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wohlfühlenDie ganze Weltin einem Garten46 lebensART I wohlfühlenApril / Mai 2009


Gemeinschaftsgärten sind kostbare grüne Oasen für Menschen, die in der Stadtleben. Hier wächst nicht nur Gemüse, sondern es entsteht auch Verbundenheitund Austausch, wie ein Blick über den Gartenzaun in Wien Ottakring beweist.FOTOS: TABORSKYAuf dem kleinen grünenSchild an der Gartentür istzu lesen: „Willkommen imGemeinschaftsgarten“. Doris Seyrholt den Schlüssel aus ihrer Manteltascheund will aufsperren, aber dasSchloss ist offenbar eingefroren. Einplötzlicher Wintereinbruch hat einedicke Schneedecke über den Heigerleingartengebreitet und es schneitnoch immer. „Dabei haben voreiner Woche ein paar Leute schonbegonnen, ihr Beet für das Frühjahrherzurichten“, lacht die junge Mutterund zieht den Regenschutz tieferüber den Kinderwagen ihrer kleinenTochter. Auch gut, dann machen wirunseren Rundgang eben um denGarten herum. Das ist leicht möglich,denn es gibt noch keine hohenHecken, welche die Sicht verstellenkönnten. Noch nicht! „Im Sommer“,versichert Doris Seyr, „im Sommerschaut es hier ganz anders aus.“Hier – das ist in Ottakring, im16. Wiener Gemeindebezirk, an derKreuzung von Heigerleinstraße undSeeböckgasse. Die Gegend hat eindeutigVorstadtflair, ein paar Meterweiter beginnt schon der Wilhelminenberg.Die Häuser sind nur dreistöckig,viele Neubauten säumendie relativ breiten Straßen. Mansieht viel vom Himmel. „Den Gemeinschaftsgartengibt es seit einemJahr“, erklärt Ursula Taborsky, dieuns beim Rundgang begleitet. Sie iststellvertretende Obfrau des VereinsGartenpolylog, der von engagiertenMenschen im Frühjahr 2007gegründet worden ist. Gemäß demMotto „Gärtner und Gärtnerinnender Welt kooperieren“ hat er sichzum Ziel gesetzt, die Idee der interkulturellenGärten zu verbreiten,bestehende Initiativen in Österreichzu fördern und zu vernetzen sowieselbst neue Gemeinschaftsgärtenanzuregen und zu begleiten.Gemeinschafts- oder Nachbarschaftsgärten,wie sie auch genanntwerden, gibt es weltweit. Dieersten entstanden in den 1970er-Jahren in New York. Anrainernahmen brachliegende Flächen inBesitz, verwandelten sie in grüneOasen inmitten der Stadt und trugenso zur Revitalisierung von ganzenStadtteilen bei. Ursula Taborskyliegt eine ganz bestimmte Form derGemeinschaftsgärten besonders amHerzen: „Mitte der 90er-Jahre entstandenin Deutschland die ersteninterkulturellen Gärten. Frauen ausBosnien, die ihre Heimat wegen desKrieges verlassen mussten, habengemeinsam mit einer Sozialarbeiterindie Initiative ergriffen, da sie ihreeigenen Gärten so sehr vermissten.“Durch den Garten verschwand dasbelastende Warten-Müssen undNichts-tun-Können aus dem Lebender Flüchtlingsfrauen. Sie erlebtensich selbst als fähige Personen,die ihr Gartenwissen und späterauch ihre Ernte mit anderen teilenkonnten. Sie konnten sich in ihremGastland im wahrsten Sinne desWortes „verwurzeln“. Mittlerweilegibt es über 100 Gartenprojekte inDeutschland.Auch im Heigerleingarten treffenMenschen aus verschiedenen Kultu-➤April / Mai 2009 lebensART I wohlfühlen 47


Die ganze Welt in einem GartenSalatpflanzen begutachtet werdenoder die ersten Ribisel reif sind undzum Naschen einladen. Der Gartenist übrigens für alle offen – wenn jemandvon den Gärtnern anwesendist, sind auch Gäste aus der Nachbarschaftwillkommen. Doris Seyr:„Auch wenn nicht die ganze Nachbarschaftgärtnern kann, so sollensich doch alle eingeladen fühlen,vorbeizuschauen.“Es gibt nicht nur private Beeteim Gemeinschaftsgarten. Ein großesErdbeerbeet, ein Kürbisbeetund Beerensträucher, die entlangdes Zaunes wachsen, sind für alleSo wie ein Garten entsteht, aufblüht und die erstenFrüchte hervorbringt, so entwickelt sich die Gemeinschaft.ren zusammen, erzählt Doris Seyr.„Es gibt eine afghanische Familie, eineaus Ex-Jugoslawien, die bauen ganztolle Paprika und Paradeiser an. Danneine türkische Familie, die den Gartenauch gerne zum Picknicken nutzt.Eine Frau aus China zieht chinesischesGemüse, das ich vorher gar nicht gekannthabe. Eine polnische Gartennachbarinhabe ich auch.“ Doris Seyrselbst stammt aus Oberösterreich,ihre Großmutter aber kommt ursprünglichaus Siebenbürgen. UrsulaTaborskys Familie hat tschechischeWurzeln. Wenn man zwei, drei Generationenzurückschaut, haben vieleMenschen einen „Migrationshintergrund“,wie das heute genannt wird.Insgesamt sind im Heigerleingarten26 Menschen bzw. Familien tätig.Zirka ein Drittel davon sind Migranten,was der Bevölkerungsverteilungim Bezirk entspricht.Wir gehen am Zaun entlangund erahnen die Beete unter derSchneedecke mehr, als dass wir siesehen. Der tausend Quadratmetergroße Garten hat 13 Einzelbeete.Je zwei Gartenparteien teilen sichein Beet und pflanzen dort, wasihnen eben gefällt. „Ich habe allesMögliche ausprobiert: Radieschen,Kräuter, Salat, Zucchini, Tomaten,Kürbis, aber auch Zinnien und Tagetesund sogar Kartoffeln“, erinnertsich Doris Seyr an ihr erstes Gartenjahr.„Natürlich klappt nicht allesgleich, so wie man sich das wünscht,aber wir machen eben unsere Erfahrungenbeim Gärtnern.“ Und dieErnte konnte sich durchaus sehenlassen, wie die Fotos beweisen, diesie später zeigt. Bei so vielen Menschengibt es immer welche, die sichbeim Gärtnern auskennen und denanderen mit Rat und Tat zur Seitestehen. Es ist leicht, ins Gespräch zukommen, wenn die Fortschritte derda. Zwischen den Beeten gibt esWiesenflächen. Bäume, die schonvorher da waren, spenden den imSommer sehr erwünschten Schattenund Tische mit Bänken laden zumSitzen ein – sobald die Schneehäubchenerst ’mal verschwunden sind.Wir verlegen unsere Gartenplaudereijetzt doch lieber ins Kaffeehausim angrenzenden „Haus der Barmherzigkeit“,einem Geriatriezentrum,dessen Bewohner den Gartenebenfalls nützen. Ein Hochbeetgleich beim Eingang wird von ihnenbetreut und der Garten verfügt auchüber eine kleine betonierte undsomit rollstuhlgerechte Fläche.Regelmäßig besuchen denGarten auch Kinder der nahe gelegenenJulius-Meinl-Volksschule unddes Kindergartens Seeböckgasse. Siewerken auf eigenen Beeten und dasSäen, Pflanzen und Pflegen machtihnen großen Spaß. Doris Seyr: „Inden Sommerferien übernehmen wirdas Gießen ihrer Beete. Letztes Jahrhaben die Kinder Kürbisse gepflanzt,die sie im Herbst ernten konnten.“Der Heigerleingarten wurdeübrigens mit Hilfe der Stadt WienGäste aus der Nachbarschaftsind im Hegerleingartenherzlich willkommen.48 lebensART I wohlfühlenApril / Mai 2009


Menschen aus verschiedenenKulturen ziehen gemeinsam Blumen,Kräuter und Gemüse.FOTOS: TABORSKY, SEYRangelegt, die auch das Grundstückan den Verein verpachtet. Die WienerStadtgärten sorgten für die Erdarbeitenund die Anlage der Beete.Auch die Gebietsbetreuung und derBezirk selbst unterstützten das Projekt.Nadja Madlener und AngelikaNeuner vom Verein Gartenpolylog,die hier leben, koordinierten die Bildungeiner Gärtnergruppe und dieRahmenbedingungen. Die Anrainerwurden per Flugblatt und mit Infotafelninformiert. Interessierte konntensich in der Gebietsbetreuung melden.„Das Interesse war riesig“, erinnertsich Ursula Taborsky. „Es gab 80Anmeldungen. Wir haben die Beeteunter allen Interessierten verlost.“Der Garten in der OttakringerVorstadt ist noch jung, er feiertim April 2009 seinen ersten Geburtstag.Die Betreuung durch denVerein Gartenpolylog wird heuerbeendet, der Garten an die Gärtnergruppeübergeben. Die hat schonviel vor für die kommende Saison.Wie auch schon im letzten Jahr solles gemeinsame Pflanztage und Festegeben. Auch die Nachbarschaft solleinbezogen werden. „So ein Gartenist ja nicht gleich fertig. Er entstehtund entwickelt sich“, sinniert DorisSeyr. „Das ist das Schöne daran.“ EinKinderplanschbecken gibt es schon,vielleicht kommt heuer ein Grillplatzdazu. Wenn dann im Sommerdie Sträucher und der Wilde Weinwuchern, die Sonnenblumen leuchtenund der hier meist wehendeWind für eine kühle Brise sorgt,dann wird die Gartenarbeit zumtäglichen Fest. Schließlich ist geradeim städtischen Gebiet der Kontaktzu Pflanzen und Erde nicht selbstverständlichund für alle eine Bereicherung.Und auch auf das selbstgezogene, frische Biogemüse freuensich die Gärtnerinnen und Gärtnerdes Gemeinschaftsgartens.In Österreich gibt es mittlerweileeinige solcher Gärten in fast allenBundesländern mit unterschiedlichenSchwerpunkten. Ein Garten inGreifenstein (Niederösterreich) liegtgleich neben einem Flüchtlingsheim.In Graz heißt das Motto „Palaver untermApfelbaum“, hier können Menschengärtnern und Deutsch lernen.Bei Klagenfurt gibt es einen interkulturellenFrauengarten. Allen gemeinsamist, dass es nicht „nur“ umsGärtnern geht, sondern auch um dasgemeinsame Tun, die Mitgestaltungdes Stadtteils, um Partizipation, umGemeinschaft und Integration. Auchum Vielfalt – sowohl beim Gemüse,als auch bei den Menschen.Sonja SchnöglLust auf Garten?Der Verein Gartenpolylog hat sich zum Zielgesetzt, die Idee der interkulturellen Gemeinschaftsgärtenin Österreich zu verbreiten, bestehendeGartenprojekte zu unterstützen undzu vernetzen und selbst weitere Gemeinschaftsgärtenzu initiieren. Die Arbeit geschieht zumgrößten Teil ehrenamtlich. Unterstützung istdaher sehr willkommen, zum Beispiel in Formvon aktiver Mitarbeit, als förderndes Mitglied,mit Geld- oder Grundstücksspenden. Aber auchSaatgut, vorgezogene Pflänzchen und Gartengerätewerden benötigt.TagungGemeinschaftsgärtenals grüne LernorteSo lautet das Thema einer Tagung, die am17. und 18. April 2009 in der Brunnenpassageam Yppenplatz (Brunnengasse 71), 1160 Wien,stattfindet. Vorträge und Workshops ermöglicheneinen Einblick in das bunte Spektrum und dasgroße kulturpolitische Potenzial von interkulturellenGemeinschaftsgärten. Ein Tag der offenenGartentür in Wien ist für den 19. April geplant.Info und Kontakt: www.gartenpolylog.orgBuchtippUrsula Taborksy, Naturzugang als Teil desguten Lebens. Die Bedeutung interkulturellerGärten in der Gegenwart. Peter Lang-Verlag2008, 155 Seiten, € 24,50April / Mai 2009lebensART I wohlfühlen 49

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