E_LOES_Sitzung2 - Simone Heinold

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E_LOES_Sitzung2 - Simone Heinold

HS PhraseologieSitzung 2:Das LexikonVerschiedene ModelleSemantische Strukturen des LexikonsPhraseologismen im LexikonSitzung 2 1


Verschiedene Lexikonbegriffe●Bei Phrasemen muss man jedoch davon ausgehen, dass sie, wieein einziges Wort, im Lexikon abgelegt werden. Hierbei spielt dieGröße des Ausdrucks keine Rolle (Phrasen oder Satzniveau).●Gründe hierfür sind ihre formale Festigkeit, ihre Idiomatizitätsowie ihre pragmatischen Eigenschaften.●Dies kann auch in einem anderen Typ Lexikon, dem Wörterbuch,festgestellt werden. Dort wird der ganze komplexe Ausdrucknotiert und es findet sich meist eine Bedeutungserklärung für denidiomatischen Ausdruck.Sitzung 2 3


Verschiedene Lexikonbegriffe●Eine große Herausforderung an die Lexiko- bzw. Phraseografiebesteht in der Notierung der komplexen Ausdrücke. Beizweisprachigen Werken stellt sich zusätzlich die Frage nach derÜbersetzbarkeit.●Unter welchen Stichwörtern sollen beispielsweise folgendePhraseme notiert werden?a. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.b. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.c. die Flinte ins Korn werfend. die Gretchenfrage●Wir werden auf diese Problematik in der Stunde zur Lexikografiezurückkommen.Sitzung 2 4


Verschiedene Lexikonbegriffe●Eine andere Idee von Lexikon ist das sogenannte mentaleLexikon, der Speicherplatz im menschlichen Gehirn.●Fragen, die uns hier beschäftigen: wie werden Wortformen undWortbedeutungen im Gehirn repräsentiert & verarbeitet?●Können Polylexeme auf dieselbe Weise erkannt und verarbeitetwerden wie einzelne Wörter in freien Strukturen?●Schwierigkeit: Kompositionalität von freien Kombinationen vs.Idiomatizität der Polylexeme.Sitzung 2 5


Frequenz und Festigkeit●Phraseme haben einen formalen Vorteil, der sie leichtspeicherbar und erkennbar macht: die Festigkeit ihrer Formvariiert nur leicht oder gar nicht.●Die einzelnen Wörter mancher Polylexeme können, da sie indieser Kombination in freier Verwendung eher rar sind, alsphraseologische Einheit erkannt werden.a. ins Gras + beißenb. ins Fettnäpfchen + tretenc. durch + die Lappen + gehenSitzung 2 6


Füllen Sie die Lücken im Text aus!ExperimentNorbert Wiener, ein amerikanischer Mathematiker, wurde einmal aufdem Campus der Universität von _________ angesprochen, der einemathematische Frage hatte. Wiener blieb stehen und erörterte ________mit ihm. Als sie fertig waren, fragte er: "Bin ich __________ oder_________ gekommen, als Sie mich ansprachen?" _________ nannte ihmdie Richtung, aus der er gekommen war. "Aha", sagte Wiener, "dannhabe ich noch nicht gegessen", und setzte seinen Weg in Richtung____________ fort. Der Student ________ nicht schlecht, schüttelte_________ und fühlte sich als habe der Professor ihm ____________aufgebunden.Was stellen Sie fest? Welche Lücken waren einfach, welche schwerauszufüllen?Sitzung 2 7


ExperimentFüllen Sie die Lücken im Text aus!Norbert Wiener, ein amerikanischer Mathematiker, wurde einmal aufdem Campus der Universität von einem Studenten angesprochen, dereine mathematische Frage hatte. Wiener blieb stehen und erörterte dasProblem mit ihm. Als sie fertig waren, fragte er: "Bin ich aus dieser oderaus der entgegengesetzten Richtung gekommen, als Sie michansprachen?" Der Student nannte ihm die Richtung, aus der ergekommen war. "Aha", sagte Wiener, "dann habe ich noch nichtgegessen", und setzte seinen Weg in Richtung Mensa fort. Der Studentstaunte nicht schlecht, schüttelte den Kopf und fühlte sich als habe derProfessor ihm einen Bären aufgebunden.(Aus Wikipedia, zu Norbert Wiener)Sitzung 2 8


Wortbedeutungen●Bei phraseologischen Einheiten ist es besonders interessant, wieBedeutungen im meschlichen Gehirn repräsentiert werden. Es handeltsich hier um komplexe Einheiten, die als Gesamtausdruck meistens einemehr oder minder idiomatische Bedeutung haben.● Allerdings haben ja auch die Untereinheiten des komplexen Ausdrucks,die einzelnen Wörter, ihre eigene lexikalische Bedeutung.●Es stehen sich hier mehrere Typen von Modellen zurBedeutungsrepräsentation von Wörtern gegenüber:- Merkmalsmodelle- Netzwerkmodelle- Referenzmodelle- (Framemodelle)Sitzung 2 9


Referenzmodelle●Abstrakta sind nur im verbalen System notiert.●Die Systeme stehen in Wechselwirkung. Wörter, die aus beidenSystemen heraus aktiviert werden können, kann sich ein Sprecherbesser merken, als solche, die nur auf einer Ebene aktiviertwerden.●Wörter mit konkreten Bedeutungen werden daher besserbehalten als abstrakte.●Wir werden diese Art von Modell noch intensiver beim ThemaIdiomatizität diskutieren, ebenso die Framemodelle.Sitzung 2 13


Speicherung von Phraseologismen●Phraseologismen sind mental als Einheit im Lexikonabgelegt.●Wie bei Ein-Wort-Lexemen ist ihnen als ganzes eineBedeutung zugeordnet, die abgerufen werden kann.●Interessanterweise sind Phraseologismen in vielen Fällenaber intern flektierbar, was bei komplexen Wörtern nicht derFall ist. (Hier finden wir höchstens Fugenelemente, die aberkeinen Zeichenstatus haben). → Handelsschule●Semantisch sind Phraseologismen also "Einheiten", morphosyntaktischnicht immer.Sitzung 2 14


EinheitenPhraseologismen sind psycholinguistische Einheiten. In einemLückentext kommt meist nur ein ganz bestimmtes Wort in Frage, waseingesetzt werden kann (siehe Aufgabe 1).Bei freien Wortverbindungen wählt man die einzusetzenden Elementeaus einem Wortfeld, z.B. im Text vorher "Orte, wo man essen kann".Ein weiterer Hinweis für den Einheitscharakter von Phraseologismensind bestimmte Versprecher:a. Wir drücken Ihnen alles Gute!b. Damit kommst du auf keinen grünen Baum!c. Ins Grab beißenSitzung 2 15


EinheitenWir drücken Ihnen alles Gute!: zwei quasi synonymischeMehrwortlexeme wurden zu Teilen ausgetauscht (Kontamination beigleicher syntaktischer Struktur)→ Wir drücken die Daumen→ Wir wünschen alles GuteDamit kommst du auf keinen grünen Baum: nur ein Phraseologismus, engesemantische Nähe der vertauschten Elemente→ Damit kommst du auf keinen grünen ZweigIns Grab beißen: nur ein Phraseologismus, Vertauschung eines Elementsallerdings durch phonologische Ähnlichkeit, bzw. durch Bedeutung desganzen Ausdrucks→ Ins Gras beißenSitzung 2 16


Strukturelle Festigkeit"Freie Kombination" von Wörtern bedeutet nicht, dass man wirklichalles mit allem kombinieren kann. Auch hier gibt es Einschränkungensemantischer und morphosyntaktischer Art.Semantische Regelverstöße produzieren nicht zwangsläufigungrammatische Sätze, sondern höchstens sinnlose oder auf andererEbene interpretierbare.→ Peter trinkt einen Kuchen./Peter trinkt das Leben.Phraseologismen als feste Strukturen weisen oft morphosyntaktischeIrregularitäten auf (meist diachron begründbar).→ auf gut Glück/ *auf gutes Glück→ in Teufels Küche kommen/ *in des Teufels Küche kommenSitzung 2 17


Phraseologismen und ValenzPhraseologismen weisen wie Verben eine Valenz auf. Valenz bei freienVerben bezieht sich auf Leerstellen, oder auch Variablen.a. Geben: NP1, NP2, NP3 → Peter 1gibt Maria 2ein Buch 3./ *Peter 1gibt Maria 2.b. Schneien: ---- → (Es) schneit. / *Der Himmel 1schneit.Phraseologismen haben freie und feste Elemente, die sie fordern. Manspricht von externer und interner Valenz.Jemanden an den Bettelstab bringenc. Bringen: NP1, NP2, an-PP(den Bettelstab) → Du 1bringst mich 2noch [an denBettelstab] 3.Externe Valenz bezeichnet die Leerstellen; interne Valenz bezeichnetdas lexikalisch feste Argument der Phraseologismus.Sitzung 2 18


Phraseologismen und ValenzManche Phraseologismen haben dieselbe Valenz wie die Verben, die sieenthalten.a. Peter hat an Maria einen Narren gefressen.b. Peter hat Kuchen gefressen.c. Peter ist auf die Nase gefallen.d. Peter ist mit seiner Bewerbung auf die Nase gefallen.In diesen Fällen ist es gerade das zusätzlich realisierte Argument,welches den Unterschied zwischen einem freien und einem festenSyntagma bzw. zwischen zwei Bedeutungen ausmacht.Sitzung 2 19


AufgabeWelche Problematik besteht bei den Ausdrücken in (1)? Warum sind dieAusdrücke in (2) und (3) nicht grammatisch? Welche Eigenschaften vonPhrasemen stellen Sie fest?(1)a. Das ist sauberes Wasser. - Das Wasser ist sauber. - Wasser, das sauber ist..b. Das ist kalter Kaffee – Der Kaffee ist kalt. - Kaffee, der kalt ist...c. Das ist ein alter Hut.- Der Hut ist alt. - Ein Hut, der alt ist...(2)a. ?Das sind kalte Kaffees.b. *Peter frisst einen Narren an Maria.(3)a. Die Flinte ins Korn werfenb. ?das Gewehr ins Korn werfenc. ?die Flinte in den Hafer werfenSitzung 2 20


AufgabeBestimmte Operationen können mit Phraseologismen nichtdurchgeführt werden, z.B. Adjektive in prädikativer Stellung oderRelativsätze:a. Das ist sauberes Wasser. - Das Wasser ist sauber. - Wasser, das sauber istb. Das ist kalter Kaffee – Der Kaffee ist kalt. - Kaffee, der kalt istDie phraseologische Bedeutung ist stark mit der Einhaltung dersyntaktischen Struktur verknüpft.Auch einfache morphologische Veränderungen wie Plurale oderanderes Tempus sind nicht möglich:c. ?Das sind kalte Kaffees.d. *Peter frisst einen Narren an Maria.Sitzung 2 21


AufgabePhraseologismen haben ein sehr festgelegtes lexikalisches Inventar.Einzelne Elemente sind nicht so ohne weiteres austauschbar – nichteinmal durch Synonyme.a. Die Flinte ins Korn werfenb. ?das Gewehr ins Korn werfenc. ?die Flinte in den Hafer werfenManche lexikalischen Elemente sind so voneinander abhängig, dass sienur in diesem einen Zusammenhang vorkommen können (unikaleKomponenten).d. Maulaffen feilhaltene. Gang und gäbeSitzung 2 22


Variation & ModifikationVarianten mit unterschiedlicher Reihenfolge: wie Milch und Blut/wie Blutund MilchVarianten in der externen Valenz: jmdm./für jmdn eine Extrawurst bratenLexikalische Variation mit synonymischem Charakter:a. jemanden auf den Arm nehmenb. jemanden auf die Schippe nehmen→ eventuell auch als ZWEI unterschiedliche Phraseologismen mitsynonymer Bedeutung zu sehen.Variation mit antonymischem Charakter:auf dem aufsteigenden/absteigenden Ast seinSitzung 2 23


Variation & ModifikationVarianten in der Aktionsart:a. sich jemandem in den Weg stellenb. jemandem im Weg stehenc. jemandem aus dem Weg gehenVarianten in der Kausativität:d. etwas in Schwung bringene. in Schwung kommen / in Schwung seinEs gibt eine Klasse typischer Verben, die für die Aktionsart-Unterschiede gerne benutzt werden: liegen/legen, sitzen/setzen,stehen/stellen. In Schutt und Asche liegen/legen.Sitzung 2 24


Experiment nach Barz 1995 zu VariabilitätErgänzen Sie folgende Sätze mit den in rot markierten lexikalischen Komponenten undder in blau markierten Bedeutung (Einzelarbeit!):a. Mit dieser harmlosen Frage hatte der Journalist......Wespennest; 'unerwartet eine heikle Angelegenheit berühren'b. Peter kam bedrohlich auf Max zu. Dieser beschloss, seine...Beine; 'schnell wegrennen'c. Ich glaube dir kein Wort. Du hast schon öfters...das Blaue; 'Unwahrheiten von sich geben'd. Auch wenn das jetzt nicht auf Anhieb geklappt hat, solltest du nicht gleich.....werfen; "aufgeben"e. Du gehst das Problem doch gar nicht richtig herum an! Das ist ja, als wolle man...das Pferd; "etwas in einer anderen Reihenfolge machen"Sitzung 2 25


Experiment nach Barz 1995 zu VariabilitätMit diesem Experiment sollte gezeigt werden, dass Phraseme inder gesprochenen Sprache weit mehr Varianz aufweisen, alsangenommen.Von 50 untersuchten Phrasemen wurden nur 4 ausschließlich inder vom Duden vorgegebenen Variante genannt.Von den anderen gab es durchschnittlich bis zu 7 Varianten. Dieersetzten Wörter stammten meist aus demselben Wortfeld.Im Experiment zeigte v.a. das letzte Beispiel die größte Variation:das Pferd vom Schwanz her/am/beim Schwanz/vom Schwanz aus/vonhinten/falsch herum/verkehrt herum aufzäumen/aufzügeln/aufsatteln/sattelnSitzung 2 26


Variation & ModifikationVariationen sind usuelle Erscheinungen, wohingegen Modifikationokkasionnell ist. Diese Form der Veränderung begegnet uns häufig inPressetexten (besonders Überschriften) als Stilmittel.Solche Modifikationen sind bewusst vorgenommene Änderungen. DieFrage ist allerdings, in wie weit der Leser diese immer nachvollziehenkann.Bsp:"Schlechter Rat ist teuer.Eine Berufs-Hotline verspricht für 3, 13 Franken pro Minute Hilfe..."Sitzung 2 27


IdiomatizitätEs gibt unterschiedliche Definitionen von Idiomatizität. Manchebeziehen sich ausschließlich auf die Semantik, andere beziehenstrukturelle Besonderheiten ein.Im semantischen Sinn idiomatisch: die Gesamtbedeutung eineskomplexen Begriffs besteht nicht aus der Summe der Bedeutungen derEinzelkomponenten.Ausdrücke können unterschiedliche Grade an Idiomatizität aufweisen.a. Idiomatisch: Öl ins Feuer gießen, jmdm einen Korb geben, gang & gäbeb. Teil-idiomatisch: einen Streit vom Zaun brechenc. Nicht-idiomatisch: sich die Zähne putzen.Sitzung 2 28


MotiviertheitNicht zu verwechseln mit Idiomatizität ist Motiviertheit.Auch wenn ein Ausdruck idiomatisch ist, kann er trotzdem in seinerBedeutung rekonstruierbar sein, z.B. durch seine Bildlichkeit.Idiomatisch und motivierbar: Öl ins Feuer gießen, die Radieschen vonunten anschauenIdiomatisch und nicht motiviert: jemandem einen Korb gebenSowohl über Motiviertheit als auch über Idiomatizität werden wir nocheine separate Sitzung haben.Sitzung 2 29

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