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wochenschauverlag

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SCHWERPUNKT 5

Sexualität und

Partnerschaft

Ein Thema der politischen Bildung

in Schule und außerschulischer

Jugendbildung

DR. GERD BRENNER

ist Moderator in der Lehrerfortbildung,

unterrichtet an einem

Gymnasium in Schwalmtal/

Niederrhein und befasst sich

publizistisch mit Jugendfragen.

JEANNETTE BRENNER

ist Studienreferendarin für

Sozialwissenschaften und

Deutsch an einem Gymnasium

in Ibbenbüren/NRW.

kursiv JOURNAL FÜR POLITISCHE BILDUNG 2/09

Die Sexualität weiblicher und männlicher Jugendlicher

und junger Erwachsener kann heute als

ziemlich gut erforscht gelten (vgl. z.B. Kluge 2008,

Möller 2005, BZgA 2006). Eher spärlich sind dagegen

die Befunde, wenn man der Frage nachgeht,

wie Jugendsexualität zum Gegenstand der politischen

Bildung gemacht wird. Nach wie vor, so

scheint es, ist das Thema „Sexualität“ im Jugendalter

eine Domäne des schulischen Biologieunterrichts

– und seit einer Reihe von Jahren auch einer

unüberschaubaren Anzahl von Inszenierungen in

den neuen und alten Medien. Die politischen Aufbruchjahre,

in denen auch eine politische Perspektivierung

von Jugendsexualität zum öffentlichen

Diskurs gehörte, in denen Bücher wie „Sexfront“

von Günter Amendt mit Überschriften wie „Make

Love, not War“ erschienen (Amendt 1970), sind

fast schon vergessen.

Thematische Felder von Sexualität

und Partnerschaft

Die Frage, welche Aspekte von Sexualität und Partnerschaft

für politische Betrachtungen aktuell von

Interesse sind, führt u.a. zu folgenden Überlegungen:

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Sexualität und das gesellschaftliche

Fortpflanzungsinteresse in spätmodernen

Beziehungswelten

Sexuelle Beziehungen sind traditionell in Form der

Ehe institutionell geregelt. Diese Institution der

Ehe hat in den letzten Jahrzehnten jedoch dramatisch

an gesellschaftlicher Gestaltungskraft verloren

– insbesondere auch in den Augen Jugendlicher

und Heranwachsender:

„Die Heiratsneigung nimmt ab: Die Wahrscheinlichkeit

eines jungen Erwachsenen, mindestens

einmal in seinem Leben zu heiraten, sinkt; das Heiratsalter

(erste Heirat) hat sich in den letzten 25

Jahren um durchschnittlich fünf Jahre erhöht.

Paare haben weniger Kinder. 1960 waren es noch

durchschnittlich 2,4, heute sind es nur noch 1,4.

Ehen sind instabiler geworden, die Scheidungswahrscheinlichkeit

hat sich in den letzten 40 Jahren

auf 40% verdreifacht. [...] Die Zahl der nicht-ehelich

geborenen Kinder nimmt zu und mehr und

mehr Kinder wachsen in Familien auf, in denen die

Eltern getrennt sind“ (Gunter Schmidt 2005,

21f.).

Schmidt zieht das Fazit: „Nachdem die Ehe in den

1960ern ihr Monopol verloren hat, Sexualität zu

legitimieren, verliert sie nun ihr Monopol, Beziehungen

und Familien zu definieren“ (22). Ein Gegenstand

politischer Bildung in diesem Zusammenhang

ist das gesamtgesellschaftliche Reproduktionsinteresse,

das auf politischer Ebene immer wieder

zu entsprechenden Initiativen führt (Elterngeld

etc.). Wie lässt sich ein solches gesellschaftliches

Interesse an Reproduktion, an verlässlicher Generationenfolge

politisch definieren? Welche Rolle

kann und soll die Institution der Ehe bei der gesellschaftlichen

Reproduktion in Zukunft spielen? Mit

welchen Instrumenten (Steuergesetzgebung, Versorgung

mit Betreuungsinstitutionen wie Kindertagesstätten

etc.) soll staatliche Politik in Fortpflanzungsüberlegungen

einzelner Paare eingreifen?

Solche Fragen können mit älteren Jugendlichen

und Heranwachsenden im Rahmen der politischen

Bildung durchaus kontrovers diskutiert werden.

kursiv JOURNAL FÜR POLITISCHE BILDUNG 2/09

Sexuelle Partnerschaft als demokratische

oder hierarchische Beziehungsform

Nach Gunter Schmidt hat es bei vielen – aber nicht

allen – Jugendlichen und jungen Erwachsenen in

den letzten Jahrzehnten eine Freisetzung des Sexualverhaltens

aus traditionellen Ordnungen und

Vorschriften gegeben. Im Zuge dieser Enttraditionalisierung

hätten sich neue Spielräume für sexuelle

Selbstbestimmung aufgetan, die bei vielen Partnern

zu einer gender equalization, also einer Angleichung

im Hinblick auf Rechte und Optionen in

der Beziehung geführt hätten, stellt der Hamburger

Sexualforscher fest. Nach Schmidt gestaltet daher

die Mehrzahl der Jugendlichen ein reziprokes und

demokratisches Beziehungsmuster:

„Jugendliche – junge Männer wie junge Frauen –

betrachten Sexualität heute überwiegend als wechselseitig

befriedigendes, reziprokes und verbindendes

Handeln und Erleben innerhalb einer festen

Beziehung. Im Rahmen einer so verstandenen Sexualität

haben junge Männer gelernt, Wünsche, die

junge Frauen äußern, und Grenzen, die sie setzen,

zu respektieren; und junge Frauen haben gelernt,

Grenzen zu ziehen und ihre Wünsche selbstbewusst

zu äußern – und sie haben heute (zumeist) die

Macht, ihre Belange durchzusetzen. Das sexuelle

Verhalten Jugendlicher folgt nun dem Code der

,Verhandlungsmoral‘ [...]. An die Stelle der Kontrolle

durch elterliche und gesellschaftliche Verbote

ist die Eigenverantwortung Jugendlicher für ihr

sexuelles Handeln getreten“ (Gunter Schmidt

2004, 117).

Schmidt geht davon aus, „dass wir uns nach der

,sexuellen Revolution‘ der späten 1960er und nach

der ,Genderrevolution‘ der 1980er nun mitten in

einer ,partnerschaftlichen und familiären Revolution‘

befinden. Diese drei Entwicklungen sind

selbstverständlich eng miteinander verwoben. Natürlich

ist die reine Beziehung – wie die Verhandlungsmoral

– ein idealtypisches Konstrukt, sie kann

nur gelingen, wenn gleich starke Partner beteiligt

sind. Sie ist für Giddens tatsächlich eine demokratische

Form von Beziehung und beruht, wie Jeffrey

Weeks formuliert, auf der Utopie einer ,emotional

democracy‘“ (ebd., 38, vgl. Giddens 1994 und

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Weeks 1995). Gesellschaftlich völlig durchgesetzt

sind solche ,demokratischen‘ sexuellen Beziehungsformen

jedoch keineswegs; insbesondere Jungen

und junge Männer drohen aus Alltagsformen einer

„emotional democracy“ immer wieder hinauszufallen

und in die Falle neuer Gender-Hierarchisierungen

zu geraten. Besonders das Internet (vgl.

Heiliger 2004), aber auch das Fernsehen kann

solche gesellschaftlichen Rückschritte bewirken

(vgl. Luca 2008). Hinzu kommen stark hierarchisierende

Einflüsse einiger Migrantenpopulationen,

in denen z.T. noch dezidiert patriarchale Ordnungsvorstellungen

vertreten werden (vgl. z.B.

Heinemann 2008, Kelek 2007, Brenner 2006 und

Sielert 2005, 133ff.). So kommen sozialkonstruktivistisch

angelegte Untersuchungen in jüngster

Zeit wieder zu ernüchternden Befunden:

„Jungen und Männer befinden sich gegenüber

Mädchen und Frauen in einer ambivalenten Situation

[...]. Die gesellschaftliche Forderung, Überlegenheit

gegenüber dem anderen Geschlecht demonstrieren

zu sollen, geht nicht selten mit der

alltäglichen Erfahrung von Unterlegenheit in der

Interaktion mit Mädchen und Frauen einher.

Deutlich wird, dass Jungen und Männer vor dem

Konflikt stehen, die Ideologien männlicher Überlegenheit,

die ihnen u.a. durch pornografische

Schriften vermittelt werden, in Einklang zu bringen

mit Gefühlen der Unterlegenheit im Umgang

mit dem anderen Geschlecht“ (Engelfried 2005,

311).

Überlegenheitsideologien, Hierarchie/Unter- und

Überlegenheit versus Demokratie/Gleichberechtigung,

alles das sind Kategorien, die in der politischen

Bildung ihren Platz haben und die mit Jugendlichen

und Heranwachsenden gerade auch im

Hinblick auf Sexualität und Partnerschaft reflektiert

werden sollten (zu gesellschaftlichen und interpersonalen

Machtverhältnissen und Sexualität bzw.

Gleichstellung im Rahmen von Gender Mainstreaming

vgl. z.B. Timmermanns/Tuider 2008, 55ff.

und 238ff.; BzgA 2005c, 23, 30f. und 114ff.; Rhymer/Zumwald

2002, 153ff.).

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Destabilisierung und Konsumifizierung

sexueller Beziehungen in Zeiten von

„Wegwerfbeziehungen“

Die Frage nach der gesellschaftlichen Funktionalität

von Sexualität und Ehe lässt sich in der politischen

Jugendbildung noch radikaler stellen. Zu

fragen ist, unter welchen Bedingungen sexuell fundierte

Partnerschaften aus sich heraus wachsen

können oder wie sie unter äußere, gesellschaftliche

Zwänge geraten, die sie bedrohen. Gerade für Jugendliche

und junge Erwachsene, die ihre Zukunft

entwerfen, dürfte das eine zentrale Frage sein.

Vieles deutet darauf hin, dass Sexualität und Partnerschaft

in den letzten Jahrzehnten zunehmend

unter konsumgesellschaftliche Zwänge geraten

sind, die eine politische Reflexion notwendig machen.

Statt sich in einer Partnerschaft miteinander

von inneren und äußeren Zwängen zu emanzipieren

– so ein politisches Fahnenwort der 60er und

70er Jahre – und die Partnerschaft in einem gemeinschaftlichen

Emanzipationsprozess zu festigen,

sind Sexualpartner nach Meinung vieler Beobachter

in letzter Zeit zunehmend der Versuchung

erlegen, ihre Partnerschaften zu konsumifizieren.

Unter Verweis auf Zygmunt Bauman führt Gunter

Schmidt dazu aus, dass in einer sich weiter radikalisierenden

Konsumgesellschaft längst auch

menschliche Beziehungen in einem großen Container

voller Wegwerfobjekte gelandet seien, die

zum einmaligen bzw. eher kurzzeitigen Gebrauch

bestimmt seien. So wie die Konsumgüterindustrie

auf eine schnelle Entwertung gekaufter Güter

durch (schein-)innovative Ersatzprodukte angelegt

sei, würden auch Beziehungen zunehmend auf ihre

Gebrauchsfertigkeit hin geprüft und relativ schnell

ausgewechselt; es gehe darum „Befriedigung von

einem gebrauchsfertigen Produkt (dem Partner,

der Partnerin, G.S.) zu erlangen; entspricht das

Vergnügen nicht den Erwartungen und Versprechungen

des Beipackzettels oder schwindet der

Spaß mit der Zeit, kann man sich auf den Verbraucherschutz

berufen und die Scheidung einreichen.

Es gibt keinen Grund, sich weiter mit einem minderwertigen

oder veralteten Produkt abzugeben,

statt in den Regalen nach einer ,neuen und verbes-

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