Download Referat (PDF, 1.2 MB) - Appenzeller Suchtsymposium

suchtsymposium.ch
  • Keine Tags gefunden...

Download Referat (PDF, 1.2 MB) - Appenzeller Suchtsymposium

„Den Kummer ertränken“ -Traumatisierungen und PosttraumatischeStörungen bei SuchtkrankenDr. med. Ingo Schäfer, MPHKlinik für Psychiatrie u. Psychotherapie, Universitätsklinikum Hamburg-EppendorfZentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität HamburgAppenzeller Suchtsymposium, 16.09.2010


ÜbersichtTraumatisierungen bei SuchtkrankenTherapieansätzeImplikationen für das Hilfesystem


Einteilung traumatischer ErlebnisseTyp - ITrauma(kurzdauernd)„Schicksalhaft“- Verkehrs-/Arbeitsunfälle- Berufsbedingte Traumata(z.B. Polizei, Feuerwehr)- Naturkatastrophen„Durch Menschen“- Vergewaltigungen- Körperliche Gewalt, Überfälle- andere zivile Gewalterlebnisse(z.B. Geiselnahmen)Typ - IITrauma(langdauernd,wiederholt)- LanganhaltendeNaturkatastrophen(z.B. Flut, Erdbeben)- Gewalt in der Kindheit/ Bindungstraumatisierungen- Folter, politische Inhaftierung


„Typ III Trauma“


Frühe interpersonelle TraumatisierungenSexuelle GewaltKörperliche GewaltEmotionale GewaltEmotionale VernachlässigungPhysische Vernachlässigung


• N=12.748 Jugendliche• Zusammenhänge zwischenfrühen Traumatisierungenund „Binge drinking“(Mind. 2-3 x/Monat≥5 Trinkeinheiten)• Kontrolle vonAlter, Geschlecht,Alkoholismus undMonitoring der Eltern


Gewalterlebnisse bei AlkoholabhängigenMännerFrauenGesamtKindheit- Körperliche Misshandlung26%35%29%- Sexueller Missbrauch14%31%20%- Mindestens eine Form34%51%39%Erwachsenenalter- Körperliche Gewalt > 1641%67%45%- Sexuelle Gewalt >161%41%13%- Mindestens eine Form42%63%49%(N=270)


Zusammenhänge mit Problemen in der TherapieHäufigere Therapieabbrüche(Brady et al. 1994, Hien & Levin 1994, Thompson & Kingree 1998)Häufigere Rückfälle(Brown, Stout & Mueller 1996, Ouimette, Ahrens et al. 1997)Mehr gesundheitliche, rechtliche, soziale Probleme(z.B. Ouimette et al. 2000, Kang et al. 2002)Hohe Raten komorbider psychischer Störungen(z.B. Brown et al. 1995, Brady et al. 1994, Najavits et al. 1998)


Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)Beständiges Wiedererleben des EreignissesAnhaltende Vermeidung von Aktivitäten undSituationen, die an das Ereignis erinnernErhöhtes vegetatives Erregungsniveau


Wiedererleben„Oft abends, dann kommen Bilder und vorallem auch Gedanken.Was mein Vater mit uns alles gemacht hatund so, die Bestrafungen und das alles.Das lässt mich dann oft gar nicht mehr los,der Kopf rattert und rattert.“


Zusammenhänge zwischen PTBS und SuchtTrauma PTBS SuchtSelbstmedikationsHypothese


„(APA/dpa) Zagreb - Kroatische Kriegsveteranendürfen jetzt ungestraft Cannabis rauchen.Das geht aus einem Urteil des OberstenGerichtshofes des Balkanstaates hervor...Marihuana diene als wirksames Medikamentgegen Posttraumatische Belastungsstörungen(PTBS), an denen viele Ex-Soldaten aus demKrieg im früheren Jugoslawien leiden... “(der Standard, 05.06.2009)


Zusammenhänge zwischen PTBS und SuchtHochrisikoHypotheseVulnerabilitätsHypotheseTrauma PTBS SuchtSelbstmedikationsHypothese


Multicenter-Studie des NorddeutschenSuchtforschungsverbundes (N=469)Driessen et al. (2008) Alcoholism: Clinical and Experimental Research


„Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung“• Veränderte Regulation von Affekten und Impulsen(Chronische Anspannung, Autoaggression,...)• Veränderte Selbstwahrnehmung(Entfremdungsgefühle, Gefühl der Leere, Scham,...)• Veränderte Beziehung zu anderen(Unfähigkeit zu Vertrauen, sozialer Rückzug,...)• Veränderte Bedeutungssysteme(Verlust bisheriger Überzeugungen, allg. Sinnverlust)


Substanzen können helfen...... negative Gefühle zu dämpfen... positive Gefühle zu erleben... Kontakt mit Menschen auszuhalten... „Suizid auf Raten” zu begehen... Sexualität zu leben... sich am Täter zu rächen... sich einigermaßen normal zu fühlen... Kontrolle zu bekommen... zu zeigen, wie schlecht man sich fühlt,wenn die Worte dafür fehlen


ÜbersichtTraumatisierungen bei SuchtkrankenTherapieansätzeImplikationen für das Hilfesystem


Bei Suchtkranken erfolgreichStabilisierende Interventionen(Imagination, Distanzierungstechniken)Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)Expositionsbasierte Verfahren(EMDR, VT-Techniken)Innere-Kind-Arbeit, Ego-States-Therapie(Schäfer & Krausz 2006; Kunzke 2008; Lüdecke et al. 2010)


Traumaspezifische Therapie: Welches Modell?Sequentiell:Zunächst Suchtbehandlung oder zunächst Traumatherapie.Problem: Ansätze oft nicht ausreichend, Klienten fallen „durchs Netz“.Parallel:Behandlung beider Problembereiche durch mehrere Therapeuten,die auf jeweils einen Bereich spezialisiert sind.Problem: Koordination, Integration müssen Klienten selbst leisten.Integrativ:Sucht- und Traumabehandlung durch dieselben Therapeuten/-innen.Problem: „Doppelte“ fachliche Kompetenz, therapeutische Paradigmen.


VerlaufstypenAbhängigkeitAbhängigkeitMissbrauchMissbrauchAlter (Jahre)Alter (Jahre)Typ IAbhängigkeitTyp IIMissbrauchAlter (Jahre)Typ III(vgl. Driessen et al. 2006, Lüdecke et al. 2010)


Anforderungen an TherapieprogrammeIntegrative Behandlung von Sucht und TraumafolgenNiedrigschwellig, stabilisierendFlexibler Einsatz (Settings, Zielgruppen)Einsatz durch verschiedene BerufsgruppenMethodische Fundierung, Evidenzbasierung


„Sicherheit finden“(Najavits 2002; dt. Übersetzung 2009)Keine Traumabearbeitung sondern Stabilisierungund Aufbau sicherer CopingstrategienErfahrungen mit unterschiedlichen PatientengruppenKeine Traumatherapie-Ausbildung nötigStudien zur Wirksamkeit (www.seekingsafety.org)


Themenbereiche von „Sicherheit finden”• Distanzierung von Schmerz - Erdung• PTBS: Die eigene Stärkezurückgewinnen• Wenn Substanzen Sie beherrschen• Um Hilfe bitten• Gut für sich sorgen• Mitgefühl• Rote und Grüne Signale• Ehrlichkeit• Heilsames Denken• Die innere Spaltung überwinden• Unterstützungsangebote• Sich Bedeutungen erschließen• Grenzen setzen in Beziehungen• Entdeckungsreise• Andere dazu bringen, IhreGenesung zu unterstützen• Umgang mit Auslösern• Würdigung der eigenen Zeit• Gesunde Beziehungen• Sich eine Freude machen• Heilung von Wut• Verbindlichkeit


√√√√√√



Gruppe „Sicherheit finden“ in HamburgN=38 alkoholabhängigeFrauen mit PTBSAmbulante Gruppen (N=4-6)14 Sitzungen à 90 Min.Gute Durchführbarkeitund AkzeptanzSchäfer et al. (2010) Suchttherapie, 11, 60-68


NSF-Studie„Sicherheit finden“= Fachkliniken= Ambulanzen„Sicherheit finden“vs. „Treatment asusual“


www.trauma-und-sucht.de


ÜbersichtTraumatisierungen bei SuchtkrankenTherapieansätzeImplikationen für das Hilfesystem


„Traumasensible Behandlung“Setting u. Abläufe überprüfen („Gefühl der Sicherheit“)Systematische DiagnostikPsychoedukation und basale Interventionen(Stabilisierungstechniken)Vernetzung mit niedergelassenen TherapeutInnenund spezialisierten Kliniken


DiagnostikSystematische Gesprächsangebote zu traumatischenErfahrungen (Aus- und Weiterbildung!)Gemeinsames Nachdenken über deren Relevanz:„Wie wirken sich diese Erlebnisse heute für Sie aus?“„Welche Unterstützung wäre hilfreich?“„Welche Konsequenzen für die Planung der Therapie?“Systematische Diagnostik von PosttraumatischenStörungen


Flächendeckende VersorgungTraumasensible Therapie(Setting, Diagnostik, Stabilisierung,einzelne geschulte Mitarbeiter)Traumakompetente Therapie(Weiterführende Interventionen,Supervision anderer Einrichtungen)TraumaspezifischeTherapie


FazitTraumaperspektive als „Schlüssel“ zu langfristigerStabilisierung bei vielen BetroffenenAuch bei Suchtkranken gute Erfahrungen mit allentraumatherapeutischen AnsätzenBesonders für komplex traumatisierte Patienten sindstabilisierende Programme besonders sinnvollInterventionen müssen eingebettet sein in eineinsgesamt „traumsensible“ Kultur im Hilfesystem


www.trauma-und-sucht.dewww.degpt.de

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine