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SCHAU

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Streitkultur

Über Kontroversität

in der politischen Bildung


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D 43072

Beirat: Prof. Dr. Rita Süssmuth, Prof. Dr. Hubertus

Buchstein, Prof. Dr. Heiner Keupp, Prof. Dr. Roland

Reichenbach, Prof. em. Dr. Bernhard Sutor

Die Rubrik Szene wird betreut von

Katja Petersen.

Hinweise und Informationen werden erbeten an:

kursiv-szene@wochenschau-verlag.de

Beiträge und Meinungsäußerungen zur

Diskussion und Informationen zu Ereignissen und

Veranstaltungen, die für die politische Bildung von

allgemeinem Interesse sind, sind erwünscht.

Näheres siehe Impressum.

Federführender Redakteur dieses Heftes:

Peter Henkenborg

Impressum: siehe Seite 77


Editorial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4

Szene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

Schwerpunkt: STREITKULTUR

Über Kontroversität in der politischen Bildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

Thorsten Bonacker

Warum Gesellschaften Konfl ikte brauchen

Streitkultur in sozialwissenschaftlichen Konfl ikttheorien . . . . . . . . . . . . . . . . . 12

Mark Arenhövel

Streitkultur in der Demokratie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20

Peter Henkenborg

Prinzip Kontroversität – Streitkultur und politische Bildung

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit:

Das schwierige Prinzip der Kontroversität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26

Bernhard Ohlmeier

Demokratische Streitkultur in der Grundschule. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40

Achim Schröder

Mit Konfl ikten umgehen lernen

Soziales Lernen und politische Jugendbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

Dierk Borstel

Fern der Demokratie? Der nahe Osten im Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60

Forum Alex Aßmann

Intimitätsverletzungen im Unterricht

Eine Alternativdeutung der sozialisierten schulpädagogischen Alltäglichkeit . . 68

Benno Hafeneger, Barbara Mühlfeld

„Trinkende Jugend“ – ein neues Etikett . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78

Abstracts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82

Services Fachliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86

... und außerdem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94


kursiv

EDITORIAL SZENE

S

zu pflegen und zu fördern – das

scheint eine fast schon selbstverständliche

DStreitkultur

Aufgabe politischer Bildung in der Demokratie

zu sein. Tatsächlich wird sie seit dem Beutelsbacher

Konsens von 1976 in der Fachdiskussion

nirgendwo offen abgelehnt; niemand tritt mehr

für deren mögliche Gegensätze ein, etwa eine Erziehung

zum Gehorsam oder zum Verdecken von

Konflikten unter einem Mantel der Harmonie.

Und dennoch: Das genauere Hinsehen, das die

Beiträge in unserem Themenschwerpunkt vornehmen

und zu dem sie auffordern, offenbart deutliche

Schwächen im Umgang mit Streit und Konflikten

– in der Praxis der politischen Bildung, aber

auch in Gesellschaft und Politik.

Zunächst erinnert Thorsten Bonacker an die fundamentale

Bedeutung von Konflikten für die Entwicklung

von Gesellschaften und gibt einen Überblick

zu sozialwissenschaftlichen Konflikttheorien.

Mark Arenhövel setzt sich, unter anderem mit Bezug

auf das viel beachtete Buch von Chantal

Mouffe, kritisch mit der Neigung moderner De-

mokratien auseinander, dem Politischen durch

verschiedene Strategien der Konfliktvermeidung

wie z.B. Moralisierung auszuweichen. Der Spannung

zwischen der allgemeinen Akzeptanz des

Kontroversitätsprinzips in der politischen Bildung

auf der einen Seite und den vielen Hinweisen auf

dessen unzureichende Beachtung in der Praxis auf

der anderen Seite geht Peter Henkenborg nach.

Die nachfolgenden Beiträge befassen sich zunächst

mit der Förderung von Streitkultur in zwei pädagogischen

Praxisfeldern, der Grundschule (Bernhard

Ohlmeier) sowie der Jugendbildung (Achim

Schröder). Einen kritischen Blick auf Autoritarismus

versus demokratische Streitkultur im Osten

Deutschlands wirft ein Essay

von Dierk Borstel.

Im Forum diskutiert Alex

Aßmann am Beispiel von

Intimitätsverletzungen im

Unterricht Fragen der politischen Sozialisation im

alltäglichen Umgang mit pädagogischen Situationen.

Die aktuelle öffentliche Debatte um den

Alkoholkonsum Jugendlicher („Koma-Saufen“)

nehmen Benno Hafeneger und Barbara Mühlfeld

zum Anlass für einen kritischen Kommentar.

In eigener Sache freuen wir uns mitteilen zu

können, dass Benedikt Widmaier die Redaktion

von kursiv verstärken wird. Er wirkt als Direktor

des Hauses am Maiberg, einer Tagungsstätte im

hessischen Heppenheim, für die politische Bildung

und ist als Autor zahlreicher Beiträge zur Fachdiskussion

hervorgetreten.

Wolfgang Sander

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4 kursiv JOURNAL FÜR POLITISCHE BILDUNG 3/09


SCHWERPUNKT!

kursiv JOURNAL FÜR POLITISCHE BILDUNG 3/09 11

Streitkultur

Über Kontroversität in der politischen Bildung

Bild: Lotfi Mattou - Fotolia.com


12

SCHWERPUNKT 1

Warum Gesellschaften

Konflikte brauchen

Streitkultur in sozialwissenschaftlichen

Konflikttheorien

DR. THORSTEN

BONACKER

ist Universitätsprofessor

für Friedens- und Konfliktforschung

an der Philipps-

Universität Marburg, Zentrum

für Konfliktforschung.

kursiv JOURNAL FÜR POLITISCHE BILDUNG 3/09

Von den Sozialwissenschaften ist der Streit vor gut

100 Jahren entdeckt worden – von Georg Simmel,

der 1908 festhielt: „Wie der Einzelne die Einheit

seiner Persönlichkeit doch nicht nur so gewinnt,

dass ihre Inhalte nach logischen oder sachlichen,

religiösen oder ethischen Normen restlos harmonieren,

sondern wie Widerspruch und Streit nicht

nur solcher Einheit vorangehen, sondern in jedem

Augenblick ihres Lebens in ihr wirksam sind – so

dürfte es keine soziale Einheit geben, in der die

konvergierenden Richtungen der Elemente nicht

von divergierenden unablöslich durchzogen wären.

Eine Gruppe, die schlechthin zentripetal und harmonisch,

bloß ,Vereinigung‘ wäre, ist nicht nur

empirisch unwirklich, sondern sie würde auch keinen

eigentlichen Lebensprozess aufweisen; die

Gesellschaft der Heiligen, die Dante in der Rose

des Paradieses erblickt, mag sich so verhalten, aber

sie ist auch jeder Veränderung und Entwicklung

enthoben (...)“ (Simmel 1992, 285 f.). Simmel hat

damit gleichsam den Takt für die sich daran anschließende

sozialwissenschaftliche Diskussion um

die Notwendigkeit, Unvermeidbarkeit und Funktionalität

von Konflikten für moderne Gesellschaften

angegeben. Wir brauchen Konflikte, damit

wir uns als Individuen, soziale Gruppen und

Gesellschaften weiterentwickeln, ja damit wir überhaupt

eine personale und soziale Identität herausbilden

können – so lässt sich Simmels, vor dem

Hintergrund seiner Affinität zur Lebensphilosophie

formulierte, Position zusammenfassen. Zugleich

allerdings klingt auch bei Simmel durchaus


schon an, dass zu viele oder zu intensive Konflikte

individuelle wie kollektive Entwicklungsprozesse

auch gefährden können. Eine Gruppe, die nur mit

sich und ihrer Umwelt im Konflikt wäre, könnte

kaum mittelfristig Bestand haben.

Diese Unterscheidung zwischen funktionalen und

dysfunktionalen, gehegten und entgrenzten oder

echten und unechten Konflikten durchzieht in der

Folge die sozialwissenschaftliche Debatte und Forschung

über Konflikte. Dies betrifft insbesondere

das, was ich im Folgenden die Entwicklung einer

konflikttheoretischen Agenda in den Sozialwissenschaften

nennen möchte, die im Prinzip mit Simmels

Schrift über den Streit, bzw. schon kurz zuvor

mit Marx‘ Thesen über die (klassen)konflikthafte

Entwicklung von Gesellschaften, beginnt. Im Folgenden

werde ich die (vier) Kernthesen dieser konflikttheoretischen

Agenda zusammenfassend darstellen.

Dabei geht es zum einen darum zu verstehen,

warum moderne Gesellschaften strukturell

konflikthaft sind, und zum anderen darum, die

institutionellen und strukturellen Bedingungen zu

benennen, unter denen Konflikte funktional oder

dysfunktional bzw. produktiv oder bedrohlich

sind.

Im Kern lautet dabei das konflikttheoretische

Argument, dass Konflikte unter bestimmten

Bedingungen eine wichtige Funktion für Individuen,

Gruppen und Gesellschaften haben – wobei

ich mich in diesem Beitrag vor allem auf die Makroebene,

also auf Gesellschaften, genauer auf moderne,

d.h. in Bezug auf Interessen, Werte und

Identitäten pluralistische Gesellschaften konzentrieren

werde. Zentral für diese positive Rolle von

Konflikten ist deren gewaltfreie Austragung. Versteht

man Streitkultur als eine dauerhafte kommunikative

Austragung von Konflikten ohne Anwendung

oder Androhung von (physischer) Gewalt auf

der Basis der Erwartung von Widerspruch und der

Anerkennung anderer Überzeugungen, dann stellt

sich für die Sozialwissenschaften die Frage, welche

Bedingungen in einer pluralistischen Gesellschaft

erfüllt sein müssen, damit eine solche Streitkultur

entstehen kann (vgl. zur Übersicht Sarcinelli

1990). Genau diese Frage nach den gesellschafts-

kursiv JOURNAL FÜR POLITISCHE BILDUNG 3/09

strukturellen und institutionellen Bedingungen der

Entstehung einer zivilen Konfliktaustragung bzw.

einer „politischen Konfliktkultur“ (Senghaas

1995), in der nachhaltig auf die Androhung und

Ausübung von Gewalt verzichtet wird, steht im

Mittelpunkt der konflikttheoretischen Agenda.

Die konflikttheoretische Agenda

Der Terminus „Konflikttheorie“ taucht in der soziologischen

Theoriendiskussion im Zuge der Formulierung

antifunktionalistischer Theorieprogramme

in den 1950er und 60er Jahren auf (vgl.

Bonacker 2005a). Gemeint sind hier neben marxistischen

Ansätzen, für die Klassenkonflikte gewissermaßen

Motoren gesellschaftlichen Fortschritts

darstellen, damit vor allem die Beiträge von Dahrendorf

und Coser. Beide greifen systematisch auf

Fragestellungen und Theorien der Klassiker der

Soziologie zurück: Coser hat seine Theorie gleichsam

als Kommentar zu Simmel entwickelt, Dahrendorf

bezog sich gleichermaßen auf Marx und

Weber – was für die Theorienlandschaft der zweiten

Hälfte des 20. Jahrhunderts durchaus unüblich

war. Zusammen mit diesen drei klassisch soziologischen

Autoren war es noch Herbert Spencer, der

die Entwicklung einer konflikttheoretischen Agenda

entscheidend mitprägte (vgl. zur Charakterisierung

von Konflikten durch verschiedene Gesellschaftstheorien

Giegel 1998; Bude 1998).

Diese zu Beginn der Sozialwissenschaften formulierte

Agenda, die für Randall Collins (1985) neben

der Durkheim‘schen und der mikrointeraktionistischen

eine von drei soziologischen Traditionen

darstellt, besteht im Kern aus vier Thesen: erstens

sind Konflikte eine spezifische Form von Vergesellschaftung

und Vergemeinschaftung, zweitens sind

Konflikte eine unvermeidbare Folge der horizontalen

Differenzierung moderner Gesellschaften, drittens

sind Konflikte eine unvermeidbare Folge der

vertikalen Differenzierung moderner Gesellschaften

und viertens zeichnen sich moderne

Gesellschaften durch eine Institutionalisierung

ziviler Konfliktbearbeitung aus.

13


Konflikte als spezifische Form

von Vergesellschaftung

und Vergemeinschaftung

Vor allem Simmel (1908) hat in seinem Kapitel

„Der Streit“ die These vertreten, dass soziale Beziehungen

unterschiedlich strukturiert sein können

und dass Konflikte selbst solche Beziehungsmuster

hervorbringen. Soziale Gruppen konstituieren sich

Simmel zufolge im Zuge einer Wechselwirkung

von Konflikt und Konsens, von Abgrenzung und

Integration. Innerhalb sozialer Beziehungen können

Konflikte deshalb durchaus eine produktive

und integrative Bedeutung haben, selbst wenn sie

vom Individuum als störend und ärgerlich empfunden

werden. Simmel eröffnet damit zum einen

die Möglichkeit, Konflikte als normale soziale Phänomene

zu begreifen. Zum anderen rückt er den

Zusammenhang zwischen sozialer und gruppaler

Zugehörigkeit und sozialen Konflikten in den Mittelpunkt.

Die vergesellschaftende Rolle von Konflikten haben

nach Simmel so unterschiedliche Autoren wie Dubiel

und Luhmann betont. Beide verstehen unter

Konflikten soziale Prozesse, durch die sich Gesellschaften

reproduzieren. Dubiel bezieht sich dabei

zusammen mit Rödel und Frankenberg (1989; vgl.

auch Dubiel 1997) auf solche politischen Konflikte,

in denen sich Gesellschaften selbst thematisieren

und auf diesem Wege eine kommunikativ

verflüssigte soziale Integration vollziehen. Voraussetzung

dafür ist eine in sachlicher, sozialer und

zeitlicher Hinsicht unabgeschlossene zivilgesellschaftliche

Sphäre öffentlicher Kommunikation.

Zwar teilt Luhmann nicht die normativen Implikationen

einer solchen demokratietheoretischen Perspektive,

aber systemtheoretisch betrachtet sind

Konflikte letztlich nichts anderes als ein erwartbarer

Fall von Kommunikation, die auf vorangegangene

Kommunikation ablehnend reagieren

(vgl. Luhmann 1984, 488 ff.). Aus systemtheoretischer

Sicht ist es dann interessant zu sehen, wie

sich solche vergesellschaftenden Kommunikationsverläufe

fortsetzen und Konflikte gleichsam von

sich aus dazu neigen, zu eskalieren und sich von

14 kursiv JOURNAL FÜR POLITISCHE BILDUNG 3/09

Erwartungen der Umwelt zu emanzipieren (vgl.

dazu Messmer 2003). Fritz B. Simon (2001) hat in

diesem Zusammenhang gezeigt, dass spezifische

Kommunikationsmuster letztlich dafür verantwortlich

sind, dass wir uns in Konflikten verstricken

und unter Umständen eine Logik der Gewalt

entsteht, der sich Akteure kaum noch widersetzen

können.

Eine solche prozessorientierte, konflikttheoretische

Perspektive auf Konfliktverläufe und Eskalationsdynamiken

findet man außerhalb der Systemtheorie

noch in stärker interaktionistischen Ansätzen, in

denen Konflikte als aufeinander reagierende soziale

Interaktionen verstanden werden, in denen kollektive

Definitions- und Interpretationsmuster entstehen.

Diese Muster können dazu beitragen, dass

Gruppen sich wechselseitig als Bedrohung oder als

Konkurrenten um vermeintlich knappe Güter

wahrnehmen. Konflikteskalationen lassen sich vor

diesem Hintergrund als nicht-intendierte, sich

selbst verstärkende soziale Prozesse beschreiben, in

deren Folge das Konflikthandeln „nicht mehr so

sehr an eigenen Zeilen und Interessen ausgerichtet

(wird), sondern auch an unterstellten Zielen und

Absichten des Konfliktgegners, den es zu bekämpfen

gilt“ (Eckert/Willms 1992, 52; vgl. auch Oberschall

1973).

Konflikte als Folge horizontaler

Differenzierung

Die moderne Gesellschaft ist eine im hohen Maße

horizontal differenzierte Gesellschaft. Max Weber

hat in diesem Zusammenhang zwei Strukturmomente

moderner, differenzierter Gesellschaften

herausgearbeitet, die bis heute für die konflikttheoretische

Agenda von besonderer Bedeutung sind:

den „Polytheismus der Werte“ (vgl. Weber 1922)

und die Ausdifferenzierung autonomer Wertsphären.

Auf der einen Seite zeichnen sich moderne

Gesellschaften Weber zufolge dadurch aus, dass

Werte zunehmend weniger allgemeine Geltung

beanspruchen können. In modernen Gesellschaften

steigen mit anderen Worten sowohl das

Kontingenzempfinden als auch der diskursive Be-


gründungsaufwand und damit auch die Wahrscheinlichkeit

der Kollision unterschiedlicher normativer

Vorgaben und Lebensformen. Solche

Norm- und Wertekonflikte lassen sich zunehmend

weniger durch einen allgemeinverbindlichen substanziellen

normativen Konsens lösen. An dessen

Stelle treten öffentliche und diskursive Konfliktaustragungsformen,

deren Akzeptanz eine wichtige

Voraussetzung für den innergesellschaftlichen

Frieden darstellt. Nicht substantielle Werte, sondern

deren rationale Diskussion sorgen für gesellschaftliche

Integration unter Bedingungen zunehmender

Differenzierung.

Auf der anderen Seite wird nicht nur der normative

Konsens gleichsam kommunikativ verflüssigt, sondern

einzelne gesellschaftliche Teilbereiche, die

Weber als autonome Wertsphären beschreibt, treten

auseinander, ohne dass es noch eine übergeordnete

Steuerungsinstanz gäbe. Vor allem im Zusammenhang

mit Luhmanns Theorie autopoietischer

Systeme wurde dieses zweite Strukturmerkmal

horizontal differenzierter Gesellschaften unter konflikttheoretischen

Vorzeichen als strukturelle Konfliktanfälligkeit

moderner Gesellschaften gedeutet.

Dies gilt in zweifacher Hinsicht: Erstens führt die

Tatsache, dass sich moderne Gesellschaften durch

Funktionssysteme reproduzieren, die nach eigenen

Kriterien operieren und dementsprechend autonom

festlegen, welche Normen in ihnen Geltung

besitzen, zu Konflikten zwischen funktionalen Teilbereichen

– klassisch etwa zwischen Ökonomie

und Ökologie oder zwischen Wirtschaft und Politik.

Und zweitens schließlich entzünden sich Konflikte

in funktional differenzierten Gesellschaften

häufig an den – nicht intendierten – Folgen dieser

Differenzierungsform, etwa an sozialer Ungleichheit,

an Steuerungsdefiziten oder an ökologischen

Selbstgefährdungen. Zugleich führt funktionale

Differenzierung aber auch zu einer „Stärkung der

Konfliktfähigkeit und Konflikttoleranz in der

Gesellschaft“ (Luhmann 1997, 464), weil man unter

den Bedingungen funktionaler Differenzierung

nicht nur Konflikte erwarten kann, sondern moderne

Gesellschaften auch Institutionen ausgebildet

haben, die den Konfliktaustrag so regeln, dass

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er positive gesellschaftliche Folgen und Funktionen

hat – etwa das Rechtssystem, aber auch Protestbewegungen

oder Massenmedien.

Konflikte als Folge vertikaler

Differenzierung

Moderne Gesellschaften sind nicht nur horizontal,

sondern auch vertikal in unterschiedliche soziale

Positionen differenziert (vgl. zum Zusammenhang

beider auch Schimank 1998; Bonacker 2005b).

Klassen- und Rangordnungs- oder Statuskonflikte

sind deshalb ein typisches Merkmal moderner Gesellschaften.

Den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit

und gesellschaftlichem Konfliktpotential

haben zuerst Marx und Engels hervorgehoben und

ihn dabei mit einer Theorie des sozialen Wandels

verknüpft. Gesellschaften, in denen die Verfügung

über Produktionsmittel ungleich verteilt ist, produzieren

aus marxistischer Sicht notgedrungen soziale

Klassen, die in einem hierarchischen Verhältnis zueinander

stehen. Der gesellschaftliche Entwicklungsstand

führt letztlich an einen Punkt, an dem

diese Ungleichheit für den weiteren gesellschaftlichen

Fortschritt dysfunktional wird. Hinzu

kommt, dass unterdrückte Klassen die Legitimität

des Herrschaftssystems in Frage stellen. In dem Maße,

wie aus einer Klasse ohne kollektives Selbstbewusstsein

eine „Klasse für sich“ entsteht, werden aus

latenten, sozialstrukturell verankerten Interessengegensätzen

manifeste Klassenkonflikte (vgl. Marx/

Engels 1848). Es ist vor allem dieser Übergang von

latenten Widersprüchen zu manifesten Konflikten,

der in der konflikttheoretischen Diskussion vielfach

aufgegriffen und sowohl zum Gegenstand empirischer

Forschung zu Klassenkonflikten als auch

zum Gegenstand theoretischer Kontroversen

gemacht wurde (vgl. Berger 1998).

Marx und Engels machten damit die sozialstrukturelle

Verankerung sozialer Konflikte zum zentralen

Bestandteil soziologischer Konflikttheorien. Besonders

in den 1970er Jahren schien genau darin sogar

der wesentliche Beitrag von Konflikttheorien im

Vergleich zu funktionalistischen und methodologisch-individualistischen

Ansätzen zu liegen. Dem-

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