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Cannabinoids 2007;2(2):15-17 [deutschsprachige Fassung]TheseZur Zukunft von Cannabis als MedizinLester GrinspoonHarvard Medical School, Wellesley, Massachusetts, USAZusammenfassungDie Verwendung von natürlichem Marihuana als Medizin wird Bestand haben. Sowohl seine Sicherheitals auch seine Wirksamkeit sind durch viele anekdotische und klinische Erfahrungen gutnachgewiesen. Pharmazeutische Cannabinoid-Präparate werden entwickelt werden, einige davonwerden erfolgreich mit dem de facto Goldstandard, legal erhältlichem natürlichem Marihuanakonkurrieren.Stichwörter: Marihuana, medizinische Verwendung, CannabisDieser Artikel kann unter der Maßgabe, dass die Originalarbeit korrekt zitiert ist (siehe die unten stehenden Copyright-Informationen),für alle nicht-kommerziellen Zwecke frei aus dem Internet herunter geladen, gedruckt und verteilt werden. Verfügbar onlineunter www.cannabis-med.orgAdresse des Autors: Lester Grinspoon, Lester_grinspoon@hms.harvard.eduDie jüngste Publikation von Abrams et al. zu einerkontrollierten Studie mit inhaliertem natürlichem Marihuanafür die Behandlung Aids-bedingter neuropathischerSchmerzen wurde als bahnbrechende Studiebegrüßt, da sie die Wirksamkeit von Cannabis bei derBehandlung dieses schwer zu behandelnden Schmerztypsnachgewiesen hat [1]. Diese Studie verdient esjedoch nicht so sehr Beachtung dafür, was sie jüngstüber Cannabis als Schmerzmittel nachwies, sondernvielmehr für das außerordentliche Durchhaltevermögendes Forschungsteams angesichts einer Vielzahl vonHindernissen durch die Regierung der USA, die allenin den Weg gelegt werden, die natürliches Marihuanauntersuchen möchten, einschließlich der Bedingung,von der Regierung hergestelltes Marihuana von geringerQualität zu verwenden. Sowohl Aids-Patienten undandere Personen, die an neuropathischen Schmerzenleiden, als auch vorurteilsfreie, kluge Kliniker wissenseit mehr als einem Jahrzehnt, dass dies die wohl wirksamsteund am wenigsten toxische Möglichkeit ist, sichdiesem schweren Symptom zu nähern; sie wissen diesaus ihrer eigenen klinischen Erfahrung. NeuropathischerSchmerz ist aber nur eine Indikation von einergroßen Anzahl an Symptomen und Syndromen, diesich aus einer Fülle anekdotischer Daten ergeben, dienatürliches Marihuana seit langem als sichere undwirksame Medizin etabliert haben. Man mag fragen:Warum gibt es angesichts des beträchtlich gestiegenenInteresses an Cannabis-bezogener Forschung nichtmehr kontrollierte klinische Studien wie diese? DieAntwort ist weitgehend: Geld.Heutzutage müssen Medikamente rigorose, teure undlangwierige Tests durchlaufen, um die Zulassung vonder zuständigen Behörde (in den USA die Food andDrug Administration, FDA) zu erhalten und als Arzneimittelverkauft werden zu dürfen. Der Zweck dieserTests ist der Verbraucherschutz, nach dem Sicherheitund Wirksamkeit eines Medikamentes nachgewiesensein müssen. Da kein Medikament vollkommen sicheroder stets wirksam ist, kann man davon ausgehen, dassein von der Behörde zugelassenes Medikament eineNutzen-Risiko-Abwägung erfüllt hat. Zuerst wird dieSicherheit (oder besser, begrenzte Toxizität) des Medikamentsdurch Tierversuche und danach in Tests amMenschen nachgewiesen. Dann werden kontrollierteDoppelblind-Studien durchgeführt, um zu bestimmen,ob das Medikament mehr als einen Placebo-Effekt hatund ob es nützlicher ist als ein bereits erhältliches Arzneimittel.Da der Unterschied zwischen Medikamentund Placebo klein sein könnte, werden in diesen Studienoft eine große Anzahl von Patienten zur Erzielungeiner statistisch signifikanten Wirkung benötigt. MedizinischeBehörden und Regierungsstellen bestehenmanchmal darauf, dass diese Art von Studien für jedeeinzelne Indikation, für die man annimmt, dass pflanzlichesMarihuana nützlich ist, durchgeführt werdenmuss, bevor es für Patienten legal erhältlich ist. Aber esmuss bezweifelt werden, ob dieses Regelwerk bei natürlichemMarihuana angewendet werden sollte. Ers-© International Association for Cannabis as Medicine 15


Thesetens ist es ohne Zweifel eine sichere Substanz. Es wirdseit Tausenden von Jahren von Millionen Menschenangewendet, mit sehr geringen Anzeichen für eine relevanteToxizität, und ohne dass jemals Todesfällegemeldet wurden. Zudem sind keine Doppelblind-Studienerforderlich, um die Wirksamkeit von Marihuananachzuweisen. Zahllose Ärzte und Patienten auf derganzen Welt, die mit der medizinischen Verwendungvon Cannabis Erfahrungen gemacht haben, haben beobachtet,dass er oft bessere Linderung mit wenigerernsten Nebenwirkungen brachte als herkömmlichverschriebene Arzneimittel. Dieses Regelprotokollnatürlichem Marihuana auferlegen zu wollen, ist vergleichbarmit der Forderung, diesen Anspruch auch anAspirin zu stellen, das mehr als 60 Jahre vor dem Beginnkontrollierter Doppelblind-Studien als Arzneimittelanerkannt wurde. Viele Jahre Erfahrung habenuns gezeigt, dass Aspirin viele Anwendungsmöglichkeitenund eine begrenzte Toxizität besitzt, dochkönnte es das Zulassungsverfahren der FDA heutenicht erfolgreich durchlaufen. Das Patent ist seit langemabgelaufen und mit ihm der Anreiz, die beträchtlichenKosten für dieses moderne Gütesiegel aufzubringen.Üblicherweise sind Pharma-Konzerne, die dasPatent eines viel versprechenden Medikaments besitzen,bereit, die großen Geldbeträge zu investieren, dienötig sind, um die von der FDA geforderten kontrolliertenDoppelblind-Studien für die Zulassung despotentiellen neuen Medikaments durchzuführen. Dakeine Möglichkeit besteht, ein Patent auf natürlichesMarihuana zu erwerben, haben die Pharmaunternehmenkein direktes Interesse daran. Die Studie vonAbrams wurde vom Staat Kalifornien finanziert; zukünftigekontrollierte Studien über die Vielfalt vonbereits klar ersichtlichem medizinischem Nutzen werdenauf finanzielle Mittel aus privaten oder staatlichenQuellen hoffen müssen. Angesichts der Tatsache, dassdie offizielle Stellung der US-Regierung „Marihuanaist kein Medikament“ lautet, ist es höchst unwahrscheinlich,dass sie diese große Investition übernehmenwird, um ein „wissenschaftlicheres“ Gegenargumentgegen ihre eigene Auffassung zu entwickeln, als das,was bereits durch die überzeugende Menge der anekdotischenDaten besteht.Anekdotische Hinweise erregen viel weniger Aufmerksamkeitals früher. Dennoch sind sie der Ursprungeines Großteils unseres Wissens über synthetischeMedikamente wie auch über Pflanzenabkömmlinge.Wie Louis Lasagna betont hat, wurden kontrollierteVersuche nicht benötigt, um das therapeutische Potenzialvon Chloralhydrat, Barbituraten, Aspirin, Curare,Insulin oder Penicillin anzuerkennen [3]. Er fragt,warum die Verantwortlichen heute bereit sind, dieErfahrungen von Ärzten und Patienten als Nachweisfür unerwünschte Wirkungen zu akzeptieren, nichtjedoch als Nachweis für therapeutische Wirkungen.Anekdotische Berichte stellen ein Problem dar, das dieMedizin seit jeher verfolgt: der anekdotische Fehlschlussoder der Fehlschluss bei der Aufzählung günstigerUmstände (das Zählen der Treffer und das Ignorierender Misserfolge). Wenn viele Menschen, die,nehmen wir einmal an, an Muskelkrämpfen bei multiplerSklerose leiden, natürliches Marihuana einnehmenund nur einige von ihnen eine viel größere Linderungals bei der Einnahme von herkömmlichen Arzneimittelnerfahren, so würden diese wenigen Patientenaus der Menge herausragen und unsere Aufmerksamkeiterregen. Diese Patienten und ihre Ärzte wärenverständlicherweise von Cannabis begeistert und würdenseine Verwendung befürworten. Diese Menschensind nicht unehrlich, aber sie sind auch keine objektivenBeobachter. Deshalb mögen manche es als unverantwortlichansehen, auf der Basis von anekdotischenBerichten vorzuschlagen, dass natürliches MarihuanaMenschen mit unterschiedlichen Erkrankungen helfenkönnte. Dies könnte ein Problem sein, wenn Marihuanaein besonders gefährliches Medikament wäre, aber esist in Wirklichkeit bemerkenswert sicher. Sogar in demunwahrscheinlichen Fall, dass nur einige Patienten dieArt der Linderung erfahren, die viele aufmerksameÄrzte bereits heute gesehen haben, könnte gefolgertwerden, dass es für sie verfügbar sein sollte, weil dieRisiken so klein und die Herstellungskosten so geringsind.Die Geschichte der Versuche, Cannabis zu „pharmazeutikalisieren“,ist noch jung, und die wenigen bisherentwickelten Produkte erreichen nicht den de factoGoldstandard, natürliches Marihuana. Dronabinol (Marinol),eingekapseltes, in Sesamöl gelöstes THC, wurdevor zwei Jahrzehnten auf den Markt gebracht, mit denErwartungen (besonders von Seiten der US-Regierung,die die Entwicklung dieses Arzneimittels durch UnimedPharmaceuticals unterstützte), dass es medizinischgenauso nützlich wie Marihuana sein und sich dadurcherübrigen würde, einen Weg zu finden, Patienten dielegale Verwendung von natürlichem Marihuana zugestatten. Marinol schaffte es jedoch nicht, Marihuanazu ersetzen, denn es ist nicht so wirksam oder nützlichwie Marihuana, ganz gleich, ob als Nahrungsmittelaufgenommen, beispielsweise als Brownies (Gebäck),oder geraucht. Ich habe bisher noch von keinem Patientenerfahren, der die Gelegenheit hatte, sowohl Marihuanaals auch Marinol zu verwenden und letzteresbevorzugt. Ein Grund dafür ist die schwierigereTitrierbarkeit der Dosis von Dronabinol, dessen Wirkungwie bei oralen Zubereitungen von Cannabis indicaaus dem 19. Jahrhundert nur langsam eintritt, imVergleich zu gerauchtem Cannabis, dessen therapeutischeWirkung innerhalb von wenigen Minuten wahrgenommenwird. Der häufigste Grund, warum Menschen,die zwischen diesen beiden Formen von Cannabiswählen können, sich für Dronabinol entscheiden,liegt darin, dass Dronabinol legal ist. Sativex, eineneuere Ergänzung der Cannabinoid-Medizin, von derman erwartete, unter dem Radar der Gesetzmäßigkeitzu fliegen, wurde als flüssiges Marihuana bezeichnet.Sativex ist eine Substanz aus zwei Cannabinoiden,Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol, die aus Mari-16 Cannabinoids Vol 2, No 2 13. Mai 2007

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