vier Musketiere - Heinzer, Max

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vier Musketiere - Heinzer, Max

Die vier mschweizer illustrierte Sport· September 2013


usketiereAlle für einen – einer für alle. Das legendäre Mottoder berühmten Musketiere gilt auch für die SchweizerDegenfechter. Wie Max Heinzer, Fabian Kauter, FlorianStaub und Benjamin Steffen zusammen für Gold in Rio 2016kämpfen – obwohl sie einzeln auf der Fechtbahn stehen.Text: Sarah Meier Fotos: Sandro BäblerMehr als Schall und Rauch Florian Staub, Max Heinzer, FabianKauter und Benjamin Steffen (v. l.) verkörpern Fecht-Weltklasse.


84stars Fechtenmax heinzer, 26Wohnhort: Immensee SZ.Ausbildung: Bachelor of Sciencein Sportwissenschaften UniversitätBasel. Grösste Erfolge Einzel:11 Wochen Nr. 1 der Weltrangliste,6 Weltcupsiege, Team: WM-Bronze2011, EM-Gold 2012, 2013.«Für einen Fechter bin icheher klein, darum muss ichflinker und athletischer sein»fabian kauter, 28Wohnort: Bern. Ausbildung: Studiumder Betriebsökonomie an derFernfachhochschule FFHS. GrössteErfolge Einzel: 4 Wochen Nummer 1der Weltrangliste, 2 × WM-Bronze,2 Weltcupsiege, Team: WM-Bronze2011, EM-Gold 2012, 2013«Mir gefällt das spielerischeElement beim Fechten,den Gegner auszutricksen»Es ist Tag eins nach demAusscheiden im Sechzehntelfinalder Fecht-WM in Budapest. Ersieht etwas müde aus.Die Enttäuschung istnoch immer gross. DieGefechte stecken ihm in den Knochen.Schmerzen im Fuss zwingen zu einer Pause.Trotzdem steht Max Heinzer, ein Viertelder Schweizer Fecht-Equipe, pünktlich undgut gelaunt im Fotostudio. «Diese Frisurist etwas gewöhnungsbedürftig», sagt er, alser sich nach dem Styling im Spiegel sieht.Er grinst und zupft sich die Haare ein wenigzurecht. Im Lauf der folgenden Minuten treffennach und nach seine Teamkollegen ein,Fabian Kauter, Florian Staub und BenjaminSteffen.Eine Stunde später sehen die vier aus, alswären sie gerade einem Film entsprungen.Wie Antonio Banderas und Anthony Hopkinsin «Zorro», Johnny Depp alias Jack Sparrowin «Fluch der Karibik» oder Gérard Depardieuin «Die drei Musketiere». Die KampfundFechtszenen aus den Hollywood-Blockbusternfaszinieren Gross und Klein mit ihrenspektakulären Stunts und der blitzschnellen,exakten Klingenführung. Fast genauso siehtsin der sportlichen Realität der vier Schweizeraus: Mit tänzerischer Leichtigkeit wirbelnsie über die Fechtbahn – die Planche. GelungeneAngriffe enden mit emotionalemKampfschrei. «Ich war schon als Bub einriesiger Fan von Piratenfilmen», sagt Heinzer.Und als Mann hätte man das Kampffiebersowieso im Blut, erklärt er seine Passion.Anders Staub: «Mich haben diese Filme nieinteressiert», sagt er, «zwischen Show- undschweizer illustrierte Sport· September 2013


florian staub, 23Wohnort: Basel. Ausbildung:Wirtschaftsstudium an der UniversitätBasel. Grösste Erfolge Einzel:8. Rang Weltcup, Bronze Junioren-WM 2010 Team: WM-Bronze 2011,EM-Gold 2012, 2013«Als Ersatzfechter muss ichjederzeit für einen Einsatzbereit sein»benjamin steffen, 31Wohnort: Basel. Beruf: Gymilehrer inEnglisch und Sport. Grösste ErfolgeEinzel: 6 Weltcup-Podestplätze,Team: WM-Bronze 2011, EM-Gold2004, 2012, 2013«Meine Schwäche? Mirwurde schon oft gesagt, ichsei zu wenig egoistisch»Sportfechten ist sowieso ein grosser Unterschied.Bei uns gehts ja nicht um Leben undTod.» Dafür um Erfolg und Medaillen.aus niederlagen gelerntDie verschiedenen Fecht-Disziplinen sindbenannt nach den verwendeten Fechtwaffen:Florett, Degen und Säbel. DieSchweizer Equipe brilliert mit dem Degen.Ein solcher kostet rund 200 Franken undist 420 bis 430 Gramm schwer. «Die Griffepassen wir jeweils genau auf unsere Handan, und die Klinge müssen wir pro Saison 20bis 25 Mal auswechseln», erklärt Beni Steffen.Diese Saison müssen die Klingen nichtmehr ausgewechselt werden – sie ist mit derWM zu Ende gegangen.Als Team-Europameister und Sieger vondrei Team-Weltcups, dazu mit Heinzer undKauter zwei Titelanwärtern im Einzel, reistendie Schweizer mit hohen Ambitionen nachUngarn. Am Ende gabs nur für Kauter etwaszu feiern: Er gewann die Bronze-Medaille.Das grosse Ziel, nach Bronze 2011 mit demTeam endlich auch den Weltmeistertitel zugewinnen, schafften sie nicht: Schon imSechzehntel-Final war gegen die TschechenEndstation. Niederlagen zu verdauen, damithaben Heinzer und Kauter, die zwei erfolgreichstenFechter im Team, schon Erfahrung.Die Olympischen Spiele in London 2012 endetenfür die beiden Medaillenkandidatenmit einer Enttäuschung. Out im Achtelfinal.«Das war unglaublich bitter. Ich habe langegebraucht, um mich davon zu erholen», sagtKauter. Doch mittlerweile ist die Niederlagevergessen. «Wir sind zwar gescheitert, dieEnttäuschung war damals gross und istes auch jetzt, nach der WM. Aber wir habenSeptember 2013· schweizer illustrierte sport


86stars Fechtendaraus gelernt, und unsere Ambitionen sindimmer noch die gleichen», sagt Heinzer. Waser damit meint? Gold an den OlympischenSpielen in Rio 2016.Die Chancen dazu dürften dort besserstehen als in London: In drei Jahren istder Degen-Mannschaftskampf wieder Teildes Programms. Nachdem Degenfechtenseit 1900 olympisch geworden ist und seit1940 auch als Teamwettbewerb ausgetragenwird, nahm das IOC ihn vor London 2012 zurEnttäuschung des Schweizer Teams aus demProgramm.«Italien ist eine der erfolgreichsten Fechtnationen.Der Unterschied zur Schweiz ist, dassdort faktisch alle Profis sind» Angelo Mazzoni, Trainermit italienischem know-howFechten gilt als typischer Einzelsport. DasZiel sei es natürlich, auch im Einzel um eineMedaille zu kämpfen, doch «der Fokus liegtauf dem Teamwettbewerb, weil die Chancengrösser sind», sagt Heinzer. Kauter ergänzt:«Ein Sieg mit dem Team ist für mich schöner,weil ich die emotionalen Momente mitden andern teilen kann.» Er setze sich dafürim Team mehr unter Druck. Steffen gehtetwas weiter: «Ich sehe mich mehr als Teamdennals Einzelsportler.»Eine Mannschaft besteht aus drei Fechtern– bei den Schweizern Heinzer, Kauter,Steffen – und einem Ersatzfechter – Staub.Der Wettkampf wird in neun Einzelgefechtenausgetragen. Jeder ficht gegen jeden Athletender gegnerischen Mannschaft einendreiminütigen Kampf.Was macht das Schweizer Team so stark?Ihre italienischen Trainer Gianni Muzio undAngelo Mazzoni wissen schon mal, wiesgeht: Mazzoni holte 1996 und 2000 mit demitalienischen Team Olympia-Gold. Muzio warsein Coach. Eine weitere wichtige Voraussetzung:Alle vier sind exzellente Einzelfechtermit guter Technik. Und wie siehts aus mit derRollenverteilung? Beni Steffen ist der Team-Veteran, möchte sich aber nicht als Leaderbezeichnen und verneint auch eine bestimmteRollenzuteilung. «Ich bringe viel Erfahrungein und vermittle zwischen dem Team undden Trainern.» Auch bei schlechter Stimmungwürde er eingreifen. Das sei jedochnicht oft nötig, sagt Kauter, «da wir uns wirklichgut ergänzen und am gleichen Strickziehen». Kauter, der Temperamentvolle, mitunbändigem Willen und Kampfgeist. Heinzer,neben der Fechtbahn eher ruhig undüberlegt, im Kampf aber explosiv und offensivstark. Steffen ist der Erfahrene mit guterPhysis und Staub der perfekte Ersatzfechter,der sich mit letzter Konsequenz für einenallfälligen Einsatz vorbereitet. «Die dreianderen sind gesetzt, das ist für mich klar. Ichtrainiere genau gleich und bereite mich vor,wie wenn ich zum Einsatz käme», sagt Staub.Damit bringt er die Philosophie des gesamtenTeams auf den Punkt: Es geht nicht umGleichberechtigung, sondern um die bestmöglicheLeistung als Gruppe.Im Schatten des FussballsObwohl der Fechtsport in der Schweiz grosseTradition hat, bleibt er eine Randsportart.Die Basler Fechtgesellschaft, in der Heinzer,Staub und Steffen Mitglied sind, hat eine erfolgreicheGeschichte: Auch der Olympiasiegervon Athen 2004, Marcel Fischer, hat dortsein Handwerk gelernt. Trotzdem gibt es inder Schweiz nur 3000 lizenzierte Fechter. Dasfindet Kauter, Mitglied des Fechtclubs Bernschade. Jugendliche zum Fechten zu animieren,liegt ihm denn auch am Herzen. «Es isthalt nicht so einfach wie beim Fussball, wojeder einen Ball zu Hause, eine Wiese vor derTür und einen Club im Dorf hat.»Wer ein guter Fechter werden will, mussschon im Kindesalter mit dem Sport anfangen.Als Fünfjähriger machte Heinzer seine erstenSchritte auf der Planche. Seine Schwester tates ihm wenig später gleich. Und schliesslich –in Umkehrung der üblichen Reihenfolge – tratennach ihren Kindern auch die Eltern in denschweizer illustrierte Sport· September 2013


Attacke! Florian Staub (l.) undBenjamin Steffen mit dem Degenin Aktion. Mit dieser Waffe zählt jederTreffer auf Rumpf, Arme, Beineund Kopf.nen sich die zwei Aushängeschilder Kauterund Heinzer mit persönlichen und Verbandssponsorenihren Lebensunterhalt finanzieren.Nach seinem Bachelorabschluss inSportwissenschaften an der Uni Basel vordrei Jahren setzte Heinzer alles auf dieKarte Sport. Kauter absolviert an der FernfachhochschuleSchweiz (FFHS) ein Studiumin Betriebsökonomie. Es ist sehr individuellausgerichtet und ermöglicht ihm, dieAus bildung mit dem Pensum als Spitzensportlerzu kombinieren. «Ich brauche dieAbwechslung und den Ausgleich vomSport», sagt Kauter, der auch als Musikererfolgreich ist. Er brachte unter dem KünstlernamenYuri schon zwei Alben heraus.Staub studiert Wirtschaft an der UniversitätBasel.viele entbehrungen, ein zielVier verschiedene berufliche Tätigkeiten,drei verschiedene Wohnorte, zwei Trainingsorte.Da braucht es eine gute Organisation.Viel Freizeit bleibt bei den zahlreichenTrainingsstunden und Autofahrten nicht.Entbehrungen, die sie alle gern in Kaufnehmen. Für ein gemeinsames Ziel: Rio sollfür die vier Musketiere aus der Schweiz dasGefecht ihres Lebens werden.haare & Make-up: fabienne pauli, styling: yvonne reichmuth,location: fotostudio light+ByteFechtclub ein. Nicht nur bei Heinzers ist FechtenFamiliensache: Fabian Kauters Vater Christiangewann bei Olympia 1972 im Team Silberund vier Jahre später Bronze. Fabians ältererBruder Michael war ebenfalls Mitglied derSchweizer Nationalmannschaft.Auch Beni Steffen kam durch Familienangehörigezum Fechtsport. Zuerst versuchteer sich in verschiedenen anderen Sportartenwie Leichathletik und Schwimmen.«Das Wasser war mir aber zu kalt», sagt Steffen,«und als Kind habe ich schon immer gernmit Plastikschwertern auf der Strasse gefochten.»So folgte er schliesslich seiner Zwillingsschwesterund seinem Bruder in den Verein.«Damit erfüllte ich den Bubentraum meinesVaters, der die Sportart selber nicht ausübendurfte.» Einzig der Vierte im Bunde, FlorianStaub, sticht etwas aus der Reihe. Er hatkeinen Bezug durch die Familie. Er habe zuHause bei einem Kollegen eine Fechtausrüstungim Schrank gesehen. «Sie hatmich sofort fasziniert», erzählt Staub. Mitsieben Jahren trat der Jüngste im Bunde derFechtgesellschaft Basel bei.Abseits der Fechtbahn gehen die vierunterschiedliche Wege: So war die Koordinationfür den Shooting-Termin eine kleineHerausforderung. Beni Steffen arbeitet alsGymi lehrer in Basel, wo er Sport und Englischunterrichtet. Auf die kommende Saison willer sein Pensum auf 75% reduzieren. Es sei nebendem Job schwierig, sich aufs Fechten zukonzentrieren, und «mein Schlaf kommt vielzu kurz» sagt er. Die Organisation des Trainingsist heute nicht einfach für die vier. Staubund Steffen wohnen in Basel, Kauter in Bern,und Heinzer kommt aus der Innerschweiz. Sotreffen sie sich je zweimal wöchentlich in Bernund in Basel. So ist der Reiseaufwand etwafür alle gleich. Sie müssen zusammen trainieren,denn: «Wir brauchen Sparring-Partnerauf Augenhöhe», sagt Kauter.nur heinzer als profiTrotz Schattendasein des Fechtsports kön-Der Fechtsportfecht-arten Beim Degenfechten giltder ganze Körper ohne Einschränkungals Trefferfläche. Mit dem Florett zählenTreffer auf den Rumpf inklusive desSchritts. Im Säbelgefecht schliesslichzählen Rumpf, Kopf und Arme alsTrefferfläche. Das Anzeigen der Treffermit roten bzw. grünen Lampen entstehtdurch die Verbindung eines Kabelsvom Fechter mit der elektronischenMeldeanlage.waffen Der Degen ist eine Stichwaffe,bestehend aus einem Griff, einemHandschutz und einer 90 cm langenKlinge aus Stahl. In die Klinge sind dieDrähte eingelegt, damit sich bei einemTreffer der Stromkreis schliesst. DasFlorett wird durch den Pistolengriffgekennzeichnet und seine dünne rechteckigeKlinge. Die Klinge des Säbelshingegen wird zur Spitze hin schmaler.September 2013· schweizer illustrierte sport

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