Ende - Andrea Bottlinger

traumsphaeren.de

Ende - Andrea Bottlinger

Ausgabe Nr. 5

06.10.08

ISSN 1867-2671

Blah!

Magazin fuer Fantasy, Horror und Science Fiction


Blah!

Ausgabe Nr. 5

ISSN 1867-2671

Veröffentlicht 06.10.2008

Herausgeber: Andrea Bottlinger

Illustrationen: Andreas Unterkreuter

Titelbild: Michael Bottlinger

Das Copyright der Geschichten liegt bei den jeweiligen

Autoren.

Das Copyright der Bilder liegt bei den jeweiligen

Künstlern.

Kontakt: andreabottlinger@traumsphaeren.de

www.blah-zeitschrift.net


Macalla

Baumgeschichte 4

Victoria Grinberg

Wie ein Schmetterlingsleben 6

Thomas Brandt

Bubble, bubble ... 9

Helmut Marischka

Der letzte Auftrag 12

Vorwort

Inhalt

Nun sind wir schon bei Ausgabe 5 von Blah!

Wer hätte gedacht, dass dieses Experiment es

so weit bringt?

Aber nur mit einer erfolgreichen 5. Ausgabe

und damit einem Halbjubiläum gebe ich mich

nicht zufrieden.

Wir, das sind Thomas Brandt und ich, setzten

noch einen oben drauf: Von dieser Ausgabe

an hat Blah! nämlich einen Podcast, für den

Thomas verantwortlich sein wird. Dieser ist

auf der Homepage oder aber über iTunes

zum Herunterladen zu haben und darin

werden die Blah!-Autoren ihre eigenen

Geschichten vorlesen oder vorlesen lassen.

Außerdem wird es Interviews mit den

Autoren geben, Rezensionen und viele Dinge

mehr, von denen man sich überraschen lassen

darf.

Zudem kann man nun für Blah! spenden.

Wem diese Zeitschrift so gut gefällt, dass sie

ihm Geld wert ist, den werden wir nicht

davon abhalten, uns eben jenes Geld

zukommen zu lassen. Dafür gibt es nun einen

Spendenbutton von Paypal auf der

Homepage.

Interview mit der Redakteurin der Zeitschrift

Blaetterwelt 15

Fabienne Siegmund

Bunter Tanz mit 17

weissem Ende

Tom Wilhelm

Leichtsinn 19

Für diese Ausgabe möchte ich mit

besonderem Stolz auf die ersten Science-

Fiction Geschichten hinweisen, die in dieser

Zeitschrift erscheinen. Es sind gleich zwei

auf einmal. Zum einen haben wir da

„Schmetterlingsleben“ von Victoria

Grinberg, die sich mit den Launen unserer

Gene beschäftigt. Und zum anderen

„Leichtsinn“ von Tom Wilhelm, ein Text

über aktuelle Ereignisse, nämlich die

Inbetriebnahme des LHC im CERN.

Weil das noch immer nicht genug ist,

beinhaltet diese Ausgabe außerdem das erste

Interview in der Geschichte von Blah!

Fabienne steht dort Rede und Antwort zu

ihrer Zeitschrift „Blätterwelt“.

Damit möchte ich es allerdings erst einmal

gut sein lassen. Ich wünsche wie immer viel

Spaß beim Lesen.


Verliebte küssten sich unter meinem Blätterdach.

Wanderer ruhten an meinem breiten Stamm.

Hunderte von eingeritzten Botschaften zieren meinen

Körper.

Einige sind fast so alt wie ich.

Ich wurde geboren als ein Mann starb. Wie es zu

dieser Zeit üblich war, opferte man ihn auf den

Wurzeln und Ästen meines Mutterbaumes.

Ich erinnere mich an das lüsterne Rauschen ihrer

Blätter, das ekstatische Knarren ihrer Äste als sie

das vergehende Leben in sich aufsog. Doch das,

was an diesem Opfer unvergänglich war, entstieg

dem Leichnam wie ein Stern. Meine Mutter fing

den Stern und gab ihn mir.

„Eichen werden weit über tausend Jahre alt. Diese hier

schätzen wir auf etwa 1.500 Jahre.“ Meine Blätter lassen

Licht auf dem Gesicht des klugen, jungen Mannes tanzen.

Woher soll er auch wissen, dass ein Stück Unsterblichkeit

in mir ruht.

Ob seine Zuhörer von heiligen Eichen gehört haben?

Bestimmt. Viele haben das, die zu meinen Füßen tanzen,

meditieren oder feiern. Ob sie wissen, wie heilig ich bin?

Und wie alt?

Der Stern ließ sich in mir nieder und gemeinsam

wurden wir geboren. Wir schlugen Wurzeln und

ich konnte fühlen, wie er es genoss, wieder zu

leben. Meine Mutter schütze uns vor Menschen

und Tieren. Ihre Macht war groß zu dieser Zeit.

Getränkt von Blut zu jeder Sonnenwende. Oh ja -

4

Baumgeschichte von Macalla

Wenn Bäume sprechen könnten, hätten sie sicher

einiges zu erzählen. Denn immerhin sind viele von

ihnen ziemlich alt und haben bestimmt so

manches interessante Ereignis beobachten können.

Also kann die Geschichte eines Baumes nicht

langweilig sein, auch wenn man vielleicht

einwenden könnte, dass es ihr möglicherweise ein

wenig an Bewegung mangelt. Aber selbst das ist

hier nicht der Fall. Dieser Text stellt eine äußerst

packende und bewegende Baumgeschichte dar.

Langweilig ist sicher etwas anderes.

Daher freue ich mich, diese Ausgabe von Blah!

mit einem solchen Text einleiten zu können und

präsentiere stolz Macallas Baumgeschichte.

damals schlief sie nicht einmal im Herzen des

Winters. Lachend und trotzig reckte sie Grün in die

dunkle Kälte und verhöhnte sie. Ihre Macht war

gewaltig und die Menschen konnten sie fühlen

und wurden angelockt wie Motten von einer

Kerzenflamme.

Blut für Leben und Tod. Blut für Winter und

Sommer. Blut zum Dank und zur Bitte.

Rot und Grün sind symbolträchtige Farben, nicht

wahr?

Der junge Mann spricht nun von Coevolution. Von Tieren,

die gemeinsam mit mir leben und sich mit mir und durch mich

entwickelt haben.

Eine Gallwespe legt ihr Eier in eines meiner Blätter. Es stört

mich nicht. So wie meine Jugend mit Leben genährt wurde, so

will ich andere nähren.

Früher freute man sich sogar über die Wespen. Menschen

kamen, schnitten die Galläpfel herunter und machten Tinte

daraus. Es amüsiert mich, darüber nachzudenken wie viele

Worte aus mir hervorgingen.

Meine Mutter war wild und schön und stark und die

Verehrung der Menschen war ihr selbstverständlich.

Ich weiß nicht, warum sie den Lebensstern des

Opfers einfing und an mich weitergab.

Wahrscheinlich hat sie nicht viele Gedanken darauf

verwandt. Manchmal hielt sie jene, die man auf ihre

Äste spießte noch eine Weile am Leben. Nur um zu

sehen, was passieren würde.


Und so war es auch mit mir. Sie wollte sehen, was

passieren würde. Einer ihrer Schößlinge und ein

Stück Unsterblichkeit.

Meine Mutter war wild und schön und stark

und die Verehrung der Menschen war ihr

selbstverständlich.

Und dann hörten sie damit auf.

Ihr Zorn war schrecklich und noch viele

Jahrhunderte später fand man Menschen zu ihren

Füßen – erschlagen von nicht aufzufindenden

Ästen. Doch langsam wandelte sich ihr Zorn in

Verzweiflung denn sie erkannte, dass es die

Verehrung gewesen war, nicht das Blut, das sie

stark gemacht hatte.

Meine Mutter war wild und schön bis zum Schluss

als die Stärke sie lang schon verlassen hatte. Sie

wurde stumm – Holz und Blatt ohne Regung. Der

erste Herbst in dem ihre Blätter fielen ist mir in

Erinnerung als wäre es gestern gewesen. Sie war

wilder und schöner als je zuvor – und verging.

„Eichen sind hier weit verbreitet. In unseren Wäldern gibt

es kaum einen Laubbaum der öfter vorkommt.“ Der junge

Mann berührt meinen Stamm „Wir müssen froh sein,

dass Eichen eine so starke Symbolkraft besitzen – sonst

hätte man die alte Dame hier wohl schon längst gefällt.“

Einer seiner Gäste tätschelt mich abschätzend und

murmelt etwas von perfektem Möbelholz.

Ob meine Mutter an meiner Stelle wohl mit Zorn oder mit

Amüsement reagiert hätte? Es ist schwer zu sagen.

Sie verging in einem Wirbel aus Farben und

Stur m. Doch wir – mein Funke von

Unsterblichkeit und ich – wir lebten. Ohne die

Macht unserer Mutter erfasste auch uns der

Kreislauf von Leben und Tod, von Wachen und

Schlafen. Doch die Zeit perlte an uns ab. Wir

wuchsen, wir gediehen, wir hatten unsere eigene

Stärke, ineinander verflochten wie wir waren. Wir

waren eins und doch getrennt. Ein Geist und zwei

Seelen.

Wir sahen die Zeiten vorbeistreichen. Wir beugten

uns dem Sturm und tranken Sonne.

„Bitte nur den Weg entlang! Vorne links finden Sie die

nächste Schautafel des Lehrpfades“, sagt der junge Mann

und wartet ab, bis seine Gäste sich von mir abgewandt

haben. Es ist interessant, wie sehr man sich in letzter Zeit

an alte Sitten erinnert. Der junge Mann verneigt sich vor

mir, bevor er den anderen Menschen folgt.

Durch all die Zeit hat man uns nie lange allein

gelassen. Die Nachkommen derer, die meinen

Mutterbaum mit ihrer Verehrung nährten, lebten

immer in unserer Nähe. Auch sie sahen wir leben

und sterben wie die Jahreszeiten. Erinnerungen

liegen uns nicht sehr. Wir haben viel Zeit verschlafen

– oder besser: verträumt. Doch ich weiß, dass es

unter denen, die in unserer Nähe lebten, immer

wieder den einen oder anderen gab, der mit treu war.

Sie verehrten mich nur selten aber sie saßen

zwischen meinen Wurzeln. Sie sangen oder schliefen,

sie ruhten aus oder tanzten. Sie lachten oder weinten.

Manche erhängten sich an meinen Ästen. Vielleicht

konnten sie das Unsterbliche in mir spüren.

Mondlicht flackert durch meine Blätter. Der junge Mann

stolpert, fängt sich und lehnt sich an meinen Stamm. Seine

Eile ist mir fremd. Seine Verzweiflung nicht.

In den Armen trägt er Leben, das er nun an meinen Stamm

presst. „Hilf mir. Ich bitte dich, hilf mir“, fleht er. „Sie

stirbt, haben sie gesagt. Ich habe sie aus dem Krankenhaus

gestohlen. Sie wollten sie mir nicht geben.“ Er hat recht, das

kann ich fühlen. Das Leben ist sehr, sehr neu und sehr, sehr

schwach und wird bald vergehen. Sein Flehen verstehe ich

nicht. Hat er denn nicht selbst so viele Jahre in meiner

Gegenwart verbracht? Hat er dann nicht den Winter kommen

und gehen sehen?

Doch der Funke Unsterblichkeit in mir regt sich. Er windet

sich, entwindet sich mir. Es tut weh als er sich löst. Ich

verstehe nicht, warum er das tut, aber ich kann sehen, dass es

so sein muss. Also lasse ich ihn gehen. Ich sehe zu, wie er mich

glühend verlässt, ich fühle das schwache Leben stärker werden.

Ich höre den kräftigen Schrei neuen Lebens.

Der nächste Winter wird mein letzter sein.

Ende

5


Wie ein Schmetterlingsleben

von Victoria Grinberg

„Also habe ich dir mein Leben zu verdanken?“, fragte

Francesca. Sie hatte ihren langen Pony über die linke

Gesichtshälfte gekämmt, um die Brandnarben zu

verbergen.

Ruben senkte den Blick und schwieg, als überlege er,

was er ihr entgegnen sollte. Die Stimme der nun

erwachsenen Frau erinnerte Ruben an das kleine

Mädchen von früher. Nur viel härter. „War es wegen

Dana, dass ich das Glück hatte?“

„Ich kann nicht jedes Leben retten.“ Ruben zuckte mit

den Schultern und Francesca merkte plötzlich, dass

sie, trotz seiner ergrauten Schläfen und des

Botschaftertitels, nicht mehr zu ihm aufschaute, wie

sie es als Kind getan hatte.

***

„Ist er tot, Daddy?“ Danas Augen schauten groß und

golden zu ihm hinauf. Rubens Tochter stand neben

Francesca, deren kleine Kinderhände ungeschickt

einen im Vergleich zu ihnen riesigen schwarzen Falter

umklammerten und seine geknickten Flügel weiter

verbogen. Ruben befreite das Insekt vorsichtig aus

den rosigen Fingern. Irgendetwas war noch da in

diesem kleinen Klumpen aus Chitin und Fleisch, das

leicht am Rande seines Bewusstseins kribbelte, wenn

er danach Ausschau hielt. Ungelenk setzte er sich auf

den Waldboden, um auf Augenhöhe mit den

Mädchen zu sein.

„Daddy?“ Dana ziepte ungeduldig an seinem

Anzugsärmel.

„Der Schmecherling ist doch schon tot.“ Paul, eines

der Nachbarskinder, stand plötzlich neben ihnen und

ihm folgten die drei anderen, auf eine kindlich

grausame Art neugierig mal auf das dunkle geflügelte

Insekt auf Rubens Hand, mal auf die beiden Mädchen

schauen. Danas Augen füllten sich mit Tränen.

6

Victoria Grinberg hat schon die ein oder andere

Anthologie-Veröffentlichung vorzuweisen,

außerdem ist sie Mitglied in der Internet-

Autorengruppe NINJA (Netzwerk im Namen

junger Autoren).

Sie unterhält einen Schreibblog, der unter

http://cybertronflower.livejournal.com zu finden

ist

Mit dieser Geschichte möchte ich die erste Science

Fiction Geschichte präsentieren, die je in Blah!

veröffentlicht wurde. Nachdem es hier doch

größtenteils einen Fantasy Schwerpunkt gibt, bin

ich besonders stolz darauf. Auch wenn einem erst

gegen Ende klar wird, warum diese Story in das

Genre Science Fiction eingeordnet werden sollte.

Ich wünsche auf jeden Fall viel Spaß beim Lesen.

„Du darfst nicht weinen“, stellte Francesca letztendlich

ernst fest und putzte den grauen Staub, der ihre Finger

bedeckte, an der kurzen Hose ab. Fast ein Jahr älter als

die anderen, war sie die unangefochtene Anführerin der

kleinen Bande. „Der war eh hässlich, schwarz!“, ergänzte

sie und griff nach Dana, um sie wieder zu den

Spielgefährten zu ziehen. Aber das rothaarige Mädchen

blieb stur stehen, die Augen immer noch fragend auf

ihren Vater gerichtet.

„Warum ist er tot, Daddy?“

Als der erste, salzige Tropfen die Kinderwange entlang

lief, deckte Ruben den Falter mit der anderen Hand zu

und schloss für einen Augenblick die Augen, darauf

konzentriert, ein bisschen Leben in das kleine Wesen zu

pumpen. Er öffnete die Hände und pustete auf das

Insekt, wie ein Zauberer, der aus einem bunten Tuch

plötzlich Tauben hervorbringen möchte. Der

Nachtschmetterling zögerte kurz und war dann plötzlich

weg, ein dunkler Fleck gegen das helle Licht, das durch

die Baumkronen fiel.

„Er war doch gar nicht tot, bloß krank – er wollte

schlafen“, sagte Ruben und das Lächeln, das Danas

Gesicht unter den roten Haaren zum Leuchten brachte,

ließ auch ihn grinsen. „Und jetzt husch, und stört keine

weiteren Schmetterlinge beim Schlafen! Ihr dürft sie nicht

einfach so mitnehmen.“

Ruben beobachtete die Kinder, welche die Überraschung

schnell vergessen hatten und zum nahen Haus, mit

seinem kleinen Spielplatz und schier endlosem

Spielzeugvorrat spurten. Dana und Francesca waren wie

immer fest aneinander geklammert und diskutierten

aufgeregt.

Dann hörte er andere Schritte hinter sich, kein Tippeln

kleiner Füße.

„Nicht gerade pädagogisch wertvoll“, bemerkte Claire

und ging neben ihm in die Hocke. „Dana wird lernen

müssen, mit dem Tod umzugehen. Sie können nicht


jeden retten, Botschaftsattaché Linder.“ Die Witzelei

konnte die Angst, die in ihrer Stimme mitschwang,

nicht verbergen.

Ruben atmete schwer ein und blieb ihr eine Antwort

schuldig. Natürlich hatte sie recht, aber ...

Claire setzte sich auf den Boden und legte den Kopf

auf Rubens Schulter. Er umarmte sie. Hinter ihnen

spielten die Kinder und Danas silbernes Lachen war

deutlich gegen das Zirpen der Waldinsekten zu hören.

***

Dana, die sonst nicht gerade unter Schüchternheit litt,

klammerte sich an sein Bein. Das Rot ihrer wilden

Locken war der einzige Farbfleck in dem weißen,

sterilen Raum. Ruben hob sie auf und seine Tochter

suchte sich in seiner breiten, langsam füllig werdenden

Gestalt zu verstecken.

„Ich weiß nicht, ob es der Kleinen gut tut ...“, meinte

die Krankenschwester und blickte sich unsicher um,

stumm ihre Kollegin um Unterstützung bittend, die

ihren Kopf bloß tiefer in den Akten verbarg.

„Darüber, was gut für unser Kind ist, entscheiden wir

als Eltern. Die schriftliche Zustimmung meiner Frau

liegt vor. Und auch Francescas Mutter hat Dana eine

Besuchserlaubnis erteilt.“

Wenn Dana älter werden und Ruben keuchend die

Karriereleiter erklommen haben würde, würde sie

diese Stimme ihres Vaters als die Stimme erkennen:

Sehr weich, leise, aber mit einem metallenen Unterton,

sollte sie zum Markenzeichen von Botschafter Linder

werden. Aber für Dana hatte sie jetzt wie später etwas

sehr beruhigendes.

Die Krankenschwester schob ihm die Papiere herüber.

„Als Erziehungsberechtigter und Begleitperson müssen

Sie das hier ausfüllen. Und für die Krankenzimmer

brauchen Sie einen Kittel, ich muss schauen, ob wir einen

passenden für das Kind haben. So junge Besucher

werden normalerweise nicht hierher gebracht!“

„Wird sie sterben, Daddy?“, fragte Dana, als sie endlich

vor Francescas Bett saßen. Sie schien sich den Satz lange

auf der Unterlippe kauend überlegt zu haben und Ruben

streichelte ihr beruhigend mit den Fingerkuppen über das

warme Kinn, um sie davon abzuhalten.

„Ich weiß es nicht, Dana.“ Er hielt die Kleine fest

umarmt, mit der Nase fast ihren zart duftenden

Kindernacken berührend. „Das geschieht manchmal.

Keiner weiß, was passieren kann, weißt du? Aber jetzt ist

Francesca ja da und auch wenn sie nicht mit dir sprechen

kann, kann sie dich sicherlich hören. Magst du ihr was

schönes erzählen?“

Dana blickte scheu zu dem Bett und dem kleinen Körper,

der unter den Lacken kaum zu erkennen war.

„Daddy – kannst du sie gesund machen? Wie den

Schmetterling?“

Kluges Kind, das sich an so vieles erinnerte.

„Daddy ist kein Zauberer.“

Sie runzelte die Stirn, als könne sie sich nicht

entscheiden, ob er log. Für sie waren alle Erwachsene

Zauberer und ihre Eltern, ihr Daddy, besonders.

Ruben setzte Dana vorsichtig auf den Boden ab. Er

wusste ja weswegen er gekommen war.

„Erzähl Francesca von dem Kindergarten. Erzähl, wie ihr

mit Frau Anneke im Zoo wart!“

Dana schwieg.

„Was für Tiere habt ihr da gesehen?“

„Pferde und Fische ... Und einen Löwen. Und

Elefanten.“

„Und was haben die Elefanten gemacht?“

Während er Dana automatisch weitere Fragen stellte, bis

sie selbst zu erzählen anfing, machte er einen Schritt in

Richtung des Bettes und griff nach der unter Verbänden

versteckten Hand des Kindes, suchte nach einem

Fleckchen offener Haut, fand es und spürte die Welle des

Schmerzes gegen sein Bewusstsein anrennen, versuchte

sie abzuwehren, ohne die eigenen Abgründe offen zu

legen. Nicht einem Kind ...

Er konnte Francesca nicht, wie dem Schmetterling,

einfach einen Teil seiner Kraft geben. Eine solche

Infusion würde bestenfalls Stunden halten, aber das Kind

nicht retten. Aber er konnte seinen gesunden Körper

dem anderen zuflüstern lassen, was zu tun sei, konnte die

latent bei allen Menschen vorhandene Fähigkeit zur

Selbstregeneration, die bei ihm selbst zusammen mit der

Kraft so stark ausgeprägt war, auch in Francesca

aufwecken.

Das leise Wirken der Apparate wurde plötzlich durch

eine ohrenbetäubende Kakophonie des Alarms ersetzt.

7


Ohne die Ausschläge auf den Monitoren zu

verstehen, wusste Ruben doch, dass Francescas

Körper den Kampf aufgenommen hatte. Vor

Müdigkeit und Schmerz kaum etwas sehend, drückte

er seine Tochter, die in ihrer Erzählung innegehalten

hatte, an sich und sich in die Ecke des

Krankenhauszimmers.Die hereinstürmenden Ärzte

verwiesen die beiden sofort des Raumes..

Die Krankenschwester am Empfang der Station

schaute Vater und Tochter vorwurfsvoll hinterher. Sie

wusste nicht, was geschehen war. Wie wäre ihr Blick

sonst? Dankbar, weil er das Leben des Kindes gerettet

hatte? Vorwurfsvoll, weil er seine Kraft nicht dem

Krankenhaus zur Verfügung stellte? Angewidert, weil

Francesca nun verändert war und ihr Leben lang

fremde Erinnerungen in sich tragen würde, die

Erinnerungen eines Erwachsenen, eines Mörders, der

sich bewusst dagegen entschloss zu retten, wen er

retten konnte? Nur Danas Wärme neben ihm hinderte

Ruben daran, jenes Geheimnis, das er und mit ihm

Claire seit so vielen Jahren hüteten, in die Welt hinaus

zu schreien und damit das Gewicht der Entscheidung

von seiner Seele zu nehmen.

Draußen, auf der Parkbank, sah das rothaarige

Mädchen mit unkindlichem Ernst zu ihrem Vater

hinauf, krabbelte dann in seinen Schoß und verharrte

bemerkenswert leise und geduldig dort, ein kleiner,

klarer Leuchtturm in dem Nebel der Erschöpfung um

Ruben, bis Claire die beiden abholte. Auf dem Weg

zum Auto stützte sich Ruben schwer auf sie.

***

„Wie kannst du es wagen, eine Entscheidung zu

treffen, welches Leben es wert ist und welches nicht?“

„Es ist komplizierter als das“, entgegnete Ruben, aber

Francesca wollte sich nicht damit zufrieden geben.

„Warum ich und nicht das Kind im Zimmer nebenan?

Vielleicht hätte es mehr Chancen auf ein gutes Leben

gehabt als ich. Das ist anmaßend, dass nur weil deine

Tochter es wollte ...! Woher glaubst du das Recht dafür

zu haben, andere zum Tod zu verurteilen?“

Wie viel einfacher war es für die anderen. Für

Menschen wie Francesca, die ohne die Kraft geboren

worden waren. Für die brabbelnden Idioten, deren

Kraft durch Hirnschäden oder wegen der

Strahlungsbelastung noch häufiger gewordenen

chromosomale Abberrationen getriggert wurde.

„Ich habe kein Recht dazu. Aber habe ich nicht das

Recht zu entscheiden, wie ich Leben rette? Ich gehe

hinaus in diese Welt und verhindere Kriege durch

Diplomatie. Meine Kraft reicht vielleicht dazu vielleicht

jede Woche, vielleicht einen Menschen zu retten, der

ohne meine Hilfe vielleicht sterben würde und der

vielleicht den Preis für diese Heilung zahlen will:

Danach verändert zu sein und einen Teil meiner

8

Persönlichkeit in sich zu tragen. Sicherlich kann

Botschafter Linder mehr Leben retten, als Ruben, der

Mann, dessen Kraft leider nicht mit einer geistigen

Behinderung einherging.“

Früher, als er sich eingebildet hatte, niemand außer ihm

und Claire wisse von seinem Fluch, und sich der Illusion

hingab, selbst über sein Schicksal bestimmen zu können,

hatte Ruben diese Rede oft geübt, um sie vor dem

Tribunal der Öffentlichkeit vorzutragen. Obwohl er nun

wusste, dass seine Entscheidung von den höchsten

Stellen gestützt wurde, kamen ihm die Worte leer vor.

„Ich möchte keine Grundsatzdiskussion mit dir führen,

Francesca“, sagte Ruben schließlich müde.

„Was willst du dann?“

„Dass du dich aus der Sache raushältst.“

„Deinetwegen? Oder wegen Dana? Erwartest du, dass

ich meine Treue gegenüber meiner Kindheitsfreundin

über meine Treue den Menschen gegenüber stelle?“

„Nein, weder meinetwegen noch wegen meiner Tochter.

Deinetwegen, Francesca.“

Sie blickte ihn, das rechte, sehende Auge weit aufgerissen,

an. Und begriff. In jemands Augen war seine Arbeit

wichtiger, als das Leben so vieler Kranker. Auch als das

Francescas.

„Ist Dana ...?“, fragte Francesca nach einer langen Pause

und ließ das Wort unausgesprochen. Ein Freak? Eine

Massenmörderin, jeden Tag ein schwer verletztes Kind,

eine an Tuberkulose erkrankte Schwangere, einen von

AIDS geschwächten Vater umbringend? Für Francesca

war es wichtig, zu erfahren, ob auch Dana sie verraten

hatte.

Ruben schüttelte den Kopf. Dana war nicht einmal seine

leibliche Tochter, er hätte diese Last einem Kind nicht

aufbürden können.

Als Francesca sich entschuldigte und sein Kabinett

verließ, starrte Ruben lange die geschlossenen Türen an.

Dann ließ sich Botschafter Linder von seiner Sekretärin

bestätigen, dass für heute keine weiteren Termine

anstanden und hievte seinen schweren Körper aus dem

Sessel. Er würde heute früher heimgehen, zu Claire und

zu Dana, die wie immer, wenn ihr Vater nicht gerade in

einem der Krisengebiete eingesetzt war, ihre

Semesterferien bei den Eltern verbrachte.

Ende


Bubble, bubble...

von Thomas Brandt

Wie nun schon in beinahe jeder Ausgabe von

Blah! gibt es auch in dieser wieder einen

Sachbeitrag von Thomas Brandt.

Da für einen Autor praktisch nichts wichtiger

ist, als ansonsten vollständig unnützes

Sachwissen, aus dem er seine Inspirationen

ziehen kann, hoffe ich, dass dieser Beitrag für

Die Überschrift deutet es ja schon an. Es geht um

Kesselgeschichten, sprich alles was blubbert und

kocht. 1 Und während vor mir meine Schüler an einer

großen Arbeit schreiben, schreibe ich an dieser kleinen

über Alchemie. 2 Also, auch diesmal werden wir wieder

historisch-philosophisch anfangen und dann auf die

Metaebene gehen.

Nigredo - Hermetik

Wo fängt man mit Alchemie am besten an? Die

meisten Menschen glauben ja, dass Alchemie etwas

mit bärtigen Männern in dunklen Höhlen und dem

Stein der Weisen zu tun hat. Das ist alles richtig und

doch irgendwie Harry Potter. Also fangen wir doch mal

vorne an.

Die Alchemie, oder besser die Hermetik geht

angeblich auf Hermes Trismegistos zurück, dessen

Name, den er zu spätägyptischen Zeiten erhielt, „der

dreifach größte Hermes“ bedeutet. Er wird auch mit

dem ägyptischen Gott Thot gleichgesetzt. Von ihm

soll das grundlegende Werk der Hermetik stammen,

einer Geheimwissenschaft, die auch ihren Namen von

ihm hat. Interessanterweise ist es voller

unverständlicher Symbole, was uns dazu führt, was

Alchemie oder Hermetik eigentlich ist.

Entgegen der soundso real nicht zutreffenden, aber

immer noch alltäglich virulenten, Meinung Alchemie,

sei nichts weiter als der eigenartige Vorfahr der

Chemie, haben wir es mit der Hermetik eigentlich mit

einem komplexen philosophischen Konstrukt zu tun, das

auch heute noch Relevanz besitzt.

Dieses Konstrukt geht davon aus, dass man die

Geheimnisse der Welt durch bestimmte interpretative

Verfahren und daran angeschlossen durch bestimmte

experimentelle Verfahren entschlüsseln kann. Wobei

experimentell hier nicht ganz stimmt, denn alle

hermetischen Verfahren sind strikt in ihrer Abfolge

geregelt. Sprich, am Ende läuft alles nach dem selben

Strickmuster ab. Wichtig ist hierbei die spirituelle

Progression. Es gibt hierbei drei große Stufen 3 die nach

den Farben rot, weiß und schwarz geordnet sind

Stufe Name

nigredo schwarz

albedo weiß

rubedo rot

1 Und damit meine ich nicht die Inflation von Fernsehköchen, die uns seit ein paar Jahren heimsucht.

2 Jaja ... Pflichterfüllung ... sagt nix. Nebenbei lenken die mich die ganze Zeit ab! Sollten sie nicht arbeiten?

3 Eigentlich gibt es natürlich mehr und es ist alles furchtbar kompliziert, hermetisch eben.

4 Das große Werk der Alchemisten ist übrigens auch synonym für den sogenannten Stein der Weisen.

5 Achtung, nicht sonderlich christlich.

einige der schreibenden Leser dieser Zeitschrift

seinen Nutzen haben wird.

Das Thema Alchemie lässt sich auf jeden Fall in

vielerlei Hinsicht verwenden und um das ganze

abzurunden, wird hier auch zu sehen sein, wie es

in der Literatur bereits verwendet wurde.

Sicher eine lohnenswerte Lektüre.

Angefangen wird mit der schwarzen Stufe, dem ersten

Teil des Opus Magnum 4 , sie steht für Reinigung und

Läuterung. Die zweite Stufe "weiß" ist symbolisch für die

Vergeistigung oder Erleuchtung, während wir in der

Phase der Rötung dann bei der Vereinigung des

Menschen mit Gott sind. 5 Diese drei Stufen des Opus

Magnum müssen in jedem alchemistischen Verfahren

durchlaufen werden. Das Wie und das Was ist allerdings

eher eine Sammlung verschiedenster philosophischer

Deutungsweisen und wurde über die Jahrhunderte durch

9


viele Alchemisten darunter solchen illustren Menschen

wie Paracelsus, Doctor John Dee, 6 Nikolaus Flamel 7

und Isaac Newton 8 immer weiter verändert und

erweitert. Das führte zu guter Letzt dazu, dass

heutzutage niemand mehr wirklich weiß, was der

alchemistische Prozess tatsächlich ist und wie er

funktioniert. Das bedeutet übrigens nicht, dass es

keine Alchemisten mehr gibt. In Deutschland, aber

auch in Frankreich lassen sich noch vereinzelt

Alchemisten finde. Auch die chinesische Medizin und

deren taoistischer Hintergrund, hat alchemistische

Komponenten. Wobei natürlich dort noch einmal

Unterschiede zu finden sind. Doch, widmen wir uns

der Alchemie in der Literatur.

Albedo - Literatur und Alchemie

Natürlich ist ein so geheimnisvolles Thema wie die

Alchemie etwas, das Literatur gerade zu anzieht. Doch

ist die Behandlung sehr unterschiedlich, was ich an

verschiedenen Beispielen zeigen will.

Anfangen tun wir mit dem großen Herren

mittelenglischer Literatur, Geoffrey Chaucer, der in

seinen ber ühmten Canterbur y Tales einen

alchemistischen Lehrling auftreten lässt, der alle

Klischees bedient, aber der auch am Ende einen Blick

auf die Hermetik zeigt, wie sie gemeint ist. Grob läuft

die Canon's Yeoman Tale so, dass Chaucer erst einmal

erklärt, wie verschiedene Alchemisten ihre Kunden

mit übelsten Mitteln übers Ohr hauen und am Ende

mit dem Geld abhauen. Nur um dann doch zu

erwähnen, dass es eine philosophische Alchemie gibt,

die tatsächlich jenseits allen Betruges nützlich und

wichtig ist. In den Canterbury Tales wird also nicht nur

Satire an der Alchemie geübt, sondern sie wird auch

als ernstzunehmende Philosophie präsentiert. Hierzu

ist noch zu wissen, dass Chaucer durchaus bewandert

war, was diese Sachen anging und über die größte

private Bibliothek zu seiner Zeit verfügte.

Satire spielt auch beim Renaissancedichter Ben Jonson

eine Rolle. Jonson stellt die Alchemisten seiner Zeit,

zu denen auch John Dee gehörte, als reine Betrüger

dar. In seinem Alchemist treten mehrere Betrüger und

sogar eine Hure auf, die sich alle an der Gutgläubigkeit

der reichen Herrschaften bereichern. Die Philosophie

in der Alchemie hat zu dieser Zeit, also im 16.

Jahrhundert, auch schon sehr an Bedeutung verloren,

10

unter anderem, weil sie für die meisten Menschen

tatsächlich hermetisch 9 ist. Es geht hier nur noch um das

Geld, das man sehr gut mit der Leichtgläubigkeit und

Gier der Adligen und Reichen machen kann. Jonson,

sieht Alchemie also rein als Betrug und nicht als eine

Möglichkeit die Welt zu begreifen und zu erklären. Und

bei dem Verhalten der damaligen Alchemisten kann man

ihm das kaum verdenken.

Nach der Renaissance und der Aufklärung 10 , die uns ja

die empirische Wissenschaft beschert hat, kam die

äußerst emotionale Gegenbewegung der Romantik und

damit kam die Alchemie natürlich wieder in Mode. Klar,

dass Mary Wholestonecraft Shelley es in ihrem

Frankenstein verwurstet, da ist es aber nur Hintergrund.

Spannender ist da das Werk von Marys Papa, William

Godwin. 11 Dieser schrieb St. Leon, ein Buch, das

wiederum tatsächlich voller Alchemie ist. Der

Protagonist, St. Leon, erhält den Stein der Weisen,

allerdings ohne dass es Godwin auch nur eine Sekunde

interessiert, wie oder warum der das tut, was er für die

Geschichte einfach tun muss. St. Leon wird durch den

Stein der Weisen, reich und fällt gleichzeitig aus dem

Rahmen der natürlichen Ordnung. Diese natürliche

Ordnung war ein Hauptthema der Romantik. Die

Sehnsucht nach der reinen Natur, der Ursprünglichkeit

und der Reinheit des frühen Menschen. Als

Gegenbewegung zur sehr rationalistischen Aufklärung,

wollte man wieder emotionaler werden und zurück zu

dieser von Denken unverdorbenen Menschlichkeit. Ein

Wesen wie St. Leon, der durch seine Unsterblichkeit

außerhalb des natürlichen Paradigmas des menschlichen

Daseins existiert, 12 ist somit eine Symbol für die

modernere mechanistische Welt, gegen die sich das

Programm der Romantik wendet. Für die Godwin, den

Romantiker, ist St. Leon demnach kein Mensch mehr und

Alchemie wird zur Allegorie für die Moderne, für Geld

und für Industrie, also allem was aus romantischer Sicht

schlecht ist. Hier finden wir Alchemie also nur noch als

Allegorie.

Die wiederum ist den meisten modernen Fantasywerken,

die sich mit Alchemie beschäftigen wohl eher egal.

Schließlich möchte man unterhalten und da bringt einem

ein chauceresker Alchemist, der verschiedenes Gebräu

zusammenschüttet und dann Tränke anrührt, die ihn

mächtig machen, weitaus mehr. Ist ja mystisch und

spannend und hat, wie man sicher bemerkt, nicht viel mit

dem historischen Ursprung zu tun. Es ist am Ende eine

Verarbeitung der Alchemie, die sich meist auf dem

6 Hausarzt und Hofalchemist Königin Elizabeth I.

7 Ja, den gab es wirklich, den hat J.K. Rowling nicht erfunden.

8 Ja, Newton einer der Mitbegründer der modernen Naturwissenschaft beschäftigte sich auch mit Alchemie. Diese Erkenntnis ist allerdings sehr jungen

Datums und wirft ein spannendes neues Licht auf den Entdecker der Gravitation. Neal Stephenson's Quicksilver beschäftigt sich übrigens eingehend mit

Newton und ist durchaus lesenswert, wenn es auch recht sperrig ist.

9 Ja hermetisch im Sinne von unzugänglich und abgeschlossen hat tatsächlich seine Wurzel im Wort Hermetik.

10 Die englische war etwas früher als die deutsche ...

11 Der hatte mal was mit Mary Wholestonecraft, der großen ersten Feministin in der englischen Literatur und da kam dann Mary raus, die dann wiederum

Percy Bysshe Shelley geheiratet hat.

12 Ähnlich wie die Vampire aus der letzten Ausgabe.


Niveau von D&D 13 abspielt, was der Meinung des

Autors nach genauso legitim wie schade ist, schließlich

liegt doch viel mehr Potential im Alchemisten als nur

das stupide Anrühren von Heiltränken +1. Diese

finden wir dann auch im letzten Werk, das ich hier

kurz ansprechen will. Natürlich saugt die postmoderne

Literatur solche Einflüsse wie Alchemie auf und

verarbeitet sie weiter. Ein Beispiel dafür findet sich im

sehr verwirrenden und doch empfehlenswerten The

House of Doctor Dee von Dan Aykroyd. Angelegt im

London der Moderne kommen wir zurück zum

legendären Alchemisten Doctor Dee und bekommen

eine Allegorie auf den Humunculus, das Opus

Magnum, unsere eigene Welt und die Wirklichkeit

präsentiert, die verstört, aber auch weckt. ( Mit diesem

Werk habe ich auch einen wunderbaren Übergang

zum letzten Teil dieses Textes, in dem es nun

metaphysisch wird.

Rubedo - Lesen als Alchemie

Ich habe in den letzten Texten für Blah! ja schon öfter

Bezug auf das genommen, was da so im Leser vorgeht

und was für Konsequenzen das auf verschiedenen

Ebenen haben kann. Das möchte ich hier wieder

machen und diesmal den Bogen von der Philosophie

zum Leseerlebnis schlagen.

Wir haben ja die Ursprünge und Ideen der Alchemie

kennengelernt. Es handelt sich um eine interpretative

Philosophie, die versucht etwas zu verstehen, ja zu

enträtseln. Die Welt soll in ihren Grundlagen

enträtselt werden. Die moderne Physik sucht

irgendwo immer noch vergeben nach der Weltformel,

und die Alchemie tat dasselbe, nur ohne Wissenschaft

sondern mit einer eher religiösen nicht-empirischen

Herangehensweise.

Nun schauen wir mal, was wir mit Literatur so tun, wenn

wir sie lesen. Wir versuchen einen Sinn zu finden, eine

tiefere in der Literatur verankerte Bedeutung. Diese

Bedeutung erweitert, wenn alles gut geht unsere Welt.

Man ahnt schon, wie das mit Alchemie zusammenhängt.

Wir haben also eine Philosophie, die versucht die

Ursprünge der Welt, den Kern der Welt zu finden und

wir haben auf der anderen Seite unseren Versuch den

Kern des Textes zu finden, was er für uns und für unsere

Welt bedeutet. So unterschiedlich ist das alles wirklich

nicht.

Also, wir finden bei unserer Interpretation den

intellektuellen Stein der Weisen für uns, etwas, das unsere

Welt und diesen literarischen Moment für uns unsterblich

macht. Somit haben wir den Zirkelschluss zwischen

Alchemie und literarischer Interpretation. Die Suche nach

dem Sinn der Welt und nach dem Sinn im Text sind sich

sehr ähnlich und am Ende vielleicht synonym.

Opus Magnum?

Das wäre arrogant, also sicherlich nicht. Ich hoffe, wie

man das wohl immer hofft, dass euch dieser Text gefallen

hat und dass ihr auch etwas für euer Leben

mitgenommen hat. Auch wenn ich hier natürlich keine

Unsterblichkeit oder ewigen Reichtum ausgeben kann, so

doch wenigstens ein kleines Körnchen Wissen und ein

bisschen Perspektive auf das Lesen, schließlich ist das der

Anfang der literarischen Alchemie.

Ende

13 Für die nicht--Eingeweihten, so es sie unter den Lesern eines Fantasymagazins geben sollte: Dungeons and Dragons der Urvater allen Rollenspieles.

Ein Fantasysystem, das durch seine Einfachheit aber auch Klischeereiterei überzeugt.

11


Der letzte Auftrag

von Helmut Marischka

Schmerzerfüllt verzog ich mein Gesicht. Das Stechen

in meiner Brust war wieder da. Zwar nur kurz, aber

dafür nachdrücklich. Immer wieder überkam mich die

Angst vor einer Herzattacke, wenn ich solche

Momente durchlitt. Im nächsten Augenblick jedoch

war es vorbei. Tatjana, meine Gefährtin und Geliebte,

deutete nach draußen.

„Sieh nur, Boris! Es hat zu regnen aufgehört, aber nun

scheint es Nebel zu geben.“

Ich blickte ebenfalls aus dem Fenster unseres

Zimmers.

„Ja, der Nebel kommt vom Fluss her. Was für eine

dicke Brühe“, antwortete ich.

Als wir gestern Nachmittag hier, in Ruppenstieg,

angekommen waren, hatte es wie aus Eimern

gegossen. Heute hatte das Wetter sich endlich

aufgeklart, jedoch jetzt, als die Abenddämmerung

einsetzte, kam schwerer, grauer Nebel auf. Wir waren

im Auftrag von Lady Larissa unterwegs, um Arndt,

dem hiesigen Bürgermeister, einen persönlichen Brief

von ihr zu übergeben. Offiziell. Inoffiziell sollten wir

uns hier auch etwas umsehen. Laut Lady Larissa war

es in diesem kleinen Ort, der in einem von felsigen

Hügeln umgebenen Tal direkt am Fluss lag, zu

seltsamen E r eignissen g eko mmen. Leute

verschwanden spurlos – meist Fremde, die hier nur

auf der Durchreise gewesen waren. Wir arbeiteten

als Detektive, die sich auf solche, etwas

außergewöhnlichen Fälle spezialisiert hatten. Es war

nicht der erste Auftrag für Lady Larissa, denn die

Entlohnung fiel immer mehr als angemessen aus.

Gleich nach unserer Ankunft hatten wir dem

Bürgermeister den Brief überbracht. Ein freundlicher

Mann mittleren Alters, der uns zum Tee einlud, als wir

bei ihm vorsprachen. Am Abend speisten wir in

unserer Herberge, froh darüber, dass wir für diesen

12

Helmut Marischka hat bereits zu der

Vampirausgabe von Blah! einen Beitrag

beigesteuert. Die Geschichte, die es diesmal von

ihm zu lesen gibt, hat wenig mit Vampiren zu

tun. Stattdessen belegte sie jedoch bereits beim

Geisterspiegel Platz 2 der besten Beiträge

2007/2008.

Zusätzlich ist Helmut mitlerweile mit der

Geschichte „Blut & Magie“, die er gemeinsam

mit Christaine Gref geschrieben hat, für den

Deutschen Phantastik Preis nominiert.

Natürlich drückt die Redaktion die Daumen,

dass die beiden den Preis auch tatsächlich

gewinnen.

Tag nicht mehr in den strömenden Regen hinaus

mussten. Die Wirtsstube war einfach, aber sauber und

das Essen schmeckte ausgezeichnet. Die wenigen

Einheimischen, die sich ebenfalls in dem Gasthaus

aufhielten, kamen uns allerdings etwas seltsam vor. Die

Gespräche, die wir von draußen noch vernommen

hatten, verstummten schlagartig, als wir die Stube

betraten. Wir wurden ausgiebig gemustert. Als wir

höflich einen guten Abend wünschten, war nur ein

undeutliches Gemurmel zu vernehmen, und fast alle

wandten sich wieder von uns ab. Einige jedoch behielten

uns weiterhin im Auge. Während des Essens bemerkte

ich, dass die meisten der anwesenden Dorfbewohner

einen seltsamen Gesichtsausdruck zur Schau stellten.

Irgendwie geistesabwesend, fast schon so, wie man es oft

bei geistig Behinderten sehen konnte. Auf einige

belanglose Fragen unsererseits erhielten wir entweder gar

keine Antwort oder nur undefinierbares Gebrummel. Da

wir von der Fahrt noch erschöpft waren, begaben wir uns

früh zu Bett. Einmal wachte ich in der Nacht auf. Ich

sprang von meinem Lager und eilte ans Fenster. Hatte ich

geträumt? Nein, da konnte ich es wieder vernehmen. Ein

lang gezogenes Heulen, gefolgt von dumpfen Schlägen

wie von einer Trommel. Dann herrschte wieder Stille.

Lange Zeit konnte ich nicht mehr einschlafen, wollte

Tatjana jedoch nicht aufwecken, die immer noch selig

schlummerte. Erst als der Morgen schon graute, verfiel

ich wieder in unruhigen Schlaf.

Nach dem Frühstück erzählte ich Tatjana von meiner

nächtlichen Wahrnehmung, woraufhin wir beschlossen,

uns bei Einbruch der Dämmerung in diesem Ort etwas

umzusehen. „Ich habe kein gutes Gefühl, Boris.

Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht“, warnte

mich meine Gefährtin. Auf Tatjanas Gefühle konnte

man sich fast immer verlassen, schließlich war sie ein

Medium und hatte sehr feine Sinne. Trotz des harmlosen


Eindrucks, den dieses Dorf vermittelte, wollten wir

auf der Hut sein. Ich erinnerte mich noch im letzten

Augenblick an den kleinen Gegenstand, der in einem

Lederbeutel verborgen war, den mir Lady Larissa

mitgegeben hatte, und steckte ihn in meine

Jackentasche. Zunächst liefen wir wie harmlose

Spaziergänger durch einige Straßen des Ortes, wobei

wir immer versuchten, irgendetwas Ungewöhnliches

zu entdecken. Nichts, absolut nichts war auch nur

bemerkenswert.

Selbst Tatjana konnte nichts feststellen. Der Nebel

jedoch kroch immer mehr die Hänge herauf und

erreichte bald das Zentrum der Ortschaft. Zuerst

hatten wir noch von unserem leicht höher gelegenen

Standpunkt aus beobachten können, wie die

Nebelbänke sich über die Wiesen und durch die

Gassen bewegten. Schließlich waren auch wir von den

feuchten grauen Schwaden umgeben. Es prickelte auf

der Haut und wurde unangenehm kalt. Fast als ob ein

Wille dahinter stecken würde, umhüllte das wattige

Weiß bald das gesamte Dorf.

„Boris!“, Tatjanas Stimme war leise und zitterte leicht.

„Dieser unheimliche Nebel bringt etwas mit sich.

Etwas Fremdes. Etwas ... Grauenvolles.“

Ich nahm ihre Hand und hielt sie fest. Auch mir

stellten sich die Haare im Nacken auf.

„Ja, Liebes. Ich spüre es auch“, antwortete ich. „Wir

werden sehr vorsichtig sein.“

Die Dunkelheit war schon hereingebrochen, es

herrschte nur noch schwaches, diffuses Licht. Man

konnte keine fünf Schritt weit sehen. Wir hatten uns

Richtung Fluss bewegt, wussten aber nach kurzer Zeit

schon nicht mehr, wo wir uns eigentlich befanden. Ich

rutschte auf etwas Weichem, Glitschigem aus. Tatjana

musste mich stützen, sonst wäre ich der Länge nach

hingefallen. Dann drangen verzerrte Laute durch die

wattige Wand aus feuchter Luft an unsere Ohren.

Tatjana zitterte. Ein Schleifen. Ein Patschen, wie von

übergroßen Füßen oder Flossen. Ein gluckerndes

Geräusch, das aus großer Tiefe zu kommen schien.

Meine Hand umfasste Tatjanas fester. Mit der anderen

zog ich die Pistole aus dem Halfter. Ich konzentrierte

mich. Meine außergewöhnlichen Sinne nahmen tintige

Emanationen im Nebel vor uns wahr. Ich zog Tatjana

zur nächsten Häuserwand. Schwer atmend pressten

wir uns dagegen.

„Was ist das?“, flüsterte meine Liebste. Ich schüttelte

nur den Kopf. Ein dunkles, riesiges Etwas glitt

schabend vor uns durch die undurchdringliche

Nebelwand. Mit angehaltenem Atem warteten wir, bis

es sich wieder entfernt hatte.

„Lass uns gehen, Boris! Lass uns von hier

verschwinden, das übersteigt unsere Kräfte“, kam leise

und flehentlich von Tatjana. Ich presste die Lippen

fest aufeinander. Als ich schließlich zustimmen wollte,

ertönte ein dumpfer, auf- und abschwellender Gesang,

nicht weit von uns. Wobei der Ursprungsort der

Geräusche durch den Nebel nur schwierig zu bestimmen

war, denn der Schall wurde reflektiert und verzerrt.

„Komm, mein Schatz“, flüsterte ich zurück. „Wir wagen

nur einen Blick, dann werden wir gehen.“

Widerstrebend ließ sich meine Gefährtin bis zum Ende

des Hauses führen. Ich spähte um die Ecke herum,

konnte aber nur den Schatten eines größeren Gebäudes

erkennen. Es wirkte irgendwie seltsam verdreht und nicht

geometrisch auf mich, was aber auch am dicht wallenden

Nebel und meinen vibrierenden Nerven gelegen haben

konnte. Der Gesang kam von dort. Nun klangen wieder

die dunklen Trommeln auf, die ich nachts schon

vernommen hatte. Ein schwerer, langsamer Rhythmus.

Plötzlich peitschte etwas durch die Luft, umschlang

Tatjanas Hüfte und entriss sie meiner Hand. Blitzschnell

zog sich der Tentakel, oder was auch immer es war,

mitsamt meiner Geliebten in den Nebel zurück. Nur ein

kleiner leiser Laut entrang sich ihrer Kehle. Ich starrte

fassungslos in die grauen Schwaden, dann auf meine

leere Hand. Endlich sprang ich mit einem Schrei los.

Hinterher. „Tatjana! Liebling!“, rief – kreischte ich. Ich

rannte, stolperte über irgendetwas, fiel und rappelte mich

wieder hoch. Ein ein verklingendes ‚Boris’, wehte zu mir

herüber. Ich verdoppelte meine Anstrengungen und

sprintete los, bis ich schließlich fast gegen die Mauer des

seltsamen Gebäudes prallte. Endlich besann ich mich und

konzentrierte mich auf Tatjana. Dort. Ich konnte ihre

Aura auch ohne meine visuellen Sinne wahrnehmen. Sie

war in diesem Haus. Mit ausgestreckten Armen tastete

ich mich an der Wand entlang, bis ich endlich auf einen

Eingang stieß. Zu meiner Verwunderung war dieser nur

angelehnt. Ich drückte die Tür auf, die sich widerlich

schleimig anfühlte, und betrat einen dunklen Flur. Dieser

Gang war gewunden und gedreht, und trotzdem konnte

ich einen schwachen Lichtschein sehen. Ich rannte los,

kam ob der sinnverwirrenden Beschaffenheit des Flurs

immer wieder ins Taumeln und musste mich wiederholt

an den glitschigen Wänden abstützen. Als ich das Ende

des Flurs erreichte, stieß ich die schiefe Tür auf und

befand mich in einem riesigen Raum, in dem ein

giftgrünes Leuchten herrschte, das die Szenerie noch

unwirklicher wirken ließ, als sie sowieso schon war.

Inmitten der Halle befand sich ein großer schwarzer

Block aus Granit. Ein Altar oder Opferstein, vermutete

ich. Er war von einem breitem Streifen schwarzen, ölig

schimmernden Wassers umgeben. Links und rechts des

Steins standen mannsgroße Pauken, die von jeweils

einem Mann in langsamer Folge geschlagen wurden. In

konzentrischen Kreisen um Stein und Wassergraben

hatten sich mehrere Dutzend Leute versammelt. Alle

wirkten irgendwie falsch – deformiert, obwohl man es

aufgrund der grauen Kutten, die sie trugen, nicht mit

Sicherheit sagen konnte. Vor dem Stein stand ein hoch

aufgerichteter Mann, der einen grünen Umhang trug. Als

er sich umdrehte, konnte ich ihn erkennen. Es war

13


niemand anderer als Bürgermeister Arndt. In der

linken Hand hielt er einen langen Dolch mit gezackter

Klinge. Ein eisiger Schrecken durchzuckte mich, als

ich erkannte, dass eine zusammengekrümmte Gestalt

auf dem Steinblock lag. Also doch ein Opferstein. Die

Gestalt war meine Tatjana.

„Halt!“, rief ich laut. „Haltet ein, ihr Verrückten!“

Die Trommeln verstummten. Arndt und alle anderen

blickten in meine Richtung. Der Bürgermeister grinste

und machte eine winkende Bewegung mit dem Arm.

Sofort stürmte ein halbes Dutzend der Gestalten auf

mich los. Ich hob die Pistole und schoss dreimal. Zwei

der Angreifer fielen, die anderen kamen weiter auf

mich zu. Irgendetwas sauste durch die Luft und blieb

in meiner rechten Schulter stecken. Ein kurzer Speer

hatte mich mit Wucht getroffen. Ich taumelte einen

Schritt zurück, Schmerzen verspürte ich keine, und

feuerte wieder. Ich konnte nicht erkennen, ob ich

noch irgendeinen Erfolg erzielt hatte, denn da waren

sie schon über mir und rissen mich zu Boden.

Aus, dachte ich nur. Doch dann vernahm ich die

Stimme des Bürgermeisters, die anscheinend

irgendwelche Befehle erteilte. Ich wurde hochgerissen,

meine Arme wurden brutal nach hinten gebogen und

dann Richtung Altar geschleppt. Kurz vor dem

schwarz schimmernden Wasser wurde ich zu Boden

gedrückt.

„Ah, jetzt habe ich gedacht, ich muss mich mit ihrer

liebreizenden Frau zufrieden geben, Herr Iljaschin.

Doch nein, sie kommen von selbst zu uns, um unsere

große Nacht mit uns zu feiern.“

„Sie Irrer, was soll das alles? Lassen sie Tatjana gehen,

sie können mich dafür haben!“, schrie ich, so laut ich

konnte.

Arndt lachte hämisch. „Aber ich habe euch doch

schon beide. Nur das, was ich eigentlich gewollt hatte,

hat Larissa nicht mitgeschickt, oder?“

Ich riss erstaunt die Augen noch weiter auf. Dieser

Kerl wusste von unserer Auftraggeberin anscheinend

mehr, als ich gedacht hatte. Wahrscheinlich mehr als

ich selbst. Unbewusst war meine Hand zu meiner

Jackentasche gewandert, in der sich der kleine

Gegenstand befand. Der widerliche Bürgermeister

kreischte fast vor Lachen, er hatte meine Bewegung

mit seinen Blicken verfolgt und als das gedeutet, was

sie war. Ich hatte mich verraten, und nun sollte er

doch alles bekommen was er wollte, und uns noch als

Zugabe dazu. Larissa hatte uns in eine Todesfalle

geschickt. Ich hatte keine Chance. Die deformierten

Wesen um mich herum entrissen mir einfach meine

Jacke und entleerten die Taschen.

„Das da!“, schrie Arndt. „Bringt mir diesen

Lederbeutel!“ Ein Haifischgrinsen legte sich auf sein

Gesicht. Eilfertig rannte ein buckliger Kerl los, watete

bis zur Hüfte ins Wasser und überreichte Arndt den

Beutel.

14

„Ah“, stieß er hervor. „Nach so langer Zeit. Jetzt werde

ich endlich obsiegen.“ Er nestelte an der ledernen

Schnur, die den Beutel verschloss, und holte einen

kleinen spindelförmigen Gegenstand zum Vorschein.

Sein Gesicht verzerrte sich. Er ließ die Spindel fallen.

„Nein!“, kreischte er, dann ging alles in einem hellen

Lichtblitz unter.

Als ich wieder zu mir kam, stand die Sonne schon hoch

am Firmament. Ich lag auf einer mit Gras bewachsenen

Wiese. Neben mir lag Tatjana. Ich wälzte mich herum

und kroch zu ihr hin. Sie war tot. Fort. Ihre blauen

Augen blickten gebrochen gen Himmel. Der Schmerz,

der meine Brust zu zerreißen drohte, war viel schlimmer

als das Herzstechen, das mich gelegentlich heimsuchte.

Ich wiegte sie in meinen Armen, heiße Tränen rollten

über meine Wangen.

Larissa, verdammt. Das sollst du mir büßen, war das Einzige,

was in meinen Gedanken noch Bestand hatte.

Endlich stand sie vor mir. Schön, trotz der langen weißen

Haare und ihres undefinierbaren Alters. Ihre grauen

Augen blickten mich mitleidsvoll an.

„Sie haben uns in eine Falle laufen lassen- mit voller

Absicht! Tatjana ist tot. Das ist allein Ihre Schuld!“, schrie

ich sie an.

„Es tut mir leid, Boris“, antwortete sie sanft. Ich wollte

ihr an die Kehle, sie langsam erwürgen, aber irgendetwas

hielt mich davon ab. Noch.

„Ich muss dir und Tatjana danken. Ihr habt so viel getan.

Du kannst gar nicht ermessen wie viel.“

„Das hilft mir nicht und ihr auch nicht!"

„Oh doch. Das war dein letzter Auftrag, Boris. Du bist

jetzt frei“, sagte sie ruhig.

Ich kicherte irre. „Frei? Soll ich jetzt gehen und Sie

kommen ungeschoren davon?“

„So ungefähr. Du bist mir als Freund, Diener und

Gefährte lieb geworden, in all den Jahren. Aber jetzt

muss das eine Ende haben“, antwortete Larissa. „Willst

du deine Erinnerungen zurück, Boris, bevor ich dir deine

Freiheit zurückgebe?“

Was sollte das? Ich begriff überhaupt nichts. Larissa

berührte mich nur sanft an der Stirn. Dann traf mich ein

Schlag wie von einem Hammer. Alles stürzte auf mich

ein. Auf einmal. Ich war schon vor Jahrzehnten ermordet

worden. Ein Dolchstoß mitten ins Herz. Litt ich

deswegen immer unter Herzschmerzen? Wegen meiner

außergewöhnlichen Fähigkeiten hatte Lady Larissa mich

zurückgeholt. Nach jedem Auftrag von ihr, wurde mir

mein Gedächtnis genommen und mehrmals auch mein

Tod. Tatjana war nicht meine erste Gefährtin gewesen.

Mit einem Mal fühlte ich, wie mein Körper unter mir

wegsackte und zu Boden sank. Ich sah mich selbst zu

Larissas Füßen liegen, sie weinte. Ich entfernte mich

immer schneller.

Was kam jetzt? Ein neuer Tod.

Ende


Blaetterwelt

Interview mit der Redakteurin der Zeitschrift

Ein Interview, so etwas fehlte in Blah! bisher. Als

ich dann jedoch von Fabienne Siegmund

angeschrieben wurde, die in ihrer Zeitschrift

„Blätterwelt“ über Blah! berichten wollte, wurde

ich Neugierg. Denn: „Blätterwelt“ wird offline

vertrieben. Ich wusste bisher nicht, dass das mit

einer doch recht kleinen Zeitschrift überhaupt

Hallo Fabienne, du gibst eine Zeitschrift namens

"Blätterwelt" heraus. Wie lang gibt es diese

Zeitschrift schon und wie bist du überhaupt auf

die Idee gekommen, damit anzufangen?

Die Idee kam im April 2006 auf – eigentlich war es

ein Vorschlag von einem Bekannten, der meinte, dass

ich so erstens meine damalig herrschende Langeweile

wegen Arbeitslosigkeit bekämpfen könnte und

zweitens die Chance hätte, Texte bekannt zu machen –

sei es eigene oder auch die von anderen.

Zuerst habe ich den Gedanken verworfen, doch er

hatte sich festgebissen und nach mehreren

möglich ist. Ich nahm immer an, man würde nie

und nimmer auch nur genügend Texte für so etwas

zusammenbekommen. Doch die „Blätterwelt“

scheint gut zu gedeien, irgendwie hat Fabienne das

Wunder vollbracht.

In diesem Interview verrät sie, wie man auch ohne

Internet seine Leser erreichen kann.

Telefonaten mit Freunden und Emails mit Hobbyautoren

aus dem Bekanntenkreis war dann im Mai 2006 die erste

Blätterwelt fertig da.

Wie sieht es mit dem Inhalt aus? Worauf kann ein

Leser der "Blätterwelt" sich freuen?

Wir versuchen das Spektrum der Geschichten und

Gedichte möglichst weit zu streuen – aber es liegt

natürlich auch immer an den Einsendungen, die wir

bekommen. Zum größten Teil ist es im Moment Fantasy.

Die Geschichten müssen uns irgendwie gefallen,

mitreißen oder einfach nur berühren. Hinzu kommen

Berichte über Lesungen und anderes, ab und an

Inter views mit Autoren, Herausgeber n und

Hörbuchsprechern. Buchrezensionen und Tipps und

Tricks rund ums Schreiben sind in jeder Ausgabe

zu finden und wir haben auch einen eigenen

Fortsetzungscomic.

Hast du irgendwelche Mitarbeiter oder machst du

alles alleine? Wie sieht der Arbeitsprozess aus von

der Idee bis zur fertigen Ausgabe?

An der Blätterwelt arbeiten regelmäßig sieben bis acht

Leute mit, sei es, um Beiträge zu festen Rubriken

abzugeben, das Cover zu gestalten oder nur Korrektur zu

lesen. Einige von ihnen habe ich noch nie gesehen – sie

haben irgendwann etwas zur Blätterwelt beigetragen oder

einfach so geholfen und das wiederholte sich dann und

so wurden sie zu Redaktionsmitgliedern. Die Hauptarbeit

mit dem Zusammenstellen der Geschichten und dem

Layout liegt bei mir, wobei ich die Geschichten auch

manchmal, wenn ich nicht sicher bin, an andere

weiterleite, vielleicht sehen sie ja etwas in dem Text, was

ich einfach nicht finden konnte.

15


Wie der Arbeitsprozess aussieht – nun, ich sammle die

Geschichten und Berichte, manchmal ändern wir sie

mit Rücksprache des Autoren etwas (also klassisches

Lektorat mit Fehlersuche). Im nächsten Schritt schicke

ich sie zu unserer Illustratorin, anschließend werden

dann Bilder und Texte ins Layout eingefügt. Dann

kommen die Korrekturläufe. Wir drucken die erste

Ausgabe auf dem heimischen PC, der Rest wird dann

im Copy Shop vervielfältigt. Das Heften folgt dann

wieder von Hand, ebenso wie das Aufkleben des

Covers, denn auf jeder Ausgabe klebt ein echtes Foto.

Du vertreibst die Blätterwelt ohne Hilfe des

Internets und das zu einer Zeit, in der viele Leute

ja praktisch online Leben. Ich als Herausgeberin

einer Online-Zeitschrift kann mir gar nicht

vorstellen, wie das funktioniert. Wie machst du

das?

Leicht ist es nicht und ich habe auch schon überlegt,

das ganze in ein Onlineformat zu ändern, weil ich die

Idee ganz klasse finde, aber ich hänge irgendwie an

den fertig gedruckten Ausgaben. ;o) Manchmal

hangeln wir uns wirklich von Ausgabe zu Ausgabe,

weil nicht genügend Einreichungen zustande

kommen. In der letzten Zeit ist es einfacher

geworden, weil wir einen recht festen Leserstamm

haben, der über ganz Deutschland verteilt ist und der

auch immer wieder entweder selber Texte einreicht

oder Werbung macht. Und natürlich auch über ein

bisschen Werbung in anderen Magazinen, sofern sich

dafür eine Möglichkeit ergibt. Die Hälfte unserer

16

kleinen Auflage wird durch Abos abgedeckt, so dass das

auch schon eine Planungssicherung ist.

Aber wenn jemand Geschichten, Gedichte oder anderes

für uns hat, freuen wir uns natürlich über jede

Einreichung ...

Wie sieht es aus mit Plänen für die Zukunft? Hast

du vor irgendwann noch online zu gehen?

Ich glaube, eines Tages wird auch die Blätterwelt eine

eigene Homepage haben. Ich kann nur noch nicht genau

sagen, wann dieser Tag ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Emailadresse der Blätterwelt für Bestellungen

und Einreichungen lautet übrigens:

blaetterwelt@gmx.de

Ende


Ein bunter Tanz mit

Fabienne wurde ja im vorangegangenen

Artikel bereits vorgestellt. Hier ist nun eine

Geschichte, die sie geschrieben hat.

Ich will von der Trauer erzählen. Denn die Trauer ist

es, die die Farben unseres Lebens bestimmt. Nicht das

Glück. Das Glück ist nur eine Malerin, die sich dann

und wann in unser Leben schleicht, die kargen

Mauern mit einem Ornament verziert, vielleicht für

kurze Zeit ein buntes Bild hinterlässt, dessen Farben

dann nur wieder in dem leeren Weiß der Trauer

versinken. Denn die Trauer ist nicht schwarz, sie ist

weiß. Weiß wie Schnee, der Herzen frieren lässt und

die Farben des Glücks unter seinem Schleier versteckt,

sie erstickt, gerade wenn das Glück am größten

scheint. Meistens verschwindet das Glück schweigend,

nur selten zerbricht seine Palette mit einem Donnern

oder einem lauten Knall, wenn die Trauer den Verlauf

seiner Farben abbricht, der Malerin den bunten Pinsel

raubt, ihn in die kalte, weiße Farbe taucht.

Ganz plötzlich taucht die Trauer meistens auf, greift

mit ihren kalten Fingern nach den warmen des

Glücks, stiehlt uns, denen das Glück gerade noch ein

Bild gemalt, das Lachen von den Lippen, nimmt es

einfach mit.

Woher ich vom Glück und seinem Pinsel weiß? Ich

habe die Glücksmalerin in ihrem schillernden Kleid

mit der Trauer ringen sehen, die wie immer ihr

hellweißes Gewand trug. Sie kämpfte mit dem Glück,

das sich gegen das drohende Schwinden aufbäumte,

mit den Farben bunte Bilder an die Wände trug, bis

selbst der Trauer die Tränen über die Wangen liefen,

ehe sie dem Glück den Pinsel doch aus den malenden

weissem Ende

von Fabienne Siegmund

Der Tod ist groß.

Wir sind die Seinen

lachenden Munds.

Wenn wir uns mitten

im Leben meinen,

wagt er zu weinen

mitten in uns.

(Rainer Maria Rilke – Schlussstück)

Fingern nahm und die leuchtenden Bilder weiß

übermalte, der Wand des Lebens alle Farben raubte.

Und das Glück stand nur da, mit der Farbpalette in der

zierlichen Hand, reckte sehnend die andere nach dem

Pinsel aus, erreichte ihn aber nicht, war die Trauer doch

so viel größer als die Malerin selbst.

Aber meine Worte sollen von der Trauer berichten, nicht

vom Glück. Denn die Trauer hat auch mein Glück mit

sich genommen, seine Bilder mit weißer Farbe

übertüncht. Sie nahm es einfach mit, mein Glück, dass

den Namen Lilly trug und getanzt und gelacht hatte, als

die Finger der Trauer kalt nach mir griffen und mich

zusehen ließen, wie der stetige Begleiter der Trauer, der

fahle Tod, Lilly mit sich nahm und das Ornament meines

Glückes abbrach, im leeren Weiß versank, weil die Trauer

der Malerin den Pinsel nahm.

„Ich sehe ihn“, hatte Lilly mir zugeflüstert als sie über

meine Schulter schaute. Wir hatten uns im Takt der

Musik hin und her gewiegt, uns von den Noten treiben

lassen und waren der Melodie, die sie in die Luft

geschrieben hatten, über die Tanzfläche gefolgt. Einen

Moment zuvor hatten wir noch gelacht, laut und

schallend. Lillys Lachen hatte selber wie eine Melodie

geklungen, ihr leuchtendes Kleid war in einem eigenen

Tanz um ihre Beine geschwungen und ich hatte das

Glück in der anderen Ecke des Raumes gesehen, mit

einem ebenso bunten Kleid wie Lillys. Es hatte einen

Pinsel in der Hand gehalten und die Wand mit einem

17


farbenprächtigen Muster verziert, das das Glück ins

Leben malt.

Doch immer noch will ich von der Trauer erzählen.

Als Lilly die Worte flüsterte, meinte ich bereits zu

spüren, wie mein Herz von etwas Kaltem umfasst

wurde – ganz leicht, es war nur ein Hauch, aber ich

sah, wie das Glück den Pinsel sinken ließ und reglos

verharrte. Da ahnte ich schon, dass der Hauch mehr

war als nur eine kurze Berührung. Ich drehte meinen

Kopf um, suchte nach dem, was Lilly sah, doch hinter

mir war niemand, der die Angst in ihren Augen

erklärte, nur Tänzer waren dort, wie wir.

Lilly aber drückte sich fester an mich, barg ihr Gesicht

im Stoff meines Anzuges. Ich hörte sie leise wispern:

„Er steht immer noch da. Er starrt mich an.“

Ich warf einen erneuten Blick über die Schulter. „Da

ist nichts, Liebes“, murmelte ich und drückte ihr einen

Kuss ins glänzende Haar.

Wir ließen uns immer noch von der Musik im Kreis

wirbeln, versuchten vielleicht mit anmutigen Schritten

den Ängsten und Ahnungen zu entkommen. Lilly

bewegte sich schneller, riss mich mit sich. Gemeinsam

überholten wir die Melodie, fingen ihren Takt für

Momente ein und waren dann wieder schneller.

Ich suchte den Blick in Lillys Augen. Ihr Grün

berührte mich nicht, war auf etwas hinter mir

gerichtet, verweilte dort, egal wie schnell wir uns

drehten. Dann, mir schwindelte schon und um mich

herum verschwammen Kleider, Menschen und

Geräusche zu einer wirbelnden Masse, hob Lilly den

Kopf, blickte mir fest in die Augen. Millionen

stummer Worte waren in ihren Augen zu lesen, die ich

alle verstand, aufsaugte wie ein Lebenselixier. Ihre

Worte brachten die Welt dazu sich langsamer zu

drehen, für diesen Moment nur, bis Lilly den Kopf

noch ein wenig höher hob, sie blieb einfach stehen in

der wirbelnden Menge und stellte sich auf die

Zehenspitzen, bis ihre Nase die meine fast berühren

konnte. Sie warf einen trotzigen Blick an meinem

Gesicht vorbei und drückte dann ihre Lippen auf

meine. Sie schmeckte nach Sommer, Feuer, Erdbeeren

und Rosen, aber zugleich auch nach Winter, Eis,

Schnee und Wind und brachte mit diesem Kuss die

Welt ganz zum Stehen. Für einen Augenblick nur. Ich

spürte, wie der eisige Hauch von meinem Herzen

geweht wurde als wäre ein warmer Sturm

aufgekommen, der die Kälte für immer vertreiben

würde. Ich sah, wie das Glück seinen Pinsel wieder

fester griff und die Malerin mit allen Farben ein Bild

an die Wand malte, das groß, bunt, wild und schön aus

feinen Ornamenten wuchs und die Wand verzierte.

Fand mich und Lilly in den Farben wieder, dachte,

dass nichts diese Farben je vernichten könnte, dass das

Glück jetzt unbezwingbar sei.

18

Aber ich will von der Trauer berichten, deren kalte Finger

erneut nach mir griffen, als Lillys Lippen sich von

meinen lösten. Ihr Blick wanderte von meinen Augen

über meine Schultern nach hinten. Das Grün ihrer Iris

wurde von Tränen verschleiert. Wieder sah sie mich an.

„Er weint“, flüsterte sie leise und wieder trugen ihre

Augen Worte an meine, die ihr Mund nicht sprechen

konnte. Und ich verstand. Mein Herz gefror, als sich die

Faust der Trauer darum schloss, mir den Atem raubte

und das Drehen der Welt so stark beschleunigte, dass ich

mich nicht traute, auch nur für einen Bruchteil den Blick

von Lilly zu wenden, aus Angst auch nur einen Moment

von ihr, mit ihr zu verpassen. Ich war noch in dieser

Ohnmacht gefangen, konnte nichts tun, als Lilly ihre

Augen schloss, das Grün hinter ihren Lidern

verschwand und meine Lilly in sich zusammensank,

leblos zu Boden glitt.

Ihr Kleid, das vor einer in der Erinnerung gewordenen

Ewigkeit noch seinen eigenen Tanz getanzt hatte,

umhüllte ihre Gestalt und nahm dem fahlen Tod, den sie

gesehen hatte, der sie mit sich genommen und mir seine

Begleiterin, die Trauer, gebracht hatte, die Blässe – als

wäre das Kleid das letzte Aufbäumen des Glücks, das

seinen Pinsel schon an die Trauer verloren hatte, obwohl

es doch eben noch unbezwingbar schien.

An der Wand gegenüber sah ich die weißgewandete

Gestalt der Trauer, die den Pinsel in die weiße Farbe

getaucht hatte und das Bild des Glücks übermalte und es

auslöschte, als wäre es nie da gewesen, nicht einmal in der

Erinnerung.

Denn die Trauer ist es, die die Farben unseres Lebens

bestimmt. Nicht das Glück. Das Glück ist nur eine

Malerin, die sich dann und wann in unser Leben

schleicht, und die Mauern mit einem Ornament verziert,

vielleicht für kurze Zeit ein buntes Bild hinterlässt,

dessen Farben dann nur wieder in dem leeren Weiß

der Trauer versinken. Denn die Trauer ist nicht

schwarz, sie ist weiß. Weiß wie die schneegleichen

Wolken, über die Lilly jetzt geht. Allein, ohne mich. Weiß

wie die Töne der unsichtbaren Melodie, deren Klang sie

dort hören kann. Nur sie, nicht ich.

Ende


Leichtsinn

von Tom Wilhelm

Nun ist das Geheimnis um Tom Wilhelms

Identität endlich gelüftet. Er ist kein

Waffenhändler, Privatdetektiv oder Vampirjäger,

wie in dern vorherigen Ausgaben behauptet. Er ist

in Wirklichkeit ein mehrdimensionales Wesen,

das uns Menschen von außerhalb beobachtet und

sich dabei prächtig amüsiert.

Außerhalb, im Bulk:

Ja, such dir einen Bezugspunkt. Nein, nicht den da, da wirst du

nichts sehen. Da drüben vielleicht, da kann man alle

Richtungen beobachten. Siehst Du, wie sie ihre Membran

ausbeulen? Da, wo Du dieses kleine Sonnesystem siehst, ja,

genau ... auf den dritten Planeten musst Du achten. Nein,

nicht der große mit den Ringen. Schau weiter sternwärts. Wenn

sie so weiter machen werden Sie Probleme bekommen. Ob die

Bran reißen kann, kaputt gehen? Nein, so wenig wie eine

Bewertung reißen kann oder ein Zartgefühl. Das reißt nicht.

Das formt sich um und plötzlich klappen sie um, werden

gemangelt oder gefälscht. Die werden sich wundern, werden

plötzlich zu Fälschlingen, zu armen Gewendeten ... oder

bekommen Besuch ... das wäre schlimmer.

Dr. Atto Mattoti drehte sich um und schaute auf den

großen frei schwebenden Plasmabildschirm. In aller

Pracht erblühten dort, wie ein wahnsinnig gewordener

Orchideenbusch, die Partikelspuren. Die Darstellung

war um den Faktor 10 9 verlangsamt. Während die

Mesonen und Leptonen ihre Bahn zogen, zeichnete

das Rechnercluster kurze meist griechische

Bezeichnungen ein. Da ein Quark-Jet und hier, eine

Higgs-Signatur vielleicht, ein supersymmetrisches

Hadron?

Atto liebte es, während der Versuche im Kontrollraum

des Detektors zu sein. Nichts konnte das ersetzen.

Wenige hundert Meter unter ihm wurden Protonen

und Anti-Protonen mit ungeheurer Gewalt

aufeinander gerammt und ließen das Vakuum alles

ausspucken, was noch kurz vorher unsichtbar, virtuell

darin herum geschäumt hatte. Aufgeblasener

Quantenschaum, das war es. Ein Mikroskop so stark

Aber wer weiß, vielleicht hat er uns auch mit

dieser Enthüllung wieder aufs Glatteis geführt.

Wie dem auch sei, er hat die zweite Science-

Fiction Geschichte geschrieben, die in diesem Heft

erscheint.

Sie ist wieder einmal sehr typisch wilhelmisch, aber

das macht ja auch die Hälfte des Lesespaßes aus.

wie 30 Millionen Superlupen. Sie würden endlich der

Natur ihre letzten Geheimnisse entreißen. Das hatte er

der Wissenschaftsjournalistin erzählt, die ihn heute

morgen interviewt hatte. Ob denn ein schwarzes Loch

entstehen würde? War ihre erste Frage gewesen. Er war

sicher, dass in den letzten paar Femtosekunden

mindestens 10 schwarze Nano-Löcher entstanden, aber

ebenso schnell wieder verdampft waren. Typische

zeitverzögerte Teilchenkaskaden waren immer wieder

sichtbar.

Das hier verfolgte Experiment sollte supersymmetrische

Teilchenpartner entdecken. Die waren von Julius Wess

und seinem Kollegen Zumino vorhergesagt worden, für

den Fall, dass es tatsächlich bestimmte zusätzliche

Dimensionen gab, wie die beiden Physiker in ihrer

Theorie behauptet hatten. Es wären sehr seltsame

schwere Teilchen, mit langer Lebensdauer, die zeigen

würden, dass es mehr als drei Drehachsen gäbe. Dinge

könnten sich sozusagen aus unserer Welt hinaus drehen.

Die Klinke bewegte sich und mit einem Schaben ging die

Tür auf. Einer seiner Studenten – Holger, Hogers,

Hulgur – er wusste nicht genau. Kam er aus Lettland,

Finnland oder aus Dänemark? Auf jeden Fall war er

blond, ziemlich zuverlässig und schrecklich langweilig.

„Entschuldigen Sie Doktor, ich habe einen Anruf von

der Strahlkoordination bekommen. Die Maximalenergie

wird in einer Stunde, genau um 3:25 Uhr erreicht.“

Mattoti rieb sich die Augen. „Na, das reicht noch für

einen kurzen Imbiss. Kommst Du mit?“

Hilmar oder Hägar, oder so blinzelte. „Nein, ich bleibe

hier in der Messwarte.“

Atto nahm sich einen Stapel Veröffentlichungen, die er

noch für „Physics Review“ begutachten sollte und ging,

vorsichtig die Füße über die querverlegten Kabelstränge

19


hebend, hinaus. Er trat in eine weite Halle, in der nur

Teilbereiche beleuchtet waren. Hier waren früher die

Detektoren für den kleinen Beschleunigerring des

CERN, den LEP, den Large Electron-Positron

Collider, gestanden. Inzwischen war alles mit

Containern vollgepackt, in denen die Arbeitsgruppen

untergebracht waren, die am LHC dem „Large

H a d r o n C o l l i d e r “ a r b e i t e t e n , d e m

Jahrhundertinstrument, wie die Pressabteilung sagte.

Atto ging zügig durch die Halle und in den

Verbindungsgang zur Cafeteria. Er wollte nicht bis in

das Hauptrestaurant auf der Schweizer Seite gehen, da

ihm der Kaffee dort nicht schmeckte. Obwohl es

nachts, besser früher morgen war, schlief niemand.

Der erste richtige Versuch lief und es war

Hochbetrieb hier am CERN.

Als er die etwas schäbige Tür zur Cafeteria öffnete,

hörte er amerikanisch gefärbtes Englisch. Eine

Frauenstimme; ah Miss Cornell aus Princeton. Sie

hatte gestern im großen Seminar einen Vortrag

gehalten, über ihre Theorie zu den vielen

Dimensionen. Falls Sie richtig lag, und unsere Welt

nur so etwas wie ein dünnes Blatt war, das in einer

zähen Suppe schwamm – eine Bran – dann sollten sie

eigentlich schon jetzt die ersten Effekte sehen.

Energieverluste hätten auftreten müssen durch das

Abstrahlen von Higgs-Teilchen in die Suppe (Bulk

nannte sie es). Atto glaubte nicht an so etwas. Er war

fest davon überzeugt, dass sämtliche Theorien falsch

oder mindestens unvollständig waren und sie Effekte

sehen würden, die sie zuerst entweder nicht verstehen

würden oder gar nicht messen konnten. Müde und

zugleich angespannt ging er zur Theke. „Un caffè

doppio, per favore.“ Zum Glück konnten viele hier

italienisch, so dass er wenigstens kurze Momente von

Heimatgefühl ergattern konnte. Genüsslich schlürfte

er den starken Kaffee, den ihm die kräftig gebaute

Sizilianerin hin stellte.

Nachdem er noch einen Kaffee sowie ein süßes

Hörnchen bestellt hatte, zog er sich an einen

entfernten Tisch zurück und las in den Artikeln.

Kollege Hirsch aus Karlsruhe hatte schon wieder alte

Daten in eine neue Veröffentlichung umgewandelt.

Das versuchte er jetzt bereits zum dritten mal.

Diesmal würde Atto ihn endgültig rauswerfen, so

einer durfte nicht im wissenschaftlichen Komitee einer

angesehenen Zeitschrift sein. Gerade als er nach der

Tasse griff, flackerte das Licht und er fühlte ein

Verschwimmen, eine Gleichgewichtsstörung. Die

Gespräche in der Cafeteria verstummten. So etwas

durfte es nicht geben. Die Energieversorgung des

CERN war mehrfach gesichert, ein Flackern musste

interne Gründe habe. Mattoti sprang auf, verschüttete

sein Kaffe und hastete eilig zurück in das Labor.

Während er durch den Gang rannte, flackerte wieder

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das Licht und er musste sich wegen eines

Schwindelgefühls an der linken Wand abstützen.

In der Halle herrschte Aufregung. Techniker und

Wissenschaftler rannten aus ihren Messständen zu den

Versorgungsleitungen und Kabelsträngen der

Messeinrichtungen. Durch die offenen Türen der

Container konnte man Leute auf die Tastaturen ihrer

Rechner hämmern sehen, die versuchten das dort

angezeigte Datenwirrwarr zu entschlüsseln. Der

Container mit der Aufschrift „SUSY“ mit dem

Experiment von Mattoti war geschlossen. Atto riss die

Tür auf und prallte zurück. Nichts hatte ihn in seiner

Laufbahn als Physiker und Wissenschaftler auf diesen

Anblick vorbereitet. Er taumelte einige Schritte nach

hinten und erbrach sich auf den sauberen glatten

Hallenboden. Der Innenraum des Containers war

verändert. Durch den Boden erstreckte sich wie ein Säule

perspektivischer Verzerrung und Kaleidoskopeffekten

eine grausige Mischung aus Technikelementen und

biologischen Strukturen. Am Rand des Tubus der

Verwirrung erkannte Mattoti, nachdem er sich langsam

wieder zur Tür des Containers geschlichen hatte, eine

Fuß mit ASICS-Laufschuh. Holger (ja so hatte er wohl

geheißen) trug solche Schuhe. Nach Innen konnte er

durch die Streben und Poren eines fraktalen Gebildes die

Übelkeit erregende Mischung von inneren Organen und

Elektronik sehen. Ein Stück Leber quetschte sich

zwischen zwei Prozessoreinheiten heraus. Gedärme

schlängelten sich um Kabelstränge, Blut tropfte. Wie zum

Hohn schaute ein einzelnes Auge mit Lid direkt in eine

gegenüberliegende Webcam. Das Lid bewegte sich und

das Auge orientierte sich zu Atto hin. Ein Stöhnen war

aus der Struktur zu hören. Er wurde ohnmächtig.

Siehst du da ... gewendet, gefälscht. Er ist gemischt mit seinen

Artefakten. Meistens sind sie dann bald nicht mehr

funktionsfähig. .... ja, ja die Struktur ist interessant, aber leider ist

es so schnell vorbei. Woher das kommt?... Ein Draller, eine

Wendung im 5-ten oder 6-ten Raumglied hat sich ausgewölbt, mehr

nicht. Siehst Du, wie der Drallerkanal bis zur Quelle geht, die

kleiner ist als ein Elektron? Hübsch, nicht wahr.

..... aber schau, da vorne ixert (nein nicht links sondern im rechten

Winkel ... eben ixert) da kommen Möben. ...?... Oh das sind ganz

schlichte Wesen, die einfach nur die Energie suchen, um sie

aufzuschlecken. Sie leben überall im Bulk. Sie können Löcher in

Branen beißen. ... Nein das ist nicht schlimm, die schließen sich

schnell wieder.

ISS 400 km über NN; Flugbahn über Europa

Greg Chamitoff versuchte gerade eines der ziemlich

empfindlichen Mikrogravitations-Experimente neu zu

justieren, als Kommander Volkov auf russisch (derzeit

war eine rein russische Besatzung an Bord), durch die


interne Kommunikation sagte: „Scheisse, der Mond ist

weg.“

Greg drückt die Antworttaste: „Gibt es ein Problem?“

„Schau mal allwärst raus. Da sieht du was vom Mond

noch übrig ist.“

Greg drehte sich langsam um. Tatsächlich, der Mond

sah aus wie ein angebissener Apfel. Mann konnte

tatsächlich so etwas wie Zahnspuren sehen. Aber noch

während er schaute, geschah etwas noch seltsameres.

Die Bissstelle formte sich um und leuchtete dabei

bläulich, bis wieder eine Mondkugel da war, allerdings

kleiner.

„Verdammt, was war das. War der Wodka schlecht?“

Kurz darauf knisterte es überall elektrisch und an der

Hülle der Raumstation entstanden blaue

Entladungslichter; St. Elms-Feuer hatte es Gregs

Urgoßvater genannt, der im Polarmeer Seemann

gewesen war.

Greg hatte ein Kribbeln im Rücken. Er drehte sich

um. In einen blauen Lichtschein eingeschlossen sah er

so etwas wie den Kopf einer Seeschlange, aber von

Picasso gemalt. Sie hatte drei große schwarze Augen,

viele feine Härchen sowie eine Öffnung mit

zahnartigen Objekten. Die Elemente verschoben sich

gegenseitig wie in einem Kaleidoskop während sich

die Erscheinung hin und her bewegte und anschwoll

oder schrumpfte. Plötzlich war sie weg.

„Verdammt!“, tönte es aus dem Lautsprecher. “Da

nagt was die Erde an.“

Greg, in einem dumpfen Entsetzen befangen, wendete

sich dem erdgerichteten Bullauge zu. Sie überflogen

gerade Mitteleuropa und hatten einen guten Blick auf

die Alpen und die umliegenden Regionen. Es sah aus,

als würde ein riesiger Erdwurm aus dem Inneren

heraus Stücke der Erdoberfläche abreißen und nach

unten zerren. Teile von Mailand und Umgebung

verwandelten sich in Schwärze mit blau leuchtenden

Rädern. Aus der Schwärze sah man nach kurzer Zeit

ein rotes Glühen und Dampf aufsteigen. Bevor mehr

passieren konnte, schloss sich die Öffnung ohne

Spuren zu hinterlassen.

Da, weiter im Westen, das musste das Matterhorn

gewesen sein. Soviel konnte Greg aus 400 km

erkennen. Auch hier ein unregelmäßiges Loch, das

sich wie in einer Computeranimation schloss. Hier sah

man jetzt unmöglich steile Klippen und Felsabhänge,

die das brutale Ausreißen hinterlassen hatte.

Dann ganz im Westen der Schweiz an Westende des

Genfer Sees wieder ein Reißen, ein Loch. Das war das

CERN, als Naturwissenschaftler kannte Chamitoff

dieser Ort sehr gut und wusste, dass im Moment die

ersten Versuche liefen. Auch hier wieder das völlig

unnatürliche Schließen der Öffnung.

Was? Du meinst wir sollen die Möben vertreiben. Du würdest

die hübsche kleine Bran gerne noch länger anschauen. Ja kein

Problem..... Husch, husch..... weg mit euch.

Ja schau nur. Aber wenn es Abendessen

gibt, kommst du dann rein.

300 Jahre später:

T h e o d o s i u s k l a u b t e s e i n e

Schreibsachen zusammen. Hier in

der Bibliotheca Bodmeriana des

Klosters zu Cologny hatte er wohl

alles notwendige gefunden und die

anstößigen Stellen unkenntlich

gemacht. Er forschte im Auftrag der

heiligen Inquisition über die große

Verwandlung, die vor 300 Jahren

stattgefunden hatte. Damals waren

mit einem Schlag fast alle Zentren

verschwunden, die sich mit der

inzwischen verbotenen Wissenschaft

der Physik beschäftigt hatten. Das

CERN, die Livermore Labs, viele

Institute an Universitäten und fast

a l l e K e r n k r a f t w e r k e u n d

Atomwaffenlager. Das hatte der

Welt gezeigt, die Rache des Herrn

war über sie gekommen. Die

Menschen hatten, nach einer Zeit

des Chaos, schrecklicher Erdbeben

und Seuchen, endlich verstanden.

Die heilige römische Kirche hatte

doch recht. Die Sonne bewegt sich

um die Erde und Gott sieht jede

Missetat.

Thedosius war sehr befriedigt, es

gab nun keine verwertbaren

Aufzeichnungen über die alten

Frevel mehr. Nach seiner Reise um

die Welt zu den letzen Bibliotheken

hatte nur noch der Vatikan die

Werke von Newton, Einstein,

Heisenberg und Cornell. Wohl

verwahrt in den Katakomben.

Ende

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