfängen der heutigen

evangelisch-lutherischen Landeskirche in Bayern 1 und deren Rahmenbedingungen,

die exemplarisch an der 1802 gegründeten Pfälzer

Kolonie Großkarolinenfeld bei Rosenheim 2 dargestellt werden soll. Ausgehend

von der Entstehungsgeschichte der protestantischen Kirchengemeinde

der Kolonistensiedlung wird diese im Horizont der Entwicklung

einer überparochialen Organisation der evangelischen Gemeinden

im Kurfürstentum/Königreich Bayern und deren profangeschichtlichen

Bedingungen gedeutet werden. Die Wahl des Ausgangspunktes – der

Geschichte der Kolonie Großkarolinenfeld – bedingt den angegebenen

Zeitraum von der Gründung der Siedlung über die Anfänge der protestantischen

Gemeinde bis zur Konsolidierung derselben, wobei der

Endpunkt 1839 durch die Auswahl der Hauptquelle bestimmt ist.

* Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte.

1 Die anfängliche Bezeichnung für die organisatorische Gesamtheit aller protestantischer

(lutherischen und reformierten) Gemeinden in Kurbayern bzw. ab 1806 im

Königreich Bayern lautete „Protestantische Gesammtgemeinde“. Vgl. Hartmut

Böttcher: Die Entstehung der evangelischen Landeskirche und die Entwicklung

ihrer Verfassung (1806–1918). In: Gerhard Müller, Horst Weigelt, Wolfgang Zorn

(Hg.): Handbuch der Geschichte der evangelischen Kirche in Bayern. Zweiter

Band 1800–2000. St. Ottilien 2000, 1–29 (Böttcher, Entstehung der evangelischen

Landeskirche),10.

2 Gelegen im oberbayerischen Voralpenland der bayerisch-tirolerischen Berge

zwischen den Städten Rosenheim und Bad Aibling. Großkarolinenfeld hat heute

knapp 6600 Einwohner (70,9% katholisch, 16,2% evangelisch).

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 57


I. Quellen

Zur Rekonstruktion der Ereignisse wird in erster Linie auf das Pfarrbuch

1833–1842, das „Zweite Pfarrbuch oder allgemeine Beschreibung

des gesamten Kirchenwesens in der unierten Pfarrey Groß-Carolinenfeld

gefertigt von Johann Stephan Tretzel, protestantischer Pfarrer

daselbst, im Jahre 1833“ 3 , sowie auf das „Kirchenbuch 1804–1846“ 4 zurückgegriffen.

Als Hauptquelle dient dabei das Pfarrbuch von 1833–

1842. Legt man ein Quellenverständnis zugrunde, das als Quelle nur

Zeitzeugenberichte zulässt, besteht das Problem dieses Dokumentes in

der Mischung aus erster Chronik und Quelle, da Tretzel sich in einem

ersten Teil der Anfangsgeschichte der Kolonie (die er persönlich nicht

erlebt hat) widmet, bevor er in weiteren Abschnitten auf die Ereignisse

zu sprechen kommt, deren Zeitzeuge er selbst ist. Als Quelle im

engeren Sinn kann der genannte erste Teil deshalb nur unter dem Vorbehalt

gelten, dass der 1821 in Großkarolinenfeld aufgezogene Tretzel,

mit Zeitzeugen Kontakt pflegte 5 .

Da Tretzel Großkarolinenfeld im Jahr 1839 verließ und in diesem Fall

als „Hauptzeuge“ fungierte, stellt dieses Datum den Endpunkt der Ausführung

dar. Auf der Ebene der Entstehungsgeschichte der bayerischen

Landeskirche ist dies insofern vertretbar, als nach der Ausbildung einer

Kirchenorganisation durch die Konsistorialordnung von 1809 und das

Protestantenedikt 1818 die kirchliche Organisationsentwicklung zunächst

weitgehend stagnierte und erst infolge der Revolutionsereignisse

von 1848 wieder „zu neuen Ufern“ aufbrach 6 .

3 Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Großkarolinenfeld.

4 Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Großkarolinenfeld. Dieses umfasst

Kurzbeschreibungen der Pfarrstelleninhaber von 1804 bis 1931, sowie die

Dokumentation der ersten Kolonistengeneration bzw. Gemeindeglieder und der

Kasualhandlungen an diesen (Taufen, Trauungen, Beerdigungen, Konfirmationen)

bis 1846.

5 Ersichtlich aus den Eintragungen des Kirchenbuches von 1804–1846 sowie aus

Randbemerkungen der Chronik.

6 So Böttcher, Entstehung der evangelischen Landeskirche,19. Helmut Bruchner:

Die synodalen und presbyterialen Verfassungsformen in der Protestantischen

Kirche des rechtsrheinischen Bayern im 19. Jahrhundert. Berlin 1974 (Bruchner,

die synodalen und presbyterialen Verfassungsformen), 83–89. Gerhard Grethlein,

Hartmut Böttcher, Werner Hofmann, Hans-Peter Hübner: Evangelisches Kirchenrecht

in Bayern. München 1994 (Grethlein u.a., evangelisches Kirchenrecht), 33.

58 Freiheit und Glaube


II. Die Zeit der Besiedelung: 1802–1804

1. Historischer Kontext

Das in Kurbayern herrschende Geschlecht der Wittelsbacher 7 galt gemeinsam

mit den Habsburgern während der Reformation als „die entscheidende

Basis der alten Kirche innerhalb des Reiches“ 8 . Durch das

im Anschluss an die Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens

von 1555 im Westfälischen Frieden von 1648 festgelegte Bestimmungsrecht

des Landesherrn über die Konfession 9 der Untertanen führte so

dazu, dass im Herrschaftsgebiet der Wittelsbacher das „Prinzip der

ausschließlichen Katholizität“ 10 galt, das zwar nie „förmlich erklärt, aber

dennoch in besonderer Strenge ausgeführt wurde“ 11 . So erfolgte z.B. der

Aufbau eines kirchliches Polizeiwesens, das den religiösen Alltag der

Untertanen durch sogenannte „Rentmeister“und deren Spitzel mit Hilfe

von „Umritten“ (einer Art Visitation) überwachte. Diese Überwachung

schien notwendig, da sich kleine Reste der protestantischen Bewegung

als „Kryptoprotestantismus bis ins 18. Jahrhundert hinein behauptet“ 12

hatten und von den Reichsstädten Nürnberg, Augsburg und Regensburg

sowie der Reichsgrafschaft Ortenburg durch den Warenverkehr

oder reisende Handwerksgesellen Unterstützung erhielten. Ein 1652

erlassenes Mandat ordnete an, „die im Land befindlichen Unkatholischen

streng zu überwachen. Umgekehrt hatten sich alle in ein protestantisches

Territorium ‚auslaufenden‘ Dienstboten oder Gesellen bei

den Pfarrern ab- und zurückzumelden“ 13 .

Erst im Zuge der Aufklärung und des damit verbundenen rationalistischen

Verständnisses des Staates als Gemeinwesen, demzufolge alle

Lebensbereiche (und damit auch die religiösen Belange) den Staatsinteressen

unterzuordnen sind, änderte sich das Verhältnis zu den

7 Es handelte sich um ein weitverzweigtes Haus, das schon früh mit der Kurpfalz in

Verbindung stand.

8 Alois Schmid: Vom Westfälischen Frieden bis zum Reichsdeputationshauptschluss.

Altbayern 1648–1803. In: Walter Brandmüller (Hg.): Handbuch der bayerischen

Kirchengeschichte. Zweiter Band: Von der Glaubensspaltung bis zur Säkularisation.

St. Ottilien 1993, 293–356 (Schmid, vom Westfälischen Frieden), 297.

9 Der Westfälische Friede sicherte den Katholiken, Lutheranern und Calvinisten das

Recht der Konfessionsausübung zu.

10 Ebda. 299.

11 Ebda. 342.

12 Ebda. 344.

13 Ebda. 344.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 59


Andersgläubigen. So hielten unter der Herrschaft von Kurfürst Max III.

Joseph (1745–1777) die ersten Protestanten in der nächsten Umgebung

des Hofes Einzug – als Angehörige der Armee, der 1759 gegründeten

Bayerischen Akademie der Wissenschaften oder als Beamte.

Mit der Hinwendung zur aufgeklärten Staatsidee kam es auch zu ersten

Versuchen, kirchliche Herrschaftsansprüche in Form von Besitz einzudämmen:

1764 erschien das Amortisationsgesetz (mit Vorläufern

ab 1670), das der Kirche neben dem Verbot des Erwerbs von Liegenschaften

nun auch den Erwerb aller Mobilien und das Annehmen von

Zuwendungen von mehr als 2000fl bzw. von testamentarischen Verfügungen

von über 2000fl verbot. Zudem konnte Max III. Joseph mit

Zustimmung der Kurie auch die bislang nicht vorhandene reguläre

Besteuerung des Kirchenbesitzes erwirken.

Eine grundlegende Wende begann mit Karl Theodor, der 1777 Max III.

Joseph folgte und der kurpfälzischen Linie der Wittelbacher entstammte

14 . Als Kurfürst der Pfalz und von Bayern trug er „die herkömmlicherweise

freiere Konfessionspolitik der Pfalz auch nach Altbayern“ 15 . Da

Karl Theodor ebenfalls kinderlos verstarb, übernahm Max IV. Joseph,

aus der Pfälzer Linie Birkenfeld-Zweibrücken, 1799 die Herrschaft. Er

war 1756 geboren und im Geist der Aufkärung erzogen worden. Sein

Vater war aus dynastischen Erwägungen heraus zum Katholizismus

übergetreten und auch von Max IV. Joseph wird behauptet, dass er

zur Religion „ein distanziertes, auf den Gesichtspunkt der Nützlichkeit

abgestelltes Verhältnis“ 16 hatte. Er war in erster Ehe mit der Prinzessin

Auguste Wilhelmine v. Hessen-Darmstadt verheiratet, aus der ein Sohn,

Ludwig, hervorging. Da sein Bruder ohne männlichen Nachkommen

verstarb, wurde Max IV. Joseph 1795 Herzog des linksrheinischen Herzogtums

Zweibrücken, das zu dieser Zeit aber aufgrund des Krieges

14 Die Nachfolge war möglich, da seit 1724 ein Hausvertrag zwischen der Kurpfälzischen

und Kurbayerischen Linie der Wittelbacher existierte, der u.a. gegenseitige

Erbfolge im Fall des Ausbleibens eines männlichen Nachkommen einer Linie

festschrieb. Dieser Vertrag bestand ursprünglich nur zwischen den katholischen

„Hausherren“ der Wittelsbacher, wurde aber 1746/47 bzw. 1766, 1771 und 1774

erneuert und in dem Sinn erweitert, dass auch die Agnaten der protestantischen

Linien (wie z.B. Birkenfeld-Zweibrücken) aufgenommen wurden.

15 Ebda. 345.

16 Hubert Glaser: Wittelsbach – Kurfürsten im Reich – Könige von Bayern. Vier

Kapitel aus der Geschichte des Hauses Wittelbach im 18. und 19. Jahrhundert. Hg.

v. Reinhold Baumstark. München 1993, 11–85 (Glaser, Wittelsbach), 37.

60 Freiheit und Glaube


gegen die revolutionären französischen Truppen (1792–1797) französisch

besetzt war. 1796 verstarb Auguste und Max IV. Joseph floh nach Ansbach

ins Exil. Dort lernte er seine zweite Frau, Caroline Wilhelmine,

Prinzessin von Baden, die dem evangelisch-lutherischen Bekenntnis

angehörte, kennen und heiratet sie 1797. In Ansbach rückte auch der

schon 1786 an den Hof Zweibrücken gekommene Freiherr (und spätere

Graf) Maximilian Joseph von Montgelas zum wichtigsten politischen

Berater Max IV. Josephs auf und entwickelte, da das Antreten der Erbfolge

aufgrund der Kinderlosigkeit Karl Theodors bereits abzusehen

war, mit der Zustimmung des Herzogs ein umfangreiches Programm

für die Neuordnung Kurbayerns 17 . Dieses war gekennzeichnet vom aufklärerischem

Geist der Toleranz und des strengen Territorialismus.

Mit der Frau Max IV. Josephs, Prinzessin Caroline, war zum ersten Mal

eine Nichtkatholikin am Münchener Hof ansässig. Da sich zuvor nur

Katholiken in Bayern niederlassen durften, musste eine Regelung getroffen

werden. Dies geschah auf der Basis einiger Vorläufer 18 endgültig

mit dem Toleranzedikt vom 26.8.1801, das besagte, dass bei der Ansiedelung

von Protestanten nicht mehr vom Toleranzprinzip abgewichen

werden dürfe.

Caroline brachte zur Ausübung ihrer Religion, die ihr im Ehevertrag zugesichert

worden war, den lutherischen Theologen Friedrich Wilhelm

Schmidt mit. Er wurde Kabinettsprediger (später Ministerialrat) und

konnte im Januar 1800 erwirken, dass ihm „die Ausübung nahezu aller

pfarrerlichen Verrichtungen […] zugestanden wurde“ 19 . Im Zusammenhang

mit der Ausweitung der ursprünglich privaten evangelischen Got-

17 Zu erwähnen ist hier das Ansbacher Mémoire vom 30.9.1796, das bereits die

Aufhebung der Klöster und Bettelorden, staatliche Kontrolle der kirchlichen

Stiftungen, Verbesserung des Pfarreisystems und der geistlichen Ausbildung

sowie die Einführung der Gleichberechtigung der Konfessionen vorsah.

18 1799 die Religionsdeklaration in der Kurpfalz mit der Anerkennung individueller

Religionsfreiheit und bürgerlicher Gleichberechtigung; 30.9.1800 Amberger

Resolution, die festhielt, dass „bey der Ansässigmachung […] die katholische

Religionseigenschaft nicht ferner als eine wesentliche Bedingniß anzusehen sey“

(nach Böttcher, Entstehung der evangelischen Landeskirche, 6). Sie wurde am

10.11.1800 auf ganz Altbayern ausgedehnt.

19 Winfried Müller: Zwischen Säkularisation und Konkordat. Die Neuordnung des

Verhältnisses von Staat und Kirche 1803–1821. In: Walter Brandmüller (Hg.): Handbuch

der bayerischen Kirchengeschichte. Band 3: Vom Reichsdeputationshauptschluss

bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. St. Ottilien 1991, 84–129 (Müller,

Zwischen Säkularisation und Konkordat), 101.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 61


tesdienste am kurfürstlichen Hof auf alle Münchner Protestanten, kann

Schmidt so als erster evangelischer „Stadtpfarrer“ verstanden werden.

Mit dem Toleranzedikt hatte Montgelas ein wichtiges Bestreben seines

politischen Programms umgesetzt, das auch pragmatischem Interesse

folgte: so brachte das Toleranzedikt die staatliche Kirchenhoheit sichtbar

zum Ausdruck. Zudem versprach er sich mit der nun möglichen

Ansiedelung ohne Rücksicht auf die Konfession Impulse für die

bayerische Wirtschaft 20 . Auf diesem Hintergrund entstand eine Art

Siedlungsprogramm, das die Urbarmachung des Donaumooses sowie

der Moorgründe bei Dachau und Rosenheim vorsah und sein Augenmerk

besonders auf auswanderwillige Pfälzer in den links- und rechtsrheinischen

Gebieten richtete 21 . Gelockt wurden sie durch staatliche

Vergünstigungen wie der unentgeldlichen Überlassung von Grund und

Boden mit Zinsfreiheit in den ersten zehn Jahren, der Zahlung des

Unterhalts für das erste viertel Jahr, Steuerfreiheit, Hilfe beim Hausbau,

Erhalt von Arbeitspferden und der Befreiung der ersten im Land geborenen

Generation vom Militärdienst 22 ; die Anwerbung erfolgte von

Heidelberg aus.

2. Die Ankunft der ersten Siedler im Rosenheimer Moos

oder Kolbermoos

Die ersten Siedler, sowohl aus der rechtsrheinischen Kurpfalz 23 als

auch aus den nun unter französischer Herrschaft stehenden linksrheinischen

Gebieten 24 kommend, trafen im Mai 1802 im Kolbermoos ein.

Der Pfarrer und erste Chronist Tretzel spricht von ca. 60 Familien, von

denen etwa ein Drittel evangelischer Konfession (und davon zwei

20 Ebda. 100.

21 Bedingt durch den Krieg 1792–1797 und die französische Herrschaft über die linksrheinischen

Gebiete sowie durch ständig drohende Kriegsgefahr.

22 So ein kurfürstliches Dekret vom 22.2.1802, vgl. Heribert Greiner: Chronik 200

Jahre Pfälzer Siedlung Großkarolinenfeld. 1802–2002. Landshut 2002 (Greiner,

Chronik), 9.

23 Greiner ebda. nennt hier die Ortschaften Leutershausen, Obrigheim, Neckarsgerach,

Wilhelmsfeld, Sattelbach, Lampertheim, Ziegelhausen, Zwingenberg,

Mosbach, Sinsheim, Eppingen, Aßpach und Gundelsheim (13).

24 Greiner ebda. nennt hier die Ortschaften Hochspeyer, Alsenborn, Weidenthal,

Obermohr, Kriegsheim, Seubersheim, Kaiserslautern, Waldmohr, Lauterecken und

das Departement Donnersberg (Zell und Harxheim) (13).

62 Freiheit und Glaube


Drittel reformiert und ein Drittel lutherisch) waren. Es gab wohl Vermögende

unter den Ausgewanderten, welche aber aufgrund der Bedingungen

bald wieder aus dem Kolbermoos abzogen. D.h. die schließlich

Ansiedlungswilligen waren eher die Ärmeren, die sich eine erneute

Weiterreise nicht leisten konnten: „allein mehrerer (sic!) Familien – die

vermöglichen –, nachdem sie durch eigenen (sic!) Ansicht sich von der

ungünstigen Lage hiesiger Kolonie überzeugt hatten, zogen wieder

fort“ 25 .

Die „ungünstige Lage“ dürfte wohl ein Euphemismus für die

„Wüsteney, die nur an wenigen […] Plätzen mit Wald bewachsen war,

übrigens aber aus einem großen Torfsumpfe, in Grenzen 6000 Tagwerk

enthaltend, bestand“ 26 sein. Es standen noch keine Häuser – die ersten

Kolonisten suchten in der nächstgelegenen Ortschaft Unterschlupf –

und das Land musste erst urbar gemacht werden. Zudem gab es Tretzel

zufolge auch Schwierigkeiten mit den Anwohnern des Moosgiebets,

die das Moor als Viehweide nutzten. Hier sah der staatliche Plan vor,

ca. ein Drittel (also 2000 Tagwerk) der Gründe den Kolonisten und den

Rest den Anwohnern zu überlassen. Die Kultivierung erwies sich als

mühsam und Tretzel beklagt: „Auch noch jetzt, nach 30 Jahren, und

nachdem der angestrengte, von Jahr zu Jahr weiter fortschreitende

Fleiß dem Sumpfe allmählich viele nutzbare Parzellen abgerungen hat,

ist danach nicht der 4te Theil, keine 500 Morgen, zu gutem Acker, und

Wiesenland umgewandelt, worauf 73, meist sehr zahlreiche Familien

sich nähren sollten!“ 27 .

Zur Errichtung von Häusern wurden Grundstücke entlang des

Baches Rott, links und rechts eines erhöht angelegten Fahrweges, verlost

und so mit dem Bau eines Ober- und Unterdorfes begonnen. Die

entstehenden Häuser hoben sich vom oberbayerischen Stil ab, da sie in

Pfälzer Manier 28 gebaut wurden. Solche und andere Eigenarten, wie der

25 Pfarrbuch 1833–1843: zweites Pfarrbuch oder allgemeine Beschreibung des

gesamten Kirchenwesens in der unierten Pfarrey Groß-Carolinenfeld, gefertigt

von Johann Stephan Tretzel, protestantischer Pfarrer dasselbst, im Jahre 1833.

Archiv des evangelisch-lutherischen Pfarramtes Großkarolinenfeld (o. Signatur; o.

Paginierung)(Zweites Pfarrbuch), erster Abschnitt.

26 Ebda., erster Abschnitt.

27 Ebda., erster Abschnitt.

28 „Kleine Häuser mit enger Stirnseite und steilem Giebel. Sie zeigen kaum ein

Vordach […] Die Pfälzer mauerten 6 Schuh (ca. 2m) auf, errichteten Riegelwände

und füllten diese mit Lehm aus“ (Siegfried Blümel: Beiträge zur Heimatkunde

von Großkarolinenfeld. Sonderdruck aus der Zeitschrift des Historischen Vereins

Rosenheim „Das bayerische Inn-Oberland“, 40. Jahrgang (o. Bandzahl) 1976, 163).

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 63


Pfälzer Dialekt und die Tatsache, dass ein Drittel der Siedler protestantisch

waren, dürften dazu beigetragen haben, dass die Neuankömmlinge

von den Bewohnern des Umlandes zunächst kritisch betrachtet

wurden 29 , wobei die Anfeindungen gegenüber den Protestanten hervorstachen

30 .

Am 2.6.1802 zählte die Kolonie 367 Einwohner, unter denen chaotische

Zustände geherrscht haben müssen 31 , die wohl auch eine Folge der

Notlage der Kolonisten waren. So schreibt Baron v. Schilcher, einer der

mit der Ansiedelung Betrauten, mit der Bitte um finanzielle Hilfe an

den Kurfüsten:

„Nun sei das Elend fertig. Die Handwerkersleute verließen, mangels

Zahlung, die Colonie. Viele Colonisten haben in ihren halbfertigen

Häusern zwar Stuben und Küche, aber weder Ofen noch Fenster

und Türen. Die bewohnten Häuser sind noch feucht und daher

ungesund“. Weiter schreibt Schilcher: „Wenn es mit dem Menschen-

Elende schlimm steht, so steht es noch schlimmer mit dem Vieh. Es

kann allenfalls eidlich versichert werden, daß von 81 Pferden, die

bis jetzt auf der Colonie umkamen, die Hälfte verhungert ist. Der

Colonist Martin Härter klagte vor 3 Tagen tränenden Auges, daß sein

Pferd mangels Futter verhungere“ 32 .

29 Tretzel schreibt von einer Gegend, „die nun Jahre unter die dunkelste des

bayerischen Landes gerechnet ward und dem protestantischen Bekenntnis so

abhold war, und meist auch feind, daß es auch noch jetzt für einen Protestanten

ungemein schwer wird, sich unter ihnen […] häuslich niederzulassen“ (Zweites

Pfarrbuch, zweiter Abschnitt).

30 So schreibt der u.a. mit der Ansiedlung betraute Baron von Schilcher an den Kurfürsten:

„daß er die Geschichte, wegen der Verhetzung der Bürger Rosenheims,

gegen die Reformierten und Lutherischen, bereits in Untersuchung genommen

habe“ (nach Greiner, Chronik, 2).

31 Das geht aus dem Wunsch nach einem Dorfvorsteher, dokumentiert in einem

Brief v. Schilchers, hervor: „Auf mehrfältige eingegangene Klagen über Unordnungen

und Exzesse, welche sich eingige Ansiedler am Kolber erlaubten und auf

wiederholtes Bitten von dem größten Theil der Colonisten des ersten Dorfes, dass

man ihnen einen ordentlichen Dorfvorstand gebe und ‚provisorie‘ ein Dorfgericht

nach Rheinländischer Art errichte“ (zitiert nach ebda. 14). Dieser Wunsch wurde

gewährt Johann Schenk (Unterdorf) und Sebastian Gipp (Oberdorf) wurden zu

Schultheissen ernannt. Nach Zusammenlegung des Ortes war Sebastian Gipp

Schultheiß bis 1807. Danach gab es Gemeindevorsteher und erst ab 1876 einen

Bürgermeister.

32 Zitiert nach ebda. 19.

64 Freiheit und Glaube


Hinzu kam, dass die französische Regierung das zurückgelassene Vermögen

der linksrheinischen Kolonisten einzog und somit viele vor dem

Nichts standen.

Die Benennung der Kolonie erfolgte am 8.8.1802 in „Carolinenfeld“

und am 5.11.1802 wurde aus dem Ober- und Unterdorf „Groß-Carolinenfeld“.

3. Die Lage der protestantischen Kolonisten bis 1804

„In den ersten 2 Jahren ihres Hierseyns, von 1802–1804 war diese

kleine Herde ganz verweist, ohne Seelsorger, ohne Unterricht, ohne

Schule und Kirche. Die dringendsten kirchlichen Handlungen, Taufen,

Copulation, Leichen wurden von dem nächsten katholischen Pfarrer

zu Pfaffenhofen, wohin alle hiesigen Katholiken eingepfarrt wurden,

bereitwillig verrichtet. Auch kam jährlich einige Male von München

hierher der königl. Ministerialrath und Kabinettsprediger Ihrer Majestät

der Königin Karoline Hr. Dr. Schmidt, und hielt in einem Wohnzimmer

Gottesdienst und Abendmahlsfeier“ 33 .

Nach H. Greiner 34 handelte es sich hierbei um das Mahl nach lutherischem

Ritus, dem ja nur eine Minderheit der Protestanten angehörten.

Dass in den Anfängen eine „pragmatische“ Ökumene stattgefunden hat,

mag zunächst verwundern, erklärt sich aber aus der herrschenden Bestimmung

des Pfarrzwanges: so mussten zum Beispiel „Begräbnisse […]

grundsätzlich vom Ortsgeistlichen durchgeführt werden“ 35 und zwar für

beide Konfessionen.

Trotzdem muss dieser Zustand für die Protestanten unbefriedigend

gewesen sein. Ende 1803 wandten sich einige von ihnen mit der Bitte

um einen Lehrer und Geistlichen, der ja auch die katholischen Kinder

unterrichten könne, an den Kurfürsten.

33 Zweites Pfarrbuch, zweiter Abschnitt.

34 Vgl. Heribert Greiner: Die bewegte Geschichte der Evang.-Luth. Kirchengemeinde

Großkarolinenfeld. Unveröffentlichtes Manuskript (Greiner, bewegte Geschichte).

35 Müller, zwischen Säkularisation und Konkordat, 106.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 65


III. Die Anfänge der protestantischen Gemeinde: 1804–1822

Die recht zügige Bearbeitung der Bitte durch Max IV. Joseph und die

Konstitution einer kombinierten Pfarr- und Schulstelle am 20.4.1804

stand sicherlich auch mit den politischen Ereignissen, bzw. der Umsetzung

gewisser politischer Ideen, im Zusammenhang:

Mit dem Religionsedikt vom 10.1.1803, das mit der Bestätigung des

Toleranzediktes die vollkommene bürgerliche Gleichberechtigung der

drei durch den Westfälischen Frieden anerkannten christlichen Konfessionen

festschrieb, wurde den Nichtkatholiken erstmals die Bildung

von eigenen Kirchengemeinden – unter dem Vorbehalt des staatlichen

Rechts bezüglich der äußeren Kirchenorganisation – gestattet. Dieser

Vorbehalt markiert bereits die Problematik der zukünftigen Entwicklung

einer protestantischen Gesamtorganisation, die durch die vollkommene

Abhängigkeit vom Staat gekennzeichet war und in der Bestimmung

des Kurfürsten als „summus episcopos“ zum Ausdruck kam. Die

Erlaubnis der protestantischen Gemeindebildung implizierte zugleich

erste Überlegungen zur Gesamtorganisation, die darin bestanden,

den staatlichen Mittelbehörden (den Landesdirektorien) Konsistorien

anzugliedern, die im Auftrag des Kurfüsten die Kirchengewalt über die

Gemeinden ausübten.

Einen weiteren Anstoß für den Ausbau einer protestantischen Gesamtorganisation

gab der Reichsdeputationshauptschluss vom 25.2.1803,

in dessen Folge das Kurfürstentum Bayern als Entschädigung für die

linksrheinischen Gebiete u.a. die Hochstifte Würzburg, Bamberg, Passau,

Freising, Augsburg, Eichstätt und die Fürstabtei Kempten, sowie

die Reichsstädte Ulm (ab 1810 an Württemberg), Kaufbeuren, Kempten,

Memmingen, Nördlingen, Rothenburg und Schweinfurt erhielt. Bis

1816 kamen noch weitere Gebiete hinzu 36 . Das Kurfürstentum hatte so

eine beträchtliche Anzahl an protestantischen Territorien gewonnen,

die jeweils unterschiedliche Traditionen pflegten und musste diese Vielfalt

gemäß seines Anspruches der Kirchenhoheit in geordnete Bahnen

lenken. Die Zeit des monokonfessionellen Bayern war nun endgültig

vorbei.

36 Zu nennen sind hier: 1805: Reichsstadt Augsburg und Lindau sowie die Grafschaft

Ortenburg. 1806 Markgrafschaft Ansbach, Reichsstadt Nürnberg und verschiedene

fränkische und schwäbische Herrschaftsgebiete 1810: Markgrafschaft Bayreuth,

Reichsstadt Regensburg, 1814: Großherzogtum Würzburg und Fürstentum

Aschaffenburg 1816 (nach der Niederlage Napoleons in der Schlacht bei Leipzig

1813): fränkische Teilgebiete und die linksrheinische Rheinpfalz.

66 Freiheit und Glaube


Hinsichtlich der Schulpolitik war die mit Max IV. Joseph und Montgelas

zum Durchbruch 37 kommende Säkularisierung von Klöstern von

Bedeutung, die bereits mit der Kabinettsinstruktion vom 25.1.1802,

Aufhebung der Bettelordensklöster und Inspektion der landständischen

Klöster, in die entscheidende Phase eintrat. Da die Klöster auch

wichtige Bildungsanstalten waren, trat nun die Notwendigkeit einer

Reform des Schulwesens ein. Hierzu wurde im selben Jahr ein Generalschuldirektorium

als oberste Schulbehörde eingerichtet und per

Verordnung am 23.12.1802 der allgemeine Schulzwang vom sechsten bis

zwölften Lebensjahr erneuert festgelegt 38 , sowie eine Verpflichtung zur

Sonn- und Feiertagsschule für die 12–18jährigen angeordnet. Ab 1803

wurde die Schulaufsicht auf mittlerer und örtlicher Ebene neu organisiert

und per Instruktion vom 15.9.1808 festgeschrieben. Die Kirchen

mit ihren Gemeinden spielten dabei eine herausragende Rolle, da die

Mitwirkung der Geistlichen erheblich war: sie waren die Vorsitzenden

der lokalen Schulinspektion, der neben ihnen noch der Bürgermeister

und ein weiterer Gemeindevertreter angehörte. Auf der Ebene der

Distrikte bzw. Landesdirektionen wurde analog verfahren, d.h. hier

stand der Dekan an der Spitze der Distriktsschulinspektion. Die Aufsichtsfunktion

übten die Geistlichen im Auftrag des Staates aus, d.h.

der Staat bediente sich der kirchlichen Mitarbeiter für seine Belange.

Dies entsprach einem aufklärerischem Pfarrersbild, das sich auch in der

Regierungsverordnung vom 7.5.1804 niederschlug. Sie betonte, „daß die

Pfarrer als ‚Volkserzieher‘ in Religion und Sittlichkeit nicht als bloße

Kirchendiener, sondern zugleich als Staatsbeamte zu betrachten seien“ 39 .

Von diesem Gedankengut her gesehen, war dem Staat im Sinn einer

„Volkserziehung zur Sittlichkeit“ an einem dichten Netz an Pfarreien

gelegen.

Für die Kolonie Großkarolinenfeld bedeutete dies, dass eine offizielle

protestantische Gemeindegründung mit dem Religionsedikt nun

möglich war. Zudem stand die Gemeindegründung im Kontext eines

37 Erste Versuche hatte es schon unter Max III. Joseph, erste Durchführungen mit

Einstimmung der Kurie (Münchener Ridlerkloster, Indersdorf, Osterhofen) unter

Karl Theodor gegeben. Vgl. hierzu Schmid, vom Westfälischen Frieden.

38 Im Zuge aufklärerischem Gedankengutes hatten „schon vor 1800 staatliche Regelungen

zur Gliederung des Schulwesens … und zur Einführung einer allgemeinen

Schulpflicht“ bestanden (Böttcher, die Entstehung der evangelischen Landeskirche,

23), die sich aber v.a. aus finanziellen und organisatorischen Gründen nicht

durchsetzen konnten.

39 Müller, Zwischen Säkularisation und Konkordat, 91.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 67


Zuwachses an evangelischen Territorien und somit im Zusammenhang

mit den Anfängen der übergemeindlichen Organisation, wie sie in

der obrigkeitlichen „Zuteilung“ zur Landesdirektion Aibling (bis 1807),

bzw. Rosenheim (ab 1807) auch in kirchlichen Angelegenheiten zum

Ausdruck kam: so ist im Kirchenbuch von 1804–1864 zu lesen, dass

die Pfarrer von den jeweiligen Landrichtern der Gemeinde vorgestellt

wurden. Geht man davon aus, dass der Kurfürst ein Interesse an der

„Sittlichkeit“ der Kolonie hatte, wie dies in der später erschienenen

Regierungsverordnung erkennbar wird, verwundert die zügige Bearbeitung

der Bitte der Großkarolinenfelder nicht. Dass solche Gedanken

mitgespielt haben, zeigt ein Brief des Kabinettspredigers Schmidt, der

die Entsendung eines Pfarrers und Lehrers nach Großkarolinenfeld

mit dem Argument befürwortete, „daß es der sittliche Zustand dieser

Gemeinde erfordere, sobald alsmöglich für den Unterricht der Jugend

und für die religiöse Belehrung zu sorgen. Die Kinder wachsen roh

und unwissend auf, ein großer Teil der Alten ist etwas verwildert und

wie es bei den neuen Kolonien gewöhnlich der Fall ist, nicht von der

besten Moralität“ 40 .

Zudem legte Schmidt dem Kurfürsten nahe, keine Stolgebühren

und kein Schulgeld zu erheben, da nur solches einem Religionsdiener

würdig sei und zudem der Schulbesuch nicht durch Bezahlung verhasst

und erschwert werden solle.

Diesem Anliegen ist der Kurfürst wohl nachgekommen, da Tretzel

im Hinblick auf die Besoldung schreibt:

„Dagegen ist der Pfarrer vermöge einer vom vormaligen protestantischen

Consistorium in Schwaben (Ulm) verfassten und durch die

damalige churfürstliche Pastoral-Instruction dd. 7. Jul 1806 unter §

31 die Verbindlichkeit auferlegt, sämtliche geistliche Handlungen

unentgeldlich zu verrichten. Diese Einrichtung gehört, da der Pfarrer

aus der Staatskasse hinlänglich besoldet ist, zur Lichtseite der hiesigen

Pfarrverhältnisse, und muss dem Pfarrer um so angenehmer sey,

je mehr die Gemeindeglieder unbemittelt, viele wirklich arm sind“ 41 .

Der Pfarrer war also im Prinzip ein vom Staat bezahlter Beamter, was

in diesem Fall den Vorteil hatte, auch in einer armen Gemeinde wie

Großkarolinenfeld „hinlänglich“ versorgt zu sein. Die Verfassung der

40 Zitiert nach Greiner Chronik, 20.

41 Zweites Pfarrbuch, sechster Abschnitt.

68 Freiheit und Glaube


„Instruction“ durch die Mittelbehörde des 1810 an Württemberg abgetretenen

Konsistoriums Ulm, erklärt sich aus der Herkunft des ersten (und

zweiten) Pfarrers und Schullehrers, Elias Merckle, „evangelisch luther.

Glaubens, aus Ulm an der Donau, 36 Jahre alt, vom protestantischen

Consistorium in Ulm vorgeschlagen, vom durchlauchtigsten Churfürsten

gnädigst ernannt und angestellt, heuthe [d.h. am 19.8.1804, U.K.] der

hiesigen protestantischen, aus Lutherischen und Reformierten gemischten

Gemeinde, die bisher seit ihrer Ansiedlung noch keinen Seelsorger

hatte, von des Wohlgeboren Hr. Director von Kling, als ihr Seelsorger

vorgestellt – dessen Gattin ist Judith geb. Schrible aus Ulm“ 42 .

In der Ernennung und Anstellung durch den Kurfürsten wird derselbe

als „summus episcopos“ „ansichtig“. Da noch keine Räumlichkeiten

existierten, wohnten Merckle und seine Frau im ca. 1 ½ Stunden 43 entfernt

gelegenen Aibling, „bey dem dasigen, noch jetzt lebenden Bürger

und nachherigen Bürgermeister Matthias Volz, einem sehr aufgeklärten

wohldenkenden Mann“ 44 . Die letzte Bemerkung deutet auf die Nichtselbstverständlichkeit

dieser „Geisteshaltung“ hin, die in der folgenden

Geschichte zum Ausdruck kommt und zeigt, was für eine ungewöhnliches

Bild die Protestanten in Altbayern abgaben:

Die Erscheinung des ersten protestantischen Pfarrers in dieser

Gegend mußte unter den Gemeinden, damals noch mit fast unglaublichen

Vorurtheilen behafteten Volke eine große Sensation sorgen

und veranlaßte – wenn auch keiner unangenehmer, feindlicher- doch

mancher sonderbarer, komischer Vorfälle.- Als Pfarrer Merkle in

Aibling eingetroffenwar: versammelte sich an einem der nächsten

Werktage eine große Volksmenge, hauptsächlich Bauern der umliegenden

Dörfer, vor dem Hause in welchem Merkle logierte. Dieser

glaubte seine persönliche Sicherheit bedroht und gerieth in Unruhe.

Sein Miether Volz trat unter die Leute heraus und fragte, was sie

wollten? Die Antwort war: „Wir haben gehört, dass ein lutherischer

Pastor da sey und möchten gerne wissen, wie ein Solcher aussieht?“

Volz, überzeugt von der unverdächtigten Gesinnungen seiner Landsleute,

sagte dem Pfarrer, daß er sich ganz unbesorgt am Fenster

sehen lassen möge. Merkle that es und das Volk gaffte ihn lange

42 Kirchenbuch 1804–1846. Archiv des evangelisch-lutherischen Pfarramtes Großkarolinenfeld

(o. Signatur, o. Paginierung).

43 So Tretzel im zweiten Pfarrbuch, vierter Abschnitt. Gemeint sind wohl 1 ½ Gehstunden.

44 Ebda., vierter Abschnitt.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 69


staunend an. Endlich äußerten sie, sie hätten gehört, der lutherische

Pastor habe auch eine Frau ; auch diese möchten sie gerne sehen.

Merkle‘s Gattin erschien gleichfalls am Fenster, und nachdem die

Menge mit Verwunderung sich überzeugt hatte, dass auch sie- gleich

alle christ-katholischen Seelen ein menschlich Angesicht habe; ging

sie befriedigt /: oder unbefriedigt- mit getäuschter Ermunterung:/ und

ruhig auseinander. So erzählte der katholische Volz es mir selber.“ 45

Von Aibling aus begab sich Merckle mehrmals wöchentlich zum Schulunterricht

der Kinder beider Konfessionen, sowie an Sonn- und Feiertagen

zum Gottesdienst nach Großkarolinenfeld. Der Unterricht und die

Gottesdienste fanden gegen einen billigen Hauszins im Haus des Kolonisten

Schungl statt 46 .

Zur Gründung wurden der Gemeinde die wichtigsten liturgischen

Geräte, Abendmahlsgeräte und eine Agende 47 , von Prinzessin Caroline

geschenkt. Aufgrund der Armut der Gemeinde war dies wohl notwendig

und wird vielleicht deshalb überaus positiv erwähnt:

„nach der übereinstimmenden Versicherung der Kirchenältesten hat

Ihre Majestät die Königin Karoline Allerhöchsterliche der hiesigen

protestantischen und katholischen Gemeinde so manche Wohlthat

erzeigt“ 48 .

Um der Raumnot abzuhelfen, genehmigte Max IV. Joseph am 25.1.1805

den Bau eines Pfarrhauses auf Staatskosten, zu dessen Erstellung das

Landgericht Aibling Pläne vorlegte, die den Geist der Säkularisation

atmeten: so könnten die Steine „dadurch leicht antransportiert werden:

Es wären die Kirchen von Jakobsberg, Innerthann, Thann im Wald, Hillpoling

und Tattenhausen überflüssig. Die größte Ausbeute jedoch würde

aber liefern, die Kirche in Feldkirchen beim Kloster Rott oder auch die

Wallfahrtskirche Tuntenhausen. Sollte dies Schwierigkeiten geben, dürfte

das Abbrechen der Kirche zu Marienberg, Westerndorf und der zu Fürstätt

am wenigsten auffallen“ 49 .

45 Ebda., vierter Abschnitt.

46 So Greiner, Chronik, 20.

47 Um welche Agende es sich handelte wird nicht gesagt. Eine „bayerische“ Agende

gab es infolge der sich erst konsolidierenden Organisation der Protestanten noch

nicht.

48 Zweites Pfarrbuch, fünfter Abschnitt.

49 Landgericht Aibling, zitiert nach Greiner, Chronik, 21.

70 Freiheit und Glaube


Der Bau sollte also auch möglichst billig sein. Unter Einfluss des mit

den Angelegenheiten der Kolonie betrauten Freiherrn von Kling,

wurden diese Pläne jedoch nicht verwirklicht. Von Kling befürchtete

bei solchem Vorgehen noch größere Integrationsschwierigkeiten der

Protestanten:

„Wir finden es etwas bedenklich, eine katholische Kirche abbrechen

zu lassen, um Steine zu einem protestantischen Pfarrhaus zu erhalten.

Es würde nämlich in dortiger Gegend, widrige Sensationen

erzeugen“ 50 .

Der Bau des Pfarrhauses erfolgte so ohne „Kirchensteine“. Die Einweihung

des Gebäudes, dessen Erdgeschoss als Betsaal bzw. Schulzimmer

genutzt werden sollte, fand am 15.9.1805 statt. Pfarrer Merckle bewohnte

dieses Haus nicht mehr, da er seine Versetzung beantragte und

im April 1806 Großkarolinenfeld verließ.

In der Zwischenzeit war Bayern zum Königreich erhoben worden:

per Proklamation vom 1.1.1806 wurde aus Maximilian IV. Joseph

Maximilian I. Joseph von Bayern.

Am 5. Oktober 1806 traf der neue Pfarrer, Johann David Haug, ein:

„[…] evangelisch lutherischen Glaubens aus Ulm an der Donau, 34

Jahre alt, vom protestantischen Consistorium in Ulm vorgeschlagen,

von Sr. Maj., dem Könige von Baiern, Maximilian Joseph, allergnädigst

ernannt und angestellt, wurde derselben Gemeinde von

S.T. Herrn Landrichter Schmid in Aibling als ihr Seelsorger vorgestellt

– dessen Gattin: Angelika, geb. Niklas aus Ulm“ 51 .

Er bezog als erster das erbaute Pfarrhaus, das bereits ein Jahr nach Fertigstellung

gravierende Mängel aufwies 52 , und blieb bis Oktober 1820 in

Großkarolinenfeld. Unter Pfarrer Haug wird zum ersten Mal von innerprotestantischen

Konfessionsstreitigkeiten berichtet, die sich an der

Abendmahlsfeier entzündeten, die sowohl nach reformierten Ritus mit

Brot als auch nach lutherischem Ritus mit Hostie gefeiert wurde.

50 Von Kling, zitiert nach ebda. 21.

51 Kirchenbuch 1804–1846.

52 So beklagte sich Haug über Wasser im Keller und den unbrauchbaren Ofen.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 71


Dabei scheint auch die Mentalität der Großkarolinenfelder dazu beigetragen

haben, dass sich die Lage aufgrund von Beleidigungen bis hin

zu Gerichtsstreitigkeiten verschärfte. So schreibt Tretzel rückblickend

über die Situation:

Diese Confessionsverschiedenheit zog mancherley Unerfreulichkeiten

und Nachteile nach sich, stand der brüderlichen Einigung, sowie

der Beförderung des religiösen Sinnes hinderlich im Wege. Bey den

öffentlichen Abendmahlsfeiern trat dies am meisten hervor. Man

war genötigt, dieselbe jedesmal nach 2 relig. Ritus, den reformierten

und lutherischen zugleich, zu halten, – und auch die möglichste Vorsicht

des Pfarrers konnte nicht verhindern, daß zuweilen … Mißverständnisse,

Ungeschlicklichkeiten und in Folge desselben Störungen

der Andacht eintraten. Von noch schlimmeren Folgen wurde diese

Verschiedenheit durch die reitzbar, empfindlichen, unverträglichen

Sinn, der hier herrscht. Mit Eifersucht beobachteten sich die beyden

Confessionen und auch die unschuldigsten Worte oder Handlungen

des Pfarrers galten in den Augen der ‚Defoten‘ für eine partheiische

Bevorzugung der einen oder anderen Partey. Beyde Confessionen

machten sich, namentlich wegen des Abendmahlsritus, kränkende

vorwürfe, die zu bitterer Entzweiung, gerichtlicher Klagen und Entscheidungen

(des königlichen Staatsministerium, Oberconsistoriums)

Anlaß gaben./. unter Pfarrer Haug: /Die Beßeren in der Gemeinde

betrübten sich über die Entweihung des heiligen; den Uebrigen

ward Religion und Kirche gleichgültig und verächtlich“ 53 .

Die Vorwürfe scheinen hin und her gewandert zu sein. Den Reformierten

wurde vorgeworfen, sie „fressen Brot wie Zweikreuzerloibel

und saufen den Kelch wie Kühe“ 54 , die Reformierten warfen Pfarrer

Haug vor, er lehre die Kinder ausschließlich lutherisch und gebe den

Reformierten beim Abendmahl den Kelch nicht in die Hand. Die

Streitigkeiten zeigen deutlich, wie sich theologische Unterschiede

der Konfessionen im Gemeindeleben auswirkten, zumal der anderen

Konfession wohl auch mit Unverständnis entgegengetreten, 55 und

53 Zweites Pfarrbuch, fünfter Abschnitt unter b).

54 Greiner, bewegte Geschichte, 9.

55 Anschaulich wird dies auch an einem von Greiner in seiner „bewegten Geschichte

erzählten Beispiel, das einen offenen Streit zur Folge hatte: „Ein lutherisches

Mädchen, die Tochter des Kolonisten Gundelfinger vom Oberdorf, gab zu

Weihnachten 1810 ein Stückchen von dem Überbleibsel des bei der Abendmahls-

72 Freiheit und Glaube


so das „innerprotestantische“ Leben selbst zur Schwierigkeit wurde.

Ebenfalls unter Pfarrer Haug trennten sich die Katholiken von den

Protestanten bezüglich des Schulunterrichts: Am 20.7.1815 wurde zu

finanziellen Lasten der Katholiken eine katholische Schule genehmigt,

die – so Tretzel – dem „confessionellen Mißtrauen gegen den protestantischen

Lehrer“ 56 entsprang. Die Umsetzung gestaltete sich aufgrund

der fehlenden Räumlichkeiten allerdings schwierig.

Auf der Ebene der Gesamtorganisation aller protestantischen Gemeinden

im Königreich war es mittlerweile zu Fortschritten gekommen:

Im Gefolge der Verfassung vom 1.5.1808, die erstmals einen „aufgeklärten

Absolutismus“ in Bayern Einzug halten ließ und die Ministerien

neu ordnete 57 , wurde am 8.9.1809 die erste Konsistorialordnung

für die „Protestantische Gesammtgemeinde“, sozusagen die

erste Verfassung der Protestanten in Bayern, erlassen 58 . Diese Verordnung

brachte eine „auf landeskirchlicher Ebene durchorganisierte

Verstaatlichung des Kirchenwesens“ 59 mit sich, die auf „vollständiger

Integration der kirchlichen Verwaltung in den staatlichen Verwaltungsorganismus“

60 basierte. Diese dem Staat angepasste Kirche „kam der

Protestantismus entgegen. Ihm fehlte die überstaatliche Struktur der

Römischen Kirche, und die Aufklärung hatte ihn durchgängiger erfaßt,

so daß vielen Pfarrern […] das staatliche Leitbild durchaus nahelag“ 61 .

Inhaltlich sah die Konsistorialordnung die Kirchensektion als pro-

feier der Reformierten gebrauchten Brotes, beim Heimgehen der katholischen

Siedlerstochter Rupert … Dieses Vorkommnis erfuhren die Reformierten und

betrachteten es als eine absichtliche Kränkung. Daraufhin wurden umfangreiche

Untersuchungen eingeleitet. Die Heiligenpfleger Theobald Fabian und Martin

Härter wiesen das Mädchen am darauffolgenden Karfreitag 1811 aus dem Betsaal“

(8).

56 Zweites Pfarrbuch, siebenter Abschnitt.

57 So wird nun im Innenministerium eine Sektion für Kirchenangelegenheiten als

oberste kirchliche Behörde über beide Konfessionen gebildet. Vgl. Böttcher, Entstehung

der evangelischen Landeskirche, 7.

58 Maßgeblich beteiligt war der Theologieprofessor und 1807 nach München in das

Innenministerium berufene Friedrich Immanuel Niethammer.

59 Bruchner, die synodalen und presbyterialen Verfassungsformen, 4.

60 Ebda. 5.

61 Werner K. Blessing: Politik und Kirche (bis 1914). In: Gerhard Müller, Horst Weigelt,

Wolfgang Zorn (Hg.): Handbuch der Geschichte der evangelischen Kirche in

Bayern. Zweiter Band 1800–2000. St. Ottilien 2000, 69–95 (Blessing, Politik und

Kirche), 71.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 73


testantisches Generalkonsistorium 62 als oberste Behörde vor. Ihr folgten

auf mittlerer Verwaltungsebene die den Landesdirektionen (nun „Generalkommissariate“

genannt) zugeordneten Generaldekanate 63 , denen

(theologische) „Kreiskirchenräte“ lediglich beratend zur Seite standen.

Den Gemeinden direkt vorgeordnet waren die „Dekanate“ mit den

Dekanen an der Spitze, denen das Recht zur Abhaltung von Synoden

zugestanden wurde 64 .

Diese Neuordnung lässt sich auf lokaler Ebene im Kirchenbuch

1804–1864 anhand der Nennung von Dekanen innerhalb der Beschreibung

der Pfarrstelleninhaber nachvollziehen.

Im Zuge der Neuordnungen wurden in den Jahren 1810 und 1812 gesetzliche

Bestimmungen zum Einkommensrecht der Geistlichen erlassen,

die ein Mindesteinkommen aus mehreren Quellen festsetzten. Später

kamen auch Aufbesserungszulagen hinzu, die aus der sogenannten

„Fassion“, welche Einkünfte und Lasten einer Pfarrpfründe festhielt, ermittelt

wurden.

Für Großkarolinenfeld scheint diese Regelung nicht von Bedeutung

gewesen sein, da die Pfarrstelle anscheinend gänzlich aus der Staatskasse

besoldet wurde. Ausnahmen vom Gesetz waren also möglich.

Nach der Entlassung Montgelas‘ 1817 65 kam die Ordnung der „Protestantischen

Gesammtgemeinde“ mit der neuen Verfassung vom

26.5.1818 66 samt ihren Zusätzen des Religions- und Protestantenedikts,

zu einem vorläufigen Abschluss. Im Religionsedikt wurden die Kirchen

„als ‚öffentliche Corporationen‘ mit dem Recht auf Autonomie für ihre

‚innerkirchlichen Angelegenheiten‘“ 67 bezeichnet. Das kann allerdings

62 Dieses hatte einen katholischen Vorstand, je eine katholisches und protestantisches

Mitglied sowie zwei außerordentliche protestantische Mitglieder (eines

davon war der Kabinettsprediger Schmidt). Die Mitglieder des Generalkonsistoriums

nannten sich „Oberkirchenräte“.

63 1809 waren dies: München, Nürnberg, Augsburg, Ulm, Ansbach und Bayreuth.

Ab 1810: München, Regensburg, Ansbach und Bayreuth.

64 Diese Synoden sind nicht mit der heutigen Gestalt der Synode zu verwechseln.

Sie trugen vielmehr die Gestalt einer Pfarrkonferenz.

65 Sein Nachfolger wurde Karl Friedrich Graf Thürheim. Die Generaldekanate

wurden auf Ansbach, Bayreuth und Speyer reduziert.

66 Sie hing mit der Neuordnung Europas nach 1815 zusammen und dokumentiert die

Entwicklung zur konstitutionellen Monarchie.

67 Bruchner, die synodalen und presbyterialen Verfassungsformen, 8. Der Wortlaut

des § 38 des Religionsediktes lautete: „Jeder genehmigten Privat- oder öffentlichen

Kirchengesellschaft kommt unter der obersten Staats-Aufsicht nach den

74 Freiheit und Glaube


nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese „inneren Angelegenheiten“ 68 ,

die im „Edikt über die inneren kirchlichen Angelegenheiten der Protestantischen

Gesammtgemeinde in dem Königreiche“ 69 , dem „Protestantenedikt“,

geordnet wurden, sehr eng gesteckt waren, da nach

§ 19 des Protestantenedikts auch für solche zum Teil die „Allerhöchste

Königliche Entschließung einzuholen war“ 70 . Inhaltlich bestätigte und

kodifizierte das innerprotestantische Verschiedenheiten nicht berücksichtigende

Edikt die bisherige Politik und festigte ein „landesherrliches

Kirchenregiment in Form einer in die Staatsverwaltung weitgehend

integrierten Konsistorialverfassung“ 71 mit synodalem Element: an der

Spitze stand ein (nun) protestantisches Oberkonsistorium 72 , das dem

Innenministerium als eigene Behörde untergeordnet war, indem es von

diesem Aufträge und Befehle entgegenzunehmen hatte. Auf der mittleren

Verwaltungsebene waren die Konsistorien 73 , von denen jeweils

eines in Ansbach, Bayreuth und Speyer existierte, als eigene Behörden

den Kreisregierungen (ehemals Generalkommissariate) untergeordnet.

Auf der Ebene der Konsistorien war gemäß § 7 des Protestantenedikts

alle vier Jahre das Zusammentreffen einer Synode vorgesehen und

zwar „am Sitze des Consistoriums, unter der Leitung eines Mitgliedes

des Ober-Konsistoriums, zur Beratung über innere Kirchen-Angelegenheiten

in Gegenwart eines königlichen Commissair‘s , welcher jedoch

im II. Abschnitt enthaltenen Bestimmungen die Befugnis zu, nach der Formel

und der von der Staatsgewalt anerkannten Verfassung ihrer Kirche, alle inneren

Kirchenangelegenheiten anzuordnen“ (zitiert nach ebda. 8 Fußnote 45).

68 „Hierzu zählten gemäß § 38 des Religionsedikts: die Glaubenslehre, Form und

Feier des Gottesdienstes, geistliche Amtsführung, religiöser Volksunterricht,

Kirchendisziplin, Approbation und Ordination der Kirchendiener, Einweihung der

zum Gottesdienst gewidmeten Gebäude und der Kirchhöre und die Ausübung

der Gerichtsbarkeit in rein geistlichen Sachen, nämlich des Gewissens oder der

Erfüllung der Religions- und Kirchenpflichten einer Kirche“ (Böttcher, Entstehung

der evangelischen Landeskirche, 15, Fußnote 60).

69 Zitiert nach Bruchner, die synodalen und presbyterialen Vefassungsformen, 9.

70 Böttcher, Entstehung der evangelischen Landeskirche, 15; z.B. „bei allgemeinen

Verordnungen, bei Anordnungen allgemein öffentlicher Gebete, bei Dispensation

wegen verbotener Verwandtschaftsgrade, beim gesamten Anstellungs- und Disziplinarrecht

… Errichtung und Veränderung von Pfarreien und die Einteilung der

Pfarrsprengel u.a.m.“ (ebda. 15 Fußnote 61).

71 Bruchner, die synodalen und presbyterialen Verfassungsformen, 10.

72 Ihm gehörten ein protestantischer Präsident, fünf Oberkonsistorialräte (vier geistliche,

davon einer reformiert und ein weltlicher) an.

73 Diese setzten sich zusammen aus einem protestantischen Vorstand (dem Regierungsdirektor

oder dem ältesten Regierungsrat) und 2 geistlichen und einem

weltlichen Konsistorialrat.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 75


an der Berathung selbst keinen Antheil zu nehmen hat“ 74 . Die untere

Ebene blieben die Dekanate. Eine Besonderheit schälte sich für das Dekanat

München heraus, das keinem Konsistorium zugeordnet, sondern

dem Oberkonsistorium direkt untergeordnet wurde.

Die Gemeinde Großkarolinenfeld gehörte zunächst zum Dekanat

München und unterstand so direkt dem Oberkonsistorium. Später kam

es zu einem Wechsel.

IV. Die Konsolidierung der protestantischen Kirchengemeinde

Großkarolinenfeld im Jahr 1822

Nach Pfarrer Haug war die Gemeinde fast ein Jahr lang verwaist, so

dass wiederum eine „pragmatische Ökumene“ nötig wurde, die der

katholische Geistliche in Pfaffenhofen praktizierte, indem er „die

nothwendigsten geistlichen Handlungen verrichtete“ 75 .

Der neue Pfarrer, Johann Stephan Tretzel, kam am 25.8.1821 in Großkarolinenfeld

an. Er war

„evangelisch-protestantischer Pfarrer, von Sr. Majestät dem Könige

Maximilian Joseph I. mittels allgergnädigsten Entschliessung vom

30. März 1821. zum Pfarrer (und Schullehrer) dahier ernannt, zog am

25. Aug. 1821. dahier auf, wurde durch den königl. Landrichter Wild

zu Rosenheim am 4. Novemb. 1821. der hiesigen protestant.-evangel.

Gemeinde vorgestellt. Geboren zu Sulzbach in der Oberpfalz 22.

Octob. 1794, verehelichte sich am 11ten Oct. 1827. mit Ernestina

Johanna Christiana Friederika, geb. Rothmund, aus Ruhl im Großherzogthum

Weimar, 6 lebende Kinder, eins +.“ 76 .

Bei Amtsantritt schrieb Tretzel,

„daß besonders die männliche Jugend religiös indifferent war, wozu

die völlig zerüttete Vermögenslage mit dazu beitrug … Einige Haushalte

besaßen ein bis zwei Bibeln und manche kein solches Buch.

Die Schule steht unter dem dem königl.prot. Distriktschulinspektor

74 Zitiert nach ebda. 12.

75 Zweites Pfarrbuch, vierter Abschnitt.

76 Kirchenbuch 1804–1846.

76 Freiheit und Glaube


München. In Ermangelung von Bänken wurde das Fensterbrett zum

Schreiben benutzt.“ 77

Aus diesen Zeilen lässt sich zweierlei herauslesen: zum einen war die

Armut immer noch groß, was zu ungünstigen Bildungsbedingungen in

Form des Mangels an schulischer Ausstattung führte. Die Durchsetzung

der Ziele der Schulpflicht hatte also auf lokaler Ebene mit den örtlichen

Gegebenheiten zu kämpfen. Zum anderen werden die Jugendlichen in

religiöser Hinsicht als „indifferent“ beschrieben. Diese Einschätzung

scheint keine spezifische „Großkarolinenfelder Manier“ gewesen zu

sein, sondern steht wohl vielmehr im Zusammenhang mit einer Zeit,

die von ihren Zeitgenossen als zunehmend areligiös empfunden wurde.

So zeugt ein Gutachten der katholischen Fakultät der Universität Landshut

aus dem Jahr 1817 von „allgemeinen Klagen über die Immoralität

der Zeit und die Verächtlichmachung von Religion und Kirche durch

den weltlichen Stand“ 78 . Auch Werner K. Blessing urteilt, „daß die

pastorale Wirkung insgesamt litt, weil die Kirchlichkeit seit dem späten

18. Jahrhundert merklich sank, nicht zuletzt durch den auf individuelle

Tugend gerichteten Religionsstil selbst […]. Am wenigsten erreichte die

Obrigkeit mit ihren Werten und Normen labile Unterschichten“ 79 . Auch

wenn sich auf diesem Hintergrund die Großkarolinenfelder „Zustände“

relativieren, muss doch aufgrund der Berichte des zuständigen Landgerichts

Aibling von schwierigen Verhältnissen ausgegangen werden.

So heißt es z.B. in einem von H. Greiner zitierten Abschnitt:

„die Bewohner der Kolonie sind der Diebstähle und der Sicherheitsstörungen

überhaupt nicht unbegründet verdächtig. Die Abhandlung

und Überwachung der arbeitsscheuen, dem liederlichen Leben ergebenen

Filzenbewohner und ihrer Familien, welche nicht zu Bettlern

und Vaganten gerechnet werden können, nehmen die Tätigkeit des

Landgerichts sehr in Anspruch“ 80 .

Hier hatte sich also die Hoffnung der Regierung auf die Bereicherung

der Wirtschaft durch die Einwanderer nicht erfüllt.

77 Zitiert nach Greiner, Chronik, 25.

78 Müller zwischen Säkularisation und Konkordat, 95.

79 Blessing, Politik und Kirche, 74.

80 Zitiert nach Greiner, bewegte Geschichte, 15a.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 77


Mit Blick auf das Jahr 1822 kann man trotz der Armut und des anscheinend

zwielichtigen Verhaltens der Kolonisten in zweierlei Hinsicht von

einer Konsolidierung der protestantischen Kirchengemeinde sprechen:

a) Von einer äußeren Konsolidierung durch den Kirchenbau 1822

Seit dem Bau des Pfarrhauses hatte der Gottesdienst im Betsaal desselben

stattgefunden. Aber „verschiedene ungünstige Verhältnisse und

mißliebige Vorfälle machten […] den Besitz einer anständigen Kirche

höchst wünschenswert“ 81 . Welche das sind, bleibt unklar. Der Bau

einer Kirche, welcher der protestantischen Gemeinde auch nach Außen

ein „repräsentatives Gesicht“ gab, wurde, ebenso wie die Erlaubnis der

Kollektensammlung für die Kirche in anderen bayerischen Gemeinden,

vom König am 5.4.1821 genehmigt.

„Zugleich bewilligte Allerhöchste auch das benöthigte Bau und

Schindelholz aus königlichen Waldungen/: Durch Schuld des Zimmermeisters

– unrichtiger Voranschlag – reichte das Holz nur zu

Hälfte; das Übrige mußte aus dem Collektengeld bezahlt werden“ 82 .

Die Bauaufsicht hatte das Landgericht Rosenheim, also die nächst

übergeordnete staatliche Behörde, inne. Ursprünglich war die Kirche

als Simultankirche für Katholiken und Protestanten geplant 83 . Warum

dieser Plan nicht umgesetzt wurde, ist nicht bekannt. Im März 1822

konnten die Bauarbeiten beginnen und auch hier zeigte sich der Geist

der Säkularisation, indem die Kalk- und Mauersteine teils aus dem

Abbruch des Klosters Beyharting herangeschafft wurden 84 . Dabei macht

die von Tretzel geschilderte „ökumenische Episode“ während des Baus

deutlich, dass das Verhältnis zur katholischen Umwelt keineswegs von

ständiger Spannung gekennzeichnet war:

Die meisten Handwerker waren katholischer Konfession, weil unter

der hiesigen kleinen protestantischen Gemeinde nur wenige Professionelle

waren. Verbergen kann der Erzähler dieses nicht, das eigene

Gefühl, das ihn öfters ergriff, wenn er an jedem Morgen die Schar

81 Zweites Pfarrbuch, dritter Abschnitt.

82 Ebda. dritter Abschnitt.

83 So Greiner, Chronik, 25.

84 Vgl. Greiner, bewegte Geschichte, 11.

78 Freiheit und Glaube


sämtlicher Arbeiter, mit entblößtem Haupte im Halbkreis stehen sah,

um den sich erhebenden Bau und sie nach den Gebetsformeln, ihrer

Kirche, für glücklichen Fortgang und Vollendung der protestantischen

Kirche beten hörte“ 85 .

Die kirchliche Einweihungsfeier – allerdings war die Kirche noch ohne

Außenputz 86 – dieser ersten protestantischen Kirche in Altbayern fand

in Anwesenheit einer „Abordnung des königl. Landgerichts Rosenheim

(der königliche Landgerichtsvorstand Wild erschien nebst mehrern

dasigen Beamten persönlich)“ 87 statt und schloss mit der Verlesung des

Handschreibens Königin Carolines, mit dem die Namensgebung der

Kirche („Carolinenkirche“) bewilligt wurde 88 .

Mit der Einweihungsfeier wurde durch die Feier des Abendmahls

zugleich

b) die innere Konsolidierung der protestantischen Gemeinde durch den

Betritt zur 1818 gegründeten Rheinischen Union

besiegelt. Der Beitritt – aufgrund der Herkunft der Kolonisten und der

2/3 Mehrheit der Reformierten die naheliegendste Lösung – sollte die

innerprotestantischen Streitigkeiten insbesondere um das Abendmahl

beilegen und war das Bestreben Tretzels, der „sein vorzügliches Augenmerk

auf Entfernung jener schädlichen Scheidewand“ 89 richtete.

Die Betreibung dieses Werkes war mit mancher bitterer Erfahrung

und Verdruß und Verkennung der guten Absicht, hervorgegegangen,

theils aus Engherzigkeit, theils aus Trotz und Bosheit der bisher

getrennten Theile, verbunden; doch lehrte zuletzt ein glücklicher

Erfolg“ 90 .

85 Zitiert nach Greiner, Chronik, 25.

86 Er wurde erst 1839 angebracht.

87 Zweites Pfarrbuch, dritter Abschnitt.

88 Handschreiben aus dem Kloster Tegernsee vom 27.9.1822: „Ich habe mit wahrem

Antheil vernommen, daß die protestantische Gemeinde Groß-Carolinenfeld

nunmehr in den Besitz eines anständigen Gotteshauses gekommen ist, und

genehmige sehr gerne die Bitte der Gemeinde, daß diese neue Kirche Meinen

Namen erhalte. Indem Ich dem Herrn Ober-Consistorial-Rath Stiller, dieses auf

sein Schreiben vom 24sten diesen Monats erwidere, versichere Ich denselben

zugleich, Meiner aufrichtigen Werthschätzung, womit Ich verbleibe desselben

wohlgeneigte Caroline“ (zitiert nach Greiner, Chronik, 28).

89 Zweites Pfarrbuch, fünfter Abschnitt b).

90 Ebda. fünfter Abschnitt b).

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 79


Der Union ging eine eingehende private und öffentliche Belehrung

durch Tretzel voraus, so dass die Gemeinde ein qualifiziertes Urteil

fällen konnte, was am 22.9.1822 geschah. Die Union wurde vom Oberkonsistorium

genehmigt (28.9.) und „mittels allerhöchsten Erlasses Se.

Majestät des Köngis dd. München 28.11.1822“ 91 bestätigt. Damit unterstand

Großkarolinenfeld nun nicht mehr direkt dem Oberkonsistorium,

sondern dem Konsistorium in Speyer und unterlag den innerkirchlichen

Bestimmungen der Rheinischen Union:

Die Rheinische Union zwischen Lutheranern und Reformierten war

1818, zwei Jahre nachdem die linksrheinischen Gebiete wieder unter

bayerischer Herrschaft standen, auf Basis der Zustimmung der Gemeinden

auf der Generalsynode in Kaiserslautern beschlossen worden.

Sie enthielt in ihrer Verfassung eine Kombination von lutherischen

und reformierten bzw. konsistorialen und synodalen Elementen, wie

die Presbyterien auf Gemeindeebene (§ 14) 92 , Diöcesansynoden auf der

Ebene des Dekanats bzw. der Inspektion (§ 15) 93 und der allgemeinen

Synode auf der Ebene des Konsistoriums (§17) 94 . Besonders mit der Errichtung

von Presbyterien war die Rheinische Union der Organisation

der „Protestantischen Gesammtgemeinde“ in den Konsistorialbezirken

Ansbach und Bayreuth voraus. Hier wurden offiziell erst 1834 sogenannte

Kirchenverwaltungen zur Verwaltung des Vermögens der

91 Ebda. fünfter Abschnitt b).

92 Dem Presbyterium gehörten der Ortsgeistliche sowie ernannte religiöse und sittliche

Männer an. Es kümmerte sich um die Verwaltung des Kirchenvermögens,

des sozialen Dienstes am Nächsten, die Schulaufsicht und übte begrenzte

Kirchenzucht aus.

93 Sie umfasste alle Pfarreien einer Inspektion und zwar alle Geistlichen und ausgewählte

weltliche Mitglieder (im Verhältnis 2:1), die von den Presbyterien vorgeschlagen

und vom Konsistorium nach Einholen einer gutachterlichen Stellungnahme

der Inspektion ausgewählt werden. Ihre Aufgabe war die Sorge für das

Kirchenvermögen, das Vorschlags- und Beratungsrecht bei allen kirchlichen

Angelegenheiten und neben der allgemeinen Synode, den Inspektoren (Dekanen)

und dem Konsistorium die Disziplinaraufsicht über die Geistlichen.

94 Die allgemeine Synode bestand aus dem Vorstand des Konsistoriums, den

Inspektoren (Dekanen) und je einem Geistlichen und einem Weltlichen aus

jedem Diöcesansprengel (von der Diöcesansynode gewählt).Sie besaß „über alle

‚die Religion angehenden Gegenstände und Zweige des Cultus, sowie über die

Verwaltung des Kirchenvermögens‘ ein Antragsrecht gegenüber dem Oberkonsistorium.

Daneben wurde ihr ein begrenztes Mitwirkungsrecht bei der Besetzung

geistlicher Konsistorialstellen in Form einer gutachterlichen Äußerung eingeräumt“

(Bruchner, die synodalen und presbyterialen Verfassungsformen, 26)

80 Freiheit und Glaube


Kirchen- und öffentlichen Kulturstiftungen und zur Vertretung der

Kirchengemeinde eingerichtet 95 .

Die Rheinische Union war als „protestantisch-evangelisch-christliche

Kirche der Pfalz“ 96 per Bestätigung vom 10.10.1818 eine eigene Glaubensgesellschaft

innerhalb der „Protestantischen Gesammtgemeinde“.

D.h., dass es im Königreich Bayern und mit der 1822 beigetretenen

Gemeinde Großkarolinenfeld auch im rechtsrheinischen Bayern nun

drei protestantische Konfessionen gab: die reformierte, lutherische und

(pfälzisch) unierte.

Inhaltlich-theologisch legte die Pfälzer Union unter Anerkennung

der „bei den getrennten protestantischen Confessionen gebräuchlichen

symbolischen Bücher“ 97 ihren Glaubensgrund und ihre Lehrnorm allein

auf die Bibel. Das Abendmahl erklärte sie

„[…] für ein Fest des Gedächtnisses an Jesum, und der seligsten Vereinigung

mit dem für die Menschen in den Tod gegebenen, vom

Tode auferweckten, u seinem und ihrem Vater aufgenommenen

Erlöser derselben, der bei ihnen ist alle Tage bis an der Welt Ende –

Die Protestanten des Rheinkreises erklären sich dabei öffentlich für

seine Bekenner“ 98 .

Dementsprechend feierte die Gemeinde Großkarolinenfeld das Abendmahl

nun „in der Art, wie in der Vereinigungs Urkunde bestimmt“ 99

95 Die Errichtung der Kirchenverwaltungen war aufgrund der Vermögensverwaltung

eine organisatorische Notwendigkeit gewesen. Allerdings wurde schon in den

1820er Jahren – unter der Federführung Niethammers – eine Diskussion um die

Einführung von Presbyterien geführt. Aufgrund der reformierten Tradition dieses

Begriffes lösten derartige Pläne des Oberkonsistoriums aber heftigen Widerstand

in den lutherischen Gebieten Bayerns aus, da sie eine Einschränkung der

evangelischen Freiheit fürchteten. Somit wurde von Seiten des Oberkonsistorium

zunächst auf die Einführung von Presbyterien oder auch (wie als Kompromiss vorgeschlagen

wurde) Kirchenvorständen verzichtet. Allerdings wurde den einzelnen

Gemeinden gestattet, freiwillig einen Kirchenvorstand zu wählen (1824). Durch

die Einführung der Kirchenverwaltungen sah man von staatlicher Seite keine

Notwendigkeit zur Einführung von Kirchenvorständen mehr, so dass diese Pläne

bis 1860 ruhten.

96 Ebda. 24.

97 § 3 der Unionsurkunde zitiert nach Udo Sopp: Der kirchliche Ertrag der Union.

Kampf um „gebührende Achtung“ und „edle Simplicität“. In: Richard Ziegert

(Hg.): Vielfalt in der Einheit. Theologisches Studienbuch zum 175jährigen Jubiläum

der Pfälzischen Kirchenunion. Speyer 1993, 21–42, 29.

98 § 5 der Unionsurkunde, zitiert nach ebda. 29.

99 Zweites Pfarrbuch, fünfter Abschnitt b).

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 81


und konnte so ihre Streitigkeiten beilegen. Insofern kann von einer

inneren Konsolidierung der Gemeinde durch die Union gesprochen

werden. Dem Beitritt der Union folgte die Einführung des entsprechenden

Gesangbuches und Katechismus 100 .

Im Hinblick auf das katholische Umfeld schien diese Lösung allerdings

nicht die beste, da der nun eingeführte reformierte Abendmahlsritus

ungewohnt anmutete und Unverständnis hervorrief:

„Geleugnet kann aber nicht werden, der lutherische Abendmahlsritus

um mancher örtlicher Verhältniße willen zweckmäßiger erschienen

wäre, sowohl wegen der katholischen Umgebung, die – den reformierten

Ritus nicht gewohnt – manche harte Äußerung sich dagegen

erlaubte, als auch wegen der lutherischen Gemeindeglieder“ 101 .

Einen vorläufigen Abschluss der Konsolidierung erfuhr die Gemeinde

1824 mit der Schenkung einer Orgel durch König Max I. Joseph. Sie

stammte aus dem Kloster Tegernsee und war nach dem Umbau der

dortigen Kirche entbehrlich geworden. Dabei übernahm der König die

Kosten für den Ab- und Aufbau, die Transportkosten musste die Gemeinde

übernehmen. Die Orgel „war das letzte großmüthige Geschenk

des gütigen Königs Maximilian“ 102 .

Ausblick nach 1824 bis zum Wegzug des Chronisten Johann

Stephan Tretzel 1839

König Maximilian I. Joseph von Bayern verstarb am 14.10.1825, Nachfolger

wurde sein Sohn Ludwig (I.) aus erster Ehe. Ludwig, „der

romantischen Ideen folgte und 1830 in seinem Revolutionstrauma

bestärkt wurde, sah eine spirituell vertiefte und klar kirchengebundene

Religion als wirksamste Stütze der herrschenden Ordnung in Staat und

Gesellschaft. Das galt freilich in erster Linie für die katholische Mehrheitskonfession“

103 . Die Folge war ein katholischeres Profil des Königreiches,

das sich mit der Einsetzung Karl August von Abels als Innenminister

(1837) noch verschärfte. Letzterer sah „die katholische Religion

100 Beides wurde der Gemeinde vom Konsistorium Speyer geschenkt (vgl. ebda.

fünfter Abschnitt d).

101 Ebda. fünfter Abschnitt b).

102 Ebda. fünfter Abschnitt c).

103 Blessing, Politik und Kirche, 76.

82 Freiheit und Glaube


als die Ordnungsgewähr … die protestantische hingegen letztlich als

Zerrüttung“ 104 . Demzufolge hemmte die Regierung, weil sie um den

Bestand katholischer Traditionsgebiete fürchtete, den Kirchenausbau

in der durch Binnenwanderung und die Versetzung von Staatsdienern

wachsenden evangelischen Diaspora und ließ auch den zur finanziellen

Diasporaförderung tätigen Gustav-Adolf-Verein nicht zu“ 105 . So stagnierte

die zuvor in der sich seit den 1820er Jahren, auf allerhöchste Entschließung

des Königs hin, nun nennenden „Protestantischen Kirche“ 106

wieder erwachte Diskussion um eine Verfassung mit mehr synodalen

Befugnissen 107 .

Die einsetzende Bedrängnis der Protestanten gipfelte in der „Kniebeugeordre“

vom 14.8.1839, die allen Soldaten befahl, „an katholischen

Militärgottesdiensten teilzunehmen und während der Wandlung und

beim Segen niederzuknien. Darüber erhob sich bei den Protestanten

ein Sturm der Entrüstung. Da die Protestanten die Kniebeugung und

Anbetung eines Symbols als eine ‚Abgöttereisünde‘ empfanden, fühlten

sie sich in ihrer Gewissensfreiheit verletzt“ 108 .

Die angesprochene Order schien die Gemüter bis in die entlegendsten

Winkel erregt zu haben. So wird von Johann Stephan Tretzel noch kurz

vor seinem Wegzug aus Großkarolinenfeld berichtet, er hätte einen

Brief an den Dekan von München, Dr. Boeckh, geschrieben, in dem

er seine Schwierigkeiten mit diesem Erlass kundtut. Die Antwort des

Dekans veranschaulicht die Tatsache einer protestantischen Kirche, die

völlig in den Staat eingebunden und somit „qua Amt“ obrigkeitshörig

war:

104 Ebda. 76.

105 Ebda. 76.

106 Hier werden unterschiedliche Daten genannt: Blessing, ebda., spricht vom

28.10.1824, also von der Zeit unter Max I. Joseph, Bruchner, die synodalen

und presbyterialen Verfassungsformen, vom 28.10.1828, also von der Regierungszeit

Ludwig I.

107 Die Überlegungen standen im Kontext einer sich um 1830 formierenden konstitutionellen

Verfassungsbewegung,

die einen Ausgleich zwischen monarchischen und demokratischen Elementen in

der Verfassung anstrebte und sich für das Prinzip der Gewaltenteilung aussprach.

Infolge der Unruhen von 1832 in der Rheinpfalz („Hambacher Fest“) wurden die

genannten Bestrebungen (auf politischer und kirchlicher Ebene) von der Regierung

unterdrückt.

108 Ebda. 82. Der Streit wurde mit der Aufhebung des Erlasses 1845 beigelegt.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 83


„Würde der Unterzeichnete von einem seiner Gemeindeangehörigen

in dieser Sache angegangen, so wüsste er keinen anderen Rat zu

begen (sic!) als den, der Gewalt zu weichen, das ist eine der eigenen

Überzeugung widerstrebende Handlung zu verrichten, darum weil

sie von der weltlichen Gewalt rücksichtslos geboten wird. Das apostolische

Gebot, jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt

über ihn hat, hat derselbe seinen Gemeindegliedern, bisher in allen

Stücken öffentlich und privatim eingeschärft. Es würde auch in

diesem Falle geschehen, wo das Recht nicht auf der Seite der Gewalt

ist“ 109 .

Tretzel verließ Großkarolinenfeld im April 1839.

V. Fazit

Sieht man auf die ersten Jahrzehnte der heutigen „Evangelisch-Lutherischen-Landeskirche

in Bayern“, so machen sie deutlich, dass die

Anfänge dieser Kirche zum einen von einer innerprotestantischen

Pluralität, zum anderen von „obrigkeitlichem Diktat“ geprägt war. An

dem lokalen Beispiel der Pfälzer Kolonie Großkarolinenfeld wird dabei

nicht nur sichtbar, dass innerhalb der Organisation der „Protestantischen

Gesammtgemeinde“ zum Teil erhebliche Spannungen zwischen

den protestantischen Konfessionen herrschten, sondern auch, dass

anscheinend innerhalb des obrigkeitlichen Systems unterschiedliche

Lösungen auf Gemeindeebene möglich waren, darunter auch die einer

unierten Gemeinde in Altbayern. Diese anfängliche „Vielheit“ anhand

unterschiedlicher Lokalgeschichten wieder sichtbar zu machen, könnte

dazu beitragen, durch die Einsicht in ihre Genese die Evangelisch-Lutherische-Landeskirche

in ihrer heutigen Gestalt und ihren heutigen

Konfliktpotentialen besser zu verstehen.

109 Zitiert nach Greiner, bewegte Geschichte, 14c.

84 Freiheit und Glaube


Quellen- und Literaturverzeichnis

Kirchenbuch 1804–1846. Archiv des evangelisch-lutherischen Pfarramtes

Großkarolinenfeld (o. Signatur, o. Paginierung)

Pfarrbuch 1833–1843: zweites Pfarrbuch oder allgemeine Beschreibung des

gesamten Kirchenwesens in der unierten Pfarrey Groß-Carolinenfeld, gefertigt

von Johann Stephan Tretzel, protestantischer Pfarrer dasselbst, im

Jahre 1833. Archiv des evangelisch-lutherischen Pfarramtes Großkarolinenfeld

(o. Signatur, o. Paginierung).

Karl Heinrich Beck: Hier waren sie einig geworden … Spurensuche am Ort

der Union. In: Richard Ziegert (Hg.): Vielfalt in der Einheit. Theologisches

Studienbuch zum 175jährigen Jubiläum der Pfälzischen Kirchenunion.

Speyer 1993, 43–53.

Werner K. Blessing: Politik und Kirche (bis 1914). In: Gerhard Müller, Horst

Weigelt, Wolfgang Zorn (Hg.): Handbuch der Geschichte der evangelischen

Kirche in Bayern. Zweiter Band 1800–2000. St. Ottilien 2000, 69–95.

Siegfried Blümel: Beiträge zur Heimatkunde von Großkarolinenfeld. Sonderdruck

aus der Zeitschrift des Historischen Vereins Rosenheim „Das

bayerische Inn-Oberland“, 40 (o. Bandzahl, 1976), 131–215.

Hartmut Böttcher: Die Entstehung der evangelischen Landeskirche und die

Entwicklung ihrer Verfassung (1806–1918). In: Gerhard Müller, Horst Weigelt,

Wolfgang Zorn (Hg.): Handbuch der Geschichte der evangelischen

Kirche in Bayern. Zweiter Band 1800–2000. St. Ottilien 2000, 1–29.

Helmut Bruchner: Die synodalen und presbyterialen Verfassungsformen in

der Protestantischen Kirche des rechtsrheinischen Bayern im 19. Jahrhundert.

Berlin 1974.

Hubert Glaser: Wittelsbach – Kurfürsten im Reich – Könige von Bayern. Vier

Kapitel aus der Geschichte des Hauses Wittelbach im 18. und 19. Jahrhundert.

Herausgegeben von Reinhold Baumstark. München 1993, 11–85.

Heribert Greiner: Die bewegte Geschichte der Evang.-Luth. Kirchengemeinde

Großkarolinenfeld. Unveröffentlichtes Manuskript.

Heribert Greiner: Chronik 200 Jahre Pfälzer Siedlung Großkarolinenfeld.

1802–2002. Landshut 2002.

Gerhard Grethlein, Hartmut Böttcher, Werner Hofmann, Hans-Peter Hübner:

Evangelisches Kirchenrecht in Bayern. München 1994.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 85


Winfried Müller: Die Säkularisation von 1803. In: Walter Brandmüller (Hg.):

Handbuch der bayerischen Kirchengeschichte. Band 3: Vom Reichsdeputationshauptschluss

bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. St. Ottilien

1991, 1–84.

Winfried Müller: Zwischen Säkularisation und Konkordat. Die Neuordnung

des Verhältnisses von Staat und Kirche 1803–1821. In: Walter Brandmüller

(Hg.): Handbuch der bayerischen Kirchengeschichte. Band 3: Vom

Reichsdeputationshauptschluss bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. St.

Ottilien 1991, 84–129.

Alois Schmid: Vom Westfälischen Frieden bis zum Reichsdeputationshauptschluss.

Altbayern 1648–1803. In: Walter Brandmüller (Hg.): Handbuch der

bayerischen Kirchengeschichte. Zweiter Band: Von der Glaubensspaltung

bis zur Säkularisation. St. Ottilien 1993, 293–356.

Udo Sopp: Der kirchliche Ertrag der Union. Kampf um „gebührende Achtung“

und „edle Simplicität“. In: Richard Ziegert (Hg.): Vielfalt in der Einheit.

Theologisches Studienbuch zum 175jährigen Jubiläum der Pfälzischen

Kirchenunion. Speyer 1993, 21–42.

Für die tatkräftige Unterstützung bei der Recherche sei Herrn Heribert

Greiner, Kulturreferent der politischen Gemeinde Großkarolinenfeld,

herzlich gedankt.

86 Freiheit und Glaube


Die Entstehung des Dekanats Rosenheim

(1928 – 1933)

Von Michael Grabow

„Da ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch endlich an die Sonnen“ – so

fasst einer der Hauptinitiatoren der Dekanatsgründung, der Rosenheimer

Oberlehrer Weber, am Ende (1933) die taktischen Schachzüge beim

Entstehungsprozess des neuen Dekanats zusammen.

Um dieses Taktieren verstehen zu können, muss man in der Geschichte

zunächst noch einmal ein Jahrhundert zurückgehen.

Im Jahr 1801 hatte die evangelische Frau des bayerischen Königs Max

I. Josef, Friederike Karoline (oder Caroline) Wilhelmine von Baden

(* 13. Juli 1776 in Karlsruhe; † 13. November 1841 in München) die

ersten Pfälzer Siedler in Großkarolinenfeld angesiedelt. Viele von ihnen

waren evangelisch. Bald wurde eine evangelische Kirchengemeinde

gegründet – die erste Landgemeinde Oberbayerns. 1822 wurde, nicht

in München, sondern ebenfalls in Großkarolinenfeld, die erste evangelische

Kirche in Oberbayern gebaut. Unter anderem auf diese älteste

Gemeindegründung und diesen ältesten protestantischen Kirchenbau

würde sich später der Antrag der Rosenheimer Gemeinde beziehen,

Rosenheim zum Sitz des neuen Dekanates München III zu machen.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts, auch in der Folge der Industrialisierung

Oberbayerns und des Eisenbahnbaus, wuchs die evangelische

Bevölkerung Oberbayerns langsam aber stetig. Es wurden weitere

Gemeinden gegründet, zunächst in der Stadt München, dann auch in

den ländlichen Gebieten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde immer deutlicher, dass

Oberbayern zu groß war, um es in einem einzigen Dekanat München

zu verwalten. So wurden die ersten Schritte unternommen, neben

München ein zweites oberbayerisches Dekanat zu gründen.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 87


In dieser Zeit wurde die Kirche von einem Oberkonsistorium geleitet,

dessen formales Oberhaupt der Landesfürst war. In Bayern war das der

römisch-katholische König Ludwig III.

Zu Beginn des ersten Weltkrieges entschied schließlich König Ludwig

III mit Dekret 1 vom 24. Dezember 1914, dass ein Dekanat München

II gegründet werden sollte, dem mit Ausnahme der Gesamtkirchengemeinde

München praktisch alle Gemeinden gesamt Oberbayerns von

Landsberg/Lech bis Bad Reichenhall und von Ingolstadt bis Garmisch

„etc. etc“ zugeordnet wurden. 2

Sitz dieses Dekanats München II wurde Ingolstadt. Aus dem Bereich

des späteren Dekanats Rosenheim gehörten die Kirchengemeinden Bad

Aibling, Bad Reichenhall, Bad Tölz, Berchtesgaden, Burghausen, Großkarolinenfeld,

Miesbach, Mühldorf/Inn, Rosenheim und Traunstein zu

diesem Dekanat München II.

Schon wenige Jahre später, Anfang der 20er Jahre, wurde deutlich, dass

auch diese Dekanate, vor allem das Dekanat München II in Ingolstadt

immer noch zu groß und weitläufig waren. So entstanden erste Überlegungen

zu einer erneuten Dekanatsteilung. Fraglich war, ob nun eher

der Südwesten oder der Südosten Oberbayerns abgetrennt werden

sollte. So war als Dekanatssitz eines neuen Dekanates vorübergehend

auch Pasing im Gespräch 3 . Diese Pläne aber zerschlugen sich durch die

Eingemeindung Pasings nach München.

Spätestens 1928 wurden diese Überlegungen dann konkreter, obgleich

sie zunächst wohl eher im Geheimen verfolgt wurden. Verschiedene

Personen hatten ihre ganz eigenen Interessen, die sie nun ins

Spiel brachten.

Der damalige Präsident des Landessynodalausschusses, Geheimer

Rat E. Rohmer, stammte aus Traunstein. Sein Interesse war es nun, den

neuen Dekanatssitz nach Traunstein zu verlagern.

Wohl durch Zufall erfuhr dies der Rosenheimer Oberlehrer Weber,

Mitglied des Kirchenvorstandes der Rosenheimer Gemeinde und ein in

Rosenheim seit vielen Jahren sehr bekannter und angesehener Mann.

Weber war zu Beginn des ersten Weltkrieges bei einer Reise durch

Serbien mit einem Kollegen wegen angeblicher Spionage verhaftet und

1 Landeskirchliches Archiv, Bay D München, 466

2 Landeskirchliches Archiv, Bay D München, 466

3 erwähnt in einem Brief des Münchner Kreisdekans, OKR Baum vom 20. Oktober

1928 an Dekan KR Ringler in Ingolstadt, Landeskirchliches Archiv, Bay D München,

466

88 Freiheit und Glaube


nur mit viel Glück wieder freigekommen, wie der „Rosenheimer Anzeiger“

in zwei Meldungen vom 7. August 4 und 11. August 1914 5 meldete.

Dieser Oberlehrer Karl Weber berichtet, wie er von den Plänen

Rohmers erfuhr: „Im Sommer 1928 besuchte uns eine Freundin meiner

Frau von Traunstein, und beim Kaffeetrinken erzählte sie uns, dass

ihr von einer Freundin der Frau Pfarrer Schmid mitgeteilt worden sei,

Traunstein werde in allernächster Zeit zum Dekanat erhoben, und Pfr.

Schmid 6 werde der Dekan. Ich ärgerte mich und entgegnete, dass die

ev. Gemeinde Rosenheim doch Anspruch auf den Dekanatssitz hätte.

Sie sei doch die größere und ältere Gemeinde. Da lachte die Dame und

meinte: Aber Traunstein hat etwas, was Sie nicht haben, nämlich den

Herrn Präsidenten 7 Rohmer. Der spielt die erste Violine am Landesk.

Rat. Gegen den können Sie nicht an. Nun, das wollen wir darauf ankommen

lassen, entgegnete ich“. 8

Und nun begann das Tauziehen um den neuen Dekanatssitz. Weber

sah die Interessen Rosenheims auf dem Spiel stehen und alarmierte

„die weltlichen Mitglieder des Rosenheimer Kirchenvorstands“, um mit

ihnen das weitere Vorgehen abzustimmen. Den Rosenheimer Pfarrer

Schott, der bei der Münchner Kirchenleitung wegen früherer Vor-

4 „Unbestätigte Meldung: Ein immer bestimmter auftretendes Gerücht behauptet,

dass zwei Lehrer (man nennt den protest. Lehrer Weber von hier und den

Lehrer Hofbauer von Stefanskirchen) in Belgrad erschossen worden seien. Beide

befanden sich tatsächlich vor Ausbruch des Krieges und vor der Mobilmachung

auf einer Reise und sollen ohne Kenntnis von den unterdessen eingetretenen

Ereignissen, beim Photographieren einer Brücke abgefasst und standrechtlich

erschossen worden sein. …“, Rosenheimer Anzeiger vom 7.8.1914.

5 „Herr Lehrer Weber ist glücklich wieder zu uns zurückgekehrt. Alle werden diese

Nachricht mit Freude begrüßen. Er selbst steht noch gänzlich unter dem Eindruck

der gefahrvollen Situation, der er sich so lange in Serbien usw. gegenüber sah.

Tatsache ist, dass die Serben ihn als Spion erschießen wollten, das gleiche Los

erwartete seine Begleiter, die jetzt ebenfalls mit ihm in die Heimat zurückgekehrt

sind. Von Konstatinopel führte ihn der Weg zum Schluß über Athen nach Italien

ist er wieder in Rosenheim eingetroffen. Wir beglückwünschen ihn zu seiner

Rückkehr und wünschen ihm gute Erholung von den Strapazen seiner Reise.“

Rosenheimer Anzeiger vom 11.8.1914.

6 Pfarrer Franz Schmid war zu dieser Zeit Pfarrer in Traunstein und bereits als

Dekan von der Kirchenleitung ins Auge gefasst worden. Er wurde zunächst Dekan

in Neuulm und 1933 dann der erste Rosenheimer Dekan.

7 Der Geheime Rat Rohmer war zu dieser Zeit Präsident der Bayerischen Landessynode

und des Landessynodalausschusses.

8 Bericht von Oberlehrer Weber aus dem Jahr 1933: „Geplante Errichtung eines

Dekanates München III in Traunstein im September 1928, LAELKB, Bay. D

Rosenheim 44

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 89


kommnisse nicht sonderlich beliebt war, ließen sie bei diesem „konspirativen“

Treffen im Sommer 1928 außen vor 9 .

Als Ergebnis dieses Treffens schreibt Weber mit Datum vom 24. September

1928 einen Brief 10 an den Landeskirchenrat in München, in dem

er auf die „Teilung des großen Dekanatsbezirkes München II“ eingeht

und die Gerüchte benennt, „… ein drittes Dekanat mit dem Sitz in

Traunstein zu errichten.“ Sehr selbstbewusst meldet Weber die Ansprüche

Rosenheims an, selbst Dekanatssitz zu werden, und begründet

diese in seinem Schreiben unter anderem mit Größe, wirtschaftlicher,

kultureller und verkehrsmäßiger Zentrumsbedeutung Rosenheims,

aber auch mit der historischen und gegenwärtigen Bedeutung der

evangelischen Gemeinde bis hin zur Erwähnung des Kirchensteueraufkommens.

Gleichzeitig spielt Weber die Bedeutung Traunsteins als

noch junger Tochtergemeinde Rosenheims herunter, die erst nach dem

1. Weltkrieg zur eigenen Gemeinde erhoben worden sei. Taktisch nicht

unklug endet der Brief mit der Bemerkung, dass die Rosenheimer mit

der Beibehaltung des Dekanatssitzes München II in Ingolstadt gerne

zufrieden wären. Auch gegen eine Verlegung nach München-Pasing

würden sie „… keine Einwendungen erheben … Aber gegen die Errichtung

eines Dekanates München III mit dem Sitz in Traunstein oder

Verlegung des Dekanates München II nach Traunstein wehren wir uns

in aller schuldigen Ehrfurcht, aber doch mit aller Entschiedenheit“. 11

In der Folge dieses Briefes ersucht Oberlehrer Weber um ein Gespräch

mit dem Münchner Kreisdekan Baum. Zu seiner Unterstützung

hat er den Rosenheimer 1. Bürgermeister Dr. Kreuther mitgenommen,

der ebenfalls ein Interesse an einem Dekanat Rosenheim hat.

Über den Verlauf dieses Gespräches gibt es eine briefliche Notiz OKR

Baums vom 11.10.1928 an den Dekan vom München II, KR Ringler 12 .

9 Weber schreibt in seinem Bericht: „Ich berief nun in den nächsten tagen die weltlichen

Mitglieder unseres Kirchenvorstandes zu einer Besprechung zusammen. H.

Pfarrer Schott wollte ich aus naheliegenden Gründen aus dem Spiele lassen …“

a.a.O.

10 LAELKB, Bay. D Rosenheim 44

11 A.a.O.

12 OKR Baum schreibt am 11.10.1928: „Lieber Herr Kirchenrat, lieber Freund, … Als

ich heute eben an Dich telefoniert hatte, kam ein sonderbarerer Besuch, Oberlehrer

Weber von Rosenheim und der Bürgermeister (Dr. Kreuter) von Rosenheim,

um mit mir wegen der Schaffung eines Dekanates in Rosenheim zu reden. Sie

sprachen von einer Eingabe, die ich noch nicht bekommen hatte und die sie

merkwürdigerweise auch an dich und Rohmer geschickt haben. Ich erklärte ihnen,

es sei seit Jahren nicht mehr von der Teilung des Dekanates die Rede gewesen.

90 Freiheit und Glaube


Baum zeigt sich deutlich irritiert über den Vorstoß des Rosenheimer

Kirchenvorstandes und vor allem über das geschickte Taktieren Webers,

der offensichtlich mehr wusste, als Baum lieb war.

Auch Dekan Ringler in Ingolstadt war über den Vorgang nicht besonders

erbaut. Er versuchte, den Antrag der Rosenheimer Gemeinde

zu bremsen. Am 9. Oktober schreibt er an Oberlehrer Weber: „…Bezüglich

der beigelegten Zuschrift an den Landeskirchenrat ersuche ich

die Herren Gemeindevertreter doch noch einmal zu überlegen, ob ich

sie wirklich absenden soll. --- Ich weiß nicht, woher Sie gehört haben,

daß die Frage des Dekanates M.III erneut in den Vordergrund getreten

sei. Mir ist davon nichts bekannt. Ich weiß nur, daß der Kirchenpräsident

dieser Sache gar keine Sympathie entgegenbringt und daß wahrscheinlich,

so lange ich aktiv bin, eine Aenderung nicht eintreten wird.

Mein Ausscheiden aber erfolgt, vorausgesetzt daß ich gesund bleibe,

erst 1932. Das Gleiche werden Sie von Geheimrat Dr. Rohmer hören,

wenn Sie ihn fragen …“ 13

Er behauptete, Pfarrer Hennersdorf in Großkarolinenfeld habe ihm gesagt, die

Pfarrer warteten jeden Tag auf die Ernennung des neuen Dekans. Auch hätte

er von dritter Seite gehört, ich hätte vor einiger Zeit in Traunstein gesagt, wir

würden uns das nächste Mal im neuen Dekanat wieder sehen. Ich bin aber seit

der Visitation nicht mehr in Traunstein gewesen. Das ist vor Erbauung der Priener

Kirche gewesen. Weißt Du etwas über die Sache? Er wurde wieder temperamentvoll,

worauf ich ihm erklärte, zu aufgeregten Reden sei kein Anlass. Die

Sache würde ganz sachlich bei uns behandelt; das Dekanat würde dahin kommen,

wo der passende Mann ist, denn die Funktion hänge nicht an einer bestimmten

Stelle. Ich wüsste nicht von Teilungsabsichten; ehe es einmal zu der Teilung käme,

wäre Pfarrer Schott sicher schon zu alt für die Dekansarbeit. Er wollte dann noch

einen Vorwurf machen, dass man ihnen einen Pfarrer gegeben habe, der nicht als

Dekan genehm sei; sie hätten bei der Besprechung vor Schotts Ernennung von

mir einen Pfarrer verlangt, mit dem die Kirchenbehörde zufrieden sei. Ganz abgesehen,

dass ich davon nichts weiß, hat damals kein Mensch an die Einrichtung

eines weiteren Dekanats gedacht. Schließlich sah er ein, dass er sich wieder

einmal verrannt hatte und meinte, er habe eben dann vorbeugend gehandelt.

Der Bürgermeister war ruhig und sachlich, bei ihm spricht das Stadtoberhaupt

mit, das im Wetteifer mit Traunstein steht. Am meisten scheint Oberlehrer Weber

auf Präsident Rohmer geladen zu sein. Die Äußerung Herrensdorfs scheint mir

mißverstanden zu sein, er meint wohl, dass die Ernennung für Pasing ihnen einen

künftigen Dekan zeigen würde. Ich möchte aber nicht, wie ich dir neulich schon

sagte, dass diese beiden Dinge jetzt miteinander verquickt werden. Wir haben

eben Erfahrungen gemacht, dass das nicht gut ist. Ich habe gedacht, ich wollte

Dir von der ganzen Sache Bericht geben; ich finde das Schreiben etwas sonderbar,

nachdem sie nicht wissen konnten, dass die ganze Organisation überhaupt vertagt

ist. Mit freundlichen Grüßen, Dein Baum,“ LAELKB, Bay. D Rosenheim 44

13 Brief des Dekans KR Ringler an Oberlehrer Weber vom 9.10.1928, LAELKB, Bay. D

Rosenheim 44

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 91


Dass Ringler von Überlegungen zu einer Dekanatsteilung nichts

bekannt sei, wie er schreibt, ist so sicher nicht richtig, da es zu diesem

Zeitpunkt im Briefwechsel zwischen ihm und OKR Baum immer wieder

Andeutungen zu diesem Thema gibt. Auch zeigt OKR Baums Brief vom

11.10.1928 sehr deutlich, dass Ringler über die diesbezüglichen Vorgänge

bereits im Vorfeld informiert gewesen sein muss.

Die Rosenheimer versuchen in der Folge, den für sie zuständigen

Dekan Ringler zu besänftigen und auf ihre Seite zu ziehen. Es liegt ein

Entwurf eines Schreibens von Oberlehrer Weber an Ringler vor, in dem

dieser seinem Dekan versichert, Rosenheim sei gar nicht daran interessiert,

sich vom Dekanat München II und damit von Ringler zu lösen. 14

Auch Synodenpräsident Rohmer, der an einem Dekanatssitz Traunstein

offensichtlich sehr interessiert war, antwortete mit Brief vom 10.

Oktober 1928 auf den Antrag des Rosenheimer Kirchenvorstandes, das

neue Dekanat nach Rosenheim zu verlagern. 15

14 Weber schreibt in diesem Entwurf, der leider nicht als fertiger Brief erhalten ist:

Die Frage des Dekanates München III spielt, wie Sie wissen, schon lange. Ob

sie jetzt momentan erneut in den Vordergrund getreten ist, wissen wir nicht. Es

ist dies für uns auch nicht von wesentlicher Bedeutung. Unser Schreiben an den

Landeskirchenrat soll lediglich bezwecken, dass man uns später keinen Vorwurf

machen kann, als hätten wir die Interessen der Gemeinde nicht gewahrt und

hätten uns nicht schon beizeiten gerührt. Wie in dem Schreiben zum Ausdruck

kommt, haben wir durchaus nicht das Verlangen, jetzt oder in Bälde Sitz eines

Dekanates zu werden. Umgekehrt! Wir fühlen uns außerordentlich wohl im Verband

des Dekanates München II und haben den größten Wunsch, dass Sie, sehr

geehrter Herr Kirchenrat, noch lange Ihres Amtes walten können. Aber wenn

einmal eine Trennung kommen sollte, dann wollen wir, als größte, leistungsfähigste

und zentral gelegenste Gemeinde des Oberlandes doch nicht übergangen

werden.“ LAELKB, Bay. D Rosenheim 44

15 Dr. Rohmer schreibt an Weber: „Sehr geehrter Herr Oberlehrer, ich habe heute

die Eingabe der weltlichen Mitglieder des Evang.-Luth. Kirchenvorstands Rosenheim

erhalten u. zwar mit einem von Ihnen unterschriebenen Begleitschreiben.

Der Landessynodalausschuß hat mit organisatorischen Fragen der berührten Art

nichts zu tun, kann sich allerdings mit einer Anregung frei äußern … Zur Sache

selbst gestatte ich mir aus meinem Wissen folgendes mitzuteilen: von der Errichtung

eines weiteren Dekanates in Oberbayern unter der Bezeichnung München

III ist von Ihnen gesprochen worden. Der Name sollte zum Ausdruck bringen,

daß der dauernd Sitz des Dekanates bis auf weiteres nicht bestimmt werden soll.

Zur Zeit ist nichts wegen der Errichtung eines weiteren Dekanates im Gang. Ich

glaube, d.h. ich bin überzeugt, daß erst mit der Emeritierung des Kirchenrats

Ringler diese Angelegenheit geregelt werden wird. Wie diese Regelung gemacht

werden wird, ob das Dekanat München II im jetzigen Umfang bleibt, wo sein

Sitz sein soll, ob ein Dekanat München III gemacht wird und wo dessen Sitz sein

wird, lässt sich heute nicht sagen. Zweckmäßigkeitsgründe und so die Art der

vorhandenen Persönlichkeiten werden den Ausschlag gebe. Kirchenrat Ringler

92 Freiheit und Glaube


Es ist interessant, dass Rohmer hier eine Zuständigkeit des Landessynodalausschusses

und damit der Landessynode verneint, obwohl

natürlich die Einrichtung eines neuen Dekanatsbezirkes Sache eines

Snodalbeschlusses gewesen wäre. Auch seine Aussage, dass „… zur Zeit

nichts wegen Errichtung eines weiteren Dekanats im Gang …“ sei, entspricht

ganz offensichtlich nicht den Tatsachen.

Weber hatte nämlich bereits im Vorfeld erfahren können, dass Dekan

Ringler den LKR gebeten hatte, „… seine Arbeit zu verringern und

ein weiteres Dekanat zu gründen empfohlen.“ Auch hatte der Landessynodalausschuss

entsprechend den Erkundigungen Webers die Mittel

hierfür bereits genehmigt.

Sicher hatte der Vorsitzende dieses Gremiums, der Traunsteiner Geheime

Rat Dr. Rohmer, mit der Genehmigung der Gelder für ein neues

Dekanat auch eigene Hoffnungen auf einen Dekanatssitz Traunstein

verknüpft.

All diese Planungen wurden durch den Vorstoß des Rosenheimer

Kirchenvorstandes nun empfindlich gestört. Kein Wunder, dass die

Münchner Kirchenleitung nun auf den verschiedenen Ebenen aktiv

wurde. So schreibt OKR Baum am 20. Oktober 1928 erneut einen Brief

an Dekan KR Ringler nach Ingolstadt:

„Lieber Herr Kirchenrat, lieber Freund, Inliegend sende ich Dir die

Schriftstücke Rosenheim zurück. Oberlehrer Weber gehört einmal

gehörig angepackt. Diese ständige Versuchung, mit Drohungen etwas

durchzusetzen, ist wirklich ungehörig. Wie die Teilung einmal geschieht,

weiß noch kein Mensch, weil es auch auf die Frage ankommt,

ob Pasing nach München einverleibt wird. Ich hätte nichts dagegen,

dass für einen Teil Ingolstadt Dekanatssitz bleibt, nur wird, wenn du

einmal das Dekanat niederlegst, es unmöglich sein, es ungeteilt zu

lassen. Es sind jetzt über 140 Pfarreien, Vikariate, Predigt- und Unterrichtsstationen,

das geht natürlich auf die Dauer nicht, zumal doch mit

weiterem Wachstum zu rechnen ist. Über das „wie“ zerbreche ich mir

den Kopf, aber heute noch nicht….“ 16

Dass Weber in ein Wespennest gestochert hatte, muss ihm sehr

bald bewusst geworden sein. So wurde er vom bayerischen Kirchenpräsidenten

Veit persönlich zu einem Gespräch nach München zitiert.

ist unlängst 68 Jahre geworden. Er sprach mir davon, dass er erst mit 70 Jahren

gehen wolle, weil er (dann) müsse. Seine körperliche Rüstigkeit läßt hoffen, dass

er früher nicht aus dem Amt scheiden muß. So steht meiner Anschauung nach

das Dekanat München III in ziemlicher Ferne.“ LAELKB, Bay. D Rosenheim 44

16 LAELKB, Bay. D Rosenheim 44

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 93


Er berichtet 17 darüber, dass er von Kirchenpräsident Veit und seinem

Stellvertreter Vizepräsident D. Gebhardt sehr unfreundlich empfangen

worden sei. Er habe aber dann später „demütig wie ein reuiger Sünder

das Dekanat Ingolstadt (scil. München II) und Kirchenrat Ringler „über

den Schellenkönig gelobt“ und hinzugefügt, dass die Rosenheimer gar

nicht vom Dekanat München II weg wollten: „Von uns aus kann das

Dekanat ruhig nach Traunstein kommen, wir bleiben aber bei Ingolstadt

(München II)“ 18 .

Wenn man dem Bericht Webers trauen darf, scheint Vizepräsident

Gebhardt den Argumenten der Rosenheimer gegenüber aufgeschlossener

gewesen zu sein. Weber berichtet, dass D. Gebhardt ihn nach dem

Gespräch mit Präsident Veit in sein Zimmer mitgenommen habe. Dort

habe er ihm anvertraut, dass ihm das Dekanat in Rosenheim lieber

wäre, dass aber Synodenpräsident Rohmer eigene Pläne habe 19 . Außerdem

habe Gebhardt den amtierenden Rosenheimer Pfarrer Schott

erwähnt, der wegen früherer Vorkommnisse in Augsburg im Landeskirchenamt

nicht beliebt sei. 20 Weber geht aus diesem Gespräch mit

Vizepräsident D. Gebhardt durchaus zuversichtlich, um so mehr, als

dieser ihn mit den Worten verabschiedet hatte: „Nicht nachlassen, ich

glaube, Sie setzen Ihren Kopf durch.“ 21

Nach diesen Gesprächen im Herbst 1928 kehrte zunächst einmal

Ruhe ein. Der Traunsteiner Pfarrer Franz Schmid wurde Dekan in Neu-

Ulm, wo er sich allerdings nicht recht wohl fühlte.

Ganz offensichtlich aber war Traunstein als zukünftiger Dekanatssitz

immer noch nicht ganz aus dem Rennen. Das wird aus einem Brief

deutlich, den OKR Baum am 4. Mai 1931 an Dekan Ringler in Ingolstadt

schrieb 22 . Hier wird Traunstein als möglicher Dekanatssitz noch

17 Bericht von Oberlehrer Weber aus dem Jahr 1933: „Geplante Errichtung eines

Dekanates München III in Traunstein im September 1928, LAELKB, Bay. D

Rosenheim 44

18 A.a.O.

19 A.a.O.

20 A.a.O.

21 A.a.O.

22 „Lieber Herr Kirchenrat, lieber Freund, Um Traunstein hätte sich damals Schmid

erkundigt, aber Rohmer hat abgewinkt. Auch der Kirchenvorstand erklärte, dass

er keinen Geistlichen haben will, der früher schon in Traunstein gewesen sei.

Da sich Dekan Schmid in Neuulm nicht wohlfühlt, wäre es vielleicht doch am

besten gewesen, er wäre wieder nach Traunstein. Das konnte er aber nur, wenn

er als Dekan hinkam, und die Dekanssache war nicht spruchreif“, LAELKB, Bay. D

Rosenheim 44

94 Freiheit und Glaube


einmal ausdrücklich erwähnt. Dennoch hatte die Intervention des

Rosenheimer Kirchenvorstandes die Weichen bereits in Richtung

Rosenheims gestellt. Dabei hatten sicher neben der Beharrlichkeit der

Rosenheimer vor allem die sachlichen Argumente (Größe, wirtschaftliche,

kulturelle und verkehrsmäßige Zentrumsbedeutung Rosenheims

etc.) schließlich den Ausschlag gegeben.

Und so plante der Landeskirchenrat im Herbst 1931 die Aufteilung

des bisherigen Dekanates München II und die Errichtung eines

neuen Dekanates Rosenheim, wie aus einem Schreiben an das Dekanat

München II vom 9. Oktober 1931 hervorgeht 23 .

Wie konkret diese Planungen bereits waren, zeigt eine Tabelle,

die dem genannten Schreiben beigefügt war. Hier waren bereits die

Gemeinden konkret benannt, die dem neuen Dekanat Rosenheim zugeordnet

werden sollten:

1. Rosenheim 1 Pfarrer, 1 Stadtvikar, 8 Predigt-,

8 Unterrichtsstationen, 5 höhere

Lehranstalten, 1 evang. Volksschule

2. Bad Aibling 1 Pfarrer, 3 Predigt-, 4 Unterrichtsstationen

3. Berchtesgaden 1 Pfarrer, 2 Unterrichtsstationen,

1 höh. Lehranstalt

4. Burghausen 1 Pfarrer, 2 Predigt-, 2 Unterrichtsstationen,

2 höh. Lehranstalten

5. Erding 1 expon. Vikariat, 5 Predigt-, 5 Unterrichtsstationen,

1 höh. Lehranstalt

6. Freilassing 1 expon. Vikariat, 3 Predigt-, 4 Unterrichtsstationen

Seelen 2160

23 „Der Landeskirchenrat hat beschlossen, für den Regierungsbezirk Oberbayern ein

drittes Dekanat mit dem Namen: Dekanat Rosenheim zu errichten, dessen Bezirk

aus dem Dekanatsbezirk München II mit dem Abmaße abgetrennt werden soll,

dass die Pfarrei Feldkirchen ohne die Tochterkirchengemeinde Erding dem Kirchenbezirk

München I zugewiesen werden soll. … Das Vikariat Erding soll an die

Kirchengemeinde Mühldorf angeschlossen werden. Der Dekanatsbezirk München

II umfasst zur Zeit 29 Pfarrorte mit 25 Pfarrstellen und 11 Vikariaten, zusammen 36

Stellen.“ LAELKB, Bay. D Rosenheim 44

655

500

416

454

430

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 95


7. Großkarolinenfeld 1 Pfarrer; 3 Predigt-, 4 Unterrichtsstationen,

1 Volkshauptschule

8. Mühldorf 1 Pfarrer, 3 Predigt-, 4 Unterrichtsstationen,

3 höhere Lehranstalten

9. Bad Reichenhall 1 Pfarrer, 2 höhere Lehranstalten,

1 Volkshauptschule

10. Traunstein 1 Pfarrer, 1 Stadtvikar, 5 Predigt-,

9 Unterrichtsstationen, 4 höhere

Lehranstalten, 1 Volkshauptschule

11. Miesbach 1 Pfarrer, 3 Predigt-, 5 Unterrichtsstationen,

1 höhere Lehranstalt, 1 Tochterkirchengemeinde

(TKG) (Holzkirchen)

12. Bad Tölz 1 Pfarrer, 3 Predigt-, 4 Unterrichtsstationen,

1 TKG (Tegernsee)

96 Freiheit und Glaube

245

505

1055

1405

849

1414

Gesamt 10088

Damit verkleinerte sich das Dekanat München II von 32.343 auf 22.255

Gemeindemitglieder. Zu Rosenheim sollten 10.088 Gemeindemitglieder

gehören.

Natürlich konnten die bisherigen Dekanate in Oberbayern nicht

übergangen werden.

Im Oktober 1931 befasste sich der Bezirkssynodalausschuss des

Dekanates München I, das im Wesentlichen die Münchner Gemeinden

umfasste, mit der geplanten Neuordnung. Er stimmte der Gründung

eines dritten oberbayerischen Dekanates zu. Der Münchner Dekan

ergänzte diesen Beschluss in einem Brief vom 22. Oktober 1931 24 mit

drei Anregungen. Er schlug vor, parallel zu der Benennung des neuen

Dekanates als „Dekanat Rosenheim“ auch das bisherige Dekanat München

II nach seinem Dienstsitz in „Dekanat Ingolstadt“ umzubenennen.

Auch schlug er vor, die Gemeinden Feldkirchen im Osten und Pasing

im Westen von München dem Dekanat München I zuzuordnen, um

die Gebiete „abzurunden. Auch benannte er die Verteilung der Sitze für

die Landessynode im Bereich Oberbayern als Problem; er hatte Sorge,

dass das Dekanat München mit seinen rund 120.000 Gemeindegliedern

24 LAELKB, Bay D München, 518


gegenüber den beiden „Landdekanaten“ mit zusammen rund 33.000

Gemeindegliedern unterrepräsentiert sein könne 25 . Dieser Einwand

aber konnte den Neugliederungsprozess nicht mehr stoppen.

Anfang 1932 kam dann Dekan Franz Schmid aus Neu-Ulm als Pfarrer

nach Rosenheim. Es lässt sich nicht ganz eindeutig belegen, aber es ist

mit Sicherheit anzunehmen, dass er vor seinem Stellenwechsel, also im

Jahr 1931, bereits über die geplante Errichtung eines Dekanates Rosenheim

informiert war. Er hätte sich als Dekan von Neu-Ulm sicherlich

nicht ohne eine solche Zusicherung auf Rosenheim eingelassen.

Doch vor der Errichtung des neuen Dekanates musste der neue

Rosenheimer Pfarrer Franz Schmid ab Juli 1932 den in den Ruhestand

wechselnden Dekan von München II, Kirchenrat Ringler vertreten.

Dafür wurden alle Dekanatsakten des Dekanats München II nach

Rosenheim gebracht 26 . Es war nur eine Kiste, die von Kirchenrat Ringler

an Stadtpfarrer Schmid in Rosenheim abging – kein Vergleich mit

heutigen Datenmengen.

Und nun ging es zügig weiter. Am 18. November 1932 teilte OKR Baum

dem Dekanatsverweser München II, Pfarrer Schmid in Rosenheim in

einem Brief 27 mit, dass der Landessynodalausschuss den Antrag auf Tei-

25 1932 wurde dann Oberlehrer Weber für eine Kandidatur zu Landessynode

vorgeschlagen. Tatsächlich durfte das neue Dekanat dann aber keinen eigenen

Synodalen stellen. Als Kompromiss galten Dekan Franz Schmid und Oberlehrer

Weber dann ohne Wahl als Ersatzmänner.

26 Niederschrift über die Extradition des Dekanates München II nach Rosenheim:

Ingolstadt – Rosenheim, den 5. Juli 1932: „Die gesamten Akten des Dekanates,

die nach dem Repertorium vorhanden sein müssen, wurden in eine Kiste verpackt,

von Ingolstadt abgesandt und sind unversehrt in Rosenheim eingetroffen

und von dem Dekanatsverweser, Herrn Pfarrer Schmid bereits einregistriert

worden. Die beiden Dekanatssiegel sowie das Siegel der Privatwitwenkasse

München II hat Kirchenrat Ringler Herrn Stadtpfarrer Schmid bei der Konferenz

am 29. Juni in München persönlich übergeben. Ebenso das Amtskreuz. Dieses

ist jedoch nach Anordnung des Herrn Kreisdekans an den Landeskirchenrat einzusenden.

Dem Postscheckamt in München wurde mitgeteilt, dass das Konto des

Dekanates München II fortan nach Rosenheim verlegt ist. Das Guthaben für noch

nicht abgeschlossene Kollekten beträgt 984 Mark. Endlich wurde die Portokasse

mit 52 Mark übergeben“. LAELKB, Bay. D Rosenheim 44

27 Brief OKR Baum an Stadtpfarrer Schmid am 18.11.1932: „Der Synodalausschuss hat,

wie mir Breit sagt, den Antrag wegen Teilung des Dekanats genehmigt, so dass im

neuen Jahr die 2 Dekanate eingerichtet werden können. Bis zu welchem Termin

das geschehen wurde, kann ich heute noch nicht sagen, da erst die Vollsitzung

Ende November sich mit der Sache beschäftigen muß.“ LAELKB, Bay. D Rosenheim

44.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 97


lung des Dekanats München II genehmigt habe, so dass im neuen Jahr

die 2 Dekanate eingerichtet werden könnten.

Leider aber schien diese Nachricht verfrüht, da der Landessynodalausschuss

seine Sitzung auf Mitte Dezember verschoben hatte. Dies

teilte OKR Baum Pfarrer Schmid gleich einen Tag später brieflich mit 28 .

So schien wieder alles offen.

Doch die Gründung des Dekanates Rosenheim war nicht mehr aufzuhalten.

Nach einer Sitzung des Landeskirchenrates Ende November

1932 erschien im kirchlichen Amtsblatt 1932, Nr. 23, vom 6. Dezember

1932, die „Vorläufige Anordnung“ zur Teilung der drei Dekanate 29 .

In dieser Anordnung wurden auch die zu dem neuen Dekanat gehörenden

Gemeinden benannt: „Zum Dekanatsbezirk (Kirchenbezirk)

Rosenheim gehören die Pfarreien: Bad Aibling, Berchtesgaden, Burghausen,

Großkarolinenfeld, Miesbach, Mühldorf, Bad Reichenhall,

Rosenheim, Bad Tölz und Traunstein“ 30 .

Durch Beschluss des Evang.-Luth. Landeskirchenrates vom 19.

Dezember 1932 wurde dem Pfarrer und Dekanatsverweser Franz

Schmid in Rosenheim die Funktion des Dekans für den neuerrichteten

Dekanatsbezirk Rosenheim übertragen. Die Übernahme der Dekanatsfunktion

erfolgte zum 1. Januar 1933 31 .

Das Staatsministerium für Unterricht und Kultus stimmte mit Entschließung

vom 22.2.33 Nr II 47612 dem neugebildeten Kirchenbezirk

28 OKR Baum Brief an Dekanatsverweser München II, Pfarrer Schmid in Rosenheim

v. 19.11.1931: Lieber Freund, die Sitzung des Landessynodalausschusses ist bis in

den Dezember verschoben, damit ist entschieden, dass die Ernennung des Dekanates

Rosenheim vor 1. Januar 1933 nicht erfolgen kann. Der Synodalausschuss

wird erst in der Mitte des Monats Dezember zusammentreten, die Stelle kann

wahrscheinlich unter Umständen vor Weihnachten nicht mehr ausgeschrieben

werden, wenn sie als Dekansstelle ausgeschrieben werden soll. LAELKB, Bay. D

Rosenheim 44

29 Amtsblatt 1932, Nr. 23 vom 6. Dezember 1932: Aufgrund des Art. 46, Abs. IV Ziffer

3 KV verkünde ich die vom Landeskirchenrat mit Zustimmung des Landessynodalausschusses

gemäß Art. 45 KV erlassene Anordnung betreffend die Errichtung

eines Dekanates Rosenheim. Die Anordnung bedarf der nachträglichen Genehmigung

durch die Landessynode. München, den 30. November 1932, Der Kirchenpräsident,

Dr. Friedrich Veit. LAELKB, Bay. D Rosenheim 44

30 A.a.O.

31 Der Funktionsbezug für jedes der beiden Dekanate wurde auf 720 RM festgesetzt,

nämlich: 270 RM aus der Staatskasse und 450 RM aus der Allgemeinen

Kirchenkasse. Diese Beträge waren ausschließlich Dienstaufwandsentschädigung

und kamen deshalb kürzungs- und steuerfrei zur Zahlung. Entschließung LKR vom

19. Dezember 1932. LAELKB, Bay. D Rosenheim 44

98 Freiheit und Glaube


Rosenheim zu und verlieh ihm die Eigenschaft einer Körperschaft des

öffentlichen Rechtes.

So konnte schließlich Pfarrer Franz Schmid am 29. Januar 1933 in

sein neues Amt als Dekan von Rosenheim eingeführt werden.

Vorher wurde noch eine letzte Korrektur an den Dekanatsgrenzen

vorgenommen. Mit Beschluss des Landeskirchenrates vom 14. Januar

1933 wurde die Tochterkirchengemeinde Erding der zu München

gehörenden Gemeinde Feldkirchen aus- und Mühldorf angegliedert.

Damit gehörte sie zum Dekanat Rosenheim.

Doch dieses Dekanat und seine Menschen gingen bösen Zeiten entgegen.

Denn einen Tag nach der Einführung von Dekan Schmid ergriff

in Berlin Adolf Hitler die Macht.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 99


100 Freiheit und Glaube


Bernhard Liess

Das Dekanat Rosenheim im „Dritten Reich“*

Diese kleine Untersuchung hat das Ziel, die Geschichte des evangelischlutherischen

Dekanats Rosenheim während der Zeit der nationalsozialistischen

Herrschaft darzustellen. Während die Rolle der bayerischen

Landeskirche in zahlreichen Studien – wenn auch noch längst nicht

erschöpfend – untersucht wurde, so fehlt es doch immer noch an

Untersuchungen zu den Auswirkungen vor Ort in den Kirchengemeinden

und Dekanaten. Im Folgenden soll daher insbesondere der Frage

nachgegangen werden, wie der offizielle Kurs der bayerischen Landeskirche

vor Ort im Dekanat Rosenheim umgesetzt wurde und welche

Besonderheiten sich dabei zeigten.

Das Dekanat Rosenheim wurde 1933 gegründet und umfasste damals

in etwa das Gebiet der heutigen Dekanate Bad Tölz, Rosenheim und

Traunstein. Etwa 10.300 Evangelische lebten hier in einer ganz überwiegend

katholischen Umgebung. Zum Dekanat Rosenheim gehörten 1933

die Kirchengemeinden Bad Aibling, Berchtesgaden, Burghausen, Erding,

Großkarolinenfeld, Miesbach, Mühldorf, Bad Reichenhall, Rosenheim,

Bad Tölz und Traunstein.

Da der damalige Rosenheimer Dekan auch erster Pfarrer in der

Kirchengemeinde Rosenheim war, wird im Folgenden neben dem Verhalten

des Dekanats auch ein Schwerpunkt auf die Kirchengemeinde

Rosenheim gelegt. Ausführlich werden auch die Vorgänge in Mühldorf

dargestellt.

* Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 101


Die Anfänge des Dekanats Rosenheim

unter Dekan Franz Schmid

Franz Schmid (1875–1954) wurde zum 16. März 1932 Pfarrer auf der

ersten Pfarrstelle in Rosenheim. Auf die neue Pfarrstelle in Rosenheim

hatte er sich beworben mit der Aussicht, dass Rosenheim zum Dekanat

erhoben würde. Dies geschah dann auch zum 1. Januar 1933. 1 Die Amtseinsetzung

des neuen Dekans erfolgte schließlich am 29. Januar 1933,

also am Vorabend der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Vor

seinem Dienst in Rosenheim war Schmid Pfarrer im schwäbischen

Forheim (seit 1905), in Nürnberg an St. Lorenz (seit 1913), in Traunstein

(seit 1915) sowie Pfarrer und Dekan in Neu-Ulm (seit 1926) gewesen. 2

In seiner Rosenheimer Antrittspredigt 1932 grenzt sich Schmid ab

gegenüber dem Kultur-Protestantismus einerseits und einem national

gefärbten Protestantismus andererseits: „Denn zuletzt helfe uns nicht

Kant, Goethe, Bismarck oder sonst ein Heros der Menschheit, zuletzt

könne uns allen nur Jesus Christus helfen“ – wird Schmid im Rosenheimer

Anzeiger zitiert. 3 Dieser Haltung entsprach seine Abgrenzung

zur Bewegung der „Deutschen Christen“. So hat er in seinen Gutachten

als Dekan mehrfach kritisiert, wenn Pfarrer ihre nationalsozialistische

Einstellung allzu offen vertraten. So auch im Fall des Stadtvikars Fritz

Seyboth (1907–1974), der durch seine offene nationalsozialistische Gesinnung

auffiel. Schmid schreibt in seinem Gutachten vom 26. Januar

1933, Seyboths „Begeisterung für den Nationalsozialismus“ habe ihn

„zu einigen Unbesonnenheiten verleitet“. Mittlerweile habe er jedoch

gelernt, „sich die nötige Zurückhaltung in der öffentlichen Amtstätigkeit

aufzuerlegen.“ Diese „Zurückhaltung“ scheint jedoch nicht lange

angehalten zu haben. Seyboth fühlte sich wohl nach der „Machtergreifung“

der Nationalsozialisten nicht mehr daran gebunden. So ergänzt

Schmid noch 1933 in seinem Gutachten, Seyboth habe „in seinen Predigten

mehrfach das politische und nationale Moment so sehr in den

Vordergrund gestellt (…), dass die Wortverkündigung dabei zu kurz

kam, was von nicht wenigen Hörern schmerzlich empfunden wurde.“ 4

1 Amtsblatt Nr. 23 (6. 12. 1932).

2 LAELKB, PA theol. 631. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Landeskirchlichen

Archiv Nürnberg danke ich sehr herzlich für ihre freundliche und kompetente

Hilfe und Unterstützung.

3 RA (=Rosenheimer Anzeiger) 18. 3. 1932.

4 LAELKB, PA theol. 4779: Gutachten vom 26. 1. 1933.

102 Freiheit und Glaube


Schmid selbst versteht sich eher als unpolitischer,

den Ausgleich suchender Dekan.

In seiner Beurteilung aus dem Jahr 1935

werden seine „bewährte Amtsführung, sein

tadelloses amtliches und außeramtliches

Verhalten und seine achtenswerte Persönlichkeit“

lobend erwähnt. Dadurch habe er sich

nicht nur das Vertrauen der Rosenheimer

Gemeinde, sondern auch der katholischen

Bevölkerung erworben. In der Beurteilung

aus dem Jahr 1940 heißt es dann, Schmid

sei „ruhig, besonnen, taktvoll, bestimmt in

seinem Handeln.“ Kunst und Musik liegen

ihm, allerdings wird sein Predigtstil als etwas

zu nüchtern beschrieben. 5

Dekan Franz Schmid

(Bildnachweis: Pfarrarchiv Rosenheim)

Von Anfang seiner Tätigkeit an ist Schmid befasst mit den kirchenpolitischen

Auswirkungen der Ereignisse seit 1933. Regelmäßig erstattet

er im Kirchenvorstand von Rosenheim Bericht über die kirchliche Lage

und die neuesten Entwicklungen. Die Kirchenvorstandsprotokolle der

Kirchengemeinde Rosenheim zeigen, wie sehr die kirchenpolitischen

Ereignisse auch vor Ort zur Kenntnis genommen wurden. Kaum eine

Sitzung der 30er Jahre, in der sich nicht ein Bericht über die kirchliche

Lage findet. Schmids Anliegen ist es, vor Ort zu informieren. Dabei

steht er voll und ganz hinter dem kirchenpolitischen Kurs des Landesbischofs

Hans Meiser und trägt ihn in die Gemeinde vor Ort.

In der Kirchenvorstandssitzung vom 12. Mai 1933 verweist Schmid

auf die großen Gefahren, die das „Eindringen der Politik in die inneren

kirchlichen Verhältnisse für Bestand und Wesen der evangelischen

Kirche mit sich bringt“. Die Lösung könne nur darin bestehen, einerseits

die „Neugestaltung der politischen Verhältnisse in unserem Vaterland“,

den „nationalen Umschwung“ bzw. die „nationale Revolution“

rückhaltlos anzuerkennen, andererseits aber den Einfluss der Politik auf

die äußere Gestalt der Kirche abzuwehren. 6

Loyalität gegenüber dem Staat und der neuen nationalsozialistischen

Regierung und Eintreten für die Unversehrtheit der bayerischen

Landeskirche – diesen Spagat versucht Schmid – wie die bayerische

Landeskirche insgesamt – zu vollbringen.

5 LAELKB, PA theol. 631.

6 Pfarrarchiv Rosenheim 52: Kirchenvorstandsprotokolle, Sitzung vom 12. 5. 1933.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 103


Wie Schmid selbst zum Nationalsozialismus stand, ist nicht leicht zu

klären. Seine Beurteilung des nationalsozialistisch eingestellten Rosenheimer

Stadtvikars Seyboth lässt eine Distanz erkennen gegenüber dem

offenen Bekenntnis jüngerer Pfarrer zum Nationalsozialismus. Auch in

der Folge wird Schmid sich klar gegen die „Deutschen Christen“ und

für die „Bekennende Kirche“ aussprechen. Dennoch tritt Schmid im

Jahr 1933 in den Verein „Freunde der SS“ ein, den er jedoch schon bald

wieder verlässt, als er – wie er später schreibt – das wahre Wesen der

SS erkannte. 7 Die Äußerungen in den Kirchenvorstandsprotokollen lassen

darüber hinaus – wie bei den meisten Pfarrern – eine Zustimmung

zur nationalsozialistischen Machtübernahme vermuten. So spricht er

sich für eine rückhaltlose Anerkennung der „nationalen Revolution“

bzw. des „nationalen Umschwungs“ aus. 8

Am 12. November 1933 führten die Nationalsozialisten eine Reichstagswahl

durch, die allerdings in keiner Weise eine freie Wahl war.

Sie war verbunden mit einem Plebiszit über den Austritt aus dem

Völkerbund. Im Protokoll der Kirchenvorstandssitzung vom 15. November

1933 heißt es, der Vorsitzende Schmid gedenke „dankbar und

hoffnungsfreudig des glänzenden Ausfalls der Wahlen vom 12. November.“

9 Auch hier gehört Schmid – wie die Mehrzahl der evangelischen

Pfarrer – zu denjenigen, die der ersten Phase der nationalsozialistischen

„Machtergreifung“ ihre Zustimmung gaben. 10 Schmid konnte sich

hierbei durchaus auf Bischof Meiser berufen, der sich bei der Volksabstimmung

am 12. November 1933 für einen Austritt Deutschlands aus

dem Völkerbund ausgesprochen hatte. 11 Bei der Beflaggung der Rosenheimer

Kirche anlässlich der Ermordung von Wilhelm Gustloff im Jahr

1936 wird sich darüber hinaus zeigen, dass Dekan Schmid zu diesem

Zeitpunkt zu den Abonnenten des „Völkischen Beobachters“ zählte. 12

7 LAELKB, PA theol. 631: Schreiben an Oberkirchenrat Daumiller vom 21. 2. 1947.

8 Pfarrarchiv Rosenheim 52: Kirchenvorstandsprotokolle, Sitzung vom 12. 5. 1933.

9 Ebd., Sitzung vom 15. 11. 1933.

10 Vgl. Björn Mensing, Konservative Lutheraner zwischen NS-Verstrickung, Selbstbehauptung

und Entnazifizierungskritik. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in

Bayern, in: Manfred Gailus und Wolfgang Krogel (Hg.): Von der babylonischen

Gefangenschaft der Kirche im Nationalen. Regionalstudien zu Protestantismus,

Nationalsozialismus und Nachkriegsgeschichte 1930–2000, Wichern 2006,

418–445, 427.

11 Helmut Baier und Ernst Henn, Chronologie des bayerischen Kirchenkampfes

1933–1945, EKGB 47, Nürnberg 1969, 44.

12 StadtARo, Akten Ia I.99.

104 Freiheit und Glaube


Die Kirchenvorstandswahlen am 23. Juli 1933

Die Wahlen zum Kirchenvorstand am 23. Juli 1933 führten auch in

Rosenheim dazu, dass einige Nationalsozialisten in den Kirchenvorstand

einrückten. Hierzu zählte besonders Dr. Erich Holper, Rechtsrat

sowie NSDAP- und SA-Mitglied. Am 18. März 1933 war er von Gauleiter

Adolf Wagner zum ehrenamtlichen SA-Sonderkommissar für Rosenheim

ernannt worden. 13 Holper war Mitglied des Stadtrates und eine

wichtige Figur in Rosenheim zur Zeit des Nationalsozialismus.

Seine Mitgliedschaft im Kirchenvorstand dauerte jedoch nur zwei

Jahre. Dann schied er aus und begründete dies mit seiner Arbeitsüberlastung

als SA-Mann und Stadtrat. 14 Eine

wichtige Rolle spielte dabei wahrscheinlich

aber auch die kirchenpolitische Haltung

der Landeskirche, die sich in der Kirchengemeinde

und im Dekanat Rosenheim

widerspiegelte. So antwortet Holper am 17.

Mai 1935 auf den ihm als Gemeindeglied zugesandten

Aufruf zur Bildung von Bekenntnisgemeinschaften

kurz und knapp: „Die

mir zugeleitete Erklärung kann ich leider

nicht unterzeichnen, da ich darin eine Aktion

gegen den Reichsbischof sehe, der ich

mich nicht anschliessen kann. Heil Hitler!“ 15

Am 26. September 1936 schließlich tritt

Holper aus der evangelischen Kirche aus.

Im Rosenheimer Kirchenbuch zu Ein- und

Austritten findet sich dazu die Begründung:

Dr. Erich Holper

(Bildnachweis: Stadtarchiv Rosenheim)

„Ist mit dem Christentum zerfallen – neigt dem sog. Deutschglauben

zu – hat sich keiner Rel.-ges. angeschlossen.“ 16

Sein Nachfolger wird Hermann Just. Auch er gehört zu diesem Zeitpunkt

der SA an und ist Mitglied der NSDAP-Fraktion des Rosenheimer

13 Peter Miesbeck, Bürgertum und Nationalsozialismus in Rosenheim. Studien zur

politischen Tradition. Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Stadt und

des Landkreises Rosenheim, Bd. XIII, Rosenheim 1994, 230.

14 Pfarrarchiv Rosenheim 58: Brief Dr. Erich Holpers vom 5. 12. 1935.

15 Pfarrarchiv Rosenheim 2: Brief Dr. Erich Holpers vom 17. 5. 1935.

16 Pfarrarchiv Rosenheim: Register der confessionellen Uebertritte, Eintritt und Ausstritt

(…) ab 1917.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 105


Stadtrates. 17 In den Kirchenvorstand gewählt wird auch der SA-Sturmführer

Fritz Walter, der im März 1933 eine Hausdurchsuchung bei der

Mutter des SPD-Politikers Waldemar von Knoeringen durchführen

ließ, bei der mehrere Bücher beschlagnahmt wurden. 18 Walter ist es

dann auch, der 1935 vorläufiger Leiter der Rosenheimer Ortsgruppe der

„Deutschen Christen“ wurde. 1938 zieht er aus Rosenheim weg und verlässt

damit auch den Kirchenvorstand.

Der Rosenheimer Stadtrat 1934: Hermann Just (dritter von links) und Dr. Erich Holper

(vierter von links) (Bildnachweis: Stadtarchiv Rosenheim)

Einen Tag nach der Wahl bittet Dekan Schmid die Kirchengemeinden

des Dekanats um einen Bericht, „ob die Wahlen unter politischer oder

sonstiger Beeinflussung stattgefunden haben“. 19 Die Rückmeldungen

aus den Kirchengemeinden zeigen jedoch einen geringen Einfluss der

„Deutschen Christen”. Dies ändert aber nichts daran, dass durch diese

Wahl – wie das Beispiel Rosenheim zeigt – mehrere Nationalsozialisten,

die zum Teil wichtige Funktionen in der Stadt versahen, in den Kirchenvorstand

gewählt wurden.

17 Miesbeck (wie Anm. 13), 230.

18 Ebd., 244.

19 LAELKB, BayD Rosenheim 22: Anfrage des Dekans vom 24. 7. 1934.

106 Freiheit und Glaube


Der Berliner Sportpalast-Skandal am 13. November 1933

Im November 1933 kam es im Berliner Sportpalast zu einem Eklat, als

der Führer der „Deutschen Christen“ in Berlin, Reinhold Krause, „die

Befreiung von allem Undeutschen im Gottesdienst und im Bekenntnismäßigen,

Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen

Lohnmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten” forderte.

Auch die „ganze Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie

des Rabbiners Paulus” müsse beseitigt werden. 20 Auf diesen Skandal

reagierte Meiser mit einem Aufruf aller „treu lutherisch Gesinnten

innerhalb unserer Reichskirche zu einem flammenden Protest”. 21 Der

bayerische Pfarrerverein versandte daraufhin an alle Geistlichen eine

Verpflichtungserklärung zu unbedingtem Gehorsam gegenüber Landesbischof

Meiser. 1236 von 1266 Geistlichen gelobtem ihrem Landesbischof

die Treue. 22

In Rosenheim erstattete Dekan Schmid in der Kirchenvorstandssitzung

vom 18. Dezember 1933 einen „eingehenden Bericht über die

kirchliche Lage mit besonderer Berücksichtigung der Versammlung der

deutschen Christen im Sportpalast in Berlin am 13. November und ihrer

Auswirkungen.” 23 Die Sitzung vom 5. Februar 1934 nimmt er dann auch

gleich zum Anlass, einen „Vortrag über das alte Testament als Buch der

Kirche” zu halten. Daran schließt sich eine ausführliche Aussprache an,

die jedoch nicht näher beschrieben wird. 24

Dieses Beispiel zeigt, wie sehr die großen kirchenpolitischen Ereignisse

auch auf der Ebene einer Kirchengemeinde und eines Dekanats

aufgegriffen und verfolgt wurden. Bischof Meisers kirchenpolitischer

Kurs wurde auf diese Weise auch von der Gemeinde- und Dekanatsebene

mitgetragen.

20 Zitiert bei Klaus Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. 1: Vorgeschichte

und Zeit der Illusionen 1918–1934, Frankfurt/Main, Berlin, Wien 1977, 704.

21 Zitiert bei Helmut Baier, Die Deutschen Christen Bayerns im Rahmen des bayerischen

Kirchenkampfes, EKGB 46, Nürnberg 1968, 73.

22 Baier (wie Anm. 21), 74.

23 Pfarrarchiv Rosenheim 58, Kirchenvorstandsprotokolle: Sitzung vom 18. 12. 1933.

24 Ebd., Sitzung vom 5. 2. 1934.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 107


Schmids Bericht auf der Kirchenvorsteherversammlung

im Sommer 1934

Am 24. Juni 1934 fand in Traunstein eine Kirchenvorsteherversammlung

statt. Dekan Schmid nutzte diese Veranstaltung für einen ausführlichen

„Bericht über die Entwicklung der kirchlichen Verhältnisse in der

deutschen evangelischen Kirche 1933/34.” Dieser Bericht zeigt erneut,

wie sehr sich Schmid darum bemühte, die Kirchengemeinden bzw. ihre

Vertreter über die kirchenpolitischen Ereignisse innerhalb der bayerischen

Landeskirche, aber auch innerhalb des deutschen Protestantismus

überhaupt, aufzuklären. Schmid stand dabei vor einer schwierigen

Situation, denn auch im Dekanat Rosenheim waren als Konsequenz der

Kirchenwahlen vom 23. Juli 1933 zahlreiche vom Nationalsozialismus

überzeugte Kirchenvorsteher gewählt worden. Die Aussprache über den

Dekansbericht zeigt dann auch, wie massiv und aggressiv Vertreter der

„Deutschen Christen”, allen voran Pfarrer Hans Gollwitzer aus Mühldorf,

nun auftraten und agitierten.

Schmid bezeichnet das erste Jahr der deutschen evangelischen Kirche

als „ein Jahr des heftigsten Kampfes.” 25 Doch dem kirchenpolitischen

Kampf liege ein „geistiger Kampf” zugrunde. Gehe es bei dem kirchenpolitischen

Kampf um die „Verfassung und Führung”, so bei dem

geistigen Kampf um „das Bekenntnis der deutschen evangelischen

Kirche.” 26 Das Ziel von Schmids ausführlichem Bericht ist es, „an Hand

der wichtigsten Ereignisse des vergangenen und des laufenden Jahres

Verlauf und Sinn dieses Kampfes darzustellen.” 27

Zunächst wendet sich der Dekan der Bewegung der „Deutschen

Christen” zu, die er als „Trägerin einer durch die nationalsozialistische

Revolution bedingten Erneuerungsbewegung” bezeichnet und die das

Ziel verfolge, „das deutsche Volk und die evangelische Kirche in eine

für beide Teile förderliche lebendige Verbindung zu bringen” und damit

auch die Einigung des deutschen Protestantismus befördere. 28 Ebenso

setze sie sich ein „für ein volks- und gegenwartsnahes ev. Christentum

in freudiger Bejahung der nationalsozialistischen Bewegung in unbedingter

Treue zum dritten Reich und seinem gottgeschenkten Führer.” 29

25 LAELKB, BayD Rosenheim 13: Bericht über die Entwicklung der kirchlichen Verhältnisse,

1.

26 Ebd.

27 Ebd.

28 Ebd.

29 Ebd.

108 Freiheit und Glaube


Der Dekan stellt diese Ziele als durchaus legitim und verständlich dar

und attestiert den „Deutschen Christen” damit auch die gute und ernsthafte

Absicht, „die ersehnte Einheit in der Kirche” herzustellen „und

eine wahrhaft volkstümliche Volksmission grössten Stils mit entsprechendem

Erfolg” durchzuführen. 30 Viele Menschen hätten gehofft, dass

sich dieser Flügel der „Deutschen Christen” gegenüber „dem andern,

stark von völkischen, religiösen Anschauungen beeinflussten” Flügel

durchsetzen werde. 31 Dies habe in der Folge dann auch zu dem Sieg der

„Deutschen Christen” in den Kirchenwahlen vom 23. Juli 1933 geführt.

Wer anfangs noch geglaubt habe, es ginge den „Deutschen Christen”

wirklich um eine Erneuerung der deutschen evangelischen Kirche im

Sinne der Alternative „hie Nationalsozialismus – hie Reaktion” 32 , müsse

aber nun zur Kenntnis nehmen, dass aus dem Kirchenstreit ein „Kampf

um das Bekenntnis der ev. Kirche” geworden sei. 33 Es gehe jetzt um die

Wahrung des Bekenntnisses und um die Frage, „ob andersartige dem

Evangelium wesensfremde, dem Bekenntnis widerstreitende religiöse

Vorstellungen und Lehren wie sie seit den Tagen der Apostel immer

wieder und in immer veränderter Form und jetzt im Gewande völkischer,

artgemässer, aus Blut und Rasse stammender Glaubensanschauungen

erscheinen, Eingang und Heimatrecht finden sollen in Bekenntnis

und Lehre der Kirche.“ 34 Der Kern dieser Auseinandersetzung,

nämlich die Frage nach Wahrung des evangelischen Bekenntnisses,

müsse den Menschen verdeutlicht werden. Gerade die Versammlung

im Berliner Sportpalast vom 13. November 1933 habe gezeigt, „worum

es eigentlich geht.“ 35 Denn hier sei deutlich geworden, „bis zu welchem

Grade die ausserchristlichen und antichristlichen Ideen der völkischen,

sog. Deutschen Glaubensbewegung bereits in die deutschen Christen

eingedrungen waren, zum Schrecken vieler ihrer Anhänger.“ 36 Trotz der

Distanzierung des Reichsbischofs von dieser Veranstaltung habe jedoch

„die Reichskirchenregierung immer mehr die Formen einer kirchlichen

Diktatur“ angenommen und der kirchenpolitische Kampf an Heftigkeit

zugenommen. Daher habe die Reichsregierung – auch wenn sie

sich aus den innerkirchlichen Auseinandersetzungen heraushalten

30 Ebd., 4.

31 Ebd.

32 Ebd., 3.

33 Ebd., 6.

34 Ebd., 6f.

35 Ebd., 7.

36 Ebd., 8.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 109


wolle – ein Interesse am kirchlichen Frieden. Und andererseits stehe

ja „auch die D.E.K. (=Deutsche Evangelische Kirche, B.L.) in allen ihren

Richtungen treu zum dritten Reiche“ und wolle „die innere Fühlung

mit dem Führer durchaus festhalten“ 37 . Es fällt auf, wie sehr Schmid

hier die vermeintliche Neutralität des nationalsozialistischen Staates

herausstreicht und die Loyalität gegenüber dem „Drittem Reich“ und

dem „Führer“ betont. Schmid schildert sodann die Eingliederung der

deutschen Landeskirchen in die D.E.K. durch die Reichskirchenregierung.

Das Hauptproblem sei dabei die Frage des Bekenntnisses und

dass die „durch Zwang zu erzielende Vereinheitlichung vor Kultus und

Bekenntnis Halt machen werden.“ 38 Daher habe sich nun eine Bekenntnisbewegung

gesammelt, die durch die Theologie der letzten 20 Jahre

vorbereitet worden sei, „die aus Individualismus und Liberalismus den

Weg zurückgefunden hat zu den reinen Quellen der reformatorischen

Verkündigung“ 39 Nur langsam sei diese Bekenntnisbewegung auch

den Gemeinden vor Ort bekannt geworden. Wie stark ihr Wille sei,

am kirchlichen Bekenntnis festzuhalten, habe sich besonders auf der

Tagung vom 29. bis 31. Mai 1934 in Barmen gezeigt. Schmid fasst das

Ergebnis von Barmen und die Barmer Theologische Erklärung so zusammen:

Hier haben sich auf einmalige Weise Lutheraner, Reformierte

und Unierte zusammengefunden. Die gegenwärtige Reichskirchenregierung

habe den Anspruch verwirkt, „rechtmässige Leitung der

D.E.K. zu sein.“ Und dann betont Schmid wieder die Loyalität der

Bekenntnisbewegung gegenüber dem nationalsozialistischen Staat: „Die

der Bekenntnisbewegung angehörigen führenden Persönlichkeiten,

Kreise und Gemeinschaften bejahen von Herzen das dritte Reich und

sind dem Führer treu ergeben.“ 40 Unter anderem fordere die Bekenntnisbewegung

eine „gegenwartsnahe Entfaltung der reformatorischen

Bekenntnisse, die Antwort gibt auf die Fragen, die jetzt das Volk besonders

bewegen: Ehe, Volk, Rasse, Staat.“ 41

In dieser Deutung spiegelt sich deutlich das Bemühen wider, die

gegenwärtigen kirchenpolitischen Auseinandersetzungen eindeutig zu

trennen von der Loyalität gegenüber dem nationalsozialistischen Staat.

Die Obrigkeit wird nicht in Frage gestellt.

37 Ebd., 9f.

38 Ebd., 12.

39 Ebd., 13.

40 Ebd., 15.

41 Ebd., 15v.

110 Freiheit und Glaube


Durch die Agitation der „Deutschen Christen“ sei die Bekenntnisbewegung

bei staatlichen und Parteiorganen in den Verdacht der politischen

Reaktion geraten. Da diese aber verpflichtet seien, „jegliche reaktionäre

Strömung in der Quelle zu bekämpfen und mit allen Mitteln

unschädlich zu machen“, sei es immer wieder zu Maßnahmen gegen

Angehörige der Bekenntnisbewegung gekommen. 42

Die D.E.K. biete gegenwärtig ein „beschämendes Schauspiel“, das

schnellstmöglich beendet werden müsse. Nur durch den Weg, den die

Bekenntnisbewegung beschritten habe, werde die D.E.K. zu Frieden

gelangen. In den wechselnden historischen Situationen könne nur die

Orientierung an Gottes Wort Halt geben. 43

Zuletzt kennzeichnet Schmid die gegenwärtige Lage der D.E.K. so:

„zwischen Rom, dem alten ewig unversöhnlichen Gegner einerseits

und der D. (=Deutschen, B.L.) Glaubensbewegung andererseits, die

zielbewusst darauf ausgeht, das deutsche Volk völlig vom Christentum

loszulösen“. 44 In dieser ernsten Lage bleibe nur das Vertrauen: „Des

Herren Wort bleibet in Ewigkeit.“ 45 Damit schließt Schmid seinen Vortrag

mit dem gleichen biblischen Wort aus Jesaja 40, das sich auch am

Ende der Barmer Theologischen Erklärung findet.

Dieser Bericht wurde so ausführlich wiedergegeben, da hier ein Zeitgenosse

und Dekan die aktuelle kirchenpolitische Entwicklung unmittelbar

beschreibt und deutet. Dabei fällt auf, wie Schmid versucht, die

kirchenpolitischen Auseinandersetzungen als einen letztlich innerkirchlichen

Konflikt darzustellen. Sie werden nur kaum mit dem nationalsozialistischen

Staat in Verbindung gebracht. Diesem sowie dem „Führer“

gilt vielmehr Treue und Loyalität. Ja, sogar die Mitglieder der Bekenntnissynode

von Barmen „bejahen von Herzen das dritte Reich und sind

dem Führer treu ergeben“ 46 – so Schmids Schlussfolgerung. Die Kompromissbereitschaft

und Konfliktvermeidung des sog. bischöflichen

Flügels der Bekennenden Kirche 47 spiegelt sich hier in Schmids Worten

wider: Ja zum nationalsozialistischen Staat und seinem „Führer“, aber

42 Ebd., 16.

43 Ebd., 18.

44 Ebd., 19.

45 Ebd.

46 Ebd., 15.

47 Vgl. Carsten Nicolaisen, Nationalsozialistische Herrschaft, in: Gerhard Müller,

Horst Weigelt, Wolfgang Zorn (Hg.): Handbuch der Geschichte der Evangelischen

Kirche in Bayern, 2, St. Ottilien 2000, 297–330, 314.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 111


Nein zu allen Bestrebungen der Reichskirchenregierung, das Bekenntnis

aufzuweichen.

Der gescheiterte Versuch der „Gleichschaltung”

der bayerischen Landeskirche im Herbst 1934

1934 eskaliert die kirchenpolitische Situation in Bayern, als die Reichskirchenregierung

mit Unterstützung der „Deutschen Christen” die

Eingliederung der bayerischen Landeskirche erzwingen will. Am 3.

September 1934 ordnet die Reichskirchenregierung an, die bayerische

ebenso wie die württembergische Landeskirche der Reichskirche zu

unterstellen. 48 Nur wenige Tage später, am 8. September, ruft Dekan

Schmid in einem Schreiben an alle Pfarrämter und Vikariate mit dem

Betreff „kirchliche Lage” dazu auf, sich „bewusst und entschlossen

hinter den Landesbischof zu stellen”. Nur der Landesbischof selbst

könne die Geistlichen von der Pflicht des Gehorsams entbinden. Daher

könne man nun auch nicht von anderen kirchlichen Stellen Befehle

und Anordnungen annehmen. Der Beamteneid auf den „Führer“ könne

geleistet werden, „sobald der Staat ihn von uns fordert; aber den von

der Reichskirchenregierung geforderten Eid müssen wir ablehnen.” In

dieser schwierigen Situation blicke der gesamte Protestantismus in

Deutschland und auch außerhalb Deutschlands mit Spannung auf die

Haltung der bayerischen und württembergischen Landeskirche. Schmid

fordert: „Es kann auch für uns Pfarrer keine andere Losung geben als

die festzubleiben, komme was da wolle.” 49

Als in der Folge der Ereignisse im Oktober 1934 Landesbischof

Meiser unter Hausarrest gestellt wird, kommt es in ganz Bayern zu Protestaktionen

und Sondergottesdiensten – auch in Rosenheim. In einem

Schreiben des Dekans wird die Abhaltung eines Bußgottesdienstes

angeordnet. Altar und Kanzel seien schwarz zu halten, zum Zeichen

der Trauer sollen nach der Predigt über 1. Petr 4,17a und der Verlesung

eines Protestschreibens samt Aufforderung, dieses zu unterzeichnen,

die Kerzen gelöscht werden und ein 15minütiges Trauerläuten stattfinden.

Damit werde zum Ausdruck gebracht, „dass bis zur Herstellung

48 Nicolaisen (wie Anm. 47), 311.

49 LAELKB, BayD Rosenheim 1: Schreiben des Dekans an alle Pfarrämter und

Vikariate vom 8. 9. 1934.

112 Freiheit und Glaube


der rechtmässigen Ordnung die Kirche ihr Trauerkleid tragen wird.” 50

Der Versuch, die bayerische Landeskirche „gleichzuschalten“, hatte

für das Dekanat Rosenheim eine besondere Brisanz. Denn als sog.

„geistlicher Kommissar“ für Altbayern war nach der Absetzung Bischof

Meisers ausgerechnet ein Pfarrer aus dem Rosenheimer Pfarrkapitel

vorgesehen: der Mühldorfer Pfarrer Hans Gollwitzer. Auf ihn wird

später noch ausführlich einzugehen sein.

Am 15. Oktober 1934, also auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung,

beruft Dekan Schmid den Kirchenvorstand zu einer Sitzung

ein, nur eine Woche nach der letzten Sitzung. Auch dieses Datum zeigt

wieder, wie sehr es Schmid als erster Pfarrer der Kirchengemeinde

Rosenheim und als Dekan für seine Pflicht hielt, den Kirchenvorstand

in die aktuelle kirchenpolitische Entwicklung einzubeziehen. An dieser

Sitzung nehmen auch die Nationalsozialisten Dr. Erich Holper und

Fritz Walter teil. Im Protokoll heißt es kurz: „Der Vorsitzende erstattet

Bericht über die Vorgänge in der bayerischen Landeskirche seit dem

11. Oktober. Herr Walter berichtet über eine Zusammenkunft mit Dr.

Jäger 51 und Pfarrer Gollwitzer in München. Daran schließt sich eine

eingehende Besprechung der kirchlichen Lage überhaupt.” 52 Wie diese

Diskussion verlaufen ist, erfahren wir nicht. Die Worte „eingehende

Besprechung” und die Anwesenheit von Holper und Walter legen

jedoch den Schluss einer heftigen Diskussion nahe. Holper wird dann

auch nur noch einmal an einer Sitzung des Kirchenvorstandes teilnehmen

(2. April 1935) und 1935 schließlich aus dem Kirchenvorstand

ausscheiden. 1936 tritt er aus der Kirche aus.

Wie in den meisten Kirchengemeinden Bayerns wurde auch in

Rosenheim am 15. Oktober 1934 mit der Sammlung von Unterschriften

für Bischof Meiser begonnen. Der vorgegebene Text hierfür lautete:

„Wir wollen unserm deutschen Volk und seinem Führer mit allen

Gaben des Evangeliums dienen. Darum bekennen wir uns zu

unserm Landesbischof, dem unerschrockenen Bekenner des reinen

Evangeliums, und fordern, D. Meiser soll in ganz Bayern unser

Bischof sein und bleiben und muß sofort wieder die Freiheit für

die ungehinderte Führung seines Amtes erhalten.” 53

50 Ebd.: Formular des Dekanats an die Pfarrämter und Vikariate.

51 Dr. August Jäger, „Rechtswalter der D.E.K.“ war maßgeblich verantwortlich für

die Ereignisse im Oktober 1934.

52 Pfarrarchiv Rosenheim 52: Kirchenvorstandsprotokolle, Sitzung vom 15. 10. 1934.

53 Pfarrarchiv Rosenheim 2.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 113


Auch in diesem Bekenntnis spiegelt sich die Absicht wider, die Treue

gegenüber Volk und „Führer“ nicht in Konflikt zu bringen mit der

Parteinahme für Bischof Meiser und die Intaktheit der bayerischen

Landeskirche.

Die Entstehung der Bekenntnisgemeinschaften

Nachdem das Kirchenregiment der reichskirchlichen sog. geistlichen

Kommissare gescheitert war, sammelten sich die „Deutschen Christen”

am 25. November 1934 in Nürnberg zu einer Neugründung. 54 Obwohl

sie nach wie vor in der Minderheit waren, kam es in der Folge immer

wieder zu Aktionen und Ortsgruppengründungen der „Deutschen

Christen”. Am 12. Dezember beschließt der Landeskirchenrat auf Anregung

von Bischof Meiser die Gründung von sog. „Bekenntnisgemeinschaften“.

55

Auf der Konferenz der Dekane des Kirchenkreises wird die Umsetzung

dieses Beschlusses beschlossen. Dekan Schmid reagiert darauf

sofort mit einer Pfarrkapitelkonferenz am 21. Dezember 1934. Schmid

berichtet nach München, das Ergebnis sei „die einstimmig bekundete

Bereitwilligkeit alles zu tun, was zur Sammlung, Aufklärung und

Schulung bekenntnistreuer Gemeindeglieder nötig und nützlich ist,

jedoch vorerst von der Bildung von Bekenntnisgemeinden mit ausschliessendem

Charakter, also durch Abgabe von Erklärungen und

Mitgliedskarten abzusehen, um nicht eine vorzeitige Spaltung in den

kleinen Diasporagemeinden hervorzurufen.“ 56

Mit Rücksicht auf die besondere Situation der Diasporagemeinden

wird also auf die sofortige Bildung von Bekenntnisgemeinschaften mit

Mitgliedskarten verzichtet. Offenbar fürchtete man hier Konflikte und

Spaltungen in den Gemeinden. Dennoch benennt man Vertrauensleute.

Bereits in den ersten Januartagen des Jahres 1935 treffen im Dekanat

Rückmeldungen aus den Pfarrämtern ein. Bis zum 9. Januar werden

in allen Gemeinden außer Berchtesgaden, Neuötting und Mühldorf

Vertrauensleute aufgestellt. Schmid schreibt in seinem Bericht nach

München: „Bis jetzt ist noch nicht festgestellt, dass die Deutschen

54 Nicolaisen (wie Anm. 47), 315.

55 Baier und Henn (wie Anm. 11), 105.

56 Pfarrarchiv Rosenheim 2: Schreiben an den Landeskirchenrat vom 9. 1. 1935.

114 Freiheit und Glaube


Christen in den Gemeinden festen Fuss zu fassen suchen.” 57 Nur in

Rosenheim sei im November 1934 der Versuch unternommen worden,

die Zeitschrift „Sonntag in Franken” zu verbreiten.

Am 19. Februar 1935 wendet sich Oberkirchenrat Oskar Daumiller

in einem persönlichen Brief an Dekan Schmid. Er dankt ihm für die

Mitteilung und empfiehlt ihm, den Zusammenschluss nicht „Bekenntnisgemeinschaft”,

sondern wie in Augsburg „Arbeitsgemeinschaft” zu

nennen. Auf diese Weise könnte den Bedenken der Diasporagemeinden

besser Rechnung getragen werden. Daumiller fragt Schmid nach

seiner Meinung zu Oberlehrer Karl Weber, dem langjährigen Vorsitzenden

des Kirchenvorstandes: „Ist Herr Oberlehrer W. für alle Situationen

sicher?” Möglicherweise gab es hier seitens des Oberkirchenrats

Zweifel, ob Weber auf der Seite der sich gerade bildenden „Bekennenden

Kirche“ stehe. Daumiller schließt seinen handschriftlichen Brief

mit der rätselhaften Bemerkung: „In schwierigen Fällen unterzeichne

ich mit ‚Eduard’.“ Vielleicht gab es hier eine Art „Erkennungszeichen“

in offiziellen Schreiben, mit dem Daumiller ihm verbundenen Kollegen

einen Hinweis geben wollte auf schwierige Situationen.

Am 13. April 1935 wendet sich Oberkirchenrat Daumiller erneut an

Dekan Schmid, diesmal allerdings auf offiziellem Briefpapier. Für die

bayerische Landeskirche habe sich die Lage „neuerdings verschärft“

und zwar durch die erneute Agitation der „Deutschen Christen“. Daumiller

habe die „Frage der Gründung von Bekenntnisgemeinschaften in

den Dekanatsbezirken (…) mit Herrn Landesbischof durchgesprochen.“

Dieser sei der Meinung, „daß es doch besser wäre, jetzt schon die

Sache in Angriff zu nehmen; er glaubt auch, daß der Zeitpunkt sonst

verpaßt wird und später die Sammlung der Bekenntnisgetreuen nicht

mehr möglich ist und wünscht es sehr, daß jetzt schon Schritte getan

werden.“ 58

Wie in anderen Teilen der bayerischen Landeskirchen werden nun

auch in Rosenheim Anfang Mai 1935 Erklärungen an alle Gemeindeglieder

versandt mit der Bitte, sich der „Bekennenden Kirche“ anzuschließen.

511 Personen der Kirchengemeinde Rosenheim (einschließlich

Brannenburg, Oberaudorf und Kiefersfelden) zählen laut Listen als Mitglieder

der Bekenntnisgemeinschaft und erhalten mit einem Schreiben

vom 2. Juli bzw. vom 12. September 1935 die rote Mitgliedskarte.

57 Ebd.

58 Ebd.: Handschriftliches Schreiben Daumillers vom 19. 2. 1935.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 115


Einige Gemeindeglieder protestieren jedoch gegen die zugesandte

Erklärung. Dr. Erich Holper erklärt am 17. Mai 1935: „Die mir zugeleitete

Erklärung kann ich leider nicht unterzeichnen, da ich darin eine

Aktion gegen den Reichsbischof sehe, der ich mich nicht anschliessen

kann.“ 59 Am 19. Mai schreibt eine Frau von Hippel an Schmid: „Ihre Behauptung,

daß die deutsche Glaubensbewegung das deutsche Volk von

Christus wegziehen will, baut sich – zu mindest – auf einem großen Irrtum

auf.“ 60 Ein mit Schumann unterschriebener handschriftlicher Brief

betont: „Ich verurteile eine Propaganda für Erlangung von Geldmitteln

zur Bekehrung von Kindern der Negerrassen, solange noch Angehörige

des eigenen Volkes darben. Das alte Testament lehne ich als unsittlich

und gegen das moralische Empfinden unserer germanischen Rasse verstoßend,

ab.“ 61

In den Rosenheimer Akten findet sich auch ein handschriftliches

Dokument ohne Angabe des Verfassers. Es handelt sich dabei nicht

um die Handschrift von Dekan Schmid. Aber der Verfasser kannte die

Gremien der bayerischen Landeskirche und war selbst bei einer Sitzung

mit den Bischöfen Meiser (Bayern) und Theophil Wurm (Württemberg)

anwesend. In diesem handschriftlichen Dokument heißt es:

„Nach meiner Auffassung kann, was jetzt in der Kirche geschieht,

nicht mit Befehl des Führers geschehen, denn es widerspricht allen

Zusagen des Führers, und der Führer bricht sein Wort nicht. Er ist

aber, von gewissenlosen Personen, die den nationalsozialistischen

Grundsatz ‚Gemeinnutz geht vor Eigennutz’ nicht befolgen, mißbraucht

worden, und dieser Missbrauch ist darum möglich, weil

der Führer als Katholik keinen Einblick in die Wesenheiten der

evangelischen Kirche haben kann.“ 62

In einem Gespräch mit den Herren Franz Pfeffer von Salomon und

Hermann von Detten sei der unbekannte Verfasser mit Reichsbischof

Ludwig Müller hart ins Gericht gegangen: „Herr Müller ist eine durch

und durch unmoralische, verlogene Persönlichkeit, die für keinen anständigen

evangelischen Christen tragbar ist.“ Deutlich wird aus diesen

Zeilen, wie sich das Vertrauen in den „Führer“ vereinbaren ließ mit

59 Ebd.: Schreiben des Evang.-Luth. Kreisdekans in München, Daumiller, vom 13. 4.

1935.

60 Ebd.: Schreiben Dr. Erich Holpers vom 17. 5. 1935.

61 Ebd.: Handschriftliches Schreiben vom 19. 5. 1935.

62 Ebd.: Handschriftliches Schreiben vom 13. 5. 1935.

116 Freiheit und Glaube


einer Ablehnung von Reichsbischof Müller und allen Versuchen, die

bayerische Landeskirche zu zerschlagen.

Die Verhaftung Pfarrer Neunhoeffers aus Miesbach

Am 9. März 1935 hatte die politische Polizei Bayerns die Anweisung

erteilt, eine Kanzelabkündigung der evangelischen Kirche der altpreußischen

Union zu verbieten. 63 Diese hatte auf ihrer Synode in Berlin-

Dahlem eine Erklärung gegen das Neuheidentum verabschiedet. 64 Im

Zusammenhang mit diesem Verbot wurden etwa 500 Pfarrer und

Vikare in den östlichen Teilen Preußens kurzfristig verhaftet. 65

Wie er in einem Bericht an Dekan Schmid erklärt, besuchte Pfarrer

Rudolf Neunhoeffer am 19. März 1935 die Konferenz der Pfarrbruderschaft

in München. Hier sei die Nachricht von der Verhaftung der 500

Pfarrer und Vikare mit großer Erschütterung aufgenommen worden.

Unter dem Eindruck dieser Konferenz in München habe Neunhoeffer

daraufhin die verbotene Erklärung in einem Passionsgottesdienst zur

Verleugnung des Petrus verlesen und mit einigen Anmerkungen versehen.

Diese Anmerkungen betonen, dass es sich bei dieser Erklärung

nicht um ein staatsfeindliches Dokument handele. Das Verbot durch

den Staat sei „nur aus einem Missverständnis zu erklären, als ob Staat

und neuheidnische Religion zusammengehörten.“ Dieses Missverständnis

sei jedoch begreiflich aufgrund der unklaren religiösen Verhältnisse

in den norddeutschen Kirchen und „der unklaren christlichen Stellung

des Reichsbischof, auf den der Staat immer wieder hört.“ Neunhoeffer

habe daher erklärt: „Deshalb hat die ganze bekennende Kirche Deutschlands

die unbedingte Pflicht, die verhafteten Brüder nicht im Stich zu

lassen und sich tapfer zu ihnen zu bekennen.“ 66 Am heutigen Tage (20.

März) sei der Gendarmeriekommissar bei Neunhoeffer gewesen und

habe ihm mitgeteilt, die Angelegenheit müsse an die politische Polizei

in München gemeldet werden. Neunhoeffer betont, er habe ein gutes

Gewissen: „Hätte ich es nicht getan, käme ich mir vor, wie Petrus, der

es im entscheidenden Moment für klüger hält, sich nicht zu Christus

zu bekennen.“ Zuletzt verleiht Neunhoeffer der Hoffnung Ausdruck,

63 Ebd.: Handschriftliches Schreiben ohne Datum.

64 Ebd.

65 Baier (wie Anm. 21), 220 und Baier und Henn (wie Anm. 11), 114.

66 Gerhard Besier, Die Kirchen und das Dritte Reich. Spaltungen und Abwehrkämpfe

1934–1937, Berlin, München 2001, 61.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 117


dass aufgrund des Eintretens der ganzen „Bekennenden Kirche“ „der

Staat seinen Fehler einsieht und vor der Kirche wieder mehr Respekt

bekommt, die sich auf ein treues Bekenntnis weder durch zu viel Rücksicht

auf menschliche Schwächen noch durch falsche Staatsverbote

rauben lässt.“ 67 Neunhoeffer wird im April 1935 „wegen staatsabträglicher

Äußerung“ für drei Tage in Schutzhaft genommen. 68 Über die

näheren Umstände dieser Verhaftung, und wie es Neunhoeffer hierbei

erging, ist aus den Akten nichts zu erfahren.

Gründungen von DC-Gruppen

Trotz ihres Scheiterns im Herbst 1934 versuchten die „Deutschen

Christen“ auch weiterhin, Einfluss in der bayerischen Landeskirche

zu gewinnen. Ende Februar 1935 gab es bereits 60 Ortsgruppen, vorwiegend

in Franken. 69 Doch auch in Oberbayern wurde versucht, Ortsgruppen

zu gründen.

Am 2. Juli 1935 berichtet Neunhoeffer erneut an Dekan Schmid.

Konkreter Anlass ist die Gründung einer Ortsgruppe der „Deutschen

Christen“ in Miesbach, bei der Pfarrer Gollwitzer aus Mühldorf gesprochen

hatte. Neunhoeffer berichtet zunächst, dass ihm die Teilnahme

an dieser Veranstaltung von Seiten der „Deutschen Christen“ nicht

gestattet wurde. Daraufhin traf sich der Miesbacher Pfarrer mit vier

Mitgliedern der neu gegründeten Ortsgruppe, um mit ihnen ins Gespräch

zu kommen. Neunhoeffers Anliegen ist es, mit den „Deutschen

Christen“ im Gespräch zu bleiben: „Ich will, so weit es mir möglich

ist, die Brücken zu den D.C. meiner Gemeinde nicht abbrechen, sofern

sie nicht von dorther abgebrochen werden.“ 70 Die Zahl der „Deutschen

Christen“ vor Ort betrage nicht mehr als 20. Dagegen habe die Bekenntnisgemeinschaft

beinahe 300 Mitglieder. Neunhoeffer fordert, „dass

die Kirchenbehörde mit aller Strenge einem Geistlichen, der doch noch

von der Kirchenbehörde als Geistlicher anerkannt ist, zu verbieten,

67 Besier (wie Anm. 66), 62.

68 Pfarrarchiv Rosenheim 2: Brief Pfarrer R. Neunhoeffers an Dekan Schmid vom 20.

3. 1935.

69 Ebd.

70 Helmut Witetschek, Die kirchliche Lage in Bayern und den Regierungspräsidentenberichten

1933–1943, I: Regierungsbezirk Oberbayern. Veröffentlichungen der

Kommission für Zeitgeschichte bei der katholischen Akademie in Bayern, hg. von

Konrad Repgen, Reihe A: Quellen, Bd. 3, Mainz 1966, 67.

118 Freiheit und Glaube


dass er ohne Fühlungnahme mit dem Ortsgeistlichen in dessen Gemeinde

einbricht.“ Nur so könne Schaden von den Diasporagemeinden

abgewendet werden. 71

Zwei Tage zuvor hatte sich Neunhoeffer auch noch einmal an Pfarrer

Gollwitzer in Mühldorf gewandt. Anders als in seinem Schreiben vom

16. Oktober 1934 bezeichnet er ihn nun wieder als „lieber Kollege“.

Ziel seines Schreibens ist es, zwischen Bekenntnisgemeinde und

„Deutschen Christen“ einen Ausgleich und ein gutes Miteinander zu

finden. Auch den „Deutschen Christen“ gesteht Neunhoeffer zu, auf

dem Boden der Bibel und der Bekenntnisschriften zu stehen. Wichtig

sei ihm, „glaubensmässig keine Zerreissung in der Gemeinde entstehen

zu lassen, auch wenn kirchenpolitische Gegensätze da sind.“ 72 Neunhoeffer

versucht, den Kontakt mit den „Deutschen Christen“ so lange wie

möglich zu halten und Bekenntnisgemeinde und „Deutsche Christen“

als zwei gleichberechtigte Glaubensformen auf der Basis von Bibel und

Bekenntnisschriften darzustellen.

Auch in Rosenheim kommt es zu einer Gründung einer DC-Ortsgruppe.

In der Kirchenvorstandssitzung vom 24. Juli 1935 gibt Dekan

Schmid bekannt, dass der mittlerweile aus dem Dienst der bayerischen

Landeskirche entlassene Pfarrer Gollwitzer auch in Rosenheim eine

Ortsgruppe der „Deutschen Christen“ zu gründen beabsichtige. Ebenso

wie Neunhoeffer hat auch Schmid die Erwartung, „dass trotz der nun

bestehenden Gegensätze in der Gemeinde von beiden Seiten über

dem Trennenden das Einigende zumal im Blick auf Katholizismus und

deutsche Glaubensbewegung nicht vergessen werde.“ 73

Wie schon auf der Pfarrkapitelkonferenz vom 21. Dezember 1934

gibt es aufgrund der Diaspora-Situation in Oberbayern die Sorge, durch

eine Spaltung der evangelischen Kirche könne die Position gegenüber

der katholischen Kirche geschwächt werden. Die konfessionelle

Abgrenzung führt also zu dem Versuch, die Spannungen zwischen

Bekenntnisgemeinde und „Deutschen Christen“ zu überbrücken.

71 Baier (wie Anm. 21), 219.

72 Pfarrarchiv Rosenheim 2: Brief Pfarrer R. Neunhoeffers an das Dekanat Rosenheim

vom 2. 7. 1935.

73 Ebd.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 119


Die Auseinandersetzung mit Pfarrer Hans Gollwitzer aus

Mühldorf

Die Kirchengemeinde Mühldorf am Inn spielte in der Auseinandersetzung

mit der nationalsozialistischen Kirchenpolitik eine besondere

Rolle. Seit 1922 war hier Johann (Hans) Gollwitzer als Geistlicher tätig,

zunächst als Vikar des exponierten Vikariats Mühldorf, dann als Stadtpfarrer

der 1931 selbständig gewordenen Kirchengemeinde. In Gollwitzers

Amtszeit in Mühldorf fällt der Bau der Kirche und des Pfarrhauses.

74

Gollwitzer, 1896 in Erding geboren, hatte sich 1914 als Freiwilliger

zum Ersten Weltkrieg gemeldet und anschließend evangelische Theologie

in Erlangen studiert. 1918/19 hatte er sich dem Freicorps unter

Franz Ritter von Epp angeschlossen. 75 Sein Kollegienbuch weist Vorlesungen

und Veranstaltungen auf bei den Professoren für Neues

Testament Philipp Bachmann (1864–1931) und Hermann Strathmann

(1882–1966), bei den Kirchenhistorikern Hermann Arnold Siegfried

Jordan (1878–1922) und Hans Preuß (1864–1931), bei den Systematischen

Theologen Richard Grützmacher (1876–1959) und Friedrich Brunstäd

(1863–1944). Bei dem

jungen Walther Eichrodt

(1890–1978) belegte

er zwar Hebräische

Formenlehre, darüber

hinaus scheint das Alte

Testament jedoch in

seinem Studium keine

herausragende Rolle

gespielt zu haben. 76

74 Pfarrarchiv Rosenheim 2: Abschrift eines Briefes von Pfarrer R. Neunhoeffer an

Pfarrer H. Gollwitzer vom 30. 6. 1935.

75 Pfarrarchiv Rosenheim 52: Kirchenvorstandsprotokolle, Sitzung vom 24. 7. 1935.

76 Joachim Lang, Hans Gollwitzer – Bürgermeister der Stadt Mühldorf in der NS-Zeit

und in der Nachkriegszeit, in: Das Mühlrad. Beiträge zur Geschichte des Inn- und

Isengaues, Bd. XLVIII (2006), 151–170, 155 und 159.

120 Freiheit und Glaube

Pfarrer Gollwitzer mit Konfirmanden

(Bildnachweis:

Manfred Fischer, Mühldorf)


Schon früh wendet sich Gollwitzer dem Nationalsozialismus zu. Er ist

Gründungsmitglied der NSDAP-Ortsgruppe Mühldorf. 77 1932 wird Gollwitzer

in einem Verfahren wegen unerlaubter Versammlung verurteilt,

da er zusammen mit dem nationalsozialistischen Ortsverband einen

unerlaubten Probealarm abgehalten hatte. Der Bericht, den Gollwitzer

daraufhin an das Landeskirchenamt in München schickt, ist eine deutliche

und polemische Abrechnung mit der Regierung Heinrich Brünings,

die für ihn die „Hinterhältigkeit der Jesuitenpolitik“ widerspiegele. 78

Noch im gleichen Jahr gerät Gollwitzer erneut in die Schlagzeilen, als

in der nationalsozialistischen „Altbayerischen Volkswacht“ ein polemisches

Gedicht abgedruckt wird. Hinter dem Pseudonym „Hinterdupfersepp“

wird Hans Gollwitzer vermutet, der dies jedoch gegenüber

dem Landeskirchenamt bestreitet.

Schon früh zählt Gollwitzer zu den „Deutschen Christen“. Seine

nationalsozialistisch gefärbte Theologie zeigt sich wohl auch in seinen

Predigten. So urteilt der Rosenheimer Dekan Schmid in seinem Gutachten

zu einer Predigtarbeit aus dem Jahr 1933, Gollwitzer versuche

zwar, den Predigttext „für die gegenwärtige Gemeinde in anschaulicher,

frisch zupackender, auf das praktische Leben eingehender Weise fruchtbar

zu machen.“ Der Dekan warnt jedoch davor, den Begriff „Volk

Gottes“ auf eine durch „Blut und Geschichte“ bestimmte Gemeinschaft

zu reduzieren. 79

Mit der Machtübernahme Hitlers 1933 weiten die „Deutschen Christen“

ihre Aktivitäten massiv aus. Auch Gollwitzer setzt sich nun offen

für sie ein. Wie aggressiv dies geschah, belegt Gollwitzers Beitrag in der

Aussprache zu dem Bericht des Dekans Schmid, den dieser auf einer

Kirchvorsteherversammlung am 24. Juni 1934 in Traunstein vorgetragen

hatte. Hierbei kommt es zum Eklat, da Gollwitzer ganz unverhohlen

sich für den nationalsozialistischen Staat und seine Kirchenpolitik stark

macht. In dem Bericht des Dekanats Rosenheim an den Landeskirchenrat

vom 18. Juli 1934 heißt es, Gollwitzer habe „wie ein fanatischer

Agitator in einer politischen Versammlung“ gesprochen. Allerdings

habe er „in seinem hemmungslosen Fanatismus“ auf die Anwesenden

eher abstoßend gewirkt. 80

77 Lang (wie Anm. 76), 154 und LAELKB PA theol. 1969.

78 LAELKB, PA theol. 1969.

79 Lang (wie Anm. 76), 155.

80 LAELKB, PA theol. 1969.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 121


Als im Oktober 1934 der Versuch unternommen wird, auch die bayerische

Landeskirche „gleichzuschalten“ und in die Reichskirche einzugliedern,

wird Gollwitzer im Zusammenhang mit der Absetzung von

Landesbischof Meiser zum sog. „geistlichen Kommissar“ für Altbayern

ernannt. 81 Die bayerische Landeskirche sollte auf diese Weise in das

Kirchengebiet Franken und Altbayern mit zwei „geistlichen Kommissaren“

an der Spitze aufgeteilt werden. 82

Am 13. Oktober 1934 gaben die beiden „geistlichen Kommissare“

einen Erlass zur Aufrechterhaltung des kirchlichen Friedens heraus, der

ihre Macht durchsetzen sollte. 83 Diesem Erlass war jedoch nur wenig

Erfolg beschieden. 84

Auf diesen Erlass antwortet Pfarrer Neunhoeffer aus Miesbach

Gollwitzer in einem Brief vom 16. Oktober 1934. In dem mit „Lieber

Herr Gollwitzer“ überschriebenen Brief verweigert er den Vollzug des

Erlasses und erklärt Gollwitzer für „mitschuldig (…) an der Unordnung

und dem Unfrieden, der jetzt entsteht“. Zur Aufrechterhaltung

des kirchlichen Friedens wäre es gerade nötig gewesen, „dass man den

rechtmässig berufenen Landesbischof und Landeskirchenrat in seinem

Amt gelassen hätte“. Neunhoeffer, der dem Nationalsozialismus anfangs

durchaus nahestand, bedauert, „dass ich gerade Ihnen dies mitteilen

muss“. Denn er habe gehofft, Gollwitzer werde sich aufgrund seiner

Beziehungen zur Reichskirchenregierung für das Handeln von Bischof

Meiser einsetzen. Schließlich gratuliert Neunhoeffer Gollwitzer zu

seiner Ernennung zum Ehrenbürger Mühldorfs und attestiert ihm: „Ich

weiss, dass Sie es durch und durch ehrlich meinen auch mit allem was

Sie jetzt tun und ich wünsche Ihnen dass Sie in Ihrem ganzen Leben in

Mühldorf in Ehren als Ehrenbürger bestehen, auch wenn Sie hoffentlich

recht bald gründlichst bereuen, sich zum Diener einer wahrhaftig nicht

mehr evang.-lutherisch handelnden Reichskirchenregierung hergegeben

zu haben.“ Der Brief wird von Neunhoeffer unterzeichnet „nicht mehr

mit amtsbrüderlichem, aber trotzdem in deutschbrüderlichem Gruss“. 85

81 Ebd.: „und wenn die Kirche, um mit den Worten des Apostels zu reden, Volk Gottes

ist, so darf dieser Begriff doch nicht in dem Sinn verengt werden, als ob irgend

ein Volk der Erde als solches in seinem durch Blut und Geschichte gestalteten

Bestand dazu bestimmt wäre, Volk Gottes zu werden.“

82 LAELKB, BayD Rosenheim 13: Bericht an den Evang. Luth. Landeskirchenrat vom

18. 7. 1934.

83 Ebd., 139f.

84 Ebd., 140.

85 LAELKB, BayD Rosenheim 1: Schreiben Neunhoeffers an Gollwitzer vom 16. 10.

1934.

122 Freiheit und Glaube


Neunhoeffers Brief ist in der Sache eindeutig und grenzt sich von den

Maßnahmen der „Deutschen Christen“ ab. Dennoch glaubt Neunhoeffer

an die ehrlichen Motive Gollwitzers, den er jedoch nicht mehr als

Amtsbruder ansehen kann. Die „deutschbrüderliche“ Verbundenheit

bleibt aber bestehen. Neunhoeffer teilt – wie noch zu zeigen sein wird

– durchaus die politischen Ansichten Gollwitzers, aber die kirchenpolitischen

Auswirkungen kann er nicht billigen. Sein Ziel ist, den

„Deutschen Christen“ und auch Gollwitzer Brücken zu bauen und einen

Ausgleich zu suchen.

Nachdem die Eingliederung der bayerischen Landeskirche in die

Reichskirche gescheitert war und Meiser wieder als Landesbischof eingesetzt

wurde, blieb Gollwitzer zunächst Pfarrer in Mühldorf. Er bricht

jedoch den Kontakt zum Dekanat Rosenheim ab. Am 8. Dezember 1934

trifft die letzte Kollekte aus Mühldorf in Rosenheim ein. 86 Gegenüber

dem Dekan erklärt Gollwitzer telefonisch, „dass er Weisungen nur vom

Herrn Reichsbischof entgegennehme, da die Landeskirche sich einem

illegalen Kirchenregiment unterstellt habe.“ 87

Die Pfarrkonferenz des Dekanats Rosenheim wendet sich daraufhin

an die Kirchengemeinde Mühldorf mit einer Mitteilung, in der das

Pfarrkapitel einstimmig erklärt, es halte diese Weigerung Gollwitzers

für „durchaus verkehrt“ und die Kirchengemeinde Mühldorf vor „nachteiligen

Folgen“ warnt. 88 Ein Treffen mit dem Rosenheimer Dekan

verweigert Gollwitzer, und zu einer Verhandlung in Rosenheim am 22.

März 1935 erscheint er nicht. 89

Wie sehr sich Gollwitzer zu diesem Zeitpunkt bereits von der bayerischen

Landeskirche entfernt hat, zeigen zwei durch Zeugenaussagen

belegte Zitate aus Reden Gollwitzers. Am 30. Januar 1935 habe er laut

Zeugenaussagen in München erklärt: „Hinter dem Weltprotestantismus,

dem Lutherischen Weltkonvent, steht das internationale Judentum.“

Und für den 17. Februar 1935 wird folgende Aussage bezeugt: „O diese

Pfarrer, Pharisäer und Schriftgelehrten mit ihrem Dünkel! Wir brauchen

keine Pfarrer als Seelsorger mehr. Jeder Blockleiter der NSDAP

soll Seelsorger werden.“ 90

In einem Verfahren des Dienststrafgerichtshofs vom 28. Juni 1935

wird Gollwitzer in Abwesenheit aus dem Dienst der bayerischen

86 LAELKB, PA theol. 1969: Erklärung des Dekans Franz Schmid vom 22. 3. 1935.

87 Ebd.: Schreiben des Dekans an den Kreisdekan vom 21. 1. 1935.

88 LAELKB, KrD München 202: Schreiben vom 5. 2. 1935.

89 LAELKB, PA theol. 1969: Erklärung des Dekans Franz Schmid vom 22. 3. 1935.

90 Ebd.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 123


Landeskirche entlassen, „weil er durch sein Verhalten den ihm übergeordneten

verfassungsmässigen kirchlichen Organen den Gehorsam

verweigert und die ihm als Geistlichem obliegenden Pflichten ausseracht

gelassen habe.“ 91 Gollwitzer selbst hatte in diesem Verfahren nichts

mehr zu seiner Verteidigung vorgebracht. Seine Entscheidung, mit

der Landeskirche zu brechen, war zu diesem Zeitpunkt offensichtlich

bereits längst gefallen.

In der Sitzung vom 11. Juli 1935 berichtet Gollwitzer dem Kirchenvorstand

der Kirchengemeinde Mühldorf von seiner Dienstentlassung.

Dieser „versichert ihn seines einmütigen Vertrauens“ und beschließt

den Versand von Protesttelegrammen u.a. an Reichsbischof Müller,

Reichsinnenminister Wilhelm Frick, Ministerpräsident Ludwig Siebert

und Gauleiter Wagner. Hierin heißt es, der Kirchenvorstand stehe „einmütig

hinter ihrem Pfarrer Pg. (= Parteigenosse, B.L.) Gollwitzer und

erhebt schwersten Einspruch gegen die Dienstentlassung ihres Pfarrers

Pg. Gollwitzer.“ 92

Die Situation in der Kirchengemeinde Mühldorf wurde nach der

Dienstentlassung Gollwitzers allerdings nicht leichter. Denn Gollwitzer

dachte nicht daran, die Pfarrstelle aufzugeben und das Pfarrhaus für

einen landeskirchlichen Nachfolger zu räumen. 93 Er weigerte sich, die

pfarramtlichen Akten sowie den Schlüssel zur Kirche herauszugeben. 94

Die bayerische Landeskirche entsendet nun Vikar Georg Lanzenstiel

als Pfarrverweser für die Kirchengemeinde Mühldorf. An einen

Dienstantritt in Mühldorf selbst ist aufgrund der Verhältnisse gar nicht

zu denken. So lässt sich Lanzenstiel zunächst in Wasserburg nieder,

das zur Kirchengemeinde Mühldorf gehörte. Doch auch hier eskaliert

die Situation derart, dass Lanzenstiel sich gezwungen sieht, Wasserburg

wieder zu verlassen. Es wird ihm gemeldet, „50 bis 60 SA-Leute

wollten von Mühldorf kommen, um mich in der Krone (Wasserburg)

auszuheben.“ Von amtlicher Seite erklärt man ihm, die örtliche Polizei

werde nicht gegen die SA vorgehen. Lanzenstiel könne nur in Schutzhaft

genommen und mit dem Auto über die Bezirksgrenze gebracht

werden. Mutig weigert sich Lanzenstiel, Wasserburg zu verlassen

und betont, er sei hier rechtmäßiger Pfarrverweser. Ein Anruf bei der

politischen Polizei in München bestätigt jedoch die amtliche Erklärung.

91 Ebd.: Urteil des Dienststrafgerichtshofs vom 28. 6. 1935.

92 LAELKB, Archiv des Evang.-Luth. Pfarramtes Mühldorf/Inn 16: Kirchenvorstandsprotokolle,

Sitzung vom 11. 7. 1935.

93 Baier (wie Anm. 21), 211.

94 LAELKB, PA theol. 1969: Schreiben an Gollwitzer vom 13. 7. 1935.

124 Freiheit und Glaube


Von einem Zivilpolizisten zu seiner eigenen Sicherheit begleitet, muss

Lanzenstiel Wasserburg mit dem Zug verlassen. 95

Auch Mühldorfs Bürgermeister Mulfinger kann und will für die

Sicherheit des Vikars nicht garantieren. 96 Die ratlose Landeskirche

wendet sich daraufhin an die Regierung von Oberbayern und bittet sie,

dafür Sorge zu tragen, dass Lanzenstiel seinen rechtmäßigen Dienst antreten

könne. 97

Auch dem Pfarrverweser Vikar Hermann Gutmann ergeht es 1937

nicht viel besser. Zum 1. März hatte Gollwitzer seine Stelle als Pfarrer

aufgegeben, um Bürgermeister der Stadt Mühldorf zu werden. Sein

Nachfolger wird der DC-Pfarrer Ludwig Wolf, der am 21. März 1937

in sein Amt eingeführt wird. Die Landeskirche will diesen illegitimen

Schritt jedoch nicht akzeptieren und den Gottesdienst nutzen, um

ihre Rechte auf die Kirchengemeinde Mühldorf geltend zu machen.

Oberkirchenrat Julius Sammetreuther und Vikar Gutmann sind in

diesem Gottesdienst anwesend und wollen im Anschluss zur Gemeinde

sprechen. Dies misslingt jedoch und führt zu einem Eklat in der Kirche.

Sammetreuther und Gutmann müssen die Mühldorfer Kirche verlassen.

Der Kirchenvorstand erhebt Protest gegen die „skandalösen Vorgänge

in der Kirche“ und bezeichnet sie als „Störung des Gottesdienstes“ und

„Entweihung des Gotteshauses“. In einem Telegramm an Gauleiter

Wagner heißt es: „Kirchenvorstand und Gemeinde Mühldorf erhebt

schärfsten Protest gegen Störung des Gottesdienstes durch Oberkirchenrat

Sammetreuther und bittet um Schutz des Staates.“ 98

Gollwitzer selbst war über all diese Ereignisse bestens informiert. In

einem persönlichen Brief an den mit ihm befreundeten Kreisleiter Fritz

Schwägerl vom 25. März 1937 berichtet der neu ernannte Mühldorfer

Bürgermeister in hämischer Weise über den Gottesdienst am 21. März

und bezeichnet Sammetreuther als „Meiserling“. Er habe sofort Wolf

mit den nötigen Anschriften versorgt für die Protesttelegramme. Um

ähnliche Vorkommnisse in Wasserburg und Neumarkt zu vermeiden,

„habe ich der Gendarmerie und dem Bez.-Amt die entsprechenden

Weisungen gegeben.“

95 Ebd.: Bericht des Pfarrverwesers Georg Lanzenstiel an den Landeskirchenrat vom

19. 7. 1935.

96 Ebd.: Bestätigung des Bürgermeisters von Mühldorf vom 11. 8. 1935.

97 Ebd.: Schreiben der Landeskirche an die Regierung von Oberbayern vom 12. 8.

1935.

98 LAELKB, Archiv des Evang.-Luth. Pfarramtes Mühldorf/Inn 16: Kirchenvorstandsprotokolle,

Sitzung vom 22. 3. 1937.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 125


Der neue Bürgermeister Gollwitzer erklärt

in diesem Brief auch, wie er in Zukunft mit

„Gerüchtemachern“ umzugehen gedenke:

Bei einer öffentlichen Veranstaltung war

es zu einem Konflikt zwischen Partei und

den Schulschwestern von Gars gekommen.

Gerüchte kursierten, die Schwestern seien

eingesperrt worden und würden durch

SA und SS bewacht. Gollwitzer schreibt:

Diesen Gerüchtemacher erwischten wir

auf frischer Tat: es war der Versicherungsvertreter

Ehe, eine, wie sich bei nachträglichen

Erhebungen herausstellte, ganz

gefährliche Marke. Den liess ich durch das

Bezirksamt kurzerhand in Schutzhaft nehmen.

Der bleibt hinten, bis Du kommst;

den überreichen wir Dir als Willkomm,

wenn er nicht schon vorher nach Dachau

wandert.“ 99

Vikar Gutmann beschreibt die Situation in

Mühldorf schonungslos: „Der mich am stärksten bestimmende Eindruck

ist der, als habe man es zu 90% überhaupt nicht mit Christen zu

tun. (…) Mühldorf ist ein Schulungsposten Gottes für unsere Kirche

und ein Musterbeispiel für die kommenden kirchlichen Verhältnisse

und Aufgaben im allgemeinen. (…) Ich tue natürlich das meine um

geordnete Verhältnisse wieder in die Wege zu leiten und vor allem

aufzuklären. Aber ich setze darauf gar keine Hoffnung und gar kein

Vertrauen. Was nicht ganz persönlich trifft und einschlägt, das hilft verdammt

wenig, sobald der politische Druck ein wenig gefährlich wird.

So bin ich also hier im besonderen wie manche andere anderwärts ein

Missionar.“ 100

Hans Gollwitzer als

Mühldorfer Bürgermeister

(Bildnachweis: Fritz Gollwitzer, Haar)

Auf die ermutigenden Worte des Kreisdekans Daumiller antwortet

Gutmann am 27. April 1937, die Situation sei hoffnungslos. Es gebe

keine Möglichkeiten für Gottesdienste in Wasserburg und Mühldorf. In

einem weiteren Bericht teilt Gutmann mit, er sei des örtlichen Krankenhauses

verwiesen worden, als er versucht habe, dort Seelsorge zu

99 LAELKB, PA theol. 1969: Schreiben Gollwitzers an Fritz Schwägerl vom 25. 3. 1937.

100 LAELKB, Archiv des Evang.-Luth. Pfarramtes Mühldorf/Inn 8: Bericht des Pfarrverwesers

Gutmann vom 4. 4. 1937 an den Kreisdekan.

126 Freiheit und Glaube


etreiben. Resigniert schreibt Gutmann an den Kreisdekan am 27. September

1937: „Die Zeit der Bewegung ist vorbei, wo man noch darauf

rechnen konnte, dass da und dort der einzelne sich unter dem Gewicht

der Aufklärung auf die rechte Seite herüberneige. Der Bürgerchrist will

‚Kirche’, Institution, Ungestörtsein und Sicherheit in seiner so gänzlich

passiven Gläubigkeit; darum lässt er sich nach der Seite fallen, wo nicht

Unruhe und Risiko gewagt werden.“

Erst 1940 gelingt es nach dem Weggang von Ludwig Wolf, mit

Pfarrer Hermann Bürckstümmer einen Pfarrer der bayerischen Landeskirche

in Mühldorf einzusetzen. Inzwischen war Gollwitzer mit seiner

Familie aus der Kirche ausgetreten. 101 Bürck-stümmer berichtet über

seinen Antrittsbesuch bei Bürgermeister Gollwitzer am 10. September

1940. In diesem Gespräch erklärt der Bürgermeister: Da die Kirche für

Martin Niemöller bete, zeige sich, dass sie sich „mit ihrem Gebet in

eine offene Opposition zum Staat“ stelle. 102

Die Beflaggung anlässlich der Ermordung von

Wilhelm Gustloff

Durch den Erlass des Reichsinnenministers Frick vom 4. Oktober 1935

wurde die Beflaggung öffentlicher Dienstgebäude auch auf Kirchengebäude

angewendet. 103 Kreisleiter Josef Heliel hatte daraufhin Kontrollen

angeordnet, ob die Kirchengemeinden Fahnen in der richtigen

Größe beschafft hätten. Denn es sei damit zu rechnen, „dass dieser

Erlass durch die Pfarrer beiderlei Konfessionen wenn irgend möglich

sabotiert und eintretendenfalls sich darauf hinausgeredet wird, dass

keine Möglichkeit bestand, in der Zwischenzeit Hakenkreuzfahnen zu

beschaffen.“ 104 Dekan Schmid bestätigte den Erlass mit seiner Unterschrift.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Kirchengemeinde Rosenheim

allerdings bereits eine Hakenkreuzfahne. Sie war 1933 für 12 RM angeschafft

worden. 105 Im Jahr 1935 wird dann noch eine weitere Hakenkreuzfahne

angeschafft. 106 Vor dem 31. März 1935 war auch ein „Photo-

101 Ebd.: Bericht des Pfarrverwesers Gutmann vom 27. 9. 1937 an den Kreisdekan.

102 Lang (wie Anm. 76), 159.

103 LAELKB, Archiv des Evang.-Luth. Pfarramtes Mühldorf/Inn 8: Bericht über ein

Gespräch mit Gollwitzer am 10. 9. 1940.

104 StadtARo, Akten Ia I.99.

105 Ebd.

106 Pfarrarchiv Rosenheim 134: Inventarverzeichnis, Nr. 195.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 127


ild des Führers“ erworben worden 107 , das 1951/52 wieder aus dem

Inventarverzeichnis gestrichen wurde.

Nach der Ermordung Wilhelm Gustloffs, des Leiters der NSDAP-

Auslandsorga-nisation in der Schweiz, wurde für den Tag seiner Beisetzung

am 12. Februar 1936 die allgemeine Beflaggung angeordnet. Bis

7 Uhr morgens hatte diese zu erfolgen. Bei einer Kontrolle stellte sich

jedoch heraus, dass weder die katholische Stadtkirche St. Nikolaus

noch die evangelische Kirche mit Hakenkreuzfahnen beflaggt waren.

Dekan Schmid gab bei der Befragung an, er habe von der Anordnung

noch nichts erfahren, da er nicht das Rosenheimer Tagblatt, sondern

den Rosenheimer Anzeiger beziehe. Auf den Hinweis, dass er doch

den „Völkischen Beobachter“ beziehe, erwiderte Schmid, er habe

diesen noch nicht gelesen bzw. er sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht

zugestellt gewesen. Um 10 Uhr war dann auch die evangelische Kirche

mit der Hakenkreuzfahne beflaggt. 108

Ob diese Nichtbefolgung der Beflaggungsverordnung durch die

evangelische Kirche wirklich belegt, „daß von Seiten der Kirchen die

Anordnungen der Partei unterlaufen wurden, wo immer es ging“ 109 ,

muss m.E. mit Blick auf die evangelische Kirche fraglich bleiben.

Das Vorhandensein einer Hakenkreuzfahne bereits 1933 lässt darauf

schließen, dass die Beflaggung mit der Hakenkreuzfahne für die evangelische

Kirche kein grundsätzliches Problem darstellte, sondern im

konkreten Fall der Beisetzung Wilhelm Gustloffs übersehen wurde. In

seiner späteren Auflistung, mit der Schmid nach dem Krieg versuchte,

seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus darzustellen, fehlt dieses

Ereignis. 110

Die 50-Jahr-Feier der evangelischen Kirche Rosenheim

und die konfessionelle Abgrenzung gegenüber der

katholischen Kirche

Im Jahr 1936 jährte sich das fünfzigjährige Jubiläum der Einweihung

der Rosenheimer evangelischen Kirche. 111 Der Festgottesdienst fand am

13. September statt. Die Predigt hielt Landesbischof Hans Meiser. Aus

107 Ebd., Nr. 203.

108 Ebd., Nr. 200.

109 StadtARo, Akten Ia I.99.

110 Miesbeck (wie Anm. 13), 280.

111 LAELKB, PA theol. 631: Schreiben an Oberkirchenrat Daumiller vom 21. 2. 1947.

128 Freiheit und Glaube


Anlass des Jubiläums wurde im Eingangsbereich der evangelischen

Kirche eine Gedenktafel angebracht. Sie trägt bis heute die Inschrift:

„Zum Andenken an den Priester Wolfgang Murpekh der im Jahre 1556

in der hiesigen St. Nikolauskirche das Evangelium n. Luthers Lehre

verkündigt hat. Er wurde des Landes verwiesen u. starb 1582 als evang.

Pfarrer in Hermaringen i. Wttbg.“

Oberlehrer Karl Weber, seit vielen Jahren und Jahrzehnten für die

Kirchengemeinde engagiert, hielt im Rahmen des Festes einen historischen

Vortrag mit dem Titel: „Evangelisches Leben in Rosenheim

in alter und neuer Zeit“. 112 Ganz im Stil der Zeit beginnt Weber mit

einer Analyse der gegenwärtigen Zeit und ihres „kairos“: „Wir leben in

einer schnellatmigen Zeit. Lange Jahrzehnte war unserem Geschlecht

der Sinn für das geschichtlich Gewordene, die Berührung mit der Vergangenheit

abhanden gekommen. Erst die neueste Zeit hat hier eine

Umkehr gebracht und uns gelehrt uns in die stolze Vergangenheit

unseres deutschen Volkes zu versenken und aus diesem Studium neue

Kraft zu schöpfen, damit jeder an seinem Teile mitarbeiten kann, die

hohen Ziele zu verwirklichen, die der Führer dem deutschen Volke

gestellt hat.“ 113 Die Besinnung auf die eigene Geschichte wird hier in

direktem Zusammenhang gestellt mit dem weit verbreiteten Bestreben,

„dem Führer entgegenzuarbeiten“ (Ian Kershaw) und seine Ziele zu verwirklichen.

Auf die Auseinandersetzungen mit der nationalsozialistischen

Kirchenpolitik geht Weber verständlicherweise nicht ein. Sein Vortrag

ist der ausgesprochen konfessionalistische Versuch, evangelisch-lutherisches

Christentum bereits in der Reformationszeit in Rosenheim nachzuweisen,

welches an der erbarmungslosen Haltung der bayerischen

Fürsten und der Gegenreformation gescheitert sei. 114 In diesem Zusammenhang

ist auch die Anbringung der Gedenktafel in der Rosenheimer

evangelischen Kirche zu sehen. Weber stellt die Überlegung an, was

wohl geschehen wäre, wenn der evangelisch-lutherische Glaube sich in

ganz Deutschland durchgesetzt hätte: „Welche Aussicht für den Protestantismus!

Deutschland wäre für alle Zeiten konfessionell geeinigt

gewesen, und dadurch im Innern und nach aussen erstarkt. Ein solches

Deutschland hätte ganz anders in den Gang der Weltgeschichte eingrei-

112 Erst seit 1961 trägt die evangelische Kirche an der Rosenheimer Königstraße den

Namen Erlöserkirche.

113 Pfarrarchiv Rosenheim 89: Vortrag von Oberlehrer Karl Weber.

114 Ebd., 1.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 129


fen können. Der Lauf derselben wäre ein anderer geworden. Dass dies

nicht geschehen ist, müssen wir zuletzt auch als eine Fügung Gottes anerkennen,

der die Geschichte zu Zielen lenkt, die uns verborgen sind.“ 115

Die damals in weiten Teilen evangelischer Theologie verbreitete

Ansicht, dass Nation und Protestantismus eng zusammengehören, wird

aus diesen Worten Webers deutlich. Die Verpflichtung gegenüber dem

Staat und besonders auch dem „Führer“ bildet dann ja auch gleich den

Auftakt zu Webers Vortrag und zeigt noch einmal, wie sehr die evangelischen

Kirche meinte unterscheiden zu können zwischen Loyalität

und Gehorsam gegenüber Staat und Obrigkeit einerseits und Widerstand

gegen die Übergriffe der Reichskirchenregierung andererseits.

Deutlich wird aus Webers Worten aber auch, dass die Zeit des

Nationalsozialismus kein Zusammenrücken der beiden Kirchen zur

Folge hatte. Im Gegenteil: Webers Vortrag und auch der Text der 1936

angebrachten Gedenktafel belegen eine deutliche konfessionelle Abgrenzung

gegenüber der römisch-katholischen Kirche. Dies ist aufgrund

der Diaspora-Situation der evangelischen Kirche in Oberbayern

natürlich auch in gewisser Weise verständlich. Andererseits bewirkte

aber gerade die deutliche konfessionelle Abgrenzung auch eine nur

vorsichtige Distanz zu den „Deutschen Christen“. Die Gründung von

Bekenntnisgemeinschaften war – bei grundsätzlicher Zustimmung des

Pfarrkapitels – ja zunächst zurückgestellt worden, „um nicht eine vorzeitige

Spaltung in den kleinen Diasporagemeinden hervorzurufen.” 116

Und auch bei der Gründung einer DC-Ortsgruppe hatte Dekan Schmid

angeregt, eher das Gemeinsame als das Trennende zu den “Deutschen

Christen” herauszustellen – gerade eben mit Blick auf die katholische

Kirche.

Deutliche Worte hatte Dekan Schmid auch bei der Kirchenvorsteherversammlung

im Sommer 1934 in Traunstein gefunden. Hier hatte

Schmid die gegenwärtige Lage der D.E.K. als „zwischen Rom, dem

alten ewig unversöhnlichen Gegner einerseits und der D. (=Deutschen,

B.L.) Glaubensbewegung andererseits, die zielbewusst darauf ausgeht,

das deutsche Volk völlig vom Christentum loszulösen“ 117 beschrieben.

Ein Zusammengehen mit der katholischen Kirche in dieser schwierigen

Zeit war so unmöglich.

115 Ebd., 7f.: „Allein der Fürst kennt kein Erbarmen. Mit dem Jahre 1571 war im

wesentlichen der Sieg der Gegenreformation entschieden. Tausende der besten

Bürger Bayerns waren ins Elend geschickt.“

116 Ebd., 8.

117 Pfarrarchiv Rosenheim 2: Schreiben an den Landeskirchenrat vom 9. 1. 1935.

130 Freiheit und Glaube


Der Eid auf den „Führer“ 1938

und Pfarrer Neunhoeffers Verweigerung

Schon 1934, nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg,

war die Forderung aufgekommen, auch Pfarrer auf Adolf Hitler, das

nun alleinige Staatsoberhaupt, zu vereidigen. Zu diesem Zeitpunkt

wurde die Eidesleistung jedoch durch die bayerische Landeskirche

abgelehnt. Die Bedenken der „Bekennenden Kirche“ führten dazu, dass

die Reichskirchenregierung die Forderung nach dem Eid auf den „Führer“

damals wieder fallen ließ. 1938 jedoch beschlossen die DC-Geistlichen,

sich von Thüringer „Deutschen Christen“ auf Hitler vereidigen

zu lassen. 118 Daher erließ die bayerische Landeskirche am 18. Mai 1938

ein Gesetz zur Vereidigung der Pfarrer auf Adolf Hitler. Der Eid wurde

an das Ordinationsgelübde gebunden. Die bereits im Amt befindlichen

Pfarrer des Dekanats Rosenheim wurden am 6. Juli 1938 durch Dekan

Schmid vereidigt. Aus diesem Anlass ist eine handschriftliche theologische

Stellungnahme – der Handschrift nach zu schließen durch Dekan

Schmid – erstellt worden.

Zunächst gesteht Schmid dem Staat das Recht zu, von seinen Bürgern

einen Eid zu fordern. Da Christen der Obrigkeit zu gehorchen

haben, hätten sie auch der Eidesforderung des Staates Folge zu leisten. 119

Schmid betont, dass der Treueid „keine Bindung hinsichtlich der

Verkündigung des Evangeliums“ bedeute. Diese sei allein im Ordinationsgelübde

enthalten. Der Dekan schließt sich hier der allgemeinen

Argumentation der Kirche an, die die Eidesleistung an das Ordinationsgelübde

band, um auf diese Weise die Gewissen der Pfarrerschaft zu

entlasten. So räumt auch Schmid ein: „Der Christ kann ein Gelübde

oder Versprechen – auch ein eidliches – nur in dem Sinn ablegen, dass

er sich zu nichts verpflichtet, was dem geoffenbarten Willen Gottes

widerspricht.“ 120 Der Lauf der Geschichte, an dem die Kirche aufgrund

ihrer sichtbaren Gestalt und ihrer Verbindung mit den „Formen

menschlichen Gemeinschaftslebens“ teilhaben muss, habe aber dazu

geführt, „daß sie zur Zeit und im Bereich des deutschen Staats als eine

Körperschaft des öffentlichen Rechts in Erscheinung tritt, die als solche

in einem durch Staatsgesetze geregelten Verhältnis zum Staate steht.“ 121

118 LAELKB, BayD Rosenheim 13: Bericht über die Entwicklung der kirchlichen Verhältnisse,

19.

119 Baier (wie Anm. 21), 332f.

120 LAELKB, BayD Rosenheim 1: Der Treueid der Pfarrer, 1.

121 Ebd.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 131


Die Kirche habe „weder das Recht noch die Macht, von sich aus die

Doppelseitigkeit ihres geschichtlichen Daseins nach der einen oder

anderen Seite hin in eine Einheit aufzulösen.“ 122

Schmid erörtert sodann die Frage, ob die Kirche aufgrund von Mt

5,33–37 überhaupt Gebrauch machen dürfe von der Ermächtigung

durch den Staat, ihren Pfarrern den Treueid abzuverlangen. Wäre diese

Textstelle „ein unter allen Umständen buchstäblich bedeutendes Verbot“,

dann wären alle Eide ein Verstoß gegen das göttliche Gebot. 123

Dies sei jedoch nicht der Fall. Mit Bezug auf Adolf von Schlatters

Ethik kommt Schmid zu dem Schluss: Das Eidesverbot – ebenso wie

alle Anweisungen in der Bergpredigt – gelten dem „selbstsüchtigen

Treiben des Menschen“. Die Nachfolger Jesu sollen dadurch aber nicht

„in äußerlicher Gesetzlichkeit“ gezwungen werden, die „notwendigen

Ordnungen“, die ein Gemeinwesen vor dem „Zerfall in das Chaos“

bewahren, zu ignorieren. Die Forderungen der Bergpredigt richten sich

demnach an diejenigen, die Jesus wirklich nachfolgen. Sie sind also

eine Art höhere Ethik für die Nachfolger Jesu. Daneben gibt es aber

die „notwenigen Ordnungen“, die die selbstsüchtige Welt vor dem

Sturz in Chaos und Anarchie bewahren sollen. Die Nachfolger Jesu

werden nicht davon entbunden, diesen Ordnungen Folge zu leisten. Zu

diesen Ordnungen gehört nun aber auch aufgrund „der menschlichen

Unwahrhaftigkeit und Unbeständigkeit“ die Forderung des Eides durch

den Staat. 124 Die Scheu der Kirche vor dem Eid ist durchaus begründet,

gerade weil er eine „Folgeerscheinung (…) der menschlichen Sünde“

ist. Dies dürfe aber nicht dazu führen – so Schmid –, dass die Kirche

die nun „sich ergebende Forderung der Stunde unbeachtet lässt oder

ablehnt.“ Denn die Kirche müsse „in diesem Äon ihr Leben führen und

sich behaupten und beweisen.“ 125 Weigerte sie sich jetzt, den Treueid

zu leisten, so würde ihr dies „unter den gegenwärtigen Verhältnissen

als Ablehnung des Treueids an sich, vf. als staatsfeindlicher Akt, ausgelegt.“

126 Dass die Pfarrer den Treueid „in die Hand ihrer kirchlichen

Führer ablegen“ bedeutet „eine Gewissenserleichterung und einen

Schutz für die Pfarrer“. 127

122 Ebd., 2.

123 Ebd., 4.

124 Ebd., 5.

125 Ebd.

126 Ebd., 6.

127 Ebd.

132 Freiheit und Glaube


Es ist bemerkenswert, wie sehr Schmid sich hier um eine theologische

Rechtfertigung des Treueids der Pfarrer auf Adolf Hitler bemüht. Im

Zentrum steht dabei die Frage nach der Bedeutung von Mt 5,33–37 und

ob diese Anordnung Jesu buchstäblich zu befolgen sei oder nicht. Die

Frage des Eides auf Hitler wird dabei nicht so sehr als Problem empfunden.

Nicht in Frage gestellt wird auch die Vorstellung, dass die Pfarrer

als Träger eines öffentlichen Amtes einen Eid auf das Staatsoberhaupt

leisten sollen und vom Staat auch dazu verpflichtet werden können.

Warum Schmid sich so ausführlich mit der Frage des Treueids

befasst hat, wird deutlich am Verhalten des Miesbacher Pfarrers Rudolf

Neunhoeffer. Neunhoeffer wird im Jahr 1937 von Dekan Schmid als

tatkräftiger und unerschrockener Pfarrer charakterisiert, wenn es

um die Frage des Bekenntnisses und die Wahrung kirchlicher Rechte

gehe. Manchmal sei er jedoch etwas „unbesonnen“. 128 Mehrfach hatte

Neunhoeffer Position bezogen gegen den Mühldorfer Pfarrer Gollwitzer.

Die Kanzelabkündigung der evangelischen Kirche der altpreußischen

Union hatte er 1935 trotz eines Verbots verlesen und war daraufhin

in Konflikt mit dem Staat geraten und für einige Tage in Schutzhaft

genommen worden. Neunhoeffer war aber auch an einem Ausgleich

mit den „Deutschen Christen“ gelegen. Das Gespräch mit ihnen wollte

er nicht abreißen lassen und gestand ihnen auch zu, ebenso wie die

„Bekennende Kirche“ auf dem Boden von Bibel und Bekenntnisschriften

zu stehen.

1937 gerät Neunhoeffer erneut mit dem Staat in Konflikt. Die Staatsanwaltschaft

erhebt am 3. April 1937 Anklage gegen ihn, da er ein Flugblatt

des „Rüstdienstes“ ohne die notwendigen Angaben vervielfältigt

hatte. Außerdem habe er in einer Predigt gesagt: „Die Bekennende

Kirche muß den nat. soz. Staat überstechen.“ Zur Rede gestellt habe er

erwidert, diesen Vergleich aus dem Kartenspiel bezogen zu haben. 129

Am 3. Juli 1938 teilt Neunhoeffer dem Dekan mit, er könne den

Treueid nicht leisten, und zwar „aus inneren Gewissensgründen, durch

die ich mich an das Wort Jesu: ‚dass ihr überhaupt nicht schwören sollt’

gebunden fühle“. Darüber hinaus verlange die Kirche von ihm einen

Eid, „ohne dass dazu ein klarer unmissverständlicher Befehl des Staates

128 LAELKB, PA theol. 3525: „Tatkräftig, selbständig im Denken und Handeln, besitzt

Initiative, tapfer im Bekenntnis und in der Verfechtung kirchlicher Rechte, dabei

manchmal etwas unbesonnen, mit ganzem Herzen bei seinem Amt, eifrig und

fähig in der Seelsorge, lebendig und anfassend in Predigt und Unterricht, freundlich

im Umgang.“

129 Ebd.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 133


ergangen wäre.“ 130 Den Fahneneid des Staates könne er dagegen leisten

und habe ihn auch schon geleistet.

Neunhoeffer traf mit seiner Argumentation genau die Schwachstelle

des kirchlichen Erlasses zum Treueid. Landesbischof Meiser hatte

am 20. Juni 1938 zwar geschrieben, es dürfe „als erwiesen angesehen

werden, daß eine bestimmte Erwartung des Staates in dieser Hinsicht

vorhanden ist“ 131 und warnte vor den negativen Folgen im Falle einer

Ablehnung. Im gleichen Sinne hatte auch Dekan Schmid in seiner Stellungnahme

gewarnt, eine Ablehnung des Eides könne von staatlicher

Seite als staatsfeindlicher Akt verstanden werden. Als die Pfarrer den

Treueid dann geleistet hatten, gab Martin Bormann jedoch in einem

Schreiben an alle Gauleiter bekannt, dieser Eid sei eine rein innerkirchliche

Angelegenheit. Er stellte damit die Kirche in ihrem vorauseilenden

Gehorsam bloß. 132 Doch auch nach dieser zynischen Kundgabe

des staatlichen Desinteresses an einem Treueid der Pfarrer auf Hitler,

drängte die Kirchenleitung Neunhoeffer, den Eid zu leisten. Kreisdekan

Daumiller versucht am 2. Dezember 1938 in einem Brief an den ihm

persönlich verbundenen Neunhoeffer, der auch Schwager des Nürnberger

Kreisdekans Julius Schieder war, seine Bedenken zu entkräften und

gibt ihm den deutlichen Ratschlag: „Du wirst Deinem Schwager Schieder

und vielleicht auch mir das Zeugnis ausstellen, dass wir gewissensmäßig

diese Dinge doch auch ganz ernst nehmen, und doch haben wir

beide den Eid geschworen und sind überzeugt weder gegen Schrift und

Bekenntnis gehandelt zu haben. Ich darf auch sagen, dass ich meinen

Dienst nach der Eidesleistung nicht anders getan habe, als vorher. Ich

würde Dir also aus unserer besonderen Verbundenheit heraus raten,

den Eid zu leisten.“ Neunhoeffer war in diesen Tagen wohl nicht in der

Lage, diese Frage für sich zu klären. Am 26. November war die älteste

Tochter Margarete im Alter von 11 Jahren gestorben. 133

Auch ein Gespräch mit Dekan Schmid am 9. Dezember 1938 kann

Neunhoeffer nicht dazu bewegen, den Eid zu leisten. Schmid berichtet

noch am gleichen Tag an den Landeskirchenrat: „Als Ergebnis der heute

mit Pfarrer Neunhoeffer hier abgehaltenen persönlichen Besprechung

wird berichtet, dass Pfarrer Neunhoeffer nach wie vor sich aus Gewissensgründen

nicht in der Lage sieht, den von der Kirche geforderten

130 Ebd.: Mitteilung vom 3. 7. 1938.

131 Ebd.

132 Zitiert bei Nicolaisen (wie Anm. 47), 321.

133 Nicolaisen (wie Anm. 47), 321.

134 Freiheit und Glaube


Treueid zu leisten, solange nicht klar und unzweideutig erwiesen ist,

dass der Staat die Ableistung dieses Eides von der Kirche verlangt.“ 134

Es ist bemerkenswert, wie wichtig die Forderung des Treueids für die

Kirchenleitung war, gerade auch nachdem die staatliche Seite ihr Desinteresse

an dem Eid der Pfarrer erklärt hatte. Die Weigerung Neunhoeffers,

den Eid auf den „Führer“ zu leisten, hatte für ihn allerdings

keine Konsequenzen – sofern dies den Akten zu entnehmen ist.

Die Person Neunhoeffers ist in diesem Zusammenhang von Interesse.

Geboren 1900 in Memmingen war er seit 1929 Pfarrer in Miesbach. 135

Er hatte sich 1929 vom Christlich-sozialen Volksdienst CVD, einer konservativ-protestantischen

Partei, ab- und der Deutschnationalen Volkspartei

DNVP unter Alfred Hugenberg zugewandt, da diese Partei den

Volksentscheid gegen den die Reparationszahlungen regelnden Young-

Plan mitinitiiert hatte. Neunhoeffer stützte diese Politik des Widerstandes

gegen den Versailler Vertrag und stand im Jahr 1933 zunächst

hinter dem Kandidaten für das Amt des Reichsbischofs, Ludwig Müller.

136 In einer Predigt zum Jahreswechsel 1933/34 gestand Neunhoeffer

dem nationalsozialistischen Staat „sehr viel ‚positives Christentum’“ zu

und verband damit die Hoffnung, der neue Staat werde noch mehr

in dieses „positive Christentum“ hineinwachsen, wie das ja auch im

Parteiprogramm der NSDAP beabsichtigt sei. Neunhoeffer ist der Auffassung,

dass der Wille Gottes im nationalsozialistischen Staat besser

realisiert sei als in der Weimarer Republik: „Daß der Wille Gottes unter

dem neuen Regiment in Deutschland mehr geschieht, als unterm alten,

wird wohl kaum bestritten werden.“ 137 Die Predigt wurde durch den

Miesbacher NSDAP-Ortsgruppenleiter schließlich gedruckt.� Auf Kritik

erwiderte Neunhoeffer, 1933 sei dem deutschen Volk ein Neubeginn

geschenkt worden und deshalb habe Gott Hitlers Bemühungen auch

gelingen lassen. 138 Auch während seiner Haft Ende April 1935 vertrat

er die Auffassung, Christentum und Nationalsozialismus ließen sich

miteinander vereinbaren. 139 Neunhoeffer glaubte auch hier noch an

den Nationalsozialismus als an sich gute Idee. Er greife lediglich die

134 LAELKB, PA theol. 3525.

135 Ebd.: Mitteilung von Dekan Schmid an den Landeskirchenrat vom 9. 12. 1938.

136 Ebd.

137 Björn Mensing, Pfarrer und Nationalsozialismus. Geschichte einer Verstrickung

am Beispiel der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Bayreuth 2001, 176.

138 Ebd.

139 Ebd.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 135


Übergriffe auf das Christentum an. 140 Daher wendet sich Neunhoeffer

zur gleichen Zeit massiv und in dieser Form als einziger im Rosenheimer

Pfarrkapitel gegen das Vorgehen der „Deutschen Christen“ unter

Gollwitzer. In einem Brief an Gollwitzer vom 16. Oktober 1934 findet er

deutliche Worte gegen dessen Rolle während des Versuchs, die bayerische

Landeskirche „gleichzuschalten“. Landesbischof Meiser wird hier

als der rechtmäßige Bischof der bayerischen Landeskirche bezeichnet.

Nähe zum Nationalsozialismus und Gegnerschaft zu den „Deutschen

Christen“ ließen sich also durchaus miteinander vereinbaren. Möglicherweise

war es gerade die Nähe zum Nationalsozialismus, die

Neunhoeffer mehr als alle anderen Kollegen

dazu ermutigte, deutlich Position zu

beziehen gegen die „Deutschen Christen“

und vor allem gegen Gollwitzer. 141 Dekan

Schmid bezeichnet den Miesbacher Pfarrer

daher auch als „tapfer im Bekenntnis und

in der Verfechtung kirchlicher Rechte“. 142

Andererseits bemühte sich Neunhoeffer

aber auch, den Gesprächsfaden mit den

„Deutschen Christen“ nicht abreißen zu

lassen. Er ist um Ausgleich bemüht und gesteht

den „Deutschen Christen“ zu, genauso

wie die „Bekennende Kirche“ auf dem

Boden von Bibel und Bekenntnisschriften

zu stehen. „Deutsche Christen“ und

„Bekennenden Kirche“ könnten durchaus

nebeneinander in der bayerischen Landeskirche

existieren.

Nach all dem fällt auf, dass nun gerade Neunhoeffer als einziger des

Rosenheimer Pfarrkapitels den Treueid auf Adolf Hitler verweigert.

Neunhoeffer muss möglicherweise sein Verhältnis zum nationalsozialistischen

Staat im Laufe der Jahre überdacht haben. Ob seine Verweigerung

des Treueids aber wirklich Ausdruck von Ablehnung des Nationalsozialismus

ist oder eher aus prinzipiellen theologischen Erwägungen

heraus geschah – darf der Staat die Kirche zur Abnahme eines Treueids

140 Ebd., 177.

141 Ebd., 196.

142 Ebd., 196.

136 Freiheit und Glaube

Pfarrer Rudolf Neunhoeffer

(Bildnachweis:

Michael Neunhoeffer, Nürnberg)


ermächtigen bzw. darf die Kirche ohne Beauftragung durch den Staat

von ihren Pfarrern einen Treueid verlangen? – muss m.E. offen bleiben.

Vergleicht man die Untersuchungen der Wingolf-Rundbriefe durch

Björn Mensing mit den Dokumenten des Rosenheimer Dekanats, so

ergibt sich genau diese Spannung: Einerseits Nähe zum Nationalsozialismus

und die Überzeugung, dass dieser doch eine gute Idee sei,

andererseits aber auch eine eindeutige Position bei der Auseinandersetzung

mit den „Deutschen Christen“ und den Übergriffen des Reichskirchenregiments

auf die bayerische Landeskirche.

Der Einfluss des Nationalsozialismus auf die Schulen

Ab 1935 verfolgte der nationalsozialistische Staat zunehmend eine

Politik der „Entkonfessionalisierung“ des öffentlichen Lebens. Dazu

zählte der Kampf gegen die Bekenntnisschulen und damit auch gegen

den Religionsunterricht. Evangelische Schulen gab es im Dekanat

Rosenheim in Rosenheim selbst und in Bad Reichenhall. Am 11. April

1937 wird die evangelische Schule in Rosenheim nach 33jährigem

Bestehen geschlossen und der langjährige Leiter Oberlehrer Weber

verabschiedet. 143 Im Kirchenvorstand wurde laut Protokollbuch dieses

Ereignis nicht behandelt. Es findet sich hierzu kein Eintrag. Ob es

anlässlich der Schließung der evangelischen Schule in Rosenheim Protest

gab, ist nicht zu erkennen. In einem Schreiben vom 3. März 1936

an Dekan Schmid hatte der Münchener Kreisdekan Daumiller noch

erklärt, „daß wir den allerschärfsten Protest gegen eine Aufhebung der

evang. Schulen in Reichenhall und noch mehr in Rosenheim anmelden

müßten.“ 144

Auch im Religionsunterricht macht sich nun der Einfluss des nationalsozialistischen

Staates bemerkbar. Im insgesamt positiven Rückblick

auf das Schuljahr 1936/37 erklärt Dekan Schmid, „der Einfluss der Zeit

machte sich höchstens hin und wieder in Fragen oder Bemerkungen

des einen oder andern Schülers geltend, auf die der Religionslehrer aufklärend

eingehen konnte.“ 145 Im darauf folgenden Schuljahr klingt dies

schon anders: Manche Schüler hätten sich Schlagwörter und Urteile

143 So auch Mensing (wie Anm. 140), 202.

144 LAELKB, PA theol. 3525.

145 Pfarrarchiv Rosenheim 127: Protokollbuch der Evang.-Luth. Kirchenverwaltung

Rosenheim, 152.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 137


angeeignet, wie sie z.Z. weithin verbreitet sind.“ 146 Stadtvikar Robert

Geisendörfer, seit 1937 in Rosenheim und für das Gebiet bis Kiefersfelden

zuständig, notiert im Rückblick auf das Jahr 1938/39, es mache sich

„teils völlige Gleichgültigkeit, teils entschiedner Widerspruch gegen das

im Unterricht Dargebotene in steigendem Maße bemerkbar.“ Er führt

dies zurück auf „Anschauungen und Schlagworte (…), mit welchen z.Z.

die Jugend im Wirkungsbereich der nationalsozialistischen Jugendorganisation

geradezu überschüttet werden.“ Aufgrund des fehlenden

Rückhaltes im Elternhaus komme es jetzt auch vermehrt zu Austritten.

Dagegen stehe das Lehrerkollegium diesen Angriffen auf das Christentum

fern; lediglich der Lehrer für Biologie und Naturkunde behellige

die Schüler fortgesetzt „mit billigem Spott und unsinnigen Behauptungen

über Kirche und Christentum.“ 147

Die Pogromnacht 1938

und die Haltung der Kirche zu den Juden

Anfang 1933 gab es in Rosenheim elf jüdische Geschäftsbesitzer. Bis

zum Jahr 1937 gaben sechs von ihnen aufgrund der zunehmenden

Repressalien und antisemitischen Kampagnen ihr Geschäft auf. Zum

Zeitpunkt der Pogromnacht 1938 gab es noch zwei jüdische Geschäfte

in Rosenheim. In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurden

dann das Geschäft von Adolf Westheimer am Ludwigsplatz 19 und das

Kurzwarengeschäft von Samuel Obernbreit durch SA-Männer verwüstet.

Im Anschluss daran kam es auch zu Plünderungen. 148 Westheimer

und Obernbreit meldeten ihre Geschäfte noch im November

1938 ab und emigrierten. Wider besseres Wissen sprach die Polizei

von unbekannten Tätern. Der „Rosenheimer Anzeiger“ verschwieg die

Zerstörungsaktion und druckte lediglich einen Aufruf Joseph Goebbels

an die Bevölkerung, in dem vage von „Vergeltungsaktionen gegen jüdische

Gebäude und Geschäfte“ die Rede war. 149 Lokale Bezüge stellte

146 LAELKB, BayD Rosenheim 37: Schreiben des Kreisdekans Nr. 447 an Dekan

Schmid vom 3. 3. 1936.

147 Pfarrarchiv Rosenheim 96: Bericht über den Religionsunterricht am humanistischen

Gymnasium Rosenheim 1936/37.

148 Ebd.: Bericht über den Religionsunterricht am humanistischen Gymnasium Rosenheim

1937/38.

149 Ebd.: Bericht über den Religionsunterricht am humanistischen Gymnasium Rosenheim

1938/39.

138 Freiheit und Glaube


die Zeitung nicht her. Von kirchlicher Seite findet sich zu diesem Ereignis

– wie auch zu den anderen antisemitischen Maßnahmen – keine

Reaktion.

Boykott des jüdischen Geschäfts Fichtmann in der Rosenheimer

Riederstraße am 1. April 1933 (Bildnachweis: Stadtarchiv Rosenheim)

Ingeborg Geisendörfer, die Ehefrau des Rosenheimer Stadtvikars

Geisendörfer und spätere CSU-Politikerin, kam 1936 als Lehrerin nach

Rosenheim und unterrichtete zunächst noch an der Rosenheimer evangelischen

Bekenntnisschule, die 1937 aufgelöst wurde. Sie berichtet

von einigen jüdischen Kindern unter ihren Schülerinnen, die wohl bis

zuletzt die evangelische Schule in Rosenheim besuchten. 150 Im Rosenheimer

Pfarrarchiv und in der die evangelische Schule betreffenden

Akte, finden sich dazu aber keine Hinweise.

Dekan Schmid erklärt 1947, er habe am Sonntag nach der Pogromnacht

in seiner Predigt „darauf Bezug genommen und es (= das Pogrom,

B.L.) für eine Schande für das deutsche Volk erklärt.“ Er sei daraufhin

von zwei Kirchenvorstehern zu mehr Vorsicht ermahnt worden. 151 Was

150 Miesbeck (wie Anm. 13), 322ff.

151 RA (=Rosenheimer Anzeiger) 11. 11. 1938.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 139


Schmid genau gesagt hat, lässt sich nicht rekonstruieren. Den staatlichen

Behörden ist diese Predigt jedenfalls nicht aufgefallen. Schmids

Erklärung findet sich in einem Brief an den Münchener Oberkirchenrat

Daumiller, in dem Schmid ihm von seiner Einstufung im Entnazifizierungsverfahren

als „Mitläufer“ berichtet und alle Ereignisse auflistet,

die ihn als Gegner der Nationalsozialisten darstellen. Ob Schmid seiner

Predigt im Rückblick eine größere Bedeutung zumisst als sie tatsächlich

besaß, muss offen bleiben.

Kirchenaustritte in Rosenheim

In den Jahren 1933 und 1934 treten in Rosenheim insgesamt neun Personen

aus der evangelischen Kirche aus. Die Begründung war in den

meisten Fällen der Übertritt zur römisch-katholischen Kirche aufgrund

einer gemischt-konfessionellen Ehe. Im Jahr 1935 treten acht Personen

aus der evangelischen Kirche aus. Dabei findet sich zum ersten Mal die

Begründung „deutschgläubig“. In den Jahren 1936 bis 1939 schnellen

die Kirchenaustritte dann deutlich nach oben: 23 (1936), 33 (1937), 28

(1938) und 53 (1939). In den meisten Fällen lautet die Begründung „ist

mit dem Christentum zerfallen – neigt dem sog. Deutschglauben zu –

hat sich keiner Rel.-ges. angeschlossen”, oder einfach nur „deutschgläubig”.

Auffallend ist die hohe Zahl von Personen mit akademischen und

bürgerlichen Berufen wie Arzt, Studienprofessor oder Ingenieur.

Das Dekanat Rosenheim während des Zweiten Weltkrieges

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 und der Verlauf des

Krieges brachten für das Dekanat Rosenheim – wie für die gesamte

Landeskirche – große und auch dramatische Veränderungen mit sich.

Schon 1938, unter dem Eindruck der Krise um das Sudetenland, war

vom bruderrätlichen Flügel der „Bekennenden Kirche“ eine Gebetsliturgie

erarbeitet worden, in der für die Erhaltung des Friedens gebetet

werden sollte. Aufgrund massiven Drucks distanzierte sich Meiser dann

jedoch von dieser Gebetsliturgie. 152

152 Felix Heidenberger, Die Glöcknerin vom Bundestag. Ingeborg Geisendörfer – ein

Leben im Dienst von Politik und Kirche, München 2001, 43.

140 Freiheit und Glaube


Zu der sog. „Zweikapitelskonferenz“ am 14. Dezember 1938, bei der

sich die Pfarrer der Dekanate Rosenheim und München regelmäßig trafen,

verzeichnet das – wohl von Dekan Schmid angefertigte Protokollbüchlein

– einen scharfen Angriff von Karl Steinbauer auf das Verhalten

Meisers und seiner Bischofskollegen Mahrarens und Wurm. 153 Wie

heftig diese Angriffe gewesen sein müssen, zeigt sich, als Steinbauer

fünf Tage später an Landesbischof Meiser in einem Brief schreibt: „Ich

bin erschrocken, wie weit Sie in den Garnen des Unglaubens verstrickt

sind.“ 154 Von den Pfarrern des Dekanats Rosenheim, die bei dieser Konferenz

anwesend waren, finden sich in den Akten des Dekanats Rosenheims

hierzu keine Äußerungen.

Mit Kriegsbeginn wurde auch eine große Zahl an Pfarrern zum

Militärdienst eingezogen. Kreisdekan Daumiller versuchte, die dadurch

entstandenen Lücken durch Emeriti zu schließen. Notfalls

müssten auch Gottesdienste durch Kirchenvorsteher gehalten werden.

Schmerzlich sei es für ihn, dass dem größten Teil der zum Heeresdienst

eingezogenen Männer keine geistliche Stärkung mehr gereicht werden

konnte. Daumiller hoffte, dass der Kriegsbeginn vielleicht auch „eine

Gnadenstunde Gottes“ sein könne, „in der die Menschen seinen Ruf

wiederhören.“ 155 Das Schreiben des Oberkirchenrates datiert vom 27.

August. Die Kirchenleitung rechnete zu diesem Zeitpunkt wohl bereits

fest mit dem Krieg. Nur wenige Tage später, am 2. September 1939

– also einen Tag nach dem Überfall auf Polen –, schreibt Dekan Schmid

an alle Pfarrer des Dekanats und wünscht jedem „Gottes Kraft und

Segen zur Führung seines Amtes, auch hinsichtlich der besonderen

Aufgaben und Schwierigkeit, die jetzt an uns herantreten mögen.“ Besondere

Fürbitte erbittet er für die einberufenen Amtsbrüder. 156

153 LAELKB, PA theol. 631: Schreiben an Oberkirchenrat Daumiller vom 21. 2. 1947.

154 Nicolaisen (wie Anm. 47), 315.

155 LAELKB, BayD Rosenheim 18: Protokollbuch der Pfarrkapitelskonferenzen: „Aussprache

über die kirchl. Lage, wobei der vormalige Vikar Steinbauer heftige Angriffe

gegen das Verhalten der drei Landesbischöfe Meiser, Mahrarens und Wurm

bei der Unterredung mit Minister Kerrl über den Entwurf der Kriegsgebetsgottesdienste

der V.L.D.E.K. richtete, unterstützt von Will. Bauer-Murnau.“

156 Zitiert bei Wolfgang Sommer, Stimmen innerkirchlichen Widerspruchs: Wilhelm

Freiherr von Pechmann und Karl Steinbauer, in: Gerhart Herold und Carsten

Nicolaisen (Hg.): Hans Meiser (1881–1956). Ein lutherischer Bischof im Wandel der

politischen Systeme, München 2006, 69–89, 85.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 141


Mit Beginn des Krieges verfasst Dekan Schmid eine „Kriegschronik der

Gemeinde Rosenheim“ 157 , in der er bis zu seiner Emeritierung im Jahr

1943 die wichtigsten Ereignisse festhält. Wie schon im Ersten Weltkrieg

finden seit dem 15. September 1939 wieder regelmäßig Kriegsgebetsgottesdienste

statt, die noch vor der Verdunkelung abgehalten werden

mussten. Anders als von Kreisdekan Daumiller erhofft, wirkte sich

der Krieg nicht positiv auf den Gottesdienstbesuch aus. Im Gegenteil:

Die durchschnittliche Zahl der Besucher ging von 148 im Jahr 1939 auf

122 im Jahr 1942 zurück. Schmid führt dies auch auf die Einberufung

vieler Männer zum Kriegsdienst zurück. 158 Auch der Besuch der Bibelstunden

leidet unter dem Krieg. Nur noch die Hälfte der Besucher aus

der Vorkriegszeit kommt. 159 Ebenfalls werden nun auch in diesem Krieg

wieder die Kirchenglocken abgenommen. Am 31. Mai 1942 läuten sie

zum letzten Mal. 160 Im Mai 1940 fällt dann das erste Gemeindeglied aus

Rosenheim. 161 Für jeden Gefallenen wird ein Gedächtnisgottesdienst

gehalten, der in der Regel „außerordentlich gut besucht“ 162 wird und

auf die meistens in größerer Zahl anwesenden Katholiken „einen tiefen

Eindruck“ macht. 163 Da es verboten ist, die Namen der Gefallenen am

Gefallenengedenktag zu verlesen – wohl um die Stimmung der Bevölkerung

nicht durch lange Namenslisten allzu sehr zu dämpfen – werden

die Namen jetzt im Silvestergottesdienst genannt. 164 Gegenüber

der zunehmenden Zahl an Kriegstrauungen hat Schmid Bedenken, vor

allem wenn es sich hierbei um Trauungen zwischen „norddeutschen

evangelischen Soldaten und katholischen Mädchen aus Rosenheim und

Umgebung“ handelt. 165 Auch der Religionsunterricht findet jetzt im

Krieg unter erschwerten Bedingungen statt: In vielen Schulhäusern sind

nun Lazarette untergebracht, zahlreiche Lehrer sind eingezogen und

der Religionsunterricht wird vielfach auf nur noch eine Wochenstunde

gekürzt.

Vor besondere Herausforderungen wurden die südbayerischen

Dekanate ab 1940 gestellt, als eine große Zahl vor allem Bessarabien-

157 LAELKB, BayD Rosenheim 23: Schreiben des Kreisdekans an die Dekane des

südbayerischen Kirchenkreises vom 27. 8. 1939.

158 Ebd.: Schreiben des Dekans vom 2. 9. 1939.

159 Pfarrarchiv Rosenheim 71: Kriegschronik.

160 Ebd., 2.

161 Ebd., 3.

162 Ebd., 2f.

163 Ebd., 4.

164 Ebd.

165 Ebd., 5.

142 Freiheit und Glaube


deutscher nach Deutschland „heimgeholt“ wurde. Diese waren überwiegend

evangelisch. 1941 gab es in München-Oberbayern 31 Lager für

diese Umsiedler. 166 Bereits am 8. November 1940 hatte der Kreisdekan

von München und Oberbayern in einem vertraulichen Schreiben an

die südbayerischen Dekanate auf die dadurch erwachsenden Aufgaben

hingewiesen und mit Blick auf ihre Glaubenstradition gefordert, es

müsse „unter allen Umständen vermieden werden, dass diese wertvollen

Gemeinden unserem Glauben und unserer Kirche verloren gehen.“ 167

Im Dezember 1940 gibt es im Dekanat Rosenheim 23 Lager für insgesamt

2925 Bessarabiendeutsche. 168 Die geistliche und seelsorgerliche

Betreuung gestaltete sich als außerordentlich schwierig, da die Partei

den Geistlichen vielfach verbot, die Lager zu betreten, um so nach der

äußeren Umsiedelung auch eine „innere Umsiedelung“ zu bewirken. 169

Zu den bessarabischen Umsiedlern kamen ebenfalls ab 1940 die

evakuierten Kinder aus Hamburg und Berlin hinzu. Die Geistlichen des

Dekanats Rosenheim hatten unter den erschwerten Bedingungen des

Krieges für Religionsunterricht und Konfirmandenunterricht zu sorgen

und waren vielfach über die weit reichende Entkirchlichung zahlreicher

Kinder entsetzt. In einem Schreiben des Münchener Kreisdekans vom

8. November 1940 berichtet dieser, dass von einer Schar Kinder nur

drei das „Vaterunser“ beherrscht hätten. 170 Schwierige organisatorische

Fragen sind zu klären: Dabei geht es um die Beschaffung von Religionsbüchern

und ihre Bezahlung, um die Konfirmation vor Ort oder zu

Hause, um die Frage der Konfirmation reformierter Kinder oder ob

evangelische Kinder, die bei katholischen Familien untergebracht

waren, an deren katholischen Bräuchen teilnehmen dürfen. 171 Im Juni

1941 kommen dann Kinder aus Emden, und schließlich werden auch

Münchener Schulklassen im Dekanat Rosenheim untergebracht.

Der Krieg bewirkte auch eine große Zahl an Einschränkungen. Neben

der Abnahme der Glocken wurde der gesamte Metallbestand der

Kirchengemeinden erfasst. Die Kirchen mussten verdunkelt werden.

Ab 1941 durften für Advents- und Weihnachtsgottesdienste nur noch

166 Helmut Baier, Kirche in Not. Die bayerische Landeskirche im Zweiten Weltkrieg,

EKGB 57, Neustadt an der Aisch 1979, 123.

167 LAELKB, BayD Rosenheim 23: Schreiben des Kreisdekans vom 8. November 1940.

168 Ebd.: Landeskirchenrat Nr. 13070 (18. 12. 1940).

169 Baier (wie Anm. 171), 123.

170 LAELKB, BayD Rosenheim 23: Schreiben des Kreisdekans vom 8. 11. 1940.

171 Ebd. Vgl. hierzu Baier (wie Anm. 171), 127ff.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 143


Kerzen aus bisherigen Beständen verwendet werden. 172 Ab 1943 ist in

Rosenheim kein Wein mehr erhältlich. Der Abendmahlswein soll nun

von auswärts besorgt werden. 173

Ende 1944 traf der Luftkrieg auch das bislang verschont gebliebene

Rosenheim. Nach dem Angriff vom 20. Oktober 1944 hatte die Rosenheimer

evangelische Kirche zwar einige Schäden, vor allem an den

Fenstern, war aber weiterhin benutzbar. Das benachbarte Landratsamt

musste jedoch nach einem Volltreffer abgebrochen werden. In dem

schweren Angriff am 18. und 19. April 1945 wird das Pfarrhaus schwer

beschädigt und das Dach zerstört. Andere kirchliche Gebäude weisen

kleinere und überschaubare Schäden auf. Verglichen mit anderen

Städten und Kirchengemeinden kommt Rosenheim jedoch glimpflich

davon.

Der Druck der Partei auf die Kirche wird im Laufe des Krieges noch

stärker. Gemeindeveranstaltungen müssen jeweils genehmigt werden,

gelegentlich werden sie verboten. In der Kirchenvorstandssitzung vom

18. Juni 1941 gibt Dekan Schmid bekannt, dass der Kirchenvorsteher

Hermann Just sein Amt niedergelegt habe. Die NSDAP hatte gegenüber

dem Parteimitglied die Unvereinbarkeit von Parteiamt und kirchlichem

Amt herausgestellt. Dies entsprach der offiziellen Linie der Partei. In

einem Rundschreiben vom Juni 1941 hatte Martin Bormann die völlige

Unvereinbarkeit zwischen Nationalsozialismus und Christentum

betont. 174 Das kirchliche Pressewesen kam ab 1940/41 fast vollständig

zum Erliegen. Und schließlich wurde die Kirchensteuer ab 1. Oktober

1941 nicht mehr durch die Finanzämter erhoben. 175 All dies erschwerte

die Arbeit in den Kirchengemeinden erheblich.

1943 wird Dekan Schmid in den Ruhestand verabschiedet. Sein

Nachfolger ist der 1894 geborene Friedrich von Ammon, der zuvor

Pfarrer in Memmingen und Dekan in Pappenheim gewesen war. 176

Dekan von Ammon scheint von der Einrichtung der Rosenheimer

evangelischen Kirche nicht sehr angetan gewesen zu sein. Schon in den

ersten Kirchenvorstandssitzungen am 27. Juni und am 13. September

1944 beginnt er mit Planungen für ein neues Altarbild sowie die Neugestaltung

von Altar, Kanzel und Taufstein. In den Wirren der letzten

172 LAELKB, BayD Rosenheim 23: Abschrift Reichsminister für Kirchliche Angelegenheiten

(Berlin, 18. 12. 1941).

173 Pfarrarchiv Rosenheim 52: Kirchenvorstandsprotokolle, Sitzung vom 5. 3. 1943.

174 Baier (wie Anm. 171), 41.

175 Ebd., 21ff.

176 LAELKB, PA theol. 771.

144 Freiheit und Glaube


Kriegsmonate und bedingt durch die nun auch Rosenheim treffenden

Luftangriffe kommen diese Planungen jedoch bald zum Erliegen. Über

die letzten Tage vor dem Ende des Krieges berichtet von Ammon kurz

in der von ihm fortgeführten Kriegschronik. Der Sonntagsgottesdienst

am 29. April 1945 kann noch gehalten werden. Am Abend des 29. April

erscheint Dr. Josef Golling von der katholischen Kirchengemeinde

im Pfarrhaus und gibt den Rat, beim Einrücken der Amerikaner eine

weiße Fahne am Kirchturm aufzuziehen. In der Nacht vom 29. auf den

30. April kommt es im Proviantlager der Wehrmacht zu Plünderungen.

Am 1. Mai hört Dekan von Ammon dann bei einer Beerdigung in

Happing bereits das Geschützfeuer der Amerikaner. Am 2. Mai schließlich

wird die Stadt Rosenheim weitgehend kampflos von der US-Armee

eingenommen. Zum ersten Gottesdienst nach dem Zusammenbruch

erscheinen am 7. Mai 70 Personen, was von Ammon mit einem Ausrufezeichen

vermerkt und damit wohl als Erfolg wertet.

Entnazifizierung und weitere Lebenswege

anhand von vier exemplarischen Personen

Hans Gollwitzer

Hans Gollwitzer war 1935 aus dem Dienst

der bayerischen Landeskirche entlassen

worden. Bis 1937 war er jedoch noch

eigenmächtig als Pfarrer in Mühldorf tätig.

Im gleichen Jahr wurde er Bürgermeister

der Stadt Mühldorf. 1939 trat Gollwitzer

aus der Kirche aus. 1945 wurde er von

den Amerikanern als Bürgermeister

abgesetzt. Nach langen Verfahren wurde

er am 27. Februar 1950 von der Hauptkammer

München als „Minderbelasteter“

eingestuft. Aufgrund seiner dreijährigen

Internierungshaft von 1945 bis 1948 wurde

er jedoch schließlich als „Mitläufer“ eingestuft.

Dies ermöglichte ihm, 1952 erneut

für das Amt des Mühldorfer Bürgermeisters

zu kandidieren, das er dann bis 1966

innehatte und in dem er sich wohl große

Vereidigung Hans Gollwitzers 1952

als Bürgermeister von Mühldorf

(Bildnachweis: Stadtarchiv Mühldorf)

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 145


Verdienste um Mühldorf erworben hat. 1971 verlieh ihm der Mühldorfer

Stadtrat die Ehrenbürgerwürde – die erste Ehernbürgerwürde aus

dem Jahr 1934 war ihm 1946 aberkannt worden. 177 1979 starb Gollwitzer.

In Mühldorf ist heute eine Straße nach ihm benannt.

Dr. Erich Holper

Die Spruchkammer reihte Dr. Erich Holper in die Gruppe der Minderbelasteten

ein. Ebenso wie bei Gollwitzer war dadurch eine Überführung

in die Gruppe der Mitläufer möglich. 178 Holper lebte seit

Kriegsende in Bernau und trat dort wohl wieder in die evangelische

Kirche ein. Nach seinem Tod am 14. Februar 1974 wurde er unter großer

öffentlicher Anteilnahme kirchlich beerdigt. Gewürdigt wurde vor

allem sein Verdienst um den Bau der Rosenheimer Städtischen Galerie.

Der Bernauer Pfarrer Heinrich Rehbach betonte in seiner Ansprache

„die tiefe Gläubigkeit dieses Mannes.“ 179

Hermann Just

Hermann Just, der 1941 sein Amt als Kirchenvorsteher niedergelegt

hatte, da die Parteileitung dies als nicht vereinbar mit seiner Tätigkeit

in der NSDAP ansah, rückte 1952 für ein verstorbenes Mitglied wieder

in den Kirchenvorstand

nach. 180 Just, der 1935

eine Holzhandlung

gegründet hatte, hatte

seit diesem Jahr auch die

Leitung des Vereins zur

Förderung der Holzfachschule

in Rosenheim

inne. Im Jahr 1952 unterstützte

er die Kandidatur

des ehemaligen NSDAP-

Hermann Just (rechts) 1964 im Rosenheimer Stadtrat

(Bildnachweis: Fotoarchiv Dietrich/Krämer, Rosenheim)

146 Freiheit und Glaube

Ortsgruppenleiters und

Oberbürgermeisters

177 Vgl. hierzu J. Lang (wie Anm. 76), 151ff. und 165f.

178 Miesbeck (wie Anm. 13), 368.

179 OVB (=Oberbayerisches Volksblatt) 22. 2. 1974.

180 Pfarrarchiv Rosenheim 52: Kirchenvorstandsprotokolle, Sitzung vom 5. 9. 1952.


Johann Gmelch für das Amt des Oberbürgermeisters auf der Liste der

„Sozialen Rosenheimer“, einem Sammelbecken von Nationalsozialisten.

181 Gewürdigt wurden immer wieder seine Verdienste für die Entwicklung

des Rosenheimer Holztechnikums. 182 Von 1962 bis 1966 war er

erneut Mitglied im Rosenheimer Stadtrat. Am 14. September 1971 ist er

in Rosenheim gestorben.

Dekan Franz Schmid

Franz Schmid, seit 1943 im Ruhestand, wird durch die Spruchkammer

Nördlingen als „Mitläufer“ eingestuft, da er – wie es in seinem Bescheid

heißt – „förderndes Mitglied der SS“ sowie „Mitglied der NSV

(= Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, B.L.)“ war. Schmid war nach

eigenen Angaben 1933 den „Freunden der SS“ beigetreten, jedoch bald

wieder ausgetreten. Es habe sich dieser Organisation angeschlossen „in

der Meinung, dass die SS (…) eine Organisation zur Aufrechterhaltung

der öffentlichen Ordnung sei, z.B. bei Versuchen den Gottesdienst zu

stören“. Allerdings habe er „nach näherem Bekanntwerden mit dem

Wesen der SS“ seinen Austritt erklärt. 183 In seinem Ruhestand betreut

Schmid wie schon in den Jahre 1905 bis 1913 die Kirchengemeinde

Forheim. Im Jahr 1944 wird er von zwei Schicksalsschlägen getroffen:

Der 1915 geborene Sohn Franz Schmid fällt, und im gleichen Jahr stirbt

auch seine 1926 geborene Tochter Hedwig. Dekan Schmid stirbt am 7.

Juli 1954 im Alter von 78 Jahren.

Zusammenfassung

Die Entstehung des Dekanats Rosenheim fällt zeitlich fast unmittelbar

zusammen mit dem Beginn des sog. „Dritten Reichs“. Dekan Schmid

hatte daher von Anfang seiner Tätigkeit an mit den Auswirkungen der

Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Kirchenpolitik zu

tun. Die Auseinandersetzung mit den „Deutschen Christen“ und der

Kirchenpolitik des Regimes prägte seine Amtstätigkeit grundlegend, vor

allem in den ersten Jahren.

181 Miesbeck (wie Anm. 13), 365.

182 So z.B. im Holz-Zentralblatt, Nr. 46, 16. 4. 1957.

183 LAELKB, PA theol. 631.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 147


Die Frage, wie die Pfarrerschaft des Dekanats Rosenheim die Machtübernahme

der Nationalsozialisten beurteilte, kann in dieser kleinen

Studie nicht umfassend beantwortet werden. Es fehlen hierfür die

Zeugnisse. Die Protokolle des Rosenheimer Kirchenvorstandes, persönliche

Bemerkungen, Briefe und Predigten legen jedoch nahe, dass

Personen wie z.B. Dekan Schmid und Pfarrer Neunhoeffer den Beginn

der nationalsozialistischen Herrschaft als „nationale Revolution“ durchaus

begrüßten und gegen die Politik der Machtsicherung bis zum Ende

des Jahres 1933 zumindest keine Einwände hatten.

Die „Deutschen Christen“ konnten auf dem Gebiet des Dekanats

Rosenheim zwar immer wieder Ortsgruppen gründen. Ihre Bedeutung

blieb jedoch insgesamt gesehen eher gering. Eine besondere Situation

ergab sich dadurch, dass mit Pfarrer Hans Gollwitzer aus Mühldorf ein

besonders profilierter Vertreter der „Deutschen Christen“ zum Pfarrkapitel

des Dekanats gehörte, der bei dem gescheiterten Versuch der

„Gleichschaltung“ der bayerischen Landeskirche im Herbst 1934 eine

zentrale Rolle als „geistlicher Kommissar“ spielte. Es gelang ihm jedoch

nicht, Mitglieder des Pfarrkapitels für die „Deutschen Christen“ zu

gewinnen. Auch sein Einfluss auf die Kirchengemeinden im Dekanat

war – insgesamt gesehen – wohl eher gering. Zwar kam es gelegentlich

einer Kirchenvorsteherversammlung im Sommer 1934 zu einem Eklat

durch das Auftreten Gollwitzers, jedoch konnte er auf dem Gebiet des

Dekanats keine große Anhängerschaft sammeln. Seine Dienstentlassung

1935 zeigt, wie sehr sich Gollwitzer von der bayerischen Landeskirche

entfernt hatte. Trotz seiner Dienstentlassung konnte er noch einige Zeit

das Pfarramt von Mühldorf für sich beanspruchen und einen „deutschchristlichen“

Nachfolger installieren. Für das Verhältnis der Landeskirche

zur Kirchengemeinde Mühldorf war Gollwitzers Wirken verheerend.

Erst 1940 gelang es ihr, hier wieder einen landeskirchlichen

Pfarrer einzusetzen. Das Pfarrkapitel distanzierte sich ausdrücklich von

Gollwitzer, als dieser erklärte, Weisungen nur noch vom Reichsbischof

entgegen zu nehmen, und warnte die Kirchengemeinde Mühldorf vor

nachteiligen Folgen.

Mehrheitlich schließt sich die evangelische Kirche im Dekanat Rosenheim

der „Bekennenden Kirche“ an. Allerdings zögert man aufgrund

der Diaspora-Situation zunächst mit einer eindeutigen Positionierung

durch die Ausgabe von Mitgliedskarten und benennt Anfang 1935 zunächst

nur Vertrauensleute in den Kirchengemeinden. Man befürchtete

vielfach das Auseinanderbrechen der Kirchengemeinden.

148 Freiheit und Glaube


Diese besondere Situation in der oberbayerischen Diaspora ist es auch,

die immer wieder zu dem Versuch führt, einen Ausgleich mit den

„Deutschen Christen“ zu finden. Dekan Schmid äußert angesichts der

Gründung einer Rosenheimer Ortsgruppe 1935 die Hoffnung, „dass

trotz der nun bestehenden Gegensätze in der Gemeinde von beiden

Seiten über dem Trennenden das Einigende zumal im Blick auf Katholizismus

und deutsche Glaubensbewegung nicht vergessen werde.“ 184

Auch Pfarrer Neunhoeffer aus Miesbach versucht immer wieder, einen

Ausgleich mit den „Deutschen Christen“ und auch mit Pfarrer Gollwitzer

herbeizuführen. Gerade die Abgrenzung gegenüber der katholischen

Kirche führte zu dem Wunsch, bei allen Auseinandersetzungen

mit den „Deutschen Christen“ das Gemeinsame hervorzuheben. Der

Gedanke, in dieser schwierigen Zeit die Nähe zur katholischen Kirche

zu suchen, lag fern.

Kritik an den Maßnahmen der nationalsozialistischen Kirchenpolitik

war möglich bei gleichzeitiger Bejahung der nationalsozialistischen

Herrschaft. Der Miesbacher Pfarrer Rudolf Neunhoeffer ist hierfür

ein Beispiel. Möglicherweise ist es gerade die Nähe zum Regime, die

Neunhoeffer so deutliche Worte gegenüber Gollwitzer und allen Versuchen

der „Gleichschaltung“ der bayerischen Landeskirche finden ließ.

Gerade Neunhoeffer ist es dann auch, der 1938 als einziger Pfarrer des

Pfarrkapitels den Eid auf den „Führer“ verweigert, obwohl er von der

Kirchenleitung in einer persönlich sehr schwierigen und tragischen

Situation dazu gedrängt wird. Seine Weigerung hatte keine Konsequenzen

für Neunhoeffer.

Im Dekanat Rosenheim lebten bis 1942 zahlreiche jüdische Familien.

Angesichts ihrer Entrechtung, Deportation und schließlich Ermordung

schwiegen die Pfarrer und Kirchenvorstände. Das Schicksal der jüdischen

Minderheit war nicht im Blick kirchlichen Handelns und

Predigens.

Bei allem Protest gegen die Übergriffe der nationalsozialistischen

Kirchenpolitik war das Dekanat Rosenheim – wie auch die bayerische

Landeskirche überhaupt – um grundsätzliche Loyalität zum Staat und

zum nationalsozialistischen Regime bemüht. So kommt Dekan Schmid

zu der bemerkenswerten Schlussfolgerung, dass die Unterzeichner

der Barmer Theologischen Erklärung das „Dritte Reich“ von Herzen

bejahen und dem „Führer“ treu ergeben sind. Auch seine Ausführungen

zum Eid auf den „Führer“ im Jahr 1938 belegen die grundsätzliche

184 Pfarrarchiv Rosenheim 52: Kirchenvorstandsprotokolle, Sitzung vom 24. 7. 1935.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 149


Loyalität zum nationalsozialistischen Staat. Ging es jedoch um die

Intaktheit der bayerischen Landeskirche und die Unversehrtheit des

Bekenntnisses, so stellte man sich auch auf der Ebene des Dekanats

Rosenheim eindeutig hinter Landesbischof Meiser. Es gelang damit,

auch vor Ort im Dekanat Rosenheim die Menschen für die Intaktheit

der bayerischen Landeskirche zu mobilisieren und die Angriffe der

„Deutschen Christen“ abzuwehren.

Diese „Doppelstrategie“ – grundsätzliche Loyalität und dennoch

schärfster Protest gegen alle Angriffe auf die Intaktheit der bayerischen

Landeskirche – führte aber nicht nur auf der Ebene der Landeskirche,

sondern eben auch auf der Dekanatsebene zum Verstummen angesichts

der nationalsozialistischen Verbrechen.

150 Freiheit und Glaube


Freiheit

und Glaube

8. Mai bis 29. Juni 2008

Städtisches Museum Rosenheim

Ludwigsplatz 26 · Im Mittertor

Dienstag – Samstag 10 – 17 Uhr

1., 3. und 5. Sonntag im Monat 13 – 17 Uhr

Montags und an Feiertagen geschlossen

75 Jahre

Die Geschichte der Evangelischen

im Rosenheimer Land

Ausstellung des Dekanats Rosenheim

und der Stadt Rosenheim

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 151


Freiheit

und Glaube

Die Geschichte

der Evangelischen

im Rosenheimer Land

Reformation

in Oberbayern ?

Reformation in Oberbayern ? Das scheint

sich zunächst auszuschließen.

Doch Martin Luthers Lehre und seine

Schriften erreichten früh auch das Herzogtum

Bayern. Unter dem Einfl uss des

Ingolstädter Theologen Johannes Eck

wurden die sich die Herrschaft teilenden

Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. bald zu

Gegnern der lutherischen Bewegung.

Schon 1522 erließen die beiden Herzöge

ihr erstes Mandat gegen die lutherische

Lehre. Bald schon wurde das Studium in

Witten berg verboten und eine Bücherzensur

erlassen.

Das Vorgehen der Herzöge gegen alle reformatorischen

Tendenzen traf 1525 /26 auch

Wasserburg. Hier wurden die Geistlichen

Georg Amman und Michael Haydnecker zu

ewiger Kerkerhaft verurteilt. Der Geistliche

Johann Hörl wurde sogar 1526 in Wasserburg

enthauptet.

Insgesamt gibt es für die Gegend des

Dekanats Rosenheim aber keine Nachweise,

dass die Reformation in dieser frühen Zeit

um 1525 hier Fuß gefasst hätte.

Unter dem jungen Herzog Albrecht V.

forderten die bayerischen Landstände ab

1550 verstärkt den Laienkelch beim Abendmahl,

der dann auch zugestanden wurde.

Vor allem Pankraz von Freyberg, Herr von

Hohenaschau und Wildenwart, machte sich

beim Herzog für die Gewährung des Kelches

stark.

In Rosenheim und an vielen anderen Orten

wird in dieser Zeit das Abendmahl in beiderlei

Gestalt von Brot und Wein gereicht,

die Psalmen auf Deutsch gesungen und das

„Salve Regina“ durch das „Salve Rex Christe“

ersetzt. An die Stelle der Marienverehrung

tritt in diesem Lied der Lobpreis Christi –

ein urreformatorisches Anliegen.

152 Freiheit und Glaube

Es ist noch nicht gänzlich geklärt, ob diese

Tendenzen als evangelisch bezeichnet werden

können oder der innerkatholischen

Kelchbewegung zuzurechnen sind.

Die Grenzen scheinen jedenfalls fl ießend

gewesen zu sein. So fi nden in Wasserburg

und Rosenheim unliebsam gewordene

Geistliche immer wieder eine Anstellung

als evangelische Pfarrer in Württemberg.

Auch werden Priester mit „evangelischer

Vergangenheit“ nach Rosenheim gerufen.

Und die Listen beschlagnahmter

„sectischer“ Bücher bis hin zu einer

reformierten Zürcher Bibel zeigen, dass

lutherische Schriften bei Geistlichen und

auch bei Laien durchaus weit verbreitet

waren.

Auch das sogenannte „Auslaufen“ in die

Grafschaft Haag, also der wegen drakonischer

Strafen durchaus gefährliche Weg

zum Besuch evangelischer Gottesdienste

in Haag, den Hunderte von Menschen aus

den wittelsbachischen Gebieten bis aus

Rosenheim jeden Sonntag auf sich nahmen,

ist ein Indiz, dass die Reformation sich

nicht auf das Gebiet der Grafschaft Haag

eingrenzen lässt, sondern weit ins

Rosenheimer Land ausstrahlte.

Eine Sonderstellung nahm die Grafschaft

Haag unter Ladislaus Graf zu Haag ein.

Ladislaus führte in seiner Grafschaft die

Reformation ein und unterzeichnete 1559

auch das Augsburger Bekenntnis.

Da Ladislaus jedoch 1566 kinderlos

starb, fi el die Grafschaft an das Herzogtum

Bayern und wurde schnell wieder

rekatholisiert.


Der Glaube „Von der Freiheit

eines

Christenmenschen“

Luther-Bibel

„Sola Scriptura“ –

allein die Heilige Schrift ist Grundlage des

Glaubens.

Diese reformatorische Grund aussage bewog

Martin Luther dazu, die Bibel ins Deutsche zu

übersetzen und damit auch allen Menschen

zugänglich zu machen.

Das gelang: Sie fand – unterstützt durch den

Buchdruck – rasante und weite Verbreitung

und wurde bei Bedarf auch ohne Genehmigung

nachgedruckt – wie heute etwa Software

oder Musikdateien.

Lutherbibel, 4 Teilbände, 1523 – 1525

Städtisches Museum Rosenheim

1

Diese Schrift Martin Luthers aus dem Jahr

1520 zählt zu den grundlegenden reformatorischen

Werken. Luther beschreibt darin die

Existenz eines Christen mit zwei einander

scheinbar widersprechenden Thesen:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über

alle Dinge und niemand untertan.

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer

Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Christen sind frei, wenn es um den Wert und

die Würde ihrer Person geht. Vor Gott ist

jeder Mensch immer mehr wert als das, was

er aus seinem Leben macht. Im alltäglichen

Leben sind wir aber dazu aufgerufen, einander

in Nächstenliebe zu dienen.

Landeskirchliches Archiv

der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern,

Bibliothek 8° 1584/3

Caspar Vieweg 3

Die geistlichen Gesänge

Dieses Gesangbuch aus der Zeit um 1600

zeigt den hohen Stellenwert der Musik und

des Singens für die Reformation. Luther

selbst hat mehrere Kirchenlieder gedichtet

und vertont. Die Grundaussagen des

Christentums sollten auf diese Weise

gesungen zum Ausdruck gebracht werden.

Landeskirchliches Archiv

der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern

Bibliothek 2° 1351

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 153

2


Ein geliehenes Pferd

wurde nicht

zurückgegeben

Martin Glaser, Prior des Klosters Ramsau,

kannte Luther schon seit seinem Studium

in Wittenberg. Als Luther 1518 in Augsburg

durch Kardinal Cajetan verhört wurde,

besuchte Glaser seinen Studienfreund und

stellte ihm sein Pferd zu Verfügung.

Brief

Martin Luthers

an

Martin Glaser,

Augustinerprior

in Ramsau.

Wittenberg,

30. Mai 1519

In seinem Brief bittet Luther Glaser, sein

langes Schweigen zu entschuldigen und das

verlorene Pferd zu verschmerzen: „Deo sine

dubio dedisti, non mihi. – Du hast es ohne

Zweifel Gott gegeben, nicht mir.“

Unten rechts fi ndet sich die Unterschrift

Martin Luthers.

Forschungsbibliothek Gotha, Gym.5, Bl. 2r/v

154 Freiheit und Glaube

4

Polemik

Lucas Cranach d. J. 5

Der Weinberg des Herrn

Diese für die Reformationszeit typische

polemische Darstellung zeigt den Weinberg

des Herrn – ein Bild für die Kirche.

Der Weinberg des Herrn wird auf der linken

Seite vom Papst und seinen Anhängern

verwüstet, während auf der rechten Seite

Martin Luther und seine Anhänger den

Weinberg pfl egen und zum Blühen bringen.

Auf der rechten Seite sind u.a. zu sehen

Martin Luther (zweiter von links) und

Philipp Melanchthon (rechts am Brunnen).

Epitaph für Paul Eber, Stadtkirche St. Marien

Lutherstadt Wittenberg, 1569

(Reproduktion, Privatbesitz Dekan M. Grabow)


Die lutherische Lehre

wird im Herzogtum

Bayern verboten

Religionsedikt

von 1522

Die Lehre und die Schriften Martin Luthers

breiteten sich rasch in Deutschland aus.

Bereits 1522 erlassen die bayerischen Herzöge

Wilhelm und Ludwig ein erstes Religionsmandat,

mit dem sie die Verbreitung der

neuen Lehre verbieten. Sie ordnen darin

ihren Untertanen an, „das jr all vnd yede /

des Luthers / seiner anhennger / vnd hellffer

leren / vnnd Artigkl (…) nit annemen / noch

fräuenlichen oder beharrlich disputirn / noch

verfechten / Sonder in dem warn glaubn

eurer Vorelltern / der cristenlichen kirchen/

Bäpstlicher heyligkeiten / Kay. Maye. / vnd

vnns / gehorsam beleiben / vnnd erzaygen

wöllet“.

Bayerisches Hauptstaatsarchiv

Kurbayern Mandatensammlung 1522 III 5

6

Die Forderung nach dem Kelch, also der

Kommunion unter beiderlei Gestalt (sub

utraque specie) von Brot (Hostie) und Wein,

gehörte zu den wichtigsten Forderungen der

50er und 60er Jahre des 16. Jahrhunderts.

1556 musste Herzog Albrecht V. unter dem

Druck der oberbayerischen Landstände die

Reichung des Kelches zugestehen.

In Rosenheim – wie auch an vielen anderen

Orten – wurde es üblich, die Kommunion in

beiderlei Gestalt zu reichen. Die bayerische

Regierung betrachtete dies jedoch mit Sorge.

In einem Bericht aus dem Jahr 1563 wird die

Zahl der Kommunikanten „sub una“ (nur mit

Hostie) mit 100,

die der Kommunikanten

„sub utraque“ (Kelch und Hostie) dagegen mit

400 angegeben.

Die Rosenheimer seien „durchaus in der Religion

vergifft“. Dazu heißt es: „Die Ursach des

grossen abfals meg sein das der gemein arm

man von seiner obrigkhayt khein guet Exempl

hatt. Dann Pfl eger, Richter,

Gerichtsschriber, Marckhtschriber

vnd die furnembsten

des Raths send all

sectisch.“

Bayerisches Hauptstaatsarchiv

Kurbayern Äußeres Archiv 4264, fol. 318r

„durchaus

in der Religion vergifft“

Visitationsprotokolle

aus Rosenheim

aus den Jahren 1563 /64

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 155

7


„Versicht sein kirchen,

das iederman seins

dienst vergnuegt ist.“

Wolfgang

Muurbeck

1510 – 1582

1558 berief der Rat von Rosenheim Wolfgang

Muurbeck (auch Murpeckh bzw.

Murbeck geschrieben) nach St. Nikolaus, da

er die Kommunion unter beiderlei Gestalt

und in deutscher Sprache feierte. Er reichte

wohl auch die Kommunion außerhalb der

Messe.

Damit verstieß er aber gegen die vom bayerischen

Herzog Albrecht V. 1556 erlassene

Weisung, die zwar die Kommunion unter

beiderlei Gestalt zugestand, nicht jedoch

in deutscher Sprache und außerhalb der

Messe.

Wolfgang Muurbeck wurde daher zusammen

mit den Geistlichen von Au, Berbling

und Irschenberg im Münchener Falkenturm

festgesetzt und dann des Landes verwiesen.

Im evangelischen Württemberg fand er

schließlich eine Anstellung als evangelischer

Pfarrer von Hermaringen.

Im Synodusprotokoll von 1581 heißt es von

ihm: „Wolffgangus Muurbeck alt 71 Jar, bei

diser Kirchen in Diensten gewesen 23 Jar.

Versicht sein kirchen, das iederman seins

dienst vergnuegt ist.“

Der Fall Wolfgang Muurbeck zeigt, dass

die Grenzen zwischen der Kelchbewegung

und dem evangelischen Glauben durchaus

fl ießend sein konnten.

156 Freiheit und Glaube

8

Landeskirchliches Archiv Stuttgart

A 1 (Synodusprotokolle), Band 1 (1581), S. 195r.

Ausweisung 9

„das Land in einem

Monat zu räumen“

In Au (bei Bad Aibling) wird die Forderung

nach der Kommunion in beiderlei Gestalt

besonders laut. Die Geistlichen David und

Arsatius Preu und andere wurden des Landes

verwiesen und fanden Zufl ucht beim Herzog

von Württemberg, wo sie als evangelische

Pfarrer wirkten. In der Visitation des Jahres

1564 heißt es, hier gebe es „in die tausent

abgefallener verfürter personen“. Eine lange

Namensliste verzeichnet diejenigen, die das

Sakrament in beiderlei Gestalt empfangen

möchten.

Von weiteren 600 Personen heißt es, sie

„wellen das hochwürdig Sacrament vnnder

der meß durchaus nit, verachten dieselb, vnd

sagen, sy versteens nit, wellen doch kain

Information oder vnderweisung annemen.“

Ihnen allen sei „auferlegt worden, das Land

in einem monat zeraumen (zu räumen)“.

Bayerisches Hauptstaatsarchiv

Kurbayern Äußeres Archiv 4266, fol. 181v und 184r


Lebenswege

Ein

10

evangelischer Prediger

muss

Wasserburg verlassen

Stich des Michael Keller

vor 1500 – 1548

Michael Keller war

der erste evangelische

Prediger in Wasserburg.

1524 musste

er das Herzogtum

Bayern verlassen. Er

wurde Prediger an der

Augsburger Barfüßerkirche

und führte

1545 /46 in Kaufbeuren

die Reformation ein.

Privatbesitz Dr. Martin Geiger

Ein Wasserburger

wird

Leipziger

Superintendent

Stich des

Johann Pfeffi nger

1493 – 1575

In Wasserburg war es ab

etwa 1523 zu Ansätzen

einer evangelischen

Bewegung gekommen,

die jedoch sehr bald

gewaltsam unterdrückt

wurde.

1525 wurden die Geistlichen Georg Amman,

Michael Haydnecker und Johannes Hörl

verhaftet. Amman und Haydnecker wurden

zu ewiger Kerkerhaft verurteilt, Hörl 1526 in

Wasserburg enthauptet.

Aus Wasserburg stammt auch der hier

abgebildete Johann Pfeffi nger. Er nahm an

der Einführung der Reformation in Leipzig

teil und war dort seit 1540 Superintendent.

Privatbesitz Dr. Martin Geiger

11

Vom Hofmarschall

zum Häftling

Pankraz von Freyberg

1508 – 1565

Pankraz von Freyberg, dem die Herrschaft

von Hohenaschau und Wildenwart unterstand,

gelang am Hof des bayerischen

Herzogs Albrecht V. ein rascher Aufstieg.

1553 wurde er mit dem zweitwichtigsten

Amt am Hof, dem Amt des Hofmarschalls

betraut.

Pankraz setzte sich nachdrücklich für die

Reichung des Abendmahls unter beiderlei

Gestalt ein und verfasste hierzu auch zwei an

den Herzog gerichtete Schriften.

Inwieweit die von Pankraz vertretenen

Positionen evangelisch oder lutherisch sind,

ist nicht gänzlich geklärt. Er verfügte jedoch

über gute Beziehungen zu protestantischen

Herrschern, die er immer wieder nutzte,

um in Bayern unliebsam gewordenen

Geistlichen zu einer neuen Pfarrstelle zu

verhelfen. Durch sein deutliches Eintreten für

den sogenannten Laienkelch zog er sich die

Missgunst des bayerischen Herzogs zu und

wurde aus seinem Amt entlassen.

Doch für Pankraz kam es noch schlimmer:

Joachim von Ortenburg, der in seiner Herrschaft

die Reformation einführte, hatte sich

in Briefen abfällig über den bayerischen

Herzog geäußert. Diese Briefe fi elen nun

Albrecht V. in die Hände und belasteten auch

Pankraz von Freyberg.

Dieser wurde daraufhin im Münchener

Falkenturm in Haft genommen. 1564 wurde

er aus der Haft entlassen und starb bereits

ein Jahr später.

Hans Mielich, Pankraz von Freyberg

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

12

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 157


„Ich habe kein

peß Exempl am

hoff sein wellen“

Pankraz von Freyberg

bezieht Stellung

In diesen beiden handschriftlichen Dokumenten

Pankraz’ von Freyberg legt der Herr

von Hohenaschau und Wildenwart seine

theologischen Ansichten dar: Er verteidigt

vor Herzog Albrecht sein Eintreten für den

Kelch beim Abendmahl.

1558 hatte Pankraz zusammen mit anderen

Adeligen des Hofes die Osterkommunion

unter beiderlei Gestalt gewünscht. Als ihm

dies verwehrt wurde, verzichtete er ganz

auf die Teilnahme an der Kommunion. Der

Herzog stellte ihn daraufhin persönlich zur

Rede. In dem Dokument „Ursachen, warum

ich mich gegen meinen g.H. (= gnädigen

Herrn) in Religion Schriften und handlungen

eingelasen etc.“ aus dem Jahr 1561 gibt

Pankraz über den Verlauf dieses Gesprächs

Rechenschaft.

Ebenfalls aus dem Jahr 1561 stammt Pankraz’

theologische Erörterung „Vorlegung der Einrede,

da Ettliche sagen, Nemet, trincket alle

daraus, betreffe allain die Briester“.

Er will damit nachweisen, dass gemäß den

Einsetzungsworten des Abendmahls der

Kelch allen gereicht werden darf.

158 Freiheit und Glaube

13

Staatsarchiv München

Herrschaft Hohenaschau A 575

Eine evangelische Insel

Ladislaus zu Haag

und die

Grafschaft Haag

14

Dieses Portrait von Hans Mielich zeigt

Ladislaus Graf zu Haag ( 1505 – 1565 ).

Aufgrund seiner Heirat mit der evangelischen

Marie Salome von Baden-Sponheim

kam Ladislaus mit dem evangelischen

Glauben in Berührung.

Bald schon wandte sich auch der Graf der

lutherischen Lehre zu und führte in seiner

Grafschaft die Reformation ein.

Er unterzeichnete 1559 das Augsburger

Bekenntnis und führte 1561 die Sächsische

Kirchen ordnung in seiner Grafschaft ein.

Da Ladislaus kinderlos starb, fi el die Grafschaft

1566 an das Herzogtum Bayern und

wurde auf Betreiben von Herzog Albrecht

rasch wieder rekatholisiert.

Das Portrait zeigt Ladislaus Graf zu Haag.

Durch das offene Fenster blickt man auf das

Schloss von Haag.

Gemälde von Hans Mielich 1557

Ladislaus Graf zu Haag

Sammlung des fürstlichen Hauses von Liechtenstein

Museum des Haager Landes Inv.Nr. E 026

(Große Reproduktion am Eingang:

Geschichtsverein Reichsgrafschaft Haag)


Haager Taler

Diese Nachbildungen zeigen Haager Taler

aus den Jahren um 1549. Dargestellt ist

Ladislaus Graf zu Haag.

Privatbesitz Rudolf Münch

Modell des Haager

Schlosses

Das Modell zeigt den Bauzustand des Haager

Schlosses von 1480 bis 1748.

Geschichtsverein Reichsgrafschaft Haag

15

16

Bayerisches Hauptstaatsarchiv

Kurbayern Äußeres Archiv 533, fol. 148r

Auslaufen

„ … vnser vnderthonen

hauffenweiß vnd inn

grosser menig in dein

Grafschafft lauffen“

Herzog Albrecht V. 17

schreibt an

Ladislaus Graf zu Haag

1561

Herzog Albrecht V. von Bayern beschwert

sich bei Ladislaus Graf zu Haag darüber, dass

Haager Prädikanten in Albrechts Herzogtum

heimlich Winkelschulen einrichten und dort

die Sakramente reichen.

Dies führe zum sogenannten „Auslaufen“

zahlreicher Untertanen, die nach Haag

kommen, um dort „schwärmerische“,

also evangelische Prediger zu hören und

das Abendmahl in beiderlei Gestalt zu

empfangen.

Unter Hinweis auf den Augsburger Religionsfrieden

von 1555 fordert Albrecht den

Grafen auf, dafür zu sorgen, dass dessen

Prädikanten die Sakramente nicht außerhalb

der Grafschaft reichen.

Herzogliche Untertanen, die zu diesem

Zweck nach Haag kämen, sollten zurück in

ihre heimatlichen Pfarrkirchen geschickt

werden.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 159


Neubeginn im Moor

Evangelisches Leben

im Dekanat Rosenheim

im 19. und beginnenden

20. Jahrhundert

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war das

Kurfürstentum Bayern ein fast ausschließlich

katholisches Land. Nur wer katholisch war,

konnte in Bayern ansässig werden.

Dies änderte sich, als Bayern 1803 zahlreiche

evangelische Gebiete hinzugewann. Eine

neue Religionspolitik wurde notwendig.

Kurfürst Max Josephs

evangelische Frau Karoline

(1776–1841) wurde die

Namenspatronin eines

kleinen Ortes bei Aibling,

in dem sich Pfälzer Kolonisten

niederließen:

Großkarolinenfeld.

Unter den Siedlern waren auch viele

Evange lische – Lutherische und Reformierte.

1822 wurde hier die erste evangelische Kirche

in Oberbayern gebaut.

Hatte Großkarolinenfeld seit 1804 einen eigenen

Pfarrer, so wurde die rasch anwachsende

Zahl der Evangelischen in Oberbayern bald

durch sogenannte „Reiseprediger“ betreut.

Sie kamen von München, um mit den

verstreuten Protestanten Gottesdienst zu

feiern.

Bald schon fi el den Reisepredigern Rosenheim

auf. Die Stadt hatte durch den Bau der

Eisenbahn 1857 einen großen Aufschwung

genommen.

Die evangelischen Bürger trafen sich zum

Gottesdienst zunächst in der Wohnung des

Kleiderhändlers Klepper, dem Ahnherren der

späteren Klepperwerke, bevor sie im Rosenheimer

Rathaus einen Raum erhielten. 1876

lebten in Rosenheim etwa 600 Evangelische.

Der Bau einer eigenen Kirche wurde notwendig.

Sie wurde 1886 eingeweiht.

Weitere evangelische Kirchen entstanden

1904 in Bad Aibling, 1927 in Prien und mitten

im Krieg 1941 in Aschau.

Bild: Caroline von Baden, Schloss Salem

160 Freiheit und Glaube

Keramik-Model

Wasserburg, ca. 1800

Um 1800 gab es in Oberbayern

noch keine evangelischen Pfarrer.

Dennoch stellt dieses Keramik-

Model aus Wasserburg einen

evangelischen Geistlichen dar –

erkennbar am Beffchen und der

Bibel.

Sammlung Bernd Joa, Wasserburg

Franz Ludwig

Hirschmann:

Caroline von Baden

Bayerisches Hauptstaatsarchiv

18

19

Abendmahlskelch 20

der Kirchengemeinde

Großkarolinenfeld

Dieser Abendmahlskelch

wurde

vermutlich von

Königin Karoline

gestiftet.

Evang.-Luth. Kirchengemeinde

Großkarolinenfeld


21

„Pastoral-Instruction

für den Pfarrer

auf dem Carolinenfeld“

1806

Diese Dienstanweisung regelt den Dienst

des Pfarrers von Großkarolinenfeld. Auch

das Verhalten gegenüber den Katholiken

wird eigens geregelt.

Von dem Pfarrer erwartet man, dass er

„sich aller anzüglichen und anstössigen

Ausfälle sorgfältigst enthalten, und vielmehr

unausgesetzt bemüht seyn wird,

durch liebreiche Verträglichkeit und durch

entgegen kommendes gefälliges Einnehmen

die Achtung und nachbarliche

Freundschaft der anders Denkenden“ zu

gewinnen.

Staatsarchiv München, LRA 119234

22

Bauplan für die Kirche

von Großkarolinenfeld

1822 wurde die evangelische Kirche von

Großkarolinenfeld erbaut, knapp 30 Jahre

vor der katholischen Kirche.

Es war das erste evangelische Gotteshaus

in Ober bayern.

Seine nüchterne Ausstattung erinnert bis

heute an die Zeit, als Reformierte und

Lutheraner hier gemeinsam Gottesdienst

feierten. Die erste Orgel stiftete der König;

es war die ehemalige Orgel des Klosters

Tegernsee.

Staatsarchiv München, LRA 119237

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 161


Staatsarchiv München, RA 8536, fol. 7r/v

„Am meisten hat

man sich zu schämen

vor Gästen“

23

Pfarrer Haug schildert in einem Brief die

für evangelische Gottesdienste unwürdigen

Zustände in Großkarolinenfeld, die wohl

zunächst in einem kargen Raum stattfi nden:

„Nichts, auf der Welt nichts, was sonst in

christlichen Kirchen ohne Unterschied

angetroffen wird, ist da zu fi nden, auch

nicht einmal eine Kanzel oder Katheder,

geschweige denn ein Altar oder deß etwas.“

Haug warnt vor dem Eindruck, den dies auf

die katholischen Mitbürger, aber auch Gäste

machen könnte:

„Und ob nicht unsere katholischen Nachbarn,

deren Kirchen freilich durchgängig

eine zweckmässigere Einrichtung haben, und

die sich zum voraus noch immer nicht die

freundlichsten Vorstellungen von den Lutherischen

und ihrem Glauben machen, nicht

eine so geringschätzigere Idee von uns fassen

müssen, je armseliger sie unseren religiösen

Versammlungen geweihten Ort eingerichtet

sehen, will ich dahin gestellt seyn lassen. (…)

Am meisten hat man sich zu schämen vor

Gästen, welche doch hin und wieder als Protestanten

von Aibling und mehr noch von

Rosenheim her zur Kirche kommen.“

Brief des Pfarrers von Großkarolinenfeld

Johann David Haug an das Oberkonsistorium

in München, 6. März 1815

162 Freiheit und Glaube

Evang.-Luth. Kirchengemeinde Rosenheim

Pfarrarchiv 59

„die Abhaltung 24

protestantischer

Gottesdienst

im Markte

Rosenheim betreffend“

Gesuch der Rosenheimer

Protestanten

Mit Magistratsbeschluss vom 16. August 1858

stellte die Stadt Rosenheim den Saal des

Rathauses am Max-Josefs-Platz für

evangelische Gottesdienste zur Verfügung.

Am 26. September 1858 stellten die

protestantischen Einwohner Rosenheims

ein Gesuch, regelmäßig evangelische

Gottesdienste in Rosenheim abhalten zu

dürfen.

Links in der Mitte fi ndet sich auch die

Unterschrift des Kleiderhändlers J. Klepper,

dessen Nachfahren später die Klepper-Werke

begründeten. In seinem Wohnzimmer fanden

die ersten evangelischen Gottesdienste in

Rosenheim statt.


Baupläne für die

evangelische Kirche

in Rosenheim

Die Zahl der Evangelischen in Rosenheim

wuchs Ende des 19. Jahrhunderts beständig.

So wurde der Bau einer eigenen Kirche

dringend erforderlich und von den

Rosenheimern mit viel Engagement

betrieben.

Der angesehene Leipziger Architekt und

spätere Straßburger Dombaumeister

August Hartel ( 1844 – 1890 ) entwarf die

Pläne für eine evangelische Kirche in

Rosenheim. Sie wurde 1886 eingeweiht und

trägt seit 1961 den Namen „Erlöserkirche“.

Evang.-Luth. Kirchengemeinde Rosenheim

25

Der Altar der 26

ersten evangelischen

Gottesdienste im

Rathaussaal

Im Rathaus, das sich im 19. Jahrhundert

noch am Max-Josefs-Platz befand, fanden

die ersten Gottesdienste der evangelischen

Gemeinde Rosenheims statt.

Der Altar hat sich erhalten und steht heute

in der Sakristei der Erlöserkirche.

Foto: Bernhard Liess

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 163


Königlich-

Protestantisches

Pfarramt

Ein königlichprotestantisches

Pfarramt Rosenheim

gab es bis zum Ende

der Monarchie 1918.

Aufgrund der institutionellen

Verbindung

von Staat und Kirche

und aufgrund des für

den Protestantismus

charakteristischen sogenannten

„landesherrlichen Kirchenregiments“

hatte der katholische König formal das

„oberste Episkopat“ über die evangelischlutherische

Kirche inne.

Evang.-Luth. Kirchengemeinde Rosenheim

Historische Bilder

von der Erlöserkirche

Evang.-Luth. Kirchengemeinde Rosenheim

27

28

164 Freiheit und Glaube

Abendmahlsgeräte

der Erlöserkirche

Diese Abendmahlsgeräte

( Hostienbehälter und

Kelch) wurden Anfang des

20. Jahrhunderts von

den Konfi rmanden

gestiftet. Die Geräte sind

noch heute in Gebrauch.

Evang.-Luth. Kirchengemeinde

Rosenheim

Erstes Taufbuch

der Evang.-Luth.

Kirchengemeinde

Rosenheim

Einer der ersten Einträge im Taufbuch der

Rosenheimer Kirchengemeinde stammt

vom 8. Februar 1893 und nennt „Hermann

Wilhelm Göring“ ( 1893 – 1946 ). Göring

wurde in Rosenheim geboren und zu Hause

evangelisch getauft.

Evang.-Luth. Kirchengemeinde Rosenheim

29

30


Dokumente aus

dem 1. Weltkrieg

Der Ausbruch des 1. Weltkrieges stellte die

Kirchengemeinde vor große Herausforderungen.

Wöchentlich wurden sogenannte Kriegsgebetsstunden

gehalten.

Verwundete Soldaten in den Lazaretten

wurden seelsorgerlich begleitet und die im

Feld stehenden Soldaten wurden u.a. an

Weihnachten mit Paketen versorgt.

In Dankesbriefen von Soldaten der Frontheißt

es z.B: „Im Schützengraben, 18. 12. 15.

Bin jetzt 16 Monate in Feindesland und

wäre Gott dankbar, wenn einmal die Zeit

kommen würde, wo ich zu meinen Lieben

zurückkehren könnte.“

Evang.-Luth. Kirchengemeinde Rosenheim

Pfarrarchiv 68

31

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 165


75 Jahre

Dekanat Rosenheim

Seit dem 24. Dezember 1914 gehörten alle

Gemeinden in Südostoberbayern zu dem von

König Ludwig III. als katholischem Oberhaupt

der Evangelisch-Lutherischen Kirche

gegründeten Dekanat München II mit Sitz in

Ingolstadt.

Doch die Entfernungen waren weit und

die Bevölkerung wuchs. So entstand bald

der Gedanke eines neuen Dekanats in

Ober bayern.

Durch geschicktes Verhandeln und so

manche taktische Winkelzüge gelang es den

Rosenheimern, dass der Sitz des neuen

Dekanats nicht Traunstein, sondern

Rosenheim wurde.

Am 29. Januar 1933 wurde Dekan Franz

Schmid in der Rosenheimer evangelischen

Kirche in sein Amt eingeführt.

Zu seinem Dekanat gehörten 1933 die

Pfarreien Bad Aibling, Berchtesgaden,

Burghausen, Erding, Großkarolinenfeld,

Miesbach, Mühldorf, Bad Reichenhall,

Rosenheim, Bad Tölz und Traunstein mit

insgesamt rund 10.300 Gemeindemitgliedern.

Die nationalsozialistische Herrschaft und vor

allem die Auseinandersetzung mit den sogenannten

„Deutschen Christen“ prägten die

ersten Jahre des noch jungen Dekanats.

Das Dekanat Rosenheim stellte sich hinter

Landesbischof Hans Meiser, dem es – bei

allen bedenklichen Kompromissen – gelang,

den Gleichschaltungsversuch der nationalsozialistischen

Kirchenpolitik abzuwehren.

Schwierigkeiten gab es vor allem mit Pfarrer

Hans Gollwitzer aus Mühldorf, der sich als

überzeugter Nationalsozialist massiv für die

„Deutschen Christen“ einsetzte. 1935 wurde

er seines Amtes enthoben.

Das Dekanat Rosenheim schloss sich mehrheitlich

der Bildung von sogenannten

Bekenntnisgemeinschaften an. Diese „Bekennende

Kirche“ unterstützte Bischof Meiser in

der Abwehr der „Deutschen Christen“.

Dennoch wollte die bayerische Landeskirche

wie auch das Dekanat Rosenheim gegenüber

dem Staat und den neuen nationalsozialistischen

Machthabern loyal bleiben.

Protest oder gar Widerstand gegen die

nationalsozialistische Politik unterblieb

daher weitgehend.

Zur Entrechtung, Deportation und schließlich

Ermordung der jüdischen Bevölkerung

schwieg auch die evangelische Kirche im

Dekanat Rosenheim.

166 Freiheit und Glaube

Der Zweite Weltkrieg stellte die Kirchengemeinden

des Dekanats vor schwierige

Aufgaben:

Viele Pfarrer waren zum Militärdienst

eingezogen und mussten vertreten werden.

Die Umsiedler aus z.B. Bessarabien und der

Bukowina sowie die evakuierte Kinder aus

den vom Luftkrieg bedrohten Großstädten

mussten begleitet und seelsorgerlich betreut

werden. Die Zahl der gefallenen Gemeindeglieder

nahm ungekannte Ausmaße an.


Rosenheim – 32

die Mitte Oberbayerns

Mit dieser selbst gezeichneten Karte wurde

Oberlehrer Karl Weber mit Vertretern

der Rosenheimer Kirchengemeinde im

Münchener Oberkonsistorium vorstellig.

Sie „bewiesen“ damit, dass als Sitz für das

neu zu gründende Dekanat nur Rosenheim

und nicht etwa Traunstein in Frage käme.

Die Bemühungen führten schließlich 1933

zum Erfolg.

Landeskirchliches Archiv der

Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern

Bayerisches Dekanat Rosenheim Nr. 44 2

„eine achtenswerte

Persönlichkeit“

Dekan

Franz Schmid

1875 – 1954

Pfarrer Franz Schmid kam

1932 nach Rosenheim.

Die Übernahme der

Dekansfunktion des neu

zu schaffenden Dekanats

Rosenheim war ihm zugesagt

worden. Schmid war

zuvor Dekan in Neu-Ulm gewesen und

davor Pfarrer in Traunstein. Er blieb Dekan

in Rosenheim bis zu seinem Ruhestand

1943. Sein Nachfolger wurde Friedrich von

Ammon.

Evang.-Luth. Kirchengemeinde Rosenheim

33

„Fort mit Bischof Meiser“

Zeitungsartikel

und

Unterschriftenliste

für Bischof Meiser

34

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten

1933 sollten auch die evangelischen

Landeskirchen „gleichgeschaltet“

und in eine deutsche Reichskirche unter

dem „Reichsbischof“ Ludwig Müller

eingegliedert werden.

Landesbischof Hans Meiser setzte sich für

den Erhalt der auf das lutherische Bekenntnis

gegründeten bayerischen Landeskirche

ein. Dies führte zu polemischen Attacken

gegen Meiser. Im Oktober 1934 spitzten

sich die Ereignisse zu: Meiser wurde unter

Hausarrest gestellt und die bayerische

Landes kirche sollte in die Reichskirche

eingegliedert werden.

Dieser „Gleichschaltungsversuch“ scheiterte

nicht zuletzt am Widerstand und an

Protestaktionen in den Gemeinden.

Wie in den meisten Kirchengemeinden

wurden auch in Rosenheim Unterschriften

gesammelt.

Der Text der Erklärung spiegelt das Dilemma

der evangelischen Kirche wider:

Einerseits wollte man Volk und „Führer“

dienen, andererseits aber den

Gleichschaltungsversuch der Reichskirchenregierung

nicht akzeptieren.

Zeitung: Privatbesitz Albrecht und Leonore Liess

Erklärung: Evang.-Luth. Kirchengemeinde

Rosenheim

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 167


Moses Wolf,

Taube und Klara

Fichtmann

Zahlreiche jüdische Familien lebten bis zum

Beginn des 2. Weltkrieges in Rosenheim und

trugen mit ihren Geschäften zum wirtschaftlichen

Erfolg Rosenheims bei.

Nach einer Hetzkampagne musste Moses

Wolf Fichtmann unter dem Druck der Nationalsozialisten

1938 sein Geschäft in der

Riederstraße verkaufen. Er starb 1941 im

„Gemeinschaftshaus der jüdischen Kultusgemeinde“

in München, in das die Familie

umziehen musste. Taube und Klara

Fichtmann wurden am 3. April 1942

deportiert und in einem der Vernichtungslager

ermordet.

Stadtarchiv Rosenheim

Boykott jüdischer

Geschäfte

1. April 1933

Ein SA-Posten überwacht den Boykott des

Geschäftes von Moses Wolf Fichtmann in

der Riederstraße. Die evangelische Kirche

äußerte sich hierzu nicht. Ebenso schwieg

sie zu allen anderen antisemitischen Maßnahmen

wie der Pogromnacht 1938 und der

Deportation und Ermordung der jüdischen

Bevölkerung.

Stadtarchiv Rosenheim

35

36

168 Freiheit und Glaube

Dr. Erich Holper

1902 – 1974

Erich Holper, Rechtsrat und

zweiter Bürgermeister der Stadt

Rosenheim, gehörte der NSDAP

und der SA seit 1929 an.

Als SA-Sonderkommissar war er

verantwortlich für zahlreiche

Verhaftungen, die Zerschlagung von KPD

und SPD, Arbeiterverein und Gewerkschaften

sowie die „Gleichschaltung“ des

Kunstvereins.

1933 wurde Holper Mitglied des

Kirchen vorstandes der Evang.-Luth.

Kirchengemeinde Rosenheim, aus dem er

aber schon 1935 wieder ausschied.

1936 trat er aus der Kirche aus.

Nach dem Krieg lebte Holper in Bernau,

wo er auch wieder in die Kirche eintrat. 1974

starb er und wurde unter großer Anteilnahme

und öffentlicher Aufmerksamkeit beerdigt.

Gewürdigt wurde vor allem sein Einsatz für

den Bau der Städtischen Galerie Rosenheim.

Stadtarchiv Rosenheim

Der

38

nationalsozialistische

Rosenheimer

Stadtrat am 5. Juli 1934

Hermann Just und

Dr. Erich Holper

(dritter und vierter

von links) sind

zugleich Mitglieder

des Kirchenvorstandes

der Kirchengemeinde Rosenheim

und des nationalsozialistischen Stadtrates.

Stadtarchiv Rosenheim

Brief von

Erich Holper

37

39

Holper lehnt

den Beitritt

zur Bekenntnisgemeinschaft

ab.

Evang.-Luth. Kirchengemeinde

Rosenheim

Pfarrarchiv 2


„Deutscher Christ“, 40

Nationalsozialist,

Pfarrer und Bürgermeister

von Mühldorf

Hans Gollwitzer

Der Mühldorfer Pfarrer Hans Gollwitzer war

schon früh ein überzeugter Nationalsozialist

und Anhänger der „Deutschen Christen“. In

dem gescheiterten „Gleichschaltungsversuch“

1934 spielte er als

sogenannter „geistlicher

Kommissar für Altbayern“

eine wichtige Rolle.

Nach langen Auseinandersetzungen

wurde er

1935 seines Amtes als

evangelischer Pfarrer

enthoben. Gollwitzer

war ab 1937 nationalsozialistischerBürgermeister

der Stadt

Mühldorf. 1939 trat er

aus der evangelischen

Kirche aus. Von 1952

bis 1966 war er erneut

Bürgermeister von

Mühldorf.

Manfred Fischer (Gollwitzer mit Konfi rmanden)

und Fritz Gollwitzer (Gollwitzer in Uniform)

41

Bekenntnisgemeinschaft

und rote Mitgliedskarte

1935 kommt es auch im Dekanat Rosenheim

zur Gründung von sogenannten Bekenntnisgemeinschaften.

Dadurch sollte der Kurs der

bayerischen Kirchenleitung unter Bischof

Meiser gegen die „Deutschen Christen“

unterstützt werden.

Die Beitrittserklärungen wurden an die

Gemeindeglieder versandt und von der

überwiegenden Zahl unterschrieben.

Die „Rote Karte“ galt dann als Mitgliedskarte

der Bekenntnisgemeinschaft und

damit der sogenannten „Bekennenden

Kirche“.

Evang.-Luth. Kirchengemeinde Rosenheim

Pfarrarchiv 2

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 169


Politiker, Künstler,

Theologen …

Bedeutende

Protestanten im

Dekanat Rosenheim

Im Dekanat Rosenheim haben im Lauf der

Zeit immer wieder bedeutende protestantische

Persönlichkeiten gelebt.

Der Maler Julius Exter,

die Politikerin Ingeborg Geisendörfer,

der Dichter Rudolf Alexander Schröder,

die Theologen Heinz Zahrnt

und Gerhard von Rad,

der „Vater“ der christlichen Publizistik

Robert Geisendörfer

und viele andere – sie alle haben hier gelebt,

gearbeitet oder Urlaub gemacht. Sie haben

damit auch einen protestantischen Beitrag

geleistet zu Kunst, Kultur, Kirche und Politik.

Gästebuch aus

Schloss Neubeuern

Die Besitzer von Schloss Neubeuern, Jan

und Julie von Wendelstadt, empfi ngen

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts

viele bedeutende Persönlichkeiten aus

Kunst, Kultur und Politik.

In den Gästebüchern fi nden sich Einträge

von Hugo von Hofmannsthal, Annette Kolb,

Rudolf Alexander Schröder und immer wieder

auch von Philipp zu Eulenburg, der 1908

im Mittelpunkt der sogenannten Harden-

Affäre um homosexuelle Neigungen am Hof

Kaiser Wilhelms II. stand.

Privatbesitz, Schloss Neubeuern

42

170 Freiheit und Glaube

Jan und Julie 43

von Wendelstadt

und Schloss Neubeuern

Jan von Wendelstadt

erwarb 1882 Schloss

Neubeuern.

Zusammen mit seiner

Frau Julie Gräfi n

Degenfeld

versammelte er auf

Schloss Neubeuern

immer wieder bedeutende

Künstler wie

Hugo von Hofmannsthal,

Annette Kolb,

Rudolph Borchardt,

Harry Graf Kessler, Franz von Lenbach,

Rudolf Alexander Schröder u.v.a.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde

Schloss Neubeuern ein Internat, zu

dessen Schülern u.a. auch Thomas Manns

Sohn Michael zählte. Nach dem Zweiten

Weltkrieg fand eines der ersten Treffen der

„Gruppe 47“ auf dem zu Neubeuern

gehörenden Besitz Hinterhör statt.

Schloss Neubeuern


Julius Exter

„Judith als

Konfi rmandin“

Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser,

Gärten und Seen

44 Julius Exter

1863 – 1939

Der aus Ludwigshafen stammende Julius

Exter wurde an der Münchener Akademie

der Bildenden Künste zum Kunstmaler

ausgebildet.

1892 gehörte er zu den Gründern der

Münchener Sezession und schloss sich 1894

der progressiven „Freien Vereinigung

Münchener Künstler“ an.

Er galt als ein Wegbereiter der modernen

Malerei in München und erhielt den

Ehrentitel „Farbenfürst“.

1902 erwarb Exter ein Haus in Übersee-

Feldwies, in dem er seit 1917 dauerhaft

wohnte. Exters Entwicklung führt vom

Historismus zur vitalen Farbigkeit des

Expressionismus.

Den Schwerpunkt seines Schaffens bilden

neben fi gürlichen Kompositionen und

Portraits Landschaften und Akte.

Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser,

Gärten und Seen

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 171


Rudolf Alexander

Schröder

1878 – 1962

Der Schriftsteller, Dichter und Über setzer,

aber auch Architekt und Maler

Rudolf Alexander Schröder lebte seit 1935

in Bergen im Chiemgau.

Der gebürtige Bremer war 1897 nach

München gekommen und hatte dort

zusammen mit seinem Vetter die

bedeutende Literatur-Zeitschrift „Die Insel“

gegründet.

In der Zeit nach dem 1. Weltkrieg wandte

sich Schröder erneut dem christlichen

Glauben zu. Auf die Machtergreifung der

Nationalsozialisten reagierte er mit innerer

Emigration. In dieser Zeit entstanden u.a.

die noch heute im Evangelischen Gesangbuch

enthaltenen Lieder

„Wir glauben Gott im höchsten Thron“

(EG 184) und

„Abend ward, bald kommt die Nacht“

(EG 487).

Schröder, dem öffentliche Auftritte

verboten waren, ließ sich 1942 als Lektor

und Prädikant ausbilden und hielt

Gottesdienste.

1947 wurde er als Vertreter des Dekanats

Rosenheim mit überwältigender Stimmenzahl

in die Landessynode der Evangelisch-

Lutherischen Landeskirche Bayerns gewählt

und wurde deren Alterspräsident.

Sonntagsblatt Bayern

172 Freiheit und Glaube

Ingeborg Geisendörfer

1907 – 2006

Ingeborg Geisendörfer, geb. Schaudig,

kam 1936 als Lehrerin nach Rosenheim,

wo sie ihren späteren Mann

Robert Geisendörfer kennen lernte,

der hier evangelischer Stadtvikar war.

Beide wohnten bis 1947 in Brannenburg.

Während Robert Geisendörfer eine wichtige

Figur in der kirchlichen Publizistik

wurde, schlug Ingeborg Geisendörfer den

Weg in die Politik ein.

Von 1953 bis 1972 war sie Bundestagsabgeordnete

der CSU. Viele Jahre war

sie Mitglied der Synode der Evangelisch-

Lutherischen Landeskirche Bayern und der

Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD).

Ihr Engagement galt vor allem den Rechten

der Frau, aber auch der Familien- und

Bildungspolitik sowie der UNESCO.

Deutscher Bundestag, Foto- und Bildstelle


Robert Geisendörfer

1910 – 1976

Robert Geisendörfer war von 1937 bis 1947

Stadtvikar in Rosenheim mit Dienstsitz in

Brannenburg.

Zuständig war er vor allem für die

Evangelischen im Inntal.

1947 wurde er Geschäftsführer des

Evangelischen Presseverbandes Bayerns.

Er gilt als der Mentor der kirchlichen

Publizistik in Deutschland. Bald schon

erkannte er, welche Bedeutung Hörfunk

und Fernsehen für die kirchliche Publizistik

haben.

Er war lange Jahre Fernsehbeauftragter der

Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

und gründete das Gemeinschaftswerk der

Evangelischen Publizistik (GEP).

Die Aufgabe kirchlicher Publizistik fasste er

so zusammen:

„Was evangelische Publizistik kann:

Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln

und Stimme leihen für die Sprachlosen.“

Evang.-Luth. Kirchengemeinde Kiefersfelden

und Oberaudorf

Wilhelm Stählin

1883 – 1975

Der im bayerischen Gunzenhausen geborene

Wilhelm Stählin war zunächst Pfarrer

in Bayern. Er gehörte zu den Mitbegründern

des Berneuchener Kreises und der Michaelsbruderschaft,

die eine liturgische Erneuerung

des Protestantismus anstrebten.

Seit 1926 war er Professor für Praktische

Theologie in Münster.

Von 1945 bis 1952 war er Bischof der

Evangelisch-Lutherischen Kirche in

Oldenburg.

Seinen Ruhestand verbrachte er seit 1952

in Rimsting und seit 1966 in Prien am

Chiemsee.

Evang.-Luth. Kirche Oldenburg

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 173


Bernt von Heiseler

1907-1969

Der Sohn des Dichters Henry

von Heiseler wurde 1907 in

Brannenburg geboren.

Der Vater hatte dort das

Bauernhaus Vorderleiten

erworben. Hier lebte und

arbeitete der Schriftsteller

Bernt von Heiseler bis zu seinem Tod im

Jahr 1969.

Sein Werk umfasst Gedichte, Essays,

Romane und Theaterstücke. Darüber hinaus

betätigte er sich als Herausgeber der Werke

von Goethe, Eichendorff, Kleist, Mörike und

Stifter.

Das Christentum, das Vertrauen auf Gott

und der Gedanke des christlichen Abendlandes

prägen alle seine Werke, die vielfach

auch stark religiöse Züge tragen. Heiseler

fühlte sich der evangelischen Kirche verbunden

und gehörte über viele Jahre dem

Kirchenvorstand in Brannenburg an.

Sein Haus Vorderleiten war ein kultureller

Mittelpunkt, in dem zahlreiche Lesungen,

Vorträge und Konzerte stattfanden.

Stimme des Schutzengels

Versuche nicht den Schatten, den du wirfst,

Ans Herz zu nehmen. Wende dich zum Licht,

Gott will dir wohl, und der sich hinter dir

Bewegt, das dunkle Nachbild deiner selbst,

Lockt dich dann nicht mehr von dir weg

zum Nichts.

Nein, dieser Schatten wird das Zeichen sein,

Daß du geschaffnes Wesen bist, bei dem

Das Licht des Vaters ankommt und sich

ausruht.

So voller Sinn ist eure Erdenwelt

Und nichts in ihr Gegebnes, das nicht gut ist.

Nur wende dich und nimms von Dem der gibt.

174 Freiheit und Glaube

Gerhard von Rad

1901 – 1971

Gerhard von Rad war einer der großen

deutschen Wissenschaftler des

Alten Testaments.

Von 1949 bis 1967 war er Professor für Altes

Testament in Heidelberg.

Verheiratet war er mit Luise von Loeffelholz-

Colberg, die aus Bad Endorf stammte.

In der Villa ihres Vaters, General Georg von

Loeffelholz-Colberg, fand 1922 der erste

evangelische Gottesdienst in Bad Endorf

statt. Gerhard von Rad verbrachte über viele

Jahre seinen Urlaub in Bad Endorf.

Universitätsarchiv Heidelberg


Heinz Zahrnt

1915 – 2003

Nach dem Studium der evangelischen

Theologie, Philosophie und Geschichte

und dem Militärdienst kam Zahrnt 1945

nach Rosenheim, wo er für ein Jahr eine

Pfarrstelle übernahm.

Hier gründete er zusammen mit dem

katholischen Dogmatiker Michael Schmaus

(1897– 1993) ein inter konfessionelles

„Religiöses Vortragswerk“, aus dem das

heutige (katholische) Bildungswerk

entstand.

Zahrnt war über viele Jahre theologischer

Chefredakteur des Deutschen Allgemeinen

Sonntagsblattes. Mit zahlreichen allgemein

verständlichen theologischen Werken

gelang es ihm, ein breites Publikum für

theologische Fragen zu interessieren.

Piper Verlag

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 175


Nach dem 2. Weltkrieg wuchs die Zahl der

Evangelischen im Dekanat Rosenheim stark

an, vor allem auch durch die Vertriebenen

aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten.

Dies führte in den 50er Jahren zu zahlreichen

Neugründungen von evangelischen Gemeinden

und dem Bau neuer Kirchen. Schon

1948 entstand das Dekanat Traunstein. 1997

wurde dann das Dekanat Bad Tölz gegründet.

Das Dekanat Rosenheim umfasst heute

15 Kirchengemeinden mit etwa 50.000

Evangelischen, ein großes Diakonisches

Werk und das Evangelische Bildungswerk

Rosenheim. Über 120 Schulen werden von

den Religionslehrkräften mit evangelischem

Religionsunterricht versorgt.

Karten

des Dekanats

Das Dekanat Rosenheim hat sich seit seiner

Gründung im Jahr 1933 mehrfach verändert.

Seit 1997 hat es seine jetzige Gestalt.

Dekanat Rosenheim

Bad Tölz

176 Freiheit und Glaube

Traunstein

Dekanat Rosenheim

1948 – 1997

Bad Tölz

Dekanat Rosenheim

seit 1997

Dekanat

Bad Tölz

seit 1997

Bad Tölz

Traunstein

Dekanat

Traunstein

seit 1948

Traunstein

Dekanat

Traunstein

seit 1948


Die Kirchengemeinden

Aschau-Bernau

Im ausgehenden 19. Jahrhundert

versammel ten sich die evangelischen

Gläubigen in einem Betsaal des Aschauer

Verwaltungsgebäudes.

Der Wunsch nach einer eigenen Kirche in

Aschau ging 1941 – mitten im Krieg – in

Erfüllung.

1964 wurde die Aschauer Friedenskirche

durch einen von Olaf Gulbransson entworfenen

Chorraum erweitert.

In Bernau wuchs die Zahl der Evangelischen

nach dem Zweiten Weltkrieg stark an, vor

allem durch den Zuzug zahlreicher Heimatvertriebener.

So wurde in Bernau 1956 die

Heilandskirche eingeweiht. 1958 entstand

das Pfarrhaus mit einem Gemeindesaal

neben der Aschauer Kirche.

Seit 1966 ist Aschau-Bernau eine eigenständige

Kirchengemeinde. 1996 erhielt Bernau,

und 2000 Aschau ein neues Gemeindehaus

bzw. einen Gemeindesaal.

Heute hat die Kirchengemeinde Aschau-

Bernau etwa 1900 Gemeindeglieder. Einer

der Höhepunkte ist der alljährliche Gottesdienst

auf der Kampenwand.

Bad Aibling

Bis 1922 gehörten die Evangelischen aus

Bad Aibling zur Kirchengemeinde

Groß karolinenfeld.

Die Anstrengungen des örtlichen

Evange lischen Vereins führten 1904 zur

Einweihung der Christuskirche in Bad

Aibling. 1922 wurde die Kirchengemeinde

selbständig.

Sie umfasste im wesentlichen das Gebiet des

ehemaligen Landkreises Bad Aibling sowie

der politischen Gemeinde Kolbermoor. Die

Gemeindegliederzahl betrug damals etwa

600.

Der Zuzug von Flüchtlingen ließ die

Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg stark

wachsen: von 1945 bis 1948 auf über 5000.

So wurden 1962 Bruckmühl und 1963 Kolbermoor

selbständige Kirchengemeinden.

1961 wurde der Bau eines zweiten Gotteshauses

in Bad Feilnbach erforderlich, die

Kapelle „Zum Guten Hirten“.

In Bad Feilnbach ist auch eine zweite Pfarrstelle

angesiedelt.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Seelsorge

in den zahlreichen Kur- und Rehabilitationseinrichtungen.

Seit 1996 befi ndet sich der

Kindergarten „Zum Regenbogen“ in Willing

in der Trägerschaft der Kirchengemeinde.

Heute gehören zur Kirchengemeinde Bad

Aibling etwa 3800 Evangelische.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 177


Bad Endorf

Die ersten Evangelischen mussten zum

Gottesdienst nach Rosenheim oder Prien

fahren.

1922 fand der erste evangelische Gottesdienst

in Endorf in der Villa der Familie

Lehmann statt.

Die Zahl der Evangelischen wächst im Laufe

der Jahre und steigt nach dem Zweiten

Weltkrieg noch einmal sprunghaft an.

1952 schließlich wurde die Dreieinigkeitskirche

in Bad Endorf, und 1998 die Johannes-

Kirche in Obing eingeweiht. Heute gehören

zur Kirchengemeinde Bad Endorf etwa 2500

Evangelische in den Orten Amerang, Bad

Endorf, Eggstätt, Halfi ng, Höslwang, Obing,

Pittenhart und Söchtenau.

178 Freiheit und Glaube

Brannenburg

Im Jahr 1949 wurde die Kirchengemeinde

Brannenburg selbständig. Bis dahin gehörte

sie zu Rosenheim.

1952 entstand in Raubling die Christuskirche,

1964 in Brannenburg die Michaelskirche.

Sie ist mit 400 Sitzplätzen die größte Kirche

des Dekanats.

Die Kirchengemeinde verfügt über zwei

Gemeindehäuser: Das Diakoniehaus in

Brannenburg (1987) ist heute eine Stätte für

offene Jugendarbeit und Gemeindehaus mit

einer eigenen Bibliothek. Das Gemeindehaus

in Raubling (1990) ist ein Ort für

Kreativgruppen, Eltern-Kindgruppen, Chorproben

und viele andere Veranstaltungen.

Die Kirchengemeinde kooperiert eng mit

dem Brannenburger Diakonieverein. In elf

Altersheimen mit über 300 Plätzen fi nden

Gottesdienste und Seelsorge statt.

Die Kirchengemeinde verfügt über drei

Kindertagesstätten mit 280 Plätzen.

Heute umfasst die Kirchengemeinde

Brannenburg die Gemeinden Brannenburg,

Flintsbach, Neubeuern, Nußdorf und

Raubling mit etwa 3400 Evangelischen.


Bruckmühl –

Feldkirchen-Westerham

Ab 1920 fanden in der Wolldeckenfabrik Heufeldmühle

die ersten „Sonntagsandachten“

statt.

Die älteste „Kirche“ verdanken die evangelischen

Christen im westlichen Mangfalltal

dem Generalkonsul Karl Stollwerck.

Für seine 1911 verstorbene Tochter errichtete

er 1927 ein Mausoleum, in dem bis heute

Gottesdienste gefeiert werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Zahl

der Evangelischen durch die große Zahl an

Heimatvertriebenen.

1954 wurde in Bruckmühl die Johannes kirche

zusammen mit Pfarr- und Gemeindehaus

eingeweiht, und 1962 wurde Bruckmühl eine

eigenständige Pfarrei.

1983 schließlich wurde die Emmauskirche in

Feldkirchen-Westerham gebaut.

Heute gehören zur Kirchengemeinde

Bruckmühl–Feldkirchen-Westerham

etwa 4000 Evangelische.

Ebersberg

Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten in

Ebersberg sechs evangelische Familien.

Dies änderte sich nach dem Krieg.

Als 1958 die erste evangelische Kirche in

Ebersberg eingeweiht wurde, gab es hier

bereits 500 Evangelische.

Nach der Teilung der großen Kirchengemeinde

Grafi ng-Ebersberg 1985 erhielt

die Kirchengemeinde Ebersberg ihre heutige

Ausdehnung.

Zu ihr gehören Ebersberg, Kirchseeon,

Steinhöring und Hohenlinden.

In Kirchseeon wurde 1962 die Johanneskirche

errichtet.

Die Kirchengemeinde verfügt über zwei

Kindertagesstätten.

Rund 3850 Evangelische gehören heute zur

Kirchengemeinde Ebersberg.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 179


Grafi ng

Der Gemeindebereich Grafi ng/Aßling/Glonn

gehörte bis 1958 zur Kirchengemeinde

Großkarolinenfeld und wurde von dort aus

betreut.

Seit 1923 wurde in Grafi ng die Heilandskirche

als Gotteshaus benutzt. Es handelt

sich dabei um ein älteres, umgebautes

Feuerwehrhaus.

Wie in vielen anderen Gemeinden auch,

wuchs die Zahl der Evangelischen nach dem

Zweiten Weltkrieg stark an.

1958 wurde dann die Kirchengemeinde

Grafi ng/Ebersberg gegründet. Im gleichen

Jahr erhielt Aßling einen eigenen Betsaal.

In den folgenden Jahren wurden die

Christuskirche und das Gemeindehaus

in Glonn (1969), die Auferstehungskirche

(1970) und das Gemeindehaus in Grafi ng

(1975) gebaut.

Heute gehören zur Kirchengemeinde

Grafi ng etwa 3500 Evangelische in Aßling,

Glonn und Grafi ng.

180 Freiheit und Glaube

Großkarolinenfeld

Die Kirchengemeinde Großkarolinenfeld

markiert einen Neubeginn des evangelischen

Lebens in Oberbayern.

Von 1801 an besiedelten Pfälzer Kolonisten

die Moorgegend östlich von Aibling.

Unter ihnen befanden sich zahlreiche

Protestanten lutherischen und reformierten

Glaubens.

1822 wurde hier die erste evangelische

Kirche Oberbayerns errichtet.

Ihre nüchterne Ausstattung erinnert bis

heute an die Zeit, als Reformierte und

Lutheraner hier gemeinsam Gottesdienst

feierten. Die erste Orgel stiftete der König;

es war die ehemalige Orgel des Klosters

Tegernsee.

Das Miteinander von katholischen,

lutherischen und reformierten Christinnen

und Christen erforderte schon früh

ökumenischen Geist.

1930 verzeichnete die Kirchengemeinde

207 Evangelische.

Dies änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg,

als viele Flüchtlinge und Vertriebene

nach Großkarolinenfeld kamen.

Heute gehören zur Kirchengemeinde

Großkarolinenfeld etwa 1350 Evangelische.


Haag

Haag blickt auf eine reiche evangelische

Tradition in der Reformationszeit zurück.

Ladislaus Graf zu Haag führt im 16. Jahrhundert

in der Reichsgrafschaft Haag die

Reformation ein und unterzeichnete das

Augsburger Bekenntnis. Nach seinem

kinderlosen Tod 1566 fi el die Grafschaft

an die Wittelsbacher und wurde rasch

rekatholisiert.

Im 20. Jahrhundert kam es dann zu einem

Neubeginn. Seit 1924 wurde im Saal des

Haager Amtsgerichtes vierteljährlich ein

evangelischer Gottesdienst gefeiert.

Durch den Zustrom von Flüchtlingen und

Vertriebenen wuchs die Zahl der Evangelischen

nach dem Zweiten Weltkrieg stark

an. Haag wurde sogenanntes „exponiertes

Vikariat“, und 1956 endlich wurde die

Heilig- Kreuz-Kirche eingeweiht.

1973 wurde die Pfarrei Wasserburg-Haag

errichtet, und 1985 schließlich wurde

Haag eine selbständige Kirchengemeinde.

Kennzeichnend für Haag ist die extreme

Diasporasituation.

Heute gehören zur Kirchengemeinde Haag

etwa 1950 Evangelische.

Kolbermoor

Die ersten Evangelischen feierten ihre

Gottesdienste im „Betsaal“ der

„Spinnerei Kolbermoor“.

Da hier viele evangelische Mitarbeiter tätig

waren, ließen die evangelischen Direktoren

in das neu errichtete Verwaltungsgebäude

einen eigenen „Betsaal“ einrichten.

Um 1900 gab es in Kolbermoor 100 Evangelische.

Ihre Zahl wuchs rasch an.

1955 wurde die Kreuzkirche an der

Carl-Jordan-Straße eingeweiht,

und 1963 wurde Kolbermoor eine

eigen ständige Kirchengemeinde.

Die Gemeinde verfügt über zwei

Kindertagesstätten.

Heute gehören zur Kirchengemeinde

Kolbermoor etwa 2500 Evangelische.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 181


Oberaudorf-

Kiefersfelden

Der erste evangelische Bürger kam 1806

nach Oberaudorf. 1919 waren es dann 150

Evangelische in Kiefersfelden und Oberaudorf.

Bis 1949 wurde das gesamte Inntal

bis Kiefersfelden vom Rosenheimer Stadtvikar

betreut, der seinen Sitz in Brannenburg

hatte.

Nachdem sich die Zahl der Evangelischen

nach dem Zweiten Weltkrieg erheblich

vergrößert hatte, wurde der Bau von

Kirchen in Kiefersfelden und Oberaudorf

erforderlich:

1955 wurde die Erlöserkirche in Kiefersfelden,

und 1958 die Auferstehungskirche

in Oberaudorf eingeweiht.

Im gleichen Jahr wurde Oberaudorf-Kiefersfelden

eine eigenständige Kirchengemeinde.

1993 erhielt Oberaudorf ein Gemeindehaus –

das „Haus der Begegnung“.

Zur Kirchengemeinde Oberaudorf-

Kiefers felden gehören heute etwa

1600 Evangelische.

182 Freiheit und Glaube

Prien am Chiemsee

Nur wenige Evangelische lebten vor dem

Ersten Weltkrieg in Prien. Sie wurden

vom Pfarrer aus Rosenheim betreut, der

mit der Bahn nach Prien kam. 1927 wurde

dann nach Großkarolinenfeld, Rosenheim

und Bad Aibling eine weitere evangelische

Kirche im heutigen Dekanat Rosenheim

gebaut:

Die Christuskirche in Prien ist ein

achteckiger Zentralbau, der Turm mit

Zwiebelhaube.

1965 wurde in Breitbrunn eine weitere

Kirche eingeweiht.

Vor der Priener Christuskirche befi ndet sich

seit kurzem ein begehbares Labyrinth.

In kirchlicher Trägerschaft befi ndet sich ein

Kindergarten. Zur den vielfachen Bereichen

in der Gemeindearbeit kommt noch die

Seelsorge in den zahlreichen Klinken hinzu.

Zur Kirchengemeinde Prien gehören etwa

2900 Evangelische.


Rosenheim

In Rosenheim ließen sich Anfang des

19. Jahrhunderts die ersten Evangelischen

nieder.

Die ersten Gottesdienste fanden im Wohnzimmer

des Schneidermeisters Klepper

statt, eines Vorfahren der Begründer der

Rosenheimer Klepperwerke.

Mit dem Bau der Bahnlinie nahm Rosenheim

einen großen Aufschwung, der

schließlich den Bau einer eigenen evangelischen

Kirche erforderlich machte.

Sie wurde 1886 eingeweiht und trägt seit

1961 den Namen Erlöserkirche.

1972 wurde im Nordwesten Rosenheims die

Apostelkirche, und 1986 in der Aisingerwies

die Versöhnungskirche gebaut.

2002 schließlich gelang mit dem Neubau der

Apostelkirche der jüngste Kirchenbau im

Dekanat Rosenheim.

Die Kirchengemeinde Rosenheim verfügt

über zwei Kindergärten.

In Rosenheim befi ndet sich der Sitz des

Dekanats, der Verwaltungsstelle, des

Diakonischen Werkes und des

Evangelischen Bildungswerkes.

Die Klinikseelsorge am großen Klinikum

spielt eine wichtige Rolle.

Zur Kirchengemeinde Rosenheim gehören

heute etwa 8750 Evangelische.

Stephanskirchen

Bis 1977 gehörten die Evangelischen in und

um Haidholzen zu Rosenheim.

In diesem Jahr wurde Stephanskirchen eine

selbständige Kirchengemeinde.

Die wachsende Zahl der Evangelischen

1966 waren es rund 600 – machte den Bau

einer evangelischen Kirche erforderlich.

So wurde im Jahr 1966 die Heilig-Geist-

Kirche eingeweiht. 1976 folgte der Bau

des Pfarrhauses und 1991 der Bau des

Gemeindehauses.

Zum Gebiet der Kirchengemeinde gehört

neben Stephanskirchen auch der Samerberg,

Riedering, Rohrdorf, Prutting und

Vogtareuth.

Die Klinikseelsorge betreut die Menschen

im Behandlungszentrum Vogtareuth.

Zur Kirchengemeinde gehört auch ein

Kindergarten.

Heute zählen zur Kirchengemeinde

Stephanskirchen etwa 3100 Evangelische.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 183


Wasserburg

Schon in der Reformationszeit

spielt Wasserburg eine Rolle für den

evangelischen Glauben.

Als erster Pfarrer, der evangelisch predigte,

wird 1525 Michael Keller erwähnt. Er muss

die Stadt jedoch bald schon verlassen.

Ende des 16. Jahrhunderts sind alle

evangelischen Ansätze beseitigt.

1851 wird dann der erste evangelische

Gottesdienst in Wasserburg gefeiert.

Damals gab es hier etwa 80 Evangelische,

1923 waren es rund 300. Nach dem Zweiten

Weltkrieg wuchs die Zahl der Evangelischen

dann durch den Zuzug vieler Heimatvertriebener

auf etwa 2500. 1955 wurde schließlich

die Christus-Kirche eingeweiht, und

1969 die Heilig-Geist-Kapelle mit dem

Gemeindezentrum in Rott.

1988 erhielt die Gemeinde in Wasserburg

dann ein eigenes Gemeindezentrum.

Die Kirchengemeinde Wasserburg umfasst

die politischen Gemeinden Babensham,

Edling, Eiselfi ng, Griesstätt, Pfaffi ng, Rott,

Schnaitsee, Schonstett, Soyen und Wasserburg

mit etwa 3800 Evangelischen.

184 Freiheit und Glaube

Evangelisches Bildungswerk

Rosenheim e.V.

ebw

Evangelisches Bildungswerk

Rosenheim e.V.

Das Evangelische

Bildungswerk

Rosenheim wurde

1977 gegründet.

Mit zahlreichen

zentralen und dezentralen Veranstaltungen

setzt es Schwerpunkte in den Bereichen

religiöse, theologische und spirituelle

Bildung, Familienbildung, Kunst, Kultur und

Reisen sowie Gesellschaftspolitik.

Ziel der evangelischen Bildungsarbeit ist

dabei die Mündigkeit und Verantwortlichkeit

des/der Einzelnen und die Fähigkeit, das

Leben auf der Basis des christlichen Glaubens

zu gestalten.

Mit der Gründung von „Gemeinsam

Familie leben“ wurde ein Konzept der

Familienbildung erarbeitet, das in enger

Zusammenarbeit steht mit den zahlreichen

Eltern-Kind-Gruppen und den Kindertagesstätten

im Dekanat. Im Bereich der

religiösen, theologischen und spirituellen

Bildung führt das ebw Theologie- und

Glaubenskurse durch und bietet

regelmäßige spirituelle Angebote.

Ein besonderer Schwerpunkt des

ebw ist der Tageselternservice TES.

Hier werden Tageseltern, Kinder-

tes frauen und Babysitter im Stadtund

Landkreis Rosenheim sowie im

Landkreis Ebersberg vermittelt, ausgebildet

und qualifi ziert.

Vorstand des ebw (oben)

Mitarbeitende des ebw (unten)

Evangelisches Bildungswerk Rosenheim


Partnerschaft mit

Lupembe (Tansania)

Seit vielen Jahren bestehen zwischen dem

Dekanat Rosenheim und dem Dekanat

Lupembe in Tansania enge partnerschaftliche

und freundschaftliche Beziehungen.

Lupembe liegt im Distrikt Njombe, im

südlichen Hochland Tansanias.

Regelmäßig fi nden Besuche zwischen den

Partnerdekanaten statt, die für beide Seiten

sehr bereichernd sind und den Blick auf die

Kirche und ihre Arbeit unter völlig anderen

Bedingungen erweitern.

Abwechselnd kommen Jugenddelegationen

und Erwachsenendelegationen aus Lupembe

ins Partnerdekanat Rosenheim.

Im Gegenzug fahren Delegationen aus dem

Dekanat Rosenheim nach Lupembe. Auf

diese Weise sind viele Freund schaften und

intensive Beziehungen gewachsen.

Abgebildet ist hier die Kirche von Lupembe.

Daneben das

Vaterunser

auf Kisuaheli.

Rosenheim

Diakonisches Werk

des Dekanatsbezirks

Rosenheim e.V.

Die Anfänge des Diakonischen Werks Rosenheim

liegen im Jahr 1955, als erstmals eine

Planstelle für offene Jugendarbeit geschaffen

wurde. Heute zählt das Diakonische Werk

Rosenheim zu den großen Trägern sozialer

Angebote in Oberbayern.

Etwa 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

sind hier beschäftigt. Das Haushaltsvolumen

beträgt 22 Mio. Euro.

Unter dem Motto „Stark sein für andere“

unterhält das Diakonische Werk Rosenheim

zahlreiche Einrichtungen: Jugendsozialarbeit,

Heilpädagogische Tagesstätten, Beratungsstellen

für Asylbewerber, Obdachlose und

Schuldner, Ambulant betreutes Wohnen,

Wohnungslosenhilfe, Suchthilfezentrum, das

große Zentrum für Arbeit im Rosenheimer

Klepperpark, Jugendwerkstatt, Malerwerkstatt,

Kindertagesstätten und viele andere

soziale Angebote und Anlaufstellen für Hilfe

und Unterstützung.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 185


186 Freiheit und Glaube


Protestanten unter der Burg Hohenaschau

Ausstellung in der Evang.-Luth. Friedenskirche Aschau

27.4.–23.10.2008

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 187


01PROTESTANTEN PROTESTANTEN UNTER DER BURG HOHENASCHAU

Pankraz von Freyberg

1553

Pankraz von Freyberg (1508-1565) hat politisch durch seine (vorübergehende)

Tätigkeit als Hofmarschall am herzoglichen Hof und wirtschaftlich durch

Begründung und Aufkauf von Bergwerken großen Einfluss.

Innere Glaubensüberzeugungen bringen Pankraz von Freyberg

in einem Wechselspiel mit politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen

in große Nähe zu reformatorischen Gedanken.

- Pankraz von Freyberg macht durch seine Mutter Helena von Münichau Bekanntschaft

mit Gedanken der Reformation, insbesondere mit der Lehre der radikalen

Täuferbewegung.

- Die Stände, wozu Pankraz als Adeliger gehörte, waren immer darauf aus, ihren

Einfluss am herzoglichen Hof zu stärken.

Mit den reformatorischen Gedanken sahen sie die Möglichkeit, sich über den

religiösen Bereich einen Zuwachs an Einfluss und Macht zu verschaffen.

- In der Kirche erscheint manches als äußerliche Erstarrung. Die Reformatoren wollen

den Glauben verständlich machen und als eine Herzensangelegenheit verinnerlichen.

Das Individuum und dessen Gewissensbildung stehen im Mittelpunkt.

- Orte der Religion werden vorrangig das Herz und das Gewissen, äußere Zeiten

(Fasten, feste Gottesdienstzeiten, Tagzeitgebete u.a.) und Orte (Kirchen,

Pilgerstätten) spielen eine nachgeordnete Rolle.

Das kommt der neuen Wirtschaftsweise mit ihrem zunehmenden Bedarf, Arbeitskräfte

möglichst schnell an möglichst unterschiedlichen Orten verfügbar zu haben

(Flexibilität), entgegen und macht die reformatorischen Gedanken für Personen

wie Pankraz von Freyberg sehr attraktiv, die den Veränderungen in der Wirtschaft

offen gegenüber stehen (protoindustrielle Wirtschaftsweise).

1564

188 Freiheit und Glaube

Die rechte Hülff vndt Trost

aber kompt vonn dem lieben

Gott durch Christum, darmb

volgt, das mit vns im rechten

Glauben, Lieb, Hoffnung auf

demselbigen allein verlassen

vnd trauen, das er vns auch

christennlich gedult vnd Gnadt

mitteilen werde“

Mit Pankraz von Freyberg sind engstens

die Anfänge protestantischen Lebens im

Priental verbunden.

P a n k r a z v o n F r e y b e r g

( 1 5 0 8 - 1 5 6 5 )

D e n k m a l v o r d e r

F r i e d e n s k i r c h e i n A s c h a u ,

e r r i c h t e t 1 9 6 5

Am jüngsten Tag werde er

(Pankraz) vor Gott … bekennen

128v und

„das ich nichts lieber auf erdten

128r

von Got begern und bitten wollte,

fol.

dan das Gott seinen f.G. solliche

968/1,

gnadt, sein heilig Gottlich Wortt

Archiv

anzunehmen, verleihen wollte;

Äußeres

da auch sölchs zu erlangen, meine

leib, pluet und guet darüber

Kurbayern

aufgehn, solle es mich gar

BayHSTA

dauren.“ Quelle:

Trotz einer zunehmend restriktiven Religionspolitik des

Herzogs Albrecht V. hofft Pankraz Zeit seines Lebens, dass dieser sich

reformatorischen Gedanken aufschliessen würde.

Herzog Albrecht V. lehnt sowohl kleinere Reformen (Laienkelch) als auch die

Übernahme des Lutherischen Bekenntnisses (Augsburger Bekenntnis = Confessio

Augustana) ab.

Unter dem Vorwand einer Verschwörung kommt Pankraz in den Kerker, den

er erst verlassen kann, als er sich bereit erklärt, in den Kirchen seiner Herrschaft

keine Veränderungen mehr vorzunehmen.

Quelle: BayHSTA Kurbayern Äußeres Archiv 967/1, 50r


02PROTESTANTEN PROTESTANTEN UNTER DER BURG HOHENASCHAU

Zwischen Reformation und Gegenreformation

1565

1602

Die lutherische Bewegung lebt auch nach dem Tod von Pankraz in der Region

fort. Vermutlich wird sie durch seinen Sohn Wilhelm von Freyberg(1565-1602)

insgeheim unterstützt. Beamte lässt er in der lutherischen Lehre unterrichten.

Geistliche werden angestellt, die heimlich mit dem Luthertum sympathisieren.

Die geistliche und weltliche Obrigkeit

führt zur Abwehr der reformatorischen

Gedanken Verhöre verdächtiger

Personen und Bekehrungsversuche

(Jesuiten) durch.

Die Verhöre zeigen:

die konfessionellen Grenzen sind

fließend. Reformatorische Gedanken

sind versetzt mit traditionellen

katholischen Auffassungen.

Die Frage nach der Zahl der Sakramente

macht das u.a. offenbar:

Anna Angerer, verlassene Ehefrau

von Valtin Angerer (Schmied und

Branntweinwirt zu Aschau) antwortet

im Sinn der lutherischen Orthodoxie.

Andere rechnen die Buße, wieder andere

den Ehestand als drittes Sakrament.

Die 80-jährige Lucia Zellner hält nur das

Abendmahl für ein Sakrament.

Der ehemalige Mesner Michael

Vockenauer will alle 7 Sakramente

aufzählen, kann sie aber nicht nennen.

W i l h e l m v o n F r e y b e r g i m A l t e r v o n 5 2 J a h r e n

„Sy halte von denselben,

das deren zwai sein, der

Tauf und dass Sacrament

des Altars.“

Die strenge Durchführung des Augsburger Religionsfriedens von 1555 nach

dem Tod von Wilhelm von Freyberg 1602 stellt die lutherisch Bewegten dann

vor die Wahl, dem Bekenntnis treu zu bleiben und auszuwandern oder das

katholische Bekenntnis wieder zu übernehmen und dann in der Heimat

bleiben zu können (Anfang 17. Jahrhundert).

Damit war das vorläufige Ende der lutherischen Bewegung

in diesen Landstrichen gekommen.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 189

Qu elle: Die Herrschaft Hohenaschau und das Priental. Chronik Aschau i. Chiemgau. Gemeinde Aschau i. Chiemgau 2003. S. 95

Quelle: Archiv des Erzbistums München-Freising, PfA Niederaschau.

Die Anhänger des Luthertums in den Herrschaften Hohenaschau und Widenwart betr., 1570-1629, dokument v. 4./5. April 1601.


03

PROTESTANTEN UNTER DER BURG HOHENASCHAU

Die evangelische Gemeinde und die

Freiherren von Cramer-Klett

Pfarrer Richard Kolb, Vikar von 1950-1951 in Aschau,

berichtet:

Die ersten evangelischen Gottesdienste in Aschau lassen sich nicht

genau fixieren. Sicher ist nur, dass sich in den neunziger Jahren

des 19. Jahrhunderts vor allem die evangelischen Beamten des

ebenfalls evangelischen Barons v. Cramer-Klett regelmäßig

zusammenfanden und ihre Gottesdienste in einem Betsaal des

Cramer- Klett'schen Verwaltungsgebäudes abhielten.

… Nachdem die alte Baronin ihrem Gatten in den Tod gefolgt war,

verlor die kleine Gemeinde diesen Gottesdienstraum. Man musste

fortan mit einem Schulzimmer der Schule in Niederaschau

vorlieb nehmen …“

W a p p e n d e r F a m i l i e

v o n C r a m e r - K l e t t

Centralkazley von Cramer-Klett, Februar 2008

1874

1907

1942

(zit. aus Wörndl, Rupert. Kirchengeschichtliches aus dem Priental. Chronik Aschau i. Ch. Quellenband XIV. Aschau 2001. S. 398.)

Mit der Familie von Cramer-Klett kommen evangelische

Beamte nach Aschau, durch den von Freiherr Theodor von

Cramer-Klett veranlassten Bau der Bahnlinie Prien - Aschau

erreichen evangelische Arbeiter das hintere Priental.

Portrait v. Franz v. Lenbach

(Privatbesitz) aus:

Die Herrschaft Hohenaschau

und das Priental.

Chronik Aschau i. Chiemgau.

Gemeinde Aschau i. Chiemgau

2003. S. 571

Freiherr Theodor von Cramer-Klett sen. (1818-1884)

Privatbesitz, Foto: Hauch,

Prien, aus: Die Herrschaft

Hohenaschau und das Priental.

Chronik Aschau i. Chiemgau.

Gemeinde Aschau i. Chiemgau

2003. S. 584

190 Freiheit und Glaube

D e r B e t s a a l i m

C r a m e r - K l e t t ' s c h e n

V e r w a l t u n g s g e b ä u d e

( v o n a u ß e n u m 1 9 1 6 / 1 7 )

1874 erwirbt der Fabrikbesitzer (Eisengießerei,

Eisenbahnbau, Maschinenbau) Freiherr Theodor von

Cramer-Klett (1818-1884) die Burg Hohenaschau.

Er setzt sich für den Bau einer Lokalbahn Prien -

Aschau ein, im August 1878 geht sie in Betrieb.

Freiherr Theodor von Cramer-Klett jun. (1874-1938) mit seiner Gattin Annie Freifrau v. Würtzburg und 4 Kindern

Die Mutter von Freiherr

Ludwig Benedikt von

Cramer-Klett verkauft das

Schloss 1942

aus finanziellen Gründen.

Es geht in Besitz des

Staates.

Freiherr Theodor von Cramer-Klett

tritt 1907 zum Katholizismus über,

was aber erst 1913 nach dem Tod

seiner evangelischen Mutter

bekannt wird.

Er war Aufsichtsrat verschiedener

Banken und Versicherungen.

Freiherr Ludwig Benedikt von Cramer-Klett (1906-1985)

Freiherr Rasso Theodor von

Cramer-Klett lebt mit seiner

Familie in Aschau.

Quelle: Wörndl, Rupert. Kirchengeschichtliches aus dem Priental. Chronik Aschau i. Ch. Quellenband XIV. Aschau 2001. S. 399

Portrait v. Rudolf Distler um

1980 (Privatbesitz) aus:

Die Herrschaft Hohenaschau

und das Priental.

Chronik Aschau i. Chiemgau.

Gemeinde Aschau i. Chiemgau

2003. S. 599


04

PROTESTANTEN UNTER DER BURG HOHENASCHAU

Die Entwicklung der evangelischen

Kirchengemeinde in Aschau

1941

nach

1945

1950

1952

1957

1958

1959

1960

1965

1941

1959

1965

Ludwig Stock

Vikar

Richard Kolb

Vikar von Prien

Hans Lehmann

Vikar

Werner Exner

Vikar

Kaspar Geiling

Pfarrer

Wolfgang Höhne

Pfarrer

Entfernung der

flachen Decke innen

Einbau einer Empore

Erweiterung des Altarraums:

Erweiterung des

bestehenden Kirchenraums

von 90 auf

rund 180 Sitzplätze

Fertigstellung der Friedenskirche

unter Vikar Ludwig Stock aus Prien

und Regierungsbaumeister Heinrich

aus München

Rascher Anstieg der Protestanten im Priental

auf 800 bis 1000 Gemeindeglieder.

Da viele Pfarrer noch in Gefangenschaft waren,

versorgten zwei emeritierte Pfarrer die Orte

Aschau, Frasdorf, Sachrang und Apfelkam.

Fertigstellung des Pfarrhauses

Aschau mit Bernau wird vereinigt

und zur 2. Pfarrstelle erhoben

Einzug Pfarrer Wolfgang Höhne

Umbau der Friedenskirche

Architekt Olaf Gulbransson

Bildhauer Jörg Geyer: Altarbild

Bildhauer Karlheinz Hoffmann: Altar, Taufstein und Standkreuz

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 191


05

PROTESTANTEN UNTER DER BURG HOHENASCHAU

Die Entwicklung der evangelischen

Kirchengemeinde in Aschau

1966

1973

1976

1976

2000

1998

2002

2002

Kurt Freude

Pfarrer

Heinrich Rehbach

Pfarrer

1990 Johannes Sinn

Pfarrer

1997 Anne Loreck-Schwab

Pfarrerin

1998

2000

2007

2007

Bernd Eisenhuth

Pfarrer

Umsetzen des

vorhandenen Carports

Errichtung des

Gemeindehauses

in Niedrigenergiebauweise

als Holzständerbau

Anneli Freund

Pfarrerin

Hans-Jürgen Müller

Pfarrer

Einbau der Orgel

Umbau des Pfarrhauses

Einbau eines behindertengerechten Bades

Umbau des Büros im ehemaligen Gemeindesaal

Fertigstellung Gemeindehaus

Architekt Wolf Neelsen

Einzug Pfarrer Wolfgang Höhne

Umbau des Eingangsbereiches

der Kirche

Behindertengerechter Zugang

Umbau des Pfarrhauses

Einbau Wärmedämmung

Modernisierungsmaßnahmen

192 Freiheit und Glaube


06

PROTESTANTEN UNTER DER BURG HOHENASCHAU

Die evangelische Kirchengemeinde

in der Zeit des Nationalsozialismus

1937

Markant ist das Datum des Kirchbaus (1937 - 1941)

•während der Zeit des Nationalsozialismus

•während des 2. Weltkrieges

•während einer Politik der zunehmenden Ausgrenzung,

Entrechtung und Gewalt gegenüber Juden und

einigen anderen gesellschaftlichen Gruppen

(Behinderte, Homosexuelle, Kommunisten u.a.)

•während einer Zeit, in deren Verlauf Bürger aus Aschau

in Konzentrationslagern gefangen waren und gestorben

sind

Die Kirche in Aschau ist nicht die

einzige Kirche in Bayern, die in der

Zeit des nationalsozialistischen

Regimes gebaut wird.

Briefe zwischen Behörde und Kirchengemeinde oder auch zwischen Architekt

und Kirchengemeinde lassen auf keine grundlegenden Konflikte zwischen

Kirche/Kirchengemeinde und den gleichgeschalteten staatlichen Stellen

schließen. Wo es solche Konflikte gegeben hätte, wären Kirchenbauten

undenkbar gewesen.

B r i e f d e s A r c h i t e k t e n K o t z e b u e , d e r k e i n e

n e n n e n s w e r t e n P r o b l e m e s e i t e n s d e r

s t a a t l i c h e n B e h ö r d e n e r w a r t e n l ä s s t .

Der Brief von Pfarrer L. Stock (1935-1941) an

Direktor Trurnit vom 18. Oktober 1939

verweist auf ein grundsätzliches Einverständnis

mit dem nationalsozialistischen Regime.

G e n e h m i g u n g d u r c h d a s B e z i r k s a m t R o s e n h e i m

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 193

Quelle: Alle Dokumente Archiv Kirchengemeinde Aschau-Bernau


07�

PROTESTANTEN UNTER DER BURG HOHENASCHAU

Pfarrer Heinrich Rehbach

1973

1938 - 1945

1945

1950

1951

1956

1973 - 1984

Berufssoldat

Daten aus seinem Leben

Pfarrer Rehbach prägte die Evangelische Kirchengemeinde wie kaum ein

anderer und ist in lebendiger Erinnerung der Menschen in Aschau, weit

über die Grenzen der Kirchengemeinde hinaus.

194 Freiheit und Glaube

Heinrich Rehbach

geboren am 6.3.1920 in Augsburg als Pfarrerssohn,

aufgewachsen in München

Beginn des Theologiestudium

in Kriegsgefangenschaft in England

Heirat mit Marie Luise geb. Pummer

Geburt des Sohnes Rudolf

Geburt der Tochter Viola

Religionsunterricht und Studentenseelsorge

Pfarrer in Aschau

Er gründete mit dem

katholischen Kollegen zusammen den

Ökumenischen Sozialdienst Priental

Pfr. Rehbach liebte das Wandern

und führte die ökumenischen

Andachten auf der Schachenalm

am Johannistag ein

21.5.2003 gestorben in Aschau

Heinrich und Marie Luise Rehbach vor

dem Pfarrhaus in Aschau

... beliebt

waren seine Musiken


08PROTESTANTEN PROTESTANTEN UNTER DER BURG HOHENASCHAU

Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde

Aschau und Bernau mit Frasdorf und Sachrang

2008

Sachrang

Aschau

Pfingstgottesdienst

Neujahrsgottesdienst

Helfen & Hilfe (Diakonie)

Copyright Verkehrsverein Sachrang

Gruppen / Kreise / Veranstaltungen

Frauentreff

Kreatives Werken

Kirchenchor

Kinderchor

Konzerte

Lese- und Gesprächskreis

Besondere Filme

Vorträge -Erwachsenenbildung-

Helfen & Hilfe (Diakonie)

Höhepunkte im Kirchenjahr

Weltgebetstag

Passionsandachten

Osternacht

Emmausgang in Amerang

Kantatengottesdienst

Schachengottesdienst am Johannistag

Kampenwandgottesdienst

Erntedankgottesdienst Herreninsel

Ökumenische Begegnungen

Kinder- und Familiengottesdienste

Regionales Jugendprojekt ab

September 2008

Seelsorge durch Pfarrer und

Ehrenamtliche

Ungarische Partnergemeinde

„Dunaujvaros"

Bernau

Jeden Sonntag

Gottesdienste

Jeden Sonntag Gottesdienste

Gruppen / Kreise / Veranstaltungen

Frauentreff

Bibelerkundung

Frauenfrühstück

Hauskreis

Kinderstunde

Lese- und Gesprächskreis

Tanzen für Jung und Alt

Vorträge -Erwachsenenbildung-

Zwischentöne

Helfen & Hilfe (Diakonie)

Seit 15. Februar 2007 arbeiten

Pfarrerin Anneli Freund und

Pfarrer Hans-Jürgen Müller in

unserer Kirchengemeinde

Frasdorf

Ostergottesdienst

Weihnachtsgottesdienst

Helfen & Hilfe (Diakonie)

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 195


196 Freiheit und Glaube


Freiheit und Glaube

in der Grafschaft Haag

Dokumentation und Katalog

zur Ausstellung über die Reformation in der Grafschaft Haag

vom 21. September bis 23. November 2008

Rudolf Münch © 2008

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 197


Impressum

Anlass der Ausstellung:

Die Ausstellung wurde vorbereitet und durchgeführt von der evangelisch-lutherischen

Pfarrgemeinde Haag anlässlich des Jubiläums 490 Jahre Reformationsgeschichte

in der Grafschaft Haag, was sich auf das Jahr 1518 gründet, als

Martin Luther in Augsburg von Kardinal Kajetan verhört wurde und der Ramsauer

Prior Martin Glaser seinem Studienkollegen und Freund Martin Luther

sein Pferd zur Flucht geliehen hatte. Ferner wird dem 450-jährigen Jubiläum

zur Ausrufung der Religionsfreiheit in der Grafschaft Haag anno 1558 gedacht.

Mitarbeiter der Ausstellung:

Pastorin Simone Rink Öffentlichkeitsarbeit, Sponsorenwerbung, Beschaffung von

Ausstellungsmitteln, Vitrinen und Stellwänden. Pressearbeit.

Rudolf Münch Museumsdidaktik, Ausstellungsplanung und -Ausführung,

Dokumentation und Katalog. Anwerbung von Leihgaben.

Joachim Reddemann Beratung, Logistik, Beihilfe beim Ausstellungsaufbau.

Fritjof Flamm Kirchenvorstand, Protokollführung, Entwurf für Plakat und

Faltblatt, Verhandlung mit Rosenheimer Ausstellung.

Christian Flamm Foto Kat.Nr. 25 und Layout für Plakat und Faltblatt.

Peter Lutter Beihilfe beim Ausstellungsaufbau.

Wolfgang Schmitz Hausmeister.

Umfang der Ausstellung:

Die Präsentation umfasst den Bereich von Luthers Thesenanschlag 1517 bis zur

Gegenreformation in Haag 1567 und bezieht sich rein auf die Grafschaft Haag

und deren Geschichte. Zur Darstellung der Grafschaft und seiner Verwaltungsstruktur

werden auch weltliche und administrative Exponate gezeigt. Zum

Leben der Bevölkerung in der Reformationszeit werden alltägliche Dinge, wie

einfache Keramik ausgestellt.

Dank an die Leihgeber:

Folgenden Leihgebern sei besonderer Dank gesagt:

Rudolf Münch Haag (21), Museum des Haager Landes (11), Marktgemeinde

Haag (4), Kanzlei der Grafschaft Haag (3), Deutsches Jagd- und Fischereimuseum

München (2), ev.luth.Dekanat Rosenheim (1), Gerhard Kramer Haag (1),

Christian Flamm (1), Forschungsgruppe Rudolf Münch (1).

Dank an Spender und Sponsoren:

Ein besonderer Dank gilt unseren Spendern und Sponsoren, die diese

Ausstellung finanziell ermöglicht haben.

198 Freiheit und Glaube


Katalog

Schautafel I Übersicht

Grafschaft Haag mit Pfarreien und Kirchen (Kat.

Nr. 1)

Das markanteste an der Haager Reformation war die

öffentliche Ausrufung der Religionsfreiheit. Jeder

Untertan sollte frei nach seinem Gewissen entscheiden

können, welche Konfession er wählen wollte.

Diese Religionsfreiheit führte zu den unterschiedlichsten

Ergebnissen. In der Karte sind die Flächen

und Kirchen der ehemaligen sechs Pfarreien farbig

dargestellt. Es handelt sich um die Pfarreien Kirchdorf,

Schwindau, Albaching, Schwindkirchen, Rechtmehring

und Rieden. Die beiden südlichen Pfarreien

Albaching und Rieden waren von der Reformation

wenig berührt. Bei den beiden mittleren Pfarreien Rechtmehring und Kirchdorf

hielten sich Katholiken und Evangelische etwa die Waage. Bei den beiden

nördlichen Pfarreien Schwindau und Schwindkirchen dominierten die Evangelischen

stark. So war die Pfarrei Schwindkirchen zu etwa 85 % evangelisch,

in der Pfarrei Schwindau (heute: St.Wolfgang) waren 96 % der Bevölkerung

evangelisch. Diese Verhältnisse sind in der Karte dargestellt, ebenso die Rechte

der Haager Landeskirche, die Einsetzung der Pfarrer und ihre Konfession

sowie die Lage der 23 Filialkirchen und ihre Zuordnung.

Das Exponat:

Die Karte wurde von Rudolf Münch maßstäblich gefertigt für das Museum Haag.

Leihgabe des Haager Landesmuseums, Inv.Nr. E 156.

Schautafel II

Historische Karten (Kat.Nr. 2, 3, 4)

Es sind drei Karten ausgestellt, zum Teil

historische Tafeln, die dem Betrachter einen

Überblick über die Ausdehnung der Grafschaft

Haag geben soll:

Kat.Nr. 2

Landtafel Teil Grafschaft Haag von Philip

Apian, aufgenommen 1558, Druck 1568.

Kat.Nr. 3

Karte der Grafschaft Haag mit Burgen und

Kirchen. Es bestanden 6 Pfarreien mit insges.

29 Pfarr- und Filialkirchen.

Kat.Nr. 4

Homann-Karte Bayern, Herzogtum (gelb) mit

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 199


seperater Grafschaft Haag (grün). Lila dargestellt sind die fürstbischöflichen

Besitzungen, dunkelgrün umrandet das Erzherzogtum Österreich. Histor.Stich.

Die Grafschaft Haag war rund 300 Quadratkilometer gross und gehörte

nicht zu Bayern. Sie umfasste 538 Dörfer, Weiler und Einöden. Sie war in vier

Amtsbezirke und 38 Obmannschaften gegliedert, später in 29 Gemeinden.

Nach der Gebietsreform 1972–78 entstanden daraus 10 Gemeinden in 4 verschiedenen

Landkreisen.

Die Exponate: Alle drei Karten Privatbesitz Rudolf Münch.

Schautafel V

Amtsschild der Grafschaft Haag

Im 16. Jahrhundert trugen die Amtsgebäude der Grafschaft, wie Oberjägeramt,

Eichamt, Spital, Amtmannshaus, Hochgericht usw. solche Amtsschilder.

Leihgabe des Haager Landesmuseums. Kat.Nr. 1a

Schautafel III

Sigmund Reichsgraf zum Haag Ölgemälde von Hans Holbein d.Ä.

Kat.Nr. 5

Die Geschichte:

Graf Sigmund war Haager Herrscher von

1476 bis 1521. Er war ausserdem noch Reichskammerrichter

in Speyer, weshalb er auf

dem Gemälde den Richterstab in Händen

hält. In seine Amtszeit fällt der Thesenanschlag

Martin Luthers 1517, sowie das

Verhör in Augsburg 1518 und die Anstellung

des Augustiners Martin Glaser als Prior des

Klosters Ramsau von 1515 bis 1521. Gemäß

den Haager Bestimmungen wurden die

Pfarrherrn, Priester und Klostervorstände

vom jeweiligen Haager Grafen eingesetzt,

und nicht vom Bischof, wie es z.B. in Bayern

üblich war. Die Einsetzung des Wittenberger

Augustiners geschah im selben Jahr, als der

ebenfalls Wittenberger Augustiner Martin

Luther an die Schlosskirche von Wittenberg

seine 95 Thesen anschlug. Graf Sigmund war

ein weltoffener Mann, aber kein religiöser Eiferer, er war der Grossvater von

Graf Ladislaus von Haag.

Das Exponat:

Das Ölgemälde auf Lindenholz-Tafel wurde gemalt von Hans Holbein dem

Älteren um 1514–1517. Das Original-Gemälde ist 59,7 x 42,4 cm gross und

200 Freiheit und Glaube


efindet sich in der Sammlung der Fürsten von und zu Liechtenstein. An das

Fürstenhaus Liechtenstein gelangte es mit weiteren Gemälden der Haager

Grafen durch Erbschaft im Jahre 1567. Das Gemälde wurde vom Kunstmuseum

Basel wissenschaftlich untersucht und war 2006 im Kunstmuseum Basel unter

Panzerglas ausgestellt, die Goldpartien des Gemäldes sind aus echtem Blattgold

(Ausstellung „Das frühe Portrait“, siehe auch Katalog von Stephan Kemperdick,

Inv.Nr. GE 1096).

Stich Kloster Ramsau

Das Augustiner-Eremitenkloster Ramsau bei Haag wurde 1415 von Freiherr

Georg III von Fraunberg gegründet und war ein Eigenkloster der Grafschaft

Haag. Die Klostervorsteher, Prior genannt, wurden von den Haager Grafen

eingesetzt und unterstanden mit allen Klostergütern der Lehensstube der

Grafschaft Haag. Von 1515 bis 1521, der Zeit des Thesenanschlages von Martin

Luther in Wittenberg,

hatte dessen Studienkollege

Martin Glaser unter

dem Grafen Sigmund

von Haag sein Priorat im

Kloster Ramsau. Wie in

Nürnberg entwickelten

sich auch die Augustinerklöster

in Bayern zu

Zentren reformatorischer

Ideen. Glaser war 1515 in

Wittenberg zum Baccelaureus

theolog. promoviert

worden. Er war

mit Martin Luther, der

ihn einmal seinen „guten

Mitbruder und Klosterling“

nannte, eng verbunden.

Nach Abschluss seines Studiums war Glaser in das Kloster seiner Heimatstadt

Nürnberg zurückgekehrt und dann, von 1515 bis 1521, Prior in Ramsau

geworden. Er verließ nach 1521 das Kloster Ramsau und wurde evangelischer

Pfarrer in Kraftshof, führte 1526 die evangelische Kirchenordnung Nürnbergs in

Hiltpoltstein durch, wurde 1543 nach Gründlach versetzt und verlebte seit 1551

seinen Lebensabend als Rentner in dem ehem. Kartäuserkloster in Nürnberg.

Das Exponat: Stich des Klosters Ramsau von Johann Matthias Steidlin. Kat.Nr. 6

Martin Luther im Verhör vor Kardinal Kajetan in Augsburg

Der Ablassprediger Johann Tetzel meinte schon wenige Wochen nach Luthers

Thesenanschlag in Wittenberg „der Ketzer soll…ins Feuer geworfen werden“.

Luther wird im Herbst 1518 nach Augsburg zitiert, zum päpstlichen Legaten

Kardinal Thomas Cajetan zur Anhörung und Erläuterung seiner Ideen. Ob-

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 201


wohl man ihm zusichert, dass ihm

nichts widerfahre, meint Luther

skeptisch „nun musst du sterben.

Ach welche Schande werde ich

meinen Eltern sein“. Noch vor

der Unterredung mit Cajetan

wird dem Reformator bedeutet,

er brauche nur ein „revoco“ ich

widerrufe zu sprechen und alles

wäre gut. Doch Luther lehnt

ab. So finden zwischen dem 12.

und 14. Oktober im Fuggerhaus

jene Gespräche statt, die nichts

anderes als Verhöre sind. Eine Disputation, wie Luther sie wünscht, findet

nicht statt. Die Standpunkte nähern sich nicht und zuletzt endet die Begegnung

mit Cajetans Satz „Geh und erscheine nicht wieder vor mir, du willst

denn widerrufen“. Der Ramsauer Prior Martin Glaser ist bereits in Augsburg

und warnt seinen Freund Luther, sofort zu fliehen. Aus Angst, man könne ihn

verhaften, verlässt Luther am Abend des 20.Oktober heimlich die Stadt auf

dem Haager Ross, das ihm Martin Glaser geliehen hatte. Über Nürnberg reitet

er auf diesem „hart trabenden Klepper“ heim nach Wittenberg. Später schreibt

er einen Dankesbrief mit vielen Details an Martin Glaser, vor allem deshalb,

weil ihm das Pferd gestohlen wurde.

Das Exponat:

Zeitgenössischer Stich von Luthers Verhör in Augsburg. Das Fuggerhaus steht

heute noch, daran ist eine Gedenktafel angebracht. Das Haus heisst heute

„Fuggerpalais“, darin ist heute die Fugger’sche Privatbank eingerichtet.

Kat.Nr. 7

Luther in Augsburg

Der Buchauszug über Martin Luthers Aufenthalt und Verhör in Augsburg durch

Kardinal Cajetan im Oktober 1518. Der Bericht ist von einem Katholiken geschrieben,

aber einigermassen objektiv, weshalb hier auf eine Wiederholung

verzichtet wird.

Kat.Nr. 8

Nikolaus Gallus, Stich

Der evangelische Superintendent von Regensburg,

Nikolaus Gallus war Organisator des Regensburger

Kirchenwesens und Schutzherr der

österreichischen Protestanten, sowie vor allem

Ansprechpartner der Grafschaft Haag und seiner

evangelischen Seelen. Er stand in ständigem

Kontakt zu Graf Ladislaus und war Vertreter eines

ausgesprochen strengen Luthertums. Es gibt im

202 Freiheit und Glaube


Haager Archiv viele Briefe an Gallus und von Gallus an Haag. Der Haager Graf

Ladislaus versuchte seit 1557, einen eigenen Superintendenten für das Haager

Land zu bekommen, was ihm 1560 teilweise gelang. Er veranlasste Martin

Praetorius, Pfarrer in Weichering (Landkreis Neuburg/Donau) zu einer Probepredigt

in die Grafschaft zu kommen. Trotz eines recht günstigen Gehaltsangebotes

lehnte Praetorius ab, mit der Begründung „der grobe starke Wein

will mir nit geziemen“. So blieb man bei Gallus in Regensburg.

Das Exponat: Copyright by Rudolf Münch. Kat.Nr. 9

Philipp Melanchthon, Stich

Das Exponat: Stich v.Albrecht Dürer 1526. Kat.Nr. 10

Herzog Ottheinrich von Pfalz-Neuburg

Der aus der niederbayerischen Linie der Wittelsbacher

stammende Pfalzgraf Ottheinrich von

Pfalz-Neuburg war von Anfang an streng evangelisch-lutherisch.

Er führte in seinem Land Pfalz-Neuburg die

lutherische Reformation ein und korrespondierte

mit Graf Ladislaus von Haag. Auch politisch war

Ottheinrich mit Haag verbündet. Als Graf Ladislaus

1566 starb und bayerische Truppen das

Haager Land besetzten, flohen einige Haager nach

Pfalz-Neuburg.

Kat.Nr. 11

Der theologische Führer der evangelischen

Bewegung auf den Augsburger Reichstagen

war der Humanist und Reformator Philipp

Melanchthon und stand in Korrespondenz

mit der Grafschaft Haag. In einem persönlichen

Schreiben an Graf Ladislaus lehnte

Melanchthon eine Scheidung seiner italienischen

zweiten Ehe ab, da sie in Ferrara

katholisch geschlossen worden war. „Wir

haben“, so schreibt Melachthon „die Acta

belangend den wolgeborenen Graven und

Herrn, Herrn Ladißlav Graven zum Haag und

seine Gemahel frawe Aemylia durchglesen

und finden daraus nicht so viel erscheinend,

dass er von gedachter seiner Gemahel

Aemylia ledig mag gesprochen werden“.

Trotz dieser Absage bemühte sich der Graf

um die Einführung der Reformation in der

Grafschaft Haag.

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 203


Luther-Bibel für die Grafen von Ortenburg 1535

Martin Luther beendete im Jahre 1534

seine Bibelübersetzung in die neuhochdeutsche

Sprache. Bereits ein

Jahr später erschien in Augsburg sein

Werk im Druck. Diese für Fürsten und

Hochadel gedachte Luxusausgabe von

1535 war dem evangelischen Friedrich

Casimir Grafen von Ortenburg

gewidmet, dem Vater des Grafen Karl

von Ortenburg, welcher die Haager

Comtesse Maximiliane heiratete, die

Schwester des Grafen Ladislaus von

Haag. Sicher wird sie, Maximiliane von

Haag, auch in dieser Bibel geblättert

und gelesen haben, die heute im

Original in Berlin liegt, im Deutschen

Historischen Museum.

Tischvitrine I (steht vor Schautafel III)

204 Freiheit und Glaube

Das Exponat:

Die Bibel hat im Titelblatt einen Sonder-

Eindruck für Fridericus Casimirus Comes

de Ortenburgiensis. Ein handschriftlicher

Vermerk weist auf Joachim den älteren

Grafen zu Ortenburg hin. Gedruckt hat die

Bibel Heynrich Steyner von Augsburg. Kat.

Nr. 12

Brief Martin Luthers an Prior Martin Glaser in Ramsau

Der Brief Luthers vom 15. Mai 1519 ist in Latein geschrieben und lautet übersetzt:

„Dem ehrwürdigen Vater Martin Glaser Baccalaureus der heiligen Theologie,

Prior der Eremiten zu Ramsau. Heil. Mit dem vollsten Rechte wunderst du

dich oder bist auch unwillig, mein ehrwürdiger Vater, daß ich dir bisher

nichts geschrieben habe. Aber obgleich es mir an Entschuldigungen nicht

fehlt, will ich doch vielmehr meine Schuld anerkennen. Denn in Bezug auf

dein Pferd hoffe ich, werdet ihr mir Ärmsten gnädig sein durch die Vermittlung

des ehrwürdigen Vaters Vicarius. Du hast es ohne Zweifel Gott

gegeben, nicht mir. Wollte doch Gott, daß wir auch dich hier wiederum

sehen mögen; daß solches geschehen werde, habe ich mit Freuden von

dem ehrwürdigen Vater Vicarius gehört. Ich glaube, daß du von meiner

künftigen Leipziger Disputation und von meinen andern Angelegenheiten

alles weißt. Ich lese jetzt über den Psalter von neuem, und die Lehranstalt

blüht außerordentlich. Die Stadt ist voll von Studenten. Rom ist heiß zu


meinem Verderben und ich bin kalt zu ihrer Verspottung. Man sagt mir, daß

ein papierener Martin in Campo Flore öffentlich verbrannt, verflucht und

dem Tode geweiht worden sei. Ich erwarte ihre Wut. Die Epistel an die

Galater wird jetzt im Druck zugerichtet, du wirst sie nächstens sehen.

Übrigens geht es uns wohl und wir leben in Ruhe. Ja wir sind weniger arm

als zuvor. Unser Prior Helt regiert gar gut und baut, aber nur die Küche,

denn er sorgt noch für den Bauch, hernach wird er auch für den Kopf

sorgen. Was du mir früher von dem Schwätzer, dem Minoriten geschrieben

hast, habe ich gelesen. Aber ich bin an eine solche Gehässigkeit gewöhnt.

Die ganze Welt wankt und ist in Bewegung, sowohl am Leibe als am Geiste.

Was geschehen wird, das weiß Gott. Wir vermuthen Blutvergießen und

Kriege. Gott erbarme sich unser. In ihm gehab dich wohl und bete für mich

Armen. Am Tage nach Vocem Jucunditatis (30.Mai) 1519.

Bruder Martin Luther, Augustiner“.

Übersetzung Wittenberg, Kat.13

Relief mit dem Abbild des Grafen Ladislaus

Dieses Renaissance-Relief aus Speckstein

wurde um 1540 gefertigt und sollte als des

Grafen Konterfei dienen, weil er damals für

eine Brautwerbung, die er vor hatte, ein

solches Abbild benötigte. Graf Ladislaus trägt

eine Plattenrüstung, darunter eine modische

Halskrause und kurz geschnittene Haare. Die

Umschrift auf seinem Medaillon lautet „CUM

LABORE ET DEO IVVANTE“ (mit Arbeit und

Gottes Hilfe), sein Wahlspruch, den er auch

auf seine Münzen prägen ließ.

Das Exponat: Bayer.Nationalmuseum

München R188. Kat.Nr. 14

Henkelgriff aus der Grabstätte Ladislaus / Marie-Salome

In der Krypta zu Kirchdorf wurden alle Grafen von Haag seit 1406 bestattet.

Insbesondere die letzte Generation der Fraunberger vom Haag, nämlich

Marie-Salome von Baden-Sponheim, Gräfin Kunigunde und Graf Ladislaus.

Ihre drei Särge stehen noch obertägig auf dem Krypta-Boden und sind derzeit

mit Blumengebinde und Trauerbändern versehen. Aus einem solchen Blumenschmuck

stammt der Henkelgriff im Renaissance-Stil. Er ist aus Eisen geschmiedet

und war ehedem mit Kupfernieten an ein (vermutliches hölzernes) Gefäss

befestigt. Dieses Gefäss ist im Laufe der Zeit vergangen. Es wird vermutet, dass

das Blumengefäss vom Sarg Marie-Salomes stammt.

Kat.Nr. 15

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 205


Zwei Kirchenschlüssel

Spätromanischer Schlüssel der Kirche von Hochhaus. Kat.Nr. 15a

Gotischer Schlüssel der Kirche von Lengmoos. Kat.Nr. 15b

Tischvitrine II (steht vor Schautafel IV)

Haager Münzen der Reformationszeit

Im Jahre 1541 erhielt

die Grafschaft Haag

das Münzrecht von

Kaiser Karl V. Dieses

Münzrecht wurde

dann bis 1566 noch

zweimal von anderen

Kaisern bestätigt und

erneuert. Zunächst

(1541) prägten die Haager nur Pfennige, Batzen und Halbbatzen. Ab 1545 bis

1549 wurden dann auch Eineinvierteltaler, Halbtaler, Taler und Zehn-Dukaten

geprägt, die im ganzen Reich gültig waren. Haager Münzen der Reformationszeit

sind schön und wertvoll. Die besten Museen Mitteleuropas haben solche

Haager Münzen.

Die Exponate: Original-Nachprägungen aus reinem Silber. Kat.Nr. 16

Siegelring des Grafen Ladislaus Gold

Jeder Haager Graf hatte seinen eigenen Siegel und

Siegelring, der nur das Haager Wappen gemeinsam

mit den anderen Siegeln hatte. Graf Ladislaus

hatte einen Ring im Renaissance-Stil aus Gold,

mit den Initialen LGZH (Ladislaus Graf zu Hag).

Das Wappen ist das grosse Emblem der Reichsgrafschaft

Haag. 1529–1566.

Kat.Nr. 17

Siegelabdruck des Grafen Ladislaus

Abdruck des Ringsiegels des Grafen Ladislaus auf Papier, welches im Hauptstaatsarchiv

in einem Urkunden-Bündel enthalten war. Original 1529–1566.

Kat.Nr. 18

206 Freiheit und Glaube


Schautafel IV

Siegelgeräte der Grafschaft Haag

Alle Briefe und Dokumente mussten von der Grafschaft

Haag gesiegelt werden. Es sind Siegelabdrücke der

Grafschaft Haag aus der Zeit von 1230 bis 1804 im Hauptstaatsarchiv

vorhanden. Gezeigt werden Siegelstempel

(Petschaft) und verschiedene Rotsiegel von Haager

Grafen in Holzbulle, sowie einen grossen kaiserlichen

Siegel in Holzbulle der Zeit von 1476–1566.

Kat.Nr. 19

Brief des Grafen Ladislaus an Nikolaus Gallus

Graf Ladislaus schreibt an den Superintendenten Nikolaus Gallus wegen der

evangelischen Pfarrer in der Grafschaft Haag. Mit Unterschrift des Grafen Ladislaus.

Das Exponat: Originaldokument im Stadtarchiv Regensburg I, 59. Kat.Nr. 20

Brief des Veit Gilger

Veit Gilger schreibt an Graf Ladislaus über seine Predigt an Ostern 1560 in

St.Wolfgang in der Schwindau und rechtfertigt sich. Seine Predigt hatte grosses

Aufsehen erregt und 3000 Zuhörer angelockt, unter denen viele bayerische Untertanen

waren. Dies führte zu einem Eklat zwischen dem Herzog von Bayern

und dem Grafen von Haag.

Das Exponat: Originaldokument i.Stadtarchiv Regensburg 25391–25404, Archiv

Grafschaft Haag B-18. Kat.Nr. 21

Die Burgkapelle von Haag

Die Burgkapelle St. Johannes-Babtist wird schon 1315 schriftlich erwähnt. Sie

war die erste Kirche im Haager Land, in der evangelisch-lutherischer Gottesdienst

seit 1541 gefeiert wurde. Die Haager Gräfin Marie-Salome, eine geborene

von Baden-Sponheim, hatte einen

evangelischen Pfarrer in Haag, der in der

Burgkapelle evangelischen Gottesdienst

hielt. Ladislaus bestellte für seine Ehefrau

1541 einen „gelehrten Predikanten“ an

die Burg Haag, der dem Grafen das lutherische

Abendmahl reichte (HStA GL

Haag 4 fol.55’). Die Abendmalsfeiern

standen auch den gräflichen Untertanen

offen, denn einem Brief des Grafen vom

Jahre 1561 entnehmen wir, dass sich

seine Untertanen bereits damals der

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 207


„Kommunion unter beiderlei Gestalt“ zuwandten (HStA GL Haag 4 fol.137–139).

Die Burgkapelle wurde 1824 auf Geheiss der bayerischen Behörden abgebrochen,

nachdem durch Säkularisation die gesamte Burganlage in Eigentum

des bayerischen Staates übergegangen war. Heute steht von dieser Burgkapelle

nur mehr der Kirchturm („Kleiner Schlossturm“) und einige Grundmauerreste,

sowie die Treppe zur Empore.

Das Exponat: Der Grundriss der Kapelle ist vor dem Abbruch genau vermessen

und aufgezeichnet worden. Aufgrund dieser Pläne wurde obige Rekonstruktionszeichnung

von Rudolf Münch angefertigt. Kat.Nr. 22

Bücherliste

Buchinventur auf der Haager Burg, meist aus Bücherbestand der Margarethe

von Trenbach von 1563. Margarethe war am 20.12.1562 auf der Haager Burg

gestorben und hatte alles ihrem Mann Ladislaus vermacht.

Kat.Nr. 23

Die bemerkenswertesten evangelischen Bücher (in Liste rot unterstrichen) sind:

· Martin Luther Bibel deutsch,

· Des Babsts und seiner Geistlichen Jarmärkht,

· Gramatica Gryca Philipi Melanchthonis,

· Scolia Philipi Melanchthonis in virgi,

· Dialectica et Rethorica Philipi (Melanchthon),

· Trostbüechl am Gottes Worth, Dr. Johann Pfeffinger,

· Martin Luthers Trostpüechl,

· Der groß Cathechismus Johann Spangenberg,

· Postill Philipi Melanchthonis teutsch,

· Fünffzehen Leichpredig Johann Spangenberg,

· Ain Petbüechl Johann Fabri.

208 Freiheit und Glaube

Das Exponat:

Hauptstaatsarchiv

München

KÄA 555.


Krypta von Kirchdorf

Unter der Kirche von Kirchdorf befindet sich

die Krypta, in der seit 1405 die Haager Grafen

ihre Erbbegräbnisstätte hatten. Hier wurden die

Haager Grafen beigesetzt, später im gestampften

Boden der Krypta begraben. Die hölzernen Särge

der drei letztverstorbenen Gräfinnen u. Grafen

Marie-Salome, Kunigunde und Ladislaus stehen

heute noch mit den Gebeinen der Verstorbenen

auf dem Krypta-Boden. Als Graf Ladislaus am

31.8.1566 starb, wurde die Krypta verschlossen.

Sein Grabmal wurde über der Krypta im

Altarraum errichtet. Darauf ist Graf Ladislaus in

Überlebensgrösse dreidimensional dargestellt. Es

handelt sich um das grösste Renaissance-Grab

nördlich der Alpen. Die Wappen am Grabmal

haben folgende Bedeutung:

Haag, die Vorfahren väterlicherseits,

Baden, das Wappen seiner Frau,

Leuchtenberg das Wappen seiner Mutter,

Reineck, Urgroßvater mütterl.seits,

Görz-Tirol, UrUrUrgroßmutter mütterl.seits,

Wertheim, Ahnfrau mütterl.seits

Pfalz bei Rhein, Urgroßmutter mütterl.seits,

Bayern, UrUrUrgroßvater mütterl.seits,

Nürnberg Hohenzollern, UrUrUrgroßmutter mütterl.

Brandenburg, UrUrUrUrgroßvater mütterl.seits

Schenk von Geyern, Urgroßmutter väterl.seits,

Freiberg, Ahnfrau väterl.seits,

Aichberg, Großmutter väterl.seits,

Laiming, Ahnfrau väterl.seits,

Waldau, Khamer, Nothaft, Ahnen väterlicherseits.

Das Exponat: Heute befindet sich dieses Kulturdenkmal im Bayerischen Nationalmuseum

in München. Kat.Nr. 24

Wappenfenster in der Kirche Limberg

Als Marie-Salome am 14. August 1551 starb, trauerte Graf Ladislaus sehr. Er ließ

eine Todesanzeige an alle Fürsten veröffentlichen und ihr zum Gedenken ein

Glasfenster anfertigen, auf dem die Wappen von Baden-

Sponheim und Haag zu sehen sind. Unter einem Renaissance-Bogen

mit hermengezierten Säulen die Inschrift: „In

Ern Dein Ebig Allain 1552“. Die Glas-Scheibe ist in einem

Fenster rechts vom Altar in der Kirche Limberg bei Haag

angebracht.

Das Exponat, ein Foto von Christian Flamm. Kat.Nr. 25

75 Jahre Dekanat Rosenheim – Dokumentation 209


Hochvitrine III

Haager Keramik der Reformationszeit

Aus der Zeit der Reformation 1517–1567 befindet

sich im Haager Landesmuseum noch Keramik dieser

Zeit, von denen einige Stücke hier ausgestellt

sind, damit sich der Betrachter ein Bild vom einfachen

Leben der Bevölkerung machen kann. Die

Keramik war unter Beigabe von Grafit schwarzgebrannt,